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EVANGELISCHE
MoNATSHEFTE
ZUR
GESELLSCHAFTSPOLITIK
4. JAHRGANG
NOVEMBER 1955
Klaus von Bismarck
Christen in der Entscheidung
Mit dem nachfolgenden Artikel veréffentlichen wir ein Referat, das der Autor
unmittelbar vor der Griindung der ,,Christlichen Gewerkschaftsbewegung Deutsch-
lands“ im Hessischen Rundfunk gehalten hat. Der Beitrag bleibt dennoch aktuell, weil
es sich hier um die Klarung von Grundsatzfragen zu dem Problem ,,Christliche
Gewerkschaften oder nicht?“ handelt.
Zum Thema ,,Christliche Gewerkschaften oder Christen in der Gewerk-
schaft“ ist auf der Biihne offizieller Gesprache und Veranstaltungen in
den letzten Jahren von Kirche und Gewerkschaft einiges ausgesagt worden.
Erklarungen, die zu Recht auf ein neues Verstandnis beider Bereiche fiir-
einander hindeuteten, wechselten mit AuBerungen polemischen Charakters, je
nachdem aus welcher politischen oder konfessionellen Ecke die Aussage kam.
Hinter den Kulissen wurde gleichzeitig das Gesprach zeitweilig noch sehr viel
heftiger gefiihrt.
Worum geht es bei dieser Debatte? Allein aus der Tatsache, daB vor 1933
Richtungsgewerkschaften bestanden und nach 1945 vollig neuartig eine Einheits-
gewerkschaft in Westdeutschland begriindet wurde, ist erklarlich, warum die
Erérterung iiber die ZweckmaBigkeit dieser neuen Lésung nicht verstummte.
Vor allem waren es AuBerungen aus dem. christlichen — und hier vor allem
aus dem katholischen — Raum, die der neuen Einheitslésung Vorbehalte ent-
gegenbrachten. Es liegt nahe, daB vor allem solche Pers6énlichkeiten der Wieder-
einfiihrung von Richtungsgewerkschaften das Wort redeten, die als Angehorige
der alten christlichen Gewerkschaft von der Tradition und Denkweise dieser
Gruppen gepragt waren und es heute noch sind.
Es gab aber auch aus dem Hintergrunde einige Stimmen aus dem sozialistischen
Lager innerhalb der neuen Einheitsgewerkschaft. Diese vertraten die Er-
wagung, man sei doch viel ungebundener in einer Gewerkschaft, die nicht
standig auf einen schwachen christlichen Fligel Riicksicht nehmen misse.
Bei einer Skizze der diese Auseinandersetzung kennzeichnenden Spannung
taucht also die Gegeniiberstellung ,,hie christlich — dort sozialistisch“ wieder
2 KLAUS VON BISMARCK
mehr oder weniger deutlich auf. Ich verhehle nicht, daB ich diese Antithese
angesichts vieler wichtiger Wandlungsvorgange im christlichen Bereich und dem
des freiheitlichen Sozialismus fiir restauriert erachte.
Im zeitlichen Ablauf wurde die Debatte hinter den Kulissen durch den Ausgang
der Wahl vom 6. September 1953 neu belebt: Einige Krafte in der erstarkten
CDU-Koalition hielten den Augenblick fiir gekommen, der SPD durch Spren-
gung der gewerkschaftlichen Einheit die Méglichkeit zu nehmen, den nach ihrer
Auffassung nur angeblich parteipolitisch neutralen DGB zum flankierenden
Einsatz im Sinne der Opposition zu mi&Sbrauchen.
Interessant war, daB im Sinne dieser Kritik von den politischen Gruppen her
argumentiert wurde, im DGB sei immer wieder die satzungsgema garantierte
weltanschauliche Neutralitat verletzt worden. Von den konfessionellen Arbeit-
nehmer-Vereinigungen, also z. B. der katholischen Arbeiterbewegung una den
evangelischen Arbeitervereinen, wurde jedoch im allgemeinen die Verletzung
der parteipolitischen Neutralitat in den Vordergrund geschoben.
Zu diesen Vorwiirfen ist zu bemerken:
1. Die EinfluBnmahme des DGB auf das sozialpolitische Programm der SPD
scheint mir nach wie vor gewichtiger als eine umgekehrte Einwirkung.
2. Die Nachpriifung zahlreicher Beschwerde-Falle hat erwiesen, da8 greifbare
Verletzungen weltanschaulicher Neutralitat auBerst selten waren. Dagegen
hat es einige VerstéBe gegen die parteipolitische Neutralitat gegeben. Sie sind
erklart, aber nicht entschuldigt durch die historische Parallel-Entwicklung
der sozialistischen und der Gewerkschaftsbewegung.
Man hat dann in offizielleren Verlautbarungen seitens der oppositionellen
christlichen Krafte, unter denen die katholischen wiederum tiberwogen, allerlei
Reform-Forderungen an den DGB gestellt. Nach meiner Auffassung wurde aber
berechtigte Kritik haufig in so ungliicklicher Form vorgebracht, daB man sie
leicht abtun konnte.
Es ist nicht verwunderlich, wenn man iiber Westdeutschland hinaus — nicht
nur in Holland, wo vor allem die Katholiken geschlossen am Prinzip christlicher
Gewerkschaften festhalten — diese Auseinandersetzung auBerst interessiert
verfolgt. Auch die Ostzonen-Presse hat natiirlich keine Gelegenheit versaumt,
die ,,christlichen Spalter“ zu brandmarken und die Notwendigkeit zu betonen,
die Arbeitnehmerschaft als machtigen politischen Block zusammenzuhalten.
Wie steht es aber nun heute in der Tat? Das heiB®t, wie stark sind die christ-
lichen Gruppen in Westdeutschland, die aus unterschiedlichen Motiven an dem
Plan festhalten, bei der nachsten giinstigen Gelegenheit eine christliche Gewerk-
schaft zu begriinden? Im Bereich der evangelischen Kirche erachtet ein weit
tiberwiegender Prozentsatz der Arbeitnehmer, der mafSgeblichen Persénlich-
keiten und Gruppen die Bildung christlicher Gewerkschaften aus grundsatz-
lichen und praktischen Griinden fiir ungliicklich — und zwar véllig unabhangig
von einer mehr oder weniger heftigen Kritik an der Einheitsgewerkschaft. Ich