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<seg id="1">2014 war also ein wichtiges Jahr für mich.</seg>
<seg id="2">Hatten Sie auch schon mal so etwas? Ein wichtiges Jahr, wie ein Banner?</seg>
<seg id="3">Für mich lief es so: Am 3. Oktober habe ich mein zweites Kind während der Schwangerschaft verloren.</seg>
<seg id="4">Und am 8. Oktober starb mein Vater an Krebs. Dann starb mein Mann Aaron am 25. November nach drei Jahren mit Glioblastom Stadium Vier, was nur ein schickes Wort für Hirntumor ist.</seg>
<seg id="5">Mit mir hat man also Spaß.</seg>
<seg id="6">Die Menschen lieben es, ständig etwas mit mir zu unternehmen. Ich bin immer beschäftigt. Für gewöhnlich ist die Reaktion auf diese Phase in meinem Leben die hier:</seg>
<seg id="7">„Ich kann – ich kann mir das nicht vorstellen.“ Ich denke aber, dass Sie das können. Ich denke, dass Sie das können. Und ich denke auch, dass Sie das sollten, denn eines Tages wird Ihnen das auch passieren.</seg>
<seg id="8">Vielleicht nicht diese Art von Verlust in dieser Reihenfolge und auch nicht so schnell, aber wie ich schon sagte, mit mir hat man jede Menge Spaß und die Studien, die ich mir angeschaut habe, werden Sie erstaunen: Jeder Mensch, den Sie lieben, hat eine 100%-Chance auf den Tod.</seg>
<seg id="9">Und deswegen sind Sie hier bei TED.</seg>
<seg id="10">Da ich diese Verluste nun mal erfahren musste, habe ich meine Karriere rund um das Thema Tod und Verlust aufgebaut. Nicht nur um meine eigenen, denn es ist ziemlich einfach, sich daran zu erinnern, sondern auch um die Verluste und Tragödien von anderen Menschen.</seg>
<seg id="11">Das ist allerdings eine Nische.</seg>
<seg id="12">Es ist eine kleine Nische und ich wünschte, ich würde mehr verdienen, aber ...</seg>
<seg id="13">Ich habe ein paar tröstende Bücher geschrieben, strahle einen sehr positiven Podcast aus und engagiere mich für das Gemeinwohl.</seg>
<seg id="14">Ich versuche einfach zu tun, was ich kann, damit mehr Menschen sich wohler mit unangenehmen Themen fühlen. Und Trauer ist ein sehr unangenehmes Thema.</seg>
<seg id="15">Es ist sehr unangenehm, besonders dann, wenn es um die Trauer eines anderen geht.</seg>
<seg id="16">Teil dieser Arbeit ist also diese Gruppe, die ich mit meiner Freundin Moe ins Leben gerufen habe. Sie ist auch Witwe. Wir nennen die Gruppe: Club der heißen jungen Witwen.</seg>
<seg id="17">Und echt wahr: wir haben Mitgliedsausweise und T-Shirts.</seg>
<seg id="18">Und wenn Ihre wichtigste Bezugsperson stirbt, Ihr Mann, Ihre Frau, Freundin, Freund, es ist wirklich egal, ob Sie verheiratet waren oder nicht, suchen Ihre Freunde und Familie nach Freunden von Freunden von Freunden von Freunden, bis sie jemanden gefunden haben, der Ähnliches durchgemacht hat. Und dann drängen sie Sie dazu, sich mit dieser Person zu treffen, sodass Sie unter sich sein können und Ihre Trauer nicht bei anderen abladen.</seg>
<seg id="19">Das ist es, was wir tun. Es ist einfach eine Reihe von kleinen Gruppen, in denen Männer, Frauen, Schwule, Heteros, Verheiratete und Unverheiratete über ihre verstorbene Bezugsperson sprechen und all die Dinge sagen können, für die die anderen Menschen in ihrem Leben noch nicht bereit sind oder die sie nicht hören wollen.</seg>
<seg id="20">Eine riesige Auswahl an Gesprächsthemen.</seg>
<seg id="21">Wie: „Mein Mann ist vor zwei Wochen gestorben und ich kann nicht aufhören an Sex zu denken. Ist das normal?“ Ja.</seg>
<seg id="22">Was, wenn es einer der Property Brothers ist?</seg>
<seg id="23">Nicht so normal, aber ich akzeptiere es.</seg>
<seg id="24">Dinge wie: „Wenn ich draußen bin und sehe, wie alte Menschen Händchen halten, die ganz klar seit Jahrzehnten ein Paar sind, stelle ich mir die Dinge vor, die sie zusammen durchgemacht haben, die guten Zeiten, die schlechten Zeiten, die Streitereien darüber, wer den Müll rausbringt ... Dann merke ich, wie wütend ich bin.“</seg>
<seg id="25">Und dieses Beispiel ist für mich ein persönliches Anliegen.</seg>
<seg id="26">Die meisten Gespräche in der Gruppe können und werden unter uns bleiben, aber wir sprechen auch über Dinge, von denen der Rest der Welt – die Welt, in der Menschen trauern, aber noch nicht verbittert sind – wirklich profitieren könnte.</seg>
<seg id="27">Und wenn du es nicht weißt, ich bin nur interessiert an/fähig zu unwissenschaftlichen Studien. Ich ging also zum Club der heißen jungen Witwen und sagte: „Hallo Freunde, erinnert ihr euch noch daran, wie dieser Mensch gestorben ist?“ Sie erinnerten sich daran.</seg>
<seg id="28">Kannst du dich an alles erinnern, was die Menschen zu dir gesagt haben?</seg>
<seg id="29">Oh ja.</seg>
<seg id="30">Was davon hast du am meisten gehasst?</seg>
<seg id="31">Es gab viele Kommentare, viele Antworten. Die Menschen sagen viele Dinge, aber dieses Wort hat mich besonders aufgeregt. „Weitermachen“.</seg>
<seg id="32">Seit 2014 bin ich mit einem sehr gutaussehenden Mann namens Matthew verheiratet. Unsere zusammengewürfelte Familie besteht aus uns und unseren vier Kindern und wir leben in einem Vorort von Minneapolis in Minnesota, USA.</seg>
<seg id="33">Ich fahre einen Minivan, bei dem sich die Türen automatisch öffnen, sodass ich sie nicht einmal berühren muss.</seg>
<seg id="34">Wie bei jeder „Mezhure“. Das Leben ist schön. Ich habe auch nie „Mezhure“ gesagt. Ich habe es noch nie auf diese Weise gesagt.</seg>
<seg id="35">Ich weiß nicht, woher das kam.</seg>
<seg id="36">Ich habe noch nie gehört, dass jemand das auf diese Weise gesagt hat.</seg>
<seg id="37">Es sieht so aus, als ob es auf diese Weise gesagt werden sollte, und deswegen ist die englische Sprache Müll, also ...</seg>
<seg id="38">Ich bin so beeindruckt von jedem, der, naja, der es zusätzlich zu einer Sprache spricht, die Sinn ergibt – gut gemacht.</seg>
<seg id="39">Jedenfalls ...</seg>
<seg id="40">Jedenfalls ist das Leben wirklich, wirklich schön, aber ich habe nicht „weitergemacht“. Ich habe nicht weitergemacht und ich hasse diesen Ausdruck so sehr. Ich verstehe, warum andere Menschen ihn hassen.</seg>
<seg id="41">Denn es bedeutet, dass Aarons Leben und Tod und seine Liebe nur Momentaufnahmen waren, die ich hinter mir lassen kann – und dass ich es wahrscheinlich tun sollte.</seg>
<seg id="42">Und wenn ich über Aaron spreche, wechsle ich immer direkt in die Gegenwartsform. Ich dachte immer, dass das komisch ist.</seg>
<seg id="43">Und dann ist mir aufgefallen, dass das jeder macht. Es passiert nicht, weil wir es nicht wahrhaben wollen oder weil wir vergesslich sind. Es passiert, weil die Menschen, die wir lieben und die wir verloren haben, immer noch so präsent für uns sind.</seg>
<seg id="44">Wenn ich also sage: „Oh, Aaron ist ...“, dann sage ich das, weil Aaron immer noch ist.</seg>
<seg id="45">Er ist nicht so, wie er früher war, was viel besser war, und er ist nicht so, wie religiöse Menschen es mir zu erklären versuchen.</seg>
<seg id="46">Die Erinnerung an ihn kann einfach nicht getilgt werden und deswegen ist er für mich präsent.</seg>
<seg id="47">Er ist für mich bei der Arbeit präsent, er lebt in unserem gemeinsamen Kind, in meinen anderen drei Kindern, die ihm nie begegnet sind, die ihre DNA nicht mit ihm teilen. Sie sind nur in meinem Leben, weil Aaron Teil davon war und weil ich Aaron verloren habe.</seg>
<seg id="48">Er ist in meiner Ehe mit Matthew präsent, weil Aarons Leben, Liebe und Tod mich zu der Frau gemacht haben, die Matthew heiraten wollte.</seg>
<seg id="49">Ich habe also nicht einfach ohne Aaron weitergemacht. Ich habe mit ihm an meiner Seite weitergemacht.</seg>
<seg id="50">Wir haben Aarons Asche in seinem Lieblingsfluss in Minnesota verstreut und als der Beutel leer war – denn wenn man verbrannt wird, passt man in einen Plastikbeutel – blieb etwas Asche an meinen Fingern zurück.</seg>
<seg id="51">Ich hätte meine Hände einfach ins Wasser stecken und sie waschen können, aber stattdessen habe ich sie sauber geleckt, weil ich solche Angst hatte, dass ich noch mehr verlieren würde. Und ich wollte so sehr, dass er immer ein Teil von mir bleibt.</seg>
<seg id="52">Aber natürlich würde er das.</seg>
<seg id="53">Denn wenn man dabei zusieht, wie sein Partner sich drei Jahre lang selbst vergiftet, damit er noch ein wenig länger für einen am Leben bleiben kann, verlässt das einen nicht.</seg>
<seg id="54">Wenn man dabei zusieht, wie der gesunde Mensch, der er beim ersten Treffen war, dahin schwindet, verlässt das einen nicht.</seg>
<seg id="55">Wenn man seinem nicht einmal zwei Jahre alten Sohn dabei zusieht, wie er am letzten Tag zum Bett seines Vaters geht, als wüsste er, was in ein paar Stunden geschehen wird, und sagt „Ich hab dich lieb. Das war‘s. Mach‘s gut“, verlässt das einen nicht.</seg>
<seg id="56">Wie, wenn man sich verliebt, wenn man sich endlich richtig in jemanden verliebt, der einen will und einen sieht. Und man erkennt: „Oh mein Gott, ich lag die ganze Zeit falsch.</seg>
<seg id="57">Liebe ist kein Wettbewerb oder eine Reality Show – sie ist so still, sie ist dieser unsichtbare, ruhige Faden, der uns zwei verbindet, auch wenn alles im Chaos versinkt, wenn die Dinge auseinanderbrechen, sogar wenn er nicht mehr da ist.“ Das verlässt einen nicht.</seg>
<seg id="58">Wir hatten dieses eine Ding: Meine Hände sind immer so kalt und er ist so warm. Ich steckte also immer meine eiskalten Hände unter sein Shirt ... Ich presste sie an seinen warmen Körper.</seg>
<seg id="59">Und er hat es so sehr gehasst,</seg>
<seg id="60">aber er hat mich geliebt und nachdem er gestorben war, lag ich mit Aaron im Bett und ich steckte meine Hände unter seinen Körper und spürte seine Wärme.</seg>
<seg id="61">Und ich weiß nicht einmal, ob meine Hände kalt waren, aber ich weiß, dass ich wusste, es war das letzte Mal, dass ich das tat. Und dass diese Erinnerung immer eine traurige sein würde.</seg>
<seg id="62">Diese Erinnerung wird immer wehtun. Auch wenn ich 600 Jahre alt bin und nur ein Hologramm.</seg>
<seg id="63">Genau wie die Erinnerung unseres ersten Treffens mich immer zum Lachen bringen wird.</seg>
<seg id="64">Trauer existiert nicht in einem Vakuum. Trauer steht neben allen anderen Emotionen und vermischt sich mit ihnen.</seg>
<seg id="65">Ich habe also Matthew kennengelernt, meinen aktuellen Ehemann. Er mag diese Bezeichnung nicht,</seg>
<seg id="66">aber sie ist präzise.</seg>
<seg id="67">Ich habe Matthew kennengelernt und ... ich hörte diesen vernehmlichen Seufzer der Erleichterung von den Menschen, die mich lieben: „Es ist vorbei! Endlich, sie hat ihr Happy End bekommen. Wir können aufhören.</seg>
<seg id="68">Und es ist gut gelaufen.“ Auch für mich klingt diese Geschichte sehr gut und ich dachte, vielleicht trifft es auch zu, aber das stimmt nicht.</seg>
<seg id="69">Ich habe ein neues Kapitel begonnen.</seg>
<seg id="70">Und es ist so ein gutes Kapitel – ich liebe dich, Schatz – es ist so ein gutes Kapitel.</seg>
<seg id="71">Aber besonders am Anfang war es wie ein Paralleluniversum oder eines dieser alten „Wähle dein eigenes Abenteuer“-Bücher aus den 80ern, bei denen es zwei parallele Handlungsstränge gibt.</seg>
<seg id="72">Ich öffnete also mein Herz für Matthew und in meinem Kopf tauchte die Frage auf: „Möchtest du an Aaron denken?</seg>
<seg id="73">An die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft. Tu es einfach.“ Und ich tat es.</seg>
<seg id="74">Und plötzlich entrollten sich diese beiden Handlungsstränge gleichzeitig. Indem ich mich in Matthew verliebte, erkannte ich das Ausmaß meines Verlustes von Aaron.</seg>
<seg id="75">Und was genauso wichtig ist: es ließ mich erkennen, dass meine Liebe für Aaron, meine Trauer um ihn und meine Liebe für Matthew keine gegensätzlichen Kräfte sind.</seg>
<seg id="76">Sie sind die Stränge eines einzigen Fadens.</seg>
<seg id="77">Ich bin ... wie würden meine Eltern sagen?</seg>
<seg id="78">Ich bin nicht besonders.</seg>
<seg id="79">Sie hatten vier Kinder, sie waren, nun ja, ... ehrlich.</seg>
<seg id="80">Ich bin es nicht, ich bin nicht besonders.</seg>
<seg id="81">Ich weiß das, ich bin mir dessen den ganzen Tag bewusst, jeden Tag. Auf der ganzen Welt passieren schreckliche Dinge. Die ganze Zeit. Wie ich schon sagte: Mit mir hat man Spaß.</seg>
<seg id="82">Aber schreckliche Dinge passieren. Menschen erleben jeden Tag traumatische Verluste, die sie tief prägen.</seg>
<seg id="83">Und als Teil meiner Arbeit – dieser merkwürdige Podcast – spreche ich mit den Menschen über das Schlimmste, das ihnen je widerfahren ist.</seg>
<seg id="84">Und manchmal ist das der Verlust eines geliebten Menschen, was vielleicht Tage, Wochen, Jahre oder sogar Jahrzehnte her ist.</seg>
<seg id="85">Und diese Menschen, mit denen ich spreche, haben sich wegen dieses Verlustes nicht in sich selbst zurückgezogen und er ist nicht ihr Lebensmittelpunkt.</seg>
<seg id="86">Sie haben weitergelebt, ihre Welt drehte sich weiter.</seg>
<seg id="87">Aber sie sprechen mit mir, einer absolut Fremden, über diesen geliebten, verstorbenen Menschen, denn diese Erfahrungen prägen uns und machen uns genauso wie die schönen Erlebnisse zu der Person, die wir sind.</seg>
<seg id="88">Und sie bleiben genauso lange in uns. Sie bleiben noch lange nachdem man seine letzte Beileidskarte oder seine letzte warme Mahlzeit bekommen hat.</seg>
<seg id="89">Wir schauen uns auch nicht die Menschen um uns herum an, die die Freuden und Wunder des Lebens genießen und sagen ihnen, sie sollen „weitermachen“, oder?</seg>
<seg id="90">Wir schicken keine Karte mit „Herzlichen Glückwunsch zu deinem wunderschönen Baby“ und denken dann fünf Jahre später: „Noch eine Geburtstagsfeier?“</seg>
<seg id="91">Okay, wir haben es kapiert, er ist fünf.</seg>
<seg id="92">Wow.</seg>
<seg id="93">Aber Trauer ist wie sich verlieben oder ein Baby bekommen oder „The Wire“ auf HBO schauen: man versteht es erst, wenn es einen selbst erwischt.</seg>
<seg id="94">Und sobald es einen erwischt, sobald man sich selbst verliebt oder ein Baby bekommt, sobald man selbst trauert und in der ersten Reihe auf der Beerdigung steht, versteht man es.</seg>
<seg id="95">Man versteht, dass diese Erfahrung keine Momentaufnahme ist, sie ist kein Knochen, der gerichtet werden kann. Sie ist etwas Chronisches, man kann nicht davon geheilt werden. Man stirbt davon nicht, aber manchmal fühlt sich Trauer an, als könnte sie einen umbringen.</seg>
<seg id="96">Und wenn wir sie bei uns und anderen nicht verhindern können, was können wir dann tun?</seg>
<seg id="97">Was können wir anderes tun, als zu versuchen, uns daran zu erinnern, dass einige Dinge nicht behoben werden können und dass nicht alle Wunden heilen sollen.</seg>
<seg id="98">Wir müssen uns gegenseitig dabei helfen, uns zu erinnern, dass Trauer diese mehrfach wirkende Emotion ist.</seg>
<seg id="99">Dass man gleichzeitig traurig und glücklich sein kann und wird; dass man im selben Jahr oder in derselben Woche, sogar im selben Atemzug, trauert und zu Liebe fähig ist.</seg>
<seg id="100">Wir müssen uns daran erinnern, dass ein trauernder Mensch wieder lachen und lächeln wird.</seg>
<seg id="101">Wenn er Glück hat, wird er auch wieder Liebe finden.</seg>
<seg id="102">Und ja, auf jeden Fall, er geht seinen Weg weiter.</seg>
<seg id="103">Aber das bedeutet nicht, dass er weitergemacht hat.</seg>
<seg id="104">Vielen Dank.</seg>
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<seg id="1">Am Tag nach dem Brexit-Votum im Juni 2016, als Großbritannien geschockt feststellte, dass wir die Europäische Union verlassen würden, bat mich mein Redakteur beim „Observer“ im Vereinigten Königreich, zurück in meine Heimat Südwales zu gehen und einen Bericht zu schreiben.</seg>
<seg id="2">Also ging ich in eine Stadt namens Ebbw Vale.</seg>
<seg id="3">Da ist es. In den South Wales Valleys, eine ziemlich besondere Gegend.</seg>
<seg id="4">Sie hatte früher diese sehr vielfältige Arbeiterklassenkultur und ist berühmt für ihre walisischen Männerchöre und Rugby und Kohle.</seg>
<seg id="5">Doch als ich ein Teenager war, schlossen die Kohlebergwerke und Stahlwerke und die gesamte Gegend war am Ende.</seg>
<seg id="6">Ich habe mir diese Stadt ausgesucht, weil dort sehr viele Menschen leben, die für den Brexit gestimmt haben.</seg>
<seg id="7">Zweiundsechzig Prozent der Menschen dort haben dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. Und ich wollte wissen warum.</seg>
<seg id="8">Als ich dort ankam, war ich etwas verblüfft, denn als ich das letzte Mal in Ebbw Vale war, sah es so aus.</seg>
<seg id="9">Und jetzt sieht es so aus.</seg>
<seg id="10">Das ist eine neue Hochschule im Wert von 33 Millionen Pfund, die größtenteils von der Europäischen Union finanziert wurde.</seg>
<seg id="11">Und das ist das neue Sportzentrum, das gerade im Rahmen eines 350 Millionen Pfund teuren Instandsetzungsprojektes von der Europäischen Union finanziert wird.</seg>
<seg id="12">Und hier wurde eine Straße für 77 Millionen Pfund instand gesetzt und hier ist eine neue Bahnlinie, ein neuer Bahnhof – und alle werden von der Europäischen Union finanziert.</seg>
<seg id="13">Es ist allerdings nicht so, als wäre das ein Geheimnis, denn überall stehen große Schilder wie dieses.</seg>
<seg id="14">[EU Funds: Investing in Wales]</seg>
<seg id="15">Als ich durch die Stadt ging, hatte ich dieses merkwürdige, unwirkliche Gefühl.</seg>
<seg id="16">Und es wurde noch unwirklicher, als ich diesen jungen Mann vor dem Sportzentrum traf.</seg>
<seg id="17">Er erzählte mir, dass er für den Austritt gestimmt habe, weil die Europäische Union nichts für ihn getan hätte.</seg>
<seg id="18">Er habe es satt.</seg>
<seg id="19">Jeder in der ganzen Stadt sagte mir dasselbe.</seg>
<seg id="20">Sie sagten mir, sie wollten die Kontrolle zurückgewinnen, was übrigens einer der Slogans der Kampagne war.</seg>
<seg id="21">Und sie erzählten mir, sie hätten die Nase besonders voll von den Einwanderern und den Flüchtlingen.</seg>
<seg id="22">Sie hätten genug. Das war wirklich komisch, denn als ich herumlief, habe ich weder Einwanderer noch Flüchtlinge gesehen.</seg>
<seg id="23">Ich habe eine Polin getroffen, die mir erzählte, sie sei praktisch die einzige Ausländerin in der Stadt.</seg>
<seg id="24">Als ich die Zahlen prüfte, erfuhr ich, dass Ebbw Vale tatsächlich eine der niedrigsten Einwandererquoten des Landes hat.</seg>
<seg id="25">Also war ich ein wenig verblüfft, weil ich nicht so richtig verstehen konnte, wo die Menschen ihre Informationen her bekamen.</seg>
<seg id="26">Denn die dem rechten Flügel zugehörigen Zeitungen druckten all diese Storys über Einwanderer.</seg>
<seg id="27">Und diese Gegend gehört eher dem linken Flügel an.</seg>
<seg id="28">Aber nach der Veröffentlichung des Artikels kontaktierte mich diese Frau. Sie kam aus Ebbw Vale und sie erzählte mir von den Dingen, die sie auf Facebook gesehen hatte.</seg>
<seg id="29">Ich fragte: „Welche Dinge?“ Und sie sagte, es seien diese ziemlich gruseligen Dinge über Einwanderer und insbesondere über die Türkei.</seg>
<seg id="30">Also habe ich versucht, sie zu finden.</seg>
<seg id="31">Aber da war nichts.</seg>
<seg id="32">Denn es gibt kein Archiv mit Anzeigen, die die Menschen gesehen haben, oder mit den Informationen in ihren News Feeds.</seg>
<seg id="33">Keine Spur, nichts zu finden.</seg>
<seg id="34">Und dieses Referendum wird für immer weitreichende Folgen für Großbritannien haben. Diese weitreichenden Folgen haben sich schon bemerkbar gemacht: die japanischen Autohersteller, die nach Wales und den Nordosten gekommen sind, um die Bergwerke zu ersetzen, gehen wegen des Brexits wieder zurück.</seg>
<seg id="35">Dieses ganze Referendum fand im Dunklen statt, weil es auf Facebook stattfand.</seg>
<seg id="36">Und was auf Facebook passiert, bleibt auch auf Facebook, denn man sieht nur seinen eigenen News Feed und dann verschwindet er. Es ist also unmöglich, irgendwelche Nachforschungen anzustellen.</seg>
<seg id="37">Wir haben also keine Ahnung, wer welche Anzeigen gesehen hat oder welche Auswirkungen sie hatten oder welche Informationen genutzt wurden, um diese Menschen zu ködern. Wir wissen nicht einmal, wer diese Anzeigen platziert hat, wie viel Geld dafür ausgegeben wurde oder welcher Nationalität diese Person angehört.</seg>
<seg id="38">Aber Facebook weiß es. Facebook hat diese Antworten und weigert sich, sie uns zu geben.</seg>
<seg id="39">Unser Parlament hat Mark Zuckerberg mehrere Male darum gebeten, nach Großbritannien zu kommen und uns diese Antworten zu geben.</seg>
<seg id="40">Und jedes Mal hat er abgelehnt.</seg>
<seg id="41">Und ich frage mich warum.</seg>
<seg id="42">Denn ich und andere Journalisten haben aufgedeckt, dass mehrere Verbrechen während des Referendums begangen wurden.</seg>
<seg id="43">Und sie wurden auf Facebook begangen.</seg>
<seg id="44">In Großbritannien kann man bei einer Wahl nur einen gewissen Geldbetrag ausgeben. Denn im 19. Jahrhundert haben Politiker buchstäblich Schubkarren voller Geld auf den Straßen verteilt und kauften sich ihre Wähler einfach.</seg>
<seg id="45">Damit das nicht mehr passiert, gibt es diese strengen Gesetze.</seg>
<seg id="46">Doch diese Gesetze verfehlen nun ihren Zweck.</seg>
<seg id="47">Dieses Referendum fand fast ausschließlich im Internet statt.</seg>
<seg id="48">Man kann jedweden Betrag für Anzeigen auf Facebook, Google oder YouTube ausgeben und niemand weiß davon, weil das eine Grauzone ist.</seg>
<seg id="49">Folgendes ist passiert.</seg>
<seg id="50">Wir haben tatsächlich keine Ahnung von dem vollen Ausmaß.</seg>
<seg id="51">Aber wir wissen, dass in den letzten Tagen vor der Brexit-Abstimmung die offizielle „Pro Brexit“-Kampagne fast dreiviertel Millionen Pfund mithilfe einer dritten Partei gewaschen hat, die unsere Wahlkommission als illegal eingestuft hat und die der Polizei gemeldet wurde.</seg>
<seg id="52">Mit diesem illegalen Geld ließ „Pro Brexit“ ein ganzes Geschwader von Falschinformationen los. Anzeigen wie diese.</seg>
<seg id="53">Das ist eine Lüge, das ist eine absolute Lüge.</seg>
<seg id="54">Die Türkei tritt nicht der Europäischen Union bei.</seg>
<seg id="55">Sie diskutiert nicht einmal über den Beitritt in die Europäische Union.</seg>
<seg id="56">Und die meisten von uns haben diese Anzeigen nie gesehen, weil wir nicht zur Zielgruppe gehörten. „Pro Brexit“ machte eine kleine Gruppe von Menschen ausfindig, die sie überzeugen konnte, und diese Gruppe sah die Anzeigen.</seg>
<seg id="57">Der einzige Grund, warum wir diese nun zu Gesicht bekommen, ist, dass das Parlament Facebook gezwungen hat, sie zur Verfügung zu stellen.</seg>
<seg id="58">Und vielleicht denken Sie: „Na gut, es wurde zu viel ausgegeben.</seg>
<seg id="59">Es gab ein paar Lügen.“ Aber das war der größte Wahlbetrug in Großbritannien seit 100 Jahren.</seg>
<seg id="60">Bei einer Abstimmung, die nur einmal alle paar Generationen vorkommt und die nur an ein Prozent der Wählerschaft geknüpft war.</seg>
<seg id="61">Und das war nur eines der Verbrechen, die im Rahmen des Referendums begangen wurden.</seg>
<seg id="62">Es gab noch eine Gruppe, die von Nigel Farage angeführt wurde, der rechten Hand im Trump-Wahlkampf.</seg>
<seg id="63">Diese Gruppe „Leave.EU“ hat auch das Gesetz gebrochen.</seg>
<seg id="64">Sie verletzte das britische Wahlgesetz und das britische Datengesetz und wurde der Polizei ebenfalls gemeldet.</seg>
<seg id="65">Und dieser Mann, Arron Banks, finanzierte diese Kampagne.</seg>
<seg id="66">Wegen eines vollständig anderen Falls wurde er unserer nationalen Kriminalpolizei, dem britischen FBI, gemeldet, weil unsere Wahlkommission nicht herausfinden konnte, woher sein Geld gekommen ist. Oder ob es überhaupt aus Großbritannien stammte.</seg>
<seg id="67">Und ich verliere nicht einmal ein Wort über die Lügen von Arron Banks zu seinen geheimen Beziehungen zur russischen Regierung.</seg>
<seg id="68">Oder über das merkwürdige Timing von Nigel Farages Treffen mit Julian Assange und Trumps Kumpel Roger Stone, der jetzt angeklagt wurde. Diese Treffen fanden direkt vor zwei großen WikiLeaks-Offenbarungen statt, die zufällig beide für Donald Trump von Vorteil waren.</seg>
<seg id="69">Aber ich erzähle Ihnen, dass Brexit und Trump fest miteinander verbunden waren.</seg>
<seg id="70">Dieser Mann sagte mir, Brexit sei die Petrischale für Trump.</seg>
<seg id="71">Und wir wissen, es handelt sich um dieselben Menschen, dieselben Firmen, dieselben Daten, dieselben Methoden, dieselbe Nutzbarmachung von Hass und Angst.</seg>
<seg id="72">Das haben sie auf Facebook veröffentlicht.</seg>
<seg id="73">Ich möchte es nicht einmal eine Lüge nennen,</seg>
<seg id="74">weil es mir eher wie ein Hassverbrechen erscheint.</seg>
<seg id="75">Ich muss Ihnen nicht erzählen, dass Hass und Angst überall auf der Welt im Internet gesät werden.</seg>
<seg id="76">Nicht nur in Großbritannien und Amerika, sondern auch in Frankreich, Ungarn, Brasilien und Myanmar und Neuseeland.</seg>
<seg id="77">Wir wissen auch, dass es diesen dunklen Sog gibt, der uns alle auf der Welt miteinander verbindet.</seg>
<seg id="78">Und er strömt über die Technologieplattformen.</seg>
<seg id="79">Doch wir bekommen nur eine geringe Menge davon an der Oberfläche mit.</seg>
<seg id="80">Ich habe nur etwas über diese dunkle Unterströmung herausgefunden, weil ich mich näher mit Trumps Beziehung zu Farage und einer Firma namens Cambridge Analytica beschäftigt habe.</seg>
<seg id="81">Und ich habe Monate damit zugebracht, einen ehemaligen Mitarbeiter zu finden, Christopher Wiley.</seg>
<seg id="82">Er erzählte mir, wie diese Firma, die sowohl für Trump als auch für den Brexit gearbeitet hat, politische Profile von Menschen erstellt hat, um ihre individuellen Ängste zu verstehen, damit sie bessere Anzeigen auf Facebook für sie schalten konnten.</seg>
<seg id="83">Dabei wurden unerlaubterweise Profile von 87 Millionen Menschen auf Facebook gesammelt.</seg>
<seg id="84">Es dauerte ein ganzes Jahr bis Christopher an Bord war.</seg>
<seg id="85">Und ich als Journalistin, die ganz normale Reportagen schreibt, musste mich dafür in eine investigative Journalistin verwandeln.</seg>
<seg id="86">Er war außergewöhnlich mutig, weil die Firma dem Milliardär Robert Mercer gehört, der Trump mit Geldmitteln unterstützte. Er drohte mehrere Male, uns zu verklagen, damit wir nicht veröffentlichen.</seg>
<seg id="87">Aber wir hatten es fast geschafft und nur noch einen Tag bis zur Veröffentlichung. Wir erhielten eine weitere Drohung.</seg>
<seg id="88">Dieses Mal kam sie nicht von Cambridge Analytica, sondern von Facebook.</seg>
<seg id="89">Sie gaben uns zu verstehen, dass, wenn wir veröffentlichen, sie uns verklagen.</seg>
<seg id="90">Wir sind trotzdem an die Öffentlichkeit gegangen.</seg>
<seg id="91">Facebook, hier warst du auf der falschen Seite.</seg>
<seg id="92">Und auch hier warst du auf der falschen Seite: du hättest uns die Antworten geben sollen, die wir brauchten.</seg>
<seg id="93">Aus diesem Grund bin ich hier.</seg>
<seg id="94">Um euch, die Götter des Silicon Valley, direkt anzusprechen.</seg>
<seg id="95">und Sheryl Sandberg und Larry Page und Sergey Brin und Jack Dorsey und eure Mitarbeiter und auch eure Investoren.</seg>
<seg id="96">Vor 100 Jahren waren Gase die größte Gefahr in den Kohlebergwerken von Südwales.</seg>
<seg id="97">Leise und tödlich und unsichtbar.</seg>
<seg id="98">Deswegen hat man zur Überprüfung der Luft zuerst Kanarienvögel hinuntergelassen.</seg>
<seg id="99">Und in diesem riesigen, globalen Online-Experiment, das wir erlebt haben, sind wir Briten die Kanarienvögel.</seg>
<seg id="100">Wir sind ein Beispiel für eine westliche Demokratie, deren Wahlgesetze, die hundert Jahre lang galten, durch Technologie umgangen wurden.</seg>
<seg id="101">Unsere Demokratie ist zerstört, unsere Gesetze wirken nicht mehr. Und ich bin es nicht, der das behauptet, sondern unser Parlament. Es veröffentlichte einen Bericht, in dem das steht.</seg>
<seg id="102">Die von euch entwickelte Technologie war wirklich außergewöhnlich.</seg>
<seg id="103">Aber jetzt ist sie ein Tatort.</seg>
<seg id="104">Und ihr habt die Beweise.</seg>
<seg id="105">Es ist nicht genug, zu sagen, dass ihr es in Zukunft besser macht.</seg>
<seg id="106">Denn damit das hoffentlich nicht noch einmal passiert, müssen wir die Wahrheit kennen.</seg>
<seg id="107">Und vielleicht denkt ihr: „Das waren doch nur ein paar Anzeigen.</seg>
<seg id="108">Die Menschen sind doch schlau genug, oder?“ Darauf würde ich Folgendes antworten: „Viel Glück damit.“ Die Brexit-Abstimmung zeigt uns nämlich, dass die liberale Demokratie zerstört wurde.</seg>
<seg id="109">Und ihr habt sie zerstört.</seg>
<seg id="110">Das ist keine Demokratie: Die Verbreitung von Lügen in der Dunkelheit, für die man mit illegalem Geld bezahlt hat, das weiß Gott woher kommt.</seg>
<seg id="111">Das ist Subversion und ihr seid nur ihr Beiwerk.</seg>
<seg id="112">Unser Parlament hat als erstes auf der Welt versucht, euch zur Rechenschaft zu ziehen und ist gescheitert.</seg>
<seg id="113">Ihr seid buchstäblich außerhalb der Reichweite des britischen Gesetzes – nicht nur der britischen Gesetze, sondern von neun Parlamenten. Neun Länder sind hier vertreten, die Mark Zuckerberg nicht besuchen wollte, um die Beweise zu übergeben.</seg>
<seg id="114">Und ihr scheint nicht zu verstehen, dass das hier größer als ihr ist.</seg>
<seg id="115">Es ist größer als jeder von uns.</seg>
<seg id="116">Es geht nicht um links oder rechts, „Pro Brexit“ oder „Contra Brexit“ oder Trump oder nicht.</seg>
<seg id="117">Es geht darum, ob es tatsächlich wieder möglich sein wird, eine freie und gerechte Wahl durchzuführen.</seg>
<seg id="118">Denn so wie es jetzt aussieht, glaube ich das nicht.</seg>
<seg id="119">Meine Frage an euch ist also: „Ist es das, was ihr wollt?“</seg>
<seg id="120">Wollt ihr, dass ihr so in die Geschichtsbücher eingeht: als Mägde und Knechte des Autoritarismus, der sich überall auf der Welt ausbreitet?</seg>
<seg id="121">Eure Mission ist es doch, die Menschen zu verbinden.</seg>
<seg id="122">Und ihr weigert euch, anzuerkennen, dass dieselbe Technologie uns jetzt auseinander reißt.</seg>
<seg id="123">Meine Frage an jeden anderen lautet: „Wollen wir sie damit davonkommen lassen? Wollen wir uns zurücklehnen und mit unseren Smartphones spielen, während sich diese Dunkelheit über uns legt?</seg>
<seg id="124">Die Geschichte des South Wales Valleys ist geprägt von Kämpfen für die Gerechtigkeit.</seg>
<seg id="125">Und das hier ist keine Übung – es ist ein Wendepunkt.</seg>
<seg id="126">Für Demokratie gibt es keine Garantie und sie ist nicht unumgänglich. Wir müssen kämpfen und wir müssen gewinnen und wir können nicht zulassen, dass diese Technologiefirmen diese uneingeschränkte Macht besitzen.</seg>
<seg id="127">Es liegt an uns – dir, mir, an uns allen.</seg>
<seg id="128">Wir sind diejenigen, die die Kontrolle wiedererlangen müssen.</seg>
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<seg id="1">Es sieht vielleicht so aus, als stünden wir gerade alle auf festem Boden, aber das stimmt nicht.</seg>
<seg id="2">Die Steine und die Erde unter uns sind durchzogen von winzigen Bruchstellen und Lücken.</seg>
<seg id="3">Und diese Lücken sind voll mit astronomischen Mengen von Mikroben, so wie diese hier.</seg>
<seg id="4">Wir haben Mikroben fünf Kilometer tief in der Erde gefunden. Und das ist bis jetzt das Tiefste.</seg>
<seg id="5">Wenn Sie sich also auf einen Punkt am Boden stellen und dort in den Boden hineinrennen würden, könnten Sie ein Rennen von 5 km laufen und auf der ganzen Strecke würden Ihnen Mikroben begegnen.</seg>
<seg id="6">Sie haben vielleicht nie über die Mikroben nachgedacht, die sich tief in der Erdkruste befinden, aber Sie haben sicher schon einmal über die Mikroben in Ihrem Darm nachgedacht.</seg>
<seg id="7">Wenn man die Darmmikrobiome aller Menschen und aller Tiere auf dem Planeten zusammennimmt, erhält man ein Gewicht von 100.000 Tonnen.</seg>
<seg id="8">Es ist ein riesiges Biom, das wir jeden Tag in unseren Bäuchen mit uns herumtragen.</seg>
<seg id="9">Wir sollten alle stolz darauf sein.</seg>
<seg id="10">Im Vergleich zu den Mikroben, die die gesamte Erdoberfläche bedecken, wie in unseren Böden, unseren Flüssen und unseren Meeren, ist das aber gar nichts.</seg>
<seg id="11">Zusammengenommen wiegen diese rund zwei Milliarden Tonnen.</seg>
<seg id="12">Allerdings befindet sich die Mehrheit der Mikroben auf der Erde nicht in den Meeren, unserem Darm oder den Kläranlagen.</seg>
<seg id="13">Die meisten befinden sich tatsächlich in der Erdkruste.</seg>
<seg id="14">Diese wiegen zusammengenommen 40 Milliarden Tonnen.</seg>
<seg id="15">Das ist eines der größten Biome auf dem Planeten und bis vor ein paar Jahrzehnten wussten wir nicht einmal, dass es existiert.</seg>
<seg id="16">Die Möglichkeiten für das Leben dort unten und die Auswirkungen auf die Menschen sind grenzenlos.</seg>
<seg id="17">Jeder rote Punkt auf der Karte markiert einen Ort, wo wir ziemlich gute Untergrundproben mit modernen mikrobiologischen Methoden entnehmen konnten. Und vielleicht sind Sie beeindruckt, dass wir die Welt schon ziemlich gut abgedeckt haben, aber wenn Sie sich in Erinnerung rufen, dass wir nur Proben von diesen Orten haben, sieht das eigentlich nicht mehr so gut aus.</seg>
<seg id="18">Wenn wir alle in einem Raumschiff im All wären und versuchen würden, eine Weltkarte nur mit diesen Orten zu rekonstruieren, würden wir das niemals schaffen.</seg>
<seg id="19">Die Menschen sagen manchmal zu mir: „Okay, es gibt sehr viele Mikroben im Untergrund, aber ... sind sie nicht irgendwie inaktiv?“ Das ist ein gutes Argument.</seg>
<seg id="20">Bei einem Ficus, den Masern oder den Meerschweinchen meiner Kinder ist es ähnlich: diese Mikroben machen die meiste Zeit wahrscheinlich gar nichts.</seg>
<seg id="21">Wir wissen, dass sie langsam sein müssen, weil es so viele von ihnen gibt.</seg>
<seg id="22">Wenn sie alle anfingen, sich mit der Geschwindigkeit von E.coli zu teilen, würden sie das Gesamtgewicht der Erde, Berge eingeschlossen, innerhalb einer einzigen Nacht verdoppeln.</seg>
<seg id="23">Tatsächlich haben sich viele wahrscheinlich seit den Tagen des alten Ägyptens nicht mehr geteilt.</seg>
<seg id="24">Das ist einfach nur verrückt.</seg>
<seg id="25">Die Vorstellung, dass etwas schon so lange lebt, ist wirklich merkwürdig.</seg>
<seg id="26">Ich dachte gerade an eine Analogie, die ich wirklich mag, aber sie ist komisch und kompliziert.</seg>
<seg id="27">Ich hoffe also, dass Sie mir alle folgen können.</seg>
<seg id="28">In Ordnung, versuchen wir es.</seg>
<seg id="29">Es ist, als würde man versuchen, etwas über den Lebenszyklus eines Baumes herauszufinden ... wenn man nur einen Tag lebt.</seg>
<seg id="30">Wenn also die Lebensdauer eines Menschen nur einen Tag betrüge und es Winter wäre, würden Sie in Ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Blatt am Baum sehen.</seg>
<seg id="31">Und es gäbe so viele Generationen von Menschen, die in einem Winter dahinscheiden und die keinen Zugang zu einem Geschichtsbuch haben, das ihnen beweisen könnte, dass Bäume keine leblosen Stöcke sind, die gar nichts machen. Diese Annahme ist natürlich lächerlich.</seg>
<seg id="32">Wir wissen, dass Bäume nur auf den Sommer warten, damit sie wieder aktiv werden können.</seg>
<seg id="33">Aber wenn die Lebensdauer eines Menschen erheblich kürzer wäre als die eines Baumes, hätten wir wahrscheinlich überhaupt keine Ahnung von dieser so profanen Tatsache.</seg>
<seg id="34">Wenn wir also davon ausgehen, dass diese Untergrundmikroben einfach nur inaktiv sind, sind wir dann nicht wie diese Menschen, die nach einem Tag sterben und versuchen, herauszufinden, wie Bäume funktionieren?</seg>
<seg id="35">Was, wenn diese Untergrundorganismen einfach auf ihre Version vom Sommer warten, aber unser Leben zu kurz ist, um das zu erleben?</seg>
<seg id="36">Wenn man E.coli-Bakterien in einem Reagenzglas ohne Nahrung oder Nährstoffe versiegelt und es Monate oder Jahre nicht anrührt, sterben die meisten Zellen natürlich ab, weil sie verhungern.</seg>
<seg id="37">Aber ein paar Zellen überleben.</seg>
<seg id="38">Wenn man diese alten überlebenden Zellen zu einer neuen, schnell wachsenden E.coli-Kultur – ebenfalls unter schlechten Bedingungen – hinzufügt, sind die alten harten Kerle den nagelneuen Emporkömmlingen jedes Mal überlegen.</seg>
<seg id="39">Das ist also der Beweis, dass sich ausgesprochene Langsamkeit auf evolutionärer Ebene auszahlt.</seg>
<seg id="40">Es ist also möglich, dass wir Langsamkeit vielleicht nicht mit Unwichtigkeit gleichsetzen sollten.</seg>
<seg id="41">Möglicherweise könnten diese Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Mikroben tatsächlich einen Nutzen für die Menschen haben.</seg>
<seg id="42">Okay, soweit wir wissen gibt es zwei Arten von Leben im Untergrund.</seg>
<seg id="43">Die erste wartet auf Nahrung, die ihren Weg von der Oberfläche in den Untergrund findet. Das kann man sich wie die Reste eines Picknicks vorstellen, das vor 1.000 Jahren stattfand.</seg>
<seg id="44">Klingt nach einer verrückten Lebensweise. Erstaunlich ist aber, dass sie für viele Mikroben in der Erde zu funktionieren scheint.</seg>
<seg id="45">Die andere Möglichkeit ist, dass eine Mikrobe einfach sagt: „Nee, ich brauche die Welt über der Oberfläche nicht.</seg>
<seg id="46">Hier unten geht es mir gut.“ Die Mikroben, die auf diese Weise leben, müssen dort unten alles finden, was sie brauchen, damit sie in der Erde überleben können.</seg>
<seg id="47">Manche Dinge sind für sie in der Tat leichter zu finden.</seg>
<seg id="48">Sie kommen häufiger in der Erde vor, wie Wasser oder Nährstoffe, Stickstoff, Eisen und Phosphor oder Lebensraum.</seg>
<seg id="49">Für diese Dinge bringen wir uns an der Oberfläche buchstäblich um, um sie zu bekommen.</seg>
<seg id="50">Aber im Untergrund besteht das Problem darin, genug Energie zu finden.</seg>
<seg id="51">An der Oberfläche können Pflanzen chemisch Kohlendioxidmoleküle in leckeren Zucker umwandeln, sobald Sonnenphotone auf ihre Blätter treffen.</seg>
<seg id="52">Im Untergrund gibt es natürlich kein Sonnenlicht, dieses Ökosystem muss das Problem der Nahrungsbeschaffung also auf andere Weise lösen.</seg>
<seg id="53">Der Untergrund braucht so etwas wie eine Pflanze, die mithilfe von Steinen atmet.</seg>
<seg id="54">Zum Glück existiert so etwas und es wird als Chemolithoautotroph bezeichnet.</seg>
<seg id="55">Hierbei handelt es sich um eine Mikrobe, die chemische Stoffe – „Chemo“ – aus Gestein – „litho“ – nutzt, um Nahrung zu produzieren – „autotroph“. Und sie kann das mit einer Tonne verschiedener Elemente machen.</seg>
<seg id="56">Sie kann Schwefel, Eisen, Mangan, Stickstoff und Kohlenstoff nutzen. Einige können sogar reine Elektronen verwenden.</seg>
<seg id="57">Wenn man das Ende eines Stromkabels abschneidet, könnte sie wie durch einen Schnorchel atmen.</seg>
<seg id="58">Diese Chemolithoautotrophen nutzen die aus diesen Prozessen gewonnene Energie und produzieren daraus Nahrung, so wie Pflanzen.</seg>
<seg id="59">Doch wir wissen, dass Pflanzen mehr tun, als Nahrung zu produzieren.</seg>
<seg id="60">Sie produzieren außerdem ein Abfallprodukt, Sauerstoff, von dem wir zu 100 % abhängig sind.</seg>
<seg id="61">Das Abfallprodukt, das diese Chemolithoautotrophen produzieren, hat allerdings oft die Form von Mineralien, wie Rost oder Pyrit, wie Katzengold oder Karminite oder Kalkstein.</seg>
<seg id="62">Wir haben also Mikroben, die wirklich, wirklich langsam sind, so wie Steine. Die ihre Energie aus Steinen ziehen und deren Abfallprodukt andere Steine sind.</seg>
<seg id="63">Spreche ich gerade über Biologie oder über Geologie?</seg>
<seg id="64">Das ist nicht so ganz klar.</seg>
<seg id="65">Wenn ich mich also näher damit beschäftigen möchte und ich ein Biologe bin, der Mikroben untersucht, die sich wie Steine verhalten, sollte ich wahrscheinlich anfangen, Geologie zu studieren.</seg>
<seg id="66">Und was ist das Coolste an Geologie? Vulkane.</seg>
<seg id="67">Hier schauen wir in einen Krater des Vulkans Po√°s in Costa Rica.</seg>
<seg id="68">Viele Vulkane auf der Erde entstehen durch das Aufeinandertreffen einer ozeanischen tektonischen Platte mit einer kontinentalen Platte.</seg>
<seg id="69">Wenn sich die ozeanische Platte unter die kontinentale Platte schiebt, werden zum Beispiel Wasser und Kohlendioxid und andere Stoffe freigesetzt, wie beim Auswringen eines nassen Lappens.</seg>
<seg id="70">Diese Subduktionszonen sind sozusagen Portale zu den Tiefen der Erde, wo Stoffe zwischen der Oberfläche und dem Untergrund ausgetauscht werden.</seg>
<seg id="71">Vor kurzem haben mich einige Kollegen in Costa Rica zu sich eingeladen, damit ich mit ihnen an ein paar Vulkanen arbeite.</seg>
<seg id="72">Natürlich habe ich „Ja“ gesagt, denn Costa Rica ist wunderschön. Aber auch, weil sich das Land auf einer dieser Subduktionszonen befindet.</seg>
<seg id="73">Wir wollten die sehr spezifische Frage stellen: Warum wird das Kohlendioxid, das durch diese tiefliegende ozeanische tektonische Platte freigesetzt wird, nur von den Vulkanen ausgestoßen?</seg>
<seg id="74">Warum breitet es sich nicht in der gesamten Subduktionszone aus?</seg>
<seg id="75">Haben die Mikroben etwas damit zu tun?</seg>
<seg id="76">Das ist ein Foto von mir und meinem Kollegen Donato Giovannelli im Vulkan Po√°s.</seg>
<seg id="77">Der See, neben dem wir stehen, besteht aus reiner Batteriesäure.</seg>
<seg id="78">Ich weiß das, weil wir den pH-Wert gemessen haben als das Foto aufgenommen wurde.</seg>
<seg id="79">Während wir im Inneren des Kraters arbeiteten, drehte ich mich auf einmal zu meinem Kollegen Carlos Ram√≠rez aus Costa Rica um und sagte: „Wenn dieses Ding hier jetzt ausbrechen würde, was wäre dann unser Fluchtplan?“ Und er sagte: „Oh ja, sehr gute Frage. Das ist ganz einfach. Dreh dich um und genieß die Aussicht.</seg>
<seg id="80">Denn es wird das letzte Mal sein.“</seg>
<seg id="81">Das klingt vielleicht übertrieben dramatisch, aber 54 Tage nachdem ich neben diesem See stand, passierte das.</seg>
<seg id="82">Publikum: Oh!</seg>
<seg id="83">Ganz schön furchteinflößend, oder?</seg>
<seg id="84">Das war der heftigste Ausbruch dieses Vulkans seit ungefähr 60 Jahren und nicht lange nachdem dieses Video endet, wurde die Kamera zerstört und der gesamte See, von dem wir Proben genommen haben, ist vollständig verdampft.</seg>
<seg id="85">Ich möchte aber klar stellen, dass wir ziemlich sicher waren, dass sowas nicht an dem Tag passieren würde, an dem wir tatsächlich im Vulkan waren. Costa Rica überwacht seine Vulkane sehr sorgfältig über das OVSICORI Institute und an dem Tag waren Wissenschaftler von diesem Institut mit uns dort.</seg>
<seg id="86">Doch die Tatsache, dass er ausgebrochen ist, zeigt auf perfekte Weise, dass, wenn man wissen will, wo das Kohlendioxid aus dieser ozeanischen Platte ausströmt, man nicht weiter gehen sollte als die Vulkane selbst.</seg>
<seg id="87">Wenn Sie mal nach Costa Rica fahren, stellen Sie vielleicht fest, dass es überall zusätzlich zu diesen Vulkanen massenhaft kleine, gemütliche Thermalquellen gibt.</seg>
<seg id="88">Einiges von dem Wasser in diesen Thermalquellen stammt wirklich von dieser tiefliegenden ozeanischen Platte.</seg>
<seg id="89">Und unsere Hypothese lautete, dass darin auch Kohlendioxid enthalten sein sollte, aber irgendwas tief unter der Oberfläche filterte es raus.</seg>
<seg id="90">Somit haben wir zwei Wochen damit verbracht, in Costa Rica herumzufahren und von jeder Thermalquelle Proben zu nehmen, die wir finden konnten – ich kann Ihnen sagen, es war furchtbar.</seg>
<seg id="91">Dann haben wir in den folgenden zwei Jahren Daten gemessen und analysiert.</seg>
<seg id="92">Allen, die keine Wissenschaftler sind, will ich eines sagen: Die wirklich großen Entdeckungen finden nicht statt, wenn man an einer wunderschönen Thermalquelle arbeitet oder auf einer öffentlichen Bühne steht. Sie finden statt, wenn man gebeugt an einem unordentlichen Schreibtisch sitzt, wenn man versucht mit einem widerspenstigen Gerät klarzukommen oder wenn man mit seinen Kollegen über Skype spricht, weil die Daten keinen Sinn zu ergeben scheinen.</seg>
<seg id="93">Wissenschaftliche Entdeckungen können, wie die Untergrundmikroben, sehr, sehr langsam voranschreiten.</seg>
<seg id="94">In unserem Fall hat es sich dieses Mal allerdings ausgezahlt.</seg>
<seg id="95">Wir haben entdeckt, dass wirklich Tonnen von Kohlendioxid aus dieser tiefliegenden ozeanischen Platte strömen.</seg>
<seg id="96">Und das, was es unter der Oberfläche gehalten hat, damit es nicht in die Atmosphäre freigesetzt wird und was unter all den süßen Faultieren und Tukanen in Costa Rica verborgen lag, waren Chemolithoautotrophen.</seg>
<seg id="97">Diese Mikroben und ihre chemischen Prozesse haben dieses Kohlendioxid in Karbonat umgewandelt und es unter der Oberfläche eingeschlossen.</seg>
<seg id="98">Das führt uns zu folgender Frage: Wenn diese Prozesse unter der Oberfläche all das Kohlendioxid unter ihnen so gut absaugen können, könnten sie uns nicht auch bei einem kleinen Kohlenstoffproblem helfen, das uns über der Oberfläche zu schaffen macht?</seg>
<seg id="99">Wir Menschen setzen genug Kohlendioxid in die Atmosphäre frei, dass die Fähigkeit des Planeten verringert wird, das uns bekannte Leben zu unterstützen.</seg>
<seg id="100">Wissenschaftler, Ingenieure und Unternehmer arbeiten daran, das Kohlendioxid aus diesen punktuellen Schadstoffquellen herauszuziehen, damit sie nicht in die Atmosphäre gelangen.</seg>
<seg id="101">Es muss allerdings irgendwohin.</seg>
<seg id="102">Aus diesem Grund müssen wir Orte untersuchen, an denen dieser Kohlenstoff gelagert werden kann, möglicherweise unter der Oberfläche. Wir müssen wissen, was passiert, wenn wir es dort lagern.</seg>
<seg id="103">Können die Untergrundmikroben ein Problem darstellen, weil sie zu langsam sind, um etwas dort unten zu behalten?</seg>
<seg id="104">Oder werden sie nützlich sein, weil sie bei der Umwandlung in feste Karbonate helfen?</seg>
<seg id="105">Wir haben solch einen großen Durchbruch nur mit einer Studie in Costa Rica erlangt. Stellen Sie sich einmal vor, was dort unten noch auf seine Entdeckung wartet.</seg>
<seg id="106">Dieser neue Bereich der Geo-Bio-Chemie oder Untergrundbiologie, oder wie auch immer man es nennen möchte, wird nicht nur große Auswirkungen auf die Abmilderung des Klimawandels haben, sondern möglicherweise auch auf das Verständnis von der Entstehung von Leben und Erde. Oder wir entdecken dadurch neue Produkte für Industrie und Medizin.</seg>
<seg id="107">Vielleicht können wir sogar Erdbeben vorhersagen oder außerirdisches Leben finden.</seg>
<seg id="108">Er könnte uns sogar dabei helfen, den Ursprung des Lebens selbst zu verstehen.</seg>
<seg id="109">Zum Glück muss ich das nicht alleine machen.</seg>
<seg id="110">Überall auf der Welt habe ich großartige Kollegen, die die Rätsel dieser Welt unter der Oberfläche knacken.</seg>
<seg id="111">Es mag so aussehen, als ob das Leben dort unten tief in der Erdkruste so weit von unserem Alltag entfernt ist, dass es nicht so wichtig ist.</seg>
<seg id="112">Aber die Wahrheit ist, dass diese merkwürdige, langsame Lebensform vielleicht die Lösung für einige der größten Rätsel des Lebens auf der Erde birgt.</seg>
<seg id="113">Vielen Dank.</seg>
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<seg id="1">Heute ist wirklich ein sehr besonderer Tag für mich, denn ich habe Geburtstag.</seg>
<seg id="2">Also danke, dass ihr bei der Party dabei seid.</seg>
<seg id="3">Aber immer wenn man eine Party schmeißt, gibt es jemanden, der sie verdirbt, oder?</seg>
<seg id="4">Ich bin Physiker und dieses Mal habe ich einen anderen Physiker bei mir, der diese Rolle übernimmt.</seg>
<seg id="5">Sein Name ist Albert Einstein – also Albert – und er war derjenige, der sagte, dass, wenn man keinen großen Beitrag für die Wissenschaft leistet, bevor man 30 ist, das auch niemals tun wird.</seg>
<seg id="6">Sie müssen nicht auf Wikipedia nachschauen, um zu wissen, dass ich die 30 schon hinter mir gelassen habe.</seg>
<seg id="7">Was er mir, und uns, also sagt ist, dass ich im Hinblick auf die Wissenschaft nutzlos bin.</seg>
<seg id="8">Das Gute ist: ich hatte Glück in meiner Karriere.</seg>
<seg id="9">Als ich ungefähr 28 war, begann ich mich sehr für Netzwerke zu interessieren und ein paar Jahre später konnten wir einige wichtige Abhandlungen über die Entdeckung von skalenfreien Netzwerken veröffentlichen. Daraus wurde eine neue Fachrichtung geboren, die wir heutzutage als Netzwerkwissenschaften bezeichnen.</seg>
<seg id="10">Wenn Sie dieses Thema wirklich interessiert, können Sie Ihren Doktor in Netzwerkwissenschaften in Budapest und in Boston machen und Sie können es überall auf der Welt studieren.</seg>
<seg id="11">Als ich ein paar Jahre später in meinem Sabbatjahr nach Harvard ging, interessierte ich mich für eine andere Art von Netzwerk: dieses Mal ging es um die Netzwerke in uns selbst, wie die Gene und Proteine und Metaboliten miteinander verbunden sind und wie sie im Zusammenhang mit Krankheiten stehen.</seg>
<seg id="12">Dieses Interesse führte zu einer riesigen Explosion innerhalb der Medizin, einschließlich der Network Medicine Division von Harvard, in der mehr als 300 Wissenschaftler arbeiten, die diese Perspektive für die Behandlung von Patienten und die Entwicklung neuer Heilmethoden nutzen.</seg>
<seg id="13">Vor ein paar Jahren nahm ich diese Idee von Netzwerken und die Kenntnisse, die wir über Netzwerke gewonnen haben, und übertrug sie auf einen anderen Bereich, und zwar auf den des Erfolgs.</seg>
<seg id="14">Und warum haben wir das gemacht?</seg>
<seg id="15">Nun ja, wir dachten, dass unser Erfolg zu einem gewissen Grad von den Netzwerken, an denen wir teilhaben, bestimmt wird – dass unsere Netzwerke uns nach vorn bringen und wir durch sie Rückschritte erleben.</seg>
<seg id="16">Ich war neugierig, ob wir das Wissen, die Informationen und die Erkenntnisse bei der Entwicklung von Netzwerken nutzen können, um wirklich zu messen, wie diese Dinge passieren.</seg>
<seg id="17">Und das kam dabei heraus.</seg>
<seg id="18">Hier sehen Sie ein Netzwerk von Galerien in Museen, die miteinander verbunden sind.</seg>
<seg id="19">Mithilfe dieser Karte, die wir letztes Jahr entwickelt haben, können wir ziemlich genau den Erfolg eines Künstlers vorhersagen, wenn wir wissen, welche die ersten fünf Ausstellungen in seiner oder ihrer Karriere waren.</seg>
<seg id="20">Als wir über Erfolg nachdachten, erkannten wir, dass es bei Erfolg nicht nur um Netzwerke geht; es gibt so viele andere Ebenen, die berücksichtigt werden müssen.</seg>
<seg id="21">Und eines der Dinge, die wir für unseren Erfolg brauchen, ist, ganz klar, Leistung.</seg>
<seg id="22">Lassen Sie uns also den Unterschied zwischen Leistung und Erfolg definieren.</seg>
<seg id="23">Leistung ist das, was man erreicht: wie schnell man läuft, die Bilder, die man malt, die Aufsätze, die man veröffentlicht.</seg>
<seg id="24">In unserer Arbeitsdefinition von Erfolg jedoch, geht es dabei um die Anerkennung der Gesellschaft von unseren Taten und von unseren Leistungen: Wie schätzt sie sie und wie werden wir von ihr dafür belohnt?</seg>
<seg id="25">In anderen Worten: Ihre Leistungen drehen sich um Sie, aber bei Ihrem Erfolg geht es um alle.</seg>
<seg id="26">Das bedeutete einen großen Wandel für uns, denn als wir Erfolg als etwas Kollektives definierten, das wir von der Gesellschaft bekommen, wurde er messbar. Wenn es um die Gesellschaft geht, gibt es mehrere Daten, auf die man sich beziehen kann.</seg>
<seg id="27">Wir gehen also zur Schule, wir trainieren, wir bereiten uns vor, weil wir glauben, dass Leistung zu Erfolg führt.</seg>
<seg id="28">Aber je mehr wir uns mit dem Thema auseinandersetzten, desto mehr erkannten wir, dass Leistung und Erfolg zwei sehr verschiedene Paar Schuhe sind, wenn es um die Mathematik des Problems geht.</seg>
<seg id="29">Lassen Sie mich das veranschaulichen.</seg>
<seg id="30">Hier sehen Sie den schnellsten Mann der Welt, Usain Bolt.</seg>
<seg id="31">Natürlich gewinnt er die meisten Wettkämpfe, an denen er teilnimmt.</seg>
<seg id="32">Und wir wissen, dass er der Schnellste der Welt ist, weil wir Stoppuhren haben, mit denen wir die Zeit messen.</seg>
<seg id="33">Das Interessante an ihm ist, dass er eigentlich nicht gewinnt, weil er bei dem Wettkampf so schnell läuft.</seg>
<seg id="34">Er läuft allenfalls ein Prozent schneller als der Verlierer des Rennens.</seg>
<seg id="35">Er läuft nur ein Prozent schneller als der Zweite, aber er läuft nicht 10-mal schneller als ich – und ich bin wirklich kein guter Läufer, das können Sie mir glauben.</seg>
<seg id="36">Und jedes Mal, wenn wir Leistung messen können, bemerken wir etwas sehr Interessantes, und zwar, dass Leistung begrenzt ist.</seg>
<seg id="37">Das bedeutet, dass es bei der menschlichen Leistung keine großen Variationen gibt.</seg>
<seg id="38">Sie variiert nur in einem kleinen Bereich und wir brauchen die Stoppuhr, um die Unterschiede zu messen.</seg>
<seg id="39">Ich will damit nicht sagen, dass wir die Guten nicht von den Besten unterscheiden können, aber es ist sehr schwer, die Besten zu erkennen.</seg>
<seg id="40">Das Problem dabei ist, dass die Meisten in Bereichen arbeiten, in denen es keine Stoppuhren gibt, um die Leistung zu messen.</seg>
<seg id="41">Okay, Leistung ist also begrenzt, es gibt keine großen Unterschiede bei unseren Leistungen. Aber was ist mit Erfolg? Lassen Sie uns das Thema wechseln: Bücher.</seg>
<seg id="42">Ein Maßstab für den Erfolg von Autoren ist die Anzahl der Menschen, die die Werke lesen.</seg>
<seg id="43">Als mein erstes Buch 2009 veröffentlicht wurde, war ich in Europa und sprach mit einem Herausgeber. Ich war neugierig: wer waren meine Konkurrenten?</seg>
<seg id="44">Dabei waren einige große Autoren. In dieser Woche</seg>
<seg id="45">kam „Das verlorene Symbol“ von Dan Brown und „Mit dir an meiner Seite“ von Nicholas Sparks heraus.</seg>
<seg id="46">Wenn Sie einen Blick auf die Liste werfen, erkennen Sie, dass es, was die Leistung betrifft, kaum einen Unterschied zwischen diesen Büchern und meinem gibt. Richtig? Wenn also das Nicholas-Sparks-Team ein klein wenig härter arbeitet, könnte er ganz leicht die Nummer eins sein. Es ist ja eigentlich nur Zufall, wer an der Spitze landet.</seg>
<seg id="47">Ich sagte also: „Schauen wir uns mal die Zahlen an – ich bin schließlich ein Zahlenmensch.“</seg>
<seg id="48">Wie sahen die Verkaufszahlen von Nicholas Sparks aus?</seg>
<seg id="49">An diesem ersten Wochenende verkaufte Nicholas Sparks über hunderttausend Exemplare, was eine hervorragende Zahl ist.</seg>
<seg id="50">Wenn man 10.000 Exemplare die Woche verkauft, kann man schon an der Spitze der „New York Times“-Bestsellerliste landen und er hat diese Zahl verzehnfacht.</seg>
<seg id="51">Und doch war er nicht die Nummer eins. Warum nicht? Weil Dan Brown noch im Rennen war und 1,2 Millionen Exemplare an diesem Wochenende verkaufte.</seg>
<seg id="52">Der Grund, warum ich diese Zahl mag, ist, weil sie zeigt, dass Erfolg unbegrenzt ist. Dass der Beste nicht nur ein wenig mehr als der Zweitbeste bekommt, sondern viel, viel mehr, denn Erfolg ist eine kollektive Maßnahme.</seg>
<seg id="53">Durch uns haben die Menschen Erfolg und das liegt nicht an ihrer Leistung.</seg>
<seg id="54">Eines der Dinge, die wir erkannten, war, dass Leistung, also was wir tun, begrenzt ist, aber Erfolg, die kollektive Maßnahme, unbegrenzt ist. Das gibt uns schon zu denken: Wie kommen diese großen Unterschiede beim Erfolg zustande, wenn es nur kleine Unterschiede zwischen den Leistungen gibt?</seg>
<seg id="55">Vor kurzem habe ich ein Buch veröffentlicht, in dem ich mich genau dieser Frage widme.</seg>
<seg id="56">Sie haben mir hier allerdings nicht genug Zeit gegeben, um das Thema in seiner ganzen Ausführlichkeit zu behandeln, also kehre ich zurück zu der Frage: Wann sollten Sie Erfolg haben?</seg>
<seg id="57">Gehen wir zurück zum Spielverderber am Anfang und fragen uns: Warum machte Einstein diese lächerliche Aussage, dass man nur vor seinem 30. Lebensjahr tatsächlich kreativ sein könne?</seg>
<seg id="58">Nun ja, er schaute sich um und bemerkte, dass all diese großartigen Physiker um ihn herum Fortschritte in der Quantenmechanik und modernen Physik machten und dass sie alle um die 20 und 30 Jahre alt waren.</seg>
<seg id="59">Und nicht nur er bemerkte das.</seg>
<seg id="60">Es handelt sich hierbei nicht nur um ein beobachtetes Vorurteil, denn es gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Genie-Studien, die besagen, dass die meisten dieser berühmten Menschen in der Geschichte ihren größten Beitrag – ob im Bereich Musik, Wissenschaft oder Technik – mit 20, 30 oder allenfalls Anfang 40 geleistet haben.</seg>
<seg id="61">Es gibt jedoch ein Problem bei diesen Studien.</seg>
<seg id="62">Zuerst einmal entsteht bei uns der Eindruck, dass Kreativität gleichbedeutend mit Jugend ist. Und das tut weh, nicht wahr?</seg>
<seg id="63">Hier gibt es allerdings auch ein beobachtetes Vorurteil, denn diese Studien behandeln nur Genies und nicht die gewöhnlichen Wissenschaftler und uns normale Menschen. Sie behandeln demnach nicht die Frage: Ist es wirklich wahr, dass die Kreativität beim Altern abnimmt?</seg>
<seg id="64">Das ist genau die Frage, die wir versuchen, zu beantworten und es ist wichtig, richtige Belege dafür zu haben.</seg>
<seg id="65">Schauen wir uns einen gewöhnlichen Wissenschaftler wie mich an und werfen wir einen Blick auf meine Karriere.</seg>
<seg id="66">Hier sehen Sie alle Aufsätze, die ich veröffentlicht habe, von meinem ersten Aufsatz 1989 – damals lebte ich noch in Rumänien – bis ungefähr heute.</seg>
<seg id="67">Vertikal stehend sehen Sie die Auswirkungen des Aufsatzes, also wie oft daraus zitiert wurde und wie viele andere Aufsätze dieses Werk zitiert haben.</seg>
<seg id="68">Daraus können Sie ableiten, dass es in meiner Karriere rund drei verschiedene Phasen gab.</seg>
<seg id="69">Da gab es die ersten 10 Jahre, in denen ich viel arbeiten musste und nicht viel erreicht habe.</seg>
<seg id="70">Niemanden interessiert meine Arbeit, oder?</seg>
<seg id="71">Sie hat kaum Einfluss.</seg>
<seg id="72">Damals beschäftigte ich mich mit Materialforschung und entdeckte Netzwerke für mich. Ich begann zu diesem Thema zu publizieren.</seg>
<seg id="73">Und das führte von einem bedeutenden Aufsatz zum nächsten.</seg>
<seg id="74">Das fühlte sich wirklich gut an.</seg>
<seg id="75">Das war diese Phase in meiner Karriere.</seg>
<seg id="76">Die Frage ist also: Was passiert gerade jetzt?</seg>
<seg id="77">Wir wissen es nicht, weil noch nicht genug Zeit vergangen ist, um sagen zu können, wie viel Einfluss diese Aufsätze haben werden. Es braucht Zeit, dieses Wissen zu erlangen. Wenn Sie sich allerdings die Daten anschauen, scheint es, als hätten Einstein und die Genie-Studien recht und dass ich mich in dieser Phase meiner Karriere befinde.</seg>
<seg id="78">Wir sagten also: „Okay, schauen wir mal was wirklich passiert.“ Zuerst nahmen wir uns die Wissenschaft vor.</seg>
<seg id="79">Um eine Stichprobenverzerrung zu umgehen, nämlich nicht nur die Genies zu behandeln, rekonstruierten wir schließlich die Karriere jedes einzelnen Wissenschaftlers von 1900 bis heute. Wir wollten herausfinden, was ihre persönliche Bestleistung war, ob sie den Nobelpreis erhalten haben oder nicht oder ob niemand von ihnen oder ihrer persönlichen Bestleistung gehört hat.</seg>
<seg id="80">Und das sehen Sie auf dieser Folie.</seg>
<seg id="81">Jede Linie steht für eine Karriere und die hellblauen Punkte über der Karriere verdeutlichen die persönliche Bestleistung.</seg>
<seg id="82">Und die Frage lautet: Wann haben sie ihre größte Entdeckung gemacht?</seg>
<seg id="83">Um das festzustellen, müssen wir herausfinden, wie wahrscheinlich es ist, dass man seine größte Entdeckung, sagen wir, eins, zwei, drei oder zehn Jahre nach Anfang der Karriere macht.</seg>
<seg id="84">Wir schauen uns also das an, was wir als „akademisches Alter“ bezeichnen. Das akademische Alter beginnt mit der Publikation des ersten Aufsatzes.</seg>
<seg id="85">Ich weiß, einige von Ihnen sind immer noch Babys.</seg>
<seg id="86">Werfen wir einen Blick auf die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Ihren bedeutendsten Aufsatz veröffentlichen.</seg>
<seg id="87">Und wir sehen in der Tat: Die Genie-Studien haben recht.</seg>
<seg id="88">Die meisten Wissenschaftler veröffentlichen ihren bedeutendsten Aufsatz in den ersten 10 bis 15 Jahren ihrer Karriere und dann geht sie baden.</seg>
<seg id="89">Sie geht so schnell baden, dass ich ... Meine Karriere begann vor genau 30 Jahren und die Chance, dass ich einen Aufsatz veröffentlichen werde, der einen größeren Einfluss als alles, was ich bis jetzt gemacht habe, haben wird, beträgt weniger als ein Prozent.</seg>
<seg id="90">Laut diesen Daten befinde ich mich in dieser Phase meiner Karriere.</seg>
<seg id="91">Es gibt jedoch ein Problem.</seg>
<seg id="92">Wir führen keine richtigen Kontrollen durch.</seg>
<seg id="93">Die Kontrolle wäre also die Frage, wie ein Wissenschaftler aussehen würde, der willkürlich Beiträge für die Wissenschaft leistet.</seg>
<seg id="94">Oder wie produktiv ist der Wissenschaftler?</seg>
<seg id="95">Wann schreibt er Aufsätze?</seg>
<seg id="96">Wir haben also die Produktivität gemessen und erstaunlicherweise ist die Produktivität – die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen Aufsatz in ein, 10 oder 20 Jahren in Ihrer Karriere schreiben – nicht von der Wahrscheinlichkeit zu unterscheiden, dass Sie in dieser Karrierephase solchen Einfluss erlangen.</seg>
<seg id="97">Um es kurz zu machen: Nach vielen statistischen Tests gibt es nur eine Erklärung dafür. Eigentlich hat jede Arbeitsweise, jeder Aufsatz, den wir Wissenschaftler schreiben, und jedes Projekt genau dieselbe Chance unsere persönliche Bestleistung zu werden.</seg>
<seg id="98">Das bedeutet, wissenschaftliche Entdeckungen sind wie Lottoscheine.</seg>
<seg id="99">Je mehr Lottoscheine wir kaufen, desto höher sind unsere Chancen.</seg>
<seg id="100">Und anscheinend kaufen die meisten Wissenschaftler ihre Lottoscheine in den ersten 10 bis 15 Jahren ihrer Karriere und danach sind sie nicht mehr so produktiv.</seg>
<seg id="101">Sie kaufen keine Lottoscheine mehr.</seg>
<seg id="102">Es sieht also so aus, als wären sie nicht mehr kreativ.</seg>
<seg id="103">In Wirklichkeit haben sie aufgehört, es zu versuchen.</seg>
<seg id="104">Wenn wir die Daten zusammenfassen kommen wir zu einem einfachen Schluss: Man kann zu jeder Zeit erfolgreich sein.</seg>
<seg id="105">Er kann sich mit Ihrem allerersten Aufsatz oder Ihrem allerletzten in Ihrer Karriere einstellen.</seg>
<seg id="106">Innerhalb der Projekte ist er absolut zufällig.</seg>
<seg id="107">Es ist die Produktivität, die sich ändert.</seg>
<seg id="108">Lassen Sie mich das verdeutlichen. Das ist Frank Wilczek. Er erhielt den Nobelpreis für Physik für den allerersten Aufsatz in seiner Karriere, den er als Absolvent geschrieben hat.</seg>
<seg id="109">Noch interessanter ist John Fenn, der als Siebzigjähriger von der Universität Yale gezwungen wurde, in den Ruhestand zu gehen.</seg>
<seg id="110">Als sie sein Labor schlossen, öffnete er an der Virginia Commonwealth University prompt ein anderes Labor. Dort veröffentlichte er im Alter von 72 einen Aufsatz für den er 15 Jahre später den Nobelpreis für Chemie erhalten sollte.</seg>
<seg id="111">Wahrscheinlich denken Sie jetzt: „Okay, die Wissenschaft ist ein besonderes Gebiet, aber was ist mit den anderen Bereichen, in denen man kreativ sein muss?</seg>
<seg id="112">Ich habe noch ein typisches Beispiel: Unternehmertum.</seg>
<seg id="113">Silicon Valley, das Land der Jugend, richtig?</seg>
<seg id="114">Und tatsächlich, wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass die wichtigsten Preise, die TechCrunch-Auszeichnungen und andere alle an Menschen gehen, die durchschnittlich Ende 20, Anfang 30 sind.</seg>
<seg id="115">Wem geben die VC-Firmen ihr Geld, darunter einige der größten VC-Firmen? Nur Menschen Anfang 30.</seg>
<seg id="116">Natürlich wissen wir, dass es diesen Ethos im Silicon Valley gibt, dass Jugend mit Erfolg gleichbedeutend ist.</seg>
<seg id="117">Die Daten sagen jedoch etwas anderes aus, denn es geht nicht nur um die Gründung eines Unternehmens. Die Gründung eines Unternehmens ist wie Produktivität, man strengt sich an und versucht alles. Es geht eher darum, welche dieser Unternehmen tatsächlich Erfolg hatten und zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht wurden.</seg>
<seg id="118">Kürzlich beschäftigten sich einige meiner Kollegen genau mit dieser Frage.</seg>
<seg id="119">Sie fanden heraus, dass allerdings viele in ihren 20ern und 30ern sehr viele Unternehmen gründen, die meisten davon gehen aber pleite.</seg>
<seg id="120">Wenn wir die erfolgreichen Abschlüsse betrachten, sehen wir in diesem Szenario, dass es wahrscheinlicher ist, mit zunehmenden Alter an die Börse zu gehen oder das Unternehmen gewinnbringend zu verkaufen.</seg>
<seg id="121">Das ist eine starke Erkenntnis, denn sie sagt aus, dass es mit 50 zweimal so wahrscheinlich ist, sein Unternehmen erfolgreich zu einem Abschluss zu bringen, als mit 30.</seg>
<seg id="122">Was können wir letztendlich daraus lernen?</seg>
<seg id="123">Wie lernen, dass Kreativität kein Alter hat.</seg>
<seg id="124">Produktivität aber schon, oder?</seg>
<seg id="125">Und das sagt mir, dass man am Ende des Tages, wenn man nicht aufgibt</seg>
<seg id="126">immer und immer wieder erfolgreich sein kann.</seg>
<seg id="127">Meine Schlussfolgerung ist also ganz einfach: Ich muss schnell von der Bühne und in mein Labor.</seg>
<seg id="128">Vielen Dank.</seg>
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<doc docid="45973" genre="lectures">
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<seg id="1">Zuerst möchte ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit danken.</seg>
<seg id="2">Nichts ist vergleichbar damit, in einem Raum voller Menschen zu sein, die mir ihre Aufmerksamkeit schenken.</seg>
<seg id="3">Aufmerksamkeit zu bekommen ist ein machtvolles Gefühl.</seg>
<seg id="4">Ich bin Schauspieler, also bin ich Experte für, naja, eigentlich nichts.</seg>
<seg id="5">Ich weiß aber, wie es sich anfühlt, Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich hatte das Glück, viel mehr davon zu bekommen, als mir zusteht.</seg>
<seg id="6">Und dafür bin ich dankbar, denn, wie ich schon sagte, es ist ein machtvolles Gefühl.</seg>
<seg id="7">Es gibt aber noch ein machtvolles Gefühl, das ich glücklicherweise sehr häufig als Schauspieler erleben darf.</seg>
<seg id="8">Es ist komisch, denn es ist irgendwie das Gegenteil dieses Gefühls von Macht, weil es nicht der Aufmerksamkeit entspringt.</seg>
<seg id="9">Wenn ich spiele, bin ich so konzentriert, dass ich nur noch auf eins achte.</seg>
<seg id="10">Wenn ich am Set bin, wir drehen und der erste Assistenzregisseur „Rolling“ und dann „Speed“, „Marker“ und „Set“ ruft und schließlich der Regisseur „Action“ schreit, eine Abfolge, die ich schon so oft gehört habe, ist das wie ein magischer Pawlowscher Reflex. „Rolling“, „Speed“, „Marker“, „Set“ und „Action“. Irgendwas passiert dann mit mir und ich kann nichts dagegen tun.</seg>
<seg id="11">Mein Fokus ... verengt sich.</seg>
<seg id="12">Und alles andere auf der Welt, alles, was mir zu schaffen macht oder nach meiner Aufmerksamkeit verlangen könnte, verschwindet und ich bin einfach nur ... da.</seg>
<seg id="13">Ich liebe dieses Gefühl. Es ist für mich der Inbegriff der Kreativität.</seg>
<seg id="14">Das ist der Hauptgrund, warum ich so dankbar dafür bin, Schauspieler zu sein.</seg>
<seg id="15">Wir haben also diese beiden machtvollen Gefühle: Aufmerksamkeit bekommen und aufmerksam sein.</seg>
<seg id="16">Natürlich haben neuen Technologien in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen dieses machtvolle Gefühl der Aufmerksamkeit erleben konnten.</seg>
<seg id="17">Für jede Art von kreativem Ausdruck, nicht nur für die Schauspielerei.</seg>
<seg id="18">Es konnte alles sein – Schreiben, Fotografie, Zeichnen, Musik. Die Vertriebskanäle wurden demokratisiert und das ist etwas Gutes.</seg>
<seg id="19">Ich denke aber, dass sich jeder kreative Mensch auf diesem Planeten unbeabsichtigten Folgen stellen muss. Ich zähle mich dazu, denn ich bin nicht immun dagegen.</seg>
<seg id="20">Ich denke, dass unsere Kreativität immer mehr ein Mittel zum Zweck wird und dieser Zweck ist es, Aufmerksamkeit zu bekommen.</seg>
<seg id="21">Ich fühle mich also dazu verpflichtet, dieses Thema anzusprechen. Meiner Erfahrung nach, fühle ich mich glücklicher, wenn ich mich auf mein Spiel konzentriere und aufmerksam bin.</seg>
<seg id="22">Je mehr ich mich jedoch darauf konzentriere, Aufmerksamkeit zu bekommen, desto unglücklicher bin ich.</seg>
<seg id="23">(Jemand klatscht) Und – danke.</seg>
<seg id="24">Der Grund dafür liegt in meiner Kindheit.</seg>
<seg id="25">Ich glaube, das erste Mal habe ich meine Schauspielerei benutzt, um Aufmerksamkeit zu bekommen als ich acht Jahre alt und im Sommerzeltlager war.</seg>
<seg id="26">Damals ging ich schon seit ungefähr einem Jahr zu Vorsprechen. Ich hatte das Glück, ein paar kleine Rollen in Fernsehserien und Werbespots zu ergattern und in diesem Sommerzeltlager habe ich viel damit angegeben.</seg>
<seg id="27">Zuerst hat das auch geklappt. Die anderen Kinder haben mir richtig viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil ich bei „Familienbande“ dabei gewesen war. Das ist ein Bild von mir in „Familienbande“.</seg>
<seg id="28">Dann hat sich das Blatt gewendet – ich glaube, ich habe es mit der Angeberei übertrieben.</seg>
<seg id="29">Die anderen Kinder haben begonnen, sich über mich lustig zu machen.</seg>
<seg id="30">Ich erinnere mich an dieses eine Mädchen, in das ich verknallt war, Rocky.</seg>
<seg id="31">Sie hieß Rachel, wurde aber Rocky genannt.</seg>
<seg id="32">Sie war wunderschön und konnte singen und ich war in sie verknallt und da stand ich und habe angegeben.</seg>
<seg id="33">Sie drehte sich zu mir um und nannte mich einen Angeber.</seg>
<seg id="34">Was ich zu 100 Prozent verdient habe.</seg>
<seg id="35">Aber, naja, es tat trotzdem echt weh.</seg>
<seg id="36">Seit diesem Sommer bin ich vorsichtiger, wenn es um die Aufmerksamkeit für meine Schauspielerei geht.</seg>
<seg id="37">Manchmal fragen mich die Menschen: „Warte mal, wenn du die Aufmerksamkeit nicht magst, warum bist du dann Schauspieler?“ Und ich sage dann: „Weil es beim Schauspielern nicht darum geht. Es geht um die Kunst.“ Dann sagen sie wiederum: „Alles klar, Kumpel“.</seg>
<seg id="38">Und dann kam Twitter und ich wurde richtig süchtig danach, wie jeder andere auch. Das machte mich allerdings zu einem absoluten Heuchler.</seg>
<seg id="39">Denn ich benutzte meine Schauspielerei, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ganz klar.</seg>
<seg id="40">Ich meine, warum hatte ich bloß so viele Follower? Wegen meiner brillanten Tweets?</seg>
<seg id="41">Ich dachte das tatsächlich. Ich sagte mir:</seg>
<seg id="42">„Sie mögen mich nicht nur, weil sie mich in ‚Batman‘ gesehen haben, sie mögen was ich sage. Ich kann mit Worten umgehen.“</seg>
<seg id="43">Und in Nullkommanichts begann sich das auf meinen so geliebten kreativen Prozess auszuwirken. Das tut es immer noch. Ich versuche, es nicht zuzulassen.</seg>
<seg id="44">Sagen wir mal, ich säße hier und würde ein Drehbuch lesen.</seg>
<seg id="45">Und anstatt zu denken, „Wie kann ich mich mit dieser Rolle identifizieren“ oder „Wie empfindet das Publikum die Geschichte?“, denke ich „Was wird man auf Twitter zu diesem Film sagen?“ und „Was werde ich darauf antworten, dass gut und bissig genug, aber nicht zu schroff ist, um viele Retweets zu bekommen? Menschen sind schnell genervt, aber ich möchte nicht abgeschrieben werden.“ Das sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich eigentlich ein Drehbuch lesen sollte und versuche, ein Künstler zu sein.</seg>
<seg id="46">Ich bin außerdem nicht hier, um Ihnen zu sagen, dass die Technologie der Feind von Kreativität ist.</seg>
<seg id="47">Das glaube ich nicht.</seg>
<seg id="48">Ich glaube, dass die Technologie ein Werkzeug ist.</seg>
<seg id="49">Sie hat das Potenzial, ungeahnte Kreativität zu fördern.</seg>
<seg id="50">Ich gründete sogar eine Online-Community namens HITRECORD, in der Menschen weltweit zusammen an allen möglichen kreativen Projekten arbeiten. Ich halte die sozialen Medien, Smartphones oder Technologie also nicht an und für sich für problematisch.</seg>
<seg id="51">Aber… wenn wir über die Gefahr sprechen, wie Kreativität dazu verwendet werden kann, um Aufmerksamkeit zu bekommen, dann müssen wir über das Geschäftsmodell großer Social-Media-Unternehmen von heute sprechen, die Aufmerksamkeit als treibende Kraft nutzen, oder?</seg>
<seg id="52">Einige von Ihnen wissen das wohl, doch stellt sich hier eine durchaus relevante Frage: Wie verdient eine Social-Media-Plattform wie Instagram ihr Geld?</seg>
<seg id="53">Sie bietet keinen Foto-Sharing-Dienst an – der ist kostenlos.</seg>
<seg id="54">Was verkauft sie also? Sie verkauft Aufmerksamkeit. Sie verkauft die Aufmerksamkeit der Nutzer an Werbetreibende.</seg>
<seg id="55">Und derzeit wird viel darüber diskutiert, wie viel Aufmerksamkeit wir Dingen wie Instagram widmen, aber ich habe folgende Frage: Wie bekommt Instagram so viel Aufmerksamkeit?</seg>
<seg id="56">Dafür sorgen wir. Immer dann, wenn jemand etwas auf Instagram postet, erhält die Person eine bestimmte Menge Aufmerksamkeit von ihren Followern, unabhängig davon, ob es wenige Follower oder ein paar Millionen Follower sind.</seg>
<seg id="57">Und je mehr Aufmerksamkeit man erhält, desto mehr Aufmerksamkeit kann Instagram verkaufen.</seg>
<seg id="58">Also liegt es im Interesse von Instagram, dass wir möglichst viel Aufmerksamkeit bekommen.</seg>
<seg id="59">Und deshalb werden wir darauf trainiert, diese Aufmerksam zu wollen, uns danach zu sehen, uns Sorgen zu machen, wenn wir nicht genug bekommen.</seg>
<seg id="60">Instagram macht seine Nutzer süchtig nach dem starken Gefühl, Aufmerksamkeit zu bekommen. Und mir ist bewusst, dass wir alle Scherze wie „Oh mein Gott, ich bin so handysüchtig“ machen, aber die Sucht ist real.</seg>
<seg id="61">Es ist eine eigene Wissenschaft.</seg>
<seg id="62">Wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen die Arbeit von Jaron Lanier, Tristan Harris und Nir Eyal empfehlen.</seg>
<seg id="63">Aber Folgendes kann ich Ihnen sagen. Die Sucht nach Aufmerksamkeit ist genau wie jede andere Sucht.</seg>
<seg id="64">Man bekommt nie genug.</seg>
<seg id="65">Zu Beginn denkt man: „Es wäre toll, wenn ich 1.000 Follower hätte.“ Aber dann denkt man: „Wenn ich 10.000 Follower habe,“ und „Wenn ich 100.000 – wenn ich eine Million Follower habe, dann fühle ich mich großartig.“</seg>
<seg id="66">Trotz meiner 4,2 Millionen Follower auf Twitter habe ich mich noch nie großartig gefühlt.</seg>
<seg id="67">Ich sage Ihnen nicht, wie viele es auf Instagram sind, denn ich schäme mich wirklich, weil es so wenige sind und ich mich erst bei Instagram anmeldete, nachdem „Batman“ herauskam.</seg>
<seg id="68">Ich suche also andere Schauspieler und ich sehe, dass sie mehr Follower haben als ich und ich fühle mich schrecklich.</seg>
<seg id="69">Denn die Anzahl der Follower sorgt dafür, dass wir uns alle schrecklich fühlen.</seg>
<seg id="70">Dieser Minderwertigkeitskomplex bringt uns dazu, etwas zu posten, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen und diese wird anschließend von Unternehmen verkauft, denn damit verdienen sie ihr Geld.</seg>
<seg id="71">Man kann also nie genug Aufmerksamkeit bekommen, um das Gefühl zu haben: „Super, jetzt reicht es mir.“</seg>
<seg id="72">Und natürlich gibt es viel berühmtere Schauspieler als mich, die mehr Follower haben, aber ich glaube, sie würden Ihnen wohl das Gleiche sagen.</seg>
<seg id="73">Wenn Ihre Kreativität vom Wunsch nach Aufmerksamkeit befeuert wird, werden Sie auf kreativer Ebene nie Erfüllung finden.</seg>
<seg id="74">Aber ich habe auch gute Nachrichten.</seg>
<seg id="75">Es gibt noch ein starkes Gefühl.</seg>
<seg id="76">Man kann mit seiner Aufmerksamkeit mehr tun, als sie von einem riesigen Technologieunternehmen steuern und verkaufen zu lassen.</seg>
<seg id="77">Es ist das Gefühl, über das ich gesprochen habe, als es darum ging, warum ich so gerne Schauspieler bin – man kann seine Aufmerksamkeit einer einzigen Sache widmen.</seg>
<seg id="78">Auch dazu gibt es eine eigene Wissenschaft.</seg>
<seg id="79">Psychologen und Neurowissenschaftler untersuchen ein Phänomen, den sogenannten „Flow“. Er spielt sich im Gehirn des Menschen ab, wenn man etwa seine Aufmerksamkeit auf eine einzige Sache fokussiert, z. B. auf etwas Kreatives, und man sich von nichts ablenken lässt.</seg>
<seg id="80">Es heißt, je öfter man das tut, umso glücklicher wird man.</seg>
<seg id="81">Ich bin zwar kein Psychologe oder Neurowissenschaftler, aber auf mich trifft das auf jeden Fall zu.</seg>
<seg id="82">Es ist nicht immer leicht, es ist schwer.</seg>
<seg id="83">Es erfordert Übung, einer Sache seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, jeder tut es auf seine Art. Wenn es eine Sache gibt, die ich mit Ihnen teilen kann und die mir dabei hilft mich zu konzentrieren und meine volle Aufmerksamkeit zu schenken, ist es diese: Ich versuche, andere Kreative nicht als meine Konkurrenten zu betrachten.</seg>
<seg id="84">Ich versuche, Kollegen zu finden.</seg>
<seg id="85">Wenn ich also eine Szene spiele und die anderen Schauspieler dabei als meine Konkurrenten betrachte und denke „Verdammt, sie bekommen mehr Aufmerksamkeit als ich, man wird mehr über ihre Performance sprechen als über meine“, dann habe ich den Fokus verloren.</seg>
<seg id="86">Und dann werde ich die Szene wahrscheinlich vermasseln.</seg>
<seg id="87">Aber wenn ich die anderen Schauspieler als Kollegen betrachte, dann ist es fast leicht, sich zu konzentrieren, weil ich nur ihnen meine Aufmerksamkeit schenke.</seg>
<seg id="88">Und ich muss nicht darüber nachdenken, was ich tue – ich reagiere auf das, was sie tun, sie reagieren auf das, was ich tue und wir stützen uns quasi gegenseitig.</seg>
<seg id="89">Ich möchte nicht, dass Sie denken, dass nur Schauspieler am Set so zusammenarbeiten können.</seg>
<seg id="90">Ich könnte mich in jeder erdenklichen kreativen Situation befinden – in einer professionellen Situation oder es könnte nur zum Spaß sein.</seg>
<seg id="91">Ich könnte mit Menschen zusammenarbeiten, die nicht mit mir im selben Raum sind.</seg>
<seg id="92">Tatsächlich entstanden meine besten Sachen mit Menschen, die ich nie persönlich getroffen habe.</seg>
<seg id="93">Und nebenbei bemerkt, ist das für mich das Schöne am Internet.</seg>
<seg id="94">Wenn wir aufhören, um Aufmerksamkeit zu kämpfen, dann wird das Internet ein idealer Ort, um Kollegen zu finden.</seg>
<seg id="95">Und sobald ich mit Anderen zusammenarbeite, egal ob am Set, online oder sonst irgendwo, fällt es mir viel leichter, diesen Flow zu finden, weil wir alle unsere Aufmerksamkeit der einen Sache widmen, die wir zusammen machen.</seg>
<seg id="96">Und ich fühle mich dann als Teil von etwas, das größer ist, als ich selbst. Und wir schützen uns quasi gegenseitig vor allem, was unsere Aufmerksamkeit erhaschen könnte und wir können alle einfach präsent sein.</seg>
<seg id="97">Zumindest funktioniert das für mich. Manchmal. Manchmal – es klappt nicht immer.</seg>
<seg id="98">Manchmal gerate ich immer noch in diese süchtig machende Spirale der Aufmerksamkeit.</seg>
<seg id="99">Sogar jetzt in diesem Moment, muss ich ehrlich gestehen, dass es einen Teil in mir gibt, der sagt: „Hey, schaut mich alle an, ich gebe einen TED-Talk!“</seg>
<seg id="100">Diesen Teil – diesen Teil gibt es.</seg>
<seg id="101">Aber ich kann auch ehrlich sagen, dass dieser ganze kreative Prozess, den Vortrag zu schreiben und zu halten, eine großartige Gelegenheit für mich war, um mich zu konzentrieren und einer Sache, die mir wirklich wichtig ist, meine volle Aufmerksamkeit zu schenken.</seg>
<seg id="102">Unabhängig davon, wie viel Aufmerksamkeit ich dadurch bekomme, ich bin froh, dass ich es tat.</seg>
<seg id="103">Und ich bin dankbar, dass Sie es mir ermöglicht haben.</seg>
<seg id="104">Also vielen Dank, das war‘s – Sie können Ihre Aufmerksamkeit jetzt jemand anderem schenken.</seg>
<seg id="105">Nochmals vielen Dank.</seg>
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<seg id="1">Ich erzähle diese Geschichte nun zum ersten Mal in der Öffentlichkeit, also die persönlichen Aspekte dieser Geschichte.</seg>
<seg id="2">Yogi Berra war ein weltbekannter Baseball-Spieler, der sagte: „Wenn sich ein neuer Weg auftut, nehmen Sie ihn.“ Seit mehr als einem Jahrhundert untersuchen Wissenschaftler das Immunsystem zur Bekämpfung von Krebs und Impfstoffe gegen Krebs waren bisher leider enttäuschend.</seg>
<seg id="3">Sie haben sich nur mit Krebsarten beschäftigt, die von Viren ausgelöst werden, wie Gebärmutterhalskrebs oder Leberkrebs.</seg>
<seg id="4">Krebsforscher haben im Prinzip die Idee verworfen, das Immunsystem zur Bekämpfung von Krebs zu nutzen.</seg>
<seg id="5">Und das Immunsystem ist mit Sicherheit nicht dazu da, Krebs zu bekämpfen; es ist dazu da, Erreger zu bekämpfen, die unseren Körper von außen befallen.</seg>
<seg id="6">Es hat also die Aufgabe, Bakterien und Viren zu töten.</seg>
<seg id="7">Das Immunsystem hat Probleme mit den meisten Krebsarten, da diese nicht von außen angreifen; sie entwickeln sich aus seinen eigenen Zellen.</seg>
<seg id="8">Daher nimmt das Immunsystem den Krebs entweder gar nicht als Gefahr wahr oder es greift ihn und unsere übrigen Zellen an, was Autoimmunerkrankungen wie Kolitis oder Multiple Sklerose zur Folge hat.</seg>
<seg id="9">Wie lässt sich dieses Problem umgehen?</seg>
<seg id="10">Wie sich herausstellte, liegt die Antwort in synthetischen Immunsystemen, die so konzipiert sind, dass sie Krebszellen erkennen und töten.</seg>
<seg id="11">Ganz genau -- ich sagte „Synthetisches Immunsystem“.</seg>
<seg id="12">Der Schlüssel dazu ist Gentechnik und synthetische Biologie.</seg>
<seg id="13">Wir haben dazu natürlichen Teile des Immunsystems verwendet, die sogenannten B- und T-Zellen.</seg>
<seg id="14">Sie dienten uns als Bausteine.</seg>
<seg id="15">T-Zellen töten mit Viren infizierte Zellen und B-Zellen stellen Antikörper her, die abgesondert werden und sich anschließend verbinden, um Bakterien abzutöten.</seg>
<seg id="16">Was würde wohl passieren, wenn man diese beiden Funktionen so verbindet, dass sie einem neuen Zweck dienen, nämlich der Bekämpfung von Krebs?</seg>
<seg id="17">Wir fanden heraus, dass man die Gene für Antikörper aus B-Zellen in T-Zellen einpflanzen kann.</seg>
<seg id="18">Wie genau funktioniert das?</seg>
<seg id="19">Wir haben ein HI-Virus als Trojanisches Pferd verwendet, um das Immunsystem der T-Zellen zu überwinden.</seg>
<seg id="20">Das Ergebnis ist eine Chimäre, eine feuerspeiende Kreatur aus der griechischen Mythologie mit dem Kopf eines Löwen, dem Körper einer Ziege und dem Schwanz einer Schlange.</seg>
<seg id="21">Wir beschlossen, die paradoxe Schöpfung, die wir mit den Antikörpern der B-Zellen, den T-Zellen als Träger und dem HIV-Trojaner geschaffen hatten, „Chimeric Antigen Receptor T-Zellen“ oder CAR-T-Zellen zu nennen.</seg>
<seg id="22">Das Virus schleust ebenfalls Geninformationen ein, um die T-Zellen zu aktivieren und ihren Tötungsmodus zu programmieren.</seg>
<seg id="23">Was passiert, wenn CAR-T-Zellen nun jemandem mit Krebs injiziert werden und ihren Ziel-Tumor erblicken und sich an ihn heften?</seg>
<seg id="24">Sie verhalten sich wie wahnsinnig stark aufgeladene Killer-T-Zellen auf Steroiden.</seg>
<seg id="25">Sie beginnen, das Verteidigungssystem im Körper einzureißen und teilen und vervielfachen sich buchstäblich millionenfach. Anschließend greifen sie den Tumor an und töten ihn.</seg>
<seg id="26">Das bedeutet, CAR-T-Zellen sind das erste lebendige Medikament der Medizin.</seg>
<seg id="27">CAR-T-Zellen eröffnen völlig neue Wege.</seg>
<seg id="28">Im Gegensatz zu herkömmlichen Medikamenten, die ihren Zweck erfüllen, verstoffwechselt werden und dann erneut eingenommen werden müssen, bleiben CAR-T-Zellen am Leben und verrichten ihre Arbeit jahrelang.</seg>
<seg id="29">Unsere Krebspatienten tragen die CAR-T-Zellen bereits seit über acht Jahren in ihrem Körper.</seg>
<seg id="30">Und bei diesen speziell angefertigten T-Zellen, den CAR-T-Zellen, gehen wir von einer Halbwertszeit von über 17 Jahren aus.</seg>
<seg id="31">Eine einzige Dosis reicht also aus und sie schützen Ihren Körper für den Rest Ihres Lebens.</seg>
<seg id="32">Das ist ein wahrer Paradigmenwechsel in der Medizin.</seg>
<seg id="33">Bei der Verabreichung der T-Zellen gab es allerdings eine große Herausforderung.</seg>
<seg id="34">Die einzige Quelle für T-Zellen, die für einen Patienten geeignet ist, sind seine eigenen T-Zellen, es sei denn Sie haben zufällig einen eineiigen Zwilling.</seg>
<seg id="35">Da haben die meisten von uns also Pech gehabt.</seg>
<seg id="36">Deshalb haben wir selbst CAR-T-Zellen erschaffen.</seg>
<seg id="37">Wir mussten lernen, die eigenen T-Zellen des Patienten wachsen zu lassen.</seg>
<seg id="38">Und in den 1990ern entwickelten wir dafür eine solide Plattform.</seg>
<seg id="39">1997 haben wir die CAR-T-Zellen dann erstmals bei Patienten mit AIDS in fortgeschrittenem Stadium getestet.</seg>
<seg id="40">Diese CAR-T-Zellen überlebten mehr als ein Jahrzehnt im Organismus der Patienten.</seg>
<seg id="41">Die Zellen stärkten auch das Immunsystem und senkten die Virenzahl, allerdings führten sie zu keiner Heilung.</seg>
<seg id="42">Also begaben wir uns wieder ins Labor und im Laufe der folgenden zehn Jahre verbesserten wir das Design der CAR-T-Zellen.</seg>
<seg id="43">Im Jahr 2010 begannen wir dann mit der Behandlung von Leukämiepatienten.</seg>
<seg id="44">Unser Team behandelte im Jahr 2012 drei Patienten mit fortgeschrittener chronischer lymphatischer Leukämie.</seg>
<seg id="45">Das ist eine Form von unheilbarer Leukämie, an der in Amerika circa 20.000 Erwachsene pro Jahr erkranken.</seg>
<seg id="46">Der erste Patient, den wir behandelten, war ein pensionierter Marinegeneral und Gefängniswärter.</seg>
<seg id="47">Ihm blieben nur noch wenige Wochen zu leben und er hatte bereits für sein eigenes Begräbnis bezahlt.</seg>
<seg id="48">Die Zellen wurden injiziert und innerhalb weniger Tage bekam er hohes Fieber.</seg>
<seg id="49">Es kam zu multiplem Organversagen, er wurde auf die Intensivstation verlegt und lag im Koma.</seg>
<seg id="50">Wir waren uns sicher, dass er sterben würde, und erwiesen ihm bereits die letzte Ehre.</seg>
<seg id="51">Doch dann tat sich ein neuer Weg auf.</seg>
<seg id="52">Ungefähr 28 Tage nachdem die CAR-T-Zellen injiziert wurden, wachte er auf, und als die Ärzte ihn untersuchten, war der Krebs verschwunden.</seg>
<seg id="53">Die riesigen Massen von einst waren geschmolzen.</seg>
<seg id="54">Knochenmarkbiopsien ergaben keine Anzeichen von Leukämie und seit diesem Zeitpunkt vor acht Jahren, als wir unsere ersten drei Patienten behandelten, verzeichnen zwei von ihnen einen dauerhaften Rückgang und einer einen teilweisen Rückgang.</seg>
<seg id="55">Die CAR-T-Zellen hatten die Leukämie in den Patienten angegriffen und zwischen 2,9 und 7,7 Pfund Tumorgewebe aufgelöst.</seg>
<seg id="56">Ihr Körper hatte sich in einen regelrechten Bioreaktor für diese CAR-T-Zellen verwandelt, der Millionen und Abermillionen von CAR-T-Zellen in Knochenmark, Blut und Tumormasse produziert.</seg>
<seg id="57">Wir fanden außerdem heraus, dass diese CAR-T-Zellen viel stärker sind als ihre eigene Gewichtsklasse, um eine Box-Analogie zu verwenden.</seg>
<seg id="58">Eine einzige CAR-T-Zelle kann 1.000 Tumorzellen töten.</seg>
<seg id="59">Ganz genau -- ein Verhältnis von Eins zu Tausend.</seg>
<seg id="60">Die CAR-T-Zellen und ihre Ableger können sich im Körper teilen und teilen und teilen, bis die letzte Tumorzelle verschwunden ist.</seg>
<seg id="61">In der Geschichte der Krebsforschung ist das einzigartig.</seg>
<seg id="62">Die ersten beiden Patienten, bei denen ein vollständiger Rückgang verzeichnet werden konnte, sind bis heute nicht mehr von Leukämie betroffen, und wir betrachten sie als geheilt.</seg>
<seg id="63">Diesen Leuten blieb kein Ausweg mehr und trotz aller traditioneller Behandlungsmethoden erinnerten sie an eine Art Lazarus der Moderne.</seg>
<seg id="64">Ich kann nur eines sagen: Zum Glück tun sich immer neue Wege auf.</seg>
<seg id="65">Als nächstes holten wir die Genehmigung zur Behandlung von Kindern mit akuter Leukämie ein, der häufigsten Krebsform bei Kindern.</seg>
<seg id="66">Die erste Patientin, die wir für die Versuchsreihe auswählten, war Emily Whitehead. Sie war damals sechs Jahre alt.</seg>
<seg id="67">Sie hatte sich bereits seit Jahren immer wieder Chemotherapien und Strahlenbehandlungen unterzogen, doch ihre Leukämie kam jedes Mal zurück.</seg>
<seg id="68">Dreimal, um genau zu sein.</seg>
<seg id="69">Bei unserem ersten Treffen war Emily sehr krank.</seg>
<seg id="70">Ihre offizielle Diagnose lautete fortgeschrittene, unheilbare Leukämie.</seg>
<seg id="71">Der Krebs hatte ihr Knochenmark, ihre Leber und ihre Milz befallen.</seg>
<seg id="72">Und auch nachdem wir ihr die CAR-T-Zellen im Frühjahr 2012 injizierten, verbesserte sich ihr Zustand in den kommenden Tagen nicht.</seg>
<seg id="73">Im Gegenteil: Ihr Zustand wurde schlechter und schlechter.</seg>
<seg id="74">Genau wie unser Gefängniswärter zwei Jahre zuvor, wurde auch sie im Jahr 2012 auf die Intensivstation verlegt und dies war der furchteinflößendste Weg in dieser ganzen Geschichte.</seg>
<seg id="75">Am dritten Tag fiel sie ins Koma und war auf Grund von Nierenversagen, Lungenversagen und Koma auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen.</seg>
<seg id="76">Drei Tage lang hatte sie bis zu 106 °F hohes Fieber.</seg>
<seg id="77">Und wir hatten keine Ahnung, wodurch dieses Fieber ausgelöst wurde.</seg>
<seg id="78">Wir führten sämtliche Standard-Bluttests für Infektionen durch, doch wir konnten keine Infektionsursache für ihr Fieber entdecken.</seg>
<seg id="79">Allerdings fanden wir etwas sehr Ungewöhnliches in ihrem Blut, was in der Geschichte der Medizin noch nie entdeckt worden war.</seg>
<seg id="80">Ihr Blut wies ein erhöhtes Vorkommen des Proteins Interleukin-6 oder IL-6 auf.</seg>
<seg id="81">Tatsächlich lag der Wert mehr als das Tausendfache über dem Normalwert.</seg>
<seg id="82">Und genau da tat sich mal wieder ein neuer Weg auf.</seg>
<seg id="83">Es ist purer Zufall, dass eine meiner Töchter eine Form der juvenilen Arthritis hat.</seg>
<seg id="84">Deshalb hatte ich als Krebsforscher experimentelle Therapien für die Arthritis meiner Tochter verfolgt, für den Fall, dass sie sie brauchen würde.</seg>
<seg id="85">Und so geschah es, dass nur wenige Monate bevor Emily ins Krankenhaus kam, ein neuer Wirkstoff zur Behandlung erhöhter Werte von Interleukin-6 durch die FDA zugelassen wurde. Und dieser Wirkstoff wurde für die Arthritis genehmigt, unter der meine Tochter litt.</seg>
<seg id="86">Er trägt den Namen Tocilizumab.</seg>
<seg id="87">Und er war gerade in die Arzneimittelkammer von Emilys Krankenhaus zur Behandlung von Arthritis aufgenommen worden.</seg>
<seg id="88">Als wir also die extrem hohen IL-6-Werte bei Emily bemerkten, kontaktierte ich ihre Ärzte auf der Intensivstation und sagte: „Wieso behandeln Sie sie nicht mit diesem Arthritis-Medikament?“ Sie antworteten, dieser Vorschlag sei verrückt.</seg>
<seg id="89">Doch da ihr Fieber und ihr niedriger Blutdruck auf keine andere Therapie ansprachen, holte der Arzt schnell die Genehmigung des Institutional Review Board sowie ihrer Eltern ein und natürlich waren alle einverstanden.</seg>
<seg id="90">Also probierten sie es, und die Ergebnisse waren atemberaubend.</seg>
<seg id="91">Innerhalb weniger Stunden nach der Verabreichung von Tocilizumab verbesserte sich Emilys Zustand rapide.</seg>
<seg id="92">23 Tage nach der Behandlung wurde sie für krebsfrei erklärt.</seg>
<seg id="93">Heute ist sie 12 Jahre alt und noch immer beschwerdefrei.</seg>
<seg id="94">Die heftige Reaktion auf die Verabreichung der CAR-T-Zellen mit hohem Fieber und Koma bezeichnen wir als Zytokin-Freisetzungssyndrom oder CRS.</seg>
<seg id="95">Diese Reaktion zeigt sich bei nahezu allen Patienten, bei denen die Behandlung anspricht.</seg>
<seg id="96">Paradoxerweise hoffen unsere Patienten jetzt, nach der Behandlung mit CAR-T-Zellen hohes Fieber zu bekommen, das sich anfühlt wie „die schlimmste Grippe ihres Lebens“.</seg>
<seg id="97">Sie wünschen sich diese Reaktion, da sie wissen, dass sie Teil des Weges zur Besserung ist.</seg>
<seg id="98">Doch leider kann nicht jeder Patient geheilt werden.</seg>
<seg id="99">Diejenigen, die nicht von CRS befallen werden, können meist nicht geheilt werden.</seg>
<seg id="100">Es besteht also ein starker Zusammenhang zwischen CRS und der Fähigkeit des Immunsystems, Leukämie zu bekämpfen.</seg>
<seg id="101">Deshalb genehmigte die FDA im vergangenen Sommer neben CAR-T-Zellen zur Behandlung von Leukämie auch den Einsatz von Tocilizumab zur Bekämpfung der Auswirkungen von IL-6 und des damit einhergehenden CRS bei diesen Patienten.</seg>
<seg id="102">Eine solche Entscheidung war bis dahin sehr ungewöhnlich in der Geschichte der Medizin.</seg>
<seg id="103">Emiliys Ärzte haben seitdem weitere Testreihen durchgeführt und berichtet, dass bei 27 von 30 Patienten, den ersten 30, die wir behandelten, oder bei 90 %, innerhalb eines Monats nach Verabreichung der CAR-T-Zellen ein vollständiger Rückgang der Krankheit verzeichnet werden konnte.</seg>
<seg id="104">In den über 50 Jahren der Krebsforschung hat es einen vollständigen Rückgang bei 90 % der Patienten mit Krebs in fortgeschrittenem Stadium noch nie gegeben.</seg>
<seg id="105">Häufig sprechen Unternehmen bei Krebsstudien bereits von einem Erfolg, wenn nur 15 % der Patienten vollständig auf die Behandlung ansprechen.</seg>
<seg id="106">Im Jahr 2013 erschien eine bemerkenswerte Studie im „New England Journal of Medicine“.</seg>
<seg id="107">Eine internationale Studie bestätigt diese Ergebnisse seitdem.</seg>
<seg id="108">Und sie führte zur Zulassung durch die FDA für Leukämie bei Kindern und Jugendlichen im August 2017.</seg>
<seg id="109">Als erste zugelassene Zell- und Gentherapie in der Geschichte wurde die CAR-T-Zell-Therapie nun auch bei Erwachsenen mit refraktären Lymphomen angewendet.</seg>
<seg id="110">In Amerika erkranken rund 20.000 Menschen pro Jahr daran.</seg>
<seg id="111">Die Ergebnisse waren ebenso beeindruckend und haben bis heute Bestand.</seg>
<seg id="112">Vor sechs Monaten genehmigte die FDA dann die Behandlung fortgeschrittener Lymphome mit CAR-T-Zellen.</seg>
<seg id="113">Zahlreiche Labore sowie Ärzte und Wissenschaftler auf der ganzen Welt haben die CAR-T-Zellen bei vielen verschiedenen Krankheiten getestet und verständlicherweise sind wir alle fasziniert von der Geschwindigkeit, mit der wir dabei Fortschritte erzielen.</seg>
<seg id="114">Wir sind unendlich dankbar dafür, dass Patienten, die vorher im Sterben lagen, so wie Emily wieder gesund werden.</seg>
<seg id="115">Es freut uns immens, Rückgänge über lange Zeiträume hinweg zu sehen, die man als Heilung bezeichnen kann.</seg>
<seg id="116">Gleichzeitig machen wir uns jedoch Sorgen um die Finanzierung.</seg>
<seg id="117">Die Herstellung der CAR-T-Zellen für jeden einzelnen Patienten kann bis zu 150.000 Dollar kosten.</seg>
<seg id="118">Und berechnet man die Kosten für die Behandlung und weitere Komplikationen ein, kann sich die Summe auf bis zu 1 Million Dollar belaufen.</seg>
<seg id="119">Die Kosten bei Scheitern der Therapie sind sogar noch größer.</seg>
<seg id="120">Derzeitige Krebstherapien, die keine Heilung bringen, sind ebenfalls teuer und noch dazu stirbt der Patient.</seg>
<seg id="121">Deshalb möchten wir die Forschung natürlich weiter vorantreiben, damit die Behandlung effizienter wird und alle Patienten sie sich leisten können.</seg>
<seg id="122">Glücklicherweise steht dieser neue Bereich noch ganz am Anfang und wie bei vielen anderen neuartigen Therapien und Dienstleistungen werden die Preise mit zunehmender Effizienz sinken.</seg>
<seg id="123">Wenn ich an all die neuen Wege denke, die die Entwicklung der CAR-T-Zell-Therapie erst ermöglicht haben, wird mir eines bewusst.</seg>
<seg id="124">Entdeckungen wie diese geschehen nicht über Nacht.</seg>
<seg id="125">Die CAR-T-Zell-Therapie ist das Ergebnis einer 30 Jahre langen Reise voller Rückschläge und Überraschungen.</seg>
<seg id="126">In unserer heutigen Welt der sofortigen Befriedigung und des Informationsangebots rund um die Uhr benötigen Wissenschaftler Durchhaltevermögen, Weitsicht und Geduld, um sich von all dem zu lösen.</seg>
<seg id="127">Sie müssen erkennen, dass die Abzweigung nicht immer eine Katastrophe oder ein Umweg ist; auch wenn wir es nicht direkt erkennen, kann eine Abzweigung auch den Weg nach Hause bedeuten.</seg>
<seg id="128">Vielen herzlichen Dank.</seg>
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<seg id="1">Vor fünf Jahren gab es diesen sehr interessanten Moment.</seg>
<seg id="2">Mein Mann und ich waren gerade im Supermarkt als wir diesen schicken, organischen, Fair Trade-Kaffee aus Kenia sahen und ihn uns gönnten.</seg>
<seg id="3">Und genau da hat das Problem begonnen.</seg>
<seg id="4">Mein Mann war sofort überzeugt, diese Mischung sei besser als unser üblicher, viel günstigerer Kaffee. Da musste ich an ein Leben denken, das nur auf schickem Kaffee aufgebaut ist, und ich sah schon, wie unser Haushaltsbudget durch die Decke schoss.</seg>
<seg id="5">Und was noch schlimmer war... Ich befürchtete auch, dass diese Investition umsonst war.</seg>
<seg id="6">Dass wir überhaupt keinen Unterschied feststellen würden.</seg>
<seg id="7">Leider hatte mein Mann zu seinem Leidwesen für einen Moment vergessen, dass er mit einer Neurowissenschaftlerin verheiratet ist, deren Spezialgebiet die Ernährungswissenschaft ist.</seg>
<seg id="8">Sie verstehen? Also ohne weitere Umschweife, ich habe ihn getestet.</seg>
<seg id="9">Bei meinem Versuchsaufbau habe ich ihm zuerst die Augen verbunden.</seg>
<seg id="10">Dann brühte ich die beiden Kaffeesorten auf und sagte ihm, dass ich sie ihm nacheinander servieren würde.</seg>
<seg id="11">Mit voller Überzeugung beschrieb mein Mann die erste Tasse Kaffee als roh und bitter.</seg>
<seg id="12">Ein Kaffee, der perfekt für den Morgen ist und dessen einziges Ziel es ist, den Körper durch seinen strengen Geschmack wachzurütteln.</seg>
<seg id="13">Die zweite Tasse Kaffee war dagegen fruchtig und köstlich.</seg>
<seg id="14">Also ein Kaffee, den man am Abend zum Entspannen genießen kann.</seg>
<seg id="15">Mein Mann wusste allerdings nicht, dass ich ihm überhaupt nicht beide Kaffeesorten serviert hatte.</seg>
<seg id="16">Ich hatte ihm denselben Kaffee zweimal serviert.</seg>
<seg id="17">Und natürlich hatte diese eine Tasse Kaffee nicht zuerst schrecklich und dann großartig geschmeckt.</seg>
<seg id="18">Nein, der Geschmacksunterschied entstammte ausschließlich dem Gehirn meines Mannes.</seg>
<seg id="19">Seine Voreingenommenheit gegenüber dem schicken Kaffee ließ ihn einen Unterschied schmecken, den es gar nicht gab.</seg>
<seg id="20">Nachdem ich also unser Haushaltsbudget gerettet und mich köstlich amüsiert hatte --</seg>
<seg id="21">fing ich an, mich zu fragen, wie eine einzige Tasse Kaffee zwei so unterschiedliche Reaktionen hervorrufen konnte.</seg>
<seg id="22">Wieso machte mein Mann eine so überzeugte Aussage und riskierte damit, für den Rest seines Lebens verspottet zu werden?</seg>
<seg id="23">Es mag Sie vielleicht überraschen, aber ich glaube, Sie hätten dasselbe getan.</seg>
<seg id="24">Und genau das ist die größte Herausforderung auf meinem Gebiet: die Wahrheit aus den Reaktionen, die wir wahrnehmen, herauszufiltern.</seg>
<seg id="25">Denn wie sollen wir Nahrungsmittel schmackhafter machen, wenn wir uns nicht darauf verlassen können, was die Leute angeblich mögen?</seg>
<seg id="26">Für ein besseres Verständnis sehen wir uns zunächst an, wie wir Nahrung überhaupt wahrnehmen.</seg>
<seg id="27">Wenn ich eine Tasse Kaffee trinke, nehme ich den Kaffee über Rezeptoren in meinem Körper wahr, Informationen werden in aktivierte Neuronen in meinem Gehirn umgewandelt.</seg>
<seg id="28">Bestimmte Wellenlängen des Lichts werden in Farben umgewandelt.</seg>
<seg id="29">Moleküle in der Flüssigkeit werden von den Rezeptoren in meinem Mund erkannt und einer der fünf Grundgeschmacksrichtungen zugeordnet.</seg>
<seg id="30">Das sind salzig, sauer, bitter, süß und umami.</seg>
<seg id="31">Moleküle in der Luft werden von den Rezeptoren in meiner Nase erkannt in Gerüche umgewandelt.</seg>
<seg id="32">Dasselbe gilt für Berührung, Temperatur, Klang und vieles mehr. All diese Informationen werden von meinen Rezeptoren erkannt und in Signale zwischen den Neuronen meines Gehirns umgewandelt.</seg>
<seg id="33">Informationen, die anschließend miteinander verknüpft werden, damit mein Gehirn erkennt, ja, ich habe gerade Kaffee getrunken, und ja, er hat mir geschmeckt.</seg>
<seg id="34">Erst dann, nach all diesen Neuronenvorgängen, nehmen wir die Tasse Kaffee bewusst wahr.</seg>
<seg id="35">Und genau hier kommt es häufig zu einer falschen Wahrnehmung.</seg>
<seg id="36">Die Leute denken oft, das, was wir bewusst wahrnehmen, muss die absolut korrekte Reflektion der Realität sein.</seg>
<seg id="37">Doch wie gerade erklärt, liegen viele Stufen der neuronalen Interpretation zwischen dem physischen Objekt und dessen bewusster Wahrnehmung.</seg>
<seg id="38">Das bedeutet, dass die bewusste Wahrnehmung die Realität in manchen Fällen überhaupt nicht widerspiegelt.</seg>
<seg id="39">Genauso wie es meinem Mann erging.</seg>
<seg id="40">Der Grund dafür ist, dass die physische Stimulation manchmal so schwach ist, dass sie die Schwelle zu unserer bewussten Wahrnehmung gar nicht durchbrechen kann. Stattdessen werden die Informationen, die es doch schaffen, von unserer versteckten Voreingenommenheit verdreht.</seg>
<seg id="41">Und wir alle sind voreingenommen.</seg>
<seg id="42">Oh ja, wenn Sie gerade dasitzen und denken... Sie hätten bestimmt besser abgeschnitten als mein Mann, Sie hätten den Kaffee bestimmt korrekt erkannt, dann handeln Sie bereits voreingenommen.</seg>
<seg id="43">Diese Voreingenommenheit nennt sich „Bias Blind Spot“.</seg>
<seg id="44">Unsere Tendenz, uns selbst als weniger voreingenommen zu betrachten als andere.</seg>
<seg id="45">Und ja, wir können sogar voreingenommen gegenüber der Voreingenommenheit sein, von der wir voreingenommen sind.</seg>
<seg id="46">Ich weiß, das macht es nicht wirklich einfacher.</seg>
<seg id="47">Eine solche Tendenz, die wir aus der Lebensmittelbranche kennen, ist die Höflichkeit.</seg>
<seg id="48">Dabei geben wir eine Meinung ab, die wir für sozial akzeptabel halten, doch sie ist definitiv nicht unsere eigene Meinung.</seg>
<seg id="49">Als Lebensmittelforscherin ist das ein Problem für mich, denn meinen die Leute es ernst, wenn sie sagen, sie mögen meinen neuen Milkshake mit weniger Zucker?</seg>
<seg id="50">Oder sagen sie, dass sie ihn mögen, weil sie wissen, dass ich zuhöre und sie mich zufriedenstellen möchten?</seg>
<seg id="51">Oder vielleicht damit ich denke, dass sie fit und gesund sind. Ich weiß es nicht. Aber was noch schlimmer ist, sie wissen es selbst nicht.</seg>
<seg id="52">Selbst Lebensmittelprüfer, denen explizit beigebracht wurde, den Geruchs- und Geschmacksinn zu entwirren, können trotzdem voreingenommen sein und Produkte als süßer bewerten, wenn sie Vanille enthalten. Warum? Bestimmt nicht, weil Vanille tatsächlich süß schmeckt.</seg>
<seg id="53">Es liegt daran, dass sogar diese Fachleute menschlich sind und, wie wir auch, bereits viele Desserts gegessen haben und dadurch gelernt haben, Süße mit Vanille zu assoziieren.</seg>
<seg id="54">Der Geschmack und der Geruch sowie andere sensorische Informationen sind untrennbar in unserem Bewusstsein miteinander verbunden.</seg>
<seg id="55">Einerseits können wir das nutzen.</seg>
<seg id="56">Wir können diese bewussten Erfahrungen, diese Informationen, nutzen und ausnutzen, indem wir Vanille statt Zucker zum Süßen unserer Produkte verwenden.</seg>
<seg id="57">Aber andererseits wüsste ich trotz dieser bewussten Beurteilungen nicht, ob den Leuten der Milkshake mit weniger Zucker wirklich schmeckt.</seg>
<seg id="58">Wie also umgehen wir das Problem?</seg>
<seg id="59">Wie können wir überhaupt feststellen, was bei der bewussten Beurteilung von Essen wahr ist?</seg>
<seg id="60">Dazu muss die Barriere des Bewusstseins entfernt und stattdessen die Information unmittelbar im Gehirn genutzt werden.</seg>
<seg id="61">Und wie sich herausstellt, beherbergt unser Gehirn eine Menge faszinierender Geheimnisse.</seg>
<seg id="62">Unser Gehirn empfängt vom ganzen Körper unentwegt sensorische Informationen, von denen wir die meisten gar nicht mitbekommen, wie die Geschmacksinformationen, die ich ständig vom Magen-Darm-Trakt erhalte.</seg>
<seg id="63">Und mein Gehirn reagiert auch auf all diese sensorischen Informationen.</seg>
<seg id="64">Es verändert ohne mein Wissen mein Verhalten und kann den Durchmesser meiner Pupillen vergrößern, wenn ich etwas erlebe, das mir wirklich gefällt.</seg>
<seg id="65">Darüber hinaus kann es meine Schweißproduktion leicht erhöhen, wenn dieses Gefühl intensiv war.</seg>
<seg id="66">Und mithilfe von Hirnscans können wir diese Informationen im Gehirn nun auswerten.</seg>
<seg id="67">Genauer gesagt, nutze ich eine Hirnscan-Technologie namens Elektroenzephalographie oder kurz „EEG“, bei der eine mit Elektroden versehene Haube getragen wird, in meinem Fall sind es 128 Elektroden.</seg>
<seg id="68">Anschließend misst jede Elektrode die elektrische Aktivität des Gehirns bis auf die Millisekunde genau.</seg>
<seg id="69">Das Problem ist jedoch, dass nicht nur das Gehirn eine elektrische Aktivität aufweist, sondern auch der restliche Körper und die Umgebung, in der ständig viel elektrische Aktivität stattfindet.</seg>
<seg id="70">Für meine Untersuchungen musste ich dieses „Störgeräusch“ zunächst minimieren.</seg>
<seg id="71">Deshalb bitte ich meine Teilnehmer darum, mehrere Dinge zu tun.</seg>
<seg id="72">Zunächst bitte ich sie, ihren Kopf auf eine Kinnstütze zu legen, um unnötige Muskelbewegungen zu vermeiden.</seg>
<seg id="73">In der Zwischenzeit bitte ich sie außerdem darum, auf die Mitte eines Computerbildschirms zu schauen, um unnötige Augenbewegungen und Zwinkern zu vermeiden.</seg>
<seg id="74">Und da sogar Schlucken ein Problem darstellt, bitte ich meine Teilnehmer, ihre Zunge über eine Glasschüssel auszustrecken. Dann gebe ich kontinuierlich geschmackliche Reize auf die Zunge, die anschließend in diese Schüssel tropfen.</seg>
<seg id="75">Zur Vervollständigung dieses schönen Bildes stelle ich meinen Teilnehmern ebenfalls einen Latz zur Verfügung, den es in pink oder blau gibt – wie es ihnen gefällt.</seg>
<seg id="76">Eine vollkommen normale Art zu essen, oder?</seg>
<seg id="77">Nein, offensichtlich nicht. Und schlimmer ist noch, dass ich keinen Einfluss darauf habe, was meine Teilnehmer denken. Deshalb muss ich den Geschmackstest mehrmals wiederholen.</seg>
<seg id="78">Vielleicht denken sie beim ersten Mal an das kostenlose Essen, dass ich ihnen für Ihre Teilnahme anbiete. Oder vielleicht denken sie beim zweiten Mal daran, dass bald Weihnachten ist und daran, was sie ihrer Mutter dieses Jahr schenken könnten.</seg>
<seg id="79">Aber was alle Reaktionen gemeinsam haben, ist die Reaktion auf den Geschmack.</seg>
<seg id="80">Deshalb wiederhole ich den Geschmackstest mehrmals und zwar 60 Mal.</seg>
<seg id="81">Dann ermittle ich den Durchschnitt der Reaktionen, da sich die Reaktionen ohne Bezug auf den Geschmack ausgleichen.</seg>
<seg id="82">Denn mit dieser Methode ermitteln wir und andere Labore, wie lange es von „Essen berührt die Zunge“ bis zu dem Punkt dauert, an dem das Gehirn den Geschmack erkennt.</seg>
<seg id="83">Das passiert tatsächlich bereits in den ersten 100 Millisekunden, etwa eine halbe Sekunde, bevor wir es überhaupt wahrnehmen.</seg>
<seg id="84">Anschließend untersuchten wir ebenfalls den Geschmacksunterschied zwischen Zucker und Süßungsmitteln, die in unserem Versuchsaufbau sehr ähnlich schmecken.</seg>
<seg id="85">Sie schmeckten in der Tat so ähnlich, dass die Hälfte meiner Teilnehmer den Unterschied kaum und die andere Hälfte überhaupt nicht schmeckte.</seg>
<seg id="86">Doch beim Blick auf die gesamte Teilnehmergruppe stellten wir erstaunlicherweise fest, dass ihre Gehirne den Unterschied definitiv feststellen konnten.</seg>
<seg id="87">Mithilfe des EEG und anderen Hirnscan-Geräten sowie anderen physiologischen Messungen, wie Schweiß und Pupillengröße, erhalten wir neue Einblicke in unser Gehirn.</seg>
<seg id="88">Einblicke, mit denen wir dir Barriere des Bewusstseins entfernen können, um die Voreingenommenheit von Menschen zu durchschauen und unterbewusste Geschmacksunterschiede möglicherweise erfassen zu können.</seg>
<seg id="89">Da wir nun die allererste Reaktion von Menschen auf Essen messen können, bevor sie sich dessen bewusstwerden und bevor sie darüber nachdenken, ob sie es mögen.</seg>
<seg id="90">Wir können die Gesichtsausdrücke von Menschen messen, wir können messen, wohin sie schauen, wir können die Schweißreaktion und die Reaktion des Gehirns messen.</seg>
<seg id="91">Denn dank all dieser Messungen können wir leckerere Lebensmittel herstellen, weil wir messen können, ob Leuten der Milkshake mit weniger Zucker wirklich schmeckt.</seg>
<seg id="92">Darüber hinaus können wir gesündere Lebensmittel herstellen, ohne Abstriche beim Geschmack zu machen, weil wir die Reaktion auf verschiedene Süßungsmittel messen und das Süßungsmittel bestimmen können, das eine ähnliche Reaktion wie Zucker hervorruft.</seg>
<seg id="93">Außerdem können wir bei der Herstellung gesünderer Lebensmittel helfen, da wir zum Verständnis beitragen können, wie wir Lebensmittel überhaupt wahrnehmen.</seg>
<seg id="94">Denn darüber wissen wir erstaunlich wenig.</seg>
<seg id="95">So wissen wir beispielsweise, dass es die fünf grundlegenden Geschmacksrichtungen gibt, aber wir gehen stark davon aus, dass es mehr gibt. Mit unserem EEG-Versuchsaufbau fanden wir tatsächlich Beweise dafür, dass Fett nicht nur durch seine Textur und seinen Geruch wahrgenommen wird, sondern auch geschmeckt wird.</seg>
<seg id="96">Das bedeutet, dass Fett die sechste grundlegende Geschmacksrichtung sein könnte.</seg>
<seg id="97">Und wenn wir herausfinden, wie unser Gehirn Fett und Zucker erkennt – und ich phantasiere hier nur – könnten wir dann eines Tages einen Milchshake ohne Kalorien herstellen, der wie ein richtiger Milchshake schmeckt?</seg>
<seg id="98">Oder vielleicht finden wir heraus, dass wir das nicht können, weil Kalorien unterbewusst durch die Rezeptoren in unserem Magen-Darm-Trakt erkannt werden.</seg>
<seg id="99">Das wird die Zukunft zeigen.</seg>
<seg id="100">Das bewusste Erleben von Lebensmitteln ist nur die Spitze des Eisbergs, wenn es um die gesamte Wahrnehmung von Essen geht.</seg>
<seg id="101">Und indem wir die gesamte Wahrnehmung, sowohl unterbewusst als auch bewusst, untersuchen, bin ich überzeugt davon, dass wir leckerere und gesündere Lebensmittel für jedermann herstellen können.</seg>
<seg id="102">Vielen Dank.</seg>
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<seg id="1">Die Geschichte, die ich Ihnen heute erzählen werde, begann für mich im Jahr 2006.</seg>
<seg id="2">Damals hörte ich zum ersten Mal vom Ausbruch einer mysteriösen Krankheit, die sich im Regenwald des Amazonas in Peru ausbreitete.</seg>
<seg id="3">Die Menschen, die sich mit dieser Krankheit infizierten, litten an schrecklichen Symptomen – einfach grauenhaft.</seg>
<seg id="4">Sie hatten unglaublich starke Kopfschmerzen, sie konnten weder essen noch trinken.</seg>
<seg id="5">Manche hatten Wahnvorstellungen und waren verwirrt und aggressiv.</seg>
<seg id="6">Das Tragischste daran war, dass viele der Opfer Kinder waren.</seg>
<seg id="7">Und keiner der Infizierten überlebte.</seg>
<seg id="8">Es stellte sich heraus, dass sie an einem Virus erkrankten, doch es war nicht Ebola, es war nicht das Zika-Virus, es war nicht einmal ein neues, der Wissenschaft noch unbekanntes Virus.</seg>
<seg id="9">Diese Menschen starben an einem uralten Virus, das wir seit Jahrhunderten kennen.</seg>
<seg id="10">Sie starben an Tollwut.</seg>
<seg id="11">Und was sie alle gemeinsam hatten, war, dass sie im Schlaf von dem einzigen Säugetier gebissen wurden, dass sich ausschließlich von Blut ernährt – der gemeinen Vampirfledermaus.</seg>
<seg id="12">Diese Ausbrüche, bei denen ein Virus von Fledermäusen auf den Menschen übertragen wird, haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen.</seg>
<seg id="13">Im Jahr 2003 war es SARS.</seg>
<seg id="14">Das Virus tauchte auf chinesischen Viehmärkten auf und verbreitete sich weltweit.</seg>
<seg id="15">Wie in Peru wurde das Virus letztlich zu Fledermäusen zurückverfolgt, welche es vermutlich seit Jahrhunderten unbemerkt in sich trugen.</seg>
<seg id="16">Dann zehn Jahre später tritt Ebola in Westafrika auf, was so ziemlich jeden überrascht hat. Denn Stand der Wissenschaft war damals, dass Ebola eigentlich gar nicht in Westafrika sein sollte.</seg>
<seg id="17">Darauf folgte der größte und umfangreichste Ebola-Ausbruch aller Zeiten.</seg>
<seg id="18">Es gibt hier also einen verstörenden Trend.</seg>
<seg id="19">Tödliche Viren tauchen an Orten auf, an denen wir sie am wenigsten erwarten und als globale Gesundheitsgemeinschaft sind wir immer auf der Hut.</seg>
<seg id="20">In diesem ewigen Kampf jagen wir stets dem nächsten Ausbruch hinterher und versuchen, Epidemien im Keim zu ersticken, nachdem sie bereits ausgebrochen sind.</seg>
<seg id="21">Jetzt, da jährlich neue Krankheiten auftauchen, sollen wir vielleicht endlich darüber nachdenken, was wir tun können.</seg>
<seg id="22">Wenn wir einfach auf den nächsten Ebola-Ausbruch warten, kommen wir beim nächsten Mal möglicherweise nicht mehr davon.</seg>
<seg id="23">Es könnte ein anderes Virus auftreten, das viel tödlicher ist und das sich besser unter Menschen ausbreitet, oder das all unseren Impfungen standhält und dem wir wehrlos ausgeliefert sind.</seg>
<seg id="24">Können wir Pandemien vorhersagen? Können wir sie aufhalten?</seg>
<seg id="25">Diese Fragen sind schwer zu beantworten, weil die Pandemien, die sich weltweit ausbreiten und die wir wirklich vorhersagen wollen, nur sehr selten auftreten.</seg>
<seg id="26">Für uns als Spezies ist das eine gute Sache – deshalb leben wir noch.</seg>
<seg id="27">Aber aus wissenschaftlicher Sicht ist das ein kleines Problem.</seg>
<seg id="28">Denn wenn etwas nur ein oder zwei Mal passiert, kann man noch keine Muster erkennen.</seg>
<seg id="29">Durch Muster könnten wir herausfinden, wann und wo die nächste Pandemie zuschlagen könnte.</seg>
<seg id="30">Was tun wir also?</seg>
<seg id="31">Wir könnten beispielsweise einige Viren erforschen, die immer wieder von Wildtieren auf Menschen, auf unsere Haustiere oder auf unsere Nutztiere übertragen werden, auch wenn es nicht die Viren sind, die wahrscheinlich Pandemien auslösen.</seg>
<seg id="32">Wenn wir mit diesen Alltagsviren einige Muster erkennen können, und so herausfinden, was die ursprüngliche und entscheidende Übertragung von einer Spezies auf eine andere auslöst und wie wir dies aufhalten können, dann werden wir besser auf die Viren vorbereitet sein, die weniger häufig von Spezies zu Spezies springen, aber aus pandemischer Sicht eine größere Bedrohung darstellen.</seg>
<seg id="33">So schlimm Tollwut auch ist, so ist es in diesem Fall eigentlich ein gutes Virus.</seg>
<seg id="34">Tollwut ist ein beängstigendes, tödliches Virus mit einer Sterblichkeitsrate von 100 Prozent.</seg>
<seg id="35">Wenn man sich also mit Tollwut infiziert und nicht frühzeitig behandelt wird, dann kommt jede Hilfe zu spät.</seg>
<seg id="36">Es gibt keine Heilung. Man wird sterben. Außerdem ist Tollwut kein Geist der Vergangenheit.</seg>
<seg id="37">Noch heute sterben 50 bis 60.000 Menschen jährlich an Tollwut.</seg>
<seg id="38">Setzen wir diese Zahl doch einmal ins Verhältnis. Denken Sie an den gesamten Ebola-Ausbruch in Westafrika, der etwa zweieinhalb Jahre dauerte, und packen Sie alle Todesopfer des Ausbruchs in nur ein einziges Jahr.</seg>
<seg id="39">Das ist ziemlich schlimm.</seg>
<seg id="40">Doch dann nehmen wir das Ganze mal vier und erhalten die Anzahl der durch Tollwut verursachten Todesfälle pro Jahr.</seg>
<seg id="41">Der Unterschied zwischen Tollwut und einem Virus wie Ebola liegt darin, dass infizierte Menschen das Virus nicht weiter übertragen können.</seg>
<seg id="42">Das bedeutet, dass jede mit Tollwut infizierte Person von einem tollwütigen Tier gebissen wurde, meistens von einem Hund oder einer Fledermaus.</seg>
<seg id="43">Es bedeutet aber auch, dass diese Übertragungen auf andere Spezies, die bei den meisten Viren zwar sehr selten vorkommen, die wir aber unbedingt verstehen müssen, im Fall der Tollwut tausendfach auftreten.</seg>
<seg id="44">In gewisser Weise ist Tollwut also die Fruchtfliege oder die Labormaus der tödlichen Viren.</seg>
<seg id="45">Es ist ein Virus, das wir verwenden und untersuchen können, um Muster zu finden und mögliche Lösungsansätze auszuprobieren.</seg>
<seg id="46">Als ich also erstmals vom Tollwutausbruch im peruanischen Amazonas hörte, erkannte ich eine potenziell große Chance, denn dieses Virus wird so oft von Fledermäusen auf andere Tiere übertragen, dass wir es möglicherweise vorhersagen… vielleicht sogar aufhalten können.</seg>
<seg id="47">So stieg ich also als Doktorand im ersten Studienjahr mit eingerosteten Spanischkenntnissen aus der Schulzeit in ein Flugzeug und machte mich auf den Weg nach Peru, um nach gemeinen Vampirfledermäusen zu suchen.</seg>
<seg id="48">Die ersten Jahre des Projekts waren wirklich anstrengend.</seg>
<seg id="49">Ich hatte ambitionierte Pläne und wollte Lateinamerika von der Tollwut befreien, doch gleichzeitig schien es endlos viele Erdrutsche, Reifenpannen, Stromausfälle und Magen-Darm-Beschwerden zu geben, die mir Steine in den Weg legten.</seg>
<seg id="50">Doch das gehörte irgendwie dazu, wenn man in Südamerika arbeitet und für mich war es Teil des Abenteuers.</seg>
<seg id="51">So machte ich weiter, denn ich wusste, dass meine Arbeit zum ersten Mal wirklich Einfluss auf das Leben der Menschen in naher Zukunft haben könnte.</seg>
<seg id="52">Daran dachte ich am meisten, als wir in den Amazonas gingen, um gemeine Vampirfledermäuse zu fangen.</seg>
<seg id="53">Wir mussten lediglich in Dörfer gehen und fragen: „Wer wurde kürzlich von einer Fledermaus gebissen?“ und die Leute meldeten sich, da Fledermausbisse in diesen Gemeinschaften auf der Tagesordnung stehen und zum Alltag gehören.</seg>
<seg id="54">Wir mussten also nur das richtige Haus finden, ein Netz aufstellen, nachts vorbeikommen und warten, bis die Fledermäuse hineinfliegen, um menschliches Blut zu saugen.</seg>
<seg id="55">Ein Kind mit einer Bisswunde am Kopf oder Blutflecken auf seinem Bettlaken zu sehen, war für mich Motivation genug, um die logistischen oder körperlichen Probleme zu vergessen, die ich an diesem Tag hatte.</seg>
<seg id="56">Da wir die ganze Nacht hindurch arbeiteten, hatte ich zwar massig Zeit, um über eine mögliche Lösung für dieses Problem nachzudenken, doch brannten mir besonders zwei Fragen unter den Nägeln.</seg>
<seg id="57">Auf der einen Seite wussten wir, dass Menschen ständig gebissen werden, aber das Tollwutausbrüche nicht permanent auftreten – es gibt alle paar Jahre, vielleicht sogar jedes Jahrzehnt, einen Tollwutausbruch.</seg>
<seg id="58">Wenn wir also auf gewisse Weise vorhersagen könnten, wann und wo der nächste Ausbruch stattfinden würde, wäre dies eine echte Chance, da wir die Menschen rechtzeitig impfen könnten, bevor jemand stirbt.</seg>
<seg id="59">Auf der anderen Seite ist diese Impfung eigentlich nur eine Notlösung. Sie dient lediglich der Schadensbegrenzung. Natürlich retten Impfungen Leben, sie sind wichtig und wir müssen sie durchführen, doch unterm Strich spielt es keine Rolle, wie viel Kühe, wie viel Menschen wir impfen, denn die Zahl der mit Tollwut infizierten Fledermäuse bleibt unverändert.</seg>
<seg id="60">Das tatsächliche Risiko, gebissen zu werden, hat sich nicht verringert.</seg>
<seg id="61">Deshalb lautete meine zweite Frage: „Können wir das Virus im Keim ersticken?“</seg>
<seg id="62">Wenn wir die Zahl der mit Tollwut infizierten Fledermäuse irgendwie verringern könnten, wäre das wirklich bahnbrechend.</seg>
<seg id="63">Dann würden wir keine Schadensbegrenzung mehr verfolgen, sondern eine Präventionsstrategie.</seg>
<seg id="64">Wie fangen wir also damit an?</seg>
<seg id="65">Zu allererst müssen wir verstehen, wie dieses Virus eigentlich in seinem natürlichen Wirt, den Fledermäusen, arbeitet.</seg>
<seg id="66">Und natürlich ist das für Infektionskrankheiten eine Mammutaufgabe, vor allem dann, wenn es sich um eine zurückgezogene Spezies wie Fledermäuse handelt, aber irgendwo mussten wir ja anfangen.</seg>
<seg id="67">Zu Beginn sahen wir uns also einige historische Daten an.</seg>
<seg id="68">Wann und wo sind diese Ausbrüche in der Vergangenheit aufgetreten?</seg>
<seg id="69">Und so wurde deutlich, dass es sich bei der Tollwut um ein Virus handelt, das in Bewegung sein muss. Es kann nicht stillstehen. Das Virus befindet sich ein oder vielleicht zwei Jahre lang in einer Region, doch wenn es dann keine neuen Fledermäuse findet, die es infizieren kann, stirb es mit hoher Wahrscheinlichkeit aus.</seg>
<seg id="70">Dadurch kamen wir einem der wichtigsten Aspekte bei der Übertragung von Tollwut auf die Schliche.</seg>
<seg id="71">Wir wussten, dass wir es mit einem Virus zu tun hatten, das in Bewegung war, wir konnten aber noch nicht sagen, wohin es sich bewegte.</seg>
<seg id="72">Im Grunde wollte ich eine Vorhersage à la Google Maps, die lauten sollte: „Wo liegt das Ziel des Virus?</seg>
<seg id="73">Wie schnell wird es sich bewegen?“ Hierbei kamen die Genome der Tollwut ins Spiel.</seg>
<seg id="74">Wie bei vielen anderen Viren ist das Genom der Tollwut sehr klein, kann sich aber rasend schnell weiterentwickeln.</seg>
<seg id="75">So schnell, dass das Virus bereits mehrere Male mutiert, wenn es sich von einem Punkt zum nächsten bewegt.</seg>
<seg id="76">Wir müssen also lediglich einen Zusammenhang auf einem phylogenetischen Baum herstellen. Denn so können wir herausfinden, wo das Virus in der Vergangenheit war und wie es sich auf der Welt verbreitet hat.</seg>
<seg id="77">Ich habe also Kuhhirne gesammelt, denn dort sind die Tollwutviren anzutreffen.</seg>
<seg id="78">Mithilfe der Genomsequenzen aus den Viren der Kuhhirne konnte ich anschließend herausfinden, dass sich ein Virus zwischen 10 und 20 Meilen pro Jahr ausbreitet.</seg>
<seg id="79">Jetzt wissen wir also, wie schnell sich das Virus ausbreitet, aber wir wissen immer noch nicht, wo es sich überhaupt hinbewegt.</seg>
<seg id="80">Dazu musste ich wie eine Fledermaus denken, da die Tollwut ein Virus ist -- sie bewegt sich nicht von selbst, ihr Fledermauswirt muss sie verbreiten, also musste ich darüber nachdenken, wie weit und wie häufig die Fledermaus fliegt.</seg>
<seg id="81">Meine Vorstellungskraft reichte dazu leider ebenso wenig aus wie kleine digitale Tracker, mit denen wir die Fledermäuse zuerst ausstatteten.</seg>
<seg id="82">Wir kamen einfach nicht an die nötigen Informationen.</seg>
<seg id="83">Deshalb haben wir uns die Paarungsmuster der Fledermäuse angesehen.</seg>
<seg id="84">Wir konnten bestimmte Teile im Genom der Tiere ansehen und fanden heraus, dass manche Gruppen von Fledermäusen sich paarten und andere eher isoliert lebten.</seg>
<seg id="85">Und das Virus folgte im Grunde der Spur der Fledermausgenome.</seg>
<seg id="86">Eine dieser Spuren stellte dabei eine kleine Überraschung dar -- es war kaum zu glauben.</seg>
<seg id="87">Sie schien quer über die peruanischen Anden, vom Amazonas bis zur Pazifikküste hinweg zu verlaufen, das war nur schwer vorstellbar, denn die Anden sind wirklich hoch -- ungefähr 22.000 Fuß-- und so hoch können Fledermäuse nicht fliegen.</seg>
<seg id="88">Als wir jedoch genauer hinsahen, entdeckten wir im Norden Perus ein Netzwerk aus Talsystemen, das niedrig genug gelegen war, damit sich die auf beiden Seiten lebenden Fledermäuse dort paaren konnten.</seg>
<seg id="89">Wir sahen also noch genauer hin -- eindeutig, über diese Täler verbreitet sich die Tollwut jedes Jahr um 10 Meilen.</seg>
<seg id="90">Im Grunde hatte unser phylogenetisches Modell genau das vorhergesagt.</seg>
<seg id="91">Das ist ein überaus wichtiger Aspekt, denn Tollwut war noch nie am westlichen Rand der Anden aufgetaucht, oder irgendwo an der südamerikanischen Pazifikküste. Wir konnten also in Echtzeit das historisch erste Auftreten in einem signifikant großen Teil Südamerikas erleben, was die Hauptfrage aufwirft: „Was sollen wir dagegen tun?“</seg>
<seg id="92">Die kurzfristige Lösung ist, die Menschen zu informieren: ihr müsst euch impfen lassen, lasst eure Tiere impfen; die Tollwut kommt.</seg>
<seg id="93">Langfristig wäre es natürlich viel wirkungsvoller, wenn wir diese Informationen nutzen könnten, damit das Virus gar nicht erst auftaucht.</seg>
<seg id="94">Wir können Fledermäusen natürlich nicht sagen: „Hey, fliegt heute nicht los“, doch möglicherweise können wir das Virus davon abhalten, aufzuspringen.</seg>
<seg id="95">Und genau das ist die wichtigste Lektion, die wir aus sämtlichen Programmen zur Tollwutbekämpfung auf der ganzen Welt gelernt haben; egal ob Hunde, Füchse, Stinktiere, Waschbären, Nordamerika, Afrika, Europa. Das Impfen des Wirtstiers ist der einzige Weg, die Tollwut aufzuhalten.</seg>
<seg id="96">Können wir also Fledermäuse impfen? Man hört ja ständig von Impfungen bei Hunden und Katzen, doch sehr selten von Impfungen bei Fledermäusen.</seg>
<seg id="97">Vielleicht klingt diese Frage verrückt, aber die gute Nachricht ist, dass bereits essbare Tollwutimpfstoffe existieren, die speziell für Fledermäuse entwickelt wurden.</seg>
<seg id="98">Und die noch bessere Nachricht: Diese Impfstoffe können sich von Fledermaus zu Fledermaus verbreiten.</seg>
<seg id="99">Man muss lediglich ein Tier damit einreiben und ihre Angewohnheit, sich gegenseitig sauber zu lecken, erledigt dann den Rest.</seg>
<seg id="100">Das bedeutet immerhin, dass wir nicht Millionen von Fledermäusen einzeln mit winzigen Spritzen impfen müssen.</seg>
<seg id="101">Doch dass wir diese Möglichkeit haben, bedeutet nicht automatisch, dass wir auch wissen, wie wir sie einsetzen sollen.</seg>
<seg id="102">Wir haben eine endlos lange Liste an Fragen dazu.</seg>
<seg id="103">Wie viele Fledermäuse müssen wir impfen? In welcher Jahreszeit führen wir die Impfung am besten durch?</seg>
<seg id="104">All diese Fragen sind elementar für eine mögliche Impfkampagne, doch wir können sie nicht im Labor beantworten.</seg>
<seg id="105">Daher wählen wir einen etwas exotischeren Ansatz.</seg>
<seg id="106">Wir verwenden echte wilde Fledermäuse, aber unechten Impfstoff.</seg>
<seg id="107">Wir verwenden essbares Gel, das Fledermausfell zum Leuchten bringt, und UV-Puder, der sich unter den Tieren verteilt, wenn sie zusammenstoßen. Dadurch erfahren wir, wie gut sich ein echter Impfstoff in diesen Kolonien wilder Fledermäuse verbreiten würde.</seg>
<seg id="108">Wir befinden uns noch immer in der Frühphase dieses Projekts, doch wir konnten bereits vielversprechende Ergebnisse verzeichnen.</seg>
<seg id="109">Sie lassen darauf hoffen, dass wir mit den existierenden Impfstoffen das Ausmaß von Tollwutausbrüchen deutlich verringern könnten.</seg>
<seg id="110">Und das wäre schon ein wichtiger Schritt, denn wie bereits erwähnt, muss sich das Tollwutvirus ständig fortbewegen. Jedes Mal, wenn wir also das Ausmaß eines Ausbruchs verringern, verringern wir auch die Chance, dass es das Virus bis zur nächsten Kolonie schafft.</seg>
<seg id="111">Wir unterbrechen damit eine Verbindung in der Übertragungskette.</seg>
<seg id="112">Und jedes Mal, wenn uns das gelingt, kommen wir der Ausrottung des Virus ein Stück näher.</seg>
<seg id="113">Das erweckt in mir die Vorstellung einer nicht allzu fernen Zukunft, in der wir die Tollwut komplett auslöschen, und diese Vorstellung ist wahnsinnig aufregend und ermutigend.</seg>
<seg id="114">Kommen wir nun zurück zur ursprünglichen Frage: Können wir Pandemien verhindern?</seg>
<seg id="115">Dafür gibt es leider keine Patentlösung, doch meine Erfahrungen mit Tollwut machen mich durchaus optimistisch.</seg>
<seg id="116">Ich glaube, in nicht allzu ferner Zukunft wird die Genomforschung in der Lage sein, Ausbrüche vorherzusagen, und wir werden über smarte neue Technologien verfügen, wie zum Beispiel essbare, sich selbst ausbreitende Impfstoffe, die diese Viren im Keim ersticken, bevor sie auf den Menschen überspringen können.</seg>
<seg id="117">Wenn es um die Pandemiebekämpfung geht, muss man nur einen Schritt voraus sein.</seg>
<seg id="118">Und wenn Sie mich fragen, schaffen wir das, indem wir einige der Probleme nutzen, die wir bereits haben, wie die Tollwut -- etwa so wie ein Astronaut einen Flugsimulator nutzt, um herauszufinden, was möglich ist und was nicht. Dadurch können wir Strategien entwickeln, damit wir nicht blind fliegen müssen, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht.</seg>
<seg id="119">Vielen Dank.</seg>
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<talkid>51101</talkid>
<seg id="1">Als ich mit meinem neuen Nokia-Handy die High School betrat, dachte ich, ich hätte den neusten und coolsten Ersatz für mein altes pinkes Prinzessinnen-Walkie-Talkie gefunden.</seg>
<seg id="2">Denn jetzt konnte ich mit meinen Freunden reden, egal wo wir waren, anstatt nur so zu tun wie früher, als wir im Garten herumrannten.</seg>
<seg id="3">Und ich will ehrlich sein.</seg>
<seg id="4">Damals dachte ich nicht groß darüber nach, wie diese Geräte produziert werden.</seg>
<seg id="5">Irgendwie schienen sie immer am Weihnachtsmorgen aufzutauchen, also wurden sie möglicherweise von den Elfen in der Werkstatt des Weihnachtsmanns hergestellt.</seg>
<seg id="6">Ich möchte Ihnen eine Frage stellen.</seg>
<seg id="7">Wer sind Ihrer Meinung nach die wahren Elfen, die diese Geräte produzieren?</seg>
<seg id="8">Die meisten Leute werden sagen, es sind die Softwareingenieure aus dem Silicon Valley, die Hoodies tragen und Codes eingeben.</seg>
<seg id="9">Doch diese Geräte haben bereits eine lange Reise hinter sich, bevor sie bereit für die Eingabe von Codes sind.</seg>
<seg id="10">Diese Geräte beginnen ihre Reise auf atomarer Ebene.</seg>
<seg id="11">Meiner Meinung nach sind deshalb die Chemiker die wahren Elfen.</seg>
<seg id="12">Ganz genau, ich sagte Chemiker.</seg>
<seg id="13">Die Chemie ist nämlich der Held der elektronischen Kommunikation.</seg>
<seg id="14">Und davon möchte ich Sie heute ebenfalls überzeugen.</seg>
<seg id="15">Fangen wir mit etwas Leichtem an und sehen uns diese unfassbar süchtig machenden Geräte näher an.</seg>
<seg id="16">Ohne Chemie wäre die Datenautobahn, die wir so lieben, nichts weiter als ein sehr teurer, glitzernder Briefbeschwerer.</seg>
<seg id="17">Und es ist die Chemie, die all diese Schichten zum Leben erweckt.</seg>
<seg id="18">Sehen wir uns zuerst das Display an.</seg>
<seg id="19">Wie kommen Ihrer Meinung nach all die leuchten, lebhaften Farben zustande, die wir so gerne sehen?</seg>
<seg id="20">Ich werde es Ihnen verraten.</seg>
<seg id="21">Eingebettet im Display befinden sich organische Polymere, die Elektrizität absorbieren und in das Blau, Rot und Grün unserer Bilder umwandelt.</seg>
<seg id="22">Wie sieht es mit dem Akku aus?</seg>
<seg id="23">Der erfordert einiges an Forschung.</seg>
<seg id="24">Wie können wir die chemischen Prinzipien herkömmlicher Akkus nutzen und sie mit neuen Elektroden mit großer Oberfläche verbinden, um eine höhere Ladekapazität bei gleichzeitig kleinerem Platzbedarf zu erreichen, damit unsere Geräte den ganzen Tag laufen, während wir Selfies machen, ohne dass wir den Akku aufladen oder stundenlang neben einer Steckdose sitzen müssen?</seg>
<seg id="25">Wie sieht es bei den Klebstoffen aus, die alles verbinden, damit die Geräte unserer ständigen Beanspruchung standhalten?</seg>
<seg id="26">Denn als Millennial muss ich mein Telefon natürlich mindestens 200 Mal am Tag rausholen, um zu sehen, ob ich neue Nachrichten erhalten habe. Dabei lasse ich es zwei oder dreimal fallen.</seg>
<seg id="27">Doch wo genau befindet sich das Gehirn dieser Geräte?</seg>
<seg id="28">Was lässt sie so funktionieren wie wir es gerne haben?</seg>
<seg id="29">Alles hängt mit elektronischen Komponenten uns Schaltkreisen zusammen, die auf eine Leiterplatte montiert sind.</seg>
<seg id="30">Oder möglicherweise bevorzugen Sie eine biologische Metapher -- die Mutterplatine, vielleicht haben Sie schon einmal davon gehört.</seg>
<seg id="31">Die Leiterplatte wird nicht allzu häufig erwähnt.</seg>
<seg id="32">Und ehrlich gesagt verstehe ich nicht wieso.</seg>
<seg id="33">Vielleicht weil sie die unattraktivste Schicht ist, die versteckt unter all den stylischen Schichten liegt.</seg>
<seg id="34">Doch es ist an der Zeit, dieser Clark Kent-Schicht die Superman-mäßige Lobpreisung zu geben, die sie verdient.</seg>
<seg id="35">Also frage ich Sie: Was ist Ihrer Meinung nach eine Leiterplatte?</seg>
<seg id="36">Vielleicht hilft Ihnen folgende Metapher.</seg>
<seg id="37">Stellen Sie sich die Stadt vor, in der Sie leben.</seg>
<seg id="38">Dort sind alle die wichtigen Orte, an die gelangen möchten: Ihr Zuhause, Ihre Arbeitsstelle, Restaurants, mehrere Starbucks-Filialen an jeder Ecke.</seg>
<seg id="39">Also bauen wir Straßen, die alle Orte miteinander verbinden.</seg>
<seg id="40">Genau dasselbe tut eine Leiterplatte.</seg>
<seg id="41">Anstelle von Restaurants gibt es nur Transistoren von Chips, Kondensatoren und Resistoren, all die elektronischen Komponenten, die miteinander kommunizieren müssen.</seg>
<seg id="42">Und was sind die Straßen?</seg>
<seg id="43">Diese Aufgabe übernehmen winzige Kupferdrähte.</seg>
<seg id="44">Die nächste Frage lautet: wie werden diese winzigen Kupferdrähte hergestellt?</seg>
<seg id="45">Und sie sind wirklich klein.</seg>
<seg id="46">Könnten wir einfach in den Baumarkt gehen, uns eine Rolle Kupferdraht und eine Drahtzange schnappen, ein bisschen herumschnippeln, alles zusammenlöten und zack -- fertig ist unsere Leiterplatine? Nie im Leben. Dafür sind diese Drähte viel zu klein.</seg>
<seg id="47">Deshalb müssen wir uns auf unsere Freundin, die Chemie, verlassen.</seg>
<seg id="48">Der zugrundeliegende chemische Prozess zur Herstellung dieser winzigen Kupferdrähte scheint relativ simpel zu sein.</seg>
<seg id="49">Man beginnt mit einer Lösung aus positiv geladenen Kupferkügelchen.</seg>
<seg id="50">Diese gibt man dann auf eine isolierende Leiterplatte. Die positiv geladenen Kügelchen werden nun mit negativ geladenen Elektronen gefüttert, indem man Formaldehyd zu der Mischung hinzufügt.</seg>
<seg id="51">Sie erinnern sich vielleicht noch an Formaldehyd.</seg>
<seg id="52">Sehr strenger Geruch, wird im Biologieunterricht benutzt, um Frösche zu konservieren.</seg>
<seg id="53">Wie sich zeigte, kann es aber noch viel mehr als das.</seg>
<seg id="54">Es ist eine der Hauptkomponenten bei der Herstellung winziger Kupferdrähte.</seg>
<seg id="55">Wissen Sie, die Elektronen des Formaldehyds haben nämlich einen Drang.</seg>
<seg id="56">Sie wollen unbedingt rüber auf die positiv geladenen Kupferkügelchen springen.</seg>
<seg id="57">Der Grund dafür ist die sogenannte Redoxreaktion.</seg>
<seg id="58">Und wenn es zu dieser Reaktion kommt, verwandeln sich die positiv geladenen Kupferkügelchen in hell leuchtendes, metallisches und leitendes Kupfer.</seg>
<seg id="59">Sobald das Kupfer leitend gemacht wurde, fängt der Spaß erst richtig an.</seg>
<seg id="60">Und wir können all die elektronischen Komponenten miteinander kommunizieren lassen.</seg>
<seg id="61">Also vielen Dank nochmal, liebe Chemie.</seg>
<seg id="62">Denken wir einen Moment darüber nach, wie weit uns die Chemie bisher gebracht hat.</seg>
<seg id="63">Bei der elektronischen Kommunikation spielt die Größe selbstverständlich eine Rolle.</seg>
<seg id="64">Überlegen wir also, wie wir unsere Geräte verkleinern können, um von Zack Morris‘ Telefon aus den 90ern zu etwas schlankerem wie den heutigen Smartphones zu gelangen, die in unsere Hosentasche passen.</seg>
<seg id="65">Aber seien wir doch mal realistisch: Es passt überhaupt nichts in die Hosentasche einer Frau, wenn man überhaupt eine Hose findet, die Taschen hat.</seg>
<seg id="66">Und ich glaube nicht, dass uns die Chemie bei diesem Problem helfen kann.</seg>
<seg id="67">Aber noch wichtiger, als die Verkleinerung des eigentlichen Geräts, ist die Fragen: Wie können wir den Schaltkreis im Inneren des Geräts um ein Hundertfaches verkleinern, damit er sich nicht mehr auf der Mikrometerskala, sondern auf der Nanometerskala befindet?</seg>
<seg id="68">Denn aktuell möchten wir alle leistungsfähigere und schnellere Telefone.</seg>
<seg id="69">Doch für mehr Leistung und mehr Geschwindigkeit braucht es einen größeren Schaltkreis.</seg>
<seg id="70">Wie schaffen wir das also?</seg>
<seg id="71">Wir haben keinen elektromagnetischen Schrumpfstrahl wie Professor Wayne Szalinski ihn in „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“ zum Schrumpfen seiner Kinder verwendet hat. Aus Versehen, natürlich. Oder haben wir doch einen? Es gibt in diesem Feld tatsächlich einen Prozess, der dem sehr ähnlich ist.</seg>
<seg id="72">Und er heißt Fotolithografie.</seg>
<seg id="73">In der Fotolithografie nehmen wir die elektromagnetische Strahlung, die wir auch Licht nennen, und verwenden sie, um Teile des Schaltkreises zu schrumpfen. Damit mehr Schaltkreis in einen wirklich kleinen Raum passt.</seg>
<seg id="74">Wie funktioniert das? Wir beginnen mit einem Trägermaterial, auf dem sich ein lichtempfindlicher Film befindet.</seg>
<seg id="75">Anschließend decken wir dieses Material mit einer Maske ab, auf der sich oben ein Muster aus feinen Linien und Zügen befindet, die dafür verantwortlich sind, dass das Telefon so funktioniert, wie wir es uns wünschen.</seg>
<seg id="76">Wir setzen es dann einem hellen Licht aus, das durch die Maske scheint und einen Schatten der Muster auf die Oberfläche wirft.</seg>
<seg id="77">Überall dort, wo das Licht durch die Maske dringen kann, findet eine chemische Reaktion statt.</seg>
<seg id="78">Und diese Reaktion brennt das Muster in das Trägermaterial.</seg>
<seg id="79">Die Frage, die Sie sich wahrscheinlich stellen lautet also: Wie können aus einem eingebrannten Bild klare feine Linien und Züge entstehen?</seg>
<seg id="80">Dafür müssen wir eine chemische Lösung mit dem Namen Entwickler verwenden.</seg>
<seg id="81">Der Entwickler ist etwas Besonderes.</seg>
<seg id="82">Er kann alle Bereiche, die nicht dem Licht ausgesetzt waren, gezielt entfernen, wodurch klare feine Linien und Züge zurückbleiben, die unser miniaturisiertes Gerät zum Laufen bringen.</seg>
<seg id="83">Wir haben also Chemie verwendet, um unsere Geräte zu bauen und um sie zu verkleinern.</seg>
<seg id="84">Ich habe Sie also wahrscheinlich davon überzeugt, dass die Chemie der wahre Held ist. Wir können hier also Schluss machen.</seg>
<seg id="85">Immer langsam, wir sind noch nicht fertig. Nicht so schnell. Denn wir sind alle menschlich.</seg>
<seg id="86">Und als Mensch will ich stets mehr.</seg>
<seg id="87">Ich möchte nun also darüber nachdenken, wie die Chemie noch mehr auf dem Gerät herausholen kann.</seg>
<seg id="88">Im Moment wird uns gesagt, dass wir etwas namens 5G oder die versprochene fünfte Generation der Drahtlosverbindung brauchen.</seg>
<seg id="89">Sie haben vielleicht schon in neuen Werbespots von 5G gehört.</seg>
<seg id="90">Oder vielleicht hatten einige von Ihnen bei den Olympischen Winterspielen 2018 5G.</seg>
<seg id="91">Ich freue mich bei 5G am meisten darauf, dass ich mir Filme innerhalb von 40 Sekunden und nicht innerhalb von 40 Minuten auf mein Telefon herunterladen kann, wenn ich spät dran bin und aus dem Haus renne, um ein Flugzeug zu erwischen.</seg>
<seg id="92">Wenn es das echte 5G gibt, wird es dabei um viel mehr gehen, als nur darum, wie viel Filme man auf sein Telefon herunterladen kann.</seg>
<seg id="93">Es stellt sich also die Frage: Warum gibt es echtes 5G noch nicht?</seg>
<seg id="94">Ich weihe sie nun in ein kleines Geheimnis ein. Die Antwort ist ganz einfach.</seg>
<seg id="95">Es ist einfach super schwer.</seg>
<seg id="96">Wenn man diese traditionellen Materialen und Kupfer verwendet, um Geräte mit 5G herzustellen, wird das Signal sein endgültiges Ziel nie erreichen.</seg>
<seg id="97">Normalerweise verwenden wir sehr raue Isolierschichten zum Schutz der Kupferdrähte.</seg>
<seg id="98">Fast so wie Klettverschlüsse.</seg>
<seg id="99">Sie halten dank der Rauigkeit der beiden Teile zusammen.</seg>
<seg id="100">Das ist überaus wichtig, wenn man ein Gerät haben möchte, das lange hält. Und nicht nur so lange, wie es dauert, es aus der Verpackung zu reißen und Apps zu installieren.</seg>
<seg id="101">Aber diese Rauigkeit stellt auch ein Problem dar.</seg>
<seg id="102">Denn bei den hohen Geschwindigkeiten, die für 5G benötigt werden, muss sich das Signal nah an der Rauigkeit bewegen.</seg>
<seg id="103">Und dadurch geht es verloren, bevor es sein endgültiges Ziel erreicht hat.</seg>
<seg id="104">Stellen Sie sich eine Gebirgskette vor. Sie verfügt über ein komplexes Straßensystem, das auf das Gebirge hinauf und darüber hinweg führt und Sie versuchen, auf die andere Seite zu gelangen.</seg>
<seg id="105">Wahrscheinlich stimmen Sie mir zu, dass es sehr lange dauern würde, Sie würden sich bestimmt verlaufen, wenn Sie alle Berge hoch und runter gehen müssten. Im Gegensatz dazu könnten Sie auch einfach einen flachen Tunnel bohren, der geradewegs durchgehen würde.</seg>
<seg id="106">Genau das trifft auf unsere 5G-Geräte zu.</seg>
<seg id="107">Wenn wir diese Unebenheit entfernen können, können wir das 5G-Signal ungestört hindurch schicken. Klingt gut, oder?</seg>
<seg id="108">Aber Moment. Habe ich nicht eben gesagt, dass wir die Unebenheit brauchen, um das Gerät zusammenzuhalten?</seg>
<seg id="109">Und wenn wir die entfernen, hält der Kupfer nicht am darunterliegenden Trägermaterial.</seg>
<seg id="110">Es ist wie ein Haus aus Lego-Bausteinen: Die Noppen passen aufeinander, anders als bei glatten Steinen ohne Noppen.</seg>
<seg id="111">Welche der beiden Versionen hält besser, wenn der Zweijährige als Godzilla durch das Wohnzimmer rast und versucht, alles umzuwerfen?</seg>
<seg id="112">Aber was wäre, wenn wir die glatten Steine mit Kleber verbinden?</seg>
<seg id="113">Und genau darauf wartet die Branche.</seg>
<seg id="114">Wir warten auf die Chemiker, die neue glatte Oberflächen erschaffen, an denen die Kupferdrähte besser haften bleiben.</seg>
<seg id="115">Wenn wir dieses Problem lösen – und wir werden es lösen – und mit Physikern und Ingenieuren alle Herausforderungen von 5G lösen, dann wird die Anzahl der Apps in die Höhe schnellen.</seg>
<seg id="116">Wir haben dann Dinge wie selbstfahrende Autos, weil unsere Datennetzwerke dann mit den Geschwindigkeiten und den erforderlichen Datenmengen umgehen können.</seg>
<seg id="117">Aber nutzen wir mal unsere Vorstellungskraft.</seg>
<seg id="118">Ich kann mir vorstellen, mit einer Freundin, die eine Erdnussallergie hat, ins Restaurant zu gehen, mein Telefon über das Essen zu halten und so eine wichtige Antwort zu bekommen: Ist das Essen für sie tödlich oder sicher?</seg>
<seg id="119">Oder vielleicht werden unsere Geräte so gut darin, unsere Daten zu verarbeiten, dass sie uns als Personal Trainer dienen.</seg>
<seg id="120">Sie kennen dann die für uns effizientesten Methoden der Kalorienverbrennung.</seg>
<seg id="121">Ich würde mir im November, wenn ich versuche, meine Schwangerschaftspfunde loszuwerden, wirklich ein Gerät wünschen, das so etwas kann.</seg>
<seg id="122">Ich kann es nicht anders sagen: Chemie ist einfach cool.</seg>
<seg id="123">Dadurch funktionieren all diese elektronischen Geräte.</seg>
<seg id="124">Wenn Sie also das nächste Mal texten oder ein Selfie machen, denken Sie an all die hart arbeitenden Atome und die Innovation, die davor kam.</seg>
<seg id="125">Wer weiß, vielleicht entscheiden ja ein paar von Ihnen, die zuhören – vielleicht sogar auf Ihrem Mobilgerät –, dass auch Sie der Sidekick von Captain Chemie sein wollen, dem wahren Held der elektronischen Geräte.</seg>
<seg id="126">Danke für Ihre Aufmerksamkeit und danke an die Chemie.</seg>
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<doc docid="52268" genre="lectures">
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<seg id="1">Es war ein fantastisches neues Kostüm in Pink mit großen Knöpfen und Schulterpolstern.</seg>
<seg id="2">Das war 1997, und ich war die neue Chefin von Griffin‘s Food, einem sehr beliebten Unternehmen für Kekse und Snacks in Neuseeland.</seg>
<seg id="3">Ich war zum ersten Mal Unternehmenschefin und befand mich auf der Bühne, um eine Rede über unsere anspruchsvollen neuen Ziele zu halten.</seg>
<seg id="4">Ich wusste genau, was meine Handlungssaufforderung sein würde: „In einem von vier Fällen, in denen ein Kiwi einen Snack ist, ist es unserer.“ Ich betonte, dass ich wusste, wie wir unsere Ergebnisse messen, und dass wir die Kontrolle über unsere Zukunft haben.</seg>
<seg id="5">Peinlicherweise sagte ich am Ende: „Wenn nicht das, was sonst?</seg>
<seg id="6">Wenn nicht wir, wer dann?</seg>
<seg id="7">Und wenn nicht jetzt, wann sonst?“</seg>
<seg id="8">Ich habe viel Applaus erhalten und war wirklich sehr zufrieden mit mir.</seg>
<seg id="9">Ich wollte unbedingt eine gute Chefin sein.</seg>
<seg id="10">Ich wollte ein treues Team bei mir haben, ich wollte alles gut machen.</seg>
<seg id="11">Kurzgesagt: Ich wollte eine Heldin sein.</seg>
<seg id="12">Eine Heldin, die im pinken Kostüm Chips und Kekse verkauft.</seg>
<seg id="13">Was nach der Rede passiert ist? Nichts.</seg>
<seg id="14">Dem Applaus folgten keine Handlungen. Nichts änderte sich. Und das nicht, weil sie mich oder die Botschaft nicht mochten.</seg>
<seg id="15">Das Problem war, dass niemand wusste, was getan werden sollte.</seg>
<seg id="16">Und am wichtigsten: Sie wussten nicht, dass ich sie brauchte.</seg>
<seg id="17">Vielleicht denken Sie, dass dies eine klassischen Heldenrede ist und ich Ihnen erzähle, dass ich das Hindernis überwunden und gesiegt habe.</seg>
<seg id="18">Tatsächlich sage ich Ihnen, dass in einer komplexen Welt wie unserer die Idee, dass eine Person die Antwort kennt, absurd ist.</seg>
<seg id="19">Das ist nicht nur ineffektiv, sondern gefährlich. Wir denken dann, dass der Held die Lösung hatte, und wir nichts beitragen.</seg>
<seg id="20">Wir brauchen keine Helden. Wir brauchen radikale Interdependenz, was heißt, dass wir einander brauchen.</seg>
<seg id="21">Auch wenn andere Menschen manchmal wirklich schwierig sein können.</seg>
<seg id="22">Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, herauszufinden, was gute Chefs ausmacht.</seg>
<seg id="23">Ich habe in sieben Ländern und auf fünf Kontinenten gelebt.</seg>
<seg id="24">In den letzten Jahren habe ich viel Zeit mit der B Corp-Community verbracht. Ursprünglich als gewerbliche Teilnehmerin, aktuell als Botschafterin.</seg>
<seg id="25">B Corps sind Unternehmen, die an eine interne treibende Kraft des Guten glauben.</seg>
<seg id="26">Der Zertifizierungsprozess ist hart: 250 Fragen über den Einsatz für Gesellschaft und Umwelt.</seg>
<seg id="27">Das Unternehmen muss rechtlich bindend versichern, der Community und den Shareholdern zu dienen. Und es muss die Interdependenzerklärung unterzeichnen.</seg>
<seg id="28">Was mich an den Unternehmen dieser Bewegung am meisten inspiriert, ist, dass sie sich selbst als Teil eines Systems sehen.</seg>
<seg id="29">Sie sehen sich quasi auf einem großen Fluss der Aktivitäten. Nehmen wir als Beispiel einen Limonadenhersteller. Für ihn gibt es vorgelagert Wasser und Zucker sowie Landwirte, die den Zucker anbauen, und Plastik und Metall und Glas – all das fließt in das Ding, das wir Unternehmen nehmen, und das finanzielle Ergebnisse mit sich bringt.</seg>
<seg id="30">Und der Fluss bringt Konsequenzen mit sich.</seg>
<seg id="31">Manche sind beabsichtigt, wie Erfrischung und Flüssigkeitsaufnahme. Andere sind unbeabsichtigt, wie Müll und Übergewichtigkeit.</seg>
<seg id="32">Durch Zeit mit Führungskräften in diesem Bereich erkannte ich, dass wahre Zusammenarbeit möglich ist. Aber sie ist subtil und komplex.</seg>
<seg id="33">Führungskräfte in diesem Bereich machen etwas grundlegend anders als traditionelle heldenhafte Führungskräfte.</seg>
<seg id="34">Sie legen ihre Ziele anders fest. Sie geben diese Ziele anders bekannt. Und sie haben eine andere Beziehung zu anderen Menschen.</seg>
<seg id="35">Fangen wir mit dem ersten Unterschied an.</seg>
<seg id="36">Ein Held setzt ein Ziel so, dass es individuell erreicht und genau gemessen werden kann.</seg>
<seg id="37">Ein Ziel eines Helden lässt sich an den Begriffen „Umsatz“ und „Marktanteil“ erkennen. Oft geht es um Konkurrenz.</seg>
<seg id="38">Wie am Tag im pinken Kostüm.</seg>
<seg id="39">Interdependente Führungskräfte allerdings beginnen mit einem wichtigen Ziel, das aber nicht durch ein Unternehmen oder eine Person alleine erreicht werden kann.</seg>
<seg id="40">Ich habe ein Beispiel aus der Bekleidungsbranche, die im Jahr 92 Millionen Tonnen Müll hervorbringt.</seg>
<seg id="41">Patagonia und Eileen Fisher sind Bekleidungshersteller. Beide sind auch B Corps und setzen sich sehr für die Müllreduzierung ein.</seg>
<seg id="42">Sie finden, dass ihre Verantwortung nicht dann endet, wenn Kunden ihre Kleidung kaufen.</seg>
<seg id="43">Patagonia empfiehlt, keine neue Kleidung von ihnen zu kaufen. Das Unternehmen repariert alte Kleidung kostenlos.</seg>
<seg id="44">Eileen Fisher zahlt dafür, wenn Kunden ihre Kleidung zurückbringen. Sie werden dann verkauft oder in anderen Produkten verarbeitet.</seg>
<seg id="45">Diese Unternehmen sind zwar auf gewisse Art wettbewerbsorientiert. Aber sie arbeiten branchenintern zusammen und lösen gemeinsame Probleme.</seg>
<seg id="46">Sie übernehmen auch Verantwortung für vorgelagerte Probleme.</seg>
<seg id="47">Weltweit gibt es um die 300 Millionen Menschen, die in dieser Branche von Zuhause aus arbeiten, meistens Frauen. Viele von unter schwierigen Bedingungen und mit schlechtem Licht, in dem sie Knöpfe annähen und detailreiche Arbeiten durchführen.</seg>
<seg id="48">Bis 2014 gab es keine Absicherung für diese Arbeiterinnen.</seg>
<seg id="49">Eine Gruppe an Unternehmen hat sich mit der gemeinnützigen Organisation Nest vereint, um Standards zu etablieren, denen jetzt die ganze Branche folgt.</seg>
<seg id="50">Sobald solche Probleme einmal erkannt sind, müssen wir andere Personen nach ihrer Hilfe fragen, um sie zu lösen.</seg>
<seg id="51">Diese Personen sehen Interdependenz als Grundlage an. Sie sagten mir: „Menschenrechte dürfen nicht Teil des Wettbewerbs sein.“</seg>
<seg id="52">Der zweite große Unterschied ist die Bereitschaft, Ziele bekanntzugeben, bevor die Planung steht.</seg>
<seg id="53">Helden geben ihr sorgfältig gewähltes Ziel nur dann preis, wenn der Weg dorthin klar ist.</seg>
<seg id="54">Tatsächlich wird in der Ankündigung des Helden der große Gewinn vorbereitet.</seg>
<seg id="55">Heldenankündigungen sind voller Triumph.</seg>
<seg id="56">Interdependente Führungskräfte aber wollen die Hilfe anderer Menschen. Ihre Ankündigungen sind daher oft eine Einladung zum Mitmachen, und manchmal sind sie ein Hilferuf.</seg>
<seg id="57">Ich teilte der nordamerikanischen Abteilung des französischen Lebensmittelkonzerns Danone mit, dass wir eine B Corp werden wollen. Anders als am Tag des pinken Kostüms hatte ich keinen Plan.</seg>
<seg id="58">Ich erinnere mich sehr gut an den Tag.</seg>
<seg id="59">Jede Person im Raum schnappte nach Luft. Sie wussten, dass ich keinen Plan hatten.</seg>
<seg id="60">Aber sie wussten auch, dass wir unsere Position im Fluss bzw. Lebensmittelsystem jetzt kennen. Und wir wollten etwas ändern.</seg>
<seg id="61">Die Ankündigung ohne Plan führte dazu, dass sehr viele junge Leute im Unternehmen uns helfen wollten. Auch B Corps im Umfeld waren zur Stelle.</seg>
<seg id="62">Und der Tag, an dem wir zur B Corp wurden, war nicht nur der frohe Moment eines heldenhaften Unternehmens. Es war eher wie eine Community-Feier.</seg>
<seg id="63">Wenn wir Ziele haben, die wir alleine nicht erreichen, wir allen davon erzählt haben, kommen wir schließlich beim dritten Unterschied an: Wie wir andere Menschen wahrnehmen, im Unternehmen und außerhalb.</seg>
<seg id="64">Helden sehen jeden als Konkurrenten oder Anhänger.</seg>
<seg id="65">Helden wollen keine Ideen von anderen. Sie wollen alles kontrollieren, weil sie dem Ruhm wollen.</seg>
<seg id="66">Das sieht man an einem typischen Helden-Meeting.</seg>
<seg id="67">Helden lieben Ansprachen.</seg>
<seg id="68">Die Zuhörer lehnen sich zurück, vielleicht beeindruckt, aber nicht engagiert.</seg>
<seg id="69">Inderdependente Chefs allerdings verstehen, dass sie andere Menschen brauchen.</seg>
<seg id="70">Sie wissen, dass Meetings nicht nur die Kalender füllen sollen.</seg>
<seg id="71">Sie sind die wertvollsten Dinge, die wir haben.</seg>
<seg id="72">Denn bei Meetings kollaborieren Menschen, sie kommunizieren und teilen Ideen.</seg>
<seg id="73">Dann sind Menschen nämlich aufmerksam und fragen sich, was sie tun können.</seg>
<seg id="74">Ich habe sechs Jahre in Shanghai, China, gelebt. Dort habe ich Craft Foods geleitet, die unter anderem Oreos vertreiben. Dort hatten wir ein Problem mit der Heldenkultur.</seg>
<seg id="75">Wir haben immer wieder neue Produkte herausgebracht, die keinen Erfolg hatten.</seg>
<seg id="76">Nachher fanden wir heraus, dass jeder im Unternehmen das vorher schon wusste. Sie hatten nur nicht das Gefühl, uns das sagen zu können.</seg>
<seg id="77">Also änderten wir unsere Innovations- und Planungs-Meetings in zwei wichtigen Punkten.</seg>
<seg id="78">Zuerst wurde die Sprache wieder zu Chinesisch geändert.</seg>
<seg id="79">Zwar sprach jeder sehr gut Englisch, aber wenn ich dabei war und das Meeting auf Englisch gehalten wurde, lag der Fokus auf mir.</seg>
<seg id="80">Ich war die Fremde und die Chefin, und anscheinend hatte ich den beängstigenden Heldinnen-Look.</seg>
<seg id="81">Als zweites fragen wir jede Person im Meeting nach ihrer Meinung.</seg>
<seg id="82">Unser Verständnis von den subtilen Unterschieden zwischen amerikanischem und chinesischem Geschmack verbesserte sich dadurch sehr. Unsere Produkterfolgsquote hat sich extrem geändert. Wir brachten viele Erfolgsprodukte auf den Markt, darunter die berühmten Grüner-Tee-Oreos.</seg>
<seg id="83">Heldenkultur schleicht sich überall ein.</seg>
<seg id="84">Bei Danone ist in einem Teil der Welt sehr viel Gutes passiert. Wir wollten das auf einen anderen Teil der Welt übertragen.</seg>
<seg id="85">Aber wenn eine Person in Business-Kleidung vor einer Gruppe von Leuten steht und einen Vortrag hält, verleitet das zum Heldentum. Alles glitzert und glänzt und entspricht nicht ganz der Wahrheit.</seg>
<seg id="86">Das ist nicht ansprechend und nicht einmal interessant.</seg>
<seg id="87">Also nahmen wir Änderungen in Form eines ganztägigen Marktes vor, quasi wie ein großer Bazar.</seg>
<seg id="88">Und jeder war verkleidet, manche Leute mehr, manche weniger.</seg>
<seg id="89">Es gab Stände, an denen Verkäufer ihre Ideen so überzeugend wie möglich verkaufen mussten. Überzeugte Käufer kauften sie dann mit falschen Schecks.</seg>
<seg id="90">Wenn wir etwas Spaß in unserer Umgebung haben und uns vielleicht einen Hut oder Schal anziehen, verbreiten sich die Ideen wie ein Lauffeuer.</seg>
<seg id="91">Es gibt kein bestimmtes Rezept, aber die gemeinsame Zeit muss besonders gestaltet werden. Dadurch wissen Leute, dass ihre Zeit wertvoll und wichtig ist. Sie bringen so die beste Version ihrer selbst hervor.</seg>
<seg id="92">Auch hier bei TED gibt es eine Kultur der Helden.</seg>
<seg id="93">Durch den ganzen Ablauf sieht es so aus, als würde ich mich für eine Heldin halten.</seg>
<seg id="94">Falls es noch Zweifel an meinem Punkt gibt, möchte ich diese Ideen in einen Bereich übertragen, in dem ich über keinerlei Glaubwürdigkeit und keine Erfahrung verfüge.</seg>
<seg id="95">Ich stamme aus Südafrika, und mich begeistert der Artenschutz, vor allem, was Nashörner angeht.</seg>
<seg id="96">Diese majestätischen Kreaturen mit den großen Hörnern.</seg>
<seg id="97">Jeden Tag werden drei Nashörner getötet, da es Menschen gibt, die diese Hörner für wertvoll halten. Dabei sind sie nur aus demselben Material wie Haare und Fingernägel.</seg>
<seg id="98">Das bricht mein Herz.</seg>
<seg id="99">Wie alle guten ehemaligen Helden wollte ich das Ziel unbedingt so anpassen, dass ich es selbst erfüllen kann.</seg>
<seg id="100">Aber natürlich ist das Ziel, die Nashornwilderei zu stoppen, viel zu groß für mich.</seg>
<seg id="101">Daher bin ich sofort im Land der Interdependenz.</seg>
<seg id="102">Ich gebe mein Ziel auf dieser Bühne bekannt.</seg>
<seg id="103">Ich habe andere Gleichgesinnte gefunden und sie gefragt, ob ich mitmachen kann.</seg>
<seg id="104">Und nach heute kommt vielleicht noch mehr.</seg>
<seg id="105">Wir sind gerade dabei, zu lernen, wie wir zusammenarbeiten – das ist komplex, aber inspirierend.</seg>
<seg id="106">Mein Traum ist, dass eines Tages jemand auf dieser Bühne steht und erzählt, dass radikale Interdependenz meine geliebten Nashörner gerettet hat.</seg>
<seg id="107">Warum gibt es die Heldenkultur, und warum arbeiten wir nicht mehr zusammen?</seg>
<seg id="108">Was andere angeht, weiß ich es nicht, aber ich kann Ihnen meinen Grund nennen.</seg>
<seg id="109">Interdependenz ist viel schwieriger als Heldentum.</seg>
<seg id="110">Wir müssen dafür offen, transparent und verletzlich sein. Und das haben traditionelle Führungskräfte nie gelernt.</seg>
<seg id="111">Ich dachte, dass ich als Heldin sicher wäre.</seg>
<seg id="112">Ich dachte, dass die Hervorhebung und Abspaltung bei heldenhafter Führung mich unangreifbar machen würde.</seg>
<seg id="113">Das ist eine Illusion.</seg>
<seg id="114">Die Freude und der Erfolg durch Interdependenz und Verletzlichkeit ist den Einsatz und das Risiko wert.</seg>
<seg id="115">Und wenn wir die Herausforderungen der heutigen Welt lösen wollen, gibt es keine Alternative. Wir sollten besser gut darin werden.</seg>
<seg id="116">Danke.</seg>
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<talkid>54706</talkid>
<seg id="1">Ich muss gestehen, ich habe großen Spaß, wenn mich Leute fragen, was meine Arbeit ist. Ich sage dann, dass ich buchstäblich Dinge aneinander reibe.</seg>
<seg id="2">Das klingt absurd, einfach Dinge aneinander reiben.</seg>
<seg id="3">Aber es gibt da einen Fachbegriff für: Tribologie.</seg>
<seg id="4">T-r-i-b-o-l-o-g-y, vom altgriechischen Wort „tribos“, was „reiben“ bedeutet. Ein lustig klingendes Wort, das Sie bestimmt noch nie gehört haben. Ich verspreche Ihnen, dass ich damit Ihre Erfahrung in der physischen Welt verändere.</seg>
<seg id="5">Tribologie hat mir großartige Projekte gebracht. Ich habe an Flugmaterialien gearbeitet, und an Hundefutter – eine Kombination, die nicht so klingt, als sollte eine Person sie innerhalb weniger Jahre ausüben. Bis man anfängt, die Welt durch eine tribologische Brille zu sehen.</seg>
<seg id="6">Sie werden erstaunt sein, wie bedeutsam ein wenig Tribologie sein kann, um sehr große Probleme zu entschärfen.</seg>
<seg id="7">Tribologie ist die Lehre von Reibung, Verschleiß und Schmierung.</seg>
<seg id="8">Sie kennen alle drei dieser Dinge.</seg>
<seg id="9">Erinnern Sie sich, wie Sie das letzte Mal ein schweres Objekt über den Boden gezogen haben und dabei Widerstand gespürt haben? Das wäre Reibung.</seg>
<seg id="10">Reibung ist die Kraft, die der Bewegung gegenübersteht.</seg>
<seg id="11">Verschleiß ist Verlust oder Verlagerung von Material.</seg>
<seg id="12">Aus dem Grund müssen Sie Ihre Lieblingsschuhe neu kaufen, weil die Sohlen irgendwann verschwinden.</seg>
<seg id="13">Schmiermittel können Reibung und Verschleiß reduzieren.</seg>
<seg id="14">Sie lockern die festgerosteten Schrauben, die sich sonst nicht bewegen würden.</seg>
<seg id="15">Aber Tribologie ist auch die Wissenschaft von Oberflächen in relativer Bewegung.</seg>
<seg id="16">Oberflächen in relativer Bewegung: Davon gibt es viele auf der Welt.</seg>
<seg id="17">Wackeln Sie vielleicht gerade mit Ihrem Fuß oder bewegen sich auf Ihrem Sitz? Dann passiert Tribologie. Sogar die kleinste Bewegung besteht aus zwei Oberflächen, die sich gegeneinander bewegen.</seg>
<seg id="18">Und Ihre tribologische Interaktion der Bewegung ist anders als die der Person neben Ihnen.</seg>
<seg id="19">Das kommt daher, dass Ihre Kleidung die Reibung zwischen Ihnen und dem Sitz ändert.</seg>
<seg id="20">Wenn Sie Seide tragen, ist eine Bewegung einfacher als bei Wolle.</seg>
<seg id="21">Das liegt daran, dass Seide eine geringere Reibung hat.</seg>
<seg id="22">Wenn Sie mit Ihrem Fußgelenk wackeln, gibt es ein knackendes Geräusch von sich?</seg>
<seg id="23">Das kennen Sie, oder?</seg>
<seg id="24">Sie stehen auf, Sie bewegen sich, und ein Gelenk knackt.</seg>
<seg id="25">Danke für das Geräusch, Tribologie.</seg>
<seg id="26">Das Geräusch kann von der Gelenkflüssigkeit kommen, wenn sich Ihre Gelenke bewegen.</seg>
<seg id="27">Es sind Gasblasen in dieser Flüssigkeit, die platzen.</seg>
<seg id="28">Das Geräusch kann auch von den Sehnen kommen, die sich übereinander bewegen.</seg>
<seg id="29">Das kommt beim Knöchel sehr oft vor. Wenn Sie auch mit dem Fuß wackeln, haben Sie vielleicht ein neues Interesse an der Tribologie von Sehnen.</seg>
<seg id="30">Aber wie wird man eigentlich zur Tribologin?</seg>
<seg id="31">Natürlich fängt es in der Kindheit an. Ich habe Ballett getanzt und konnte schließlich auf den Zehen tanzen, „en pointe“. Dabei trägt man besondere Schuhe, aber die können auf der Bühne rutschig sein.</seg>
<seg id="32">Und beim Spitzentanz will man auf keinen Fall ausrutschen und hinfallen.</seg>
<seg id="33">Also benutzten wir Kolophonium.</seg>
<seg id="34">Wir gaben eine dünne Schicht auf unsere Schuhe.</seg>
<seg id="35">Kolophonium ist Baumharz in Pulverform und sorgt für weniger Rutschigkeit.</seg>
<seg id="36">Als Tänzerin lernt man sehr schnell, was die richtige Menge ist. Wenn es nicht genug war, wer ein Sturz aufgrund der niedrigen Reibung zwischen Schuh und Bühne sehr wahrscheinlich.</seg>
<seg id="37">Bestes Szenario: Sie sind die ungeschickte Tänzerin. Schlimmstes Szenario: eine Verletzung.</seg>
<seg id="38">Schon damals habe ich die Reibung optimiert und angepasst.</seg>
<seg id="39">Es war meine Bestimmung, Tribologin zu werden.</seg>
<seg id="40">Aber auch Sie waren früher Junior-Tribologen.</seg>
<seg id="41">Wenn Sie Kreide oder Malstifte benutzt haben, wussten Sie, dass die Farbe intensiver wird, je stärker Sie drücken.</seg>
<seg id="42">Außerdem wussten Sie, dass Sie den Stift dann öfter anspitzen mussten, weil er sich schneller abgenutzt hat.</seg>
<seg id="43">Und dieser glänzende, frisch gebohnerte Boden, über den Sie einfach rutschen mussten?</seg>
<seg id="44">Sie wussten, dass Sie mit Socken sehr gut auf diesem Boden gleiten würden.</seg>
<seg id="45">Viel Glück dabei, das barfuß auszuprobieren.</seg>
<seg id="46">Großartige Anpassung der Reibung.</seg>
<seg id="47">Alle Kinder sind Tribologen. Und was ist, wenn wir erwachsen sind? Irgendwann heute haben Sie Ihre Zähne geputzt. Hoffe ich.</seg>
<seg id="48">Das ist Tribologie in Aktion. Zahnpasta und Zahnbürste arbeiten zusammen daran, Zahnbelag zu entfernen.</seg>
<seg id="49">Mein Vater ist übrigens Zahnarzt.</seg>
<seg id="50">Hätte nie gedacht, dass sich so der Kreis der Berufe unserer Familie schließt.</seg>
<seg id="51">Eines Tages haben wir dieselbe Sprache gesprochen, als ich beauftragt wurde, einen Test zur Zahnbelagentfernung zu entwickeln.</seg>
<seg id="52">Klang einfach, bis ich es mir als Tribologin ansah. Dann wurde es sehr komplex.</seg>
<seg id="53">Es gibt hartes Material, Ihre Zähne, und weiches Material, wie Ihr Zahnfleisch, die Zahnpasta, die Zahnbürste.</seg>
<seg id="54">Dann gibt es Schmiermittel – Speichel und Wasser –, die Dynamik der Person, die putzt, und mehr.</seg>
<seg id="55">Ich verspreche, dass Sie mit Diamanten in Ihrer Zahnpasta den Belag entfernen.</seg>
<seg id="56">Ihre Zähne aber wahrscheinlich auch.</seg>
<seg id="57">Also ist es ein schmaler Grat zwischen Zahnbelagsentfernung und Schaden an Zähnen und Zahnfleisch.</seg>
<seg id="58">Wir putzen unsere Zähne, weil wir gegessen haben.</seg>
<seg id="59">Essen ist eine weitere Routine von uns. Klingt einfach. Aber als weiteres Feld der Tribologie ist es nicht so einfach.</seg>
<seg id="60">Es gibt das Essen, das zerbricht und verschleißt, während Sie essen. Dieses Essen interagiert mit Ihren Zähnen, Ihrer Zunge, Ihrem Speichel, Ihrem Hals.</seg>
<seg id="61">Und alle diese Interaktionen beeinflussen Ihre Esserfahrung.</seg>
<seg id="62">Sie erinnern sich bestimmt daran, wie Sie etwas Neues probiert haben und dachten: „Schmeckt okay.</seg>
<seg id="63">Aber die Textur mag ich gar nicht.“ Tribologen untersuchen die Schmierleistung, den Koeffizienten der Reibung, um Mundgefühl und Textur mit Ihrer Erfahrung zu verbinden. Wenn wir also die Rezepturen der Gerichte und Getränke ändern, dass Zucker- und Fettgehalt anders sind, wie verändert das das Mundgefühl?</seg>
<seg id="64">Wie messen wir das?</seg>
<seg id="65">Das versuchen Tribologen zu lösen.</seg>
<seg id="66">Während meine Kollegen sich in einer Ecke des Labors mit dem Fettgehalt von Joghurt beschäftigten, untersuchte ich Hundefutter in einer anderen.</seg>
<seg id="67">Das Labor roch übrigens ziemlich gut.</seg>
<seg id="68">Wir alle putzen uns regelmäßig die Zähne.</seg>
<seg id="69">Wie viele von uns putzen die Zähne unserer Haustiere?</seg>
<seg id="70">Erwachsene Tiere bekommen oft Parodontitis. Wir sollten ihnen also wirklich die Zähne putzen. Immer mehr Tierbesitzer fangen damit an.</seg>
<seg id="71">Meine beste Freundin ist sehr gut darin, ihrer Katze die Zähne zu putzen.</seg>
<seg id="72">Viel Glück dabei, das bei meiner Katze zu versuchen.</seg>
<seg id="73">Hundefutterhersteller versuchen also, die Plaqueentfernung in Leckerlis zu integrieren.</seg>
<seg id="74">Vielleicht haben Sie beobachtet, wie Ihr Hund ein Leckerli magischerweise mit einem Biss verschwinden lässt.</seg>
<seg id="75">Die Herausforderung lautet daher: Wie geht Plaqueentfernung bei nur einem Biss?</seg>
<seg id="76">Ich entwickelte einen Benchtop-Test zur näheren Untersuchung. Ich musste dazu das Oralsystem von Hunden nachbauen: Zähne, Zahnbelag, Speichel.</seg>
<seg id="77">Ich nutzte Messungen für Reibung und Verschleiß, um die Effektivität vom Leckerli bei der Plaqueentfernung zu untersuchen.</seg>
<seg id="78">Wenn jetzt an das letzte Mal denken, bei dem Sie nicht die Zähne Ihres Hundes geputzt haben: Gern geschehen.</seg>
<seg id="79">Aber warum ist Tribologie wichtig?</seg>
<seg id="80">Ich habe noch ein Beispiel für Sie.</seg>
<seg id="81">Egal, wo Sie sich gerade befinden: Sie sind irgendwie an diesen Ort gekommen.</seg>
<seg id="82">Vielleicht sind Sie zu Fuß gegangen oder Fahrrad gefahren. Die meisten Menschen in diesem Raum kamen wahrscheinlich mit dem Auto.</seg>
<seg id="83">Denken Sie nur an die tribologischen Systeme im Auto.</seg>
<seg id="84">Sie interagieren persönlich mit dem Auto, das Auto interagiert mit der Straße, der Technik und dem Antrieb.</seg>
<seg id="85">Manche Routinewartungen sind direkt mit der Tribologie verbunden.</seg>
<seg id="86">Sie wissen, wie viele Kilometer Ihre Reifen fahren können, bevor Sie sie wechseln.</seg>
<seg id="87">Sie überprüfen regelmäßig die Reifenprofile.</seg>
<seg id="88">Sie überwachen den Verschleiß Ihrer Reifen.</seg>
<seg id="89">Tribologie ist die Lehre von Verschleiß und Reibung. Bei Reifen kann Reibung der Unterschied zwischen einer sicheren Ankunft und einem Autounfall sein.</seg>
<seg id="90">Das liegt daran, dass die Reibung zwischen Reifen und Straße Einfluss auf Ihre Beschleunigung, Abbremsung und Ihren Bremsweg hat.</seg>
<seg id="91">Als Fahrer wissen Sie instinktiv, wie wichtig Reibung ist, denn Sie wissen: Wenn die Straßen nass sind, sind sie rutschig und damit gefährlicher.</seg>
<seg id="92">Das liegt daran, dass das Wasser die Reibung zwischen Reifen und der Straße reduziert.</seg>
<seg id="93">Wie gesagt ist Reibung die Kraft, die sich der Bewegung widersetzt. Wenn Wasser diese Kraft reduziert, ist die Bewegung jetzt einfacher, weshalb nasse Straßen rutschiger sind.</seg>
<seg id="94">Außerdem wird Energie benötigt, um Reibung zu meistern. Sie verlieren also Energie an die Reibung.</seg>
<seg id="95">Das ist ein Weg, wie Ihre Reifen Einfluss auf Ihre Kraftstoffeffizienz nehmen.</seg>
<seg id="96">Wussten Sie auch, dass ungefähr ein Drittel des Kraftstoffs, den Sie in Ihr Fahrzeug mit Verbrennungsmotor füllen, zum Umgang mit der Reibung verbraucht wird? Ein Drittel.</seg>
<seg id="97">Die Tribologieforschung half uns dabei, Reibung zu reduzieren und so Kraftstoffeffizienz zu erhöhen und Emissionen zu reduzieren.</seg>
<seg id="98">Holmberg und Erdemir haben großartige Studien durchgeführt, die zeigen, welchen Einfluss Tribologie auf die Reduzierung unseres Energieverbrauchs haben kann.</seg>
<seg id="99">Sie fanden heraus, dass wir innerhalb von 20 Jahren die Möglichkeit haben, den Energieverbrauch von PKWs um bis zu 60 Prozent zu senken.</seg>
<seg id="100">Wenn wir an alle Autos weltweit denken, ist das viel Energie, die wir sparen können.</seg>
<seg id="101">Laut den Autoren können wir mit Tribologie fast neun Prozent unseres aktuellen globalen Energieverbrauchs sparen.</seg>
<seg id="102">Das ist eine bedeutende Menge Energie.</seg>
<seg id="103">Wenn man sich die Zahlen ansieht, kann Tribologie wirklich gute Dinge tun.</seg>
<seg id="104">Meine Kollegen stellten fest, dass wir allein in den USA bis zu 20 Quads Energie einsparen können.</seg>
<seg id="105">Um das in Relation zu setzen: Ein Quad Energie entspricht ungefähr 180 Millionen Barrel Öl. Tribologie kann helfen, das 20-Fache davon zu sparen.</seg>
<seg id="106">Das ist möglich durch neue Materialien, neue Schmierstoffe, neue Komponentendesigns sowie effizientere und verlässlichere Windturbinen.</seg>
<seg id="107">Das war möglich, weil 31 Leute in einem Raum sich die Welt durch eine Tribologie-Brille angesehen haben.</seg>
<seg id="108">Stellen Sie sich vor, wie viele Möglichkeiten wir entdecken, wenn mehrere von uns Tribologie in allem sehen.</seg>
<seg id="109">Meine aktuellen Lieblingsprojekte betreffen Luftfahrtanwendungen.</seg>
<seg id="110">Ich liebe es, in diesen schwierigen Umgebungen Verschleiß und Reibung zu reduzieren.</seg>
<seg id="111">Ich kann Materialien und Teile herstellen, die die Reibung in beweglichen Bauteilen und Motoren verringern, sodass weniger Kraft nötig ist.</seg>
<seg id="112">Weniger Kraft zum Bewegen heißt weniger Energieverbrauch. Dann kann ein kleinerer Antrieb verwendet werden, der weniger wiegt, was Kraftstoff spart.</seg>
<seg id="113">Ich kann auch Teile herstellen, die länger halten und weniger verschleißen.</seg>
<seg id="114">Das führt zu weniger Materialverschwendung, und wir müssen die Teile nicht so oft herstellen. Also sparen wir auch Energie bei der Herstellung.</seg>
<seg id="115">Ich möchte Sie dazu ermutigen, Tribologie in Ihrer Umgebung zu entdecken. Denken Sie darüber nach, wie Sie die interagierenden Oberflächen verbessern würden.</seg>
<seg id="116">Selbst die kleinsten Verbesserungen zählen.</seg>
<seg id="117">Tribologie ist zwar ein lustig klingendes Wort, hat aber einen großen Einfluss auf unsere Welt.</seg>
<seg id="118">Danke.</seg>
</doc>
<doc docid="55061" genre="lectures">
<talkid>55061</talkid>
<seg id="1">Poet Ali: Hallo. Publikum: Hallo.</seg>
<seg id="2">PA: Ich möchte euch eine Frage stellen.</seg>
<seg id="3">Wie viele Sprachen sprecht ihr?</seg>
<seg id="4">Das ist keine rhetorische Frage.</seg>
<seg id="5">Ich möchte, dass Sie wirklich über eine Zahl nachdenken.</seg>
<seg id="6">Für manche ist es ziemlich einfach.</seg>
<seg id="7">Im Inneren sagen Sie sich: „Eine.</seg>
<seg id="8">Die, in der Sie Ihren Vortrag halten.</seg>
<seg id="9">Fertig.“ Andere fragen sich vielleicht, ob die Sprache, die Ihnen ein*e Ex-Freund*in beigebracht hat, in der Sie nur die Schimpfwörter kennen, auch zählt. Zählen Sie sie ruhig dazu.</seg>
<seg id="10">Als ich mir selbst die Frage gestellt habe, bin ich auf vier gekommen – fünf, wenn ich getrunken habe.</seg>
<seg id="11">Aber bei intensiverem Nachdenken kam ich auf 83 – 83 Sprachen. Danach war ich müde und hab nicht weitergezählt.</seg>
<seg id="12">Und ich musste mir unsere Definition von Sprache noch einmal ansehen.</seg>
<seg id="13">Der erste Eintrag lautet: „Die Methode menschlicher Kommunikation, gesprochen oder schriftlich. Sie besteht aus Worten in einer strukturierten oder bekannten Anordnung.“ Die Definition unten bezieht sich auf Fachgebiete wie Medizin, Wissenschaft, Technik.</seg>
<seg id="14">Wir wissen, dass es dort eigene Sprachen, eigene Jargons gibt.</seg>
<seg id="15">Aber mich interessierte die Definition in der Mitte am meisten: „Das Kommunikationssystem einer bestimmten Community/eines bestimmten Landes.“ Und ich will diese Definition gar nicht ändern.</seg>
<seg id="16">Ich will sie auf alles beziehen, was wir tun. Denn ich glaube, wir sprechen viel mehr Sprachen, als wir denken.</seg>
<seg id="17">Und in unserer restlichen Zeit zusammen versuche ich die eine Sprache zu sprechen, die jeder einzelne in diesem Raum spricht.</seg>
<seg id="18">Dadurch ändern sich die Dinge aber etwas, denn dann ist es kein Vortrag mehr.</seg>
<seg id="19">Es wird zu einer Unterhaltung, und in jeder Unterhaltung muss es eine Art der Interaktion geben.</seg>
<seg id="20">Und damit es Interaktion gibt, müssen beide Parteien dazu bereit sein.</seg>
<seg id="21">Und ich denke, wenn wir nur bereit sind, sehen wir die Magie, die dadurch entsteht.</seg>
<seg id="22">Ich habe einen relativ risikoarmen gemeinsamen Nenner gewählt, der feststellt, ob Sie alle bereit sind.</seg>
<seg id="23">Wenn Sie glücklich sind, klatschen Sie in die Hand.</seg>
<seg id="24">Genau so!</seg>
<seg id="25">Vielen Dank. Setzen Sie sich gerne wieder.</seg>
<seg id="26">Das fanden Sie vielleicht etwas komisch, aber ich verspreche Ihnen, es gab keinen Witz auf Ihre Kosten.</seg>
<seg id="27">Ich habe nur alle Spanischsprechenden gebeten, aufzustehen, eine sitzende Person in ihrer Nähe anzusehen und zu lachen.</seg>
<seg id="28">Und ich weiß, das war nicht nett, und das tut mir leid. Aber in dem Moment haben manche von uns etwas gefühlt.</seg>
<seg id="29">Wir wissen oft, was Sprache tut, wenn wir die Sprache von jemandem sprechen, wie sie uns in Kontakt bringt, wie sie uns verbindet.</seg>
<seg id="30">Aber oft vergessen wir, was passiert, wenn wir die Sprache nicht sprechen. Wie das isoliert und uns ausschließt.</seg>
<seg id="31">Als Nächstes wollen wir uns auf eine Reise durch das Reich der Sprachen begeben.</seg>
<seg id="32">(Auf Farsi: Ich möchte das Konzept von „Taarof“ erklären.) Ich habe auf Farsi gesagt, dass ich das Konzept von „Taarof“ in der persischen Kultur erklären möchten. Es gibt dafür kein englisches Äquivalent.</seg>
<seg id="33">Die beste Definition wäre etwas wie extreme Gnade oder extreme Bescheidenheit.</seg>
<seg id="34">Aber das passt nicht so wirklich.</seg>
<seg id="35">Ich gebe Ihnen ein Beispiel.</seg>
<seg id="36">Wenn zwei Männer sich begegnen, ist es üblich, dass einer sagt (Auf Farsi: Ich bin Ihnen verpflichtet), was heißt: „Ich bin Ihnen verpflichtet“. Der andere antwortet dann (Auf Farsi: Ich öffne mein Hemd für Sie), was heißt: „Ich öffne mein Hemd für Sie.“ Der erste Mann antwortet (Auf Farsi: Ich bin Ihr Diener), was heißt: „Ich bin Ihr Diener.“ Und dann sagt der zweite Mann (Auf Farsi: Ich bin der Dreck unter Ihren Füßen), was übersetzt heißt: „Ich bin der Dreck unter Ihren Füßen“.</seg>
<seg id="37">Hier ist eine Visualisierung, falls Sie es nicht ganz verstanden haben.</seg>
<seg id="38">Ich teile das mit Ihnen, weil neue Sprachen neue Konzepte mit sich bringen, die es vorher nicht gab.</seg>
<seg id="39">Und die andere Sache ist: Manchmal denken wir, bei Sprachen geht es darum, ein Wort zu verstehen. Aber ich glaube, dass es bei Sprache darum geht, den eigenen Sinn eines Wortes zu finden.</seg>
<seg id="40">Wenn ich diese Worte auf dem Screen zeigen würde, würden manche von Ihnen sofort wissen, was gemeint ist.</seg>
<seg id="41">Andere wissen vielleicht nicht, was das ist.</seg>
<seg id="42">Und ich könnte bestimmt eine Grenze ziehen zwischen über 35 Jahre alt und unter 35 Jahre alt.</seg>
<seg id="43">Diejenigen von uns, die das kennen, wissen: Das ist SMS-Sprache.</seg>
<seg id="44">Es ist eine Reihe von Zeichen, die mit so wenig Zeichen wir möglich so viel Bedeutung wie möglich kommunizieren will. Das ist unserer Definition von Sprache ziemlich ähnlich: „Kommunikationssystem, das von einer Community genutzt wird“. Jeder von uns, der jemals per Textnachricht gestritten hat, kann argumentieren, dass das vielleicht nicht die beste Kommunikationsmethode ist. Und wenn ich Ihnen sagen würde, dass das eben ein moderner Liebesbrief war?</seg>
<seg id="45">Wir gehen es durch: „Gerade liebe ich dich sehr, weil du absolut das Beste in mir hervorbringst, und ich lache laut, mit anderen Worten: Was geht? Ich finde dich süß, und wenn du niemanden sonst datest, würde ich mich freuen, dich zu sehen.</seg>
<seg id="46">Damit du Bescheid weißt: Ich bin immer da.</seg>
<seg id="47">Wir bleiben in Kontakt, keine Antwort nötig, beste Grüße von mir, weiß nicht, mir egal, wenn das jemand sieht.</seg>
<seg id="48">Geh nicht dahin, wir sehen uns, ich sage tschüss, umarme und küsse dich, man lebt nur einmal“</seg>
<seg id="49">Quasi Romeo oder Julia von heute.</seg>
<seg id="50">Wenn Sie gerade gelacht haben, sprechen Sie eine weitere Sprache, die keine Erklärung braucht: Lachen.</seg>
<seg id="51">Das ist eine der verbreitetsten Sprachen der Welt.</seg>
<seg id="52">Wir müssen es einander nicht erklären, wir alle fühlen es, und darum sind Dinge wie Lachen oder Musik so verbreitet, weil sie irgendwie keine Erklärung brauchen und eine tiefgreifende Bedeutung mit sich tragen.</seg>
<seg id="53">Jede Sprache, die wir lernen, ist ein Portal, über das wir Zugang zu einer anderen Sprache bekommen.</seg>
<seg id="54">Je mehr wir kennen, desto mehr können wir sprechen.</seg>
<seg id="55">Und das haben wir alle gemeinsam.</seg>
<seg id="56">Wir nehmen ein neues Konzept und filtern es durch eine bereits bestehende Realität in uns.</seg>
<seg id="57">Und deswegen sind Sprachen so wichtig, weil sie uns Zugang zu neuen Welten geben, nicht nur zu Leuten.</seg>
<seg id="58">Es geht nicht nur um Sehen oder Hören, sondern auch um Fühlen, Erfahren, Teilen.</seg>
<seg id="59">Und nach all den Sprachen, mit denen wir uns beschäftigt haben, fehlt noch eine der tiefgreifendsten: die Sprache der Erfahrung.</seg>
<seg id="60">Wenn Sie mit jemandem reden, der dieselbe Erfahrung gemacht hat wie Sie, müssen Sie nicht viel erklären.</seg>
<seg id="61">Deshalb passiert es, dass Sie eine Geschichte erzählen, die niemand so richtig versteht, und das erste, was wir alle sagen, ist: „Man muss wahrscheinlich dabei gewesen sein.“ Man musste diese Woche wohl hier sein, um zu wissen, worum es geht.</seg>
<seg id="62">Irgendwie schwer zu erklären, oder?</seg>
<seg id="63">Für unsere Forschung möchte ich Sie bitten, noch einmal Teil dieser Sprache der Erfahrung zu sein.</seg>
<seg id="64">Ich gehe jetzt ein paar Sprachen durch, und wenn Sie sie sprechen, stehen Sie bitte auf.</seg>
<seg id="65">Sie müssen nicht darüber reden, Sie geben mir nur Bescheid, dass Sie mich sehen. Und ich sehe, dass Sie diese Sprache der Erfahrung sprechen.</seg>
<seg id="66">Sprechen Sie diese Sprache?</seg>
<seg id="67">In der Grundschule hatten wir am Ende des Jahres immer eine Feier. Wir konnten abstimmen, ob wir in einen Vergnügungspark oder einen Wasserpark wollten.</seg>
<seg id="68">Ich habe jedes Mal gehofft, dass die Feier nicht in einem Wasserpark sein würde, da ich dann Badekleidung tragen musste.</seg>
<seg id="69">Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich auf eine Umkleide zugehe, fange ich an zu schwitzen. Denn ich weiß, dass das Kleidungsstück an mir nicht aussieht wie an der Schaufensterpuppe.</seg>
<seg id="70">Ein weiteres Szenario: Auf Familienfeiern war es jedes Mal, wenn ich einen zweiten Teller essen wollte – was üblicherweise der Fall war –</seg>
<seg id="71">eine komplexe Kosten-Nutzen-Analyse. Meine Verwandten sagten: „Ich weiß nicht,</seg>
<seg id="72">musst du das essen?</seg>
<seg id="73">Sieht so aus, als bräuchtest du es nicht, Kumpel.“ Stand auf meinem Gesicht etwa „Bitte kneif mir in die Wangen“?</seg>
<seg id="74">Wenn Sie sich unwohl fühlen, Sie lachen oder aufgestanden sind, sprechen Sie die Sprache, die ich „Sprache eines dicken Kindes“ getauft habe. Und alle Probleme mit der Körperwahrnehmung sind ein Dialekt dieser Sprache.</seg>
<seg id="75">Bleiben Sie bitte stehen.</seg>
<seg id="76">Wie vorher: Wenn ich Ihre Sprache spreche, stehen Sie bitte auf.</seg>
<seg id="77">Ich habe zwei Rechnungen in der Hand.</seg>
<seg id="78">Eine ist die Telefonrechnung, die andere die Stromrechnung.</seg>
<seg id="79">Ene-mene-meck und du bist weg, eine verschwindet, was bedeutet: „Ich habe gerade nicht genug Geld, um beide zu bezahlen.“ Sie müssen erfinderisch sein.</seg>
<seg id="80">Sie müssen einen Weg finden.</seg>
<seg id="81">Wenn Sie stehen, kennen Sie die Sprache der finanziellen Notlage, wo Sie kaum Ihren Lebensunterhalt zahlen können.</seg>
<seg id="82">Und wenn Sie die Sprache glücklicherweise sprechen, wissen Sie, dass es keinen motivierenderen Faktor gibt als Knappheit.</seg>
<seg id="83">Keine Mittel, nicht das richtige Aussehen, kein Geld: Das ist oft der karge Boden, in dem unter Schmerzen die produktivsten Pflanzen gesät und geerntet werden.</seg>
<seg id="84">Ich möchte fragen, ob Sie diese Sprache sprechen.</seg>
<seg id="85">Wenn Sie sie erkennen, stehen Sie gerne auf.</seg>
<seg id="86">Als wir die Diagnose hörten, dachte ich: „Nicht dieses Wort.</seg>
<seg id="87">Alles außer diesem Wort.</seg>
<seg id="88">Ich hasse dieses Wort.“ Und dann eine Reihe von Fragen: „Sind Sie sicher? Hat er gestreut? Wie lange? Doktor, wie lange?“ Und eine Reihe von Antworten bestimmt das Leben eines Menschen.</seg>
<seg id="89">Wenn mein Vater Hunger hatte, versammelten wir uns wie vorher alle am Tisch.</seg>
<seg id="90">Wir aßen immer zusammen, als machten wir das auch weiterhin so.</seg>
<seg id="91">Ich verstand nicht, warum wir den Kampf verloren. Ich habe gelernt, dass man gewinnt, wenn man kämpft und in der richtigen mentalen Verfassung ist.</seg>
<seg id="92">Und wir waren nicht dabei, zu gewinnen.</seg>
<seg id="93">Wenn Sie aufgestanden sind, wissen Sie, dass die Sprache heißt, eine geliebte Person gegen Krebs kämpfen zu sehen.</seg>
<seg id="94">Jede tödlich verlaufende Krankheit ist eine Weiterentwicklung dieser Sprache.</seg>
<seg id="95">Ich spreche jetzt eine letzte Sprache. Oh – nein, ich höre zu.</seg>
<seg id="96">Ja, ja, ja, nein, nein, du und ich, genau hier, yup.</seg>
<seg id="97">Nein, ich stimme dir zu. Ich stimme dir zu!</seg>
<seg id="98">Oder stellen Sie sich vor, dass das Licht aus ist, Sie im Bett liegen und ein blaues Licht auf Ihr Gesicht scheint.</seg>
<seg id="99">Definitiv haben manche von Ihnen wie ich auch das Telefon auf Ihr Gesicht fallen lassen.</seg>
<seg id="100">Oder das hier.</seg>
<seg id="101">Der Beifahrer rastet aus: „Kannst du vielleicht auf die Straße achten?“ Jeder, der jetzt aufgestanden ist, spricht die „Sprache des Verbindungsabbruchs“. Eigentlich ist es die „Sprache der Verbindung“, aber ich sage lieber „Verbindungsabbruch“.</seg>
<seg id="102">Ich verstehe Verbindungsabbruch in Bezug auf Menschen, eine Trennung von unserem physischen Ort, von unseren Gedanken, damit wir an andere Orte gehen können.</seg>
<seg id="103">Wenn Sie nicht stehen, wissen Sie bestimmt, wie es ist, ausgegrenzt zu werden.</seg>
<seg id="104">Sie wissen, wie es ist, wenn jeder Teil von etwas ist, Sie aber nicht.</seg>
<seg id="105">Sie wissen, wie es ist, Teil einer Minderheit zu sein.</seg>
<seg id="106">Und da ich Ihre Sprache spreche, bitte ich Sie, zu stehen, da wir dieselbe Sprache sprechen.</seg>
<seg id="107">Ich glaube, die Sprache der Existenz als Minderheit ist eine der wichtigsten überhaupt. Denn wie wir uns in der Position fühlen bestimmt direkt, wie wir in einer Machtposition handeln werden.</seg>
<seg id="108">Danke für Ihre Teilnahme. Setzen Sie sich gerne. Ich möchte noch in einer letzten Sprache sprechen.</seg>
<seg id="109">Dafür brauchen Sie nicht stehen.</seg>
<seg id="110">Ich will nur sehen, ob Sie es erkennen. Die meisten Mädchen auf der Welt beschweren sich darüber.</seg>
<seg id="111">Die meisten Gedichte der Welt wurden darüber geschrieben.</seg>
<seg id="112">Die meiste Musik im Radio handelt davon, spricht davon oder singt davon.</seg>
<seg id="113">Die meisten Verse werden darüber gerappt, in den meisten Songs geht es darum.</seg>
<seg id="114">Die meisten gebrochenen Herzen sind ohne unterwegs, zweifeln daran oder sind ohne verloren.</seg>
<seg id="115">Die meisten Schatten im Dunkeln wissen nichts mehr davon.</seg>
<seg id="116">Jeder auf der Welt würde ohne es ausrasten.</seg>
<seg id="117">Jeder Junge und jedes Mädchen wäre ohne es tot, würde Probleme haben oder wäre tot.</seg>
<seg id="118">Die meisten Seiten sind mit dem Thema gefüllt.</seg>
<seg id="119">Die vergossenen Tränen werden deswegen vergossen.</seg>
<seg id="120">Die Menschen, die es gefühlt haben, sagen darüber die Wahrheit.</seg>
<seg id="121">Ein Leben ohne wäre verloren.</seg>
<seg id="122">Wenn ich drin stecke und es fühle, will ich über nichts anderes sprechen.</seg>
<seg id="123">Jeder auf der ganzen Welt kennt es.</seg>
<seg id="124">Ich bin verletzt und fertig deswegen und berichte davon, weil ich falsch lag und es nicht zugelassen habe.</seg>
<seg id="125">Kann die Wunde oder Narbe ohne es heilen? Kann man das eigene Gefühl nicht verheimlichen?</seg>
<seg id="126">Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, einen eigenen Traum davon, einen eigenen Anreiz dazu.</seg>
<seg id="127">Also was ist da los?</seg>
<seg id="128">Sind wir bereit zu wissen, dass das Leben ohne es ein Traum und unwirklich ist?</seg>
<seg id="129">Aber ich bin nur ein Autor.</seg>
<seg id="130">Was kann ich dazu preisgeben?</seg>
<seg id="131">Warum ist die am meisten thematisierte Sprache der Welt die, die wir am schwierigsten sprechen oder ausdrücken können?</seg>
<seg id="132">Egal, wie viele Bücher, Seminare oder Beratungsstunden wir nutzen, wir können nicht genug davon kriegen.</seg>
<seg id="133">Und ich frage Sie jetzt: Hat sich Ihre Zahl vom Anfang geändert?</seg>
<seg id="134">Wenn Sie demnächst jemandem begegnen, sollten Sie sich fragen: Welche Sprachen haben wir gemeinsam? Und wenn Ihnen nichts einfällt, fragen Sie sich: Welche Sprachen könnten wir gemeinsam haben? Und wenn immer noch nichts kommt, fragen Sie sich: Welche Sprachen kann ich lernen?</seg>
<seg id="135">Und egal, wie unbedeutend diese Unterhaltung in dem Moment zu sein scheint, ich verspreche, Sie werden irgendwann etwas davon haben.</seg>
<seg id="136">Mein Name ist Poet Ali. Danke.</seg>
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<talkid>56901</talkid>
<seg id="1">Seit ich denken kann, haben mich afrikanische Elefanten mich in komplette Begeisterung versetzt.</seg>
<seg id="2">Sie sind die größten Landsäugetiere, die heute auf der Erde leben. Sie wiegen bis zu 7 Tonnen und haben eine Schulterhöhe von 3,5 Metern.</seg>
<seg id="3">Sie können bis zu 400 Kilo Nahrung pro Tag zu sich nehmen. Während ihrer 50–60 Lebensjahre verteilen sie Pflanzensamen über Tausende von Kilometer.</seg>
<seg id="4">Im Mittelpunkt ihrer gefühlvollen und komplexen Gesellschaft stehen die Matriarchinnen.</seg>
<seg id="5">Die starken Weibchen nähren die Jungtiere und meistern die Herausforderungen des afrikanischen Busches, um Nahrung, Wasser und Sicherheit zu finden.</seg>
<seg id="6">Ihre Gesellschaften sind sehr komplex. Wir entschlüsseln immer noch, wie sie kommunizieren, wie sie miteinander reden, wie ihre Dialekte funktionieren.</seg>
<seg id="7">Und wir verstehen noch nicht, wie sie sich bewegen, wie sie sich an die sicherste Stelle für die Flussüberquerung erinnern.</seg>
<seg id="8">Bestimmt haben viele in diesem Raum wie ich eine ähnlich emotionale Reaktion auf diese majestätischen Tiere.</seg>
<seg id="9">Bestimmt haben Sie eine Dokumentation gesehen, wissen etwas über ihre Intelligenz oder haben sie mit viel Glück schon auf einer Safari in der Wildnis gesehen.</seg>
<seg id="10">Aber ich frage mich, wie viele von Ihnen schon wirklich Angst vor ihnen hatten.</seg>
<seg id="11">Ich bin in Südafrika aufgewachsen. Meine Eltern waren Lehrer mit langen Ferienzeiten, aber wenig Budget.</seg>
<seg id="12">Als fuhren wir in unserem alten Ford Cortina Estate, meine Schwester und ich auf der Rückbank, mit unseren Zelten zum Campen in verschiedene Wildreservate im südlichen Afrika.</seg>
<seg id="13">Das war der Himmel für eine junge angehende Zoologin wie mich.</seg>
<seg id="14">Aber schon in jungen Jahren fand ich die hohen Elektrozäune um die Wildreservate ziemlich schwierig.</seg>
<seg id="15">Natürlich hielten sie die Elefanten davon ab, in die Gemeinden zu gelangen. Aber die Gemeinden konnten auch nicht auf ihre Wildflächen.</seg>
<seg id="16">Das war in dem Alter wirklich ein Problem für mich.</seg>
<seg id="17">Erst als ich mit 14 nach Kenia zog, fand ich eine Verbindung zu den weiten, offenen Wildflächen von Ostafrika.</seg>
<seg id="18">Und an diesem Ort fühle ich mich wirklich, instinktiv zu Hause.</seg>
<seg id="19">Ich habe viele glückliche Jahre lang das Verhalten von Elefanten in einem Zelt im Samburu National Reserve untersucht, unter der Führung von Prof. Fritz Vollrath und Iain Douglas-Hamilton. Ich habe dort für meinen Doktor geforscht und die Komplexitäten von Elefantengruppen kennengelernt.</seg>
<seg id="20">Aber als Leiterin des Koexistenzprogramms zwischen Mensch und Elefant bei Save the Elephants sehe ich so viele schnelle Änderungen, dass wir auch Änderungen in einigen unserer Forschungsprogramme vornehmen müssen.</seg>
<seg id="21">Wir können nicht länger nur dasitzen und Elefantengruppen studieren oder herausfinden, wie wir den Handel mit Elfenbein stoppen, der schrecklicherweise weiter andauert.</seg>
<seg id="22">Wir müssen unsere Ressourcen immer mehr anpassen, um uns dem wachsenden Mensch-Elefant-Konflikt zu stellen, in dem Menschen und Dickhäuter um Platz und Ressourcen kämpfen.</seg>
<seg id="23">In den 1970ern hatten wir noch 1,2 Millionen Elefanten in ganz Afrika.</seg>
<seg id="24">Jetzt sind eher nur noch 400.000 übrig.</seg>
<seg id="25">Gleichzeitig hat sich die Menschheit vervierfacht, und die Ländereien werden so schnell fragmentiert, dass es schwierig ist, Schritt zu halten.</seg>
<seg id="26">Oft bleiben die wandernden Elefanten auf der Suche nach Nahrung und Wasser in den Gemeinden, wo sie Wassertanks aufbrechen, Rohre zerstören und in Lagerräume eindringen, um Nahrung zu finden. Das ist wirklich ein großes Problem. Können Sie sich vorstellen, wie schrecklich es ist, wenn ein Elefant mitten in der Nacht das Dach Ihrer Lehmhütte abreißt und Sie Ihre Kinder schützen müssen, während ein Rüssel in der Dunkelheit nach Nahrung sucht?</seg>
<seg id="27">Die Elefanten zertrampeln und fressen außerdem die Ernte, was die Toleranz verschwinden lässt, die die Leute für Elefanten hatten.</seg>
<seg id="28">Und leider verlieren wir Elefanten pro Tag und in manchen Ländern pro Stunde. Nicht nur durch Elfenbeinwilderei, sondern auch durch einen Anstieg an Konflikten zwischen Mensch und Elefant im Ringen nach Nahrung und Ressourcen.</seg>
<seg id="29">Das ist ein massives Problem. Wie hindert man 7 Tonnen schwere Dickhäuter, oft in Gruppen von 10 oder 12, an einer Plünderung kleiner Landwirtschaftsbetriebe, wenn die Menschen am Rande der Armut leben?</seg>
<seg id="30">Sie haben keine großen Budgets.</seg>
<seg id="31">Wie lösen Sie dieses Problem?</seg>
<seg id="32">Einmal können Sie elektrische Zäune bauen. Das passiert in ganz Afrika, wir sehen das immer öfter.</seg>
<seg id="33">Doch so werden Gebiete geteilt und Wege blockiert.</seg>
<seg id="34">Die Elefanten halten auch nicht viel davon, besonders dann, wenn so ein besonderes Wasserloch blockiert wird, oder wenn sich ein attraktives Weibchen auf der anderen Seite befindet.</seg>
<seg id="35">Es dauert nicht lange, einen dieser Pfosten umzuwerfen.</seg>
<seg id="36">Und sobald ein Loch im Zaun ist, gehen sie zurück, sprechen mit den anderen, und auf einmal sind alle durch. Jetzt haben Sie 12 Elefanten auf der Gemeindeseite des Zaunes.</seg>
<seg id="37">Und das ist ein echtes Problem.</seg>
<seg id="38">Leute lassen sich immer neue Arten von Elektrozäunen einfallen. Die Elefanten halten davon auch nichts.</seg>
<seg id="39">Anstatt also diese rigorosen, geraden Elektrozäune aufzustellen, die Wege blockieren, muss es andere Lösungen für dieses Problem geben.</seg>
<seg id="40">Mich interessieren viel mehr die ganzheitlichen und natürlichen Methoden, um Elefanten und Menschen da zu trennen, wo es nötig ist.</seg>
<seg id="41">Bei Gesprächen mit Viehhütern auf dem Land im Norden Kenias, die sich sehr gut in der Gegend auskennen, wurde uns erzählt, dass Elefanten nicht an Bäume gehen, an denen sich Bienenstöcke befinden.</seg>
<seg id="42">Was für eine interessante Geschichte.</seg>
<seg id="43">Als die Elefanten am Baum auf Futtersuche waren, brachen sie Zweige ab und erwischten vielleicht einen wilden Bienenstock.</seg>
<seg id="44">Und die Bienen flogen aus ihren natürlichen Nestern und stachen die Elefanten.</seg>
<seg id="45">Wenn sie gestochen werden, würden sie sich vielleicht merken, dass dieser Baum gefährlich ist und nicht wieder an diese Stelle zurückkehren.</seg>
<seg id="46">Es scheint unmöglich, dass sie durch ihre dicke Haut gestochen werden. Elefantenhaut ist um die zwei Zentimeter dick.</seg>
<seg id="47">Aber anscheinend werden sie an feuchten Stellen gestochen, an den Augen, hinter den Ohren, im Mund, im Rüssel.</seg>
<seg id="48">Sie können sich vorstellen, dass sie sich daran gut erinnern werden.</seg>
<seg id="49">Und sie haben nicht wirklich Angst vor nur einem Stich:</seg>
<seg id="50">Afrikanische Bienen zeichnet aus, dass sie nach einem Stich ein Pheromon freisetzen, das dem Rest der Bienen mitteilt, dass sie in dieselbe Stelle stechen sollen.</seg>
<seg id="51">Also ist es nicht der eine Bienenstich, vor dem Elefanten Angst haben, sondern eher Tausende von Bienenstichen an derselben Stelle.</seg>
<seg id="52">Und natürlich wird eine gute Matriarchin ihr Junges immer weit weg halten von so einer Bedrohung.</seg>
<seg id="53">Junge Kälber haben viel dünnere Haut, was es wahrscheinlicher macht, gestochen zu werden.</seg>
<seg id="54">Für meinen Doktor habe ich mich damit beschäftigt, wie afrikanische Elefanten und afrikanische Bienen interagieren würden. In der Theorie würden sie das nämlich nicht tun.</seg>
<seg id="55">Wie wollte ich das untersuchen?</seg>
<seg id="56">Ich habe das Geräusch gestörter afrikanischer Honigbienen aufgenommen und über einen Lautsprecher Elefanten vorgespielt, die sich gerade unter einem Baum ausruhten. So konnte ich nachvollziehen, wie sie reagieren, wenn sie auf Wildbienen treffen.</seg>
<seg id="57">Es stellt sich heraus, dass sie dramatisch auf das Geräusch afrikanischer Wildbienen reagieren.</seg>
<seg id="58">Hier spielen wir der Elefantengruppe die Bienengeräusche vor.</seg>
<seg id="59">Wir sehen, dass die Ohren sich aufrichten, sie die Köpfe zur Seite bewegen. Ein Elefant schüttelt den Rüssel und versucht zu riechen.</seg>
<seg id="60">Hier ein weiterer Elefant, der eins der Kälber tritt, damit es aufsteht – als gäbe es eine Bedrohung.</seg>
<seg id="61">Ein Elefant gibt das Kommando zum Rückzug, worauf ihr die ganze Elefantenfamilie hinterher rennt und nur noch eine Staubwolke zu sehen ist.</seg>
<seg id="62">Ich habe dieses Experiment sehr oft durchgeführt, und die Elefanten rennen fast immer davon.</seg>
<seg id="63">Sie rennen nicht nur, sie schütteln sich auch beim Rennen, als wollten sie Bienen in der Luft schlagen.</seg>
<seg id="64">Wir haben für die Experimente auch Infraschall-Mikrophone in der Nähe der Elefanten platziert.</seg>
<seg id="65">Wir stellten fest, dass sie in Infraschall-Geräuschen miteinander kommunizierten, um vor der Gefahr durch die Bienen zu warnen.</seg>
<seg id="66">Diese Entdeckung der Verhaltensweisen half uns sehr dabei, die Reaktion von Elefanten auf Bienen zu verstehen.</seg>
<seg id="67">Das brachte mich dazu, einen neuen Entwurf für einen Bienenstockzaun zu entwickeln. Wir errichten ihn nun um kleine, ein bis zwei Hektar große Ländereien in den gefährdetsten Gebieten Afrikas, wo Menschen und Elefanten um Raum kämpfen.</seg>
<seg id="68">Die Bienenstockzäune sind sehr, sehr einfach.</seg>
<seg id="69">Wir nutzen 12 Bienenstöcke und 12 Attrappen, um einen Morgen Ackerland zu schützen.</seg>
<seg id="70">Eine Attrappe ist einfach ein Stück Sperrholz, was wir in Rechtecke schneiden, gelb anmalen und zwischen die Bienenstöcke hängen.</seg>
<seg id="71">Wir wollen, dass die Elefanten denken, es gäbe mehr Bienenstöcke als in Wirklichkeit da sind.</seg>
<seg id="72">Und natürlich halbiert das die Kosten des Zaunes.</seg>
<seg id="73">Da ist ein Bienenstock, da eine Attrappe, ein Bienenstock, eine Attrappe. Alle zehn Meter an der äußeren Grenze.</seg>
<seg id="74">Sie sind an einem Pfosten mit Sonnenschutz für die Bienen befestigt, und dazwischen befindet sich einfacher Draht, der die Bienenstöcke miteinander verbindet.</seg>
<seg id="75">Wenn also ein Elefant das Land betreten will, möchte er unbedingt die Bienenstöcke vermeiden. Dazu geht er zwischen dem Bienenstock und der Attrappe durch, berührt aber den Draht, wodurch sich die Bienenstöcke bewegen.</seg>
<seg id="76">Wir wissen durch die Forschung, dass die Elefanten dadurch wegrennen – und sich hoffentlich dran erinnern, nicht in dieses Risikogebiet zurückzukehren.</seg>
<seg id="77">Die Bienen schwärmen aus dem Bienenstock und schlagen die Elefanten in die Flucht.</seg>
<seg id="78">Wir setzen auch Kameras ein, damit wir verstehen, wie Elefanten nachts auf die Bienenstöcke reagieren. Denn der Futterraub passiert meistens nachts.</seg>
<seg id="79">Wir haben herausgefunden, dass wir bis zum 80 % der Elefanten von den geschützten Ländereien fern halten.</seg>
<seg id="80">Und die Bienen der Bienenstockzäune bestäuben außerdem die Felder.</seg>
<seg id="81">Also reduziert sich der Futterraub durch die Elefanten und die Ernte wird durch die Bestäubung durch die Bienen noch verbessert.</seg>
<seg id="82">Die Stärke der Bienenstockzäune ist sehr wichtig. Die Kolonien müssen sehr stark sein.</seg>
<seg id="83">Also helfen wir den Landwirten, bestäuberfreundliche Kulturen anzupflanzen, um Bienenstock und Bienen zu stärken und den besten Honig herzustellen.</seg>
<seg id="84">Der Honig ist sehr wertvoll als zusätzliches Einkommen für die Landwirte.</seg>
<seg id="85">Er ist eine gesunde Alternative zum Zucker und in unserer Community ein wertvolles Geschenk für die Schwiegermutter – quasi unbezahlbar.</seg>
<seg id="86">Gerade füllen wir diesen Wildhonig ab, den wir Elephant-Friendly Honey nennen.</seg>
<seg id="87">Ein lustiger Name, der auch auf unser Projekt aufmerksam macht und Menschen darüber informiert, dass wir versuchen, die Elefanten zu retten.</seg>
<seg id="88">Wir arbeiten mit vielen Frauen an über 60 Mensch-Elefant-Konflikt-Stellen in 19 Ländern in Afrika und Asien zusammen und errichten die Bienenstockzäune. Dabei arbeiten wir auch mit vielen Landwirten zusammen, jetzt besonders mit weiblichen, denen wir helfen, harmonisch mit Elefanten zu leben.</seg>
<seg id="89">Wir entwickeln auch ein Angebot verschiedener Optionen, um in Harmonie mit den riesigen Dickhäutern zusammenzuleben.</seg>
<seg id="90">Wir versuchen auch, Landwirten, besonders den Frauen unter ihnen, einen Denkanstoß zu geben, was sie auf ihrem Land noch anbauen könnten.</seg>
<seg id="91">Wir sprechen von Kulturen, die Elefanten nicht unbedingt fressen wollen, wie Chilis, Ingwer, Moringa und Sonnenblumen.</seg>
<seg id="92">Und natürlich lieben auch die Bienen und die Bienenstockzäune diese Kulturen, weil ihre Blüten wunderschön sind.</seg>
<seg id="93">Eine der Pflanzen ist der stachelige Sisal-Agave, die Sie hier vielleicht als Jute kennen.</seg>
<seg id="94">Aus dieser Pflanze kann ein Material zum Weben gemacht werden.</seg>
<seg id="95">Die Frauen, die täglich mit der Herausforderung der Elefanten konfrontiert sind, können jetzt über diese Pflanze ein alternatives Einkommen generieren.</seg>
<seg id="96">Vor nur drei Wochen haben wir mit dem Bau eines Frauenarbeitszentrums begonnen. Wir arbeiten dort mit Imkerinnen und Korbflechterinnen. Sie werden Chiliöl, Sonnenblumenöl, Lippenbalsam und Honig zubereiten. Wir sind auf dem Weg dahin, dass die involvierten Landwirtinnen von ökologischen Projekten profitieren und besser mit Elefanten leben und arbeiten können.</seg>
<seg id="97">Ob Matriarchinnen, Mütter oder Forscherinnen wie ich: Ich sehe, dass mehr Frauen in den Vordergrund drängen, um anders und mutiger über unsere Herausforderungen nachzudenken.</seg>
<seg id="98">Ich glaube, dass wir mit mehr Innovation und vielleicht etwas mehr Mitgefühl füreinander von einem Zustand des Konflikts mit Elefanten zu wahrer Koexistenz gelangen können.</seg>
<seg id="99">Danke.</seg>
</doc>
<doc docid="57418" genre="lectures">
<talkid>57418</talkid>
<seg id="1">Es ist ein Mikroorganismus, circa so groß wie eine Haarbreite.</seg>
<seg id="2">Sie sind überall auf der Welt beheimatet: Salzwasser, Süßwasser, überall. Dieses hier sucht gerade nach Nahrung.</seg>
<seg id="3">Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit dem Ding. Ich war ungefähr 8 Jahre alt und komplett beeindruckt.</seg>
<seg id="4">Da ist diese unglaubliche kleine Kreatur, sie sucht Nahrung, schwimmt, geht ihrem Leben nach, aber ihr gesamtes Universum passt in einen Wassertropfen.</seg>
<seg id="5">Paul McEuen: Dieses kleine Rädertierchen sagt uns etwas Großartiges.</seg>
<seg id="6">Nämlich, dass wir eine Maschine bauen können, die praktisch, komplex und smart ist, und so klein, dass wir sie fast nicht sehen.</seg>
<seg id="7">Der Ingenieur in mir ist begeistert von dem Ding, davon, dass es so eine Kreatur gibt.</seg>
<seg id="8">Aber direkt nach der Bewunderung, muss ich gestehen, kommt ein wenig Neid.</seg>
<seg id="9">Ich meine, die Natur kann es.</seg>
<seg id="10">Warum können wir es nicht?</seg>
<seg id="11">Warum können wir keine winzigen Roboter bauen?</seg>
<seg id="12">Ich bin nicht der Einzige, der diese Idee hat.</seg>
<seg id="13">In den letzten paar Jahren haben nämlich Forscher überall auf der Welt mit dem Versuch begonnen, kleine Roboter zu erschaffen, die wir kaum sehen können.</seg>
<seg id="14">Und heute erzählen wir Ihnen von einem Projekt der Cornell University, und jetzt auch an der University of Pennsylvania, in dem winzige Roboter gebaut werden.</seg>
<seg id="15">Okay, das ist also das Ziel.</seg>
<seg id="16">Aber wie machen wir das?</seg>
<seg id="17">Wie können wir winzige Roboter herstellen?</seg>
<seg id="18">Ausgerechnet Pablo Picasso gibt uns unseren ersten Hinweis. Picasso sagte --</seg>
<seg id="19">Gute Künstler kopieren. Große Künstler stehlen.</seg>
<seg id="20">Okay. Aber stehlen von was?</seg>
<seg id="21">Nun, unglaublich aber wahr: Ein Großteil der Technologie, die wir für kleine Roboter brauchen, gibt es schon.</seg>
<seg id="22">Die Halbleitertechnik wird immer besser darin, kleine und noch kleinere Geräte zu erschaffen. Aktuell könnten sie circa eine Million Transistoren in ein Gehäuse stecken, in das auch ein einzelliges Pantoffeltierchen passt.</seg>
<seg id="23">Und es geht nicht nur um Elektronik.</seg>
<seg id="24">Sie können auch kleine Sensoren bauen, LEDs, ganze Kommunikationsgeräte, die zu klein sind, um sie wahrzunehmen.</seg>
<seg id="25">Folgendes werden wir also tun.</seg>
<seg id="26">Wir stehlen diese Technologie.</seg>
<seg id="27">Hier ist ein Roboter.</seg>
<seg id="28">Wie sich herausstellt, besteht er aus zwei Teilen.</seg>
<seg id="29">Er hat einen Kopf, und er hat Beine.</seg>
<seg id="30">[Gehirn: muss gestohlen werden]</seg>
<seg id="31">Wir nennen das einen beinlosen Roboter, was vielleicht exotisch klingt, aber sie sind ziemlich cool.</seg>
<seg id="32">Die meisten von Ihnen tragen einen beinlosen Roboter bei sich.</seg>
<seg id="33">Ihr Smartphone ist der weltweit erfolgreichste beinlose Roboter.</seg>
<seg id="34">In nur 15 Jahren hat es den gesamten Planeten erobert. Warum auch nicht? So eine wunderbare kleine Maschine.</seg>
<seg id="35">Sie ist sehr intelligent, kann super kommunizieren, und Sie können sie problemlos in der Hand halten.</seg>
<seg id="36">Wir würden gerne so etwas erschaffen, aber auf zellulärer Ebene. In der Größe eines Pantoffeltierchens.</seg>
<seg id="37">Und hier ist es: unser Smartphone in Zellengröße.</seg>
<seg id="38">Es sieht auch ein bisschen wie ein Smartphone aus, ist aber um die 10.000 Mal kleiner.</seg>
<seg id="39">Wir nennen das OWIC.</seg>
<seg id="40">[Optical Wireless Integrated Circuits]</seg>
<seg id="41">Wir machen keine Werbung, okay?</seg>
<seg id="42">Aber das alleine ist schon ziemlich cool.</seg>
<seg id="43">Zu diesem OWIC gehören verschiedene Teile.</seg>
<seg id="44">Oben befinden sich diese coolen kleinen Solarzellen. Wenn Licht darauf fällt, wird ein kleiner Schaltkreis betrieben, der sich hier in der Mitte befindet.</seg>
<seg id="45">Und dieser Schaltkreis bringt eine winzige LED zum Leuchten, über die das OWIC mit uns kommunizieren kann.</seg>
<seg id="46">Anders als ein Mobiltelefon kommuniziert das OWIC mit Licht, quasi wie ein kleines Glühwürmchen.</seg>
<seg id="47">Was ziemlich cool ist an diesen OWICs ist, dass wir sie nicht nacheinander herstellen, aus verschiedenen Einzelteilen.</seg>
<seg id="48">Wir stellen sie parallel her.</seg>
<seg id="49">Zum Beispiel passen ca. eine Million OWICs in einen einzigen 10-cm-Wafer.</seg>
<seg id="50">Genau wie Ihr Telefon verschiedene Apps hat, können Sie verschiedene OWICs haben.</seg>
<seg id="51">Manche können Spannung messen, andere die Temperatur. Oder es gibt nur ein kleines Licht, das blinkt, um Ihnen zu sagen, dass es da ist.</seg>
<seg id="52">Das ist ziemlich cool, diese winzigen Geräte.</seg>
<seg id="53">Und ich würde gerne etwas detaillierter darüber sprechen.</seg>
<seg id="54">Aber zuerst muss ich etwas anderes thematisieren.</seg>
<seg id="55">Ich erzähle Ihnen etwas über Penny-Stücke, das Sie vielleicht noch nicht wissen.</seg>
<seg id="56">Dieser Penny ist ein bisschen älter. Auf der Rückseite ist das Lincoln Memorial abgebildet.</seg>
<seg id="57">Aber etwas, was möglicherweise weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass beim Heranzoomen in der Mitte Abraham Lincoln zu sehen ist, genau wie am echten Lincoln Memorial ganz hier in der Nähe.</seg>
<seg id="58">Aber mit Sicherheit wisst Ihr nicht, dass Ihr beim noch näheren Heranzoomen –</seg>
<seg id="59">einen OWIC auf Abe Lincolns Brust erkennen können.</seg>
<seg id="60">Das Tolle daran ist, dass man den ganzen Tag darauf starren kann und trotzdem nichts erkennt. Für das bloße Auge ist es unsichtbar.</seg>
<seg id="61">Diese OWICs sind so klein und wir produzieren sie in so großen Stückzahlen, dass jedes OWIC tatsächlich weniger als einen Penny kostet.</seg>
<seg id="62">Vielmehr ist der kleine Sticker mit der Aufschrift OWIC das teuerste Stück im Rahmen dieser Demo.</seg>
<seg id="63">Der Sticker kostet etwa acht Cent.</seg>
<seg id="64">Wie finden diese ganzen Dinge aus verschiedenen Gründen wirklich großartig.</seg>
<seg id="65">Wir verwenden sie beispielsweise als winzige Sicherheits SmartTags, die zum Identifizieren von Personen besser geeignet sind als ein Fingerabdruck.</seg>
<seg id="66">Wir bauen sie in andere medizinische Geräte ein, um zusätzliche Informationen zu liefern und beginnen gerade, darüber nachzudenken, ob wir sie nicht auch ins Gehirn implantieren sollen, um die Neuronen einzeln abzuhören.</seg>
<seg id="67">Es gibt allerdings ein Problem mit diesen OWICs: sie sind keine Roboter.</seg>
<seg id="68">Es handelt sich nur um Köpfe.</seg>
<seg id="69">Und ich denke, wir sind uns alle einig, dass ein halber Roboter nicht als Roboter gelten kann.</seg>
<seg id="70">Ohne Beine ist das alles nichts.</seg>
<seg id="71">MM: Okay, man braucht also für den Roboter auch Beine.</seg>
<seg id="72">An dieser Stelle verstehen wir, dass man nicht einfach bereits vorhandene Techniken abkupfern kann.</seg>
<seg id="73">Wenn euer winziger Roboter Beine haben soll, braucht ihr Aktuatoren, also bewegliche Teile.</seg>
<seg id="74">Diese Teile müssen vielen verschiedenen Anforderungen gerecht werden.</seg>
<seg id="75">Sie müssen für Niederspannung ausgelegt sein.</seg>
<seg id="76">Und auch stromsparend sein.</seg>
<seg id="77">Aber, am wichtigsten ist, dass sie klein sind.</seg>
<seg id="78">Wenn Ihr einen Roboter konstruieren wollt, der so groß wie eine Zelle ist, braucht Ihr auch Beine in Zellengröße.</seg>
<seg id="79">Niemand weiß derzeit, wie man so etwas baut.</seg>
<seg id="80">Es gab noch keine vorhandene Technologie, die all diesen Anforderungen gerecht wird.</seg>
<seg id="81">Wir mussten uns etwas Neues ausdenken, um Beine für unsere winzigen Roboter herzustellen.</seg>
<seg id="82">Hier nun also das Ergebnis unserer Bemühungen.</seg>
<seg id="83">Dies ist einer unserer Aktuatoren und ich lege eine Spannung an dieses Bauteil an.</seg>
<seg id="84">Wenn ich das mache, kann ich sehen, wie der Aktuator reagiert und sich zusammenrollt.</seg>
<seg id="85">Das mag vielleicht nicht aufsehenerregend erscheinen, aber wenn wir eine rote Blutzelle auf den Bildschirm legen würden, wäre sie so groß, also handelt es sich hier um unglaublich kleine Verwirbelungen.</seg>
<seg id="86">Sie sind unglaublich klein und das Gerät kann sich immer noch problemlos biegen und entbiegen, ohne dass etwas beschädigt wird.</seg>
<seg id="87">Also wie sind wir vorgegangen?</seg>
<seg id="88">Nun, der Aktuator wird aus einen Platinschicht gefertigt, die nur etwa ein Dutzend Atome dick ist.</seg>
<seg id="89">Es hat sich herausgestellt, dass sich, wenn man Platin in Wasser eintaucht und anschließend eine Spannung anlegt, Atome aus dem Wasser an der Platinoberfläche anhaften oder sich davon lösen. Dies hängt ganz von der verwendeten Spannung ab.</seg>
<seg id="90">Durch diesen Prozess entsteht eine Kraft, mit der die spannungsgesteuerte Betätigung angetrieben werden kann.</seg>
<seg id="91">Es ging hierbei vorrangig darum, alle Bauteile ultradünn zu konzipieren.</seg>
<seg id="92">Wenn alle Teile ultradünn sind, ist euer Aktuator flexibel genug, sich auf diese kleinen Größen zu biegen, ohne zu reißen und kann die Kräfte nutzen, die durch das Anheften oder Lösen einer einzigen Schicht Atome entstehen.</seg>
<seg id="93">Wir müssen diese Vorrichtungen nicht einzeln und nacheinander bauen.</seg>
<seg id="94">Wir können, wie auch bei den OWIC, viele Einheiten gleichzeitig bauen.</seg>
<seg id="95">Hier haben wir also mehrere tausend Aktuatoren. Alles, was ich mache, ist eine Spannung anschließen, und sie alle bewegen sich hin und her und sehen aus wie die Beine einer künftigen Roboterarmee.</seg>
<seg id="96">Wir haben nun also Hirn und Muskelkraft beisammen.</seg>
<seg id="97">Wir haben die Intelligenz und die Aktuatoren.</seg>
<seg id="98">Die OWICs sind das Hirn, die Intelligenz.</seg>
<seg id="99">Sie bieten Sensoren, Spannungsquellen und ein Zweiwege- Kommunikationssystem mit Lichtsignalen.</seg>
<seg id="100">Die Platinschichten dienen als Muskeln.</seg>
<seg id="101">Wir brauchen diese Muskeln, damit sich der Roboter bewegen kann.</seg>
<seg id="102">Nun können wir diese beiden Teile nehmen, die zusammenbauen und mit dem Bau unserer winzigen, wirklich sehr winzigen, Roboter beginnen.</seg>
<seg id="103">Zuerst haben wir uns eine wirklich einfache Konstruktion vorgenommen.</seg>
<seg id="104">Dieser herumlaufende Roboter wird vom Nutzer gesteuert.</seg>
<seg id="105">In der Mitte befinden sich Solarzellen und die Verkabelung.</seg>
<seg id="106">Das ist der OWIC.</seg>
<seg id="107">Die OWIC sind mit Beinpaaren verbunden, die mit einer Platinschicht versehen sind und haben hier diese starren Platten, die wir oben darauf setzen, und die an die Beine kommunizieren, wie sie einklappen sollen, welche Form sie annehmen sollen.</seg>
<seg id="108">Die Idee dahinter ist, dass man beim Abschießen eines Laserstrahls auf die verschiedenen Solarzellen auswählen kann, welches Bein bewegt werden soll, damit der Roboter herumlaufen kann.</seg>
<seg id="109">Natürlich bauen wir auch die Beine nicht einzeln und nacheinander, sondern gleichzeitig und in großen Stückzahlen.</seg>
<seg id="110">Wir können etwa eine Million Roboter auf einem einzigen, vier Inch großen, Waver bauen.</seg>
<seg id="111">Dieses Bild auf der linken Seite ist beispielsweise ein Chip, und auf diesem Chip befinden sich 10.000 Roboter.</seg>
<seg id="112">In unserer Welt, in der Makrowelt, sieht es so aus, als sei dieses kleine Ding ein Mikroprozessor oder etwas ähnliches.</seg>
<seg id="113">Wenn wir den Chip allerdings nehmen und unter ein Mikroskop legen, sehen wir tausende und abertausende winziger Roboter.</seg>
<seg id="114">Die Roboter stecken allerdings noch fest.</seg>
<seg id="115">Sie haften noch an der Oberfläche, auf der wir sie gebaut haben.</seg>
<seg id="116">Wenn wir möchten, dass sie herumlaufen, müssen wir sie freisetzen.</seg>
<seg id="117">Wir wollten euch gern live zeigen, wie wir die Roboterarmee freisetzen, aber in diesem Prozess werden sehr gefährliche Chemikalien eingesetzt, wirklich sehr schädliches Zeug. Und wir befinden uns immerhin gerade in nur einer Meile Entfernung vom Weißen Haus. Ja, also die werden uns das bestimmt nicht genehmigen. Also –</seg>
<seg id="118">zeigen wir euch stattdessen einen Film. In diesem Film seht Ihr die letzten Schritte bei der Bereitstellung der Roboter.</seg>
<seg id="119">Wir verwenden Chemikalien, um das Substrat unter dem Roboter wegzuätzen.</seg>
<seg id="120">Wenn sich das Substrat auflöst, können die Roboter in ihre Endform übergehen.</seg>
<seg id="121">Hier könnt Ihr sehen, dass das Ergebnis bei 90 Prozent liegt. Also können wir fast alle der 10.000 Roboter, die wir gebaut haben, später verwenden und steuern.</seg>
<seg id="122">Wir können diese Roboter auch nehmen und sie nach Wunsch platzieren.</seg>
<seg id="123">Im Film seht Ihr links mehrere Roboter im Wasser.</seg>
<seg id="124">Ich komme mit meiner Pipette und sauge sie alle auf. Wenn ich sie anschließend wieder aus der Pipette herausspritze, ist zu erkennen, dass ihnen nichts passiert ist.</seg>
<seg id="125">Diese Roboter sind tatsächlich so klein, dass sie durch die kleinste Injektionsnadel passen, die es zu kaufen gibt.</seg>
<seg id="126">Wenn Ihr euch also gern lauter Roboter in die Venen spritzen möchtet, könnt Ihr das tun.</seg>
<seg id="127">Ich glaube, sie sind begeistert mit dabei.</seg>
<seg id="128">Auf der rechten Seite ist ein Roboter, den wir in Teichwasser getaucht haben.</seg>
<seg id="129">Einen kleinen Moment bitte. Oops! Habt Ihr das gesehen? Das war kein Hai.</seg>
<seg id="130">Das war ein Pantoffeltierchen.</seg>
<seg id="131">Das ist also die Welt, in der diese kleinen Dinger leben.</seg>
<seg id="132">Okay, schön und gut, aber an diesen Punkt fragt Ihr euch vielleicht: „Nun, können die Dinger laufen?“ Habe ich Recht?</seg>
<seg id="133">Das ist ihre Bestimmung. Es wäre besser, wenn sie es auch wirklich tun. Finden wir es also heraus.</seg>
<seg id="134">Hier haben wir also den Roboter und die Solarzellen in der Mitte. Die Zellen haben die Form kleiner Rechtecke.</seg>
<seg id="135">Ich möchte, dass Ihr euch die Solarzelle ganz oben auf der Folie anseht.</seg>
<seg id="136">Seht Ihr diesen kleinen weißen Punkt?</seg>
<seg id="137">Das ist ein Laserfleck.</seg>
<seg id="138">Schaut mal, was passiert, wenn wir den Laser zwischen verschiedenen Solarzellen am Roboter umschalten. Los geht‘s!</seg>
<seg id="139">Der Roboter beginnt, durch die Mikrowelt zu laufen.</seg>
<seg id="140">Das wirklich großartige an diesem Film ist, dass das hier ein Pilotlauf für den Roboter ist.</seg>
<seg id="141">Mein Job bestand wirklich sechs Monate lang darin, mit Laserstrahlen auf winzige, zellgroße Roboter zu schießen und sie durch die Mikrowelt zu lotsen.</seg>
<seg id="142">Das war die Aufgabe.</seg>
<seg id="143">Soweit ich das beurteilen kann, ist das der beste Job der Welt.</seg>
<seg id="144">Ich war unheimlich aufgeregt, so als würde ich etwas total Unmögliches versuchen.</seg>
<seg id="145">Es ist ein Gefühl des Staunens, ein Gefühl, wie ich es als Kind hatte, als ich durch ein Mikroskop einen Wurm angestarrt habe.</seg>
<seg id="146">Jetzt bin ich selbst Vater eines etwa dreijährigen Sohnes.</seg>
<seg id="147">Aber eines schönen Tages wird auch er durch ein Mikroskop wie dieses schauen.</seg>
<seg id="148">Und ich frage mich oft, was er wohl sehen wird.</seg>
<seg id="149">Wir Menschen können die Mikrowelt inzwischen nicht nur betrachten, wir können auch Technologien entwickeln, mit denen wir diese Welt formen, mit ihr interagieren oder sie umbauen können.</seg>
<seg id="150">Wie gehen wir in 30 Jahren mit dieser Fähigkeit um, wenn mein Sohn in meinem Alter ist?</seg>
<seg id="151">Werden Mikroroboter in unserem Blutkreislauf leben und so alltäglich und banal wie Bakterien sein?</seg>
<seg id="152">Werden sie unser Getreide besiedeln und es von Schädlingen befreien?</seg>
<seg id="153">Werden uns die Roboter mitteilen, wenn wir Infektionen haben oder werden sie Krebs bekämpfen, Zelle für Zelle?</seg>
<seg id="154">PM: Ein großartiger Teil der Geschichte ist, dass Ihr Teil dieser Revolution sein könnt.</seg>
<seg id="155">In etwa zehn Jahren, wenn ihr euch ein neues iPhone 15xMoto, oder wie die Dinger heißen, kauft –</seg>
<seg id="156">kann es sein, dass ein kleines Glas mit einigen tausend winziger Roboter mitgeliefert wird, die Ihr mit einer App oder einem Smartphone steuern könnt.</seg>
<seg id="157">Wenn Ihr also ein Pantoffeltierchen drangsalieren wollt – nur zu.</seg>
<seg id="158">Wenn Ihr zum DJ der, sagen wir mal, kleinsten Tanzparty für Roboter werden wollt, lasst diesen Traum wahr werden.</seg>
<seg id="159">Ich für meinen Teil fiebere diesem Tag entgegen.</seg>
<seg id="160">MM: Vielen Dank.</seg>
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<talkid>60872</talkid>
<seg id="1">Ich möchte zunächst mit euch darüber sprechen, warum ich qualifiziert bin, euch gegenüber das Thema anzusprechen, denn, ehrlich gesagt: Ihr solltet alten Menschen, die eine feste Meinung zu COVID-19 vertreten, auf keinen Fall zuhören.</seg>
<seg id="2">Ich arbeite seit 20 Jahren im weltweiten Gesundheitswesen und meine Kernkompetenz liegt bei den Gesundheitssystemen und bei der Frage, was passiert, wenn Gesundheitssysteme mit schweren Erschütterungen zu kämpfen haben.</seg>
<seg id="3">Ich habe auch schon als Journalist im Bereich des weltweiten Gesundheitswesens gearbeitet: Ich habe für Zeitungen und Internetshops über die globale Gesundheit und Biosicherheit geschrieben und vor einigen Jahren ein Buch über die bedeutendsten globalen Gesundheitsrisiken geschrieben, denen sich unser Planet gegenübersieht.</seg>
<seg id="4">Ich habe Projekte im Bereich Epidemiologie geleitet und unterstützt. Diese Projekte reichten von der Bewertung von Zentren zur Behandlung von Ebola bis hin zur Untersuchung der Tuberkuloseübertragung in Gesundheitseinrichtungen. Auch die Vorbereitung auf die Geflügelpest gehörte zu meinen Aufgaben.</seg>
<seg id="5">Ich habe einen Masterabschluss im Fach Internationale Gesundheit.</seg>
<seg id="6">Ich bin weder Arzt noch Pfleger. Ich bin nicht auf Patientenbetreuung oder die Betreuung einzelner Menschen spezialisiert.</seg>
<seg id="7">Mein Spezialgebiet ist die Untersuchung von Bevölkerungsgruppen und Gesundheitssystemen und was passiert, wenn sich Krankheiten großflächig ausbreiten.</seg>
<seg id="8">Wenn wir die Quellen für medizinisches Fachwissen auf einer Skala von eins bis 10 beurteilen, ist eins eine beliebige Person, die sich auf Facebook Luft macht, und 10 die Weltgesundheitsorganisation. Ich denke, mich kann man bei etwa sieben oder acht einordnen.</seg>
<seg id="9">Denkt bitte immer daran, wenn ich zu euch spreche.</seg>
<seg id="10">Ich fange an dieser Stelle mit den Grundlagen an, denn ich denke, dass diese Grundlagen im Mediengetöse rund um COVID-19 untergegangen sind.</seg>
<seg id="11">COVID-19 zählt zu den Coronaviren.</seg>
<seg id="12">Coronaviren sind eine spezielle Untergruppe von Viren und verfügen über einige einmalige Viruseigenschaften.</seg>
<seg id="13">Sie verwenden anstatt der DNA die RNA als genetisches Material und sind auf der Oberfläche mit Zacken bedeckt.</seg>
<seg id="14">Mit diesen Zacken dringen sie in Zellen ein.</seg>
<seg id="15">Diese Stacheln sind das „Corona“, die Zacken in der Krone, beim Coronavirus.</seg>
<seg id="16">COVID-19 ist als neuartiges Coronavirus bekannt, da bis Dezember nur sechs bekannte Arten von Coronaviren bekannt waren.</seg>
<seg id="17">COVID-19 ist die siebte und für uns ganz neu. Es hatte nur seine Gensequenzierung und den Namen.</seg>
<seg id="18">Daher ist es neuartig.</seg>
<seg id="19">Wenn man an SARS, das Severe Acute Respiratory Syndrome oder MERS, das Middle Eastern Respiratory Syndrome, zurückdenkt: die hatten beide Respiratory Syndrome, übersetzt Atemwegserkrankung, im Namen, da Coronaviren genau das machen – sie greifen unsere Lunge an.</seg>
<seg id="20">Man muss sich nicht übergeben, man blutet nicht aus den Augen und das Virus verursacht auch keine sonstigen Blutungen.</seg>
<seg id="21">Die Viren greifen die Lunge an.</seg>
<seg id="22">COVID-19 ist da nicht anders. Es verursacht eine Reihe von Problemen mit der Atmung, die von trockenem Husten und Fieber, bis hin zur tödlichen viralen Lungenkrankheit reichen.</seg>
<seg id="23">Es ist genau diese Bandbreite an Symptomen, die es so schwierig macht, diesen Virusausbruch zu verfolgen.</seg>
<seg id="24">Viele Menschen infizieren sich mit COVID-19, aber nur so leicht, dass die Symptome so milde ausfallen, dass viele noch nicht einmal zum Arzt gehen.</seg>
<seg id="25">Sie werden im System nicht registriert.</seg>
<seg id="26">Besonders bei Kindern ist der Krankheitsverlauf bei COVID-19 eher leicht. Dafür sollten wir alle dankbar sein.</seg>
<seg id="27">Coronaviren sind zoonotisch. Das bedeutet, dass sie vom Tier auf den Menschen übertragen werden.</seg>
<seg id="28">Einige Coronaviren, wie beispielsweise COVID-19, werden von Mensch zu Mensch übertragen.</seg>
<seg id="29">Die von Mensch zu Mensch übertragbaren Viren, wie eben auch COVID-19, verbreiten sich schneller und weiter.</seg>
<seg id="30">Zoonosen ist schwer beizukommen, da viele Tiere damit infiziert sind.</seg>
<seg id="31">Ein Beispiel ist die Geflügelpest, die bei Nutztieren, Truthähnen und Entenvögeln ausgerottet werden kann, aber dennoch jedes Jahr wiederkehrt, da sie von wilden Vögeln übertragen wird.</seg>
<seg id="32">Wir hören nicht so oft von der Geflügelpest, da sie nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, aber wir haben jedes Jahr weltweite Ausbrüche auf Geflügelfarmen zu verzeichnen.</seg>
<seg id="33">Es ist sehr wahrscheinlich, dass COVID-19 auf einem Markt für Wildtiere in Wuhan, China, vom Tier auf den Menschen übertragen wurde.</seg>
<seg id="34">Wenden wir uns nun den schwierigeren Zusammenhängen zu.</seg>
<seg id="35">Das ist nicht der letzte große Ausbruch, den wir erleben.</seg>
<seg id="36">Es wird weitere Ausbrüche und auch weitere Epidemien geben.</seg>
<seg id="37">Das steht fest.</seg>
<seg id="38">Das ist die Rechnung dafür, wie wir Menschen mit Mutter Erde umgehen.</seg>
<seg id="39">Das menschliche Handeln bringt uns an einen Punkt, wo es noch mehr Ausbrüche geben wird.</seg>
<seg id="40">Das hat teilweise mit dem Klimawandel zu tun und damit, dass sich Viren und Bakterien in einem wärmeren Klima wohler fühlen.</seg>
<seg id="41">Es geht aber auch darum, wie wir auch noch in die letzten geschützten Naturräume unseres Planeten eindringen.</seg>
<seg id="42">Wenn wir den Amazonas abbrennen und umpflügen, um billig an Weideland zu kommen, wenn auch noch der letzte Winkel im afrikanischen Buschland in landwirtschaftliche Fläche umgewandelt wird, wenn Wildtiere in China durch Jagdaktivitäten aussterben, kommen die Menschen mit Wildtieren in Berührung, mit denen sie normalerweise nie Kontakt gehabt hätten. Diese Wildtierpopulationen bringen uns neue Arten von Krankheiten: Bakterien und Viren, auf die wir nicht vorbereitet sind.</seg>
<seg id="43">Insbesondere Fledermäuse sind geschickt darin, als Wirte für Krankheiten zu dienen, mit denen sie Menschen infizieren können. Sie sind aber nicht die einzigen Tiere, die das tun.</seg>
<seg id="44">Wenn wir also auch weiterhin in die letzten geschützten Winkel der Welt vordringen, werden wir immer wieder von Krankheitsausbrüchen heimgesucht.</seg>
<seg id="45">Mit Quarantänebestimmungen und Reiseeinschränkungen lassen sich Krankheitsausbrüche nicht aufhalten.</seg>
<seg id="46">Alle haben den gleichen ersten Impuls: „Schränkt die Bewegungsfreiheit der Menschen ein.</seg>
<seg id="47">Lasst uns diesen Krankheitsausbruch stoppen. "Es ist allerdings tatsächlich so, dass gute Quarantänebestimmungen schwer umzusetzen sind.</seg>
<seg id="48">Es ist sehr schwer, Reiseeinschränkungen festzulegen.</seg>
<seg id="49">Sogar die Länder, die im großen Stil in die öffentliche Gesundheit investiert haben, wie beispielsweise die USA und Südkorea, haben keinen Erfolg, wenn es darum geht, solche Einschränkungen schnell einzuführen, um einen Ausbruch sofort zu stoppen.</seg>
<seg id="50">Dies hat sowohl logistische als auch medizinische Gründe.</seg>
<seg id="51">Wenn man sich derzeit COVID-19 ansieht, scheint es, als könne man 24 Tage lang infiziert sein, ohne Symptome zu zeigen. Die Menschen sind also mit dem Virus infiziert, zeigen keine Symptome und laufen mit der Infektion draußen herum.</seg>
<seg id="52">Sie werden nicht in Quarantäne geschickt.</seg>
<seg id="53">Es weiß niemand, dass sie eigentlich in Quarantäne müssten.</seg>
<seg id="54">Quarantäne und Reisebeschränkungen sind auch mit einigen echten Kosten verbunden.</seg>
<seg id="55">Menschen sind soziale Wesen und widersetzen sich, wenn man versucht, sie festzubinden oder voneinander zu trennen.</seg>
<seg id="56">Wir haben beim Ausbruch von Ebola gesehen, dass die Menschen, sobald man Quarantäne einführt, versuchen, diese zu umgehen.</seg>
<seg id="57">Einzelne Patienten gehen nicht zum Arzt, wenn sie wissen, dass strenge Quarantänebestimmungen gelten, da sie entweder Angst vor dem Gesundheitssystem haben oder sich keine Pflege leisten können und nicht von Freunden und Familie getrennt sein möchten.</seg>
<seg id="58">Wenn Politiker und Regierungsbeamte wissen, dass sie unter Quarantäne gestellt werden, halten sie, wenn sie über Ausbrüche und Krankheitsfälle sprechen, möglicherweise die echten Informationen zurück, um nicht in Quarantäne geschickt zu werden.</seg>
<seg id="59">Und natürlich sind es genau diese Ausweichmanöver und Unwahrheiten, die die Verfolgung eines Krankheitsausbruchs so schwierig machen.</seg>
<seg id="60">Wir können uns verbessern, was Quarantäne und Reisebeschränkungen angeht, und sollten das auch tun. Das sind aber nicht unsere einzigen und auch nicht unsere besten Möglichkeiten, um mit solchen Situationen umzugehen.</seg>
<seg id="61">Auf lange Sicht besteht der einzig wahre Weg zum Eindämmen der schwerwiegenden Auswirkungen solcher Ausbrüche darin, das weltweite Gesundheitssystem auszubauen, damit es zentrale Aufgaben im Bereich der Gesundheitsfürsorge in jedem Land der Welt übernehmen kann, so dass alle Länder, auch ärmere Länder, neue Infektionskrankheiten schnell erkennen und sofort nach Ausbruch behandeln können.</seg>
<seg id="62">China musste für seine Reaktion auf COVID-19 viel Kritik einstecken.</seg>
<seg id="63">Aber wie sieht es aus, wenn COVID-19 in Tschad aufgetaucht wäre, einem Land, in dem dreieinhalb Ärzte auf 100.000 Menschen kommen?</seg>
<seg id="64">Was wäre gewesen, wenn es in der Demokratischen Republik Kongo seinen Ursprung gehabt hätte, ein Land, in dem gerade der letzte Ebola-Patient erfolgreich behandelt wurde?</seg>
<seg id="65">Die traurige Wahrheit sieht so aus, dass diese Länder nicht die Ressourcen zur Verfügung hätten, um auf eine Infektionskrankheit zu reagieren – sie könnten auch keine Patienten behandeln und schnell genug melden, um den Rest der Welt zu unterstützen.</seg>
<seg id="66">Ich habe eine Bewertung von Ebola-Behandlungszentren in Sierra Leone geleitet und Tatsache ist, dass die in Sierra Leone ansässigen Ärzte die Ebolakrise schnell erkannt haben, zunächst als ein gefährliches hämorrhagisches Virus, und dann als das Ebola-Virus.</seg>
<seg id="67">Sie hatten allerdings nicht die notwendigen Ressourcen zur Verfügung, um auf das Ebola-Virus zu reagieren, nachdem sie es erkannt hatten.</seg>
<seg id="68">Sie hatten weder genügend Ärzte, noch genügend Krankenhausbetten und auch nicht ausreichende Informationen darüber, wie Ebola zu behandeln ist oder wie man einen Infektionsschutz umsetzt.</seg>
<seg id="69">In Sierra Leone sind elf Ärzte an Ebola gestorben.</seg>
<seg id="70">Zu Beginn der Krise gab es nur 120 Ärzte im Land.</seg>
<seg id="71">Nur einmal als Vergleich: Das Dallas Baylor Medical Center beschäftigt mehr als tausend Ärzte. Das sind die Ungerechtigkeiten, durch die Menschen sterben.</seg>
<seg id="72">Zu Beginn des Ausbruchs sterben die armen Menschen, danach, wenn sich der Ausbruch verbreitet, sterben Menschen in aller Welt.</seg>
<seg id="73">Wenn man diese Ausbrüche verlangsamen und ihre Auswirkungen eindämmen möchte, müssen wir gewährleisten, dass alle Länder der Erde neue Krankheiten erkennen, behandeln und melden können, damit alle an diesen Informationen teilhaben können.</seg>
<seg id="74">COVID-19 wird das Gesundheitssystem stark belasten.</seg>
<seg id="75">COVID-19 hat auch einige Schwächen in unseren weltweiten Versorgungsketten im Gesundheitssystem aufgedeckt.</seg>
<seg id="76">Schlanke Just-in-time-Bestellsysteme sind eine großartige Sache, wenn alles gut läuft, aber in Krisenzeiten bedeuten diese Systemen Reservenknappheit.</seg>
<seg id="77">Wenn ein Krankenhaus oder ein Land keine Gesichtsschutzmasken oder keine persönliche Schutzausrüstung mehr hat, können wir nicht in ein mit Kartons gefülltes großes Lager gehen und Nachschub holen.</seg>
<seg id="78">Man muss beim Lieferanten Nachschub bestellen und die Produktion und den Versand abwarten. Versendet wird normalerweise aus China.</seg>
<seg id="79">Das ist eine zeitliche Verzögerung zu einer Zeit, in der unbedingte Schnelligkeit geboten ist.</seg>
<seg id="80">Wenn wir perfekt auf COVID-19 vorbereitet gewesen wären, hätte China den Ausbruch schneller erkannt.</seg>
<seg id="81">Sie hätten Infizierte behandeln können, ohne neue Gebäude errichten zu müssen.</seg>
<seg id="82">Sie hätten die Bürger wahrheitsgemäß informiert und es hätte nicht diese verrückten Gerüchte gegeben, die in den sozialen Medien in China die Runde gemacht haben.</seg>
<seg id="83">Und sie hätten die weltweiten Gesundheitsbehörden mit Informationen versorgt, so dass diese die nationalen Gesundheitssysteme hätten in Kenntnis setzen und auf die Verbreitung des Virus vorbereiten können.</seg>
<seg id="84">Die nationalen Gesundheitssysteme hätten daraufhin die entsprechende benötigte Schutzkleidung auf Vorrat halten und die Gesundheitsdienstleister in Behandlung und Infektionsschutz schulen können.</seg>
<seg id="85">Wir hätten wissenschaftlich fundierte Vorgaben gehabt, wie in den verschiedenen Situationen vorzugehen ist, zum Beispiel, wenn infizierte Personen auf einem Kreuzfahrtschiff sind.</seg>
<seg id="86">Und alle Menschen weltweit wären wahrheitsgemäß informiert worden. Dann würde es nicht zu so peinlichen und beschämenden Vorfällen von Ausländerfeindlichkeit kommen, wie es zum Beispiel der Fall war, als asiatisch aussehende Menschen in Philadelphia auf offener Straße angegriffen wurden.</seg>
<seg id="87">Aber selbst wenn wir all diese Maßnahmen treffen, wird es dennoch zu Ausbrüchen kommen.</seg>
<seg id="88">Die Auswahl unserer Handlungen in Bezug auf die Nutzung unseres Planeten machen weitere Ausbrüche unausweichlich.</seg>
<seg id="89">Wenn wir Experten uns in einem Punkt zu COVID-19 einig sind, ist es der, dass sich die Lage hier in den USA und weltweit erst noch verschlimmern wird, bevor die Dinge besser werden.</seg>
<seg id="90">Wir sehen Fälle menschlicher Übertragung, die nicht durch die Rückkehr von einer Reise bedingt sind, sondern einfach in der Gemeinschaft stattfinden und wir haben es mit Leuten mit COVID-19-Infektion zu tun, bei denen wir noch nicht einmal wissen, wo sie sich infiziert haben. Das sind Anzeichen für einen Krankheitsausbruch, der immer schlimmer wird und den man nicht kontrollieren kann.</seg>
<seg id="91">Das ist zwar deprimierend, aber nicht überraschend.</seg>
<seg id="92">Wenn weltweite Gesundheitsexperten über das Szenario eines neuen Virus unterhalten, ist dies eines der Szenarien, die sie sich anschauen.</seg>
<seg id="93">Wir alle haben gehofft, dass wir glimpflich davonkommen, aber wenn Experten von Virusplanung sprechen, ist das die Art und Weise, wie sie erwarten, dass sich das Virus bewegt.</seg>
<seg id="94">Ich möchte hier mit einigen persönlichen Ratschlägen schließen. Wascht eure Hände. Wascht euch oft die Hände.</seg>
<seg id="95">Ich weiß, ihr seid alle wohlerzogen und wascht euch oft die Hände, aber wascht sie einfach noch öfter.</seg>
<seg id="96">Schafft in euren Leben Anhaltspunkte und Routinen, die euch zum Händewaschen bewegen.</seg>
<seg id="97">Wascht euch die Hände immer beim Betreten und Verlassen von Gebäuden.</seg>
<seg id="98">Wascht euch die Hände, wenn Ihr in eine Besprechung geht oder aus einer Besprechung kommt.</seg>
<seg id="99">Schafft Rituale rund um das Händewaschen.</seg>
<seg id="100">Desinfiziert Telefon und Mobiltelefon. Ihr berührt ständig mit dreckigen, ungewaschenen Händen das Telefon.</seg>
<seg id="101">Ich weiß, dass Ihr das Mobiltelefon mit auf die Toiletten nehmt.</seg>
<seg id="102">Desinfiziert das Mobiltelefon und zieht in Erwägung, es nicht so oft in der Öffentlichkeit zu benutzen.</seg>
<seg id="103">Vielleicht könnt Ihr TikTok und Instagram nur zu Hause benutzen.</seg>
<seg id="104">Fasst euch nicht ins Gesicht und reibt euch nicht die Augen.</seg>
<seg id="105">Knabbert nicht an den Fingernägeln.</seg>
<seg id="106">Schneuzt euch nicht auf den Handrücken.</seg>
<seg id="107">Ich meine, das sollte man sowieso nicht tun, weil es ekelhaft ist.</seg>
<seg id="108">Tragt keine Gesichtsschutzmaske. Gesichtsschutzmasken sind Kranken und Mitarbeitern im Gesundheitswesen vorbehalten.</seg>
<seg id="109">Wenn man krank ist, hält die Maske die Tröpfchen vom Husten und Niesen zurück und schützt die Menschen in der Umgebung.</seg>
<seg id="110">Wenn du Gesundheitsdienstleister bist, ist die Gesichtsschutzmaske ein Mittel von mehreren der genannten persönlichen Schutzausrüstung und du bist für deren Verwendung geschult, damit du dich um Patienten kümmern kannst und selbst nicht krank wirst.</seg>
<seg id="111">Wenn du gesund bist und eine Gesichtsschutzmaske trägst, schwitzt du im Gesicht.</seg>
<seg id="112">Lasst die Gesichtsschutzmasken in den Kaufhäusern liegen für Ärzte, Krankenschwestern und Patienten.</seg>
<seg id="113">Wenn du glaubst, dass du COVID-19-Symptome hast, bleib zu Hause und bitte deinen Arzt telefonisch um Beratung.</seg>
<seg id="114">Sollte bei dir eine COVID-19-Infektion festgestellt werden, behalte immer im Hinterkopf, dass der Verlauf normalerweise sehr mild ist.</seg>
<seg id="115">Solltest du Raucher sein, ist jetzt der bestmögliche Zeitpunkt, um mit dem Rauchen aufzuhören.</seg>
<seg id="116">Ich meine, wenn du Raucher bist, ist hier und jetzt immer der bestmögliche Zeitpunkt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Wenn du allerdings Raucher bist und dir COVID-19 Kopfzerbrechen bereitet, garantiere ich, dass ein Rauchstopp das beste ist, was du nur machen kannst, um dich vor den schlimmsten Auswirkungen von COVID-19 zu schützen.</seg>
<seg id="117">In einer Zeit, in der sich alle Nachrichten besorgniserregend zu sein scheinen, ist COVID-19 eine beängstigende Sache.</seg>
<seg id="118">Und es gibt eine Menge unangemessener, aber attraktiver Optionen, um damit umzugehen: Panik, Ausländerfeindlichkeit, Agoraphobie, Autoritarismus und vereinfachende Lügengeschichten, die uns glauben machen, dass Hass, Wut und Einsamkeit die Lösungsoptionen bei Virusausbrüchen sind. Doch das sind sie nicht. Sie sorgen nur dafür, dass wir weniger vorbereitet sind.</seg>
<seg id="119">Es gibt auch etliche langweilige, aber nützliche Optionen, die wir als Antwort auf einen Virusausbruch verwenden können. Eine Verbesserung der Gesundheitsfürsorge hierzulande und überall in der Welt; Investitionen in die Gesundheitsinfrastruktur und den Seuchenschutz, damit wir wissen, wenn die neuen Krankheiten im Anmarsch sind; der Aufbau von Gesundheitssystemen weltweit; die Stärkung unserer Versorgungsketten, so dass sie auf Notfallsituationen vorbereitet sind; eine bessere Ausbildung, damit wir ohne blindwütige Panik über Krankheitsausbrüche und Risikostatistiken sprechen können.</seg>
<seg id="120">Wir müssen uns hier von der Gerechtigkeit leiten lassen, denn in dieser Situation, wie auch in vielen anderen, liegt Gerechtigkeit in unserem ureigensten Interesse.</seg>
<seg id="121">Vielen Dank fürs Zuhören und ich bin der erste, der zu euch sagen darf: wascht vor dem Verlassen des Theaters eure Hände.</seg>
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<talkid>62628</talkid>
<seg id="1">Ich hätte nicht gedacht, dass ich meinen TED-Vortrag an einem Ort wie diesem halten würde.</seg>
<seg id="2">Aber auch ich habe, wie die Hälfte der Menschheit, aufgrund der globalen Pandemiekrise durch COVID-19, die letzten vier Wochen im Lockdown verbracht.</seg>
<seg id="3">Ich kann mich wirklich sehr glücklich schätzen, dass ich während dieser Zeit hier in diese Wälder in der Nähe meiner südenglischen Heimat kommen konnte.</seg>
<seg id="4">Diese Wälder haben mir immer als Inspiration gedient und jetzt, wo die Menschheit versucht, darüber nachzudenken, wie wir die Kontrolle über unser Handeln zurückgewinnen, damit keine schrecklichen Dinge passieren, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen, dachte ich, dies sei ein wirklich geeigneter Ort für diese Veranstaltung.</seg>
<seg id="5">Und ich möchte mit dieser Geschichte von vor sechs Jahren anfangen, als ich meinen Job bei den Vereinten Nationen angetreten habe.</seg>
<seg id="6">Ich bin jetzt felsenfest davon überzeugt, dass die UN bei der heutigen Weltlage eine beispiellos wichtige Rolle spielt, wenn darum geht, Zusammenarbeit und Kooperation zu fördern.</seg>
<seg id="7">Was sie dir bei der Einstellung allerdings nicht verraten, ist die Tatsache, dass die Arbeit hauptsächlich in Form unheimlich langweiliger Sitzungen abläuft – sehr, langen und langweiligen Sitzungen.</seg>
<seg id="8">Ihr glaubt wahrscheinlich, dass ihr in eurem Leben schon einige langwierige und langweilige Sitzungen mitgemacht habt, und ich bin mir sicher, dass das auch der Wahrheit entspricht.</seg>
<seg id="9">Aber diese UN-Sitzungen sind noch auf einem ganz anderen Level und alle, die bei der UN arbeiten, gehen diese Sitzungen mit einer Ruhe an, die man normalerweise nur von Zen-Mönchen kennt.</seg>
<seg id="10">Ich für meinen Teil war nicht darauf vorbereitet.</seg>
<seg id="11">Ich anfangs Drama, Spannungen und weltbewegende Durchbrüche erwartet.</seg>
<seg id="12">Ich habe nicht mit einem Vorgehen gerechnet, das der Geschwindigkeit einer Gletscherwanderung gleichkommt, der Geschwindigkeit einer Gletscherwanderung, wie wir sie aus früheren Zeiten kennen.</seg>
<seg id="13">Während einer dieser langen Sitzungen wurde mir eine Mitteilung überreicht.</seg>
<seg id="14">Die Mitteilung kam von meiner Freundin und Co-Autorin Christina Figueres.</seg>
<seg id="15">Christina war Geschäftsführerin bei der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, und als solche die Hauptverantwortliche für das Erreichen des künftigen Übereinkommens von Paris.</seg>
<seg id="16">Ich habe für sie eine politische Strategie entwickelt.</seg>
<seg id="17">Als sie mir also diese Mitteilung übergab, dachte ich, sie enthielte detaillierte politische Anweisungen zum Vorgehen in dieser Sache, in der wir scheinbar feststecken, diesem alptraumartigen Morast, und wie wir uns daraus befreien können.</seg>
<seg id="18">Ich nahm die Mitteilung und las sie durch.</seg>
<seg id="19">Darin stand: „Qualvoll. Aber lass uns die Sache mit Liebe im Herzen angehen!“ Mir gefällt diese Mitteilung aus vielerlei Gründen unheimlich gut.</seg>
<seg id="20">Ich mag, wie diese kleinen Ranken aus dem Wort „qualvoll“ sprießen. Das war eine gute bildliche Darstellung meiner Gefühle in diesem Moment.</seg>
<seg id="21">Aber ganz besonders liebe ich diese Mitteilung, da mir beim Lesen aufgegangen ist, dass es sich um eine politische Anweisung handelt und wir genau so vorgehen müssen, wenn wir erfolgreich sein wollen.</seg>
<seg id="22">Also lasst es mich euch erklären.</seg>
<seg id="23">Meine Gefühle in dieser Sitzung hatten mit Kontrolle zu tun.</seg>
<seg id="24">Ich habe mein Leben von Brooklyn in New York nach Bonn verlegt und meine Frau hat mich dabei nur widerwillig unterstützt.</seg>
<seg id="25">Meine Kinder besuchten nun eine Schule, deren Unterrichtssprache sie nicht verstanden und ich dachte, der Tausch, den ich mache, wenn ich meine bisherige Welt so durcheinanderbringe, wäre ein mehr an Kontrolle – dass ich die Dinge, die in Zukunft geschehen, mitbestimmen kann.</seg>
<seg id="26">Ich hatte jahrelang das Gefühl, dass die Klimakrise die größte Herausforderung für unsere Generation ist. Und nun stand ich hier in den Startlöchern und war bereit, meinen Beitrag für die Menschheit zu leisten.</seg>
<seg id="27">Ich habe mit meinen Händen den Steuerknüppel gefasst und daran gezogen, und nichts ist passiert.</seg>
<seg id="28">Mir ist aufgegangen, dass ich die Kontrolle über ganz alltägliche Dinge habe. Hier kann ich Entscheidungen treffen: „Fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit?“ und „Wo esse ich heute?“. Die entscheidenden Fragen allerdings, die über unseren Erfolg bestimmen würden, lauten eher „Wirft Russland die Verhandlungen über den Haufen?“ „Übernimmt China die Verantwortung für seinen CO2-Ausstoß?“ „Helfen die USA ärmeren Ländern, mit der Last der Klimakrise umzugehen?“ Das Gefälle war so groß. Ich habe keinen Weg gesehen, wie ich diese beiden Themenkomplexe zusammenbringen kann und fühlte mich nutzlos. Es kam mir langsam in den Sinn, dass ich einen Fehler gemacht habe.</seg>
<seg id="29">Ich wurde langsam depressiv.</seg>
<seg id="30">Aber selbst in diesem Moment habe ich erkannt, dass diese Gefühle den Gefühlen sehr ähnlich waren, die ich hatte, als ich vor Jahren zum ersten Mal von der Klimakrise Notiz nahm.</seg>
<seg id="31">Anfang 20 habe ich viele meiner prägendsten Jahre als buddhistischer Mönch verbracht, habe dann aber das Klosterleben an den Nagel gehängt, weil ich sogar schon damals, vor 20 Jahren, das Gefühl hatte, dass die Klimakrise zu einer sich schnell entwickelnden Notlage werden würde – und ich wollte meinen Teil zur Verhinderung beitragen.</seg>
<seg id="32">Als ich ausgetreten war und mich der Welt wieder zugewandt hatte, habe ich mir angesehen, was ich kontrollieren kann.</seg>
<seg id="33">Das waren die wenigen Tonnen meiner eigenen CO2-Emissionen und die meines engsten Familienumfeldes, welche Partei ich alle paar Jahre wähle und ob ich an ein, zwei Demos teilnehme.</seg>
<seg id="34">Und dann habe mir angeschaut, welche Themenkomplexe einen wirklich wichtigen Einfluss haben. Das waren große geopolitische Verhandlungen, umfassende Investitionen in die Infrastruktur und das, was alle anderen gemacht haben.</seg>
<seg id="35">Das Gefälle schien wieder so überwältigend, dass ich keinen Weg sah, es zu überbrücken.</seg>
<seg id="36">Ich habe weiterhin versucht, aktiv zu sein, bin aber nicht bei der Sache geblieben. Ich fühlte mich nutzlos.</seg>
<seg id="37">Jetzt wissen wir, dass viele Leute diese Erfahrung machen und vielleicht habt Ihr sie ja auch schon gemacht.</seg>
<seg id="38">Wenn wir uns einer riesigen Herausforderung gegenübersehen, von der wir denken, dass wir keine angemessenen Mittel zur Bewältigung und keine Kontrolle darüber haben, kann unser Gehirn einen kleinen Trick anwenden, um uns zu schützen.</seg>
<seg id="39">Wir mögen das Gefühl nicht, dass wir großen Herausforderungen gegenüber die Kontrolle verlieren, also teilt uns unser Gehirn mit: „Vielleicht ist es gar nicht so groß und wichtig.</seg>
<seg id="40">Vielleicht läuft es überhaupt nicht so ab, wie die Leute sagen.“ Oder es spielt unsere eigene Rolle herunter. „Du selbst, als einzelner Mensch, kannst nichts ausrichten, warum also erst versuchen?“</seg>
<seg id="41">Hier läuft allerdings etwas merkwürdiges ab.</seg>
<seg id="42">Stimmt es wirklich, dass Menschen sich erst dann nachhaltig und zielgerichtet für ein Thema von großer Wichtigkeit engagieren, wenn sie denken, sie hätten ein hohes Maß an Kontrolle?</seg>
<seg id="43">Schaut euch diese Bilder an. Diese Menschen sind Pflegekräfte und Krankenschwestern und -pfleger, die der Menschheit dabei geholfen haben, dem Coronavirus COVID-19 die Stirn zu bieten, als es in den letzten paar Monaten als Pandemie rund um die Welt ging.</seg>
<seg id="44">Können diese Leute die Ausbreitung der Krankheit verhindern? Nein. Können Sie verhindern, dass ihre Patienten sterben?</seg>
<seg id="45">Es wird ihnen gelungen sein, einige Todesfälle zu verhindern, andere aber nicht, da sie außerhalb ihrer Kontrolle lagen.</seg>
<seg id="46">Wird ihr Beitrag dadurch nutzlos oder bedeutungslos?</seg>
<seg id="47">Es ist schon allein eine Frechheit, so etwas anzudeuten.</seg>
<seg id="48">Sie kümmern sich um ihre Mitmenschen in deren verletzlichsten Momenten.</seg>
<seg id="49">Diese Arbeit ist von großer Bedeutung, bis zu dem Punkt, an dem ich euch nur diese Bilder zeigen muss und sofort ersichtlich ist, dass der Mut und die Mitmenschlichkeit, die diese Menschen an den Tag legen, ihre Arbeit zum wertvollsten Beitrag macht, den Menschen überhaupt leisten können, auch wenn sie keine Kontrolle über das Ergebnis haben.</seg>
<seg id="50">Das ist interessant, weil es uns zeigt, dass Menschen in der Lage sind, nachhaltig und zielgerichtet aktiv zu sein, selbst wenn sie das Ergebnis nicht kontrollieren können.</seg>
<seg id="51">Das stellt uns allerdings vor eine weitere Herausforderung.</seg>
<seg id="52">Bei der Klimakrise sind die Maßnahmen, die wir ergreifen, von den Auswirkungen abgetrennt, wohingegen diese Bilder zeigen, dass die Krankenschwestern und -pfleger nicht von dem hochtrabenden Ziel angetrieben werden, die Welt zu verbessern, sondern von der alltäglichen Befriedigung, für andere Menschen in ihren schwachen Momenten da zu sein und sie zu pflegen.</seg>
<seg id="53">Bei der Klimakrise haben wir dieses große Gefälle.</seg>
<seg id="54">Früher gab es eine zeitliche Trennung.</seg>
<seg id="55">Es wurde davon ausgegangen, dass die Auswirkungen der Klimakrise erst in der fernen Zukunft zum Tragen kommen.</seg>
<seg id="56">Länder erleiden Flutkatastrophen. Hunderttausende Menschen sind aufgrund der Auswirkungen der Klimakrise auf der Flucht.</seg>
<seg id="57">Aber selbst diese Auswirkungen sind nicht länger zeitlich von uns losgelöst, sie sind immer noch so von uns getrennt, und zwar so, dass wir Schwierigkeiten haben, eine direkte Verbindung zu fühlen.</seg>
<seg id="58">Sie widerfahren irgendjemand anderem an einem anderen Ort der Welt oder uns selbst in einer Art und Weise, die wir noch nicht kannten.</seg>
<seg id="59">Also, auch wenn uns die Geschichte der Krankenschwestern und -pfleger etwas über die menschliche Natur zeigt, müssen wir eine andere Art des nachhaltigen Umgangs mit der Klimakrise finden.</seg>
<seg id="60">Es gibt eine Möglichkeit, dieses Vorhaben umzusetzen. Eine starke Kombination aus einer tiefen und unterstützenden Haltung, die in Verbindung mit stetigen Aktivitäten ganze Gesellschaften dazu bringen kann, zielgerichtete und nachhaltige Herangehensweisen für ein gemeinsames Ziel einzusetzen.</seg>
<seg id="61">Diese Herangehensweise wurde im Laufe der Geschichte bereits mit großem Erfolg eingesetzt. Lasst mich also eine Geschichte aus der Vergangenheit aufgreifen, um euch das zu erklären.</seg>
<seg id="62">Genau in diesem Moment stehe ich in den Wäldern in der Nähe meiner südenglischen Heimat.</seg>
<seg id="63">Und diese besonderen Wälder sind gar nicht weit von London entfernt.</seg>
<seg id="64">Vor achtzig Jahren stand diese Stadt unter Beschuss.</seg>
<seg id="65">In den späten 1930er Jahren unternahmen die Briten alles, um nicht mit der Wahrheit konfrontiert zu werden, dass Hitler vor nichts zurückschrecken würde, um Europa zu erobern.</seg>
<seg id="66">Die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg waren noch ganz frisch, sie hatten große Angst vor den Angriffen der Nazis und hätten alles getan, um nicht mit dieser Wahrheit konfrontiert zu werden.</seg>
<seg id="67">Am Ende hat sich doch die bittere Wahrheit den Weg gebahnt.</seg>
<seg id="68">Wir erinnern uns wegen vieler Dinge an Churchill, von denen nicht alle erfreulich sind, aber er hat gegen Anfang des Krieges die Geschichte umgeschrieben, die sich die Briten über ihre Handlungen und die Zukunft erzählten.</seg>
<seg id="69">Wo zuvor Beklemmung, Nervosität und Furcht herrschten, sprach man jetzt über eine ruhige Lösung, eine Insel im Alleingang, eine Sternstunde, eine großartige Generation, ein Land, dass die Gegner am Strand, auf den Hügeln und in den Straßen bekämpft, ein Land, das sich niemals ergeben würde.</seg>
<seg id="70">Dieser Wandel von Furcht und Beklemmung hin zur Realität, wie auch immer diese aussah, und wie dunkel sie auch sein mochte, hat nichts mit der Wahrscheinlichkeit des Kriegssieges zu tun.</seg>
<seg id="71">Es gab keine Nachrichten von der Front, die besagt hätten, dass die Kämpfe erfolgreicher verliefen oder dass zu diesem Zeitpunkt ein starker neuer Alliierter zur Seite stand und die Chancen zu ihren Gunsten veränderte.</seg>
<seg id="72">Es war einfach eine Entscheidung.</seg>
<seg id="73">Es kam ein tiefer, bestimmter und hartnäckiger Optimismus auf, der die Dunkelheit, die sich über das Land ausbreitete nicht umgangen oder geleugnet hat, sondern sich einfach nicht davon überwältigen ließ.</seg>
<seg id="74">Dieser hartnäckige Optimismus hat eine große Kraft in sich.</seg>
<seg id="75">Er hängt nicht davon ab, dass man annimmt, dass alles gut ausgehen wird und zeichnet sich auch nicht durch eine Art des Wunschdenkens in puncto Zukunft aus.</seg>
<seg id="76">Er bewegt allerdings zum Handeln und verleiht dem Handeln einen Sinn.</seg>
<seg id="77">Wir wissen, dass es von diesem Zeitpunkt an, trotz der Gefahren und der Herausforderungen, eine erfüllte Zeit war und viele Zeitzeugen haben bestätigt, dass die Aktivitäten, die vom Fliegen der Flugzeuge in der Luftschlacht von Großbritannien bis zum einfachen Herausziehen von Kartoffeln aus der Erde reichten, mit Sinn erfüllt waren.</seg>
<seg id="78">Sie wurden von einem gemeinsamen Ziel und einem gemeinsamen Ergebnis motiviert.</seg>
<seg id="79">Wir haben das in der gesamten Geschichte gesehen.</seg>
<seg id="80">Diese Kombination aus einem tiefen und zielgerichteten, hartnäckigen Optimismus und Aktivität, kann sich, wenn der Optimismus zu einer entschlossenen Aktivität führt, selbst erhalten: ohne den hartnäckigen Optimismus erhält sich die Aktivität nicht selbst aufrecht und ohne die Aktivität ist der hartnäckige Optimismus nur eine Geisteshaltung.</seg>
<seg id="81">Beides zusammengenommen kann ein ganzes Problem verwandeln und die Welt ändern.</seg>
<seg id="82">Wir haben das schon oft erlebt.</seg>
<seg id="83">Wir haben es gesehen, als sich Rosa Parks weigerte, im Bus aufzustehen.</seg>
<seg id="84">Wir haben es bei Ghandis langen Salzmärschen entlang der Küste erlebt.</seg>
<seg id="85">Wir haben es erlebt, als die Suffragetten sagten „Courage calls to courage everywhere“ (Mut ruft überall Mut hervor). Und wir haben es erlebt, als Kennedy sagte, dass er in den nächsten 10 Jahren einen Mann zum Mond fliegen lassen würde.</seg>
<seg id="86">Das hat eine ganze Generation elektrifiziert und ihre Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Ziel gegen einen finsteren und furchterregenden Gegner gerichtet, auch wenn sie nicht wussten, wie sie ihr Ziel erreichen würden.</seg>
<seg id="87">In all diesen Fällen war ein zäher, aber entschlossener Optimismus nicht das Ergebnis von Erfolg, sondern der Grund dafür.</seg>
<seg id="88">So lief auch die Transformation auf dem Weg zum Übereinkommen von Paris ab.</seg>
<seg id="89">Diese fordernden, schwierigen und von Pessimismus geprägten Sitzungen veränderten sich, als immer mehr Menschen den Entschluss fassten, dass dies der Moment war, standhaft zu bleiben. Wir würden kämpfen und das Ergebnis liefern, das möglich war.</seg>
<seg id="90">Mehr und mehr Menschen nahmen diese Haltung ein und begannen, zu arbeiten, und letzten Endes wurde diese Bewegung zu einer Impulswelle, die über uns hereinbrach und bei vielen dieser Herausforderungen zu einem besseren Ergebnis führte, als wir es uns hätten erträumen können.</seg>
<seg id="91">Und sogar jetzt, Jahre später und mit einem Klimaleugner im Weißen Haus, entwickelt sich noch vieles, was damals in Gang gebracht wurde und wir können in kommenden Monaten und Jahren alles auf eine Karte setzen, um mit der Klimakrise umzugehen.</seg>
<seg id="92">Wir befinden uns also in einer der herausfordernsten Phasen in dem Leben der meisten von uns.</seg>
<seg id="93">Die weltweite Pandemie war furchterregend, ob nun persönliche Tragödien damit einhergingen oder nicht.</seg>
<seg id="94">Aber es hat auch unseren Glauben erschüttert, das wir angesichts großer Veränderungen machtlos sind.</seg>
<seg id="95">Innerhalb weniger Wochen haben wir so viele Menschen mobilisiert, dass am Ende die Hälfte der Menschheit Maßnahmen zum Schutz der Schwächsten ergriffen hat.</seg>
<seg id="96">Wenn wir dazu in der Lage sind, haben wir vielleicht noch nicht die Grenzen der Machbarkeit ausgelotet, wenn es darum geht, was die Menschheit erreichen kann, wenn sie sich auf die Hinterbeine stellt, um eine gemeinsame Herausforderung zu bewältigen.</seg>
<seg id="97">Wir müssen uns jetzt von diesem Märchen der Machtlosigkeit freimachen, also lasst uns keinen Fehler machen – die Klimakrise wird noch viel, viel schlimmer als die Pandemie, wenn wir nicht rechtzeitig Maßnahmen ergreifen, die noch möglich sind, um die auf uns zurollende Tragödie aufzuhalten.</seg>
<seg id="98">Wir können uns das Gefühl der Machtlosigkeit nicht länger leisten.</seg>
<seg id="99">Die Wahrheit ist, dass zukünftige Generationen mit Ehrfurcht auf exakt diesen Moment zurückblicken werden, als wir an der Kreuzung zwischen einer erneuerbaren Zukunft und einer Zukunft standen, in der wir alles weggeworfen haben.</seg>
<seg id="100">Und die Wahrheit ist, dass im Rahmen dieses Wandels vieles ziemlich gut für uns läuft.</seg>
<seg id="101">Die Kosten für grüne Energie sinken. Die Städte wandeln sich. Das Land wird erneuert.</seg>
<seg id="102">Es gehen Leute auf die Straße und rufen mit einem Elan und einer Ausdauer nach dem Wandel, wie wir es seit einer Generation nicht mehr erlebt haben.</seg>
<seg id="103">Bei diesem Wandel kann es zu echten Erfolgen, aber auch zu echten Niederlagen kommen. Daher ist das die aufregendste Zeit, zu der man nur leben kann.</seg>
<seg id="104">Wir können jetzt die Entscheidung treffen, dass wir uns dieser Herausforderung mit einer nachdrücklichen Form von tapferem, realistischen und entschlossenem Optimismus stellen und alles in unserer Macht Stehende tun, um zu gewährleisten, dass wir, wenn wir diese Pandemie überstanden haben, den Weg in eine regenerative Zukunft ebnen.</seg>
<seg id="105">Wir können uns alle dazu entschließen, ein hoffnungsvolles Leuchtfeuer für die Menschheit zu sein, selbst wenn dunkle Tage kommen, und wir können uns dafür entscheiden, Verantwortung zu übernehmen und unsere eigenen CO2-Emissionen in den nächsten 10 Jahren um mindestens 50 Prozent zu senken. Und wir werden Maßnahmen ergreifen, um mit Regierungen und Unternehmen in Kontakt zu treten, um zu gewährleisten, dass sie nach der Pandemie alles Notwendige unternehmen, um die Welt nach unseren Wünschen wieder aufzubauen.</seg>
<seg id="106">Jetzt ist all dies möglich.</seg>
<seg id="107">Also gehen wir zurück in den langweiligen Sitzungsraum, in dem ich mir Christinas Mitteilung anschaue. Und als ich darauf schaute, rief mit das einige der umwälzendsten Erfahrungen meines Lebens ins Gedächtnis.</seg>
<seg id="108">Eines der vielen Dinge, die ich als Mönch gelernt habe, ist, dass ein heller Geiste und ein fröhliches Herz der Weg und das Ziel im Leben sind.</seg>
<seg id="109">Dieser hartnäckige Optimismus ist eine Form von gelebter Liebe.</seg>
<seg id="110">Es ist die Welt, die wir erschaffen möchten als auch der Weg, wie wir diese Welt erschaffen können.</seg>
<seg id="111">Und wir alle haben die Wahl.</seg>
<seg id="112">Wenn wir uns dafür entscheiden, diesem Moment mit hartnäckigem Optimismus zu begegnen, kann unser Leben mit Sinn und Zweck erfüllt werden und dabei können wir den Lauf der Geschichte beeinflussen und ihn in Richtung der Zukunft drehen, für die wir uns entscheiden.</seg>
<seg id="113">Ja, unser Leben scheint derzeit außer Kontrolle geraten.</seg>
<seg id="114">Es fühlt sich beunruhigend und erschreckend und neu an.</seg>
<seg id="115">Aber lasst uns nicht zögerlich sein, angesichts der wesentlichen Veränderungen, die jetzt auf uns zukommen.</seg>
<seg id="116">Lasst uns mit hartnäckigem und entschlossenem Optimismus der Sache stellen.</seg>
<seg id="117">Ja, es kann schmerzlich sein, die derzeitigen Veränderungen in der Welt anzuschauen.</seg>
<seg id="118">Aber lasst uns mit Liebe darauf zugehen.</seg>
<seg id="119">Vielen Dank.</seg>
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<seg id="1">Whitney Pennington Rodgers: Marcelo Mena ist Umweltschützer und Wissenschaftler und der frühere Umweltminister von Chile. Willkommen, Marcelo. Marcelo Mena: Wie geht‘s, Whitney?</seg>
<seg id="2">WPR: Perfekt. Wunderbar. Selbstverständlich vielen Dank, dass du heute hier bei uns bist.</seg>
<seg id="3">Und bevor wir uns der Zukunft des Klimaschutzes in Chile und darüber hinaus widmen, sollten wir meiner Ansicht nach über die Gegenwart sprechen und warum Chile ein Land ist, das durchaus beachtenswert ist, wenn wir über das Klima sprechen. Das wäre großartig.</seg>
<seg id="4">Wisst Ihr, in letzter Zeit hat unser Land in puncto Klimaschutz viele lobenswerte Aktivitäten hervorgebracht.</seg>
<seg id="5">Chile hat sich kürzlich als erstes Land aus Nord- und Südamerika verpflichtet, seine Emissionen bis 2050 auf null zu senken, und das ist besonders beachtlich, wenn man daran denkt, dass Chiles Wirtschaft zu einem Großteil von Kohlenstoffemissionen abhängt: Bergbau und Landwirtschaft und ähnliche Sektoren.</seg>
<seg id="6">Könntest du anfangs ein wenig darüber sprechen, wie es überhaupt möglich ist, in 30 Jahren die Emissionen auf null zu senken, und was das für Chile bedeuten würde?</seg>
<seg id="7">MM: Mm-hmm. Es war ein surreales Bild, als der Präsident der UN-Klimakonferenz, Minister Schmidt, und Patricia Espinosa, Leiterin des Sekretariats der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, mit Gesichtsschutzmasken die neuen national festgelegten Beiträge bekanntgaben.</seg>
<seg id="8">Der wichtige Punkt hier ist, dass für schwer zu realisierende Vorhaben ein Konsens erforderlich ist. Wenn man diese Verpflichtung allerdings loswerden will, braucht es einen weiteren Konsens.</seg>
<seg id="9">Das wurde nicht gemacht. Der Grund, warum Chile eine Art ambitionierte Vision für den Klimaschutz hat, ist, dass wir große wirtschaftliche Vorteile darin sehen.</seg>
<seg id="10">Wir haben gesehen, und waren Zeugen, was der erneuerbare Energiesektor zur Senkung der Energiekosten an Investitionen tätigen konnte.</seg>
<seg id="11">Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir unweigerlich auf 100 Prozent erneuerbare Energien umstellen, aber wir werden auch unsere Industrie, die stark auf fossilen Energien basiert, auf niedrige Emissionen umstellen, wobei auch die Wasserstoffwirtschaft hinzukommt, mit einem kürzlich gegründeten Komitee, das ich gebildet habe und das Energieminister Jobet zusammengestellt hat.</seg>
<seg id="12">Und auch Energieeffizienz und eine Menge Abscheidung, Kohlendioxidabscheidung.</seg>
<seg id="13">Wir sind mit einer Menge Naturkapital ausgestattet.</seg>
<seg id="14">Wenn wir uns um dieses Naturkapital kümmern und weitere Bäume anpflanzen, können wir bis zum Jahr 2050 die Emissionen auf null senken.</seg>
<seg id="15">WPR: Das ist großartig.</seg>
<seg id="16">Und jetzt sieht es so aus, als setze Chile einen großen Schwerpunkt darauf, über erneuerbare Energien und das Klima nachzudenken.</seg>
<seg id="17">Aber das war nicht schon immer so.</seg>
<seg id="18">Könntest du ein wenig über den geschichtlichen Verlauf sprechen, wie Chile an diesen Punkt gelangt ist?</seg>
<seg id="19">MM: Ja, 2011 und 2010 haben wir mit Amtsinhabern über Energie diskutiert und es hieß, der einzige Weg zur Lösung unserer Energieprobleme läge in den großen Kohle- und Wasserstoffvorkommen in Patagonien.</seg>
<seg id="20">Das hat zu einer Polarisierung der Debatte geführt.</seg>
<seg id="21">Wir sind nach großen Protesten, die zu vielen gesellschaftlichen Bewegungen geführt haben, als Gemeinschaft zusammengekommen und haben angefangen zu diskutieren, wie wir in Zukunft unsere Energie nach vorne bringen können.</seg>
<seg id="22">Die Bevölkerung, die öffentlichen Unruhen, haben dazu geführt, dass Kohlekraftwerke mit einem Volumen von 6.000 Megawatt nie gebaut wurden.</seg>
<seg id="23">Und als die Regierung von Michelle Bachelet ihr Amt übernahm, haben wir dem HidroAys√©n-Projekt, einem großen Wasserkraftprojekt in Patagonien, den Stecker gezogen.</seg>
<seg id="24">Diese beiden Voraussetzungen haben dafür gesorgt, dass erneuerbare Energien auf den Plan kommen konnten.</seg>
<seg id="25">Wir haben Kohlestoffsteuern und Umweltvorschriften eingeführt, und eine Energiestrategie erstellt, die auf Diskussionen und Daten aufbaut. Wir dachten, das Ziel von 70 Prozent erneuerbarer Energien bis zum Jahr 2050 sei ein Ziel, auf das wir uns einigen können.</seg>
<seg id="26">Dieses Ziel haben wir schon lange übertroffen.</seg>
<seg id="27">Jetzt denken wir, dass wir dieses Ziel bis 2030 erreicht haben werden.</seg>
<seg id="28">WPR: Und was du über die sozialen Proteste gesagt hast, ist etwas, das viele Leute, die die Nachrichten über die Ereignisse in China verfolgt haben, schon kennen. Sie kennen die gesellschaftlichen Proteste, die kürzlich stattfanden und ich denke, ich bin neugierig, wie sich das deiner Meinung nach auf die künftigen Klimaschutzaktivitäten auswirken wird.</seg>
<seg id="29">Welche Rolle könnten diese gesellschaftlichen Proteste bei den Klimaschutzmaßnahmen spielen, die wir erleben?</seg>
<seg id="30">Und wie kann Chile führend bei den Klimaschutzmaßnahmen sein, wenn es mit einigen dieser gesellschaftlichen Themen zu kämpfen hat?</seg>
<seg id="31">MM: Nun, die gesellschaftlichen Themen, die sehr tiefgreifend sind und unbedingt angegangen werden müssen, haben beispielweise dazu geführt, dass die UN-Klimakonferenz nicht in Santiago stattfinden konnte und nach Madrid verlegt werden musste.</seg>
<seg id="32">Und es wurden dadurch auch etliche der geplanten Diskussionen und Ankündigungen verschoben.</seg>
<seg id="33">Aber unabhängig davon, zeigt die Tatsache, dass wir diese Zusage von der Regierung haben, dass sie entschlossen ist, weiterzumachen.</seg>
<seg id="34">Allerdings wurde das Wirtschaftsmodell Chiles in Frage gestellt, da Umweltthemen beispielsweise recht weit verbreitet sind und oftmals große Kohlekraftwerke in der Nähe von Wohngegenden stehen und die Sterblichkeitsrate dadurch ansteigt.</seg>
<seg id="35">Jemand, der in der Nähe eines Kohlekraftwerks lebt, hat eine zweimal höhere Sterblichkeitsrate als der Rest der chilenischen Bevölkerung.</seg>
<seg id="36">Soziale Unruhen wurden dadurch verursacht, dass viele Menschen zugunsten weniger zu leiden haben.</seg>
<seg id="37">Und es geht um das Wirtschaftsmodell an sich, das Rohstoffe in Gemeinschaften gewinnt, dort für Umweltverschmutzung sorgt und das Leben der Menschen in diesen Gemeinschaften beeinträchtigt, ohne dass sie in den Genuss der Vorteile dieser wirtschaftlichen Aktivitäten kommen.</seg>
<seg id="38">Wir haben zwar viel getan – wir haben schon viel geschafft, beispielsweise haben wir eine sehr symbolträchtige Vereinbarung zur Abschaffung von Kohlekraftwerken getroffen – viele Menschen haben allerdings das Gefühl, dass wir dabei nicht schnell genug vorgegangen sind und möchten, dass diese Maßnahmen schneller durchgeführt werden.</seg>
<seg id="39">WPR: Und es klingt so, als seien die Menschen als Stimme und Antrieb hinter solchen Vorhaben Teil der Klimageschichte in Chile und als würden die Dinge dadurch in Zukunft vorangetrieben werden könnten.</seg>
<seg id="40">MM: Auf jeden Fall, und wir werden weitermachen.</seg>
<seg id="41">Ja, sprich weiter. Entschuldigung.</seg>
<seg id="42">WPR: Sprich weiter, bitte sprich weiter. Wir haben eine kleine Verzögerung.</seg>
<seg id="43">MM: In Zukunft werden wir... Am Anfang möchte ich sagen, dass wir unsere Sache gut machen, aber ich denke, wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln.</seg>
<seg id="44">Selbst wenn wir Ministerien und die Zivilgesellschaft an Bord haben, müssen wir die Mainstream-Industrie mit einbeziehen.</seg>
<seg id="45">Ich denke, dass beispielsweise der Bergbau eine große Chance als Lösungsmöglichkeit für die Umweltprobleme hat, da wir Kupfer, Kobalt und Lithium liefern, die alle für Solar-PV-Paneele, für die Batteriespeicherung erforderlich sind.</seg>
<seg id="46">Wir müssen dies allerdings umweltschonend umsetzen.</seg>
<seg id="47">Ich denke, das wird in den nächsten 20 Jahren unsere größte Herausforderung sein.</seg>
<seg id="48">WPR: Wenn man nun auf die Pandemie zu sprechen kommt und darüber nachdenkt, was derzeit vor sich geht, kommt man zu dem Schluss, dass die ganze Welt von dieser Krise in Mitleidenschaft gezogen wurde.</seg>
<seg id="49">Welchen einzigartigen Herausforderungen musste sich Chile während der Pandemie stellen?</seg>
<seg id="50">MM: Nun, wie auch alle anderen, haben wir es schwer, sofort heute Maßnahmen zu ergreifen, um schlimmere Auswirkungen in der Zukunft zu verhindern.</seg>
<seg id="51">Und wir hatten auch einen guten Start.</seg>
<seg id="52">Wir haben die Schulen geschlossen.</seg>
<seg id="53">Wir haben mehrere Städte in den Lockdown geschickt und die Quarantäne eingeführt.</seg>
<seg id="54">Aber wir haben den Menschen die falschen Signale gegeben und unsere Anstrengungen waren nicht konstant. Das hat dazu geführt, dass wir momentan die höchsten Pro-Kopf-Infektionsraten der Welt haben.</seg>
<seg id="55">Das zeigt also, dass es dieselben Parallelen zum Klimawandel gibt.</seg>
<seg id="56">Wir müssen jetzt sofort Maßnahmen ergreifen, um schlimmere Auswirkungen in Zukunft zu verhindern.</seg>
<seg id="57">Und ich denke, dass wir die Lektion, die wir daraus gelernt haben, dazu einsetzen sollten, mit unseren Anstrengungen fortzufahren. Es ist eine Sache, einen ehrgeizigen national festgelegten Beitrag anzukündigen.</seg>
<seg id="58">Eine andere Sache ist es, Investitionen zu tätigen und die Vorschriften einzuführen, die erforderlich sind, um den Beitrag umzusetzen.</seg>
<seg id="59">In diesem Zusammenhang gibt es einige interessante Dinge.</seg>
<seg id="60">Die Umweltverschmutzung in Santiago, das historisch gesehen eine der Städte mit der höchsten Umweltverschmutzung in ganz Lateinamerika ist, ist viel geringer geworden.</seg>
<seg id="61">Die Autoemissionen sind um 80 bis 90 Prozent gesunken, was ziemlich beträchtlich ist.</seg>
<seg id="62">Die Harvard University hat eine Studie vorgelegt, in der gezeigt wird, dass Städte mit einer höheren Umweltverschmutzung eine höhere Sterblichkeitsrate haben.</seg>
<seg id="63">Das ist auch in Chile der Fall.</seg>
<seg id="64">Mit jedem Gramm Feinstaub (PM 2,5) mehr, steigt die Sterblichkeitsrate um neun Prozent.</seg>
<seg id="65">Wir könnten allerdings auch zurückblicken und schauen, was wir bis jetzt schon erreicht haben.</seg>
<seg id="66">Wenn wir keine Maßnahmen zur Luftreinigung ergriffen hätten, wie wir es in Chile in den letzten 20 Jahren getan haben, wären fünfmal mehr Menschen an COVID gestorben.</seg>
<seg id="67">Bei uns sind 800 Menschen direkt an COVID gestorben, aber ohne unsere Maßnahmen wäre die Zahl weit höher gewesen.</seg>
<seg id="68">Und tatsächlich, wenn wir das auf den Rest des Jahres umrechnen und Vorhersagen treffen, haben wir durch die geringere Umweltverschmutzung genauso viele Menschenleben gerettet, wie wir Menschen durch COVID verloren haben. Das zeigt, dass wir auch eine andere Pandemie, die Luftverschmutzung, angehen müssen, die viele Städte weltweit förmlich erstickt.</seg>
<seg id="69">WPR: Und das ist möglicherweise etwas, das wir in anderen Gebieten weltweit beobachten können.</seg>
<seg id="70">Wie du bereits angedeutet hast, ist Luftverschmutzung überall ein Problem.</seg>
<seg id="71">Und ich bin auch neugierig, wie diese Herausforderungen, die du angesprochen hast und möglicherweise auch andere, diesen Fortschritt, auf den du in puncto Klimawandel hoffst, behindern oder fördern könnten.</seg>
<seg id="72">Welchen Einfluss hat das deiner Ansicht nach auf Entscheidungen, die in Chile und darüber hinaus getroffen werden könnten?</seg>
<seg id="73">MM: Okay. Wir haben also eine höhere Sterblichkeitsrate und Städte mit höherer Luftverschmutzung, und wir müssen Klimaschutzmaßnahmen ergreifen.</seg>
<seg id="74">Das wird ein entscheidendes Jahrzehnt, in dem wir die Grundlagen für unsere Niedrigemissionsstrategien schaffen müssen.</seg>
<seg id="75">Was auch immer wir heute tun, kann uns nicht in einer unvereinbaren Klimazukunft gefangen halten.</seg>
<seg id="76">Wir müssen die Grundlagen für den Wandel hin zu einer Null-Emission-Strategie schaffen.</seg>
<seg id="77">Daher müssen unsere Bemühungen um einen grünen Aufschwung, wie Kristalina [Georgieva] letzte Woche sagte, mit einem grünen Aufschwung einhergehen, der sofort Arbeitsplätze schafft und die Armutsprobleme, die wir heute in Südchile im Energiesektor haben, angeht. Wir müssen dies nutzen, um erneuerbare Energien und unsere erfolgreichen Projekte in der Elektromobilität auszuweiten.</seg>
<seg id="78">Heute haben wir die größte Flotte mit Elektrobussen außerhalb Chinas, aber wir könnten sie noch vergrößern, da wir erkannt haben, dass die Kosteinsparungen im Vergleich zu Dieselbussen 70 Prozent betragen.</seg>
<seg id="79">Wir sollten diese Möglichkeit zur Erweiterung nutzen.</seg>
<seg id="80">Und mehrere Interessengruppen engagieren sich.</seg>
<seg id="81">Wir arbeiten zusammen und rufen die Regierung auf, einen grünen Aufschwung herbeizuführen, die umweltfreundlichen Projekte, die wir bereits angestoßen haben, zu nutzen. Im Rahmen dieser Projekte haben wir wirklich niedrige Zinssätze erhalten, um die Luftreinigung und eine umweltfreundliche Mobilität zu fördern und die Grundlagen für eine saubere Zukunft im Bergbau zu schaffen, was in Zukunft unsere größte Herausforderung sein wird.</seg>
<seg id="82">WPR: Und hat sich die Art und Weise, wie du über Klimaschutzmaßnahmen nachdenkst und diese konzipierst, bei dir persönlich in Folge der Beobachtungen während der Pandemie geändert?</seg>
<seg id="83">MM: Ja, ich denke, wir fangen an, uns umzuschauen. Alle haben gekämpft und gesehen, dass wir mit weniger mehr erreichen können und die Aufrechterhaltung eines Wirtschaftssystems, in dem du ein zusätzliches T-Shirt kaufen sollst, das du gar nicht brauchst, und die Tatsache, dass wir dreimal mehr Kleidungsstücke als noch vor 20 Jahren haben, zeigt, dass wir eine Wirtschaft aufblasen, in der wir die Umwelt zerstören müssen, um die wirtschaftliche Zukunft zu gewährleisten.</seg>
<seg id="84">Unsere größte Herausforderung wird vermutlich das Nahrungsmittelsystem sein. Auch wenn ich mit Elektrobussen und Elektromobilität gearbeitet habe, und den eher konventionellen Umweltschutzmaßnahmen, denke ich, dass unsere größte Herausforderung darin liegt, darüber zu sprechen, wie unsere Lebensmittelauswahl darüber entscheidet, ob wir eine Zukunft haben.</seg>
<seg id="85">Die Zeitschrift „Nature“ hat gerade einen Bericht veröffentlicht, in dem es um ein Thema ging, über das wir gesprochen haben, als wir in der Regierung waren.</seg>
<seg id="86">Als Chile gut im Fußball war, haben wir damit angefangen, mehr Spiele in der Winterspielzeit zu bestreiten und begannen, Spiele zu gewinnen.</seg>
<seg id="87">Um diese Spiel zu gewinnen, haben wir viel gegrillt und der Bericht, der veröffentlicht wurde, zeigte etwas, für das uns die Leute als verrückt erklärten, nämlich, dass durch diese Grillpartys die Luft ordentlich verschmutzt wird.</seg>
<seg id="88">Der in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichte Bericht zeigt nun, dass wir die Luft verunreinigt und ruiniert und zerstört haben, nur weil wir den Fußball abfeiern wollten.</seg>
<seg id="89">Und wir haben das den Leuten eröffnet, die uns daraufhin für verrückt erklärten.</seg>
<seg id="90">Jetzt gestehen die Leute ein, dass die ganz einfachen Dinge, die man tun kann, wie beispielsweise die Auswahl der Zubereitungsweise für das Essen, einen Einfluss auf die Luftqualität haben können.</seg>
<seg id="91">Ich denke also, dass wir diese notwendigen kulturellen Herausforderungen direkt angehen müssen.</seg>
<seg id="92">Wir sollten den Beweis antreten müssen.</seg>
<seg id="93">Andernfalls werden wir die Probleme einfach ignorieren und sie für die Zukunft aufrechterhalten.</seg>
<seg id="94">WPR: Und für Nationen, die den Klimaproblemen nicht dieselbe Aufmerksamkeit geschenkt haben, wie Chile es getan hat: Gibt es deiner Meinung nach Lektionen aus den Entscheidungen, die Chile in den letzten Jahren getroffen hat, die andere Nationen lernen und anwenden können. Und wie können die Menschen in anderen Ländern dieselben Strategien einführen, die ihr in Chile eingeführt habt?</seg>
<seg id="95">MM: Viele Menschen in den USA und weltweit kennen das Problem mit dem chilenischen Wolfsbarsch.</seg>
<seg id="96">Der chilenische Wolfsbarsch wurde überfischt und ist fast ausgestorben.</seg>
<seg id="97">Eine der Maßnahmen, die wir mit Unterstützung des „National Geographic“ und unter der Führung von Präsident Bachelet erreicht haben, ist die Ausweitung des Meeresschutzes, von einem Prozent unserer Meeresfläche, bis auf 43 Prozent der Fläche in einer Regierungsperiode. Das ist der größte Sprung, den wir jemals gemacht haben.</seg>
<seg id="98">Was den Meeresschutz angeht, ist dies nur mit der Zeit unter der Regierung von Präsident Obama in den USA vergleichbar.</seg>
<seg id="99">Und genau deshalb, weil wir wollen, dass sich auch diese Population erholt.</seg>
<seg id="100">Wenn man der Fischerei in öffentlichen Anlagen Einhalt gebietet, steigt die Biomasse durch den Überschuss aus der Fischerei um das Sechsfache an.</seg>
<seg id="101">Ich denke, dass die Anstrengungen, die wir unternehmen müssen, wenn wir über das Biodiversitätsabkommen sprechen, das im nächsten Jahr eingeführt wird, darin liegen werden, dass wir unser Verhältnis zur Umwelt ändern müssen.</seg>
<seg id="102">Wir müssen unsere Ökosysteme schützen und bewahren, damit sie uns weiterhin so zu Diensten sind wie heute.</seg>
<seg id="103">Heutzutage sind 96 Prozent aller Säugetiere, aller Landsäugetiere, Menschen oder Tiere, die von den Menschen gegessen werden.</seg>
<seg id="104">Nur vier Prozent aller Landsäugetiere sind Wildtiere.</seg>
<seg id="105">Als mir der „National Geographic“ diese Daten zum ersten Mal mitgeteilt hat, konnte ich es kaum glauben.</seg>
<seg id="106">Wir haben unser Verhältnis zu Mutter Erde geändert und bekommen nun die Rechnung für unsere Entscheidungen präsentiert in Form von zoonotischen Krankheiten, die sich immer weiter ausbreiten. Damit ist nicht nur das Coronavirus gemeint.</seg>
<seg id="107">WPR: Und hier haben wir Bruno mit einer Frage aus der Community. Hi, Bruno.</seg>
<seg id="108">Bruno Giussani: Hi. Auf jeden Fall. Hallo, Marcelo. Dies ist eine Frage von Melissa Mahoney.</seg>
<seg id="109">Sie fragt, ob du näher auf die wirtschaftlichen Vorteile der Zero Emissions eingehen kannst.</seg>
<seg id="110">Und sie möchte insbesondere wissen, ob diese Vorteile in Chile und den anderen Ländern gleich sein können.</seg>
<seg id="111">MM: Gut, als ich beispielsweise bei der Weltbank gearbeitet habe, haben wir Chile dabei unterstützt, die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Null-Emission-Ziels zu untersuchen.</seg>
<seg id="112">Und es konnte gezeigt werden, dass die Volkswirtschaft in Chile dadurch um weitere 4,4 Prozent wächst.</seg>
<seg id="113">Wir haben die Gefahr des Klimawandels also abgewendet und sie in eine Möglichkeit für erweitertes Wachstum umgewandelt.</seg>
<seg id="114">Dies zeigt sich in niedrigeren Transportkosten und geringeren Energiekosten und macht die Wirtschaft wettbewerbsfähiger.</seg>
<seg id="115">Die Kosten für das Erreichen des Null-Emissions-Ziels sind sehr viel geringer als der Nutzen, den wir daraus ziehen.</seg>
<seg id="116">Und wir sprechen hier noch nicht einmal über die Vorteile einer saubereren Luft. Wir sprechen von den direkten wirtschaftlichen Vorteilen der höheren Investitionen, die alle Länder in den kommenden Jahren benötigen werden, um sich von der COVID-Krise zu erholen und von niedrigeren Energiekosten.</seg>
<seg id="117">So macht sich das also bemerkbar. Und heute herrscht der Konsens, dass wir mehr erneuerbare Energien brauchen, da dadurch die Luft sauberer wird und niedrigere Energiekosten entstehen.</seg>
<seg id="118">BG: Es gibt eine weitere Frage aus dem Publikum. Jemand fragt: „Die südamerikanischen Länder haben dem Klima gegenüber sehr verschiedene Haltungen.</seg>
<seg id="119">Kannst du das bitte kommentieren?“ MM: Das Pew Forschungszentrum hat Berichte herausgegeben, in denen beleuchtet wird, was die größten externen Bedrohungen sind.</seg>
<seg id="120">Und in Europa, in den USA, war die größte Bedrohung entweder China oder der IS oder irgendeine kriegerische Bedrohung von außen.</seg>
<seg id="121">In Lateinamerika und Afrika liegt der Klimawandel auf Platz eins und in Chile sind die Umfragezahlen am höchsten. 86 Prozent aller Chilenen sagen, dass der Klimawandel die größte externe Bedrohung ist.</seg>
<seg id="122">Und auch die ist in der Region sehr hoch.</seg>
<seg id="123">Es könnte dazu kommen, dass populistische Regierungen Einzug halten, die ihre Prioritäten ändern, aber es ist eine Tatsache, dass die Menschen besorgt sind, da die tagtäglich den Klimawandel sehen, und ganz unabhängig von den Glaubenssätzen der nationalen Regierung, ist der Klimawandel real und hat Auswirkungen auf die Region und verursacht Armut in der Region.</seg>
<seg id="124">WPR: Vielen Dank. Danke, Bruno.</seg>
<seg id="125">Und Marcelo, nur noch eine letzte Frage, bevor wir uns verabschieden. Es geht nur darum, dass ich jetzt, da ich weiß, dass du an den Verhandlungen zum Übereinkommen von Paris beteiligt warst, fragen möchte, ob es Dinge gibt, die du aus dieser Erfahrung mitnimmst und die du jetzt anwenden kannst, wo wir darüber nachdenken, wie wir aus dieser Krise und der COVID-19-Pandemie herauskommen können?</seg>
<seg id="126">MM: Ja, und zwar, dass es immer einen Populisten geben wird, der sich dem Klimawandel entgegenstellt und dass der Weg zum Kontern darin besteht, die wirtschaftlichen Argumente anzuführen, also egal, was passiert – es wird immer wirtschaftliche Argumente für die Investition in grüne Energien geben.</seg>
<seg id="127">Die USA hat die Investitionen in grüne Energie im vergangenen Jahr um 40 Prozent erhöht.</seg>
<seg id="128">In Brasilien waren es 10 Prozent.</seg>
<seg id="129">Daher sind wir für die Zukunft gerüstet, wenn es uns gelingt, die wirtschaftlichen Ziele mit den Klimazielen abzustimmen.</seg>
<seg id="130">Das „Network for Greening the Financial System“ bringt Zentralbänker an einen Tisch.</seg>
<seg id="131">Die Weltbank hat eine Koalition der Finanzminister für Klimaschutz ins Leben gerufen.</seg>
<seg id="132">Das sind bedeutende Anstrengungen, die es uns ermöglichen werden, dass das Finanzsystem den Klimaschutz unterstützt, weil es wirtschaftliche Vorteile bringt, denn es ist wichtig für euch, für eure finanzielle Verantwortung, dass die Risiken offengelegt werden, die Ihr tragt, sowohl die schwebenden als auch die physischen Risiken.</seg>
<seg id="133">Und wenn wir das umsetzen können, ganz unabhängig von den stattfindenden Verhandlungen – es wird immer Probleme geben, einen Konsens zu erzielen – wird es weiterhin einen stabilen Ansatz geben, da die Klimaschutzmaßnahmen aufgrund der wirtschaftlichen Unterstützung fortgesetzt werden können.</seg>
<seg id="134">WPR: Das ist wirklich großartig.</seg>
<seg id="135">Vielen Dank, Marcelo, dass du bei uns warst und deine Sichtweise und deine Einblicke mit uns geteilt hast.</seg>
<seg id="136">Wirklich großartig, das wir einige der Dinge, die in Chile passieren, aus der Nahperspektive betrachtet haben und sehen konnten, wie das für uns alle weltweit gelten kann.</seg>
<seg id="137">Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. MM: Vielen Dank.</seg>
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