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fluter/%C3%B6pnv-luxemburg-kostenlos.txt
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In Luxemburg ist der ÖPNV kostenlos. Verzichten dort mehr Leute auf ihr Auto? Was hat das Klima davon? Und warum macht Deutschland das nicht einfach nach? Ein fluter-Film
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In der Serie „Wie macht ihr’s?“ schauen wir, was andere Länder komplett anders machen als Deutschland. In den bisherigen Folgen ging es um neue Atomkraftwerke in Polen und Wiens günstige Mieten.
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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fluter/100-sekunden-mit-videoserie-berlinale-2020.txt
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… Schauspielerinnen und Regisseuren der Berlinale 2020. Unsere Videoserie
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hier geht’s zur Rezension von „Berlin Alexanderplatz“
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hier geht’s zur Rezension von „Kokon“
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hier geht’s zur Rezension von „Schlaf“
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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fluter/140journos-Journalismus-in-der-Tuerkei.txt
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Ist unabhängige Berichterstattung in der Türkei noch möglich? Das Twitter-Nachrichtenportal „140journos“ versucht es. Ein Interview mit Mitgründer Engin Önder
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Spätestens seit der Präsidentschaftswahl in den USA werden in Deutschland Facebook, Twitter und Co. unter den Stichworten Filterblasen, Echo Chambers und Fake News kritisch diskutiert. In der Türkei dagegen ermöglichen soziale Medien staatlich unzensierten Journalismus: Auf dem Twitter-Nachrrichtenportal „140journos“ berichten User über vieles, was in klassischen Medien nicht zur Sprache kommt. Auch wenn 140journos-Mitgründer Engin Önder immer wieder betont, dass er kein Journalist ist, worum es ihm geht, ist dann doch irgendwie Journalismus: Er möchte, dass die türkische Öffentlichkeit uneingeschränkten Zugang zu Nachrichten hat. fluter hat im Juni 2016 darüber berichtet. Seitdem hat sich die Türkei sehr verändert: In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 versuchten Teile des Militärs zu putschen. Es folgte die Ausrufung des Ausnahmezustands, Teile der parlamentarischen Opposition und zahlreiche Journalisten wurden verhaftet. Nun haben unsere Autoren Engin Önder erneut gesprochen (vor dem Anschlag auf den Nachtclub „Reina“ in Istanbul). Im Skype-Interview wollten sie von Önder erfahren: Wie hat er diese krisenhafte Zeit erlebt? Und kann er sein Projekt 140journos uneingeschränkt fortsetzen?
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fluter: Euer Ansatz ist es, neutral und faktenorientiert zu berichten. Doch die politische Polarisierung in der Türkei ist jetzt noch stärker als im Juni, als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben. Wie geht ihr damit um?
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Engin Önder: Es ist auf jeden Fall schwieriger geworden. Wir versuchen, uns weiterhin auf die Fakten zu konzentrieren. Mittlerweile berufen wir uns immer öfter auf Organisationen, um nicht zu riskieren, dass wir Verschwörungstheorien verbreiten. In der Berichterstattung über die Ermittlungen zum Putsch informieren wir uns in erster Linie über die Veröffentlichungen der Gerichte. Im Zweifelsfall machen wir deutlich, dass die Faktenlage nicht geklärt ist und dass es sehr unterschiedliche Standpunkte gibt.
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Seitdem der Ausnahmezustand in der Türkei ausgerufen wurde, werden kritische Stimmen unterdrückt und viele Oppositionelle verhaftet. Wie wart ihr davon betroffen?
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Als Organisation sind wir bisher weder von der Zensur noch von polizeilichen Ermittlungen oder Anzeigen betroffen gewesen. Wir machen, was wir immer gemacht haben. Aber was wir deutlich merken, ist eine Abnahme der Diversität unter unseren Contributors. Das ist hier gerade richtig schwierig. Man spürt die Anspannung deutlich. Uns schicken insgesamt deutlich weniger Leute Material. Vor dem Putsch haben uns Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum ihre Nachrichten zugeschickt. Neben der etablierten Meinung gab es da auch viele kritische Stimmen, zum Beispiel von Liberalen oder Linken. Das hat sich verändert: Viele sind eingeschüchtert durch das, was in der Türkei gerade passiert, und haben Angst oder haben resigniert. Deshalb ist es schwieriger geworden, an Informationen zu gelangen, die in den offiziellen Nachrichten nicht vorkommen. Dadurch gibt es einen Mangel an Perspektiven in unserer Berichterstattung. Wir verwenden deshalb jetzt auch Meldungen der Nachrichtenagenturen, die wir überprüfen und in eine neutralere Sprache übersetzen. Momentan berichten wir zu 90 Prozent über die Gerichtsverhandlungen.
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Wie erklärst du dir, dass 140journos nicht direkt von Repressionen betroffen ist?
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Unser Umgang mit Sprache ist entscheidend. Wir versuchen, Wörter zu vermeiden, die nur einer bestimmten politischen Perspektive entsprechen: Wenn es um Fethullah Gülens Bewegung Hizmet geht, schreiben wir nicht von einer Terrororganisation, wie das die Regierung und regierungsnahe Medien machen. Wir wollen aber auch nicht im Jargon der herkömmlichen Oppositionsmedien schreiben, die oft nur das berichten, was zu ihrer Version der Geschichte passt. Deswegen versuchen wir, bei polarisierenden Sachverhalten lediglich die Eigennamen zu verwenden, Strittiges wörtlich zu zitieren und einseitige Adjektive zu vermeiden. Das schützt uns, weil uns niemand einfach Parteilichkeit unterstellen kann. Anders als die meisten Journalisten in der Türkei machen wir bei 140journos keine Politik, sind also auch nicht Teil der Opposition. Dafür zahlen wir natürlich einen Preis: Es ist nicht sexy, wenn man keine reißerischen Überschriften verwenden kann.
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Ihr betont immer wieder, wie wichtig Transparenz für 140journos ist. Aber wie gewährleistet ihr dann in der heutigen Situation die Sicherheit eurer Contributors?
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Uns ist es generell wichtig, dass unsere Arbeitsweise für alle offen und transparent ist. Unserem Online-Newsroom kann jeder beitreten, der über unsere Website eine Einladung bekommt. Dort besprechen wir die meisten redaktionellen Angelegenheiten. Bisher haben wir bei großen Ereignissen auch immer die Klarnamen unserer Contributors veröffentlicht. Aber in der momentanen politischen Situation sind wir auch bereit, Nachrichten anonym zu veröffentlichen, sollte sonst jemand in Gefahr geraten.
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Blicken wir noch mal kurz zurück auf die Nacht vom 15. auf den 16. Juli, als Teile des türkischen Militärs versucht haben, gegen die Erdoğan-Regierung zu putschen. Was geschah in dieser Nacht auf 140journos?
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In dieser Nacht haben wir die höchste Anzahl an Twitter-Impressionen erreicht, seit es 140journos gibt – 110 Millionen an einem Tag. Sonst kommen wir in einem ganzen Monat auf 55 Millionen. Wir hatten ja bereits ein großes Contributor-Netzwerk, so konnten wir zur verlässlichsten Nachrichtenquelle im ganzen Land werden. Die anderen Medien haben sich nicht getraut, kritisch zu berichten – sie haben sich selbst zensiert. Präsident Erdoğan und Ministerpräsident Yıldırım haben dieses Verhalten anschließend gelobt. Es hieß, die Medien hätten gute Arbeit geleistet und keine Panik verbreitet. Daran sieht man sehr gut, was nach der Vorstellung der türkischen Regierung guter Journalismus ist. 140journos dagegen hat wirklich guten Journalismus gemacht. Das kann man sich auf unserer Website anschauen: Tausende Retweets in jedem Beitrag. Wir haben die Leute auf dem Laufenden gehalten.
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Ihr verwendet Twitter, Facebook und WhatsApp für die Verbreitung eurer Nachrichten. Hattet ihr in der Putsch-Nacht Probleme mit Internetzensur?
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Nein, denn es gab ein Missverständnis zwischen unterschiedlichen Regierungsorganen und den Mobilfunk- und Internetanbietern. Wir haben von einem Turkcell-Manager die Information bekommen, dass in der Putsch-Nacht die Befehle der Regierung, das Internet zu sperren, nicht ausgeführt wurden, weil davon ausgegangen wurde, dass es sich um Befehle der Putschisten handele: Nur deshalb gab es Nachrichten aus den sozialen Medien. Erst später im November wurden die sozialen Medien in großem Umfang blockiert. Aber wir hatten über VPN (Virtual Private Networks) trotzdem Zugang zu Twitter, WhatsApp und Facebook. Einen Tag später hat die Regierung auch die bekanntesten VPN-Zugänge gesperrt und IP-Adressen blockiert. Das gab es so zum ersten Mal.
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Wie wird sich deiner Ansicht nach der Journalismus in der Türkei entwickeln?
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Der etablierte Journalismus hat ein großes Problem: Nachrichten aus großen Medienhäusern und die Arbeit in einer Komfortzone – das ist vorbei. Die Journalisten müssen neue Allianzen eingehen, selbstständig arbeiten, anonym arbeiten. Es wird bald noch mehr Internetjournalismus geben, weil das einfach leichter zu organisieren ist. Aber auf jeden Fall wird es noch schwieriger werden, investigativ zu arbeiten, weil man kaum an Informationen kommt, denn viele Menschen haben Angst. Wir müssen also neue Wege finden. Auch 140journos ist gerade dabei, sich neu aufzustellen. Wir müssen unsere Struktur verändern, weil wir uns nicht mehr darauf verlassen können, dass uns Menschen weiterhin Informationen zusenden.
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Was erwartest du von EU-Politikern, Journalisten aus der EU und der Zivilgesellschaft?
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Zwei Dinge: eine Kritik und eine Bitte. Die Türkei ist momentan in keiner guten Verfassung. Das ist so deutlich, und ich glaube, ich muss das hier nicht genauer erklären. Die europäischen Medien berichten manchmal nicht korrekt, das liegt wahrscheinlich auch daran, dass populistische Bewegungen auf dem Vormarsch sind. Womöglich hindert manche Journalisten ihre politische Einstellung daran, selbst über Erdoğan objektiv zu berichten. Ich bitte daher um bessere Berichterstattung. Europa muss besser informiert werden über die Verhältnisse in der Türkei. Wenn man sich auf Gerüchte verlässt, was mitunter passiert, wirkt das nicht glaubwürdig für die Menschen in der Türkei und schürt im Zweifelsfall antieuropäische Stimmungen. Europäische Medien sollten türkischen Journalisten die Möglichkeit geben zu publizieren. Wie das in Deutschland zum Beispiel die „Zeit“ mit Can Dündar [dem in der Türkei verurteilten ehemaligen Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“] gemacht hat.
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Titelbild: Furkan Temir
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fluter/15-minuten-stadt-erklaert.txt
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Paris, Berlin oder Hamburg wollen eine „15-Minuten-Stadt“ sein. Sieht so die Metropole der Zukunft aus?
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In einer Viertelstunde alles erreichen, was man für das tägliche Leben braucht: Lebensmittelhandel, Schulen, Kitas, Ärzt*innen, Parks und Sportplätze. Ohne Auto, dafür mit dem Rad, zu Fuß oder mit dem öffentlichen Nahverkehr. Das ist die simple Idee hinter der 15-Minuten-Stadt. Und gerade weil dieses anschauliche Leitbild im Kontrast steht zu vielen anderen akademischen Stadtkonzepten, ist die „15-Minuten-Stadt“ schwer in Mode.
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Dabei ist die Idee nicht neu. Bereits seit den 1980er-Jahren kursieren Konzepte wie die „Stadt der kurzen Wege“ oder „Compact Cities“. Sie gelten als Gegenbewegungen zu dem Leitbild, das zuvor dominierte: die funktionelle Stadt, entwickelt 1933 und festgeschrieben vom Architekten Le Corbusier in der „Charta von Athen“. Ihr Ziel war eine Funktionstrennung: Arbeiten und Wohnen sollten an unterschiedlichen Orten stattfinden und durch gut ausgebaute Straßen miteinander verbunden sein. Die Effekte sehen wir bis heute. Große Autobahnen, die die Städte durchziehen, riesige Parkplätze im öffentlichen Raum, alltägliche Rushhours, die vom Speckgürteln in die Innenstadt und zurückstauen.
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Veränderungen in der Stadtplanung brauchen lange, bis sie wirken. Bereits 2007 schrieb die EU in der „Leipzig-Charta“ die Neuausrichtung der Stadtentwicklung fest. Grün, gerecht und produktiv soll sie sein, so steht es in ihrer Weiterentwicklung, der „Neuen Leipzig-Charta“ von 2020. Heute bringt die „15-Minuten-Stadt“ diese Ausrichtung auf den Punkt: Wenn die einzelnen Quartiere die Bedürfnisse des Alltags abdecken können, dann haben die Bewohner*innen mehr Zeit, die Stadtplaner*innen mehr Platz abseits der Straßen, und es gibt weniger Lärm, Emissionen und Abgase in der Stadt. Welche Bedeutung der Umbau zu funktionierenden Quartieren haben kann, zeigte sich während der Pandemie. Wer krank war, kranke Menschen versorgte oder in der Quarantäne festsaß, war für eine gut ausgebaute Nahversorgung dankbar.
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Paris zählt zu den Pionieren der 15-Minuten-Stadt. Zwischen 2010 und 2018 ist die Zahl der täglichen Fahrten in dem Ballungsgebiet Île-de-France mit dem Fahrrad um 30 Prozent gestiegen, was auch der Bürgermeisterin Anne Hidalgo zugeschrieben wird. Während der Pandemie wurden 50 Kilometer Radwege ausgebaut, bis zu den Olympischen Spielen 2024 soll jede Straße in der französischen Hauptstadt auch eine Radspur haben. Außerdem sollen 60.000 Straßenparkplätze aus dem öffentlichen Raum verschwinden und stattdessen Grün- und Freiflächen entstehen, auf denen die Bürger*innen explizit zum Gärtnern eingeladen sind. Schon seit 2016 sind in einigen Pariser Quartieren die Straßen an Sonn- und Feiertagen für den motorisierten Verkehr gesperrt. In vier Bezirken ist der erste Sonntag im Monat autofrei, an einem Tag im Jahr sogar die ganze Stadt.
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Die Innenstädte sterben aus. Gut so, findet Lena Fiedler
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Dieser Fokus auf lebenswerte Quartiere und nichtmotorisierten Verkehr wurde auch in anderen Städten aufgegriffen, etwa im australischen Melbourne, im kolumbianischen Bogotá, in Mailand, Kopenhagen, Utrecht und Wien.
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Und wie sieht es in Deutschland aus? „Die ‚15-Minuten-Stadt‘ ist in den dicht bebauten Innenstädten bereits vielerorts Realität“, sagt Uta Bauer, Mobilitätsforscherin am Deutschen Institut für Urbanistik. „In kleineren Städten wie Jena, Landau oder Weimar ist das ganz offensichtlich, aber auch in Großstädten wie Berlin oder Hamburg sind die Alltagsziele zu Fuß, mit dem Rad oder ÖPNV selten weiter als 15 Minuten entfernt.“
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Aber nicht überall. Die Bezirksamtsleiterin von Altona, Stefanie von Berg, sagt: „In den Außenbereichen der Städte ist die ‚15-Minuten-Stadt‘ leider bis heute noch nicht umgesetzt.“ Und auch da, wo die Erreichbarkeit schon gegeben sei, könne man noch viel tun, um die Lebensqualität zu erhöhen und die Verkehrswende voranzubringen. Der Plan sei, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, Sharing-Angebote auszuweiten und Fuß- und Radwege sicherer zu gestalten. Außerdem sollen mithilfe von Wirtschaftsförderungen Anreize für die Einrichtung von Kitas, Arztpraxen, Sportangeboten oder den Einzelhandel geschaffen werden, so Berg. „Am Ende ist die ‚15-Minuten-Stadt‘ ein Angebot. Und das Gelingen hängt wesentlich davon ab, dass die Menschen dieses Angebot auch wahrnehmen.“ Dem stimmt auch die Mobilitätsforscherin Uta Bauer zu: „Wer immer nur online bestellt, kann keinen Tante-Emma-Laden im Quartier erwarten“, sagt sie.
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Im Internet kursieren derweil Verschwörungserzählungen zu den „15-Minuten-Städten“. Menschen sollten damit in ihren Stadtvierteln eingesperrt werden, heißt es, begründet auf Bestrebungen der Stadt Oxford, weniger Autoverkehr zuzulassen. Dafür sollen ab 2024 Kameras eingesetzt werden, die erkennen, welche Autos auf der Straße fahren dürfen und welche nicht. Diese Idee hängt aber gar nicht direkt mit der „15-Minuten-Stadt“ zusammen und betrifft andere Städte nicht.
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Eine echte Kehrseite des Konzepts gibt es aber: Wo der Verkehr beruhigt und die Nahversorgung gut ist, da steigen oft die Mieten. Das könne man in Immobilienanzeigen nachvollziehen, sagt Bauer, ein lebenswertes Viertel werde von Vermietern vielerorts als Preiskatalysator genutzt. Ist die „15-Minuten-Stadt“ also nur ein weiterer Hebel für Gentrifizierung? „Das kann man nicht ausschließen“, sagt Uta Bauer. „Aber es ist ja auch keine Option, die Stadt laut und dreckig zu lassen.“ Gegen Gentrifizierung würden nur entschlossene wohnungspolitische Maßnahmen wie sozialer Wohnungsbau helfen. Und gegen die „15-Minuten-Stadt“ als Preistreiber nur eine flächendeckende Umsetzung. „Es sollte nicht nur dort investiert werden, wo die Anwohner am lautesten danach rufen“, sagt Bauer.
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Doch selbst in den teuren urbanen Vierteln sind die Widerstände gegen verkehrsberuhigte Zonen enorm groß. Das zeigt etwa der zähe Streit um die Sperrung eines Teilstücks der Friedrichstraße in Berlin-Mitte. Und das hat auch Stefanie von Berg bei der Umsetzung des Projekts „Ottensen macht Platz“ erlebt: Der urbane, wohlhabende Stadtteil im Westen von Hamburg war zwischen September 2019 und Ende Januar 2020 weitgehend autofrei. Darüber und über die langfristige Sperrung zweier zentraler Verkehrsachsen für den Autoverkehr gibt es bis heute Streit in den sozialen Medien. „Die absolute Mehrheit der Anwohner will diesen Umbau. Aber für einige ist es schwer, jahrzehntealte Gewissheiten wie ‚Ich darf mein Auto überallhin fahren und kostenlos parken‘ aufzugeben,“ sagt von Berg. „Da muss man richtig dicke Bretter bohren.“ Es kann also noch Jahre dauern, bis der Verkehr in Ottensen tatsächlich entschleunigt wird.
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Solche lokalen Beispiele zeigen deutlich, wie viel schneller eine „15-Minuten-Stadt“ ausgerufen als umgesetzt sei, sagt Mobilitätsforscherin Uta Bauer. Verwaltungsdogmen wie etwa die Straßenverkehrsordnung, die den fließenden Verkehr grundsätzlich begünstige, machten es schwer, autogerechte Stadtstrukturen aufzubrechen – zumal in einem Land mit einflussreicher Autolobby. „In den Städten wird sich nur dann etwas verändern, wenn die Menschen das konsequent einfordern und sich selbst als aktiven Teil der Stadt und ihres Viertels begreifen“, sagt Bauer. Die „15-Minuten-Stadt“ entsteht Straße für Straße.
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GIF: Renke Brandt
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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fluter/180deg-south.txt
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Durchs wilde Patagonien
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Ein Panorama wie aus dem Bilderbuch: Majestätisch schraubt sich der Vulkan Corcovado in den Anden Patagoniens in die Höhe. An der Bergspitze sammeln sich Schnee und Eis, wie verlorene Punkte klettern ein paar Männer unter widrigen Bedingungen der Spitze entgegen. An der tosenden Küste vor dem Vulkan gleitet indes ein Surfer durch die Brandung. Jeff Johnson und seine Begleiter sind am Ziel ihrer knapp fünfwöchigen Reise angekommen, deren Verlauf "180° South" dokumentiert.
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Patagonien revisited
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Im Jahr 1968 unternahmen die Umweltaktivisten Yvon Chouinard und Doug Tompkins eine Expedition nach Patagonien, die schließlich eines der weltweit größten Umweltschutzprojekte ins Rollen brachte. Heute stehen rund 3.000 km² Patagoniens im sogenannten "Conservacion Patagonica Land Trust" unter Naturschutz. Genau vierzig Jahre später, im Jahr 2008, trat der amerikanische Abenteurer und Buchautor Jeff Johnson in die Fußstapfen seiner Idole und brach mit einigen Mitstreitern ebenfalls Richtung Patagonien auf. Johnsons Nachstellung der legendären Expedition von 1968 gibt den Anlass für eine Dokumentation, die immer wieder Geschichten am Wegesrand aufsammelt und eine kritische Position zu den vielfältigen Eingriffen der Menschen in die Natur bezieht.
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Vordergründig ist es das Ziel der Expedition, den 2.300 Meter hohen Corcovado zu erklimmen, der teilweise von Schnee und Eis bedeckt ist und als schwer bezwingbar gilt. Daneben halten Johnson und seine Begleiter auf der Reise nach Südwestchile Ausschau nach geeigneten Küsten, um ihrer zweiten Leidenschaft nachzugehen: dem Surfen. Jeff Johnson, der die nachgestellte Expedition anhand seiner Reisetagebücher aus dem Off kommentiert, tändelt seit Jahren auf der Suche nach neuen sportlichen Herausforderungen durch die Welt. Er selbst und seine Begleiter treten in "180° South" als dementsprechend bärtige und markige Typen auf, die den Charme des Films zu einem Gutteil ausmachen.
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Kultureller Verfall einer Landschaft
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In einer zentralen Episode stranden die Abenteurer mit ihrem Segelboot auf der Osterinsel Rapa Nui. Eigentlich wollen die Kumpanen nur einige Reparaturen am Segelboot bewerkstelligen, doch es entspinnt sich ein längerer Zwischenhalt. Schnell lernen die Globetrotter eine Einheimische kennen, die ihnen die Kulturgeschichte der Osterinsel näherbringt und die Reisegruppe spontan nach Patagonien begleitet. In einer Scherenschnitt-Animation erklärt "180° South" den dramatischen kulturellen Verfall der Osterinsel: Die Ureinwohner wollten sich mit stets größeren und beeindruckenden Steinstatuen gegenseitig übertrumpfen und ausstechen. Für den Transport und Bau der Statuen waren Massen an Holz notwendig, so dass Rapa Nui schließlich fast vollständig abgeholzt war. Dieses Bild, das "180° South" gleichsam nebenbei aufgreift, projiziert Jeff Johnson im weiteren Verlauf der Expedition auf ökologische Katastrophen wie die Überfischung entlang der chilenischen Küste. Die Osterinsel-Episode ergibt sich zwar zufällig, taucht fortan aber immer wieder als sinnstiftende Metapher auf.
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Formal orientiert sich Regisseur Chris Malloy an einschlägigen Extremsport-Dokus. Regelmäßig zeigen Go-Pro-Kameras die Reisenden bei Wellengängen auf ihren Surfbrettern, wobei Gitarren-lastige Songs von Jack Johnson und anderen ein Gefühl von Freiheit und Lagerfeuer-Idylle vermitteln. In ihrer Häufigkeit erscheinen diese Surf-Impressionen zwar etwas austauschbar, doch im Gesamtbild erfüllen sie einen praktischen inhaltlichen Zweck und verweisen auf die Schönheit der Natur, die es zu schützen gilt.
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Naturburschen unter sich
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Im Mittelpunkt von "180° South" steht die Naturverbundenheit der Protagonisten, die in Wort und Bild immer wieder zum Tragen kommt. Während der Film die Hektik in der chilenischen Hauptstadt Santiago mit Zeitraffer-Aufnahmen darstellt, kommen bei den Surf-Impressionen elegische Zeitlupen zum Einsatz. In steter Regelmäßigkeit verweist der Kommentar von Jeff Johnson auf die Zerbrechlichkeit der Natur und die Pflicht des Menschen, selbige zu bewahren. In Patagonien schlägt sich der Film daher auf die Seite einiger Gauchos, die gegen den Bau eines riesigen Staudamms demonstrieren.
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So tritt der Reisebericht nicht nur geografisch in die Fußstapfen der Johnson-Idole Yvon Chouinard und Doug Tompkins, sondern eignet sich auch deren ökologische Botschaft an. Alleine die vielen imposanten Eindrücke von entfernten Gegenden und entlegenen Landschaften, die ein gewisses Fernweh aufkommen lassen, vermitteln ein Gefühl dafür, dass die letzten unberührten Flecken der Erde besondere Schutzmaßnahmen benötigen. Die Kritik am kopflosen Verbrauch von Ressourcen und die Seitenhiebe auf die Konsumgesellschaft im Allgemeinen rücken während der Reise zum Corcovado immer stärker ins Zentrum, was "180° South" letztlich von vielen anderen Dokus über Bergsteiger oder Surfer unterscheidet. Denn hier liegt das Hauptaugenmerk nicht so sehr auf der Abenteuerlust der Protagonisten, sondern vielmehr auf der Natur selbst, die eine solche Reise überhaupt erst möglich macht – und die in näherer Zukunft vielleicht ausgebeutet, zugepflastert und bis zum Äußersten geschröpft am Boden liegt.
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fluter/20-jahre-google-geburtstag-brin-page.txt
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Google wird 20. Ein Grund zum Feiern? Was die Suchmaschine so erfolgreich macht und wie sie es heute mit ihrem Motto „Don't be evil“ hält, darüber sprechen wir mit dem Medienhistoriker Markus Krajewski
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Die zwei Informatikstudenten Larry Page und Sergey Brin lernen sich Mitte der 1990er-Jahre an der Eliteuni Stanford kennen. Zusammen entwickeln sie den „PageRank-Algorithmus“, der das Suchen im Web revolutionieren soll. Im September 1998 gründen die beiden Google Inc. Das inoffizielle Firmenmotto lautete damals „Don’t be evil“. Ihr Ziel? Nicht weniger als alle Informationen der Welt für alle und jederzeit zugänglich zu machen. Und damit Geld verdienen. Heute nutzen über 85 Prozent der Internetnutzer weltweit Google, wenn sie Informationen online suchen. Was war Google früher, was ist es heute?
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fluter.de: Herr Krajewski, warum werden erfolgreiche Start-ups eigentlich so oft in Garagen gegründet?
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Markus Krajewski: Dieser Gründungsmythos nervt etwas. Kann es nicht mal eine Veranda oder ein Wohnzimmer sein? Vielleicht gehört es aber einfach dazu, um glaubhaftes Nerdtum zu verkörpern. Das ist eines der Erfolgsrezepte von Google.
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Wie meinen Sie das?
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Schon der Name hat Nerdcharakter: Er spielt auf die Googol-Zahl an, eine Eins mit 100 Nullen. Das ist wie ein Insiderwitz unter Mathematikern und Informatikern, in deren Gemeinschaft Google wohl auch zuerst bekannt wurde. Wirklich erfolgreich wurde Google aber vor allem durch den Universalanspruch und die einfache Bedienung.
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Google sieht heute noch fast genauso aus wie 1998.
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Ja, auf der Startseite sieht man immer noch vor allem eine Menge Weiß. Das unterscheidet Google erheblich von anderen Suchmaschinen der 1990er-Jahre. Diese Einfachheit trug maßgeblich zur frühen Attraktivität bei. Auch wegen der langen Ladezeiten damals. Eine Art Bauhaus-Erlebnis im verschnörkelten und optisch überladenen Internet der 90er-Jahre. Was außerdem sehr wichtig war für den Erfolg: das Versprechen, das Netz als solches zugänglich zu machen. Damals war es für die meisten Menschen noch so undurchschaubar wie eine Blackbox. Google war die erste Suchmaschine mit dem Anspruch, eine wirklich universale Suchmaschine zu sein und das Netz in seinen Tiefen auszuloten.
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Die beiden Gründer hatten 1998 angekündigt, eines Tages alles Wissen der Welt mit ihrer Suchmaschine zugänglich zu machen. Werden wir irgendwann von einer Epoche vor und einer nach Google sprechen?
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Das gehört zu den Selbsterzählungen von in Garagen gegründeten kalifornischen Unternehmen offenbar dazu: ein ungeheurer Machtanspruch und keine kleine Portion Größenwahn. Google als Epochenwende? Nein. Google setzt auf jahrhundertealte Vorarbeiten von anderen. Es ist eine sehr geschickte Verbindung von einer Fülle von Ideen, Konzepten und Projekten der letzten 500 Jahre.
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Auf welche Ideen genau baut Google denn auf?
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Schon im 16. Jahrhundert hat man beispielsweise darüber nachgedacht, wie man mit großen Informationsmengen umgehen kann. Der Schweizer Gelehrte Conrad Gessner hat lange unter beträchtlichem Aufwand Buchtitel gesammelt, um eine Universalbibliografie aufzubauen. Er wollte eine Beschreibung aller Bücher seiner Gegenwart und Vergangenheit erarbeiten, das Weltwissen an einem Ort versammeln. Schnell merkte er, dass das nur geht, wenn er die Inhalte in kleinste Informationsbestandteile zerlegt. Er kam auf eine Art Karteikarten-System. Ein ähnliches Prinzip verwendet Google: Es zerteilt und indiziert alle Informationen im Netz, um es so schneller durchsuchen zu können.
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Gab es in der Geschichte jemals eine Institution, die mehr Wissen und damit Macht über uns hatte als Google heute?
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Man darf nicht der Selbstglorifizierung von Google auf den Leim gehen. Ein kurzer Blick in die Geschichte relativiert dieses Bild rasch: Die katholische Kirche beispielsweise hat in ihrer über 1.600 Jahre umspannenden Wissenssammlung einen ähnlichen Schatz angehäuft. Das Vatikanische Geheimarchiv ist sagenumwoben, die Vatikanische Apostolische Bibliothek ebenso riesig wie wertvoll, dann sind da noch die Kunstkammern. Alles zusammengenommen und menschheitsgeschichtlich betrachtet: ein unglaublich reicher Schatz. Oder denken Sie an das Stasi-Archiv in Berlin, wo möglichst alles über die DDR-Bürger gespeichert war. Mit dem Superlativ „so was gab es noch nie“ gilt es also, vorsichtig zu sein. Aber es ist natürlich bezeichnend, wenn es in der deutschen Sprache seit 2004 ein neues Wort im Duden gibt: googeln. Daran wird deutlich, wie grundlegend das Unternehmen in unsere Lebensbereiche vorgedrungen ist.
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Mittlerweile hat Google eine sehr große KI-Abteilung (künstliche Intelligenz), beteiligt sich an Militärforschung, ist Autohersteller …
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Klar, es ist viel mehr als eine Suchmaschine. Google ist zuallererst ein milliardenschwerer Konzern, der Gewinne maximieren will. Es ist auch eine Datenkrake, eine Bibliothek, eine Werbeagentur, ein Kartografie-Institut – und nicht zuletzt ein Spiegel der Eitelkeiten. Wer hat sich noch nie selbst gegoogelt, um etwas über die eigene Reichweite zu erfahren?
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Das hat anscheinend auch Trump letztens gemacht und bemerkt, dass ziemlich schlecht über ihn geschrieben wird. Wer bei der Bildersuche „Idiot“ eingibt, bekommt als Erstes ein Foto des aktuellen US-Präsidenten. Ist der Algorithmus wirklich so neutral, wie Google gerne betont?
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Wir wissen nicht exakt, nach welchen Kriterien er gewichtet. Der Algorithmus ist nicht open source, sondern scheint so gehütet wie das Coca-Cola-Rezept. Aber letztlich ist er vergleichsweise leicht verständlich, so wie Cola eben auch nur koffeiniertes Zuckerwasser ist. Das Prinzip geht auf Ideen der wissenschaftlichen Quantifizierung, genauer auf Eugene Garfield und den Science Citation Index von 1955 zurück, der das Renommee von Wissenschaftlern zu messen vorgibt. Bei Google kommen hingegen noch andere Faktoren hinzu. So hängt das eigene Suchergebnis damit zusammen, was man von welchem Ort bisher so gesucht hat. Jeder von uns sieht dementsprechend etwas anderes. Das, was Google liefert, ist stark gewichtet und gefiltert – und vor allem: keine neutrale Wahrheit.
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Das Unternehmen betont gern, dass seine Produkte und Erfindungen der Menschheit dienen sollen. Dient Google uns, oder dienen wir Google?
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Es ist offenkundig, dass man – vor allem wenn man die personalisierte Suche benutzt – stark ausgenutzt wird. Die jahrelangen Einblicke in die Köpfe der Benutzer sind für das Unternehmen sehr viel wert. Das ist kaum gegenzurechnen mit dem kleinen Informationswert, den Benutzer durch ein Suchergebnis bekommen. Wir müssen in hohem Grade skeptisch und misstrauisch gegenüber dem Machtanspruch von Google sein.
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Google soll eine zensierte Version der Suchmaschine für den chinesischen Markt planen. Das inoffizielle Firmenmotto „Don’t be evil“ wurde im Frühjahr im Mitarbeiterhandbuch deutlich abgeschwächt. Winkt 20 Jahre nach der Gründung der Abschied vom Idealismus-Image der Anfangsjahre?
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Ob Google nun gut oder schlecht ist, will ich nicht endgültig bewerten. Dem Unternehmen geht es jedenfalls vor allem um die Steigerung seiner Gewinne. Wer kein Problem damit hat, als ein folgsames Subjekt verstanden zu werden, wird den Internetriesen sicher nicht so schlecht finden. Aber: Man ist dann ein Unterworfener einer höheren Macht, der man zunächst wenig entgegenzusetzen hat, weil sie eben mächtiger ist. Man gibt mit wenigen Stichworten preis, was einen gerade beschäftigt, was man zu machen plant, was man denkt. Zu googeln ist eine Diskussion mit sich selbst, an der man, ohne es sich zu vergegenwärtigen, einen anderen teilhaben lässt. Das ist ein Problem.
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Fotos: Google
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Wahrheiten, an denen man nicht vorbeikommt
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Ob nun ein Cockerspaniel im Verlauf seines Lebens mehr CO2 produziert als ein Geländewagen, hängt letztlich von der Nutzung ab und davon, wie viel Rindfleisch der Hund frisst. Wenn der Geländewagen oft in der Garage bleibt, schlägt er vielleicht sogar noch das Meerschweinchen – das müsste dann aber 100 Jahre leben ... Bei kaum einem Thema wird mit Rechentricks so viel Stimmung gemacht wie beim Klimawandel. Und dennoch gibt es ein paar einfache Wahrheiten, an denen man nicht vorbeikommt.
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01 Das farb- und geruchlose Kohlenstoffdioxid (CO2) ist eine chemische Verbindung aus Kohlenstoff (C) und Sauerstoff (O) und natürlicher Bestandteil der Luft. Es entsteht bei der Verbrennung fossiler Stoffe und in lebenden Organismen bei der Zellatmung. Gelöst kennen wir es als Kohlensäure. Es nimmt Teile der Wärmestrahlung der Sonne auf, weswegen es mit anderen Treibhausgasen dafür sorgt, dass die Erdoberfläche von circa −18 °C auf +15 °C erwärmt wird. Sein natürliches Vorkommen sorgt also für ein lebensfreundliches Klima. Zum Problem wird es erst durch den menschengemachten – den anthropogenen – Treibhauseffekt, der durch ein Übermaß an CO2-Emissionen entsteht. Die Erde erwärmt sich. Die vergangenen zehn Jahre waren die wärmste Dekade, die auf der Erde je gemessen wurde. Laut Berechnungen der NASA hat sich die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen 30 Jahren um 0,17 Grad erhöht. Klingt ziemlich wenig, ist es aber gar nicht: Der Temperaturunterschied von heute zur letzten Eiszeit beträgt gerade mal sechs Grad.
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02 vom Menschen gemachten Treibhauseffekts verantwortlich – aber es gibt weit stärkere Treibhausgase. Die im Kyoto-Protokoll erwähnten Gase sind Methan (vor allem durch Massentierhaltung), Lachgas (Viehhaltung und Düngemittel), Fluorkohlenwasserstoffe (z.B. in Kühlmitteln) und Schwefelhexafluorid, womit früher Reifen gefüllt wurden. Die Wirkung dieser Gase wird in CO2-Äquivalent ausgedrückt. Es beschreibt, um wievielmal höher die Wirkung eines Gases gegenüber CO2 ist. So hat Methan die 25-fache Wirkung und daher ein Äquivalent (CO2e) von 25. Lachgas ist sogar 298-mal schlimmer.
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03 Auch wenn es einem nach einem langen Winter nicht so vorkommt: Die Erde erwärmt sich. Die vergangenen zehn Jahre waren die wärmste Dekade, die auf der Erde je gemessen wurde. Laut Berechnungen der NASA hat sich die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen 30 Jahren um 0,17 Grad erhöht. Klingt ziemlich wenig, ist es aber gar nicht: Der Temperaturunterschied von heute zur letzten Eiszeit beträgt gerade mal sechs Grad.
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04 Ein weiteres Indiz für eine Erwärmung ist das Schmelzen der Gletscher. Dass der Urmensch »Ötzi« 1991 unter dem Eis auftauchte, ist dem Schwinden der Gletscher zu danken, die als Indikator für klimatische Veränderungen dienen.
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05 Deutschland bläst in Europa das meiste CO2 in die Luft: 2007 waren es 861 Millionen Tonnen, an zweiter Stelle folgt Großbritannien mit 590 Millionen Tonnen. Ganz Afrika kommt gerade mal auf knapp über 1.000 Millionen Tonnen. Größter CO2-Produzent sind die USA mit 6.575 Millionen Tonnen CO2.
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Sie bestimmen, was in deinem Stream auftaucht, wessen Profile gesperrt und was gelöscht wird – wobei sie oft ziemlich daneben liegen. Interview mit einem Datenwissenschaftler über Funktionsweise, Fehler und Macht der Algorithmen
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fluter.de: Herr Dewes, wenn es um Zensur im Internet geht, ist häufig von „Algorithmen“ die Rede, die diese automatisch erledigen. Was genau ist das eigentlich, ein Algorithmus?
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Andreas Dewes: Ein Algorithmus ist ein Verfahren, anhand dessen ein Computer ein bestimmtes Problem löst. Bei herkömmlichen Algorithmen gibt der Programmierer exakt vor, was gemacht werden soll. Man kann sich das wie einen Entscheidungsbaum vorstellen, bei dem jeder Schritt genau vorgegeben ist. Im Kontext von sogenanntem maschinellen Lernen, wie es von sozialen Medien oft eingesetzt wird, ist das anders: Solche Algorithmen können Probleme lösen, für die sie nicht explizit programmiert worden sind – sie können sozusagen den Entscheidungsbaum, nach dem sie arbeiten, selbst erstellen und optimieren. Mit Auswendiglernen hat das nichts zu tun.
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Welche Rolle spielt dabei der programmierende Mensch?
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Er gibt die Bedingungen für das Lernverfahren vor und bestimmt die Menge und Art der Daten, die der Algorithmus als Lerngrundlage benutzt. Bei Facebook wären das zum Beispiel Fotos oder Texte von Usern, die zuvor manuell klassifiziert wurden – das heißt dahin gehend eingestuft, ob sie gegen die Richtlinien einer Plattform verstoßen. Etwa weil sie Szenen von Nacktheit oder Gewalt enthalten. Später soll dann der Algorithmus entscheiden: „Dieses Bild geht okay, dieses da nicht.“
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Facebook wird immer wieder vorgeworfen, Inhalte zu löschen, obwohl sie unbedenklich seien. Meist folgt eine Antwort à la „Das waren wir nicht, das war der Algorithmus“. Wie glaubwürdig ist das?
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In den meisten Fällen würde ich tatsächlich sagen, dass das glaubhaft ist. Zwar arbeitet bei Facebook verschiedenen Aussagen nach eine riesige Anzahl Leute im Bereich „Content Moderation“ – also daran, Fotos und Texte durchzusehen und zu filtern ...
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Recht auf informationelle Selbstbestimmung
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Jeder Bürger hat das Recht, selbst zu bestimmen, ob und in welchem Umfang er personenbezogene Daten preisgeben will: etwa den Namen, den Geburtsort oder die sexuelle Orientierung. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist nicht nur in der deutschen Verfassung verankert, sondern es wird auch durch die Grundrechtecharta der Europäischen Union geschützt. Möchte ein Staat das Recht auf informationelle Selbstbestimmung einschränken, braucht es neben einem triftigen Grund (zum Beispiel die nationale Sicherheit) auch eine gesetzliche Grundlage. Wenn Private oder Unternehmen personenbezogene Daten erheben, speichern und nutzen wollen, müssen die Interessen beider Seiten abgewogen und auch das Bundesdatenschutzgesetz eingehalten werden.Hier nähere Informationen dazu
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... in Anbetracht der täglichen Flut an neuen Posts ist das aber nicht viel.
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Genau, die Menge an Daten ist astronomisch groß. Dementsprechend drängend ist auch der Wunsch, Tätigkeiten zu automatisieren – das ist billiger und geht schneller. Bei der Entwicklung von selbstlernenden Algorithmen hat Facebook eine große Stärke: Das Unternehmen sitzt auf einem Schatz von wahrscheinlich mehreren Milliarden Fotos und Texten, die bereits klassifiziert wurden und als Trainingsgrundlage verwendet werden können.
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Und warum kommt es dann trotzdem so oft zu Fehlern?
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Die Fehlerhäufigkeit hängt nicht nur von der Anzahl, sondern auch von der Qualität der Eingabedaten ab: Wenn diese Fehler beinhalten, kann der Algorithmus später auch nicht lernen, ähnliche zu eliminieren. Außerdem sind richtige Entscheidungen immer eine Frage der Balance. Man könnte sogenannte „false positives“ – also Inhalte, die nicht anstößig sind, aber als anstößig markiert wurden – reduzieren, indem man dem Algorithmus sagt: „Bitte lösche Inhalte tendenziell eher nicht.“ Damit erhöht man aber gleichzeitig die Rate der „true negatives“ – Inhalte, die zwar anstößig sind, dem Algorithmus aber durchs „Netz“ gehen.
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Nachdem Facebook im September ein Foto entfernte, das die neunjährige Kim Phuc 1972 nach einem Napalm-Angriff auf ihr Dorf in Vietnam zeigt, hagelte es Kritik. Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, sagte: „Man muss von Facebook so viel Medienkompetenz erwarten dürfen, dass eine Unterscheidung zwischen einem zeitgeschichtlichen Dokument und Kinderpornografie vorgenommen wird.“ Kann ein Algorithmus so etwas leisten?
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Das Problem ist: Hat man ihm vorher eine Million Fotos nackter Minderjähriger gezeigt, die als problematisch markiert werden sollen, dann reagiert der Algorithmus auf entsprechende Bilder sehr sensibel. Er könnte aber durchaus lernen, das Foto richtig zu klassifizieren.
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Wie?
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Zum einen könnte man den Algorithmus mit zusätzlichen Daten zu dem Bild füttern. Falls das Foto zum Beispiel in Suchergebnissen und großen Webseiten auftaucht, könnte der Algorithmus davon ausgehen, dass es sich eher nicht um illegalen Inhalt handelt. Ein anderer Ansatz wäre es, dem Algorithmus beizubringen, den Kontext eines Bildes richtig einzuordnen: Handelt es sich hier um eine pornografische Szene oder einfach nur Nacktheit? Das ist prinzipiell vorstellbar, aktuell halte ich es aber noch für sehr schwierig.
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Während Nackedeis auf Facebook meistens sehr schnell verschwinden, bleiben rassistische Symbole oft wochenlang stehen. Warum?
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Prinzipiell sollten Symbole wie Hakenkreuze einfacher zu erkennen sein als Nacktheit. Schließlich sind sie in ihrer Erscheinung weniger variabel. Ich kann hierzu leider nur spekulieren, könnte mir aber vorstellen, dass Nacktheit für US-Unternehmen grundsätzlich ein Problem darstellt. Bei rassistischen Symbolen und Äußerungen fällt ihnen vielleicht die Abwägung schwerer: Fällt das unter die Kategorie Hetze oder Meinungsfreiheit?
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Sind die Regeln, nach denen die Algorithmen arbeiten, Ihrer Meinung nach transparent genug?
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Als Nutzer hat man eigentlich kaum Möglichkeiten, sich darüber zu informieren, wie ein Algorithmus funktioniert. Sicher aber ist: Algorithmen dienen in erster Linie dem Geschäftsmodell eines Unternehmens und nicht dem Wohle seiner User. Wenn ich etwas auf Facebook sehe, dann deshalb, weil dadurch die Wahrscheinlichkeit wächst, dass ich länger auf der Seite bleibe und auf Links oder Werbung klicke.
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Was kann ich tun, wenn mein Profil oder Inhalte von mir blockiert werden?
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Man kann dem Unternehmen den Vorfall melden. Jedoch reagieren diese oft sehr träge, was zum Teil einfach an der schieren Menge der zu verarbeitenden Informationen liegt. Worüber man sich in jedem Fall bewusst sein sollte: Indem ich den Nutzungsbedingungen einer Plattform zustimme, bin ich zu einem gewissen Grad dem ausgeliefert, was Algorithmen mit meinen Daten machen. Auch wenn das viele glauben: Ich habe nicht unbedingt das Recht, einen Dienst so zu nutzen, wie ich das gerne hätte. In dem Sinne haben User auch keinen Anspruch darauf, dass ihnen bestimmte Inhalte angezeigt werden. Im Endeffekt ist es immer eine Abwägungssache: Auf der einen Seite steht die privatrechtliche Beziehung, die ich mit Facebook eingehe, auf der anderen mein Recht auf informationelle Selbstbestimmung.
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fluter/Atomkraft-fuer-Ghana.txt
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Aufgeheizte Stimmung im Postfach: Unser Ex-Praktikant Agomo aus Ghana entpuppte sich neulich in einer E-Mail als glühender Befürworter der Atomkraft für sein Land. Wir haben unsere Bedenken angemeldet – hier seine Antwort
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Wir möchten uns in Zukunft mit Menschen in der ganzen Welt austauschen, mit ihnen politisch diskutieren, streiten, debattieren, und zwar per Brief beziehungsweise per E-Mail. Es soll darum gehen, Argumente nachvollziehbar zu machen und unsere oft eurozentrische Perspektive zu erweitern und zu hinterfragen. Wie denken die Menschen in Nordafrika über die Situation der Flüchtlinge hier? Was sagt ein Mexikaner zum Drogenkrieg in seinem Land oder ein israelischer Soldat und ein palästinensischer Schüler zum Nahost-Konflikt? Dabei ist uns wichtig, mit allen Berufsgruppen und Schichten der Bevölkerung in Kontakt zu treten. Den Anfang macht Agomo Atambire, unser ehemaliger Praktikant aus Ghana, der sich in einer Mail an uns als Anhänger der Atomkraft outete – eine Haltung, die bei uns mittlerweile ja eher selten ist. Hier lest ihr seinen Brief an uns – und bald unsere Antwort darauf.
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seit diesem Jahr haben wir in Ghana eine neue Regierung, und ich habe tatsächlich die Hoffnung, dass es vorangeht. Eines unserer größten Probleme sind die täglichen Stromausfälle. Oft geht am Abend das Licht aus, und es können schon mal 24 Stunden vergehen, bis es wieder da ist. Das heißt: keine Musik mehr in den Bars, kein kaltes Bier, kein Buch vor dem Einschlafen. Es geht aber gar nicht so sehr um den fehlenden Komfort, sondern vor allem darum, dass unsere Wirtschaft ohne Elektrizität nicht vorankommt. Die Wasserturbinen am Voltasee sind zu schwach, um noch mehr Strom zu liefern, außerdem sind wir durch alte Verträge verpflichtet, Strom an unsere Nachbarländer zu liefern.
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Deshalb hoffe ich, dass der neue Präsident Akufo-Addo seinen Plan umsetzt, ein Atomkraftwerk zu bauen. Euer Stöhnen kann ich praktisch bis Accra hören. Während meines Praktikums bei euch habe ich ja gemerkt, dass die meisten Menschen in Deutschland die Atomkraft kritisch sehen und den Ausstieg begrüßen. Solche Bedenken gibt es auch hier, aber der Strom wäre für uns wie Sauerstoff – überlebenswichtig.
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In den letzten Jahren hat der Regen so stark abgenommen, dass sich der Bau weiterer Wasserkraftwerke kaum lohnt. Schuld ist der Klimawandel, den vor allem Industrienationen wie Deutschland verursachen. Mir scheint Atomkraft nicht die schlechteste Alternative zu sein, wenigstens produziert man kein weiteres CO2 wie ihr mit euren Kohlekraftwerken. Mich würde auch interessieren, wie viele Menschen in Deutschland gegen die Atomkraft wären, wenn ihre Kinder im Schein von Kerzen Hausaufgaben machen müssten. Was meint ihr?
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Wir können es uns schlicht nicht leisten, gegen Atomkraft zu sein. Laut Weltbank haben 1,1 Milliarden Menschen weltweit keinen Strom, in Ghana sind es 27 Prozent der Bevölkerung.
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Kann ja sein, dass es in alten AKW Störfälle gibt. Ich bin der Überzeugung, dass heutige Kernkraftwerke viel sicherer gebaut werden könnten, weil man um die Schwachstellen weiß: dickere Reaktorhüllen, Software, die vor Hackern geschützt ist, Standorte, die absolut erdbebensicher sind. Man ist ja heute nicht gegen Autos, weil sie in den 50er-Jahren noch unsicher waren. Es gibt heute Konzepte, den radioaktiven Müll in tiefe Bohrlöcher einzulagern – bis zu fünf Kilometer unter der Erde. In North Dakota in den USA gibt es erste Versuche dazu.
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Und, ja, Atomtechnik ist teuer. Aber denkt mal darüber nach, dass unsere Unternehmen einer Studie von 2015 zufolge jedes Jahr fast 700 Millionen Dollar allein deshalb verlieren, weil der Strom ausfällt. Wir sollten lieber ein gewisses Risiko eingehen, als die Menschen an der Entwicklung ihres Landes zu hindern.
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Euer Agomo
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ich freue mich, dass dir die neue Regierung Hoffnung macht. Das Problem mit dem Strom kenne ich selbst. Als ich vor zwei Jahren in Ghana war, fand ich es ziemlich nervig, ständig warmes Bier trinken zu müssen und vor dem Schlafengehen kein Buch lesen zu können.
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Ob aber ausgerechnet die Atomkraft die Lösung für dieses Problem ist, möchte ich bezweifeln. Man muss nicht mal damit argumentieren, dass die Atomkraft sehr gefährlich ist und es weltweit noch keine tauglichen Endlager für den Strahlenmüll gibt, die Technik macht auch ökonomisch keinen Sinn.
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In Deutschland war der Atomstrom immer nur günstig, weil er massiv staatlich subventioniert wurde. Die Unternehmen bekamen für die Errichtung der AKW Bundesbürgschaften, und es wurde ihnen erlaubt, die Meiler mit einem Betrag zu versichern, der nur einen winzigen Bruchteil möglicher Schäden abdecken würde. Außerdem wurden sie von der Verpflichtung, für die Endlagerung aufzukommen, weitgehend entbunden. Nun sitzen wir als Steuerzahler vor einem Milliardenberg, den uns die Hinterlassenschaften noch kosten werden. So gesehen gibt es eigentlich keine teurere Energie als die aus Atomkraft.
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Auch wenn die Atomlobby gern so tut, als stünde die Atomkraft vor einer großen Renaissance, gibt es außer Projekten nur wenige tatsächliche Neubauten. Und bei denen, die es gibt, explodieren oftmals die Kosten. Der Bau des finnischen Reaktors Olkiluoto 3 begann 2005, er sollte 2009 in Betrieb genommen werden. Nun, acht Jahre später, ist er immer noch nicht fertig. Die ganze Welt lacht ja über die Misere am Flughafen von Berlin, aber verglichen mit diesem Reaktorbau läuft es da gut. Für das finnische AKW musste Frankreich schon eine Staatsbürgschaft leisten, weil der französische AKW-Konzern Areva sonst aufgegeben hätte. Klingt nicht nach Fortschritt, oder?
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Ich glaube nicht, dass ein relativ armes Land so viele Milliarden riskieren sollte – für eine Technik, die nicht nur finanziell außer Kontrolle geraten kann. Du hast uns zwar geschrieben, dass es ein Verfahren gibt, wie man den Atommüll unkompliziert in Röhren weit unter die Erde bringen kann, aber ich habe mich erkundigt: Dieses Verfahren ist alles andere als sicher. In Deutschland beginnen wir gerade mit einer weiteren Endlagersuche, bei der nach tiefen Gesteinsschichten gesucht wird, die den radioaktiven Müll für eine Million Jahre abschirmen. Klingt absurd viel, aber wenn man sich die Halbwertszeiten vieler radioaktiver Stoffe anschaut, macht es Sinn. Es gibt Plutoniumisotope, deren Strahlung sich erst nach Hunderttausenden von Jahren halbiert.
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Ich kann verstehen, dass die Stromknappheit nervt, aber seid froh, dass ihr euch bislang nicht auf das Atomabenteuer eingelassen habt. Die Milliarden, die man dafür braucht, sind in der Windenergie oder der Wasserkraft besser aufgehoben.
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Liebe Grüße
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dein Oliver
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vielleicht sollte ich wirklich dankbar dafür sein, dass Ghana bislang atomfrei ist, aber sollte ich nicht noch dankbarer sein, wenn die permanenten Stromausfälle irgendwann mal der Vergangenheit angehören, auch wenn das bedeutet, in die Atomenergie einzusteigen?
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Politische Stabilität, die in Afrika leider allzu selten ist, ist auch eine Frage der Versorgungssicherheit. Ein Land, in dem die Menschen unzufrieden und wütend sind, ist schwerer zu regieren und immer in Gefahr, dass sich Bürger radikalisieren. Was ist teurer: das Risiko der Kosten beim Bau eines AKW oder das Risiko von gesellschaftlichen Verwerfungen? Ich frage das auch, weil die Stromfrage in Ghana ungeheuer wichtig ist. Sie entscheidet über das Schicksal von Regierungen. Und wir sehen in vielen Nachbarländern, wozu eine veraltete oder überlastete Infrastruktur führen kann.
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Ein anderer Aspekt ist die Frage der Alternativen. Schon jetzt werden fossile Energieträger im großen Maßstab verbraucht. Die ganzen Diesel- und Benzingeneratoren verpesten die Luft in den Städten und machen die Menschen krank. Sollen wir in Zukunft noch mehr Öl verfeuern?
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Wir haben jahrelang mit Solarenergie herumexperimentiert, aber die Wahrheit ist, dass all diese dezentralen Solarzellen kein Ersatz für eine sichere, zentrale Energieversorgung sind. Die meisten Haushalte können sich diese Module auch gar nicht leisten. Die Atomenergie würde aber nicht nur diese Haushalte günstig und ohne Schwankungen beliefern, sondern auch die Industrie.
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Es stimmt: Benutzte Brennstäbe sind gefährlich, aber ich bin der Überzeugung, dass verantwortlich damit umgegangen werden kann. In Deutschland habt ihr doch gerade ein neues Gesetz zur Endlagersuche verabschiedet, mit dem bürgernah und transparent nach einem Ort für den Abfall gesucht wird. Gefährlicher aber als jeder radioaktive Abfall ist eine verzweifelte und wütende Bevölkerung. Wütend darüber, dass Babys sterben, weil die Brutkästen im Krankenhaus nicht funktionieren. Oder sie ihre Familien nicht versorgen können, weil die Geschäfte ohne Strom nicht laufen.
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Kann schon sein, dass es Menschen gibt, die es nicht so schlimm finden, bei Kerzenlicht zu lesen, aber sollen wir wieder die Wäsche im Fluss waschen? Wie machen wir das Wasser heiß? An einem Lagerfeuer? Wir haben Gott sei Dank eine wachsende Mittelschicht, deren Bedürfnisse größer werden. Wir benötigen also eine Politik, die darauf reagiert, wenn wir das Wachstum nicht abwürgen wollen.
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Es ist ja auch nicht so, dass wir uns nicht um die Umwelt sorgen. Das ist kein Privileg reicher Länder. Mir zum Beispiel liegt die Umwelt sehr am Herzen, deswegen bin ich auch gegen den weiteren Ausstoß von CO2. Jeder Mensch, der sich wegen des Klimawandels Sorgen macht, kann nicht ernsthaft von uns erwarten, dass wir die Atomenergie nicht in unseren Energiemix miteinbeziehen. Jedenfalls nicht bis zum Ende dieses Jahrhunderts.
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Alles Liebe
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Agomo
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Titelbild: VISUM
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Unser Autor ist im tropischen Regenwald auf den Wipfel eines Kapokbaums geklettert – und hat dort einen zweiten Wald entdeckt
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Der Text ist ein Auszug aus „Der Gesang der Bäume: Die verborgenen Netzwerke der Natur“ von David G. Haskell, erschienen im Verlag Antje Kunstmann.
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Der Artenreichtum im Amazonasgebiet sucht weltweit seinesgleichen: 600 Baumarten wachsen auf nur einem Hektar, mehr als in ganz Nordamerika. Und auf dem nächsten Hektar, den wir untersuchen, kommen noch weitere hinzu. Angesichts solch botanischer Wirrungen und Wonnen ist mein rettender Fixpunkt im Regenwald ein Kapokbaum, Ceiba pentandra, von der lokalen Bevölkerung Ceibo (gesprochen „säibo“) genannt.
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Um ihn zu umrunden, mitsamt seiner Stützwurzeln, die sich in Kopfhöhe strahlenförmig vom Stamm zum Boden neigen, brauche ich 29 Schritte. Sein Stammdurchmesser beträgt drei Meter, einen Meter mehr als die Säulen des Parthenon-Tempels auf der Akropolis. Dennoch ist der Baum längst nicht so alt wie manche Kiefern, Oliven- oder Mammutbäume in kühleren und trockeneren Klimazonen, die jahrtausendealt werden können. Im Regenwald mit seinen gefräßigen Pilzen und Insekten werden nur wenige Kapokbäume älter als ein paar Jahrhunderte. Dieses Exemplar schätzen Ökologen auf 150 bis 250 Jahre. Der Baum ist nicht aufgrund seines Alters so groß, sondern weil junge Kapokbäume pro Jahr zwei Meter wachsen, worunter die Holzdichte und die chemische Abwehrkraft allerdings leiden.
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Die Kapokbaumkrone erhebt sich wie eine Kuppel über ihren 40 Meter und damit mindestens zehn Gebäudestockwerke hohen Nachbarbäumen, die sie noch um weitere zehn Meter überragt. Wenn ich auf meinem Hochsitz im Kapokbaum sitze, breitet sich unter mir ein Kronendach aus, das mit den gleichmäßigen Wipfeln gemäßigter Wälder wenig gemein hat. Ich zähle bis zum Horizont ungefähr zehn Kapokbäume, die wie Hügelkuppen aus einer unregelmäßigen, zerklüfteten Landschaft ragen.
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Der Kapokbaum ist ein Baumriese. Auch eine Weltachse? Axis mundi? Vielleicht. Doch das Rauschen des Regens führt jeden Gedanken ad absurdum, den Baum von seiner Gemeinschaft zu trennen. Die Regentropfen prallen auf Blättertrommeln: Der botanische Reichtum wird vom Regentrommler vertont. Jede Pflanzenart erzeugt ihren eigenen Regenklang. Im Geräusch des Regens spiegelt sich die Blättervielfalt des Kapokbaums und anderer Arten, die auf und neben ihm leben. (...)
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In der Kapokbaumkrone wird das pflanzliche Trommeln von Tiergeräuschen überlagert, von Meckern, Heulen, Jaulen, Pfeifen, Kreischen, Summen oder Murmeln. Jedes akustische Verb hat hier seinen Meister gefunden, und viele Arten kommunizieren mit Lauten, für die unsere Sprache kein Wort kennt. Die flirrenden Flügel einer Schwalbennymphe dröhnen, punktiert von scharfem, peitschenähnlichem Pfeifen. Der Kolibri, ein daumengroßes Schillern in Blau und Grün, taucht seinen Schnabel in den roten Blütenbogen einer gestreiften Lanzenbromelie. Ein Frosch quakt zwischen den aufragenden fleischigen Blättern der Pflanze quak-quak-quaAK!, was umgehend von einem Dutzend weiterer Frösche beantwortet wird, die sich im Bromeliendickicht der Kapokbaumäste verstecken. Anders als Träufelblätter können die aufrechten Blattrosetten der Bromelien das aufgefangene Wasser festhalten. In dem Trichter zwischen den Blattansätzen kann eine Bromelie vier Liter Wasser sammeln: ein hervorragender Laichplatz für Frösche und Hunderte andere Arten. Die Bromelien in den Baumwipfeln fangen auf einem Hektar Wald 50.000 Liter Wasser auf, zumeist in den Ästen der Baumriesen.
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Der Kapokbaum ist ein Himmelsteich. Doch Teiche sind nicht das einzige Habitat im Kronendach. In den Ästen dieses Kapokbaums gibt es so viele Mikroklimazonen wie sonst auf Hunderten Hektar gemäßigter Wälder. In manchen Astgabeln haben sich Sümpfe gebildet und in einigen Astlöchern Feuchtgebiete, die bald wieder trockenfallen. In der Krone ist durch das herabgefallene Laub von Jahrzehnten eine Erdkrume entstanden, die genauso tief und nährstoffreich ist wie die des Waldbodens. Der Humus bleibt auf den breiten Ästen liegen oder im Gewirr der Schlingpflanzen hängen. Ein Feigenbaum, mit einem Stamm, so mächtig wie ein menschlicher Torso, wurzelt dort inmitten anderer Bäume: ein Wald, 50 Meter über dem Erdboden. Er gedeiht vor allem auf der Nord- und Ostseite des Kapokbaums, wo die Kronendach-Erde so feucht und das Blätterdach beinah so dicht ist wie in einer schattigen Schlucht.
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Auf den südwestlichen Ästen der Wetterseite erduldet eine Gemeinschaft aus Kakteen, Flechten und rasiermesserscharfen Bromelien dagegen ein Wechselbad aus Wolkenbruch und Wüste: Bei Regen schwellen die Pflanzen an, um unter der erbarmungslosen Äquatorsonne wieder zu schrumpfen. Die senkrechten Stämme der Bäume sind mit einem Geflecht aus Kletterpflanzen und Orchideengärten bedeckt, mit einer Wasser speichernden Matte, in der auch Farne wurzeln. Und über all dem sind noch die meist achtfingrigen Blätter des Kapokbaums aufgefächert, die nicht größer sind als eine Kinderhand. Sie schweben an ihren Stielen wie hauchdünne Schleier. Sie scheinen nicht zum Wesen des riesigen Baums zu passen, doch sie müssen, anders als die geschützten Pflanzen weiter unten, Stürmen und Fallböen standhalten. Bei Sturm gibt der Kapokbaum nach und klappt die kleinen Fächerblätter ein.
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Die Tropen wurden bislang meist vom Boden aus erforscht. Erst seit Kurzem klettern Biologen über Türme, Strickleitern und Kräne bis in die Kronen. Und haben dabei entdeckt, dass mindestens die Hälfte aller Regenwaldpflanzen ausschließlich im Kronendach wächst. (...)
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Wie jemand, der in Platos Höhle zurückkehrt, bin ich bei meiner Rückkehr in die vertraute Welt nicht mehr derselbe. Ich weiß nun, dass weit über mir unvergleichlich schöne, komplexe biologische Welten liegen. Ich bewege mich in der Ebene, doch durch meinen Kopf und über den Boden, auf dem ich gehe, flirren das Echo und die Schatten der oberen Welt.
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Titelbild: Klaus Schönitzer, 2008/Wikipedia/Creative Commons
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Wichtig für die Akzeptanz von Reichtum in der Gesellschaft ist die Herkunft des Geldes – und ob nicht nur wenige die Möglichkeit haben, selbst reich zu werden. Ein Gespräch mit der Historikerin Eva Maria Gajek
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fluter: In den sozialen Netzwerken posten Fußballer oder Popstars ihre Sportwagen, Goldketten oder Gucci-Taschen. Und wer es sich nicht leisten kann, hält die Imitate von Luxus-Accessoires in die Kamera. Ist das Protzen gesellschaftsfähiger geworden?
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Eva Gajek: Die Praktiken der Zurschaustellung des Reichtums bleiben nie konstant. Sie ändern sich, weil sie unterschiedlichen zeitgenössischen und auch internationalen Einflüssen unterliegen. Die Frage, wie legitim das Zeigen von Statussymbolen wie der Goldkette oder des Ferraris ist, wird dabei von Gesellschaften unterschiedlich und immer wieder neu verhandelt. Bei den heutigen Popstars oder Fußballern könnte man schnell von „Neureichen“ sprechen. Diesen wurde schon im 19. Jahrhundert ein Hang zum Luxus zugeschrieben. Diese Gruppe der Reichen habe gerade das Zeigen von Reichtum genutzt, um ihren sozialen Aufstieg deutlich zu machen. Teile des Adels haben sich Ende des 19. Jahrhunderts von solchen Luxusdarstellungen ganz bewusst mit einer „Kultur der Kargheit“ abgegrenzt.
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Aber die Möglichkeiten des Zeigens sind heute ganz andere.
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Die sozialen Medien ermöglichen das Zeigen von Reichtum nicht nur intensiver, sondern auch selbstbestimmter. Jeder kann selbst entscheiden, was er in die Kamera hält, und ist nicht von Journalisten und ihren Darstellungen abhängig. Instagram etc. bieten ganz neue Formen der Inszenierung. Ein Nebeneffekt dieser Entwicklungen ist, dass die Reichen plötzlich wieder stärker als „Vorbilder“ des Konsums in Erscheinung treten. Interessant daran ist, dass das Zeigen von Luxusgegenständen noch lange nichts darüber aussagt, wie reich derjenige, der sie zeigt, wirklich ist.
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Verlieren klassische Statussymbole bei vielen jungen Leuten nicht eh zunehmend an Wert?
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Das ist schwierig zu beantworten. Ich denke, wir können aber durch Gruppen wie Occupy Wallstreet eine deutliche Gegenbewegung feststellen. Viele junge Leute sehen, dass beim Streben nach Reichtum Wichtiges auf der Strecke bleibt, und kritisieren von Politik und Finanzmärkten. Sie besinnen sich deswegen ganz bewusst auf Nachhaltigkeit und betrachten monetären Reichtum eben nicht mehr als einzig erstrebenswertes Ziel. Aber das ist nur eine Gruppe, es gibt auch andere, die ganz bewusst die Inszenierung von Reichtum nachahmen.
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Seit wann ist der Begriff Reichtum überhaupt an Geld gekoppelt?
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In Wörterbüchern finden wir noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Begriffsbedeutungen: den geistigen und den monetären Reichtum. Ende des 19. Jahrhunderts wird Reichtum dann aber zunehmend an Geld gekoppelt. Das erklärt sich auch durch die Entstehung der großen bürgerlichen Vermögen in der Zeit der Industrialisierung. Auch der Begriff des Millionärs erlebte erst hier, also in den 1880er-Jahren, seine Blütezeit.
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Als nicht mehr nur Adlige reich waren?
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Richtig. Vor der Industrialisierung besaß die Aristokratie in großen Teilen die hohen Vermögen in Deutschland, die ja vor allem an Grundbesitz gekoppelt waren und von Generation zu Generation vererbt wurden. Mit der Industrialisierung entstanden dann die großen bürgerlichen Vermögen. Hier war die Quelle eben nicht mehr allein Herkunft und Grundbesitz, sondern Unternehmertum und Finanzwesen. Beispielhaft für solche Karrieren sind die sogenannten Stahlbarone wie Thyssen oder Krupp. Diese neuen Vermögen entstanden von 1880 bis 1890 und setzten sich allein in ihrer Anzahl vom alten Reichtum ab. 1874 gab es in Preußen 170 Millionäre, 1900 waren es bereits 10.000. Reichtum war plötzlich nicht nur eine Sache des Erbes, sondern etwas, das man durch Erfolg, durch Erfindergeist, aber auch durch all die Vor- und Nachteile des Kapitalismus erlangen konnte.
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Galten die neuen Millionäre als neureich?
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Die Aristokratie empfand die Wirtschaftsbürger teilweise als geschmacklose Emporkömmlinge und entwickelte in dieser Zeit die bereits erwähnte „Kultur der Kargheit“. Gerade jene Teile des Adels, die zum Ende des 19. Jahrhunderts Macht und Reichtum verloren hatten, nutzten diese Praxis der Abgrenzung; Sie stellten Reichtum bewusst nicht mehr zur Schau, wie es dann die großen Industriellen taten, die sich entsprechende Anwesen bauten – etwa die Villa Hügel der Familie Krupp in Essen.
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Damit ging auch die moralische Frage einher, wie mit Reichtum umzugehen sei. Interessant bei der Einteilung von altem und neuem Geld ist ja, dass diese Einteilung immer wieder neu definiert wird. In den 1920er-Jahren waren es eben die Thyssens und Krupps, die das alte Geld darstellten und den Neureichen und Profiteuren der Wirtschaftskrise den Umgang mit Geld vorleben wollten.
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Was hat die Erkenntnis, dass Reichtum nicht mehr ausschließlich eine Frage der Geburt ist, für Folgen gehabt?
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Sie bedeutete Hoffnung, vor allem in Zeiten des Umbruchs. Im Ersten Weltkrieg gingen viele Vermögen verloren, aber es entstanden auch neue. In der Weimarer Zeit erschienen dann zahlreiche Ratgeber, die erklärten, wie man reich werden könne. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ähnlich – eigentlich immer, wenn es große politische oder wirtschaftliche Zäsuren gab, durch die sich neue Möglichkeiten ergaben. Da wuchs bei vielen die Hoffnung auf Umverteilung.
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Auch in den sogenannten Wirtschaftswunderjahren in den 1950ern?
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In den 1950er- und 1960er-Jahren war der Aufstieg der sogenannten Neureichen weniger als zuvor an Bildung und Herkunft gekoppelt, mehr an Ideen und geschicktes Unternehmertum. Damals erschien in der Illustrierten Stern eine Serie mit dem Titel „Deutschland – deine Jungmillionäre“. Solche medialen Homestories waren eine Botschaft für die Mitte. Sie versprachen: Jeder kann es schaffen.
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In Deutschland reden manche nicht so gern über Geld und zeigen auch den Reichtum nicht. Woher kommt das?
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Die Erklärungen, die wir in der Literatur finden, sind ganz unterschiedlich. Sicher kann man zuallererst auf die starke Bedeutung der Religion in Deutschland verweisen. In vielen Religionen wird Reichtum stigmatisiert. Interessant ist, dass wir nicht nur ein bewusstes Beschweigen des Reichtums von einem Teil der Reichen selber feststellen können, wir haben es auch grundsätzlich mit einem blinden Fleck im Wissen über Reichtum und Reiche zu tun. Es fehlte uns lange Zeit an statistischen Daten oder Forschungen zu Reichtum.
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Soziologische Studien sagen, dass dies vor allem daran liegt, dass viele Reiche an den Schaltstellen der Gesellschaft säßen und kein Interesse daran hätten, dass Erhebungen stattfänden. Aber auch vonseiten der Politik können wir immer wieder eine gewisse Zurückhaltung in der Erhebung zum Vermögen feststellen. Bis in die 1960er- Jahre beispielsweise erhob das Statistische Bundesamt keine Statistiken über Einkommen oder Vermögen. Die Vermutung zeitgenössischer Medien war, dass die Unterschiede bewusst ausgeblendet wurden, um den Glauben an die gleichen Startbedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ins Wanken zu bringen. Als dann Mitte der 1960er erstmals Daten zeigten, wie groß die Kluft war, wuchs auch gleich der politische und mediale Protest.
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In den USA scheint es genau andersherum zu sein. Da gibt es geradezu mythische Figuren vom großen Gatsby bis zum Wolf of Wallstreet, die ihren Reichtum zur Schau stellen.
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Es gibt eben ganz unterschiedliche Reichtumskulturen oder -mentalitäten, wie es die Forschung nennt. Dass der Umgang in Deutschland anders ist, hat auch damit zu tun, dass sich der Reichtum gegenüber der Gesellschaft immer stärker legitimieren musste. Dagegen war und ist der Rechtfertigungsdruck in den USA viel geringer. Hier galt und gilt Reichtum als Zeichen des Erfolgs und diente auch der Bekräftigung der Vorstellung von sozialer Mobilität. Dass Industrielle wie Rockefeller mit Öl, Vanderbilt mit Eisenbahnen oder Hearst mit Zeitungen reich wurden, stärkte den Mythos „Vom Tellerwäscher zum Millionär“.
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Ein Versprechen, das es bis heute gibt und das gleichwohl für viele hohl ist.
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Es ist ein künstliches Versprechen, eine medial inszenierte Hoffnung. Es gab weder damals noch heute eine Chancengleichheit, die diese Hoffnung für viele rechtfertigen würde. Die Geschichten von Rockefeller, Vanderbilt und Hearst waren Geschichten einzelner Männer, die Medien gerne für die Erzählungen für die breite Masse nutzten.
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In den USA haben die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung mehr als 50 Prozent des Gesamtvermögens. Und auch bei uns besitzen immer weniger immer mehr. Was bedeutet das für die Gesellschaft?
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Sie haben eigentlich zu jeder Zeit unterschiedliche Studien darüber, inwiefern die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird oder abnimmt. In den 1950er-Jahren konstatierten Soziologen eine große soziale Mobilität, bekräftigten Ludwig Erhards Credo vom Wohlstand für alle. Andere hingegen widerlegten diesen sozialen Fahrstuhleffekt. Aufschlussreich ist, dass zu unterschiedlichen Zeiten ganz unterschiedlich über soziale Ungleichheit diskutiert wurde. Das hing immer auch von der gesellschaftlichen und ökonomischen Situation ab. Mit den ersten Rissen im Wirtschaftswunder um 1967 wurden dann auch verstärkt Studien veröffentlicht, die die Chancengleichheit in Frage stellten. Und solch eine Wahrnehmung von Ungleichheit führte schließlich zu einem größeren Legitimationsdruck. Die Politik reagierte mit einer großen Steuerreform, und gesellschaftliche Kräfte wie Kirche und Gewerkschaften diskutierten stärker über Bildungsfragen und forderten mehr Chancengleichheit.
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Geht mit Reichtum eine soziale Verantwortung einher?
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Schon die Entstehung der großen Industrievermögen ging mit der Gründung von Stiftungen oder kulturellem Engagement einher. Große Kunstsammlungen wie die von Thyssen waren nicht nur Investitionsmöglichkeiten, sondern ihre Aufgabe war es, zugleich kulturelle Schätze zu bewahren. Mit Kunstsammlungen und Museen war und ist aber immer auch Macht über Wissen darüber verbunden, was zu bewahren ist und was nicht.
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Auch die Art der Geschichtsschreibung kann durch solch eine Gründung bestimmt werden. Die Erbin des Wal-Mart-Konzerns in den USA hat zum Beispiel ein großes Museum zur amerikanischen Kunst gestiftet, bei dem manche kritisierten, dass die Kunst der indigenen Völker darin nicht vorkomme.
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Schon Herrscher wie August der Starke haben ihren Ländern durch ihren Kunstsinn zu großer kultureller Blüte verholfen, von der viele Regionen heute profitieren.
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Wenn sich Reichtum mit einem gewissen Freisinn verbindet, kann eine Gesellschaft sehr von Spendern und Stiftern profitieren. Aber Kritiker werden immer sagen, dass das alles im Eigeninteresse geschieht, um sich zu inszenieren und sein Vermögen zu vermehren. Vermögen en sind stets auf verschiedene Arten symbolisch aufgeladen, ihre Deutung liegt im Auge des Betrachters.
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Ein Beispiel für einen speziellen Umgang mit Geld ist Hamburg. Dort hält sich das wohlhabende Bürgertum viel zugute darauf, dass man sich gesellschaftlich engagiert und das Interesse der ganzen Stadt im Auge hat.
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In Hamburg empfinden viele Wohlhabende eine starke soziale Verantwortung für die Stadt, egal ob das Vermögen ererbt oder erarbeitet ist. Es gibt eine lange Tradition der Stiftungen und des Mäzenatentums. Dennoch engagiert man sich dort lieber im Hintergrund. Das mag viel mit einer bewussten Inszenierung des Hanseatischen zu tun haben, vielleicht aber auch damit, nicht Gefahr zu laufen, für seinen Einfluss kritisiert zu werden. Denn Reichtum impliziert immer Macht, immer Zugang zu Ressourcen, immer die Möglichkeit, über andere zu entscheiden. In einem Theaterstück von Volker Lösch am Hamburger Schauspielhaus wurden zu Beginn die Namen der 28 reichsten Hamburger verlesen. Lösch löste damit einen Theaterskandal aus, einige der Betroffenen klagten sogar dagegen.
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Dr. Eva Maria Gajek lehrt am Historischen Institut der Universität Gießen und hat zu unserem Thema bereits einiges erforscht. Unter anderem schreibt sie derzeit ein Buch über die „Geschichte des Reichtums von 1900 bis 1970“.
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Fotos: Dougie Wallace / institute
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In Belarus werden Regimekritiker gnadenlos verfolgt. Ljuba protestiert dennoch
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An einem grauen Tag im Frühjahr geht Ljuba, 37, mit ihrer neunjährigen Tochter in der belarussischen Hauptstadt Minsk auf die Straße. Was sie vorhat, klingt harmlos: Ljuba will ihr Handylicht aufleuchten lassen, um gegen die repressive Situation in ihrem Land zu demonstrieren. Im August vergangenen Jahres hat sich Präsident Alexander Lukaschenko, der seit 1994 regiert, zum Wahlsieger erklärt. Sowohl internationale Organisationen als auch die Opposition werfen ihm vor, diese Wahl manipuliert zu haben. Seitdem gab es viele Proteste. Lukaschenko wiederum lässt seine Sicherheitskräfte immer brutaler gegen Andersdenkende vorgehen.
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Nach Sonnenuntergang erhellen etwa 50 Handylichter die hereinbrechende Nacht. Mit solchen Aktionen vergewissern sich Oppositionelle gegenseitig ihrer Solidarität. „Um zu wissen, dass man nicht allein ist, um nicht durchzudrehen“, wird Ljuba später erzählen. Doch an diesem Abend hält plötzlich ein blauer Bus an der Kreuzung. Uniformierte springen heraus, schnappen sich die ersten Menschen, prügeln mit Schlagstöcken auf sie ein. Ljuba nimmt ihre Tochter und rennt. Sie hastet in eine offene Haustür, zieht sie hinter sich zu. Ihre Tochter hält sich an ihr fest. Ein Polizist rüttelt an der Tür. Sie gibt nicht nach. Ljuba und ihre Tochter haben Glück.
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Ljuba heißt eigentlich anders, ihren Namen hat sie geändert, damit die Behörden sie nicht identifizieren können. Als sie im April 2021 per Zoom von solchen Erlebnissen berichtet, wirkt sie erschöpft: Eine Frau mit langen braunen Haaren und traurigen Augen erzählt davon, dass ein Mitstreiter von ihr verhaftet wurde, weil er eine kleine weiß-rot-weiße Schleife in sein Fenster gehängt hatte – die Farben der Opposition.
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Belarus oder Weißrussland, wie es lange genannt wurde, hat 9,4 Millionen Einwohner. Als ehemalige Teilrepublik der Sowjetunion ist es wirtschaftlich vor allem nach Osten orientiert. In der sowjetischen Folklore galten die Weißrussen immer als besonders reinlich, aber eher passiv, im Gegensatz etwa zu den aufsässigen Ukrainern. Wer vor dem August 2020 das Land bereiste, fand zumeist sehr gut gefegte breite Straßen und stille Menschen vor.
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Doch im Herbst und Winter 2020 erreichen Bilder von Demonstrationen die Welt, friedliche Massenproteste Zehntausender, die weiß-rot-weiße Fahnen schwenken und demokratische Reformen fordern. Schon diese Proteste werden von brutaler Polizeigewalt überschattet, von Verhaftungen und Todesfällen. Aber immerhin kämpfen die Menschen noch. Mittlerweile aber, so beschreibt es der belarussische Schriftsteller Viktor Martinowitsch auf dem Medienportal budzma.by, gebe es „keine Nischen mehr“, nicht einmal aufsässige Theaterstücke oder Lesungen regimekritischer Texte in Kellern. Sogar in der Sowjetunion, zu der Belarus bis zur Unabhängigkeit 1991 gehörte, hätten diese Freiräume existiert. Was in Belarus geschehe, sei der Versuch, „alles zu verbieten“ – vor allem die Meinungen Andersdenkender. Seit Spätsommer vergangenen Jahres hat Ljuba an unzähligen Protesten teilgenommen. Vor allem die Bilder von Menschenketten, die nur von Frauen gebildet wurden, gingen um die Welt. Weiß gekleidet – als Zeichen des Friedens – standen sie den dunkel uniformierten Polizisten und Soldaten gegenüber, immer in Gefahr, geschlagen und verhaftet zu werden.
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Aber der Druck der Behörden hat sich in den vergangenen Monaten stetig erhöht. Inzwischen trifft sich Ljuba selbst in ihrem eigenen Hinterhof nur kurz mit Mitstreiterinnen; größere Proteste gebe es aktuell gar nicht mehr. Eine seltene Ausnahme sei zuletzt ein Protestzug von etwa 30 zumeist jungen Menschen gewesen. Ljuba schickt ein Video. Verglichen mit dem, was noch vor Monaten möglich schien, wirkt diese Demo wie ein letztes verzweifeltes Aufbäumen.
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Auch Julian musste aus Belarus fliehen – weil er spontan an einer Demo teilnahm. Hier lest ihr seine Geschichte
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Viele von Ljubas damaligen Mitstreiterinnen sind ins Ausland geflohen. Aus Angst davor, im Gefängnis zu landen oder eine Geldstrafe zu bekommen, die einem die Zukunft nimmt. Die belarussische Menschenrechtsorganisation Viasna gibt die Zahl der politischen Gefangenen Mitte Mai mit 404 an. „Viele werden weggesperrt, andere halten es nicht mehr aus und wandern aus, dazu kommt Corona.“ Auch Ljuba und ihre Familie haben eine Infektion durchlebt, zum Teil mit schweren Verläufen. „Da denkst du dann erst einmal nicht an Proteste.“ Die Behörden leugnen die Gefahren der Pandemie. Präsident Lukaschenko hat mal empfohlen, gegen das Virus Wodka zu trinken und Traktor zu fahren.
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Wie viele Menschen in Belarus an Corona erkranken, ist ebenso schwer zu benennen wie die Prozentzahl der Anhänger von Lukaschenko. Den gegenwärtig besten Eindruck vermittelt eine aktuelle Studie des „Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien“ (ZOiS), die bilanziert, dass etwa 30 Prozent der Menschen in Belarus weiter den Präsidenten unterstützen.
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Schon vor den Protesten kannte das Land nur marginale Formen der Pressefreiheit. Mittlerweile ist es in der Rangliste der Reporter ohne Grenzen auf Platz 158 von 180 abgerutscht. Kein anderer Staat in Europa rangiert so weit hinten. Ende Mai wurde sogar ein Verkehrsflugzeug, das von Athen nach Litauen flog, von einem Militärjet gezwungen, in Minsk zu landen, damit der regierungskritische Blogger Roman Protasewitsch festgenommen werden konnte, der an Bord war.
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Auch für Journalisten aus dem Ausland werden Recherchen in Belarus immer schwieriger. Auf Presseanfragen aus dem Westen antworten die Behörden nicht mehr, es ist also unmöglich, die andere Seite der Geschichte zu hören. Gleichzeitig trauen sich Menschen kaum noch, mit den Medien zu reden. Die erste Protagonistin, um die es in diesem Text gehen sollte, wurde am Morgen vor dem Interview verhaftet. Ihr Aufenthaltsort ist ungewiss. Daher läuft auch die Kommunikation mit Ljuba nur verschlüsselt. Wenn sie das Haus verlässt, nimmt sie ihr Smartphone oft nicht mit, damit es der Polizei nicht in die Hände fällt – und mit ihm all ihre Kontakte.
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Trotzdem hat sich Ljuba entschieden, weiterzukämpfen – auch wenn ihr dramatische Konsequenzen drohen. Doch davon lässt sie sich nicht beirren. Neben der Organisation von Protesten verfasst sie mit Mitstreiterinnen Protestnoten an die EU oder die UN. Vor Kurzem ging im Namen von Folteropfern beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe eine Strafanzeige gegen Lukaschenko ein. Ljuba ist noch jung, sie könnte weg, zumindest theoretisch: nach Litauen oder Polen etwa, die wichtigsten Exilorte belarussischer Oppositioneller. Der Grund, warum sie bleibt, ist nicht nur der Kampf gegen das Regime, sondern auch das Schicksal ihres Sohnes, der seit vier Jahren im Gefängnis sitzt. Er ist einer der in Belarus so genannten „Kinder 328“, also ein Minderjähriger oder junger Erwachsener, der nach dem Paragrafen 328 verurteilt wurde, womit Drogendelikte geahndet werden. Weil er mit weniger als einem Gramm Spice, ein synthetisches Cannabinoid, erwischt wurde, bekam er zehn Jahre Lagerhaft.
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Kinder zu haben bedeutet für Ljuba, dass sie ein noch größeres Risiko eingeht, da sie nicht nur für sich selbst verantwortlich ist. Wenn sie festgenommen wird, könnte sie das Sorgerecht für ihre Tochter verlieren. „Das Regime weiß, dass es die Menschen am härtesten trifft, wenn es ihnen ihre Kinder wegnimmt.“ Neulich wurde sie von einer Lehrerin ihrer Tochter aufgefordert, Kritik an Lukaschenko aus ihren Social-Media-Kanälen zu löschen – sonst werde ihre Tochter „weggebracht“.
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Sie fühle sich häufig ausgelaugt und leer, gerade in letzter Zeit, da es so aussehe, als würde Lukaschenko gewinnen. „Nachbarn sagen oft, dass ich Ruhe geben soll, sonst wäre ich auch bald dran“, sagt Ljuba. „Aber wenn ich jetzt aufgebe, waren all die schlaflosen Nächte und die ganze Angst umsonst.“ Manchmal, in ihren dunkelsten Momenten, wolle sie schon aufgeben und ausreisen. Aber dann denke sie an ihren Sohn – und es geht weiter. „Dieses Regime nimmt uns alles“, sagt Ljuba, „deshalb werden wir kämpfen.“
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Illustration: Studio Pong
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Der Rechtsstreit des Berliner Clubs am Finanzgericht hat es ans Licht gebracht: Techno-DJs machen Kunst. Manche mokieren sich jetzt. Ganz zu Unrecht, wie unser Autor erklärt
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Jetzt ist es amtlich. Das Berliner Berghain ist nicht mehr nur metaphorisch das Bayreuth des Techno, als das es gerne beschrieben wird, um die weltweite Strahlkraft des Clubs auch den wenig verstrahlten Freunden der Hochkultur zu erklären. Es ist auch fiskalisch ein Ort der Hochkultur. Denn das Finanzgericht Berlin-Brandenburg hat entschieden, dass der weltberühmte Club nur noch 7 statt der 19 Prozent Mehrwertsteuer abführen muss, die bei Unterhaltungsveranstaltungen eigentlich üblich sind. Steuerlich spielt das Berghain damit in derselben Liga wie Theater, Museen und Opernhäuser.
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Einerseits ist das konsequent, da der Club ja schon lange auch eine Spielstätte für klassische Hochkultur ist (etwa für das Staatsballett Berlin, wie auf dem Titelbild dieses Artikels zu sehen) und ein Kunstort (in den hohen Hallen hängen u.a. Werke von Wolfgang Tillmans und Norbert Bisky). Und sowieso lässt sich das, was da zwischen Dancefloor und Bar jedes Wochenende aufs Neue an Ausschweifungen abspielt, eigentlich nur mit Joseph Beuys adäquat beschreiben – als soziale Plastik.
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Andererseits bedeutet das Urteil nicht nur, dass der DJ nun dem Dirigenten gleichgestellt ist, sondern dass der Berghain-DJ anders behandelt wird als seine Kollegen, die in anderen Clubs auflegen. Auch wenn das Gericht vorsorglich darauf aufmerksam machte, dass es sich bei dem Urteil um eine Einzelfallentscheidung handle, werden sich bald sicher auch andere Läden darauf beziehen. Schon weil viele der DJs, die im Berghain auftreten, auch regelmäßig anderswo auflegen.
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Eine „Schelle“ (altertümliches Wort für Ohrfeige) für Künstler*innen wie Dirigent*innen, Regisseur*innen oder Sänger*innen sei die Entscheidung, kommentierte in durchaus überraschender Heftigkeit der „Zeit Online“-Jugendableger „ze.tt“. Statt jahrzehntelang zu proben und sich durch die Institutionen des Kulturbetriebs zu boxen, könne man als Berghain-Resident-DJ ja bequem die Füße hochlegen, wenn man nur einmal im Monat ein paar Stunden an den Reglern drehe.
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So museal dieser Kunstbegriff klingt (Kunst ist, wenn man fleißig übt?), ist das inhaltlich falsch. Kein Resident-DJ im Berghain kann von einem Gig im Monat leben, auch wenn das Berghain für Clubverhältnisse nach allem, was man hört, okay bezahlt. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es da auch nicht. Da ist der festangestellte Oboist in einem Orchester, der Schauspieler am Staatstheater schon deutlich besser dran. Und dass dieser Job einen extremen Originalitätsdruck bedeutet, das hat die BBC neulich in einem spannenden Feature über DJs mit Depressionen erzählt.
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Apropos England: Ziemlich genau zur selben Zeit, als das Berghain per Gerichtsurteil zur Hochkultur erhoben wurde, schloss in London mit dem Fabric ein ebenfalls weltberühmter Club. Der Stadtrat entzog die Lizenz, nachdem es in letzter Zeit zu zwei Todesfällen durch Drogenmissbrauch gekommen war. Bis zuletzt hatte sich der Bürgermeister Sadiq Khan für den Club starkgemacht. In den letzten acht Jahren schlossen 50 Prozent der Clubs in London. Viele der DJs, Produzenten und Promoter kamen daraufhin übrigens – nach Berlin.
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Unser Redakteur Felix Denk weiß, wovon er spricht. Gemeinsam mit Sven von Thülen hat er 2012 das Buch „Der Klang der Familie. Berlin, Techno und die Wende“ veröffentlicht, das auch die Grundlage für die Doku „Party auf dem Todesstreifen – Soundtrack der Wende“ lieferte.
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Berlinale Blog, Tag 10: Heute mit einem ganz besonderen Gastspiel in der JVA Tegel, dem definitiven Berlinale Soundtrack und der letzten RAP-Zension des laufenden Wettbewerbs
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Heute Abend ist auch im Gefängnis ein roter Teppich ausgerollt. Der Weg durch die Sicherheitsschleuse führt vorbei an dem Trakt der sozialtherapeutischen Anstalt, in einen großen Innenhof. Hier ragt ein roter Backsteinbau, in denen Häftlinge untergebracht sind, hinter dem Wärter hervor, der in seiner blauen Uniform, mit dickem Schlüsselbund in der Hand, gerade über den Teppich läuft und einen Trupp Journalisten hereinführt.
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Es ist Freitagabend, eine nicht-öffentliche Sonderveranstaltung der Berlinale in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Tegel; einem der ältesten und größten Gefängnisse Deutschlands, in Berlin-Reinickendorf. Etwa 850 Häftlinge, alles Männer, sitzen hier ihre Freiheitsstrafen ab, manche lebenslang. Heute Abend soll es aber einmal nicht um die Haft gehen, sondern darum, ein Kinoerlebnis hinter die Mauern des Gefängnisses zu holen.
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Man wolle kulturelle Teilhabe ermöglichen, begründete Festivalchef Dieter Kosslick die ungewöhnliche Vorstellung im Vorfeld. Der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt, der in einer der vorderen Reihen sitzt, sagt, man könne mit solchen Screenings das Leben in Haft dem Leben in Freiheit ein Stück weiter angleichen. Auch Regisseur Lars Kraume ist gekommen. „Das schweigende Klassenzimmer“, das heute in der JVA Tegel gezeigt wird, ist sein Film. „Ich bin hier, um Ihre Fragen zu beantworten“, sagt er. Kurze Pause. „Wenn Sie welche haben.“ Der Abend wirkt wie eine unsichere Annäherung zwischen Häftlingen, Journalisten und Filmteam im Raum.
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Nach seinem Erfolgsfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat Kraume erneut einen Stoff der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgegriffen. „Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt die wahre Geschichte einer DDR-Schulklasse, die sich 1956 mit den Demonstranten des Ungarischen Volksaufstands solidarisiert. Durch ihre Schweigeminute im Geschichtsunterricht gerät sie zwischen die Fronten der Politik.
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Viele Häftlinge ziehen an diesem Abend Parallelen des Filmes zu ihrem Leben. „Im Film herrscht so eine Unfreiheit, die herrscht hier auch“, sagt einer in der Diskussion. Ein anderer meint : „Ich habe mich im Film der Macht ausgesetzt gefühlt und mich so ohnmächtig gefühlt, wie oft auch hier.“ Spätestens als der DDR-Bildungsminister, gespielt von Burghart Klaußner, in der Schule auftaucht und wissen will, wer der Kopf hinter der Schweigeminute ist, spitzt sich die Handlung zu. Mal werden die Schüler von ihren Eltern, mal von den SED-Funktionären ins Kreuzverhör genommen.
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Der Film wirft die ganz großen Fragen auf. Nach Schuld und Unschuld, nach Solidarität und Verrat, nach Lüge und Wahrheit. Im anschließenden Gespräch geht es verhaltener zu. Die meisten Fragen kreisen um die Zeit, in der die Geschichte spielt, und wie sie sich von heute unterscheidet.
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Ein älterer Insasse, der seine grauen Haare zum Zopf zusammengebunden trägt, schildert seine Erinnerungen an den Osten, wo er wie einige andere im Publikum geboren wurde. Viele der Gefangenen aus der Justizvollzugsanstalt in Brandenburg wurden auch nach der Wende in die JVA Tegel verlegt.
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Als Regisseur Lars Kraume den Saal verlassen will, fragt einer der Häftlinge nach einem Autogramm. Ein bisschen hat der Abend in der JVA Tegel vielleicht doch etwas von Berlinale und rotem Teppich, auch wenn unten am Eingang längst die Aufräumarbeiten begonnen haben, als die Journalisten den Saal verlassen. Eine der Justizvollzugsbeamtinnen bahnt sich den Weg durch die kleine Gruppe nach vorne: „Ohne Schlüssel kommen Sie hier nicht raus.“
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Nikola Endlich
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Ein länger Gefängnisaufenthalt könnte auch den Juan und Wilson blühen, die im Wettbewerbsfilm „Museo“ einen Kunstraub begannen haben. Ob sich der Film lohnt, das weiß unser rappender Rezensent Damian Correa.
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Größtenteils in geschlossenen Räumen spielt auch der Wettbewerbsfilm „In den Gängen“ von Thomas Stuber. Allerdings im Großmarkt, nicht im Gefängnis. Einen kurzen Auftritt hat auch Stapelfahrer Klaus, der es 2001 bis auf die Filmfestspiele von Cannes schaffte. Und „In den Gängen“? Simone Ahrweiler würde sich freuen, wenn dieser so zärtliche Film rund um die Flurfördermittel einen Bären abräumen würde. Hier geht es zum Steckbrief.
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Ein lauter Knall beendet das hypnotische Spiel der polynesischen Trommeln : Wie disruptiv der französische Kolonialismus im südlichen Pazifik wirkte, das hört man schon nach wenigen Minuten des Films „Ma'Ohi Nui, in the heart of the ocean my country lies“. Der Knall kommt von einem Atomtest. Von 1966 bis 1996 zündeten die Franzosen 193 Bomben, 46 davon oberirdisch. Was das für das Volk der Ma‘ohi bedeutete, die auf den umliegenden Atollen lebten, das erzählt der Film von Annick Ghijzelings so eindrucksvoll wie bedrückend.
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Ihr Film erzähle die Geschichte von zwei Kolonialisierungen, sagt die belgische Regisseurin bei der Premiere. Die Erste war militärisch, die Zweite leiser, aber nicht weniger folgenschwer. Durch die wirtschaftliche Hilfe, die die Ma’ohi nach ihrer Umsiedlung erfahren haben, hätten sie sich von ihren Traditionen entfremdet. Viele wohnen auf Tahiti in Wellblechhütten genau neben der Landebahn des Flughafens. Die ehemals großen Seefahrer haben ihre Traditionen vergessen. Sie fahren nicht mehr mit ihren Booten über die Atolle, sie fischen nicht, betreiben keine Landwirtschaft mehr, haben ihre Sprache verlernt. Zur kulturellen Entwurzelung kam die ökonomische: Sie haben ihre traditionelle Lebensgrundlage verloren und hangeln sich von Job zu Job, wenn sie denn einen bekommen. Zaghaft findet auch eine Rückbesinnung statt. Doch ein leichter Weg ist das nicht. Denn der Schatten des Kolonialismus ist lang.
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Festivals sind Ausnahmezustand. Man schaut drei oder vier, manchmal fünf Filme an einem Tag, und, zugegeben, vieles hat man auch schnell wieder vergessen. In Erinnerung bleiben oft Szenen, in denen der Soundtrack besonders stark zum Tragen kommt. Deshalb hier unsere ganz persönlichen Soundtrack-Hits der Berlinale – und warum wir uns an die Momente in den Filmen erinnern werden.
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The West Coast Pop Art Experimental Band: I Won't Hurt You
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(aus „Isle of Dogs“ von Wes Anderson)
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Was wäre Wes Anderson ohne seine Soundtracks? Auf der Kultskala von Filmnerds kommen sie jedenfalls nur knapp hinter denen von Quentin Tarantino. Was dabei nie fehlen darf: Ein verträumter Psychedelic-Track aus den späten Sixties. In „Isle of Dogs“ wird „I Won't Hurt You“ sogar zum Leitmotiv. Immer wenn Atari und die Hunde-Gang zur nächsten Etappe ihrer Reise aufbrechen, setzt der Song ein.
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Gianni Bella: Questo Amore Non Si Tocca
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(aus „Figli mia – Daughter of Mine“ von Laura Bispuri)
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In „Figlia mia“ ist Vittoria zerrissen zwischen ihrer Adoptivmutter und ihrer leiblichen Mutter Angelica, die sie nach der Geburt fortgab. Eine Annäherung an Angelica, einer impulsiven Draufgängerin, entwickelt sich erst nur zögerlich – bis die beiden miteinander tanzen. Aus dem Autoradio plärrt ein schlüpfriger Italoschlager, Angelica singt inbrünstig mit und Vittoria entdeckt, das sie auch kein Kind von Traurigkeit ist. Einen Ausschnitt der Szene gibt's hier.
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Talking Heads: Road to Nowhere
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(aus „Transit“ von Christian Petzold)
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Christian Petzold setzt nur spärlich Songs in seinen Filmen ein. Aber wenn, dann haben sie auch was zu erzählen. In „Transit“ geht es um den Schwebezustand auf der Flucht in ein anderes Land, um die Ungewissheit, wohin es gehen wird. Das Ende bleibt offen und mit der Schwarzblende setzt passend „Road to Nowhere“ ein. Der Song habe mit seinen Gospel-Anklängen aber auch etwas Tröstliches, findet der Regisseur.
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Stromae: Alors on danse
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(Aus „Première Solitudes“ von Claire Simon)
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„Première Solitudes“ (etwa: „erste Einsamkeiten“) ist ein kleiner Dokumentarfilm, den Claire Simon mit einer Schulklasse aus einem Pariser Vorort gedreht hat. Der Film zeigt die Kids auch auf dem Weg zur Schule, wie es heute eben alle machen: Ohrstöpsel rein, Lieblingssong einschalten, Welt kurz mal ausschalten. Besonders wichtig war der Filmemacherin, dass „Alors on danse“ von Stromae im Film ist. Der erzähle quasi die Geschichte einer Protagonistin: Scheidung der Eltern, Geldsorgen, Gerichtsvollzieher vor der Tür – aber eine trotzige Lust aufs Leben.
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ACDC: Hells Bells
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(aus „Khook – Pig“ von Mani Haghighi)
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Hasan, ein iranischer Filmemacher mit Berufsverbot, hat einen ziemlich eindimensionalen Style: Er trägt jeden Tag Band-T-Shirts, und zwar ausschließlich von den klischeehaftesten Rockbands, die man sich so vorstellt: AC/DC, Kiss, Black Sabbath. Als er an einer Stelle des Films im Knast landet, wird es surreal. Auf dem Boden liegt ein rot leuchtender Tennis-Schläger, mit dem Hasan plötzlich Gitarre spielt. Das Riff von „Hells Bells“ setzt ein und Hasan singt auf Persisch selbstmitleidig, wie schlecht es die Welt schon wieder mit ihm meint.
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Wang Chung: To Live and Die in L.A.
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(aus „To Live and Die in L.A.“ von William Friedkin)
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Eine Wiederentdeckung der Berlinale, dank der „Hommage“ an Willem Dafoe: Der Polizei-Thriller „To Live and Die in L.A.“ von William Friedkin aus dem Jahr 1985. Fitness-Studios, schmierige Erotikbars, VHS-Rekorder, Föhnfrisuren und Neonfarben – mehr Eighties als in diesem Film geht kaum. Fehlt nur noch treibender Synthie-Pop auf der Tonspur? Check. Die britische Band Wang Chung hat den kompletten Soundtrack geschrieben.
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Franco Battiato: L'animale
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(aus „L'animale“ von Katharina Mueckstein)
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Gegen Ende von „L'animale“ gibt es eine eindringliche Szene. Die betrogene Mutter, der ängstliche Vater, die verlassene Tochter, ihr wütender Freund und ihre noch wütendere Freundin erleben parallel einen Moment der totalen Verzweiflung und singen gemeinsam das Lied von Franco Battiato, das dem Coming-of-Age-Film seinen Titel gibt. Die Kritiken zu dieser surrealen Szene schwanken zwischen kitschig und wunderschön. Sicher ist, dass es eine sehr ähnliche Szene schon mal gab, nämlich 1999 im Drama „Magnolia“ von Paul Thomas Anderson).
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Jan-Philipp Kohlmann und Christine Stöckel
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Heute das große Finale, das allerletzte Quiz. Mindestens für die nächsten 51 Wochen. Wie immer gilt: zwei dieser drei Filme laufen, so schräg das klingen mag, tatsächlich auf der diesjährigen Berlinale. Einen haben wir erfunden. Welcher ist es?
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Apartament nr. 32 (von Dorinel Corduneanu, Rumänien 2018)
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Wenn Bogdan einsam ist, steigt er auf das Dach seines Plattenbaus und blickt über die Dächer von Bukarest. Eines Tages sitzt dort eine fremde Frau, Mihaela. Sie ist in Wohneinheit Nr. 32 gezogen, in der zuvor ein greiser Spitzenfunktionär der Partidul Comunist Român lebte. Die von vielen Missverständnissen begleitete Annäherung von Bogdan und Mihaela reflektiert den schwierigen Selbstfindungsprozess der postkommunistischen rumänischen Gesellschaft.
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Yours in Sisterhood (von Irene Lusztig, USA 2018)
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Frauen unterschiedlicher Hintergründe und Herkunft lesen und kommentieren Briefe, die in den 70er Jahren an das liberal-feministische Magazin „Ms.“ gingen. Irene Lusztig gelingt es in ihrer dokumentarischen Inszenierung, einen Fundus der Frauenbewegung in eine vielschichtige Beziehung mit der Gegenwart zu bringen. Das Wort steht dabei nur vermeintlich im Vordergrund. Dem Publikum ist es überlassen, einen feministischen Kosmos zu entdecken.
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An Elephant Sitting Still (von Hu Bo, China 2018)
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In der nordchinesischen Stadt Manzhouli soll es einen Elefanten geben, der einfach nur dasitzt und die Welt ignoriert. Manzhouli wird zur fixen Idee für die Helden dieses Films, zum erhofften Ausweg aus der Abwärtsspirale, in der sie sich befinden. Hu Bo, der in China bereits mit seinen Romanen Aufsehen erregte, gibt mit diesem vierstündigen Porträt einer Gesellschaft von Egoisten sein elektrisierendes Regiedebüt.
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Michael Brake
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Und für alle Willensstarken, die beim letzten Quiz vom Donnerstag dem Googledrang widerstehen konnten: No me olvides war eine Erfindung. Über einen Besuch von Alejandro González Iñárritu auf der Berlinale würden wir uns aber wirklich sehr freuen!
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Was gestern so los war auf der Berlinale? Das erfahrt ihr hier.
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Berlinale Blog, Tag 11: Zum großen Finale all unsere Tops, Flops, Gänsehautmomente und Erkenntnisgewinne – schön übersichtlich im Listenformat
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Greatest Hit
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Chilly Gonzales bei der Premiere seines Films „Shut up and play the piano“: kommt in beiger Strickjacke mit Händen in den Hosentaschen auf den roten Teppich – und läuft gleich mal an der Fotowand vorbei (Beweisvideo hier). Dass ihm Aufmerksamkeit generell unangenehm wäre, kann er mir aber nicht erzählen.
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Greatest Shit
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Es ist ja schön, dass zu den Filmen der Generation 14Plus immer viele Jugendgruppen kommen. Aber dann doch bitte um den Film zu sehen und nicht, um die ganze Zeit zu quatschen.
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Das hat mich berührt
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Marie Bäumer als Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“. Als das Licht im Saal wieder anging, hatte nicht nur die Schauspielerin Tränen in den Augen – ich auch. Noch nie hat mich ein Schauspiel so berührt. Ich warte jetzt schon sehnsüchtig auf den regulären Kinostart. (12. April)
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Das hab ich gelernt
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Dass der Gang über den roten Teppich nicht für alle selbstverständlich ist – Cast & Crew von „High Fantasy“ aus Südafrika bedankten sich nach der Premiere herzlich dafür. Diese Natürlichkeit und Bodenständigkeit geht im Berlinale-Glamour ansonsten doch ein wenig unter.
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Greatest Hit
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Okay, das ist unfair. Ich mag: Animationsfilme. Filme mit Tieren. Filme, die in Japan spielen. Und Filme von Wes Anderson. „Isle of Dogs“ ist alles vier auf einmal und dazu noch liebevoll bis ins kleinste Detail, wahnsinnig lustig, rührend, spannend und nicht zu lang. Den schau ich mir im Mai nochmal beim normalen Kinostart an.
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Der schwedische Wettbewerbsbeitrag „Toppen av ingenting“ über eine schrille Hauserbin war mir zu laut, zu anstrengend, zu bemüht schrill und provokant und nicht richtig zu Ende gedacht.
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Das hat mich berührt
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Wie die Videokünstlerin Margaret Honda ganz allein in ihrer 36-Stunden-Echtzeit-Kinoprojektor-Testbildgenerator-Installation „6144 x 1024“ saß, versteckt in einem Nebensaal und praktisch nicht beworben. Ich hoffe, ich habe einfach nur zwei schlechte Momente erwischt, und sonst war es voller.
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Das habe ich gelernt (schmerzhaft und immer wieder):
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Es reicht nicht, einfach pünktlich zu sein, wenn man einen Berlinale-Film sehen will. Man sollte mindestens zehn Minuten vorher da sein, lieber noch früher. Außer, man sitzt gern in der ersten Reihe.
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Greatest Hit
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Easy: die RAP-Zensionen von Damian Correa zu „Isle of Dogs“, „Denmark“, „Gülvercin“ und „Museo“. Ok, die sind natürlich außer Konkurrenz, aber vielleicht laufen sie ja nächstes Jahr bei den Berlinale Shorts? Ansonsten: „In den Gängen“, der zärtlichste Film, der je über Gabelstapler gedreht wurde.
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Greatest Shit
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Einige. Nur einmal zum Street Food Markt geschafft, „Chef Flynn“ verpasst, in „Ma Oui Nui“ kurz nach der Eingangsmusik eingeschlafen und erst zum Abspann wieder aufgewacht, in einer herumliegenden BZ gelesen, dass es Profi-Lamentierer Gunnar Schupelius ernsthaft als Aufreger empfand, dass es auf dem Berlinale Abschlussdinner keine Currywurst serviert wird. So 1970er...
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Das hat mich berührt
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Eröffnungsfilm der Generation 14Plus, „303“: Als Jule und Jan nach gut zwei Stunden Filmzeit, tausenden von Kilometern Busfahrt und hunderten von aufgesagten Skriptseiten endlich mal knutschen, da brandet im Publikum spontaner Szenenapplaus auf.
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Das hab ich gelernt
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Während des Zweiten Weltkriegs wurden auch in der neutralen Schweiz die Nahrungsmittel rationiert. Das Brot, das verkauft wurde, war zwei Tage alt, damit man es nicht zu schnell isst. Gelernt in der ebenfalls berührenden, weil ganz persönlich erzählten Flucht-Dokumentation „Eldorado“ von Markus Imhoof.
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Greatest Hit
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Shout-out an die beiden so unterschiedlichen deutschen Wettbewerbsfilme von Christian Petzold und Thomas Stuber: „Transit“ (Kinostart: 5. April) schlendert als Genrefilm verkleidet auf der Flucht vor den Faschisten durchs heutige Marseille und „In den Gängen“ (Kinostart: 26. April) entdeckt die anmutige Eleganz der Gabelstapler.
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Greatest Shit
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Die Missbrauchsvorwürfe gegen Kim Ki-Duk versandeten in einer halbgaren Debatte mit dem südkoreanischen Filmemacher. Sein Film „Human, Space, Time and Human“ aber ist eine so frauenfeindliche und stumpfsinnige Gewaltparabel, dass seine Einladung nach Berlin auch deshalb ärgerlich war.
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Das hat mich berührt
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Ein Dokumentarfilm-Moment: In „Premières solitudes“ bringen zwei Mitschülerinnen einen schüchternen Jungen zum Reden. Wie heftig seine Mundwinkel zucken und eine Riesenträne langsam kullert, wenn er von der Abwesenheit des Vaters spricht, könnte kein Schauspieler der Welt so spielen. Herzallerliebst auch, wie die Mädels ihn dann trösten.
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Das hab ich gelernt
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Im Dokumentarfilm „I See Red People“ erfährt man, dass Filmkritiker im kommunistischen Bulgarien, die damals auf internationale Festivals fahren durften, vermutlich Spitzel der Geheimpolizei waren. Ja nun. Was glaubt ihr eigentlich, was ich auf der Berlinale neben den paar Blogeinträgen so mache?
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Greatest Hit
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Wie die Fußballtrainerin in der norwegischen Serie „Heimebane“ fünf Mal hintereinander die Torlatte trifft – das ist gewollt – und damit ihren Schauspielerkollegen John Carew abzieht. Der trifft nur dreimal. Eine schöne Szene, zumal Carew mal Nationalspieler war.
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Greatest Shit
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Die Rückenlehnen im Zoo Palast. (Die kann man nicht feststellen, so dass man plötzlich ruckartig wie auf dem Zahnarztstuhl liegt, Anm. d. Red.)
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Hat mich berührt
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Vor allem eine Szene aus der Dokumentation „Soufra“. Der Film spielt in einem Flüchtlingscamp im Libanon und zeigt Mariam Shaar, wie sie mit einem dutzend anderer Frauen ihren eigenen Cateringservice aufzieht. Über anderthalb Jahre muss sie, davon handelt der Film hauptsächlich, auf einen eigenen Foodtruck warten. Für Flüchtlinge ist es schwer, eine Lizenz zu bekommen. Als es dann nach langem Warten soweit ist, sitzt Mariam Shaar im Auto, strahlt übers ganze Gesicht, drückt aufs Gas, nimmt einen Bordstein mit und düst zu ihren Frauen.
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Wieder was gelernt
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Bevor man einen Truthahn in den Ofen schiebt, sollte man ihn in seine Einzelteile zerlegen. Denn jedes Teil braucht unterschiedlich lang. Ich koche zwar sehr selten Truthahn, also eigentlich nie, trotzdem danke dafür, Flynn McGarry.
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Gestern abend wurden auch noch die Bären verliehen, was in diesem Jahr durchaus für Spannung sorgte, liefen doch sehr viele gute Filme im Wettbewerb. Die Entscheidung der Jury um Tom Tykwer war dann eine ziemliche Überraschung. Den Goldenen Bären bekam der semifiktionale rumänische Beitrag „Touch me not“. In ihrem Debütfilm fragt die Regisseurin Menschen mit unterschiedlichen seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen nach ihrem Sexleben sowie ihren Ängsten und Sehnsüchten. Der Film erhielt eine ziemlich gemischte Resonanz. Bei der Pressevorführung verließen zahlreiche Journalisten die Vorführung. Alle Ergebnisse der Jury um Tom Tykwer gibt es hier, und was wir so die letzten Tage auf der Berlinale erlebt haben, das könnt ihr hier lesen.
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Titelfoto: Daniel Seiffert
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Berlinale-Blog, Tag 5: Heute mit einem offenen Brief, lesbischen Stripperinnen aus Los Angeles, einem üblichen Verdächtigen und (fast) kostenlosen Filmen
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Wir nähern uns rasant der Halbzeit der Berlinale – und da ist es natürlich höchste Zeit für einen offenen Brief. Ok, da sind wir jetzt nicht die Allerersten. Ende November wandten sich 79 Filmschaffende an die Öffentlichkeit mit dem dringenden Wunsch, „die Berlinale zu entschlacken und programmatisch zu erneuern.“
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Kurze Frage: Warum eigentlich? Das thematische Durcheinander, die kaum zu unterscheidenden Sektionen, die völlig überfordernde Zahl von jährlich rund 400 Filmen, all das bietet ja auch eine große Chance. Und zwar für Filme, die erstmal etwas abseitig klingen. „Shakedown“ ist so ein Fall, eine Doku über lesbische Stripperinnen in Los Angeles Anfang der Nuller Jahre, quasi das Westcoast-Pendant zur New Yorker Ballroomszene, zu der in den letzten beiden Jahren Dokus auf der Berlinale liefen. Bisschen krude fängt der Film an. Mit grisseligen Aufnahmen, verzerrten Beats aus komischen Hinterzimmern, zerknitterten Flyern, die aussehen, als wären sie in zwei Minuten zusammenkopiert worden.
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Dann entwickelt der Film einen eigenartigen Sog. Die Tänzerinnen wie Egypt und Mahogany sind Szenestars, bei ihren Auftritten werden sie von den Frauen im Publikum mit Dollarscheinen beworfen. Ronnie Ron, Stud-Lesbe und Profi am Mikro, heizt als flamboyante Gastgeberin die Party an. Und als irgendwann die Polizei den Laden hochnimmt – obwohl er die nötige Lizenz hat – will auch der letzte weiße cis-männliche Hetero auf die Barrikaden gehen. #Ungerecht!
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Regisseurin Leilah Weinraub war, wie sie in dem Q&A nach der Premiere sagte, jahrelang bei den Partys mit ihrer Kamera dabei. Später betrieb sie das New Yorker Modelabel Hood by Air, das mit seinen geschlechtsneutralen Looks für Furore sorgte und das von Hiphop-Größen wie A$AP Rocky gerne getragen wird. Shakedown ist ihr Debütfilm. Und für solche Filme wurde die Berlinale quasi erfunden. Die wilde Mischung passt zu Berlin. Und Berlin steht auf solche Filme. Die Premiere von Shakedown war sofort ausverkauft, die übrigen Vorstellungen auch. In Cannes und Venedig, deren Festivals die 79 Filmschaffenden als Vorbilder für eine Berlinale nach Kosslick zitieren, da laufen solche Filme wohl kaum.
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Felix Denk
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Dieser Song, den Blumfeld auf ihrem Album Testament der Angst singen, sorgt in Christian Petzolds Wettbewerbsfilm „Transit“ für eine bewegende Szene. Georg, gespielt von Franz Rogowski, ist auf der Flucht vor den Nazis. In Marseille wartet er darauf, weiter zu kommen. Dort lernt er den Jungen Driss kennen, den Sohn eines verstorbenen Freundes. Wie Georg dem Jungen das Gute-Nachtlied vorsingen will, ist ganz großes Schauspielerkino, findet Jan-Philipp Kohlmann. Hier geht es zu seinem Steckbrief.
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Der Film Profile von Timur Bekmambetov ist gleich in zweifacher Hinsicht ungewöhnlich. Einmal thematisch. Es geht um den realen Fall einer Journalistin, die sich bei einer Recherche in einen IS-Kämpfer verliebt, mit dem sie dann zärtlich Katzen-GIFs hin- und herschickt, aber auch formal: Er spielt komplett auf einem Computerbildschirm. Und, ja, das funktioniert, findet Michael Brake. Hier geht es zu seinem Steckbrief.
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Ist ja schön, dass auf der Berlinale so viele tolle Filme laufen. Aber was bringt mir das, wenn ich gar nicht in Berlin wohne? Wie, naja, so ziemlich alle. Oder wenn die Tickets mal wieder in Sekundenschnelle vergriffen waren? Für alle derart Gepeinigten gibt es dieses Jahr erstmals ein kleines Streamingangebot. Bis zum 28. Februar können acht Filme aus dem Berlinale-Programm bei Festival Scope für 3 Euro pro Film abgerufen werden. Allerdings nur von jeweils 300 Menschen, mehr Plätze bietet der virtuelle Kinosaal aus unerfindlichen Gründen nicht. Und auch nur von deutschen IP-Adressen (oder: und auch nur in Deutschland). Aber hey, immerhin!
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Mit dabei ist unter anderem der tolle argentinische Dokumentarfilm "Theatre of War", der sich mit dem Krieg um die Falklandinseln beschäftigt – 74 Tage dauerte der Konflikt um die unwirtlichen Inseln im Südatlantik im Frühjahr 1982, über 900 Soldaten kamen ums Leben.
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Man merkt, dass die argentinische Regisseurin Lola Arias aus der Kunst- und Theaterszene kommt, denn ihre Herangehensweise ist so ungewöhnlich wie aufregend: Sie hat sechs Kriegsveteranen, je drei britische und drei argentinische, mehrere Wochen zusammengebracht. Ihre Erinnerungen und Geschichten erzählen sie in perfomancehaften Situationen, mit Margaret-Thatcher-Masken, in einem Schwimmbad, nachgestellt mit Modellbaufiguren. So entstehen Bilder von künstlerischer Schönheit, wie man sie in einer Kriegsdokumentation genau nicht erwartet – und deren Wucht und Ideenreichtum zeigen, wie man "Oral History" auch anders als nach dem Prinzip "sprechende Köpfe vor dunklem Hintergrund" inszenieren kann.
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Michael Brake
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Die Berlinale wäre nicht die Berlinale ohne... Hong Sang-soo.
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Beruf: Regisseur & Kaffeehaus-Poet des Kinos.
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Auffallende Merkmale: Äußerlich ist das schwierig: Er ist Ende 50, trägt Schnurrbart, kurze graue Haare und spricht – selbst mit Mikrofon – sehr leise. Aber man weiß allerspätestens nach zwei Minuten, dass man wieder in einem seiner Filme sitzt.
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Warum braucht ihn die Berlinale? Weil der Südkoreaner in jedem Jahr mindestens einen Film macht, der aus den folgenden, bestechend einfachen Zutaten besteht: einem Kaffeehaus, Männern & Frauen, Trauer & Selbstmitleid, Witz & Spott, Kino & Schauspiel sowie mindestens einer Szene, in der sich die Protagonisten mit dem Reisschnaps Soju gegenseitig unter den Tisch trinken. Sein diesjähriger Berlinale-Beitrag heißt „Grass“.
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Und was sagt er selbst? „Ich stehe um vier Uhr auf und fange an, Dialoge zu schreiben. Ich weiß noch nicht, worum es gehen wird, verlasse mich ganz auf spontane Einfälle. Am Vormittag entwickle ich die Szenen mit den Schauspielern, dann drehen wir. Bei meinem neuen Film haben wir vier Tage gedreht und drei Tage geschnitten. Nach einer Woche war der Film also fertig.“
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Jan-Philipp Kohlmann
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Berlinale-Blog, Tag 6. Nicht ignorieren, nicht anecken – so geht die Berlinale mit der Debatte um sexuelle Gewalt um
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„Weitermachen! Jetzt nicht aufhören!“, rufen ZuschauerInnen durch das Tipi am Kanzleramt. Sie alle sitzen an kleinen Tischen unter einer großen Zeltdecke. Auf der Bühne wurde bis gerade über sexuelle Gewalt in der Film- und Fernsehbranche diskutiert. 90 Minuten lang, das war vielen im Publikum zu kurz und zu zahm. „Zu 80 Prozent ging das an der Debatte vorbei.“ Auch solche Sätze schwirren durchs Zelt.
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Und tatsächlich zeigt auch die Diskussion zwischen SchauspielerInnen, AktivistInnen von ProQuote Film und VertreterInnen der öffentlich-rechtlichen Sender das generelle Problem der Berlinale mit #Metoo auf: Einerseits wollen die Festivalbetreiber um Dieter Kosslick die wichtige, weltweite Debatte um sexuelle Gewalt nicht ignorieren, andererseits möchte man damit möglichst wenig anecken.
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Dabei fallen im Tipi einige wichtige Sätze. Die Vorwürfe der Vergewaltigung von Schauspielerinnen in den USA und in Deutschland – gegen Harvey Weinstein und Dieter Wedel – werden auf der Bühne als Machtmissbrauch verurteilt. Solche Taten dürfen sich nicht hinter „künstlerischer Freiheit und Genie“ verstecken, erklärt Familienministerin Katarina Barley gleich am Anfang der Veranstaltung. Moderatorin Verena Lueken von der F.A.Z. fragt: Wie kann sexuelle Gewalt verhindert werden? Brauche es einen Verhaltenskodex am Set?
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„Über ein paar Dinge muss man reden“, sagt Schauspielerin Jasmin Tabatabai. „Vor allem mit jungen Frauen. Wenn man besetzt werden will, gibt es da diesen Gott, das ist der Regisseur und dem muss man gefallen. Da sollte es Regeln geben, was okay ist und was nicht. Castings zum Beispiel müssen nicht auf Hotelzimmern stattfinden“, erklärt Tabatabai.
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Plötzlich wird es laut im Zelt. Mehrere Frauen (und wenige Männer) der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ entfalten auf der Bühne ein Transparent und versuchen, #Metoo für eine ihrer rassistischen Kampagnen zu nutzen, die Migranten pauschal für sexuelle Übergriffe auf Frauen verantwortlich macht. Nach einiger Verwirrung und vielen Buhrufen verlassen sie den Saal. Wie mit dieser Situation umgehen? Dazu gibt es gespaltene Meinungen: „Das sind junge Frauen, die denken, sie würden unsere Kultur retten. Ich würde gerne mit ihnen in den Dialog kommen“, erklärt Barbara Rohm, Mitbegründerin von Pro Quote Film e. V.. „Wir sollten denen auf gar keinen Fall eine Bühne bieten! Mit denen reden wir nicht“, rufen vereinzelt ZuschauerInnen.
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Die Moderatorin lenkt das Gespräch wieder in Richtung der eigentlichen Debatte: die Schieflage von Machtverhältnissen in der Branche. Die nicht-paritätische Verteilung von Jobs an Männer und Frauen ist einer der Gründe dafür. Es arbeiten mehr Männer in Schlüsselpositionen. 72 Prozent der Kinofilme werden von Regisseuren gemacht, so eine Studie der Filmförderungsanstalt (FFA) von 2017.
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Die Geschlechterverteilung von Filmschaffenden ist ein wichtiges Thema und ein wichtiger Bestandteil der #Metoo-Debatte. An dieser Stelle aber eine Ablenkung von anderen Themen. Kaum ein Wort fällt über konkrete Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs, über den Umgang mit Gewalt am Set und über das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Die Vorwürfe der Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Demütigung, die mehrere Frauen etwa gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel erheben, bleiben unkommentiert. Obwohl mit Thomas Kleist der Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR) auf der Bühne sitzt. Auch während einer Produktion des SR vor ungefähr 40 Jahren soll es zu Übergriffen durch Wedel gekommen sein.
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Die Berlinale und #Metoo – das ist ein schwieriges Verhältnis. Es wurde einiges unternommen: Im Vorfeld sollen Filme von Regisseuren, die Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe begangen haben, nicht ins Programm aufgenommen worden sein. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kündigte an, eine Anlaufstelle für Missbrauchsopfer aus der Kreativbranche finanzieren zu wollen. Die Berlinale gibt der Initiative #Speakup viel Raum, die Betroffene von sexueller Belästigung in der Filmbranche ermutigt, ihre Stimme zu erheben. Das ist sind alles gute Zeichen.
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Trotzdem fehlt ein starkes, öffentliches Symbol der Solidarität mit SchauspielerInnen und anderen Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Das traut man sich nicht. Kein schwarzer Teppich wie bei den Golden Globes. Fragen zu #Metoo an SchauspielerInnen werden von PR-Leuten auf der Berlinale schnell abgewürgt. Umstritten auch die Einladung des koreanischen Regisseurs Kim Ki-duk, gegen den ein sexueller Missbrauchsvorwurf erhoben wurde, den er selbst allerdings bestreitet.
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Auch im Tipi findet die Solidaritätsbekundung nicht auf der Bühne, sondern davor statt. Viele SchauspielerInnen, RegisseurInnen, DrehbuchautorInnen, Masken- und KostümbilderInnen stehen nach der Veranstaltung beieinander, tauschen Erfahrungen aus, sind wütend. Vielleicht hätten sie auf der Bühne sitzen sollen.
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Christine Stöckel
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Die deutsche Filmkritik ist sich relativ einig: „Utoya 22. Juli“, der norwegische Wettbewerbsfilm über die Terroranschläge von 2011, geht für die meisten Kritikerinnen und Kritiker gar nicht. Nach der Pressevorführung war der Gesamteindruck allerdings ein anderer. Applaus und Buhrufe hielten sich die Waage. Auf der Pressekonferenz erhielt Regisseur Erik Poppe Gratulationen, meist von internationalen Kollegen. Der Film ist die erste große filmische Kontroverse der Berlinale. Jan-Philipp Kohlmann ihn gesehen – und zweifelt zwar nicht an den guten Absichten Poppes, sehr wohl aber an der filmischen Umsetzung. Hier gehts zum Steckbrief.
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Und weiter geht’s mit dem Fake-Film-Quiz. Gut die Hälfte der 385 Filme, die auf der Berlinale laufen, hatten jetzt Premiere. Aber nur zwei von den Filmen in der Kurzbeschreibung unten laufen auch auf der Berlinale. Welcher ist von uns erfunden?
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Dikkertje Dap (Niederlande / Belgien / Deutschland 2017)
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„Dikkertje Dap“ – aus einem der berühmtesten Kindergedichte der Niederlande entspinnt sich eine fantasievolle Geschichte um den Wert und den Wandel einer ungewöhnlichen Freundschaft. Dikkertjes bester Freund hat große, dunkle Augen, einen superlangen Hals und weiches, hell geflecktes Fell: Er heißt Raf, kam am selben Tag wie Dikkertje zur Welt und ist eine sprechende Giraffe. Nun werden die beiden vier Jahre alt und ihr erster Schultag steht bevor. Das zumindest hat Dikkertje versprochen. Doch in der Schule sind Tiere nicht erlaubt.
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El otoño (Spanien / Portugal 2018)
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Maria und Sophia werden bald 80 Jahre alt. Ihre Männer sind vor Jahren gestorben. Die beiden Schwestern haben das Alleinsein satt – und gründen gemeinsam eine WG. Schnell wird aus dem Duo ein Trio. Die quirlige Nachbarin Dana bringt Einkäufe und wäscht die Wäsche. Eines Tages erstellt Dana zwei Online-Datingprofile für die Schwestern und bekommt überraschend Antwort. Was folgt, ist ein Roadtrip in farbenprächtigen Bildern. Die drei Frauen fahren in einem limonengrünen Oldtimer ins nahe Madrid, wo zwei Rendezvous auf Maria und Sophia warten. Regisseurin Elena Barnal zeigt, dass der Herbst des Lebens noch lange nicht sein Ende bedeutet.
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The Green Fog (USA / Kanda 2017)
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Die Prolog von „The Green Fog“: Ein Schalter wird von „Sprechen“ auf „Zuhören“ gedreht. In einem Studiokino betrachtet ein Mann in Handschellen und von einer Waffe bedroht Bilder auf der Leinwand. Eine Landkarte ist zu sehen, ein Finger zeigt auf San Francisco. Vor einem Haus stehen Reporter, die verängstigte Bevölkerung wartet auf Lautsprechernachrichten. In grünes Licht getaucht erscheint die Golden Gate Bridge. Die Struktur des Films ist eine Hommage an Hitchcocks „Vertigo“: eine schwindelerregende Komposition vertrauter und unbekannter Film- und TV-Bilder.
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Ein deutscher Film über sinnliches Begehren mit John Malkovich und eine Rock-Oper aus dem philippinischen Urwald? Hört sich ausgedacht an? Ist es aber nicht: „Casanovagen“ (Forum) und „Season of the Devil“ (Wettbewerb) laufen tatsächlich auf der Berlinale. In letzteren hat Jan-Philipp Kohlmann mal „reingeschaut“. Während er beim letzten Berlinale-Film des Philippinen Lav Diaz, einem achtstündigen Historienepos, noch echtes Sitzfleisch besaß, kapitulierte er diesmal nach beschämenden anderthalb Stunden. Zwar ist „Season of the Devil“, wieder ein Historienfilm über die Marcos-Diktatur, nur schlappe vier Stunden lang, aber die dauernden A-cappella-Einlagen haben ihm den letzten Nerv geraubt.
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JPK
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Auch gestern lief so manches auf der Berlinale. Darüber liest Du hier
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Titelbild: Daniel Seiffert
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Berlinale Blog, Tag 9: Jetzt wirds grundsätzlich. Viele Filme zeigen dieses Jahr, wie wir ins Gespräch kommen können. Also wir alle. Miteinander. Und wegen der großen Nachfrage: eine neue RAP-Zension
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Rechtspopulismus, #MeToo-Debatte oder die Aufarbeitung einer Diktaturvergangenheit – wo drückt der Schuh grad am meisten? Für viele Themen, die uns derzeit beschäftigen, ist die Berlinale Stimmungsmesser und Stichwortgeber. Sie stößt Debatten an im eigenen Rahmenprogramm, etwa auf Diskussionsrunden wie der über sexuellen Missbrauch in der Filmbranche (Blog vom 20.02.), in den Medien, aber auch und vor allem durch die Filme. Deren Themenspektrum ist, das muss man der Berlinale lassen, enorm breit. Und oft genug geht es ans Eingemachte.
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Sicher, es gab wie immer politische Spielfilme, vom leisen Klagelied („Season of the Devil“, Blog vom 18.02.) bis hin zum kontroversen Reißer („Utøya 22. Juli“). Aber Denkanstöße kamen einmal mehr aus der „dokumentarischen Form“ – ein Verlegenheitsausdruck aufgrund der brüchig gewordenen Grenze zwischen fact und fiction. Bei aller künstlerischen Vielfalt fiel ein verbindender Aspekt auf: Dem Sprechen, Zuhören und Streiten verschiedener Parteien, also dem Dialog, der dieser Tage so schwer möglich scheint, konnte man oft unmittelbar zuschauen.
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Wie wir reden können
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Da wäre zum Beispiel „Aggregat“ von Marie Wilke, eine Bestandsaufnahme zur Lage der Nation. Zum Forum des Dialogs wird dieser Film über Diskurs und Demokratie(-Krise), indem er Orte in Deutschland aufsucht, an denen diskutiert wird: den SPD-„Küchentisch“ für Bürgerbeteiligung, das Bundestagszelt auf dem Tag der deutschen Einheit, Redaktionssitzungen von Rundfunk und Zeitungen und eine Pegida-Demo gegen die „Lügenpresse“. Wilkes will sich dabei nicht einmischen, filmt aus der Distanz und registriert das Reden miteinander, das Aneinander-vorbei-Reden und das Reden übereinander. Die Szenen sind teils erhellend, teils bitter, manchmal aber auch witzig – und wir lernen: Wer anderen Argumenten wirklich zuhört und selbst beim Thema bleibt (Stichwort: Whataboutism), der macht schon mal einiges richtig.
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Filme, die eng mit ihren Protagonisten arbeiten, bringen den Dialog hingegen durch geschickte Methoden selbst hervor: In „Premières solitudes“ schafft Claire Simon eine Bühne für Jugendliche einer sozial durchmischten Pariser Schulklasse, indem sie „Begegnungen“ an Schul- und Freizeitorten inszeniert und die Teenager über zuvor verabredete Themen sprechen lässt. Das Verblüffende: In diesen „konstruierten“ Situationen entspinnen sich ganz natürliche Gespräche, die Teenager überwinden ihre Hemmungen, sprechen offen über Herkunft, Konflikte mit den Eltern, Lebensentwürfe. „Theatre of War" (Blog vom 19.02.) spitzt diese Methode noch zu, wenn argentinische und britische Veteranen des Falkland-Krieges in künstlichen Studiokulissen umfangreich geprobte Gespräche „aufführen“ – oder sich am Bartresen über die kleinteiligen Regieanweisungen von Lola Arias aufregen.
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Worüber wir reden müssen
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Nicht selten sorgt eine unaufgeklärte nationale Vergangenheit für den strittigsten Gesprächsstoff. Dabei können Filmemacher einen persönlichen Zugang zur Geschichte wählen, wie etwa Bojina Panayotova, die in „I See Red People“ ihre Eltern penetrant mit deren Rolle im Spitzelsystem des kommunistischen Bulgarien konfrontiert. Es kann ein Fallbeispiel sein wie die österreichische Präsidentschaftswahl 1986, in deren Zusammenhang „Waldheims Walzer“ das Verhältnis des Landes zum Nationalsozialismus auslotet. Die Aufnahmen von aufgebrachten Debatten, die Menschen auf dem Stephansplatz über historische Schuld führen, hat Ruth Beckermann in den Archiven gefunden. Dass es für solche Prozesse nationaler Selbstfindung einen langen Atem braucht, zeigt ein Film über die Nachwehen des Militärregimes in Uruguay (1973-1985): Nur „One or Two Questions” über den Umgang mit der Diktatur stellten zwei Frauen in den 1980er-Jahren den Passanten auf der Straße – der Film dauert 237 Minuten.
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Jan-Philipp Kohlmann
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In Teil 3 unserer RAP-Zensionen sieht Damian Correa den türkischen Film „Güvercin“, in dem es ziemlich lange vor allem um Tauben geht. Bis dann doch das dicke Ende kommmt.
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Kurzer Besuch bei den Talents, dem Berlinale-Nachwuchscampus für Filmschaffende. Hier treffen wir Anne Haug, die dieses Jahr bei dem Programm dabei war. Die 33-Jährige kommt aus der Schweiz, lebt in Berlin und spielte im Kinofilm „Lux – Krieger des Lichts“ neben Franz Rogowski.
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fluter.de: Frau Haug, Sie sind in diesem Jahr eines der Gesichter der Berlinale Talents, was genau bedeutet das?
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Das bedeutet, dass ich eine von 250 internationalen, jungen Teilnehmern bin und ein sehr einzigartiges Programm während der Berlinale besuchen darf. Es gibt individuelle Veranstaltungen für alle Berufszweige der Branche, zum Beispiel für Drehbuchautoren, Regisseure, Cutter und SchauspielerInnen wie mich. Ich habe in den letzten zwei Tagen an einem Schauspielcoaching teilgenommen. Außerdem hat man natürlich Gelegenheit, viele andere Künstler kennenzulernen und sich auszutauschen.
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Auf dieser Berlinale wurde viel über #Metoo gesprochen. Inwiefern hat das Thema auch bei den Berlinale Talents eine Rolle gespielt?
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In ziemlich vielen Unterhaltungen am Rande der Veranstaltungen ging es auch um #Metoo und die vielen Themen die zu der Bewegung gehören. So viele Diskussionen wie in diesem Jahr habe ich auf keiner Berlinale zu diesem Thema erlebt. Das freut mich. Die Menschen machen sich Gedanken.
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Worüber genau?
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Ich habe auch mit Männern über #Metoo gesprochen, bei denen eine Art Verunsicherung herrscht. Ich habe mich zum Beispiel mit einem Regisseur unterhalten, der gerade ein Drehbuch schreibt, in dem es Passagen gibt, die er im Zuge der Debatte nun ganz anders sieht. Ich finde diese Verunsicherung aber ganz wichtig und empfinde sie nicht als negativ. Nur so kann man Dinge hinterfragen.
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Im Tipi am Kanzleramt wurde am Montag über sexualisierte Gewalt in der Filmbranche gesprochen und auch darüber, was man am Set verbessern könnte. Zum Beispiel durch Anlaufstellen oder einen Verhaltenskodex. Was sagen Sie dazu?
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Ich finde die Idee einer Anlaufstelle, vielleicht sogar einer deutschlandweiten Anlaufstelle, gut. Es muss einen Ort geben, an den man sich wenden kann. Übrigens sollte es die Stelle auch für andere Branchen geben. Gleichzeitig finde ich, dass man sein Bewusstsein am Set schärfen sollte. Sowohl die Regisseure als auch die Kollegen. Ein füreinander Einstehen ist total wichtig. Und dass man sich traut, den Mund aufzumachen, wenn es sein muss.
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Was sollte sich noch ändern?
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Ich bin für eine Quote. Und ich glaube, wenn mehr Frauen als Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Kamerafrauen, Cutterinnen und so weiter an Filmsets arbeiten, weicht das alte Machtstrukturen auf.
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Was für Frauencharaktere spielen Sie normalerweise?
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Meine erste Hauptrolle war in Isabell Šubas Film „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“, einer improvisierten Fake-Doku über das Filmfest in Cannes. Dort habe ich eine unabhängige Frauenfigur gespielt. Die hat mich in eine tolle Richtung gelenkt, ich hab seither viele sehr selbstständige und freiheitsliebende Frauen gespielt.
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Diese Rollen sind nicht selbstverständlich. Meistens haben Frauen weniger Sprechanteil als Männer im Film und verschwinden ab 35 Jahren langsam von der Leinwand. Warum?
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Ich glaube, dass über Filmstoffe oftmals – von Produzentenseite, Sendern oder auch Autoren – so gedacht wird: Eine Geschichte über eine Frau ist eine Geschichte über eine Frau. Und eine Geschichte über einen Mann ist eine allgemeingültige Geschichte. Ein Film mit einer Frau in einer Hauptrolle ist schnell ein sogenannter Frauenfilm. Und bei einem Film mit einem Mann in einer Hauptrolle müssen schon 15 weitere Männer mitspielen, dann erst ist es ein Männerfilm. Es gibt aber langsam andere Rollen für Frauen. Und ihre Rollen werden auch anders wahrgenommen. Auch weil ProQuote Film mit dem Vorlegen von Zahlen immer wieder ein Bewusstsein dafür schafft.
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Warum sind diese Frauenfiguren wichtig?
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Weil es Heldinnen braucht, an denen sich junge Frauen orientieren können. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr heute immer noch Pippi Langstrumpf vorlesen. Das ist gut, aber irgendwie auch schade.
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Christine Stöckel
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Weltpremieren von Fernsehserien sind längst fester Teil des Berlinale-Kanons. Dieses Jahr mit dabei: „Bad Banks“ und „Heimebane“, zwei Serien, in denen sich weibliche Hauptfiguren in von Männern dominierten Teilen der Gesellschaft behaupten müssen. In Heimebane ist das Fußball. Helena Mikkelsen (Ane Dahl Torp) ist die erste Frau auf einem Trainerposten in der ersten norwegischen Männerfußballliga. Ihre Aufgabe: einem hoffnungslos unterlegenen Aufsteiger den Klasserhalt sichern. Doch schon in der ersten Teamsitzung wird klar, dass sie sich erstmal gegen den Platzhirsch und Mannschaftskapitän behaupten muss.
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„Bad Banks“ hat eine ungleich schrillere Tonlage. Die Serie beginnt mit Ausschreitungen im Frankfurter Finanzviertel, die Pleite einer deutschen Großbank versetzt Kleinsparer in Panik. Danach tauchen wir ein in die zynische Glasbauten-und-Overperformance-Welt des Investmentbankings. Im Mittelpunkt und immer unterwegs zwischen Brüssel, Frankfurt, Luxemburg: die hochbegabte Jana Liekam (Paula Beer), die lernen muss, dass Topkenntnisse in Finanzmathematik und Steuerrecht allein nicht für die Karriere reichen.
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Denn eins zeigen beide Serien: Frauen müssen schon 120 Prozent an Leistung und Kompetenz bringen, damit sie so ernst genommen zu werden wie ein Mann in der gleichen Position – und selbst das reicht oft nicht. Unfair, klar. Und auch ganz konkreter Alltagssexismus wird thematisiert, von harmlos gemeinten dummen Sprüchen bis zu brutalen Beschimpfungen am Telefon.
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Während es bei „Heimebane“ noch nicht sicher ist, ob, wann und wo die Serie in Deutschland zu sehen sein wird, steht der Ausstrahlungstermin von „Bad Banks“ unmittelbar bevor: kommende Woche auf Arte, ab dem 2. März im ZDF. In der Arte-Mediathek ist sie schon jetzt abrufbar.
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Michael Brake
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Die Berlinale wäre nicht die Berlinale ohne… die Tasche
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Beruf: Sie ist Werbegeschenk und Packesel für die unzähligen akkreditierten Festivalgäste. Für alle anderen gibt es sie auch im Berlinale-Shop zu kaufen.
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Besondere Merkmale: Ihre Wandlungsfähigkeit. Jedes Jahr sieht die Tasche anders aus und spiegelt – wenngleich mit einer gewissen Verzögerung – die Trends urbaner Tragemode wieder. In den Nullerjahren trat sie lange in Form der seitlich getragenen Umhängetasche auf, seitdem gab es sie es sie mal Jutebeutel, mal in Kartoffelsackstoff oder Filz gehalten, mal mit Anschnallgurt-Trageriemen. Seit 2016 hat die Festivaltasche zur Rucksackform gefunden, wobei sie sich dieses Jahr mit ihrem Toploader-Rollverschluss deutlich an Fahrradkuriertaschen orientiert.
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Warum braucht die Berlinale sie? Während des Festivals trennt sie rund um den Potsdamer Platz das Festivalvolk von Touristenhorden und schafft so ein Gemeinschaftsgefühl. So richtig zum Distinktionsobjekt wird sie erst im Anschluss: „Schaut mal, ich war auf der Berlinale. Und zwar schon 2009!", das wollen ihre Träger mit ihr sagen.
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Und was sagt sie selbst? „Ich werde herumgetragen und komme in jede Weltpremiere. Besser geht es doch nicht.“
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Mbr
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Was bisher geschah? Die ersten acht Tage unseres Berlinale Blogs findest Du hier.
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Forum: Der Dokumentarfilm „Victory Day“ von Sergei Loznitsa zeigt, welche emotionale Kraft der Tag des Sieges über Hitlerdeutschland bei den Russen immer noch freisetzt
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Was passiert?
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Der 9. Mai 2017 ist ein sonniger, aber kalter Frühlingstag in Berlin. Die ersten Menschen kommen schon morgens ans Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park, einer ehrfurchtgebietenden Riesenanlage im realsozialistischen Baustil, Gedenkstätte und Soldatenfriedhof zugleich. Es ist der „Tag des Sieges“, des Sieges über Hitlerdeutschland. Tausende Menschen werden es im Laufe des Tages, sie bringen Nelken mit, Fahnen, Fotos von toten Soldaten und filmen alles mit ihren Handys. Es sind Berliner Exilrussen, deutsche Antiimperialisten und Verschwörungstheoretiker, Angehörige, Familien, Schaulustige. Und auch ein paar Dutzend „Nachtwölfe“ sind aus Russland angereist, vom nationalistisch-orthodoxen Motorradclub, der schon mehrfach Schlagzeilen als „Putins Rocker“ gemacht hat. Sergei Losnitza hat den Tag am Ehrenmal mit der Kamera begleitet.
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Was zeigt uns das?
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„Geschichte hat keine Eigner“, so hat ein RBB-Journalist 2015 das Treiben am Sowjetischen Ehrenmal kommentiert. Und tatsächlich finden hier ganz verschiedene Feierlichkeiten statt. Für manche ist es eine Erinnerung an die Toten, für andere Freude über den Sieg über den Faschismus, wieder andere feiern ein russisches Volksfest oder machen einen Familienausflug, und für einige ist es eben eine Party für einen Staat, den es nicht mehr gibt: die Sowjetunion, an die mit vielen Hammer-und-Sichel-Fahnen erinnert wird.
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Wie wird’s erzählt?
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Sergei Loznitsa, der schon Dokumentarfilme über die Besucher deutscher KZ-Gedenkstätten und die ukrainischen Maidanproteste gedreht hat, übt sich in maximaler Zurückhaltung. Stumm beobachtet die Kamera das Geschehen und nimmt Eindrücke auf, die in einer warmen, an alte Analogfotos erinnernden Farbstimmung gehalten sind. Dazu gibt es ausschließlich Originalton: Gesprächsfetzen auf Deutsch und Russisch, Reden, die Verlesung der Namen von Verstorbenen und immer wieder Lieder, von kleinen Bands gespielt oder spontan gesungen. Was Sergei Loznitsa dabei an Details und Beobachtungen eingesammelt hat, ist enorm. Nur die Dramaturgie und der Rhythmus des Gezeigten wirken mitunter etwas unentschlossen.
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Beste Nebenrolle
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Katjuscha – die junge Frau, die zwischen blühenden Apfelbäumen sehnsüchtig auf die Briefe ihres Liebsten von der Front wartet. Der sowjetische Schlager „Katjuscha“, geschrieben 1938, wurde im Zweiten Weltkrieg als Soldaten- und Hoffnungslied enorm populär und ist es bis heute. Im Film wird er allein dreimal angestimmt.
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Taschentuchmoment
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Immer wenn gesungen wird. Es sind fröhliche und traurige russische Lieder, von der Heimat und der Natur, vom Fluss Don, vom Krieg und von Liebenden. In den Feierlichkeiten am Ehrenmal mischt sich grimmig-traurige Ernsthaftigkeit mit ausgelassener Freude, was aber ganz natürlich wirkt.
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Gut zu wissen
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Viele der Anwesenden tragen schwarz-orange gestreifte Schleifen. Es ist das Sankt-Georgs-Band, das schon zur Zarenzeit mutigen Soldaten verliehen wurde. Ein Symbol bei den Gedenkfeiern wurde es allerdings erst 2005 auf Initiative der Putin-Regierung, die den 9. Mai in den vergangenen rund zehn Jahren mit nationalistischer Bedeutung aufgeladen hat. Das Band gilt mittlerweile als ein politisch bedeutsames russisches Staatssymbol, das aber in vielen postsowjetischen Staaten nur ungern gesehen wird. So wurde es unter anderem von den prorussischen Kräften in der Ostukraine getragen – und ist in der Ukraine seit Mai 2017 sogar verboten.
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Auch gut zu wissen
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War die deutsche Kapitulation im Zweiten Weltkrieg nicht eigentlich am 8. Mai? Richtig – doch so spät am Abend, dass nach Moskauer Zeit schon der nächste Tag begonnen hatte. Deswegen feiert man in Russland am 9. und nicht am 8. Mai.
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Ideal für …
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… alle die Russland mögen, allein wegen der Lieder. Aber auch für alle, die einen Sinn für den Umgang mit Geschichte, für etwas skurrile Veranstaltungen oder für präzise Beobachtungen haben.
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„Den’ Pobedy“ („Victory Day“), Deutschland 2018; Regie, Drehbuch: Sergei Loznitsa; 94 Minuten
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Das Biopic „Vice – Der zweite Mann“ erzählt von der Politkarriere des neokonservativen US-Hardliners Dick Cheney – und das durchaus lustig
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Worum geht’s?
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„Vice“ erzählt von der 40 Jahre andauernden Karriere des Republikaners Dick Cheney in den Machtzentren der US-Politik: von der Vietnam-Ära unter Präsident Richard Nixon und Interimspräsident Gerald Ford über die neoliberalen Reagan-Jahre bis hin zu seiner Rolle als Verteidigungsminister unter George Bush (1989–1993) und als wesentlicher Akteur des Irakkriegs von 2003 unter dessen Sohn George W. Bush, dessen äußerst einflussreicher Vizepräsident er war. Darüber hinaus zeigt der Film Cheneys Familienleben mit seiner Jugendliebe Lynne. Sie ist es, die ihren Mann, in jungen Jahren ein Studienabbrecher und notorischer Säufer, zu einer ehrgeizigen Laufbahn in der Politik motiviert. Lynne sieht Dick dabei auch als Stellvertreter ihrer eigenen Ambitionen, da sie sich als Frau in den 1960er-Jahren keine vergleichbaren Chancen einräumt.
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Was zeigt uns das?
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Dass Dick Cheney vermeintlich der mächtigere Mann in der Bush-Administration war und die treibende Kraft für den Irakkrieg und den war on terror. Regisseur und Drehbuchautor Adam McKay will mit seinem Film hinter die Kulissen der Macht blicken. Ihn interessiert, wie viel Einfluss einzelne Personen auf institutionelle Entscheidungsprozesse nehmen können. Im zurückhaltenden Bürokraten Cheney sieht McKay eine prägende Persönlichkeit für die neokonservativen Trendwenden in der US-Politik der vergangenen Dekaden. Dazu gehören die Deregulierung der Wirtschaft, der steigende Einfluss von Lobbyisten sowie die militärischen Interventionen der USA nach dem 11. September 2001. Entwicklungen, die bis heute nachwirken.
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Wie wird’s erzählt?
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Als beißende Satire mit komplexer Erzählstruktur. „Vice“ springt hin und her zwischen den Zeitebenen und unterbricht regelmäßig die Handlung, um schwierige Zusammenhänge in einer Art Erklärfilm zu erläutern: etwa wenn der Kellner in einem Restaurant das „Menü Guantánamo“ empfiehlt, weil man dort ohne Rechtsverletzung Gefangene foltern kann. Adam McKay hat dieses Stilmittel schon in seinem letzten Film „The Big Short“ etabliert, um einem Massenpublikum die sperrigen Abläufe des Finanzmarkts näherzubringen. In „Vice“ bricht er die „vierte Wand“ aber auch, um darauf hinzuweisen, dass in einem Film über reale Politiker vieles dann eben doch erfunden ist. In diesen Szenen, zum Beispiel wenn die Cheneys im Ehebett plötzlich geschwollenes Shakespeare-Englisch reden, ist der Film am witzigsten.
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Good Job!
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Christian Bale ist großartig in der Hauptrolle und beweist erneut, dass er der wandlungsfähigste Schauspieler Hollywoods ist. Der 44-Jährige spielt Cheney im Alter von Mitte 20 bis Ende 60 –mit Perücken, jeder Menge Make-up und knapp 20 Kilo mehr auf den Rippen. Hörbar schnauft er jedes Mal durch die Nase, bevor er maulfaule one-liner von sich gibt. Bale ringt auch einer Figur, die als eindimensionaler bad guy angelegt ist, differenzierte Emotionen ab. Am Ende wirkt Cheney trotz seiner Skrupellosigkeit eigentlich ziemlich sympathisch.
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Hat mich berührt
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Als der konservative Hardliner von seiner Tochter Mary erfährt, dass sie lesbisch ist, reagiert er verständnisvoll. „Es macht keinen Unterschied, wir lieben dich so oder so“, sagt er nur. Politisch bringt das ihn und seine andere Tochter Liz, die selbst als republikanische Abgeordnete kandidiert, in den Konflikt, mit der Partei trotzdem gegen die Rechte von Homosexuellen einzutreten.
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Schwächste Szene
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Cheney beginnt seine Karriere als Assistent von Donald Rumsfeld, seinem politischen Vorbild. Einmal fängt er seinen Boss vor dessen Büro ab. „Eine Frage noch: Woran glauben wir eigentlich?“ Rumsfeld bricht in Gelächter aus, schüttelt den Kopf, geht wortlos in sein Büro und lacht dort hinter verschlossener Tür weiter. Die größte Schwäche des Films: dass er Machtpolitiker wie Cheney und Rumsfeld für unideologische Opportunisten hält. Dabei ist deren Politik doch stark verankert im neokonservativen Wertekosmos.
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FYI
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Aktuelle Bezüge zur Trump-Regierung hat „Vice“ in der Frage, wie weit die Macht des US-amerikanischen Präsidenten tatsächlich geht. Cheney handelt im Film auf der Grundlage der sogenannten Unitary Executive Theory. Nach diesem Verständnis der Verfassung wird die Macht des Präsidenten als ausführende Gewalt in keiner Weise eingeschränkt, zum Beispiel bei Personalentscheidungen.
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Ideal für …
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… desillusionierte Linksliberale, die der Film augenzwinkernd als Kernzielgruppe identifiziert, und selbstironische Konservative, die den Irakkrieg trotz allem immer noch für gerechtfertigt halten. Regisseur Adam McKay glaubt, dass auch Dick Cheney gegen seine Darstellung nichts einzuwenden hätte.
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Titelbild: Matt Kennedy / Annapurna Pictures, LLC. All Rights Reserved.
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Ein Job mitten im parlamentarische Geschehen: Franziska Gehrke berichtet über ihre Arbeit als Fachreferentin der Grünen im Bundestag
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Ich bin seit vier Jahren Referentin für Demografie und Jugendpolitik bei der Grünen-Fraktion im Bundestag. Meine Hauptaufgabe besteht darin, den Fraktionsvorstand und die Abgeordneten, die in dem Themenfeld politisch aktiv sind, zu beraten und mit ihnen zu erarbeiten, was wir politisch fordern und nach vorne stellen. Es geht darum, Positionierungen zu erarbeiten und gemeinsam zu überlegen, wie die Fraktion auf Einwürfe der Bundesregierung oder der anderen Fraktionen reagiert.
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Meine anderen Aufgaben leiten sich weitgehend von diesen Inhalten ab. Ich formuliere Anträge und Positionspapiere, tausche mich mit Verbänden und Fachexperten aus oder entwickle Veranstaltungskonzepte. Als im vergangenen Jahr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, habe ich beispielsweise eine große Konferenz zu geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Deutschland organisiert. Wir haben mit Expertinnen und Experten diskutiert, wie gute Integration in den Schulen, Kitas, den Flüchtlingsunterkünften oder in den Unis gelingen kann. Die Ergebnisse sind im Anschluss in ein Positionspapier der Bundestagsfraktion und verschiedene parlamentarische Anträge eingeflossen.
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Mein Werdegang zur Referentin verlief „klassisch“. Ich habe Politikwissenschaften studiert und im Rahmen meines Studiums ein dreimonatiges Praktikum bei einer Abgeordneten der Grünen-Fraktion gemacht. So bekam ich nicht nur eine erste Orientierung, sondern auch Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen, die mir wenig später davon erzählten, dass eine Stelle für eine studentische Mitarbeiterin ausgeschrieben wurde. Ich habe mich beworben und zwei Jahre als studentische Mitarbeiterin im Büro der damaligen Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen, Renate Künast, gearbeitet. Der Anschluss hat danach wieder sehr gut gepasst. Als meine heutige Referentenstelle intern ausgeschrieben wurde, hatte ich gerade mein Studium beendet. Ich habe mich beworben und bin Referentin geworden.
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In mein Thema bin ich im Laufe der Zeit hineingewachsen. Im Studium spielten Demografiefragen keine große Rolle. Während meiner Tätigkeit als studentische Mitarbeiterin hatte ich jedoch immer wieder mit Themen zu tun, die im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel stehen.
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Inzwischen bin ich also mittendrin im politischen Geschehen. Nach politischer Macht fühlt sich das trotzdem nicht jeden Tag an. Ich arbeite für eine Oppositionsfraktion, der tatsächliche Einfluss, Dinge umzusetzen, ist dadurch ziemlich begrenzt. Manchmal finde ich es schon schade, dass die erarbeiteten Anträge in den Ausschüssen oder im Parlament in aller Regel abgelehnt werden. Das kann frustrieren, aber wer weiß, wie es im Herbst 2017 aussieht.
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Parteimitglied bin ich nicht. Allerdings teile ich die Werte der Partei. Ich denke, dass man in diesem Umfeld und in der Funktion nur arbeiten kann, wenn man mit der Politik und mit den Grundwerten der Partei übereinstimmt. Ob ich mal in die Partei eintrete, weiß ich nicht. Ich hätte nichts dagegen, aber so fühle ich mich neutraler in meiner Beraterfunktion. So passiert es auch nicht, dass sich Funktionen vermischen. Wenn Kollegen innerhalb der Partei eine andere Funktion haben als in der Arbeitswelt, kommt das schon vor.
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Referent werden – wie geht das?
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Den ersten Kontakt und die erste Orientierung bekommt man in der Regel in einem Praktikum während des Studiums der Politikwissenschaften. Manchmal ergeben sich daraus weitere Kontakte und Vorteile, wenn etwa studentische Mitarbeiterstellen besetzt werden. Referentenstellen gibt es nicht nur beim Bundestag, sondern auch in den Landtagen, bei der EU, in Ministerien oder bei politischen Stiftungen.
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Und was verdiene ich da?
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Bezahlt werden Referenten nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst in der Entgeltgruppe 13. Im ersten Berufsjahr entspricht das 3.573 Euro monatlich.
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Obwohl ich wusste, worauf ich mich einlasse, war ich am Anfang überrascht, dass ich nicht nur Aufträge bekomme, sondern selbst mit Ideen zu meinen Vorgesetzten gehen kann. Ich arbeite nicht nur zu, sondern bin gehalten, aus eigener Initiative zu beraten. Mir macht das großen Spaß, und es motiviert mich, mit Kreativität und Eigeninitiative an die Arbeit zu gehen. Was mir an meinem Job auch gefällt, ist, dass er sehr abwechslungsreich ist. Empfehlen kann ich meinen Job auf jeden Fall. Ich finde mein Aufgabenfeld auch nach vier Jahren noch total spannend und lerne ständig Neues dazu.
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Wenn jemand sich vorstellen kann, in diesem Beruf zu arbeiten, würde ich dringend dazu raten, Praktika in dem Bereich zu machen und selbst Erfahrungen im politischen Raum zu sammeln. Als studentische Mitarbeiterin habe ich schon vieles mitbekommen, was ich im Studium niemals gelernt hätte. Dabei geht es um ganz unterschiedliche Dinge, zum Beispiel darum, wie das politische Berlin tickt, wie Fraktionen funktionieren und dass jede Partei ein ganz eigenes System mit einer speziellen Funktionsweise ist.
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Franziska Gehrke, Referentin für Demografie und Jugendpolitik Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag
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Illustration: Frank Höhne
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Bettina Wilperts Debütroman „Nichts, was uns passiert“ erzählt von Sex, Einvernehmlichkeit und den widersprüchlichen Erinnerungen an eine Nacht mit Folgen
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Wen interessiert’s? Ganz Leipzig. Ein Doktorand, heißt es, habe eine Studentin vergewaltigt. „Solche Dinge passieren eben“, sagt der Verdächtigte über den aus seiner Sicht einvernehmlichen Sex, und das Schlimme daran ist, dass solche Dinge, wie sie in diesem Buch erzählt werden, wirklich ständig passieren. Insofern ist bereits der Titel eine Fadenscheinigkeit. „Nichts, was uns passiert“ ist das Buch zum Hashtag (#MeToo), der inzwischen, den Gesetzmäßigkeiten der digitalen Erregung gemäß, bereits von den nächsten (#MeTwo und #SheToo) abgelöst wurde. Bald jähren sich die ersten öffentlichen Vorwürfe um Harvey Weinstein, der von den sozialen Netzwerken aus eine Sexismusdebatte ins Rollen brachte. Weltweit berichteten Frauen von ihren Erfahrungen, die Bandbreite reichte von anzüglichem Lächeln über zu lange Umarmungen bis hin zur Vergewaltigung.
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Mit einer solchen haben wir es in Bettina Wilperts Roman zu tun. Oder etwa nicht? Seine Protagonisten lernen sich während der Fußball-WM kennen. Aus Skepsis wird Sympathie, er mansplaint ihr ein bisschen ihre Lieblingsautoren, sie verbringen Bibliothekszigarettenpausen und ein paar Mal die Nacht zusammen, so wie man das eben macht mit Ende zwanzig. Jonas, der gerade aus einer siebenjährigen Beziehung kommt, fürchtet sich vor Annas Liebeswunsch (der im Kopf der meisten Männer scheinbar zu Frauen gehört wie ihre Handtasche) und beendet „die Sache“, noch bevor sie richtig begonnen hat. Bei der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Freundes haben die beiden enorm Betrunkenen ein letztes Mal Sex. Jonas sagt: Betrunken, aber einvernehmlich, schließlich mit Kondom! Anna sagt: Gegen meinen Willen.
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Nein heißt Nein, auch hierzu gibt es einen Hashtag. Das Sexualstrafrecht in Deutschland wurde Ende 2016 überarbeitet, sodass nun der Grundsatz nun gilt, dass bestraft wird, „wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt“. Hat Anna Nein gesagt, gelallt, und, wenn ja, hat Jonas es nicht gehört, oder wollte er es nicht hören? Hat er blaue Flecke auf ihrem Handgelenk hinterlassen, die, als es zwei Monate später zur Anzeige kommt, längst verheilt sind? Lügt Anna, um sich für Jonas’ Ablehnung zu rächen? Oder ist dieser eben doch nicht der brave Frauenversteher, für den ihn alle halten?
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Aus diesen Fragen werden im überschaubaren Leipzig, wo auch die 1989 geborene Autorin lebt, erst Mutmaßungen und schließlich Verleumdungen, weil so eine „Sache“ ja niemals nur die Betroffenen betrifft. Dem Protagonisten wiederfährt das, was vor einigen Monaten von einem deutschen Feuilletonisten als „Hexenjagd“ bezeichnet wurde: Er verliert seine Doktorandenstelle, bekommt Hausverbot im besetzten Haus, Freunde wenden sich ab, seine Mutter wird auf offener Straße angespuckt. Anna hingegen verspielt Teile ihrer Glaubwürdigkeit, indem sie ihr traumatisches Erlebnis mithilfe Dutzender One-Night-Stands verarbeitet. Denn, so viel steht fest: Traumatisiert ist Anna, die Frage ist, wie weit sich dieses Trauma in ihrem eigenen Kopf abspielt. Erinnerung funktioniert in Schemen, nicht in Schubladen, heißt es an einer Stelle.
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Wilpert wählt eine nüchterne Sprache und die indirekte Rede. Es ist die Perspektive eines oder einer unbeteiligten Dritten, der oder die „Interviews“ mit den Betroffenen und den Menschen aus deren Umfeld führt, wobei unbeteiligt natürlich nicht stimmt. Plötzlich werden andere Vergewaltigungsopfer durch Jonas’ bloße Anwesenheit getriggert, erinnert sich seine Ex-Freundin an fliegende Geschirrtücher im Pärchenurlaub und seine Studentinnen an sexistische Sprüche. Und hat Anna etwa Daddy Issues?
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Die Stärke dieses literarischen Debüts ist, dass es keine klaren Verhältnisse schafft. Somit berührt es eine andere große Debatte unserer von twitternden Präsidenten bestimmten Gegenwart. Annas Vergewaltigung als Kategorie Fake News? Kurz bevor eine „Sache“ das Leben zweier Menschen für immer verändert, stimmen die Geburtstagsgäste ein Lied von Bertolt Brecht an: „Denn für dieses Leben/ist der Mensch nicht schlau genug/niemals merkt er eben/allen Lug und Trug.“ Und damit ist eigentlich alles gesagt.
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Du willst es genauer wissen? In Deutschland gilt: Wer Sex nicht will, muss das deutlich sagen. Nur, wo beginnt Sexual Consent und wo ist Schluss? Fünf Leute berichten vor der Kamera
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Titelbild: linonono
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Früher hieß Bollewick in Mecklenburg-Vorpommern das „stinkende Dorf“. Nach der Wende wäre der Ort fast ausgestorben. Wieso kam es nicht dazu?
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In einer Scheune kann man Tiere unterbringen oder eine Menge Heu. Man kann Leute, die Lust auf Landleben und keinen Heuschnupfen haben, im Stroh übernachten lassen. Man kann Partys in der Scheune feiern oder alte Autos darin abstellen, man kann die Scheune anzünden, um die Versicherung zu betrügen, oder einfach verfallen lassen. Für all das gibt es in der deutschen Provinz viele Beispiele.
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In Bollewick aber, einem Dorf unweit der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern, hatten die Leute noch andere Ideen. Die Scheune dort ist ziemlich groß, 125 Meter lang und 34 Meter breit. Damit, so dachten sich die Bollewicker, muss sich doch noch mehr anstellen lassen.
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Heute kann man in der Scheune übernachten, nicht im Stroh, sondern in bequemen Betten. In einem richtigen Hotel. Es gibt auf zwei Etagen Lebensmittelstände mit Wurst, Honig oder Sanddornsaft aus Mecklenburg, einen Bäcker und sogar einen Friseur. Im Grunde genommen müsste man nie mehr raus aus diesem dörflichen Shoppingcenter, es ist alles da.
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Die Scheune ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Orte verändern können. Und dafür, wie ihnen Menschen eine neue Bedeutung geben, neues Leben einhauchen. Früher, zu DDR-Zeiten, war die Scheune ein Ort, um den die Menschen einen großen Bogen machten. „Das stinkende Dorf“ wurde Bollewick genannt. 650 Kühe lebten zusammengepfercht in der Scheune, nachdem die DDR-Führung viele kleine Bauernhöfe in einer riesigen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) kollektiviert hatte. Die sozialistische Massentierhaltung vergiftete die Böden und die Gewässer im Umland, für den Protest gegen diese Umweltverschmutzung geriet man schnell ins Visier der Stasi. So erging es auch Bertold Meyer, der vor 62 Jahren in Bollewick geboren wurde und erlebte, wie seine Eltern ihre Selbstständigkeit als Bauern verloren – und wie das Land vergiftet wurde. Erst mit der Wende kam für ihn die Gelegenheit, in seinem Heimatort die Dinge zum Besseren zu verändern. „Wolfserwartungsland“ oder „Altersheim der Nation“, so habe man Anfang der 1990er-Jahre über viele Regionen in Mecklenburg-Vorpommern gelästert, weil die Menschen in Scharen weggezogen seien, nachdem die meisten DDR-Betriebe dichtmachten. „Auch heute noch reden viele von Dunkel-Deutschland, wenn sie Orte wie diesen meinen“, sagt Meyer, der nach der Wende ehrenamtlicher Bürgermeister wurde – wohl weniger, weil er es wollte, sondern weil sonst niemand Lust auf den Job hatte. Und auch, weil er schon ein paar Ideen hatte, wie der aussterbende Ort seinem Schicksal entgehen könnte.
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Dabei war die Scheune der Beginn vom Neuanfang. Meyer verhinderte, dass sie abgerissen wurde. Die Trümmer hätten im ohnehin kontaminierten Dorfteich versenkt werden sollen. Stattdessen ging die Scheune in den Besitz der Gemeinde über. Zunächst hatte er gehofft, dass irgendein Aldi oder Lidl einzieht, aber die winkten alle ab. Zum Glück. Schließlich bekam Meyer Zuschüsse von EU, Bund und Land für seinen Plan, die größte Feldsteinscheune Deutschlands zu renovieren. Dass sich viele Touristen locken ließen, lag auch an der Nähe zur Mecklenburgischen Seenplatte.
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Mittlerweile kommen im Jahr mehr als 100.000 Besucher, 70 Menschen haben in der Scheune Arbeit. Manche von ihnen pflegen noch alte Handwerksberufe wie Kürschner oder Holzdrechsler und verkaufen die Produkte direkt aus der Werkstatt.
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Die Scheune war der Beweis, dass sich in Bollewick was machen ließ. Meyers Tatendrang war belohnt und noch mal gesteigert worden. Das nächste große Ding war dann die Sache mit dem Mist.
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Die Inspiration kam ihm, als Mitte der Nullerjahre mal wieder ein durchreisender Experte in der Scheune einen Vortrag hielt, diesmal über regenerative Energien. Im kleinen Bürgermeisterbüro in der Scheune fragte der Experte an-schließend, warum man denn in Bollewick von der krumm gewachsenen Rübe über das gemähte Gras bis hin zu den Holzabschnitten vom Wegesrand alles wegschmeiße? Ob sie denn noch nie etwas davon gehört hätten, dass all das in kleinen Kraftwerken schön vorsich hingären könne, um die umliegenden Haushalte mit Strom und Wärme zu versorgen. Worte, die in Bollewick wie Samen auf fruchtbaren Boden fielen.
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Heute ist Bollewick ein sogenanntes Bioenergiedorf. Das heißt, es produziert den Strom, den die Menschen benötigen, in Biogasanlagen. „Bollewick ist nicht unbedingt schön“, sagt Meyer. „Aber wir haben erkannt, welches Potenzial unser Dorf hat.“ Mit einem Lächeln zeigt er auf den Gehweg. Darunter sind die Nahwärmerohre verlegt, die das Dorf mit Warmwasser versorgen. Wie eine Fußbodenheizung sei das im Winter. Die Leitung verläuft entlang der Durchgangsstraße. Im Minutentakt fahren Traktoren und Güllewagen vorbei. An einem lindgrünen Holzhaus biegen sie in einen Feldweg ab. Im hinteren Teil des kleinen Hauses sind die Wärmepumpen fürs Dorf untergebracht; im vorderen bekommt man rund um die Uhr Grillfleisch, Käse aus der Region oder frische Milch aus dem Automaten.
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Eine der zwei Biogasanlagen steht auf dem Land von Hendrikus van der Ham, der vor 14 Jahren aus den Niederlanden hierherzog, um den Hof eines verstorbenen Bauern zu übernehmen. Damals war er 24. In seiner Heimat könne man sich kaum noch etwas Eigenes aufbauen, so teuer sei Ackerland dort, sagt van der Ham. Der Strom, den er zusam- men mit seinem Nachbarn aus Gülle und Pflanzen produziert, reicht für etwa 3.000 Haushalte, viel mehr, als es in Bollewick gibt.„Ich mach aus Scheiße Gold, könnte man sagen“, lacht van der Ham. Ob die Dorfbewohner ihn als Eindringling sehen? „Nein.Die sind froh, weil es billiger ist als Heizöl und das Geld nicht bei Putin landet, sondern in ihrer Region bleibt. Und wir schaffen Arbeitsplätze. Über fünf Millionen Euro hat die Umrüstung in ein Bioenergiedorf gekostet, einen Großteil davon haben die Landwirte übernommen.
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Es gibt nun sogar LED- Straßenlampen. Und es gab den Traum von einem Elektrobus, der von einem Windrad gespeist wird, aber ein seltener Vogel brütet in der Nähe und hat den Bau verhindert. Dennoch gibt es seit ein paar Wochen wieder einen öffentlichen Nahverkehr in Bollewick. Die drei Kleinbusse fahren die Dorfbewohner auf Abruf selbst.
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Bollewicks Einwohnerzahl ist seit der Wende gestiegen. Viele finden im Dorf Arbeit, andere pendeln in größere Orte, manche kommen auch nur am Wochenende. Wie viele Menschen hier ihre Zukunft sehen, zeigen auch die drei Kindertagesstätten. Das Dorf gehört zu den jüngsten Gemeinden der Region. Und das, obwohl Bollewick auch ältere Menschen anlockte.
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Menschen, die gemeinsam alt werden wollen, sollten sich hier ansiedeln. Diese Idee scheiterte jedoch: Zwölf bunt gestrichene Holzhäuser stehen hufeisenförmig in der neu angelegten Straße, „Unterm Regenbogen“ heißt sie. Viele zogen aus Westdeutschland hierher. Jetzt seien sie untereinander so zerstritten, dass einige ihr Haus wieder verkaufen wollen. Andere haben es nie bezogen. „Ein paar Rückschläge gehören dazu“, kommentiert Bertold Meyer.
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Ein Dorf in Deutschlands Osten, das Menschen anzieht, wo doch sonst nur von Orten die Rede ist, die aussterben. Ein Dorf auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg als Labor für Innovationen: Mittlerweile interessiert man sich auch andernorts dafür, wie Bollewick sein Comeback geschafft hat. Aus vielen Ländern kommen Unternehmer und Politiker zu Besuch. Sie wollen ihre Dörfer in Russland, Brasilien oder Vietnam lebenswerter machen. Die Besucher bestaunen dann die Scheune, sie kaufen handgemachte Kleidung oder Seidenblumen, essen Würste aus Mecklenburg und lassen sich über die Energiegewinnung aufklären. Und sehr schnell wird ihnen klar, dass das wichtigste Kraftwerk nicht auf dem Feld herumsteht. Es hat seinen Sitz in einem kleinen Büro in der Scheune.
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Stephen Bannon hat die rechtspopulistische Medienplattform Breitbart in den USA groß gemacht, Trumps Wahlkampf geleitet und soll Chefstratege im Weißen Haus werden. Breitbart expandiert unterdessen nach Deutschland
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„Die Lösung für Online-‚Belästigung‘ ist einfach: Frauen sollten sich abmelden“, „Verhütung macht Frauen unattraktiv und verrückt“, „Hängt sie hoch und stolz: Die Konföderierten-Flagge kündet von einem ruhmreichen Erbe“ – die Überschriften von „Breitbart News“ legen mitunter nahe, dass Holzhämmer im Werkzeugkasten der Redaktion noch zu den subtileren Instrumenten gehören. Die dazugehörigen Texte rangieren irgendwo zwischen sehr meinungsfreudig und beinahe volksverhetzend. Die Lieblingsthemen – das politische Establishment, der Islam, Einwanderung und Gleichberechtigung – sind gleichzeitig die erklärten Feindbilder.
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Gegründet vom konservativen Journalisten Andrew Breitbart, der zuvor unter anderem bei der „Huffington Post“ gearbeitet hatte, entwickelte sich die Website schnell zu einem Sprachrohr des Tea Party Movement, jener ultrakonservativen Bewegung, die vor allem zu Beginn von Barack Obamas Präsidentschaft durch lautstarke öffentliche Proteste gegen ein einheitliches staatliches Gesundheitssystem und für Steuersenkungen aufgefallen war. Andrew Breitbart starb 2012 im Alter von 43 Jahren an Herzversagen, sein Nachfolger Stephen Bannon baute die Website in den folgenden Jahren zu einer, wie er selbst sagt, zentralen Plattform der „Alt-Right“-Bewegung aus. Unter dem Sammelbegriff dieser „alternativen Rechten“ finden sich allerlei Menschen mit rassistischen, islamophoben, antisemitischen, homophoben und frauenfeindlichen Ansichten – Leute, bei denen es auf fruchtbaren Boden fällt, wenn Hillary Clintons enge Mitarbeiterin Huma Abedin in die Nähe von islamistischen Terroristen gestellt oder die frühere demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords, die eine Massenschießerei vor fünf Jahren knapp überlebt hat, als „menschliches Schutzschild“ der Waffenkontroll-Bewegung bezeichnet wird. Die Verbreitung der Breitbart-Inhalte über Social-Media-Plattformen wie Facebook ist überdurchschnittlich hoch.
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Stephen Bannon, den Andrew Breitbart einmal bewundernd als „Leni Riefenstahl der Tea-Party-Bewegung“ bezeichnet hatte, wurde im August von Donald Trump als Chef in sein Wahlkampfteam geholt, in dem es gerade drunter und drüber ging. Eine selbst für US-Verhältnisse ungewöhnliche Verquickung von Medien und Politik, auch wenn Bannon seine Tätigkeit bei Breitbart offiziell ruhen ließ.
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Nach dem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen soll Bannon Trumps Chefstratege im Weißen Haus werden. Dagegen gibt es mehrere Internet-Petitionen mit überschaubarem Zulauf, aber der frühere Ku-Klux-Klan-Anführer David Duke und die American Nazi Party haben diesen Vorschlag ausdrücklich begrüßt. Breitbart hat unterdessen angekündigt, den medialen Output erhöhen und Dependancen in Frankreich und Deutschland errichten zu wollen – offenbar mit dem Ziel, rechte Politiker bei den dort anstehenden Wahlen zu unterstützen. Marion Maréchal-Le Pen, Nichte der Front-National-Chefin Marine Le Pen, könnte sich eine Zusammenarbeit mit Breitbart jedenfalls schon mal gut vorstellen, wie sie zu Protokoll gab.
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Dierk Borstel, Professor für Praxisorientierte Politikwissenschaft an der FH Dortmund, sieht Breitbart als „politische Kampagnenplattform mit journalistisch anmutender Aufmachung“, deren Chancen auf dem deutschen Markt er als gut einschätzt: Etwa zehn Prozent der Bevölkerung verfügten über Einstellungen, die dem Rechtspopulismus zugrunde liegen. Eine Plattform wie Breitbart könnte seines Erachtens vor allem jene ansprechen, die sich vom bestehenden demokratischen System nicht mehr vertreten fühlen, seriösen Journalismus als „Lügenpresse“ beschimpfen und sich in rassistischen Vorstellungen bestätigt fühlen wollen, ohne dabei als Rechtsextremisten zu gelten.
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In den USA hat Breitbart mehr Besucher als die Webseiten von „New York Post“, ABC News oder „Time“, im Oktober waren es mehr als elf Millionen einzelne Besucher. Angebote wie die Publikationen des Kopp-Verlags, das rechtspopulistische Magazin „Compact“ von Jürgen Elsässer oder die Website PI News, die hierzulande durchaus schon ein Publikum erreichen und mit ihren (teilweise abgesagten) Veranstaltungen mediale Aufmerksamkeit erzielen, wirken dagegen eher wie Nischenprodukte.
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Nun könnte man einwenden, dass sich die Medienlandschaften in Deutschland und den USA sehr stark voneinander unterscheiden und es hier auch nie einen Sender wie Fox News gegeben hat (der konservative Moderator Glenn Beck, der früher bei Fox News war, hat Breitbart News und Bannon jüngst dafür kritisiert, der „Alt-Right“-Bewegung eine Stimme zu geben). Auch unterscheidet sich die politische Landschaft in den USA sehr von der in Deutschland. Aber der Zuwachs, den rechtspopulistische Parteien in ganz Europa erleben, ist nicht zu leugnen.
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So sieht Dierk Borstel bei allen Unterschieden zwischen Trump- und AfD-Wählern dann auch einige Gemeinsamkeiten: „die Entfremdung vom bestehenden demokratischen System und seinen tragenden Säulen und Repräsentanten, der Glaube an eine lügende Presse, das Gefühl, in sozialer und kultureller Gefahr zu sein, und dazu noch die Lust, jeglichen politisch-menschlichen Anstand gegenüber Minderheiten, aber zum Teil auch gegenüber emanzipierten Frauen endlich über Bord werfen zu dürfen“. Dies sei eine internationale Bewegung, die sich gegen die Idee der offenen und liberalen Gesellschaft wende.
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Borstel beobachtet derzeit eine „doppelte Radikalisierung“ – am äußersten rechten Rand zur Gewalt und in Teilen der Mitte der Gesellschaft zum Rechtspopulismus, wie die Erfolge der AfD, aber auch Straßenbewegungen wie Pegida zeigten. Wie erfolgreich Breitbart in diesem politischen Klima sein könne, hänge davon ab, wie das konkrete Angebot aussehen wird. In den anhaltenden Diskussionen über Flüchtlinge und den Islam sieht er aber mindestens zwei Themen mit Mobilisierungspotenzial.
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Der Aufstieg der AfD ist den Redakteuren bei Breitbart nicht entgangen, bei Twitter bekundeten AfD-Vertreter schon einmal Sympathie für die Expansionspläne der Plattform nach Deutschland. Laut Breitbart-Chefredakteur Alexander Marlow laufen schon Gespräche mit Journalisten in Deutschland, die die deutsche Plattform aufbauen sollen. Vielleicht findet er welche bei der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“, über die AfD-Vize Alexander Gauland einmal gesagt hat, wer AfD-Wähler verstehen wolle, müsse die „Junge Freiheit“ lesen. Bei Facebook gibt es andererseits bereits einen Aufruf an Berliner Immobilienbesitzer, ihre Räumlichkeiten nicht an Breitbart zu vermieten.
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Immer weniger Christen leben im Westjordanland. Aber die Familie Khoury hat sich entschieden, zu bleiben und Bier zu brauen – für alle Bewohner dieses Landstrichs
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Zwischen Jerusalem und Nablus, umgeben von drei jüdischen Siedlungen, sechzehn muslimischen Dörfern und drei Weinbergen liegt Taybeh, die letzte Hochburg des Christentums im Westjordanland. Das Bergdorf mit seinen Kirchen, dem Kloster und einer byzantinischen Ruine haben die 1.400 palästinensischen Christen aus Taybeh fast ganz für sich allein. Das gibt es sonst nirgendwo im Westjordanland: Lediglich zwei Prozent der Gesamtbevölkerung machen Christen hier noch aus. Und auch sie verlassen die Region, um in Australien, Kanada und den USA ein friedliches Leben zu führen. Fernab von diesem Landstrich, der unter israelischer Kontrolle steht und dessen Bevölkerung mehrheitlich muslimisch ist.
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„Auch Taybeh ist auf zehn Prozent seiner ursprünglichen Größe geschrumpft“, erklärt Canaan Khoury. Seine Familie ist jedoch geblieben und betreibt ein Hotel mit angeschlossener Brauerei und Winzerei. Sechs Biersorten und sechs Weine, vier rote, zwei weiße, werden hier produziert, im Keller stehen unzählige Holzfässer für den Wein und fünf silberglänzende Tanks für das Bier. Sogar eine einheimische Rebsorte haben die Khourys wiederbelebt: „Die Zeini-Rebe wächst auch in Syrien und schmeckt ganz einzigartig, irgendwie nach Apfel und Pfirsich“, sagt Canaan und öffnet eines der Fässer, um eine Kostprobe des edlen Tropfens zu geben.
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In der Euphorie nach dem Priedensprozess von Oslo, als Israel und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) einander erstmals offiziell anerkannten und den Palästinensern für eine Interimsphase eine autonome Verwaltung des Gazastreifens und des Westjordanlandes zugesprochen wurde, hat Canaans Vater, Nadim Khoury, 1994 das Familienunternehmen gegründet. Der langjährige PLO-Chef und Palästinenserführer Jassir Arafat höchstpersönlich hat ihm damals seinen Segen gegeben: „Mit Gottes Willen, brau dein Bier!“, soll er gesagt haben. Ein Bild auf Nadims Schreibtisch verewigt den Moment des Handschlags. Der Name Khoury bedeutet auf Arabisch Priester, und in der Tat gibt es davon in der Familie 13 Stück. „Der Vorname meines Vaters, Nadim, bedeutet jedoch Saufkumpan. Vielleicht hat das unsere Berufung verändert“, fügt Canaan lachend hinzu.
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Die Zutaten für das Getränk bezieht die Familie aus der ganzen Welt: Malz kommt aus Belgien, Hopfen aus Deutschland und Hefe aus Großbritannien. „Wir brauen nach dem deutschen Reinheitsgebot“, sagt Nadim Khoury stolz. In Anzug und Krawatte inspiziert er das heutige Bräu. Vor zwei Wochen war die Familie zu Besuch in Nürnberg, um sich bei der Fachmesse BrauBeviale mit den neuesten Trends der Bierkultur vertraut zu machen. Deutschland sei das erste Land gewesen, das Taybeh-Bier vertrieben habe. Mittlerweile findet man es sogar in Bars in Israel, wo es eher schwierig ist, Produkte aus dem Westjordanland zu vertreiben. Nadim Khoury deutet auf ein riesiges Poster an der Hausfassade. Eine Werbung für das Oktoberfest, das sie vor einem Monat in Taybeh veranstaltet haben. Es ist mittlerweile eines der größten Events in Palästina – dieses Jahr sind 16.000 Menschen gekommen. Seit 2005 veranstaltet die Brauerei das Fest. Lediglich während des Gazakriegs 2014 ist es aus Respekt gegenüber den Opfern ausgefallen. „In diesem Jahr hat eine Gruppe sogar den Schuhplattler getanzt“, erzählt Nadim und klatscht auf seine Oberschenkel. Nicht nur Christen, sondern auch viele Moslems seien gekommen, trotz ihrer religiösen Zurückhaltung dem Alkohol gegenüber. „Natürlich trinken sie“, sagt Nadim. „Niemand glaubt ja auch im Ernst, alle Christen hätten keinen Sex vor der Ehe.“
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Probleme mit den muslimischen Nachbarn gebe es in der Regel keine, betont Canaan. Eine andauernde oder systematische Benachteiligung aufgrund seiner Religion habe er in seinem Leben glücklicherweise nie erfahren müssen, so der 25-Jährige. Man könne die Situation nicht mit der im Libanon, in Syrien oder in Ägypten vergleichen, wo Christen zunehmend diskriminiert werden. „Wir haben hier wahrscheinlich genug mit den Israelis zu tun, so dass wir nicht auch noch untereinander Streit anfangen können“, überlegt Canaan. Die muslimischen Arbeiter hätten am Anfang ein wenig gezögert, an der Herstellung eines verbotenen Getränks mitzuwirken, das war dann aber auch schon alles. Das Problem sei eher, dass die meisten Christen ihr Glück lieber an anderen Orten der Welt versuchen. Auch Canaan hat im Ausland studiert. Aber nach seinem Abschluss in Winzerei ist er nach fünf Jahren aus den USA nach Palästina zurückgekehrt. Es sei eine Entscheidung der emotionalen Art gewesen. „Besonders viel Sinn macht es nicht“, findet auch Madees Khoury, Canaans Schwester. Auch sie war lange fern der Heimat: 14 Jahre lang hat sie in Boston gelebt und studiert.
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Gemeinsam hat die Familie Khoury 2013 die Winzerei gegründet. Aber es ist schwierig, im Westjordanland ein profitables Geschäft zu betreiben. Seit der zweiten Intifada – dem fünfjährigen Konflikt zwischen Israel und Palästina, an dessen Beginn der Besuch des israelischen Politikers Ariel Scharon auf dem Tempelberg stand – hat sich der Tourismus nie wieder ganz erholt. Außerdem besitzen Palästinenser keine ausgeprägte Weinkultur. Das Unternehmen beruht größtenteils auf Exporten ins Ausland. Aber die Infrastruktur im Westjordanland macht internationalen Handel zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit: Lediglich an den wenigen kommerziellen Checkpoints können Waren in Richtung Mittelmeer, zu den Häfen von Haifa und Akko, transportiert werden. Manchmal werden die Lastwagen vom israelischen Militär zurückgewiesen. „Den genauen Grund erfahren wir selten“, sagt Canaan und klingt resigniert. Oder aber es herrscht dort so viel Andrang, dass die Ware tagelang in der Sonne warten muss und das Bier schließlich schal wird. „Dann müssen wir die Ladung wieder zurücknehmen und eine neue schicken.“ Hinzu kommt der chronische Wassermangel. Die drei jüdischen Siedlungen am Fuße des Berges von Taybeh hätten privilegierten Zugang zu Wasser, sagt Canaan. An sieben Tagen die Woche würden die Einwohner dort mit fließendem Wasser versorgt, während palästinensische Ortschaften oft nur ein- bis zweimal pro Woche für mehrere Stunden Wasser erhielten. Die Khourys haben deswegen einen unterirdischen Wasserspeicher gebaut. „Außerdem fülle ich immer die riesigen Biertanks, sobald wir Wasser haben. Davon zehren wir dann die ganze Woche.“
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An diese Hindernisse haben sich die Khourys mittlerweile gewöhnt. Der Konflikt ist selbstverständlicher Teil des Alltags: „Ich denke gar nicht mehr darüber nach, warum es eine Straßenblockade gibt. Ich fahre einfach einen anderen Weg“, sagt Canaan und gibt damit ein gelebtes Beispiel für die Mentalität vieler Bewohner des Westjordanlandes. Als man jedoch einen Teil der Weinanbaufläche wegen „Sicherheitsmaßnahmen“ beschlagnahmt hat oder als einmal Siedler ein ganzes Weizenfeld niederbrannten, da habe er schon schlucken müssen, gibt er zu. Das seien die Momente, in denen er sich wieder nach dem unbeschwerten Leben in Kalifornien sehne. Aber das Familienunternehmen habe ihn gebraucht. Der Großvater habe ihn angefleht, zurück in die Heimat zu kommen. „Und wenn die Menschen, die es schaffen, hier etwas auf die Beine zu stellen, auch noch gehen, dann gibt es für diese Region wirklich keine Hoffnung.“
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Heute Abend verkaufen die Khoury-Geschwister gemeinsam Honig, Olivenöl und Glühwein auf einem der beiden Weihnachtsmärkte in Ramallah. „Mein Bruder macht den Glühwein nach dem deutschen Rezept“, erklärt Madees. Rotwein, Orangen, Zimt, Sternanis. „Die Leute fanden heißen Wein anfangs natürlich sehr seltsam“, erinnert sich Canaan. „Aber er ist süß. Und Palästinenser lieben alles, was süß ist.“
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Bilder: Yaakov Israel
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Mr. Filterbubble hat gerufen und Hunderte sind gefolgt. In einem von Eli Pariser angelegten Google Doc werden eifrig Vorschläge gesammelt, wie auf Facebook Fake-News bekämpft werden können
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Der Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl war für viele progressive US-Amerikaner ein ziemlicher Schock. Und wie immer, wenn Schocks verarbeitet werden, hilft es, einen Schuldigen auszumachen. Im Fall der US-Wahl soll unter anderem Facebook auf die Anklagebank. Der Vorwurf: Das soziale Netzwerk hat nichts dagegen unternommen, dass massenhaft falsche „Nachrichten“ Stimmung gegen Hillary Clinton gemacht haben.
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Andererseits schützt die US-Verfassung auch die exotischsten Ansichten in Wort, Bild und Schrift als freie Meinungsäußerung, und das finden eigentlich auch die meisten Amerikaner gut so. Es sieht also ganz nach einem Dilemma aus: Wie kann man die Flut an Fake-News auf Facebook eindämmen, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken?
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Auch Eli Pariser stellte sich diese Frage. Pariser ist Social-Media-Aktivist und Autor. Er hat für die Graswurzel-Aktivisten von moveOn.org gearbeitet und das Clicktivism-Start-up Avaaz.org gegründet. Und 2011 hat er ein inzwischen berühmtes Buch über die Filterbubble veröffentlicht. Seine These damals: Facebook und sein Algorithmus werden dazu führen, dass wir uns in einer hübschen personalisierten „Realität“ einrichten, die aber mit der echten Welt nicht so wahnsinnig viel zu tun haben muss: Eli Pariser, der Prophet!
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Deshalb war es logisch, dass nach der Wahl viele Leute auf die Idee kamen, Pariser um Rat zu fragen. Einziges Problem: Pariser hatte auch keine Ahnung. Aber er hatte eine Idee: Am 17. November, also neun Tage nach der Wahl, legte er ein Google-Dokument an und twitterte den Link an seine ca. 14.000 Follower: „Wenn ihr Facebook wärt, wie würdet ihr versuchen, Fake-News zu identifizieren/zu reduzieren? Ideen bitte hier rein …“
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Die ersten Sätze des Dokuments sind von Eli Pariser selbst: „Hallo, ich bin Eli. Ich hab mal mit diesem Dokument angefangen. Schreibt eure Ideen hier unten rein. Achtet darauf, dass ihr Schlüsselsätze fett markiert. Und schreibt euren Namen dazu. Und ihr könnt auch gerne Ideen klauen, wenn ihr sagt, wo ihr sie herhabt.“
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Was dann passierte, ist ein ziemlich beeindruckendes Beispiel für Schwarmintelligenz. Journalisten, Informatiker, Professoren oder Privatleute, alle haben sofort angefangen, mehr oder minder sinnvolle Vorschläge aufzuschreiben. Schon einen Tag später war das Dokument 19 Seiten lang. Mittlerweile sind es über 100, das Ding hat ein Inhaltsverzeichnis und ist so schön formatiert, wie es eine Einser-Abiturientin auch nicht besser könnte.
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Ein paar Leute haben sinnvolle existierende Projekte vorgestellt, wie etwa die Macher von PropOrNot: Das sind Privatmenschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, bei online geteilten Texten zu checken, ob ihre Quellen eigentlich russische Propagandaseiten sind. Andere machen Vorschläge, wie Facebook seriöser werden könnte. Zum Beispiel könnten alle Nachrichtenartikel eine Art Wahrheitsindex bekommen, der von seriösen Fact-Checking-Seiten wie mimikama im deutschsprachigen Raum oder snopes.com in den USA zugeteilt wird.
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Die meisten würden aber am liebsten gleich den Facebook-Algorithmus ändern. Der könnte zum Beispiel bei der Verteilung von Posts auf die Timelines nicht nur darauf achten, wie viele Leute eine Story teilen und liken, sondern auch, ob die Leute alle zum gleichen politischen Spektrum gehören und wie vertrauenswürdig die sind. Storys, die nur von Rechten geteilt werden oder von Accounts kommen, die viel Unsinn posten, wären dann seltener zu sehen.
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Was Eli Parisers Google-Doc-Schwarm in kurzer Zeit geleistet hat, ist enorm, er hat quasi ein wissenschaftliches Buch über Fact-Checking auf Facebook geschrieben. Die große Frage bleibt aber, ob Facebook Lust hat, über die Vorschläge auch nur nachzudenken. Schließlich ist Facebook vor allem eins: ein riesiges Unternehmen, das mit seinen teilgeilen Nutzern Geld verdienen will. Und Facebook-Chef Zuckerbergs Meinung zu dem Thema ist ja bekannt. Als er auf einer Konferenz kurz nach der US-Wahl gefragt wurde, ob er sich vorstellen kann, dass Facebooks Algorithmus etwas mit dem Wahlausgang zu tun haben könnte, meinte er: Das ist verrückt!
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Illustration: Katharina Bourjau
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Dänemark galt mal als offen und tolerant. Heute regiert eine Sozialdemokratin, deren Ghettogesetze und Asylpolitik von Rechtspopulisten in ganz Europa beneidet werden
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Bilal arbeitet gerade im Café, als sein Handy klingelt. Seine Mutter. Es sei Post von der Einwanderungsbehörde gekommen: Sie, sein Vater und seine ältere Schwester sollen ausreisen – nach Syrien. Zurück in das Land, aus dem Bilals Familie nach Dänemark geflüchtet war, zurück ins Kriegsgebiet.
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Dänemark ist das erste Land in der Europäischen Union, das wieder Abschiebungen nach Syrien durchführen will, die wegen der Sicherheitslage im Land ausgesetzt waren. Rings um die syrische Hauptstadt Damaskus gebe es keine Kämpfe mehr, argumentiert die dänische Regierung. Damit sei die Region sicher. Schon 2019 und 2020 sprachen dänische Behörden einzelnen Syrer:innen aus dem Großraum Damaskus ihre Aufenthaltsgenehmigungen ab oder verlängerten sie nicht. Heute sind mehrere Hundert syrische Geflüchtete betroffen. Viele von ihnen kämpfen nun darum, dass sie und ihre Familien in Dänemark bleiben dürfen.
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Der Arabische Frühling war eine Welle von Protesten und Revolutionen in vielen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens. Dabei protestierten die Menschen vor zehn Jahren auch in Syrien für Freiheit, Gerechtigkeit und das Ende der Willkürherrschaft von Diktator Baschar al-Assad. Der antwortete mit Gewalt. Bald brach ein Bürgerkrieg aus, in den bis heute Staaten wie Russland, Iran, die Türkei oder Saudi-Arabien eingreifen. Mehr zum Thema seht ihr im Atlas des Arabischen Frühlings
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Auch Bilal lebte vor seiner Flucht mit seinen Eltern und drei Geschwistern in der Nähe von Damaskus. Er war gerade zehn, als sich 2011 Tausende Syrer:innen im sogenannten „Arabischen Frühling“ gegen das Regime Baschar al-Assads erhoben. Der Krieg hält bis heute an und kostete laut Schätzungen eine halbe Million Menschen das Leben. Mehr als zwölf Millionen Syrer:innen sind auf der Flucht, der größte Teil innerhalb Syriens und in benachbarten Staaten. Etwa 35.000 Syrer:innen kamen nach Dänemark, meist über die gefährlichen Mittelmeer- und Balkanrouten. Die Bomben, die Leichenteile, die Angst – all das wollte Bilal vergessen, als er in Dänemark ankam.
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„Wir haben alles hinter uns gelassen“, sagt Bilal am Telefon. Die Flucht nach Europa trat er vor fünf Jahren ohne seine Familie an: Sein Vater war vorausgegangen und holte die anderen nach. Heute lebt Bilal mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in Randers, einer beschaulichen Stadt in Jütland. In Sicherheit, aber nicht unbeschwert: „Der Krieg hat uns hart gemacht“, sagt Bilal. Zu viel sei passiert, ein neues Leben aufzubauen koste Kraft.
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Gerade versucht Bilal seinen Schulabschluss zu machen. Das mit dem Dänisch werde immer besser, aber viel Zeit zum Lernen habe er nicht. Um seine Familie zu unterstützen, fährt er mit dem Fahrrad Essen aus, arbeitet bei einer Zeitarbeitsfirma und im Café. Anders als Schwester, Mutter und Vater haben Bilal und seine Brüder politisches Asyl erhalten, weil ihnen als jungen Männern in Syrien Militärdienst droht. Die anderen sollen gehen. „Als ich davon erfahren habe, ließ ich alles stehen und liegen und bin nach Kopenhagen gefahren“, sagt Bilal.
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Seit die Entscheidung der Behörden im Frühling 2021 auch international bekannt wurde, rufen betroffene Syrer:innen und ihre Unterstützer:innen in verschiedenen dänischen Städten zu Demonstrationen auf. Mitte Mai errichteten sie ein Protestcamp vor dem Parlament in Kopenhagen, manche gingen sogar in den Hungerstreik. Bilal war nach einigen Tagen vor dem Parlament frustriert: Die Presse berichtete nur sporadisch. Und Mette Frederiksen, die dänische Ministerpräsidentin, habe absichtlich einen Nebenausgang des Parlaments benutzt, um den Fragen der Protestierenden zu entgehen.
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„Kennen die Dänen Caesar nicht?“, fragt Bilal. Caesar ist der Deckname eines Militärfotografen, der Tausende Bilder von misshandelten und getöteten Menschen aus syrischen Gefängnissen ins Ausland schmuggelte und anschließend nach Europa floh. Bilal fürchtet, dass seiner Familie das Schicksal von Caesars Motiven droht, wenn sie nach Syrien zurückkehren. Laut dem Syrischen Netzwerk für Menschenrechte sind allein 2019 mehr als 600 Menschen nach ihrer Rückkehr in Syrien verschwunden, 15 starben durch Folter.
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Dänemark listet bestimmte Wohngebiete offiziell als „Ghettos“ – in einem ist der verstorbene Dichter Yahya Hassan aufgewachsen
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Diese Zahlen scheinen die Regierung in Kopenhagen nicht umzustimmen. Dänemark versucht schon seit Beginn der 2000er-Jahre, mit einer strengen Asyl- und Integrationspolitik die außereuropäische Einwanderung ins Land zu verringern – etwa durch die sogenannten „Ghetto“-Gesetze in migrantisch geprägten Vierteln.
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Im Januar erklärte Ministerpräsidentin Frederiksen, dass sie die Anzahl neuer Asylanträge auf „null“ reduzieren wolle. Und kürzlich verabschiedete das Parlament ein Gesetz, aufgrund dessen Dänemark Asylsuchende ohne Verfahren in Länder außerhalb der Europäischen Union ausfliegen darf. Bis über ihren Asylantrag entschieden ist, sollen die Menschen dort in sogenannten Asylzentren ausharren, was von der Europäischen Union und der UNO kritisiert wurde. Einzelnen afrikanischen Staaten hat Dänemark bereits Geld und Unterstützung angeboten, um solche Asylzentren zu bauen. Bisher lässt sich kein Land darauf ein.
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Wie in anderen Ländern Europas sind rechtspopulistische Parteien in den vergangenen Jahren auch in Dänemark stärker geworden. Sie haben die politische Debatte verändert. Bei der letzten Parlamentswahl 2019 traten die dänischen Sozialdemokrat:innen deswegen mit einem gemischten Programm aus rechten und linken Positionen an: höhere Steuern für Reiche, mehr Geld für Bildung, aber auch härtere Einwanderungs- und Asylpolitik. Auch das könnte dazu beigetragen haben, dass die rechtspopulistische Dänische Volkspartei zwölf Prozentpunkte verlor.
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Dieser Strategie folgt womöglich auch die Entscheidung, die Region um Damaskus als sicher einzustufen und damit Abschiebungen theoretisch wieder möglich zu machen. Praktische Folgen hat das bisher noch nicht, denn abschieben kann nur, wer diplomatische Beziehungen zum Herkunftsland unterhält. Das ist zwischen Dänemark und dem Assad-Regime nicht der Fall. Die dänische Botschaft in Damaskus ist seit 2012 geschlossen. Genauso die deutsche Botschaft. Eine Möglichkeit, „Straftäter“ nach Syrien abzuschieben, wie es immer wieder Politiker:innen in Deutschland fordern, besteht daher nicht. Es gibt aber eine andere Möglichkeit: die Rückkehrförderung. Migrant:innen bekommen Geld, wenn sie das Land freiwillig wieder verlassen. Solche Programme existieren sowohl in Deutschland als auch in Dänemark. Grundsätzlich argumentieren viele Politiker:innen, dass die freiwillige Rückkehr die bessere Lösung ist. Oftmals kostet sie den Staat sogar weniger als eine Abschiebung. Aber wenn Syrer:innen in Dänemark nun ohne Aufenthalt dastehen, kein anderes Land finden, das sie aufnimmt, oder das Geld zur Rückkehr nicht annehmen, bleibt denen, die nicht zurückkehren wollen, nur die Flucht in den Untergrund. Oder das Leben in einem Abschiebelager. Dort dürfen Menschen weder arbeiten noch studieren – ein Dämmerzustand auf unbestimmte Zeit.
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Es gibt die sogenannte „residency granted to a non-deportable person“. Dieser Aufenthaltsstatus ähnelt der deutschen „Duldung“, wird laut Danish Refugee Council aber extrem selten vergeben – und erst dann, wenn die Behörden eine Person mindestens 18 Monate lang nicht abschieben konnten.
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Bilals Familienmitglieder haben inzwischen Einspruch gegen das Auslaufen ihrer Aufenthaltsgenehmigungen eingelegt. In den nächsten Tagen soll eine Antwort mit der Post kommen. Das Warten zehrt an der Familie.
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Diese Situation soll möglichst vielen Syrer:innen erspart bleiben, sagt Jawaher. Die Kurdin ist 2015 aus dem nordsyrischen al-Hasaka nach Dänemark geflüchtet. Die 22-Jährige lebt heute nahe Kopenhagen, spricht akzentfrei Dänisch und engagiert sich seit vier Jahren bei einer Organisation, die sich für die Integration von Migrant:innen in Dänemark einsetzt. Als immer mehr syrische Familien Post von der Einwanderungsbehörde bekamen, wurde dieses freiwillige Engagement fast zum Vollzeitjob für Jawaher. „Ich versuche, die Familien zu beraten, und besorge ihnen die Nummer von Anwälten“, sagt sie. Jawaher appelliert aber auch an die dänische Öffentlichkeit. Unter dem Label „Die Abgelehnten“ erzählt Jawaher auf Facebook und Instagram von den Schicksalen der Syrer:innen. „Für mich ist dieser Aktivismus nur menschlich“, sagt Jawaher. Aber ihre Mutter mache sich schon Sorgen, weil sie sich dabei immer wieder gegen das Assad-Regime ausspricht. Und gerade wird auch Jawahers Aufenthaltsstatus von den Behörden geprüft: Es gibt im dänischen Parlament Überlegungen, weitere Gebiete in Syrien als „sicher“ einzustufen.
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Wegen ihres Einsatzes für andere Syrer:innen war Jawaher Anfang Juli zu einem großen Musikfestival in Dänemark eingeladen. „Nach dem Sommer möchte ich mit der Uni beginnen“, sagte sie in ihrer Rede: „Ich bin also in einer Situation, in der ich nicht weiß, ob es die Schultüte oder der Koffer ist, den ich packen werde.“
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Viele Flüchtende setzen ihr Leben aufs Spiel. Wie Dawod Adil, der vor den Taliban floh und in einem überfüllten Schlauchboot über das Meer fuhr, obwohl er nicht mal schwimmen kann
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Es sind 4.777 Kilometer Luftlinie von Berlin-Moabit nach Kabul. 4.777 Kilometer, die Adil zurückgelegt hat – mal zu Fuß, mal im Laderaum eines Transporters oder in einem wackligen Schlauchboot. Im Herbst 2015 ging seine Reise los, als er merkte, dass er in seiner Heimat nicht weiterleben kann. Adil hat Regie studiert und drehte in der afghanischen Hauptstadt gerade eine Dokumentation mit Angehörigen eines Anschlags der Taliban, bei dem 22 Menschen getötet und verstümmelt worden waren. Seine Anteilnahme am Schicksal der Menschen brachte ihn schließlich selbst ins Visier der Terroristen, die ihn bedrohten.
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Also packte der damals 26-Jährige seinen Rucksack, darin neben ein paar Klamotten Datteln, Mandeln und etwas Wasser. Sein Schwager in Kabul fand einen Schleuser, der Adil an die Grenze zu Pakistan brachte. „Wir sollten uns verkleiden“, erinnert er sich, „traditionelle Gewänder und Kopftuch anlegen.“ Sechs weitere Flüchtende waren in der Gruppe, mit Farid freundete er sich an. Zunächst fuhren sie durch die Wüste Richtung Pakistan, bedroht von Taliban, dem IS und der pakistanischen Polizei. Unterwegs wurden die Autos gewechselt, zum Schlafen versteckten sie sich in den Bergen.
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Dann ging es über eine weitere Grenze: etwa 18 Stunden zu Fuß durch die Berge. Am Nachmittag liefen sie los, erst am Morgen kamen sie im Iran an – das Land, das neben Pakistan die meisten afghanischen Flüchtlinge aufnimmt. Am Tag versteckten sie sich und schliefen, nachts fuhren sie mit 16 Personen in einem kleinen Transporter über die Autobahn nach Teheran. Dabei lagen sie so eng beieinander, dass Adil kaum Luft bekam. Ich habe geklopft, sagt er, doch einer der Schleuser drohte, ihn zu erschießen.
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Nachts kamen sie an die Grenze zur Türkei: Wieder ging es zu Fuß durchs Gebirge – in einer Schlange mit Frauen und Kindern. Es war November, kalt, Kinder weinten. Als sie in einem Lager eine Decke anhoben, fanden sie eine Leiche darunter. Das Bild verfolgte Adil lange in seinen Träumen. Er wusste, dass auf der Route viele Afghanen getötet wurden, und tatsächlich fielen plötzlich Schüsse. Die iranische Grenzpolizei verletzte zwei seiner Bekannten. Um sich zu beruhigen, las Adil Verse im Koran. „Damals war ich gläubiger“, sagt er.
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In Istanbul fühlten sie sich zum ersten Mal seit Tagen in Sicherheit. Sie konnten sogar einfach einkaufen gehen – ohne die Angst, aufgegriffen oder erschossen zu werden. Dann ging es weiter – Richtung Griechenland. Die Schleuser ließen sie am Strand vor einem Schlauchboot zurück, das sie selbst aufpumpen mussten. 16 Menschen sollten damit über das Meer, für sieben war es ausgelegt.
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Wieder musste Adil entscheiden, ob er sein Leben aufs Spiel setzen wollte. Obwohl er nicht schwimmen kann, stieg er in das Boot. Als schon nach kurzer Zeit Wasser hineinlief, fuhren sie zurück zum Strand. Eine Familie stieg aus und weigerte sich mitzufahren. Auch Adils Freund Farid blieb zurück. Dann starteten sie einen zweiten Versuch und erreichten nach stundenlanger Fahrt eine griechische Insel in der Ägäis. „Ab da war es einfach“, sagt Adil. Tatsächlich hielt ihm niemand mehr eine Waffe ins Gesicht, es gab kein Meer mehr zu überqueren und keine Luftnot in überfüllten Laderäumen. Zu Fuß, im Bus und mit dem Zug erreichte Adil nach einem Monat auf der Flucht Deutschland.
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Die Wüste, die Berge, das Meer, die Taliban, die bewaffneten Grenzer – Adil hat viel riskiert. Aber hat es sich gelohnt? War es das alles wert?
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Adil sitzt auf einer Schlafcouch in einem etwa acht Quadratmeter großen WG-Zimmer in Berlin und muss nicht lange überlegen. Ja, es hat sich gelohnt. Er lebt, er ist sicher. Vorerst zumindest, denn sein Asylantrag ist abgelehnt worden und er nur geduldet. Das bedeutet, dass er Deutschland verlassen muss – nur nicht sofort, da seine Abschiebung vorübergehend ausgesetzt ist.
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Vielen Afghaninnen und Afghanen droht die Abschiebung, obwohl die Taliban in ihrem Land gerade wieder zunehmend Terror verbreiten. Wenn Adil die Angst überkommt, abgeschoben zu werden, sagt er sich: Er hat ja schon ganz anderes geschafft.
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Und damit meint er nicht nur die Flucht, denn die Jahre danach in Deutschland waren auch nicht einfach. Keine Berge, aber Ämter. Kein Meer, aber eine Flut von Bestimmungen. Jahrelang teilte er sich mit zwei weiteren Geflüchteten ein Zimmer in einem Flüchtlingsheim in Herzberg in Brandenburg. Als er einen festen Job als Videojournalist in Berlin fand, konnte er nicht dort hinziehen – wegen der Residenzpflicht in Brandenburg. Die bedeutet, dass Geflüchtete, deren Asylverfahren nicht abgeschlossen ist, nur in einem vom Amt bestimmten Bereich wohnen dürfen. Jeden Morgen musste Adil deshalb anderthalb Stunden mit dem Zug nach Berlin pendeln und abends zurück. Wenn er den letzten Zug zurück um 21.35 Uhr verpasste, schlief er am Bahnhof.
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Eine Anwältin schaffte es schließlich, dass sein Fall nach Berlin verlegt wurde und er dort hinziehen konnte. Eine Arbeitskollegin vermittelte ihm das WG-Zimmer, in dem er nun seit gut einem Jahr lebt. Adil findet, dass er es weit gebracht hat. Er arbeitet, er wartet auf gute Nachrichten vom Amt, er hört in seinem Zimmer persische Musik und trinkt schwarzen Tee mit Kardamom. Wenn er aktuelle Nachrichten aus Afghanistan hört, wacht er nachts oft auf – weil ihm die Bilder von seiner Flucht durch den Kopf gehen. Aus der Zeit, in der er beschloss, alles zu riskieren. 4.777 Kilometer von hier entfernt.
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Titelbild: Daniel Etter
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Mit „2084“ hat der algerische Autor Boualem Sansal in Frankreich für Wirbel gesorgt. Er entwirft darin eine Zukunft, in der eine totalitäre religiöse Ideologie herrscht – und mutet seinen Lesern ein Buch voller Leere zu
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Man muss sich Boualem Sansal als einen sehr pessimistischen Menschen vorstellen. Jedenfalls wenn man seinen aktuellen Roman zugrunde legt, dessen deutsche Übersetzung unter dem Titel „2084 – Das Ende der Welt“ im kleinen Merlin Verlag erschien. Sansal entwirft darin die abgrundtief finstere Dystopie einer totalitären Welt, in der das normale menschliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Es herrscht ein allumfassender religiöser Zwangskult, der jedes Detail des Alltags bestimmt, jedes zweifelnde Fragen ausschließt und das Leben von früh bis spät in ritualisierte Abläufe gliedert.
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Diese Religion scheint nicht einmal einen Gott zu brauchen. Allein der Name des Religionsstifters, „Abi“, wird von den Gläubigen ehrfurchtsvoll ausgesprochen. Und die Gläubigen, das sind ja alle. Unklar bleibt, wann und ob dieser Abi gelebt hat und wer es ist, der wirklich die Macht besitzt in Abistan, Abis Land, das, so wie es sich aus der Perspektive der Romanfiguren darstellt, als einziges Land übriggeblieben scheint auf der Welt, seit in der letzten großen Schlacht alle Ungläubigen vernichtend geschlagen wurden. Möglicherweise existiert eine Grenze zu irgendetwas anderem. Doch existiert sie nur insoweit, als ihre Existenz grundsätzlich von allen bestritten wird.
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Sansals Roman ist eine bitterböse – oder vielleicht eher tieftraurige Phantasie darüber, wie es aussehen könnte, wenn der islamistische Fundamentalismus die Weltherrschaft übernähme. Zusammen mit Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, worin ein radikaler Islamist französischer Staatspräsident wird, war „2084 – Das Ende der Welt“ in Frankreich der meistdiskutierte Roman des letzten Jahres. Das sagt noch nichts aus über die tatsächliche Zukunft des Islamismus, aber viel über den Zustand der französischen Gesellschaft. Zumal wenn ein Roman zum preisgekrönten Bestseller wird, der wirklich alles andere als leichte Lektüre ist.
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Es sei sehr schwer gewesen, einen ganzen Roman mit nichts zu füllen, sagte Boualem Sansal vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Für seine Leser auf der anderen Seite ist es schwer, das Nichts auszuhalten. Das liegt zum Teil daran, dass es im gesamten Roman praktisch keine echten Personen gibt. Natürlich spielen Menschen eine Rolle, die auch namentlich eingeführt werden, aber sie werden niemals charakterlich so weit ausgestaltet, dass sie als Personen wirklich voneinander unterscheidbar würden. Das trifft sogar auf den Protagonisten zu, dessen Geschichte der Roman verfolgt, einen Mann namens Ati, der zu Beginn in einem abgelegenen Sanatorium gegen Tuberkulose behandelt wird. In der dortigen Leere infiziert er sich mit dem Virus des Zweifels an der herrschenden Gesellschafts- und Religionsordnung, die er vorher nie hinterfragt hatte.
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Wie Ati mit einer Karawane zurückkehrt in das besiedelte „Viertel“ Abistans, aus dem er stammt; wie er auf dem Weg eine Begegnung hat mit einem anderen, der möglicherweise auch ein Zweifelnder ist; wie er sogar im Viertel einen Verbündeten findet, der ihm wieder verlorengeht, weil Ati am Schluss in ganz und gar mehrdeutige Gesellschaft gerät – das alles wird mehr oder weniger nebenbei erzählt. Oder untendrunter. Es ist nämlich fast so, als wolle dieser Roman jede eigentliche Handlung unmöglich machen unter einem riesenhaften, statischen atmosphärischen Überbau, der, eben genau so wie in der geschilderten, der endgültigsten aller Welten, noch jedes Aufflackern von individuellem Schicksalsbedürfnis im Keim erstickt. Das zu lesen ist in etwa so, wie in schwarzem Nebel im Kreis zu wandern, ohne zu wissen, was das eigentliche Ziel hätte sein sollen.
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Die Hommage an George Orwells „1984“, die Boualem Sansal im Titel seines Romans unterbringt und auch in kleineren Hinweisen im Text versteckt, bedeutet noch lange nicht, dass beide Bücher sich irgendwie ähnlich sind. Sie sind es allein in ihrer Ablehnung jeder totalitären Ideologie, unterscheiden sich in der Durchführung aber ganz grundsätzlich. Der große Unterschied liegt darin, dass Orwell letztlich doch an den Menschen und seine immer wieder aufflackernde Widerstandsfähigkeit glaubte. Sansal dagegen glaubt an nichts. An den Menschen schon mal gar nicht.
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Titelbild: V. Muller/Opale/Leemage/laif
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fluter/Dirk-Gieselmann-wie-ich-zu-dem-wurde-der-ich-bin.txt
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Wie wird man der, der man ist? Durch die Kränkungen, die man erlebt, glaubt unser Autor. Und hat nach vielen Jahren diejenigen angerufen, die ihm das Gefühl geraubt haben, etwas Besonderes zu sein
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Drei Menschen haben mich auf dem Gewissen. Sie sind schuld, dass aus einem rosigen Kind ein grauer Erwachsener wurde. Und die können heute was erleben: Ich werde sie zur Rede stellen. Die Beweislast ist erdrückend. Der Telefonhörer liegt in meiner Hand wie der Hammer eines Richters.
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Der erste Anruf. Ihre Stimme klingt, als trüge sie noch immer geblümte Hosenröcke. Vier Mal hat es geläutet, dreistellige Festnetznummer, dann meldet sie sich mit Namen. Meine alte Klassenlehrerin.
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Sie hatte damals ein eigenes Bewertungssystem. Noten lehnte sie ab, stattdessen stand unter den Arbeiten „fein“ oder „leider nicht so gut“, geschrieben mit rotem Kugelschreiber. „In Ordnung“ entsprach einer Drei.
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Eines Tages gab ich ihr ein Erinnerungsalbum, in das sich zuvor schon meine Mitschüler eingetragen hatten, die Kategorien lauteten „Lieblingsfarbe“, „Lieblingsbuch“ oder „Was ich einmal werden möchte“. Ihre Antwort lautete: „Weise“.
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Ganz unten gab es eine leere Sprechblase, über der „Was ich Dir immer schon mal sagen wollte“ stand. Mit großer Spannung erwartete ich die Geständnisse der Mädchen aus meiner Klasse. Die Lehrerin indes schrieb mit ihrem roten Kugelschreiber hinein: „Du bist in Ordnung.“
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„Guten Abend, hier spricht Dirk Gieselmann.“
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„Bitte, wer?“
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„Ich war Ihr Schüler von 1989 bis 1991.“
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„Wie war noch gleich Ihr Name?“
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„Gieselmann, Dirk. Klasse 5 a und 6 a.“
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„Hm. Ja. Dirk. Kann sein. Warum rufen Sie mich an?“
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„Ich rufe Sie an, um zu fragen, warum Sie mir als Mensch eine Drei gegeben haben.“
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Der zweite Anruf. Er bellt ins Telefon: „Ja?“ Natürlich bellt er, er hat ja immer nur gebellt: der Dorfschläger. Der um einen Kopf größere und um einen Kopf dümmere Junge, der mich meines Lebens nicht mehr froh werden ließ.
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Einmal kam er auf einem winterlichen Stoppelfeld auf mich zu, aus einem guten Kilometer Entfernung, immer größer werdend, ein Bote des Unheils und das Unheil selbst, und als er schließlich vor mir stand, schlug er mir, wortlos grinsend, mit der Faust ins Gesicht. Das Blut troff in den Schnee, und er ging davon, wie ein Handwerker, der Feierabend hat.
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Ich war nicht vor ihm geflohen, weil ich es hinter mir haben wollte. Schlug er mich nicht heute, schlug er mich morgen. Seine Abreibungen waren so unausweichlich wie die Badewanne am Samstagabend.
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„Ja?“
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„Hallo. Ich bin’s, Dirk. Der Junge, den du früher verprügelt hast.“
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„Ja, und?“
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„Ich rufe an, um dich zu fragen, was die Scheiße sollte.“
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Der dritte Anruf. „Sie sind verbunden mit der Mailbox von …“ Den Namen sagt sie selbst, aber nicht mehr mit der Stimme, die mir noch immer im Ohr klingt, vom Vorlesen im Deutschunterricht. Ich schloss stets die Augen, wenn sie dran war, sie klang wie ein Engel: „Es war einmal …“
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Wir gingen ein paarmal Eis essen, im Sommer, als es bei Tomasella den Italia-90-Becher gab, einen Pokal mit sechs Kugeln, die wir uns teilten. Als er leer war, fragte ich sie, ob sie mit mir gehen wolle. Sie schaute mich an, ich schaute zu Boden, sie sagte: „Ich habe schon einen Freund, er sieht aus wie Hobie von ‚Baywatch‘ und wohnt in Wilhelmshaven. Wir haben uns im Urlaub kennengelernt.“
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„Hallo, bist du es, Dirk?“
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„Ja, vielen Dank für deinen Rückruf.“
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„Mensch, das ist ja ewig her! Wo steckst du? Was machst du? Warum hast du angerufen?“
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„Ich habe angerufen, um dich zu fragen, warum du mir das Herz gebrochen hast.“
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Irgendwann in jenen Jahren, in denen diese drei Menschen auf den Plan traten, zwischen 1989 und 1991, zersprang mein Leben in zwei Hälften.
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Die eine, nennen wir sie mein Dasein, ist die, auf der ich jetzt stehe: ein sogenannter Mann von 38 Jahren, verheiratet, zweifacher Vater, dreifacher Patenonkel, Raucher, Gelegenheitsschwimmer, Journalist mit Sozialversicherungs- und Steuernummer, IBAN und BIC, leicht überdurchschnittlichem Jahreseinkommen, 571 Freunden bei Facebook und fünf im echten Leben, mit beginnendem Haarausfall, einem fehlenden Zahn und einem Hang zu herbstlicher Trübsal, verhinderter Langschläfer, Besitzer einer erklecklichen Sammlung melancholischer Schallplatten und eines 18 Jahre alten Autos, Trauergast auf bislang elf Beerdigungen, darunter die eines Schulfreundes, leicht kurzsichtig, aber zu eitel für eine Brille, ein kleines schwarzes Herz auf dem linken Handgelenk, tätowiert in einer Phase des Liebeskummers vor nunmehr elf Jahren.
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Kurz: Ich bin ein leidlich funktionierender, von Zumutungen mehrfach vernarbter Erwachsener, einer von vielen. Von sehr vielen.
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Die andere Hälfte, nennen wir sie Kindheit, treibt unaufhörlich fort von mir wie der durch tektonische Kräfte abgebrochene Teil eines einstmals ganzen Kontinents. Erst war da ein Riss, der zum Rinnsal wurde, dann zum Fluss und schließlich zum unüberwindlichen Ozean. Ich kann meine Kindheit nicht mehr sehen, nur noch vermuten, was dort vor sich geht, auf diesem anderen, fernen Kontinent. Ich spähe in den Nebel, dorthin, wo das verlorene Land ja schließlich irgendwo liegen muss.
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Lebt mein geliebter Hund noch? Spiele ich mit meiner Eisenbahn? Freue ich mich auf Weihnachten? Weine ich, wenn der SV Werder verliert? Verstecke ich mich hinter dem Sofa, wenn Ajatollah Chomeini in der „Tagesschau“ gezeigt wird? Werde ich von meinen Eltern getröstet, wenn ich Angst habe? Sitze ich im Baumhaus und lese Indianercomics? Träume ich davon, ein berühmter Sportler zu werden? Bin ich immer noch so gleichbleibend glücklich und freue mich auf jeden neuen Tag? Glaube ich noch, dass ich der Mittelpunkt der Welt bin?
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Schwer zu entziffernde Botschaften, die Antworten auf meine Fragen sein könnten oder auch nicht, dringen zu mir herüber, wie Schildkröten, die den Atlantik überqueren, um auf der anderen Seite ihre Eier am Strand abzulegen. Nennen wir es Erinnerung.
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Es gibt auch Artefakte, in denen ich lesen kann, sie stehen in der Schrankwand meiner Eltern, im Fach hinten links, unter dem guten Kaffeeservice, aus dem zuletzt bei meiner Konfirmation getrunken wurde. Man muss das Sofa zurückschieben, um die Tür öffnen zu können: Dort stehen die Fotoalben. Darin bin ich noch das Kind, das Dirki heißt. Der Mittelpunkt der Welt.
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Auf jedem Foto bin ich der Hauptdarsteller: Ich sitze feist am Geburtstagstisch, vor mir ein Teller Waffeln mit Puderzucker, ich fliege im Kettenkarussell vorüber, unscharf und fidel, stehe mit Eimerchen und Schippe am Strand von Norderney, Bauherr einer erbärmlichen Sandburg. Der Stolz meiner Eltern steht als Gestaltungswille hinter diesen Bildern: Unser Sohn! Ist er nicht einzigartig?
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Ich war frei von Zweifeln und Kummer, es gab keine Brüche, alles war Gegenwart. Der Gedanke, dass mich jemand nicht mögen könnte, war mir fremd. Ich war ein Ganzes, eins mit mir selbst. Dumm genug, um glücklich zu sein.
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Dann bekam ich zum ersten Mal auf die Fresse.
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Ich glaube, es war an der Bushaltestelle, an einem Herbstmorgen, als der Dorfschläger befand, ich sei nun alt genug, um zu erfahren, dass mich nicht alle Menschen liebten, vor allem er nicht. Ich saß hinterher schluchzend auf der Rückbank, das Mädchen von der weiterführenden Schule reichte mir krankenschwesterlich ein Taschentuch.
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„Äh, hahaha“, sagt der Dorfschläger. „Das ist lange her.“
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„Ich kann mich ganz gut erinnern“, sage ich. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Uns trennen 500 Kilometer, aber ich habe immer noch Angst, dass er mir eine reinhaut.
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„Also, ja“, sagt er. „Was soll ich sagen? Mir war wohl langweilig.“
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„Deswegen hast du mich verprügelt?“
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„Denke ich mal.“
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Es waren ganz sicher nicht nur seine Prügel, die Benotung durch meine Klassenlehrerin als mittelmäßiger Mensch und die Abfuhr in der Eisdiele, die das Ende meiner Kindheit bedeuteten: die bittere Erkenntnis, verletzlich zu sein, die ungemütliche Ahnung, dass die Welt zu groß ist, um ihr Mittelpunkt zu sein, und zu feindlich. Aber sie stehen symbolhaft für diese Zäsur, finstere Metaphern meiner Biografie. Als wären sie die ersten Buhrufe für einen Kinderstar gewesen, der bislang nur „Mama“ hatte singen müssen, um alle zu verzücken. Ein Schock, eine narzisstische Kränkung.
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„Ich habe Ihnen als Mensch eine Drei gegeben?“, sagt die Lehrerin, als hörte sie zum ersten Mal von einem himmelschreienden Skandal. „Das kann ich ja kaum glauben.“
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„Doch, doch. Sie haben es mir sogar ins Album geschrieben“, sage ich. „Es liegt hier vor mir. Du bist in Ordnung, steht da. Das war doch Ihre Drei.“
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„Ja, das stimmt schon. Aber …“
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„Warum habe ich keine Zwei bekommen? Was hat gefehlt?“
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„Das habe ich da wohl einfach so hingeschrieben, ohne groß nachzudenken.“
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Als ich mit sieben Jahren bei einem Schwimmwettkampf im Freibad meiner Heimatstadt die Goldmedaille über 50 Meter Kraul gewann, fühlte ich mich wie der einzige Olympiasieger der Geschichte. Unerheblich, dass ich in meiner Altersklasse der einzige Teilnehmer gewesen war. Heute kann ich berufliche Erfolge erzielen, Lob einheimsen, Preise verliehen bekommen: Ich halte mich dennoch für nur einen von sieben Milliarden Menschen, dessen Tun nicht wesentlich wichtiger ist als das einer Waldameise. Mitunter denke ich sogar, meine Frau hat mich nur geheiratet, weil der Junge aus Wilhelmshaven, der aussieht wie Hobie aus ‚Baywatch‘, nicht mehr zu haben war.
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„Ich habe dir das Herz gebrochen?“, fragt das Mädchen aus der Eisdiele. „Das ist ja niedlich.“
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„Finde ich eigentlich nicht“, sage ich. „Um ehrlich zu sein.“
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„Entschuldigung. Wie lange warst du denn traurig?“
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„Lange. Sehr lange.“
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„Also, das ist schon ein bisschen gespenstisch jetzt.“
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„Ich bin verheiratet.“
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„Aha. Glückwunsch. Du, ich hab nicht viel Zeit, ich muss …“
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„Nur eine Frage noch.“
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„Ja, bitte.“
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„Was war an Hobie toller als an mir? An dem Typen aus Wilhelmshaven.“
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„Hahaha.“
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„Was war toller an ihm?“
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„Er hatte ein Skateboard.“
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Ein Brett mit Rollen, Langeweile und die Unachtsamkeit des Einfach-so-Hinschreibens: Das waren also die drei Auslöser für meine Vertreibung aus dem Kinderparadies. Ich hätte es gern ein bisschen weniger profan gehabt. Aber wie so vieles kann man sich auch das nicht aussuchen.
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Von dort aus wurden die Kränkungen fortgeschrieben, von Frauen und Männern, denen ich aus verschiedenen Gründen gern gefallen hätte, von Schwiegermüttern und -vätern, von Auftraggebern, Leserbriefschreibern, von Smalltalkpartnern und Tischnachbarn, Freunden von Freunden, die mich auf Partys stehen ließen, um sich dem Nächstinteressanteren zuzuwenden. Und ich blickte stumm in meine Sektflöte, weit außerhalb des Mittelpunkts der Welt.
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Dirk Gieselmann reiste in den vergangenen Monaten durch Deutschland, um die Menschen nach ihren Ängsten zu befragen. Er ist außerdem ehemaliger Vorstopper des TuS Sankt Hülfe-Heede
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fluter/Dokumentarfilm-das-Gelaende-Zentrale-des-Naziterrors.txt
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Der zentrale Ort, an dem die Nazis ihren Terror organisierten, war lange eine Brache. Die Doku „Das Gelände“ nähert sich ihm
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Hier planten die Nationalsozialisten Verfolgung und Vernichtung. Hierhin schleppten sie Oppositionelle, verhörten und folterten sie. Die Zentralen von Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt lagen mitten in Berlin. Eine Straßenbahn fuhr vorbei, der Potsdamer Platz war einen Steinwurf entfernt. Nach dem Krieg riss man die beschädigten Gebäude ab. Das Gelände lag brach, in Westberlin, direkt neben der Mauer. Man lud hier Bauschutt ab, und in einem „Autodrom“ konnten Fahrschüler sich im Autofahren üben.
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In der ehemaligen Kunstgewerbeschule an der damaligen Prinz-Albrecht-Straße in Berlin befanden sich von 1933 bis 1945 die wichtigsten Zentralen des nationalsozialistischen Terrors: das Geheime Staatspolizeiamt mit einem eigenen Gefängnis, nebenan die Reichsführung-SS sowie der Sicherheitsdienst der SS – und während des Zweiten Weltkriegs auch das von Heinrich Himmler gegründete Reichssicherheitshauptamt. 1956 wurde das Gebäude abgerissen. 1992 die Stiftung „Topographie des Terrors“ gegründet. Seit 2010 ist dort ein Museum mit Dokumentationszentrum.
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Das Gelände an der heutigen Niederkirchnerstraße ist einer dieser Orte, an dem sich die Gräuel der Nazis verdichteten. Ein deutscher Erinnerungsort. Jahrelang kämpfen Historiker und Bürgerinitiativen darum, dessen Geschichte sichtbar zu machen. Doch sie scheitern immer wieder – mal an politischen Differenzen, mal an bürokratischen Hürden.
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Ende der 80er-Jahre bringen Ausgrabungen die Kellerwände der NS-Gebäude zum Vorschein. Der Kameramann Martin Gressmann wird aufmerksam auf den Ort und beginnt, ihn zu filmen.
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Seine Oma hatte ihm erzählt, dass es in der Nazizeit „in Berlin eine bestimmte Straße gegeben hätte, durch die man einfach nicht durchging.“ Das sind Gressmanns Worte aus dem Off am Beginn seines Films „Das Gelände“.
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Als Gressmann anfing mit dem Filmen, dachte er, die Brache würde bald mit Häusern bebaut, und plante einen Kurzfilm. Aber sie wurde nicht bebaut. Im Laufe der Jahre kommt Gressmann immer wieder zum Gelände und hält die Kamera drauf. Beobachtet Stapel aus alten Autoreifen. Halb herunterhängende Plakate. Wie Gräser im Wind schaukeln. Archäologen in einen Betontunnel steigen. Einen Mann, der nach der Grenzöffnung durch ein Loch in der Mauer schaut und schimpft. Bauarbeiter Sand schaufeln. Kinder Schlitten fahren. Die Kamera erkundet auch die Gegend um das Gelände. Vor dem Berliner Abgeordnetenhaus spielt eine Bundeswehr-Kapelle Blasmusik zur Verabschiedung der Alliierten. Am ehemaligen Reichsluftfahrtministerium wird ein Film gedreht. Die Jahre vergehen, der Dokumentarfilm ist gegliedert durch Zwischentafeln, auf denen Jahreszahlen stehen, 1985, 1989, 1999, 2006 …
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Im Off hören wir Personen, die etwas zum Gelände erzählen. Ein Historiker schildert, dass die Gestapo gar nicht so „geheim“ vorging. Eine Biologin beschreibt, welche Pflanzen auf der Brache wachsen. Der gescheiterte erste Architektur-Entwurf für ein Ausstellungsgebäude kommt auch zur Sprache. Und so weiter. Ein Puzzle aus Informationsfragmenten breitet sich aus, zusammen mit den Bildern. Die Personen der Off-Töne bleiben unsichtbar, ihre Namen werden erst im Abspann genannt.
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Gressmann beobachtet. Und wir beobachten mit ihm. Das ist das Schöne an diesem stillen Film. Er lässt uns in eineinhalb Stunden eine Reise machen, bei der wir mit den Augen am selben Ort bleiben, aber durch die Jahre wandern. Von 1985 bis 2013. Es ist ein Ort deutscher Geschichte, doch es geht darum, was hier Jahrzehnte später passiert. Oder nicht passiert. Und wie auch das Geschichte wird.
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Der Film schenkt Atmosphäre und Blicke. Aber wenig Information. Die muss man selbst mitbringen oder sich nach dem Film holen. Wer mit wenig Vorwissen in diesen Film geht, wird mit noch mehr Fragezeichen hinausgehen. Das ist nur dann frustrierend, wenn man eine traditionelle Doku erwartet, mit Interviewpartnern, die in die Kamera schauen, mit Archivaufnahmen, Erklärungen und Einordnungen.
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Gressmann hat hingegen einen radikal kontemplativen Film gemacht. Da hätte er auch auf den Tonspur-Schmuck verzichten können, der an einigen Stellen erklingt, zum Beispiel ein Straßenbahnbimmeln, wenn aus dem Off von der Tram berichtet wird, die früher dort vorbeifuhr. In die Reduziertheit des Films passen aber die Zwischentafeln mit Hinweisen, die manchmal auftauchen wie in Stummfilmen. Gegen Ende steht auf so einer Tafel: „Am 6. Mai 2010 wird das Dokumentationszentrum ‚Topographie des Terrors‘ eingeweiht.“ Es folgen die letzten Bilder, die Gressmann gefilmt hat. Das Gelände hat sich gefunden.
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„Das Gelände“, Regie und Buch Martin Gressmann, Deutschland 2014, www.das-gelaende.de
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Dass dunkelhäutige Menschen schädliche chemische Mittel verwenden, um ihre Haut aufzuhellen, ist in Teilen der Welt recht verbreitet. Aber ausgerechnet in Jamaika, dem Land der Rastafari, treibt das Blüten
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„Black is beautiful“? Der jamaikanische Dancehall-Star Vybz Kartel sieht das offenbar etwas anders: „Di gyal dem love off mi bleach out face“ – „Die Mädchen lieben mein gebleichtes Gesicht“, singt er in seinem Song „Look Pon We“ – und sein Wort hat in Jamaika Gewicht. Ebenso sein Gesicht. Wie er bleichen auch andere jamaikanische Musiker ihre Haut. Gaza Slim, Alkaline, Khago und auch Lisa Hyper, die in dem Song „Bleaching fit me“ ebenfalls davon schwärmt: „B When you bleach beauty is da answer“, singt sie und meint sinngemäß wohl: Wer bleicht, wird schön.
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Was für ein Kontrast zum Reggae, also zu jener Musik, für die Jamaika noch immer berühmt ist und die für das Lebensgefühl vieler Jamaikaner so lange den Takt angegeben hat. Viele der bekannten Songs sind voller Stolz auf alles, was mit den afrikanischen Wurzeln zu tun hat, die ein Großteil der Menschen hier haben. Jamaika spielte auch eine wichtige Rolle in der Panafrikanischen Bewegung und der Black-Consciousness-Bewegung, die beide die afrikanische Abstammung der schwarzen Bevölkerung als wichtiges kulturelles Erbe ansehen oder sogar feiern. Oft war in den Liedern auch das Wort „Babylon“ zu hören – ein Sammelbegriff, mit dem die jahrzehntelange Unterdrückung der afrikanischstämmigen Menschen in diesem Erdteil durch die Europäer bezeichnet wurde. In Jamaika ist es durchaus auch üblich, eine Person als „Babylon“ zu bezeichnen, sofern sie europäischstämmig ist und deswegen für Unterdrückung und Tyrannei steht. Doch etwas Entscheidendes hat sich geändert. Seit Reggae als Sprachrohr der Jugend von Dancehall abgelöst wurde, kommt es auch schon mal vor, dass die Stars und ihre Songtexte dem Publikum empfehlen, „Babylon“, also hellhäutig zu werden, wenn sie in Jamaika noch zu etwas kommen wollen.
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Vybz Kartel, der ja schon eine Menge erreicht hat, geht denn auch gleich noch den nächsten Schritt. Er hat nicht nur für sich selbst das Aufhellen der Haut mit Hilfe von Chemikalien entdeckt, er hat auch eine eigene Reihe von Kosmetikprodukten auf den Markt gebracht, für die er nun selbst als Testimonial wirbt. Zwar gibt es auch Gegenstimmen aus der Dancehall-Szene, etwa von Künstlern wie Mavado und Sizzla Kalonji, die das Bleaching verurteilen. Und sogar Vybz Kartel selbst zeigte sich für die Länge eines Songs mit dem Titel „School“ reumütig und warnte zumindest Schulkinder, seinem Bleaching-Vorbild zu folgen. Aber insgesamt gibt Dancehall mittlerweile nicht nur den Ton, sondern auch das Toning an.
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Was in Teilen Afrikas als „Skin Toning“, „Skin Whitening“ oder „auch Skin Bleaching“ bekannt ist, wird in Jamaika meist „browning“ genannt. Die Produkte tragen Namen wie „Piona“, „Ambi“, „Nadinola“, „Betnovate“, „Dermovate“, „Movate“, „Maxi white“, „Fair“ und einfach „White“. Und nicht wenige Jamaikaner mögen sich gar nicht für eines der Produkte entscheiden. Sie kaufen gleich mehrere davon und rühren sie zu Hause in Mischverhältnissen zusammen, die als Geheimtipps gehandelt werden: Ein bisschen davon, ein bisschen hiervon und dann noch ein bisschen Zahnpasta dazu – und es wirkt gleich noch mehr.
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Besonders verbreitet ist das Skin Bleaching unter jungen Jamaikanern in den größeren Städten. Mit einer helleren Haut, so die weit verbreitete Überzeugung, würden sich ihnen ganz neue Chancen im Berufs- und auch im Liebesleben eröffnen. Da könnten sie, wie es scheint, durchaus recht haben. Betrachtet man die Elite des Landes in Kultur, Wirtschaft, Politik und Sport, so zeichnet die sich fast durchweg durch eine etwas hellere Haut aus. Menschen mit dunkler Haut hingegen leben in Jamaika oft in der ständigen Erwartung von Zurückweisung und ahnen, sowieso nie dort oben an die Spitze der Gesellschaft hinzukommen. Sie erleben es immer wieder, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen allein wegen ihrer Hautfarbe nicht gewürdigt werden. Also suchen sie ihr Heil in chemischen Mitteln, mit denen sie ihre Haut aufhellen.
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Sozialer Status, Klasse und Hautfarbe sind in Jamaika, wie in vielen anderen Ländern, eng miteinander verflochten. Die Hautfarbe kann für die soziale Mobilität ein Beschleuniger oder eine Bremse sein – je nach Helligkeit eben. Der jamaikanische Sprint-Weltmeister Usain Bolt redete jüngst ganz offen darüber, wie die Hautfarbe sein Leben in Jamaika beeinflusst: „Ich lebte mal in einem Wohnkomplex, wo ich einige Schwierigkeiten mit Nachbarn hatte, die eine hellere Haut haben. Mein Nachbar war Rechtsanwalt und warnte mich: Sei vorsichtig, hier werden junge, strebsame Leute nicht gerne gesehen.“ Auch Portia Simpson Miller, die frühere Premierministerin von Jamaika, führt einen großen Teil der an ihr geübten Kritik auf ihre Hautfarbe zurück. Auch wer es weit gebracht hat in Jamaika, fühlt sich dennoch oft als Opfer des in der jamaikanischen Gesellschaft weit verbreiteten „Kolorismus“.
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Viele der Bleichmittel, die oft harmlos wie einfache Gesichtscremes daherkommen, sind in Wirklichkeit ungesund, weil sie schädliche Stoffe wie Hydrochinon und Quecksilber enthalten, die Hautirritationen, Hautausschläge und eine verstärkte Pigmentierung auslösen und schlimmstenfalls sogar krebserregend sein können. Mediziner und Politiker warnen eindringlich vor den Gefahren des Skin Bleachings und setzen sich dafür ein, diese Praxis zu stoppen. Die jamaikanische Regierung sah sich 2007 gar zu einer Aufklärungskampagne mit dem Titel „Don’t Kill the Skin“ herausgefordert – mit bescheidenem Erfolg: Untersuchungen zeigen, dass das allgemeine Aufhellen ungebrochen weitergeht.
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Hinter dem Geschäft mit den Hautaufhellern steckt eine Milliardenindustrie. Bis zum Jahr 2020 soll der Markt laut Schätzungen von Global Industry Analysts weltweit 23 Milliarden US-Dollar schwer sein. Die Firma Unilever zählt mit ihren Marken Vaseline und Dove zu den wichtigsten Akteuren dieser Industrie. Die Aufhellungscreme „Fair and Lovely“ von Unilever etwa ist in Indien ein Verkaufsschlager. Die meisten Konsumenten dieser Produkte leben in Asien, Afrika und der Karibik. In Nordamerika und Europa sind solche Produkte wegen ihrer Inhaltsstoffe meist verboten oder werden nur unter massiven Einschränkungen zugelassen. Aber angesichts einer schwach ausgeprägten gesetzlichen Regulierung in vielen Entwicklungsländern haben die Firmen es dort oft viel leichter, Absatzmärkte zu finden.
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An diesem Geschäft möchte auch Dancehall-Star Vybz Kartel mitverdienen. Er weiß eben sehr genau, wie man in Jamaika zu etwas kommt.
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Agomo Atambire ist 27 Jahre alt und kommt aus Ghana, wo er in der Hauptstadt Accra Biotechnologie studiert hat. Im Sommer hat er ein sechswöchiges Praktikum in der Redaktion von fluter.de absolviert und währenddessen über seine Erfahrungen in Deutschland Tagebuch geführt. Nun ist er zurück in Accra und will seinen Master machen.
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Illustration: Héctor Jiménez
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Ihren Plan, Korruption weniger hart zu bestrafen, hat die Regierung in Bukarest schon zurückgenommen – aber die Massenproteste gehen weiter. Woher diese Wut? Fragen wir einen Experten
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Herr Lang, bis zu einer halben Million Rumänen protestieren nach Schätzungen einheimischer Medien gegen ihre Regierung. Was ist da los?
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Die Menschen lassen nicht mehr alles mit sich machen. Sie wehren sich gegen den Versuch, beim Kampf gegen die Korruption das Rad zurückzudrehen. Dieses Thema ist seit 1989, dem Ende der Ceauşescu-Ära, prägend für die rumänische Politik.
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Die Regierung wollte manche Korruptionsvergehen weniger hart bestrafen. Außerdem sollten viele der Korruption oder des Amtsmissbrauchs überführte Politiker vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen werden.
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Ja. Und auch wenn die Regierung unter dem Druck der Straße nachgegeben und die umstrittene Eilverordnung zurückgezogen hat, bleibt das Misstrauen der Menschen groß. Sie befürchten, dass die Regierungsseite auf Umwegen und mit ein paar kosmetischen Veränderungen doch einige ihrer ursprünglich geplanten Maßnahmen durchsetzen wird, wenn sie jetzt nachlassen. Deshalb gehen die Proteste weiter, obwohl die Demonstranten ihr Ziel scheinbar schon erreicht haben.
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Haben die Demonstranten noch weitere konkret formulierte Ziele?
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Viele wollen personelle Veränderungen oder sogar den Rücktritt der Regierung erreichen. Aber die aktuelle Regierungskoalition aus sogenannten Sozialdemokraten und Liberalen ist durch einen überzeugenden Wahlsieg im Dezember 2016 legitimiert und verfügt über eine satte Mehrheit im Parlament. Ein Misstrauensvotum der Opposition hat sie denn auch problemlos überstanden. Deshalb wird sie nicht so schnell aufgeben und es bei „Bauernopfern“ belassen – der für die Verordnung verantwortliche Justizminister ist daher zurückgetreten. Darüber hinaus wurde in der Protestbewegung der Ruf nach weitergehenden Schritten und neuen Gesetzen gegen Korruption und Amtsmissbrauch laut.
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Die Sozialdemokraten haben die Parlamentswahl vor zwei Monaten mit gut 45 Prozent der Stimmen gewonnen. Nun sehen sie sich Massenprotesten gegenüber. Wie passt das zusammen?
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Es gibt praktisch zwei Rumänien. Die urbane Bevölkerung, welche jetzt demonstriert, viele Jüngere und die neuen Mittelschichten, wollen Ehrlichkeit und Transparenz. Diese Bevölkerungsgruppe war auch die treibende Kraft hinter den erfolgreichen Demonstrationen gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Victor Ponta. Der musste 2015 zurücktreten, nachdem in einem Bukarester Nachtclub über 60 Menschen bei einem Brand gestorben waren, wohl auch, weil Auflagen nicht eingehalten wurden. Für die Städter war es der eine Fall von Korruption zu viel.
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Und wer steht auf der anderen Seite?
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Das andere Rumänien, das sind große Teile der ländlichen Bevölkerung sowie viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Menschen aus kleinen Städten und Gemeinden, aus dem Osten und Süden des Landes. Auch die sehen, wie korrupt ihre Regierung und viele Politiker sind, nur hat für sie dieses Thema nicht die gleiche Priorität wie etwa ökonomische und soziale Themen. Und die Sozialdemokraten tun ja auch etwas für ihre Klientel, sie haben beispielsweise den Mindestlohn erhöht.
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Welche Rolle spielt der rumänische Staatspräsident Klaus Johannis?
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Wie in Deutschland hat der Präsident in Rumänien mehr repräsentative Aufgaben. Er ist aber schon so eine Art Gewissen der Nation. Johannis hat stets für einen ehrlichen Politikstil geworben, er wirft seine Persönlichkeit in die Waagschale und versucht sich als ein Kopf der Bewegung zu positionieren. Es ist aber insgesamt so, dass die aktuellen Proteste weitgehend aus dem Volk heraus, also von unten, entstanden sind. Jenseits von Johannis spielen Politiker, etwa der Oppositionsparteien, kaum eine Rolle. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Kritik der Demonstranten in gewisser Weise auch gegen die etablierten Parteien der Opposition richtet, deren Vertreter keineswegs allesamt sauber und transparent sind.
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Was halten Sie von dem Vorurteil, dass so gut wie alle Staaten Osteuropas größere Probleme mit Korruption haben?
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In der Tat ist Korruption und im weiteren Sinne „schlechte Regierungsführung“ ein chronisches Problem, mit dem im Grunde alle Länder zu kämpfen haben, die den Kommunismus hinter sich gelassen haben. Es gibt allerdings immense Unterschiede. So hat zum Beispiel Estland große Fortschritte erzielt, und auch in Mitteleuropa haben sich Dinge zum Positiven entwickelt. Demgegenüber sieht es in Südosteuropa und erst recht in den Nicht-EU-Staaten in Osteuropa noch recht düster aus. Dennoch ist auch in Rumänien einiges passiert. Vor allem durch den Beitrittsprozess zur EU, der ja 2007 zur Mitgliedschaft des Landes in der EU führte. Es gibt eine Nationale Antikorruptionsbehörde, die wirklich effektive Arbeit verrichtet. Selbst ehemalige Spitzenpolitiker sitzen hinter Gittern. Auch dafür, dass eben all diese Errungenschaften nicht wieder abgewickelt werden, protestieren die Menschen. Gleichwohl besteht trotz aller Fortschritte weiterhin eine Art klientelistisch-korrupter Komplex, der seine Interessen hartnäckig verteidigt.
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Warum hat Rumänien dieses Korruptionsproblem?
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Oh, auf diese Frage hat wohl niemand wirklich eine umfassende Antwort. Ich kann nur einige Aspekte aufwerfen, die relevant sein könnten. Zunächst hat es beim Übergang zwischen Kommunismus und Demokratie eine sehr hohe personelle Kontinuität gegeben. Vertreter der kommunistischen Eliten und des Sicherheitsapparates haben ihre Positionen auch unter neuen Vorzeichen halten können. Außerdem konnten sich Oligarchen etablieren, die weite Teile der Medienlandschaft unter ihre Kontrolle gebracht haben. Bei gleichzeitig kaum entwickelter Zivilgesellschaft konnten sich so Klientelstrukturen etablieren, die sich in Staat und Wirtschaft festgesetzt haben und die nur sehr schwer aufzubrechen sind.
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Nationalistische Töne aus Ungarn und Polen, gleichzeitig Proteste in Polen und Rumänien. Kann man sagen, dass in Osteuropa vieles ins Wanken zu geraten scheint?
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Die Situation in den genannten Ländern ist aber kaum vergleichbar. In Polen und Ungarn haben die Regierungen konservativ-patriotische Agenden. Sie streben große Veränderungen an. In Rumänien – wie auch in Bulgarien – spielen ideologische Aspekte kaum eine Rolle. Dort wollen die Regierungen eben gerade keine Reformen, sondern die Aufrechterhaltung undurchsichtiger Strukturen. Dort geht es also nicht um Ideologie, sondern schlichtweg um Bereicherung.
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Titelbild: Vadim Ghirda/picture alliance/AP Photo
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TV für Jugendliche – in Zeiten von YouTube klingt das wie ein Widerspruch in sich. ARD und ZDF haben es mit „Funk“ trotzdem gewagt. Wir haben uns mal nonlinear durchgeklickt
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Nach knapp drei Wochen ist klar: Fernsehen im Netz ist ein Prozess. Das neue Jugendangebot von ARD und ZDF ist nicht einfach so „da“. Es ist im Entstehen. Die öffentlich-rechtlichen Sender wagen tatsächlich den Absprung vom Linearfernsehen unserer Eltern. Auch optisch. Funk sieht aus wie eine Mischung aus Bento und Netflix. Alles ist bunt und blinkt. Es kann von Show zu Show geslidet, geklickt und gestreamt werden. Das Ganze nennt sich „Content-Netzwerk“.
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Jugendliche gelten als schwierige TV-Zielgruppe. Längst nutzen sie das Handy beziehungsweise Smartphone und das Internet intensiver als das Fernsehen. Das öffentlich-rechtliche Programm wiederum orientiert sich mit seinen Formaten an der Alterskohorte der Ü-60-Jährigen – was auch dem Durchschnittsalter der Zuschauer entspricht. Tendenz steigend. Die Jüngeren schauen Privatfernsehen oder klicken sich durch YouTube. Keine leichte Aufgabe, das zu ändern.
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„Wir müssen eine nachhaltige Reichweite bei jungen Menschen komplett neu für uns aufbauen“, sagt Programmchef Florian Hager dazu dem Magazin DWDL. Das stimmt. Blöd deshalb, dass beim Funk-Start am 1. Oktober die Hälfte der angekündigten 40 Formate fehlt. Zu sehen sind eingekaufte YouTube-Kanäle und kaum Eigenproduktionen. Verlinkungen zu den offiziellen Social-Media-Profilen gibt’s auch nirgends. Hat man sich die Funk-Facebook-Seite dann ergoogelt, heißt es dort: „Liked uns nicht! Unsere Inhalte gibt’s nämlich nicht hier, sondern überall im Netz.“ Aha.
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Alle Funk-Formate werden dezentral über Drittplattformen wie YouTube, Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und per App gestreut. Der Zuschauer soll selbst entdecken. Damit das Viralgehen klappt, haben ARD und ZDF unter anderem die Sieben-Tage-Hürde für Netzinhalte aufgehoben. Außerdem betreuen Mittzwanziger und nicht wie sonst so oft beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen jung gebliebene Mittvierziger das neue Programm: Ex-Beefträger Florentin Will etwa hat die Sketch-Sendung „Gute Arbeit“. Die „Dattelträgerin“ Nemi El-Hassan fragt bei „Jäger & Sammler“ kritisch nach („Welt“-Feuilletonistin Ronja von Rönne hat das Format schon wieder verlassen). YouTuber wie Rayk Anders (Headlinez) und LeFloid bleiben unabhängig, erhalten aber redaktionelle Unterstützung – und Geld: 45 Millionen stehen Funk jährlich zur Verfügung.
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Einige der meist nur fünfminütigen Sendungen erscheinen wöchentlich. Einige irgendwann. Einige sehen selbst gemacht aus. Einige extrem professionell. Einige sind albern. Einige informativ. Einige politisch. Und alle sind mit viel Meinung.
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Noch etwas haben sie gemeinsam: das Thema, das die Generation „Selfie“ bei allem politischen und ökologischen Engagement eben am meisten interessiert: sie selbst. Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was esse ich?“, „Wen liebe ich?“, „Wie sehe ich aus?“ und „Wie will ich leben?“ stehen bei Funk-Formaten im Vordergrund. Das ist egozentrisch, aber so ist das Netz.
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Noch halten sich die verteilten Likes, Faves und Herzchen in Grenzen. Und Kommentare reichen von mit Emojis dekoriertem „Supi!!!“ bis zu „Was macht ihr da mit meinem Rundfunkbeitrag?“. Auch klingen Vokabeln wie „Hey!“ und „So lame“ im „Über uns“ von funk.net erst mal anbiedernd jugendlich. Doch insgesamt ist der Ton auf Facebook & Co. lustiger als bei ARD und ZDF.
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Fünf Funk-Formate im Schnelldurchlauf:
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Auf Klo
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Zielgruppe: 14- bis 17-Jährige
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Worum geht’s? Ein Damenklo irgendwo in Berlin. Zwei Frauen reden über Freundschaft, Sex, Liebe, Karriere und die Zukunft. Dabei wirbeln GIFs von blinkenden Kackehaufen durchs Bild.
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Und dann? Werden interessante, junge, starke Frauen vorgestellt. Gerade waren etwa die YouTuberin Marie Meimberg und die Missy-Autorin Hengameh Yaghoobifarah dabei. Das Private wird im Gespräch gesellschaftlich relevant: Es geht darum, warum Dicksein schön und Streberinsein okay ist.
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Satz, der hängen bleibt: „Ich fand’s geil, Hausaufgaben zu machen!“
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Social-Media: Mit einem „Liken nicht vergessen!“ wird die Sendung beendet und mit ausladenden YouTuber-Gesten in Richtung Kommentare gezeigt. Da die Interviewten selbst Netzbekanntheiten sind, posten, teilen und retweeten sie eifrig in den eigenen Accounts.
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Geht noch besser: Es wird noch experimentiert. Die Mitmach-Spiele für die Gäste wirken noch gewollt. Es gibt aber auch die eklig-schöne Rubrik „Kackfact“, die mit Chemie-Nerd-Wissen über Schimmelpilze glänzt. Die ist tatsächlich lustig. Mal schauen, was der Redaktion noch einfällt.
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FYI: Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim ist Chemikerin und schreibt gerade ihre Doktorarbeit. Bei Funk hat sie noch einen weiteren Channel, der „schönschlau“ heißt und Fragen stellt wie „Was passiert, wenn man im Weltraum rülpst?“.
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Y-Kollektiv
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Zielgruppe: 25- bis 29-Jährige
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Worum geht’s? Das Investigativformat fragt, wie das Investigativformate so machen, kritisch nach: „Wie viel kostet eine syrische Zweitfrau in der Türkei?“, „Wie asozial sind MMA-Käfig-Kämpfe in Deutschland?“, „Wie leben Tiere in Massentierhaltung?“ Und das oft mit einer Go-Pro-Kamera auf dem Kopf. Das wackelt, soll authentisch wirken und bringt den Zuschauer ganz nah heran. Manchmal erschreckend nah.
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Und dann? Die Reporter begeben sich oft allein auf die Suche. Im Ich-Stil filmen sie dabei auch sich selbst und ordnen für den Zuschauer ihre Gedanken und Gefühle ein. Man muss sich daran gewöhnen, dass viele Sätze mit „Ich finde“, „Ich denke“, „Ich bin“ beginnen. Informativ und gut recherchiert sind die Inhalte trotzdem.
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Satz, der hängen bleibt: „Ich trinke Bier, um das Vertrauen der Leute zu gewinnen.“
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Social-Media: Wie bei den meisten Funk-Formaten gibt es auf Facebook, Instagram und Twitter zusätzliche Clips und GIFs mit mehr Infos. Was bei einer Informations- und Reportagesendung ja auch sinnvoll ist.
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Das geht noch besser: Einmal „Krass!“ sagen genügt für eine Fünf-Minuten-Reportage völlig.
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FYI: Das Y-Kollektiv ist ein Netzwerk von jungen Journalisten. Mit dabei ist Manuel Möglich, der zuletzt für das ZDFneo-Format „Wild Germany“ mit Satanisten und Neonazis sprach. Und auch Gülseren Ölçüm, die 2012 für das interkulturelle Online-Magazin „MiGazin“ den Grimme Online Award bekam.
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Tourettikette
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Zielgruppe: 14- bis 25-Jährige
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Worum geht’s? Tourettikette lehrt Etikette. Jeder darf eine Frage à la Dr. Sommer schicken, und YouTuber Bijan Kaffenberger erteilt den oft richtigen Rat. Dabei sitzt er in einem Ledersessel neben Bärenfell, Whisky und Zigarre.
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Und dann? Kaffenberger beantwortet Fragen wie „Ich heiße Kevin. Was soll ich tun?“, „Darf ich auf Ritalin zur Arbeit gehen?“ oder „Ist mein Vater noch ein Hurra-Patriot oder schon ein Nazi?“. Das macht er klug, ironisch bis hintersinnig. Dabei geht er auf tatsächliche Ängste ein – deckt aber auch latenten Rassismus und anderen Hass auf.
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Satz, der hängen bleibt: „Kevin, dein Name ist doch eigentlich en vogue. Es gibt viele erfolgreiche Fußballer, die heißen Kevin. Kevin Kurányi zum Beispiel. Wenn du aber kein fußballerisches Talent hast, musst du dir etwas anderes suchen. Vielleicht eine Freundin, die Chantal heißt.“
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Social-Media: Diese Woche hat @Herr_Bijan seinen Twitteraccount plötzlich gelöscht. Schade.
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Geht noch besser: Die Zigarren sind nur Deko – aber, nun ja, ist ja auch der Jugendkanal.
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FYI: Bijan Kaffenberger hat Tourette. Daher der Name der Show.
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Hochkant
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Zielgruppe: 14- bis 18-Jährige
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Worum geht’s? Ein Nachrichten- und Morgenmagazin auf Snapchat, das aktuelle politische und popkulturelle Themen erklärt und dabei mit den Snapchat-Features wie pinkfarbene Schrift im Bild, Katzenohren, Filtern, Emojis und anderen Spielereien arbeitet. Alles aus der Selfie-Perspektive, mit dem Smartphone hochformatig (!) im eigenen Wohnzimmer gedreht.
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Und dann? Geht es um den Friedensnobelpreis oder den US-Wahlkampf. Erinnert an „heuteplus“ im ZDF, nur mit mehr Glitzer und Einhörnern. Dahinter steht wohl der Gedanke, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Jugendlichen für die üblichen trockenen Nachrichtensendungen zu kurz sein könnte. Ob das stimmt?
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Satz, der hängen bleibt: „Zum Beispiel wurde eine US-YouTuberin, die über ihre Depressionen spricht, entmonetarisiert. Aber vor so eine Depression passt halt keine Happy-Werbe-Welt, ’ne.“
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Social-Media: 84 Abonnenten auf YouTube. Hm. Na ja. Auf Snapchat läuft’s bestimmt besser.
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Geht noch besser: Die Moderatoren Salwa Houmsi, Eva Schulz und Florian Prokop sehen frühmorgens noch ziemlich verschlafen aus – was wiederum nur ehrlich ist.
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FYI: Viele Schüler haben kaum Nachrichten-Apps auf ihrem Smartphone. Informationen werden oft über die Freundeskreise verbreitet, besonders über soziale Netzwerke wie WhatsApp und Facebook. 2015 nutzten 38 Prozent der Mädchen und 25 Prozent der Jungen zwischen 12 und 19 Jahren täglich Snapchat. Hier knüpft die rbb-Produktion „Hochkant“ an.
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Kliemannsland
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Zielgruppe: 20- bis 29-Jährige
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Warum geht’s? Einen Bauernhof kaufen – das ist ja der neue Traum, und Do-it-yourself-YouTuber Fynn Kliemann lebt ihn. Klingt erst mal nach einer Sendung, die auch im NDR laufen könnte. Nur wird der niedersächsische Hof hier in einen riesigen Spielplatz für Hipster umgebaut. Aus dem Kuhstall wird ein Tonstudio.
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Und dann? Passiert eigentlich nicht viel: Treckerrennen, Mutproben, Streiche. Die Folgen sind eine Mischung aus Kliemanns YouTube-Heimwerkersendung und Joko & Klaas – denn immer bauen alle nur Blödsinn und haben dabei eine große Klappe: „Geil!“, „Mach mal, Alter!“, „Schubs das mal um!“, „Wo ist meine Flex?“
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Satz, der hängen bleibt: „Wir müssen das hier alles noch ein bisschen sexier machen. Obwohl’s das ja schon wird, weil wir hier sind, ’ne.“
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Social-Media: Die Zehn-Minuten-Clips schaut man besser auf YouTube oder Facebook, denn der eigene Funk-Player hat noch einige Macken. Beim Klick auf „Pause“ lädt er neu. Und die nächste Folge startet nicht automatisch. Das nervt.
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Geht noch besser: nichts. Die Sendung ist super. Streckenweise zwar platt, aber verbunden mit (meist) nützlichen Heimwerkertipps darf Unterhaltung auch das sein. Selbst bei ARD und ZDF.
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FYI: Haben die Öffentlich-Rechtlichen Kliemann den Hof eigentlich gekauft? Weiß das jemand? Falls ja: Schreibt in unsere Kommentare!
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Titelfoto: Mara Lea Hohn
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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fluter/Facebook-Fakenews-Journalismusprojekt.txt
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Fakten-Checks und Nutzerschulungen. Mit dem „Journalism Project“ scheint das soziale Netzwerk jetzt Verantwortung für seine Rolle als Newsseite zu übernehmen
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Das soziale Netzwerk Facebook und der Journalismus – das war schon immer eine komplizierte Geschichte. Einfacher wird sie vermutlich auch in Zukunft nicht, aber nun kommt ein weiteres Kapitel hinzu: Im „Facebook Journalism Project“ will der Konzern deutlich enger mit Redaktionen und Medienhäusern zusammenarbeiten.
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Das Projekt ist eine Antwort von Facebook auf die Debatte um „Fake News“, die besonders rund um die Präsidentschaftswahl in den USA entflammt ist. So wurde über Facebook beispielsweise – drei Tage vor der Wahl – die Nachricht verbreitet, es habe ein FBI-Agent Selbstmord begangen, der mit der E-Mail-Affäre der Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, befasst gewesen sein soll. Über ihren Kontrahenten Donald Trump wurde geschrieben, dass er in einem Interview von 1998 die Unterstützer der Republikaner in den USA als die dümmste Wählergruppe bezeichnet habe. Beide Meldungen waren inhaltlich falsch.
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Da sich Facebook nun seit geraumer Zeit mit Forderungen konfrontiert sieht, endlich etwas gegen solche kalkuliert in die Welt gesetzten Falschmeldungen zu unternehmen, kommt das „Journalismus-Projekt“ nicht ganz überraschend. Konkret soll es darum gehen, gemeinsam mit Medienpartnern nach neuen Wegen zu suchen, wie redaktionelle Inhalte auf Facebook präsentiert werden können. Außerdem sollen sowohl Journalisten als auch die Nutzer des Netzwerks fortgebildet werden, damit sie „fundierte Entscheidungen über die Vertrauenswürdigkeit von Nachrichten treffen können“, wie es in der Ankündigung heißt. Dazu soll es Onlinekurse geben. Zumindest die Förderung der Medienkompetenz normaler Nutzer dürfte ein kompliziertes Unterfangen werden. Fast 1,8 Milliarden Menschen weltweit nutzen Facebook pro Monat aktiv.
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Als einer der ersten Partner steht das unabhängige Recherchebüro Correctiv fest. Wie dessen Leiter David Schraven mitteilte, werde in den nächsten Wochen getestet, wie die Zusammenarbeit konkret aussehen wird. Nutzer sollen die Möglichkeit bekommen, Beiträge als „Fake News“ zu markieren. Ab einer nicht genannten Verbreitungsschwelle sollen sich dann die Journalisten vom Correctiv mit der Prüfung befassen; von ihnen als falsch beurteilte Inhalte sollen danach mit einem Warnhinweis angezeigt werden. Correctiv soll während der Testphase kein Geld für diese Arbeit erhalten.
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Experten bekräftigen schon sehr lange, dass Facebook von vielen Menschen als Nachrichtenseite benutzt wird und der Plattform damit eine Verantwortung zukommt, der sie sich stellen muss. Claire Wardle von der Forschungseinrichtung „Tow Center for Digital Journalism“ analysiert etwa: „Facebook ist ins Nachrichtenbusiness hineingestolpert, ohne System oder redaktionelle Richtlinien. Nun gibt es den Versuch einer Kurskorrektur.“ Allerdings lässt sich zu diesem frühen Zeitpunkt kaum sagen, ob der Kampf gegen „Fake News“ auf diese Weise gelingen kann. Auch wäre es noch zu früh zu sagen, ob das Projekt dazu dienen wird, vor allem die eigene Position auf dem Nachrichtenmarkt zu stärken und neue Vertriebswege zu erschließen.
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Aus den Medienhäusern selbst kommt einige Zustimmung. Die „Washington Post“ zitiert auf ihrer Website ihren Informationschef Shailesh Prakash mit der Einschätzung, dass er sich aus der Verbindung der journalistischen Expertise der Medienhäuser und der technischen Expertise von Facebook viel Gutes erhoffe. Die Zeitung zählt ebenfalls zu den bereits bekanntgegebenen Partnern der Facebook-Initiative.
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Auch wenn die Details noch unklar sind, scheint Facebook mit dem Projekt seine Rolle als Nachrichtenseite anzunehmen – eine Rolle, gegen die sich das Netzwerk und sein Chef Mark Zuckerberg lange gesträubt haben.
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In der ersten Version dieses Artikels war zu lesen, Correctiv werde dem Vernehmen nach von Facebook kein Geld für seine Arbeit erhalten. Diese Aussage ist nicht richtig. Wie Correctiv mitteilte, habe man bislang bloß keine Vorstellung vom Arbeitsaufwand und könne somit die Kosten noch nicht beziffern.
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fluter/Fat-Acceptance-Aktivistin-Interview.txt
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„Dick“ und „fett“ sollten neutrale Wörter sein, sagt Judith Schreier, wie groß oder braunäugig. Ein Gespräch über Gesellschaftsnormen, Gesundheitsfragen und Body Positivity
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fluter.de: Aus deiner Sicht als Fettaktivistin – wie sollte die Zukunft aussehen?
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Judith Schreier: Alle sollten dick sein dürfen, und Fettfeindlichkeit soll verschwinden. Niemand sollte mir Charaktereigenschaften zuschreiben, nur weil ich dick bin. Wir sollten überall Klamotten kaufen können. Und in medizinischen Bereichen ernst genommen werden.
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Vor dem Wort „dick“ schrecken viele zurück. Warum nutzt du es?
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Ich nenne mich dick und fett. Oder beide Wörter mit Unterstrich, also dick_fett, um auf die Konstruktion dahinter hinzuweisen: Wörter sind gemacht, erfundene Normen; also können wir uns auch unsere eigenen erfinden. Ich verwende auch mehrgewichtig. Das ist neutraler. Auf keinen Fall spreche ich von „übergewichtig“ oder „adipös“. Beide Begriffe pathologisieren, Übergewicht propagiert dazu noch das Normalgewicht als absolutes Körperideal. Die Fat-Acceptance-Bewegung lehnt solche Begriffe ab.
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Woher kommt die Bewegung?
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Offiziell ist sie Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in den USA entstanden. Sie will Fettfeindlichkeit abschaffen und dicke Menschen von Diskriminierung befreien. Fat Acceptance will aber auch die Angst vor dem Fettsein und dem Wort „fett“ abbauen. Ein grundlegendes Ziel ist es, Menschen ohne Scham beschreiben zu können und dem Wort den beleidigenden Charakter zu nehmen. Als ich aufgewachsen bin, fehlten mir Begriffe, um mich zu beschreiben, alles hatte eine Konnotation, zum Beispiel mollig oder kurvig. Dick und fett sollten aber neutrale Wörter sein, wie groß oder braune Augen. Wenn wir die Angst abbauen und fett als faktische Begebenheit wahrnehmen, kommen wir gesellschaftlich weiter.
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Trotzdem ist Fat Acceptance ein Nischenthema.
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Das liegt daran, dass wir unseren Wert über unser Aussehen definieren. Beziehungsweise dass er von außen definiert wird. Dünne Körper sind in unserer Gesellschaft das Nonplusultra. Und wo der Körper ein Statussymbol ist, wird Fettsein zum Versagen der Einzelnen. Sie bekommen die Schuld an ihrem Dicksein, werden pauschal als faul, dumm und ungesund abgestempelt. Dabei gibt es so viele Formen von Dicksein und so viele Gründe dafür.
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Woher kommen die Vorurteile?
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In den vergangenen 200 Jahren hat sich die Annahme verfestigt, man könne seinen Körper leicht durch Sport und Ernährung manipulieren. Die Diätkultur ist tief in unseren Köpfen verankert, ohne dass wir es merken. Deshalb ist es auch wichtig, dass feministische Kämpfe Fat Acceptance mitdenken: Es betrifft alle. Das Diktat zur Dünnheit und Fitness reguliert das Leben vieler, nicht nur dicker Menschen. Das muss im Kampf um eine befreite Gesellschaft mitgedacht werden. Wir wären alle freier, wenn wir dick sein dürften.
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Was haben nicht-dick_fette Menschen konkret von eurer Bewegung?
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Körper sind unterschiedlich. Dass ein Mensch dünn ist, kann ein genetischer Zufall sein. Viele Dünne bleiben aber über die tägliche Selbstkontrolle dünn. Wir können in keinem Supermarkt stehen, in kaum einem Magazin blättern, ohne von Diätprodukten und Körpernormen beeinflusst zu werden. Eine Welt ohne diese ständige Selbstdisziplinierung stelle ich mir für Menschen aller Körperformen sehr schön und befreiend vor. Und nicht zuletzt sind dicke Menschen keine gesonderte Gruppe, sondern überall, im Freundeskreis, in der Familie, im beruflichen Umfeld. Ich glaube, wer keine dicken Menschen zum Freundeskreis zählt, muss sich dahin gehend eh noch mal reflektieren.
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Hast du als fette Person konkrete Forderungen an feministische Kreise?
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Wir wollen in Aufzählungen mitgenannt werden. Wenn es Panels gibt, denkt dicke Perspektiven mit und lasst dicke Menschen sprechen. Und ganz praktisch wünsche ich mir stabile Sitzmöglichkeiten, die nicht eng an eng stehen, zum Beispiel Stühle ohne Armlehnen. Wenn es ein Essen oder Buffet gibt, okay. Aber es sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass man das Essverhalten anderer Menschen nicht kommentiert. Sogar in feministischen Kreisen wird Essen ständig als gesund oder ungesund gelabelt, obwohl das individuell verschieden ist.
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Allgemein, auch bei Ärzt*innen, gilt Dick_Fettsein als ungesund …
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Dicksein beeinflusst den Körper. Trotzdem sind nicht alle dünnen Körper automatisch gesund und alle dicken Körper ungesund. Es ist komplexer. Abnehmen bringt den Körper in Stresssituationen, die genau die Symptome hervorrufen können, die durch das Abnehmen angeblich vermieden werden. Und die Diskriminierung, die dicke Menschen tagtäglich erfahren, löst wiederum häufig extreme Stresssymptome aus, die den Körper schädigen. Gesundheit wird oft zu eng und zu normativ gedacht. Ein Leben in einem dicken Körper, in dem man sich wohlfühlt, scheint mir ein angenehmeres Leben als eines in einem Körper, der im Namen der Gesundheit stets und ständig getrimmt wird, dünn zu sein.
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Viele Fettaktivist*innen weigern sich deshalb, diese Frage zu beantworten.
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Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Deshalb fokussiert sich die Bewegung auf Zugang und Respekt – auch im medizinischen Bereich. Wenn Ärzt*innen dicke Menschen als komplex betrachten, bleibt die Antwort auf diese Frage irrelevant.
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Judith Schreier hat Amerikanistik studiert. Gerade promoviert sie zu autobiografischen Texten dicker Frauen in der nordamerikanischen Literatur.
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Als Aktivistin für Fat Acceptance versuchst du, dick_fette Menschen zusammenzubringen, was schwer ist. Woran liegt das?
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Die Gruppe, die Dicksein für sich annimmt, ist einfach sehr klein, weil einem von außen so viel Scham eingeredet wird. Dicke tun sich selten zusammen, um für eine größere Sache zu kämpfen, weil sie oft denken: „Ich bin vielleicht noch ein Jahr dick, und dann habe ich die Kraft, abzunehmen.“
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Dabei hat sich viel getan, vor allem auf Social Media, besonders unter dem Stichwort „Body Positivity“. Viele Aktivist*innen finden den Begriff problematisch. Warum?
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Sein Hintergrund ist heute fast unsichtbar. Body Positivity kommt aus der Fat-Acceptance-Bewegung der 90er-Jahre. Ich finde, es hat nach wie vor Power, weil man so viele Dinge einschließen könnte: Pickel, Akne, Cellulite und so weiter. Aber momentan wird er halt individualistisch ausgelegt und verliert dabei an Radikalität. Es geht nur noch um Darstellung. Wenn man auf Instagram schaut, welche Körper unter dem Hashtag dargestellt sind, nähern die sich alle der Norm an: Es sind mehr und mehr weiße und dünne Körper. Was wiederum Marken kommerziell nutzen: Mode- und Kosmetikindustrie instrumentalisieren Body Positivity.
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Also sind Fat Acceptance und Body Positivity gar nicht zwangsläufig verknüpft?
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Ich kenne viele Menschen, die fettaktivistisch sind, den Begriff Body Positivity aber gar nicht mehr benutzen. Ich bin geteilter Meinung. Wenn ich Workshops mit Jugendlichen mache, die noch gar keinen Zugang zu diesen Themen haben, kann Body Positivity ein guter Einstieg sein. Er kann helfen, Fat Acceptance aus der Nische zu holen.
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Body Positivity ermutigt, sich im eigenen Körper schön und selbstbewusst zu fühlen. Body Neutrality hingegen konzentriert sich eher darauf, wie man sich im eigenen Körper fühlt und was dieser zu leisten imstande ist. Wäre das möglicherweise ein besseres Konzept?
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Das ist ein Trend, bei dem ich ebenfalls zwiegespalten bin. Ich muss – aber kann – beispielsweise meine Beine nicht geil finden, aber sie existieren und bringen mich an Orte. Aber von der systemischen und radikalen Ebene macht es für mich nicht so einen großen Unterschied, es bleibt eben auch nur ein Begriff.
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Titelfoto: Mim Schneider/@m.i.m.s.k.i
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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fluter/Film-Foxtrot-Samuel-Maoz.txt
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Der israelische Film „Foxtrot“ erzählt von einem Konflikt, der nicht vom Fleck kommt
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In der Wohnung von Michael Feldmann und seiner Frau Dafna ist eine großformatige Zeichnung das auffälligste Objekt. Sie zeigt ein enges Geflecht rechteckiger Linien, die sich mittig zu einem nahezu schwarzen Gravitationszentrum verdichten. Das Liniengewirr lässt sich wie eine Anleitung zu „Foxtrot“ lesen: als ein Verweis auf die dramaturgische Struktur des Films und seine wiederholten Richtungswechsel. Auch wird mit der Zeichnung schon früh das titelgebende Motiv etabliert, ein Tanz, dessen Grundschritt ein Rechteck beschreibt. Oder mit den Worten von Michael: „Egal wo du hingehst, du landest immer am selben Ausgangspunkt.“
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„Foxtrot“ erzählt von einem Ehepaar in Tel Aviv, dessen Leben durch eine Nachricht tief erschüttert wird: Ihr 19-jähriger Sohn Jonathan, der gerade seinen Militärdienst leistete, ist bei einem Einsatz gefallen. Angelehnt an den Aufbau einer griechischen Tragödie gliedert der israelische Regisseur Samuel Maoz den Film in drei Akten.
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Im ersten Akt wird zum ersten Mal sprichwörtlich „Foxtrott getanzt“. Während Dafna nach einem Zusammenbruch sediert wird, bedrängen die Vertreter/-innen des israelischen Militärs ihren Mann mit entmündigender Fürsorge – „ein Glas Wasser hilft über den ersten Schock“, heißt es gut gemeint. Im Verlauf der Sequenz wird die tragische Grundsituation immer wieder durch satirische Momente irritiert. Michaels Bruder schlägt etwa vor, bei der Traueranzeige den Ausdruck „gepflückt“ statt „gefallen“ zu verwenden. Auch der Militärrabbiner scheint eher einem vorgeschriebenen Protokoll zu folgen statt sich seelsorgerisch um den Trauernden zu kümmern. Die Bürokratisierung der Trauer – eine Tragikomödie.
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In die bleierne Atmosphäre platzt unvorbereitet eine zweite Nachricht. Bei dem toten Soldaten soll es sich um einen anderen Jonathan Feldmann handeln. Dafnas und Michaels Sohn hingegen sei am Leben. Auf den ersten Blick geht also alles auf die Anfangsposition zurück. Und doch lässt sich der „Fehler im System“ nicht ungeschehen machen. Michaels angestaute Wut bricht nun aus ihm heraus – und er trifft eine Entscheidung, die das Schicksal der Familie erneut auf tragische Weise ändern soll.
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Ein abgelegener Checkpoint, der von vier israelischen Soldaten, darunter auch Jonathan Feldmann, bewacht wird, ist das Setting des zweiten Aktes. Der von Ereignislosigkeit bestimmte Alltag hat etwas Surreales, der geringe Grenzverkehr wird hauptsächlich von Dromedaren bestritten. Aus der Lethargie heraus beginnt ein Soldat mit seinem Maschinengewehr einen Foxtrott zu tanzen, der sich in Begleitung von Pérez Prados schmissigen "Que Rico Mambo" zu einer entfesselten Tanzeinlage steigert. Maoz' Kritik am Militär zeigt sich in der Inszenierung der Waffe als erotisch aufgeladene „Tanzpartnerin“ – oder in der Frage, ob der Einsatz der jungen Soldaten in der Einöde einen Sinn hat.
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Nach dem visuell eher klinisch-kühlen Auftakt mit seinen wiederholten Vogelperspektiven, die Michael wie in einer Laborsituation beobachten, bestimmen Sepiafarben und diffuse Lichtstimmungen das Bild. Maoz verleiht dem gesamten Mittelteil etwas Wirklichkeitsentrücktes, die Zeit erscheint mitunter wie gedehnt, Wahrnehmungsdetails treten überscharf hervor und wirken fast abstrakt. "Alles, was du siehst, ist eine Illusion", sagt einer der Soldaten – eine These, die durch den plötzlichen Einbruch der Realität schmerzhaft widerlegt wird. Das Kriegsdrama verdrängt die Traumszenerie, als eine angebliche Gefahrenlage fehlgedeutet wird und dadurch eine Gruppe junger Araber/-innen stirbt, die den Checkpoint in einem Auto passieren wollte. Von "oben" wird Stillschweigen geboten, der Wagen wird samt der getöteten Insassen in einer nächtlichen Militäraktion vergraben.
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Zum Bild für die Unübersichtlichkeit der Lage wird der zunehmend im Schlamm versinkende Container, der als provisorisches Schlaflager für die Soldaten am Checkpoint dient. Er ist auch ein Raum zum Teilen von Geschichten: etwa die einer Thora, die mit Jonathans Großmutter die Shoah überlebte und vom Vater gegen ein Pin-Up-Heft eingetauscht wurde, das dieser wiederum an seinen Sohn weitergab. Die kollektive Erfahrung des Militärdiensts zeigt sich hier als ein "Erbe" vor allem zwischen Vätern und Söhnen. In einer Animationssequenz imaginiert Jonathan seinen Vater gar als einen von Scham- und Unzulänglichkeitsgefühlen geplagten Antihelden.
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Und noch einmal wechselt „Foxtrot“ den Takt. Maoz entwirft den Schlussteil als ein klassisches Drama um Schuld und Verantwortung. Zeit ist vergangen, doch zugleich werden die im ersten Akt abrupt abgebrochenen Handlungsfäden wieder aufgenommen: Jonathan ist tot, verunglückt auf der Heimfahrt von seinem Einsatz, die Vater Michael im ersten Teil des Films vehement eingefordert hatte – der Systemfehler bekommt nun rückblickend fast etwas Utopisches. An Jonathans Geburtstag treffen Michael und Dafna, deren Ehe längst zerrüttet ist, in der Wohnung aufeinander. Bei einer konfrontativen Aussprache erzählt Michael von einem traumatischen Erlebnis während seiner eigenen Militärzeit. Am Ende einer aufwühlenden Nacht tanzen die Verletzten gemeinsam einen Foxtrott. Dieses Mal ist es ein Trauertanz – mit läuternder Wirkung.
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Dieser Text erschien zuerst auf kinofenster.de, dem Onlineportal für Filmbildung der bpb. Dort erfährst Du noch viel mehr zu „Foxtrott“. Etwa über die Rolle von Krieg und Militär im israelischen Film, warum Regisseur Saumel Maoz sein Land für traumatisiert hält sowie Zahlen, Daten und Fakten über die israelischen Verteidigungsstreitkräfte.
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Die Filme „Les Sauteurs“ und „Haunted“ berichten nicht über Flüchtlinge und Kriegsopfer – sie lassen sie gleich selbst von ihrem Leben erzählen
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„Beim Filmen fühle ich, dass ich lebe“, sagt Abou Bakar Sidibé aus dem Off, während sein Blick durch die Kamera in die Ferne schweift. In der Nacht ist Melilla hell erleuchtet – jene spanische Exklave auf dem afrikanischen Kontinent, die neben der Insel Lampedusa zum Sinnbild der sogenannten Flüchtlingskrise geworden ist. Für Tausende von Afrikanern bedeutet Melilla das Tor nach Europa. Näher können sie dem ersehnten Ziel nicht kommen, ohne sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu begeben. Aber hier ist für die meisten von ihnen auch Endstation. Ein Metallzaun schirmt den europäischen Außenposten vor den Afrikanern ab, die sich in den Lagern auf dem Berg Gurugú, einem erloschenen Vulkan an der Küste Marokkos, sammeln. Hier ist die „Festung Europa“ tödliche Realität.
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Der 35-jährige Malier Abou lebt seit über einem Jahr in einem dieser Lager. In seiner Heimat hat er studiert, aber hier sind sie alle gleich: der ehemalige Arzt wie der Fußballprofi – alle hoffen in Europa auf ein besseres Leben. Man hat die verzweifelten Bilder von Geflüchteten in den vergangenen Jahren oft gesehen. Sie machen dem Westen immer wieder schmerzhaft bewusst, wie sehr die Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist.
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Der Dokumentarfilm „Les Sauteurs“ unterscheidet sich jedoch in einem entscheidenden Punkt von den Nachrichtenbildern und Fernsehreportagen. Denn Moritz Siebert und Estephan Wagner sind nur nominell die Macher des Films. Die Regie haben sie an Abou Bakar Sidibé abgegeben, damit das, was in Europa pauschal „Flüchtlingskrise“ genannt wird, endlich auch aus der Perspektive der Betroffenen erzählt wird, also von jenen, die in westlichen Medien meist nur als anonyme „Masse“ oder „tote Afrikaner“ Erwähnung finden.
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„Les Sauteurs“ umgeht mit diesem so einfachen wie politisch korrekten Trick dem Problem der Repräsentation: der Frage, wer hier eigentlich für wen spricht. Siebert und Wagner haben Abou eine Kamera und etwas Ausrüstung in die Hand gedrückt. Die Kamera erfüllt dabei zweierlei Funktion: Sie hilft Abou, der sein ganzes Leben in Mali zurückgelassen hat, auf seiner Identitätssuche in dieser für ihn neuen Umgebung. Und sie dokumentiert auf empathische und verblüffende Weise den Alltag im Flüchtlingscamp.
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Hier sind die Hierarchien flach, die verschiedenen Nationalitäten bilden Räte, welche wiederum einen „Präsidenten“ wählen, der die Ordnung im Camp herstellt und die Fluchtstrategie bestimmt. Die disziplinierte Selbstorganisation mit einem strengen Regelwerk (Verräter werden zum Tode verurteilt) widersetzt sich allen medialen Darstellungen der chaotischen Zustände in Flüchtlingslagern. Im Gegenteil liefert „Les Sauteurs“ ein differenziertes Bild vom Gemeinschaftsgefühl unter den Geflüchteten.
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Abou filmt seine Freunde bei Gesprächen über ihre Zukunftspläne und über die illegalen Methoden des marokkanischen Polizeichefs, er zeigt die Verwüstungen nach den regelmäßigen Polizeirazzien im Lager und ist bei einigen – vergeblichen – Versuchen, den Zaun zu überwinden, sogar mitten im Geschehen.
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Erstaunlicherweise erweist sich Abou im Laufe der Dreharbeiten als zunehmend kompetenter Filmemacher mit einem genauen Blick für die Widersprüche, die in den vereinfachten Darstellungen in den westlichen Medien nur selten zur Sprache kommen. Zum Beispiel, dass es für den Wunsch, nach Europa zu gehen, aus historischer Sicht durchaus plausible Argumente gibt. „Jahrzehntelang wurde mein Land ausgebeutet“, sagt Abou einmal in die Kamera. „Sie können uns nicht alles nehmen und jetzt sagen, dass wir draußen zu bleiben haben.“
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Gurugú ist ein Ort der Hoffnung und des Schmerzes. „Das Schlimmste hier ist, deine Brüder sterben zu sehen“, meint einer der Männer. Einmal müssen sie die Eltern eines Kameraden anrufen, der die Flucht über den Grenzzaun nicht überlebt hat. Abou lässt die Kamera mitlaufen, eine heftige Szene, aber den Luxus der Pietät können sich diese Männer, die um ihre Existenz kämpfen, nicht leisten. „Les Sauteurs“ ist ihr Film, und wie zum Beweis stellen Siebert und Wagner den Aufnahmen Abous zwischendurch immer wieder Schwarz-Weiß-Bilder aus den Wärmebildkameras der Grenzposten gegenüber. Sie zeigen die unbarmherzige Perspektive der Europäer, in der die Geflüchteten beim hilflosen Anrennen gegen das Bollwerk nur an das Gewimmel in einem Ameisenhaufen erinnern.
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Ebenfalls gegen weit verbreitete Vorstellungen über die gegenwärtigen Migrationsbewegungen geht der syrische Dokumentarfilm „Haunted“ (Kinostart: 24. November) vor. Regisseurin Liwaa Yazji hat für ihren Film Opfer des Bürgerkriegs in Syrien in ihren zerstörten Häusern aufgesucht und dort mit ihnen über den Begriff „Heimat“ und den Verlust ihres Eigentums gesprochen. Ihre Gesprächspartner/-innen stehen großenteils noch unter Schock, auch während der Dreharbeiten sind Einschüsse und Bombardements allgegenwärtig.
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Erschütternd sind die Bilder, in denen Yazji die Menschen durch ihre zerstörten Häuser begleitet, während diese von den Erinnerungen erzählen, die sie mit den Gegenständen aus den Ruinen verbinden. Deutlich wird dabei in allen Interviews, dass eigentlich keiner der Betroffenen Syrien verlassen möchte. Die Identifikation mit der eigenen Kultur, dem eigenen Besitz ist so groß, das einer der Befragten sogar zugibt, lieber sterben zu wollen, als sein Land zu verlassen.
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Indem „Haunted“ sich auf konkrete Orte – die Häuser der Menschen auf der Flucht, ihren Lebensmittelpunkt – konzentriert, gelingt der Regisseurin die eindrucksvolle Studie einer „Flucht-Psychologie“. Eine modische junge Frau berichtet, dass bei den Bombenangriffen alle Spiegel im Haus zerstört wurden. Sie könne sich nicht mehr selbst betrachten und hat dadurch den Bezug zu sich verloren. Damit liefert sie ein treffendes Bild für die traumatische Erfahrung des Krieges und der Flucht, die den Menschen ihre Identität, das Heim und die Heimat, nimmt.
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„Les Sauteurs“ und „Haunted“ ergänzen sich auch deshalb so gut, weil sie sehr unterschiedliche Vorstellungen von „Heimat“ behandeln. Für Abou und seine Freunde hat der Begriff „Heimat“ jede Bedeutung verloren; sie haben keinen Bezug mehr zu ihrem Herkunftsland. Der Status des Migranten ist ihnen zur zweiten Natur geworden. Für die Menschen, die Liwaa Yazji interviewt, ist der Verlust ihres Hauses hingegen gleichbedeutend mit einer Entwurzelung. Beide Filme zeigen, wie nötig es ist, im Westen ein Verständnis für die Sichtweisen von Geflüchteten zu entwickeln, um die tatsächlichen Ursachen und Folgen der heutigen (und zukünftiger) Flüchtlingsbewegungen besser zu verstehen.
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Les Sauteurs, Regie und Buch: Moritz Siebert, Esteban Wagner, Abou Bakar Sidibé, Dänemark 2016, 80 Min.
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Haunted, Regie und Buch Liwaa Yazji, Syrien 2014, 112 Min.
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Es kann jeden treffen. Besonders oft aber richtet sich Hate-Speech im Netz gegen Frauen. Achtung: explicit language!
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Ende Oktober entschloss sich Madeleine Sophie Daria Alizadeh alias „Dariadaria“ zu einem für Blogger radikalen Schritt: Sie schaltete die Kommentarfunktion aus. Sechs Jahre lang gemeine bis gehässige Kommentare, die sich unter ihren Beiträgen zu Fashion, Flucht und veganem Leben sammelten, reichten der 27-Jährigen.
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Auf „Dariadaria“ ist „Hate Speech“ damit erst einmal verstummt. Verschiedene Studien zeigen jedoch, was jeder Internetnutzer auch selbst schon bemerkt haben wird: Beleidigungen und Übergriffe gegen Frauen finden sich fast überall im Netz. Besonders alarmierend ist dabei, dass frauenfeindliche Hassreden – zum Beispiel laut „Gender Equality Unit“ des Europarats – rapide zunehmen.
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Hate Speech ist, wenn Menschen gezielt mit Worten oder Bildern beleidigt oder bedroht werden oder wenn zu Hass gegen sie aufgerufen wird. Besonders oft trifft Hate Speech geflüchtete, muslimische und jüdische Menschen, Menschen mit Behinderungen, Personen aus der LGBT-Community und Frauen.
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„Wenn man sich anschaut, welche Frauen von Hate Speech betroffen sind, fällt auf: Neben muslimischen und geflüchteten Frauen betrifft dieses Phänomen vor allem Feministinnen und jene, die in der Öffentlichkeit stehen“, sagt Sina Laubenstein. Die 25-Jährige ist Projektmitarbeiterin der Initiative „No Hate Speech Movement“ in Deutschland. Vom Europarat gegründet, soll diese auf Hass im Netz aufmerksam machen, indem sie ihn anspricht, sich mit Betroffenen solidarisiert und erklärt, was man tun kann, wenn in der Timeline wieder mal wer „hatet“.
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Eine Datenanalyse, die Laubensteins Beobachtung untermauert, lieferte im April „The Guardian“. Die britische Tageszeitung untersuchte 70 Millionen Kommentare, die Leser in den letzten zehn Jahren unter Artikeln hinterließen. Das Ergebnis: Unter den zehn am häufigsten beschimpften Autoren sind acht Frauen –und zwei schwarze Männer. Von den Frauen sind vier People of Color. Eine Frau ist muslimisch, eine jüdisch und zwei lesbisch. In der Redaktion des „Guardian“ arbeiten allerdings vor allem: weiße Männer.
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Je männerdominierter ein Ressort, desto mehr Hasskommentare bekamen die Journalistinnen des „Guardian“ ab. Diese Regel scheint nicht nur für den englischsprachigen Raum zu gelten.
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Über der deutschen Sportreporterin Claudia Neumann zum Beispiel entlud sich ein massiver Shitstorm, als sie während der letzten Fußball-EM ein Match kommentierte. „Wieso kommentiert das Spiel eine Frau“, schrieb ein Nutzer mit gedrückter Hochstelltaste. „Diese schlampe brauch einfach nur ein Pimmel [sic!]“, ein anderer. Die ZDF-Moderatorin, mit der sich viele Kollegen und Zuschauer solidarisch erklärten, ging mit den wüsten Beleidigungen gelassen um.
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Ein Shitstorm ist eine Welle negativer Kritik gegen eine Person, Organisation etc. In sozialen Netzwerken können sich Shitstorms rasend schnell verbreiten und dem Betroffenen langfristig schaden.
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Eine andere Gefahrenzone: Politik. Hate Speech trifft sowohl jene, die Politik machen – Politikerinnen werden messbar häufiger als ihre männlichen Kollegen beleidigt –, als auch jene, die über Politik berichten: In der österreichischen Wochenzeitung „Falter“ zum Beispiel schrieben im Juni vier prominente Journalistinnen über die Beschimpfungen und Drohungen, die ihnen teils täglich begegnen.
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Vielen Usern geht es dabei nicht um konstruktive Kritik, sondern darum, zu schaden. Um nicht zu sagen: zu schänden. Die Journalistin Corinna Milborn zum Beispiel musste über sich selbst lesen: „Man sollte dieser Entarteten die Gebärmutter ziehen, ausspülen und einem Schutzsuchenden als Trinkschlauch auf die Reise in die Wüste mitgeben.“
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„Niemand will solche Sätze über sich in der Öffentlichkeit sehen“, schreibt Milborn, „und schon gar nicht durch Reaktionen weitere Postings provozieren.“ Warum sie es trotzdem macht? „Weil ich festgestellt habe, dass es uns allen so geht, sobald wir Männerdomänen kommentieren“, so die Journalistin, „und dass das Konsequenzen hat.“
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Wenn Frauen Diskriminierung im Arbeitsumfeld ansprechen, bekommen sie oft zu hören, sie müssten den Job ja nicht machen. Das englische Pendant dazu – „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen“ – wird inflationär verwendet, wenn es um Beleidigungen in männerdominierten Branchen wie der Spiele-Industrie geht. Die kanadisch-amerikanische Medienkritikerin Anita Sarkeesian, die mit der Youtube-Reihe „Tropes vs. Women in Video Games“ eine rege Diskussion über Sexismus in Videospielen anstieß (siehe „Gamergate“), wurde nicht nur wüst beleidigt, sondern auch mit Vergewaltigung und Mord bedroht. Sie musste ihren Wohnort wechseln.
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„Hassbotschaften zielen oft direkt darauf ab, Frauen klein zu halten und gerade jene, die sich Einfluss erarbeitet haben, mundtot zu machen“, sagt Sina Laubenstein von „No Hate Speech Movement“. Die Games-Kritikerin Sarkeesian musste zum Beispiel einen Vortrag an der Utah State University absagen, weil mit einem Massaker gedroht wurde, sollte die Feministin sprechen.
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Auch wenn die Auswirkungen von Hate Speech in der Regel weniger offensichtlich sind – sie sind nicht minder übel. Die deutsche Aktivistin Anne Wizorek, die mit ihrer feministischen Courage (#Aufschrei) 2014 einen Shitstorm auslöste, sagte in einem Interview über frauenfeindlichen Hass: „Ich weiß, ich bin nicht dumm, ich bin nicht untervögelt und was da noch alles für Beschimpfungen und Drohungen kommen. Und trotzdem arbeitet diese Art Bemerkungen in einem Menschen weiter.“
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Um zu verhindern, dass einen Hate Speech nachhaltig verletzt, sollten Betroffene deshalb unbedingt wissen: Hate Speech ist weder okay noch legal. Es verstößt gegen die Menschenrechte. Und: Man kann sich dagegen wehren.
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Während sich die Kommentare mancher Trolle durch gezieltes Kontern oder Blockieren bekämpfen lassen, ist bei anderen eine strafrechtliche Anzeige angebracht. Zwar gibt es in Deutschland keine Gesetze, die sich explizit mit Onlinehass auseinandersetzen. Der Justiz ist aber egal, ob Beleidigung, Bedrohung, Verleumdung oder üble Nachrede nun online oder offline passieren. Das Strafmaß dafür beträgt, je nach Schwere und Delikt, bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug.
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Urteile, an denen sich Richter orientieren können, gibt es bereits viele: Ein 28-jähriger Bochumer, der auf Facebook postete, Bundeskanzlerin Merkel solle „öffentlich gesteinigt werden“, musste zum Beispiel 2.000 Euro Strafe zahlen. Das Landgericht Kiel verurteilte einen Mann zur Zahlung von 25.000 Euro Schmerzensgeld, weil er aus Rache drei Nacktfotos seiner Ex-Freundin nebst ihrer Adresse und der Bemerkung „…danach!“ ins Netz gestellt hatte.
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Man spricht von Slut Shaming, wenn Mädchen oder Frauen für ihr sexuelles Verhalten, ihr Auftreten oder ihren (vermeintlich „provokativen“) Kleidungsstil angegriffen werden. Mit geschlechtsbezogenen Schimpfwörtern wie „Schlampe“ oder „Nutte“ wollen die Täter Schamgefühle auslösen und Frauen abwerten.
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Da Hater online in der Regel anonym bleiben, lassen sich über Identität, Herkunft oder Bildungsschicht der Täter oft nur Vermutungen anstellen. Aus der Bundeskriminalstatistik 2015 geht hervor: Angezeigte Beleidigungen mit dem „Tatmittel Internet“ gingen im vergangenen Jahr in 6.228 Fällen von männlichen Tatverdächtigen aus, in 3.672 von weiblichen. Bei den „Beleidigungen auf sexueller Grundlage“ ist der Unterschied noch größer.
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Allerdings sind es längst nicht nur Männer, die Frauen online beschimpfen und bedrohen: Das britische Institut Demos durchforstete über einen Zeitraum von drei Wochen Tausende Twitter-Posts nach den Wörtern „slut“ (Schlampe) und „whore“ (Hure). Dabei fanden sie heraus: Die Hälfte der User, die sexistische Tweets verschickten, waren Frauen.
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„Man kommt schon ins Grübeln, wenn man sich anschaut, wie viele frauenfeindliche Postings von Frauen selbst stammen“, sagt Sina Laubenstein. Einen Grund dafür sieht sie in der Alltagssprache. „Sexistische Witze und Aussagen sind schon fast ‚normal‘ geworden“, sagt Laubenstein. Frauen, die anderen Frauen ihren Erfolg nicht gönnten oder sonst irgendwas gegen sie hätten, würden deshalb oft zu „slut shaming“ greifen.
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Um Hate Speech zu bekämpfen, empfiehlt sich deshalb auch, dass jeder und jede die eigenen Worte bewusster wählt: also zum Beispiel Kommentare lieber noch mal durchlesen, bevor man sie abschickt. Und wer im Netz auf Hate Speech trifft, sollte darauf nicht mit Hate Speech antworten – sondern lieber mit schlauen Argumenten, Humor und gegebenenfalls einer Anzeige.
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Illustration: Katharina Bourjau
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Der Alltag Inhaftierter ist ein klassischer, meist ziemlich ernster und hochpolitischer Filmstoff – manchmal wird aber auch gesungen und getanzt
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In Erinnerung bleibt gleich der erste Satz. Der stammt von Barack Obama. Er sagt, die USA stellten 5 Prozent der Weltbevölkerung, aber 25 Prozent der Gefängnisinsassen weltweit. Irgendwas scheint da aus dem Ruder gelaufen im land of the free. Zumal die Insassen recht ungleich verteilt sind: 37 Prozent sind Schwarze, die aber nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen (2013). Wie das kommt, erklärt Regisseurin Ava DuVernay mit einem weiten, elegant argumentierenden Erzählbogen. Mit der Abschaffung der Sklaverei 1865 begann ein Prozess der Kriminalisierung der Schwarzen in den USA, der aus wirtschaftlichen und politischen Interessen bis heute fortwirkt. Denn wer in den USA im Gefängnis sitzt, verliert sein Wahlrecht. Besonders streng ist das Gesetz im politisch hart umkämpften Swing State Florida. Hier waren sogar Freigelassene vom Wahlrecht ausgeschlossen. Mit der Folge, dass laut Schätzungen jeder Zehnte nicht wählen kann. Das wurde nun geändert: Bei der Präsidentschaftswahl 2020 können 1,4 Millionen Amerikaner mehr ihre Stimme abgeben.
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„13th“, USA 2017, 100 Minuten
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Lebenslänglich, zweimal sogar, lautet das Urteil für den jungen Bankmanager Andy Dufresne (Tim Robbins), einen Doppelmord soll er verübt haben. Im Gefängnis muss Dufresne, eher der stille Typ, Schikanen und Willkür durch das Wachpersonal und Mitgefangene ertragen, gleichzeitig findet er Freunde und Aufgaben wie den Aufbau einer Gefängnisbibliothek. Der Handlungsbogen von „Die Verurteilten“ – dessen Drehbuchvorlage übrigens eine Kurzgeschichte von Stephen King ist – umfasst Jahrzehnte, und immer geht es um eine Frage: Wie schafft man es, in einem entmenschlichenden Umfeld und ohne Perspektive auf Entlassung seine Menschlichkeit, seine Würde und auch seine Hoffnung zu bewahren?
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„The Shawshank Redemption“, USA 1994, 142 Minuten
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Ist die Hinrichtung eine gerechte Strafe für ein Kapitalverbrechen, kann sie den Hinterbliebenen eines Mordopfers Genugtuung bieten? In den USA befürwortet eine knappe Mehrheit die Todesstrafe. Ungefähr 3.000 Häftlinge warten hier auf ihre Hinrichtung. „Dead Man Walking“ schildert – semifiktiv, denn basierend auf zwei wahren Fällen – die letzten Monate des Todeskandidaten Matthew Poncelet (Sean Penn), der von der Nonne Helen Prejean (Susan Sarandon) seelsorgerisch begleitet wird und ein letztes Gnadengesuch erwirken will. Dabei ist Poncelet alles andere als ein Sympathieträger, und gerade das macht „Dead Man Walking“ so differenziert bei Fragen nach Moral und Gerechtigkeit. Klare Antworten sollte man allerdings nicht erwarten.
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„Dead Man Walking“, USA 1995, 122 Minuten
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Für ein Drogenvergehen in ihrer Jugend muss Piper Chapman (Taylor Schilling), eine prototypische weiße Mittelschichts-US-Amerikanerin, ein Jahr ins Frauengefängnis. Und erlebt dort stellvertretend für das Netflix-Mittelschichtspublikum all das, was man sich im Mikrokosmos Gefängnis eben so vorstellt: eine florierende Schattenwirtschaft, das knallhart durchgesetzte Recht der Stärkeren, Schutz durch Gruppenbildung, Liebschaften, sexistische Wärter. „Orange Is the New Black“ mischt Sozialkritik mit Emotionen und viel Humor, ist so vielschichtig erzählt, dass es seit Jahren zu den beliebtesten Serien des Streamingdienstes Netflix gehört – und beweist ganz nebenbei, dass eine Serie natürlich auch sehr gut funktioniert, wenn fast alle Figuren weiblich sind und viele davon auch noch queer und/oder of color.
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„Orange Is the New Black“, USA, seit 2013, bisher 78 Folgen in sechs Staffeln
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66 Tage. So lange dauerte der Hungerstreik von Bobby Sands. Am 5. Mai 1981 starb der Mann, der aus Sicht der britischen Regierung ein Terrorist der IRA war, aus Sicht nicht weniger katholischer Bewohner Nordirlands ein Freiheitskämpfer. Vom Hungerstreik im Maze Prison, wo in den 1970er- und 80er-Jahren Hunderte Teilnehmer des nordirischen Bürgerkriegs inhaftiert waren, handelt Steve McQueens Debütfilm „Hunger“. Die Häftlinge wollen als politische Gefangene anerkannt werden, sie weigern sich, die normale Sträflingskleidung zu tragen, beschmieren ihre Zellen mit Kot und erdulden Misshandlungen durch die Wärter. „Hunger“ ist so radikal wie das Anliegen von Bobby Sands, intensiv, hochästhetisch, schonungslos – auch für Hauptdarsteller Michael Fassbender: Der nahm während der Dreharbeiten 20 Kilo ab.
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„Hunger“, Großbritannien 2008, 92 Minuten
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Die Zeit im Gefängnis verändert einen Menschen – manchmal sogar zum Guten. Als glühender Nazi geht Derek Vinyard (Edward Norton) in Haft, verurteilt zu drei Jahren für den Totschlag an zwei Schwarzen. Im Gefängnis schließt er sich Mithäftlingen aus der rechten Aryan Brotherhood an. Doch als er wieder rauskommt, hat er sich von der Szene abgewandt, sehr zum Missfallen seines kleinen Bruders Danny, der ein Neonazi geworden ist. In Rückblenden wird der Läuterungsprozess Derek Vinyards gezeigt, dem sich in einem Umfeld, in dem Weiße in der Minderheit sind, neue Sichtweisen eröffnen.
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„American History X“, USA 1998, 114 Minuten
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Misshandlungen, Hungerstreiks, Rassismus, Todeskandidaten, die auf ihre Hinrichtung warten: Wenig überraschend, dass das Gefängnisfilmgenre eine eher ernste Angelegenheit ist. Dabei kann so ein Film auch ganz anders aussehen – zum Beispiel wie ein Jazzmusical aus den 1920ern, mit Theaterkunstlicht, Kostümwechseln und ausgefeilt choreografierten Gesangseinlagen. Die Story von „Chicago“ dreht sich um eine Möchtegern- und eine echte Varietékünstlerin (Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones), beide wegen Mordes im Frauengefängnis, und einen windigen Staranwalt (Richard Gere), der genau weiß, wie er seine Klientinnen in der Öffentlichkeit präsentieren muss. So ist „Chicago“ auch Mediensatire, vor allem aber: große Hollywood-Unterhaltung, prämiert mit sechs Oscars.
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„Chicago“, USA 2002, 113 Minuten
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Treffen sich ein Radio-DJ, ein Zuhälter und ein Italiener in einer Gefängniszelle in New Orleans … Klingt wie ein Witz und ist auch ziemlich lustig: „Down by Law“ ist einer der früheren Filme des Independent-Regisseurs Jim Jarmusch, und der lässt seine Protagonisten (Tom Waits, John Lurie, Roberto Begnini) in einem präzise gefilmten schwarz-weißen Theaterstück voller absurder Szenen und Dialoge aufeinander los, erst in Freiheit, dann im Gefängnis, schließlich auf der Flucht. Zwischendurch tanzen die drei durch ihre Zelle und skandieren „I scream. You scream. We all scream for ice cream.“ Viel Spaß!
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„Down by Law“, USA 1986, 107 Minuten
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Titelfoto: Netflix
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Superhelden, Klone, Zwitterwesen: Das genetische Erbmaterial sorgt für spannende Plots und wirft grundsätzliche Fragen auf. Ein Kultur-Listicle zum Thema Gene
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Jeffrey Eugenides: Middlesex (2003)
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„Singe jetzt, o Muse, die Geschichte der rezessiven Mutation auf meinem Chromosom fünf!“, lässt Jeffrey Eugenides den Ich-Erzähler in seinem Erfolgsroman „Middlesex“ homerisch raunen. Eugenides, Amerikaner mit teils griechischen Wurzeln, erzählt darin viel aus seiner Familiengeschichte, um das Leben seines Helden farbig zu grundieren. Dieser Held ist intersexuell, zweigeschlechtlich aufgrund eines seltenen Gendefekts. Er wird als Mädchen aufgezogen, entscheidet sich aber später, als Mann zu leben. Die Frage, was den Menschen als geschlechtliches Wesen vor allem bestimmt – die Gene oder die Umwelt –, zieht sich durch das Buch. Mit großem Erzählgestus kreuzt Eugenides seinen Gender-Bildungsroman mit einer groß aufgezogenen Familiensaga. Entsprechend dickleibig ist das Endprodukt ausgefallen, liest sich aber süffig weg. Übrigens spielt ein Teil der Rahmenerzählung in Berlin – vermutlich allein deshalb, weil der Autor damals dank eines Stipendiums dort lebte.
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Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Rowohlt TB, 736 S., 10,99 Euro
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Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten (2005)
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Alles könnte so schön sein in dem Internat, in dem Kathy, Tommy, Ruth und die anderen aufwachsen – aber nein, es könnte nicht nur, es ist sehr schön! Die Jugendlichen werden gut umsorgt, haben viele Möglichkeiten, Sport zu treiben und kreativ zu sein, alles ist toll. Da sie nichts anderes kennen, nehmen sie es als ihr natürliches Schicksal hin, „Spender“ zu sein: menschliche Ersatzteillager, geklont allein zu dem Zweck, sämtliche verwertbaren Organe zu spenden und an der finalen Spende noch in jungen Jahren zu sterben. Das klingt nach hartem Stoff, aber der britische Autor Kazuo Ishiguro hat alles andere als einen gruseligen Gentechnik-Schocker geschrieben. Eher ist sein Roman ein philosophisches Gedankenexperiment zur ewig unlösbaren Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes. Ein sanfter, traurig-schöner Hauch von Melancholie liegt über seinem Roman, in dem niemand seinem vorherbestimmten Schicksal entkommt. Denn nicht einmal die Liebe rettet vor dem sicheren Tod. Und das gilt schließlich nicht nur für Ishiguros Klonkinder, sondern für uns alle.
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PS: Ja, dieser Roman wurde auch verfilmt, sogar mit Carey Mulligan und Keira Knightley in Hauptrollen, die Verfilmung stieß aber nicht auf einhellige Zustimmung bei der Kritik.
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Aus dem Englischen von Barbara Schaden. btb, 352 S., 9,99 Euro
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Wolverine (1974)
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Unter den genetisch außergewöhnlichen Figuren im Comic-Universum stechen besonders die X-Men-Mutanten hervor. Einer von ihnen ist der Superheld Wolverine, der als James Howlett mit animalisch ausgeprägten Sinnen und spektakulären Selbstheilungskräften im späten 19. Jahrhundert geboren wird. Seine Markenzeichen sind Klauen, die aus den Handrücken hervorschnellen und, gemäß der heutigen Ursprungsgeschichte, bereits in jungen Jahren zum Einsatz kommen. Zur Flucht aus seinem Elternhaus gezwungen, baut der zwischenzeitlich in der Wildnis lebende James seine Fähigkeiten aus, was ihn für das geheime Regierungsprogramm „Weapon X“ interessant macht. Dort verschmilzt man sein Skelett und seine Krallen mit dem unzerstörbaren Metall Adamantium und schafft so eine perfekte Kampfmaschine. Seinen ersten Auftritt hat der später zum X-Men-Team hinzustoßende Mutant 1974 im Marvel-Comic # 180 „The Incredible Hulk“. Spannend ist die Figur des Wolverine vor allem deshalb, weil sie den oftmals tragischen Außenseiterstatus von Menschen mit exzeptionellen Fertigkeiten unterstreicht und exemplarisch für all die Superhelden steht, die von eigennützigen Organisationen als Versuchskaninchen und Handlanger missbraucht werden.
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Ridley Scott: Blade Runner (1982)
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Ursprünglich sollte dieser düster-geniale Science-Fiction-Klassiker, dessen erste Version 1982 in die Kinos kam, „Android“ heißen – nach Philip K. Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, der ihm zugrunde liegt. „Replikanten“ werden die Androiden im Film genannt. Sie sind gentechnisch hergestellte menschliche Klone, die erschaffen wurden, um für die Menschheit die Lebensbedingungen auf anderen Planeten zu testen. Das Betreten der Erde ist ihnen streng verboten; wer es dennoch wagt, wird verfolgt und liquidiert. Angeblich unterscheiden sich Replikanten darin von „echten“ Menschen, dass ihnen die Empathiefähigkeit fehlt. Diese Prämisse aber wird im Film immer wieder in Frage gestellt. Nicht nur verliebt sich (Harrison Ford als) Replikantenjäger Rick Deckard in eine Replikantin; auch sein übermenschlich starker Widersacher Roy erweist sich letztlich als „menschlicher“ als viele Menschen. Was also macht einen Menschen dann wirklich aus? Eine große Frage, auf die „Blade Runner“ eine letztgültige Antwort verweigert. Jahrtausendkino.
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Andrew Niccol: Gattaca (1997)
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„In einer nicht allzu fernen Zukunft“, wie es am Anfang heißt, kann die Medizin Menschen erschaffen, die lediglich die besten genetischen Eigenschaften ihrer Eltern tragen. Entstanden ist eine Gesellschaft, in der nur makellos konstruierte Retortenbürger Aufstiegsmöglichkeiten haben. Natürlich gezeugte Individuen wie Vincent Freeman (Ethan Hawke) müssen einfache Tätigkeiten verrichten, was den jungen Mann jedoch nicht davon abhält, seinem Traum zu folgen: Um Raumfahrer zu werden, erwirbt er verbotenerweise die genetische Identität eines künstlich ausgereiften, inzwischen aber gelähmten Sportlers. Andrew Niccols bedächtig erzählter Science-Fiction-Film zeigt in ausdrucksstarken Bildern, wohin der Glaube an den perfekten Menschen führen kann: Diskriminierung und Unterdrückung sind die Merkmale einer „schönen neuen Welt“, die heute, 20 Jahre später, immer realistischer erscheint.
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Diane Arbus: Identical Twins, Roselle, N. J. (1967)
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Das berühmteste Porträt von Diane Arbus ist das von Cathleen und Colleen Wade, beide damals sieben Jahre alt und nur wenige Minuten nacheinander zur Welt gekommen. Die eineiigen Zwillinge stehen nebeneinander, beide dunkles Kleid, helle Strümpfe, helles Haarband, exakt gleich frisiertes Haar. Man sucht förmlich den Unterschied zwischen den Mädchen mit den genetisch fast identischen Erbanlagen. Ihre extreme Ähnlichkeit wirkt unheimlich. Kein Wunder, dass Stanley Kubrick ebenfalls eineiige Zwillingsmädchen in seinem Horrorfilm-Klassiker „The Shining“ (1970) auftreten lässt. Weniger gut gefiel das Bild den Eltern der Zwillinge. Sie ließen die Verbreitung damals verbieten. Immer wieder wurde Arbus vorgeworfen, sie würde die Menschen bloßstellen, die sie fotografiert, darunter Hoch- und Kleinwüchsige, Menschen mit Downsyndrom. Nachts durchstreifte sie die Spelunken, Peepshows und Bordelle in New York und besuchte Nudistencamps, Leichenschauhäuser und psychiatrische Anstalten. Die Tochter aus gutem Hause war fasziniert von allem, was anders war. Normalität und Abweichung war ihr großes Thema. Nach ihrem Selbstmord 1971 wandelte sich der Blick auf ihr Werk. Viele der Porträtierten wurden nun als Wahlverwandtschaft der depressiven Fotografin gesehen.
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Orphan Black (seit 2003)
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Im Mittelpunkt der kanadischen TV-Serie steht die Trickbetrügerin Sarah Manning. Nachdem sie eine Frau, die ihre Doppelgängerin sein könnte, dabei beobachtet, wie sie sich vor einen einfahrenden Zug wirft, nimmt Sarah deren Identität an. Schon bald muss die junge Frau jedoch feststellen, dass sie einem Klon-Projekt entsprungen ist und über den Globus verteilt viele „Schwestern“ existieren. Als einige von ihnen getötet werden, stellt Sarah gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Leidensgenossinnen Nachforschungen an und gerät dabei immer wieder in große Gefahr. Dank eines hohen Tempos und unzähliger schockierender Wendungen reißt die Mischung aus Science-Fiction, Thriller und Horror den Zuschauer mit, schafft es aber auch, das Ringen der Klone um eine eigene Identität zu beleuchten. Immer wieder erstaunlich ist die Darbietung von Hauptdarstellerin Tatiana Maslany, die diversen Figuren über Mimik, Gestik und Verhalten eine individuelle Persönlichkeit verleiht.
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Titelbild: Replikant Zhora in Blade Runner / Foto: Warner Bros. / via Getty
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Von den dreizehn Ländern Südamerikas kennst du vielleicht zehn. Aber was ist mit Guyana, Suriname und Französisch-Guayana oben rechts?
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Selbst von Südamerika-Kennern bleibt meist ein Gebiet des amerikanischen Doppelkontinents unentdeckt. Genau genommen sind es drei kleine tropische Länder, die zwischen dem Atlantik und dem nördlichsten Teil Brasiliens liegen: Guyana, Suriname und Französisch-Guayana. Allen drei gemein ist, dass weite Flächen mit Regenwald bedeckt sind, die Flora und Fauna dadurch besonders vielfältig ist und die meisten Menschen in den Städten der Küstenebene leben.
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Es liegt schon einige Jahre zurück, da machte Guyana weltweit gruselige Schlagzeilen: Am 18. November 1978 kam es in der Siedlung Jonestown
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im Nordwesten des Landes zu einem kollektiven Selbstmord von mehr als 900 Menschen. Der US-amerikanische Sektenführer Jim Jones, der zu dieser Zeit mit seinen Anhängern völlig abgeschottet im Urwald lebte, hatte allen befohlen, Zyankali zu nehmen. Wahrscheinlich weil er fürchtete, nach dem Besuch eines US-Abgeordneten könnte bekannt werden, dass einige Sektenmitglieder gegen ihren Willen in Jonestown festgehalten wurden. Er selbst starb bei dem Massaker.
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Das heutige Guyana geht auf niederländische Kolonien im 16. und 17. Jahrhundert zurück, gehörte später dann aber auch zu Großbritannien und Frankreich, bis das Land 1966 unabhängig wurde. Gut 20 Prozent der rund 780.000 Einwohner leben in der Hauptstadtregion Georgetown. Die größten ethnischen Gruppen der Republik sind die Afro-Guyaner, die von ehemaligen Sklaven aus Afrika abstammen, und die Indo-Guyaner, deren Vorfahren ab 1838 als Vertragsarbeiter aus dem ehemaligen Britisch-Indien ins Land geholt wurden. Die Amtssprache ist Englisch. Seit 2015 wird Guyana von dem Präsidenten David Arthur Granger, einem ehemaligen hochrangigen Militär, geführt. Die Bestrafung homosexueller Handlungen und auch die Todesstrafe im Strafrecht gehören zur traurigen Realität unter seiner Regierung.
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Suriname mit der Hauptstadt Paramaribo ist das kleinste unabhängige Land Südamerikas. Im Jahr 1498 entdeckte es Christoph Kolumbus – ebenso wie Französisch-Guayana. Geprägt wurde es dann vor allem durch die Niederländer, die dort 1613 einen Handelsposten errichteten, und später durch die Engländer. Von der ethnisch sehr heterogenen Bevölkerung der rund 570.000 Einwohner stammt heute mehr als ein Drittel von afrikanischen Sklaven ab, fast die Hälfte der Surinamer ist christlich. Die Amtssprache ist Niederländisch. Die wechselvolle Geschichte des Landes reicht von der Abschaffung der Sklaverei (1863) über die Unabhängigkeit von den Niederlanden (1975) bis zu der Zeit der Militärdiktatur (1980–1987). Ein großer Teil der Bevölkerung emigrierte im 20. Jahrhundert, etwa um Arbeit zu finden. So gingen mehrere Hunderttausend Surinamer in die Niederlande. Heute lebt ein großer Teil der Surinamer im Ausland. Nach demokratischen Wahlen im Jahr 2015 regiert Präsident Desi Bouterse, doch immer noch wird die Politik bestimmt vom Einfluss des alten Militärs und ist durch Korruption gekennzeichnet. Die Wirtschaft des Landes profitiert vor allem von Bodenschätzen wie Gold und Erdöl.
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Die sogenannte Teufelsinsel, 13 Kilometer vor der Küste Französisch-Guayanas, wurde fast 100 Jahre lang bis 1946 als Strafkolonie für Schwerverbrecher genutzt. Bis zu 70.000 Häftlinge lebten unter menschenunwürdigen Verhältnissen in dem Arbeitslager. Im 20. Jahrhundert brachten das als autobiografischer Roman vermarktete Buch „Papillon“ von Henri Charrière und die Verfilmung des Stoffes die Teufelsinsel erneut ins kollektive Gedächtnis. Heute befindet sich auf dem Archipel auch eine Radar- und Funkstation, um die Raketenstarts aus dem Raumfahrtzentrum Guayana zu überwachen. 1968 von den Franzosen in der Stadt Kourou in Betrieb genommen, wird der für das Land wirtschaftlich bedeutende Weltraumbahnhof seitdem immer wieder erweitert. Wenngleich Französisch-Guayana wie viele Länder Südamerikas von Niederländern, Briten und Franzosen kolonialisiert wurde, besitzt es eine Sonderstellung auf dem Kontinent. Denn seit 1946 gehört das ethnisch sehr diverse Land mit seiner Hauptstadt Cayenne und seinen circa 260.000 überwiegend christlichen Einwohnern als Übersee-Département zu Frankreich. Damit gelten die französischen Gesetze, und das Land ist Teil des EU-Binnenmarkts.
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Wie hältst du es mit HIV und Safer Sex? Einfache Frage, erstaunliche Antworten. Unser Umfragefilm zum Welt-AIDS-Tag
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Im Arabischen Frühling für sichere Internetleitungen sorgen, oder im Cyberwar nach Sicherheitslücken suchen? Hacker haben mehr Macht und Möglichkeiten denn je. Deshalb fordern einige von ihnen eine neue Hackerethik
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Am 11. März um 13.55 Uhr verzeichnete die Website der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) über 1,6 Millionen Zugriffe – pro Sekunde. War das die Sternstunde der AfD-Onlinepräsenz? Nein, das war eine DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service): Angreifer beschießen den Server einer Website mit so vielen Anfragen, bis er zusammenbricht. Und bis diese wie im Falle der AfD-Seite – wenige Tage vor den Landtagswahlen in drei Bundesländern – für mehrere Stunden lahmliegt.
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„Sitzblockade“ nennen manche Hacker so einen Angriff und begrüßen ihn als politischen Aktionismus. „Zensur“ nennen es andere und lehnen solche Attacken strikt ab. Wieder andere Hacker finden, dass es ganz darauf ankomme, wen man im Visier habe und warum. Und dann gibt es noch die, denen ist selbst die Motivation egal. Motto: Der Stärkere gewinnt.
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Wann ist ein Hacker ein guter Hacker? Ist es okay, „for the lulz“, also zum Spaß zu hacken? Persönliche Daten zu veröffentlichen, um wie bei dem Hack des Seitensprungportals Ashley Madison auf gefälschte Profile aufmerksam zu machen? Darf man im Auftrag einer Firma nach Sicherheitslücken suchen, und ist es legitim, für Konzerne zu hacken, die Waffengeschäfte machen? Oder für den Staat einen Trojaner zu bauen?
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Die Frage, was moralisch vertretbar ist und was nicht, wird gerade in Zeiten von Whistleblowern und Cyberwars immer öfter gestellt – innerhalb und außerhalb der Hackerszene.
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Juristisch ist nicht ganz eindeutig, was Hacker dürfen: Der sogenannte Hackerparagraf, § 202c des deutschen Strafgesetzbuches, stellt das „Vorbereiten des Ausspähens und Abfangens von Daten“ unter Strafe. Weil der Gesetzestext sehr vage formuliert ist, wird er von Sicherheitsexperten und Hackern kritisiert: Der Paragraf mache das Internet nicht sicherer, sondern kriminalisiere Hackertools pauschal – egal, für welche Zwecke sie eingesetzt werden.
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Neben dem Gesetz gibt es die sogenannte Hackerethik: Richtlinien, an die sich Hacker halten können und auf die auch der Chaos Computer Club (CCC) als größte europäische Hackervereinigung gleich im Begrüßungstext seiner Startseite verweist. Neben Forderungen wie denen, dass Informationen frei sein müssen, Autoritäten misstraut und Dezentralisierung gefördert werden soll, stehen Aussagen, die mit einer ethischen Entscheidungshilfe wenig bis nichts tun haben: „Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen“ oder auch: „Computer können dein Leben zum Besseren verändern“. Auf drängende ethische Fragen liefern die acht Gebote des Hackens also nur wenig befriedigende Antworten.
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„Die Originalethik stammt aus einer Zeit, in der man noch Angst vor Computern hatte“, sagt der Hacker Stephan Urbach, der mit einem Blogeintrag maßgeblich zur Diskussion über eine neue Ethik beigetragen hat, im Gespräch mit fluter.de. Ihr Ursprung liegt in dem Buch „Hackers – Heroes of the Computer Revolution“. Darin formulierte der Autor Steven Levy 1984 sechs Postulate, die der Chaos Computer Club ein paar Jahre später um zwei weitere ergänzte: Man soll nicht in den Daten anderer „müllen“, öffentliche Daten nützen und private schützen.
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„Die Ethik, die wir haben, lässt uns ganz viel spielen und Spaß haben. Aber sie zeigt kein verantwortliches Handeln auf“, kritisiert Urbach und setzt nach: „Weil sie gar keine richtige Ethik ist.“ Verlässliche Antworten auf die kantische Frage „Was soll ich tun?“ gebe sie zum Beispiel nicht.
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Der 35-jährige Urbach wurde für sein Engagement bei den Netzaktivisten „Telecomix“ bekannt, die in Krisenländern während des Arabischen Frühlings für sichere Internetleitungen sorgten. Sein altes Modem, über das ÄgypterInnen online gingen, als der damalige Staatschef Mubarak das Netz ausschaltete, steht heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin. „Damals haben wir als Hackergruppe beschlossen, uns über die Entscheidung eines souveränen Staates hinwegzusetzen, uns moralisch über die Regierung zu heben“, sagt Urbach und ergänzt: „Weil wir sie für falsch hielten.“ Wann ein Hack legitim sei und wann nicht, dafür brauche es dringend Standards.
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Einer, der versucht hat, handfeste Regeln zu formulieren, ist der Informatiker und Blogger Jürgen Geuter alias „tante“. Seinen Entwurf einer zeitgemäßeren Hackerethik stellte er auf der „Sigint“ in Köln vor, einer Veranstaltung des CCC. Das war 2012, Geuter war damals noch Mitglied des Clubs. Auch „tante“ bezog sich in seinem Vorschlag auf Kant: Dessen kategorischen Imperativ – „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ – forderte er als philosophischen Unterbau. Neun Regeln hat Geuter damals formuliert und ihnen zwei Grundannahmen vorangestellt. Erstens: Daten sind neutrale Objekte. Erst die Verwendung mache sie zu etwas Gutem oder Schlechtem. Zweitens: Jeder Mensch hat das Grundrecht auf Kommunikation und den Ausdruck seiner oder ihrer Meinungen, Ideen, Gedanken und Wünsche.
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Geuters Entwurf grenzt sich damit von Gruppen wie „Anonymous“ ab, die es mit der Meinungsfreiheit nicht so genau nehmen und Andersdenkende wie zum Beispiel Donald Trump ins Visier nehmen. Man solle die „Interessen von Einzelpersonen schützen“, heißt es deshalb an einer Stelle des Entwurfs, „keine Eliten bilden“ an einer anderen, Hacker sollten „bauen statt zerstören“ und sich „nicht als Werkzeug missbrauchen lassen“.
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Nach Geuters Vortrag besprachen zahlreiche Blogger den Entwurf, Medien wie Zeit Online, Spiegel Online oder sueddeutsche.de berichteten, und auch szeneintern wurde rege diskutiert. Das tabellarische Webdokument, in dem Geuter seinen Entwurf zur gemeinschaftlichen Bearbeitung veröffentlichte, ist mittlerweile über 1.600 Zeilen lang, über 60 Autoren haben dazu beigetragen. Doch neben positiven Reaktionen gab es auch viel Kritik: Geuter bekam Hass- und Drohmails, sein Server wurde mehrmals angegriffen. Der Gedanke, sich vorschreiben zu lassen, was man zu tun und lassen habe, gefiel vielen nicht. „Das libertäre Denken ist in der Community sehr stark“, sagt Geuter vier Jahre später im Interview mit fluter.de.
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Auch der CCC äußerte sich damals kritisch und lehnte den Vorschlag ab: „Wir sind mit der alten Hackerethik bislang gut gefahren“, sagte Frank Rieger 2012, einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs. Der neue Ansatz von Jürgen Geuter sei ihm zu unpolitisch, zumindest eine Aktualisierung der ursprünglichen CCC-Regeln halte er aber für sinnvoll.
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Passiert ist in den vier Jahren seit Geuters Vortrag allerdings nichts Erkennbares. Auf seiner Website gibt der CCC an, die Hackerethik befinde sich in „ständiger Weiterentwicklung und Diskussion“, Verbesserungsvorschläge seien jederzeit willkommen. Auf wiederholte Anfragen von fluter.de, wie diese Weiterentwicklung und Diskussion konkret aussehe, reagierte der CCC nicht.
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Beobachter der Szene verweisen auf die Struktur des CCC, etwa Jan-Peter Kleinhans von der „Stiftung Neue Verantwortung“. Er betont, der CCC sei weder ein stringent durchorganisierter Verein, noch vertrete er eine homogene Ideologie. „Selbst Personen an der Spitze des Vereins nehmen – und dabei ist fast egal, zu welchem Thema man sie befragt – sehr unterschiedliche Positionen ein“, sagt Kleinhans. Den Ruf nach einer Hackerethik findet er zwar verständlich, die Umsetzung würde aber „für einen Verein wie den CCC eine Überforderung darstellen und ganz sicher zu internem Streit führen.“
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Und was passiert auf internationaler Ebene? Was schon national schwierig ist, stellt global eine umso größere Herausforderung dar. Die Auffassungen seien einfach zu verschieden, sagt Stephan Urbach und führt das Beispiel USA an. Für viele amerikanische Hacker stelle es überhaupt keinen Widerspruch dar, Hacker zu sein und für das Militär oder andere staatliche Institutionen zu arbeiten. Versuche, eine Diskussion anzustoßen, würden meist abgewiegelt. Die Community grenze sich hermetisch ab.
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Es bleibt offen, ob es in nächster Zeit zu einer wirklich konstruktiven Debatte über Hackerethik kommen wird. Fest steht bisher nur: Von manchen Beobachtern innerhalb und außerhalb der Szene wird sie als dringend notwendig erachtet – und viele von ihnen blicken dabei als Erstes in Richtung CCC. Doch wer sagt eigentlich, dass nur Hacker eine Hackerethik entwickeln können? Angesichts der Größe und Bedeutung des Digitalen in der heutigen Welt müsste die Diskussion vielleicht auch höher aufgehängt werden und mehr gesellschaftliche Akteure einbeziehen. So wie es zum Beispiel rund um ethische Fragen in der Medizin schon lange der Fall ist.
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Jürgen Geuter ist Informatiker, Blogger und im Netz unter dem Pseudonym „tante“ bekannt. 2015 schrieb er eine Kolumne für Wired Germany über die Macht der Algorithmen und arbeitet derzeit für die Softwarefirma Boom Software. Als Experte zur EU-Datenschutz-Grundverordnung wurde Geuter 2014 ins Bundesinnenministerium geladen.
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Der Hacker Stephan Urbach war bis 2013 Mitglied der deutschen Piratenpartei. Heute ist er Autor und Projektleiter bei der „Stiftung Erneuerbare Freiheit“, die sich um Menschenrechte im digitalen Zeitalter kümmert. In seinem 2015 erschienenen Buch „Neustart. Aus dem Leben eines Netzaktivisten“ erzählt Urbach, wie er vor lauter Aufopferung depressiv wurde und wieso Hacker aufeinander achten sollten.
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GIF: Anthony Antonellis
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Hip Hop ist in New York geboren, heute aber auch im Hinterland zuhause. Was man von deutschem Provinzrap lernen kann
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Pimf „Weiß auf schwarz“
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Hofgeismar, die Dornröschenstadt am Reinhardswald. Oder aber auch der „Golden State mit zwei Kneipen und ‘nem Supermarkt“. Wie auch immer man die hessische Kleinstadt bezeichnen möchte, wenn ihr einer die Treue hält, dann Pimf. Und das obwohl er dort auf festgefahrene Strukturen und rechte Standpunkte trifft: „Jede Diskussion mit Textzeilen belegt, aber trotzdem wird sich Frei.Wild auf die Heckscheibe geklebt.“ In Hofgeismar läuft nicht sonderlich viel, außer sämtliche Hits von David Guetta. „Ich könnte kotzen, wenn ich 90 Prozent der Menschen hier sehe, doch fühl' mich übertrieben wohl dank der restlichen zehn“. Pimf macht klar, dass eine Aufteilung der Gesellschaft in vermeintlich homogene Kollektive – wies es zuletzt der englische Publizist David Goodhart mit den Gruppenidentitäten der Somewheres und Anywheres versucht hat – mitunter schwierig ist. Während die „Somewheres“ zum Beispiel auszeichne, dass sie an einem Ort geblieben und mit diesem verbunden sind, seien die „Anywheres“ eigentlich immer bereit zum Sprung, um von einer „global city“ in die nächste zu wechseln. Die Spaltung zwischen beiden Gruppen wurde als Ursache für die Zunahme des Rechtspopulismus diskutiert. Pimf ist aber beides: Die Welt hat er gesehen, die Kleinstadt bleibt sein Zuhause.
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Casper „Die letzte Gang der Stadt“
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„Ein richtig zufriedenes Land kann man nur mit einer zufriedenen Provinz haben“ hat Casper mal in einem Interview gesagt. In seinen Texten spielt das Hinterland immer wieder eine Rolle – ob es nun gleich ein ganzes Album mit dem gleichnamigen Titel ist oder zusammen mit Marteria eine Reise durch seine ostwestfälische Heimat. Alle, die schon mal auf einem Schützenfest waren, eine urdeutsche Provinzerfahrung, werden sich sofort daran erinnern, wenn sie „Die letzte Gang der Stadt“ hören. Daran, dass es etwas Peinliches hatte, zu der Dorfband abzugehen und sich trotzdem dabei irgendwie geil zu fühlen. Weil es eben nirgendwo so schön einfach ist wie auf dem Dorf, Teil des Ganzen und gleichzeitig doch dagegen zu sein.
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grim104 „Crystal Meth in Brandenburg“
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Manche Lieder sind auch Filme. Bei „Crystal Meth in Brandenburg“ schießen einem sofort Bilder verödeter Landschaften, dunkler Wälder und deprimierender Menschen vor versifften Gardinen in den Kopf. „Sie sitzen und warten. Und auf was? Dass der Nettomarkt endlich wieder aufmacht, in der Kneipe jemand auflacht? Dass Geld da ist zum Bausparen? Das kannst Du aber sehr schnell vergessen.“ Klingt hart, ist es auch. Vor allem, weil es in manchen Regionen Deutschlands der Realität ziemlich nahekommt, was grim104 da rappt. Als die brandenburgische CDU 2017 dazu aufrief, Funklöcher zu melden, gingen innerhalb eines Jahres 23.237 Meldungen ein. Auch bei den diesjährigen Landtagswahlen in Brandenburg gaben die meisten Wähler*innen an, dass sie vor allem im Bereich Infrastruktur dringenden Handlungsbedarf sehen würden. Wenn die vernachlässigt wird, ist es kein Wunder, wenn sich auch die Menschen abgehängt fühlen. Um das zu verstehen, muss man nicht immer eine soziologische Studie lesen, hinhören reicht manchmal auch.
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Shindy „Bietigheim Sunshine“
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Manchmal ist das Gras in der Provinz grüner. In „Bietigheim Hills“ etwa, wie Shindy seine schwäbische Heimat besingt. Und der auch Rin und Bausa die Treue halten. Shindys Bling Bling beginnt jedenfalls erst in Bietigheim-Bissingen so richtig zu glitzern: „Deinen krassen Porsche sehe ich alle zwei Minuten hier“. Wenn er seinen „koksweißen S-Coupé in der zweiten Reihe vor der Kreissparkasse“ parkt, ist das mehr als nur stumpfes Aneinanderdroppen irgendwelcher Edelmarken. Es ist auch Realität, jedenfalls ein bisschen: Die Stadt zählt zu den reichsten Gemeinden Deutschlands, im März lag die Arbeitslosenquote bei 2,4 Prozent, Porsche und der Hemdenproduzent Olymp haben unter anderem ihren Hauptsitz dort. Eine Kleinstadt also, die alles andere als abgehängt ist – wirtschaftlich wie musikalisch.
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Dendemann „Wo ich wech bin“
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Was als „Eins Zwo“ zusammen mit DJ Rabauke begann, setzt Dendemann auch als Solokünstler mit absoluter Leichtigkeit fort: unfassbar originell und witzig über das Leben in all seinen Alltäglichkeiten zu rappen. Auch über das Aufwachsen. Mit nur wenigen Worten und frei von irgendwelchen Wertungen schafft Dendemann es in „Wo ich wech bin“ nicht nur generell zu beschreiben, was uns alle als Jugendliche so umgetrieben hat beziehungsweise treibt, sondern ganz nebenbei auch noch die Besonderheiten des Großwerdens auf dem Dorf zu verhandeln. Kleine Kostprobe gefällig? „Idyllabfuhr wo bleibst du nur?/ 1:0 für die Vereinskultur/ Die reinste Ruhe, Borderline und radikal/ So wie Sportverein und Abiball/ Dis is' wo ich wech bin, hör mal merkst du was?/ Meine Skyline reicht vom Bordstein bis zum Kerzenwachs“. Rap mit Land-Dialekt. Auch mal was Neues.
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Juse Ju „Kirchheim Horizont“
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Dass in der Realität doch immer alles komplizierter ist und nicht einfach schwarz-weiß, auf der einen Seite die geile Großstadt und auf der anderen die langweilige Provinz, beweist Juse Ju mit „Kirchheim Horizont“. Und er muss es wissen: Geboren im kleinen Städtchen Kirchheim, folgten Jahre in Japan, El Paso, München, Berlin und zwischendurch eben immer mal wieder Kirchheim. In seinem Track macht er deutlich, wie absurd und lächerlich teilweise die Klischees über die Provinz sind („Jap, wir haben Internet hier, heißt, wir sind informiert“) und benennt gleichzeitig doch das Typische, wie Lebenswege hin zum Eigenheim, unterstützt von Papa, dem alten „Sparkassendude“ und seinen Beziehungen. Und während es an der einen Stelle heißt „Ich komme wohl nicht wieder“, heißt es an anderer „Ich will zurück nach Hause.“ Wie gesagt: Es ist kompliziert.
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Titelbild: Daniel Biskup/laif
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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fluter/Hongkonger-Aktivist-Joshua-Wong-im-Interview.txt
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Das hält Joshua Wong aber nicht davon ab, weiter für die Rechte der Hongkonger Bevölkerung zu kämpfen. Unser Autor hat den 21-jährigen Aktivisten getroffen – bevor er bald wieder ins Gefängnis muss
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Im Herbst 2014 hätte Joshua Wong seinen 18. Geburtstag feiern können. Aber statt eine Party zu schmeißen, organisierte er einen Protest mit, zu dem Zehntausende auf die Straßen kamen. Mit Schlachtrufen und aufgespannten Regenschirmen, die bald symbolisch für den Schutz vor Einwirkungen von oben stehen sollten, wehrten sie sich gegen die schleichende Abschaffung der ohnehin wackeligen Demokratie in Hongkong. Über Wochen machte das „Umbrella-Movement“ weltweit Schlagzeilen.
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Vor allem junge Hongkonger sehen ihre Zukunft bedroht. Seit 1997 ist die Halbinsel an der chinesischen Südküste nach rund 150 Jahren unter britischer Herrschaft als Sonderverwaltungszone wieder ein Teil Chinas. Zwar sichert ein Übergabevertrag „weitgehende Autonomie“ für Hongkong über 50 Jahre zu, doch trotzdem beschnitt die Pekinger Regierung in den letzten Jahren das Recht auf Versammlungsfreiheit. Auch die Protestler, die vor allem freie Wahlen mit ausschließlich selbst bestimmten Kandidierenden und Abgeordneten forderten, konnten daran wenig ändern.
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Stattdessen wurden Joshua Wong und weitere Aktivisten zu Gefängnis- und Bewährungsstrafen verurteilt. Von den sechs Monaten, die Wong bekommen hatte, saß er knapp die Hälfte ab und kam dann gegen Kaution frei, um in Berufung gehen zu können. Im Januar wurde er erneut zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wegen „Auflehnung gegen die Staatsgewalt“.
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Nachdem Chinas Staatschef Xi Jinping seine Machtfülle noch erweitert hat und diese auch in der Verfassung festschreiben ließ, sind die Zukunftsaussichten für die Demokratiebewegung in Hongkong nicht gerade besser geworden.
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fluter.de: Herr Wong, sind Sie durch die Erfahrungen der letzten Jahre zahm geworden?
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Joshua Wong: Falls die Zeit im Knast irgendwas mit mir gemacht hat, dann hat sie meinen Glauben daran gestärkt, dass das, wofür wir kämpfen, das Richtige ist. Allein wie viele Leute wir auf die Straße brachten, war beeindruckend. Mehr als 100.000 zu verschiedenen Zeitpunkten protestierten für die demokratische Selbstbestimmung von Hongkong und gegen den zunehmenden Einfluss aus Peking. Ich weiß jetzt, dass den Menschen die Zukunft unserer Stadt wichtig ist. Mit dieser Gewissheit lohnt es sich, jeden weiteren Schritt zu tun.
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Also auch den Gang ins Gefängnis. Aber war Ihnen vorher klar, dass es so weit kommen könnte?
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Mit den Aufständen begannen wir, als klar wurde, dass die Kandidaten zu den Hongkonger Gouverneurswahlen zunächst aus Peking abgesegnet werden sollten. Demokratische Mitbestimmung wurde also zur Farce herabgestuft. Wenn man sich dagegen wehren will, ist auch klar, dass man sich in Gefahr begibt. Am Ende ist jeder Protest ein Akt des Ungehorsams. Genau das sollte durch die politischen Neuerungen aus Peking ja unterbunden werden.
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Wegen Verstößen gegen das Versammlungsrecht wurden Sie zu sechs Monaten Haft verurteilt. Es ging darum, dass Sie während der Proteste einen öffentlichen Platz nicht rechtzeitig geräumt hatten. Wie war der Alltag im Knast?
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Für den Kopf war das Leben dort ganz einfach, auf gefährliche Weise sogar. Es gab nämlich keine Optionen. Auf alles Mögliche, was einem die Offiziellen sagten, durfte man nur mit „Ja“ reagieren. Und wenn die richtige Antwort mal „Nein“ war, zum Beispiel auf die Frage, ob man noch irgendwas brauche, sollte man stattdessen „Sorry, Sir“ sagen. Die Moral davon ist wohl: Zustimmen ist einfach, ablehnen aber schon ein halbes Vergehen. Der Tagesablauf war auch klar geregelt: aufstehen, antreten, essen, wieder antreten. Die Hierarchien waren natürlich auch klar. Immerhin durfte jeder Insasse eine Zeitung abonnieren, und über einen Fernseher konnte man die Nachrichten sehen.
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Regierungssystem Hongkong
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Die Verfassung Hongkongs heißt Basic Law und wurde am 1. Juli 1997 wirksam. Darin ist unter anderem geregelt, dass Hongkong ein Teil Chinas ist und dennoch weitgehend Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit besteht. Dieses Konzept nennt man „ein Land, zwei Systeme“. Der Chief Executive der Sonderverwaltungszone Hongkong, der die Funktion des früheren Gouverneurs übernimmt, wird von einem rund 1.200-köpfigen Komitee gewählt. Dieses Wahlkomitee soll die Interessen in Hongkong widerspiegeln. Es wird nur von einem Bruchteil der Bevölkerung gewählt. Seine Mitglieder kommen aus vier verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, darunter auch Hongkonger Delegierte des Nationalen Volkskongresses von Festlandchina. Der Chief Executive ernennt dann sein Kabinett. Das Stadtparlament wiederum, genannt Legislative Council, wird durch Wahlen bestimmt. Das seit der Rückgabe Hongkongs 1997 geltende Basic Law hatte der Bevölkerung Hongkongs einst direkte Wahlen in Aussicht gestellt, doch eine Wahlreform gab es bislang nicht, auch nicht nach den sogenannten Regenschirm-Protesten im Jahr 2014. Diese entzündeten sich auch an Pekings Entschluss, die Kandidierenden zum Chief Executive künftig vor der Wahl zu „begutachten“. Dazu kam es zwar nicht, Peking blieb jedoch dabei, die Kandidaten weiterhin über das nicht repräsentative Wahlkomitee wählen zu lassen. Demokratieaktivisten kritisieren, dass den demokratischen Kräften nur wenige Plätze im Wahlkomitee zugesprochen werden und somit in der Bevölkerung beliebte Politiker kaum Gouverneur werden können.
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Das Gefängnis ist also auch eine charakterliche Umerziehungsanstalt.
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So sieht es aus. Wer wieder rauskommt, soll Autoritäten gehorchen, sich anpassen, nicht mehr anecken. Im Gefängnis geht es deshalb nicht nur um Einschüchterung und schon gar nicht nur um Bestrafung. Demokratisch denkende Bürger sind von Peking nicht gewollt. Deshalb sollen Hongkongs Gefängnisse die schwierigsten Fälle zurechtstutzen.
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Sind die Erfahrungen hinter Gittern ein hochkonzentrierter Vorgeschmack auf das, was die Hongkonger in Zukunft auch draußen erwartet?
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Zum Gefängnis ist Hongkong noch nicht geworden. In einigen Bereichen ist unsere Stadt jetzt semiautokratisch. Im letzten Jahr wurde die Hongkonger Wahl auf die Weise durchgeführt, wie sie von Peking angedacht worden war und wogegen wir uns gewehrt hatten. Wir konnten wählen, aber was den wichtigsten Gouverneursposten anging, durften viele unserer beliebten Alternativen eben nicht auf dem Zettel stehen. Es kommen immer weitere Beschneidungen. Auch die Presse vertritt mehr und mehr die Linie Pekings. Und wir merken, dass wir nicht viel dagegen tun können. Durch die Umbrella-Proteste hat sich ja auch herausgestellt, dass sich die Pekinger Regierung unter Xi Jinping von Volksaufständen nicht besonders beeindrucken lässt.
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Das klingt nach Aufgabe, auch wenn es niemand wahrhaben will.
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So will ich es nicht nennen. Für viele der jüngeren Hongkonger, die Proteste in früheren Jahren nicht miterlebt haben, war das Umbrella-Movement ein Weckruf. Es ist ein Wir-Gefühl entstanden, das sich gegen politische Vereinnahmung richtet. Heute gibt es mehr öffentliche und halböffentliche Veranstaltungen, bei denen das politische Schicksal des Stadtstaats zumindest diskutiert wird. Wir haben eine lebendige Zivilgesellschaft und viele Menschen, die bereit sind, für ihre Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen. Und dass die ganze Welt weiß, was in Hongkong vor sich geht, ist unser Verdienst.
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Xi Jinping hat sich mit neuen Rechten ausstatten lassen, Kritik an ihm kann künftig als Verstoß gegen die Verfassung interpretiert werden. Wird sich dies auch negativ auf die Demokratieaktivisten in Hongkong auswirken?
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Das Hongkonger Basic Law garantiert Meinungsfreiheit, insofern sollten wir geschützt sein. Andererseits bekamen wir Aktivisten schon für unsere Proteste im Herbst 2014 große Probleme. Generell wird die Luft für demokratische Stimmen dünner, und die Entwicklungen in Peking sind bestimmt kein gutes Zeichen.
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Wie kann man sich wehren?
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Wir müssen aktiv bleiben. Internationale Aufmerksamkeit ist wichtig. Denn anders als in China können die Menschen in Hongkong Informationen über das Internet erhalten. Wir dürfen also nicht müde werden.
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Zur Zeit der Umbrella-Proteste waren Sie noch Schüler, mittlerweile studieren Sie Politikwissenschaften. Ihr Leben werden Sie jetzt also dem Kampf um Freiheit widmen?
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Das ist der Plan. Mit Nathan Law, der nach 2014 auch ins Gefängnis musste, habe ich vor zwei Jahren die Partei Demosisto gegründet. Nathan bekam bei der Wahl 2017 gleich einen Platz im Stadtparlament, wurde aber später disqualifiziert, weil er seinen Schwur bei Amtsantritt angeblich nicht auf die richtige Weise abgelegt hatte. Durch solche unverhältnismäßigen Strafen lässt uns die Regierung wissen, dass wir hier keinen Platz haben sollen. Aber Hongkong ist auch unsere Heimat. Wir werden weitermachen.
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Wie geht es für Sie persönlich weiter?
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Für mich steht erst mal eine zweite Gefängnisstrafe an. Ich weiß noch nicht genau, wann ich sie antreten muss, aber es dreht sich noch immer um meine Rolle bei den Umbrella-Protesten. Und dann muss ich mein Politikstudium abschließen. Aber den Kampf für Hongkong werde ich nicht vernachlässigen.
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Titelbild: ANTHONY WALLACE/AFP/Getty Images
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Das Buch „Hool“ über einen gewalttätigen jungen Mann ist erfolgreich, weil es die weit verbreitete Sehnsucht nach authentischen Stimmen stillt. Nicht, weil es gut ist
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Wenn brave Buchhändler einen Roman mit dem Spruch bewerben, dass es „auch sprachlich ordentlich was aufs Maul gibt“, und biedere Feuilletonisten vom rauen Ton der Unterklasse schwärmen – ja, dann ist Vorsicht geboten. Vor allem, wenn das Buch auch noch wenig subtil „Hool“ heißt und sich der Schriftsteller auf dem Autorenfoto als düsterer Hoodie-Träger inszeniert, der mit Augenringen und fahler Haut in die Kamera blickt.
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Das Buch handelt von Heiko, einem Hannover-96-Fan, der sich mehr noch als für Fußball für die Prügeleien mit anderen Hooligans interessiert. Akribisch wird beschrieben, wie Knochen splittern, Haut aufreißt, aus allen möglichen Wunden geblutet wird. In müffelnden Sozialwohnungen werden die Kinder vom dauerbetrunkenen Vater „angeblökt“, ständig werden „Zichten“ und „Fluppen“ angesteckt und „Kannen“ geleert – also Bierflaschen. So aufdringlich der Unterschichtsslang ist, so wenig erfährt man letztlich darüber, warum sich jemand nur spüren kann, wenn er auf andere eindrischt. Oder anders gesagt: Die Buchhändler lügen. Man bekommt nämlich gar nicht aufs Maul, sondern bleibt angesichts der schablonenhaften Charaktere seltsam unberührt.
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Die Literaturkritik geriet ja schon vor Jahren ganz aus dem Häuschen, als mit Clemens Meyer ein waschechter Tätowierter den Literaturbetrieb betrat, dessen mittlerweile von Andreas Dresen verfilmter Roman „Als wir träumten“ eine ähnlich verstrahlte Jungmännerhorde in Leipzig beschrieb. Auch damals speiste sich die Begeisterung aus der Sehsucht der satten Feuilletonisten nach einer Räudigkeit, die ihrem eigenen Leben zwischen Schreibtisch und Eigenheim abgeht. Dabei steckt im Anhimmeln der prolligen Prosa auch noch der Beweis der eigenen politischen Korrektheit. Seid doch mal still: Die Unterklasse spricht!
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So gesehen passt das Buch, das mit sechs weiteren auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 steht, prima in eine Zeit, in der hitzig über cultural appropiation diskutiert wird – also über kulturelle Aneignung. In der das Tragen von Dreadlocks unter Rassismusverdacht gerät, weil es angeblich die Leidensgeschichte afrikanischer Menschen banalisiert. Oder in der sich Schauspielschüler weigern, arme Menschen zu spielen, weil sie deren Entbehrungserfahrungen nie gemacht haben. Dieser Authentizitätszwang aber stellt die Frage nach dem Wesen vieler Künste in Frage, die ja oft eben genau aus einer Form der Aneignung bestehen. Goethe hat ja nie versucht, sich umzubringen, aber dennoch mit „Die Leiden des jungen Werther“ ein wahrhaftiges Buch geschrieben. Im übertriebenen Lob für für den Debütroman von Philipp Winkler lässt sich nun unschwer ein Echo auf diese Debatte heraushören. Selbst wenn es nicht gut ist, ist es gut, weil es authentisch ist.
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Der Reporter Moritz von Uslar hat für sein Buch „Deutschboden“ ein ähnliches Milieu ausgeleuchtet und sein tapferes Mittrinken an den Theken Brandenburgs nicht Roman genannt, sondern eine teilnehmende Beobachtung. Tatsächlich hat er die dortige Verrohung stilistisch gekonnt und feinfühlig beschrieben, dass man nach der Lektüre sofort in die nächste Eckkneipe aufbrechen wollte, um mit den dortigen Stammgästen das Gespräch zu suchen.
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Derlei Empathie kommt bei Hool leider nicht auf. Oder nur kurz. Wenn sich nämlich der Freundeskreis von Heiko letztlich auflöst, weil sich seine Kumpel eines Besseren besonnen haben und er ganz allein mit einem Pitbull auf dem Beifahrersitz in die Abendsonne fährt. Die in Niedersachsen natürlich ein feiner Sprühregen ist.
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Titelbild: Alexander Koerner/Getty Images
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Es gibt nur noch ein arabisches Dorf an der Küste Israels, und das liegt ziemlich danieder. Aber nun hat dort das erste Guesthouse eröffnet – es will das Schicksal des Ortes wenden
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„Wenn ich du wäre, würde ich nicht weiter in diese Richtung gehen.“ Der ältere Herr in blauer Badehose wackelt mit dem Zeigefinger und deutet auf eine Anhöhe 300 Meter südlich von uns. Sandfarbene Häuser, verwinkelt übereinandergebaut, der Turm eines Minaretts. „Da ist es schlimmer als in Gaza. Filme über Refugee Camps werden immer dort gedreht.“ Ich nicke folgsam – das habe ich schon ein paar Mal gehört – und mache mich trotzdem auf den Weg nach Dschisr az-Zarqa, dem letzten arabischen Dorf an Israels Mittelmeerküste.
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Es könnte ein traumhaftes Städtchen sein: Der Strand reicht bis ans Ortsende, kleine Kutter treiben auf den Wellen, es riecht nach Fisch und Salz. Doch irgendetwas stimmt hier nicht: Verrostete Autos liegen herrenlos in den Dünen, Müll türmt sich meterhoch. Dschisr ist alles andere als ein Kurort oder Touristenmagnet. 80 Prozent der Einwohner leben unter der Armutsgrenze, rund die Hälfte der Einwohner ist unter 19 Jahre alt. Der Ort hat eine der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Kinder prägen das Straßenbild. Zu zweit, zu dritt, zu viert rasen sie auf ihren Fahrrädern bergauf, bergab, wissen offenkundig nicht viel anderes mit sich und ihrer Zeit anzufangen. Nur noch 15 Prozent von ihnen machten laut den Zahlen des israelischen Central Bureau of Statistics 2016 Abitur. Dafür soll die Zahl der Schulabbrecher hier so hoch sein wie kaum irgendwo sonst im Land.
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Allen Widrigkeiten zum Trotz hat Neta Hanien sich bei ihrem ersten Besuch sofort in den Ort verliebt. Die Anwältin, Tauchlehrerin und Israelin fühlte sich an die Beduinencamps im Sinai am Roten Meer erinnert. „In meinem Leben bin ich viel gereist und habe das touristische Potenzial hier erkannt. Dschisr liegt direkt am Meer, und einer der bekanntesten Wanderwege, der Israel Trail, verläuft direkt durch den Ort. Also bin ich von Tür zu Tür gegangen und habe nach einem Partner für ein Backpacker-Hostel gesucht“, erzählt sie. Allein, als Außenseiterin, Israelin und Frau wäre ein solches Unternehmen eine Unmöglichkeit. Orte wie Dschisr beruhen auf Vertrauen und Familienbande. Auch ihre Freunde und Verwandten hielten sie für waghalsig und naiv. „Aber dann traf ich Ahmad.“
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Ahmad Juha nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Die hellblauen Augen stechen aus dem braun gebrannten Gesicht hervor. Jeder hier kennt Juha. Er betreibt nicht nur mit Neta das Hostel, ihm gehört in Dschisr auch ein Café. Seine sieben Kinder helfen dort oft als Kellner aus. Und die Männer des Ortes trinken hier Espresso aus kleinen Pappbechern und rauchen selbst gedrehte Zigaretten. Arbeit gibt es für sie weder hier im Ort noch sonst irgendwo. „Aufgrund der Vorurteile über Dschisr werden sie fast nirgendwo angestellt“, erzählt Juha in fließendem Hebräisch. Einige Frauen finden Arbeit als Putzfrauen in jüdischen Siedlungen. Jeden Abend rollen 20 Busse durch den Tunnel nach Dschisr az-Zarqa und bringen die Arbeiterkolonne wieder nach Hause. Nur über eine Brücke und durch diesen Tunnel, vier Meter breit, knapp vier Meter hoch, ist der Ort erreichbar. Eine Abfahrt von der 100 Meter entfernten Autobahn im Osten gibt es nicht. Dschisr ist wie eingekesselt: Im Westen das Mittelmeer, im Norden die Fischfarmen des Kibbuz Ma’agan Micha’el, und südlich des Ortes liegt Caesarea, eine der reichsten Nachbarschaften des ganzen Landes. Auch Benjamin Netanjahu besitzt dort ein Haus mit Rasensprenkler und Malibu-Feeling. Getrennt werden die beiden Ortschaften durch einen Wall, bei dem es sich offiziell um eine Lärmschutzwand handelt. „Damit man unseren Muezzin nicht hört, sagen sie“, erklärt Ahmad. „Außerdem ist es bei uns Tradition, an Feiertagen mit Gewehren in die Luft zu schießen. Das gefällt den Anwohnern nicht.“
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Neta lacht und schüttelt ihren braunen Lockenkopf. Das könne sie schon irgendwie verstehen, gibt sie zu. Als das Hostel bereits den Betrieb aufgenommen hatte, kam ihr und Juha die Idee zu einem Social Business. Sie stellten internationale Volontäre im Hostel an. „Wir wollen, dass sie teilhaben am Leben in der Stadt“, sagt Juha und deutet auf ein Holzschild mit dem Wort „Supermarket“. Die Freiwilligen haben im ganzen Ort Wegweiser für die Touristen angebracht. Auf Englisch mit blauer Farbe auf Holz. „Am Anfang waren die Anwohner über die Anwesenheit von Fremden in der Stadt so aufgeregt, dass sie ihnen alles umsonst geben wollten. Ein Eiscafé ist deswegen fast bankrottgegangen“, sagt Juha. Gemeinsam mit Neta gründete er das Young-Leaders-Programm, um Kinder aus der Stadt zum Austausch mit den Gästen im Hostel zu motivieren. „Die arabischen Kinder führen die Reisegruppen selber durch das Dorf. Sie sind gezwungen, Englisch zu sprechen und ihre Social Skills mit Fremden zu üben“, sagt Neta. Viele kommen nur ein Mal und dann nie wieder. Aber andere bleiben. „Das hier wird ihr Ort des Friedens, ein zweites Zuhause.“ Für die meisten sei es nicht einfach, an dem Programm teilzunehmen: „Oft werden sie von ihren Freunden gehänselt und ausgelacht.“ Neta sieht sich an der Kreuzung um. An einer Straßenecke plaudern ein paar bunt gewandete Frauen, aus einem Auto wummert lauter Techno. Hupen, Hundebellen, Kindergeschrei. Ein Falafel-Laden, eine Apotheke und Juhas Café. Von allen Seiten isoliert, ohne Möglichkeit des Wachstums, scheint das Leben in Dschisr immer gleich zu bleiben. Und irgendwie scheint keiner so recht die Schuld daran zu tragen. „Es ist gut, wenn die Kinder sich trauen herzukommen“, schließt die vierfache Mutter nachdenklich. „Was sie hier lernen, ist ihre Eintrittskarte zur Außenwelt.“
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Die Einwohner Dschisrs haben mit kulturellen Stigmata zu kämpfen, die sie daran hindern, am israelischen Arbeitsmarkt teilzuhaben. „Sie sind sowohl den Israelis als auch ihren arabischen Nachbarn ein Dorn im Auge“, erzählt Neta. Einst siedelten Ghawarina-Beduinenfamilien aus Jordanien hier, Nomadenstämme, die ihre Büffel in den umliegenden Sümpfen weideten und widerstandsfähig gegen die in dieser feuchten Gegend weit verbreitete Malaria zu sein schienen. „Man war misstrauisch. Die Menschen hier waren offensichtlich anders als ihre palästinensischen Nachbarn.“ Als Anfang der 1920er-Jahre die ersten jüdischen Einwanderer in die Gegend vordrangen, halfen die Ghawarina ihnen dabei, die todbringenden Sümpfe auszutrocknen. Viele der jüdischen Arbeiter starben, und Ghawarina gingen in die Geschichtsschreibung der Palästinenser als Kollaborateure ein. Die jüdischen Siedler hingegen gaben ihnen zum Dank für die Hilfe einen Hügel am Strand, auf dem Dschisr seit rund einem Jahrhundert gewachsen ist. Genug Weideland für Vieh gab es dort nicht. Und der Handel mit den arabischen Nachbarn wollte nicht mehr in Schwung kommen. „Selbst Ehen mit Menschen aus Dschisr sind seither verpönt“, erzählt Neta. „Deswegen heiraten sie dort lediglich Menschen aus ihrem Ort.“ Mittlerweile hat das Dorf 14.000 Einwohner, Dschisr platzt aus allen Nähten. Auf vielen Dächern ragen Metallstäbe in die Höhe und künden davon, dass hier wahrscheinlich bald eine weitere Etage draufgesetzt werden muss.
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Eine Lösung für Dschisr muss her. Das wissen sowohl die Einwohner als auch die Regierung. „Ich bin allerdings nicht aus politischen Beweggründen hierhergekommen“, betont Neta. Ein arabisch-israelisches Business, ein ideologisches Koexistenz-Projekt sei nicht ihre Motivation gewesen: „Es war einfach mein heimlicher Traum, ein eigenes Hostel zu haben.“ Jeder Tourist, der in Juha’s Guesthouse nächtigt, gibt ungefähr rund 25 Euro im Ort aus. 60 Prozent der Backpacker kommen aus der ganzen Welt, 40 Prozent aus Israel. Zurzeit wohnen vier Dänen und eine Amerikanerin in dem bunt bemalten Hostel. „Wir sind die Ersten, die überhaupt Business und Geld in den Ort bringen“, sagt Neta stolz. „Aber ich will, dass mehr Menschen aus Dschisr selbst solche Projekte angehen. Der Erfolg muss hier im Ort bleiben.“
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Titelbild: PhotoStock-Israel / Alamy Stock Photo
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fluter/Impfprivilegien-corona-pro-contra.txt
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Nach der Covid-19-Impfung ohne Test zum Friseur und Shoppen? Das stellt das Gesundheitsministerium gerade in Aussicht. Aber ist es gerecht, dass Geimpfte wieder mehr dürfen? Unsere Autorinnen streiten
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sagt Julia Lauter
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Wer in die Zentralafrikanische Republik oder die DR Kongo einreisen will, muss eine Impfung gegen Gelbfieber nachweisen. Wer Niger oder Malaysia besucht, sollte gegen Kinderlähmung immun sein. Und wer im Jahr 2021 auf die Seychellen oder nach Slowenien reisen will, muss eine Covid-19-Impfung nachweisen, wenn er einen negativen PCR-Test oder mehrere Nächte in Quarantäne vermeiden möchte.
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Während niemand gegen die gängigen Reiseimpfungen aufbegehrt, ist die Sache mit den Covid-Impfungen heikler. Auch weil sie nicht nur den internationalen Reiseverkehr, sondern bald schon unseren Alltag betreffen könnten. Private Anbieter wie Konzertagenturen, Fluglinien und Reiseveranstalter wollen die Impfung als Einlassbedingung adaptieren. Wer Antikörper hat, dem steht die Welt offen?
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Für die meisten Menschen ist die Vorstellung einer baldigen Rückkehr zur Normalität ein sehnsuchtsbeladener Gedanke. Cafés, Kino, Saunagänge! Doch dass wir nicht alle gleichzeitig in den Alltag zurückkehren können, scheint bei vielen Deutschen Ängste zu wecken. Und Neid. In einer aktuellen repräsentativen Umfrage der Wochenzeitung „Die Zeit“ lehnten es 68 Prozent der Befragten ab, dass Geimpfte ihre Freiheitsrechte zurückbekommen sollen.
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Die Debatte darüber ist mit dem Wort „Impfprivilegien“ überschrieben. Und da fängt es schon an: Das Wort „Privileg“ suggeriert, man dürfe mehr als andere, wenn es in Wirklichkeit andersherum ist: Jene, die keine Antikörper im Blut nachweisen, dürfen weniger – wer geimpft ist, bekommt nur die ganz normalen Freiheiten wieder, die alle hierzulande normalerweise genießen.
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Angst und Neid sind keine guten Berater. Das zeigt ein Blick auf das, was nicht gefühlt, sondern gesellschaftlich festgeschrieben ist. „Jede Neuinfektion ist die Ansteckung eines Menschen durch einen anderen, und zwischen diesen bestehen – anders als zu Erdbeben – Rechtsbeziehungen“, schreibt Rechtsphilosoph Christoph Bublitz im Essay „Es gibt keine Freiheit, Teil einer Infektionskette zu sein“. Auch wenn wir uns gerne als losgelöst agierende Individuen sehen: Wir haben unseren Mitmenschen gegenüber Pflichten. Zum Beispiel die, sie nicht zu verletzen.
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Diese Pflicht gilt auch für Gefahren, die vom eigenen Körper ausgehen. Da wir bei einer Covid-19-Erkrankung nicht sicher wissen, ob wir ansteckend sind oder nicht, waren Einschränkungen unserer Freiheiten lange Zeit die einzige Möglichkeit, den Zusammenbruch des Gesundheitssystems und den Tod vieler Menschen zu verhindern – bis jetzt.
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Im Kampf gegen die Pandemie sind Impfstoffe ein vielversprechendes Werkzeug. Sie schützen in einem hohen Maße gegen eine Covid-19-Erkrankung. Erste Untersuchungen weisen darauf hin, dass vollständig Geimpfte eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit haben, eine asymptomatische Infektion zu erleiden und andere anzustecken.
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Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention haben deshalb bereits erste Verhaltenslockerungen für Geimpfte zugelassen. Der Deutsche Ethikrat ist zurückhaltender, dennoch sagte dessen Vorsitzende Alena Buyx mit Blick auf die neuesten Erkenntnisse, „dass diese ganz harten individuellen Freiheitsbeschränkungen rein rechtlich sehr, sehr schwierig durchzuhalten sind, wenn der sogenannte Sachgrund entfällt, der Sachgrund der Infektiösität.“ Aus dem Gesundheitsministerium heißt es, dass Geimpfte vielleicht schon im April erste Freiheiten zurückerhalten könnten.
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Sollten weitere Studien belegen, dass Impfungen die Weitergabe von SARS-CoV-2-Viren verhindern und immer mehr Menschen nach dem Prinzip „Alt vor Jung“ geimpft werden, dann könnte die Generation 60 plus schon bald wieder das Leben genießen – mit beschwingten Kreuzfahrten, Theaterabenden und Bruce-Springsteen-Konzerten. Denn privaten Anbietern steht es frei, ihre Waren und Dienstleistungen nur geimpften Personen anzubieten.
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Auch wenn das für einige Pandemiemüde schwer zu ertragen ist: Außer vagen Gefühlen gibt es keinen Grund, Menschen einzuschränken, die keine Gefahr für andere darstellen. Wer sich davon ungerecht behandelt fühlt, dem mag ein Blick über den Tellerrand der BRD helfen: In den meisten Ländern Afrikas und in den armen Staaten Zentral- und Südostasiens werden die Menschen noch bis zu zwei Jahre auf den Schutz vor Covid-19 warten müssen. Wer auf gleiche Rechte für alle pocht, sollte auch so lange auf den Kneipenbesuch verzichten, bis die letzten Impfwilligen in Afrika ihre Spritze bekommen haben. Sinnvoller wäre es, wir würden uns stattdessen für eine faire globale Impfstoffverteilung einsetzen und die Kampagne gegen die Freiheitsrechte der Geimpften schnell begraben.
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Julia Lauter schreibt für Magazine und Zeitungen über Wissenschaft, Umwelt und soziale Bewegungen – sie ist in der allerletzten Impfkategorie und hofft, dass bis zum Herbst nicht noch alles in Flammen aufgeht.
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meint Anina Ritscher
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Gesundheitsminister Jens Spahn möchte Geimpften die Möglichkeit geben, zu reisen oder zum Friseur zu gehen, ohne ein negatives Testergebnis vorzulegen. Damit wären Geimpfte und Menschen mit negativem Testergebnis gleichgestellt. Die EU geht mit ihrem „Impfausweis“ noch weiter und möchte Geimpften auch die Quarantänepflicht ersparen und so internationale Reisen erleichtern. Politiker:innen aus fast allen Parteien sind sich einig, dass beides gute Ideen sind. Aber ist das fair?
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Bald schon werden weitere Fragen aufkommen: Sollte der Immunitätsnachweis noch mehr Freiheiten wiederherstellen? Sollten Geimpfte etwa auch von Maskenpflicht und Kontaktverbot ausgenommen oder ihnen Restaurant- und Kinobesuche ermöglicht werden?
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Diese Fragen müssen gestellt werden, doch sie bringen auch unangenehme Überlegungen zutage. Denn weitreichende Privilegien für Geimpfte könnten Ungerechtigkeiten verschärfen und Gräben vertiefen.
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Befürworter:innen der Impfprivilegien bevorzugen es, von einer Rückkehr zu den zeitweise eingeschränkten Grundrechten zu sprechen, anstatt von Sonderrechten. Doch Grundrechte sind nur dann etwas wert, wenn sie ausnahmslos für alle gelten.
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Als Argument wird daraufhin manchmal herangezogen, dass es gerecht sei, wenn diejenigen Menschen, die in der Krise am meisten litten, also die Risikopatienten, da auch schneller rauskommen. Ein Rentner etwa, der seine Ehefrau nach Monaten wieder im Pflegeheim besuchen möchte, sollte schnellstmöglich das Recht dazu haben. Das klingt erst einmal logisch.
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Trotzdem ist es unsinnig, die Befreiung von Corona-Maßnahmen an die Immunität zu knüpfen. Denn das verkompliziert die ethischen Überlegungen, die der Impfstrategie zugrunde liegen. Viele Menschen, die besonders unter den Maßnahmen leiden, gehören nicht zur Risikogruppe und werden demnach spät geimpft. Bewohner:innen in Asylunterkünften etwa oder Obdachlose.
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Wäre es dann nicht gerechter, diese Menschen hätten ebenfalls verfrühten Anspruch auf eine Impfung – wenn Geimpfte von den Beschränkungen befreit würden? Stattdessen werden bei der Festlegung Reihenfolge insbesondere das Alter und Vorerkrankungen berücksichtigt. Das ist nicht gerecht.
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Zurzeit wird der Impfstoff aber noch nicht einmal gemäß dem aktuellen System der Impfstrategie gerecht verabreicht. Bereits jetzt gibt es zahlreiche Berichte über einzelne Menschen – zum Beispiel Politiker:innen –, die sich ihre Impfung erschlichen haben, obwohl sie gemäß Impfstrategie noch nicht an der Reihe waren. Es ist vorstellbar, dass solche Vorfälle sich häufen werden. Mit dem Immunitätsnachweis würden solche sozialen Ungerechtigkeiten noch verschärft.
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Für den Besuch im Pflegeheim bräuchte es abgesehen davon nicht zwingend einen Immunitätsausweis. Der Ethikrat spricht stattdessen in einer Stellungnahme davon, dass Ärzt:innen in besonderen Fällen eine Befreiung von den Corona-Einschränkungen ausstellen – zum Beispiel mit einem aktuellen PCR-Test – und so etwa Besuchsregeln in Pflegeheimen für einzelne Personen lockern könnten.
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Würden weitreichende Impfprivilegien eingeführt, müssten wir zudem auch darüber reden, ob es tatsächlich nur um Freiheiten ginge – oder auch um Pflichten. Schließlich würde mit der Immunität, zumindest wenn man es zu Ende denkt, auch der Anspruch auf staatliche Hilfestellungen hinfällig werden. Könnten Arbeitnehmer:innen etwa dazu verpflichtet werden zu arbeiten, während ihre ungeimpften Kolleg:innen noch in Kurzarbeit sind?
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Ganz zu schweigen von Verschwörungsideolog:innen, die sich mit der Einführung eines Immunitätsausweises in ihrer Befürchtung bestätigt sähen, dass wir uns in einer vermeintlichen „Impfdiktatur“ befinden. Impfprivilegien könnten diese ohnehin schon gefährliche Stimmung womöglich weiter anheizen – das ist es nicht wert.
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Diese Pandemie ist ein gesamtgesellschaftlicher Kraftakt. Sie erfordert Mühen von jedem und jeder Einzelnen. Auch der Weg aus der Pandemie hinaus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss von allen gleichermaßen mitgetragen werden. Sonderrechte für Geimpfte würden das Gegenteil suggerieren: Einige könnten – oder müssten – die Pandemie schneller überwinden als andere.
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Das würde sogar rückblickend die Appelle der Bundesregierung unglaubwürdig machen. Schließlich waren Zusammenhalt und Solidarität die politische Message in der Pandemiebekämpfung. Und jetzt soll mit einem Immunitätsausweis wieder in vielen Bereichen zum individualistischen Status quo zurückgekehrt werden? Es wäre schädlich für die Bewältigung weiterer Krisen, die bestimmt kommen werden, wenn die Forderung nach Solidarität sich als Floskel enttarnt.
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Anina Ritscher schreibt über Rechtsextremismus, Desinformation und Verschwörungsideologien – mit Impfverweigerung schlägt sie sich also schon länger herum. Sobald sie geimpft ist, will sie wieder eine ganze Nacht in der Kneipe verbringen.
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Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
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Collage: Renke Brandt
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Jeden Monat tippen Hunderttausende Japaner auf Google „shinitai“ ein: „Ich will sterben“. Um den Betroffenen zu helfen, schaltet eine NGO nun Anzeigen. Interview mit ihrem Gründer
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fluter.de: Herr Ito, warum haben Sie das Internet als Medium gewählt, um Menschen mit Selbstmordgedanken zu helfen?
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Jiro Ito: Als 1993 ein Buch über Suizidmethoden auf den japanischen Markt kam, wurde das noch zum Verkaufserfolg. Aber junge Leute von heute lesen auf Websites und in Foren. Zwischen 130.000 und 240.000 Mal pro Monat wird über Google in Japan allein die Anfrage „shinitai“ (dt.: ich will sterben) gestellt. Das Internet ist vermutlich der beste Anknüpfungspunkt, den es gibt, um junge Menschen zu erreichen. Und als oberer Hit auf Google sind wir ein Gatekeeper im Netz.
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Wie lässt sich der Erfolg der Anzeigen messen?
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In Japan nehmen sich immer mehr Jugendliche das Leben. Wie erklärt sich dieser traurige Trend?
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Ungefähr vier Prozent der User, die den Suchwert angeben, besuchen unsere Seite und kontaktieren uns. Das ist ein kleiner Anteil, aber in der Anzeigenbranche ist man allgemein schon mit ein bis zwei Prozent zufrieden. Wir sind also relativ erfolgreich. Außerdem ist der Anzeigenpreis bei Google deutlich gestiegen. Letztes Jahr, als ich die Anzeige für die zwei Suchbegriffe „shinitai“ und „jisatsu houhou“ (dt.: Selbstmordmethoden) kaufte, kostete uns das noch 5 Yen (knapp 4 Cent) pro Klick auf unsere Anzeige. Mittlerweile sind es 50 Yen. Das liegt daran, dass die Nachfrage nach diesen Anzeigen gestiegen ist. Viele andere NGOs in anderen Teilen Japans machen es uns mittlerweile nach.
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Wenn jemand Kontakt zu Ihnen aufnimmt, was passiert dann?
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Unser Büro ist immer besetzt, E-Mails beantworten wir in kurzer Zeit. Wir erklären als Erstes, dass wir einen Namen wissen wollen, mit dem die Person angesprochen werden möchte. Das kann ein Spitzname sein. Und dann hören wir vor allem zu und fragen nach, um die Logik zu erkennen, die zum Selbstmordgedanken führt. Die meisten Personen wollen eigentlich nicht sterben, aber wissen aus ihren Problemen keinen Ausweg. Da versuchen wir, Vorschläge zu machen.
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Ist das Problem denn zu lösen, wenn das Leben im sozialen Umfeld unverändert bleibt? Junge Leute gehen ja weiterhin zur Schule oder zur selben Arbeitsstelle.
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Meistens bleibt ihnen keine andere Wahl, als im aktuellen Umfeld weiterzumachen, das stimmt. Aber das ist nicht unbedingt das größte Problem. Die Sichtweise auf Situationen kann sich verändern. Wir arbeiten auch mit Schulen im Westen Tokios zusammen, um vor Ort über das Problem Selbsttötung und unsere Arbeit zu sprechen. Meistens ist es so: Sobald wir Kontakt zu jungen Menschen aufbauen, verläuft dieser positiv. Aber wir wissen auch, dass wir noch immer nicht die zahlenmäßig wichtigste Gruppe erreichen. Jungen nehmen sich deutlich häufiger das Leben als Mädchen, gleichzeitig kommen 70 Prozent unserer Kontaktanfragen von Mädchen. Jungen sind leider seltener bereit, nach Hilfe zu suchen.
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Jiro Ito ist ausgebildeter Sozialpsychologe und gründete 2013 die NGO OVA in Tokio, um zur Prävention von Selbsttötung junger Menschen beizutragen.
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Wenn es dir nicht gut geht oder du gar daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche, mit Freunden oder Verwandten darüber zu sprechen. Es gibt auch sehr viele Hilfsangebote, bei denen du dich rund um die Uhr melden kannst.
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Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und jederzeit erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Wenn du lieber chattest oder E-Mails schreibst, kannst du unter www.telefonseelsorge.de unkompliziert schriftlich Kontakt aufnehmen.
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Titelbild: Q. Sakamaki/Redux/laif
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