text stringlengths 276 36k | summary stringlengths 47 1.39k | topic stringclasses 21 values | url stringlengths 36 209 | title stringlengths 4 133 | date stringclasses 108 values |
|---|---|---|---|---|---|
Führende Wirtschaftspolitiker haben den Airbus-Mutterkonzern EADS davor gewarnt, Arbeitsplätze von Deutschland nach Frankreich zu verlagern. Unterdessen reagierten große Airlines verärgert auf die erneute Verzögerung bei der Auslieferung des Superjumbos A380. Die deutschen Wirtschaftspolitiker schalteten sich über die Bild-Zeitung in die Debatte über das neu aufgelegte Sparprogramm bei Airbus ein. Sie warnten den Airbus-Mutterkonzern EADS davor, Produktionskapazitäten für den A380 von Deutschland nach Frankreich zu verlagern. "Eine solche Verlegung könnte die deutsche Politik nicht widerstandslos hinnehmen", sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/CSU- Bundestagsfraktion, Laurenz Meyer. Der SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend erklärte: "Wir müssen Airbus sehr offensiv klarmachen, wie es von Deutschland profitiert - und dass das nicht gottgegeben ist." Der Grünen-Wirtschaftsexperte Matthias Berninger droht sogar mit der Rückforderung staatlicher Finanzierungshilfen: "Das Unternehmen sollte bei fairer Arbeitsteilung bleiben, statt Probleme durch Missmanagement beim A 380 auf Hamburg abzuwälzen. Ansonsten sollte die Stadt prüfen, ob sie EADS ihre erheblichen Vorleistungen in Rechnung stellen kann." Wie die Bild-Zeitung unter Berufung auf Regierungskreisen weiter berichtet, gebe es derzeit interne Überlegungen bei EADS, die Auslieferung des fertig gestellten A380 von Hamburg komplett nach Toulouse zu verlegen, Teile der Montage aber in Hamburg zu belassen. Detailansicht öffnen Produktion des A380 in Toulouse. (Foto: Foto: AP) Qantas enttäuscht Die australische Fluggesellschaft Qantas hat sich enttäuscht über die erneute Verzögerung bei der Auslieferung des Airbus A380 geäußert. Das Unternehmen werde seinen Kapazitätsbedarf nun neu bewerten, erklärte Qantas-Finanzchef Peter Gregg. Man gehe davon aus, bis August 2008 über vier der neuen Großraumflugzeuge zu verfügen und bis Mitte 2009 über sieben weitere. Dies sei eine Verzögerung von rund zwei Jahren. Dennoch sei Qantas zufrieden, dass dies nicht auf technische Probleme, sondern lediglich auf Schwierigkeiten bei der Produktion zurückzuführen sei. Gregg sagte, Qantas werde seine B747-400-Flotte nun länger fliegen lassen als zunächst geplant. Doch erwarte er keine Kapazitätsprobleme. Der Airbus-Mutterkonzern EADS hatte am Dienstag weitere Verzögerungen bei dem Prestigeobjekt angekündigt. Singapore Airlines prüfen Auswirkungen Auch der A380-Großkunde Singapore Airlines erklärte, man wolle zunächst die Auswirkungen der neuen Verzögerung prüfen. Airbus habe das Unternehmen über die verspätete Auslieferung von 19 Maschinen informiert. Die Fluggesellschaft soll die erste kommerziell genutzte A380 erhalten. Ein Firmensprecher sagte nicht, wann die zunächst für Dezember vorgesehene Auslieferung stattfinden soll. Singapore Airlines hat zehn Exemplare des Großraumflugzeugs fest bestellt und neun Optionen vereinbart. | Führende Wirtschaftspolitiker haben den Airbus-Mutterkonzern EADS davor gewarnt, Arbeitsplätze von Deutschland nach Frankreich zu verlagern. Unterdessen reagierten große Airlines verärgert auf die erneute Verzögerung bei der Auslieferung des Superjumbos A380. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/airbus-plant-sparprogramm-das-koennte-die-deutsche-politik-nicht-widerstandslos-hinnehmen-1.898723 | "Airbus plant Sparprogramm - ""Das könnte die deutsche Politik nicht widerstandslos hinnehmen""" | 00/05/2010 |
Der Umsatz von KarstadtQuelle ist im abgelaufenen Jahr 2005 zwar noch einmal gefallen. Konzernchef Thomas Middelhoff fühlt sich nach eigenem Bekunden dennoch "wohl". Ein gutes Weihnachtsgeschäft bescherte den Karstadt-Warenhäusern erstmals seit zehn Jahren wieder einen Umsatzzuwachs im wichtigen vierten Geschäftsquartal. Detailansicht öffnen Kunden im Karstadt-Stadtpalais in Potsdam. (Foto: Foto: ddp) "Damit ist es uns gelungen, die Negativ-Spirale der letzten Jahre zu stoppen und eine Trendumkehr zu erreichen", sagte Konzernchef Thomas Middelhoff am Montag in Essen. In den Waren- und Sporthäusern sei der Umsatz im vierten Quartal 2005 um 1,2 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro gestiegen. Der Konzern-Umsatz habe dagegen einschließlich der erstmals einbezogenen Beteiligung an der Touristiktochter Thomas Cook im vierten Quartal mit rund 4,9 Milliarden Euro auf dem "erwarteten Niveau" gelegen, hieß es. Dabei sei man von einem Rückgang im "mittleren einstelligen Prozentbereich" in der Größenordnung von rund vier Prozent ausgegangen, verlautete aus Unternehmenskreisen. Umsatzziel für 2005 erreicht "Der KarstadtQuelle-Konzern hat sein Umsatzziel für das Geschäftsjahr 2005 erreicht", stellte Middelhoff fest. Im zurückliegenden Jahr habe der Konzern insgesamt einen Umsatz von rund 15,7 Milliarden Euro erzielt. Der Konzernchef bestätigte noch einmal seine Prognose, den Vorsteuer-Gewinn für 2005 ohne Berücksichtigung von Thomas Cook auf mehr als 350 Millionen Euro steigern zu wollen. "Damit fühlen wir uns auch mit unserer Ergebnisprognose eines bereinigten Ebitda von mehr als 350 Millionen Euro - ohne Berücksichtigung von Thomas Cook - sehr wohl", sagte Middelhoff. "Vorangekommen" Beim Schuldenabbau sei KarstadtQuelle mit einem Schuldenstand von unter 2,6 Milliarden Euro zum Jahresende 2005 bereits "deutlich schneller" vorangekommen als geplant, so Middelhoff. Die Gespräche über einen möglichen Verkauf von KarstadtQuelle-Immobilien verliefen weiter positiv, sagte ein Unternehmenssprecher. Durch den Verkauf werden Erlöse von bis zu drei Milliarden Euro erwartet. Ein weiteres Umsatz-Minus um 5,3 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro habe es dagegen im vierten Quartal 2005 beim Sorgenkind Versandhandel gegeben. Damit sei das Umsatzziel des mitten in einer Restrukturierung steckenden Geschäftsfelds jedoch erreicht und der Negativtrend verlangsamt worden, hieß es. Leichtes Plus bei Spezialversendern Im Gegensatz zum so genannten Universalversand habe bei den Spezialversendern sogar ein leichtes Umsatzplus erzielt werden können. | Der Umsatz von KarstadtQuelle ist im abgelaufenen Jahr 2005 zwar noch einmal gefallen. Konzernchef Thomas Middelhoff fühlt sich nach eigenem Bekunden dennoch "wohl". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/karstadtquelle-trendumkehr-ist-erreicht-1.915906 | "KarstadtQuelle - ""Trendumkehr ist erreicht""" | 00/05/2010 |
Das Telefonieren per Internet, dem viele Fachleute eine große Zukunft vorhersagen, wird auch in Deutschland schon bald konkrete Formen annehmen. Bei einer Veranstaltung in Bonn teilte Matthias Kurth, Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, mit, dass es bereits in Kürze eine eigene Vorwahlnummer für Internet-Telefonate geben wird. Detailansicht öffnen Eines der Hauptprobleme der Internet-Telefonie: Der DSL-Anschluss ist hierzulande in der Regel an den Telefonanschluss gekoppelt. (Foto: Bild: Infineon) Unter der einheitlichen Nummer "032" werde voraussichtlich schon ab Januar 2005 jeder Internet-Telefonierer in Deutschland erreichbar sein. Nach Schätzungen werden Ende dieses Jahres bereits etwa 200.000 private Internetnutzer über das Web telefonieren. Notrufe als Problem Technische Voraussetzung dafür ist ein breitbandiger DSL-Anschluss, von denen es gegenwärtig rund 5,5 Millionen in der Bundesrepublik gibt. Laut Kurth will die Regulierungsbehörde aber neben der "032" auch Internettelefonie unter den herkömmlichen Ortsnetzrufnummern gestatten. Allerdings solle diese Möglichkeit nur Kunden innerhalb ihrer jeweiligen Ortsnetze eingeräumt werden. Nicht gestatten werde die Behörde die Vergabe von nicht wohnortbezogenen Ortsnetzrufnummern, weil dadurch für den Verbraucher die geographische Information der Vorwahlnummer verfälscht werde. Einigen Anbietern von Internettelefonie, die in der jüngsten Vergangenheit gezielt Vorwahlnummern aus einigen für sie günstigen Ortsnetzen vergeben hatten, war dies vor wenigen Tagen von der Regulierungsbehörde verboten worden. Bei der Fachtagung machte Kurth deutlich, mit welchen thematischen Schwerpunkten sich die Behörde rund um die Internettelefonie beschäftigt. Neben der Nummernvergabe müsse vor allem das technische Problem der Notruf-Übermittlung gelöst werden. Trennung von DSL und Telefonanschluss Offen sei außerdem die von der Anbieterseite vehement geforderte Trennung zwischen DSL-Anschlüssen für Datenverkehr und Internettelefonie einerseits und herkömmlichen Telefonanschlüssen andererseits. Wenn die Internettelefonie in Zukunft als ein eigenständiger, öffentlich zugänglicher Telefondienst gelten solle, dann müssten umgehend die technischen Probleme bei der Notruf-Bereitstellung überwunden werden. Noch wichtiger sei die Frage, ob es in Zukunft zu einer Trennung zwischen DSL- und herkömmlichem Telefonanschlüssen kommen könne. Um der neuen Technik auf breiter Front zum Durchbruch zu verhelfen, sollte es nach Meinung von Kurth aber grundsätzlich möglich sein, auf den Telefonanschluss zu verzichten. Dessen Kosten könnten jedoch auch künftig nicht ganz eingespart werden, weil die Teilnehmeranschlussleitung ja unverändert weiter benutzt werden müsse. Bei einer Entbündelung von DSL und herkömmlichem Telefonanschluss gehen Fachleute davon aus, dass vor allem Großkunden durch Nutzung der preiswerten Internettelefonie bis zu 30 Prozent ihrer heutigen Telefonkosten sparen können. Zahlreiche Firmen haben deshalb bereits ihre Telefonanlagen auf Internet-basierte Systeme umgestellt und profitieren dabei auch von zusätzlichen Diensten, wie etwa der Videokonferenz. | Das Telefonieren per Internet, dem viele Fachleute eine große Zukunft vorhersagen, wird auch in Deutschland schon bald konkrete Formen annehmen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/internet-telefonie-eine-neue-vorwahl-in-der-telefonwelt-1.918791 | Internet-Telefonie - Eine neue Vorwahl in der Telefonwelt | 00/05/2010 |
Der US-Milliardär Haim Saban steht nun doch vor der Übernahme der ProSieben-Gruppe. Auf eine Hängepartie wie beim letzten Anlauf wollen sich die Banken dieses Mal aber nicht einlassen. Haim Saban hat seine Hausaufgaben offenbar gemacht. Zwei Monate nach seinem spektakulären Scheitern steht der US-Milliardär nun doch wieder vor der Übernahme von Deutschlands größtem TV-Konzern ProSiebenSat.1. Banken, Insolvenzverwaltung und KirchMedia-Geschäftsführung wollen sich aber nicht noch einmal auf eine Hängepartie mit dem gewieften Unternehmer einlassen. "Das muss jetzt ruck-zuck gehen", hieß es am Montag in Verhandlungskreisen. Schnelles Happyend möglich Wenn Sabans Offerte wirklich wasserdicht sei, werde der Gläubigerausschuss auf seiner Sitzung am Dienstag den Zuschlag erteilen. Damit käme der Verkauf doch noch überraschend schnell zu einem Happyend. Der Verkauf von ProSiebenSat.1 mitten in der bisher größten Medienkrise gestaltete sich ausgesprochen schwierig. Zunächst bekam der Hamburger Bauer-Verlag den Zuschlag, ehe Saban in letzter Minute überbot. Anfang Juni platzte der Verkauf dann überraschend an finanziellen Details. Von dem Hin und her haben nun alle Seiten genug. "Ich glaube, wir haben alle die Nase voll", hieß es am Montag bei einer Gläubigerbank. Ursprünglich war die Lust bei Banken und Insolvenzverwaltung gering, sich noch einmal auf Saban einzulassen. Mit einer Kapitalspritze wollten sie ProSiebenSat.1 aufpäppeln und fein herausgeputzt in ein bis zwei Jahren an Investoren verkaufen. Stehaufmännchen Saban erwies sich aber als Stehaufmännchen. Sein altes Gebot für ProSiebenSat.1 von 7,50 Euro je Aktie erneuerte er, diesmal aber kann er auf starke Finanzinvestoren im Hintergrund verweisen. Saban selbst will nur 26 Prozent der Anteile übernehmen. Auch dies erleichtere es den Banken, ihm den Zuschlag zu erteilen, hieß es in Verhandlungskreisen. "Saban ist nicht mehr der große Obermufti." Das Geschäft soll diesmal zudem bedeutend einfacher ablaufen als bei der ersten Einigung. Saban bietet nur für die ProSiebenSat.1 Media AG und nicht mehr für den Filmrechtehandel der KirchMedia. Der Anhang im Kaufvertrag für den Rechtehandel war beim ersten Anlauf 40.000 Seiten stark. "Vielleicht haben Insolvenzverwaltung und KirchMedia-Geschäftsführung anfangs zu viel gewollt", heißt es in Verhandlungskreisen. Auch sei der Zeitplan möglicherweise zu eng gewesen. Saban hat sich von dem schweren Rückschlag im Juni nicht entmutigen lassen. Der gebürtige Ägypter ist in der Branche für seine Hartnäckigkeit und sein Verhandlungsgeschick bekannt. Titelmelodie von "Dallas" Sein Vermögen schuf er unter anderem, indem er die US-Version der "Power Rangers" schuf. Zuvor hatte der Sohn eines Kaufmanns und einer Näherin unter anderem die Titelmelodie von "Dallas" produziert und als Konzertagent in Israel gearbeitet. Wie Leo Kirch, dessen Erbe er nun antreten will, hat sich Saban aus eigener Kraft nach ganz oben gearbeitet. Sollte Saban den Zuschlag bekommen, müsste er zunächst einmal Ruhe in das Unternehmen bringen. Für die Mitarbeiter von ProSiebenSat.1 waren die vergangenen Monate ein Wechselbad der Gefühle. "Alles ist besser als diese blöde Unsicherheit", sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Auch, wenn alle Beteiligten zu einem Abschluss bereit sind, sind allerdings in den kommenden Wochen weitere Überraschungen nicht ausgeschlossen. "Bei Kirch bin ich vorsichtig", heißt es bei einer Bank, "da haben wir einfach schon zu viel erlebt." | Der US-Milliardär Haim Saban steht nun doch vor der Übernahme der ProSieben-Gruppe. Auf eine Hängepartie wie beim letzten Anlauf wollen sich die Banken dieses Mal aber nicht einlassen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/prosieben-gruppe-und-haim-saban-das-muss-jetzt-ruck-zuck-gehen-1.900987 | "ProSieben-Gruppe und Haim Saban - ""Das muss jetzt ruck-zuck gehen""" | 00/05/2010 |
Der schottische Unternehmer Bill Gammel bohrte lange ohne großen Erfolg, jetzt entdeckte er in Indien ein großes Feld - zum Ärger der Multis in der Branche. Edinburgh - Es ist ganz einfach, Bill Gammel zu beleidigen. Man muss ihm nur die Frage stellen, ob er ein Glückspilz sei. Schon verschwindet für ein paar Momente das Verschmitzte aus seinen Augen, und er muss schlucken, bevor er antwortet: "Wir kommen doch nicht aus dem Nichts. Wir sind seit Jahren in der Branche", sagt der hochgewachsene Schotte mit den rotblonden Haaren. Detailansicht öffnen In der kargen indischen Provinz Rajasthan wurde Öl gefunden. (Foto: Foto: AP) Für Außenstehende sieht es in der Tat so aus, als ob der schottische Unternehmer der Glückspilz des vergangenen Jahres ist. Denn Gammel ist in den letzten Monaten gewissermaßen zum Scheich avanciert. Europas J.R. Ewing Manche titulieren ihn in Erinnerung an die TV-Seifenoper "Dallas" gar den J.R. Ewing Europas. Richtig an dem Vergleich ist, dass der asketisch schlanke Mr. Gammel zu Öl gekommen ist. Der 52-Jährige, der im dunklen Anzug gar nicht nach Schatzsucher und Abenteurer aussieht, hat Erdöl in solchen Mengen gefunden, dass die Manager bei den Branchen-Riesen Exxon, BP und speziell bei Shell vor Neid erblassen. Die anderen setzen auf Afrika, Sibirien oder Russlands fernen Osten 15 mal hatte Gammels Unternehmen, die Cairn Energy, zuvor in der indischen Provinz Rajasthan, nahe der Grenze zu Pakistan, vergeblich gebohrt. Der Multi Shell, anfangs Kooperationspartner bei dem Feld, war bereits ausgestiegen und hatte seine Förderrechte an Cairn verkauft. Die Öl-Konzerne setzen auf Afrika, Sibirien oder Russlands fernen Osten; vom indischen Subkontinent dagegen halten sie allesamt wenig. 80 Millionen Euro, ein Fünftel des damaligen Unternehmenswertes, hatte Gammel bis Jahresanfang 2004 schon im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt. Doch die 16. Bohrung stieß auf Öl: "Morgens um fünf kam der Anruf", erzählt Gammel. Inzwischen schätzen Fachleute, dass das Feld 160 Milliarden Liter Öl enthalten könnte, von denen 16 bis 50 Milliarden Liter mit vertretbarem Aufwand an die Oberfläche zu holen seien. Es wäre ein gigantischer Wert, und entsprechend schoss der Aktienkurs von Cairn Energy in die Höhe. Inzwischen sehen selbst die Spekulanten den Bohr-Erfolg wieder nüchterner. Es gibt Streit um Förderabgaben an den Staat - überall kleben am Öl nicht nur geologische, sondern ebenso politische Risiken. Trotzdem ist die kleine Cairn mit ihren 600 Mitarbeitern heute gemessen am Börsenwert das fünfgrößte Unternehmen Schottlands. Vitrinen mit Gesteinsproben Nach dem Hauptquartier eines internationalen Öl-Konzerns sieht es hier, rund um Gammels Büro in Schottlands Hauptstadt Edinburgh, aber nicht aus: Wer die Adresse nicht weiß, geht an dem Bürohaus in der Lothian Road achtlos vorbei. Die Cairn Energy belegt dort lediglich die vierte Etage. Dass es sich nicht einfach um eine der unzähligen wohlsituierten Anwalts- oder Beratungs-Kanzleien handelt, lässt nur eine kleine Granitplatte erahnen: Sie erinnert daran, dass zur Büroeinweihung vor sieben Jahren der britische Regierungschef Tony Blair und der pakistanische Premierminister gekommen waren. Und noch einen Unterschied zu den üblichen Büros gibt es: Überall in den Wänden sind Glasvitrinen mit Gesteinsproben, Quarzen und Kristallen eingelassen. Hausherr Gammel ist zwar Kaufmann der Ausbildung nach, aber sichtlich Geologe mit dem Herzen. Lange Jahre hat Bill Gammel dies ebenso wenig genützt wie prominente Freunde in der Politik: Zusammen mit Blair ging Gammel auf eine Elite-Schule in Edinburgh. US-Präsident Bush kennt der Schotte auch schon seit früher Jugend. | Der schottische Unternehmer Bill Gammel bohrte lange ohne großen Erfolg, jetzt entdeckte er in Indien ein großes Feld - zum Ärger der Multis in der Branche. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ressourcen-der-oel-baron-von-edinburgh-1.901110 | Ressourcen - Der Öl-Baron von Edinburgh | 00/05/2010 |
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in ihrem Frühjahrsgutachten für 2007 und 2008 ein stolzes Wachstum von jeweils 2,4 Prozent. Doch die Industrie ist besorgt über die Stärke des Euro. Der Konjunkturaufschwung in Deutschland wird sich nach Einschätzung der fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute 2007 und 2008 nahezu ungebremst fortsetzen. Das geht aus dem Frühjahrsgutachten der Institute hervor. Das teilten die Institute am Donnerstag in ihrem Frühjahrsgutachten in Berlin mit. 2006 hatte das Wachstum 2,7 Prozent betragen. Bemerkenswert sei, dass der Aufschwung immer stärker vom privaten Konsum gestützt werde. Weil die Arbeitslosigkeit zurückgehe und die Löhne anzögen, würden die Bürger wieder mehr Geld ausgeben. Konkret rechnen die Experten sowohl für das laufende als auch für das kommende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von jeweils 2,4 Prozent nach 2,7 Prozent für 2006. Sie sind damit erheblich optimistischer als noch im vergangenen Herbst. "Die (...) Unsicherheit über Stärke und Dauer des derzeitigen Aufschwungs hat sich zunehmend aufgelöst, und nach Ansicht der Institute spricht nunmehr vieles dafür, dass sich die deutsche Wirtschaft in einem gefestigten Aufschwung befindet", heißt es in dem mehr als 100-seitigen Gutachten, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Keine Einschränkungen wegen des starken Euro Die momentane Stärke des Euro schätzen die Experten nicht als Gefahr für die Konjunktur ein. Die Währung ist am Mittwoch zeitweise erstmals seit zwei Jahren wieder über die Marke von 1,36 Dollar geklettert. Die Wachstumsimpulse kommen derzeit ausgerechnet aus den Bereichen, die noch vor kurzem als die größten Sorgenkinder galten: So sehen die Forscher die langjährige Talfahrt der Baubranche als endgültig überwunden an. Bereits 2006 hätten die Bauinvestitionen spürbar zugelegt und damit erstmals seit zwölf Jahren deutlich zum Anstieg des Bruttoinlandsprodukts beigetragen, so die Experten. Ähnlich eklatant ist der Wandel beim Konsum: Weil die Arbeitslosigkeit sinkt und die Einkommen steigen, geben Verbraucher nach langer Zurückhaltung wieder kräftig Geld aus. Schon 2007 könnte die private Nachfrage erstmals seit langem der Wachstumsmotor sein. Anhaltende Verbesserung des Arbeitsmarkts Laut Prognose wird die Zahl der Arbeitslosen 2007 im Jahresdurchschnitt auf knapp 3,8 Millionen fallen. 2008 soll sich die Entwicklung etwas verlangsamt fortsetzen. Obwohl es durch den Rückgang in einigen Branchen bereits zu Arbeitskräftemangel kommen dürfte, erwarten die Experten zunächst einen zwar deutlicheren, aber noch nicht konjunkturschädlichen Anstieg der Gehälter. Immerhin sollen die tariflichen Stundenlöhne um 2,0 Prozent in diesem und 2,8 Prozent im kommenden Jahr steigen. Zu den Nutznießern des Aufschwungs zählen nicht nur Bürger und Unternehmen, sondern auch der Staat: So könnte das gesamtstaatliche Defizit 2007 auf 0,6 und 2008 auf null Prozent der Wirtschaftsleistung sinken. Da der Bund und eine Reihe von Ländern im kommenden Jahr noch neue Kredite benötigen, würde das bedeuten, dass die Kommunen, die Sozialversicherungen und die erfolgreicheren Länder bereits Milliardenüberschüsse erzielen. Zu den Konjunkturrisiken zählen die Institute überhöhte Lohnabschlüsse. Der jüngste Kursanstieg des Euro scheint die Experten dagegen nicht zu beunruhigen: Sie gehen davon aus, dass die Währung auf Jahressicht mit 1,32 Dollar je Euro in etwa auf dem Niveau der vergangenen Monate verharrt. Industrieverbände äußern Sorge Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau zeigte sich dagegen beunruhigt über die Eurostärke: Sie verteuere deutsche Produkte im Dollarraum und schwäche daher die Wettbewerbskraft der Firmen, sagte VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers: "Schon der gegenwärtige Wechselkurs tut weh." Die gute Konjunktur helfe aber manchem über den Schmerz hinweg. Gernot Nerb, Bereichsleiter beim Ifo-Institut, erklärte, die Marke, von der an die hiesige Wirtschaft leide, liege wohl bei Wechselkursen zwischen 1,35 bis 1,40 Dollar pro Euro - je nach Branche. Sein Institut ist einer der Autoren des Frühjahrsgutachtens. Für Gotthard Graß, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes der Elektroindustrie ZVEI, könnte sich die Eurostärke auf Standortentscheidungen deutscher Konzerne auswirken: "Wenn sich der Eindruck durchsetzt, dass der Euro sich über 1,35 Dollar festsetzt, werden neue Werke im Ausland gebaut." Die Logik dahinter: Produzieren Firmen in Staaten, deren Währung an den Dollar angelehnt ist, fallen mehr Kosten in der US-Währung an, sodass sich die Dollarschwäche nicht mehr ausschließlich negativ auswirkt. Doch nicht nur die US-Währung macht Exporteuren Probleme: Manager der Autoindustrie forderten bereits im Februar schriftlich von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), er möge sich auf Ebene der G-8-Staaten für die Abschwächung des starken Ungleichgewichts vom japanischen Yen zum Euro einsetzen. | Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in ihrem Frühjahrsgutachten für 2007 und 2008 ein stolzes Wachstum von jeweils 2,4 Prozent. Doch die Industrie ist besorgt über die Stärke des Euro. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fruehjahrsgutachten-der-aufschwung-geht-weiter-1.898909 | Frühjahrsgutachten - Der Aufschwung geht weiter | 00/05/2010 |
Nach Rekordverlusten haben Deutschlands Banken eine alte Zielgruppe wieder entdeckt — die im Börsenboom noch als "margenarmes Massengeschäft" bezeichneten Privatkunden. Die Hausbank kommt nach Hause und bringt gleich noch Bargeld mit. Besser kann der Service für Kunden eines Geldhauses wohl nicht sein. Detailansicht öffnen Der Ruf von Bundeskanzler Gerhard Schröder nach einem "nationalen Champion" in der Bankenlandschaft blieb ohne Widerhall. Foto: AP Bankshuttle Angeboten wird diese Dienstleistung seit ein paar Tagen von der sehr kleinen Schwäbischen Bank in Stuttgart, die damit auch das Manko ausgleichen will, nur eine einzige Filiale zu haben. Für die mehr als 2.000 anderen deutschen Banken ist ein solcher Bankshuttle sicher nicht der geeignete Weg, ihre Geschäftsaussichten zu verbessern. Dennoch veranschaulicht die ungewöhnliche Offensive in Stuttgart, wie sehr deutsche Geldinstitute derzeit um die Gunst der Privatkunden buhlen. Konsumentenkredite für jedermann, Rundumbetreuung im so genannten "Family Office" für Superreiche und kostenlose Konten, Depots und Kreditkarten für Berufsstarter sind nur einige Beispiele dafür, wie die im Börsenboom noch als "margenarmes Massengeschäft" titulierten Privatleute umgarnt werden. Ausgewogene Mischung statt Fokussierung Nach dem Ende des Booms mussten vor allem die Großbanken schmerzlich lernen, dass die Fokussierung auf das renditeträchtige Investmentbanking in der Baisse mit hohen Verlusten einhergeht und dass die wenigen Mandate nur noch an führende, zumeist angelsächsische Häuser vergeben werden. Allein die Deutsche Bank kann sich in dieser Riege einigermaßen behaupten. Der heimische Branchenprimus ist in den vergangenen zwei Jahren aber ebenfalls zu der Überzeugung gekommen, dass nur eine ausgewogene Mischung aus Investmentbanking, Privat- und Firmenkunden den Erträgen Stabilität verleiht. | Nach Rekordverlusten haben Deutschlands Banken eine alte Zielgruppe wieder entdeckt — die im Börsenboom noch als "margenarmes Massengeschäft" bezeichneten Privatkunden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/banken-und-versicherungen-i-buhlen-um-privatkunden-1.919564 | Banken und Versicherungen I - Buhlen um Privatkunden | 00/05/2010 |
Der Bundesfinanzminister will mit einem komplizierten Börsengeschäft dafür sorgen, dass Deutschland im nächsten Jahr wieder den europäischen Stabilitätspakt einhält. Eichel lässt derzeit in seinem Ministerium prüfen, ob er künftige Forderungen des Bundes gegenüber der Post und Telekom vorzeitig zu Geld machen kann. Ähnlich wie beim Verkauf von Russland-Schulden im Sommer dieses Jahres, könnte dies durch eine milliardenschwere Anleihe geschehen. Das Finanzministerium wollte die Pläne am Donnerstag offiziell nicht bestätigen. Ein Sprecher sagte: "Wir beteiligen uns nicht an den täglich neuen Spekulationen". Informierte Ministeriumskreise bestätigten jedoch, dass ein solches Anleihegeschäft intern vorbereitet werde. "Wir sind fassungslos" Man habe bereits erste Gespräche mit Investmentbanken geführt. Die Staatsbank KfW ist nach eigenen Angaben bislang nicht kontaktiert worden. Die Nachfolge-Unternehmen der Post müssen sich bis zum Jahr 2090 mit rund 18 Milliarden Euro an den Pensionen ehemaliger Postbeamter beteiligen. Sollte die Regierung sich dazu entschließen, diese Forderungen gegenüber Post und Telekom an der Börse zu verkaufen, würde sie jedoch wohl nur einen hohen einstelligen Milliardenbetrag erzielen. Denn Eichel müsste den Investoren einen Risikoabschlag gewähren. Der Bund müsste zudem künftig die Pensionszahlungen der Postbeamten ganz alleine finanzieren. Die Opposition kritisierte die Pläne deshalb heftig. Der Haushaltsexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Steffen Kampeter, warf der Regierung vor, sie verschleudere zukünftige Einnahmen, um heutige Haushaltslöcher zu stopfen: "Wir sind fassungslos. Man kann den Bundeshaushalt doch nicht wie einen hochriskanten Hedge-Fonds führen", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Unter Anspielung auf den Skandal um geschönte Defizitzahlen in Athen sprach der CDU-Politiker von der "Einführung der griechischen Buchhaltung". Natürlich sei solch ein Geschäft technisch möglich, aber es widerspreche dem Prinzip der jährlichen Haushaltsführung: "Den heutigen Vorteil der Investoren muss der Steuerzahler künftig bezahlen." Der Finanzminister wird seine Pläne voraussichtlich am Donnerstag der kommenden Woche vorstellen. An diesem Tag legen die Steuerschätzer ihre Zahlen für das nächste Jahr vor. Brüssels Haltung unklar Experten gehen davon aus, dass in den Etats von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen rund zehn Milliarden Euro aufgebracht werden müssen, damit Deutschland im nächsten Jahr wieder die EU-Schuldengrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts einhalten kann. Im Finanzministerium herrschte am Donnerstag noch Unklarheit darüber, ob der Pensions-Deal tatsächlich hilft, den Stabilitätspakt einzuhalten. Offenbar werden darüber derzeit Gespräche mit den Experten der EU-Kommission und der europäischen Statistikbehörde geführt. Den Verkauf von Russland-Schulden hatten die Brüsseler Stabilitätswächter nicht anerkannt. Die beiden Fälle seien aber unterschiedlich gelagert, hieß es im Finanzministerium. | Der Bundesfinanzminister will mit einem komplizierten Börsengeschäft dafür sorgen, dass Deutschland im nächsten Jahr wieder den europäischen Stabilitätspakt einhält. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/regierungsgeschaefte-eichel-will-mit-post-pensionen-milliarden-machen-1.902710 | Regierungsgeschäfte - Eichel will mit Post-Pensionen Milliarden machen | 00/05/2010 |
Die Bahn macht nach einem Gewinnsprung im ersten Halbjahr Tempo für einen baldigen Börsengang. Er könne die Bahn "kapitalmarktfähig melden", sagte Konzernchef Hartmut Mehdorn bei der Präsentation der Zahlen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) lag bis Ende Juni mit 936 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum mit 456 Millionen Euro, wie der bundeseigene Konzern am Montag in Frankfurt mitteilte. Detailansicht öffnen Auch die neuen Schnellverbindungen trugen zur Ergebnisverbesserung bei: ICE im Hauptbahnhof Frankfurt vor der Abfahrt auf der Hochgeschwindigkeits-strecke nach Köln. (Foto: Foto: dpa) Alle Sparten schrieben operativ Gewinn, auch der bisher defizitäre Schienen-Güterverkehr fuhr in die schwarzen Zahlen. Weiter steigende Energiekosten könnten sich auch auf die Fahrpreise auswirken. Angekündigt wurden Erhöhungen aber vorerst nicht. Die politischen Weichen für einen Börsengang von 2008 an könnten gestellt werden, sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn: "Der Zeitpunkt ist denkbar günstig." Er gehe davon aus, dass Regierung und Parlament noch in diesem Jahr zu Entscheidungen über eine Teilprivatisierung kommen. Angesichts des Geschäftsverlaufs 2006 könne der Vorstand die Bahn "kapitalmarktfähig melden". Prognose bestätigt Im Gesamtjahr soll das EBIT auf 1,9 Milliarden Euro steigen. Die bereits zuvor angedeutete Erhöhung der ursprünglichen Prognose von 1,6 Milliarden Euro wurde damit bestätigt. Der Umsatz soll nun auf 28,5 Milliarden Euro zunehmen, nachdem bisher die Marke von 28 Milliarden Euro angegeben worden war. Rückenwind brachten die Fußball-WM und eine anziehende Konjunktur vor allem auf den internationalen Frachtmärkten. Seit Jahresbeginn in den schwarzen Zahlen Erstmals seit dem Start ihrer Sanierung 1994 fahre die Bahn von Jahresbeginn in den schwarzen Zahlen, sagte Mehdorn. Der Halbjahresumsatz stieg um 19,1 Prozent auf 14,5 Milliarden Euro, wozu die erstmalige Einbeziehung der neuen US-Logistiktochter Bax Global beitrug. Ohne Bax hätte das Plus noch bei 8,1 Prozent gelegen. | Die Bahn macht nach einem Gewinnsprung im ersten Halbjahr Tempo für einen baldigen Börsengang. Er könne die Bahn "kapitalmarktfähig melden", sagte Konzernchef Hartmut Mehdorn bei der Präsentation der Zahlen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bahn-naechster-halt-boerse-1.901202 | Deutsche Bahn - Nächster Halt Börse | 00/05/2010 |
Opel leidet, VW ist in der Krise - Managementfehler und flaue Nachfrage verursachen Probleme. Und doch: Der deutschen Autoindustrie geht es so schlecht nicht. "Getragen von neuen Modellen übertrafen die Auftragseingänge aus dem In- und Ausland im September das bereits hohe Vorjahresergebnis nochmals um zwei Prozent", erklärte der Branchenverband VDA vor wenigen Tagen. Detailansicht öffnen Die Zafira-Produktion im Opel-Werk Bochum. (Foto: Foto: dpa) "Wir haben keine Branchenkrise, sondern Probleme bei einzelnen Herstellern", sagt auch der IG-Metall-Experte Nikolaus Schmidt. Opel und VW klagen vor allem über zu hohe Arbeitskosten. Doch Firmen wie BMW kommen mit den gleichen Kosten am Standort Deutschland erstaunlich gut zurecht. "Die Personalkosten sind nicht das primäre Problem", erklärt Stephan Droxner, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg - eine der Sozialromantik unverdächtige Institution. "Wichtiger sind die Marktanteilsverluste von Opel und VW." Seit 1999 sei dieser Anteil bei Opel in Westeuropa um fast ein Fünftel auf neun Prozent gesunken. Aufspaltung des Marktes Entscheidend ist hier die Aufspaltung des Marktes vor allem in Deutschland, so urteilen übereinstimmend die Experten: Die Käufer entscheiden sich in der aktuell schwierigen Wirtschaftssituation entweder für ein teures Auto mit gutem Image, etwa von BMW, oder sie suchen ein preisgünstiges Gefährt und nehmen einen Koreaner - mit zuletzt plus 26 Prozent Absatz. Luxus pur versus Geiz ist geil: Verlierer ist die Mittelklasse, und genau auf die haben sich Hersteller wie Opel und VW konzentriert. Grundsätzlich ist auch Ford betroffen; der Konzern hat bereits im vergangenen Jahr mit Kapazitätsabbau in Belgien und Großbritannien reagiert. Im so genannten Premiumsegment sind die Gewinnspannen deutlich größer als im Massengeschäft. Das ist ein Grund, warum sich BMW so viel besser schlägt als etwa VW. Den Bayern geht es gut: Neun Prozent mehr Absatz haben sie in diesem Jahr in Westeuropa verzeichnen können. "Managementfehler" Ein anderer Grund ist aber die Produktpolitik bei Opel und VW - "Managementfehler", wie Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen es in aller Härte nennt. VW habe in der Vergangenheit "die Brot-und-Butter-Autos" vernachlässigt, so Dudenhöffer. "Die machen einen Golf mit einer ganz tollen neuartigen Hinterachse, von der bloß der normale Fahrer leider nichts merkt", erklärt der Experte. "Da steigt der Preis und die Nachfrage sinkt." Außerdem seien anderswo sehr erfolgreiche Nischenmodelle wie Cabrios vernachlässigt worden - "aber inzwischen geht VW in die richtige Richtung." Sogar Mercedes geriet kurzfristig ins Schlingern: Bei der A-Klasse musste nach dem blamablen Elchtest ein teures Stabilisierungssystem eingebaut werden, ohne dass der Preis angehoben werden konnte. DaimlerChrysler hat aber mit der IG Metall erst kürzlich ein Kostensenkungsprogramm vereinbart. Opel leidet, so Dudenhöffer, unter dem Image "langweiliges Design, Billigprodukt, schlechte Pannenstatistik". Auch hier hat der Konzern reagiert, die neuen Fahrzeuge sind laut Dudenhöffer besser, aber der Wandel kam offenbar zu spät. "Harte Schnitte nötig" Eine Altlast sind auch die Überkapazitäten, die im Massengeschäft aufgebaut worden sind. "Die Autoindustrie ist sehr empfindlich durch ihre hohen Fixkosten", erklärt Rolf Woller von der HypoVereinsbank. Vor allem Opel habe die Absatzchancen falsch eingeschätzt; Premiummarken mit ihren kleineren Produktionszahlen sind da weniger betroffen. "Hier sind harte Schnitte nötig", so Dudenhöffer. BMW ist aber nicht bloß erfolgreich, weil es eine Premiummarke ist. Der Konzern stimmt sich besonders gut mit seinen Zulieferern ab. "Gewinner am Markt sind nicht diejenigen, die den härtesten Preisdruck auf ihre Teile-Hersteller ausüben", sagt Analyst Woller. Nach Aussage der Zulieferer könnte etwa VW "richtig sparen", so Woller, wenn die Wolfsburger "mal bei einem Treibstoffschlauch die Standards und das Design vereinheitlichen würden". Vor dem Hintergrund von Managementfehlern und flauer Inlandsnachfrage werden am Ende dann doch die Arbeitskosten relevant, wie sogar der Gewerkschaftsexperte einräumt. Haustarif über Flächentarif Ein spezielles Phänomen ist der Haustarif bei VW, der zwanzig Prozent über dem Flächentarif liegt. Aber auch die übrigen Autokonzerne zahlten im Schnitt zehn Prozent über Tarif, heißt es im Arbeitgeberlager: "Da ist noch Luft". Dramatisch ist der Vergleich mit dem Ausland: Schon in Frankreich sind laut Verband der Deutschen Autoindustrie die Lohnkosten mit 23 Euro in der Stunde ein Drittel niedriger als in Deutschland mit 33 Euro. Zwar geht dies nur mit 13 bis 15 Prozent in die Herstellungskosten ein, aber im Massengeschäft kann ein Preisunterschied von tausend Euro kaufentscheidend sein. | Opel leidet, VW ist in der Krise - Managementfehler und flaue Nachfrage verursachen Probleme. Und doch: Der deutschen Autoindustrie geht es so schlecht nicht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/automobilindustrie-nicht-nur-eine-kostenfrage-1.906923 | Automobilindustrie - Nicht nur eine Kostenfrage | 00/05/2010 |
Nach wochenlangen Streiks will die Deutsche Telekom den Streit um die Stellenausgliederungen in der Festnetzsparte mit einem verbesserten Angebot beilegen. Die Gewerkschaft wartet vorerst ab. Die Telekom will im Streit um die Auslagerung von 50.000 Beschäftigten der Festnetzsparte die Gewerkschaft Verdi mit der Aussicht auf die Zahlung eines Erfolgsbonus und einer geringeren Gehaltskürzung nach wochenlangen Streiks zurück an den Verhandlungstisch locken. "Wir stehen in den nächsten Tagen vor einer Weichenstellung, ob Verdi und die Telekom gemeinsame oder getrennte Wege gehen", sagte Personalvorstand Thomas Sattelberger am Mittwoch vor Journalisten in Bonn. Dabei erläuterte er erstmals die Bausteine einer Erfolgsbeteiligung, die unter anderem abhängig sein soll von den individuellen Leistungen der Mitarbeiter, beispielsweise beim Service und dem Gewinn des Unternehmens. Hoher zweistelliger Millionenbetrag Als mögliche Ausschüttungssumme nannte er für die Erfolgsbeteiligung einen hohen zweistelligen Millionenbetrag, die erstmals im Jahr 2011 gezahlt werden könnte. Auch über andere Bausteine wie Lohnkürzungen zeigte er sich ausdrücklich gesprächsbereit. "Es gibt bei uns kein Dogma", betonte Sattelberger. Allerdings will die Telekom keinesfalls ganz auf einen einzelnen Baustein ihres Verhandlungspakets wie Lohnkürzungen oder eine stärker leistungsabhängige Bezahlung verzichten. In den Verhandlungen mit Verdi forderte die Telekom bislang eine dreistufige Gehaltssenkung um neun Prozent und eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um vier auf 38 Stunden. Im Gegenzug wollte der Konzern bis Ende 2011 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Verdi hatte das Angebot abgelehnt und die Beschäftigten nach einer Urabstimmung zum Streik aufgerufen. Verdi überrascht In einer ersten Stellungnahme zeigte sich Verdi-Streikleiter Ado Wilhelm über den neuen Vorstoß der Telekom überrascht. "Uns liegt das Konzept nicht vor", sagte Wilhelm der Süddeutschen Zeitung, allerdings werde man sich die Dinge genau anschauen. Noch sei es zu früh über eine Rückkehr an den Verhandlungstisch zu sprechen, schließlich plane die Telekom weiter einen Griff in die Tasche der Beschäftigten. "Dies lehnen wir strikt ab", sagte Wilhelm. Bei den informellen Gesprächen der vergangenen Tage sei über diese Telekomangebot nicht gesprochen worden. "Die Situation ist nicht verfahren" Sattelberger gab sich optimistisch, dass die Gewerkschaft an den Verhandlungstisch zurückkehre, "die Situation ist nicht verfahren". Über eine Neuauflage der Gespräche Anfang nächster Woche würde er sich freuen. Von den Kürzungen wären die 30.000 Angestellten des Festnetzgeschäfts betroffen, die in neue Servicegesellschaften ausgelagert werden sollen. Außen vor bleiben die rund 20.000 in dieser Sparte des ehemaligen Staatskonzerns tätigen Beamten. Durch das überarbeitete Konzept, das nun einen Investitionspakt für Qualifizierung und Service-Kultur vorsieht, sind die Einsparpläne laut Sattelberger nicht gefährdet. "Wir liegen weiterhin voll im Zielkorridor, es wird kein Abstriche geben", sagte er. Das habe das Unternehmen den Kapitalmärkten versprochen. Die Telekom will durch die Personalmaßnahmen jährlich 500 bis 900 Millionen Euro einsparen. Stimmt die Gewerkschaft nicht zu, dann will die Telekom das Projekt alleine durchziehen. "Ultima ratio" Ein Alleingang beim Stellenumbau sei aber die "ultima ratio". In der kommenden Woche sollen die betroffenen Mitarbeiter in einem Brief formell über ihren Wechseln in neue Gesellschaften informiert werden. Wer sich dem widersetzt, dem droht die Kündigung. | Nach wochenlangen Streiks will die Deutsche Telekom den Streit um die Stellenausgliederungen in der Festnetzsparte mit einem verbesserten Angebot beilegen. Die Gewerkschaft wartet vorerst ab. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/telekom-sendet-friedenssignale-es-gibt-bei-uns-ein-dogma-1.905605 | "Telekom sendet Friedenssignale - ""Es gibt bei uns ein Dogma""" | 00/05/2010 |
Überall zeigt sich die Industrie plötzlich verantwortungsvoll, will helfen, schützen, Gutes tun. Von der Rettung vor Magersucht bis zur Rettung des Regenwaldes steht alles auf dem Programm. Anzeigen in Publikumstiteln, Spots in TV und Kino, dazu Broschüren und PR-Programme - der Mediadruck, den Unilever mit der "Dove Aktion für mehr Selbstwertgefühl" entfacht, ist enorm. Nachdem die Dove-Kampagne mit Frauen ohne 90-60-90-Maße ("Keine Models, aber straffe Kurven") super-erfolgreich war, dreht die Pflegemarke das Konzept weiter. Detailansicht öffnen Mit Anzeigen fahndeten die SOS-Kinderdörfer nach Partnern aus der Wirtschaft, die sich für die Organisation engagieren wollen. (Foto: Foto: w&v) Jetzt will Dove nicht nur Frauen helfen, mit den Widrigkeiten eines unperfekten Äußeren klar zu kommen, sondern auch Jugendliche mit sich selbst versöhnen. Kooperationspartner ist u.a. das "Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen". "Als globale Marke wollen wir Verantwortung übernehmen", so Brand-Managerin Nicole Ehlen. Bis 2008 will Unilever mit der Aktion eine Million Kinder weltweit erreichen. Verantwortungsgefühl hat derzeit heftig Konjunktur Allianzen zwischen Marken und Unternehmen auf der einen und Non-Profit-Organisationen, kurz NGO's, auf der anderen Seite sind nicht neu, haben aber derzeit heftig Konjunktur. Im großen Stil forcieren Firmen ihr gesellschaftliches Engagement und wollen es als PR- und Marketinginstrument nutzen. Im Wettbewerb, um sich von der Konkurrenz zu differenzieren. In der Kommunikation mit Finanzmärkten, Analysten und der Politik, neudeutsch Stakeholder. Innerhalb der internen Kommunikation. Und nicht zuletzt in der Produkt-PR. Überall demonstriert die Industrie plötzlich Verantwortung, will helfen, sammeln, schützen, Gutes tun. Von der Rettung vor dem Diät-Wahnsinn bis zur Rettung des Regenwalds ist alles im Programm. Ein paar aktuelle Beispiele: Schauma wirbt mit den Unesco-Botschaftern und Milchschnitte-Brüdern Klitschko für Schulen in Afrika; der Papierhersteller SCA sammelt beim Verkauf der Toilettenpapiermarke Danke Geld für den WWF; Masterfoods unterstützt über die Marken Whiskas und Pedigree Kinder; Der Oberbegriff: Corporate Social Resposibility Waschmittelhersteller wie Procter & Gamble und Colgate gründen die "Nachhaltigkeitsinitiative" Charter;der Modefilialist New Yorker unterstützt die "United Kids Foundation", eine Hilfsorganisation für Kinder. Subsumiert werden solche Aktivitäten unter dem Begriff Corporate Social Responsibility (CSR). Eine international vernetzte Begriffshuber-Industrie ist bislang vergeblich darum bemüht, verbindlich zu klären, was hinter den drei Großbuchstaben steckt, wo die Trennlinie zu Corporate Citizienship verläuft und was das Ganze eigentlich mit Corporate Gouvernance zu tun hat. | Überall zeigt sich die Industrie plötzlich verantwortungsvoll, will helfen, schützen, Gutes tun. Von der Rettung vor Magersucht bis zur Rettung des Regenwaldes steht alles auf dem Programm. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/corporate-social-responsibility-schauma-fuer-afrika-dove-fuer-kinder-1.915817 | Corporate Social Responsibility - Schauma für Afrika, Dove für Kinder | 00/05/2010 |
Der Großversender Quelle, der vor drei Monaten geräuschvoll in das Autogeschäft eingestiegen ist, hat ein neues Mittel entdeckt, um Aufmerksamkeit zu erregen: Den neuen Golf V. (SZ vom 16.09.03) - Den neuen Golf, der erst am 17. Oktober auf den Markt kommt und der dem Hersteller endlich steigende Nachfrage und ein Ende der Rabattkämpfe bringen soll, bietet der Versandhändler schon jetzt mit einem Rabatt von zehn Prozent an. Den Volkswagen-Konzern brachte das Angebot, das auf der Internetseite von Quelle zu sehen ist, in Wallung. Die Offerte werde nur "eine große PR-Blase" auslösen, schimpfte Dirk Große Leege, der Sprecher von VW. "Wir werden prüfen, ob Rechtsverstöße vorliegen." VW werde jedenfalls "keinen neuen Golf an Quelle liefern". "Quelle nimmt den Mund zu voll" Auch der Verband der VW-Audi-Händler läuft Sturm gegen den Plan: "Quelle nimmt den Mund zu voll", sagte Michael Lamlé, der Geschäftsführer des Verbandes. Es werde nicht möglich sein, die versprochenen Preise einzuhalten, ist der Händler-Vertreter sicher. "Wir fragen uns, ob hier die Grundsätze des lauteren Wettbewerbs erfüllt sind. Dem hält ein Quelle-Sprecher entgegen. "Das ist ein sehr seriöses Angebot." Allerdings ist das Vorgehen von Quelle trickreich. Das muss so sein, weil der Neuwagen-Verkauf in Europa von den Autokonzernen auf Marken-Händler beschränkt werden kann. Quelle darf daher keine neuen Autos verkaufen. Die Fürther arbeiten mit der Firma Carplus in Bayreuth zusammen, die eine Tochtergesellschaft der BHW-Bank und der Winterthur-Versicherung ist und sich auf die Vermittlung von Autos über Telefon spezialisiert hat. Carplus hat bisher für Quelle Gebrauchtwagen und Neuwagen verkauft, die pro forma für einen Tag angemeldet worden waren. Das war legal. Neuwagen Der Golf V im Quelle-Angebot soll aber ein Neuwagen sein. Dafür geht Carplus andere Wege. Für die erwarteten zahlreichen Golf-Aufträge, die Carplus an Händler weiterreicht, hat der Vermittler bei den VW-Betrieben günstige Preise ausgehandelt. Aber der Kunde schließt einen Kaufvertrag mit dem vorgeschlagenen VW-Händler ab. "Wir leben von einer Provision", sagt Heiko Eich, Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb bei Carplus. Noch ist nicht klar, welche Anteile Quelle im Autohandel den Händlern wegnehmen kann. Bisher halten sich trotz großer Schlagzeilen in den Medien die Verkaufszahlen in engen Grenzen. Erst etwa 150 Autos hat das Versandhaus seit dem Einstieg im Juni abgesetzt. Bis zum Jahr 2005 soll diese Zahl aber drastisch steigen, auf 300 bis 400 Fahrzeuge pro Monat, sagt der Quelle-Sprecher. Doch die etablierten Autohändler befürchten, der Einstieg von Versendern werde die Autopreise weiter einbrechen zu lassen. Sie erwarten, dass ein Kunde mit dem Angebot von Quelle zu seinem Händler um die Ecke geht. Der müsse dann nachgeben. Der gesamte Autohandel hätte unter diesem Druck zu leiden. Große Pläne Quelle hat große Pläne im Autogeschäft. "Unser Einstieg ist eine strategische Entscheidung." Die Händler aus Franken erwarten, dass der Versandhandel mit Autoteilen in Zukunft stark wachsen wird. Da müsse man auf diesem Gebiet Kompetenz aufbauen. "Wir müssen die vorhandene verkrustete Struktur aufbrechen." Auch beim Bayreuther Partner Carplus sind die Erwartungen an das Autogeschäft per Versandhauskatalog hoch. Die Carplus-Manager, die pro Jahr etwa 5000 Autos vermitteln, wissen, dass sie ohne den großen Bruder aus Fürth im Breitengeschäft nicht viel ausrichten könnten. "Ohne Quelle hätten wir nur einen Bruchteil des Erfolges", räumt Carplus Geschäftsführer Eich ein. "Quelle gibt das Vertrauen an uns weiter." Schon im nächsten Jahr wolle er " mit Quelle mehr als 1.000 Autos verkaufen". Der Carplus-Geschäftsführer sagt auch, was ihn so sicher macht, dass es genügend etablierte Händler in ganz Europa, aber auch in Deutschland, geben wird, die die Autos zu den gefürchteten Rabatt-Konditionen an Quelle/Carplus-Kunden liefern werden. Die Händler würden von den Auto-Herstellern zur Abnahme immer größerer Stückzahlen gezwungen. "Dass die Händler mit uns reden, ist die Folge dieses Drucks." | Der Großversender Quelle, der vor drei Monaten geräuschvoll in das Autogeschäft eingestiegen ist, hat ein neues Mittel entdeckt, um Aufmerksamkeit zu erregen: Den neuen Golf V. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/versandhandel-ein-golf-von-der-quelle-1.900530 | Versandhandel - Ein Golf von der Quelle | 00/05/2010 |
Schon wieder sucht Siemens einen Investor, schon wieder droht eine Hängepartie: Die IT-Dienstleistungstochter SBS ist scheinbar ähnlich schwer verkäuflich wie die kürzlich von BenQ übernommmene Handysparte. Der Elektrokonzern stößt bei der Suche nach einer Lösung für seine defizitäre IT-Sparte nach einem Pressebericht auf enorme Schwierigkeiten. Einige Wettbewerber wie Atos Origin, EDS, Cap Gemini oder T-Systems sollen die Siemens Business Services (SBS) unter die Lupe genommen haben, doch schrecken sie vor einer Übernahme angeblich zurück, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Dienstagausgabe) meldet. Ein großes Hindernis seien die Verträge von SBS für langfristige Projekte mit kaum zu kalkulierenden Risiken. So werde in der Branche damit gerechnet, dass Siemens weiterhin nur kleinere Teile von SBS abspalte und verkaufe. Zudem sorge der seit Januar amtierende Konzernchef Klaus Kleinfeld für Verwirrung in der Konzernzentrale, weil er sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger Heinrich von Pierer in Entscheidungen auf unteren Hierarchieebenen einmische, berichtet die Zeitung weiter. Lagerbildung Manche sprächen davon, es bildeten sich zwei Lager in der Führungsspitze. Auf der einen Seite die Bewahrer von "Siemens alt", auf der anderen Kleinfeld. Kleinfeld fahre einen stärker am Kapitalmarkt orientierten Kurs als Pierer. Dies decke sich mit den Vorstellungen von Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger zwar besser als zu Pierers Zeiten. Doch verlange Neubürger, der sich Hoffnung auf den Chefposten von Siemens gemacht habe, mehr Aufgaben und mehr Verantwortung, wie zu hören sei. Bei Kleinfelds erster Bilanz-Pressekonferenz als Vorstandsvorsitzender am Donnerstag erhoffen sich die Anleger und Analysten zudem Aufschluss darüber, wohin der 48-jährige den Konzern strategisch steuern will. Verbliebene Krisensparten Nach dem geglückten Verkauf der Handysparte wird erwartet, dass Kleinfeld seine Pläne für die verbliebenen Krisensparten im Konzern vorstellt. Neben SBS ist vor allem die Kommunikationssparte Com noch weit von ihren Margenzielen entfernt. Mit Prognosen für das Ergebnis des abgelaufenen Geschäftsjahres 2004/05 (30. September) tun sich die Analysten diesmal schwer. "Bei Siemens herrscht wegen Akquisitionen, Konsolidierungen und Umstrukturierungen ein Tohuwabohu", sagte ein Analyst. Schätzungen liegen weit auseinander Im Schnitt erwarten Experten unter dem Strich einen Gewinnrückgang von 3,4 auf 3,2 Milliarden Euro. Die Schätzungen liegen teilweise aber weit auseinander. Beim operativen Ergebnis der Bereiche prognostizieren die Analysten einen leichten Rückgang auf 4,89 Milliarden Euro. Beim Umsatz wird dagegen ein leichter Anstieg auf gut 76 Milliarden Euro erwartet. Siemens hatte zum 1. Oktober seine Handysparte an den taiwanesischen BenQ-Konzern abgegeben und ist damit ein großes Sorgenkind losgeworden. Um die verbliebenen Problemsparten auf Kurs zu bringen, sollen dort tausende von Arbeitsplätzen gestrichen werden. | Schon wieder sucht Siemens einen Investor, schon wieder droht eine Hängepartie: Die IT-Dienstleistungstochter SBS ist scheinbar ähnlich schwer verkäuflich wie die kürzlich von BenQ übernommmene Handysparte. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-tochter-sbs-adoptiveltern-dringend-gesucht-1.900886 | Siemens-Tochter SBS - Adoptiveltern dringend gesucht | 00/05/2010 |
Eine Personalie hatte den ersten Hinweis gegeben. Als Wolfgang Bernhard im Januar von Volkswagen zum US-Finanzinvestor Cerberus wechselte, horchte die Branche auf: Bernhard eilt der Ruf des harten Top-Sanierers in der Autoindustrie voraus. Und mit dem angeschlagenen Autobauer Chrysler befindet sich in den USA einer der dringendsten Sanierungsfälle. Bernhard, so wurde vermutet, könnte seine alten Kontakte zu Chrysler nutzen, um für seinen neuen Arbeitgeber Cerberus einen Deal einzufädeln. So kam es: Tatsächlich vermittelte der deutsche Manager nun den Verkauf des traditionsreichen US-Autobauers von DaimlerChrysler an Cerberus - an die Gesellschaft, die sich nach dem dreiköpfigen Hund benannt hat, der die Höllentore bewacht. Harter Kurs Bei Chrysler hat man den umtriebigen Wirtschaftsingenieur aus dem Allgäu noch in Erinnerung: Im Jahr 2000 war Bernhard als Nummer zwei hinter Chefsanierer Dieter Zetsche von der Stuttgarter Daimler-Zentrale nach Detroit geschickt worden, um der schwachen US-Tochter wieder auf die Beine zu verhelfen. Das Duo fuhr einen harten Kurs: Über 20.000 Stellen wurden gestrichen, Fabriken verkauft, harte Bedingungen für Zulieferer und Händler diktiert, die veraltete Modellpalette erneuert. Kritiker sprachen von Kahlschlag-Sanierung. Bernhard und Zetsche konnten auf Erfolge verweisen: Bis 2005 war Chrysler wieder in den schwarzen Zahlen. Für den 1960 geborenen Jung-Manager Bernhard war der kämpferische Einsatz in Detroit eine Art bestandene Reifeprüfung. 2004 wurde Bernhard, der bereits mit 33 Jahren Leiter der S-Klasse-Fertigung geworden war, auf den Posten des Mercedes-Markenchefs berufen - ein Traumjob für einen Automann wie ihn. Weil er sich dann aber mit dem damaligen Konzernchef Jürgen Schrempp überwarf, musste er wenige Tage vor Beginn des neuen Jobs gehen. Bernhard ging für zwei Jahre zu Volkswagen, und wechselte dann zu Cerberus. Zetsche ist inzwischen Schrempps Nachfolger als DailmerChrysler-Chef, seit den gemeinsamen Jahren in Detroit gelten sie als befreundet. Neuer Chef von Chysler soll Bernhard nach US-Presseinformationen nicht werden, wohl aber Mitglied im Aufsichtsrat. Der Sachverstand des Sanierers wird gefragt sein: Chrysler hatte im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro Verlust eingefahren. 5,5 Milliarden statt 36 Milliarden Euro Eine besondere Bürde sind die Zahlungen für Pensionen und Krankenversicherung für Chrysler-Mitarbeiter, die sich auf einen zweistelligen Milliardenbetrag belaufen. Diese Verpflichtungen geben die Stuttgarter mit Chrysler an die neuen Eigner ab. Diese Lasten haben wohl mit dazu beigetragen, dass Cerberus den Konzern für 5,5 Milliarden Euro bekommt. Schrempp hatte 1998 noch 36 Milliarden Euro gezahlt. Die Branche wartet nun auf eine ungeschminkte Bestandsaufnahme von Bernhard, der sich als Freund klarer Worte profiliert hat. Zu Schrempps Zorn hatte er DaimlerChrysler vor Jahren als Sanierungsfall bezeichnet. Ähnlich dramatisch äußerte er sich bei seinem nächsten Arbeitgeber Volkswagen. Der neue Haustarifvertrag bei VW, mit dem die Arbeitszeit in den sechs deutschen Werken ohne Lohnausgleich auf fast branchenübliche 34 Stunden steigt, trägt Bernhards Handschrift. Dass er sich in Betriebsversammlungen Zehntausenden aufgebrachten Beschäftigten stellte und gut schlug, brachte ihm auch den kritischen Respekt der Arbeitnehmerseite ein. Den Volkswagen-Konzern hatte Bernhard im Januar verlassen, weil ihm bei der Umstrukturierung unter dem neuen Konzernchef Martin Winterkorn Kompetenzen entzogen worden waren. Dass er daraufhin bei Cerberus einstieg, beflügelte Spekulationen über einen Chrysler-Deal des US-Fonds. Auch bei Chrysler wird Bernhard es mit skeptischen Gewerkschaften zu tun haben, die lieber einen Bieter aus der Branche als einen Investmentfonds als Käufer gesehen hätten. Bernhard wird jene Zähigkeit brauchen, die er schon früh unter Beweis gestellt hatte: Als eines von neun Kindern aus bescheidenen Verhältnissen gelang ihm in den achtziger Jahren per Stipendien der Sprung an eine renommierte US-Universität. Seitdem ist es meistens nur bergauf für ihn gegangen. | Ex-Chrysler-Manager Bernhard hat den Verkauf von Chrysler an Cerberus eingefädelt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wolfgang-bernhard-der-kleine-hoellenhund-1.906766 | Wolfgang Bernhard - Der kleine Höllenhund | 00/05/2010 |
(SZ vom 07.06.2003) — Die Agenda 2010 wühlt die SPD auf. Beim Sonderparteitag am vergangenen Sonntag bekam Gerhard Schröder zwar eine breite Mehrheit für sein Reformprogramm, aber es war eine Zustimmung nur mit dem Kopf. Mit dem Herzen verzweifeln viele Sozialdemokraten an der Agenda und fragen sich, ob das alles noch der Idee einer "gerechten Gesellschaft" entspricht, "die persönliche Freiheit mit Solidarität verbindet", wie es im Mitgliederbegehren der SPD-Rebellen heißt. Sozialdemokraten und Gewerkschaften sind mit ihren Zweifeln nicht allein. Viele Menschen empfinden die Kürzung des Arbeitslosengeldes, die Auslagerung des Krankengeldes und andere Grausamkeiten als ungerecht. Auch wer von der Notwendigkeit der Reformen überzeugt ist, muss die Frage nach der Gerechtigkeit ernst nehmen. Seit Plato gilt die Gerechtigkeit in der abendländischen Tradition als eine der vier Kardinaltugenden, als Grundqualität jedes guten Herrschers. Um so mehr muss eine demokratisch gewählte Regierung diesem Anspruch genügen. Reformen lassen sich nur durchsetzen, wenn eine deutliche Mehrheit der Bürger sie als gerecht oder wenigstens nicht als krass ungerecht empfinden. Sonst scheitern die Reformer an den Wahlurnen und/oder spalten die Gesellschaft. Gerechtigkeit hält den Staat zusammen. Die Debatte über soziale Gerechtigkeit wird in Deutschland oft entlang des scheinbar Offensichtlichen geführt. Es gilt als ungerecht, wenn jemandem, der ein Leben lang hart gearbeitet hat, die Rente eingefroren wird. Aber ist es gerecht, wenn junge Leute heute viel mehr Vermögen bilden müssen, um im Alter über die Runden zu kommen als ihre Elterngeneration? Und wäre es da nicht gerecht, wenn diese ihren Kindern ein wenig beim Rentenbeitrag entgegenkäme? Was ist das überhaupt: Gerechtigkeit? Ist überhaupt der ganze Generationenvertrag noch gerecht, auf dem das deutsche Rentensystem basiert? Es handelt sich dabei um einen impliziten Vertrag, den niemand unterzeichnet hat und den daher auch niemand kündigen kann, es sei denn, er verließe das Land auf immer. Wäre es vielleicht gerecht, einen Teil der Risiken, die dieser Vertrag mit sich bringt, zu privatisieren? Und weiter gefragt: Ist es gerecht, wenn im östlichen Teil Deutschlands für weniger Geld länger gearbeitet werden muss als im westlichen? Ist es andererseits gerecht, wenn das Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" um den Preis durchgesetzt wird, dass Tausende von Arbeitsplätzen wegfallen? Ist es gerecht, wenn die Arbeitslosen weniger Geld bekommen, die Aktionäre ärmer werden, die Unternehmenschefs aber mehr verdienen? Und soll man dieser Ungerechtigkeit dadurch begegnen, dass man höhere Löhne erstreikt? Und was ist das überhaupt: Gerechtigkeit? Der Philosoph Karl Popper hat darauf hingewiesen, dass hinter Platos Gerechtigkeitsideal ein reaktionäres und antidemokratisches Bild der Gesellschaft stand. Unstrittig ist sicher die Maxime der Tauschgerechtigkeit: Geben und Nehmen müssen sich bei jedem Vertrag, bei jedem Tausch entsprechen. Der Kern aller Probleme ist die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit. Unklar ist zum Beispiel, an wen sich diese Forderung überhaupt richtet. Habe ich einen Anspruch darauf, dass mein Nachbar höchstens x Prozent mehr verdient als ich? Sollte der Staat diesen Anspruch durchsetzen und wenn ja, mit welchen Mitteln? Vielleicht gilt auch der Satz des liberalen Ökonomen Friedrich August von Hayek: "Die Regeln der distributiven Gerechtigkeit können nicht Verhaltensregeln gegenüber Gleichen sein, sondern müssen Verhaltensregeln von Herrschenden gegenüber Subalternen sein." Unbedingter Unterstützungsanspruch Niemand soll in dieser Gesellschaft in Not geraten, und zwar ganz unabhängig vom eigenen Verschulden. Aus diesem von keinem Politiker bestrittenen Prinzip ergibt sich ein unbedingter Unterstützungsanspruch für jeden, der hier lebt. Aber auf welche Höhe der Unterstützung erstreckt sich dieser Anspruch? Und welche Ansprüche haben die Unterstützer an den Unterstützten? Eine brisante Frage, wenn es warum geht, welche Arbeit für einen Arbeitslosen zumutbar ist. Selbst mit dem liberalen Grundsatz der Chancengleichheit bekommt man in der Praxis Schwierigkeiten, sobald der Staat zugunsten von Kindern in das Recht der Eltern, zum Beispiel auf freie Ausübung ihrer Religion, eingreifen will. Viele der hier angerissenen Fragen sind jahrelang nicht gestellt worden. Genauer: Man glaubte sie durch das Wachstum des Sozialstaats lösen zu können. Nun stellen sie sich durch eben dieses Wachstum umso drängender. Auf die meisten gibt es keine einfachen Antworten, sie müssen im Disput, unter Umständen auch im Streit gefunden werden. Die Meinungen gehen weit auseinander - auch in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Die Serie, die in den kommenden Wochen an dieser Stelle veröffentlicht wird, soll eine Plattform bieten für möglichst fruchtbaren Meinungsstreit: Wo bleibt die Gerechtigkeit? | Reformen haben nur eine Chance, wenn die Menschen sie als gerecht empfinden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-zur-gerechtigkeit-folge-1-was-das-land-zusammenhaelt-1.900761 | SZ-Serie zur Gerechtigkeit, Folge 1 - Was das Land zusammenhält | 00/05/2010 |
Dominique Strauss-Kahn will den IWF glaubwürdig machen und muss dazu die Dominanz seines Heimat-Kontinents beenden. Dominique Strauss-Kahn ist der vierte Franzose, der den 1944 in Bretton Woods gegründeten Internationalen Währungsfonds (IWF) leiten wird. Seine Nominierung zum Nachfolger des Spaniers Rodrigo de Rato in der Nacht zum Samstag galt als Formsache. Die USA, die EU und viele Schwellenländer unterstützen die Kandidatur Strauss-Kahns. Der 58-jährige Ökonom und Sozialdemokrat kündigte an, die in einer Identitäts- und Legitimitätskrise steckende Institution reformieren zu wollen. Der in Marokko geborene ehemalige französische Wirtschafts- und Finanzminister will Entwicklungs- und Schwellenländer aufwerten, und zwar nicht nur, indem er ihnen mehr Stimmrechte verschafft. Er will auch die "Dynamik der Entscheidungsfindung" ändern. Noch so wie zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bisher funktioniert der IWF, der unter anderem Kredite an in Zahlungsschwierigkeiten geratene Länder vergibt, noch so, als habe sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nichts verändert. China muss sich trotz seiner wirtschaftlichen Macht und seinen 1,4 Milliarden Einwohnern mit 3,66 Prozent der Stimmen begnügen. Und der gesamte afrikanische Kontinent bescheidet sich mit zwei Sitzen, während Deutschland, Frankreich und Großbritannien jeweils einen beanspruchen. "DSK", wie Strauss-Kahn genannt wird, will dem Fonds, dessen Mitgliederzahl von 45 auf 185 gestiegen ist, seine Glaubwürdigkeit zurückgeben. Nach seinen Worten hängt davon das Überleben der Institution ab. Neue Finanzquellen Um sie wieder handlungsfähig zu machen, wird er neue Finanzquellen anzapfen müssen. Einen Teilverkauf der Goldreserven des Fonds schließt er nicht aus. Seine Mission wird er aber vor allem dann erfüllt haben, wenn er dafür sorgt, der vorerst letzte Europäer an der Spitze des IWF zu sein. Bisher vergaben die den Posten unter sich, während stets ein Amerikaner die andere Bretton-Woods-Organisation, die Weltbank, leitet. Strauss-Kahn versprach bei seiner Bewerbung, die gesamte Mandatszeit von fünf Jahren in Washington zu bleiben, nachdem seine Vorgänger Horst Köhler und Rodrigo de Rato sich bereits nach drei Jahren verabschiedet hatten. Hält er sein Versprechen, scheidet er 2012 in Frankreich als Präsidentschaftskandidat der Sozialisten aus. Das könnte im Kalkül des derzeitigen konservativen Staatschefs Nicolas Sarkozy gelegen haben, als er Strauss-Kahn als IWF-Kandidaten vorschlug. In seiner Partei nicht mehr mehrheitsfähig Innerhalb seiner Partei ist der überzeugte Marktwirtschaftler Strauss-Kahn andererseits bisher nicht mehrheitsfähig gewesen. Womöglich hat er mit dem gut dotierten Posten in Washington (495.000 Dollar steuerfrei pro Jahr) einen Schlussstrich unter seine politischen Ambitionen gezogen. Als Wirtschafts- und Finanzminister regte der Deutschlandfreund und überzeugte Europäer 1999 an, die Stimmen Frankreichs und Deutschlands beim IWF zusammenzulegen. Daraus wurde nichts. Nun kann er von Washington aus die Initiative erneuern. Er könnte noch die Briten mit ins Boot holen und den Stimmenanteil der drei zugunsten von Schwellenländern reduzieren. Doch das ist Wunschdenken: Der Kandidat der EU müsste mit erbittertem Widerstand aus den europäischen Hauptstädten rechnen. DSK wäre nicht der Erste, der mit seinen Reformplänen scheitert. | Dominique Strauss-Kahn will den IWF glaubwürdig machen und muss dazu die Dominanz seines Heimat-Kontinents beenden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neuer-iwf-praesident-der-letzte-europaeer-1.889379 | Neuer IWF-Präsident - Der letzte Europäer | 00/05/2010 |
Die Überalterung der Bevölkerung macht die Finanzierung der Renten in den meisten Industrieländern schwierig. Massive Widerstände gegen Reformen zeigen die Brisanz dieser Frage. Zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit und der Verbreiterung der Finanzierungsbasis der Renten gibt es jedoch keine Alternative. (SZ vom 10.06.03) - Generalstreik in Österreich, Demonstrationen in Italien und Deutschland, ständige Ausstände in Frankreich: Viele Menschen sorgen sich um ihre Renten. Die Alterssicherungssysteme, die nach Ansicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bisher ein Erfolg waren, weil sie den Ruheständlern in praktisch allen Ländern den gewohnten Lebensstandard sicherten, sind bedroht. Früher in Pension als mit 65 Jahren Die Menschen werden älter und beziehen länger Geld, die Zahl der Beitragszahler schmilzt im Verhältnis zu den Rentenbeziehern, die hohe Arbeitslosigkeit schmälert die Basis der Einzahler. Zudem gehen die Menschen in den meisten Ländern früher in Pension als mit 65 Jahren. Das gilt vor allem für Frankreich, Luxemburg und Belgien. Das in diesem Zusammenhang oft gebrauchte Argument, damit würden Arbeitsplätze für Junge freigemacht, lässt sich im Fall Frankreichs leicht widerlegen: Dort ist die Jugendarbeitslosigkeit mit etwa 25 Prozent besonders hoch. Die Probleme der Rentenkassen lassen sich durch Einwanderung, eine höhere Beschäftigungsquote von Frauen oder höhere Produktivität nicht lösen. Höhere Versicherungs-Beiträge für Arbeitgeber verteuern den Faktor Arbeit. Müssen die Arbeitnehmer mehr zahlen, schränkt das ihr verfügbares Einkommen ein und damit den Konsum. Die Staatskassen schließlich sind leer. Abrutschen in die Sozialhilfe Würden die Renten generell gesenkt, drohte vor allem Beziehern niedriger Bezüge ein Abrutschen in die Sozialhilfe. Die Finanzierungs-Probleme würden so nur verschoben. Monika Queisser, Rentenexpertin der OECD in Paris, ist der Auffassung, die Politik muss breiter ansetzen und die Frage nach der Nachhaltigkeit ihrer Entscheidungen stellen. Studien der OECD zeigen, dass das höchste Armutsrisiko nicht bei Rentnern, sondern kinderreichen Haushalten liegt. Queisser betrachtet die Rentenreformpläne etwa in Frankreich als Schritt in die richtige Richtung. Doch in den meisten Ländern reichten die Reformen nicht aus und basierten auf zu optimistischen Annahmen über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Nach ihrer Ansicht müssen vor allem die Anreize erhöht werden, länger zu arbeiten - etwa in Form des Erwerbs zusätzlicher Rentenansprüche. Frühverrentungsprogramme beenden Gleichzeitig müssten Frühverrentungsprogramme beendet werden. Das Ganze müsse gepaart werden mit flexibleren Arbeitszeitmodellen und der Beseitigung von Hindernissen für Ältere, im Arbeitsmarkt zu bleiben. Zudem sei die Alterssicherung auf eine breitere Grundlage zu stellen. Neben die klassische Umlagefinanzierung müssten Komponenten wie Betriebsrenten, Private Vorsorgesysteme oder Steuererleichterungen treten. Länder, die damit früh angefangen hätten, seien meist in einer besseren Situation. Vorbild ist nach ihrer Ansicht die Schweiz. Dort gibt es die sogenannte Bürgerrente, in die jeder Staatsbürger, und zwar ohne Beitragsbemessungsgrenze, 8,4 Prozent seines Brutto-Einkommens (die Hälfte davon zahlt der Arbeitgeber) zahlt, und dafür eine Pension von mindestens 1.000, höchstens aber 2.000 Franken pro Monat erhält. Zweiter Pfeiler Zweiter Pfeiler ist die Betriebsrente, die ebenfalls von Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanziert wird. Die Mittel werden von den Betrieben oder Sammelstiftungen kleinerer Unternehmen verwaltet und verzinst. Trotz momentan niedriger Zinsen steht das System laut Queisser auf einer tragfähigen Grundlage. Da die Schweiz dieses System schon 1948 eingerichtet hat, erreichen die Reserven derzeit 121 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Durchschnittsverdiener erhält neben der Bürgerversicherung noch einmal 2.000 bis 2.500 Franken pro Monat aus seiner Betriebsrente. Dieses System sei sozialer als die großen Rentensysteme etwa in Deutschland, Frankreich oder Italien, meint Queisser, weil Millionäre den selben Prozentsatz zahlen wie Arbeiter. Es sei nicht gerecht, wenn Studienzeiten angerechnet werden. Niedriglohnbezieher, die meist körperlich anstrengende Berufe ausübten und eine niedrige Lebenserwartung hätten, profitierten nur vergleichsweise kurze Zeit von ihren Beitragszahlungen. | Die Überalterung der Bevölkerung macht die Finanzierung der Renten in den meisten Industrieländern schwierig. Massive Widerstände gegen Reformen zeigen die Brisanz dieser Frage. Zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit und der Verbreiterung der Finanzierungsbasis der Renten gibt es jedoch keine Alternative. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zahlungsfaehig-und-sozial-die-schweiz-ist-vorbild-bei-den-renten-1.904321 | Zahlungsfähig und sozial - Die Schweiz ist Vorbild bei den Renten | 00/05/2010 |
Seit Freitag bietet die Bahn wieder die Bahncard mit der alten Ermäßigung von 50 Prozent an. Mit 200 Euro ist die Bahncard 50 allerdings deutlich teurer als ihre im Dezember ausgelaufene Vorgängerin. Für Millionen Zugreisende in Deutschland gelten von Freitag an neue Preise. Nach monatelanger Kritik an ihrem erst im Dezember eingeführten Tarifsystem bietet die Deutsche Bahn wieder die Bahncard mit der alten Ermäßigung von 50 Prozent an. Die Rabatte für Frühbucher werden deutlich vereinfacht. Die Kunden der Bahn waren mit dem neuen Preissystem des Unternehmens offenbar zufrieden: Zu Tausenden deckten sich Zugreisende am Freitag mit der wieder eingeführten BahnCard 50 ein, die den Fahrpreis wie früher halbiert und ermäßigte Spontanfahrten wieder zulässt. In vielen großen Bahnhöfen bildeten sich nach Auskunft des Unternehmens lange Warteschlagen. Dem Tag entgegengesehnt "Wenn es für eine gute Sache ist, dann wartet man ja gerne", fasste der Berliner Peter Sommer die Stimmung zusammen. Der 36-Jährige war gewiss nicht der einzige, der dem Tag entgegensehnt hatte, an dem sich die Bahn von ihrem ungeliebten Preissystem verabschieden sollte. "Wer nicht ganz helle im Kopf ist, hat das Preissystem nicht verstanden", kritisierte der Hamburger Geschäftsmann Ernst-Dieter Lüthbe zum Abschluss noch einmal. "Die Reisenden wurden drangsaliert." Die meisten hielten es am Freitag wie Michael Aulbach aus München: "Ich bin froh, dass sie die alte Bahncard wieder eingeführt haben." Gemeckert wurde allenfalls, dass es in den vergangenen Wochen keinen Vorverkauf gab. Die ersten Bahncard-Fans stellten sich deshalb schon früh am Morgen an. Allein im Bahnhof Zoo wurden in den ersten Stunden 338 neue Bahncards verkauft - für immerhin 200 Euro das Stück. Ähnlich sah es auf den Bahnhöfen in Frankfurt/Main, München oder Hamburg aus. Der Hauptbahnhof Bremen berichtete gar von einem regelrechten Kundenansturm. "Die Nachfrage ist riesig", sagte der Leiter des Reisezentrums, Lothar Radszuweit. "Dass es so brummt, hatten wir in den letzten Wochen nicht so. Da lacht das Herz." In der Tat ist auch vielen Bahn-Mitarbeitern nach siebeneinhalb Monaten der Abschied vom Preissystem nicht allzu schwer gefallen. Zu häufig arteten die Verkaufsgespräche in Grundsatzdiskussionen aus. Vier Mal mehr als an Durchschnittstagen Allein in Frankfurt am Main wurden bis zum frühen Nachmittag rund 400 BahnCards verkauft, das sind vier Mal mehr als an Durchschnittstagen. "Vor allem die neue BahnCard 50 ist der Renner. Die starke Nachfrage nach unseren Angeboten zeigt, dass die Kunden mit den neuen Preisen der Bahn zufrieden sind", sagte Personalvorstand Karl-Friedrich Rausch. Das neue Preissystem trat am Freitagmorgen in Kraft, nachdem in der Nacht zuvor bundesweit die Verkaufssysteme in 750 Reisezentren und 3.600 Reisebüros umgestellt worden waren. Im Mittelpunkt der Reform steht die Wiederbelebung der BahnCard 50, die aber mit 200 Euro für die 2. Klasse und 400 Euro für die 1. Klasse deutlich teurer geworden ist. Die BahnCard 25, die 25 Prozent Rabatt gewährt, wird mit 50 statt bisher 60 Euro für die 2. Klasse und 100 statt vorher 150 Euro für die 1. Klasse preiswerter. Wer sich festlegt, spart Zusätzlich gibt es eine Reihe von Sparangeboten für die Fahrgäste, die sich im Voraus auf einen Zug festlegen. Die Deutsche Bahn hatte sich nach eigenen Angaben bestmöglich auf die Umstellung vorbereitet. 150 Auszubildende unterstützten den Kundenservice in den Bahnhöfen. Weitere 500 Bahnmitarbeiter werden bis Dezember in den 30 größten Bahnhöfen bundesweit im Einsatz sein, um die Fahrgäste zu beraten. Zum Verkaufsstart hatten nach den Worten Rauschs zudem etwa 190 Führungskräfte den Kollegen im Verkauf geholfen. In den Bahnhöfen waren 60 zusätzliche Schalter für den Verkauf und den Umtausch der BahnCard 25 in die BahnCard 50 eingerichtet worden. Nur noch bis zum 30. September 2004 soll die weiter gültige "Bahncard 25" mit den künftigen Sparpreisen für Frühbucher verknüpft werden können. Hierfür gibt es fortan nur noch zwei Stufen mit 25 oder 50 Prozent Ersparnis. Tickets müssen dafür einheitlich spätestens drei Tage vor der Fahrt gekauft werden. Keine weiteren Aktionspreise Wegen der Einführung der neuen Preise will die Bahn vorerst keine anderen Aktionspreise starten. "Wir müssen einen Schritt nach dem anderen gehen", sagte Bahnsprecher Gunnar Meyer dem Tagesspiegel (Freitag). Grundsätzlich bleibe es aber dabei, auf einzelnen Strecken zeitlich begrenzt besondere Aktionspreise anbieten zu wollen. Die Bahn hat beispielsweise bereits innerdeutsche Städtekurzreisen zu Billigtarifen angeboten. Die Gewerkschaft Transnet begrüßte das neue System. Die ersten Reaktionen zeigten, dass der Anspruch der Kunden getroffen sei, sagte Transnet-Chef Norbert Hansen im Deutschlandradio. Der Vorteil des neuen Systems liege vor allem darin, dass der Kunde es verstehe. Hansen zeigte sich optimistisch, dass die Bahn das Kundenvertrauen schnell wieder gewinnt. Der Vorsitzende des Tourismus-Ausschusses des Bundestages, Ernst Hinsken (CSU), zeigte sich erfreut, dass es bei den günstigen Familienkonditionen bleibt, und sprach die Hoffnung aus, "dass der Bahn mit den Modifizierungen beim Preissystem endlich der große Wurf gelungen ist". Klage gegen Kritiker zurückgezogen Parallel zur Einführung des verbesserten Preissystems gab die Bahn am Freitag auch ihren juristischen Widerstand gegen einen der schärfsten Kritiker des umstrittenen alten Preissystems auf. Wie der Bundesvorsitzende von Pro Bahn, Karl-Peter Naumann, in Hamburg mitteilte, zog das Unternehmen seine Klage gegen den Fahrgastverband vor dem Landgericht Hamburg zurück. Zuvor hatte Naumann dem Unternehmen in einem Brief versichert, dass er der Bahn nie "betrügerische Absichten" unterstellt habe. Naumann hatte in einem Interview nach der Einführung des Systems im Dezember vergangenen Jahres gesagt, jeder zweite Bahnkunde zahle nach der Preisreform zu viel. Die Bahn hatte daraufhin eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt. (sueddeutsche.de/dpa/AP) | Seit Freitag bietet die Bahn wieder die Bahncard mit der alten Ermäßigung von 50 Prozent an. Mit 200 Euro ist die Bahncard 50 allerdings deutlich teurer als ihre im Dezember ausgelaufene Vorgängerin. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bahncard-der-klassiker-ist-wieder-da-1.906455 | Bahncard - Der Klassiker ist wieder da | 00/05/2010 |
Ausgerechnet im Reinigungsgewerbe sind unsaubere Machenschaften verbreitet - bei ihrem Kampf gegen die Schwarzarbeit stoßen Fahnder auf mafiöse Strukturen. München - Es ist nicht die erste Strafe, die Horst R. derzeit verbüßen muss. Die kriminelle Karriere des gelernten Zimmermanns und studierten Bauingenieurs begann 1977 mit einer Steuerhinterziehung. Das Amtsgericht Hannover entschied auf 30 Tagessätze zu je 50 Mark. Detailansicht öffnen Putzfrau auf einer Messe (Foto: Foto: AP) Anschließend folgten Unterschlagung, dreimal Betrug und diverse Verkehrsverstöße. Wegen Trunkenheit am Steuer verurteilte das Amtsgericht Tiergarten in Berlin den freiberuflichen Bauleiter im Mai 1987 zu drei Monaten Haft - auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Im Februar 2001, den gebürtigen Norddeutschen hatte es inzwischen nach Bayern verschlagen, verhängte die Justiz Strafe Nummer 14: Fahren ohne Führerschein, lautete das Delikt. Die Richter ließen ein letztes Mal Gnade walten: Acht Monate Gefängnis, aber wiederum drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Nun sitzt Horst R. tatsächlich hinter Gittern, für längere Zeit. Die sechste Strafkammer des Landgerichts München I registrierte eine "erhebliche kriminelle Energie" und verfügte sechs Jahre Haft. Der Bauleiter hatte die Branche gewechselt und im Reinigungsgewerbe sein Glück gesucht. Sauber sollte es zugehen, aber nur dem Namen nach. Fast fünf Jahre brauchten die Sozialversicherungen und der Fiskus, ehe sie merkten, wie sie von der Firma München Clean GmbH systematisch betrogen wurden. Bis zu 200 Beschäftigte, darunter viele Iraker und Afghanen, putzten regelmäßig am Flughafen und in diversen Gaststätten in der Innenstadt. Millionenschaden Aber nur 22 Mitarbeiter waren laut Urteil im Schnitt offiziell gemeldet. Der Schaden ging in die Millionen. Der Staat hat Horst R., 60, gewissermaßen zwangspensioniert; sein türkischer Partner Muharrem Y. bekam ebenfalls sechs Jahre Haft. Die schmutzigen Geschäfte der München Clean sind ein typischer Fall in der deutschen Reinigungsbranche, die jährlich Aufträge für immerhin gut zehn Milliarden Euro abwickelt. Schwarzarbeit ist weit verbreitet, dunkle Figuren haben leichtes Spiel, schnelle und hohe Gewinne locken. Angeheuert und dirigiert werden die ungesetzlichen Putzkolonnen in der Regel von notorischen Gesetzesbrechern, die auch anderweitig auffallen. Mal als Geldwäscher, wie passend, mal als Schleuser. Drei bis vier Euro pro Stunde Die Arbeitskräfte stammen, fast ohne Ausnahme, aus dem Ausland; oft vom Balkan, aus Osteuropa oder aus dem Orient. Sie sind billig und willig, vor allem dann, wenn sie sich illegal in Deutschland aufhalten und mühelos ausbeuten lassen. Auf drei bis vier Euro, das rechneten die Ermittler aus, belief sich der Stundenlohn bei der München Clean. Der Tarifvertrag sieht mindestens den doppelten Betrag vor. Lange Zeit galt der Bau als ideale Branche für den Betrug am Finanzamt und den Sozialkassen. Doch ausgerechnet jener Wirtschaftszweig, der vom Säubern lebt, holt in der Kriminalstatistik mächtig auf. Fast jeder sechste Beschäftigte ist nirgends registriert oder putzt und schrubbt weit länger als offiziell gemeldet. Ein Spitzenplatz, ermittelt vom Zoll, der bundesweit nach Schwarzarbeitern und vor allem nach den Hintermännern fahndet. In Schulen und Altersheimen, Krankenhäusern und Einkaufszentren, Hotels und sogar in den WCs an den Autobahn-Raststätten. Dort habe sich eine "Toiletten-Mafia" etabliert, sagt Oberinspektorin Ines Graf von der Oberfinanzdirektion (OFD) Köln, Abteilung Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Die OFD koordiniert bundesweit den Einsatz der Zöllner gegen den verbotenen Arbeitsmarkt und gelangt stets aufs Neue zu überraschenden Erkenntnissen. Sogar das Trinkgeld, das für die Putzfrauen in den öffentlichen Klosetts entlang der Schnellstraßen oder in den Einkaufszentren bestimmt ist, landet am Ende auf den Konten gerissener Arbeitgeber. Abgeschleppt in Fünf-Liter-Eimern, die bis zum Rand mit Münzen gefüllt sind. Die Fahnder haben vorsichtshalber Fotos gemacht, damit ihnen die Gerichte die Geschichte später auch glauben. "Toiletten-Mafia", das sei nicht nur so dahingesagt, berichtet Graf. Die neu eingerichtete Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) beim Zoll habe eine eigens geschaffene Struktur für die Bewirtschaftung der WCs entdeckt, mit ständig wechselnden Firmen, aber festen Gebietsleitern. Die steuern den Einsatz der Putzkräfte, die für Hungerlöhne Pissoirs und Rinnsteine bürsten, manchmal für 150 Euro im Monat. Gespart wird eben nicht nur bei der Lohn- und Umsatzsteuer und den Beiträgen zur Sozialversicherung. Extremer Preiskampf Selbst den Branchenführern macht die illegale Konkurrenz schwer zu schaffen. Der Berliner Dienstleistungskonzern Dussmann AG, der insgesamt fast 1,2 Milliarden Euro umsetzt, klagt über einen "extremen Preiskampf" in der Gebäudereinigung. 160 Millionen Euro erwirtschaftet Dussmann mit gut 5000 Kunden aus der Privatwirtschaft und vom Staat in dieser Sparte. Die Schwarzarbeit sei "inzwischen ein ernstes Problem", vor allem in grenznahen Regionen, erklärt das Unternehmen. Der Kampf um saubere Verhältnisse ist mühsam und wohl kaum zu gewinnen. 718.924 Beschäftigte waren im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks offiziell gemeldet, bei 13143 Firmen. Da fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Auf 7000 Zöllner stockt der Bund die Finanzkontrolle Schwarzarbeit nach und nach auf, und die müssen alle Branchen im Auge haben, in denen die illegale Beschäftigung an der Tagesordnung ist: Bau, Spielhallen, Hotels und Gaststätten, Taxis und eben das Reinigungsgewerbe. "Je geringer die geforderte Qualifikation, desto größer die Gefahr, dass schwarzgearbeitet wird", sagt Reinhard Mayr, der Chef der FKS beim Hauptzollamt Rosenheim. Einen Besen in die Hand nehmen, kehren, staubsaugen, wischen, das könne "eigentlich jeder". Es braucht auch nicht viel, um Unternehmer zu werden: das Handwerkszeug, ein paar Büromöbel, geleaste Fahrzeuge, die Arbeitskräfte. Und manchmal eben kriminelle Energie. Mit der lässt sich eine Firma leicht gründen, verlagern, abwickeln, um mit dem nächsten Betrieb wieder von vorn anzufangen, was den Betrug ungemein erleichtert. Der reisende Reinigungs-Meister Rolf S. aus Berlin tingelte mit seinen Putztruppen quer durch die Republik, von der Hauptstadt über Thüringen nach Bayern. Alle paar Monate wechselte S. den Firmensitz und sparte sich die Sozialabgaben, ehe ihn das Amtsgericht Wolfratshausen zu packen bekam und zu zwei Jahren Haft verurteilte - auf Bewährung, obwohl er einschlägig vorbestraft war und die Krankenkassen um 135.000 Euro geschädigt hatte. Auch sonst kam der Berliner in Bayern milde davon. Er soll 100 Euro im Monat an die Krankenkassen zahlen, fünf Jahre lang. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft erneut, nach einer Razzia im Juli. S. putzte gern auch für Gemeinden, die sich leicht täuschen ließen oder gar nicht wissen wollten, ob sie ein seriöses Unternehmen beauftragen. In staatlichen Einrichtungen wird häufig schwarz gereinigt, in der Stadt wie auf dem Land. Die Rosenheimer FKS ertappte in der Schule Westendorf-St. Peter eine Rumänin, die dort die Klassenzimmer in Ordnung hielt. Den Ermittlern erzählte die Frau, sie habe nur einen Bekannten begleitet und dort zufällig gekehrt, weil sie "noch nie einen so großen Besen" gesehen habe wie in der Lehranstalt. Den habe sie unbedingt ausprobieren müssen. Tatsächlich war die inzwischen abgeschobene Frau, die weder eine Arbeits- noch eine Aufenthaltserlaubnis hatte, bei einer Münchner Firma beschäftigt. Und die wiederum hatte den Reinigungsjob in Westendorf von einem Landshuter Mittelständler bekommen. Die Landshuter Firma wiederum war Vertragspartner der Schulbehörde. So läuft das oft, auch am Bau. Ein Unternehmen, das bei den eigenen Beschäftigten die Gesetze einhält, bekommt den Auftrag und schaltet Subunternehmer ein. Und wie zuverlässig diese sind, interessiert am Ende nur noch die Fahnder und Richter. Staatliche Rechtspfleger müssen dann aufwändig ermitteln, was staatliche Geldausgeber leichtfertig übersehen haben. Die Subunternehmer seien ein generelles Problem, sagt Rosenheims FKS-Chef Mayr und lässt deshalb seine Leute auch in Ämtern und anderen öffentlichen Einrichtungen nach Schwarzarbeitern suchen. Beim Münchner Flughafen, den Stadt, Land und Bund gemeinsam betreiben, kamen die zu hohen Haftstrafen verurteilten Horst R. und Muharrem Y. jedenfalls gut ins Geschäft. Für das vor zwei Jahren fertiggestellte Terminal 2 hatten die Flughafen GmbH und die Lufthansa die FM Bau gegründet. Die suchte sich für die Reinigung des riesigen Areals ein in der Branche bekanntes Unternehmen, und das bediente sich bei Bedarf der München Clean. "Keine Gewähr für Subunternehmen" Die FM Bau habe, sagt Geschäftsführer Volker Rohde, nur die eigenen Vertragspartner auf deren Zuverlässigkeit hin geprüft. Und die Partnerfirma der FM Bau behauptet, man könne "keine Gewähr für Subunternehmen übernehmen". Im Übrigen habe die München Clean ja alle erforderlichen Unterlagen "wunderbar dahergebracht", sagt der Firmenchef. Vielleicht hat sich der Hauptauftragnehmer des Flughafens ja auch von Muharrem Y. beeindrucken lassen, dem Inhaber und Generalbevollmächtigten von München Clean, der im Mercedes vorfuhr und im Maßanzug auftrat. Geschäftsführer Horst R. blieb lieber im Hintergrund. Er war aber keineswegs unsichtbar, sondern im Handelsregister eingetragen. Die Partnerfirma des Flughafens hätte sich von ihm nur sein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen lassen müssen und wäre vermutlich schnell stutzig geworden. Stattdessen schauten sich erst die Zoll- und Steuerfahnder die München Clean GmbH genauer an. Was sie fanden, war höchst kriminell. 1000 bis 2000 Euro Lohnsteuer pro Monat hatte die GmbH in der Regel dem Fiskus gemeldet, bis zu 91375,88 Euro hätten es sein müssen. Bei den Sozialabgaben wurden maximal 8388,23 Euro im Monat überwiesen, fällig gewesen wären bis zu 148731,41 Euro. Die Ermittler stießen auf zahlreiche Anmeldeformulare für die Sozialversicherungen, die ausgefüllt, aber nie abgeschickt worden waren. Und auf viele Scheinrechnungen, mit denen die beiden Betrüger Millionensummen aus der Firma in schwarze Kassen umleiteten. Mit diesem Geld bezahlten Y. und R. die Schwarzarbeiter. Im Reinigungsgewerbe, so die Erkenntnisse der FKS und der Gerichte, machen die Personalkosten bis zu 70 Prozent der Firmenetats aus. Es lohnt sich also ganz besonders, den Staat und die Sozialkassen zu hintergehen. Bundesfinanzminister Hans Eichel ist freilich zuversichtlich, die Schwarzarbeit eindämmen zu können, generell zumindest. Speziell in der Putzbranche sei das aber ein Trugschluss, klagen Steuerfahnder aus ganz Deutschland. Die Hälfte der Arbeitszeit gehe mitunter für Ermittlungen in diesem Wirtschaftszweig drauf, der Effekt sei gering. Vor dem Zugriff seien die Täter und das Geld meist verschwunden. Man sehe kaum noch Land, klagen Fahnder. "Wir ertrinken in diesen Fällen." | Ausgerechnet im Reinigungsgewerbe sind unsaubere Machenschaften verbreitet - bei ihrem Kampf gegen die Schwarzarbeit stoßen Fahnder auf mafiöse Strukturen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitsmarkt-schmutzige-geschaefte-1.906204 | Arbeitsmarkt - Schmutzige Geschäfte | 00/05/2010 |
Unternehmensleitung und Gesamtbetriebsrat setzten am Donnerstag ihre Verhandlungen um das millionenschwere Sparprogramm fort. Beide Seiten haben sich auf einen Verhandlungsmarathon eingerichtet. Die Sprecherin des Gesamtbetriebsrates, Silke Ernst, sagte in Stuttgart: "Es geht um die langfristige Beschäftigungssicherung und den Preis, den man dafür zahlen muss." Konzernsprecher Thomas Fröhlich erklärte: "Die Gespräche gehen konstruktiv weiter." Beim Scheitern: Bundesweiter Protest Beide Seiten richteten sich auf einen Verhandlungsmarathon ein. Ernst sagte, am Freitag würden die Beschäftigten in den Werken informiert. Entweder gebe es Betriebsversammlungen oder beim Scheitern der Gespräche erneut einen bundesweiten Protesttag. DaimlerChrysler beschäftigt in Deutschland rund 160.000 Mitarbeiter. Ein Knackpunkt der Verhandlungen ist immer noch die Umsetzung des Entgeltrahmen-Tarifvertrags. Mit ihm soll die schrittweise Angleichung der Bezahlung von Arbeitern und Angestellten erreicht werden. Unternehmensführung und Betriebsrat hatten ihre Gespräche in der Nacht auf Donnerstag vertagt. Bei den Verhandlungen in der Konzernzentrale stehen die von der DaimlerChrysler-Spitze verlangten Einsparungen in Höhe von einer halben Milliarde Euro im Mittelpunkt. Dabei geht es unter anderem um die so genannte Steinkühlerpause von je fünf Minuten pro Arbeitsstunde. Wegfall von 6.000 Stellen Der Gesamtbetriebsrat hat bislang 200 Millionen Euro an Einsparungen angeboten. DaimlerChrysler droht mit dem Wegfall von 6.000 Arbeits-plätzen unter anderem in Sindelfingen, wenn es zu keiner Einigung kommt. Dann soll die neue C-Klasse ab 2007 nur noch im Werk Bremen und zum kleinen Teil auch in Südafrika vom Band rollen. Annäherung gab es laut Verhandlungskreisen bislang nur bei der Einführung der 40-Stunden-Woche mit Lohnausgleich für Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung. Davon wären rund 20.000 Mitarbeiter betroffen. Es werde auch über einen Ergänzungstarifvertrag für die Dienstleistungsbereiche bei DaimlerChrysler gesprochen, hieß es. | Unternehmensleitung und Gesamtbetriebsrat setzten am Donnerstag ihre Verhandlungen um das millionenschwere Sparprogramm fort. Beide Seiten haben sich auf einen Verhandlungsmarathon eingerichtet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/daimlerchrysler-das-zaehe-ringen-geht-weiter-1.907722 | DaimlerChrysler - Das zähe Ringen geht weiter | 00/05/2010 |
Viele sahen den Rückzug als Niederlage, Analysten aber loben das Ende des Streits um Endesa und drängen darauf, die volle Kriegskasse anlegerfreundlich einzusetzen. Am Montagabend gab Eon den Ausstieg aus dem Bietergefecht bekannt, am Dienstag kletterte die Aktie um fast acht Prozent und hielt sich seitdem in etwa auf dem höheren Niveau. Auch bei den Analysten überwiegt eine positive Grundstimmung. Viele von ihnen erhöhten das Kursziel für die Eon-Aktie spontan und empfahlen die Papiere nach der Einigung mit den Rivalen Enel und Acciona zum Kauf. Resultat: Von 31 Beobachtern, die der Finanzinformationsdienst Reuters verzeichnet, raten 22 zum Kauf, sechs zum Halten und nur drei zum Verkauf. Der Grundtenor der jüngsten Analystenkommentare lautet: Das Dax-Mitglied hat eine Hängepartie beendet und eine vernünftige Lösung erzielt. "Eon hat das Beste aus der Situation gemacht", sagt beispielsweise Matthias Heck, der Energieanalyst des Bankhauses Sal. Oppenheim. Er bekräftigte die Kaufempfehlung für Eon-Aktien. Ebenso wie Sven Diermeier von Independent Research sieht er das Kursziel bei 120 bis 121 Euro. Noch positiver ist die französische Investmentbank Cheuvreux für die Aktie gestimmt. Die Bank nahm das Papier in die Liste der favorisierten Energiewerte auf, Analyst Sebastian Kauffmann setzte das Kursziel auf 126 Euro. Positiv sei vor allem, dass die ,,Unsicherheit aus der zuvor recht verfahrenen Situation genommen sei'', erklärt Kauffmann. "Sehr positive Übereinkunft" Mehr als ein Jahr lange hatte sich Eon um Endesa bemüht. In den vergangenen Monaten sicherten sich der italienische Energiekonzern Enel und das spanische Bauunternehmen Acciona gemeinsam 46 Prozent der Endesa-Aktien gesichert, so dass Eon keine Mehrheit mehr erringen konnte. Enel und Acciona wollen nun Endesa selbst übernehmen und haben Eon für den Rückzug große Beteiligungspakete zugesagt. Eon wird danach die europäischen Vermögenswerte von Endesa außerhalb Spaniens übernehmen. Zudem sollen der deutsche Konzern das Spanien-Geschäft der Enel-Tochter Viesgo - mit Ausnahme der erneuerbaren Energien - bekommen. Die Übereinkunft sei "sehr positiv für Eon", hieß es bei Goldman Sachs. Die Analysten der Investmentbank sehen das Kursziel bei 113 Euro. Die Papiere seien trotz der jüngsten Kursrally im Vergleich zu anderen Energiewerten günstig bewertet.Auch Karin Brinkmann von der HypoVereinsbank (HVB) sieht die Einigung positiv. Der Einstieg in die Märkte Spanien und Italien sei einer langwierigen und unsicheren juristischen Auseinandersetzung vorzuziehen. Das Geschäft in Süd- und Osteuropa sei sehr interessant. Hier gebe es jährliches Wachstum von etwa fünf Prozent, während der zentraleuropäische Strommarkt stagniere. Die HVB bestätigte ihre Kaufempfehlung für die Eon-Aktien und hob das Kursziel von 115 auf 119 Euro an. Milliarden gespart Durch die Aufgabe der Übernahmepläne in Spanien kommt Eon jetzt mit einem Kaufpreis von zehn bis elf Milliarden Euro davon - statt der zuletzt gebotenen über 42 Milliarden Euro für die gesamte Endesa. Die gesparten Milliarden sichern dem Konzern einen großen Spielraum für Expansion, die Kriegskasse umfasst geschätzte 15 und 20 Milliarden Euro. HVB Analystin Brinkmann sieht aber keine Möglichkeiten für Übernahmen. Diese seien entweder zu teuer oder durch staatliche Beteiligungen uninteressant. Unabhängig von den Zukäufen mahnen die Analysten ein Konzept für die Verwendung der hohen Liquidität an. Eon habe die Mittel für höhere Dividendenzahlungen und für Aktienrückkäufe frei, erklärt Diermeier von Independent Research. Für die Hauptversammlung 2007 am 3. Mai steht der Dividendenvorschlag mit 3,35 Euro pro Aktie aber bereits fest. | Viele sahen den Rückzug als Niederlage, Analysten aber loben das Ende des Streits um Endesa und drängen darauf, die volle Kriegskasse anlegerfreundlich einzusetzen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aktiencheck-eon-niederlage-als-erfolg-1.899320 | Aktiencheck Eon - Niederlage als Erfolg | 00/05/2010 |
Fast wäre Paul Kirchhof Bundesfinanzminister geworden, nun doziert er wieder über Bürger und Staat und freut sich mächtig daran. Seinen vierwöchigen Politikausflug sieht er inzwischen fast nur noch positiv. Paul Kirchhof könnte Bundesfinanzminister sein. Er könnte in einem prunkvollen Gebäude an der Berliner Wilhelmstraße residieren. Doch die Wähler haben es nicht so gewollt, was auch daran lag, dass Gerhard Schröder ihn als ,,Professor aus Heidelberg'' beschimpft hat, als Mann ohne politischen Verstand. Detailansicht öffnen Fast-Finanzminister Paul Kirchhof. (Foto: Foto: Reuters) Nun sitzt dieser Paul Kirchhof in der Berliner Landesvertretung von Baden-Württemberg, in einem schwarzen Ledersessel, und freut sich darüber. Wenn die Leute ihn fragen, ob er der Professor aus Heidelberg sei, dann, erzählt Kirchhof, antworte er: ,,Jawohl, der bin ich - mit Ehre und Stolz.'' Der Titel sei zu einem ,,Qualitätsmerkmal'' geworden. Viel nachgedacht Etwas mehr als ein Jahr ist es her, das kurze Gastspiel des Juristen aus Heidelberg im Berliner Politbetrieb. Er hat seither viel nachgedacht. Er hat ein dickes Buch geschrieben, 384 Seiten: ,,Das Gesetz der Hydra.'' Die Unterzeile sagt alles: ,,Gebt den Bürgern ihren Staat zurück!'' Es ist ein flammendes Plädoyer für einen Staat der Bürger, nicht der Politiker; der kein Geld verteilt, sondern durch gutes Recht ordnet und sich dabei zurückhält. ,,Für den Staat'', sagt Kirchhof, ,,gilt das Gleiche wie für einen Sportler: Nur der Schlanke ist stark.'' Keine Generalabrechnung Der Herr vom Droemer-Verlag, der die Gäste im halbvollen Saal begrüßt, sagt, dieses Buch werde manche enttäuschen. Es sei nicht ,,die Generalabrechnung einer verletzten Seele, denn diese verletzte Seele gibt es nicht''. Kirchhof sagt eingangs, es gehe ihm um eine nüchterne Analyse eines ,,vielköpfigen Ungeheuers'', welches, wie die Hydra in der griechischen Sage, die Menschen nicht beschützt, sondern alles verschlingt. | Fast wäre Paul Kirchhof Bundesfinanzminister geworden, nun doziert er wieder über Bürger und Staat und freut sich mächtig daran. Seinen vierwöchigen Politikausflug sieht er inzwischen fast nur noch positiv. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-professor-aus-heidelberg-erkenntnisse-einer-unverletzten-seele-1.902834 | Der Professor aus Heidelberg - Erkenntnisse einer unverletzten Seele | 00/05/2010 |
Berthold Huber, der künftig die IG Metall in Frankfurt als Vize mitführen wird, gilt als "Mann der leisen Töne" und als "Steinkühler- Schüler". Er ist sicherlich der bisher einzige in der IG Metall-Führung, der Philosophie studiert hat, auch wenn er das Studium 1989 nach vier Jahren ohne Abschluss abbrach. Doch die Arbeit an der Werkbank kennt Huber auch. Detailansicht öffnen Mann des Ausgleichs: Berthold Huber. (Foto: AP) Der gelernte Werkzeugmacher trat 1974 beim Bushersteller Kässbohrer in Ulm ein und schaffte es innerhalb kürzester Zeit 1978 an die Spitze Gesamtbetriebsrates. Bei den Metallern im Südwesten gilt der 53-Jährige als Visionär und Stratege. Die Arbeitgeber schätzen ihn als harten, aber verlässlichen Kontrahenten. Den streikerprobten Tarifbezirk Baden-Württemberg leitet Huber seit 1998 und hat in dieser Zeit mehrere Pilotabschlüsse errungen, die sein Ansehen in der IG Metall gefestigt haben. Gleiches Entgelt für gleiche Arbeit Dabei ging es nicht nur um Lohn, sondern um Weiterbildung mit dem individuellen Anspruch auf Qualifizierung, vor allem aber um einen Abschluss, der Arbeiter und Angestellten gleiches Entgelt für gleiche Arbeit sichert. Huber kann "dicke Bretter" bohren, ohne schnell die Lust an schwierigen Dingen zu verlieren, sagen seine Freunde. Huber kennt die Frankfurter IG-Metall-Zentrale bestens. Franz Steinkühler holte ihn 1991 als Leiter der "Abteilung Erster Vorsitzender" zu sich. Damit war er quasi "Generalsekretär" der Organisation. Seit dieser Zeit gilt Huber auch als "Steinkühler- Schüler". Huber lernte dort, wie man Tarifpolitik nicht mit lauten Tönen, sondern mit Argumenten an die Tarifkommissionen "verkauft". Alte Bekannte Nach Steinkühlers nicht geplantem Abgang stieg Huber von 1993 bis 1998 als Leiter der Abteilung Tarifpolitik im Vorstandsbereich auf. Auch dort traf er einen alten Bekannten aus Stuttgart: Der damalige Zweite Vorsitzende Walter Riester gehörte wie Huber zum Reformlager. Er sei in Frankfurt ein "Gewerkschafts-Soldat" gewesen, der nicht auf den eigenen Ruhm achtete, sondern die Gesamtorganisation im Blick hatte, heißt es in seinem Umkreis. Huber hat im Südwesten viele überrascht, als er erklärte, mit Jürgen Peters nicht gemeinsam die IG Metall führen zu wollen. Noch mehr waren aber seine Freunde in Baden-Württemberg erstaunt, als sie hörten, dass Huber den totalen Salto machte und nun doch mit Peters ein Tandem bilden will. Glaubwürdigkeitsfrage Huber wird sich deshalb sicherlich von großen Teilen der Basis die Glaubwürdigkeitsfrage stellen lassen müssen. Doch für Huber gab es keinen anderen Weg mehr, denn er wollte, "dass die Organisation nicht noch ganz zerrissen wird". Bei einem endgültigen Nein hätte Baden-Württemberg keine Chance mehr gehabt, wieder einen eigenen Mann an die Spitze zu bringen. Seit 1968 stellen die Baden-Württemberger entweder den Stellvertreter oder den Chef der IG Metall, darunter sind so prominente Namen wie Eugen Loderer, Hans Mayr, Franz Steinkühler oder Klaus Zwickel. Huber, Vater von zwei Kindern, spielt gerne Klavier. Dafür dürfte er künftig weniger Zeit haben. Mit seinem Tandem-Gefährten Peters verbindet Huber persönlich nicht viel. Überzeugungskraft Doch seine Freunde sind davon überzeugt, dass sich beide in wichtigen Sachfragen einigen und keine Schaukämpfe aufführen werden. Hubers Stärken liegen in seiner Überzeugungskraft. "Das wird ihm sicherlich auch bei Peters gelingen", meinen Kollegen im Südwestenten. | Berthold Huber, der künftig die IG Metall in Frankfurt als Vize mitführen wird, gilt als "Mann der leisen Töne" und als "Steinkühler- Schüler". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/portraet-berthold-huber-mann-der-leisen-toene-1.900365 | "Porträt Berthold Huber - ""Mann der leisen Töne""" | 00/05/2010 |
Die Deutsche Bank stößt die Anleger des von ihr geschlossenen Immobilienfonds vor den Kopf - der Imageschaden ist groß. Langsam wird es eng für die Deutsche Bank und ihren Vorstandssprecher Josef Ackermann. Deutschlands größtes Geldhaus versteht es immer wieder, negative Schlagzeilen zu produzieren. Erst war es die Schadensersatzforderung von Leo Kirch gegen den obersten Aufseher Rolf Breuer, dann das Victory-Zeichen Ackermanns vor dem Mannesmann-Prozess, später ein massiver Arbeitsplatzabbau bei steigenden Gewinnen, den niemand verstanden hat. Es scheint, als wolle die Bank ihr Image systematisch ruinieren. Erdbeben am Finanzplatz Frankfurt Jetzt hat der Konzern den offenen Immobilienfonds Grundbesitz-Invest geschlossen und damit für ein Erdbeben am Finanzplatz Frankfurt gesorgt. Die Empörung ist groß. Rund 300.000 Anleger sind betroffen. Sie können ihre Grundbesitz-Anteile nicht mehr verkaufen und sitzen quasi in Geiselhaft. Wahrscheinlich werden die Fondsanteile massiv an Wert verlieren, wenn der Handel irgendwann wieder aufgenommen wird. Das ist bitter für die Anleger, denn die Geldanlage in Immobilienfonds galt bisher als sicher - fast schon vergleichbar mit der in Staatsanleihen. Der Vorgang ist einmalig, denn bisher wurde in Deutschland noch kein Immobilienfonds geschlossen. Zwar gab es immer wieder große Probleme, doch andere Banken, etwa die HypoVereinsbank oder die Deka-Bank, haben mit viel Kapital die angeschlagenen Fonds saniert. Tabu gebrochen Die Deutsche Bank hat jetzt das Tabu gebrochen und lässt die Anleger allein. Sie hat offenbar in erster Linie das Wohl ihrer Aktionäre im Auge und will ihnen eine kostspielige Sanierung von Grundbesitz ersparen, deshalb die eilige Schließung. Ackermann möchte sein Ziel um jeden Preis erreichen: Eine Kapitalrendite von 25 Prozent vor Steuern soll einen hohen Aktienkurs und damit die Unabhängigkeit der Bank sichern. Unstrittig ist bei aller Kritik, dass Ackermann Erfolge aufweisen kann. Das Frankfurter Institut ist das letzte deutsche Geldhaus, das international in der ersten Liga mitspielt, und ist eine der erfolgreichsten Investmentbanken. Eigentlich auf gutem Weg Ackermann hat die Bank umgebaut und internationalisiert, Beteiligungen verkauft und Rekordgewinne erwirtschaftet. Das Ziel, zu den ganz Großen der Welt aufzuschließen, ist zwar noch weit entfernt. Konkurrenten wie die Schweizer UBS oder die amerikanische Citigroup liegen deutlich vor den Deutschen. Aber Ackermann ist auf gutem Weg. Das sollte er nicht aufs Spiel setzen. "Augen zu und durch" lautete bisher oft das Motto der Bank. Das war so, als die Bank massive öffentliche Kritik einstecken musste, weil trotz steigender Gewinne 6400 Stellen gestrichen wurden. Das war auch im Mannesmann-Prozess so. In der kommenden Woche entscheidet der Bundesgerichtshof, ob das Verfahren neu aufgerollt wird. Ackermann zeigte sich bisher davon völlig unbeeindruckt. Keine Konsequenzen Genauso verhält sich der Amtsvorgänger und Aufsichtsratsvorsitzende Breuer angesichts der von seinem Widersacher Leo Kirch ausgelösten Prozesslawine: Obwohl Breuer möglicherweise das Bankgeheimnis verletzt hat, gibt es keine Konsequenzen. Diesmal könnte die Strategie aber schief gehen. Gerade für das Geschäft mit vermögenden Privatkunden könnte das Grundinvest-Desaster negative Folgen haben. Das sieht auch die Börse so, die Deutsche-Bank-Aktie brach ein. Das Vorgehen ist sehr kurzfristig angelegt und damit gefährlich. Abgesehen davon, dass der Marktführer die Gefahr eines Flächenbrandes in der Immobilienfondsbranche in Kauf nimmt - der Imageschaden gerade bei den Kunden wird beträchtlich sein. Verlorenes Vertrauen schwer zurückzugewinnen Das sind in der Regel keine Kleinsparer, sondern betuchte Anleger, mit denen die Bank bisher gute Gewinne erwirtschaftet. Wenn sich diese Klientel massenhaft abwendet, wäre das ein Schlag für das Unternehmen. Verlorenes Vertrauen ist nur schwer wieder zurückzugewinnen. Eigentlich müsste die Bank das wissen. | Die Deutsche Bank stößt die Anleger des von ihr geschlossenen Immobilienfonds vor den Kopf - der Imageschaden ist groß. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bank-augen-zu-und-durch-1.905856 | Deutsche Bank - Augen zu und durch | 00/05/2010 |
Gipfeltreffen der Streithähne: Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und GDL-Chef Manfred Schell wollen's noch einmal im Guten versuchen - und kehren nun doch an den Verhandlungstisch zurück. Das erste Friedenssignal kam bereits am Morgen: Vielleicht hatte sich Hartmut Mehdorn ja doch erschrocken, welche Wirkung seine Worte vom Vortag erzielten - indem er den Lokführern vorgeworfen hatte, einen "Krieg durch Streik" zu führen, hatte er den Tarifkonflikt bei der Bahn auf eine neue Eskalationsstufe gehoben. Nun verbreitete er am Mittwochmorgen eine Erklärung des Inhalts, dass er den Lokführer-Streik nicht mit einem Krieg gleichsetze - und es ihm auch keineswegs darum gehe, die GDL zu vernichten: "Es geht einzig und allein darum, Forderungen abzuwehren, die das Unternehmen wirtschaftlich nicht verkraften kann", erklärte Mehdorn. Gerade er sei einer, "der die Sozialpartnerschaft immer wieder gefördert hat", weil man eine Firma nicht gegen die Belegschaft führen könne. Zu der Zeit war längst die Einladung zu einem Vier-plus-zwei-Treffen verschickt, das an diesem Donnerstag um 17 Uhr stattfinden und das den Konflikt zumindest entschärfen soll. Werner Müller, der Aufsichtsratsvorsitzende der Bahn, hat dazu - bereits in der vergangenen Woche - das Präsidium des Gremiums und zwei Gäste in den Berliner Bahntower eingeladen. Das Präsidium, dies sind außer ihm sein Vize Norbert Hansen (der Vorsitzende der Eisenbahn-Gewerkschaft Transnet), der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Jörg Hennerkes, sowie der Vorsitzende des Bahn-Betriebsrats, Günter Kirchheim. Die beiden Gäste sind der Vorstandschef der Bahn, Hartmut Mehdorn, sowie GDL-Chef Manfred Schell. Eine Absage für Kerner Es soll in dem Gespräch nach SZ-Informationen nicht um inhaltliche Verhandlungen gehen, also nicht darum, unter welchen und zu welchen Bedingungen die Lokführer doch noch ihren eigenständigen Tarifvertrag bekommen. Es geht darum, die Gesprächsatmosphäre zwischen Mehdorn und Schell wieder herzustellen - "Schaum vom Mund zu wischen", wie ein Gesprächspartner am Mittwoch sagte. Aufsichtsratschef Müller, der Chef des Essener Industriekonzerns Evonik und frühere Bundeswirtschaftsminister, greift mit seiner Initiative Forderungen auf, die Politik solle im Staatsunternehmen Bahn vermitteln. Tatsächlich jedoch können sich Politiker dazu kaum bereit finden, ihnen würde sofort ein Eingriff in die Tarifautonomie unterstellt - der Aufsichtsratsvorsitzende hingegen ist in dieser Hinsicht unverdächtig. Der Bild-Zeitung ließ Müller am Mittwochnachmittag ausrichten: "Wir müssen eine faire Lösung hinbekommen, damit das Land keinen Schaden nimmt. Das gilt für die Bahn, die Lokführer und alle Kunden." Zuspruch der Bevölkerung Die öffentlichen Sympathien scheinen unterdessen auf Seiten der GDL zu liegen. Nach einer Umfrage der Zeitschrift Stern halten es 55 Prozent der Befragten für richtig, dass die Lokführer nach den gescheiterten Tarifverhandlungen die Arbeit niederlegen. 40 Prozent lehnten den Streik ab, meldete die Zeitschrift. Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU) rief Mehdorn und Schell auf, ihre Konflikte persönlich und nicht über die Medien zu lösen. Immerhin hatte Schell bereits in den Tagen zuvor seine Prioritäten neu geordnet: Am Dienstag noch wunderte sich die Redaktion des ZDF-Moderators Johannes B. Kerner, warum der GDL-Chef eine Einladung für Donnerstag in die Talkshow absagte - "aus Termingründen". Dass er sich ein solches Forum entgehen lässt. Nun wissen sie bei Kerner, warum: Die Sendung wird immer um 17 Uhr aufgezeichnet - genau zu der Zeit also, wenn Schell an diesem Donnerstag im Berliner Bahntower erwartet wird. | Gipfeltreffen der Streithähne: Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und GDL-Chef Manfred Schell wollen's noch einmal im Guten versuchen - und kehren nun doch an den Verhandlungstisch zurück. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/krisengipfel-bahn-gdl-schaum-vom-mund-wischen-1.890624 | "Krisengipfel Bahn/GDL - ""Schaum vom Mund wischen""" | 00/05/2010 |
Die Mitarbeiter der Motley Fool Inc., für ihr ungestümes Temperament ebenso bekannt, wie für ihr finanzielles Know-how, feiern ihren zehnten Geburtstag bemerkenswert leise. Der Reifungsprozess war allerdings auch schmerzhaft. David Gardner, einer der "Narren"-Gründer muss sich auf Parties häufig fragen lassen "machst du eigentlich das Internet-Zeug noch?". Er macht. Detailansicht öffnen Die Gründernarren: David und Tom Gardner (Foto: Foto: Motley Fool) Gardner, sein Bruder Tom und ihre Narrenbande sind noch dabei und feiern dieses Jahr das zehnjährige Bestehen der Motley Fool´s. Die in Alexandria, im US-Bundesstaat Virginia angesiedelte Firma ist heute merklich kleiner und - zum Bedauern eingefleischter Fool´s-Fans - wesentlich normaler, als zu den wilden New-Economy-Zeiten. Den Kicker gibt es noch Im zweiten Stock gibt es noch einen Tischkicker und im loftartigen Konferenzsaal kann man sich es in Sitzsäcken gemütlich machen, dennoch sind die Mitarbeiter ruhiger und einfach auch etwas älter geworden. "Alle von uns haben Kinder", wie der 37-jährige David Gardner, selber dreifacher Vater, sagt "es geht nicht mehr darum, zu sagen, hey, bring deinen verrückten Kumpel mit ins Büro. Heute heißt es, hey, bring deine Kids mit". Über ihre Umsätze schweigt sich die Firma aus, aber ihre Bosse betonen, dass die Geschäfte nach einem schmerzhaften Reifungsprozess heute gut laufen und dass Motley Fool in den letzten zwei Jahren Geld verdient hat. Sogar neue Mitarbeiter werden langsam wieder eingestellt. Ende der Narrenzeit? Im Katastrophenjahr 2001 haben die Finanzgurus über drei Viertel ihres Personals an die Luft gesetzt und standen heftig in der Kritik, weil sie eine Gebühr für ihre Online-Messageboards verlangten. Nur kurze Zeit später zogen die Lieblinge der Medien sich ein wenig aus der Öffentlichkeit zurück, was prompt zu Spekulationen über ein Ende der Narrenzeit führte. Der Aufstieg von Motley Fool´s fiel mit der Welle der Do-it-yourself-Anleger zusammen, in der es möglich schien, dass jeder, der ein bisschen Bescheid wusste, innerhalb kurzer Zeit zum Nasdaq-Millionär werden konnte. Die Website der Narren, in einer unterhaltsamen und verständlichen Sprache gehalten, galt schnell als Einstiegslexikon für Jedermann zu dieser komplexen Welt. Aber als die Märkte fielen, galt der riskante Online-Handel schnell nicht mehr als glamouröses Hobby. "Als die Blase platzte, platzte auch viel von dem Enthusiasmus, der eine Website, wie die der Motley Fool´s begleitete", so Rai Dhinsa von Jupiter Research. Manche machen die Motley Fool´s auch mitverantwortlich für das Platzen der Blase an den Aktienmärkten, weil sie mit ihren Anlagetips die Werte von Aktien künstlich in die Höhe getrieben hätten. 1993 begann alles Begonnen hatte alles 1993. Die Gardner-Brüder druckten einen Börsenbrief, der Kaufempfehlungen enthielt. Abonnenten waren vor allem Freunde ihrer Eltern und deren Kollegen. Die beiden Brüder waren zudem sehr frühe Internetadepten, die Online-Diskussionsforen anbaten. Als 1994 dann America Online (AOL) den Content der Motley Fool´s in ihre Community aufnahmen, wurden die beiden schlagartig bekannt. Motley Fool schaffte es, in zwei Venture-Capital Runden knapp 60 Millionen Dollar zu ergattern, was Mitte der Neunziger eine rapide Expansion ermöglichte. Filialen in Großbritannien und Deutschland wurden gegründet und mit Pat Garner, einem ehemaligen Coca Cola-Manager, ein erfahrener Industrieboss in den Vorstand geholt. Auf dem Höhepunkt gab es 400 Narren und Gerüchte über einen Börsengang. Und den Mitarbeitern gefiel es, ein Narr zu sein. Wie Mike Cannon, ein später gefeuerter Motley Fool sagte "gab es keinen Tag, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gegangen bin". Limitiertes Gewinnpotential Im Jahr 2001 wurde aber klar, das das Gewinnpotential für kostenlose Finanzinformationen sehr limitiert ist. In der Folge wurde die deutsche Filiale geschlossen und der Ex-Coca Cola Mann Garner verließ die Company wieder. "Viel von unserem Spirit ist mit der Börse und deren Performance verbunden", so David Gardner. "deswegen hatten wir 2000 und 2001 einen extrem harten Arbeitsplatz." Im April 2002 kehrten die Narren zu ihren aus Papier und Tinte bestehenden Wurzeln zurück. Analog schlägt digital In Zeiten der Digitalität mutet es bizarr an, dass eine Firma mit gedruckten Finanzinformationen Geld verdient, obwohl sie die gleichen Informationen im Internet kostenlos anbietet. Aber laut Motley Fool´s gibt es 36.000 Abonnenten ihres Börsenbriefes, den diese sich 200 Dollar jährlich kosten lassen. "Die Leute denken nicht mal nach, ob sie Geld für ein gedrucktes Magazin ausgeben sollten, während sie auf die Frage, ob sie auch für ein Online-Angebot zahlen würden, mit ungläubigem Kopfschütteln reagieren", so David Gardner. Neue Produkte geplant Neben ihrem Börsenbrief bietet Motley Fool´s noch zwei andere Produkte an: einen Newsletter, der sich mit unterbewerteten Aktien und einen zweiten, der sich mit allgemeinen Finanzinformationen befasst. Weitere Produkte befinden sich in der Planungsphase. Die Narren sind bei ihrer Mission geblieben: Menschen durch Aufklärung und Information dabei zu helfen, ihre finanzielle Lage zu verbessern. Aber sie sind heute weniger abhängig vom Internet, um bei der Erfüllung dieser Mission auch selber Geld zu verdienen. Im Alter kommt die Reife Neben ihren Börsenbriefen und Newslettern haben die Motley Fool´s zwölf Bücher veröffentlicht, schreiben in 244 Zeitungen eine wöchentliche Kolumne und haben in 120 Radiostationen eine wöchentliche Show. "Unser Gefühl von Frieden und Stabilität ist heute viel größer, als zur Boomzeit", sagt Gardner. "wir sind nicht mehr so verrückt, wie früher und das fehlt uns schon manchmal. Aber in den schwierigen drei Jahren gab es keine Ruhe. Alle von uns sind ganz schön gealtert." Die Narren sind reifer geworden - auch wenn dabei viel vom Esprit der wilden Zeiten verloren gegangen ist. | Die Mitarbeiter der Motley Fool Inc., für ihr ungestümes Temperament ebenso bekannt, wie für ihr finanzielles Know-how, feiern ihren zehnten Geburtstag bemerkenswert leise. Der Reifungsprozess war allerdings auch schmerzhaft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zehn-jahre-motley-fool-die-narren-sind-erwachsen-geworden-1.920398 | Zehn Jahre Motley Fool - Die Narren sind erwachsen geworden | 00/05/2010 |
In armen Ost-Regionen gehen die Gehälter in den Keller. Und die Menschen nehmen das hin. Wie Ostdeutschland sich selbst seinen Niedriglohnsektor schafft: Dieter Meier heißt nicht Meier. Der gelernte Kühlanlagenbauer aus dem Erzgebirge in Sachsen, südlich von Chemnitz, hat sogar einen ziemlich markanten Namen. Aber für die Öffentlichkeit mag er nur Meier heißen oder Schmidt. Hauptsache, was unverfängliches. Detailansicht öffnen Harte Hände-Arbeit kann sehr billig sein. In Gegenden, in denen die meisten Arbeitslosen die Hoffnung auf eine tarifliche Beschäftigung aufgegeben haben, fallen die Löhne. Die Zahl der Niedriglöhner in Deutschland wächst, vor allem im Osten der Republik. Nur erkannt werden möchte keiner. (Foto: Foto: ddp) Der Arbeiter hat Angst. Angst, dass er seine Arbeit verlieren könnte, um die ihn manche Bekannte beneiden. Dabei hat er überhaupt nichts zu verbergen: Er arbeitet nicht schwarz oder illegal. "Was will ich denn zu Hause sitzen?" Im Gegenteil, manche Wirtschaftsweise würden ihn wohl als leuchtendes Vorbild preisen. Nicht gerade für sich selbst, aber doch für viele Arbeitslose. Dieter Meier hat sich der Lage angepasst, nach unten hin, immer weiter nach unten. "Ja was soll's?", sagt er mit leiser Stimme und zuckt mit den Schultern. "Was will ich denn zu Hause sitzen?" Das sagt er nicht klagend, sondern heiter. Froh, jeden Tag um halb sieben für die nächsten acht Stunden erwartet zu werden. Im ersten Moment meint man nichts von einer Melancholie darüber zu spüren, dass er mit seinen 58 Jahren, in einem Alter also, da ein Mann gemeinhin hofft, die Ernte seiner Arbeitsjahre einzufahren, nur noch nehmen kann, was er kriegt. "Mädchen für alles" So würde er das selbst nie ausdrücken. "Mir macht's Spaß", sagt er, grinst und erzählt stolz, was er in seinem Job alles an Aufgaben findet, bei denen er seine Fertigkeiten aus 40 Jahren Berufsleben nutzen kann. Er schraubt und schweißt, schleift und fummelt — "eben so als Mädchen für alles", freut sich Meier. Er ist dankbar, dass ihm das Arbeitsamt diesen Posten vermittelte. Der schlanke und zugleich kräftig wirkende kleine Mann sieht längst nicht wie 58 Jahre aus, sondern um einiges jünger. Leicht kann man sich vorstellen, wie er als erfahrener Handwerker in der Spinnerei am Fuße des Erzgebirges dem Arbeitgeber mehr ist als eine kleine Hilfe. Bezahlt aber wird der 58-Jährige zu einem Stundenlohn, der — schon bevor die Steuern abgezogen werden — auch in seinem Heimatstädtchen nicht für eine Pizza reicht. Arbeitslosengeld ist deutlich höher Meier bekommt 5 Euro und 40 Cent für jede Stunde Arbeit. "Klar", bestätigt Meier, "das ist deutlich weniger, als ich an Arbeitslosengeld bekommen habe". Wieder zieht er die Schultern hoch und fragt: "Was soll's?" Bloß nicht drüber nachdenken. "So ist das nun mal." Aber wenig später wird seine Stimme für einen Moment dünn, als er davon redet, wie viel er früher verdient habe, nach der Wende auf dem Bau. 21 Mark die Stunde bekam er damals in Zschopau, und zuletzt auch bei Einsätzen für eine Firma in Westdeutschland. Schlichtweg das doppelte vom heutigen Lohn. Bei dem Gedanken muss auch Meier stutzen — als hätte er sich das selbst noch nie ausgerechnet. | In armen Ost-Regionen gehen die Gehälter in den Keller. Und die Menschen nehmen das hin. Wie Ostdeutschland sich selbst seinen Niedriglohnsektor schafft: | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/5-euro-40-cent-das-ist-ein-hungerlohn-1.898257 | "5 Euro 40 Cent - ""Das ist ein Hungerlohn!""" | 00/05/2010 |
Politiker und Gewerkschafter haben die deutschen Spitzenmanager aufgerufen, bei ihren Einkünften Maß zu halten. "Die Politik sollte jene Manager stärken, die Vernunft und Augenmaß bewahren", sagte Angela Merkel. IG-Metall-Vize Huber bezeichnete manch ein Managergehalt als "schlichtweg unanständig". Natürlich müssten gute Manager international konkurrenzfähig bezahlt werden. "Aber manche gewaltigen Gehaltssteigerungen sind unangemessen", so Merkel. IG-Metall-Vize Berthold Huber bezeichnete in der Welt am Sonntag manch ein Managergehalt als "schlichtweg unanständig". Die Höhe der Vergütungen sollte in Beziehung zum Verdienst eines normalen Arbeitnehmers stehen. Es sei inakzeptabel, dass die Managerbezüge manchmal das 200fache eines normalen Arbeitnehmerlohnes erreichten. Niemand verlange, dass Manager Hilfsarbeiterlöhne bekämen. im übrigen dürfe der Gewinn nicht das ausschließliche Kriterium sein. Ein wichtiger Maßstab sollte auch sein, ob sie nachhaltig Arbeitsplätze schaffen, meinte Huber. Nach einer Spiegel-Umfrage halten 53 Prozent der Deutschen die Führungskräfte, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu teilweisem Gehaltsverzicht bereit sind, für glaubwürdiger als Manager, die das nicht tun. Allerdings sind 36 Prozent der Auffassung, dass selbst ein Lohnopfer die Glaubwürdigkeit der Wirtschaftselite nicht verbessert. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber begrüßte ausdrücklich die Bereitschaft der DaimlerChrysler-Spitze zum Gehaltsverzicht. "Wenn von den Arbeitern ein Beitrag zum Erhalt der Arbeitsplätze erwartet wird, sollten auch die Top-Ebenen der Unternehmen einen Beitrag zur Kostensenkung erbringen. Das ist absolut richtig." "Bezüge stärker an Erfolg oder Misserfolg koppeln" Die Bezüge der Spitzenmanager sollten stärker an den geschäftlichen Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens gekoppelt werden. "Eine gesetzliche Begrenzung der Managerbezüge wäre aber falsch, weil sie Top-Leute aus Deutschland fern halten oder vertreiben würde", sagte Stoiber. Nach Ansicht des Jenoptik-Aufsichtsratsvorsitzenden Lothar Späth ist ein Maßstab für die Besoldung schwer zu finden. Man könne sie nicht unbedingt an Gewinn oder Umsatz eines Jahres festmachen, weil es in Sanierungsphasen auch finanzielle Durststrecken und Verluste geben könne, sagte er im DeutschlandRadio Berlin. Gesetzliche Regelungen lehnte er ab. Der sozialpolitische Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion Karl- Josef Laumann sagte im NDR, es sei völlig klar, dass auch "bei der so genannten Elite eine neue Bescheidenheit" notwendig sei, wenn den Beschäftigten mehr Arbeit zu gleichem Lohn abverlangt werde. "Bewusstsein für moralisch aufgeladene Themen gering" Deutschen Managern fehlt nach Einschätzung des Konstanzer Professors für Wirtschafts- und Unternehmensethik, Josef Wieland, häufig die Sensibilität für moralische Fragen. Die Auftritte der Manager im Mannesmann-Prozess und die Affäre um Ex-Bundesbank- Präsident Ernst Welteke hätten gezeigt, dass das Bewusstsein für "moralisch aufgeladene Themen" eher gering sei. Stattdessen erweckten die Beteiligten den Eindruck, sie hätten einen Anspruch auf hohe Vergütungen oder Vergünstigungen. | Politiker und Gewerkschafter haben die deutschen Spitzenmanager aufgerufen, bei ihren Einkünften Maß zu halten. "Die Politik sollte jene Manager stärken, die Vernunft und Augenmaß bewahren", sagte Angela Merkel. IG-Metall-Vize Huber bezeichnete manch ein Managergehalt als "schlichtweg unanständig". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/debatte-um-hohe-managergehaelter-manche-gehaltssteigerungen-sind-unangemessen-1.900338 | "Debatte um hohe Managergehälter - ""Manche Gehaltssteigerungen sind unangemessen""" | 00/05/2010 |
Der Uhrmacher Franck Muller arbeitet wieder mit seinem einstigen Erzfeind zusammen. Nach allem, was passiert ist zwischen Franck Muller und Vartan Sirmakes, erschien es unmöglich, dass sie sich jemals versöhnen könnten. Detailansicht öffnen Eine Franck Muller Conquistador Uhr im Wert von 294.000 Dollar. (Foto: Foto: AP) Zu tief hatten sie sich verbissen ineinander. Andererseits blieb ihnen kaum anderes übrig, wenn sie sich nicht gegenseitig ruinieren wollten. So sind sie nun doch über ihren Schatten gesprungen: Der geniale Genfer Uhrmacher Muller, Showstar seiner Branche, und sein ehemaliger Kompagnon, ein gebürtiger Armenier, haben ihren Streit per Kommuniqué für beigelegt erklärt. Sie arbeiten wieder zusammen. Es ist das Ende einer erbitterten Fehde, eines bizarren Skandals, der die feine Welt der Schweizer Uhrenindustrie erschütterte. Mullers Zeitmesser sind extravagant und teuer. Mindestens 6000, eher 60.000 oder 600.000 Franken kostet ein Exemplar, sofort erkennbar durch die gebogene längliche Form und die übergroßen Jugendstil-Ziffern. Außen prangen oft Juwelen, drinnen steckt Mechanik am Rande des Machbaren, nicht zu Unrecht nennt sich Muller "master of complications". David Beckham trägt Franck Muller, Paris Hilton, Arnold Schwarzenegger, auch Elton John, der für Muller das Lied "Harmony" komponierte. Unter ehrwürdigen Konkurrenten wie Rolex, Chopard oder Patek Philippe ist der 46 Jahre alte Genfer ein Emporkömmling, ein Wunderkind. Schlacht mit Klageflut Nach wirren Jugendjahren entdeckte er sein wahres Talent, nachdem ihn ein Uhrenfan aufgefordert hatte, die komplizierteste Armbanduhr der Welt zu bauen. 1991 schließlich tat er sich mit dem Juwelier Sirmakes zusammen, und innerhalb nur eines Jahrzehnts gelang es ihnen, zu den großen Schweizer Horlogerien aufzuschließen. 50.000 Uhren verkauft Franck Muller jährlich, macht 380 Millionen Franken Umsatz, die 500 Angestellten kommen kaum nach mit den Lieferungen. Dann der Bruch im Mai 2003: Muller verschwindet aus "Watchland", dem herrschaftlichen Anwesen in einem Genfer Vorort, das er zwei Jahre zuvor als Fabrik und Firmensitz gemietet hatte. Monate später nennt er Journalisten die Gründe. Sirmakes, dem 50 Prozent gehören, habe ihn hereingelegt, habe mit Hilfe von Armeniern eine Schwarzproduktion organisiert, bei der Franck-Muller-Uhren zweimal mit derselben Seriennummer hergestellt worden seien. Er, Muller, habe nichts mehr zu sagen im eigenen Unternehmen. Der Uhrmacher reicht eine Klage wegen ungetreuer Geschäftsführung ein, fordert die Auflösung der Firma und 200 Millionen Franken Schadenersatz. Sirmakes kontert, indem er Muller auf Verleumdung verklagt, an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifelt und ebenfalls Schadenersatz fordert. Diese ersten Kämpfe wachsen sich zur Schlacht mit einer Flut von Klagen aus, am Ende präsentiert Muller den Firmenmanagern Zahlungsbefehle in Höhe von einer Milliarde Franken. Treffen der Streithähne Die Medien stürzen sich auf die Affäre, deren genaue Hintergründe noch unklar sind. Irgendwann scheinen Mullers Angehörige gemerkt zu haben, dass der Wütende sich bis zur psychischen Erschöpfung verrannt hat in der Geschichte. Sie dringen auf Verhandlungen, und nachdem Muller seinen Anwalt durch einen sanftmütigeren Kollegen ausgewechselt hat, treffen sich die Streithähne an Ostern 2004 in einem Genfer Hotel. Noch einmal sechs Monate vergehen bis zum jetzigen Kommuniqué. Die Harmonie, die es ausdrückt, klingt indes recht unglaubwürdig. Sirmakes ist demnach klarer Punktsieger. Franck Muller ziehe alle Vorwürfe gegen ihn zurück, heißt es, sie seien unbegründet. Er wisse Sirmakes' Loyalität zu schätzen und danke ihm für die "hervorragende Geschäftsführung". Sirmakes wiederum lobt Mullers "Qualitäten als Uhrmacher und Entwickler". Muller werde künftig als Berater und Entwickler in der Firma tätig sein. Deren Umsatzzahlen hat der Krach angeblich nicht geschadet. | Der Uhrmacher Franck Muller arbeitet wieder mit seinem einstigen Erzfeind zusammen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schweizer-uhrenindustrie-das-ende-einer-bizarren-fehde-1.904205 | Schweizer Uhrenindustrie - Das Ende einer bizarren Fehde | 00/05/2010 |
Die Werbung der Telekommunikationsunternehmen verspricht simple Angebote - und konterkarriert diese mit Kleingedrucktem, Fußnoten und Tarif-Wirrwarr. Ein paar Pommes, eine Cola, noch ein Hamburger und fertig ist das Telco-Paket. "Mobilfunk und DSL so einfach wie Fastfood", das versprechen der Telekom-Ableger Congstar und seine Werbeagentur Tribal DDB seit Mitte Juli. Doch kaum war die Billigmarke der Bonner mit ihrem vermeintlich simplen Rezept auf dem Markt, da musste sie bereits herbe Kritik einstecken. Nur wenige Tage später lästerte ein Wettbewerber im Gespräch mit Journalisten über die Komplexität der angeblich so einfachen Tarife nach dem Baukastenprinzip. Denn die diversen Optionen muss oder darf sich der Kunde selbst zusammensuchen. Spott der Konkurrenz Congstar-Konkurrent Simyo antwortet gar online mit der Ironie-überladenen Fake-Website Klonstar.de. Hier ist alles inklusiv "Märchensteuer", "ganz einfach", "ganz günstig". "KlonStar" verspricht "Mobiltelefonieren ohne Reue - bis der Notarzt kommt". Alles natürlich mit dem in der Branche obligatorischen Sternchen versehen, das suggeriert: Hier kommt noch was nach. Eines verschweigen die Spötter: Vielen Konsumenten ist beim Thema so gar nicht nach Lachen zumute. "Zwar suggerieren viele Unternehmen in ihrer Werbung, dass ihre Angebote einfach und billig sind. Doch oftmals lauern versteckte Kosten", erklärt Martin Müller, Geschäftsführer vom Telekommunikationsdienst Teltarif.de. Die Enttäuschung der Verbraucher ist also programmiert. TNS Infratest befragte beispielsweise im Auftrag von E-Plus Mobilfunknutzer. Über 50 Prozent gaben zu Protokoll, dass einfache Tarife das Wichtigste in Sachen mobiler Kommunikation seien. Früh für Werbung entdeckt E-Plus hat folglich das Thema früh für seine Werbung entdeckt. Der hauseigene Discounter Simyo rief mit dem Claim "Weil einfach einfach einfach ist" das potenzielle Motto der Branche aus. Der Discounter brachte Ende Mai 2005 ein schmuckloses SIM-Only-Angebot ohne Handy auf den Markt. Die Mutter E-Plus, die inzwischen alle Brands auf günstig getrimmt hat, greift selbst sogar zur Zeichensprache. | Die Werbung der Telekommunikationsunternehmen verspricht simple Angebote - und konterkarriert diese mit Kleingedrucktem, Fußnoten und Tarif-Wirrwarr. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tarif-wirrwarr-der-telekom-firmen-zu-kompliziert-1.881169 | Tarif-Wirrwarr der Telekom-Firmen - Zu kompliziert | 00/05/2010 |
Die neuen Herren von Deutschlands größter Fernsehgruppe ärgern sich über den langjährigen Aktionär Axel Springer - und müssen mit ihm zurechtkommen. Mehr als drei Milliarden Euro zahlen die Finanzfirmen Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Permira für den Münchner TV-Konzern, und noch einmal zwei Milliarden müssen sie eventuell für Pflichtangebote an die anderen Aktionäre ausgeben. Dass der Kaufpreis kurz vor Ende des Bietergefechts um ProSiebenSat.1 noch einmal anstieg, haben die neuen Eigentümer dem türkischen Unternehmer Aydin Dogan zu verdanken, der mit einer vergleichsweise üppigen Offerte den anstehenden Handel noch einmal aufmischen wollte. Etwas pikant dabei ist, dass Springer kurz zuvor für viel Geld bei Dogan-TV eingestiegen war. Erbost über deutsch-türkische Allianz Über diese deutsch-türkische Allianz zeigen sich Verantwortliche von KKR und Permira im vertraulichen Gespräch erbost. "Die haben die Sache für uns um einige hundert Millionen Euro teurer gemacht", sagt ein Beteiligter. Er führt aus, dass Springer auf keinen Fall eine Aktie mehr bei Pro Sieben Sat 1 bekommen solle, wenn das Berliner Unternehmen das wünschte. Das deutet auf Pulverrauch im Privatfernsehen. Springer selbst hat sich bis zuletzt alle Optionen offen gehalten. Offenbar gab es rund um Vorstandschef Mathias Döpfner die Vorstellung, der Kaufwunsch des türkische Partners sei kartellrechtlich unproblematisch, da der Deal in den Zuständigkeitsbereich der Brüsseler EU-Wettbewerbskommission falle. Kartellamt verhinderte Übernahme durch Springer Das Bundeskartellamt hingegen hatte im Januar 2006 die volle Übernahme von Pro Sieben Sat 1 durch Springer verhindert. Döpfner setzt sehr stark auf Internet-Fensehen und ließ sich beispielsweise vor kurzem in New York von dem amerikanischen TV-Konzern NBC Universal über neue Trends aufklären. Falls Springer-Chef Döpfner die Kasse für die von ihm forcierten internationalen TV-Zukäufe auffüllen will, böte sich sogar ein Verkauf des Pro Sieben Sat 1-Besitzes von zwölf Prozent an: Nach der Dogan-Ofensive sind die Aktien bekanntlich wertvoller geworden. | Die neuen Herren von Deutschlands größter Fernsehgruppe ärgern sich über den langjährigen Aktionär Axel Springer - und müssen mit ihm zurechtkommen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-dem-verkauf-zwangsgemeinschaft-bei-pro-sieben-sat-1-1.902493 | Nach dem Verkauf - Zwangsgemeinschaft bei Pro Sieben Sat 1 | 00/05/2010 |
Die Deutsche Bank soll im Auftrag von Gazprom nach den Resten des Ölkonzerns greifen. Die Reste des vom Kreml zerschlagenen Ölkonzerns Yukos könnten in die Hände der Deutschen Bank geraten. Detailansicht öffnen Der einstige russische Öl-Gigant Yukos - seit Anfang August bankrott. (Foto: Foto: afp) Die russische Wirtschaftszeitung Kommersant berichtete am Montag, die Bank wolle die Schulden des Ölunternehmens übernehmen und einen Kontrollanteil an der Firma erwerben. Das Blatt vermutet, dass die Deutsche Bank im Auftrag des Energiekonzerns Gazprom handelt. Kommersant beruft sich auf den Yukos-Aufsichtsratsvorsitzenden Wiktor Geraschtschenko. Dieser habe den Erhalt eines Schreibens der hundertprozentigen Deutsche-Bank-Tochter Deutsche UFG mit der Bitte um Verkaufsgespräche bestätigt. Deutsche Bank soll Schulden übernehmen Die Deutsche Bank sei demnach bereit, die Schulden von Yukos ,,auf sich zu nehmen'' und strebe ein ,,Kontrollpaket an Yukos'' an. Die Investmentbank Deutsche UFG war am Montag zu einer Stellungnahme nicht bereit. Ein Moskauer Gericht hatte Anfang August das einst größte russische Ölunternehmen für bankrott erklärt und damit die letzte Phase eines Machtkampfes um die Reste des Konzerns eingeläutet. Konkursverwalter Eduard Rebgun gab den Unternehmenswert im August mit knapp 14 Milliarden Euro an und stellte dem Verbindlichkeiten von 14,5 Milliarden Dollar gegenüber. Yukos und sein damaliger Chef Michail Chodorkowskij und der Yukos-Konzern waren 2003 ins Visier der russischen Behörden geraten. Der Kreml-Kritiker Chodorkowskij sitzt mittlerweile eine achtjährige Freiheitsstrafe im Osten Sibiriens ab, Yukos wurde mit Hilfe massiver Steuernachforderungen zu großen Teilen zerstört. Einstieg in Deutschland Im Kampf um die Übernahme des Privatunternehmens Yukos treten nun die beiden halbstaatlichen Konzerne Gazprom und Rosneft als Konkurrenten an. Beide verfügen über exzellente Verbindungen in den Kreml. Trifft die Vermutung von Kommersant zu, dass die Deutsche Bank im Auftrag von Gazprom agiert, würde sich das Geldinstitut direkt in einen innerrussischen Machtkampf einschalten. Gazprom und Deutsche Bank seien durch vielfältige gemeinsame Geschäftsinteressen verbunden. Außerdem habe es am 9. Oktober ein Treffen von Gazprom-Chef Alexej Miller und dem Vorstandschef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, gegeben, berichtete die Zeitung. Die Deutsche Bank hatte Gazprom bereits bei der Übernahme des Ölunternehmens Sibneft beraten. Gazprom will erklärtermaßen auch nach der Sibneft-Übernahme im Ölbereich noch weiter wachsen. Rosneft wiederum hat sich in einer fragwürdigen Zwangsversteigerung bereits das Produktions-Herzstück von Yukos, Yuganskneftegaz, angeeignet und ist auch an den Resten des Konzerns interessiert. Als einer der Hauptgläubiger von Yukos sieht sich Rosneft dafür in einer guten Ausgangsposition. Diese könnte allerdings gefährdet werden, sollte die Deutsche Bank tatsächlich die Verbindlichkeiten von Yukos übernehmen. Starke Position im deutschen Gasgeschäft In Deutschland baut sich der Gazprom-Konzern nach Informationen aus der Energiewirtschaft über den Einstieg bei einem oder mehreren Versorgern eine starke Position im Gasgeschäft auf. Spekuliert wird darüber, dass die Russen hinter den Käufen von Aktien des RWE-Konzerns stehen und zusätzlich über eine Beteiligung an der RWE-Tochter Westfalen-Weser-Ems verhandeln. Großes Interesse haben soll Gazprom auch an EWE in Oldenburg. Gazprom favorisiert nach Angaben aus Branchenkreisen vor allem eine Partnerschaft mit dem RWE-Konzern. Für dessen Vertriebstochter RWE Westfalen-Weser-Ems wird ein neuer Großaktionär gesucht. Aus alter Zeit halten die Kommunen einen Anteil von 20 Prozent an der Gesellschaft, die 5,5 Millionen Einwohner im nördlichen Ruhrgebiet und in Westfalen mit Strom und Gas versorgt. | Die Deutsche Bank soll im Auftrag von Gazprom nach den Resten des Ölkonzerns greifen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bank-spekulationen-um-yukos-uebernahme-1.904813 | Deutsche Bank - Spekulationen um Yukos-Übernahme | 00/05/2010 |
Über eins waren sich auf der Telekom-Aktionärsversammlung alle einig: Der aktuelle Kurs ist mau. Während die anstehende Verschmelzung mit der Tochter T-Online für die einen jedoch die mögliche Rettung bedeutet, sehen andere in ihr eine hässliche Fratze. "Focus on growth", "Triple Play", "Next Generation Network" - so mancher Aktionär verstand auf der Telekom-Hauptversammlung am Dienstag in Hannover nur Bahnhof. Detailansicht öffnen Der Telekom-Vorstand sah sich auf der Aktionärsversammlung heftiger Kritik ausgesetzt. (Foto: Foto: AP) "Keine Ahnung, was das alles bedeutet", gestand ein 64-jähriger Anleger aus Oberhausen. Und selbst Vorstandschef Kai-Uwe Ricke gestand, dass einiges vielleicht ein wenig abstrakt klinge. Nur eines verstanden die 4600 Anleger in der TUI-Arena gut: der aktuelle Aktienkurs ist mau. "Ich habe so viel Geld versenkt, dass ich nur noch weinen kann", sagte ein deprimierter Kleinaktionär. "Das kann uns nicht zufrieden stellen" Da kam Ricke auch nicht daran vorbei, ein paar passende Worte zu finden. Die T-Aktie steht aktuell bei etwa 15,40 Euro. "Das kann uns nicht zufrieden stellen", gestand er. Und unter Applaus forderte er: "Wir wollen höhere Kursstände sehen. Dafür arbeiten wir, dafür wollen wir die operativen Kennzahlen weiter verbessern." Und auch die Aktionärsschützer legten den Finger in die Wunde. "Wer im Frühjahr 2000 mit 63,50 Euro eingestiegen ist, hat seither 75 Prozent verloren", sagte Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Hässliche Fratze für T-Online-Aktionäre Und damit nicht genug. Über den Anlegern schwebe ein Damoklesschwert, denn der Bund halte ja weiter den Großteil der Aktien, und niemand wisse, wann wieder neue Papiere auf den Markt kämen, die dann den Kurs belasteten. Für erregte Gemüter sorgte die bevorstehende Verschmelzung der Telekom mit der Tochter T-Online. Die sei ein "janusköpfiges" Unterfangen, sagte Heise. | Über eins waren sich auf der Telekom-Aktionärsversammlung alle einig: Der aktuelle Kurs ist mau. Während die anstehende Verschmelzung mit der Tochter T-Online für die einen jedoch die mögliche Rettung bedeutet, sehen andere in ihr eine hässliche Fratze. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hauptversammlung-harte-nuesse-fuer-telekom-aktionaere-1.902548 | Hauptversammlung - Harte Nüsse für Telekom-Aktionäre | 00/05/2010 |
Auf spektakuläre Weise versucht der US-Softwarehersteller seine Umsätze zu steigern. Per Gericht will die SCO Group Schadensersatz wegen angeblicher Lizenzverletzungen eintreiben — allein vom IBM-Konzern fünf Milliarden Dollar. Auch gegen DaimlerChrysler hat SCO eine Klage eingereicht. Detailansicht öffnen Kummer für den Linux-Pinguin: Anhänger der Open-Source-Software sehen die Klagewelle von SCO als Versuch, den Erfolg von Linux zu stoppen. Foto: ddp Klagen als Einnahmequelle Unter dem 2002 berufenen Vorstandsvorsitzenden Darl C. McBride hat SCO diese neue Einnahmequelle entdeckt. Die Firma behauptet, dass ihre Urheberrechte am Computer-Betriebssystem Unix illegal zur Entwicklung des konkurrierenden Linux-Systems verwendet werden. Deshalb klagt sie zum einen auf Schadensersatz und bietet zudem eine Art Freibrief, Intellectual Property Licence (IP-Lizenz) genannt, mit denen sich die Computeranwender von solchen Forderungen freikaufen können. Das Unternehmen, das bis Mai 2003 als Caldera International Inc firmierte, hatte 1995 von der amerikanischen Software-Firma Novell die Rechte an Unix erworben. Darüber, wie umfassend diese sind und ob dagegen verstoßen wurde, ist inzwischen ein hitziger Streit entbrannt, der die ganze Computerindustrie beschäftigt. Der SCO-Konzern, der 2003 knapp 80 Millionen Dollar umsetzte, hat nämlich im März 2003 IBM verklagt. Die Firma wirft dem Branchenführer vor, die erteilte Unix-Lizenz missbraucht und Teile des Programms unrechtmäßig für Linux bereit gestellt zu haben. "Der meist gehasste Mann" Linux ist die bekannteste Software der so genannten Open-Source-Bewegung, die ihre Programme kostenlos anbietet. IBM setzt seit einigen Jahren auf Linux, das sowohl dem Unix-System als auch Windows von Microsoft heftig Konkurrenz macht. Die Anhänger von Open Source sehen in der Klage gegen IBM den verzweifelten Versuch, den Siegeszug von Linux zu stoppen. Da Caldera/SCO früher selbst Linux vertrieben hat und sich noch 2001 als weltgrößtes Linux-Unternehmen rühmte, wird SCO von der Open-Source-Gemeinde als Verräter dieser Idee betrachtet. Mit Hinweis darauf hat die Financial Times SCO-Chef McBride unlängst als "meist gehassten Mann der Software-Industrie" bezeichnet. SCO pocht auf Vertragsbruch "Die Reaktion auf die Klage gegen IBM hat uns selbst überrascht", sagte SCO-Vize-Chef Gregory Blepp im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Für ihn ist der Fall "eine einfache Geschichte", nämlich "Vertragsbruch". Das wird von IBM natürlich zurückgewiesen. Inzwischen hat sich der Rechtsstreit ausgeweitet. Das auf Linux spezialisierte US-Softwareunternehmen Red Hat klagt gegen SCO wegen unfairen Geschäftsgebarens. Und die Firma Novell behauptet vor Gericht, selbst noch wichtige Unix-Rechte, auf die SCO seine neue Strategie stützt, zu besitzen. Nur eine Drohkulisse? Die Gegner von SCO werfen dem Unternehmen vor, eine Drohkulisse aufgebaut, aber keine umfassenden Beweise vorgelegt zu haben. Es werde vielmehr versucht, das Gerichtsverfahren zu verschleppen, um den Markt so lange wie möglich zu verunsichern. Blepp zufolge liegen die Verzögerungen aber nicht an SCO, sondern am US-Rechtssystem. Nach seinen Angaben werden sich die Vorgefechte zwischen den Anwälten weiter hinziehen, denn der Gerichtstermin sei erst für April 2005 anberaumt. In der Branche wird allerdings spekuliert, dass es gar nicht so weit kommt, sondern dass SCO einen gewinnbringenden Vergleich mit IBM sucht oder sich sogar für teures Geld übernehmen lassen will. Blepp dementiert: "Wir erwarten, dass der Rechtsstreit durch ein Urteil beendet wird." Allerdings könnten andere Lösungen nicht ausgeschlossen werden. Die Kriegskasse ist gut gefüllt Die Prozesse kosten SCO viel Geld. Das Unternehmen hat damit das bekannte US-Anwaltsbüro Boies, Schiller & Flexner beauftragt, das zum Beispiel nach der letzten US-Präsidentschaftswahl Al Gore in der Anfechtungsklage gegen George Bush vertreten hat. Die Kanzlei erhält laut Blepp 20 Prozent von allen durch den Rechtsstreit eingehenden Erlösen. Bezahlt werden die Anwälte - für die in der SCO-Bilanz 2003 Kosten von mehr als zehn Millionen Dollar aufgeführt werden - zum großen Teil mit eigenen Aktien. Einer Vereinbarung zufolge erhält die Kanzlei neben einer Million Dollar in bar Aktienoptionen im Wert von knapp acht Millionen Dollar. Die Kriegskasse für die Prozesse hat SCO zudem durch Ausgabe von Anteilsoptionen im Wert von 50 Millionen Dollar an Investoren unter Führung der Firma BayStar Capital verstärkt. Weil dabei ein ehemaliger Microsoft-Manager eingeschaltet war, argwöhnten SCO-Gegner, es handle sich um eine indirekte Stützungsaktion für Microsoft. Inzwischen will BayStar allerdings wegen eines angeblichen Vertragsbruchs von SCO die Anteile zurückgeben. Microsoft und Sun Microsystems gaben nach Bei der Lizenzvergabe war SCO im vergangenen Jahr insoweit erfolgreich, als Microsoft sowie Sun Microsystems eine Lizenz zeichneten und der Firma damit im vierten Quartal 2003 zu Erlösen von zehn Millionen Dollar verhalfen. Im ersten Quartal 2004 konnte SCO aber nur noch minimale Erlöse aus dem IP-Lizenz-Programm verbuchen. Dennoch verspricht das Unternehmen den Aktionären in Zukunft erhebliche Einnahmen daraus. Nach seinen Angaben sind 2,5 Millionen Linux-Systeme im Einsatz. Und bei diesen geht SCO davon aus, dass die Rechte verletzt wurden, also Lizenzansprüche bestehen. Um dem Nachdruck zu verleihen, hat SCO in den USA auch erste Klagen gegen Computeranwender eingereicht - gegen DaimlerChrysler und den Autoteilehersteller Autozone Inc. Im Fall DaimlerChrysler vermutet SCO eine Verletzung der Unix-Rechte durch den Einsatz von Linux und fordert eine entsprechende Kontrolle. Bei Autozone geht SCO noch weiter und unterstellt bereits einen Lizenzverstoß. In Deutschland untersagt Nach den Worten Blepps erwägt das Unternehmen auch Klagen gegen Anwender in Europa. Medienberichten zufolge wird hier etwa an Siemens und BP gedacht. Blepp wollte keine Namen nennen. Bisher haben dem Manager zufolge etwa 30 Unternehmen mit SCO eine IP-Lizenz vereinbart, bei der die Anwender etwa 700 Dollar pro Servercomputer bezahlen müssen. Mit weiteren Firmen werde verhandelt — allerdings nicht in Deutschland. Der deutschen SCO-Tochter ist durch einstweilige Verfügung die Aussage verboten, dass Linux-Systeme gegen das SCO-Urheberrecht verstoßen und dass sich Linux-Anwender damit strafbar machen. SCO strebt laut Blepp eine Aufhebung der Verfügung an. Durch einen Vergleich von SCO-Unix und Linux will man nachweisen, dass Teile der Programme identisch sind. Zugleich sollen mit einem Gutachten die Urheberrechte von SCO bestätigt werden. Weitreichende Folgen durchaus möglich Gelingt es SCO - vor allem im Rechtsstreit mit IBM - seine Ansprüche durchzusetzen, könnte das weitreichende Folgen haben. Es würde über IBM hinaus eine ganze Reihe von Computerfirmen, die auf Linux setzen, zu einer Neupositionierung im Markt zwingen. Es würde das Geschäftsmodell von Open Source, Lizenzen kostenfrei abzugeben, in Frage stellen und damit wiederum die Konkurrenzsituation von SCO - aber auch von Microsoft - verbessern. Und es würde zugleich weltweit tausende von Linux-Anwendern (zu denen auch viele deutsche Behörden zählen) zwingen, an SCO zu zahlen oder auf andere Computersysteme umzusteigen. Doch was ist, wenn SCO den Rechtsstreit verliert? Dann, so Blepp, würde es für das Unternehmen "sehr, sehr schwer". | Die kleine US-Softwarefirma SCO hat mit Aufsehen erregenden Schadensersatzklagen einen Streit in der Computerindustrie entfacht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/klagewelle-gegen-linux-va-banque-spiel-um-viele-milliarden-dollar-1.905219 | Klagewelle gegen Linux - Va-Banque-Spiel um viele Milliarden Dollar | 00/05/2010 |
2005 trennte sich KarstadtQuelle von den ungeliebten kleineren Warenhäusern und verkaufte sie an britische Investoren. Die wollen den Laden jetzt völlig umkrempeln. 2007 brechen turbulente Zeiten an für das "Warenhaus in Ihrer Nachbarschaft". Im Zuge einer großen Marketing-Kampagne sollen die 74 Karstadt-Kompakt-Warenhäuser im Frühjahr einen neuen Namen erhalten. Detailansicht öffnen Passanten vor der kleinsten Karstadt-Filiale Deutschlands in Niebüll (Kreis Nordfriesland). (Foto: Foto: dpa) Wie das Handelsblatt berichtet, ist dies der Auftakt zu einer großen Reform der Warenhäuser, die der britische Finanzinvestor Dawnay Day als Eigentümer damit einläutet. Es sei beispielsweise geplant, die Verkaufsflächen in Zukunft von den Lieferanten wie Lekkerland oder Papstar bewirtschaften zu lassen, so die Zeitung. Dieses Modell, wonach ein Kaufhaus als "Vermieter von Marken" auftrete, stehe in Großbritannien an der Tagesordnung. Kauf ähnlicher Warenhäuser geplant Die Briten kündigten weiters an, ihre Präsenz weiter ausbauen zu wollen. Die 74 Karstadt-Kompakt-Warenhäuser sollen dabei als Basis für weitere Zukäufe in Deutschland genutzt werden. Der Direktor der Londoner Firma, Luke Bridgeman gab an, in erster Linie auf "Kaufhäuser in ähnlicher Größe" abzuzielen. Bridgeman räumte zwar ein, dass das von der Metro-Gruppe mit Kaufhof und der KarstadtQuelle AG dominierte Warenhaus-Geschäft in Deutschland schwierig sei. Er gehe aber davon aus, dass "ein starker Betreiber auf diesem Markt Geld verdienen kann". Alleinstellung in vielen Kleinstädten Während die Konkurrenz in vielen Innenstädten groß sei, seien die Warenhäuser seiner Gruppe in der jeweiligen Stadt oft die einzigen bedeutenden Einzelhändler, so Bridgeman. Allerdings wollte der Manager nicht sagen, wie sich das Geschäft von Karstadt-Kompakt seit der Übernahme im August 2005 entwickelt hat. Auch zum neuen Namen wollte das Unternehmen nicht Stellung nehmen. In Branchenkreisen wird aber spekuliert, dass ein bekannter Name nach Deutschland zurückkehren könnte: "Hertie". Die Firma gleichen Namens war 1993 von Karstadt gekauft worden. Im Zuge des Weiterverkaufs an die Briten wechselten auch die Namensrechte den Besitzer. | 2005 trennte sich KarstadtQuelle von den ungeliebten kleineren Warenhäusern und verkaufte sie an britische Investoren. Die wollen den Laden jetzt völlig umkrempeln. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/veraenderungen-in-der-nachbarschaft-neuer-name-fuer-karstadt-kompakt-1.901557 | Veränderungen in der Nachbarschaft - Neuer Name für Karstadt kompakt | 00/05/2010 |
In den USA ist Adidas dem Branchenführer Nike mit der Übernahme von Reebok auf die Pelle gerückt. Nun fordert Nike die Herzogenauracher in deren Herzkammer heraus. Der Kampf um Ruhm und Marktanteile auf dem Sportartikelmarkt wird verbissener geführt als jedes Fußballspiel, ,,es wird immer brutaler'', sagte jüngst ein Vorstandsmitglied in Herzogenaurach. Vor allem auf dem US-Markt entwickelt sich ein enormer Preisdruck; bis in die Werbespots dringt der knallharte Wettbewerb, Vorwürfen der Gewaltverherrlichung sahen sich zuletzt mehrere Konzerne gegenüber. In den USA ist Adidas, weltweit die Nummer zwei, dem Branchenführer Nike mit der Übernahme von Reebok auf die Pelle gerückt. Und im Januar hat die Schlacht auch die Verbandszentrale des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) erreicht, dessen Topfunktionäre seitdem täglich an Strategien tüfteln: Wie lässt sich ein Wechsel 2011 vom langjährigen Werbepartner Adidas zu Nike einigermaßen reibungslos bewerkstelligen? Dreimal so hoch Der DFB will Nikes 500-Millionen-Euro-Angebot bis 2018 annehmen, es ist dreimal so hoch wie das von Adidas. Der Konzern wehrt sich mit dem Argument, er habe schon im August den Vertrag bis 2014 verlängert. Nun muss ein Schiedsgericht den Streit klären. Hintergrund war, natürlich, ein anderer Streit - der Schuhkrieg: Einige Fußballnationalspieler hatten vor der WM mit Boykott gedroht, falls sie nicht in eigenen Schuhen antreten dürften und gezwungen würden, Adidas-Material zu tragen. Adidas lenkte am Ende ein, die Spieler durften ihre Schuhe frei wählen. Grund für die Einigung, so Adidas, sei aber die Ankündigung des DFB gewesen, den Ausrüsterkontrakt zu verlängern. Tatsächlich hatte der Verband dies damals öffentlich mitgeteilt: jedoch nur als Absicht. Dann kam das Nike-Angebot. Seitdem ist alles anders. Seilschaften seit Uwe Seelers Zeiten 66 oder 22 Millionen Euro pro Jahr - diese Differenz vermögen nicht mal Adidas' einflussreiche Mentoren kleinzureden. Seilschaften, die seit Uwe Seelers Zeiten wuchsen, als nationale Helden ihr Karriere-Ende mit Verträgen beim Drei-Streifen-Konzern versilberten. Nun machen Größen wie Franz Beckenbauer und Wolfgang Overath Druck auf den DFB, dazu die Vorstände des FC Bayern, an dem Adidas zehn Prozent Anteile hält. Was hinter den Kulissen sonst läuft, steckt in freimütigen Andeutungenn des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger zum verfilzten Beziehungsgeflecht zwischen Adidas und nationalen Fußballvertretern: Es gebe lange Lohnlisten, so Zwanziger, ,,aber ich stehe auf keiner.'' Politische Motive Nikes DFB-Offerte ist politisch motiviert. 500 Millionen Euro, von denen 100 Millionen als signing fee schon für die Vertragsunterschrift fließen, sind ein reiner Kampfpreis, Nikes Antwort auf den Reebok-Coup und die Geschäftseinmischungen des Konzerns Adidas in der US-Basketballliga NBA, der Herzkammer des Branchenführers. Dass die DFB-Vorständler der Einladung ins Nike-Hauptquartier nach Oregon vorerst nicht folgen, ist ein letzter verzweifelter Akt der Diplomatie im Krieg der Schuhe. | In den USA ist Adidas dem Branchenführer Nike mit der Übernahme von Reebok auf die Pelle gerückt. Nun fordert Nike die Herzogenauracher in deren Herzkammer heraus. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nike-contra-adidas-die-rache-aus-oregon-1.903314 | Nike contra Adidas - Die Rache aus Oregon | 00/05/2010 |
Im Skandal um schwarze Kassen und Schmiergeldzahlungen bei der Siemens AG liegen der Staatsanwaltschaft schwere Anschuldigungen gegen den früheren Finanzvorstand Neubürger vor. Ein vormaliger Top-Manager aus der Sparte Telekommunikation (Com), der in Untersuchungshaft sitzende Michael Kutschenreuter, soll nach Informationen der Süddeutschen Zeitung bereits Ende vorvergangener Woche bei einer bis in die Nacht dauernden Vernehmung ausgesagt haben, ein junger Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sei bei der Prüfung des Jahresabschlusses 2004 auf merkwürdige Zahlungsvorgänge gestoßen. Detailansicht öffnen Der Schmiergeld-Skandal bei Siemens sorgt für immer neue Schlagzeilen. (Foto: Foto: AP) Kutschenreuter soll weiter ausgesagt haben, von erfahrenen Mitarbeitern der KPMG - sie testiert die Bilanzen von Siemens - seien solche Vorgänge üblicherweise ignoriert worden. Er, Kutschenreuter, habe dann mit dem damaligen Finanzvorstand Neubürger über diese Situation gesprochen. Neubürger habe ihm, Kutschenreuter, daraufhin zugesagt, dieses Thema im Sinne von Siemens mit einer Führungskraft der KPMG zu besprechen. Danach habe sich eine KPMG-Mitarbeiterin für den Übereifer ihres jungen Kollegen entschuldigt. Die KPMG hatte vergangene Woche erklärt, sie weise die Unterstellung zurück, man habe bei der Jahresabschlussprüfung 2004 Berichtspflichten verletzt: ,,Wir sind unseren Berichtspflichten nachgekommen.'' Keine Stellungsnahme von Siemens Vergangene Woche waren erste Details der Aussage von Kutschenreuter bekannt geworden, allerdings noch ohne die angebliche Verwicklung Neubürgers. Ein Siemens-Sprecher erklärte am Sonntag, man nehme zu den laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht Stellung. Siemens sah sich auch nicht in der Lage, für die SZ einen Kontakt zu Neubürger herzustellen: ,,Er arbeitet nicht mehr für uns, wir sind nicht seine Vermittlungsstelle.'' Neubürger war im Mai 2006 im Alter von 53 Jahren überraschend aus seinem bis September 2007 laufenden Vertrag als Finanzvorstand ausgestiegen. Das geschehe aus ,,persönlichen Gründen'', erklärte Siemens damals. Pierer lehnt Rücktritt ab Neubürger war 1998 Finanzvorstand geworden und galt als enger Vertrauter des früheren Konzern- und heutigen Aufsichtsratschefs Heinrich von Pierer. Neubürger wurde sogar als Nachfolger Pierers an der Konzernspitze gehandelt. Den Vorstandsvorsitz übernahm Anfang 2005 dann allerdings Klaus Kleinfeld. Pierer sagte am Wochenende in mehreren Interviews, er trete nicht zurück. Nach der Verhaftung des ehemaligen Zentralvorstandes Thomas Ganswindt ist Neubürger der zweite frühere Spitzenmanager von Siemens, der schwer beschuldigt wird. Ganswindt war im Vorstand für die Sparte Com zuständig gewesen. In diesem Bereich waren nach bisherigen Erkenntnissen in den vergangenen zehn Jahren mehrere hundert Millionen Euro in schwarze Kassen geschleust worden, um weltweit Schmiergeld für lukrative Aufträge zahlen zu können. Einen Teil der schwarzen Kassen hatte der frühere Com-Angestellte Reinhard S. angelegt, der in einem umfassenden Geständnis sowohl Kutschenreuter wie auch Ganswindt massiv belastete. Ebenso wie Kutschenreuter sagte auch S. aus, der KPMG seien bestimmte Zahlungsvorgänge verdächtig vorgekommen. Die KPMG habe das in einem Prüfbericht erwähnen wollen. Prüfbericht beeinflusst S. sagte weiter, er habe mitbekommen, dass offensichtlich von hoher Stelle beziehungsweise Vorstandsseite bei Siemens darauf hingewirkt worden sei, dass dies aus dem Prüfbericht herausgenommen werde. Nach seiner Mutmaßung könne das nur der damalige Finanzvorstand Neubürger zusammen mit der KPMG so geregelt haben. Die KPMG hatte bereits Ende vorvergangener Woche auch diese Vorwürfe zurückgewiesen. Außerdem hatte die KPMG erklärt, die Staatsanwaltschaft habe ihr mitgeteilt, man gehe den Behauptungen von S. nicht weiter nach. Erste Hinweise auf fragwürdige Zahlungsvorgänge soll es nach SZ-Informationen bereits Mitte 2001 gegeben haben. Bei einer eingehenden Kostenanalyse mehrerer Prüfungs- und Beratungsgesellschaften in den Kommunikationssparten Festnetz (ICN) und Mobilfunk (ICM) seien hohe Kosten aufgefallen, die man nicht habe einordnen können, heißt es aus Konzernkreisen. Dabei soll es sich zum großen Teil um merkwürdige Beraterverträge gehandelt haben. Siemens-Finanzchef Joe Kaeser, der 2001 Bereichsvorstand im Mobilfunkgeschäft wurde, sowie Zentralvorstand Rudi Lamprecht, zur fraglichen Zeit Bereichsvorstandschef für Mobilfunk, hätten von fragwürdigen Beraterverträgen damals nichts erfahren, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Weiter könne er sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Nach Konzernangaben waren fragwürdige Zahlungen in Höhe von 420 Millionen Euro erst in den vergangenen Wochen intern ermittelt worden. (SZ vom 18.12.2006) | Im Skandal um schwarze Kassen und Schmiergeldzahlungen bei der Siemens AG liegen der Staatsanwaltschaft schwere Anschuldigungen gegen den früheren Finanzvorstand Neubürger vor. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-skandal-ehemaliger-finanzvorstand-schwer-beschuldigt-1.905654 | Siemens-Skandal - Ehemaliger Finanzvorstand schwer beschuldigt | 00/05/2010 |
Immer häufiger wollen Kunden beim Abschluss einer Versicherung an den Provisionen des Vermittlers beteiligt werden. Dieser beliebte Rabatt vom Vertreter ist jedoch illegal. Als Geheimtipp zum Geldsparen kursiert derzeit die Empfehlung, beim Abschluss von Versicherungen mit dem Vermittler über eine Provisions-beteiligung zu sprechen. Vor allem bei Lebens- und Krankenversicherungen lohne sich das, heißt es. Juristisch begeben sich damit jedoch beide Seiten aufs Glatteis. Günstige Policen gibt es in der Regel bei Direktversicherungen, die ohne Außendienst arbeiten und dadurch Vertriebsprovisionen sparen. Erstattete Provision ist steuerfrei Allerdings können Kunden auch bei einem klassischen Versicherer den Preis drücken: Indem sie sich vom Vermittler einen Teil der Provision erstatten lassen. Der Clou dabei: Die Erstattung ist steuerfrei, wie jüngst der Bundes-finanzhof (BFH) entschieden hat (Aktenz.: IX R 68/02). Denn der Kunde erziele damit keine Einkünfte, so das oberste Finanzgericht, sondern erhalte lediglich einen Rabatt auf seine Versicherungsprämien. Bei Provisionsabgabe droht Bußgeld Angesichts mauer Konjunktur sind nach Angaben von Branchenkennern tatsächlich immer mehr Vertreter bereit, für einen neuen Vertrag über die Provision mit sich reden zu lassen, obwohl die Provisionsabgabe trotz des BFH-Urteils weiterhin verboten ist. "Gibt ein Vermittler seine Provision oder einen Teil davon an den Kunden weiter, muss der Vermittler mit einem Bußgeld rechnen", sagt ein Sprecher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Bekannt wird dies der Finanzaufsicht jedoch selten: Laut Bafin erhielten 2002 gerade einmal drei Vermittler ein Bußgeld. Auch der Kunde wird bestraft Gleiches drohe einem Kunden, der von seinem Vermittler oder seinem Versicherungsunternehmen eine solche Provisionsabgabe fordere. "Auch gegen den Kunden kann die Bafin unter Umständen vorgehen, und zwar dann, wenn er Beteiligter des Ordnungswidrigkeitsverfahrens ist", so der Behördensprecher. Da stellt sich die Frage, wie viel überhaupt ein Vertreter an der Vermittlung verdient. Besonders bei Lebensversicherungen mit langen Laufzeiten sind die Provisionen erheblich. Sie errechnen sich aus der Summe aller zu zahlenden Prämien. Läuft eine Lebensversicherung mit einem Monatsbeitrag von 150 Euro zum Beispiel über 30 Jahre, beträgt die Gesamtprämie 54000 Euro. Darauf wird der Satz für die Abschlussprovision berechnet, er beträgt zwischen 2,5 und 5,0 Prozent. Bei einem Satz von 3,5 Prozent, üblich für Makler, ergibt sich ein Verdienst von 1890 Euro. Privatrenten und Berufsunfähigkeitspolicen zählen ebenfalls zu den Lebensversicherungen und werden entsprechend verprovisioniert. Anders sieht es bei privaten Krankenversicherungen aus. Da berechnet sich die Provision nach den anfänglichen Monatsbeiträgen: Sechs bis zehn Monatsbeiträge sind üblich. Muss der Neu-Kunde zum Beispiel für eine private Krankenvollversicherung 300 Euro im Monat zahlen, erhält der Vermittler also 1800 bis 3000 Euro Provision. Ganz legal ist es, wenn der Vermittler einen Kunden als Untervermittler einspannt und entlohnt. Wer andere Kunden anwirbt und dafür Provisionen erhält, muss das aber als "sonstige Einkünfte" versteuern, so der BFH (Aktenz: X R 94/96). Nur der Rabatt für eigene Verträge bleibt vom Fiskus verschont. | Immer häufiger wollen Kunden beim Abschluss einer Versicherung an den Provisionen des Vermittlers beteiligt werden. Dieser beliebte Rabatt vom Vertreter ist jedoch illegal. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/versicherungen-kunde-und-makler-unter-einer-decke-1.907551 | Versicherungen - Kunde und Makler unter einer Decke | 00/05/2010 |
Daimler-Benz startete selbst als Fusion und wurde eine Industrie-Legende. Seitdem scheint dem Konzern keine Fusion mehr geglückt zu sein - obwohl es kaum einen Bereich gibt, in den die Stuttgarter nicht investiert hätten. Wenn am Mittwoch die Aktionäre von DaimerChrysler auf der Hauptversammlung in Berlin zusammenkommen, muss sich Konzernchef Dieter Zetsche viele kritische Fragen gefallen lassen. Auf der einen Seite werden die Aktionäre wissen wollen, warum die Fusion mit Chrysler so gründlich misslungen ist. Und Fonds wie Union Investment oder DWS, die am Konzern beteiligt sind, werden zum Verkauf der stark angeschlagenen US-Tochter drängen. Auf der anderen Seite ist da der Würzburger BWL-Professor Ekkehard Wenger: Er plant schon einen Schritt weiter und hat bereits beantragt, dem Konzern nach der Trennung von Chrysler wieder seinen alten Namen zu geben: Daimler-Benz. Gerüchte über neuen Namen Ein Vertreter der Konzernführung hat sich dazu auch schon geäußert: "Wenn wir Chrysler verkaufen, ist völlig klar, dass wir einen neuen Namen brauchen", schrieb das Handelsblatt. Mit dem Verkauf von Chrysler, und noch mehr mit der Rückkehr zum alten Konzernnamen, würde der Autobauer aus Stuttgart auch wieder ein Mal zu seinen Wurzeln zurückkehren, zum Ursprung seines Welterfolgs - einerseits. Andererseits würde der Konzern einer langen Reihe von Pleiten, Pech und Pannen beim Zukauf von Firmen eine neue Niederlage hinzufügen. Allerdings die bisher mit Abstand größte. Wie ein Pudel im Regen Trotz seines glanzvollen Namens und seines Flaggschiffs Mercedes erinnert DaimlerChrysler damit an einen großen Pudel, der immer wieder hinaus in den Regen springt, um nach einiger Zeit durchnässt zurück ins Trockene zu hüpfen. Vielleicht ist der Hang zu Zusammenlegungen und Übernahmen durch die eigene Firmengeschichte zu erklären: Daimler-Benz ist 1926 selbst als Ergebnis einer Fusion entstanden. Unter der Ägide der Deutschen Bank gingen im Jahr 1926 die Firmen von zwei der kreativsten Autopioniere zusammen: Die Stuttgarter Daimler-Motoren-Gesellschaft von Gottfried Daimler und die Mannheimer Benz & Cie. von Carl Benz. Der gute Stern Dieser Zusammenschluss ist eine wahre Liebesheirat gewesen, wie man heute sagen kann - die Geschichte des Autoherstellers Daimler-Benz wurde eine Legende. Die Marke Mercedes stieg auf zur Ikone der heimischen Industrie und zum Synonym höchster deutscher Ingenieurskunst. "Ihr guter Stern auf allen Straßen" - so ein Mercedes-Claim aus diesen Tagen. In der breiteren Öffentlichkeit etwas weniger bekannt ist der Entschluss von Daimler-Benz, ab den 1930er Jahren doppelgleisig zu fahren und massiv in Richtung Rüstungsindustrie zu expandieren. Wie andere große Hersteller auch wollte das Unternehmen an dem Geschäft mit Militärtechnik teilhaben. Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert - DaimlerChrysler gehört etwa über die Beteiligung beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS zu den größten Rüstungsherstellern Europas. In jüngerer Vergangenheit hat der Autobauer zwei große Strategiewechsel vollzogen: Die Positionierung als breitgefächertes Technologieunternehmen und die Aufstellung als weltweit agierender Autokonzern. | Daimler-Benz startete selbst als Fusion und wurde eine Industrie-Legende. Seitdem scheint dem Konzern keine Fusion mehr geglückt zu sein - obwohl es kaum einen Bereich gibt, in den die Stuttgarter nicht investiert hätten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gescheiterte-fusionen-des-daimler-konzerns-hochzeiten-ohne-liebe-1.897880 | Gescheiterte Fusionen des Daimler-Konzerns - Hochzeiten ohne Liebe | 00/05/2010 |
Nach jahrelangem Rechtsstreit hat der Europäische Gerichtshof ein Millionenbußgeld der EU-Kommission gegen den Autobauer für nichtig erklärt. In Wolfsburg war die Freude über die Ohrfeige für Wettbewerbskommissar Monti groß. Wie die Europarichter in Luxemburg erklärten, wies die EU-Kommission nicht nach, dass Volkswagen eine wettbewerbswidrige Preisabsprache mit seinen Händlern getroffen hatte. VW hatte seine deutschen Vertragshändler in den Jahren 1996 und 1997 aufgefordert, den neuen Passat nicht unterhalb der Preisempfehlung zu verkaufen. Beschwerde unzulässig Die EU-Kommission hatte dies auf die Beschwerde eines Verbrauchers hin für unzulässig erklärt und im Juni 2001 eine Geldbuße in Höhe von knapp 31 Millionen Euro gegen den Konzern verhängt. Aus Sicht der Europarichter fehlte es aber an einer Einwilligung der Händler, sich an die Vorgabe aus Wolfsburg zu halten. (Az. T-208/01) Volkswagen begrüßte das Urteil. "Wir freuen uns, dass das Gericht offensichtlich unserer Argumentation gefolgt ist", sagte ein VW-Sprecher in Wolfsburg auf Anfrage. Näheres könne das Unternehmen aber erst sagen, wenn die schriftliche Begründung vorliege. Für das mögliche Bußgeld habe der Autobauer Rückstellungen gebildet. Rabattverbote Die Kommission war vor zweieinhalb Jahren eingeschritten, weil der VW-Konzern beim Verkauf von Passat-Neuwagen die Preise auf dem Heimatmarkt zwischen 1996 und 1998 künstlich hochgehalten habe. Rabattverbote beschränkten den freien Wettbewerb in gravierender Weise, hatte es damals geheißen. VW hatte gegen das Bußgeld beim EU-Gericht Erster Instanz geklagt. Die Kommission muss nun innerhalb von zwei Monaten entscheiden, ob sie Berufung in der nächsten Instanz einlegt. Dies wäre der Europäische Gerichtshof (EuGH), das höchste EU-Gericht. In den Jahren 1996 und 1997 hatte Volkswagen seine deutschen Vertragshändler aufgefordert, das neue Passat-Modell nicht unter der Preisempfehlung zu verkaufen oder nur beschränkt Rabatte einzuräumen. Die Kommission habe nicht bewiesen, dass die Händler dieser Aufforderung tatsächlich zugestimmt haben, schrieb das Gericht. Einseitige Maßnahmen Es schloss sich damit im wesentlich der Argumentation von VW an. Der Konzern hatte vor Gericht festgestellt, es habe sich bei den Aufforderungen um einseitige Maßnahmen gehandelt. VW verkaufte nach früheren Angaben von 1996 und 1998 etwa 400.000 Passat auf dem Heimatmarkt. Die Kommission hatte damals auf Grund einer Beschwerde eines Autokäufers gehandelt. Die Behörde verhängt seit längerem hohe Bußgelder gegen Autobauer, die Märkte abschotten und damit die Preise künstlich hochhalten. Erst im September hatte der EuGH ein EU-Strafgeld von 90 Millionen Euro gegen VW bestätigt. Der Konzern hatte in den 90er Jahren systematisch deutsche Kunden am Kauf preisgünstiger VW- und Audi-Modelle in Italien gehindert. Gegen diese Entscheidung ist keine Berufung mehr möglich. | Nach jahrelangem Rechtsstreit hat der Europäische Gerichtshof ein Millionenbußgeld der EU-Kommission gegen den Autobauer für nichtig erklärt. In Wolfsburg war die Freude über die Ohrfeige für Wettbewerbskommissar Monti groß. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-eu-richter-heben-millionenbussgeld-auf-1.904389 | Volkswagen - EU-Richter heben Millionenbußgeld auf | 00/05/2010 |
Eichel will, dass die Bundesbank Gold verkauft. Die Bundesbank denkt aber nicht daran, sie gibt lediglich acht Tonnen zur Prägung von Goldmünzen ab — obwohl sie 120 Tonnen verkaufen könnte. Offenbar ist die Bundesbank nicht bereit,durch den Verkauf ihrer Goldreserven bei der Finanzierung von Eichels Etat zu helfen. Stattdessen teilte die Bank am Montag mit, dass sie bis zum September 2005 nur acht Tonnen Gold verkaufen werde - und zwar an Eichels Ministerium selbst. Der Finanzminister benötigt das Edelmetall für sein Goldmünzenprogramm. Zudem erklärten die Währungshüter, dass andere europäische Notenbanken die Option der Bundesbank für Goldverkäufe übernehmen würden. Formal bleibt das Anrecht der Bank, in den nächsten fünf Jahren 600 Tonnen Gold zu verkaufen, bestehen. "Da wirken noch sehr viele Dinge nach" Mit dieser Regelung widersetzt sich die Notenbank den Wünschen des Bundesfinanzministers. Eichel sagte vor Vertrauten, die Bundesbank müsse selbst erklären, warum sie als einzige europäische Notenbank an ihren Goldreserven fest halte. In Berliner Regierungskreisen wurde der Bundesbank "Bockigkeit" vorgeworfen. Ergänzend hieß es, das Gold sei nicht Eigentum der Bundesbank, sondern Volksvermögen. Eichel hatte noch am Wochenende den Verkauf von 120 Tonnen Gold angeregt und gesagt, dies bringe ungefähr eine Milliarde Euro. Nach geltendem Gesetz fließen die Erlöse aus dem Verkauf von Währungsreserven, die jeweils zur Hälfte aus Gold und Fremdwährungen besteht, in den Bundesbankgewinn. Dieser steht dem Finanzminister zu. In Berlin und Frankfurt wurde das Nein zum Goldverkauf als Beleg dafür gewertet, wie angespannt das Verhältnis zwischen Bundesbank und Regierung derzeit ist. Seit der Affäre um den ehemaligen Bundesbankchef Ernst Welteke kam es immer wieder zu Konflikten. Zuletzt hatten die Währungshüter wiederholt die Haushaltspolitik von Eichel kritisiert und sich gegen die von Berlin gewünschte Aufweichung des EU-Stabilitätspakts ausgesprochen. "Da wirken noch sehr viele Dinge nach", hieß es am Montag in Berliner Regierungskreisen. Auch der SPD-Finanzpolitiker Joachim Poß kritisierte die Entscheidung der Bundesbank als "fachlich nicht nachvollziehbar". Der Verkauf von 120 Tonnen Gold würde weder den Stabilisierungszielen der Bundesbank noch den Gegebenheiten am internationalen Goldmarkt widersprechen. Zudem könne ein Verkauf noch in diesem Jahr den Bundesbankgewinn von der im Haushalt bislang eingeplanten einen Milliarde Euro auf zwei Milliarden Euro erhöhen. Bundesbankpräsident Axel Weber dementierte Berichte, er habe sich im achtköpfigen Bundesbankvorstand mit seinem Vorschlag, Gold zügig zu verkaufen, nicht durchsetzen können. Zwar habe er eine andere Haltung zu den Goldverkäufen als sein Vorgänger Welteke. | Eichel will, dass die Bundesbank Gold verkauft. Die Bundesbank denkt aber nicht daran, sie gibt lediglich acht Tonnen zur Prägung von Goldmünzen ab — obwohl sie 120 Tonnen verkaufen könnte. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/goldverkaeufe-regierung-wirft-der-bundesbank-bockigkeit-vor-1.907012 | "Goldverkäufe - Regierung wirft der Bundesbank ""Bockigkeit"" vor" | 00/05/2010 |
Elf Millionen Euro erhielt Josef Ackermann im vergangenen Jahr. Kann die Leistung eines einzelnen Menschen tatsächlich so herausragend sein, dass man ihm dafür mehr als das Hundertfache dessen zahlt, was ein leitender Angestellter erhält? Bei diesen Zahlen kann einem schummerig werden: Im vergangenen Jahr erhielt der Vorstandssprecher der Deutschen Bank elf Millionen Euro. Damit ist sein Gehalt im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent gestiegen — für Normalsterbliche genau so unvorstellbar wie die 15-Millionen-Euro-Prämie für den früheren Mannesmann-Chef Klaus Esser. Kann die Leistung eines einzelnen Menschen tatsächlich so herausragend sein, dass man ihm dafür mehr als das Hundertfache dessen zahlt, was ein leitender Angestellter erhält? Kaum ein Thema wird derzeit so heiß diskutiert wie die Höhe von Managergehältern. Angemessene Bezüge Laut Aktiengesetz müssen die Bezüge eines Vorstands "in einem angemessenen Verhältnis" zu seinen Aufgaben "und zur Lage der Gesellschaft stehen". Was aber ist "angemessen"? Im Gesetz steht das nicht. Mittlerweile haben die Gehälter von Topmanagern Höhen erreicht, die "durch objektive Kriterien nur noch schwer zu rechtfertigen" seien, sagte der Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, Gerhard Cromme, kürzlich in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Unter seiner Leitung hatte eine Regierungskommission im Februar 2002 den so genannten Corporate-Governance-Kodex verabschiedet — einen Verhaltenskodex für bessere Unternehmensführung. | Elf Millionen Euro erhielt Josef Ackermann im vergangenen Jahr. Kann die Leistung eines einzelnen Menschen tatsächlich so herausragend sein, dass man ihm dafür mehr als das Hundertfache dessen zahlt, was ein leitender Angestellter erhält? | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/debatte-ueber-manager-gehaelter-gigantomanie-auf-dem-privatkonto-1.919879 | Debatte über Manager-Gehälter - Gigantomanie auf dem Privatkonto | 00/05/2010 |
Die Volkswagen-Affäre weitet sich aus. "Das Netz der Tarnfirmen ist größer und komplizierter als gedacht", sagte VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder in einem Interview. Es seien "50 oder 60 Personen in dem Zusammenhang aufgetaucht". Unklar sei nur, wer sich etwas zu Schulden habe kommen lassen. Detailansicht öffnen Ein bisschen Licht und viel Schatten gibt es derzeit bei VW. (Foto: Foto: dpa) Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt bisher nur gegen drei ehemalige VW-Mitarbeiter: den Ex-Personalchef bei Skoda Helmuth Schuster, den entlassenen Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer und Klaus Volkert, den zurückgetretenen Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates. "Wir können uns an solchen Zahlenkonstruktionen noch nicht beteiligen", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft: "Wir gehen solide und ruhig unseren Weg und werden sehen, was die weiteren Ermittlungen ergeben." Vielzahl von Belegen Zwei Staatsanwälte sind mit einer Sonderkommission des Landeskriminalamtes Niedersachsen dabei, eine Vielzahl von Belegen zu prüfen. Die Ermittlungen seien nicht immer einfach - zum Beispiel bei Eigenbelegen, die keinen weiteren Verwendungszweck angeben. "Wir reden eher von Wochen und Monaten, bis wir den Überblick haben, das liegt an der Komplexität der einzelnen Sachverhalte, die wir zu prüfen haben und auch an der Vielzahl von Unterlagen", sagte der Sprecher weiter. Zu klein sei die Ermittlergruppe nicht. "Sie war bislang jedenfalls groß genug, um voranzukommen. Wenn wir einen erheblichen Engpass sehen würden, würden wir handeln." Indien, Angola und Prag Laut Pischetsrieder ist es bei den "drei Vorgängen" in der Affäre geblieben: Indien, Angola und die Firma FBel in Prag. "Aber anscheinend ist der Kreis der nicht zum Unternehmen gehörenden Beteiligten größer als erwartet", sagte er dem Stern. Dem früheren Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, einem der Beschuldigten, warf der VW-Vorstandsvorsitzende vor, er habe versucht, Menschen abhängig zu machen. "Es gibt eine Reihe von Mitarbeitern, die mir sagten, von ihm Geld angeboten bekommen zu haben, es aber nicht angenommen hätten", sagte Pischetsrieder weiter. | Die Volkswagen-Affäre weitet sich aus. "Das Netz der Tarnfirmen ist größer und komplizierter als gedacht", sagte VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder in einem Interview. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirtschaftskriminalitaet-bis-zu-60-beteiligte-an-vw-affaere-1.917843 | Wirtschaftskriminalität - Bis zu 60 Beteiligte an VW-Affäre | 00/05/2010 |
Auch das Pentagon kämpft mit vollen Garagen, und wie andere Bürger auch veranstaltet es einen Flohmarkt. Zum Verkauf: Flugzeuge, Schiffe, Panzer. Helikopter, Torpedos, Jets, ein Windkanal, LKWs, Radar-Anlagen, Raketen, Munition - Die Aufzählung liest sich wie die Inventurliste einer kleinen Armee, doch für das Pentagon sind es überzählige Geräte, die wertvollen Platz verräumen und die keiner mehr benötigt. Detailansicht öffnen Gebrauchte F16-Kampfjets kann man am Armee-Flohmarkt erwerben. (Foto: Foto: AFP) Daher müssen sie raus. Doch nicht jeder Privatmann kann sich nun seinen Kindheitstraum erfüllen und einen Panzer in den Garten stellen. Nur eingeladene Regierungen sind auf dem Armee-Flohmarkt zugelassen. Einem Bericht der New York Times zufolge wurde in den Jahren 2000 bis 2005 Kampfgerät mit einem Anschaffungswert von acht Milliarden Dollar auf diese Weise angeboten. Länder, die vom Pentagon als bedürftig genug erachtet wurden, erhielten vieles sogar geschenkt - zwei Milliarden Dollar betrug der Anschaffungspreis dereinst für das US-Verteidigungsministerium. Freundschaften aufbauen Sinn des großen Ausverkaufs ist nicht nur das Platz schaffen in den Hangars und Häfen der USA. Das Programm ist eine Goodwill-Operation mit der Absicht, internationale Freundschaften zwischen den Staaten aufzubauen. Die meisten der begünstigten Staaten könnten sich neues Equipment nicht leisten. So wurden unter anderem die Philippinen, Marokko, Pakistan und die Dominikanische Republik zum Shoppen eingeladen. Aber auch moderne Industriestaaten wie Australien und Kanada kamen schon einmal zum Zug und machten dankend Gebrauch von der Gelegenheit. Laut New York Times-Bericht konnte zuletzt Pakistan mit einer Hand voll F16-Kampfjets nach Hause gehen, Afghanistan zog mit 75 bewaffneten Transportfahrzeugen von dannen und Portugal ergatterte eine (entwaffnete) Fregatte. Waffenindustrie hofft auf Folgeaufträge Doch wie jeder weiß können Schnäppchen oft teuer kommen: "Es ist ein Flohmarkt, und daher geben wir keine Garantien ab" wird ein US-State Departement-Sprecher zitiert. Oftmals müssen die Waffen wieder teuer in Stand gesetzt werden. Dies hat auch die US-Rüstungsindustrie erkannt. Wetterte sie vor kurzem noch über die ungewöhnliche Konkurrenz aus dem eigenen Land, freut sie sich jetzt über Folgeaufträge zur Instandsetzung ihrer alten Erzeugnisse. Auch Consultant Joel Johnson, Experte für internationale Waffenverkäufe bei der Teal Group sieht dies positiv: "Anstatt ein Navy-Schiff in ein künstliches Riff zu verwandeln ist es besser, es in ein Dritte-Welt-Land zu schicken und es dann von amerikanischen Firmen wieder aufrüsten zu lassen." Doch nicht alle sehen es derart positiv: Kritiker bezeichnen es als kurzsichtige Strategie zur Gewinnung von Freunden: "Gibt es für die USA keinen anderen Weg, neue Freundschaften zu etablieren?" fragt etwa Danielle Brian von einer Watchdog-Group, die die Ausgaben des Pentagons beaufsichtigt. "Wir bewaffnen Länder die sich ansonsten keine Waffen leisten könnten." Das Pentagon trage mit dem Ausverkauf zur globalen Aufrüstung bei und fördere die Waffenindustrie, so die Kritiker. Denn mit dem Programm erhalten die geförderten Länder einen Vorgeschmack auf Waffen, die sie sich möglicherweise später leisten könnten. | Auch das Pentagon kämpft mit vollen Garagen, und wie andere Bürger auch veranstaltet es einen Flohmarkt. Zum Verkauf: Flugzeuge, Schiffe, Panzer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/waffenabverkauf-kampfjets-im-angebot-1.902195 | Waffenabverkauf - Kampfjets im Angebot | 00/05/2010 |
Nachdem Hans Rudolf Wöhrl die Deutsche BA vor dem finanziellen Aus gerettet hat, tritt der Kleiderhändler nun persönlich an die Spitze von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft. "Er wird das Ruder sicher direkt in die Hand nehmen", sagte ein Sprecher der Deutschen BA (dba) am Dienstag in München. Bis zum offiziellen Übernahmetermin am 1. Juli werde er sich bereits in das Geschäft einarbeiten. Detailansicht öffnen Erfolgreicher Unternehmer und leidenschaftlicher Pilot: Hans Rudolf Wöhrl (Foto: dpa) Der bisherige dba-Chef Martin Wyatt soll zur bisherigen dba-Mutter British Airways zurückkehren. Er hatte erst im Januar den Posten des Hauptgeschäftsführers der dba übernommen. Bis zu seiner Rückkehr nach London soll Wyatt Wöhrl beraten. Der Aufsichtsratschef der Modehauskette Wöhrl hatte die dba am Montag für den symbolischen Kaufpreis von einem Euro von der Muttergesellschaft British Airways übernommen. Die rund 800 Arbeitsplätze sind nach Angaben der dba durch den Besitzerwechsel gesichert. Wöhrl wolle das Unternehmen so schnell wie möglich in die schwarzen Zahlen führen. Sobald dies gelungen ist, will er auch Mitarbeiter und Investoren finanziell an der dba beteiligen. Schon einmal Erfolg gehabt Mit diesem Konzept habe Wöhrl bereits bei dem Nürnberger Flugdienst (NFD), den er 1974 gegründet hatte, Erfolg gehabt. Aus dem NFD ist später die Fluggesellschaft Eurowings hervorgegangen. Die genaue Strategie für die künftige Ausrichtung der dba will Wöhrl im Juli bekannt geben. Der leidenschaftliche Pilot hatte aber bereits angekündigt, dass die Fluglinie künftig keine Tickets zu Dumping-Preisen anbieten werde. "Flüge für einen Euro wird es bei uns nicht geben", sagte der dba-Sprecher. Ob dies die Abkehr von der Strategie des Billigfliegers bedeute, ließ er offen. Mehr Flüge in den Mittagsstunden Künftig will der größte Inlandskonkurrent der Lufthansa mehr Flüge in europäische Ziele anbieten als bisher. Besonders während der Mittagsstunden, in denen die Flugzeuge nicht so stark ausgelastet sind, solle die Produktivität dadurch gesteigert werden. British Airways hatte die deutsche Tochter nach mehr als 10 verlustreichen Jahren zum Verkauf angeboten. Der britische Billigflieger EasyJet hatte sich im vergangenen Jahr eine Kaufoption für die dba gesichert, sich nach eingehender Prüfung aber gegen die Übernahme entschieden. Um die dba verkaufen zu können, sicherte British Airways Wöhrl Zuschüsse im Volumen von 71 Millionen Euro für die Leasingkosten der Flugzeuge und das operative Geschäft zu. (sueddeutsche.de/dpa) | Nachdem Hans Rudolf Wöhrl die Deutsche BA vor dem finanziellen Aus gerettet hat, tritt der Kleiderhändler nun persönlich an die Spitze von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-ba-woehrl-greift-selbst-zum-steuerknueppel-1.903822 | Deutsche BA - Wöhrl greift selbst zum Steuerknüppel | 00/05/2010 |
Im Frühjahr 1989 reiste der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker zur Einweihung des restaurierten Doms nach Greifswald, um die Großherzigkeit des Sozialismus gegenüber überholten Traditionen zu demonstrieren. Zuvor ließ die SED-Zentrale der Kreisleitung diskret den genauen Anfahrtsweg des Gewaltigen durch die Stadt zukommen. Die Provinzkader verstanden - und ließen die zahlreichen verfallenen Altbauten entlang der Route anmalen. Diesem klassischen Potemkinschen Dorf ist nicht unähnlich, was sich heute in Ostdeutschland abspielt, nur unter kapitalistischen Rahmenbedingungen. Die Altbauten sind zwar längst schön saniert. Der Fassadenschwindel ist heute der Arbeitsmarkt der neuen Länder, und die Zauberformel der bunten Illusion heißt ABM, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Oder auch SAM, Strukturanpassungsmaßnahmen. Auch weil ABM von den Betroffenen selbst sarkastisch als "Arbeit bis Mittag" übersetzt wird, spricht man offiziell lieber vom "zweiten Arbeitsmarkt". Fern vom real existierenden Arbeitsmarkt Die Welt der ABM ist dem real existierenden Arbeitsmarkt freilich so fern wie die jetzt fürs Kino neu aufgelegte Schwarz-Weiss-Serie "Raumpatrouille Orion" einem Space-Shuttle-Flug. Selbst wohlwollendste Berechnungen kommen nur auf ein Fünftel der ABM-Kräfte, die nachher irgendwie den Weg in echte Jobs finden, obwohl dies der Sinn und Zweck des Unternehmens sein sollte. Die ehrlichen Zahlen liegen deutlich darunter.Und was tun all die anderen ABM- Beschäftigten? Sie leben in einer virtuellen Arbeitswelt. Sie bewachen Krötenwanderungen und die Nester seltener Vögel; sie streichen das Rathaus an und pflanzen Rhododendren im Park. Sie verschönern den Kindergarten und schaufeln verseuchte Erde fort. Sie tun viele Dinge, die wichtig und verdienstvoll sind, aber leider einen entscheidenden Nachteil haben. Kein privater Arbeitgeber hätte sie je dafür bezahlt. Die ABM-Illusion kostet viel Geld, enorm viel, seit der Wiedervereinigung 138 Milliarden Euro. Das ist mehr als die Hälfte des jährlichen Bundeshaushalts. Verschwendung von Steuergeldern ist niemals gerecht Ist es gerecht, eine derartige Summe in ein Projekt öffentlicher Beschäftigungstherapie zu investieren, das etwa so nachhaltig ist wie der Raubbau am Regenwald? Rein ökonomisch lässt sich diese Frage leicht beantworten: Das Geld des Steuer- und Beitragszahlers zu verschwenden, ist niemals gerecht. Bundes- und Landesregierungen, ob schwarz oder rot, bekamen für diese Ungerechtigkeit einen Gegenwert. Ohne ABM würden sich die Arbeitslosenzahlen deutlich erhöhen, mindestens um die 130.000 Ost-Arbeitnehmer, die derzeit von ABM leben. Daher ist es kein Wunder, dass sich die Ministerpräsidenten Ost gegen die noch bescheidenen Kürzungen von neuneinhalb auf neun Milliarden Euro jährlich verwahren. Und es ist ebenso kein Wunder, dass Wahlkämpfer ihre sonstigen Einsichten über "Scheinarbeitsmärkte" vergessen und auf den Marktplätzen Halberstadts oder Sommershausens lieber Worte im Munde führen wie "soziale Gerechtigkeit" oder "den Osten nicht alleine lassen". Das ist nicht ganz falsch. Würde man die Illusion zerstören und den ABM-Markt der neuen Länder schließen, hätte man zumindest jene Menschen allein gelassen, für die ABM ein Rettungsanker in einem Meer der Arbeitslosigkeit ist. Für sie ist der virtuelle Arbeitsmarkt eine Art ausgleichender Gerechtigkeit - für die verschwundenen Kombinate, für die verheißenen Industrielandschaften, die aber niemals erblühten. Missbrauch Wer von ABM ein Auskommen hat, verdient keine Kritik und keine Häme. Meist bleibt ihm keine Wahl. Kritik verdient die Methode, die vorgaukelt, diese gigantische Sozialmaßnahme könne eine Brücke in den Arbeitsmarkt sein und ließe sich aus den Versicherungssystemen finanzieren. In Wahrheit ist es ein Missbrauch dieser Systeme. Dieser Missbrauch macht eine Überlebenshilfe zum ruinösen Dauerzustand. Er verhindert sogar, dass echte Jobs entstehen. Seit 1990 nahmen mehr als sechs Millionen Ostdeutsche kürzer oder länger Platz im "Maßnahmen-Karussell"; sie drehten eine Runde nach der anderen auf Kosten der öffentlichen Hand. Wo der Staat sie dafür bezahlt, Kirchendächer zu decken, Parks zu pflegen oder Braunkohlebrachen zu sanieren, fasst kein Architektenbüro, kein Landschaftsgärtner und kein Umweltpfleger Fuß. Und ohne solche Firmen entstehen erst recht keine Jobs. So ist der "zweite Arbeitsmarkt" wie eine sich selbst erfüllende Prophezeihung: Weil es ihn gibt, wird der Zustand, den er erreichen helfen sollte, niemals eintreten. | Die staatliche Hilfsmaßnahme für Erwerbslose verhindert die Entstehung neuer Jobs. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-zur-gerechtigkeit-folge-5-die-abm-illusion-kostet-milliarden-1.900139 | SZ-Serie zur Gerechtigkeit, Folge 5 - Die ABM-Illusion kostet Milliarden | 00/05/2010 |
Nach der panikartigen Flucht Mitte Mai locken Banken die Investoren mit bis zu 17 Prozent Zinsen - doch vor allem das Wechselkursrisiko ist noch immer beträchtlich. Nachdem die türkischen Finanzmärkte sich in den jüngsten Wochen wieder stabilisiert haben, hat Merrill Lynch jetzt als eine der ersten großen Investmentbanken und Fondsgesellschaften ein vorsichtiges Entwarnungssignal gegeben: "Die politische Antwort auf die Marktturbulenzen ist positiv, sie wird die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Krise begrenzen", heißt es in einer Kurz-Analyse. Gleichzeitig hat Merrill Lynch in ihrem Modell-Portfolio den Anteil der türkischen Euro-Anleihen wieder etwas angehoben. Detailansicht öffnen Blick auf die Börse in Istanbul. (Foto: Foto: dpa) Auch bei der DWS, der Fonds-Tochter der Deutschen Bank, ist man zuversichtlich für die türkischen Finanzmärkte. Die DWS gehört zu den wenigen mit einem speziellen Fonds für türkische Aktien. "Mittlerweile schaut der Markt wieder mehr auf die fundamentalen Daten", hieß es dort. Wechselkurs erholt Ein DWS-Sprecher verwies auch darauf, dass sich der Wechselkurs der (neuen) türkischen Lira in jüngster Zeit wieder erholt hat. Vor Ausbruch der Krise war die Währung bis auf 0,64 Euro pro Lira geklettert. Mitte Mai stürzte sie dann um 27 Prozent bis auf 0,47 Euro ab. Inzwischen aber steht die türkische Währung wieder bei 0,52 Euro. Die großen türkischen Aktien gehörten von 2003 bis zum Ausbruch der Krise aufgrund des Zustroms von Auslandskapital zu den Stars weltweit. Im Zuge der Marktturbulenzen hatten die Papiere fast ein Drittel ihres Wertes eingebüßt; in jüngster Zeit hat sich die Börse Istanbul auf niedrigerem Niveau stabilisiert. Gemessen an den Verhältnissen der Jahre 2002 bis 2004 sind sie aber hoch. Die großen türkischen Aktien weisen oft nur 20 bis 30 Prozent Streubesitz auf, und der lag zeitweise überwiegend bei ausländischen Fondsgesellschaften. Krise durch Zinserhöhungen Zur Krise der türkischen Finanzmärkte war es gekommen, als internationale Anleger im Zuge der amerikanischen Zinserhöhungen Geld aus Schwellenländern abzogen. Im Fall der Türkei kam hinzu, dass Verhandlungen über einen türkischen EU-Beitritt stockten. Für die britische Fondsgesellschaft F&C Investments mahnen die Fundamentaldaten auch weiter zur Vorsicht: "Das Leistungsbilanzdefizit der Türkei ist mit sieben Prozent des Sozialprodukts sehr hoch", sagt Helene Williamson, die bei F&C den Bereich Schwellenländer-Anleihen leitet. Währung im Sommer stabil Zumindest den Sommer über, wenn die Tourismus-Einnahmen hoch sind, werde die Währung stabil bleiben. Wenn weltweit die Zinsen weiter steigen sollten, werde es Ankara aber schwer fallen, das Defizit zu finanzieren, zumal die Importnachfrage - vor allem Öl und Ölprodukte - kaum auf die in türkischer Lira gerechnet deutlich höheren Preise reagiere. "Die Anleihen anderer Märkte bieten bessere Chancen", urteilt die Expertin. Um den Wechselkurs zu stabilisieren und den Kapitalabfluss zu stoppen, hat die türkische Zentralbank ihre Leitzinsen um 4,25 bis 6,25 Prozentpunkte angehoben. Sie liegen jetzt bei 17,25 bis 20,25 Prozent. Allerdings liegt auch die Inflationsrate in der Größenordnung von zehn Prozent; sie könnte wegen der Währungsabwertung noch steigen. Erhofft hatte die Zentralbank fünf Prozent. Deutsche Anleger können zwar über Muttergesellschaften von türkischen Banken Zinssätze von mehr als 17 Prozent bekommen - allerdings ohne Einlagenschutz wie in Deutschland. | Nach der panikartigen Flucht Mitte Mai locken Banken die Investoren mit bis zu 17 Prozent Zinsen - doch vor allem das Wechselkursrisiko ist noch immer beträchtlich. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vorsichtige-entwarnung-anleger-kehren-in-die-tuerkei-zurueck-1.899267 | Vorsichtige Entwarnung - Anleger kehren in die Türkei zurück | 00/05/2010 |
Das 7000-Seelen-Dorf Pfäffikon in der Schweiz verwaltet ein Vermögen von 50 Milliarden Dollar - denn Firmen aus aller Welt sparen hier Steuern. Die Merkwürdigkeiten beginnen gleich hinter dem Bahnhof: Links grasen ein paar Kühe, rechts steht ein 15-stöckiges Wohnsilo, das ziemlich schäbig aussieht. Dazwischen verkauft Othmar Batschelet in seiner "Autogalerie" Karossen der Marken Rolls-Royce und Bentley. Prunkstück in Batschelets Schaufenstern ist gerade ein Bentley des Jahrgangs 1955 ohne Preisschild. Einen Steinwurf entfernt hat noch ein einzelnes Bauernhaus mit prachtvollen Geranien vor den Fenstern die Jahrhunderte überdauert. Umzingelt wird es inzwischen von Bürogebäuden, eines hässlicher als das andere. In einem sitzt Bankier Konrad Bächinger. "Das entwickelt sich hier beinahe zu einer Mini-Wall-Street", sagt er und deutet zum Fenster hinaus. Es ist erst einmal ein gewagter Vergleich. Denn Bächinger meint Pfäffikon, ein Schweizer Dorf. Es zählt 7083 Einwohner, 421 Post-Schließfächer und drei Fabrikruinen. Mittags herrscht auf den Straßen friedliche Ruhe. Doch hinter etlichen Fassaden jonglieren hier Banker mit Milliarden. Für die Finanzminister ein Alptraum Für ein paar Finanzakrobaten haben sich in Pfäffikon schon die Träume vom großen Geld erfüllt - ganz wie an der Wall Street. Für die Finanzminister der Nachbarstaaten ist das Dorf dagegen ein Albtraum: Wer hier statt zum Beispiel in Deutschland sein Domizil aufschlägt, kann Millionen an Steuern sparen. Und das freut auch nicht alle Einheimischen. "Versuch' nicht, in das Zentrum von Pfäffikon zu fahren, du wirst nie ankommen", hatten Freunde gewarnt. Denn: Es gibt keines. In den siebziger Jahren und noch lange danach durften die Leute in Pfäffikon offenbar bauen, wie sie wollten.Sie bauten vor allem so, dass diese Grundstücke bis zum Äußersten ausgenutzt werden und maximalen Ertrag abwerfen. Dorfgestaltung interessierte keinen. Der Ort selbst zumindest ist leicht zu finden: Er liegt nur 30 Minuten von Zürich entfernt, am anderen Ende des Sees. Früher war es die falsche Seite. "In meiner Jugendzeit hatten die Leute ein karges Leben", erinnert sich Bächinger, der in Sichtweite der Dorfes aufgewachsen ist. Noch heute heißt die Gegend des damaligen Industriesmogs wegen Pfnüsel- (Schnupfen-) Küste. Mittlerweile aber liegt Pfäffikon ideal: Dank Autobahn und Schnellzug-Stopp dauert die Fahrt nach Zürich nur 30 Minuten, und am Flughafen ist man in 45 Minuten. "Von der Londoner City nach Heathrow braucht man länger", fällt Bächinger als erster Standortvorteil ein. Gleichzeitig liegt Pfäffikon hinter einem unsichtbaren Schlagbaum: Nicht mehr im Kanton Zürich, sondern in der Schwyz, einem Kanton, den Touristen gerne mit Heidi-Idylle assoziieren. Bei der EU-Kommission in Brüssel und bei manchen Unternehmensberatern ist die Schwyz dagegen wegen ihrer Steuervorteile bekannt. Briefkastenfirmen boomen So kommt es, dass die 421 Schließfächer im Postamt gar nicht ausreichen für die 7083 Einwohner. Auf den Briefkästen der Bürogebäude rundum stehen oft gleich drei oder vier Firmennamen untereinander. Ein Blick ins Handelsregister zeigt, dass nicht wenige der Firmen Deutschland-Bezug haben. "Schauen Sie sich um", sagt Marco Walser, "der Platz für Industriefirmen ist bei uns knapp, deshalb gibt es natürlich viele Domizilgesellschaften." Domizilgesellschaft ist die politisch korrekte Umschreibung für Firmen, die nicht mehr tun, als Zinsen, Lizenzeinnahmen oder etwa Dividenden - vorwiegend aus dem Ausland - zu vereinnahmen. Walser kennt die Firmen des Ortes, schließlich ist er Treuhänder, im Nebenberuf amtiert er als Säckelmeister. Sprich, er ist das für Finanzen zuständige Gemeinderatsmitglied. Die Briefkastenfirmen gehören zum Schweiz-Mythos wie das Bankgeheimnis, und inzwischen stehen sie unter massivem Beschuss aus Brüssel. Für Walsers Säckel bilden sie trotz ihrer großen Zahl nur ein dünn bestrichenes Zubrot. Weit mehr Geld bringen hier die Firmen, die tatsächlich in dem Dorf tätig sind. Dazu gehört etwa der Hightech-Maschinenbaukonzern OC Oerlikon; er hat vor einigen Jahren sein Hauptquartier nach Pfäffikon verlegt. Im Neubau gegenüber residieren Bächinger und seine Mitarbeiter von der LGT Group; die LGT ist gewissermaßen die Privatbank des Fürstenhauses von Liechtenstein. In Pfäffikon, nur 45 Minuten entfernt vom Vaduzer Hauptquartier, verwaltet das Institut große Vermögen und legt Geld bei Hedgefonds und sogenannten Private-Equity-Fonds an, also bei Kapitalsammelbecken für Großanleger, die ihrerseits Geld wieder an der Börse, in Finanzwetten oder Firmen investieren. | Das 7000-Seelen-Dorf Pfäffikon in der Schweiz verwaltet ein Vermögen von 50 Milliarden Dollar - denn Firmen aus aller Welt sparen hier Steuern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/steuerparadies-in-der-schweiz-die-wall-street-von-pfaeffikon-1.879292 | Steuerparadies in der Schweiz - Die Wall Street von Pfäffikon | 00/05/2010 |
Seitdem es in Deutschland talwärts geht, ziehen immer mehr Jobsucher gen Süden in die Alpenrepublik, die sie früher nur als Urlaubsidyll kannten. Die beiden Kerle waren furchtbar lästig. Andauernd bekrittelten sie ihre Sprechweise, alberten herum, ob Sächsisch überhaupt unter die erlernbaren Idiome falle und ob Menschen aus dem Südosteck Norddeutschlands überhaupt je einen "zivilisierten" Sprachgebrauch erwerben könnten. Detailansicht öffnen Die Melange will gebracht und abkassiert werden: Immer mehr Deutsche erledigen dies in Österreich. (Foto: Foto: AP) Eines Tages stellte Liesl die beiden Burschen aus dem Tiroler Wipptal dann ziemlich spitz zur Rede wegen ihrer verletzenden Art - und die waren ganz verdattert. Denn wieder einmal war da dieses immerwährende Missverständnis zwischen Nord und Süd im deutschen Sprachraum: Die jungen Männer hatten das Fräulein aus dem Nordosten keineswegs kränken wollen; sie wollten, wie man so sagt, mit ihr anbandeln, denn Traudl ist ein schmuckes Weibsbild. Und anbandeln kann man am besten, indem man jemanden neckt, und da war ihnen nichts Dümmeres eingefallen, als die Sache mit dem Dialekt. Dicht ausgebaute Urlaubsregion Das Wipptal, das sich von Innsbruck den Brenner hinaufzieht, ist eine der am dichtesten ausgebauten Urlaubsregionen der Alpen, sowohl von länger verweilenden wie auch von durchreisenden Gästen genutzt. Liesl hat sich zur Arbeit hier anwerben lassen vom Österreichischen Arbeitsmarkt Service (AMS), der sie von einem kleinen Ort nahe Görlitz an der polnischen Grenze nach Tirol vermittelte. Und eigentlich heißt sie gar nicht Liesl - ihr Vorname wurde sogleich ortsüblich eingemeindet, und den Nachnamen möchte sie nicht genannt wissen. Im Wipptal hat sie Arbeit gefunden, die zu Hause nicht zu haben war. Deutsche sind nach Türken und Menschen aus dem früheren Jugoslawien längst die drittgrößte Gruppe von Gastarbeitern in Österreich. Und sie sind ins Gerede gekommen, weil Martin Bartenstein, Wirtschaftsminister der Republik, das Ansteigen der - immer noch erfreulich niedrigen - Arbeitslosigkeit in Österreich hauptsächlich als Folge dessen darzustellen suchte, dass so viele Kräfte aus dem krisengeschüttelten Deutschland zum Arbeiten ins Land strömten. Zum Dienst als Frühmamsell Liesl lebt hier bereits ein Jahr. Dass eine Schorle hier Gspritzter heißt, dass es sich bei Fisolen und Karfiol um Brechbohnen und Blumenkohl handelt, hat sie schnell gelernt. Sie arbeitet als Bedienung in einem respektablen Nachmittags- und Abendlokal, in dem es oft spät werden kann. So geht sie manchmal gar nicht zu Bett, bevor sie früh morgens ihren zweiten Dienst als "Frühstücksmamsell" in einem Hotel antritt. Dass sie zwei Arbeitsplätze hat, sollten ihre jeweiligen Arbeitgeber besser nicht wissen, drum soll der Name auch nicht bekannt werden. Doch dieser Fleiß! Damit passt die 28-Jährige ziemlich genau in das Bild, das Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter in Tirol und ganz Österreich von den Tausenden Deutschen zeichnen, die signifikant ihren Platz gewechselt haben: Früher standen sie ausschließlich als Gäste vor der Bar-Theke, jetzt stehen sie zum Arbeiten auch dahinter. Fritz Dinkhauser, der seines impulsiven Temperaments wegen weithin bekannte konservative Präsident der Tiroler Arbeiterkammer, sagt: "Die Deutschen sind unglaublich motiviert. Die schuften rund um die Uhr. Manchmal tun sie mir richtig leid." "Vorgarten von Berlin" Die Arbeiterkammer, in der in Österreich ein jeder Arbeitnehmer zur Mitgliedschaft verpflichtet ist, registriert allein in Tirol 8000 Deutsche in Festanstellung, dazu noch etwa tausend Lehrlinge. "Die fangen schon in der Krippe bei uns an", scherzt Dinkhauser und nennt dies "eine friedliche deutsche Invasion", die aus "Tirol einen Vorgarten von Berlin" macht. "Sehr brav, sehr willig und billig, aber nicht unter Tarif" - so arbeiten die Deutschen, soweit die Arbeiterkammer das einschätzen kann. "Die haben es nicht leicht, aber das stecken die weg", meint Dinkhauser. Und den Tirolern, macht denen die Arbeitskräftekonkurrenz etwas aus? "In den Tälern", sagt Dinkhauser, "kann es fast einen Verdrängungswettbewerb geben." Da kämen jetzt Konkurrenten, die nicht, wie früher Türken oder Jugoslawen, angelernt werden müssten und letztlich oft nur als Tellerwäscher oder für ähnliche niedere Dienste eingesetzt würden. "Vernünftiges Auftreten" "Da kommen Leute, die Deutsch sprechen, die oft sogar gebildet sind, die froh sind über die Arbeit, die höflich sind und ein vernünftiges Auftreten haben. Die arbeiten gut und sind interessante Arbeitnehmer." | Seitdem es in Deutschland talwärts geht, ziehen immer mehr Jobsucher gen Süden in die Alpenrepublik, die sie früher nur als Urlaubsidyll kannten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zielland-oesterreich-der-deutsche-gast-raeumt-ab-1.906679 | Zielland Österreich - Der deutsche Gast räumt ab | 00/05/2010 |
Die Lokführergewerkschaft GDL wird während der Vermittlung nicht streiken. Man hoffe, dass es schon in der kommenden Woche erste Gespräche gebe. Der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) und der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler sollen im Tarifkonflikt der Bahn vermitteln. Detailansicht öffnen Soll mit Kurt Biedenkopf den Streit zwischen Bahn und Gewerkschaft schlichten: Heiner Geißler (Foto: Foto: dpa) Die Gewerkschaft GDL teilte daraufhin mit, dass die Streiks ab sofort für die Dauer der Gespräche ausgesetzt würden. Ein zweistündiger Streik bei den S-Bahnen in Hamburg und Berlin führte am Donnerstagmorgen zu zahlreichen Ausfällen. Lahmgelegt wurde der S-Bahnverkehr jedoch nicht. Zuvor war Geißler von der GDL, Biedenkopf von der Bahn als Vermittler vorgeschlagen worden. Beide Seiten wollten zunächst ihren jeweiligen Kandidaten als alleinigen Vermittler durchsetzen, konnten sich aber auf keinen der beiden verständigen. "Absolut integre Persönlichkeit" GDL-Chef Manfred Schell sprach sich für Geißler aus, weil der 77-Jährige "eine absolut integre Persönlichkeit, und vor allem unparteiisch" sei. Er verwies zudem auf dessen Erfahrung in Tarifkonflikten. Geißler war unter anderem bis zum vergangenen Jahr Schlichter in der Baubranche. Die Bahn favorisierte den früheren Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, der bereits 2003 und 2006 bei der Bahn geschlichtet hatte. Der GDL-Chef wollte sich aber dessen alleiniger Verhandlungsführung nicht anvertrauen. Die Gewerkschaft hatte bereits im Konflikt 2003 um einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer gekämpft. Biedenkopf hatte diese Forderung jedoch nicht in seinen Schlichterspruch aufgenommen. Vermittlerrolle Diesmal wird die Aufgabe ohnehin eine andere sein: Biedenkopf wie Geißler sollen nur als Vermittler agieren, die beide Seiten zunächst wieder zu Gesprächen zusammenbringen. Geißler sagte der Süddeutschen Zeitung, Ziel der Verhandlungen werde sein, "das notwendige Mindestmaß an Vertrauen zwischen Unternehmen und Belegschaft wieder herzustellen". Ohne dieses Vertrauen könne das wichtigste Transportunternehmen der Republik nicht florieren. "Es geht um eine Befriedung", sagte er. Ein Schlichtungsabkommen war von der GDL im Mai 2006 gekündigt worden. An einer neuen Vereinbarung hat sie kein Interesse, weil sie bei einer Schlichtung sofort friedenspflichtig wäre. Am Donnerstag wollte die GDL eigentlich mit ihrem unbefristeten Streik im Güterverkehr beginnen. Nachdem die Arbeitsgerichte Nürnberg und Chemnitz Streiks jedoch am Mittwoch untersagt hatten, musste sie sich am Donnerstag auf die S-Bahnen in Berlin und Hamburg beschränken. Hälfte der Züge fiel aus Dort werden die S-Bahnen von anderen Tochter-Unternehmen der Bahn betrieben als von jenen, die vor die Gerichte gezogen waren. Die Arbeitsniederlegungen zwischen acht und zehn Uhr führten in Hamburg dazu, dass zeitweise die Hälfte der Züge ausfiel. In Berlin gab es zahlreiche Ausfälle vor allem in den inneren Bezirken. Die GDL will gegen beide einstweiligen Verfügungen vorgehen. In Nürnberg berät das Arbeitsgericht bereits an diesem Freitag über ihren Einspruch. Da die Verhandlung jedoch von derselben Richterin geleitet wird, die am Mittwoch die Verfügung erließ, werden dem Einspruch wenig Chancen eingeräumt. Die GDL würde dann Berufung vor dem Landesarbeitsgericht einlegen. Durch die Verfügung sah sich auch der DGB gezwungen, der GDL - die ihm nicht angehört - zumindest indirekt beizuspringen. Beim DGB wird der Streik als egoistischer Versuch von GDL-Chef Schell gesehen, sich ein Denkmal zu setzen. "Geradezu gefährlich" Weil das Nürnberger Arbeitsgericht die Streiks mit der Begründung verbot, sie könnten "in der Hauptreisezeit zu immensen wirtschaftlichen Schäden" führen, sah sich DGB-Chef Michael Sommer veranlasst, das Streikrecht grundsätzlich zu verteidigen. Die Begründung sei "geradezu gefährlich". Es sei doch der Sinn von Streiks, ökonomischen Druck auf Arbeitgeber auszuüben. Die Gewerkschaften würden das verfassungsrechtlich garantierte Streikrecht "mit allen Mitteln gegen jeden verteidigen, der es einschränken will", sagte Sommer. Schell zeigte sich kompromissbereit, was die Auseinandersetzung um Lohnerhöhungen betrifft. Die geforderten 31Prozent seien "eine Zahl, die nie in Erfüllung gehen wird", sagte er dem Fernsehsender N24: "Niemand unserer Mitglieder rechnet damit, dass wir 31 Prozent erzielen werden." Er wolle einen eigenen Tarifvertrag, alles andere sei verhandelbar. | Die Lokführergewerkschaft GDL wird während der Vermittlung nicht streiken. Man hoffe, dass es schon in der kommenden Woche erste Gespräche gebe. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bahnstreik-biedenkopf-und-geissler-vermitteln-1.903762 | Bahnstreik - Biedenkopf und Geißler vermitteln | 00/05/2010 |
Die Regierung will die süßen Mixgetränke auf Basis von Wodka, Whiskey oder Rum, mit einer Sondersteuer belegen. Den Tabakkonzernen wird zudem verboten, Zigaretten in Minipackungen zu verkaufen oder diese als Werbung kostenlos in Kneipen zu verteilen. Die Drogenbeauftragte der Regierung, Gesundheitsstaatssekretärin Marion Caspers-Merk, sagte der Süddeutschen Zeitung, dass in ihrem Ministerium ein entsprechendes Gesetz vorbereitet werde. Dieses soll noch im Frühjahr vom Kabinett verabschiedet werden. "Wir beobachten, dass Jugendliche immer früher mit dem Rauchen oder dem Rauschtrinken beginnen. Inzwischen ist dies schon bei 13- oder 14-Jährigen üblich", erklärte Caspers-Merk. Dieser Entwicklung wolle man Einhalt gebieten. Caspers-Merk hatte bereits vor einigen Wochen angekündigt, dass sie eine entsprechende Gesetzesinitiative anstoßen wolle. Erhebliche Vorbehalte Offenbar gibt es allerdings insbesondere bei Finanzminister Hans Eichel erhebliche Vorbehalte gegen eine neue Abgabe, aber auch gegen schärfere Vorschriften für die Tabakindustrie. Sein Sprecher erklärte, es gebe dazu "noch keine Festlegung irgendwelcher Art". Es existiere kein Gesetzentwurf, sondern nur ein "Rohteilentwurf", der eines von mehreren möglichen Modellen skizziere. Caspers-Merk allerdings bestätigte der SZ, dass auf alle alkoholhaltigen Süßgetränke ab dem Sommer diesen Jahres eine zusätzliche Abgabe von rund einem Euro pro 0,3-Liter-Flasche erhoben werden soll. Sie begründete dies mit der besonderen Verantwortung, die die Regierung im Bereich des Jugendschutzes habe. Beliebte Drinks Eine repräsentative Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärunghatte jüngst gezeigt, dass diese Drinks, die von den Herstellern aus alkoholfreien Erfrischungsgetränken sowie hochprozentigen Alkoholika zusammengemischt werden, zu den beliebtesten Drinks unter den 14- bis 17-Jährigen zählen. Die bunten Süßgetränke, die "Rigo", "Breezer" oder "Smirnoff Ice" heißen, sind unter den Heranwachsenden mittlerweile populärer als Wein, Bier oder Sekt. Mit der Sondersteuer will die Regierung die Mixdrinks nun wieder aus dem Markt drängen. Die Hersteller sollen sich außerdem verpflichten, die Süßgetränke einheitlich zu kennzeichnen und deutlich auf den alkoholischen Inhalt hinzuweisen. Die Mixgetränke haben meist schrille Farben, ihr Alkoholgehalt entspricht mit fünf Prozent ungefähr dem von Bier. Verbot von Kleinpackungen Der Untersuchung der Gesundheitszentrale zufolge erwirbt jeder zweite Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren mindestens einmal im Monat Alcopops, obwohl die Getränke nur an Erwachsene verkauft werden dürfen. Eine Studie des Bielefelder Jugendforschers Klaus Hurrelmann sieht auch Kinder unter den Konsumenten. Demzufolge trinken 3,6 Prozent aller 11-jährigen Jungen regelmäßig die Mixgetränke, bei den 13-Jährigen sind es schon 8,2 Prozent. Das Aufkommen der Schnapslimos sei einer der Hauptgründe für den Anstieg des Alkoholkonsums bei Kindern. Dies sieht auch Caspers-Merk so: "Die Produkte sind lecker, sind poppig, sind süß, schultaschengängig und taschengeldfähig", so die Drogenbeauftragte. Als Vorbild für die Sonderabgabe dienen dabei Frankreich und die Schweiz. So sei, wie im Gesundheitsministerium berichtet wird, die Nachfrage nach den bunten Süßdrinks in Frankreich aufgrund der Extrasteuer zusammengebrochen. Die deutsche Getränkelobby hatte deswegen bereits vor Wochen vor einem ähnlichen Schritt in Deutschland gewarnt. Verbot geplant "Mit Steuern kann man keine Gesundheitspolitik machen, das ist der falsche Weg", urteilte der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie. Auch im Bereich der Tabakwerbung will die Regierung hart durchgreifen. So soll den Herstellern untersagt werden, ihre Produkte zu Werbezwecken kostenlos zu verteilen. Vor allem in Kneipen sind abends zahlreiche Werbeteams der Zigarettenhersteller unterwegs, um Kleinpackungen zu verteilen. Auch der Verkauf dieser Mini-Packungen soll per Gesetz verboten werden, stattdessen will das Gesundheitsministerium einen Mindestinhalt von 19 Zigaretten vorschreiben. Optisch niedrig Caspers-Merk will damit verhindern, dass die Tabakindustrie den Preis von Zigaretten durch die kleineren Packungsgrößen optisch niedrig und somit gerade für Jugendliche attraktiv hält. "Die anstehende Tabaksteuererhöhung darf für die Zigarettenindustrie kein Signal sein, nun mit kleineren Packungen auf den Markt zu kommen", sagte die Drogenbeauftragte . Caspers-Merk will zudem verbieten, dass, wie in Großbritannien, Kioske in der Nähe von Schulen Zigaretten stückweise verkaufen. Besorgte Eltern hätten dem Ministerium berichtet, dass es solche Fälle inzwischen auch in Deutschland gebe. | Die Regierung will die süßen Mixgetränke auf Basis von Wodka, Whiskey oder Rum, mit einer Sondersteuer belegen. Den Tabakkonzernen wird zudem verboten, Zigaretten in Minipackungen zu verkaufen oder diese als Werbung kostenlos in Kneipen zu verteilen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/jugendschutz-steuer-auf-alcopos-geplant-1.899388 | Jugendschutz - Steuer auf Alcopos geplant | 00/05/2010 |
Zwei ungleiche Energiebosse streiten sich: Wie marode war die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) beim Machtwechsel vor zwei Jahren? Im Streit um den Zustand des Energiekonzerns EnBW bei der Übernahme durch den neuen Chef Utz Claassen (41) hat sein Vorgänger jetzt einen Punktsieg errungen. Die Mannheimer Staatsanwaltschaft bestätigte am Donnerstag, dass sie seit März gegen Claassen wegen des Verdachts der Bilanzfälschung ermittelt. Detailansicht öffnen Utz Claassen und Gerhard Goll. (Foto: Foto: ddp) Die Behörde kennt sich in dem Thema aus: Wegen des selben Verdachts wird schon länger gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Gerhard Goll (62) ermittelt. Kern des Streits zwischen den ungleichen Energiebossen ist die Frage: Wie marode war die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) beim Machtwechsel vor zwei Jahren? Plötzliche Schieflage Nach der Halbjahresbilanz 2003, die Claassen kurz nach seinem Amtsantritt vorlegte, ergab sich plötzlich eine finanzielle Schieflage: Der ehemalige Unternehmensberater und gelernte Diplom-Ökonom entdeckte Ertragsrisiken, die vorher so nicht gesehen worden waren. Nach seiner Rechnung klaffte in der Bilanz ein Loch von rund einer Milliarde Euro. Wertberichtigungen nahm der schwergewichtige Sanierer, der sich wegen seiner durchgreifenden Art auch schon den Spitznamen "Rambo" eingehandelt hat, etwa bei der Beteiligung an den Stadtwerken Düsseldorf vor. Auch die inzwischen "beerdigte", einst als Wundermüllofen gepriesene Thermoselect-Anlage bewertete er anders als sein Vorgänger. Später trennte sich Claassen auch von einer Reihe der unter Goll gekauften Beteiligungen. Probleme eingeräumt Der räumte zwar Probleme ein. Um im liberalisierten Strommarkt mit Konkurrenten wie RWE oder E.ON mithalten zu können, hätten Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptaktionäre aber einen Wachstumskurs für nötig gehalten. | Zwei ungleiche Energiebosse streiten sich: Wie marode war die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) beim Machtwechsel vor zwei Jahren? | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/enbw-rambo-gegen-leisetreter-1.906814 | EnBW - Rambo gegen Leisetreter | 00/05/2010 |
Am Wochenende haben sich die Finanzminister der EU getroffen. Auf einen Kandidaten für die IWF-Nachfolge konnten sie sich aber nicht einigen. Obwohl Franzosen und Deutsche Jean Lemierre auf den Schild heben wollen, bleibt auch Spaniens Ex-Finanzminister Rodrigo Rato Kandidat. Nun sollen die übrigen IWF-Mitglieder entscheiden. Die EU-Finanzminister zogen sich am Wochenende auf eine Pferderennbahn außerhalb der irischen Hauptstadt Dublin zurück, um über die Nachfolge Horst Köhlers beim Währungsfonds zu pokern. "Wetten Sie hier!" begrüßte ein Schild die 15 Ressortchefs. Und ihre Auswahl an Möglichkeiten war ähnlich groß wie die der Pferdefreunde, die hier sonst auf Rassetiere namens "Al Capone" oder "Stop that Nonsense" setzen. Frankreich bekannte sich erstmals offiziell zu seinem Bewerber Jean Lemierre, dem bisherigen Präsidenten der Osteuropabank. Lemierre — ein Technokrat Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) unterstützte den Kandidaten, der "als Technokrat" am ehesten der Tradition des Währungsfonds entspreche, der selten Politiker an seiner Spitze gehabt habe. Belgien und die Niederlande machten sich dagegen für eine politische Lösung stark, den ehemaligen spanischen Finanzminister Rodrigo Rato. "Wir haben einen exzellenten Kandidaten und einen anderen", sagte der belgische Ressortchef Didier Reynders. Damit ist Rato wieder im Gespräch, nachdem das Wirken der deutsch-französischen Achse seine Chancen zunächst stark zu dezimieren schien. Frankreich hat zwar bereits drei Mal und insgesamt über dreißig Jahre lang den IWF-Vorsitz besetzt und stellt auch den Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Bundeskanzler Gerhard Schröder beugt sich dennoch den französischen Machtansprüchen, weil er mit Hilfe von Präsident Jacques Chirac einen Vizepräsidenten für Wirtschaftsreformen in der nächsten EU-Kommission installieren will. Das Patt ihrer beiden Bewerber wollen die Europäer jetzt in Konsultationen mit den übrigen Mitgliedsländern des Währungsfonds auflösen. "Nach dem Echo, das die beiden Kandidaten in der ganzen Welt finden, werden wir entscheiden, wer von den beiden der europäische Kandidat ist", sagte Eichel. Auch Italien will Bewerber stellen Das Gerangel um die IWF-Nachfolge ist nach den Beratungen eher noch komplizierter geworden. Die italienische Regierung meldete gleichfalls Interesse an, selbst noch einen Bewerber zu nominieren, aller Wahrscheinlichkeit nach EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti. Die endgültige Entscheidung wollen die Finanzminister beim Jahrestreffen der Osteuropabank in zwei Wochen treffen. Bei den Beratungen der Finanzminister zeigte sich, dass sich die Haushaltslage der zwölf Eurostaaten zunehmend verschlechtert. "Die Hälfte aller Länder wird dieses Jahr ein Defizit von mehr als drei Prozent erzielen", sagte Eichel. Strafverfahren laufen bereits gegen Deutschland, Frankreich und Portugal, die die Defizitgrenze zum Teil mehrfach verletzt haben. Gegen die Niederlande könnte die EU-Kommission am Mittwoch ein Strafverfahren einleiten, weil das Land 2003 mit 3,2 Prozent Defizit die Obergrenze des Stabilitätspakts überschritten hat. Wahrscheinlich ist auch eine Frühwarnung gegen Italien, das 2004 nach Einschätzung der Kommission die Drei-Prozent-Grenze verletzen dürfte. Gespalten waren die Finanzminister über die künftige EU-Finanzierung. Die Hälfte der derzeit 15 Mitgliedsstaaten lehnte den Vorschlag der Brüsseler Kommission ab, die Ausgaben von heute 100 Milliarden auf über 140 Milliarden Euro zum Ende der nächsten Finanzperiode im Jahr 2013 zu erhöhen. Neben großen Nettozahlern wie Deutschland und Großbritannien ließen auch Dänemark und Italien einen Willen zum Sparen erkennen. Südliche Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland unterstützten den Vorschlag der Kommission. Noch unklar ist die Haltung kleinerer Länder wie Luxemburg, Belgien oder Finnland. Nach der Erweiterung am 1. Mai stoßen zehn weitere Nettoempfänger zur Union, die sich zum großen Teil auch auf die Seite Brüssels schlagen dürften. Der irische EU-Vorsitz will bis zum Gipfel der Staats- und Regierungschefs Ende Juni einen Bericht zu der umstrittenen Haushaltsplanung vorlegen. | Am Wochenende haben sich die Finanzminister der EU getroffen. Auf einen Kandidaten für die IWF-Nachfolge konnten sie sich aber nicht einigen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/irland-zweikampf-um-die-iwf-spitze-1.916803 | Irland - Zweikampf um die IWF-Spitze | 00/05/2010 |
Ausländische Anleger, die sich in den vergangenen Jahren gewichtige Aktienpakete gesichert hatten, setzen zunehmend ihre Vorstellungen durch - zuletzt nun beim Maschinenbauer IWKA. Bei der Deutschen Börse verhinderte der britische Hedge-Fonds TCI die Fusion mit der Londoner Börse und stürzte kurz darauf das Management. Detailansicht öffnen Guy Wyser-Pratte gilt als agressiver Investor, der seine Interessen unbeugsam durchsetzt. (Foto: Foto: AP) Nun kapitulierte auch der Vorstandschef des Maschinenbauers IWKA, Hans Fahr, angesichts der Dauerkritik des US-Investors Guy Wyser-Pratte an der Unternehmensstrategie. In den kommenden Monaten dürften weitere Unternehmen die Macht der Anleger zu spüren bekommen. "Wir haben über Jahrzehnte unsere Aktien ins Ausland verkauft, diese Anleger werden in Zukunft ihre Rechte intensiver wahrnehmen", sagt der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Ulrich Hocker. Vermummungsverbot für Investoren Jedoch müssten auch spekulative Anleger, etwa Hedge-Fonds, ihre Ziele offen legen: "Es muss ein Vermummungsverbot auch für diese Investoren geben." Guy Wyser-Pratte, der rund 6,5 Prozent der IWKA-Aktien hält, macht aus seinen Zielen keinen Hehl. Er verlangt, dass sich der Konzern mit seinen 12.000 Mitarbeitern auf die Roboter-Sparte konzentriert und andere Bereiche verkauft. Schon bei anderen Unternehmen war der US- Investor durch Unnachgiebigkeit aufgefallen. "Wacht auf und riecht das Napalm", drohte der Ex-Offizier einst dem Management eines französischen Unternehmens. "Es ging damals darum, den Verantwortlichen unmissverständlich zu sagen, dass sie ihren Job schlecht machen", verteidigte er später in einem Interview und ergänzte: "Ich orientiere mich an der Gefechtstaktik der Marines." US-Investor setzt sich durch Mit dem überraschenden Rücktritt des IWKA-Vorstandschefs kurz vor Beginn der Hauptversammlung am Freitag in Karlsruhe dürfte es dem US-Investoren gelungen sein, dem deutschen Unternehmen den Kurs vorzugeben. "Das ist ein neues Phänomen", sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Nach ihrer Auffassung werden US-Investoren vor allem durch Unterschiede in den Rentensystemen gelockt. "In den USA gibt es eine Menge Gelder, die angelegt werden müssen." In Deutschland würden Rentenrückstellungen von Firmen dagegen in der Regel nicht am Aktienmarkt angelegt. | Ausländische Anleger, die sich in den vergangenen Jahren gewichtige Aktienpakete gesichert hatten, setzen zunehmend ihre Vorstellungen durch - zuletzt nun beim Maschinenbauer IWKA. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/investorendruck-auf-manager-wenn-der-ledersessel-zum-schleudersitz-wird-1.905746 | Investorendruck auf Manager - Wenn der Ledersessel zum Schleudersitz wird | 00/05/2010 |
Das Bundesbankgesetz garantiert der deutschen Zentralbank eine große Unabhängigkeit. Angesichts der Hotelkosten-Affäre um Ernst Welteke wachsen allerdings die Zweifel an der Rechtslage. Denn "es kann nicht sein, dass jemand sich ausschließlich selber prüft." Für den CSU-Bundestagsabgeordneten Hans Michelbach ist der Fall klar: Die D-Mark ist weg, also hat sich auch die Frage, ob die Bundesbank unabhängig sein soll, "überholt". Am liebsten würde der Finanzexperte deshalb das Bundesbankgesetz ändern - vor allem jenen Paragrafen, der Personalfragen regelt. Demnach hat die Regierung zwar das Recht, den Präsidenten der Bank zu berufen, aber es steht dort nichts darüber, ob sie ihn auch entlassen darf. Dafür sei, wie Bundesfinanzminister Hans Eichel mit leichtem Bedauern festgestellt hat, allein der Vorstand der Bank verantwortlich - was Michelbach für falsch hält: "Es kann nicht sein, dass jemand sich ausschließlich selber prüft". Ehernes Gesetz So wie der Abgeordnete aus Coburg denken derzeit viele in der Hauptstadt. Selbst das Finanzministerium stellt angesichts der Irrungen und Wirrungen im Fall Welteke jenes eherne Gesetz in Frage, das der Bundesbank seit Jahrzehnten ihre Unabhängigkeit garantiert. Die Regierung werde dieses Thema "mit Sicherheit nochmal deutlicher beleuchten müssen", erklärte ein Sprecher des Finanzministeriums am Mittwochnachmittag. Es war eine versteckte Drohung, denn zur gleichen Zeit beriet in Frankfurt der Vorstand der Bank über Konsequenzen im Fall Welteke - das weitere Vorgehen der Regierung, so ließ der Sprecher durchblicken, werde auch davon abhängen. Im Bundesfinanzministerium weiß man allerdings, wie heikel eine solche Gesetzesänderung wäre. Sie wäre der Angriff auf eine Institution: "Nicht alle Deutschen", hatte einst EU-Kommissionspräsident Jacques Delors festgestellt, "glauben an Gott, aber alle glauben an die Deutsche Bundesbank." Stur Kurs durchgezogen Ein Teil dieser Ehrfurcht rührt daher, dass die Bank gegen alle Beeinflussungsversuche der Politik stur ihren Kurs durchgezogen und die D-Mark zu dem gemacht hat, was sie war: zur stabilsten Währung Europas. Nun jedoch wird dieses Prinzip plötzlich in Frage gestellt. Wäre es nämlich nach Eichel gegangen, hätte sich Welteke längst verabschieden müssen. Doch der Finanzminister erklärte, ihm seien die Hände gebunden: Die Bank unterstehe "weder der Rechts-, noch der Fach-, noch der Dienstaufsicht der Regierung." Manche Rechtsexperten sehen dies anders. Natürlich gebe es im Bundesbankgesetz "eine Lücke", sagt Ulrich Häde, der an der Europa-Universität in Frankfurt/Oder Währungsrecht lehrt. Doch die lasse sich schließen, wenn man vergleichbare Regelwerke zu Rate ziehen, etwa das Gesetz für das Bundesverfassungsgericht. "Es kann ja nicht sein, dass jemand ein Verbrechen begeht und trotzdem im Amt bleibt", urteilt Häde. Demnach kann die Regierung einen Karlsruher Richter seines Amtes entheben, falls dieser zu mindestens sechs Monaten Gefängnis verurteilt wird oder eine "grobe Pflichtverletzung" begeht. Häde bezweifelt allerdings, dass sich dieser Passus im Fall Welteke anwenden lässt. "Schwere Verfehlung" Auch im Statut der Europäischen Zentralbank (EZB) steht, versteckt in Artikel 14.2, der Hinweis, dass der Präsident einer nationalen Notenbank entlassen werden kann, falls er eine "schwere Verfehlung" begeht. Die Bundesbank und die Berliner Regierung behaupten, darüber könne allein der EZB-Rat oder das EZB-Direktorium entscheiden. Häde dagegen erklärt, auch die nationale Regierung sei dazu berechtigt. Für Hubert Ulrich, der die Grünen im Bundestagfinanzausschuss vertritt, liegt es daher nahe, das Bundesbankgesetz zu ändern: "Wenn etwas nicht klar geregelt ist", sagt er, "sollte man es klarer regeln." | Das Bundesbankgesetz garantiert der deutschen Zentralbank eine große Unabhängigkeit. Angesichts der Hotelkosten-Affäre um Ernst Welteke wachsen allerdings die Zweifel an der Rechtslage. Denn "es kann nicht sein, dass jemand sich ausschließlich selber prüft." | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bundesbankgesetz-eine-frage-der-unabhaengigkeit-1.907054 | Bundesbankgesetz - Eine Frage der Unabhängigkeit | 00/05/2010 |
In den Chefetagen der Unternehmen regiert die Nüchternheit. Manager mit Bodenhaftung wie der designierte DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche kamen in diesem Jahr nach oben. Mit Versagern und Blendern wurde hingegen gnadenlos abgerechnet. Eigentlich hätte das Jahr für Josef Ackermann nicht besser laufen können. Zielstrebig hat der Chef der Deutschen Bank das Institut auf Ertrag getrimmt - und erntet nun die Früchte seiner Hartnäckigkeit. Detailansicht öffnen Einer der Aufsteiger des Jahres 2005: Dieter Zetsche. (Foto: Foto: Reuters) Die Bank wird für 2005 einen Rekordgewinn präsentieren, sie wird aller Voraussicht nach das Ziel einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent erreichen, und auch der Aktienkurs tendiert beständig nach oben. Mehr noch, die Bank ist das einzige deutsche Institut, das international mitspielen kann. Eigentlich hätte Josef Ackermann damit allen Grund, sich auf dem Gipfel des Erfolges zu sonnen. Doch davon kann keine Rede sein: Spätestens seit dem 21. Dezember, als der Bundesgerichtshof die Freisprüche im Mannesmann-Prozess aufhob und den Chef der Deutschen Bank damit wieder auf die Anklagebank schickte, fordern in Deutschland nahezu alle seinen Rücktritt. Es scheint wohl nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis er sich den Forderungen beugt. So wie Jürgen Schrempp. Noch bei der Hauptversammlung von DaimlerChrysler im vergangenen Frühjahr hatte dieser als Vorstandschef seinem Ruf als "Rambo" alle Ehre gemacht und Rücktrittsforderungen vom Tisch gefegt. Drei Monate später verkündete er dann fast überraschend seinen Abschied. Abgang stützt Aktie Schmerzlich für ihn, dass er ausgerechnet mit dieser Entscheidung den Aktionären das bescherte, wonach sie verlangten: Der Aktienkurs schnellte nach oben, binnen Minuten stieg der Wert des Unternehmens von 36 auf 40 Milliarden Euro. Auf den ersten Blick haben Josef Ackermann und Jürgen Schrempp wenig gemein. Der Chef der Deutschen Bank hat den Wert des Unternehmens beständig gesteigert, Jürgen Schrempp dagegen stand zum Zeitpunkt seines Abschieds vor den Scherben seiner "Welt AG": Seit der milliardenschweren Fusion mit Chrysler tendierte der Aktienkurs nach unten, das Engagement bei Mitsubishi endete im Fiasko und der Kleinwagen Smart hat den Konzern bislang viel Geld gekostet. Doch in Wirklichkeit verbindet die beiden Manager mehr, als man denken würde: Schrempp ("Mr. Shareholder-Value") wie Ackermann sind Verfechter einer knallharten Ertragsorientierung, beiden aber ist es nicht gelungen, den Sinn ihres Tuns einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln - was sie vielleicht auch gar nicht beabsichtigten. Kommunikationsexperten wundern sich Kommunikationsexperten konnten nur den Kopf schütteln, als Josef Ackermann just an dem Tag, als er einen Rekordgewinn der Deutschen Bank präsentierte, zugleich die Streichung von mehr als 6400 Stellen ankündigte. Auf Kritik reagierten beide gleichermaßen fassungslos. Legendär bereits Ackermanns Ausspruch, Deutschland sei wohl "das einzige Land, wo diejenigen, die Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen". Schrempp wie Ackermann fühlten sich unverstanden - und übersahen dabei, dass die Welt, in der sie agierten, sich verändert hat. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit in Deutschland und einer weit verbreiteten Verunsicherung reicht Profitorientierung allein eben nicht mehr aus, sind auch andere Werte gefragt. So geißelt der Schweizer Managementberater Fredmund Malik die harte Orientierung an der Rendite bereits als "größte Irrlehre der Wirtschaftsgeschichte" und erntet dafür Applaus, auch wenn er den Einfluss der Kapitalmärkte auf die Unternehmen damit schlicht verdrängt. Auch andere Qualitäten gefordert Sicher aber ist, dass in Zeiten der Krise auch andere Managerqualitäten gefordert sind. Qualitäten, wie sie etwa Schrempps Nachfolger Dieter Zetsche schon vor seinem offiziellen Amtsantritt als Konzernchef Anfang 2006 zeigte. Als das Unternehmen im September ankündigte, dass bei Mercedes bis Ende nächsten Jahres 8500 Jobs gestrichen werden, fuhr Zetsche selbst nach Sindelfingen, um der Belegschaft die Gründe für den Einschnitt zu erläutern. Das kam gut an. Die Maßnahmen sind deshalb nicht weniger harsch, Zetsche ist ein harter Sanierer. 30.000 Stellen hat er bei Chrysler gestrichen, und Stellenabbau wird es auch in Deutschland geben. Doch Zetsche zeigte, was der Zukunftsforscher Matthias Horx als Erfolgsfaktoren ermittelt hat: "Mut zur Ehrlichkeit" und "Glaubwürdigkeit". Genau dies fehlte Schrempp zuletzt. Beschäftigte und Investoren waren es leid, von Visionen zu hören, die sich nicht realisierten. Anspruch und Wirklichkeit stimmten nicht mehr überein. Offen und kommunikativ Zetsche hingegen wird zugetraut, das Blatt bei Mercedes zu wenden. Sicher, ihn belasten nicht die Managementfehler der Vergangenheit, doch auch in seinem Wesen unterscheidet er sich deutlich von Schrempp. Er ist offen und kommunikativ - einer, dem der Sinn für die Realitäten und die Nöte an der Basis nicht abhanden gekommen ist. Das motiviert. | In den Chefetagen der Unternehmen regiert die Nüchternheit. Manager mit Bodenhaftung wie der designierte DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche kamen in diesem Jahr nach oben. Mit Versagern und Blendern wurde hingegen gnadenlos abgerechnet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/auf-und-absteiger-des-jahres-antritt-der-realisten-1.905408 | Auf- und Absteiger des Jahres - Antritt der Realisten | 00/05/2010 |
Hape Kerkeling schreibt als Horst Schlämmer einen erfolgreichen Blog. Jetzt macht er den Führerschein und fährt dabei einen VW-Golf - aber nicht zufällig. Es gibt nicht wenige Kommunikationsberater, die gerade einen neuen, angeblich wichtigen Trend von Podiumsdiskussion zu PR-Seminar und zurück tragen: Weblogs, so ihre Argumentation, sind ein unerlässliches Instrument für die Außendarstellung eines Unternehmens. Ein regelmäßig befülltes Online-Tagebuch erzeuge Bindungen an die Firma und sorge für ein hohes Maß an Transparenz. Detailansicht öffnen Hat nicht nur einen lustigen Blog, sondern verdient auch noch Geld damit: Hape Kerkeling als Horst Schlämmer. (Foto: Foto: dpa) Der Volkswagen-Konzern hat in dieser Woche bewiesen: Das Gegenteil ist richtig. Beinahe vier Wochen lang haben die Autobauer ganz intransparent verschwiegen, dass sie den Komiker Hape Kerkeling dafür bezahlen, dass er als Horst Schlämmer im Internet ein Weblog für VW befüllt - und damit große Erfolge erzielt. Unter der Adresse schlaemmerblog.tv erzählt Kerkelings Kunstfigur seit Januar von seinem Versuch, eine amtliche Fahrerlaubnis zu erwerben: "Ich mach jetzt Führerschein", lautet die Überschrift der Webseite, auf der der von Kerkeling gespielte stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts in regelmäßigen Abständen kleine Filme veröffentlicht, in denen er eine Theoriestunde der Fahrschule besucht, einen Gebrauchtwagen kaufen will und gemeinsam mit dem Fahrlehrer zum ersten Mal im Fahrschulwagen sitzt. Auffällig oft lobt Schlämmer dabei genau dieses Auto - einen VW Golf. Eingriff in die Blogosphäre Diese kurzen Einspieler sind sehr lustig, so wie man Schlämmer von RTL kennt (Hape trifft . . .). Die Figur Schlämmer, ein Trenchcoat-tragender Lokaljournalist aus Mönchengladbach, kam 2006 während eines Auftrittes in der Quizshow "Wer wird Millionär?" zu Ruhm: Weil er mit Moderator Günther Jauch Brüderschaft trank und ihm anschließend die Sendungsleitung abnahm. Jauch und Schlämmer, also Kerkeling, bekamen dafür den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Unterhaltungssendung". Jetzt ist Schlämmer dabei, die Sitzordnung in der Welt der Weblogs, der so genannten Blogosphäre, zu verändern. Denn VWs Geheimhaltungspolitik hat dazu geführt, dass Kerkelings Blog schon nach einem Monat zu den beliebtesten deutschsprachigen Angeboten zählt. In den entsprechenden Listen und Charts im Internet wird die Werbeseite - je nach Zählung - auf Platz zwei oder drei der deutschsprachigen Blogs geführt. Es ist kaum anzunehmen, dass Kerkeling und VW diesen Erfolg erreicht hätten, hätten sie - wie in anderen Medien üblich - Anzeige über die Werbeseite geschrieben. Und die Verantwortlichen von Volkswagen scheinen das auch zu wissen. Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung reagierten sie zunächst zögerlich ("Wir freuen uns natürlich, dass der Golf in die von Ihnen angesprochene Führerschein-Geschichte einbezogen ist") und verschoben die Antwort mit Verweis auf Fachabteilungen. Viel Eigenlob Schließlich veröffentlichten sie das Geständnis zuerst auf Schlämmers Webseite. Dort schrieb Kerkeling alias Schlämmer am Dienstagabend: "Volkswagen übernimmt faktisch meinen Führerschein." In der Sprache der PR-Experten heißt das: "Volkswagen ist der erste Werbetreibende, der mit Horst Schlämmer wirbt." Außerdem lobt sich VW für diese "virale Idee" ausführlich selbst: "Volkswagen hat erstmals eine solche innovative Marketingkampagne inszeniert und mit Horst Schlämmer als einem der beliebtesten und bekanntesten Comedians Deutschlands bisher bestens umgesetzt. Die Platzierung des Weblogs belegt das." Uff. Ob diese Rechnung auch weiterhin so aufgeht, wie Volkswagen sich das ausmalt, ist unklar. Wenn erkennbar ist, dass schlaemmerblog.tv nur eine lustige Anzeige ist, werden die Leser im Internet vermutlich entsprechend reagieren. Ein Kommentar unter Schlämmers Geständnis beweist diese Ablehnung bereits: "Na Hape", spricht da der User mit dem Namen "CJM" den Komiker Kerkeling direkt an, "noch nicht genug Kohle auf dem Konto? Null Problem, wenn du von Anfang an die Karten auf den Tisch gelegt hättest, haste aber nicht . . ." Von Kerkeling selber ist dazu bisher nichts zu hören - weder auf Anfrage der SZ noch im Internet. | Hape Kerkeling schreibt als Horst Schlämmer einen erfolgreichen Blog. Jetzt macht er den Führerschein und fährt dabei einen VW-Golf - aber nicht zufällig. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/virales-marketing-mein-blog-meine-meinung-meine-bezahlte-werbung-1.901938 | Virales Marketing - Mein Blog, meine Meinung, meine bezahlte Werbung | 00/05/2010 |
Nur jeder sechste Deutsche ist im Besitz von Aktien oder Anteilen an Aktienfonds. Damit ist die Zahl der Aktionäre weiter rückläufig. Dramatische Kurseinbrüche hatten Privatinvestoren verschreckt. Immer weniger Deutsche besitzen Aktien. Die seit Mitte 2001 rückläufige Zahl lag im ersten Halbjahr 2004 im Schnitt bei 10,6 Millionen. Das waren 540.000 oder knapp fünf Prozent weniger als in den sechs Monaten zuvor, teilte das Deutsche Aktieninstitut (DAI) mit. Detailansicht öffnen Die Entwicklung in den alten und neuen Bundesländern ist gegenläufig. Foto: dpa Unbefriedigende Akzeptanz Damit ist nur jeder sechste Deutsche im Besitz von Aktien oder Anteilen an Aktienfonds. Die Akzeptanz von Aktien sei hier zu Lande gegenüber anderen Industrieländern nach wie vor unbefriedigend, betonte DAI-Leiter Rüdiger von Rosen: "Die beste Medizin wären nachhaltige Kurssteigerungen und erfolgreiche Neuemissionen." Die Anzahl der ausschließlich an Fonds beteiligten Aktionäre blieb mit 5,9 Millionen nahezu unverändert. Der Anteil von Investoren, die nur einzelne Aktien im Depot haben, ging im selben Zeitraum von 3,1 Millionen auf 2,6 Millionen zurück. "Die Enttäuschung über die Kursverluste sitzt tief", sagte von Rosen. Zuvor war die Zahl der Aktienbesitzer von 5,6 Millionen im Jahr 1997 auf 13,4 Millionen Mitte 2001 emporgeschnellt. "Langer Atem" erforderlich Die dramatischen Kurseinbrüche hätten Privatinvestoren dauerhaft verschreckt. Sie von der Chance der heutigen Aktienanlage wieder zu überzeugen, erfordere einen "langen Atem". Die schwache Entwicklung der Kurse im ersten Halbjahr 2004 stärke auch nicht das Vertrauen. Dabei sei die Investition in Aktien auf lange Sicht gesehen hoch rentabel. Gegenläufig ist die Entwicklung in den alten und neuen Bundesländern. Während die Zahl der Aktionäre im Westen um 7,5 Prozent sank, gab es im Osten sogar 10,8 Prozent mehr Aktionäre. Der Rückgang in den alten Bundesländern ist vor allem auf Verkäufe einzelner Altien zurückzuführen, der Zuwachs in den neuen Bundesländern auf einen deutlichen Anstieg der Anteile an Aktienfonds. | Nur jeder sechste Deutsche ist im Besitz von Aktien oder Anteilen an Aktienfonds. Damit ist die Zahl der Aktionäre weiter rückläufig. Dramatische Kurseinbrüche hatten Privatinvestoren verschreckt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/immer-weniger-aktionaere-die-enttaeuschung-sitzt-tief-1.917907 | "Immer weniger Aktionäre - ""Die Enttäuschung sitzt tief""" | 00/05/2010 |
Die Lufthansa-Hauptversammlung hat dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Fluglinie, Verdi-Chef Frank Bsirske, die Entlastung verweigert. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) hatten zuvor zu diesem spektakulären Schritt aufgerufen. Detailansicht öffnen Auf der Hauptversammlung der Lufthansa ist Frank Bsirske offensichtlich nicht ganz so wohl zu Mute. (Foto: dpa) Hintergrund ist die Rolle, die der Gewerkschaftschef während des Arbeitskampfes im Öffentlichen Dienst gespielt hatte. Bsirske war damals für Streikmaßnahmen an den Flughäfen Frankfurt und München verantwortlich. Dadurch waren der Lufthansa nach Angaben Webers Schäden in zweistelliger Millionenhöhe entstanden. Bsirske habe mit der Organisation des Streiks seine Pflicht als Aufsichtsratsmitglied grob verletzt, dem Wohle des Unternehmens zu dienen, rügte DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker. "Persönliches Machtinteresse" Auch Axel Zühlke von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre warf Bsirske vor, er habe den Interessenkonflikt zu Lasten der Aktionäre entschieden. Hans-Martin Buhlmann, Vorsitzender der Vereinigung Institutioneller Privatanleger, sagte, der Gewerkschafter habe aus persönlichem Machtinteresse der Lufthansa geschadet. Die Aktionäre hatten zunächst gegen die ursprünglich vorgesehene Tagesordnung eine Einzelabstimmung über die Entlastung der Aufsichtsratsmitglieder durchgesetzt. Im folgenden Votum stimmten fast 60 Prozent des anwesenden Kapitals gegen die Entlastung des Gewerkschafters. Allen anderen Aufsichtsratsmitgliedern wurde Entlastung erteilt. Juristische Folgen sind mit der spektakulären Nicht-Entlastung aber nicht verbunden. Auch den Aufsichtsrat muss Bsirske nicht zwangsläufig verlassen. Allerdings könnte das Ergebnis seine Wiederwahl als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender in Frage stellen. "Talsohle durchschritten" Weber sieht Talsohle durchschritten Die Diskussion über Bsirske überlagerte das eigentliche Hauptthema des Aktionärstreffens: den Abschied von Konzernchef Jürgen Weber, der auf der Hauptversammlung nach zwölf Jahren im Chefsessel das Steuer an seinen Nachfolger Wolfgang Mayrhuber übergab. In seiner letzten Rede als Vorstandsvorsitzender betonte Weber, die Lufthansa sehe nach dem durch Konsumflaute, Irak-Krieg und die Lungenseuche Sars ausgelösten Gewinneinbrüchen der vergangenen Monaten einen Silberstreif am Horizont. "Die Talsohle ist durchschritten", erklärte Weber. Allerdings werde nach den Verlusten im ersten Quartal auch im Gesamtjahr wohl kaum ein positives Unternehmensergebnis zu erreichen sein. "Optimismus"Weber betonte, er sei sicher, dass die Lufthansa "gestärkt aus der kombinierten Krise von Konjunktur und Weltuntergangsstimmung hervorgehen" werde. "Wenn der Trend der letzten Wochen sich weiter verstärkt, denke ich, werden wir auch am Ende dieses Jahres wieder besser dastehen, als die meisten unserer Wettbewerber", sagte Weber. Weber hatte 1991 den Chefsessel bei dem damaligen Staatscarrier übernommen. Als seine wichtigsten Erfolge gelten die Umwandlung des Konzerns vom Staatsbetrieb in ein profitables Privatunternehmen und die Gründung des weltweit größten Luftfahrt-Bündnisses Star Alliance. Mayrhuber selbst bekannte sich zur Kontinuität. Das Konzept des Aviation-Konzerns, der neben dem eigentlichen Flugbetrieb auch die Sparten Technik, Cargo, Catering und IT-Dienstleistungen umfasse, habe sich bewährt. | Die Lufthansa-Hauptversammlung hat dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Fluglinie, Verdi-Chef Frank Bsirske, die Entlastung verweigert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/entlastung-verweigert-lufthansa-aktionaere-strafen-bsirske-ab-1.916573 | Entlastung verweigert - Lufthansa-Aktionäre strafen Bsirske ab | 00/05/2010 |
Der Finanzdienstleister AWD setzt offenbar alles daran, ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs (BGH) in Sachen Dreiländerfonds zu verhindern. Hinter den Kulissen laufen bereits Vergleichsverhandlungen. Der für Donnerstag angesetzte Verhandlungstermin in Karlsruhe, in dem zwei Kläger Schadensersatz von dem Hannoveraner Finanzdienstleister verlangen, steht auf der Kippe. Grund: Hinter den Kulissen laufen Vergleichsverhandlungen zwischen den Parteien. Eines der beiden für Donnerstag anberaumten Verfahren wurde bereits ausgesetzt, bestätigt eine Sprecherin des BGH der Süddeutschen Zeitung am Montag. Sollte auch das andere in Karlsruhe anhängige Verfahren ausgesetzt werden, würde damit die Hoffnung zahlreicher Anleger enttäuscht. Sie hatten mit dem Dreiländerfonds viel Geld verloren und sich von einem Grundsatzurteil Chancen auf Schadensersatz erhofft. Der Dreiländerfonds, der 1994 von der Stuttgarter Fondsgesellschaft Kapital-Consult initiiert wurde, gilt als einer der größten jemals in Deutschland aufgelegten geschlossenen Immobilienfonds. AWD vermittelte 14.000 Anleger Er investierte in Deutschland, den Vereinigten Staaten und der Schweiz. Insgesamt sollen rund 20.000 Anleger etwa 1,3 Milliarden DM (rund 665 Millionen Euro) eingezahlt haben. Davon vermittelten Vertreter des AWD Anteile im Gesamtwert von rund 700 Millionen DM an etwa 14.000 Anleger. Die Investition entpuppte sich jedoch als Reinfall, als der Fonds 1999 in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Viele Anleger haben daraufhin den AWD verklagt, so auch die beiden Kläger der jetzt beim BGH anhängigen Verfahren. Das Oberlandesgericht Celle hatte ihnen in der zweiten Instanz recht gegeben und den AWD zu Schadensersatz verurteilt - unter anderem, weil "der Finanzdienstleister durch seine Handelsvertreter nur unzureichend über die Risiken der Anlage belehrt hatte" (Aktenzeichen 11 U 291/01 und 11 U 341/01). Insgesamt sind nach Angaben des AWD derzeit 50 Klagen in Sachen Dreiländerfonds gegen den Finanzdienstleister anhängig. Der Streitwert belaufe sich auf rund drei Millionen Euro. In unteren Instanzen seien bislang etwa 40 Urteile gefällt worden, davon sei mehr als die Hälfte zu Gunsten des AWD ausgegangen, so ein Sprecher des Hannoveraner Unternehmens. Weitere Klagen befinden sich allerdings in Vorbereitung. So hat etwa der Düsseldorfer Anwalt Julius Reiter nach eigenen Angaben eine "Vielzahl von Mandanten, die erst das BGH-Urteil abwarten wollten, bevor sie vor Gericht ziehen". Vergleich angestrebt Denn mit der Karlsruher Entscheidung würde erstmals ein höchstrichterliches Urteil im Fall des Dreiländerfonds gesprochen. Doch ob es dazu überhaupt kommt oder ob der Termin am Donnerstag nicht doch noch platzt, ist derzeit offen. "Wir verhandeln noch", sagte der AWD-Sprecher. Oliver Renner, der Anwalt des Klägers, dessen Verfahren noch nicht ausgesetzt ist, wollte sich zu den außergerichtlichen Vergleichsbemühungen nicht äußern. "Der Gerichtstermin ist für Donnerstag angesetzt und wurde bislang nicht abgesagt", sagte Renner lediglich auf Anfrage der SZ. | Der Finanzdienstleister AWD setzt offenbar alles daran, ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs (BGH) in Sachen Dreiländerfonds zu verhindern. Hinter den Kulissen laufen bereits Vergleichsverhandlungen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/dreilaenderfonds-awd-prozess-steht-auf-der-kippe-1.899445 | Dreiländerfonds - AWD-Prozess steht auf der Kippe | 00/05/2010 |
Im Quartalsbericht von MAN kristallisiert sich das ganze Dilemma der deutschen Großkonzerne. Der Maschinenbauer wartet mit brillanten Zahlen auf, steigerte Gewinn und Umsatz - an der Börse aber avancierte die Aktie am Donnerstag zum Verkaufsschlager. Was für MAN gilt, trifft für viele Dax-Firmen zu. Die meisten von ihnen haben mit den Zahlen für das zweite Quartal die Prognosen der Analysten erreicht oder gar übertroffen. Doch der Dax hangelt sich von einem Jahrestief zum nächsten. Die Botschaft der Anleger lautet: Heute gut ist nicht genug. Sie handeln in der Erwartung, dass die Gewinne der Unternehmen künftig langsamer wachsen werden. Die Skepsis ist berechtigt, und doch sind deutsche Aktien einen zweiten Blick wert. Steigerten deutsche Konzerne im vergangenen Jahr ihre Gewinne vornehmlich, indem sie ihre Kosten senkten, mehrten sie im ersten Halbjahr 2004 die Erträge wieder über höhere Umsätze. Flaue Binnenkonjunktur Das gilt vor allem für Firmen, deren Geschäfte stark von der Konjunktur abhängen - etwa MAN. Für den Maschinenbauer und viele andere Dax-Unternehmen ist es angesichts der flauen Binnenkonjunktur ein Vorteil, dass sie einen großen Teil ihrer Umsätze im Ausland erzielen, etwa in den USA. Doch jetzt droht sich die Exportlastigkeit deutscher Konzerne in einen Nachteil zu wandeln: Zwar hinkt die Konjunktur in Europa den USA hinterher und könnte sich beschleunigen, während sie sich in Amerika womöglich schon wieder abschwächt. Für das Gewinnwachstum der global agierenden Unternehmen gilt das jedoch nicht. Wie in den USA werden auch bei den Dax-Konzernen die Gewinne künftig langsamer steigen. Anleger fürchten, dass der hohe Ölpreis diesen Trend verstärkt. Ölpreis Der Dax ist gespickt mit Unternehmen, die empfindlich auf den Ölpreis reagieren. In der Bilanz der Lufthansa etwa hat der teure Treibstoff bereits Spuren hinterlassen - obwohl die Fluggesellschaft gegen diese Preisrisiken besser abgesichert ist als mancher Konkurrent. Auch Autohersteller und Chemieunternehmen dürften unter dem Ölpreisanstieg leiden. Dass zugleich die US-Notenbank die Zinsen weiter anheben muss, um die Inflation einzudämmen, macht die Sache nicht leichter. Die gute Nachricht für Anleger: Deutsche Aktien sind gemessen an den erwarteten Gewinnen günstig bewertet. Und selbst wenn die Erträge langsamer wachsen, werden die Bewertungen mit jedem Tag attraktiver, an dem der Dax nicht steigt. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass das keine Rolle mehr spielt, wenn an der Wall Street die Kurse purzeln. | Im Quartalsbericht von MAN kristallisiert sich das ganze Dilemma der deutschen Großkonzerne. Der Maschinenbauer wartet mit brillanten Zahlen auf, steigerte Gewinn und Umsatz - an der Börse aber avancierte die Aktie am Donnerstag zum Verkaufsschlager. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/dax-unternehmen-heute-gut-ist-nicht-genug-1.919468 | Dax-Unternehmen - Heute gut ist nicht genug | 00/05/2010 |
Die Bahn schlägt im Streit mit den Lokführern eine harte Gangart an: Zwei Lokführer mussten gehen, viele wurden abgemahnt. Das Landesarbeitsgericht Chemnitz hat eine wichtige Bahn-Entscheidung verschoben. Wie ein Bahnsprecher am Montag sagte, habe es zwei fristlose Kündigungen wegen Verstoßes gegen Sicherheitsbestimmungen gegeben. Außerdem seien bundesweit Abmahnungen "im niedrigen zweistelligen Bereich" ausgesprochen worden. Die in einem Zeitungsbericht vom Montag genannten Zahlen seien allerdings falsch. Zug stehengelassen Unter Berufung auf die Lokführergewerkschaft GDL hatten Medien von mindestens zehn fristlosen Kündigungen und mehr als 200 Abmahnungen berichtet. Die Bahn hatte dem Bericht zufolge in diesem Monat dementiert, dass Kündigungen wegen der Streiks ausgesprochen worden seien. Jetzt bestätigte die Bahn, dass einem Lokführer gekündigt wurde, weil er am 3. Juli, dem ersten Streiktag, einen leeren Intercityzug auf einer eingleisigen Strecke habe stehenlassen. Hintergrund der zahlreichen Abmahnungen sei, dass Arbeitnehmer, die einen Notdienst verweigern, mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen. Ziel des Notdienstes sei, einen sicheren Eisenbahnbetrieb zu gewährleisten und Reisenden, die auf die Bahn angewiesen sind, eine Grundversorgung sicherzustellen. "Da besteht eine ganz klare Rechtslage", sagte der Bahnsprecher. Urteil kommt später Am Montagnachmittag will sich die GDL zu weiteren Streikplänen äußern. Für Dienstag und Mittwoch werden erneute Proteste der Lokführer erwartet. Zu Streiks im Fern- und Güterverkehr wird es vorläufig aber nicht kommen, da das Sächsische Landesarbeitsgericht in Chemnitz erst Anfang November über einen entsprechenden GDL-Antrag entscheiden wird. | Die Bahn schlägt im Streit mit den Lokführern eine harte Gangart an: Zwei Lokführer mussten gehen, viele wurden abgemahnt. Das Landesarbeitsgericht Chemnitz hat eine wichtige Bahn-Entscheidung verschoben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tarifstreit-bahn-feuert-lokfuehrer-1.888563 | Tarifstreit - Bahn feuert Lokführer | 00/05/2010 |
Wie die Staatsanwaltschaft mitteilt, steht der Chef der Deutschen Bundesbahn, Hartmut Mehdorn, nicht länger unter unmittelbarem Korruptionsverdacht. Dafür konzentrieren sich die Ermittlungen jetzt auf ein anderes Vorstandsmitglied. Der Korruptionsverdacht gegen Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat sich zunächst nicht erhärtet. Es zeichne sich ab, dass eine unmittelbare Verantwortlichkeit Mehdorns für den umstrittenen Beratervertrag mit dem Brandenburger Ex-Verkehrsminister Hartmut Meyer nicht nachweisbar sei, erklärte die Staatsanwaltschaft Neuruppin. Allerdings weitete die Behörde ihr Ermittlungsverfahren wegen Korruptionsverdachts auf ein zweites Vorstandsmitglied aus. Mehdorn wehrt sich Die Auswertung der bei Durchsuchungen am vergangenen Montag sichergestellten Unterlagen habe ergeben, dass für Vorbereitung und Abschluss des Beratervertrages ein einzelnes Vorstandsmitglied der Bahn AG zuständig sei, sagte ein Justizsprecher. Bahnchef Mehdorn nannte die aktuellen Vorwürfe gegen sein Unternehmen "absolut nicht nachvollziehbar". In einem der AP vorliegenden Brief an die 245.000 Bahn-Mitarbeiter begründete Mehdorn die Verpflichtungen: "Ein Unternehmen wie die Bahn, das wie kein anderes im politischen Spannungsfeld steht, braucht Unterstützung auf politischer Ebene." Er selbst habe sich seit seinem Amtsantritt "massiv gegen Korruption eingesetzt und diesen Anti-Korruptionskurs mit allem Nachdruck durchgesetzt", schrieb der Bahnchef. Beraterpraxis fragwürdig Das Unternehmen war in die Kritik geraten, weil es im Dezember 2002 einen Milliardenvertrag mit dem Brandenburger Verkehrsminister Meyer über den Regionalverkehr geschlossen und Meyer nach dessen Rücktritt im September 2003 als Berater beschäftigt hatte. Daneben hat die Bahn weitere Politiker, darunter den früheren Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt und den früheren bayerischen Finanzminister Georg von Waldenfels (CSU), unter Vertrag. Der Staatsanwaltschaft zufolge haben die Gespräche zwischen der Bahn und Meyer über dessen Tätigkeit spätestens im Juli 2003 und damit bereits in Meyers Amtszeit begonnen. Der Vertrag sei jedoch erst am 10. Februar 2004 rückwirkend zu Jahresbeginn unterschrieben worden. Beim Brandenburger Landtag hatte der SPD-Abgeordnete Meyer seine Nebentätigkeit jedoch erst zum 01. März 2004 gemeldet. Dabei habe er allgemeine Beratertätigkeit angegeben, sagte ein Parlamentssprecher der AP. Zur Höhe der Bezüge von der Bahn wollte sich die Staatsanwaltschaft nicht äußern. Die Berliner Zeitung hatte berichtet, Meyer habe 10.000 Euro pro Monat ausgehandelt. Der Politiker war wegen einer Urlaubsreise nicht zu erreichen. Kritik auch von Stolpe Unterdessen kritisierte auch Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe die Beratertätigkeit Meyers, der in Stolpes Amtszeit als Brandenburger Ministerpräsident Landesverkehrsminister war. "Es kann Fragen aufwerfen, wenn ein Politiker einen Beratervertrag von der Bahn erhält, nachdem er kurze Zeit zuvor einen Verkehrsvertrag mit diesem Unternehmen abgeschlossen hat", sagte Stolpe der Zeitung Märkische Allgemeine in Potsdam. Meyer hatte im Dezember 2002 mit der Bahn AG einen Verkehrsvertrag mit einem Volumen von 1,9 Milliarden Euro und einer Laufzeit von zehn Jahren abgeschlossen, der dem Unternehmen bis 2012 den Großteil des Regionalverkehres in Brandenburg sichert. Vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass er seit seinem überraschenden Rücktritt als Minister im Herbst 2003 als Berater für die Bahn arbeitet. Nach der Anzeige eines Berliner Polizisten hatte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Korruptionsverdachts gegen Mehdorn und Meyer eröffnet. | Wie die Staatsanwaltschaft mitteilt, steht der Chef der Deutschen Bundesbahn, Hartmut Mehdorn, nicht länger unter unmittelbarem Korruptionsverdacht. Dafür konzentrieren sich die Ermittlungen jetzt auf ein anderes Vorstandsmitglied. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bahn-mehdorn-aus-der-schusslinie-1.905113 | Deutsche Bahn - Mehdorn aus der Schusslinie | 00/05/2010 |
Die Lieferprobleme bei Airbus werden in den USA hämisch kommentiert. Denn noch immer sitzt der Stachel tief, dass Boeing mit Airbus ein ernst zu nehmender Konkurrent erwachsen ist. Schneller Sinkflug" - mit dieser Überschrift reagierte das konservative Wirtschaftsblatt Wall Street Journal auf die Krise beim europäischen Flugzeugbauer Airbus. Detailansicht öffnen Im Airbus-Werk Hamburg. (Foto: Foto: Reuters) In den amerikanischen Medien werden die Produktionsverzögerungen beim neuen Großraumflugzeug A380 aufmerksam verfolgt. Das jetzt bekannt gewordene Ausmaß und die Versäumnisse des Airbus-Managements stoßen durchaus auf hämische Reaktionen. Denn für viele Amerikaner scheint es unvorstellbar, dass das eigene Symbol der nationalen Flugzeugindustrie, der Boeing-Konzern, dauerhaft vom alten Europa überrundet werden könnte. Interview mit Boeing-Chef So ist es vielleicht kein Zufall, dass das Wall Street Journal als Kontrast zu seiner Airbus-Krisenstory vor einigen Tagen ein Interview mit dem Chef des amerikanischen Flugzeugherstellers, Jim McNerney, veröffentlichte. "Wir haben ein sehr gutes Gefühl darüber, was unsere Kunden über uns denken", konstatierte der Top-Manager. Es sei deshalb Zeit, herauszugehen. Boeing sei mit den richtigen Produkten am Markt, weil sich der Konzern mehr denn je um die Bedürfnisse seiner Kunden, den Fluggesellschaften, gekümmert habe. Verkalkuliert Dass dies nicht immer unter McNerneys Vorgängern so war, ist allerdings auch den Amerikanern bewusst. So hatte sich der Konzern mit seinen Plänen über die Entwicklung eines fast schallschnellen Sonic Cruiser verkalkuliert. | Die Lieferprobleme bei Airbus werden in den USA hämisch kommentiert. Denn noch immer sitzt der Stachel tief, dass Boeing mit Airbus ein ernst zu nehmender Konkurrent erwachsen ist. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/airbus-krise-haeme-in-den-usa-1.900645 | Airbus-Krise - Häme in den USA | 00/05/2010 |
Sonne und Sommerhitze der vergangenen Tage haben bei vielen das Fernweh geweckt - und passend zu dieser Stimmung fanden sich jüngst in den Briefkästen Werbesendungen der HypoVereinsbank. Doch Achtung: Die Schuldenfalle ist nicht weit. (SZ vom 01.07.03) - "Sie wollen die Fische lieber im Meer als in Ihrem Aquarium betrachten?" Diese Frage stellen die Texter des Geldinstitutes und bieten für klamme Urlaubsreife gleich die passende Lösung an. Detailansicht öffnen Sonnenuntergang auf Mauritius: Kein schlechter Ort zum Ausspannen. (Foto: dpa) Die HypoVereinsbank biete einen Ratenkredit zur freien Verfügung, auch wenn noch laufende Ratenkredite nicht abgezahlt seien und sich das Konto bei der Hausbank in den roten Zahlen befinde, wirbt die Bank. Um dem fernwehkranken Kunden die Entscheidung zu erleichtern, liegen dem Schreiben die vorgedruckte Kreditanfrage samt Antwortkuvert bei. Besorgte Schuldnerberater Aggressive Werbeaktionen für Konsumentenkredite dieses Strickmusters bringen Schuldnerberater und Verbraucherschützer auf die Palme - schon allein deshalb, weil sie in einem Ratenkredit keinesfalls das geeignete Finanzierungsmittel für den Sommerurlaub sehen. So warnt Claudia Kurzbuch, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung, sich für eine einzige Urlaubsreise gleich für ein ganzes Jahr zu verschulden. "Wenn das Konto wegen der Urlaubskosten in die roten Zahlen gerät, sollte es spätestens nach ein paar Wochen wieder ausgeglichen sein", rät sie. Noch nicht abgestottert Ansonsten laufe der Kreditnehmer Gefahr, sich für den nächsten Urlaub neu zu verschulden, obwohl der Kredit für den alten noch nicht abgestottert ist. Wenn es um fragwürdige Werbung für Konsumentenkredite geht, ist die HypoVereinsbank kein Einzelfall. So preist die Entrium-Direktbank auf ihrer Internet-Seite den "Schnäppchen-Kredit" für 5,70 Prozent Jahreszins an und schickt dem Kunden bei Vertragsabschluss gleich als Ausgabehilfe einen Schnäppchenführer zu. Wieder neue Schulden auf dem Girokonto Die Citibank wiederum empfiehlt in ihrem Internet-Werbeauftritt unter anderem, den in Anspruch genommenen Dispokredit mit einem Ratenkredit abzulösen, um auf dem Girokonto wieder neue Schulden machen zu können. Bezeichnend ist für Kurzbuch die Tatsache, dass sowohl HypoVereinsbank als auch Citibank ihre Konsumentenkredite auch mit dem Argument anbieten, die bereits bestehenden Schulden auszuweiten. "Offenbar gehen einige Banken davon aus, dass das Girokonto ohnehin schon überzogen ist, und bieten dennoch zusätzliche Ratenkredite an", meint die Schuldnerberaterin. Wann der Geldbedarf am größten ist Besonders in der Urlaubs- und Vorweihnachtszeit seien die Geldhäuser besonders aktiv, weil hier der Geldbedarf der Kunden am größten sei, so ihre Beobachtung. Verbraucherschützer halten diesen Trend für gefährlich. Sie verweisen darauf, dass nach einer Studie des bankenunabhängigen Instituts für Finanzdienstleistungen rund 2,8 Millionen Haushalte in Deutschland als überschuldet gelten. Zunehmende Verschuldung durch Ratenkredite Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor der zunehmenden Verschuldung durch Ratenkredite. "Der Anteil der Haushalte mit Konsumentenkreditverpflichtungen ist von 1997 bis 2001 von weniger als 20 Prozent auf fast 25 Prozent angestiegen", meldete das DIW im April. Wie sorglos Banken mit dem Schuldenproblem des Kunden als Folge großzügig eingeräumter Ratenkredite umgehen, zeigt eine Stichprobe der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen vom Februar. Willige Banken Junge Berufsanfänger mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 1.300 Euro und einem Sparbuchguthaben von nur 2.000 Euro wurden zu 28 Banken geschickt, um Kredit für einen Gebrauchtwagen und eine neue Einrichtung zu beantragen. 17 Geldhäuser willigten ein, die durchschnittlich angebotene Kreditsumme lag bei 12.500 Euro - obwohl die Höhe der Kreditrate dann teilweise nicht einmal mehr Luft für das Existenzminium ließ. Während Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit für den betroffenen Verbraucher den finanziellen Ruin bedeuten, schaden einzelne Kreditausfälle den Banken nur wenig. Glänzende Gewinnspannen Immerhin verspricht das Ratenkreditgeschäft glänzende Gewinnspannen. So verlangt die HypoVereinsbank für den beworbenen Sofortkredit bei 12 Monaten Laufzeit 8,99 Prozent Effektivzins, die Citibank bittet den Kunden bei gleicher Kreditlaufzeit sogar mit 11,68 Prozent zur Kasse. Selbst der angebliche Schnäppchen-Kredit bei Entrium wird unattraktiv, wenn der Kunde bei einem Jahr Laufzeit nicht mindestens 5.000 Euro aufnimmt. Denn bei kleineren Beträgen erhöht sich der Zins auf 9,92 Prozent. Gewisse Ausfallquoten "Bei solchen Konditionen dürfte eine gewisse Ausfallquote schon von vornherein einkalkuliert sein", mutmaßt Claudia Kurzbuch und rät Verbrauchern, sich nicht durch lockere Werbesprüche zum Schuldenmachen verleiten zu lassen. Dazu braucht es jedoch oft ein gehöriges Maß an Selbstdisziplin, denn kaum eine Bank empfiehlt ihren Kunden von vornherein, Ratenkredite nur in begrenztem Umfang für werthaltige Anschaffungen aufzunehmen. Die Art und Weise, wie sich Verbraucher mit dem Wohlwollen der Banken in die Schuldenfalle manövrieren können, bezeichnet die HypoVereinsbank in einem Akt unfreiwilliger Selbstironie im Slogan zum Sofortkredit: "Fast schon zu einfach." | Sonne und Sommerhitze der vergangenen Tage haben bei vielen das Fernweh geweckt - und passend zu dieser Stimmung fanden sich jüngst in den Briefkästen Werbesendungen der HypoVereinsbank. Doch Achtung: Die Schuldenfalle ist nicht weit. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aggressive-banken-traumreise-auf-pump-1.915658 | Aggressive Banken - Traumreise auf Pump | 00/05/2010 |
Die Investoren, die bei BenQ angeblich die Produktion von Mobiltelefonen sichern wollen, handeln vor allem nach einer Devise: das Gute zu mir, das Schlechte zu Dir. Die Transfergesellschaften für die Mitarbeiter des insolventen Handyherstellers BenQ Mobile sind eine Notlösung - bestenfalls. Detailansicht öffnen Protestplakat der IG Metall in der Nähe des BenQ-Mobile-Werkes in Kamp-Lintfort. (Foto: Foto: dpa) Das gilt ebenso für die Arbeitsbedingungen der vielen anderen vorübergehend auf Staatskosten Beschäftigten, deren Betriebe insolvent sind oder in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Mit Hilfe von Transfergesellschaften sollen die von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeitnehmer weiter qualifiziert und in neue Jobs gebracht werden - was selten genug gelingt. Transfergesellschaften boomen ja nicht etwa, weil die Beschäftigten heutzutage schlecht ausgebildet wären und deshalb der Nachqualifikation bedürften, sondern vor allem wegen der hohen Arbeitslosigkeit. Vermittlungserfolge sehr unterschiedlich Gäbe es genügend Jobs, dann bräuchten wir derlei Förderung nicht. Auch sind die Vermittlungserfolge sehr unterschiedlich. Es liegt auf der Hand, dass hochqualifizierte Techniker in Ballungsgebieten schneller wieder Arbeit finden als angelernte Hilfskräfte auf dem Land. Ohnehin schützen Transfergesellschaften nicht langfristig vor Arbeitslosigkeit. Sie sind auf zwölf Monate begrenzt und verschieben damit im schlimmsten Fall die Entlassung in die Zukunft. Soziale Verantwortung des Staates Weil sich der Staat dennoch in der sozialen Verantwortung sieht, unterstützt er auf Kosten der Allgemeinheit die Teilnahme an den Transfermaßnahmen. | Die Investoren, die bei BenQ angeblich die Produktion von Mobiltelefonen sichern wollen, handeln vor allem nach einer Devise: das Gute zu mir, das Schlechte zu Dir. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/benq-freche-investoren-1.898057 | BenQ - Freche Investoren | 00/05/2010 |
Die Regierung verlangt zu Recht, dass die Chefs der Deutschland AG ihre Gehälter offen legen. Es ist bemerkenswert, dass die Bundesjustizministerin just zur selben Zeit, als der Kanzler in München mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft zusammenhockte, in Berlin ein Gesetzesvorhaben präsentierte, das vielen Managern, darunter manchen Schröder-Freunden, nicht passt. Detailansicht öffnen Vorstandsmitglieder einer Aktiengesellschaft. (Foto: Foto: ddp) Die Regierung will die Bosse zwingen, ihre Gehälter zu veröffentlichen. Dies diene dem Schutz der Aktionäre und der Börsenkultur, sagt die Justizministerin. Das stimmt und ist doch nur die halbe Wahrheit. Es geht auch darum, die Gemüter in der aufgewühlten Koalition zu beruhigen. Eigentlich nämlich wollte Brigitte Zypries bis zum Sommer abwarten, ob ein Gesetz nötig ist oder ob sie darauf verzichten kann, falls bis dahin nicht nur - wie bisher - einige, sondern fast alle Unternehmen die Gehälter freiwillig veröffentlichen. Suche nach dem Ventil Doch die Abgeordneten von SPD und Grünen, verunsichert durch fünf Millionen Arbeitslose und Hartz IV, suchen nach einem Ventil, sie sehnen sich nach einem Gesetz, das endlich mal der eigenen Klientel behagt. Dieses Gesetz tut es; es schafft aus ihrer Sicht einen Ausgleich, ein Stück Gerechtigkeit: Wer Langzeitarbeitslose verpflichtet, ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse detailliert offen zu legen, erwartet ein ähnliches Maß an Offenheit auch von Deutschlands Topmanagern. Privilegien Und es passt in der Tat auch nicht zusammen, dass die Spitzen der Wirtschaft immer wieder Verzicht predigen, dass die Lobbyisten in Berlin und mancher Konzernchef aus Frankfurt oder Stuttgart-Zuffenhausen mit Ratschlägen, wie man Deutschland saniert, schnell bei der Hand sind, sie aber eigene Privilegien mit Macht verteidigen. Die Geheimniskrämerei ums Gehalt, für Vorstände von Aktiengesellschaften bislang erlaubt, ist ein solches Privileg. Selbst in den Stammländern des Kapitalismus, in den USA und Großbritannien, ist es seit Jahren üblich, dass Vorstände ihre Gehälter veröffentlichen müssen; das gleiche gilt für Italien, Frankreich, Schweden, Irland oder die Niederlande. Wenn nun also auch die deutschen Unternehmensführer sich erklären müssen, entspricht das dem internationalen Standard. Wer so viel verdienen will wie ein amerikanischer Kollege (was angesichts mancher Gehaltsexzesse jenseits des Atlantiks ein maßloses Ziel sein kann), muss auch bereit sein, die gleichen Spielregeln zu ertragen und sich notfalls dem geballten Ärger der Öffentlichkeit und seiner Aktionäre aussetzen. Angestellte einer AG Wohlgemerkt: Dies ist kein Plädoyer dafür, nun ohne jeden Unterschied jedes Topgehalt aufzudecken. Aber die Herren der Deutschland AG sollten begreifen, dass sie nicht mit ihrem eigenen Geld wirtschaften, sondern angestellte Manager einer Aktiengesellschaft sind. Sie arbeiten im Dienste ihrer Anteilseigner, und sie tragen, wenn sie Zehntausende oder gar Hunderttausende von Mitarbeitern beschäftigen, ein großes Stück sozialer Verantwortung. Dem sollten sie in jeder Hinsicht gerecht werden. | Die Regierung verlangt zu Recht, dass die Chefs der Deutschland AG ihre Gehälter offen legen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-ein-massstab-fuer-masslosigkeit-1.920428 | Kommentar - Ein Maßstab für Maßlosigkeit | 00/05/2010 |
Angesichts der Attacken aus der Wirtschaft hat Finanzminister Eichel seinen umstrittenen Gesetzentwurf zur persönlichen Haftung von Managern vorerst zurückgezogen. Die Regierung will nun abwarten, welche Pläne die EU-Kommission in diesem Bereich verfolgt. "Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit", hieß es am Dienstag in Kreisen des Finanzministeriums. Detailansicht öffnen In schwerem Fahrwasser: Hans Eichel musste zuletzt so manches Gesetz zurückziehen. (Foto: Foto: Reuters) Die EU-Kommission hatte vor wenigen Wochen angekündigt, sich in zwei Richtlinien mit der Managerhaftung auseinander zu setzen. Die offizielle Begründung In Berlin wurde dies als offizielle Begründung für die Verschiebung der Gesetzespläne genannt. In Wirklichkeit ist Eichel vor allem am heftigen Widerstand von Verbänden und Unternehmen gescheitert. Sowohl der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) als auch führende Manager hatten die Novelle zur Managerhaftung attackiert. Demnach sollten Manager künftig mit bis zu vier Brutto-Jahresgehältern - einschließlich aller Nebenleistungen wie Aktienoptionen - dafür haften, wenn sie falsche Angaben über die Situation des Unternehmens machen oder wichtige Informationen verschweigen. "Völlig überzogen" Der scheidende Siemens-Chef Heinrich von Pierer hatte die geplante Novelle als "völlig überzogen" kritisiert und von einem "Ablenkungsmanöver von den wirklichen Problemen des Landes" gesprochen. "Da wird doch unterstellt, die Manager belügen die Öffentlichkeit", fügte er hinzu. Die Verbände hatten ihre Kritik zuletzt in einer internen Anhörung des Finanzministeriums geäußert. Aktionärsschützer hatten das so genannte Kapitalmarktinformations-Haftungsgesetz dagegen als wichtige Verbesserung des Anlegerschutzes begrüßt. Noch kein Zeithorizont Das Finanzministerium erklärte nun, es wolle weiterhin eine persönliche Haftung für Manager einführen. Der Gesetzentwurf solle gründlich überarbeitet werden. Gleichzeitig hieß es in Kreisen des Ministeriums, man könne für dieses Vorhaben noch keinen Zeithorizont nennen. Eichel muss damit nach der gescheiterten Verlegung des Nationalfeiertags erneut ein wichtiges Vorhaben zurück ziehen. Der Finanzminister wollte die Managerhaftung ursprünglich auf zwei Jahresgehälter begrenzen, Verbraucherschutz-Ministerin Renate Künast (Grüne) setzte jedoch eine doppelt so hohe Zahl durch. BDI überrascht Der BDI zeigte sich von dem plötzlichen Stopp des Gesetzes überrascht, sprach aber von einer "richtigen Entscheidung". BDI-Rechtsexperte Jan Wulfetange erklärte: "Damit ist die Sache aber noch nicht dauerhaft vom Tisch." Das Finanzministerium bekräftigte unterdessen, dass es trotz des Widerstands der Länder möglichst bald eine einheitliche Börsenaufsicht in Deutschland schaffen will. Diese Kontrollbehörde solle bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht angesiedelt werden. Es sei "zwingend geboten, den aufsichtsrechtlichen Flickenteppich zu beseitigen", hieß es im Ministerium. Derzeit ist die Aufsicht teils in den Händen des Bundes, teils in den Händen der Länder. Die Regierung sieht dies als Wettbewerbsnachteil in Europa an. Vorgaben der EU-Kommission verlangen, die Aufsicht bis 2011 zu zentralisieren. | Angesichts der Attacken aus der Wirtschaft hat Finanzminister Eichel seinen umstrittenen Gesetzentwurf zur persönlichen Haftung von Managern vorerst zurückgezogen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kritik-aus-der-wirtschaft-eichel-stoppt-gesetz-zur-managerhaftung-1.903006 | Kritik aus der Wirtschaft - Eichel stoppt Gesetz zur Managerhaftung | 00/05/2010 |
Sprit bleibt teuer. Für eine Entspannung sehen weder Energieexperten noch Mineralölkonzerne Anhaltspunkte. Stattdessen droht eine weitere Verschärfung. Deutschlands Autofahrer werden nach Auffassung von Energieexperten auf absehbare Zeit nicht billiger tanken können. "Der Benzinpreis wird sich auf diesem Niveau einpendeln", sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung der Süddeutschen Zeitung. Detailansicht öffnen Die Spritpreise steigen weiter. (Foto: Foto: AP) Dies werde auch unabhängig von sinkenden Ölpreisen der Fall sein. Nach seinem Rekordhoch am vergangenen Dienstag war der Ölpreis nach der Freigabe von strategischen Ölreserven Ende der Woche zwar gefallen - auch wegen der Ankündigung der Internationalen Energieagentur (IEA), 60 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven auf den Markt zu werfen. Erholung geht an Tankstellen vorbei An den Tankstellen ging diese Erholung jedoch weitgehend vorbei. Noch nie in der Geschichte des motorisierten Verkehrs waren die Kraftstoffpreise in kurzer Zeit derartig gestiegen. IEA-Chef Claude Mandil warnte vor diesem Hintergrund vor einer weltweiten Energiekrise. Sollten amerikanische Raffinerien durch den Hurrikan Katrina ernsthaft beschädigt sein, werde sich die Kraftstoff-Knappheit zu einer "globalen Krise ausweiten", sagte Mandil der Tageszeitung Welt. Das Ausmaß der Schäden stand am Wochenende nicht fest. Ein Sprecher der Deutschen BP sagte, es gebe derzeit keine Hinweise auf eine Erholung der Kraftstoffpreise. Vielmehr drohe mit dem Herbst ein starker Anstieg des Dieselpreises. Weil Diesel ein Konkurrenzprodukt zum Heizöl sei, werde die wachsende Heizöl-Nachfrage weiteren Druck ausüben. "Wenn wir einen kalten Winter erleben, ist es theoretisch nicht ausgeschlossen, dass der Dieselpreis sogar über den Preis für Otto-Kraftstoff steigt", sagte der BP-Sprecher. Trittin droht Autindustrie In einem Brief an den Verband der Automobilindustrie (VDA) forderte Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) unterdessen eine Selbstverpflichtungserklärung der Hersteller. Die europäische Automobilbranche solle sich verpflichten, den Verbrauch ihrer Pkw-Flotte auf durchschnittlich fünf Liter je 100 Kilometer zu senken. Gebe die Industrie eine solche Erklärung ab, könne sie "weitergehende staatliche Maßnahmen verhindern". So könne die Politik der Industrie im Gegenzug zusagen, auf deren Einbeziehung in den Handel mit Kohlendioxid-Emissionsrechten zu verzichten, schrieb Trittin an VDA-Präsident Bernd Gottschalk. Dagegen setzt die Union auf eine Entlastung der Kraftstoffpreise über die Ökosteuer. Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel sagte beim CSU-Parteitag in Nürnberg, sie werde nach einem Wahlsieg eine Senkung um drei Cent "prüfen". Ähnliches verlangt Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber: Jener Teil der Ökosteuer, der nicht in die Rentenkasse fließt, solle wieder an die Bürger zurückgehen. "Finanzpolitisch unseriös" Auch FDP-Chef Guido Westerwelle plädierte dafür, "Spielräume zur Senkung der Ökosteuer" kurzfristig zu nutzen. Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) wies die Vorstöße als "finanzpolitisch unseriös" ab. Die Forderungen sind selbst beim potenziellen Koalitionspartner nicht unumstritten. "Sie nehmen zwar etwas Druck aus dem Kessel, werden aber nicht den Energiepreis senken", sagte die energiepolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Gudrun Kopp, der SZ. Statt "Schnellschüsse" zu produzieren müsse eine neue Regierung daran gehen, auf breiter Front staatliche Belastungen der Energiepreise zu senken. Allein beim Kraftstoff liege der Steueranteil bei 70 Prozent. "Davon müssen wir runter." Kopp warnte vor einem "Konjunkturkiller" bei den Heizölpreisen. "Die große Rechnung kommt im Oktober, wenn die Leute ihre Tanks befüllen", sagte sie. Ähnliches fürchtet die grüne Energieexpertin Michaele Hustedt: "Das allerschlimmste Erwachen wird bei den Heizkosten kommen." Die Deutschen müssten ihre Wohnungen nun winterfest machen. "Es ist noch nicht zu spät, eine solarthermische Anlage oder eine Holzpellets-Heizung einzubauen." Kartell "endlich einmal durchleuchten" Auch die Kritik an den Mineralölkonzernen reißt nicht ab. Der SPD-Umweltpolitiker Herman Scheer forderte einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, "der dieses Kartell endlich einmal durchleuchten muss". Die Begründung der Unternehmen, die Hurrikan-Katastrophe lasse die Kraftstoffpreise steigen, sei "fadenscheinig", so Scheer. Allerdings könnte der hohe Ölpreis auch Chancen bergen. Vor allem in Deutschland habe er den Strukturwandel beschleunigt, heißt es in einer Studie der Ratingagentur Standard& Poor's, die an diesem Montag vorgelegt wird. Dadurch stehe nun mehr Kapital zur Verfügung. Auch beeinträchtigten Energiepreise immer weniger die Entwicklung der Wirtschaft. | Sprit bleibt teuer. Für eine Entspannung sehen weder Energieexperten noch Mineralölkonzerne Anhaltspunkte. Stattdessen droht eine weitere Verschärfung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oelpreis-das-allerschlimmste-erwachen-kommt-erst-1.900201 | "Ölpreis - ""Das allerschlimmste Erwachen kommt erst""" | 00/05/2010 |
Angesichts immer neuer Preiserhöhungen für Strom ist die Geduld von Michael Glos erschöpft. Im Bundestag kündigte der Wirtschaftsminister nun "Sonderregelungen" an. Die würden die vier großen Energieversorger E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall besonders treffen. Es sei ihm zwar nicht recht, wenn immer mehr regulierende Maßnahmen gebraucht würden. "Aber wenn Oligopole ihre Marktmacht ausnutzen, dann muss auch der Staat entsprechend dagegen vorgehen", sagte Glos am Freitag in der Haushaltsdebatte des Bundestages in Berlin. Detailansicht öffnen Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe des Energieversorgers Vattenfall. (Foto: Foto: AP) Bereits am Vortag hatte Glos der Süddeutschen Zeitung gesagt, dass er mit Änderungen im Kartellrecht die Marktmacht der vier großen Stromerzeuger bändigen wolle. ,,Wir brauchen für den Energiebereich Sonderregelungen'', so Glos. Damit steht den deutschen Energiekonzernen nach der staatlichen Regulierung der Strom- und Gasnetze nun auch in den Kraftwerken eine härtere Gangart bevor. "Preise stärker gestiegen als Kosten" ,,Es ist augenfällig, dass die Stromgroßhandelspreise in einem weit stärkeren Ausmaß gestiegen sind, als dies mit steigenden Stromerzeugungskosten erklärt werden kann'', sagte Glos. Ein Großteil der deutschen Energieversorger möchte derzeit mit Hinweis auf steigende Großhandelspreise den Strompreis erhöhen. So kostete an der Leipziger Strombörse EEX die Megawattstunde Grundlaststrom im August durchschnittlich 44,48 Euro. Das sind 16 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Stromerzeuger begründen den Anstieg mit höheren Rohstoffpreisen und Klimaschutz-Auflagen. Doch nach Auffassung von Wirtschaftsminister Glos spiegeln die Preise an der Strombörse nicht die tatsächlichen Kosten der Stromerzeugung wider, die in den Kraftwerken der großen Stromversorger anfallen. Börsenpreis orientiert sich an teuersten Kraftwerken Während abgeschriebene Kernkraftwerke sehr günstigen Strom liefern, produzieren Gaskraftwerke derzeit wesentlich teurer. Doch der Börsenpreis orientiert sich an den Erzeugungskosten der teuersten Kraftwerke und wird dadurch nach oben getrieben, zum Vorteil vieler Stromproduzenten. ,,Für Erzeuger, die zu geringen Kosten produzieren und die deshalb zu niedrigen Preisen anbieten können, entstehen sehr hohe Erlöse", sagte Glos. ,,Ganz klar ein Oligopol'' Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet deshalb an einer Änderung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Es will dabei unter anderem an den Großhandelspreisen ansetzen. ,,Wir sollten das Instrumentarium zur Missbrauchsaufsicht effizienter gestalten", fordert Glos. Bessere Handhabe für Wettbewerbshüter Die Kartellbehörden sollen eine bessere Handhabe bekommen, um Energieunternehmen den Missbrauch ihrer Marktmacht zu unterstellen. Dies zielt vor allem auf dei großen Stromerzeuger. | Angesichts immer neuer Preiserhöhungen für Strom ist die Geduld von Michael Glos erschöpft. Im Bundestag kündigte der Wirtschaftsminister nun "Sonderregelungen" an. Die würden die vier großen Energieversorger E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall besonders treffen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/haertere-gangart-wirtschaftsminister-will-stromkonzerne-baendigen-1.901996 | Härtere Gangart - Wirtschaftsminister will Stromkonzerne bändigen | 00/05/2010 |
Die Schweizer Regierung hat am Dienstag über die geplante Übernahme von Swiss durch Lufthansa beraten; die Aufsichtsgremien haben getagt - mit einem Ergebnis wird für den Abend gerechnet. Die Beratungen zur Übernahme der Schweizer Fluggesellschaft Swiss durch die Deutsche Lufthansa sind am Dienstag in die Schlussphase getreten. Detailansicht öffnen Die Verhandlungen über die Übernahme von Swiss durch Lufthansa stehen offenbar kurz vor dem Abschluss. (Foto: Foto: AP) Die Regierung in Bern informierte die Aufsichtsgremien von Lufthansa und Swiss über ihre Haltung zu einem Verkauf der Fluglinie. Swiss und Lufthansa könnten damit in Kenntnis der Position des Bundes beschließen, hieß es. Der Bund ist der größte Aktionär der Swiss. Name "Swiss" bleibt Am Nachmittag wollten der Aufsichtsrat der Lufthansa und der Verwaltungsrat der Swiss in getrennten Sitzungen beraten. Mit einer Entscheidung wurde für den frühen Abend gerechnet. Die Regierung in Bern war zuvor zu einer Sondersitzung zusammengekommen. Ihr Beschluss wurde zunächst nicht veröffentlicht. Experten gehen fest davon aus, dass die Lufthansa die Swiss übernehmen wird. Mit der Übernahme der Swiss würde die Lufthansa die Weichen für ihre künftige Strategie neu stellen. Neben Frankfurt und München soll dann Zürich das dritte große Luftverkehrskreuz im Konzern werden. Der Markenname Swiss soll nach dem Willen der Lufthansa weitergeführt werden, zudem soll die Swiss auch künftig weitgehend eigenständig arbeiten können. Angebot an Kleinaktionäre Das Schweizer Parlament kann beim Verkauf des gut 20-Prozent-Anteils des Bundes nicht mitreden. Dafür ist allein der Bundesrat zuständig, wie Finanzexperten am Montagabend feststellten. | Die Schweizer Regierung hat am Dienstag über die geplante Übernahme von Swiss durch Lufthansa beraten; die Aufsichtsgremien haben getagt - mit einem Ergebnis wird für den Abend gerechnet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/swiss-uebernahme-beratungen-in-der-schlussphase-1.917357 | Swiss-Übernahme - Beratungen in der Schlussphase | 00/05/2010 |
Pixar Animation Studios, unter anderem Produzent des Nemo-Films, trennt sich von Disney. Obwohl die beiden Unternehmen zwölf Jahre lang überaus erfolgreich kooperiert hatten, konnten sie sich jetzt nicht mehr über die Bedingungen der künftigen Zusammenarbeit einigen. Pixar habe erklärt, dass die Verhandlungen über die Fortsetzung der zwölfjährigen Partnerschaft mit dem Disney-Konzern beendet worden seien, berichtet die New York Times. Derzeit suche das Unternehmen nach einem anderen Studio, das die Distribution der Filme ab dem Jahr 2006 übernehmen könne. Sowohl Hollywood als auch die Wall Street seien von der Nachricht überrascht worden. Viele hätten damit gerechnet, dass Pixar-Chef Steven P. Jobs und der Disney-Vorsitzende Michael D. Eisner ihre Differenzen beilegen könnten. Denn bislang hätten beide Unternehmen von der Partnerschaft profitiert, berichtet das Blatt weiter. Die bisherige Vereinbarung sieht vor, dass Disney den Vertrieb aller Pixar-Filme übernimmt und dafür Teile des Gewinns sowie 12,5 Prozent der Kasseneinnahmen erhält. Zusätzlich hält Disney die Rechte an allen Pixar-Filmen. 2,5 Milliarden Dollar eingespielt Die zwölfjährige Zusammenarbeit zwischen den beiden Unternehmen gestaltete sich überaus erfolgreich: Die fünf Pixar-Filme "Toy Story" (1995), "Das große Kabbeln" (1998), "Toy Story 2" (1999), "Monsters, Inc." (2001) und "Findet Nemo" (2003) spielten nach Pixar-Angaben weltweit bisher mehr als 2,5 Milliarden Dollar (zwei Mrd Euro) in den Kinos ein. Zusätzlich wurden mehr als 150 Millionen DVDs und Videos verkauft. "Wir hatten gemeinsam einen der erfolgreichsten Läufe in der Hollywood-Geschichte. Es ist schade, dass Disney nicht an den zukünftigen Erfolgen teilnehmen wird", erklärte Jobs. Nach Beendigung der letzten zwei Filme im Rahmen des existierenden Abkommens, "The Incredibles" in 2004 und "Cars" in 2005, wolle Pixar seine zukünftigen Produktionen im alleinigen Besitz behalten, erklärte das in Emeryville (Kalifornien) ansässige Animationsfilm-Studio. Disney-Chef Michael Eisner sagte, dass man eine "Fortsetzung unserer erfolgreichen Zusammenarbeit unter beiderseitig akzeptablen Bedingungen vorgezogen hätte". Man habe das Schlussangebot von Pixar nicht annehmen können, "da es Disney Hunderte von Millionen Dollar gekostet hätte, die dem Unternehmen im Rahmen der existierenden Vereinbarungen zugestanden hätten", begründete Disney-Finanzchef Tom Staggs die geplatzten Verhandlungen. Pixar und Disney hatten ihre ersten Entwicklungs- und Vertriebsvereinbarungen 1991 getroffen. Disney hat von 1995 an, beginnend mit "Toy Story", die Pixar-Hits mitfinanziert und vertrieben. Disney darf weiterhin Fortsetzungsfilme produzieren Im Rahmen der derzeitigen Vereinbarungen behält Disney allerdings das Recht, die ersten sieben Pixar-Filme zu vertreiben. Pixar bekommt weiterhin seinen Gewinnanteil. Disney hat aber auch das Recht, die Fortsetzungsfilme der sieben Pixar-Filme allein zu finanzieren und zu produzieren, falls Pixar nicht teilnimmt. Disney hatte mit seinen eigenen Zeichentrickfilmen in letzter Zeit keine großen Erfolge, während Pixar mit seinem legendären kreativen Team unter John Lasseter einen Hit nach dem anderen landete und serienweise Oscars abstaubte. Das gespannte Verhältnis zwischen Jobs und Eisner soll nach Hollywood-Spekulationen eine Rolle gespielt haben. Die harten Eisner-Kritiker Roy E. Disney und Stanley P. Gold, die kürzlich aus dem Disney-Verwaltungsrat ausgeschieden waren, zeigten sich über den Verlust der Disney-Pixar-Verbindung "außerordentlich bestürzt" und lasteten Eisner die Schuld an. Chance für andere Filmstudios Die Pixar-Entscheidung bietet anderen Filmstudios jetzt eine Chance. Sie dürften Pixar jetzt umwerben, um ein neues lukratives Filmvertriebsabkommen mit dem Erfolgsstudio zu treffen. Dazu zählen Time Warner mit seinen Warner Bros., die News Corp. mit Twentieth Century Fox, Viacom mit Paramount Pictures, Sony mit Sony Pictures Entertainment sowie Metro-Goldwyn Mayer, berichtete das Wall Street Journal am Freitag in seiner Onlineausgabe. Die Disney-Titel verloren im deutschen Börsenhandel zunächst mehr als zwei Prozent, Pixar hingegen zogen um gut vier Prozent an. | Pixar Animation Studios, unter anderem Produzent des Nemo-Films, trennt sich von Disney. Obwohl die beiden Unternehmen zwölf Jahre lang überaus erfolgreich kooperiert hatten, konnten sie sich jetzt nicht mehr über die Bedingungen der künftigen Zusammenarbeit einigen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/pixar-nemo-allein-zu-haus-1.915891 | Pixar - Nemo allein zu Haus | 00/05/2010 |
Die Zeichnungsfrist für die Postbank-Aktie läuft. Während Fondsmanager das Angebot als zu hoch empfinden, weist Post-Chef Klaus Zumwinkel die Kritik zurück. Er rechne mit ausreichender Nachfrage. Nach Darstellung des Postchefs rechnet der Bonner Konzern mit genügend Nachfrage für sein Kaufangebot. "Wir gehen von 49,9 Prozent aus. Das ist unser Ziel", betonte Zumwinkel. Detailansicht öffnen Post-Vorstandschef Klaus Zumwinkel blickt optimistisch in die Zukunft. Foto: AP Die Zeichnungsfrist für die Postbank-Aktien hat am Montag begonnen und läuft bis 18. Juni. Am Sonntag hatte das Unternehmen den Markt mit einer Preisspanne von 31,50 bis 36,50 Euro überrascht. Zuvor hatten sogar Konsortialbanker es als großen Erfolg bezeichnet, sollte ein Preis von über 30 Euro je Aktie erzielt werden. Die Erstnotiz des MDax-Anwärters ist für den 21. Juni vorgesehen. Gute Resonanz im Ausland Die Postbank sei insbesondere bei ausländischen Investoren auf gute Resonanz gestoßen, sagte Zumwinkel. Dies gelte ganz besonders für institutionelle Anleger aus dem angelsächsischen Bereich, die mit dem Geschäftsmodell einer Retailbank bestens vertraut seien. Als ebenso erfreulich bezeichnete Postbankchef Wulf von Schimmelmann das Interesse von Privatanlegern und Mitarbeitern der Postbank. Mehr als die Hälfte aller in den Filialen Beschäftigten hätten bereits Postbank-Aktien gezeichnet. Von Schimmelmann erwartet dennoch, dass am Ende nur etwa 10 bis 15 Prozent der angebo-tenen Aktien an private Anleger gehen werden. "Das ist schon ambitioniert" Im vorbörslichen Handel wurden die Postbank-Titel am Montag im unteren Teil der Angebots-spanne gehandelt. Beim Wertpapier-handelshaus Schnigge notierten die Aktien am Nachmittag bei dünnen Umsätzen zwischen 31,95 und 32,40 Euro. "Aus meiner Sicht ist der Preis zu hoch. Es scheint, die Bundesregierung hat ordentlich Druck gemacht", sagte Florian Weber, Chefhändler bei Schnigge. Die Bundesregierung ist mittelbar über die Postbank-Mutter Deutsche Post Mehrheitseigner bei dem Börsenaspiranten. Die Postbank will bei der Emission insgesamt knapp die Hälfte der Aktien platzieren. Auch Fondsmanager, die als potenzielle Zeichner der Aktien ein Interesse an einem möglichst geringen Ausgabepreis haben, sprachen von einem überzogenen Preis. "Ich war schockiert, als ich die Preisspanne am Sonntag gehört habe. Das ist nichts für mich, das ist zu hoch", sagte Boris Boehm, Fonds-manager bei Nordinvest in Hamburg. "Der Markt sieht den Preis unter der Preisspanne", fügte er hinzu. Aktionärsschützer zeigten sich ebenfalls überrascht. "Die Preisspanne ist schon ambitioniert", sagte Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er habe mit einem Preis von unter 30 Euro gerechnet. Aus Sicht der Postaktionäre sei die höhere Preisspanne allerdings zu begrüßen, "denn die haben natürlich kein Interesse daran, dass die Konzernmutter die Anteile an der Postbank zu billig herausgibt". "Scheitern wäre Katastrophe" Wichtig sei aber, dass die Preisvorstellung jetzt auch realisiert werden könne, denn "es wäre fatal, wenn der Börsengang noch abgesagt werden müsste, weil sich zu diesem Preis nicht genügend Investoren finden". Dies sei allerdings unwahrscheinlich, meinte Kurz. | Die Zeichnungsfrist für die Postbank-Aktie läuft. Während Fondsmanager das Angebot als zu hoch empfinden, weist Post-Chef Klaus Zumwinkel die Kritik zurück. Er rechne mit ausreichender Nachfrage. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/postbank-aktie-zumwinkel-verteidigt-preisspanne-1.915774 | Postbank-Aktie - Zumwinkel verteidigt Preisspanne | 00/05/2010 |
Wie sich Apple durch kühne Ideen von einer Pleitefirma in ein äußerst erfolgreiches Modeunternehmen gewandelt hat. Wird Apple zerschlagen? Übernimmt ein Wettbewerber einen der ersten Hersteller von Personal Computern? Hat das nordamerikanische Unternehmen überhaupt noch eine Überlebenschance bei seiner miserablen Finanzlage? Zehn Jahre ist her, dass die Wirtschaftspresse solche Fragen diskutierte. Apple war damals am Boden. Mitte der neunziger Jahre geriet das Unternehmen in die Verlustzone. Viele Mitarbeiter wurden rausgeworfen. Der Rivale Microsoft rettete Apple im Sommer 1997 mit einer Finanzspritze von 150 Millionen Dollar vor dem Ruin. Alles vorbei und vergessen: Der Computerhersteller aus dem kalifornischen Cupertino steht besser da als je zuvor. Mit den Rechnern und digitalen Musikspielern der iPod-Reihe verdient das Unternehmen Milliarden und will jetzt mit einem eigenen Handy für Wirbel in der Mobilfunkbranche sorgen. Das kann gelingen - doch die Konkurrenz schläft nicht. Computer für den persönlichen Gebrauch Ende der siebziger Jahre hatten Steve Jobs, Steve Wozniak und Ronald Wayne die Idee, einen Computer für den persönlichen Gebrauch zu entwerfen. Damals füllten die gängigen Rechner ohne Probleme das Wohnzimmer eines Einfamilienhauses und waren für einen durchschnittlichen Haushalt unerschwinglich. Die drei Jungunternehmer waren nicht die ersten mit ihrer Idee, den Computer massentauglich zu machen, doch schon das zweite Gerät - der Apple II - aus der Schmiede der drei Jungunternehmer gehörte zu den erfolgreichsten Personal Computern (PC) seiner Zeit. Die Firma lief prächtig - bis sie Mitte der neunziger Jahre in die finanzielle Schieflage geriet. Steve Jobs war es, der Apple wieder in Fahrt brachte. Mitte der achtziger Jahre war er durch eine Palastrevolte aus seinem Unternehmen geflogen. Ende 1996 kam er zurück zu Apple, weil seine damalige Firma übernommen wurde. Mut für neues Design Jobs fungierte zunächst als Interims-Chef von Apple - als "iCEO", wie er sich nannte. Er ordnete Vertrieb und Fertigung und bewies Mut für neues Design: In einer Zeit, als graue Einheitscomputer das Bild in den Läden bestimmten, verkaufte Apple bunte Macintosh-Computer. Und Jobs war es, der 2001 zur Überraschung aller den ersten iPod vorstellte. Inzwischen verdient Apple so viel mit den iPod-Spielern und der im Internet verkauften Musik wie mit seinen Mac-Rechnern. Von Januar bis März lag der Umsatz bei 5,3 Milliarden Dollar, der Gewinn bei 770 Millionen Dollar. Mit dem ersten Handy aus der eigenen Produktion namens iPhone will Jobs nun an den Erfolg der Musikspieler anschließen. "Der beste iPod, den wir je hatten", sagt Jobs zu dem Gerät, mit dem sich auch Musik hören lässt. Das iPhone soll zum dritten Standbein des Konzerns werden. Kein billiges Vergnügen Dabei ist das Apple-Handy kein billiges Vergnügen. Günstigenfalls kostet es samt Tarif 1938,76 Dollar - auf Sicht von zwei Jahren, denn so lange müssen sich die Kunden an den Mobilfunkanbieter AT&T binden. Keine andere nordamerikanische Telefongesellschaft bietet das Gerät an. In der teuersten Tarifvariante bei AT&T werden sagenhafte 99,99 Dollar pro Monat fällig plus 499 Dollar für das iPhone mit einem Speicher von vier Gigabyte, 599 Dollar für das Gerät mit acht Gigabyte, was dann Platz für mehr als fünf Tage digitaler Musik bedeutet. Alles in allem gerechnet kann der Besitz des begehrtesten Mobiltelefons derzeit zusammen also fast 3000 Dollar kosten. Für den hohen Preis hat AT&T ein Sorglospaket geschnürt. So können die Kunden bereits beim kleinsten Tarifpaket so viele E-Mails schicken oder Internetseiten anschauen, wie sie wollen. Zudem sind monatlich 200 Textnachrichten inklusive sowie 450 Minuten für mobile Gespräche. Bei den teureren Tarifen sind Telefonate in der Nacht und am Wochenende dann sogar ohne weitere Kosten - sofern das Netz von AT&T verfügbar ist. Obschon die Telefongesellschaft eine der ältesten der Welt ist, hat ihr Mobilfunknetz nämlich gerade an der Westküste der USA noch erhebliche Lücken. Die Widrigkeiten werden die Apple-Fans nicht schrecken. Analysten rechnen damit, dass Jobs das Ziel von zehn Millionen verkauften Handys im nächsten Jahr problemlos erreicht, was ein Marktanteil von einem Prozent bedeuten würde. Platzhirsche gelassen Gelassen zeigen sich deshalb die Platzhirsche wie Nokia, Samsung oder Sony-Ericsson. Zehn Millionen Handys verkauft Marktführer Nokia in zehn Tagen. Dennoch haben fast alle reagiert und selbst im Vorfeld des iPhone-Starts eigene Telefone vorgestellt, die mit einem berührungsempfindlichen Bildschirm ausgestattet sind, Musik spielen und Filme zeigen sowie einfach zu bedienen sind. Probleme wird das iPhone in erster Linie den kleineren Nischenanbietern bereiten. So werden Blackberry-Anbieter RIM oder Palm darunter leiden, dass das Telefon von Apple auch E-Mails empfangen kann - und zwar gratis. Palm hat schon angekündigt, dass seine Geräte künftig schicker werden und einen neuen Verwaltungsratschef berufen: Jon Rubinstein. Der leitete früher bei Apple das Geschäft mit den iPods. | Wie sich Apple durch kühne Ideen von einer Pleitefirma in ein äußerst erfolgreiches Modeunternehmen gewandelt hat. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-kampfansage-apples-iphone-2000-dollar-fuer-135-gramm-1.903319 | Die Kampfansage: Apples iPhone - 2000 Dollar für 135 Gramm | 00/05/2010 |
Anfang kommenden Jahres soll sie nun endlich kommen: Die Maut für schwere Lastkraftwagen und mit ihr vielleicht auch ein kleiner Aufschwung für die seit Jahren darbende deutsche Bauindustrie. Detailansicht öffnen Das Verkehrsministerium will erste Ausschreibungen für Mautautobahnen Anfang 2005 starten. Eines der Vorhaben könnte der sechsspurige Ausbau der A8 München-Augsburg sein. (Foto: Foto: ddp) Sie hofft auf die Erweiterung und Sanierung des Autobahnnetzes über private Betreibermodelle, so genannte Private Public Partnerships (PPP). Im öffentlichen Hochbau hat sich das Modell bereits bewährt, etwa bei der Sanierung von Schulen. Im Verkehrswegebau gab es bislang deutlich mehr Rückschläge als Erfolge. Das soll nun anders werden. Zwölf Projekte geplant Voraussichtlich Anfang 2005 sollen die ersten Aufträge für den Autobahnausbau vergeben werden. "Im ersten Halbjahr könnte das Bundesverkehrsministerium bereits vier bis fünf der insgesamt zwölf als PPP-Projekte vorgesehenen Autobahnteilstücke ausschreiben", sagt Heiko Stiepelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindusstrie und Geschäftsführer des Arbeitskreises Private Finanzierung, dem 40 Firmen angehören. Alle zwölf Projekte zusammen gezählt handele es sich um 500 Autobahnkilometer mit einem Auftragsvolumen von circa 3,5 Milliarden Euro. Am pünktlichen Start der Maut zweifelt Stiepelmann nicht mehr, allerdings sei ein "gewisses Einführungschaos nicht ausgeschlossen", weil noch Erfassungsgeräte in den Lkws fehlen dürften. Bei den ersten fünf PPP-Projekten für Fernstraßen handelt es sich dem Vernehmen nach um den Ausbau des Autobahnkreuzes Buchholz-Bremen an der A1, die A5 zwischen Baden-Baden und Offenburg, die A8 zwischen Augsburg-West und München, die A4 zwischen Düren und Kerpen und das Teilstück Waltershausen und Herleshausen einschließlich der Umfahrung Eisenach ebenfalls auf der A4. Das Modell für das Autobahnnetz sieht vor, dass ein Bauunternehmer oder ein Konsortium vom Bundesverkehrsministerium die Konzession zum Ausbau, Betrieb und zur Unterhaltung eines Autobahn-Teilstückes erhält. Die vom Maut-Betreiber Toll Collect vereinnahmten Maut-Gebühren für den jeweilige Abschnitt fließen dann dem Bauunternehmen zu. Konkurrenz aus dem Ausland Die Differenz zwischen den voraussichtlich für den privaten Betreiber nicht kostendeckenden Maut-Einnahmen und den tatsächlichen Kosten für das Autobahnteilstück trägt der Staat als so genannte Anschubfinanzierung. Den Wettbewerb um das Projekt entscheidet die Höhe der notwendigen Anschubfinanzierung. Den Zuschlag wird voraussichtlich die Baufirma, die am wenigsten Geld vom Staat braucht. In der Liste der Bewerber dürften sich nicht nur Baukonzerne wie Hochtief, Bilfinger + Berger oder Walter Bau finden, sondern auch Konsortien mittelständischer Anbieter. | Baufirmen hoffen auf private Betreibermodelle — und fürchten die Bezahlung unmittelbar aus den Mautgebühren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verkehr-privatisierung-light-fuer-deutschlands-autobahnen-1.901974 | Verkehr - Privatisierung light für Deutschlands Autobahnen | 00/05/2010 |
Die HypoVereinsbank hat ihr Gewerbeimmobilien-Geschäft erfolgreich an die Börse gebracht. Gemessen an der Marktkapitalisierung der größten deutschen Privatbanken könnte sie jedoch schon bald auf den dritten Platz zurückfallen. Mit der Aufspaltung sei der Konzern bei seinem radikalen Umbau jetzt auf der Zielgerade angekommen, sagte HypoVereinsbank-Chef Dieter Rampl am Montag in München. Die bisherige HVB-Gewerbeimmobilientochter Hypo Real Estate (HRE) startete beim ersten Börsengang in Deutschland in diesem Jahr am Montag mit Kursen von gut 11 Euro und konnte im Lauf des Tages zeitweise auf 12 Euro zulegen. Ingesamt im Plus Die HypoVereinsbank-Aktie brach wegen der Abspaltung um zeitweise gut 11 Prozent auf 14,60 Euro ein. Für die HVB-Aktionäre lohnte sich die Transaktion trotzdem. Sie hatten für vier HypoVereinsbank-Aktien einen Anteilsschein der neuen Hypo Real Estate Holding AG erhalten und lagen so insgesamt verglichen mit dem Schlusskurs der alten HypoVereinsbank vom Freitag insgesamt im Plus. Die HypoVereinsbank will sich mit der Aufspaltung gesund schrumpfen. "Beim Abbau der Risikoaktiva und der Stärkung unserer Kapitalbasis haben wir bereits erhebliche Fortschritte erzielt", sagte Rampl nach der Aufspaltung. Die neue, kleinere HypoVereinsbank habe zudem ihre Ertragskraft in den vergangenen Monaten erheblich verbessert. "Wir sind zuversichtlich, dieses positive Momentum in den nächsten Monaten aufrechterhalten zu können." Die HVB hatte im vergangenen Jahr den ersten Verlust in der Unternehmensgeschichte gemacht. Ringen mit der Commerzbank Wegen der Aufspaltung ist künftig die Position der HypoVereinsbank als nach Börsenwert zweitgrößte deutsche Bank in Gefahr. Am Montag hatten die Münchner aber mit einer Marktkapitalisierung von zeitweise 7,8 Milliarden Euro weiterhin die Nase vorn vor der Commerzbank, die auf rund 7,6 Milliarden Euro kam. Ein Commerzbank-Sprecher sagte, es sei klar gewesen, dass es knapp würde. Aktienkurse seien aber stark schwankend. Daher wollten beide Banken der Frage nach der Rangfolge nicht zuviel Bedeutung beimessen. Interessant dürfte die Frage, wer mehr Börsengewicht auf die Waage bringt, nach Einschätzung von Experten ohnehin erst werden, wenn HVB und Commerzbank eines Tages einmal über eine mögliche Fusion reden sollten. Darüber wird seit Jahren spekuliert. Bisher war man davon ausgegangen, dass der Commerzbank bei einem Zusammenschluss die Rolle des Junior-Partners zufallen würde. Die HypoVereinsbank- und die HRE-Aktie hielten sich am Montag besser, als viele Experten erwartet hatten. Da die HVB-Aktionäre die Anteile an der neuen Immobilienbank ins Depot gebucht bekamen, ob sie wollten oder nicht, war mit starkem Verkaufsdruck gerechnet worden. Allerdings hatte sich die Münchener Rück am Donnerstag überraschend bereits vor dem Börsengang von ihrer 25,7-Prozent-Beteiligung an der Hypo Real Estate getrennt und so für Entlastung gesorgt. | Die HypoVereinsbank hat ihr Gewerbeimmobilien-Geschäft erfolgreich an die Börse gebracht. Gemessen an der Marktkapitalisierung der größten deutschen Privatbanken könnte sie jedoch schon bald auf den dritten Platz zurückfallen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hypovereinsbank-aktionaere-profitieren-von-der-hypo-real-abspaltung-1.903928 | HypoVereinsbank - Aktionäre profitieren von der Hypo-Real-Abspaltung | 00/05/2010 |
Die neue Bescheidenheit des Siemens-Vorstands kommt zu spät. Zur Rettung seiner Glaubwürdigkeit muss Konzernchef Klaus Kleinfeld derzeit vor allem auf seine Hausjuristen hoffen. Das Wort "Verzicht" wird in deutschen Vorstandsetagen nicht eben groß geschrieben, zumindest wenn es ums Geld geht. Insofern hat sich Siemens-Chef Klaus Kleinfeld zur Abwechslung mal ausdrücklich ein Lob verdient, nachdem er nun angekündigt hat, der Konzernvorstand werde auf die bereits genehmigte Gehaltserhöhung von 30 Prozent zumindest vorläufig verzichten. Detailansicht öffnen Unter Druck: Siemens-Chef Klaus Kleinfeld. (Foto: Foto: dpa) Ob Kleinfeld damit der beabsichtigte Befreiungsschlag gelingt, darf allerdings bezweifelt werden. Dazu drängt sich zu sehr der Eindruck auf, dass die plötzliche Genügsamkeit nicht so sehr Ergebnis innerer Einsicht war, sondern eher eine Kapitulation vor dem äußeren Druck. Noch am Wochenende hatte Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer die Gehaltserhöhung nicht nur als gerechtfertigt, sondern sogar als notwendig verteidigt. Da Top-Manager anderswo deutlich mehr verdienten, habe Siemens nachziehen müssen. Nur so könne der Konzern künftig Spitzenkräfte anheuern. Schnell die Meinung geändert Nach dieser Logik müsste die jetztige Selbstbescheidung sogar einen wirtschaflichen Schaden nach sich ziehen. Doch in Zeiten öffentlicher Empörung können sich Meinungen eben schnell ändern. Vermutlich glaubte die Siemens-Spitze noch vor wenigen Tagen, die Diskussionen über die Gehaltserhöhung aussitzen zu können. Die Insolvenz der früheren Siemens-Tochter BenQ Mobile brachte dann aber das Fass zum Überlaufen. Kleinfeld dürfte es schlicht mit der Angst zu tun bekommen haben. | Die neue Bescheidenheit des Siemens-Vorstands kommt zu spät. Zur Rettung seiner Glaubwürdigkeit muss Konzernchef Klaus Kleinfeld derzeit vor allem auf seine Hausjuristen hoffen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gehaltsverzicht-des-siemens-vorstands-ueberfaellig-aber-nicht-ausreichend-1.916277 | Gehaltsverzicht des Siemens-Vorstands - Überfällig, aber nicht ausreichend | 00/05/2010 |
Der Trickfilm "Findet Nemo" hat sich seit seinem Start zum wichtigsten Werbeträger des Great Barrier Riffs entwickelt. Er ist klein, orange-weiß gestreift und rettet die Tourismusindustrie im australischen Sonnenstaat Queensland: Nemo, der Anemonenfisch vom Great Barrier Riff, hat sich in kurzer Zeit zum wichtigsten Werbeträger für den tropischen Norden von Queensland entwickelt. Der Star aus dem Zeichentrickfilm "Findet Nemo" hat nicht nur seinen Machern ein Vermögen eingespielt, er ist zum Aushängeschild einer wegen Sars lange darbenden Reiseindustrie geworden. Laut Paul Ewart, Marketing-Direktor von Tourism Queensland, hat der Clownfisch die Bekanntheit des Riffs deutlich verstärkt. Spürbarer Anstieg Mehrere Reiseunternehmer in den Ausgangsorten zum Great Barrier Riff wie Cairns und Port Douglas haben einen spürbaren Anstieg der Nachfrage festgestellt, nachdem der Film in den Vereinigten Staaten anlief. Hotels und Inselresorts wie Hayman, Daydream und Hamilton meldeten nach der Baisse der vergangenen Monate und Jahre wieder bessere Besucherzahlen. Bei einigen war die Zimmerauslastung unter 50 Prozent gefallen. Das Great Barrier Riff ist nach dem Opernhaus in Sydney und dem Uluru (früher Ayers Rock) in Zentralaustralien die wichtigste Attraktion für Australien-Touristen. Fast 35 Prozent aller internationalen Besucher, die nach Queensland kommen, besichtigen das Riff. "Die Macht von Film-Drehorten kann nicht unterschätzt werden", sagt Daniel Gschwind vom Tourism Industry Council Queensland und weist auf den Marketing-Erfolg hin, den der Film "Herr der Ringe" dem neuseeländischen Tourismus bescherte. Auch die Australier haben die Chancen der Filmvermarktung erkannt. Daydream Island, ein Ferienresort für Familien, machte Nemo zum Thema. Erfolg spürbar Die Betreiber der 300 Zimmer-Anlage arbeiten zur Veröffentlichung der Nemo-DVD mit Produzent Disney/Pixar zusammen. Im Meerwasserbecken des Hotels wurden, reklamewirksam, weiß-orange Anemonenfische ausgesetzt. Der Erfolg der Kampagne ist spürbar: Die Auslastung lag im Januar bei etwa 80 Prozent. Vor einem Jahr waren es zur selben Zeit 59 Prozent. Insgesamt zeigt die Zahl der Australien-Besucher nach drei Jahren im Minus wieder nach oben. Im November stieg die Besucherstatistik um 8,3 Prozent. Trotzdem bleibt es für 2003 bei einem Rückgang von zwei Prozent auf 4,74 Millionen Besucher. Optimismus spürbar Am deutlichsten zogen sich Besucher aus China zurück. Das Land war am heftigsten von Sars betroffen. Vor dem Ausbruch der Krankheit war China für die australische Tourismusindustrie einer der am raschsten wachsenden Märkte. Der Optimismus in der australischen Tourismusindustrie ist spürbar, wie auch deutsche Reiseveranstalter vergangene Woche im Rahmen eines Workshops vor Ort feststellten. Eine Reihe neuer Hotel- und Resortprojekte ist geplant. Dem Anleger bieten sich damit mehrere Möglichkeiten, um am Aufschwung Teil zu haben. | Der Trickfilm "Findet Nemo" hat sich seit seinem Start zum wichtigsten Werbeträger des Great Barrier Riffs entwickelt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/australien-ein-fisch-belebt-die-tourismusindustrie-1.918811 | Australien - Ein Fisch belebt die Tourismusindustrie | 00/05/2010 |
Die öffentlichen Kassen in Deutschland steuern auf einen neuen Schuldenrekord zu. Mit neuen Krediten in Höhe von 42,7 Milliarden Euro steigt das Defizit der öffentlichen Haushalte auf vier Prozent, der EU-Stabilitätspakt würde zum dritten Mal in Folge gebrochen. Trotzdem wird Finanzminister Hans Eichel nächste Woche eine niedrigere Prognose an die Kommission in Brüssel melden. So schlecht wie diesmal sind die Halbjahreszahlen des Statistischen Bundesamts noch nie ausgefallen. Das addierte Minus der ersten sechs Monate dieses Jahres, das sich für sämtliche öffentlichen Haushalte - vom Bund über Großstädte bis hin zu den kleinsten Gemeinden - ergibt, liegt noch vier Milliarden Euro über dem Rekordwert des Vorjahreszeitraums. Damals hatte es 38,45 Milliarden Euro betragen, umgerechnet etwa 3,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Bis Ende 2003 war es sogar auf gut 82 Milliarden Euro - oder 3,8 Prozent der Wirtschaftsleistung - gestiegen. Bereits im Juli waren Schätzungen aus Koalitionskreisen bekannt geworden, nach denen die Finanzierungslücke im Staatshaushalt dieses Jahr zwischen 85 und 90 Milliarden Euro betragen könnte. Schwache Nachfrage im Inland Beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden hieß es am Mittwoch gleichwohl, aus der bisherigen Finanzierungslücke seien "keine Rückschlüsse auf die zu erwartende Defizitquote des Staates im Kalenderjahr 2004" möglich oder auf das Defizit-Strafverfahren, das die EU-Kommission gegen Deutschland eingeleitet hat. Ein Sprecher von Finanzminister Eichel erklärte: "Diese Halbjahreszahl ist für uns keine sehr ernst zu nehmende Marke. Sie besagt nicht viel über die tatsächliche Lage." In Kreisen der Brüsseler Kommission hieß es: "Diese Zahlen kommen für uns nicht unerwartet." Die Bundesregierung jedenfalls setzt trotz der Zahlen aus Wiesbaden nach wie vor darauf, dass der Aufschwung im zweiten Halbjahr mehr Geld in die Kassen des Fiskus spült und zugleich die Ausgaben für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht mehr so rasant steigen wie im ersten Halbjahr. Finanzminister Eichel wird deshalb nach Informationen der Süddeutschen Zeitung nächste Woche nur eine Schuldenprognose von gut dreieinhalb Prozent nach Brüssel melden, wenn er wie jedes halbe Jahr den Stand seiner Berechnungen an die EU-Kommission schickt. Diese Meldung, die bis zum 1.September fällig ist, gehört zu den Regularien, die der Europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt allen EU-Staaten auferlegt. Im Januar bei der letzten Meldung nach Brüssel war Eichel noch von einem Wert von 3,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausgegangen. Der Konsum ist die Achillesferse Ein Sprecher von Eichel wollte sich zum Inhalt der bevorstehenden Meldung an Brüssel nicht äußern. Er verwies lediglich darauf, "dass das Defizit in diesem Jahr auch Ausdruck eines politischen Ansatzes ist, den die Regierung gewählt hat"; bewusst sei die labile Konjunktur nicht durch eine übertriebene Sparpolitik gefährdet worden. Wie das Statistische Bundesamt bereits vor knapp zwei Wochen mitgeteilt hatte, war das Bruttoinlandsprodukt in den Monaten April bis Juni um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen. Verglichen mit dem zweiten Quartal 2003 legte die Wirtschaftsleistung um zwei Prozent zu. Vor allem der Export wuchs kräftig - um 3,2 Prozent; die Nachfrage im Inland blieb hingegen schwach. "Die private Nachfrage ist und bleibt die Achillesferse des deutschen Wachstums. Aber vielleicht ist auch dort Besserung in Sicht", sagte Bernd Weidensteiner, Volkswirt der DZ-Bank. Opposition und Wirtschaftsverbände reagierten auf die Defizitzahlen aus Wiesbaden teils mit heftiger Kritik an der Regierung. CSU-Generalsekretär Markus Söder sprach von einem "Insolvenzantrag für Rot-Grün". FDP-Vize Rainer Brüderle nannte die Entwicklung "erschreckend". Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig-Georg Braun, sagte: "Das ist ein Zeichen, dass wir an der weiteren Konsolidierung und der Sparpolitik im Haushalt festhalten müssen." | Die öffentlichen Kassen in Deutschland steuern auf einen neuen Schuldenrekord zu. Mit neuen Krediten in Höhe von 42,7 Milliarden Euro steigt das Defizit der öffentlichen Haushalte auf vier Prozent, der EU-Stabilitätspakt würde zum dritten Mal in Folge gebrochen. Trotzdem wird Finanzminister Hans Eichel nächste Woche eine niedrigere Prognose an die Kommission in Brüssel melden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neuer-verstoss-gegen-den-eu-stabilitaetspakt-der-staatskasse-fehlen-43-milliarden-euro-1.905150 | Neuer Verstoß gegen den EU-Stabilitätspakt - Der Staatskasse fehlen 43 Milliarden Euro | 00/05/2010 |
Schon länger wirft man den Deutschen vor, dass sie zu wenig konsumieren. Für die Jüngeren gilt das wohl kaum: Sie verbrauchen weiterhin großzügig, was ihnen zur Verfügung steht - und das wird immer mehr. Für ihr Handy geben die Kinder und Jugendlichen in Deutschland pro Jahr rund 2,5 Milliarden Euro aus. Detailansicht öffnen Der Konsum von Kindern und Jugendlichen scheint von der Konjunktur abgekoppelt zu sein. (Foto: Foto: dpa) Nach einer repräsentativen Studie des Münchner Marktforschungsinstituts iconKids & youth entfallen davon 190 Millionen Euro allein auf das Herunterladen von Spielen oder Klingeltönen. Am meisten Geld investieren die jungen Menschen zwischen 6 und 19 Jahren allerdings mit 3,4 Milliarden Euro in Bekleidung und modische Accessoires. Fürs Ausgehen geben die Kids jährlich 2,3 Milliarden Euro aus, berichteten die Forscher. Finanzieller Spielraum nimmt zu Trotz der andauernd schwierigen Konjunkturlage hätten die Kinder und Jugendlichen immer mehr Geld zum Ausgeben. Ihnen stünden im laufenden Jahr rund 19 Milliarden Euro zur Verfügung - etwa 600 Millionen Euro mehr als im Jahr 2004. Dies ist nach Angaben der Forscher umso erstaunlicher, als diese Altersgruppe im Jahr 2005 auf Grund des demographischen Wandels um insgesamt 110 000 auf 12,11 Millionen geschrumpft ist. "Kinder werden immer mehr zu einem knappen Gut: Und je weniger Kinder es gibt, desto mehr investiert man in sie. Die Kids sind eindeutig von der derzeitigen wirtschaftlichen Lage der Erwachsenen abgekoppelt", erklärte Studienleiter Ingo Barlovic. Allerdings sehe es keinesfalls für alle Kinder und Jugendlichen finanziell rosig aus, räumte Barlovic auf Nachfrage ein. Weil die vorgestellte Studie jedoch mit Durchschnittswerten arbeite, werde der Aspekt von Kinderarmut nicht speziell ausgeleuchtet. Viele gehen leer aus Bei der Umfrage habe sich aber auch gezeigt, dass zehn Prozent der 10- bis 14-Jährigen kein regelmäßiges Taschengeld bekommen. Insofern gebe es durchaus einen Trend zur Zwei-Klassen-Gesellschaft, sagte Barlovic. | Schon länger wirft man den Deutschen vor, dass sie zu wenig konsumieren. Für die Jüngeren gilt das wohl kaum: Sie verbrauchen weiterhin großzügig, was ihnen zur Verfügung steht - und das wird immer mehr. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konsumverweigerung-was-waeren-wir-ohne-die-jugend-1.902377 | Konsumverweigerung - Was wären wir ohne die Jugend | 00/05/2010 |
Reinhard S. soll als erster Angeklagter im Schmiergeldskandal bei Siemens vor Gericht stehen. Er könnte Kronzeuge werden. Der Angeklagte legte ein Geständnis ab, er bereute seine Taten, und er packte aus. Erst durch ihn erfuhren die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft im Detail, wie Zulieferfirmen aus der Autobranche einen BMW-Direktor geschmiert hatten, um an Aufträge zu kommen. Ansonsten, das bestätigte ein Fahnder vor Gericht, wäre vieles im Dunkeln geblieben. Mit 300.000 Euro hatte der Angeklagte, als er noch Geschäftsführer eines Zulieferbetriebs war, den BMW-Manager bestochen. Ins Gefängnis musste er, nach einer dreiwöchigen Untersuchungshaft, nicht mehr zurück. Das Landgericht München I erließ im Juni ein mildes Urteil: zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung. So könnte im Herbst auch der erste Fall im Schmiergeldskandal bei Siemens enden, den die Staatsanwaltschaft vor Gericht bringen möchte. Wie die Süddeutsche Zeitung aus Kreisen erfuhr, die mit dem Ermittlungsverfahren befasst sind, wollen die Strafverfolger noch in diesem Jahr die erste Anklage vorlegen. Alles gemacht, was die Firma von ihm verlangte Der frühere Siemens-Direktor Reinhard S. soll sich wegen Untreue und Bestechung verantworten. Sein Anwalt sagt dazu nichts, Siemens schweigt ebenfalls, und Oberstaatsanwalt Anton Winkler sagt wenig. Man wolle das Verfahren zügig beenden, "zu einzelnen Personen äußern wir uns nicht". Der Kaufmann Reinhard S., 56, ein gebürtiger Bayer, der im Großraum München lebt, ist eine Schlüsselfigur in diesem Verfahren. Als Buchhalter der Schattenwirtschaft lässt sich seine Spezialaufgabe in dem Weltkonzern wohl am besten beschreiben. Mehr als sein halbes Leben lang hat S. für den Konzern gearbeitet, zuletzt als Direktor im Bereich Telekommunikation und dort in der Sparte Festnetz (IC Networks) mit zwei Milliarden Euro Jahresumsatz und 10.000 Mitarbeitern weltweit. Er hat alles gemacht, was die Firma von ihm verlangte. Er hat sogar schwarze Kassen organisiert, damit Siemens-Manager in vielen Teilen der Welt genügend Geld zur Hand hatten, um bei der Akquisition von Aufträgen nachzuhelfen. Am Ende, nach einer Trennung im Streit, hatte S. aber mit Siemens gebrochen. Als die Ermittler in den Morgenstunden des 15. November vergangenen Jahres eine Großrazzia starteten - das war der Beginn des Skandals - saß der vormalige Siemens-Direktor gewissermaßen auf gepackten Koffern. Er hatte vorsichtshalber Belastungsmaterial gesammelt und mit einem ehemaligen Kollegen darüber gesprochen, ob er von sich aus zur Staatsanwaltschaft gehen solle. S. fürchtete offenbar, der Konzern werde ihm alles in die Schuhe schieben, falls die Sache auffliege. Mehr als 100 Millionen Euro in alle Welt geschleust Die Ermittler kamen dem ehemaligen Direktor dann zuvor und waren selbst überrascht, welchen Fang sie da gemacht hatten. S. präsentierte den erstaunten Fahndern Akten, Briefe, Rechnungen, Vollmachten, Kontoauszüge und andere Belege für die dunklen Geschäfte bei Siemens. Und er schilderte bei den Vernehmungen im Landeskriminalamt das System der schwarzen Kassen und Schmiergeldzahlungen bis ins kleinste Detail; anfangs Tag für Tag, später Woche für Woche. Oft fiel ihm über Nacht noch eine Begebenheit ein oder ein Manager, der in den Fall verwickelt sei. Mit Hilfe von S. und auf Grund weiterer Erkenntnisse konnte die Staatsanwaltschaft den Konzernbereich Telekommunikation schnell durchleuchten und feststellen, dass Siemens-Manager seit Ende der neunziger Jahre mehrere hundert Millionen Euro durch schwarze Kassen in Österreich und der Schweiz in die ganze Welt geschleust hatten. Ein geheimes Finanzsystem war da entstanden, mit Tarnfirmen, Auslandskonten und Schließfächern bei Banken, in denen die Nebenbuchhaltung verwahrt wurde. S. verwies auch auf andere Konzernbereiche, in denen ebenfalls geschmiert worden sei. Und er wies den Weg in die Konzernspitze. S. belastete den vormaligen Vorstand Thomas Ganswindt schwer. Ganswindt wurde in Untersuchungshaft genommen und gab zu, von Schmiergeldzahlungen gewusst zu haben. "Korruption werde hart bestraft - Aufklärung hingegen belohnt" Das Gerichtsverfahren gegen S. könnte rasch vorüber sein, wie bei dem geständigen BMW-Zulieferer. Bei dem war alles an einem Tag abgehandelt, nachdem das Gericht, die Verteidigung und die Staatsanwaltschaft sich abgesprochen hatten. Vielleicht wäre ein kurzer Prozess gegen den ehemaligen Siemens-Direktor sogar im Sinne der Strafverfolger. S. stünde, sobald sein Fall abgeschlossen wäre, als eine Art Kronzeuge zur Verfügung. Bei den vielen Verfahren gegen andere und bekanntere Siemens-Manager, die sicherlich noch folgen werden, könnte der Schattenbuchhalter anschließend seine bisherigen Aussagen bei der Staatsanwaltschaft vor Gericht wiederholen. Dann aber nicht als Beschuldigter, sondern als Zeuge der Anklage. In der Schmiergeldaffäre bei BMW hat das Münchner Landgericht einen Leitsatz verkündet, der womöglich auch für Siemens gilt. Korruption werde hart bestraft, aber "Aufklärung wird belohnt". | Reinhard S. soll als erster Angeklagter im Schmiergeldskandal bei Siemens vor Gericht stehen. Er könnte Kronzeuge werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-affaere-der-schattenbuchhalter-1.904740 | Siemens-Affäre - Der Schattenbuchhalter | 00/05/2010 |
Seit Anfang des Jahres ist er nach ewigem Hickhack erlaubt: der Versandhandel mit Medikamenten. Lange hatte sich die niederländische Versandapotheke DocMorris mit den deutschen Apothekerverbänden gestritten und trotz des deutschen Versandhandelsverbots seit Juni 2000 Medikamente nach Deutschland geliefert. Mit dem Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenkassen verstößt DocMorris nun nicht mehr gegen deutsches Recht. Frei verkäufliche und rezeptpflichtige Arzneien dürfen jetzt per Post an die Patienten geliefert werden. Die Apotheker konkurrieren damit nicht nur mit dem Wettbewerber drei Straßen weiter, sondern auch mit virtuellen Marktteilnehmern. Neben DocMorris wirbt eine steigende Zahl an Web-Apotheken um die Gunst der Patienten. Zu den größten Anbietern zählen die niederländischen Apotheken DocMorris, Europa-Apotheek, Pharma-Kontor und die Apotheke für den Mann sowie die Schweizer Apo AG. In Deutschland gehören Sanicare und My Care zu den Hauptanbietern im Versandgeschäft. Rabatt auf die Zuzahlung Die Hälfte der knapp 21.400 zugelassenen deutschen Apotheken versucht zurzeit durch ihr Serviceangebot Aponet dem Druck der Konkurrenz aus dem Netz standzuhalten. Bei Aponet können Patienten Medikamente online bestellen, die von der Apotheke vor Ort bereitgehalten werden beziehungsweise nach Hause geliefert werden. Den Verbrauchern bieten die Internet-Apotheken Vorteile. Die virtuellen Arzneimittel-Händler werben damit, dass Patienten sich nicht nur den Weg in die Apotheke sparen können, sondern ein paar Euro dazu. DocMorris etwa betont, dass es bei der Bestellung rezeptpflichtiger Präparate nur die Hälfte der Zuzahlung verlangt. Seit Jahresbeginn müssen die Apothekenbesucher auch hier tiefer ins Portemonnaie greifen. Bei Medikamenten von 5 bis 50 Euro sind 5 Euro Zuzahlung fällig und für Arzneien von 50 bis 100 Euro bis zu zehn Prozent des Medikamentenpreises. Bei DocMorris wäre das je die Hälfte. Die Patienten würden bei Bedarf für ihre Krankenkasse dennoch eine Quittung über die volle Zuzahlung erhalten, heißt es. Doch Vorsicht: Denn hier verlangt man dann eine Erstattung von Leistungen durch die Krankenkasse, die man eigentlich durch die günstigen Konditionen bei DocMorris gar nicht getätigt hat. Die Europa-Apotheek zahlt ihren Kunden bei jeder Rezeptbestellung einen Bonus von drei Prozent für jedes Präparat bezogen auf den deutschen Medikamentenpreis, mindestens 2,50 Euro und maximal 15 Euro. Andere bieten weitere Vergünstigungen - insgesamt reicht die Marge der Sparmöglichkeit den Angaben der Web-Apotheken zufolge bis zu 20 Prozent. Die ausländischen Apotheken dürfen Arzneimittel aber nur an Kunden in Deutschland senden, sofern sie die deutschen Sicherheitsstandards erfüllen. So dürfen sie nur hier zu Lande zugelassene Medikamente versenden, der Beipackzettel muss in deutscher Sprache beiliegen und zudem müssen sie eine Beratung auf Deutsch sicherstellen. Bevor Kunden bei Internet-Apotheken bestellen, sollten sie prüfen, ob die Krankenkasse mit der Internet-Apotheke abrechnet, rät Julia Nill von der Verbraucher Zentrale Baden Württemberg. Gibt die Kasse grünes Licht, müssen die Nutzer - so schreibt es das deutsche Arzneimittelgesetz vor - bei rezeptpflichtigen Medikamenten ihr Originalrezept bei der Internet-Apotheke einschicken. Zusatzkosten machen Preisvorteil häufig zunichte Rezeptfreie Medikamente können dagegen online, am Telefon oder per Fax bestellt werden. Wer kurzfristig ein Medikament braucht, ist in einer Ortsapotheke schneller bedient, denn die Lieferzeiten betragen je nach Web-Apotheke ab dem Rezepteingang zwei Tage bis mehr als eine Woche. Ähnlich ist es mit den Versandkosten und der Servicepauschale. Sie machen häufig den Preisvorteil der Arznei zunichte. Bei DocMorris muss ein Kunde mindestens zwei rezeptpflichtige Medikamente, rezeptfreie Präparate über 40 Euro oder Medikamente im Gesamtwert von 100 Euro bestellen, um die Servicepauschale in Höhe von 4,95 Euro erlassen zu bekommen. Sanicare liefert bei einer Rezeptbestellung kostenfrei oder aber bei einem Bestellwert über 100 Euro. Ansonsten verlangt der Apothekenversand auch hier eine Pauschale von 4,50 Euro. Die anderen Web-Apotheken verfahren ähnlich. Rezeptbestellungen sind in der Regel kostenfrei und bei den rezeptfreien Medikamenten bewegen sich alle im Bereich der von DocMorris oder Sanicare angewandten Praxis. Ein Mindestbestellwert von 40 bis 100 Euro ist demnach üblich. Bezahlt wird per Einzugsermächtigung, Kreditkarte, Vorkasse oder Nachnahme. Bei der Beratungsleistung gibt es erhebliche Unterschiede. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Apotheken Arzneien bereitstellen und beraten müssen. Dies gilt auch für die Internet-Apotheken. Während beispielsweise Sanicare 24 Stunden täglich eine Telefonberatung bietet, suchen Kunden bei der Versandapotheke für den Mann vergeblich nach einer Beratungsnummer. DocMorris, My Care oder Pharma-Kontor haben die Telefonleitung von Montag bis Freitag zu bestimmten Zeiten geschaltet. Spätestens bei der Beratung schlagen die Verbraucherschützer Alarm. "Zig-Tausende Menschen sterben jährlich durch Nebenwirkungen von Medikamenten", weiß Julia Nill. Da sei Vorsicht geboten, denn eine Bestellung von Arzneimitteln im Internet könne einen Arztbesuch auf keinen Fall ersetzen, warnt die Gesundheitsexpertin. Das gelte sowohl für verschreibungspflichtige als auch für rezeptfreie Arzneimittel, wie das häufig online bestellte Potenzmittel Viagra. Nill rät Patienten genau abzuwägen, ob das Medikament wirklich notwendig ist. Wenn ja, dann sollte möglichst im EU-Ausland bestellt werden, denn hier würden die europäischen Richtlinien gelten, die notfalls eingeklagt werden könnten. Allerdings weist Nill auch darauf hin, dass Klagen gegen ausländische Unternehmen mit größeren Schwierigkeiten verbunden sind als im Inland. Anbieter prüfen Kritik übt die Verbraucherschützerin an den Geschäftsbedingungen. "Fast alle Internet-Apotheken weisen nicht auf das gesetzlich verbriefte Widerrufs- und Rückgaberecht für bestellte Waren hin", so Nill. Den Verbrauchern rät sie daher, per Nachnahme zu zahlen. Zudem sollten sie sich vorher erst bei ihrer Krankenkasse informieren, ob diese überhaupt mit der entsprechenden Internet-Apotheke abrechnet. Der Vorstandschef des Bundesverbandes der Versandapotheken Thomas Kerckhoff rät, dass die Verbraucher zunächst prüfen sollten, ob hinter der Internet-Apotheke wirklich eine Apotheke steckt. Denn auch hier gebe es schwarze Schafe. "Ein qualifizierter Anbieter lässt sich dadurch erkennen, dass im Impressum der Name des Apothekers, die Adresse der Apotheke sowie der Name der zuständigen Aufsichtsbehörde (Gesundheitsamt oder Regierungspräsident) und der Apothekenkammer steht", sagt Kerckhoff. | Wer Medikamente online bestellt, sollte vorher genau die Geschäftsbedingungen lesen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/internet-apotheken-pillen-per-post-1.898558 | Internet-Apotheken - Pillen per Post | 00/05/2010 |
Die US-Investmentbank ist zur Zahlung einer Buße von mindestens 30 Millionen Euro an den französischen Luxuskonzern LVMH verurteilt worden. Die Bank soll den Konkurrenten Gucci bevorzugt haben und LVMH absichtlich schwach eingestuft haben. Das Pariser Handelsgericht gestand dem französischen Luxuskonzern LVMH eine Entschädigung in dieser Höhe zu und begründete dies mit einem schwer wiegenden Fehlverhalten. Die genaue Schadenshöhe soll ein Experte bis Ende April festlegen. Prozessvertreter von Morgan Stanley kündigten sofort an, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Anwalt Bruno Quentin bezeichnete den Spruch in dem in der französischen Wirtschaftsgeschichte einmaligen Fall als "Science fiction". "Beträchtlicher Schaden" Durch die Verfehlungen von Morgan Stanley sei LVMH ein "beträchtlicher Schaden" entstanden, betonte das Handelsgericht. Die Luxusgütergruppe hatte 100 Millionen Euro eingeklagt, weil die Analysten die Firma zu schlecht benotet und den italienischen LVMH-Rivalen Gucci bevorzugt haben sollen. Die Bank hatte dies "kategorisch" zurückgewiesen und betont, ihre Analysten seien integer. LVMH - mit vollem Namen Moët Hennessy Louis Vuitton - hatte im Oktober 2002 Klage eingereicht und geltend gemacht, das Verfahren richte sich nicht gegen die Analysten, sondern gegen ein "System". Drei Jahre lang hätten "irreführende und verzerrte Angaben" aus dem Hause Morgan Stanley dem Pariser Unternehmen geschadet. Negativ beeinflußt So seien Einschätzungen der Staranalystin Claire Kent über LVMH durch die engen Geschäftsbeziehungen zwischen der US-Bank und Gucci negativ beeinflusst worden. Morgan Stanley hatte den italienischen Konzern bei der Abwehr des Übernahme-Versuchs durch LVMH 1999 bis 2001 beraten. Banken, die sich zum Beispiel parallel mit Analysen einer Branche und mit der Betreuung einer großen Fusion befassen, müssen dabei das Prinzip der "Chinese Walls" ("Chinesischen Mauern") zwischen den verschiedenen Abteilungen beherzigen: Interne Informationen dürfen nicht zum Nachteil Dritter verwendet werden. Anteile verkauft LVMH hatte die Gucci-Übernahme schließlich aufgegeben und seine bereits erworbenen Gucci-Anteile an den konkurrierenden französischen Konzern Pinault Printemps Redoute (PPR) verkauft. Zum LVMH-Konzern des Milliardärs Bernard Arnault gehören unter anderem die Designer-Marken Louis Vuitton, Christian Dior und Kenzo, die Champagner-Sorte Moët et Chandon und die Hennessy-Cognacs. | Die US-Investmentbank ist zur Zahlung einer Buße von mindestens 30 Millionen Euro an den französischen Luxuskonzern LVMH verurteilt worden. Die Bank soll den Konkurrenten Gucci bevorzugt haben und LVMH absichtlich schwach eingestuft haben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/morgan-stanley-teure-analysten-aussagen-1.916860 | Morgan Stanley - Teure Analysten-Aussagen | 00/05/2010 |
Die Konjunkturprognosen werden immer pessimistischer: Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird das Sozialprodukt in diesem Jahr nun sogar schrumpfen. Mit seiner Erwartung eines um 0,1 Prozent gesunkenen Wirtschaftswachstums geht das DIW als erstes führendes Institut für 2003 von einem Minus-Wachstum in Deutschland aus. Wie das Institut am Dienstag in Berlin weiter berichtete, zeichnet sich auch im kommenden Jahr mit einem Konjunkturwachstum von nur 1,3 Prozent keine durchgreifende Wende ab. Pessimistischer als die Bundesregierung Die Wirtschaftsforscher schraubten damit frühere Annahmen nach unten. Sie zeigten sich auch deutlich pessimistischer als die Bundesregierung, deren offizielle Wachstumsprognose für dieses Jahr bei 0,75 Prozent und für das kommende Jahr bei zwei Prozent liegt. Laut DIW sind in Folge der konjunkturellen Entwicklung auch mehr Arbeitslose zu erwarten: Im Schnitt werden es 2003 demnach 4,5 Millionen sein - das sind gut 400.000 mehr als im vergangenen Jahr. 2004 werden demnach sogar durchschnittlich 4,75 Millionen Menschen ohne Beschäftigung sein, eine Besserung trete jedoch in der zweiten Jahreshälfte ein. Deutlich über der Defizitmarke Das Defizit wird den Berliner Forschern zufolge in diesem Jahr mit 80 Milliarden Euro oder 3,7 Prozent deutlich über der erlaubten Marke von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegen. Im kommenden Jahr verringere sich die Defizitquote auf drei Prozent oder einen Schuldenberg von 66 Milliarden Euro. Allerdings hatte das Institut das Vorziehen der letzten Stufe der Steuerreform auf nächstes Jahr aber offenbar noch nicht berücksichtigt. Starker Euro belastet Die inländische Schwäche bleibe von einer ungünstigen Einkommensperspektive - höhere Verbrauchsteuern und steigende Sozialversicherungsbeiträge - sowie Investitionssicherheit bestimmt. Die Exporte litten unter der Stärke des Euro. (sueddeutsche.de/AP/AFP) | Die Konjunkturprognosen werden immer pessimistischer: Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird das Sozialprodukt in diesem Jahr nun sogar schrumpfen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konjunkturprognose-deutsche-wirtschaft-schrumpft-1.905899 | Konjunkturprognose - Deutsche Wirtschaft schrumpft | 00/05/2010 |
Der Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl im November um 53.000 stellt zwar einen Zehn-Jahres-Rekord dar. Doch der Rückgang wurde erheblich begünstigt durch das milde Wetter zu Beginn des Monats. Die überraschend guten Zahlen vom Arbeitsmarkt sind noch kein Grund zum Jubeln. Doch die aktuellen Daten und die Prognosen für 2006 geben nach Ansicht von Analysten Anlass zur Hoffnung, dass die Arbeitsmarktreformen langsam zu wirken beginnen - vorausgesetzt die Wirtschaft wächst im kommenden Jahr um die von der Bundesregierung avisierten 1,2 Prozent. Detailansicht öffnen Im Arbeitsamt Düsseldorf. (Foto: Foto: dpa) Immerhin erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA), dass die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt von aktuell 4,87 Millionen auf 4,70 Millionen im Jahr 2006 sinken dürfte. Der neue Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erklärte zwar am Donnerstag im Bundestag augenzwickernd: "Wir arbeiten schnell" - aber ganz so schnell dürfte der Arbeitsmarkt nicht in Schwung kommen. Einstellungen nur langsam in Statistik Die erhöhte Bereitschaft vieler Unternehmen, wieder neue Arbeitskräfte einzustellen, wird sich nur langsam in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) niederschlagen, wie von Wirtschaftsforschern hervorgehoben wird. Der Rückgang der Arbeitslosenzahl um 25.000 auf 4.531.000 im November wurde erheblich begünstigt durch das milde und trockene Wetter und den auf Mitte des Monats vorgezogenen Stichtag. "Erheblich überzeichnet" Schnee und Kälte, vor allem der katastrophale Wintereinbruch im Nordwesten Deutschlands vor einer Woche sind (noch) nicht in der Statistik abgebildet. Der Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl um 53.000 stellt zwar einen Zehn-Jahres-Rekord dar. "Diese Zahl ist aber erheblich überzeichnet", räumte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt, ein. Nur etwa die Hälfte dieser Zahl ist ein Beleg für die anziehende Konjunktur. Die andere Hälfte sei dem ausgesprochen guten Wetter zu verdanken und müsste eigentlich "nachbereinigt" werden, meinte Alt. Winter zeigt Wirkung Mittlerweile zeigt die kalte Jahreszeit erste Wirkung. Der Winter wird noch kräftiger Einzug halten und die Beschäftigung in den Außenberufen erstarren lassen. | Der Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl im November um 53.000 stellt zwar einen Zehn-Jahres-Rekord dar. Doch der Rückgang wurde erheblich begünstigt durch das milde Wetter zu Beginn des Monats. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ueberraschend-gute-arbeitsmarktzahlen-kein-grund-zum-jubeln-1.900215 | Überraschend gute Arbeitsmarktzahlen - Kein Grund zum Jubeln | 00/05/2010 |
Christoph Franz soll die Ertragswende bei der Schweizer Fluggesellschaft herbeiführen — bei Lufthansa hat er die Sanierung geprobt. Die Nachricht kam nicht überraschend. Schon seit einigen Tagen wurde Christoph Franz, 43, in Luftfahrtkreisen als aussichtsreichster Kandidat für die Swiss-Spitze genannt. Franz habe sich gegen fünf weitere Kandidaten durchgesetzt, teilte der Verwaltungsrat der Schweizer Fluggesellschaft am Montagabend mit (SZ vom 20.4.). Detailansicht öffnen Bei der Lufthansa erwarb sich Franz Meriten - für die Swiss kann er jede Hilfe brauchen. (Foto: Foto: AP) Chef ab dem 1. Juli Am 1. Mai soll der promovierte Wirtschaftsingenieur zur Schweizer Fluggesellschaft kommen, sich einarbeiten und seine Funktion als Konzernchef (CEO) am 1.Juli antreten. Er übernimmt den Posten von André Dosé, der vor wenigen Wochen wegen juristischer Ermittlungen im Zusammenhang mit einem Flugzeugabsturz zurückgetreten war. Der aus Frankfurt am Main stammende Franz, der mit einer Französin verheiratet und Vater von fünf Kindern ist, hat unterschiedliche Erfahrungen in Führungsaufgaben gesammelt. Eher glücklos hantierte Franz zuletzt bei der Deutschen Bahn, wo er von 1994 an insgesamt neun Jahre tätig war — als Leiter Personenverkehr und Mitglied der Geschäftsleitung, verantwortlich für 70000 Mitarbeiter. Sein Wirken endete dort im Mai vorigen Jahres mit einem Rausschmiss. Am Preissystem gescheitert Die Kunden lehnten das neue Preissystem ab, die Bahn musste herbe Einbußen verkraften. Anders als bei Fluggesellschaften — an ihnen hatte sich das Team um Franz orientiert — wollen die Bahnfahrer kein Preissystem mit Rabatten für frühes Buchen und frühzeitiger Festlegung auf einen bestimmten Zug. Mehr Verdienste erwarb sich Franz vor seiner Bahn-Karriere bei der Lufthansa. Dort begann er 1990 als Trainee, wurde zwei Jahre später Mitglied des Sanierungsteams unter dem damaligen Lufthansa-Chef Jürgen Weber. Die deutsche Fluggesellschaft war Anfang der 90er Jahre zum Problemfall geworden und von der Pleite bedroht. Das Sanierungsteam setzte harte Einschnitte um, die Ertragswende wurde geschafft. Die Swiss — ein schwieriger Fall Die Erfahrungen aus dieser Zeit wird Christoph Franz nun gut gebrauchen können. Seit ihrem Start nach der Insolvenz der Swissair, dessen Nachfolgerin Swiss quasi ist, kommt die Fluggesellschaft nicht richtig auf Kurs. Der Schweizer Staat hatte 2002 zusammen mit der Wirtschaft eine Milliarden-Hilfe für den Start der neuen Swiss bereitgestellt, doch schon wieder verhandelt Swiss mit Schweizer Banken um einen Kredit — wenn auch nur für Notfälle, wie es unlängst hieß. Komplizierter als erwartet gestaltet sich auch der Beitritt zu der Luftfahrt-Allianz Oneworld um British Airways, der sich durch den Abgang von André Dosé weiter verzögert hat. Der Verwaltungsrat der Schweizer Fluggesellschaft hat Christoph Franz unter anderem wegen "seiner spezifischen Kenntnisse im Bereich des Turnarounds" ausgewählt. Er sei davon überzeugt, dass Franz die Restrukturierung der Swiss erfolgreich abschließen wird. Auf einer Pressekonferenz in Zürich sagte Franz am Dienstag, er wolle das Unternehmen schnell aus der Verlustzone führen. Er werde sich darum bemühen, dass der Turnaround erfolgreich weitergehe. Die Swiss habe ein gutes Produkt und international immer noch ein hervorragendes Image. | Christoph Franz soll die Ertragswende bei der Schweizer Fluggesellschaft herbeiführen — bei Lufthansa hat er die Sanierung geprobt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/swiss-glueckloser-bahn-manager-bekommt-neue-chance-1.906437 | Swiss - Glückloser Bahn-Manager bekommt neue Chance | 00/05/2010 |
Mit Rabatten und irreführender Werbung war der US-Computerhersteller Dell offenbar auf Kundenfang gegangen. Weil die Verbraucher getäuscht sein sollen, reicht die New Yorker Staatsanwalt nun Klage ein. Der New Yorker Chefankläger Andrew Cuomo hat Klage gegen den US-Computerhersteller Dell wegen irreführender Werbung eingereicht. Dell soll mit Rabatten und günstigen Finanzierungen geworben haben, um den Computerabsatz zu steigern, berichtete das Wall Street Journal in seiner Internetausgabe. Dabei seien die Verbraucher getäuscht worden. Die Klage sei in einem Gericht im Albany-Bezirk (US-Bundesstaat New York) eingereicht worden. Darin werde der Dell Inc. und der Tochterfirma Dell Financial Services LP Betrug, Falschwerbung und täuschende Geschäftspraktiken vorgeworfen. In der Klage werde Dell unter anderem beschuldigt, die Kunden mit Versprechungen attraktiver Finanzierungen fehlgeleitet zu haben, während ihnen nur teure Kreditlinien verblieben seien. Eine kleine Gruppe in New York Dell habe versprochene Rabatte verneint sowie Garantien und Service-Verträge nicht eingehalten, heißt es weiter. Das Unternehmen solle es schwierig gemacht haben, technische Unterstützung zu erhalten. Ein Dell-Sprecher sagte, die Vorwürfe basierten auf die Beschwerden einer kleinen Gruppe von Kunden in New York. Das Unternehmen kündigte an, sich gegen die Vorwürfe mit aller Kraft zur Wehr zu setzen. Der Sprecher zeigte sich zuversichtlich, dass sich die Werbepraxis des Unternehmens als angemessen und fair erweisen werde. "Unsere Kunden haben die oberste Priorität bei Dell", betonte er. Die Staatsanwaltschaft war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. SEC eingeschaltetAn der Börse wurde die Klage negativ aufgenommen. Die Aktien gaben im vorbörslichen Handel um 1,3 Prozent nach. Dell hat zuletzt wegen Hinweisen auf ein Fehlverhalten in der Buchprüfung die Vorlage für das abgelaufene Geschäftsjahr verschoben. Das Unternehmen hatte die internen Ermittlungen im August 2006 bekannt gegeben. Auch die US-Börsenaufsicht SEC und die Staatsanwaltschaft hatten sich in die Ermittlungen eingeschaltet. | Mit Rabatten und irreführender Werbung war der US-Computerhersteller Dell offenbar auf Kundenfang gegangen. Weil die Verbraucher getäuscht sein sollen, reicht die New Yorker Staatsanwalt nun Klage ein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/us-staatsanwaltschaft-klagt-an-dell-vorwurf-der-kundentaeuschung-1.905070 | US-Staatsanwaltschaft klagt an - Dell - Vorwurf der Kundentäuschung | 00/05/2010 |
Jeden Monat verlassen mehr als hunderttausend Kunden die Telekom, weil Service und Preis nicht stimmen. Der Konzern will gegensteuern - und stößt auf hausgemachte Probleme. Thomas Gleis (Name geändert) setzt sich den Kopfhörer auf und atmet durch. Auf seinem Bildschirm springt eine kleine Ampel von grün auf gelb: das Signal, dass ein Kunde in der Leitung ist. Detailansicht öffnen Das "T" in Magenta leuchtet schön, aber die Leute "schütteln den Kopf, wenn man noch bei der Telekom ist." (Foto: Foto: ddp) Berater: "Mein Name ist Thomas Gleis, was kann ich für Sie tun?" Kunde: "Gibt es eine Beschwerdestelle bei Ihnen?" Berater: "Ich helfe Ihnen gerne." Kunde: "Ich habe gestern den ganzen Tag vergeblich auf einen Techniker gewartet, der meinen DSL-Anschluss anschließen sollte. Den Termin hatte ich vor Wochen ausgemacht. Ich musste extra einen Tag frei nehmen." Gleis bleibt gelassen. Solche Geschichten erzählen viele Kunden. Für sie ist die Telekom ein Saftladen, dazu noch ein teurer. Monatlich kündigen hunderttausend. Doch trotz ambitionierter Konkurrenten wie Arcor, Versatel, Hansenet oder Netcologne hat die Telekom in Deutschland noch 33,2 Millionen klassische Telefonanschlüsse. Und die will Konzernchef René Obermann verteidigen. Ohne ein starkes Geschäft auf dem Heimatmarkt räumen Experten dem einst größten europäischen Telekomkonzern nur wenig Chancen ein, bei der weltweiten Übernahmewelle aktiv einzugreifen. Damit hängt für die Telekom viel von der Lösung der Probleme auf dem Heimatmarkt ab. Als Obermann im Dezember den zaudernden Kai-Uwe Ricke an der Unternehmensspitze ablöste, setzte er deshalb besseren Service ganz oben auf seine Agenda. Warum es im Alltag hakt, zeigt ein Besuch im Eschborner Call-Center, einem Pilotprojekt der Telekom. Aus drei ehemaligen Call-Centern der Festnetzsparte T-Com hat der Konzern hier in einem Gewerbegebiet 700 Mitarbeiter zusammengezogen, welche sich in den hellen Großraumbüros im Schichtbetrieb 560 Arbeitsplätze teilen. Gleis sitzt im zweiten Stock mit drei Kollegen in einem durch Stellwände begrenzten, großzügig bemessenen quadratischen Bereich. Dort versucht er, die verärgerten Kunden zu besänftigen. Berater: "So, wie das gelaufen ist, ist es nicht richtig. Ich würde Ihnen gerne als Wiedergutmachung eine Gutschrift von 50 Euro anbieten. Dann ist die Installation der Anlage quasi kostenlos.'' Kunde: "Das ist nett von Ihnen. Ich wollte Ihnen auch noch sagen, wie die Stimmung bei uns im Dorf gegenüber der Telekom ist. Ich war am Wochenende bei einer Fete und habe erzählt, dass mein DSL-Paket kommt. Da haben sich einige Leute vor Lachen den Bauch gehalten, weil ich immer noch Ihr Kunde bin. Wissen Sie, bei uns im Westerwald gibt es jetzt auch 1&1. Die Leute schütteln den Kopf, wenn man noch bei der Telekom ist. Da hat man doch immer Probleme.'' Berater: "So läuft es normalerweise nicht, und wir arbeiten daran, besser zu werden." Kunde: "Das kann ich nur hoffen, wirtschaftlich fehlen dem Unternehmen jetzt die 50 Euro, nur weil irgendein Dösel seinen Job nicht richtig gemacht hat. Ich bekäme jedenfalls Ärger, wenn ich meine Arbeit so machen würde." Manchmal frage er sich schon, wie so etwas überhaupt schief gehen könne, sagt Gleis, nachdem er aufgelegt hat. Solche Gespräche sind Alltag für den 37-Jährigen, der vor zwanzig Jahren bei der Staatsbehörde Bundespost als Fernmeldetechniker angeheuert hat. Als der Konzern sich zehn Jahre später nach der Privatisierung Telekom nannte und Zehntausende Stellen abbaute, da wechselte er in ein Call-Center. "Hier kann ich mein technisches Wissen einsetzen", sagt Gleis. Beifallssturm unter Kollegen Dass die Telekom einem Journalisten einen Einblick in ihre telefonische Kundenberatung gewährt, diese Offenheit gab es früher nicht. Neu ist auch die schonungslose Art, in der Obermann öffentlich über Mängel spricht. Vielen Mitarbeitern geht dies zu weit. Das Management rede den Service bewusst schlecht, lautet der Vorwurf eines Berliner Telekomtechnikers, der kürzlich per Brief mit der neuen Konzernführung abgerechnet und damit einen Beifallssturm unter Kollegen ausgelöst hat. Sicher gibt es bei allen Telefonfirmen Pannen. Allerdings müsse sich gerade die Telekom durch einen reibungslosen Ablauf auszeichnen, ist Obermann überzeugt. Schließlich ist das Unternehmen kein Billiganbieter. Probleme gibt es auch beim Anfang des Jahres eingeführten neuen Telefonportal. Wer die allgemeine Hotline 08003301000 wählt, den begrüßt nun eine Computerstimme. "Guten Tag, herzlich willkommen beim Kundenservice von T-Com. Bitte wählen Sie zunächst Ihr Anliegen: Beratung, Nachfrage zu einem Auftrag, Rechnung oder Störung." Wer "Beratung" wählt, der könnte bei Gleis landen, der seit Anfang des Jahres eigentlich ausschließlich für die Produktberatung zuständig ist. Beschwerden bearbeiten andere Kollegen. Diese Aufgabentrennung gehört mit zu einem Bündel von Maßnahmen, mit denen die Telekom den Service verbessern und den Verkauf der Produkte kräftig ankurbeln will. Aber an diesem Vormittag bekommt Gleis dennoch reihenweise Beschwerden durchgestellt. Das passiere, wenn die Beschwerdehotline überquelle oder Kunden der Computerstimme unklar antworteten, erklärt er. | Jeden Monat verlassen mehr als hunderttausend Kunden die Telekom, weil Service und Preis nicht stimmen. Der Konzern will gegensteuern - und stößt auf hausgemachte Probleme. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/telekom-fehler-im-t-system-1.905501 | Telekom - Fehler im T-System | 00/05/2010 |
Es war eine besondere Sitzung, in der über die Zukunft von VW-Boss Pischetsrieder entschieden wurde. Handys waren verboten, dann wurde Skat gespielt. Auf der heutigen Hauptversammlung wurde lautstark debattiert. Die erste Attacke kam um 12 Uhr 40. Der Sprecher einer Aktionärsgruppe trat ans Mikrophon und erklärte: "Ich werde den Aufsichtsratsvorsitzenden nicht entlasten." Detailansicht öffnen Ferdinand Piëch redet, Bernd Pischetsrieder hört zu (Foto: Foto: dpa) Ein anderer Vertreter von Volkswagen-Aktionären rief den etwa 3500 Anteilseignern von VW zu. "Unser Vertrauen in den Aufsichtsratsvorsitzenden ist beschädigt." Ein Redner warf dem obersten Kontrolleur von Volkswagen "die gezielte Schwächung des Vorstands und seiner Sanierungspolitik vor". So dick war es für den obersten Kontrolleur eines deutschen Großkonzerns schon lange nicht mehr gekommen. Ferdinand Piëch, 69, sitzt mit modisch bunt gescheckter Lesebrille und regungsloser Miene auf dem Podium und leitet die Versammlung in militärisch knappem Ton ("Bitte den nächsten Redner sich bereit zu machen".) Und immer wieder brandet Beifall auf, wenn von beschädigtem Vertrauen die Rede ist oder davon, dass wegen einer einzigen Bemerkung Piëchs das Management von VW lange nur noch eingeschränkt handlungsfähig war. Was der Mann auf dem Podium getan habe, rief ein Aktionärsvertreter, sei "der Versuch einer Demontage" gewesen. An diesem schönen Frühlingstag entlädt sich der Zorn der Aktionäre, die seit fast einem Jahr mit stockendem Atem den dramatischen Vorfällen in Europas größtem Autokonzern zusehen. Im vergangenen Sommer drohte der Konzern in einem Sex- und Korruptionsskandal zu versinken. Betriebsräte hatten sich offenbar mit Genehmigung des Personalchefs Peter Hartz auf Firmenkosten ein schönes Leben mit Prostituierten gemacht. Piechs Regelverstoss Im vergangenen Februar hatte sich Ferdinand Piëch, der von 1993 bis 2002 der Vorstandsvorsitzende von Europas größtem Autokonzern war und seitdem den Aufsichtsrat leitet, eine ungewöhnliche Äußerung geleistet: Der Manager aus Österreich, von dem bekannt ist, dass es ihm kaum jemand recht machen kann, hatte im Februar einer Zeitung erzählt, die Verlängerung des Chef-Vertrags seines Nachfolgers Pischetsrieder sei "eine offene Frage". Die Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat sei gegen ihn. Damit hatte der Enkel des Käfer- und Porsche-Erfinders Ferdinand Porsche gegen die Regeln der Vertraulichkeit verstoßen. Damit hatte Piëch, der wegen seines schwierigen Charakters gefürchtet ist, so ganz nebenbei den Vorstandsvorsitzen den geschwächt. Manche behaupten sogar, der gesamte Konzern hätte Schaden genommen. Harmloser Beginn Nahezu jeden Tag standen seitdem neue Spekulationen in den Zeitungen über einen möglichen Nachfolger Pischetsrieders, der von 1993 bis zum Jahr 2000 der Chef des Münchner Autokonzerns BMW war. Wohl nie zuvor haben sich der Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen Konzerns und sein oberster Kontrolleur so heftig auf offener Bühne bekämpft wie in diesem Fall. Doch trotz dieser Ausgangslage begann das Aktionärstreffen an diesem Mittwochmorgen ganz harmlos. Pischetsrieder und Piëch standen offenbar in bester Laune lässig mit den Händen in den Taschen beim Plausch vor Beginn der Hauptversammlung auf dem Podium. Von Zwist keine Spur. Doch wie unsicher Pischetsrieders Zukunft war und wie ernst die Lage bei VW noch einige Stunden zuvor aussah, wurde auf einem Krisentreffen deutlich, das am Tag vor dem Aktionärstreffen im feinen Hamburger Hotel Atlantic stattfand. Dort sollte der Aufsichtsrat den Vertrag von Pischetsrieder verlängern, der in einem Jahr ausläuft. Kurze Sitzung vorgesehen Vorgesehen war nur eine kurze Sitzung. Tatsächlich tagten die Aufsichtsräte den ganzen Tag. Mal saßen nur die Vertreter der Belegschaft, angeführt von IG Metallchef Jürgen Peters, zusammen, um ihre Strategie zu planen, mal berieten sich die Vertreter der Kapitalseite. Die eigentliche Sitzung im Hotel hatte erst mit stundenlanger Verspätung um 19 Uhr begonnen, und dass die Teilnehmer ihre Handys nicht mit in den Saal mitnehmen durften, zeigte, dass hier keine Routinesitzung stattfand. Das Foyer, in dem sich üblicherweise die Gäste in Ruhe einen Nachmittagstee gönnen, wimmelte von den Aktenkofferträgern der Akteure, die hinter schweren gelben Vorhängen in den Festsälen im Erdgeschoss tagten. TV-Reporter berichteten im Minutentakt von der Krisensitzung, und hektische Agenturjournalisten irritierten die Hotelgäste, weil sie aufgeregt zwischen Gesprächspartnern und Laptops hin und her irrten auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob Pischetsrieders Vertrag verlängert wird. Noch am frühen Abend wagte im Foyer des Atlantic niemand eine Prognose. "Am Wochenende war ich noch sicher, dass die Sache klar geht", sagte einer der Zuarbeiter, "h eute bin ich es nicht mehr." Die IG Metall unter Führung ihres Vorsitzenden Jürgen Peters hatte den Eindruck erweckt, sie sei mit Pischetsrieders Sanierungsplan für den angeschlagenen VW-Konzern unzufrieden. Nach außen ungerührt Am Abend um halb zehn war dann klar, dass Piëch den von ihm selbst angezettelten Machtkampf verloren hatte. Die Gewerkschaften hatten geschlossen für Pischetsrieder gestimmt. "Wir haben eine gute Abmachung mit der Kapital seite getroffen", sagte Peters. Kurz vor Mitternacht fanden sich die Aufsichtsratsmitglieder im Foyer des Atlantics ein. Piëch strebte mit strenger Miene gleich an die Bar, wo seine Ehefrau Uschi auf ihn wartete. Andere Kontrolleure waren nach der ganztägigen Verhandlungsqual so erleichtert, dass sie sich sogleich in eine Ecke des vornehmen Foyers zum Skatspiel zusammensetzten. Einer ätzte mit einem Weinglas in der Hand über Piëch: "Der Ferdi wird sich auf der Hauptversammlung morgen auf einiges gefasst machen müssen." Vorstandschef Pischetsrieder, dem die Anspannung dieses Tages noch anzusehen war, machte sich zügig gemeinsam mit Ehefrau Doris von dannen. Den frisch gestärkten Vorstandsvorsitzenden hielt die qualvolle Vertragsverlängerung nicht davon ab, den Aktionären eine einstündige Rede zu bieten, die wirkte, als wäre bei dem Wolfsburger Tumultkonzern schon wieder alles normal. "Bewegtes Jahr 2005" Pischetsrieder spulte monoton seinen Redetext ab, sprach von "einem bewegten Jahr 2005", von erhöhtem Kostenbewusstsein und vom Preisdruck auf dem Markt. VW müsse heute handeln, "um morgen den verschärften Angriffen unserer Wettbewerber erfolgreich begegnen zu können". Von Frust über die Erniedrigung der vergangenen Monate ist nichts zu spüren. Ferdinand Piëch indes ließ sich von den Attacken der Aktionäre scheinbar nicht schrecken. Er ließ sich nicht aus der Reserve locken. Auch bei der Frage eines Aktionärs, ob er nicht bald den Aufsichtsrat von Volkswagen verlassen wolle, blieb er vage. "Ich werde zu gegebener Zeit über meine Lebensplanung informieren - aber nicht über die Zeitung." Aber auch die Aktionäre kamen im Laufe des Tages wieder zur gewohnten Realität zurück. Nachdem die professionellen Redner ihre Kritik an Piëch geäußert hatten, kamen schnell wieder Amateure zu Wort, die gelegentlich mit wenig sinnvollen Bemerkungen eine Hauptversammlung beanspruchen. Einer zum Beispiel beklagte die vielen englischen Aufschriften in seinem neuen Passat. Der Schriftzug "Engine Start Stop" auf dem Anlasserknopf, der sei "doch wohl ziemlich überflüssig". | Es war eine besondere Sitzung, in der über die Zukunft von VW-Boss Pischetsrieder entschieden wurde. Handys waren verboten, dann wurde Skat gespielt. Auf der heutigen Hauptversammlung wurde lautstark debattiert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-sieger-sehen-anders-aus-1.903623 | Volkswagen - Sieger sehen anders aus | 00/05/2010 |
Den unerwartet starken Rückgang im April erklären Experten vor allem mit dem milden Frühlingswetter, aber auch mit den Wirkungen der Reformen. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist erstmals wieder unter fünf Millionen gesunken. Detailansicht öffnen Im April schafften mehr Arbeitslose den Sprung aus der Arbeitslosigkeit als erwartet. (Foto: Foto: dpa) Im April suchten 4,97 Millionen Menschen einen Job, hieß es am Mittwoch im Umfeld der Bundesagentur für Arbeit. Die genauen Daten wird die Bundesagentur an diesem Donnerstag veröffentlichen. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) deutete zudem an, dass die Regierung ihre Wachstumsprognose für 2005, anders als die Konjunkturinstitute am Dienstag in ihrem Frühjahrsgutachten, nicht unter ein Prozent absenken wird. Koalitionsvertreter attackierten die Wirtschaftsforscher ungewöhnlich scharf. Mehr Langzeitarbeitslose in Ein-Euro-Jobs Im April wurden bundesweit 207.000 Arbeitslose weniger registriert als im März. Im Vormonat hatten noch gut 5,17 Millionen Menschen in Deutschland eine Stelle gesucht, fast ebenso viele wie im bisherigen Rekordmonat Februar. In den beiden vergangenen Jahren war die Arbeitslosenzahl im April jeweils nur um gut 100.000 gesunken. Den überraschend starken Rückgang in diesem Jahr erklären Experten vor allem mit dem milden Frühlingswetter, aber auch mit den Wirkungen der Arbeitsmarktreform. So hätten viele Bauunternehmen und Landwirte, die im März wegen des Wintereinbruchs noch gezögert hätten, nach Ostern mehr Personal eingestellt. Zudem wurden mehr Langzeitarbeitslose in Ein-Euro-Jobs vermittelt. Enttäuschung über NRW In Nordrhein-Westfalen, wo am 22. Mai ein neuer Landtag gewählt wird, blieb die Zahl der Arbeitssuchenden jedoch weiter über der für den Wahlkampf psychologisch bedeutsamen Marke von einer Million. SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück hatte gehofft, im April deutlich unter dem März-Wert von 1,09 Millionen zu bleiben. | Den unerwartet starken Rückgang im April erklären Experten vor allem mit dem milden Frühlingswetter, aber auch mit den Wirkungen der Reformen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/besserung-auf-dem-arbeitsmarkt-zahl-der-erwerbslosen-sinkt-unter-fuenf-millionen-1.901849 | Besserung auf dem Arbeitsmarkt - Zahl der Erwerbslosen sinkt unter fünf Millionen | 00/05/2010 |
Gleichzeitig mit den Zwillingstürmen des World Trade Centers brach für viele Versicherungsgesellschaften am 11. September 2001 die Welt zusammen. Doch die Anleger ließen sich nicht abschrecken - schließlich trieben die Anschläge die Preise für Rückversicherungsschutz in bisher ungekannte Höhen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington hatten weitreichende Folgen auch für die Versicherungen der Welt. "Das war ein Schock für die Branche", sagt Stefan Materne, damals Manager bei einem Rückversicherer und heute Professor für Rückversicherung an der Fachhochschule Köln. Detailansicht öffnen Die brennenden Twin Towers in New York. (Foto: Foto: AP) "Ein solcher Schaden galt als undenkbar." Die Terroristen hatten beide Türme des World Trade Center (WTC) mit ihren jeweils 110 Stockwerken zum Einsturz gebracht. Bis zu dem Tag hatten die Versicherer als größtmöglichen Schadensfall für das WTC einen Brand von 18 Stockwerken in einem der beiden Türme kalkuliert. Die Rückversicherer als Auffangnetz Durch den Schock wurde die Bedeutung der Rückversicherer als Auffangnetz für versicherte Schäden deutlich. Alarmiert wies die Weltbank auf die Bedeutung der Rückversicherer für das weltweite Finanzsystem hin. Die Zahlungsunfähigkeit eines Rückversicherers werde unweigerlich gravierende wirtschaftliche Schäden auslösen, hieß es. Daraufhin verschärften die nationalen Aufsichtsbehörden die Regulierung der Rückversicherer. Attentat kostet Versicherungen Milliardenbeträge Die Versicherungswelt war durch die New Yorker Anschläge gleich doppelt betroffen. Zunächst mussten sie Milliardenbeträge für die Schäden zahlen. Dies lag auch daran, dass kein Versicherungsmanager in seinen Schadensszenarien eine solche Ballung verschiedenster Ansprüche aus Haftpflicht-, Gebäude- oder Lebensversicherungspolicen einkalkuliert hatte. Noch gravierender wirkte sich für die Versicherer der Börsencrash aus, der auf die Anschläge folgte und die Börsenrally der New Economy, die sowieso schon abebbte, definitiv beendetete. Die Versicherungen mussten allein in Deutschland Milliardensummen abschreiben, der Gesetzgeber durch Abschreibungserleichterungen der Branche beispringen. Viele müssen aufgeben Trotzdem überlebten nicht alle Gesellschaften. So musste die Mannheimer Lebensversicherung ebenso aufgeben wie die Gerling Globale Rück, der damals sechstgrößte Rückversicherer der Welt. Dabei lernten auch die Ratingagenturen ihre Lektion. Deren Analysten hatten nicht damit gerechnet, dass ein Konzern wie Gerling tatsächlich seine Rückversicherungstochter fallen lassen könnte. | Gleichzeitig mit den Zwillingstürmen des World Trade Centers brach für viele Versicherungsgesellschaften am 11. September 2001 die Welt zusammen. Doch die Anleger ließen sich nicht abschrecken - schließlich trieben die Anschläge die Preise für Rückversicherungsschutz in bisher ungekannte Höhen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-terrorangriffe-ein-desaster-fuer-versicherungen-das-unberechenbare-berechnen-1.899839 | Die Terrorangriffe - ein Desaster für Versicherungen - Das Unberechenbare berechnen | 00/05/2010 |
Die Bundesagentur für Arbeit hat überraschend hohe Überschüsse erwirtschaftet, die die Politiker ausgeben möchten. Frank-Jürgen Weise galt lange Zeit vor allem als Verkünder schlechter Nachrichten. Monat für Monat musste der Chef der Bundesagentur für Arbeit von leeren Kassen und hohen Arbeitslosenzahlen berichten. Das Blatt hat sich inzwischen gedreht: Die bessere Konjunktur bringt wieder mehr Menschen in Arbeit. Und in der Kasse der Nürnberger Behörde vollzieht sich geradezu eine wundersame Geldvermehrung. Rechnete Weise Anfang des Jahres damit, dass sein Haus 2006 einen Überschuss von 1,8 Milliarden Euro erzielen würde, geht er nun von gut zehn Milliarden aus. Es dürfte mehr sein Ebenso wie das Steuerplus weckt auch dieses Geld Sehnsüchte. Schon lange beschlossen ist, dass die Bundesagentur aus dem Überschuss die geplante Senkung des Beitrages zur Arbeitslosenversicherung von 6,5 auf 4,5 Prozent finanzieren soll. Nach Meinung vieler Koalitionäre dürfte es aber auch noch mehr sein. Die Bundesagentur könnte auch eine Senkung des Beitrags auf 4,2 Prozent finanzieren, ohne in den nächsten Jahren in Not zu kommen, sagt etwa CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. Die SPD signalisiert neuerdings Entgegenkommen - am Freitag auf dem Finanzgipfel wollen die Koalitionsspitzen darüber beraten. Die Entwicklungen in Nürnberg rufen noch mehr, teils recht abenteuerliche Vorschläge hervor. So möchte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) die Strafzahlungen erhöhen, welche die Bundesagentur für nicht vermittelte Erwerbslose an den Bund abführen muss. Das würde den Überschuss schmälern. Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) blickt auf seiner Suche nach einem sozialeren Profil begehrlich nach Nürnberg. Rüttgers fordert, dass ältere Arbeitslose künftig länger das in der Regel höhere ArbeitslosengeldI bekommen sollen, bevor sie auf Hartz-IV-Niveau abrutschen. Einschnitte für junge Menschen Dafür müsste es im Gegenzug aber entweder Einschnitte für junge Menschen ohne Beschäftigung geben - oder der Nürnberger Überschuss würde schnell zusammenschnurren. Jenseits solcher Vorstöße zeichnet sich in der Arbeitsmarktpolitik in jüngster Zeit ohnehin wieder ein Trend zum Geldausgeben ab. So hatten Union und SPD einst versprochen, das Wirrwarr von Programmen und Zuschüssen für Arbeitslose zu lichten. Inzwischen reden die Koalitionäre aber vor allem über neue Maßnahmen. Kombilöhne für Junge, Alte und Alleinerziehende sollen her, zudem wird über die Einführung eines dritten Arbeitsmarktes für nicht vermittelbare Erwerbslose geredet. Während völlig unklar ist, was all dies kosten würde, gibt es auch noch Zwist über die Ausgaben für Hartz IV. Konkret geht es um die Wohnkosten für Arbeitslose. Pläne für Geld, das es nicht gibt Hier fordern die Länder vom Bund Hilfe in Höhe von 5,8 Milliarden Euro - Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) will aber höchstens 3,9 Milliarden geben. Der Ausgang dieses Streits ist noch offen. Aber auch dieser Konflikt offenbart, dass in der Politik gerne Geld verplant wird, von dem keiner weiß, wo es herkommen soll. Finanzminister Steinbrück hat in seinem Etat für den fraglichen Posten bisher nämlich nicht 5,8 oder 3,9 Milliarden eingeplant - sondern lediglich zwei Milliarden Euro. | Die Bundesagentur für Arbeit hat überraschend hohe Überschüsse erwirtschaftet, die die Politiker ausgeben möchten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/steuermilliarden-begehrliche-blicke-nach-nuernberg-1.906902 | Steuermilliarden - Begehrliche Blicke nach Nürnberg | 00/05/2010 |
Eigentlich sollte Jürgen Großmann erst im Februar an die Spitze des zweitgrößten Energiekonzerns Deutschlands rücken. Doch nun löst er den bisherigen Chef Harry Roels bereits in wenigen Tagen ab. Der Stahlmanager Jürgen Großmann wird bereits in wenigen Tagen neuer Chef des zweitgrößten deutschen Energieversorgers RWE. Zum 1. Oktober solle Großmann den bisherigen Chef Harry Roels ablösen, teilte das Unternehmen am Donnerstag nach einer Aufsichtsratssitzung mit. Bisher war vorgesehen, den Chefwechsel erst am 1. Februar nächsten Jahres zu vollziehen. Roels selbst habe dem Aufsichtsrat den früheren Rückzug angeboten. Über den früheren Chefwechsel war in den vergangenen Wochen schon spekuliert worden. In florierenden Konzern umgebaut Großmann ist Inhaber des niedersächsischen Stahlwerks Georgsmarienhütte, das er fast bankrott übernahm und in einen florierenden Konzern umbaute. Der bisherige RWE-Chef, der Niederländer Harry Roels, hatte Deutschlands zweitgrößten Energieversorger in den vergangenen vier Jahren verschlankt und auf das Energiegeschäft konzentriert. Jedoch war das Verhältnis zu den Kommunen, die wichtige Anteilseigner sind, belastet. Außerdem wurde ihm das Fehlen von Ideen für die Zukunft vorgeworfen. Erfolgreiche Karriere Der in Mülheim an der Ruhr geborene Großmann kann auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Der verheiratete Vater von drei Kindern studierte zunächst Wirtschaftswissenschaft und Eisenhüttenkunde. Später heuerte er beim Stahlkonzern Klöckner an. Bei der Insolvenz von Klöckner im Jahr 1993 kaufte er die Georgsmarienhütte aus dem insolventen Klöckner-Konzern für symbolische zwei D-Mark. Heute ist die Firma einer der führenden deutschen Stahlproduzenten und liefert vor allem an Autohersteller, etwa DaimlerChrysler oder BMW. Der RWE-Konzern, einer der größten Energieversorger Europas, ist jedoch ein anderes Kaliber für Großmann. Der Konzern hatte sich unter dem bisherigen Chef Roels von Beteiligungen am Baukonzern Hochtief oder dem britischen Wasserversorger Thames Water getrennt und sich auf das Strom- und Gasgeschäft konzentriert. Klare Zukunftsstrategie Allerdings wurde Roels immer wieder vorgeworfen, er verfüge über keine klare Zukunftsstrategie. In der Branche wurden Stimmen laut, wonach RWE selbst zum Übernahmekandidaten werden könnte, weil der Konzern untätig der Fusionswelle in der Energiebranche zusah. Roels galt außerdem als unbeliebt bei den Kommunen, die rund 18 Prozent an RWE halten. Zudem galten die Kontakte des Niederländers zur deutschen Politik als wenig ausgeprägt. Sein designierter Nachfolger Großmann gilt dagegen als enger Vertrauter von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). | Eigentlich sollte Jürgen Großmann erst im Februar an die Spitze des zweitgrößten Energiekonzerns Deutschlands rücken. Doch nun löst er den bisherigen Chef Harry Roels bereits in wenigen Tagen ab. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wachabloesung-grossmann-wird-schon-im-oktober-neuer-rwe-chef-1.889096 | Wachablösung - Großmann wird schon im Oktober neuer RWE-Chef | 00/05/2010 |
Brüssel sorgt für Aufsehen: Die EU-Kommission will die Fernseheinnahmen unter den europäischen Fußballklubs gerechter verteilen. Auch deutsche Vereine könnten profitieren. Jan Figel ist als EU-Kommissar bisher kaum aufgefallen. Spektakuläre Initiativen des zuständigen Komissars für Bildung, Jugend und Sport gab es bisher nicht. Nun allerdings mischt sich der Slowake in die Auseinandersetzung um die Zukunft des europäischen Profifußballs ein. Detailansicht öffnen Figels ,,Weißbuch Sport'', das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, dürfte für Aufsehen sorgen. Das interne Papier, Vorstufe zu einem Gesetz, unterstützt die Masse der finanzschwachen Vereine im Kampf gegen die Dominanz einiger superreicher Klubs. In Spanien und Italien dürfen Teams ihre Fernsehrechte selbst verkaufen. Dadurch nehmen Topvereine wie Real Madrid oder Champions-League-Gewinner AC Mailand 100 bis 150 Millionen Euro im Jahr ein. In Deutschland und den meisten anderen Staaten vermarkten die Verbände die TV-Rechte zentral und verteilen die Einnahmen zwischen Groß und Klein. Klagen aus Bayern Die Folge: Selbst ein Spitzenklub wie Bayern München kassierte vergangene Saison nur 15 Millionen Euro, Real zehn Mal so viel. ,,Gegen Spanien oder Großbritannien fallen die anderen Ligen zurück'', klagte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge schon vor Monaten. Dadurch konzentrieren sich die absoluten Spitzenspieler meist auf wenige Teams wie Real, Milan, Barcelona oder Chelsea, die den europäischen Wettbewerb Champions League zunehmend unter sich ausmachen. In Brüssel wird das inzwischen kritisch gesehen. ,,Die Kommission hält es für wichtig, die Einnahmen zwischen den Vereinen fair aufzuteilen'', heißt es in Figels Weißbuch, das noch im Juli präsentiert werden soll. Die nationalen Verbände sollen sich um Solidarität zwischen Groß und Klein kümmern. ,,Die zentrale Vermarktung von Fernsehrechten kann ein wichtiges Instrument sein, um Einnahmen umzuverteilen'', schreiben Figels Experten. Das dürfte Bayern-Boss Rummenigge gefallen. Denn damit schreibt Brüssel die zentrale Vermarktung zwar nicht vor. Die Kommission unterstützt aber den neuen UEFA-Präsidenten Michel Platini, der die nationalen Verbände zu einer gerechteren Verteilung der Gelder drängt - entweder durch zentrale Vermarktung oder andere Mechanismen. Der ehemalige Fußball-Star Platini wünscht von der EU Rechtssicherheit, damit Vereine wie Real Madrid die Umverteilung nicht per Klage kippen können. Figels Vorstoß hilft Platini. ,,Wir freuen uns, dass die Kommission die UEFA und die Vereine unterstützen will'', sagte Rummenigge der SZ am Freitag. Unseriöse Vermittler Näher sieht sich der Bayern-Boss auch einem zweiten Ziel: Den Einfluss reicher Gönner auf den europäischen Fußball zu begrenzen. Der russische Oligarch Roman Abramowitsch etwa steckt so viele Millionen in Chelsea London, dass der Klub ohne Rücksicht auf seine normalen Einnahmen Spitzenspieler einkaufen kann. Der Klub gehört dem Russen. Chelsea gibt nach Rummenigges Angaben 220 Millionen Euro im Jahr aus, verdient durch Zuschauer- und Fernsehgelder aber nur 20 Millionen. Den Wettbewerbsvorteil durch die Finanzspritze von Abramowitsch will Rummenigge umgehen. Er fordert eine Obergrenze für die Gehälter der Spieler, die einen bestimmen Prozentsatz vom Umsatz nicht überschreiten soll, einen sogenannten Salary Cap. Kommissar Figel greift die Forderung zumindest indirekt auf, weil er ein strenges Lizenzsystem vorschlägt. Das EU-Parlament definierte die Kostenkontrolle per Salary Cap im März als entscheidenden Bestandteil des Lizenzsystems. ,,Die Kommission ist auf dem Weg zu guten Leitlinien für den Sport'', sagte der Europa-Abgeordnete Alexander Radwan (CSU). Allerdings sei ihm manches in Figels Weißbuch, dem bald Gesetze folgen können, ,,zu zaghaft''. Auf Ärger aus Brüssel müssen sich unseriöse Spielervermittler einstellen, die den Profi-Fußball in den vergangenen Jahren durcheinandergewirbelt haben. ,,Es gibt Berichte über Korruption, Geldwäsche und Ausbeutung Minderjähriger durch Vermittler'', schreiben Figels Fachleute. ,,Solche Praktiken schaden dem Sport.'' Brüssel sei schon mehrfach aufgefordert worden, das Geschäft der Agenten gesetzlich zu regeln. Figel will in den nächsten Monaten prüfen, ob Brüssel unseriösen Vermittlern per Gesetz das Handwerk legt. | Brüssel sorgt für Aufsehen: Die EU-Kommission will die Fernseheinnahmen unter den europäischen Fußballklubs gerechter verteilen. Auch deutsche Vereine könnten profitieren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neuer-eu-plan-reiche-fussballklubs-sollen-aermeren-geld-ueberlassen-1.906831 | Neuer EU-Plan - Reiche Fußballklubs sollen ärmeren Geld überlassen | 00/05/2010 |
Etliche Fluggesellschaften sollen die Höhe ihrer Treibstoffzuschläge beim Frachttransport abgesprochen haben. Betroffen sei auch die Lufthansa, heißt es. Europäische und amerikanische Behörden haben weltweite Ermittlungen gegen zahlreiche Fluggesellschaften wegen der Treibstoffzuschläge beim Frachttransport eingeleitet. Dabei geht es um den Vorwurf illegaler Absprachen über die Höhe der Zuschläge. Neben der deutschen Lufthansa sind unter anderem auch British Airways, Air France/KLM und asiatische Gesellschaften betroffen. Die EU-Kommission hatte am Vortag lediglich Kartellrechts-Ermittlungen bestätigt. Detailansicht öffnen Ein Jumbo Jet von Lufthansa Cargo wird in Frankfurt beladen. (Foto: Foto: dpa) Wegen der gestiegenen Ölpreise hatten viele Fluggesellschaften die Extra-Zuschläge eingeführt. Betroffen sind unter anderem die Speditionen, die die höheren Preise zahlen müssen und nur schwer auf ihre Auftraggeber abwälzen können. In Luftfahrtkreisen wird vermutet, dass die Kartell-Ermittlungen von diesen Unternehmen angestoßen worden sind. EU und USA arbeiten zusammen Ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes sagte in Brüssel, die EU-Kommission und das US-Justizministerium arbeiteten eng zusammen. Die Ermittlungen drehten sich um Preisabsprachen im Frachtbereich. Einzelheiten wurden nicht genannt. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten, drohen den Unternehmen hohe Strafen von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes. Dieser Rahmen wurde jedoch bisher nie ausgeschöpft. Bei Lufthansa Cargo, Tochter der größten deutschen Fluggesellschaft, beträgt der Treibstoffzuschlag derzeit 45 Cent pro Kilogramm Fracht und wird zum 20. Februar auf 50 Cent erhöht. Festes Regelwerk Seit dem Jahr 2000 nutzt Lufthansa Cargo für die Festlegung des Treibstoffzuschlags ein festes und im Internet veröffentlichtes Regelwerk, sagte ein Sprecher. Dazu wird zunächst der durchschnittliche Kerosinpreis an zwei europäischen, zwei amerikanischen und einem asiatischen Spotmarkt ermittelt. Verändert sich der Preis über zwei Wochen um einen bestimmten Wert, wird der Treibstoffzuschlag entsprechend nach oben oder unten angepasst. Derzeit liegt der Lufthansa-Treibstoffindex bei 337 Punkten, zu Beginn der Regelung im Jahr 2000 betrug er 100. Transparent und vorhersehbar Mit den festen Regeln will die Lufthansa die Erhebung der Zuschläge für die Kunden transparent und vorhersehbar machen. Für den Passagiertransport gibt es ein solches öffentliches Regelwerk nicht. Hier entscheidet das Management vielmehr je nach Ölpreisentwicklung und geschäftlichem Umfeld über die Höhe der Zuschläge. | Etliche Fluggesellschaften sollen die Höhe ihrer Treibstoffzuschläge beim Frachttransport abgesprochen haben. Betroffen sei auch die Lufthansa, heißt es. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verdacht-auf-preisabsprachen-weltweite-ermittlungen-gegen-frachtflieger-1.901385 | Verdacht auf Preisabsprachen - Weltweite Ermittlungen gegen Frachtflieger | 00/05/2010 |
Wenn keine Einigung mit dem Betriebsrat erzielt werden kann, will der Stuttgarter Konzern die Produktion der neuen C-Klasse aus Sindelfingen verlagern. Damit würden 6.000 Arbeitsplätze wegfallen. DaimlerChrysler will die Produktion der neuen C-Klasse von Sindelfingen nach Bremen und Südafrika verlagern, falls keine Einigung mit dem Betriebsrat über eine Kostensenkung von 500 Millionen Euro pro Jahr erreicht wird. Detailansicht öffnen Die Zentrale von Daimler Chrysler in Stuttgart. Foto: AP Kosteneinsparungen bis 2008 Dies sagte Mercedes-Pkw-Chef Jürgen Hubbert am Montag in Stuttgart. Gleichzeitig würden in Sindelfingen, wenn dort die neue C-Klasse nicht gebaut würde, rund 6.000 Arbeitsplätze verloren gehen, sagte Personalvorstand Günther Fleig. Die Kosteneinsparungen müssten im Jahr 2008/09 erreicht sein. Die Verhandlungen zwischen dem Betriebsrat und dem DaimlerChrysler-Vorstand über das Kostensenkungspaket werden am Dienstag fortgesetzt. "Es fehlen 180 Millionen Euro" Der Betriebsrat ist nach eigenen Angaben bereit, im Rahmen der Umsetzung des Entgeltrahmentarifvertrags (ERA) auf 180 Millionen Euro zu verzichten. Dazu sagte Hubbert: "Es fehlen noch 320 Millionen Euro". Das Angebot des Betriebsrates reiche nicht aus. Aus Protest gegen die harte Haltung des DaimlerChrysler-Vorstandes hat der Betriebsrat für Donnerstag dieser Woche alle Beschäftigten an den Pkw- und Nutzfahrzeugstandorten in der Bundesrepublik zu "sichtbaren Aktionen" aufgerufen. Dort arbeiten derzeit 160.000 Mitarbeiter. "Baden-württembergische Krankheit" DaimlerChrysler-Vorstand Hubbert sprach mit Blick auf die Mercedes-Werke in Baden-Württemberg von "gravierenden Kostennachteilen" gegenüber anderen Tarifgebieten in Deutschland. Dazu zählte er insbesondere die "Steinkühler-Pause" von fünf Minuten pro Stunde sowie Spätschicht-Zuschläge von 15 Prozent im Südwesten schon von mittags 1200 Uhr an. Diese tarifliche Regelungen gebe es nur in Baden-Württemberg. Hubbert sagte in diesem Zusammenhang: "Wir müssen die baden-württembergische Krankheit beseitigen". | Wenn keine Einigung mit dem Betriebsrat erzielt werden kann, will der Stuttgarter Konzern die Produktion der neuen C-Klasse aus Sindelfingen verlagern. Damit würden 6.000 Arbeitsplätze wegfallen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/daimlerchrysler-6-000-stellen-in-gefahr-1.901015 | DaimlerChrysler - 6.000 Stellen in Gefahr | 00/05/2010 |
Merkels künftiger Finanzminister will nach der Wahl das Steuerrecht vereinfachen. Und zwar "mit einem dicken Hammer". Künftig sollen Bürger statt einer Steuererklärung nur noch die Vordrucke vom Finanzamt absegnen. "Entscheidend ist, dass am 1. Januar 2007 diese Reform im Bundesgesetzblatt steht. Dann braucht der Arbeitnehmer nicht mehr zwölf Samstage pro Jahr für seine Steuererklärung, sondern nur noch zehn Minuten", sagte Kirchhof der Bild-Zeitung. Detailansicht öffnen Paul Kirchhof will im Falle eines Wahlsieges den "dicken Hammer" rausholen. (Foto: Foto: Reuters) Dem Blatt erklärte er, wie künftig die Steuererklärung aussehen soll: "In Zukunft schickt das Finanzamt dem Arbeitnehmer einen Vordruck oder Computerchip zu. Der Steuerzahler prüft die darin enthaltenen Angaben, ob er zum Beispiel noch ein Kind bekommen, den Arbeitgeber gewechselt hat - das ändert er entsprechend und schickt es zurück. Der Arbeitgeber gibt dann die Lohnsumme dazu und der Computer erledigt den Rest." "Mit einem dicken Hammer" Die Union wolle die "Mauer steuerlicher Besitzstände und Resignationen" durchbrechen. "Ich will daran mitarbeiten - mit einem dicken Hammer", sagte Kirchhof. Der als Finanzexperte ins Unions-Kompetenzteam berufene Steuerreformer Paul Kirchhof hat einem Zeitungsbericht zufolge für den Fall eines Wahlsiegs der Union bereits zum 1. Januar 2007 eine drastische Vereinfachung des Steuersystems angekündigt. "Entscheidend ist, dass am 1. Januar 2007 diese Reform im Bundesgesetzblatt steht", zitierte die Bild-Zeitung Kirchhof. Die Union wolle die "Mauer steuerlicher Besitzstände und Resignationen" durchbrechen, betonte Kirchhof. "Ich will daran mitarbeiten - mit einem dicken Hammer." Zudem kündigte der Finanzexperte an, dass eine unionsgeführte Bundesregierung "in naher Gegenwart" einen Bundeshaushalt vorlegen werde, der die Euro-Stabilitätskriterien erfülle. "Deutschland muss hier sehr schnell wieder eine Vorbildfunktion für ganz Europa erfüllen", zitierte ihn das Blatt. Die Staatsverschuldung nannte er der Zeitung zufolge das "dramatischste Problem der Gegenwart". Es sei "schlicht unanständig, diese Fundamentallast der nächsten Generation aufzubürden. Jede Regierung wird daran gemessen werden, wie sie dieses Problem löst", fügte er hinzu. Böhr hofft auf radikale Steuerreform Der stellvertretende CDU-Parteichef Christoph Böhr sprach sich unterdessen in der Berliner Zeitung für eine Umsetzung der radikalen Steuervorschläge Kirchhofs aus. "Ich war nie ein Freund von Halbherzigkeiten", zitierte die Berliner Zeitung den CDU-Politiker. Auf die Frage, ob das Steuermodell von Kirchhoff, Fernziel der Union sei, sagte Böhr, dies sei seine "ausdrückliche Hoffnung". Er hoffe, "dass die Handschrift von Paul Kirchhof in der Steuerpolitik einer unionsgeführten Bundesregierung erkennbar" bleibe. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) geht davon aus, dass der Ex-Verfassungsrichter Paul Kirchhof im Falle eines Unionswahlsiegs ein Amt in der neuen Bundesregierung übernehmen wird. Kirchhof werde "wegen seiner Persönlichkeit" und "seiner hohen Kompetenz" dem neuen Kabinett angehören, sagte Rüttgers am Donnerstag im Deutschlandfunk. Der Finanzexperte sei "mehr als ein "Aushängeschild". Kirchhof hat bereits erklärt, er wolle in einer unionsgeführten Regierung mitwirken. | Merkels künftiger Finanzminister will nach der Wahl das Steuerrecht vereinfachen. Und zwar "mit einem dicken Hammer". Künftig sollen Bürger statt einer Steuererklärung nur noch die Vordrucke vom Finanzamt absegnen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-berufung-ins-kompetenzteam-kirchhof-kuendigt-10-minuten-steuererklaerung-fuer-2007-an-1.916427 | "Nach Berufung ins Kompetenzteam - Kirchhof kündigt ""10-Minuten-Steuererklärung"" für 2007 an" | 00/05/2010 |
SPD-Fraktionsvize Müller hat sich ausgesprochen erbost über den zu erwartenden Freispruch für die Angeklagten geäußert. Währenddessen läuft der Prozess weiter: die Verteidigung will nun auf ein schnelles Ende drängen, die Staatsanwaltschaft neue Beweise präsentieren. Nach dem Etappensieg der Angeklagten im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess drängen die Verteidiger auf ein schnelles Ende des Verfahrens. Die Staatsanwaltschaft habe es nun in der Hand, die Hauptverhandlung zu beschleunigen, er hoffe auf einen raschen Abschluss, sagte der Verteidiger von Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser, Sven Thomas, am Donnerstag. Die Verteidigung von Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann kündigte für den kommenden Donnerstag eine Erklärung an. Detailansicht öffnen Erbost: Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Michael Müller. (Foto: Foto: ddp) Müller: "Sauerei" SPD-Fraktionsvize Michael Müller allerdings hat das Gericht eindringlich vor einem Freispruch gewarnt. "Wenn die Angeklagten tatsächlich freigesprochen werden, halte ich das für eine Sauerei", sagte Müller der Berliner Zeitung. "Da muss man sich doch an den Kopf fassen." Die Angeklagten hätten laut Müller einen "immensen Schaden" angerichtet. Sie hätten nicht nur dazu beigetragen, den Traditionskonzern Mannesmann zu beseitigen, sondern auch die Kluft innerhalb der Bevölkerung zu vergrößern, sagte Müller. "Die Menschen sagen doch jetzt, die Kleinen hängt man, die Großen machen das Victory-Zeichen", sagte Müller in Anspielung auf den ersten Auftritt von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor Gericht. Schutzgemeinschaften zwiespältig Überrascht von der am Mittwoch gezogenen Zwischenbilanz, nach der die Vorsitzende Richterin Brigitte Koppenhöfer bislang keine Grundlage für eine strafrechtliche Verurteilung der sechs Angeklagten sieht, zeigte sich auch Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). "Ich kann das nach diesem Prozessverlauf nicht nachvollziehen. Das ist kein gutes Ergebnis", sagte SdK-Vorstand Keitel. Es sei unverständlich, dass "klare Verstöße gegen das geltende Recht nun offensichtlich ungesühnt bleiben". Dagegen zeigte sich der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Ulrich Hocker, zuversichtlich: "Ich gehe davon aus, dass dieses Verfahren eine erzieherische Wirkung hatte. Man wird sich in Zukunft noch genauer überlegen, ob Deutschland ein Land ist, in dem so hohe Prämien gezahlt werden können." Staatsanwalt will sich neuordnen Unterdessen zeigte sich die Staatsanwaltschaft von der Zwischenbilanz des Gerichts zu Gunsten der Angeklagten überrascht. Die Ankläger wollen neue Beweisanträge stellen, nachdem die Strafkammer am Mittwoch klar gemacht hatte, dass es nach dem bisherigen Stand des Verfahrens auf Freisprüche für die Angeklagten hinauslaufe. | SPD-Fraktionsvize Müller hat sich ausgesprochen erbost über den zu erwartenden Freispruch für die Angeklagten geäußert. Währenddessen läuft der Prozess weiter: die Verteidigung will nun auf ein schnelles Ende drängen, die Staatsanwaltschaft neue Beweise präsentieren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mannesmann-prozess-ich-halte-das-fuer-eine-sauerei-1.904606 | "Mannesmann-Prozess - ""Ich halte das für eine Sauerei""" | 00/05/2010 |
Die Slowakei hat die magische Einheitssteuer von 19 Prozent eingeführt. Die Unternehmen freut's, so manchen Arbeitnehmer ärgert's: Trotzdem würde wohl selbst Sozialdemokrat Fico sich nicht trauen, die berühmte Flat Tax wieder abzuschaffen. Es war so ähnlich wie bei Bill Gates, nur haben Stefan Dobak und seine Freunde, "eine Gruppe von Freaks", wie er sagt, ihre Software-Firma vor 15 Jahren nicht in einer Garage gegründet, sondern in einem Wohnzimmer. Detailansicht öffnen Bei den Unternehmen klingeln dank der Einheitssteuer die Kassen, bei den Arbeitnehmern kommt meist weniger an. (Foto: Foto: ddp) Heute, mit 33 Jahren, dirigiert der agile Plauderer als Geschäftsführer der Firma Gratex International in Bratislava nicht weniger als 260 Beschäftigte. Für 30 weitere offene Stellen sucht er seit längerem Aspiranten, vor allem Software-Ingenieure, und findet sie nicht, obwohl deren Einkommen in Bratislava von der Kaufkraft her kaum noch niedriger sei als etwa in Deutschland. Bratislava brummt Womit gleich schon einmal gesagt ist, mit welchem Tempo die wirtschaftliche Aufholjagd der Slowakei inzwischen vonstatten geht. Die Dinge sind so mächtig im Fluss, dass sie nach Meinung des Jung-Unternehmers Dobak auch dann nicht zum Stehen kommen, wenn bei der Parlamentswahl im Juni die bisherige christdemokratisch-neoliberale Regierung abgelöst wird und die Sozialdemokraten an die Macht kommen, die die radikalen Wirtschafts- und Sozialreformen zum Teil rückgängig machen wollen. Stefan Dobak, der zum braunen Anzug und gemusterten Hemd einen gepflegten Drei-Tage-Bart trägt, ist so ungebremst optimistisch, schwärmt so unverbrämt vom "absolut perfekten Klima für das IT-Business in der Slowakei", dass er als Bannerträger all dessen, was Unternehmer weltweit an der Slowakei so fasziniert, bestens taugt. 44 Zertifikate von Partnerfirmen, große Namen wie Allianz, IBM, Microsoft oder Siemens darunter, zieren die Wand in seinem hellen Besprechungsraum; die Firma sitzt in einem neuen Gebäude in einem neuen Viertel, aus dem Fenster fällt der Blick auf andere neue Häuser und einen Kran. Bratislava brummt, die Slowakei brummt, wenn auch noch nicht überall. Das Wirtschaftswachstum lag 2005 bei 6,0 Prozent, im vierten Quartal sogar bei 7,5 Prozent - ein Rekord im ganzen mitteleuropäischen Raum. Der Umbruch, den das Kabinett des Ministerpräsidenten Mikulas Dzurinda seit 1998 und vor allem seit 2002 ins Werk gesetzt hat, zeigt kräftige Wirkung, wenn auch nicht überall die gleiche. Wer ein paar Tage durchs Land reist, mit Unternehmern, Politikern und Bürgern redet, gewinnt jedenfalls den Eindruck, dass hier noch immer Außergewöhnliches vor sich geht. Enttäuschte Arbeitnehmer Klar, dass die berühmte Flat Tax, die Einheitssteuer von 19 Prozent auf alle Einkommen, Waren und Dienstleistungen, all jene freut, die vorher bis zu 38 Prozent abgeben mussten oder als Unternehmer neu im Land investieren. Andererseits lässt sich quasi nichts mehr von der Steuer absetzen, auch keine Verluste, so dass Firmen ihre Hauptquartiere gerne woanders belassen. | Die Slowakei hat die magische Einheitssteuer von 19 Prozent eingeführt. Die Unternehmen freut's, so manchen Arbeitnehmer ärgert's: Trotzdem würde wohl selbst Sozialdemokrat Fico sich nicht trauen, die berühmte Flat Tax wieder abzuschaffen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/slowakei-zu-besuch-im-wirtschaftswunderland-1.905873 | Slowakei - Zu Besuch im Wirtschaftswunderland | 00/05/2010 |
Subsets and Splits
No community queries yet
The top public SQL queries from the community will appear here once available.