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Die an der Formel 1 beteiligten Autobauer nehmen der Bayerischen Landesbank und weiteren Geldhäusern die hoch verschuldete Verwertungsgesellschaft Slec nicht ab. Größeren Einfluss sichern sich Fiat, BMW, DaimlerChrysler, Ford und Renault vielmehr über eine neue Firma. (SZ vom 11.12.03) - Die an der Formel Eins teilnehmenden Autohersteller werden der Bayerischen Landesbank sowie den US-Banken J. P. Morgan und Lehman Brothers nicht die Verwertungsgesellschaft der Formel Eins abnehmen, an der die Geldinstitute zu drei Vierteln beteiligt sind. Sie werden sich auch nicht an dieser Gesellschaft mit Namen Slec beteiligen, die von dem Rennpromotor Bernie Ecclestone gegründet worden war. Ferrari, BMW, Renault, Mercedes und Ford haben sich nach Informationen der Süddeutschen Zeitung aus der Autoindustrie mit Ecclestone sowie den Banken darauf geeinigt, eine neue Gesellschaft zu gründen, die die Formel Eins in Zukunft vermarkten wird. Höhere Erträge An diesem Unternehmen, dessen Name noch nicht feststeht, sollen die Hersteller sowie die Slec beteiligt sein. So wollen die Hersteller größeren Einfluss auf das Formel-Eins-Geschehen gewinnen und sich einen größeren Teil der Erträge aus dem profitablen Geschäft sichern. Mit der Gründung der neuen Gesellschaft vermeiden es die Autokonzerne, die hoch verschuldete Slec ganz oder teilweise übernehmen zu müssen. Drei Viertel der Anteile an dieser Gesellschaft, die zeitweilig beim Medien-Konzern Kirch lagen, sind nach dessen Pleite im vergangenen Jahr als Pfand bei der Bayerischen Landesbank sowie bei den US-Banken J. P. Morgan und Lehman Brothers gelandet. Die Banken, vor allem die Bayern LB, hatten den Einstieg von Kirch in die Formel Eins mit Krediten von 1,6 Milliarden Dollar finanziert. Die Geldhäuser wollten die unfreiwillige Renn-Beteiligung, auf die sie längst hohe Werberichtigungen vorgenommen haben, aber wieder loswerden. Sie fürchteten, die Beteiligung würde ihren Wert völlig verlieren. Eigene Rennserie Diese Gefahr bestand, weil die Autohersteller damit gedroht hatten, eine eigene Rennserie aufzuziehen, wenn sie nicht mehr Einfluss auf die Formel Eins bekämen und stärker an den sprudelnden Erträgen beteiligt würden. In diesem Falle wären die Slec-Anteile der Banken, die Kirch einst für 1,6 Milliarden Dollar erworben hat, wahrscheinlich wertlos geworden. Vor einer Woche war aber bereits durchgesickert, es habe in den zähen Formel-Eins-Verhandlungen einen Durchbruch gegeben. Die SZ berichtete, dass die Autohersteller darauf verzichten wollten, eine eigene Formel Eins aufzuziehen. | Die an der Formel 1 beteiligten Autobauer nehmen der Bayerischen Landesbank und weiteren Geldhäusern die hoch verschuldete Verwertungsgesellschaft Slec nicht ab. Größeren Einfluss sichern sich Fiat, BMW, DaimlerChrysler, Ford und Renault vielmehr über eine neue Firma. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/altlast-formel-eins-bleibt-bei-landesbank-1.905144 | Altlast - Formel Eins bleibt bei Landesbank | 00/05/2010 |
Ab Mai 2005 müssen Anrufer, die aus dem Telekomnetz in Netze von Cityanbietern telefonieren, 0,2 Cent Aufschlag zahlen. Die von der Regulierungsbehörde festgelegte "Interconnection"-Gebühr fließt direkt an die City Carrier. Den Zuschlag von 0,2 Cent je Minute werden die Citycarrier für die Zusammenschaltung der Netze kassieren. Detailansicht öffnen Die City Carrier hatten die Erhöhung der "Interconnecton"-Gebühr gefordert. (Foto: Foto: dpa) Auf die Änderungen würden die Kunden derzeit hingewiesen, sagte T-Com-Sprecher Frank Domagalla in Bonn. Schon jetzt gibt es eine solche "Interconnection"-Gebühr. Sie falle zu etwa gleichen Teilen an die Telekom und die regionalen Netzbetreiber und werde nicht extra auf der Rechnung ausgewiesen, so Domagalla. Kunden der City Carrier wie NetCologne oder HanseNet müssen den Aufschlag nicht zahlen, wenn sie Kunden der Telekom anrufen. "Das ist die Ungerechtigkeit", befindet der Sprecher. Telekom ist gegen den Aufschlag Die Regionalgesellschaften hatten bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation zuvor zusätzliche Gebühren für die Netzzusammenschaltung zwischen 1,8 Cent und 5,8 Cent beantragt. Die Telekom ist gegen den Aufschlag und hatte wiederholt dagegen geklagt: "Wir weisen den Vorwurf, dass dies eine Strafgebühr ist, scharf zurück", so Domagalla. Die Bild-Zeitung hatte zuvor berichtet, dass die Telekom vom 1. Mai 2005 an eine Art Strafgebühr kassiere. Zusätzliche Gebühr nur für die City Carrier Die Deutsche Telekom wird an der zusätzlichen Zahlung bei Telefonaten in Netze von Regionalanbietern nichts verdienen: "Die Extragebühr wird nach Anträgen von 30 City Carriern erhoben, und wir überweisen das Geld direkt weiter." Die Erhöhung der Gebühr zugunsten der regionalen Anbieter war schon im Herbst 2003 beschlossen worden, wurde aber erst jetzt publik, da die Telekom ihre Kunden auf der Rechnung über diese Änderung informiert. Telefonanschlüsse bei Arcor sind nicht betroffen, wie die Bild-Zeitung berichtet hatte. Damit die Kunden sich informieren könnten, welche Anschlüsse über die Telekom laufen und bei welchen die zussätzliche Gebühr anfalle, plane die Telekom, ab Mai eine 0800-Hotline einzurichten, sagte Domagalla. | Ab Mai 2005 müssen Anrufer, die aus dem Telekomnetz in Netze von Cityanbietern telefonieren, 0,2 Cent Aufschlag zahlen. Die von der Regulierungsbehörde festgelegte "Interconnection"-Gebühr fließt direkt an die City Carrier. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/telefonmarkt-t-com-das-ist-keine-strafgebuehr-1.899432 | "Telefonmarkt - T-Com: ""Das ist keine Strafgebühr""" | 00/05/2010 |
Lebensmittelwerbung für Mütter ist klischeehaft und realitätsfern, sagt eine Studie von Euro RSCG. Marketingchefs halten Heile-Welt-Szenarien indes für unverzichtbar. Die Launen der lieben Kleinen bringen Deutschlands TV-Werbemuttis nicht aus der Fassung. Meist ziehen sie mit engelsgleichem Lächeln flugs das richtige Produkt aus dem Kühlschrank, das in der nächsten Szene auch schon servierfertig auf dem Tisch landet, um von leuchtenden Kinderaugen bestaunt zu werden. Die Botschaft solcher Spots könnte kaum eindeutiger ausfallen: Mutti ist doch immer wieder die Beste. Detailansicht öffnen Die Sehnsucht nach einer intakten Familienwelt ist bei Konsumenten stark. (Foto: Foto: W & V) Doch leider ist Mutti in Wahrheit von solcher Werbung schwer genervt. Laut einer aktuellen Untersuchung von Euro RSCG unter 1071 Müttern glauben 60 Prozent, dass die Auftraggeber solcher Spots nur wenig Ahnung von den Realitäten eines normalen Familienlebens haben. 40 Prozent zeigen sich von der Werbung mit Heile-Welt-Familien eher abgestoßen, 77 Prozent äußerten den Wunsch, dass die Werbung vielmehr zeigen solle, welches Chaos in Familien mitunter herrsche. Frauen entscheiden über die Organisation der Familie Offensichtlich kommunizieren viele Lebensmittelmarken komplett an dieser wichtigen Zielgruppe vorbei. "Die Studie zeigt, dass die Alltags- und Lebensrealitäten der Mütter sich längst weiter als die öffentliche Wahrnehmung entwickelt haben. Die Frauen haben sich vom traditionellen Perfektionsdruck befreit und entscheiden selbst, wie sie ihre Familien organisieren", glaubt Ursula Fuhrhop, Head of Strategic Planning bei Euro RSCG. Eine Untersuchung von IP Deutschland und Super-RTL zum Thema Lebensmittelwerbung im TV kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Vermarkter warnen ebenfalls vor allzu starker Idealisierung und empfehlen mehr Alltagstauglichkeit: "Food-Werbung sollte realitätsbezogen sein und Anregungen liefern, die in den echten Familienalltag passen. Darstellungen strahlender Familienwelten kommen dagegen genauso wenig an wie zweckfreier Genuss", glaubt Cornelia Krebs, Abteilungsleiterin bei IP Deutschland. In der Euro-RSCG-Untersuchung, bei der die Befragten 36 Lebensmittelmarken hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit bei Müttern und Familien beurteilten, wurden vor allem einige Light- und Tiefkühlprodukte abgestraft. Marken wie Dudarfst, McCain und Wiesenhof erzielten Zustimmungswerte von deutlich weniger als 50 Prozent. Wenn aber hinter dem Tiefkühlprodukt ein Traditionsunternehmen steht, ist die mütterliche Zuneigung ungleich größer. So gelten etwa Iglo und Dr. Oetker für 60 bis 65 Prozent der Befragten als Marken, die die familiäre Situation von Müttern gut verstanden haben. Wenig Vertrauen in die Lebensmittelbranche Auch andere Traditionsmarken wie Hipp, Hohes C und Kellogg's genießen vor allem bei jüngeren Müttern einen deutlichen Vertrauensvorschuss vor weniger etablierten Produkten. Die Lebensmittelindustrie hat es generell schwer mit den Müttern. Angesichts von Lebensmittelskandalen - Stichwort Gammelfleisch - sowie allgemeiner Skepsis über die Qualität verwendeter Zusatzstoffe äußerten nur 19 Prozent der in der Studie Befragten grundsätzliches Vertrauen in die Branche. "Die Mütter wollen gesündere Produkte. Die Nahrungsmittelindustrie muss deshalb dringend etwas tun, um das Vertrauen in die Branche zu stärken", plädiert Andreas Geyr, Chef von Euro RSCG Deutschland, der die Studie in Auftrag gegeben hat. Eine Marke, die etwas getan hat, ist Frosta. Als erster Tiefkühlanbieter, der auf den Einsatz von Geschmacksverstärkern, Farbstoffen sowie künstlichen oder natürlichen Aromen komplett verzichtet, wirbt die Marke mit einem Reinheitsgebot und unter dem Motto "Wir haben nichts zu verbergen". Laut Peter Pirck, Gesellschafter der Brandmeyer Markenberatung in Hamburg, "ein gelungenes Beispiel, wie eine Marke den scheinbaren Widerspruch zwischen Tiefkühlkost und gesunder Ernährung aufhebt". Die Studie scheint Frosta Recht zu geben: In der Wahrnehmung der Mütter als verständnisvolles Unternehmen liegt der Tiefkühlanbieter vor großen Marken wie Pfanni, Kraft und Thomy. Mehr Realität in der Werbung Der Wunsch nach mehr Wirklichkeitsnähe in der Werbung ist jedoch zweischneidig. Dass viele Mütter ihr Küchen-Engagement wegen beruflicher Belastungen reduziert haben und bei der Zubereitung komplexerer Gerichte mitunter überfordert sind, ist zwar bundesdeutsche Realität, gilt in der Werbung jedoch auch aus gutem Grund als tabu. "Ungeachtet gesellschaftlicher Veränderungen ist die Sehnsucht nach einer intakten Familienwelt in vielen Zielgruppen und vor allem bei jüngeren Konsumenten nach wie vor stark. Auch Food-Werbung sollte sich daran orientieren", betont Iglo-Marketingleiter Thomas Bruneforth. In seinen aktuellen TV-Kampagnen bemüht sich der Tiefkühlanbieter deshalb um eine Balance zwischen Ideal und Wirklichkeit: In den Iglo-Spots für die Produktlinie Gourmet werden Mütter zwar nicht auf die Funktion der Köchin reduziert, spielen für den Familienzusammenhalt jedoch gleichwohl eine zentrale Rolle. Familiäre Konflikte können angedeutet werden, müssen aber stets in einem "fröhlichen Gesamtzusammenhang" stattfinden. "Man muss die familiäre Realität der Zielgruppen kennen, aber nicht spiegeln", betont Bruneforth. Ein im Familienverbund kochender Vater sei deshalb unproblematisch, eine alleinerziehende Mutter hingegen schon. Heile-Welt-Szenarien weniger gefragt Auch Unilever sieht seine Strategie von den Ergebnissen der Studie nicht in Frage gestellt, obwohl einige Unilever-Marken wie Pfanni, Rama und Bertolli bei der Befragung der Mütter nur mäßige Werte erhielten. Ein aktueller Spot für Bertolli zeigt einen mit Einkaufstüten beladenen Senioren, der seine Fitness dokumentiert, indem er einen ins Rollen geratenen Kinderwagen rettet. "Das ist natürlich nicht realitätsnah und soll es auch nicht sein. Wir wollten eher eine witzige Geschichte erzählen", erklärt Unilever-Sprecherin Katja Praefke. In den Spots für Familienmarken wie Knorr, Pfanni und Rama seien Heile-Welt-Szenarien jedoch schon seit längerem nicht mehr allgegenwärtig. "Hier scheuen wir uns nicht, die Probleme und Konflikte innerhalb der Familie zu thematisieren", betont Praefke. In einem aktuellen Spot für Rama Cremefin etwa zanken zwei Gören darüber, ob Mutti den Pudding mit Sahne oder mit Vanillesauce zubereiten soll. "Wir wollen realistische Familienbilder, aber auf eine sympathische Art und Weise", sagt die Unilever-Sprecherin. Auch Peter Pirck hält wenig davon, die Zielgruppe allzu deutlich mit schroffer Wirklichkeit zu konfrontieren. Ungeachtet veränderter Rollenmuster in den Familien seien traditionelle Familienbilder im Bewusstsein der Konsumenten immer noch stark verankert: "Die idealtypische Rolle der Mutter als Versorgerin und emotionaler Mittelpunkt der Familie steht auf der gesellschaftlichen Werteskala immer noch weit oben. Die Werbung sollte das nicht überstrapazieren, aber auch nicht ignorieren." | Lebensmittelwerbung für Mütter ist klischeehaft und realitätsfern, sagt eine Studie von Euro RSCG. Marketingchefs halten Heile-Welt-Szenarien indes für unverzichtbar. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/heile-welt-szenarien-werbung-die-muetter-hassen-1.901383 | Heile-Welt-Szenarien - Werbung, die Mütter hassen | 00/05/2010 |
Verkehrte Welt der Telekom: Einerseits schüttet sie an ihre Aktionäre eine Rekord-Dividende aus - gleichzeitig aber will sie den Lohn von 50.000 Mitarbeitern schmerzhaft drücken. Für diese unglückliche Verquickung trägt der Großaktionär Bund Verantwortung. Die diesjährige Hauptversammlung der Deutschen Telekom Anfang Mai war eines der ungemütlichsten Aktionärstreffen in der Geschichte des Unternehmens. Während Vorstandschef René Obermann seinen Aktionären in der Kölnarena eine stolze Dividende von 0,72 Euro pro Aktie verkündete, protestierten am Versammlungsort Mitarbeiter gegen eben diesen Reibach für die Anteilseigner. Um die Wut der Beschäftigten zu erklären, genügt ein kurzer Blick auf die blanken Zahlen - zumindest vordergründig: Die Telekom will 50.000 Mitarbeiter der Festnetzsparte in drei neue Servicegesellschaften ausgliedern und ihnen den Lohn im Schnitt um neun Prozent kürzen. Verdi rechnet die Arbeitszeitverlängerung von 34 auf 38 Wochenstunden mit ein und kommt so auf einen Einkommensverlust von etwa 44 Prozent. Mit Vorsicht zu genießen Ob nun neun oder 44 Prozent - beide Größen sind in Zeiten des Streiks wohl mit Vorsicht zu genießen. Deutlich weniger umstritten ist das Einsparpotenzial der Ausgliederung, das die Telekom mit jährlich 900 Millionen Euro beziffert. Das klingt nach viel Geld - doch der Dividendensegen für die Aktionäre fällt mit mehr als drei Milliarden Euro allein für 2006 deutlich üppiger aus. Nach simpler Arithmetik könnte die Telekom mit einem einmaligen Dividendenverzicht die Ausgliederung jahrelang hinauszögern. Da liegt die Frage auf der Hand, warum die Telekom nicht einmal in einer Krisensituation ausnahmsweise auf die Dividendenausschüttung verzichten kann. Immerhin ließe sich mit dem Geld zumindest so manche Grausamkeit gegenüber den Mitarbeitern abfedern. Und selbst wenn die Telekom an den geplanten Ausgliederungen festhalten wollte, ließen sich diese mit den einbehaltenen Dividenden-Milliarden geräuschloser über die Bühne bringen. Hohe Erwartungen Ganz so einfach lassen sich die Probleme des Ex-Monopolisten natürlich nicht lösen. Richtig ist, dass die Kapitalmärkte von Telekommunikationsunternehmen generell hohe Dividenden erwarten. Sie unterstellen, dass die Konzerne der Branche einen stabilen Cashflow aufweisen und über tragbare Geschäftsmodelle verfügen. Die T-Aktie ist im Dax zwar tatsächlich der Titel mit der die höchsten Dividendenrendite - im internationalen Vergleich der Telekom-Werte aber ist zum Beispiel die Dividendenrendite der Telecom Italia höher. Ausschütten oder nicht: Die Handlungsfreiheit der Telekom ist also eingeschränkt: Würde der Bonner Konzern die Dividende vollkommen streichen, wären die Kapitalmärkte womöglich verstört - und die Folgen für den Kurs der T-Aktie vielleicht sogar fatal. Der bisherige Auftritt der Telekom an der Börse ist ohnehin ein Trauerspiel -würde der Kurs der Aktie von jetzt 12,55 Euro womöglich auf einen einstelligen Euro-Betrag abrutschen, wäre ein tragischer Ausgang dieser einst so hoffnungsvoll als Volksaktie gestarteten Darbietung nicht mehr auszuschließen. Ein solcher Kursverfall würde den einstigen Staatskonzern in seiner Unabhängigkeit gefährden: Großinvestoren könnten eine feindliche Übernahme immer leichter finanzieren. Das ist das eine, bedrohliche, Szenario. Mancher Aktionär verzichtet gerne Doch müsste es wirklich so schlimm kommen? Es kommt andererseits ja immer wieder vor, dass börsennotierte Unternehmen Ausschüttung einer Dividende streichen und dafür manchmal sogar den Beifall des Aktienmarktes einheimsen. Wird das so eingesparte Geld im Unternehmen erkennbar klug angelegt, verzichtet mancher Aktionär gerne. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass auch der Telekom eine solche Chance durch die Kapitalmärkte eingeräumt worden wäre. Hätte das Management plausibel machen können, wie das jetzt ausgeschüttete Geld für die Steigerung der vielbeschworenen Wettbewerbsfähigkeit eingesetzt worden wäre - der Kurs der T-Aktie hätte womöglich gar nicht gelitten. Doch so schön solche Gedankenspiele auch sein mögen - indem das Telekom-Management die Milliarden ausspuckte, musste es sich vermutlich viel profaneren Begehrlichkeiten beugen. Schließlich ist der größte Aktionär des Konzerns noch immer der Bund, und Großaktionäre lieben hohe Dividenden. Es lässt sich natürlich nicht beweisen, ob tatsächlich in dieser Weise Druck auf Obermann und seine Kollegen ausgeübt wurde. Hinter vorgehaltener Hand halten es viele Beobachter allerdings für wahrscheinlich, dass der Bund seinen Einfluss für eine hohe Ausschüttung geltend machte. Gehältergerechtigkeit Die Politik hätte damit erneut einen Beleg für ihre Inkonsequenz geliefert. Während nämlich die Koalition erbittert über die Einführung eines Mindestlohns streitet, schaut sie bei der Telekom tatenlos zu, wie dort die Gehälter markant abgesenkt werden sollen. Finanzminister Steinbrück hätte daher besser daran getan, auf die Dividenenmilliarden der Telekom zu verzichten. Dies wäre ein aktiver Beitrag für die Gehältergerechtigkeit in Deutschland gewesen, die seine Partei derzeit so lautstark und zu Recht einfordert. | Verkehrte Welt der Telekom: Einerseits schüttet sie an ihre Aktionäre eine Rekord-Dividende aus - gleichzeitig aber will sie den Lohn von 50.000 Mitarbeitern schmerzhaft drücken. Für diese unglückliche Verquickung trägt der Großaktionär Bund Verantwortung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-probleme-der-telekom-gieriger-bund-1.916532 | Die Probleme der Telekom - Gieriger Bund | 00/05/2010 |
Griechenland muss sich auf Strafen für seine schöngerechneten Staatsschulden einstellen: Als erstes Mitglied der Eurozone wird das Land unter eine verschärfte Haushaltsüberwachung gestellt. Sanktionen werden damit immer wahrscheinlicher. Die Finanzminister der Eurozone sprachen sich am Mittwochabend dafür aus, das laufende Defizitverfahren gegen Griechenland zu verschärfen, wie aus diplomatischen Kreisen verlautete. Formell wird dies der Rat aller 25 EU-Finanzminister beschließen, der heute in Brüssel zusammenkommt. Die Minister folgten einem entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission. Stabilitätspakt nie eingehalten Diplomaten hatten vor dem Treffen erklärt, eine Verschärfung des Verfahrens werde von der Regierung in Athen mitgetragen. Griechenland hat den Beitritt zur Eurozone 2001 nur aufgrund falscher Defizitzahlen geschafft und seitdem den Stabilitätspakt nie eingehalten. Die falschen Zahlen müssen allerdings von der mittlerweile abgewählten sozialistischen Regierung verantwortet werden. Die Neuverschuldung Griechenlands betrug im vergangenen Jahr 5,5 Prozent, das bislang höchste in der Eurozone verbuchte Defizit. Die Auflagen der EU-Kommission sehen vor, dass Griechenland seine Neuverschuldung in diesem Jahr auf 3,6 Prozent und spätestens Ende 2006 wieder unter die Drei-Prozent-Marke drückt. Gelänge dies nicht, könnte die EU in zwei Schritten Sanktionen in Form eines Milliarden hohen Bußgeldes verhängen. "Pakt nicht mechanistisch anwenden" Die Beratungen der Minister über die geplante Reform des Euro-Stabilitätspakts dauerten in der Nacht zum Donnerstag noch an. Ein Durchbruch wurde nicht erwartet. Bundesfinanzminister Hans Eichel erwartete harte Auseinandersetzungen. "Heute wird es nochmal richtig zur Sache gehen", sagte Eichel zum Auftakt des Treffens. "Ich glaube nicht, dass wir heute zu einem Ergebnis kommen werden." Zugleich wies der Minister Vermutungen zurück, wonach sich die Haltung der Bundesregierung verschärft habe. | Griechenland muss sich auf Strafen für seine schöngerechneten Staatsschulden einstellen: Als erstes Mitglied der Eurozone wird das Land unter eine verschärfte Haushaltsüberwachung gestellt. Sanktionen werden damit immer wahrscheinlicher. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/defizit-mogler-griechenland-droht-milliarden-bussgeld-1.920349 | Defizit-Mogler - Griechenland droht Milliarden-Bußgeld | 00/05/2010 |
Einen Tag vor seiner offiziellen Wahl hat der künftige Präsident der Weltbank den Europäern versprochen, an der multilateralen Ausrichtung der Entwicklungsbank nichts ändern zu wollen. "Ich verstehe, dass ich eine umstrittene Person bin." Nach einem Treffen mit europäischen Entwicklungspolitikern, die zugleich auch Gouverneure der Weltbank sind, sagte Wolfowitz am Mittwoch in Brüssel: "Ich freue mich darauf, mit Menschen im Geiste der Kooperation zusammenarbeiten zu können." Der bisherige Vize-Verteidigungsminister, der in vielen europäischen Ländern als Vertreter eines neo-konservativen Unilateralismus gilt und dessen Nominierung durch US-Präsident George W. Bush kritisiert worden war, zeigte Verständnis für seine Kritiker. "Keine Begeisterung" "Ich verstehe, dass ich - um es milde auszudrücken - eine umstrittene Person bin", sagte Wolfowitz. "Aber ich hoffe, dass die Leute, wenn sie mich besser kennen lernen, verstehen werden, dass ich wirklich zutiefst an die Aufgabe der Bank glaube. Menschen zu helfen, die in Armut leben, ist eine noble Aufgabe." Die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sagte nach dem Gespräch: "Wir haben unsere Forderungen und unsere Verpflichtungen dargestellt. Und auf dieser Basis gehe ich davon aus, das er (Wolfowitz) bei seiner Wahl die europäische und auch die deutsche Unterstützung haben wird." Zuvor hatte schon Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erklärt, auch wenn in Europa "keine Begeisterung" über Wolfowitz herrsche, so werde dessen Ernennung doch nicht an Deutschland scheitern. Er sei überzeugt, dass Menschen auch an ihrem Amt wachsen könnten. Wolfowitz wollte sich nicht zu dem Pariser Wunsch äußern, ihm künftig einen französischen Vizepräsidenten zur Seite zu stellen. "Es ist sehr wichtig, dass die Führungsspitze der Bank die Tatsache widerspiegelt, dass dies eine multilaterale Institution ist", sagte er. "Sie muss widerspiegeln, dass die Europäer der größte Einzelblock von Anteilseignern sind, aber sie muss auch die ganze Vielfalt der Bank widerspiegeln. Ich werde nach den besten Talenten in der ganzen Welt suchen." Wieczorek-Zeul sagte: "Insgesamt ist klar, dass möglichst die Anteilseigner auf den wichtigen Ebenen auch vertreten sein sollen. Und es ist auch heute deutlich geworden: Die Europäer haben mit einem Anteil von 30 Prozent ein wichtiges Wort bei der Weltbank, ihrer Struktur und ihrer Arbeit mitzureden." Im Gegenzug für Lamy In den vergangenen Wochen sagten EU-Diplomaten in Brüssel, Europa erwarte unter anderem, dass die USA nach der Zustimmung zu Wolfowitz den Wunsch, den Franzosen Pascal Lamy zum neuen Chef der Welthandelsorganisation (WTO) zu machen, unterstützen werden. Mittlerweile hat Frankreich einem Bericht von Le Monde zufolge zusätzlich Interesse an einem Stellvertreterposten bei der Weltbank angemeldet. "Wir wollen, dass die Weltbank als multilaterale Organisation gestärkt wird", sagte Wieczorek-Zeul zur Haltung der Europäer. "Wir wollen die Orientierung auf globale Armutsbekämpfung." Sie begrüßte, dass der künftige Weltbankpräsident versichert habe, er werde sein Amt unabhängig von den Wünschen der US-Regierung leiten. "Wir hatten das Gefühl, dass unsere Botschaft angekommen ist." | Einen Tag vor seiner offiziellen Wahl hat der künftige Präsident der Weltbank den Europäern versprochen, an der multilateralen Ausrichtung der Entwicklungsbank nichts ändern zu wollen. "Ich verstehe, dass ich eine umstrittene Person bin." | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/weltbank-wolfowitz-ganz-handzahm-1.902324 | Weltbank - Wolfowitz - ganz handzahm | 00/05/2010 |
Australien schickt 22.000 Tonnen Chemikalien zur Entsorgung nach Schleswig-Holstein. Das empört nicht nur die Grünen. Der Streit um die Verbrennung australischen Giftmülls in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen geht in eine neue Runde. Detailansicht öffnen Ein Greenpeace-Aktivist bei einer Protestaktion gegen die unfachgemäße Entsorgung von Giftmüll. (Foto: Foto: Reuters) Mit Verweis auf eine Rechtsauskunft der EU-Kommission vertraten die Grünen im Düsseldorfer Landtag am Freitag die Auffassung, die schwarz-gelbe Landesregierung könne entgegen eigenen Angaben den geplanten Import von Hexachlorbenzolen (HCB) verhindern. Laut der Rheinischen Post muss Landesumweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) nun in einer Sitzung des Landtags-Umweltausschusses kommende Woche erklären, warum der Giftmüll des australischen Chemiekonzerns Orica dennoch "freien Weg nach NRW" haben solle. Im Gegenzug bekräftigte das Landesumweltministerium seine Auffassung, die Bedingungen für eine Verweigerung des Müllimports seien nicht erfüllt. Verbrennung in Spezialanlagen Bei dem Streit geht es um insgesamt 22.000 Tonnen HCB, die Medienberichten zufolge unter strengen Sicherheitsvorkehrungen von Australien nach Schleswig-Holstein gebracht und anschließend in Spezialanlagen in Brunsbüttel, Herten, Dormagen und Leverkusen verbrannt werden sollen. Umweltschützer und Anwohner der Verbrennungsanlagen machen seit Wochen Front gegen das Vorhaben, von dem nach ihrer Einschätzung Gesundheitsgefahren ausgehen. Laut Rheinischer Post hatte auch Uhlenberg wiederholt betont, er lehne den Import wegen der "erheblichen Risiken" zwar ab, das europäische Recht lasse ihm aber keine Möglichkeit für ein Verbot. Nach Brüsseler Lesart sei das Land jedoch rechtlich nicht zur Annahme des Abfalls verpflichtet, berichtete die Zeitung weiter. "Aus unserer Sicht ergibt sich aus EG-Recht keine Verpflichtung zur Genehmigung für die deutschen Behörden", zitierte das Blatt die Sprecherin von EU-Umweltkommissar Stavros Dimas. Import könnte abgelehnt werden Auch wenn Australien nicht über geeignete Verbrennungsanlagen verfüge und Betreiber in NRW zur Entsorgung bereit und in der Lage seien, könne der Import abgelehnt werden, verlautete dem Bericht zufolge aus der EU-Generaldirektion Umwelt. Der Düsseldorfer Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Johannes Remmel warf der Landesregierung daraufhin vor, sie spiele "offensichtlich mit verdeckten Karten". "Während der zuständige Minister darauf pocht, dass sich seine betreffende Behörde bei ihrer Prüfung an die EG-Abfallverbringungsordnung halten müsse und deshalb verpflichtet sei, den Giftmüll aus Australien anzunehmen, ist die EU-Kommission anderer Meinung." "Müll-Klo der halben Welt" Der Umweltverband BUND forderte Uhlenberg mit Blick auf den Zeitungsbericht auf, einen sofortigen Importstopp für den giftigen Sondermüll aus Australien zu verhängen. Wegen in den 90er Jahren aufgebauter "Verbrennungs-Überkapazitäten" sei Nordrhein-Westfalen angesichts einer jährlichen Menge von mehr als 600.000 Tonnen Import-Sondermülls schon jetzt das "Müll-Klo der halben Welt". Eine Sprecherin Uhlenbergs wies die Vorwürfe der Grünen zurück. Eine Verweigerung des Giftmüllimports sei nur unter "bestimmten Voraussetzungen" möglich, unter anderem wenn die Verbrennungsanlagen nicht zugelassen seien oder inländischer Müll wegen des Imports nicht verbrannt werden könne. Die in der Verordnung verankerten Voraussetzungen für ein Importverbot seien aber "in diesem Fall nicht gegeben". | Australien schickt 22.000 Tonnen Chemikalien zur Entsorgung nach Schleswig-Holstein. Das empört nicht nur die Grünen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/debatte-um-giftmuellimporte-das-geschaeft-mit-dem-dreck-1.899187 | Debatte um Giftmüllimporte - Das Geschäft mit dem Dreck | 00/05/2010 |
Das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer, der ifo-Index, ist im Oktober den sechsten Monat in Folge gestiegen. Es wird also zunehmend wahrscheinlicher, dass sich die Wirtschaft im kommenden Jahr wieder erholt. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verbesserte sich im Oktober überraschend stark. Der ifo-Geschäftsklimaindex sprang in den alten Ländern von 92,0 auf 94,2 Punkte. Wie das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut am Dienstag mitteilte, schätzten die befragten Unternehmen nicht nur ihre Zukunftsaussichten, sondern erstmals wieder auch ihre aktuelle Geschäftslage viel günstiger ein. "Es sieht so aus, als ob wir doch auf breiter Front eine Verbesserung sehen", sagte ifo-Konjunkturexperte Gernot Nerb. Vor allem in der Industrie und den industrienahen Branchen habe sich das Geschäftsklima verbessert. "Es sieht so aus, als ob aufgeschobene Investitionen in Angriff genommen werden", erklärte Nerb und verwies auf den Aufwärtstrend bei Chemie, Maschinen- und Fahrzeugbau. "Das Exportgeschäft scheint recht gut zu laufen. Das ist eine deutliche Stütze." Leichter Rückgang im Einzelhandel und Baugewerbe Im Einzelhandel und im Baugewerbe kam es dagegen zu einem leichten Rückgang. "Wenn ganz sicher ist, dass die Steuerreform vorgezogen wird, wird das auf den Einzelhandel ausstrahlen. Dort gibt es aber noch gewisse Zweifel, die Erwartungen sind verhalten", sagte Nerb. Der Geschäftsklimaindex stieg bereits zum sechsten Mal in Folge und erreichte damit den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sah die jüngste Gemeinschaftsprognose der Wirtschaftsweisen bestätigt, "wonach ab dem vierten Quartal 2003 eine leichte konjunkturelle Belebung zu erwarten ist". Der Teilindex für die aktuelle Geschäftslage der westdeutschen Unternehmen legte von 79,2 auf 81,1 Punkte zu. Noch optimistischer beurteilten die befragten Unternehmen ihre Aussichten im nächsten halben Jahr, dieser Teilindex stieg von 105,2 auf 107,9 Punkte. Ähnlicher Anstieg zuletzt 1999 Ein ähnlicher Anstieg sei zuletzt Aufschwung 1999 zu beobachten gewesen, sagte Sinn. Allerdings sei damals die Lage durchgängig viel besser beurteilt worden. Nerb sagte, die Belebung könnte beflügelt werden, wenn sich die Weltwirtschaft positiv entwickle und zugleich Inlandsnachfrage und Konsum stärker anzögen. Auch in den neuen Ländern stieg der Geschäftsklimaindex leicht von 104,0 auf 104,7 Punkte. Allerdings wurde nur die aktuelle Lage besser beurteilt, dieser Teilindex kletterte von 122,8 auf 124,8 Punkte. Die Erwartungen dagegen sanken leicht von 86,3 auf 86,1 Punkte. Auf dem Bau zeigte der Trend in Ostdeutschland nach oben, in der Industrie blieb der Index unverändert. Der Geschäftsklimaindex wird monatlich bei einer Umfrage unter 7.000 Unternehmen ermittelt. | Das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer, der ifo-Index, ist im Oktober den sechsten Monat in Folge gestiegen. Es wird also zunehmend wahrscheinlicher, dass sich die Wirtschaft im kommenden Jahr wieder erholt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ifo-index-der-aufschwung-kommt-in-sichtweite-1.899423 | ifo-index - Der Aufschwung kommt in Sichtweite | 00/05/2010 |
Falls er "Spekulation und Hysterie" wirklich stoppen wollte, hat Russlands Präsident sich im Ton vertan: Dass Wladimir Putin jedes Gespräch mit den Führern der russischen Wirtschaft verweigert, wird diese kaum beruhigen. (SZ vom 28.10.03) - Im Gegenteil - es wird sie noch stärker um Geld und Freiheit bangen lassen. Nachdem der Chef des größten Ölkonzerns hinter den rostigen Gittern des Moskauer Gefängnisses "Matrosenruhe" verschwunden ist, können andere Oligarchen nicht mehr ruhig schlafen. Und die internationalen Investoren? Sie werden dreimal nachdenken, ehe sie frische Millionen auf russische Konten überweisen: Es gibt keine Rechts- und Investitionssicherheit in diesem Land. Der Kremlchef hat zwar Recht: Vor dem Gesetz müssen alle gleich sein, "egal wie viele Millionen sie auf dem Konto haben". "Kein einzelner Räuberkapitalist" Wer betrügt, muss sich verantworten. Doch Putin weiß, dass es im Falle von Chodorkowskij nicht um einen einzelnen "Räuberkapitalisten" geht. In Russland haben alle Großkapitalisten ihr Geld auf nicht-legale Weise gemacht. Das war der Deal bei der fragwürdigen Privatisierung unter dem ersten Präsidenten Boris Jelzin. Es war ein vom Staat vorgegebenes System, und das wurde das Fundament des russischen Kapitalismus. Wer dies zehn Jahre später in Frage stellen wollte, müsste alle Oligarchen vor den Kadi zwingen und ihre Unternehmen erneut verkaufen. Die Folgen für die aufstrebende Wirtschaft wären katastrophal. Machtanspruch statt Stabilität Obwohl Putin dies weiß, riskiert er fürs erste die Stabilität der Wirtschaft. Er und seine Hausmacht aus Geheimdienstoffizieren wollen sich die Macht nicht von politisch ambitionierten Oligarchen wie Chodorkowskij streitig machen lassen. Das ist Putin eine Krise an den Märkten und Sorgenfalten in ausländischen Regierungszentralen allemal wert. Der Kremlchef weiß, dass Investoren und Regierungen auf Stabilität setzen, wenn sie nach Garantien für ihr Geld und ihre Politik fragen. Der Rechtsstaat als solcher schlägt sich bei den kurzfristigen Sprüngen der Börse oder in den Dossiers der Regierungen selten als geldwerter Vorteil nieder - siehe das noch-immer-kommunistische Investorenparadies China. Also macht der Machtzyniker Putin mit dem Einsatz der Justiz gegen den Oligarchen Chodorkowskij alles richtig? Eben nicht. Wichtiger Dreiklang Die langfristigen Reformen, die Russland braucht, sind eine Kombination aus demokratischer Politik, Rechtsstaatlichkeit und freier Wirtschaft. Solange Putin diesen Dreiklang nicht umsetzt, wird sein Russland da stecken bleiben, wo es unter den Sowjets festgefahren ist. | Falls er "Spekulation und Hysterie" wirklich stoppen wollte, hat Russlands Präsident sich im Ton vertan: Dass Wladimir Putin jedes Gespräch mit den Führern der russischen Wirtschaft verweigert, wird diese kaum beruhigen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-putins-gewagtes-spiel-1.898180 | Kommentar - Putins gewagtes Spiel | 00/05/2010 |
"Das ist aber teuer geworden!" - Ob der gefühlte Preis der tatsächlichen Entwicklung entspricht, können Verbraucher für häufig gekaufte Produkte jetzt im Internet verfolgen. Ob und gegebenenfalls welche Produkte vor oder nach der Mehrwertsteuererhöhung teurer werden, können Verbraucher seit einigen Wochen selbst am Computer verfolgen. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hat einen Preismonitor ins Internet gestellt (Link siehe unten). Detailansicht öffnen Brötchen gehören zu den Produkten, deren Preis auf den Internetseiten des Statistischen Bundesamts verzeichnet ist. (Foto: Foto: AP) Auf dieser Internet-Seite können interessierte Nutzer die Preisentwicklung von 42 häufig gekauften Produkten wie Brötchen, Schokolade, Duschgel und Jeanshosen verfolgen. Aufgeführt werden nicht nur Produkte, die vom kommenden Jahreswechsel an mit 19 Prozent Mehrwertsteuer - auch Umsatzsteuer genannt - besteuert werden, sondern auch solche, die wie die meisten Lebensmittel weiter unter den ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent fallen. Lebensmittel und Bekleidung billiger Die Grafiken zeigen unter anderem, wie sich die Preise in den einzelnen Segmenten seit dem Jahr 2000 verändert haben. Dabei wird deutlich, dass Artikel im Bereich Lebensmittel und Bekleidung in dieser Zeit sogar eher billiger als teurer geworden sind. Ursache dafür ist der hohe Wettbewerbsdruck, der von Discountern ausgeht. Der Preisverfall gilt allerdings nicht bei Schokolade, die inzwischen mehr kostet, was aber auch an den höheren Preisen für den Rohstoff Kakao liegen dürfte. Deutlich teurer geworden sind zudem Gaststättenbesuche oder Hotelübernachtungen. Wer also häufig Essen geht, könnte hin und wieder die eigene Küche nutzen, um Kosten zu sparen. Auch im Dienstleistungsbereich müssen Kunden mehr zahlen, zum Beispiel fürs Haareschneiden. "Versachlichung der Diskussion" Die Statistiker wollen nach eigenen Angaben mit dem Preismonitor zur "Versachlichung der Diskussion der Steuererhöhungen beitragen", vor allem nach den schlechten Erfahrungen bei der Euro-Umstellung. Bekanntermaßen stieg damals bei vielen Deutschen die gefühlte Inflation, eine Entwicklung, die von der Realität nicht gedeckt wurde. Ein Amtssprecher räumt aber auch ein, dass der Preismonitor letztendlich keine Auskunft darüber gibt, ob höhere Preise tatsächlich auf die höhere Mehrwertsteuer zurückzuführen sind oder andere Ursachen haben. Die Seite wird bis Mitte 2007 regelmäßig aktualisiert. Die Daten des Amtes basieren auf Beobachtungen in 40.000 Geschäften in ganz Deutschland. | "Das ist aber teuer geworden!" - Ob der gefühlte Preis der tatsächlichen Entwicklung entspricht, können Verbraucher für häufig gekaufte Produkte jetzt im Internet verfolgen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/preismonitor-jeans-billiger-schokolade-teurer-1.899898 | Preismonitor - Jeans billiger, Schokolade teurer | 00/05/2010 |
Genüsslich zieht er an seiner Kippe und blickt in die Canyons der Rocky Mountains. Jetzt hat die Bundesregierung das Werbe-Revier des Marlboro-Manns allerdings drastisch verkleinert. Im verbliebenen Gelände will die Werbeindustrie umso stärker jagen. Nach langem Tauziehen der Lobbyisten, Klagen beim EuGH und freiwilligen Selbstverpflichtungen sprach der Bundestag nun Klartext: Rauchen in Speiselokalen ist in Zukunft verboten, ebenso wie Werbung für Zigaretten in Printmedien, Internet und Radios. Detailansicht öffnen Motiv einer Anti-Raucher-Kampagne in Hollywood/USA. (Foto: Foto: AP) Mit dieser Entscheidung kam die Expertengruppe einer Entscheidung des EuGH zuvor, der die Berufung Deutschlands gegen die strenge Tabakrichtlinie der Europäischen Union voraussichtlich abgelehnt hätte. Durch das Verbot hat die deutsche Tabakindustrie einen langen Kampf verloren. Denn bislang hatten Lobbyisten wie Ilona Luttmann von British American Tobacco einigermaßen erfolgreich versucht, gegen das Verbot anzugehen. Ausgeklügelte Methoden Die Methoden der Tabak-Lobby waren dabei recht ausgeklügelt. Wie nehme ich eine Branche in Schutz, die eigentlich kaum zu rechtfertigen ist? Keine leichte Aufgabe, die den PR-Strategen der Branche gleichwohl immer wieder gelang. Noch im September hatte Luttmann in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt, es gehe vor allem darum, British American Tobacco als ein "verantwortungsvolles Tabakunternehmen" darzustellen. Immerhin gestand Luttmann ein: "Es ist unbestritten, dass Rauchen mit Risikofaktoren verbunden ist, darüber informieren wir unsere Kunden auch." Geholfen hat es der Branche am Ende nicht. Konstante Verkäufe erwartet Bei Reemtsma, Deutschlands Nummer drei am deutschen Tabakmarkt, reagiert man auf die Entscheidung allerdings demonstrativ gelassen. Durch das Plädoyer des Generalstaatsanwaltes vor dem EuGH sei die Entscheidung des Bundestags "vorhersehbar" gewesen, so Reemtsma-Sprecher Sebastian Blohm zu sueddeutsche.de. Wie Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, treffe das Verbot eher Verlage als die Tabakkonzerne, deren Absätze auch in Ländern mit Werbeverboten konstant blieben. | Genüsslich zieht er an seiner Kippe und blickt in die Canyons der Rocky Mountains. Jetzt hat die Bundesregierung das Werbe-Revier des Marlboro-Manns allerdings drastisch verkleinert. Im verbliebenen Gelände will die Werbeindustrie umso stärker jagen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neuer-nichtraucherschutz-werbung-im-reservat-1.903737 | Neuer Nichtraucherschutz - Werbung im Reservat | 00/05/2010 |
Die von Siemens früher heimlich gesponserte Arbeitnehmerorganisation AUB versucht verzweifelt einen Neuanfang. Ihren inhaftierten Ex-Vorsitzenden Wilhelm Schelsky will sie dennoch nicht rauswerfen. Wilhelm Schelsky lässt alle zappeln. Aus der Untersuchungshaft heraus richtete er über seinen Anwalt aus, er wolle sich derzeit nicht mit dem Gedanken befassen, nach dem Bundesvorsitz auch seine Mitgliedschaft bei der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) aufzugeben. So sagte es Ingrid Brand-Hückstädt, seine langjährige Stellvertreterin an der AUB-Spitze, bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Arbeitnehmerorganisation am Samstag in Nürnberg. Obwohl entsprechende Anträge von Mitgliedern seit Monaten vorliegen, will die AUB ihrerseits den Mann nicht rauswerfen. Schelsky soll bis zu 60 Millionen Euro von Siemens kassiert haben - vor allem dafür, die AUB als Kampftruppe gegen die IG Metall aufzubauen. Seit Mitte Februar im Gefängnis Schelsky sitzt seit Mitte Februar im Gefängnis, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen verschiedener Delikte gegen ihn und mehrere Siemens-Manager. Das Zaudern bei dieser Personalie passt so überhaupt nicht zu dem Eindruck, den die Organisation zu vermitteln versucht. Ein Neuanfang und zumindest der Beginn eines Selbstreinigungsprozesses sollte die außerordentliche Mitgliederversammlung sein, bei der unter anderem ein neuer Vorstand gewählt und die Satzung verändert wurde. Mehr Transparenz sei künftig angesagt, sagt Brand-Hückstädt, eine Arbeitsrechtlerin aus Schleswig-Holstein, die die AUB seit Schelskys unfreiwilligem Rückzug kommissarisch leitet. Simple Informationen als Geheimnis Nach außen ist von neuer Transparenz allerdings nichts zu spüren. Die Mitgliederversammlung fand nichtöffentlich statt, und selbst simple Informationen wurden dort als Geheimnis behandelt. "Wir wollen der IG Metall nicht in die Karten spielen", begründete Brand-Hückstädt, warum der Vorstand die Zahl der Mitglieder nicht offen nannte. Wer das wissen wolle, könne ja nach vorne kommen und das einsehen. Einige Leute machten davon Gebrauch, einer von ihnen sagte hinterher der SZ, man habe um die 10.000 Mitglieder. Das deckt sich mit Erkenntnissen aus dem Ermittlungsverfahren gegen Schelsky. Öffentlich spricht die AUB aber von 30.000 Mitgliedern. Von der SZ mit diesem Widerspruch konfrontiert, sagte Brand-Hückstädt, sie wolle die Zahl 10.000 weder bestätigen noch dementieren. 30.000 Leute nutzten jedenfalls die Dienstleistungen der AUB. Offen ist auch, wie viel Geld von Siemens über Schelsky letztlich der AUB zugute gekommen ist. Brand-Hückstädt und der neue Bundesgeschäftsführer Gottfried Linn sagen, sie wüssten es nicht. Sie räumten ein, dass zahlreiche hauptamtliche Mitarbeiter in Wirklichkeit nicht bei der AUB, sondern bei der Unternehmensberatungsfirma Schelskys angestellt waren und von dieser bezahlt wurden. Äußerst spendabel Der habe sich im Übrigen bei Tagungen und Versammlungen sowie der Sachausstattung äußerst spendabel gezeigt. Seit Schelsky allerdings in Untersuchungshaft sitzt, hat die AUB ein finanzielles Problem. Sämtliche Geschäftsstellen - etwa in Hamburg, Greifswald, Mannheim, Frankfurt und München - wurden inzwischen geschlossen. Die AUB zählt noch ganze fünf Angestellte in der Bundesgeschäftsstelle in Nürnberg. Um sie weiterzubeschäftigen und die AUB überhaupt am Leben zu halten, hob die Mitgliederversammlung den Monatsbeitrag von acht auf zwölf Euro an. Das war nicht unumstritten, wie überhaupt die AUB intern debattierfreudiger war als offenbar je zuvor. Manche Diskutanten seien "sauer gewesen, weil von dem Geld von Schelsky nie bei ihnen etwas angekommen ist", sagte der neu gewählte Bundesvorsitzende Rainer Knoob aus Hamburg. Wütend über Schelsky Andere hätten sich wütend über Schelsky geäußert oder auch darüber, "dass sie in eine Ecke gedrängt wurden". Brand-Hückstädt übte Selbstkritik. "Natürlich hätte man bei Schelsky stärker nachfragen müssen", sagt sie. Andererseits sei der bullige Ex-AUB-Chef immer sehr dominant aufgetreten, habe "Fragen abgewürgt" und sei im Übrigen eine sehr charismatische Erscheinung gewesen. Aber nun sei "die Ära Schelsky ja vorbei", und so etwas wie "ein Kollektivschuldgefühl haben wir nicht", sagte Brand-Hückstädt. Nur noch "unbelastete Gesichter im Vorstand" Künftig seien nur noch "neue, unbelastete Gesichter im Vorstand". Neben Knoob, der freigestellter Betriebsrat beim Flugzeughersteller Airbus in Hamburg ist, bilden vier weitere Personen die Führung. Brand-Hückstädt sagt, es sei Sache des gesamten Gremiums, über einen Rauswurf Schelskys zu entscheiden. Knoob amtiert erst dann als Bundesvorsitzender, wenn die Satzungsänderungen in einigen Wochen im Registergericht eingetragen sind. | Die von Siemens früher heimlich gesponserte Arbeitnehmerorganisation AUB versucht verzweifelt einen Neuanfang. Ihren inhaftierten Ex-Vorsitzenden Wilhelm Schelsky will sie dennoch nicht rauswerfen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/splittergewerkschaft-aub-langer-schatten-1.906750 | Splittergewerkschaft AUB - Langer Schatten | 00/05/2010 |
Die Stellenvermittler in den Arbeitsämtern befürchten eine Überlastung, wenn sie auch noch eine Million Sozialhilfeempfänger betreuen sollen. (SZ vom 21.08.03) - Die Bundesanstalt für Arbeit (BA) stemmt sich gegen die Regierungspläne zur Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Anders als vom Kabinett beschlossen, will die Behörde nicht alle Empfänger des neuen Arbeitslosengeldes II in ihre Obhut nehmen. Die Arbeitsämter würden zu "riesigen Sozialämtern", warnt die BA in einer internen Publikation. Falls die Arbeitsämter künftig auch noch, wie von der Bundesregierung vorgesehen, eine Million erwerbsfähiger Sozialhilfeempfänger betreuen müssten, wären sie "in hohem Maß administrativ überlastet", warnt Wilhelm Schickler, Leiter der Hauptstadtvertretung in Berlin in der neuesten Ausgabe von "BA direkt". Dies widerspreche der Forderung der Politik, dass sich die Bundesanstalt für Arbeit auf ihre Kernaufgaben konzentrieren solle. Falls die Arbeitsvermittler sich künftig auch noch um Menschen mit Wohn-, Sucht oder Schuldenproblemen kümmern müssten, würde die Öffentlichkeit "die Arbeitsämter als riesige Sozialämter betrachten". Internes Mitteilungsblatt Schicklers Aufsatz, der am Mittwoch in "BA direkt", dem internen Mitteilungsblatt der Nürnberger Behörde, erschienen ist, liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Bislang sieht der vor einer Woche von Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgestellte Gesetzentwurf zu diesem Thema vor, dass der Bund künftig die Kosten für sämtliche erwerbsfähigen Sozialhilfeempfänger übernimmt, die bisher ihre Hilfsleistungen von den Kommunen erhalten. Diese bekommen demnach vom 1. Juli nächsten Jahres an, ebenso wie die bisherigen Bezieher der Arbeitslosenhilfe, das so genannte Arbeitslosengeld II, das etwa dem derzeitigen Niveau der Sozialhilfe entspricht. In den Aufgabenbereich der Nürnberger Bundesanstalt fielen damit künftig nicht nur die jetzt 4,2 Millionen Arbeitslosengeld- und -hilfeempfänger. Die Behörde wäre auch für eine Million arbeitsfähiger Sozialhilfe-Bezieher und deren 1,5 Millionen Familienangehörige zuständig. Reformen gefährdet Dies hätte, wenn Bundestag und Bundesrat daran festhalten, "erhebliche Auswirkungen auf den laufenden Reformprozess in der Bundesanstalt", warnt Schickler. Es müsste zusätzliches Personal rekrutiert und qualifiziert werden, auch eine Anpassung der EDV-Systeme sei nötig. Experten schätzen, dass die Bundesanstalt in diesem Fall rund 10.000 Mitarbeiter neu einstellen oder umschulen muss. Geplant ist, dass künftig ein Vermittler nur noch 75 Arbeitslose betreut. Angesichts dieser Schwierigkeiten plädieren Politiker der Opposition dafür, die Betreuung der Arbeitlosengeld-II-Bezieher nicht der Bundesanstalt aufzubürden, sondern damit die Kommunen zu beauftragen. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat bereits einen entsprechenden Gesetzentwurf erarbeitet. Die Spitzen von CDU und CSU sowie die Ministerpräsidenten der Union wollten darüber auch bei ihrem Strategietreffen am Mittwochabend am Frankfurter Flughafen diskutieren. Kritik auch am Unions-Vorschlag Die Bundesanstalt hält allerdings auch von der Lösung der Union wenig: Schickler prophezeit, "dass die Kommunen genauso überfordert wären, müssten sie schlagartig alle Arbeitslosenhilfebezieher übernehmen". Die Vermittlung und Arbeitsförderung dieses Personenkreises entspreche "nicht den Kernkompetenzen der Kommunen". Schickler plädiert deshalb für eine "praxisgerechte Lösung": In einer fünfjährigen Übergangszeit sollen sich die Kommunen und die Arbeitsämter die Aufgaben teilen.In gemeinsam betriebenen Job-Centern sollten sich die Träger der Sozialhilfe um die Grundsicherung der arbeitsmarktfernen Arbeitslosen und die Auszahlung des Sozialgeldes kümmern. Die Mitarbeiter der Arbeitsämter würden dagegen die arbeitsmarktnahen Arbeitslosen betreuen, deren Anspruch auf das Arbeitslosengeld I erschöpft ist, außerdem die arbeitslosen Jugendlichen unter 25 Jahren. Damit könnten sich beide Seiten auf ihre jeweiligen Kernkompetenzen konzentrieren: die Arbeitsverwaltung auf die Jobvermittlung, und die Kommunen auf die Betreuung von Menschen mit sozialen Problemen. Nach der Übergangszeit, so Schickler, könnten die Erfahrungen ausgewertet und endgültig entschieden werden, wer allein die Leistungen erbringen soll, oder ob die Arbeitsteilung fortgesetzt wird. | Die Stellenvermittler in den Arbeitsämtern befürchten eine Überlastung, wenn sie auch noch eine Million Sozialhilfeempfänger betreuen sollen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/regierungsplaene-bundesanstalt-warnt-vor-riesigem-sozialamt-1.904563 | "Regierungspläne - Bundesanstalt warnt vor ""riesigem Sozialamt""" | 00/05/2010 |
Am Ende war alles ganz schnell gegangen an diesem Tag im April 2004: Hans Reischl räumte seinen Schreibtisch in der Rewe-Zentrale in der Kölner Domstraße und verließ eilig die Firma. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte er die Geschicke des zweitgrößten deutschen Lebensmittelhändlers gelenkt. Wenige Monate später wäre sein Vertrag ohnehin abgelaufen. Aber Reischl, der Machtmensch, wollte nicht einen Tag länger bleiben, nachdem der Aufsichtsrat sich seinem Wunsch nach einem Platz im Kontrollgremium widersetzt hatte. Mit Reischls Hinterlassenschaft beschäftigt sich nun die Kölner Staatsanwaltschaft. Die Behörde bestätigte am Dienstag Ermittlungen gegen den 66-Jährigen. Nach dem Abgang von Reischl, der als Aufsichtsrat von Karstadt-Quelle nach wie vor engen Kontakt zur Handelsbranche hält, ging es in der Führungsetage von Rewe sehr turbulent zu: Sein Nachfolger Dieter Berninghaus musste gehen, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Steuerhinterziehung und Betrug ermittelte. Das Triumvirat Dann führten drei Manager das Unternehmen gleichsam als Triumvirat, ehe Aufsichtsratschef Klaus Burghard plötzlich mit Achim Egner einen neuen Vorstandssprecher präsentierte. Der wiederum trat schon im August dieses Jahres wieder ab, weil der Stil und das Tempo, mit dem er die Gruppe umstrukturieren wollte, nicht überall Beifall fanden. Seitdem führt der Franzose Alain Caparros das Unternehmen. Die hohe Geschwindigkeit, mit der sich seit Reischls Abgang in Köln das Personalkarussell dreht, hat auch damit zu tun, dass "Mister Rewe" während seiner langen Regentschaft ein dichtes Geflecht von Firmen und Abhängigkeiten gesponnen hat. Dieses Erbe besitzt Sprengkraft. Das haben seine Nachfolger schmerzhaft erfahren. Um endlich Klarheit über alle Abläufe im Unternehmen zu erhalten, ließen Vorstand und Aufsichtsrat die Firma seit Sommer vergangenen Jahres durchleuchten. Das Ergebnis ihrer Untersuchung überreichten sie vor einigen Wochen der Staatsanwaltschaft. Doch noch ehe sich die Behörde mit dem streng vertraulichen Dossier beschäftigte, wurden Einzelheiten daraus bekannt. Der Stern berichtete, mehrere Topmanager des Unternehmens, darunter auch Reischl, würden der Untreue, der Bestechlichkeit und möglicher Verstöße gegen das Kreditwesengesetz beschuldigt. Die Staatsanwaltschaft, so hieß es fälschlicherweise, habe bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Reischl ließ sogleich über seinen Anwalt mitteilen, hierbei handele es sich um "unverantwortlich in die Welt gesetzte Falschbeschuldigungen, denen jede reale Grundlage fehlt." Kaum dass bekannt war, dass sich die Staatsanwaltschaft für bestimmte Vorgänge bei Rewe interessiert, wollte mancher in der Branche schon immer gewusst haben, dass in Köln zumindest zeitweise merkwürdige Dinge an der Tagesordnung waren. Das sei ein offenes Geheimnis gewesen, bemerkte vor kurzem ein ranghoher Handelsmanager in kleiner Runde: "Nur berichtet hat darüber niemand. Es ist höchste Zeit, dass die Vorgänge bei Rewe aufgeklärt werden." Darum bemüht sich jetzt die Staatsanwaltschaft. Nach Prüfung der von Rewe bereitgestellten Unterlagen ermittelt die Behörde gegen Reischl bislang aber nur wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Kreditwesengesetz. "Es gibt keinen Hinweis auf Untreue oder Bestechlichkeit", sagte am Dienstag ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der SZ. Damit gibt es auch noch keine Bestätigung für den Vorwurf, Reischl und andere Ex-Manager hätten den italienischen Gemüse- und Früchtegroßhändler Bocchi beim Wareneinkauf begünstigt und seien dafür an den Profiten beteiligt worden. Allerdings geht die Behörde dem Verdacht nach, dass Reischl und andere Führungskräfte Firmenkonten zum Teil für private Geschäfte missbraucht haben. Nach Informationen des Stern führte Rewe für Reischl zeitweise mehrere sogennannte Konsolidierungskonten, darunter zwei, die zu Gunsten seiner Kinder genutzt wurden. "Abenteuerlich und völlig ausgeschlossen" Über diese Konten habe er Anlage- und Kreditgeschäfte mit dem eigenen Unternehmen tätigen können. Zwischen 1993 und 2006 seien die Rewe-Prüfer auf "Einzahlungen und Auszahlungen in einer Gesamthöhe von annähernd 100 Millionen Euro" gestoßen, berichtete der Stern. Reischl hatte die angebliche Höhe der Transaktionen auf seinen Konten "abenteuerlich und völlig ausgeschlossen" genannt. Sein Anwalt Norbert Gatzweiler hält die Nutzung des von Rewe eingerichteten Kontos für einen üblichen Vorgang. "Herr Reischl hat keine Konten der Rewe missbraucht. Es geht um private Konten, auf denen er private Gelder hatte", betonte er. Nach Ansicht von Gatzweiler ist lediglich zu prüfen, ob der frühere Rewe-Chef ohne Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) über diese Gelder habe verfügen dürfen. Der Anwalt ist überzeugt, dass das Verfahren "einvernehmlich" mit der Staatsanwaltschaft beendet wird. | Am Ende war alles ganz schnell gegangen an diesem Tag im April 2004: Hans Reischl räumte seinen Schreibtisch in der Rewe-Zentrale in der Kölner Domstraße und verließ eilig die Firma. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/staatsanwaltschaft-ermittelt-das-brisante-erbe-von-mister-rewe-1.899636 | Staatsanwaltschaft ermittelt - Das brisante Erbe von Mister Rewe | 00/05/2010 |
Der Chef ist neu - die Strategie bleibt die alte Kai-Uwe Ricke pflegt einen kollegialeren Führungsstil als sein Vorgänger, doch plagt er sich mit den gleichen Problemen. (SZ vom 15.07.2003) — In der Bonner Zentrale der Deutschen Telekom hält sich hartnäckig ein Gerücht: Kaum hatte Kai-Uwe Ricke den Chefposten angetreten, soll er seinen Mitarbeitern in der Kommunikationsabteilung gesagt haben: "Ich spendiere höchstpersönlich Champagner, wenn wir mal an einem Tag nicht in den Schlagzeilen der Zeitungen stehen." Diese Episode beschreibt ziemlich genau, was der Wechsel von Ron Sommer zu Kai-Uwe Ricke für das Unternehmen bedeutet: Raus aus der Öffentlichkeit, in Ruhe arbeiten und erst reden, wenn es etwas zu reden gibt. Vor einem Jahr hat Ron Sommer gezwungenermaßen seinen Rücktritt erklärt. Vorübergehend lenkte der ehemalige Aufsichtsratschef Helmut Sihler, damals 72 Jahre alt, den Konzern. Nach zahlreichen Absagen hochkarätiger Manager hat schließlich Ricke, bis dato Chef der Mobilfunksparte T-Mobile, den Vorstandsvorsitz übernommen. Zuvor hatte sich auch Technikvorstand Gerd Tenzer bereit erklärt, Sommer abzulösen. Das brachte ihm den Ruf des Königmörders ein und kostete ihn schließlich den Job. Überall nur Lob Ricke propagiert seit seinem Amtsantritt eine "neue Kultur" im Unternehmen. Neu ist auf alle Fälle der Kommunikationsstil - schon deshalb, weil Rickes zurückhaltende Art in etwa das Gegenteil zur One-Man-Show seines extrovertierten Vorgängers ist. Anders als Sommer hat Ricke die Chefs aller vier Sparten - Festnetz, Mobilfunk, Internet und Informationstechnologie - in den Vorstand geholt. Sie haben nun ein echtes Mitspracherecht und mehr unternehmerische Freiheit. Die sieben Männer im Vorstand pflegen einen wesentlich lockereren Umgangston. Man duzt sich, verzichtet gelegentlich auf das Jacket. Manchmal überrascht Ricke freilich die eigenen Mitarbeiter mit seiner ausgeprägten Vorliebe dafür, in aller Öffentlichkeit, Teamarbeit zu demonstrieren. So hat Josef Brauner, Chef der Festnetzsparte T-Com, auf der Hauptversammlung nicht schlecht gestaunt, als Ricke seine Führungsmannschaft vorstellen wollte und ihn unvermittelt aufforderte: "Lieber Josef, steh doch mal eben auf, damit Dich alle sehen können." Nacheinander durften sich dann alle Vorstandmitglieder - mehr oder weniger verdutzt - vor dem Aktionärspublikum verbeugen. Fast alle schwärmen von Ricke. Toll, wie der neue Chef zuhören könne. Super, dass er die Leute ausreden lasse. Welch ein Unterschied zu früher das doch sei. Manchmal erstaunt dieses überschwängliche Lob. Immerhin ist Ricke das "Ziehkind" seines ehemaligen Chefs. Und wenn die Ära Sommer so schlimm war, weshalb hat sich dann keiner gewehrt? Die meisten beantworten diese Frage mit einem hilflosen Schulterzucken. "Im Job muss man sich manchmal arrangieren", sagt einer, der eng mit Sommer zusammen gearbeitet hat und heute zu Rickes engsten Vertrauten zählt. Ein Jahr nach Sommer ist vor allem Bescheidenheit eingezogen bei der Deutschen Telekom. Das Topmanagement hat sich selbst eine Nullrunde beim Gehalt verordnet. Es wird überall gespart, auch bei Kleinigkeiten wie dem Kaffee oder diversen Feierlichkeiten für die 256.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die wirklich schwierigen Zeiten stehen den Beschäftigten indessen noch bevor. Denn Ricke will in den kommenden Jahren ein Fünftel der Belegschaft abbauen, vor allem in der Festnetzsparte. Das allerdings wäre unter der Regie von Sommer ebenso gekommen. Denn die Deutsche Telekom sitzt immer noch auf einem gigantischen Schuldenberg von 56 Milliarden Euro und hat im vergangenen Jahr einen Rekordverlust von 24,6 Milliarden Euro ausgewiesen, bei einem Umsatz von 53,7 Milliarden Euro. Ricke tut ohnehin vieles, was auch Sommer getan hätte. Er sagt es nur mit leiseren Tönen: Kosten senken, Schulden abbauen, verkaufen, was nicht zum Kerngeschäft gehört. Ricke teilt zudem die Hoffnung der Zukunft mit Sommer. Beide sind überzeugt, dass Mobilfunk - einschließlich der teuer bezahlten UMTS-Technik - und Breitbandtechnologie im Festnetz die künftigen Wachstumstreiber seien. An der grundlegenden Strategie hat Ricke nicht das geringste verändert. Er will alle vier Geschäftsbereiche behalten, auch die Informationstechnologie-Sparte T-Systems. Sie stehe derzeit nicht zum Verkauf, sagt er und weist damit kursierende Spekulationen zurück. Zu teuer eingekauft Von T-Mobile USA, einst Voicestream genannt, will sich Ricke ebenfalls nicht trennen. Schließlich war Ricke selbst die treibende Kraft, als die Deutsche Telekom die amerikanische Mobilfunkgesellschaft vor zwei Jahren für 40 Milliarden Dollar (35 Milliarden Euro) gekauft hat. 17,7 Milliarden Euro musste die Telekom mittlerweile auf T-Mobile USA abschreiben, was wesentlich zum Rekordverlust für das vergangene Geschäftsjahr beigetragen hat. Mittlerweile verzeichnet das Unternehmen zwar branchenweit die höchsten Wachstumszahlen. Doch anders als andere amerikanische Mobilfunkgesellschaften ist T-Mobile USA noch weit von Profitabilität entfernt. Insgesamt hat Ricke erste Erfolge vorzuweisen. Die Finanzwelt zollt ihm Respekt für den bereits erreichten Schuldenabbau und die Strategie des vorsichtigen Wachstums. Positiv gestimmt hat die Analysten, dass die Telekom für das erste Quartal 2003 wieder einen Gewinn von 100 Millionen Euro gemeldet hat. Seit Ricke das Heft in der Hand hat, fällt das Urteil vieler Beobachter ohnehin wieder milder aus als zu Sommers Zeiten. Erst am Montag hat beispielsweise die Investmentbank Merrill Lynch die T-Aktie hinaufgestuft und empfiehlt sie jetzt zum Kauf. So manche Kleinaktionäre beeindruckt das nicht mehr. Viele haben einen Haufen Geld und das Vertrauen verloren. Anders als Ricke sehnen sie sich nach Schlagzeilen in der Zeitung, nach jener aus dem Jahr 2000 zum Beispiel: "Telekom treibt Dax über 8000 Punkte". Die T-Aktie war damals 103,50 Euro wert. | Kai-Uwe Ricke pflegt einen kollegialeren Führungsstil als sein Vorgänger, doch plagt er sich mit den gleichen Problemen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/telekom-der-chef-ist-neu-die-strategie-bleibt-die-alte-1.897888 | Telekom - Der Chef ist neu - die Strategie bleibt die alte | 00/05/2010 |
In Brandenburg entstanden viel zu große Klärwerke. Daher klagen die Bürger jetzt über die bundesweit höchsten Abwassergebühren. Die EU-Betrugsbekämpfer ermitteln. In dieser Woche sind die brandenburgischen Landtagsabgeordneten jeden Tag auf ein anrüchiges Thema gestoßen. An der Treppe vor dem Landtag lauerten ihnen Menschen auf, die ein Dutzend Abwasser-Initiativen vertreten. Detailansicht öffnen Ein Mitarbeiter der Schweriner Abwasserentsorgung dreht an einem Einstellrad für eines der Reinigungsbecken im Klärwerk der mecklenburgischen Landeshauptstadt. (Foto: Foto: dpa) "Hungerstreik", stand auf den Pappschildchen, die sie an ihre Jacken geheftet hatten. "Enteignung" und "Diebstahl", "Nötigung" und "Betrug", war filzstiftdick auf den Plakaten gekrakelt. Wütend Die Menschen von Brandenburg sind wütend. Die Märkischen fühlen sich von turmhohen Schulden niedergedrückt und von Gesetzen entmündigt. "Mein Schmutzwasser gehört mir!", sagen sie. Wegen dieses Abwassers herrscht in Brandenburg seit langem Aufruhr. Vordergründig wird um die Gebühren für die Entsorgung gestritten. Eigentlich geht es jedoch darum, wie der Westen eine Idee über den Osten gestülpt hat - und wie der sich übertölpeln ließ. Zwischen Potsdam und Brandenburg (Havel) liegt Jeserig. Mitten im Feld steht das Klärwerk. In einem Betonbecken schwimmt braune Brühe, nebenan stapelt sich der Schlamm in zwei Türmen. "Rechen harken das 'Dicke' aus dem Abwasser heraus", erklärt Günter Jäger, "die Feinarbeit erledigen Bakterien." Das gereinigte Wasser fließt in die Havel, der Schlamm holen sich Landwirte. Es fehlt an Schmutz Günter Jäger ist Geschäftsführer des Klärwerks. Im Abwasserzweckverband Emster sind die zehn Gemeinden organisiert, die nach Jeserig einleiten. 1995 war das Klärwerk eingeweiht worden. "Meine Vorgänger haben die Anlage auf eine Million Kubikmeter Abwasser pro Jahr ausgelegt", sagt Jäger. "Heute kommen wir etwa auf eine Auslastung von 350 000 Kubikmetern." Schnell stiegen die Gebühren, schon 1996 kam es deswegen zu tumultösen Versammlungen. Aus seinem Büro schaut Günter Jäger auf Brachland. Eigentlich müsste er ein mindestens 30 Hektar großes Gewerbegebiet sehen, so war es mal gedacht. Dem teuer gebauten Klärwerk Jeserig fehlt das Abwasser der Firmen, die dort produzieren, und es fehlt das Abwasser der Arbeiter, die in die Nachbarschaft ziehen sollten. Die Kunden, die das Klärwerk heute in den zehn Gemeinden hat, liefern schlicht nicht genug Schmutz. Also ist der Zweckverband Emster mit etwa fünf Millionen Euro verschuldet. | In Brandenburg entstanden viel zu große Klärwerke. Daher klagen die Bürger jetzt über die bundesweit höchsten Abwassergebühren. Die EU-Betrugsbekämpfer ermitteln. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirbel-ums-abwasser-wenn-der-westen-den-osten-kanalisiert-1.906422 | Wirbel ums Abwasser - Wenn der Westen den Osten kanalisiert | 00/05/2010 |
Wie ein medizinischer Fachverlag dem Druck der Pharmaindustrie nachgab und eine kritische Artikelserie stoppte. Wer die Augustausgabe der Zeitschrift für Allgemeinmedizin (ZFA) aufmerksam liest, wird irritiert sei. Im Inhaltsverzeichnis ist ein Artikel von Michael Kochen und Wilhelm Niebling auf Seite 332 angekündigt. Detailansicht öffnen Novartis-Manager Matthias Meergans unterstellte den Autoren mangelhafte Recherche bei Ihrem Artikel über Sartane. (Foto: Foto: AP) Die Professoren für Allgemeinmedizin aus Göttingen und Freiburg skizzieren demnach "Wirksamkeitsunterschiede bei Protonenpumpenhemmern: Informationen zur rationalen Arzneitherapie in der ärztlichen Praxis" - ein Überblick für Hausärzte, wie sie sinnvoll Medikamente verordnen, die bei Magengeschwüren und Sodbrennen helfen. Die Ausgabe erschien mit mehreren Wochen Verspätung Auf Seite 332 im Heft findet sich jedoch kein Text über Magenmittel. Stattdessen steht dort Werbung für ein Buch des Thieme-Verlags, der die ZFA neben anderen Fachmagazinen herausgibt. Verwunderlich ist auch, dass die Augustausgabe der ZFA erst am 10. September bei Abonnenten angekommen ist. Normalerweise wäre sie Mitte August erschienen. Ferdinand Gerlach, Leiter der Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt, hakte nach - wie andere Leser auch -, warum der Artikel fehle, auf den er "schon ganz gespannt gewesen" wäre. Das Heft enthalte den Beitrag über Magenmittel nicht, beschied ihm Volker Niem, Programmplaner bei Thieme. Die Ankündigung sei "ein bedauerlicher Fehler". Redaktioneller Irrtum Hinter dem bedauerlichen Fehler verbirgt sich allerdings mehr als ein redaktioneller Irrtum. "Das ist ein einmaliger Vorgang", sagt Michael Kochen, Erstautor des vermissten Textes und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). "Der Thieme-Verlag hat auf Druck der Industrie die Augustauflage eingestampft. Der Verlag befürchtete wohl, sein Anzeigengeschäft zu gefährden." Man sei viel von der Pharmaindustrie gewohnt und kenne ihren Einfluss auf Fachmagazine, so Kochen, "aber das ist vorauseilende Zensur des Verlages". Die Arzneimittelkommission versucht, sich dem Druck zu entziehen Kochen ist Mitherausgeber des anzeigenfreien und pharmakritischen Arzneitelegramms. Niebling ist Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, die sich - anders als viele medizinischen Fachgesellschaften - dem Druck der Industrie weitgehend entzieht. Die "Informationen zur rationalen Arzneitherapie in der ärztlichen Praxis" von Kochen und Niebling waren als mehrteilige Serie angelegt, die vermitteln sollte, wie Patienten optimal und kostengünstig behandelt werden. Im Juli war der erste Beitrag über Bluthochdruck-Therapie erschienen. Für August waren die Magenmittel geplant. Weitere Beiträge über typische Hausarzt-Themen sollten folgen. | Wie ein medizinischer Fachverlag dem Druck der Pharmaindustrie nachgab und eine kritische Artikelserie stoppte. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/auflage-eingestampft-vorauseilende-zensur-1.903407 | Auflage eingestampft - Vorauseilende Zensur | 00/05/2010 |
Forschung in Deutschland gibt es doch noch: Ausgerechnet der amerikanische Softwareriese eröffnet jetzt ein Sicherheitszentrum bei Aachen. Dort werden sich 20 Festangestellte mit Themen wie Internet-Sicherheit und Virenschutz beschäftigen. Der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft hat am Montag in Aachen sein erstes Forschungs- und Entwicklungszentrum in Deutschland eröffnet. Schwerpunkte von EMIC (European Microsoft Innovation Center) seien europäische Projekte in den Bereichen Sicherheit, Datenschutz, Mobilität, drahtlose Anwendungen und Internet-Dienste, teilte das Unternehmen mit. Die Zahl der Beschäftigten werde in den kommenden Monaten auf 20 steigen. Weltweit investiere Microsoft 20 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Schily sieht Chance Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) sieht in der Ansiedlung von EMIC auch eine Chance für deutsche Unternehmen. Die Zahl der Angriffe von Viren und Würmern auf deutsche Systeme sei Besorgnis erregend, sagte er beim Festakt. Software-Hersteller seien in der Pflicht, neue Produkte auch sicher zu machen. Das Aachener Microsoft-Zentrum könne einen Impuls für ein höheres Sicherheitsbewusstsein geben. Mit der Gründung des vierten Forschungszentrums in Europa baue Microsoft sein europäisches Engagement weiter aus. EMIC werde in europäischen Verbünden mit Wirtschaft, Wissenschaft und Regierungen anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung betreiben. Mit dieser Ausrichtung sei die Aachener Forschungseinrichtung herausragend, sagte Jean-Philipp Courtois, Leiter des Geschäftsbereiches Europa, Mittlerer Osten und Afrika bei der Eröffnung. Über die Höhe der Investition wurden keine Angaben gemacht. Beitrag zur "Lissabon-Agenda" Microsoft sieht die Neugründung nach eigenen Angaben als Beitrag zur Umsetzung der europäischen "Lissabon-Agenda". Danach soll Europa bis 2010 zur weltweit wettbewerbsfähigsten, wissensbasierten Wirtschaftschaftsregion werden. Die EU-Kommission hatte die Wirtschaft zu verstärkten Investitionen aufgerufen. In aktuellen Forschungsprojekten beschäftige sich das EMIC mit der Entwicklung von Internet-Diensten im Gesundheitswesen und Bildungsbereich. | Forschung in Deutschland gibt es doch noch: Ausgerechnet der amerikanische Softwareriese eröffnet jetzt ein Sicherheitszentrum bei Aachen. Dort werden sich 20 Festangestellte mit Themen wie Internet-Sicherheit und Virenschutz beschäftigen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/microsoft-im-namen-des-wuermerschutzes-1.898837 | Microsoft - Im Namen des Würmerschutzes | 00/05/2010 |
Die führende Bank Italiens, Unicredito, verhandelt nach übereinstimmenden Presseberichten mit der HypoVereinsbank über eine Fusion. Zusammen hätten die beiden Institute einen höheren Börsenwert als die Deutsche Bank. Die Gespräche seien in einem fortgeschrittenen Stadium, berichtete das Wall Street Journal am Freitag in seiner Internet-Ausgabe unter Berufung auf informierte Kreise. Detailansicht öffnen Die Zentrale der HpyoVereinsbank in München. (Foto: Foto: ddp) Das rund 16 Milliarden Euro schwere Geschäft wäre demnach die bislang größte grenzüberschreitende Bankenfusion in Europa. Der Deal sei aber längst nicht unter Dach und Fach: So gebe es noch keine Einigung über die genaue Kaufsumme und andere wichtige Fragen, hieß es in dem Bericht weiter. Fest stehe jedoch, dass eine mögliche Übernahme komplett in Aktien bezahlt werden würde. Als möglichen Wert der Transaktion nannte die amerikanische Finanzzeitung rund 16 Milliarden Euro. Dies entspricht rund 21,70 Euro und liegt damit nahe an den am Donnerstag von Händlern ins Spiel gebrachten 22 Euro je Aktie. Die Aktie der HVB stieg am Donnerstag in der Spitze um 7,5 Prozent auf 20,65 Euro - dem höchsten Stand seit Januar 2004. Berater Zugleich meldete die Financial Times, die beiden Banken hätten sich jeweils an beratende Geldhäuser gewandt, um die Bedingungen für ein solches Geschäft auszuloten. Weder die HypoVereinsbank und Unicredito noch die Berater hätten sich aber zu dem möglichen Geschäft äußern wollen. Mit dem Abschluss des Deals - wenn er denn zustande komme - sei aber frühestens in einigen Wochen zu rechnen, schrieb die Financial Times weiter. Spekulationen halten seit Wochen an Über eine mögliche Fusion von Hypovereinsbank und Unicredito wird seit Wochen spekuliert. Sowohl Unicredito-Präsident Carlo Salvatori als auch HVB-Vorstandssprecher Dieter Rampl hatten sich in Zeitungsinterviews gegenseitig als mögliche Partner genannt. Bei einem Zusammenschluss der führenden Bank Italiens und der Nummer zwei in Deutschland würde das Institut in Europa auf Platz 14 rangieren. Zusammen verfügen UniCredito und die HVB über einen Marktwert von 41 Milliarden Euro. | Die führende Bank Italiens, Unicredito, verhandelt nach übereinstimmenden Presseberichten mit der HypoVereinsbank über eine Fusion. Zusammen hätten die beiden Institute einen höheren Börsenwert als die Deutsche Bank. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fusionsgespraeche-italiener-greifen-nach-hypovereinsbank-1.900700 | Fusionsgespräche - Italiener greifen nach HypoVereinsbank | 00/05/2010 |
Wer bei Google "internet + tarif + billig" eingibt, erhält ungefähr 200.000 Treffer-Wirrwarr pur. Wer sich aber in dem Durcheinander der Internettarife zurecht findet, kann beim Surfen eine Menge Geld sparen. Denn ganz ähnlich wie die Billigvorwahl beim Telefon (Call by Call), funktioniert auch der Billigtarif im Internet (Internet by Call). Der Nutzer wählt sich dabei über ein analoges Modem oder eine ISDN-Verbindung ins Netz ein und sucht sich jedes Mal den billigsten Tarif neu aus. Detailansicht öffnen Boris Becker nutzt AOL - aber das ist nur für Vielsurfer interessant. (Foto: Foto: ddp) Internet by Call für Wenigsurfer Die Zahl der Internet-Nutzer wächst beständig: Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 26 Millionen Internet-Surfer, wie die Arbeitsgemeinschaft Internet Research (Agirev) in ihrer Studie "Online Reichweiten Monitor" herausgefunden hat. Etwa neun Prozent der Nutzer gehen nur zweimal pro Woche online. Vor allem für solche Wenigsurfer lohnt sich Internet by Call. "Wenn man nur schnell E-Mails checken oder eine Kleinigkeit nachgucken möchte, ist es genau das Richtige", sagt Evelin Voß von der Verbraucherzentrale Sachsen. Und auch die Stiftung Warentest rät zum Internet by Call, solange die monatliche Surf-Zeit 25 Stunden nicht übersteigt. Fester Tarif für Vielsurfer Wer länger im Internet verweilt, solle über einen festen Tarif nachdenken, rät Falk Murko, Internet-Spezialist der Stiftung Warentest. Dafür schließt der Kunde mit einem bestimmten Anbieter (zum Beispiel AOL, T-Online, Freenet) einen Vertrag ab. Im Gegensatz zum Internet by Call gehen Vertragskunden jedes Mal mit demselben Anbieter zu denselben Konditionen online. Für Vielnutzer, die monatlich zwischen 20 und 25 Euro (inklusive Grundgebühr) fürs Surfen ausgeben, lohnt sich laut Murko oft sogar ein DSL-Anschluss (SZ vom 31. März). Welche Einwahltarife beim Internet by Call aktuell am günstigsten sind, können Nutzer mit Hilfe von Informationsseiten im Netz herausfinden. Es gibt unzählige Online-Quellen, die Tarifvergleiche anbieten, aber oftmals unterschiedliche Preise nennen. "Manche Quellen sind aktueller als andere", sagt Verbraucherschützerin Voß. "Das hängt häufig mit der Größe der Informationsanbieter zusammen: Je größer, desto aktueller." Relativ zuverlässig seien www.teltarif.de und www.billiger-surfen.de. Hohe Gebühren für Einwahl Wichtig beim Tarifvergleich: die so genannten Einwahlgebühren. So verlangen Anbieter mit sehr niedrigen Minutenpreisen häufig bei jeder Einwahl eine einmalige Gebühr für ihren Dienst. "Im Einzelfall kann es günstiger sein, einen etwas höheren Minutenpreis ohne Einwahlgebühr zu verwenden, da muss man immer mal wieder nachrechnen", sagt Evelin Voß. So verlangt beispielsweise der Anbieter Intelicom beim Tarif "CyberGate3" am frühen Abend eine Minutengebühr von Null Cent - auf den ersten Blick sehr attraktiv. Allerdings berechnet das Unternehmen eine Einwahlgebühr von 1,49Euro. Die muss der Kunde auch dann zahlen, wenn er nur kurz online bleibt. Dagegen kostet der Tarif "ByCall24-Power" des Anbieters Avivo um die gleiche Zeit 0,84 Cent pro Minute, ohne Einwahlgebühr. Das lohnt sich im Vergleich zu "CyberGate3" selbst bei zwei Stunden Surfzeit. Sicherheit per Dialer-Schutz Für Internet-Kunden, die großen Wert auf sicheres Surfen legen, empfiehlt Verbraucherschützerin Voß Tarife mit integriertem Dialer-Schutz (siehe Kasten). Ohne einen solchen Schutz besteht die Gefahr, dass Internet-Nutzer versehentlich einen illegalen Dialer herunterladen. Solche Dialer können die normale Internetverbindung beenden und durch eine teure 0190-Verbindung ersetzen, ohne dass der Nutzer das bemerkt. Zwar hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass die Opfer illegaler Dialer die Kosten nicht tragen müssen. Doch liegt die Beweislast beim betroffenen Internet-Nutzer. Ein Dialerschutz kann daher unnötigen Aufwand und im Extremfall sogar einen Gerichtsprozess ersparen. Internet-by-Call-Tarife mit Dialer-Schutz sind meist teurer. "Dafür funktionieren sie wie eine große Waschmaschine und filtern unerwünschte Daten heraus", sagt Voß. Beispiele für solche Tarife seien www.bycallnet.de oder www.callero.de. Alternativ dazu bietet die Deutsche Telekom an, Dialer-Nummern sperren zu lassen. Bei den meisten Nummern kostet dies einmalig 9,90 Euro. Wer keine Lust hat, immer nach den günstigsten Tarifen zu suchen, kann auch automatische Tarifsucher nutzen. Die finden sich etwa unter www.smartsurfer.de oder www.netlcr.de. Sie suchen selbstständig beim Einwählen den Tarif heraus, der nach Informationen des Anbieters am günstigsten ist. "Die Programme haben den Vorteil, dass ein Dialer-Schutz schon integriert ist", sagt Internet-Experte Murko. Auf die Aktualität der automatischen Tarifsuchmaschinen könne man sich weitgehend verlassen. | Wer nur sporadisch surft, kann mit Einwahlnummern viel Geld sparen. Verbraucherschützer warnen allerdings vor illegalen Dialern, die unbemerkt teure Verbindungen aufbauen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bescheid-wissen-vorteile-nutzen-guenstig-online-zum-sonderpreis-ins-internet-1.905376 | Bescheid wissen, Vorteile nutzen: Günstig online - Zum Sonderpreis ins Internet | 00/05/2010 |
Werner Klatten rettete EM.TV vor der drohenden Insolvenz. Gesellschafter ist er nun nicht mehr - aber er will dem bedrohten Unternehmen weiterhin mit seinem Wissen zur Seite stehen. EM.TV-Chef Werner Klatten ist nicht länger Gesellschafter des ums Überleben kämpfenden Unternehmens. Seine Anteile gingen an eine Wagniskapitalgesellschaft, die ihm das Geld für den Erwerb der Anteile ihm Rahmen eines Wandeldarlehens geliehen hatten. Detailansicht öffnen Werner Klatten - nach seinem weitgehend verwirklichten Sanierungskonzept ist er nun mit Verlusten ausgestiegen. (Foto: Foto: dpa) Klatten will EM.TV treu bleiben Als Vorstandschef will Klatten, der erst vor kurzem ein Rettungskonzept für EM.TV auf den Weg brachte, dem Filmrechtehändler treu bleiben. "Ich habe dem Aufsichtsrat zugesichert, EM.TV nach der erfolgreichen Sanierung in meiner jetzigen Position auf dem Weg zu einem profitablen Medienunternehmen weiter anzugehören", sagte er am Dienstag in München. Klatten hatte vor gut zwei Jahren 24,8 Prozent der EM.TV-Anteile von Firmengründer Thomas Haffa übernommen. Damals war über einen Kaufpreis von bis zu 150 Millionen Euro spekuliert worden. Klatten bezeichnete dies aber als zu hoch. Er lag aber laut Branchenschätzungen in jedem Fall deutlich über dem heutigen Wert von noch gut 44 Millionen Euro. Wandel-Option gezogen Das Darlehen hatte Klattens WKB Beteiligungsgesellschaft von der Wagniskapital-Firma Constant Ventures II erhalten. Diese zog nun die Wandel-Option und übernimmt die 36,2 Millionen Aktien aus dem Besitz der WKB. Die Anteile sollen mittelfristig verkauft werden. Eine deutsche Großbank solle die kursschonende Verwertung übernehmen. Die Anteile, die Constant nun übernimmt, werden schon in Kürze durch das Sanierungskonzept Klattens verwässert. Dabei sollen die Gläubiger des Unternehmens auf Ansprüche aus einer Wandelanleihe über 469 Millionen Euro verzichten und im Gegenzug die Mehrheit an einer neuen EM.TV erhalten. Der Anteil der Altaktionäre sinkt so auf etwa 40 Prozent. Constant Ventures käme demnach auf einen Anteil von knapp 10 Prozent, sagte ein Unternehmenssprecher. Klatten: "Entscheidung nachvollziehbar" Klatten bezeichnete den Schritt von Constant Ventures als "nachvollziehbar". Seine eigenen Gewinnerwartungen hätten sich wegen "nicht vorhersehbarer hoher Sonderabschreibungen" wie beispielsweise auf die Formel-1-Beteiligung sowie wegen insolvenzbedingter Umsatzausfälle nicht realisieren lassen. "Wichtig war mir, dass dieser Schritt erst erfolgt, wenn die für mich in den letzten 24 Monaten als wichtigste Aufgabe definierte Restrukturierung in ihren wesentlichen Schritten erfolgreich abgeschlossen ist." | Werner Klatten rettete EM.TV vor der drohenden Insolvenz. Gesellschafter ist er nun nicht mehr - aber er will dem bedrohten Unternehmen weiterhin mit seinem Wissen zur Seite stehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/em-tv-der-lotse-wird-gewandelt-und-bleibt-an-bord-1.902022 | EM.TV - Der Lotse wird gewandelt - und bleibt an Bord | 00/05/2010 |
Dem seit mehr als 80 Jahre bestehenden AEG-Haushaltsgeräte-Werk in Nürnberg droht die Schließung. Davon wären 1750 Mitarbeiter betroffen. Der schwedische Mutterkonzern Electrolux beauftragte die Nürnberger Geschäftsführung mit Prüfungen zur Aufgabe des Standorts, wie ein AEG/Electrolux-Unternehmenssprecher erklärte. Grund für die Schließungspläne sei der drastische Preisverfall bei Waschmaschinen und Geschirrspülern. Die IG Metall sprach von einer "furchtbaren Nachricht" und gab dem Preiskrieg im deutschen Handel die Hauptverantwortung für die Unternehmenskrise. Konkurrenz aus Asien und der Türkei Nach Angaben des Unternehmenssprechers will sich der Wirtschaftsausschuss von AEG/Electrolux noch in dieser Woche treffen, um die weiteren Perspektiven des Werkes im immer enger werdenden Markt zu erörtern. In den kommenden Wochen und Monaten würde dann über die Schließung des Standortes geprüft. "Wir können schon jetzt für den deutschen Markt nicht mehr rentabel produzieren", sagte der Sprecher. Da immer mehr Billiganbieter aus Asien und der Türkei auf den deutschen Markt strömten, seien die Nürnberger Electrolux-Produkte einem wachsenden Preisdruck ausgesetzt. So seien die Preise für Waschmaschinen in den letzten beiden Jahren um 15 Prozent gefallen. "Hier gibt es eine zunehmende Konsolidierung, die vor allem über den Preis ausgetragen wird". Schlüsselmarkt Deutschland Nach Unternehmensangaben stellt Deutschland für AEG/Electrolux einen Schlüsselmarkt dar, knapp die Hälfte der in Nürnberg produzierten Geräte würden hier verkauft. IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Rudi Lutz zeigte sich überrascht von den Schließungsplänen. "Das ist eine furchtbare Nachricht", erklärte Lutz. Man habe sich auf einem guten Weg gesehen, die Produktion von Spül- und Waschmaschinen langfristig in Deutschland zu halten. Der Konkurrenzdruck zwischen Handelsunternehmen sei nur sehr schwer bei Maßnahmen beim Hersteller zu korrigieren. Dies führe zu der paradoxen Situation, dass in Deutschland der Markt praktisch zusammengebrochen sei, wogegen sich der Verkauf von Produkten aus dem Nürnberger AEG-Werk in Großbritannien lohne. Bereits am 15. Februar hatte die Konzernmutter Electrolux bekannt gegeben, dass etwa die Hälfte aller Werke in Hochlohnländern potenziell gefährdet sei und möglicherweise verlagert oder geschlossen werden müsse. Nicht betroffen von der Prüfung ist das AEG-Werk im mittelfränkischen Rothenburg ob der Tauber, wo Herde und Kochfelder produziert werden. Das Werk in Nürnberg wurde 1922 gegründet und diente zunächst zur Produktion von Heizungen und Kochgeräten. Seit 1950 werden dort unter anderem Waschmaschinen produziert. | Dem seit mehr als 80 Jahre bestehenden AEG-Haushaltsgeräte-Werk in Nürnberg droht die Schließung. Davon wären 1750 Mitarbeiter betroffen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/electrolux-aeg-das-ist-eine-furchtbare-nachricht-1.905104 | "Electrolux/AEG - ""Das ist eine furchtbare Nachricht""" | 00/05/2010 |
Friedrich Merz gerät in die Schusslinie der SPD weil er als Anwalt den Hedge Fonds TCI berät. Dieser gilt als Hauptinitiator des Rauswurfs von Deutsche Börse Chef Seifert. Der SPD-Politiker Joachim Poß sagt, zwischen dem Anwalt Friedrich Merz und dem Politiker Merz lasse sich keine Trennlinie ziehen. Detailansicht öffnen Nachdem er den Vorsitz für die CDU/CSU Fraktion abgegeben hatte, war es stiller geworden um Friedrich Merz. (Foto: Foto: AP) Und deshalb müsse der CDU-Bundestagsabgeordnete erklären, wie er einigen angelsächsischen Investoren dabei helfen könne, die Deutsche Börse AG auszunehmen. Poß, stellvertretender Chef der SPD-Bundestagsfraktion, hält es für hoch problematisch, dass ausgerechnet ein Finanzpolitiker des Bundestags den britischen Hedge-Fonds TCI berate und damit den Finanzplatz Frankfurt schwäche. Die SPD-Abgeordnete Nina Hauer wird noch deutlicher: "Die Heuschrecken haben ein Gesicht bekommen - Friedrich Merz", sagt sie unter Verweis auf Münteferings Kapitalismus-Kritik und fügt hinzu: "Die Nebentätigkeit des Kollegen Merz ist für einen profilierten Finanzpolitiker fast verantwortungslos." TCI verhalte sich wie ein "skrupelloser Finanzhai", dies passe nicht zu einem "verantwortungsvollen Volksvertreter". Nicht die Frösche fragen Der so kritisierte mag sich, zumindest offiziell, zu diesen Vorwürfen nicht äußern. Und er bemüht sich, zwischen seinem Amt als Abgeordneter und seiner Tätigkeit als Partner der internationalen Kanzlei Mayer, Brown, Rowe & Maw eine klare Trennlinie zu ziehen. Wer Friedrich Merz sprechen will, wird - wenn er das Thema TCI nennt - von seiner freundlichen Sekretärin im Bundestag direkt an die Niederlassung von Mayer, Brown, Rowe & Maw in Berlin verwiesen. Deren Büro befindet sich, genauso wie das nah gelegene Abgeordnetenbüro Merz, in der Dorotheenstraße, ein paar hundert Meter vom Bundestag entfernt. Der gelernte Rechtsanwalt und ehemalige Richter Merz ist erst im vorigen November in die Sozietät eingetreten, vorher war er für eine Kölner Kanzlei tätig. Mayer, Brown, Rowe & Maw rühmte sich damals, "einen der bekanntesten Politiker der deutschen Nachkriegsgeneration" an sich gebunden zu haben. Man werde von dessen "reichhaltiger Erfahrung und Dynamik enorm profitieren". | Friedrich Merz gerät in die Schusslinie der SPD weil er als Anwalt den Hedge Fonds TCI berät. Dieser gilt als Hauptinitiator des Rauswurfs von Deutsche Börse Chef Seifert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kapitalismuskritik-das-gesicht-der-heuschrecken-1.907719 | "Kapitalismuskritik - ""Das Gesicht der Heuschrecken""" | 00/05/2010 |
Das Aus für den Titel "Woman" kam völlig überraschend. Verlagsmanager fragen sich: Ist die Einstellung ein Einzelfall oder der Vorbote eines Umbruchs in der Zeitschriftenlandschaft? Schließlich weist das Medium Internet unschlagbare Vorteile auf. Noch immer ist die Stimmung am Hamburger Baumwall, dem Verlagssitz von Gruner + Jahr, gedrückt. Manager und Redakteure, die sonst so viel hanseatisches Selbstbewusstsein ausstrahlen, sind ungewohnt kleinlaut. Detailansicht öffnen Trotz großer Ambitionen wurde die Zeitschrift "Woman" nur viereinhalb Jahre alt. (Foto: Grafik: Werben & Verkaufen) Das Aus der mit viel Optimismus und hohem Anspruch im Oktober 2002 gestarteten Frauenzeitschrift Woman hat den Mitarbeitern gründlich die Laune verdorben. "Wir führen auch deswegen eine neue Frauenzeitschrift ein, weil wir unsere Marktposition im relevanten Marktumfeld ganz vorne sehen", hatte der ehemalige Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann bei der Einführung von Woman gesagt und damit das Anspruchsdenken seines Hauses betont. Ungesunde Struktur "Es fehlte die wirtschaftliche Perspektive, um den Titel profitabel zu führen", musste jetzt, viereinhalb Jahre später, dagegen Volker Breid, bei G+J zuständiger Verlagsgeschäftsführer, einräumen. Die Auflage war auf 270.000 Exemplare gesunken und hatte zuletzt eine recht ungesunde Struktur: Im Abo und Einzelverkauf, der harten Auflagenwährung, verkaufte Woman nur noch rund 160.000 Exemplare. Zudem war der Anzeigenmarkt nie richtig in Gang gekommen, um das Blatt mit dieser eigentlich immer noch recht stattlichen Auflage am Leben zu halten. Zu retten wäre der Titel nur mit neuen hohen Investitionen gewesen. Doch dazu war das Top-Management nicht mehr bereit, Vorstandschef Bernd Kundrun räumt derzeit seinem Programm "Expand Your Brand" Vorrang ein: Starke Printmarken sollen auf andere Plattformen übertragen und nicht schwächelnde immer wieder aufs Neue aufgepäppelt werden. "Wir wollten keine Investitionsmittel aufzehren, die wir woanders brauchen", sagt Breid. Immer wieder an der Preisschraube gedreht Mehr als 20 Millionen Euro hatte der Verlag bis zum Break-even von Woman kalkuliert - und sich verrechnet, obwohl die Marktforschung dem Titel beste Chancen prophezeit hatte. Immer wieder drehte der Verlag an der Preisschraube, änderte das Konzept. "Wahrscheinlich war das Blatt zu groß zum Sterben und zu klein zum Leben", kommentiert Axel Bartholomäus, Geschäftsführer der gleichnamigen Unternehmensberatung in Frankfurt, die vergeblichen Genesungsversuche. Ein mulmiges Gefühl beschleicht jetzt viele Verlagsmanager, nicht nur weil mit Woman ein anspruchsvolles journalistisches Konzept scheiterte. Sie sind beunruhigt, weil sie in der Einstellung Vorboten eines Zeitschriftensterbens sehen, auch wenn der Verlegerverband VDZ tapfer von einer "allgemeinen Entwicklung am Vertriebsmarkt entlang der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung" spricht. Ein "hart umkämpfter Markt" Das Segment der wöchentlichen und zweiwöchentlichen Frauenzeitschriften sei eben ein "dicht besetzter und hart umkämpfter Markt". Doch Woman ist nicht allein, in den vergangenen beiden Jahren mussten einige prominente Titel aufgeben: Marie Claire, Journal für die Frau, Allegra, Brigitte Young Miss, Tier-Bild, My Life, Euro. Und die jüngste IVW-Bilanz hat gezeigt, dass die Auflagen weiter rückläufig sind, nur noch in manchen Nischen Zuwächse erzielt werden. Joachim Brunold, Geschäftsführer der Berliner Unternehmensberatung Brunold + Partner registriert, dass derzeit viele Verlage ihre Titel deshalb wieder auf den Prüfstand stellen. Die mittelfristige Perspektiven, sagt er, hätten sich für Magazine "deutlich verschlechtert". Budgets werden ins Internet umgeschichtet Das liegt nicht nur an ausbleibenden Lesern. Plötzlich gehen immer mehr Werbekunden dazu über, Teile ihres Budgets, das jahrelang für Print reserviert war, ins Internet umzuschichten. "Die Publikumszeitschriften", sagt Jens-Uwe Steffens, Hauptgeschäftsführer der Agentur Pilot Media, "kommen in stürmisches Fahrwasser." Agenturmanager wie Florian von Hornstein von Serviceplan holen bei Präsentationen um die passende Mediastrategie immer öfter Grafiken aus ihrer Aktentasche, bei denen Werbekunden große Augen machen. Auf einem Blatt ist da die durchschnittliche Mediennutzung notiert, auf einem anderen die Werbespendings. Und siehe da: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem Medienkonsum der Verbraucher und den Werbespendings der Unternehmen. Simples Strickmuster Solche Grafiken bergen zwar Schwächen, weil sie Nutzungsgewohnheiten und spezifische Stärken der einzelnen Medien außer Acht lassen. Doch sie führen gerade wegen ihres simplen Strickmusters deutlich vor Augen, dass keine Mediengattung die Budgets erhält, die sie gemessen an ihrer zeitlichen Nutzung verdient hätte. Im Fall der Publikumszeitschriften bedeutet dies: Im Schnitt verbringen die Bundesbürger nur zwei Prozent ihres Medienkonsums (im Vergeich im Radio, TV, Internet und Zeitungen) damit zu, Zeitschriften zu lesen. Sie erhalten aber rund 15 Prozent der Werbespendings. Nach der Studie "Time Budget" sehen die 14- bis 49-Jährigen in Deutschland jeden Tag 178 Minuten fern, hören 131 Minuten Radio und surfen 57 Minuten lang durchs Internet. Sie blättern aber nur 13 Minuten in Zeitschriften. Mit "Überkapitalisierung" bezeichnen Medien-Manager dieses Phänomen, was gestandenen Verlagsleuten jedesmal die Zornesröte ins Gesicht treibt. Das Unwort wird von Fernseh-Vermarktern wie Peter Christmann, Vorstandsmitglied der ProSiebenSat.1 Media AG und damit einer der natürlichen Feinde des Print-Lagers gerne ins Feld geführt. "Die quantitative Analyse könnte eindeutiger nicht sein", sagt Christmann genüsslich. "Print ist heute noch extrem überkapitalisiert." | Das Aus für den Titel "Woman" kam völlig überraschend. Verlagsmanager fragen sich: Ist die Einstellung ein Einzelfall oder der Vorbote eines Umbruchs in der Zeitschriftenlandschaft? Schließlich weist das Medium Internet unschlagbare Vorteile auf. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-dem-aus-fuer-woman-ruetteln-am-denkmal-der-zeitschriften-1.899410 | "Nach dem Aus für ""Woman"" - Rütteln am Denkmal der Zeitschriften" | 00/05/2010 |
Das Bundesverkehrsministerium hört die Kasse klingeln, bei DaimlerChrysler und der Telekom herrscht Erleichterung: Nichts spricht mehr dagegen, dass die Maut mit 16 Monaten Verspätung am 1. Januar ins Rollen kommt. Das zuständige Bundesamt für Güterverkehr will dem Mautbetreiber Toll Collect Mitte nächster Woche die Betriebserlaubnis für das hochkomplexe System erteilen. Detailansicht öffnen Zu 99 Prozent funktioniert das Mautsystem. (Foto: Foto: dpa) Dann wird der Warentransport auf deutschen Autobahnen für Lkw nicht mehr kostenlos sein. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung wird das Bundesamt für Güterverkehr dem Lkw-Mautsystem am 15. Dezember die Betriebserlaubnis bewilligen. Damit kann am Neujahrstag das industrielle und verkehrspolitische Prestigeprojekt nach zahlreichen schwerwiegenden Pannen endlich regulär starten - 16 Monate später als ursprünglich geplant und als von Toll Collect vertraglich zugesichert. Dem Bund werden dann allein im kommenden Jahr Mauteinnahmen in Höhe von mindestens 2,1 Milliarden Euro zufließen. Nahezu fehlerfreie Arbeit Offiziell weist das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) mit Sitz in Köln zwar darauf hin, dass die Prüfung noch nicht vollständig abgeschlossen sei. Intern ist die Entscheidung aber bereits gefallen. "Es spricht sehr, sehr viel dafür, dass das Mautsystem am 1.Januar in Betrieb geht", bestätigte ein BAG-Sprecher. Die satellitengestützte Anlage arbeitet demnach nahezu fehlerfrei. Die mehrwöchige Generalprobe, an der bundesweit 125 Speditionen mit mehreren tausend Lastwagen teilgenommen haben, hat ergeben, dass gut 99 Prozent aller Autobahntouren korrekt erfasst wurden. Vertraglich vorgeschrieben ist für das Jahr 2005 eine Genauigkeitsquote von 95 Prozent. Bestätigt wurde diese umfassende Funktionsfähigkeit vom unabhängigen Sachverständigen Ulrich Schwerhoff aus Hamburg. Dessen Sozietät hat sich auf Gutachten in der Informationstechnik und der Telekommunikation spezialisiert. Alle mit der Mautanlage beschäftigt Schwerhoffs detaillierte Bestandsaufnahme über das Toll-Collect-System bildet die Grundlage für die Betriebsgenehmigung des Bundesamtes für Güterverkehr. "Darüber hinaus hat sich nahezu unser gesamtes Amt mit der Mautanlage beschäftigt", stellte der BAG-Sprecher fest. Das Bundesverkehrsministerium hat den Aufbau des Systems ebenfalls eng begleitet, nachdem Toll Collect die Starttermine im September 2003 und zum Jahresbeginn 2004 nicht einhalten konnte. Verkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) sprach damals von Täuschung. "Es gibt bislang kein Signal, dass der Mautbeginn am 1.Januar doch noch gestoppt wird", sagte nun ein Ministeriumssprecher zufrieden. Stolpe will die Regierungsfraktionen SPD und Grüne am kommenden Dienstag über den Mautstart unterrichten und einen Tag später mit den Verantwortlichen von BAG und Toll Collect an die Öffentlichkeit gehen. | Das Bundesverkehrsministerium hört die Kasse klingeln, bei DaimlerChrysler und der Telekom herrscht Erleichterung: Nichts spricht mehr dagegen, dass die Maut mit 16 Monaten Verspätung am 1. Januar ins Rollen kommt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verkehrstechnik-toll-collect-hat-test-bestanden-1.914116 | Verkehrstechnik - Toll Collect hat Test bestanden | 00/05/2010 |
Im Gegensatz zu Deutschland entwickelt sich die Inlandsnachfrage in Japan zur treibenden Kraft der Wirtschaftserholung. Die japanische Wirtschaft ist im abgelaufenen Quartal dank reger Verbraucherausgaben und hoher Investitionen der Unternehmen stärker gewachsen als erwartet. Detailansicht öffnen Passanten spiegeln sich in der Innenstadt von Tokio in einer Anzeigetafel für Aktienkurse. (Foto: Foto: AFP) Wie die Regierung am Freitag mitteilte, stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen Juli und September um 0,4 Prozent zum Vorquartal. Auf das Jahr gerechnet ergibt sich ein Plus von 1,7 Prozent. Damit wuchs die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im nunmehr vierten Quartal in Folge und zugleich deutlicher als von Analysten im Durchschnitt erwartet worden war. Die Börse in Tokio schloss in Reaktion darauf am Freitag fester. Die Inlandsnachfrage hat sich zu einer treibenden Kraft der Wirtschaftserholung in Japan entwickelt. Während Unternehmen wie der Autokonzern Toyota ihre Gewinne in neue Fabriken investieren und höhere Gehälter zahlen, geben die Verbraucher wieder mehr Geld aus. Konsumausgaben steigen So stiegen die privaten Konsumausgaben, die mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung in Japan ausmachen, im Berichtsquartal um 0,3 Prozent. Zugleich erhöhten sich die Firmeninvestitionen, die zu rund 15 Prozent zur Wirtschaftsleistung beitragen, um real 0,7 Prozent. Die japanische Zentralbank hatte kürzlich erklärt, dass das Wirtschaftswachstum helfe, den seit sieben Jahren andauernden Preisverfall zum Ende März kommenden Jahres zu beenden. Dies würde der Bank von Japan erlauben, mit einer Änderung ihres bisher auf Deflationsbekämpfung ausgelegten geldpolitischen Kurses zu beginnen, indem sie nicht mehr so viel Geld wie bisher in die Wirtschaft pumpt. Lage auf Immobilienmarkt bessert sich Zu den höheren Konsum- und Unternehmensausgaben kommt nach Darstellung von Takahide Kiuchi, Ökonom beim japanischen Brokerhaus Nomura Securities, eine deutlich verbesserte Lage auf dem Immobilienmarkt. Dazu trügen maßgeblich Faktoren wie die Erholung der Grundstückspreise, der Anstieg bei den Wohnungsbaupreisen, höhere Hypothekenzinsen und die gestiegenen Einkommen der Verbraucher bei. Kiuchi sieht allerdings ein mögliches Risiko in Folge einer Wachstumsabschwächung der US-Wirtschaft im Herbst, was Japans Exporte zum Ende des Jahres beeinträchtigen könnte. Nach Berechnungen der Wirtschaftsagentur Bloomberg ist die japanische Wirtschaft bisher in diesem Jahr annualisiert um durchschnittlich 3,8 Prozent gewachsen, der schnellste Zuwachs seit 15 Jahren. Unsicherheitsfaktor Ölpreis Ein Unsicherheitsfaktor bleiben zwar die Ölpreise. Doch erwartet die Regierung, dass sich Japans Wirtschaft angezogen vom Privatsektor weiter erholt. | Im Gegensatz zu Deutschland entwickelt sich die Inlandsnachfrage in Japan zur treibenden Kraft der Wirtschaftserholung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/erholung-japans-wirtschaft-unerwartet-stark-gewachsen-1.906699 | Erholung - Japans Wirtschaft unerwartet stark gewachsen | 00/05/2010 |
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat sich in den Streit um den Standort für die Herstellung des Golf-Geländewagens Marrakesch eingeschaltet. Er forderte eine Einigung zu Gunsten des Standorts Wolfsburg bis Montag. "VW-Vorstand, Betriebsrat und IG Metall müssen alles dafür tun, damit das Auto in Wolfsburg gebaut wird", sagte Wulff der Süddeutschen Zeitung. Der Betriebsrat müsse nun seine Zustimmung zu Abfindungsverträgen geben. Detailansicht öffnen Christian Wulff (Foto: Foto: ddp) Wulff fordert eine rasche Beilegung des Konfliktes im Volkswagen-Konzern. Es gebe keine Zeit mehr zu verlieren. "Wir haben den dringenden Appell: Einigt euch bis Montag zur Betriebsversammlung", sagte Wulff. Der neue Golf-Geländewagen müsse tagsüber, also ohne Zuschläge für Nachtschichten, im nicht ausgelasteten Stammwerk Wolfsburg gebaut werden, wo genug Leute dafür vorhanden sind. "Wenn Volkswagen nicht mehr in der Lage ist, in Wolfsburg ein wettbewerbsfähiges Massenmodell zu bauen, dann sind wir am Ende." Zustimmung des Betriebsrates VW brauche die Zustimmung des Betriebsrates zu Abfindungsverträgen noch vor der Betriebsversammlung am Montag. Es müsse auch bei Volkswagen wieder so aufwärts gehen wie beim Schiffbau in Papenburg und bei der Dasa in Hamburg. Es gehe bei VW auch um die Wettbewerbsfähigkeit Niedersachsens als Industriestandort. Von der Automobilindustrie hängen in Niedersachsen 240.000 Arbeitsplätze ab, davon 90.000 bei Volkswagen. VW müsse "wieder bezahlbare Modelle anbieten", fuhr der Ministerpräsident fort. "Und sie müssen so produziert werden, dass sie auch Gewinn erzielen." In der letzten Betriebsvereinbarung stehe, dass der Gelände-Golf in Wolfsburg gebaut werde, wenn es der günstigste Standort sei. "Jetzt muss man dafür sorgen, dass es der günstigste Standort ist", sagte Wulff. Herausforderung Das Wohl und Gedeihen des VW-Konzerns sei für die niedersächsische Landesregierung "die größte Herausforderung in den nächsten Jahren". Der CDU-Politiker lehnt trotz angespannter Haushaltslage einen Verkauf von Unternehmensbeteiligungen ab. "Es wäre politisch falsch", sagte Wulff der SZ. | Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat sich in den Streit um den Standort für die Herstellung des Golf-Geländewagens Marrakesch eingeschaltet. Er forderte eine Einigung zu Gunsten des Standorts Wolfsburg bis Montag. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-um-vw-standort-marrakesch-muss-nach-wolfsburg-1.903204 | "Streit um VW-Standort - ""Marrakesch muss nach Wolfsburg""" | 00/05/2010 |
Auch wenn die heutige Degussa fast nichts mehr mit der alten gemeinsam hat - die dunklen Seiten ihrer Geschichte holen sie immer wieder ein. (SZ vom 13.11.03) — Die Fragen klangen harmlos. "Was war die Degesch?" "Wer waren die Geschäftsführer der Degesch bis 1945?" "Was ist Zyklon B?" Detailansicht öffnen Vor allem während der Nazizeit spielte die Firma eine unrühmliche Rolle. Im Bild: Geraubte Goldzähne von vergasten (vor allem jüdischen) Opfern. (Foto: Foto: AP) Stellen ließ sie vor ein paar Tagen der Degussa-Vorstandsvorsitzende Professor Dr. Utz-Hellmuth Felcht seinen Mitarbeitern im firmeninternen "Intranet". Ungewöhnliche Fragen an dieser Stelle - aber die anhängenden Antworten machten dann deutlich, dass der Chef des Unternehmens seinen Mitarbeitern einen Schnellkurs in deutscher Geschichte verordnete. Es ist dunkelste Firmengeschichte, diese Degussa-Geschichte. Blausäureprodukt Zyklon B Die Degesch, so erfuhr die Belegschaft, war eine Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung, an der die Degussa mal 100, mal 42,5 Prozent Anteile hielt. Einer der Degesch-Geschäftsführer war der spätere Degussa-Chef Hermann Schlosser, und Zyklon B war ein Blausäureprodukt, das von Degesch-Filialen in gasdichten Blechdosen verkauft wurde. Das Gas wurde zwischen 1941 und 1944 "systematisch für Massenmorde an den Menschen in den Vernichtungslagern" eingesetzt. Die Sätze im Degussa-Intranet beschönigten nichts. Ein wenig in die Irre führte in der Mitteilung für die 48 000 Degussa-Mitarbeiter nur die Überschrift: "Der Missbrauch von Zyklon B durch die Waffen SS". Es war kein Missbrauch, es war ein Geschäft. Pro Jahr fielen damals etwa 200.000 Reichsmark Gewinn ab. Geraubtes Gold Eine andere Degussa-Tochter, die Auergesellschaft AG, stattete die SS-Mannschaften mit Spezialmasken aus; Degussa schmolz außerdem mehr als eine Tonne Gold ein, das den Juden geraubt worden war, und unterstützte die Atompläne Adolf Hitlers. Eine solche NS-Vergangenheit hat kaum ein anderes Unternehmen. Ist es den Opfern des Holocaust zumutbar, wenn ein solches Unternehmen den Graffiti-Schutz für das Mahnmal der ermordeten Juden in Berlin liefert? Oder wäre die Beteiligung der Degussa am Mahnmal ein Zeichen der Versöhnung? Am 23. Oktober hat das Kuratorium der Mahnmal-Stiftung entschieden, eine Verwendung eines Degussa-Produkts sei "mit dem besonderen Charakter" des Denkmalprojekts nicht vereinbar. Am heutigen Donnerstag nun will das Kuratorium in der Sache noch einmal tagen und entscheiden. Die Zahl der Befürworter hat zugenommen, auch weil Lea Rosh, die Vorsitzende des Mahnmal-Fördervereins, dagegen ist. Verfahrene Debatte Eine verfahrene Debatte. Felcht, ein knurriger Westfale des Jahrgangs 1947, hat Ende Oktober dem Vorsitzenden der Stiftung, Wolfgang Thierse, geschrieben, angesichts des Engagements der Degussa bei der Aufarbeitung der Vergangenheit empfinde er die "schroffe Ablehnung" als "besonders schmerzhaft". Aber er sagt auch: "Wir können mit jeder Entscheidung leben." Die Geschichte des Mahnmals ist von Anfang an auch eine Geschichte der Irrungen und Wirrungen, der Versäumnisse und Selbstgerechtigkeiten. Eine quälende deutsche Debatte, in der die Vergangenheit zwar verstanden, aber nicht wirklich begriffen wird. Derzeit ist das Projekt wieder mal in der Sackgasse. Steine für die Ewigkeit Ortstermin Ebertstraße/Behrenstraße in Berlin: Auf dem von einem Bauzaun abgeriegelten Gelände stehen die ersten 43 der 2752 Stahlbetonfertigteilstelen, die später das Mahnmal-Areal bilden sollen. Fester, eingefärbter Sichtbeton, schalungsglatt - Steine für die Ewigkeit. Eine sehr große Injektion gegen die Amnesie. Zwischen den Betonquadern plätten ein paar Bauarbeiter die sandige Erde. Es ist ruhig auf der Baustelle. Weitere Stelen kommen erst, wenn entschieden ist, ob sie mit dem Degussa-Produkt "Protectosil" oder mit einem anderen Produkt behandelt werden sollen. Ortstermin Joachimsthal in Brandenburg: Auf einem etwa sechs Hektar großen Gelände hat die Wilhelmshavener Firma Geithner Bau 1994 ein Stahlbetonfertigungswerk errichtet: zwei Portalkräne mit einer Spannweite von dreißig Metern, vier große Hallen, zwei riesige Zelte, in denen hunderte Stelen stehen und nicht ausgeliefert werden. Schwierige Entscheidungen Von den insgesamt achtzig Beschäftigten in Joachimsthal arbeiten rund sechzig für das Mahnmal-Projekt, das Arbeit bis August 2004 garantieren sollte. Jetzt sind die meisten Mitarbeiter zu Hause und warten auf die Entscheidung. Insgesamt 320 Steinbrocken sind bislang mit dem Degussa-Produkt, das die Stelen versiegelt und wie Schiefer schimmern lässt, behandelt worden. Wenn die Entscheidung gegen Degussa fällt, stellen sich ein paar weitere Fragen: Müssen die behandelten Steine abgeschliffen werden? Oder dürfen die 320 bleiben? Und sind sie dann weniger wertvoll als die anderen? Die Beteiligten sind in eine Debatte geraten, die sie wie über Stolpersteine straucheln lässt. Ursprünglich wollte das Unternehmen Geithner Bau, das auch am Bundeskanzleramt mitgebaut hat, ein Schweizer Produkt für den Graffitischutz verwenden. Eine Firma aus Hannover, zuständig für die Oberfläche der Stelen, wollte dann lieber das Degussa-Material. Zündende Idee Ein Marketing-Manager der Degussa hatte daraufhin eine zündende Idee. Er kam "auf Grund der historischen Bedeutung des geplanten Denkmals" auf den zierlichen Einfall, die Aktion zu sponsern und das Material für den Graffitischutz billiger anzubieten. Die Senatsverwaltung der notorisch klammen Hauptstadt und die Stiftung begrüßten die Idee außerordentlich. Nun wird das tragische Stück ein bisschen komisch. Frau Rosh sagt heute, dass ihr der Zusammenhang zwischen Degussa und Degesch so nicht bekannt gewesen sei. Aufklärungsarbeit erforderlich Es braucht offenbar noch viel Aufklärungsarbeit. Manchmal dauert die sogar ein ganzes Leben. Bei der Degussa war allerdings die Hausspitze nicht in die Sponsor-Aktion eingeweiht. Weder der Bereichsvorstand, noch der Zentralvorstand waren informiert worden. Hat da einer was versäumt? "Wir nicht", sagt Utz-Hellmuth Felcht und hebt die Arme. Die Stiftung sei korrekt informiert worden. Andererseits wäre es ganz schön gewesen, seufzt er, wenn sich vorher der Vorstand mit der Idee hätte beschäftigen können. Aber: "Kein Vorwurf." Pause. "Niemandem." Schwaches Echo Immer wieder wird Degussa von der eigenen Geschichte eingeholt. Im vergangenen Jahr drohte Gefahr durch den amerikanischen Spielfilm "Steeling the Fire", der sich mit der Degussa-Historie beschäftigte, aber der Streifen fand weder in Deutschland noch den USA großes Echo. Vielleicht ist die Degussa-Geschichte zu kompliziert. Es gibt die ganz alte Degussa, die alte Degussa und die neue Degussa. Die ist 2001 durch die Fusion der Degussa-Hüls AG und der SK Trostberg AG entstanden. Felcht kommt von der SK, und die war vergleichsweise sauber. Vielleicht wäre es klug gewesen, den Firmennamen zu wechseln. Ortstermin Frankfurt: Zur ganz alten Degussa gehört die Hermann-Schlosser-Stiftung und das Schlosser-Haus. Schlosser war nicht nur bei Degussa-Degesch, sondern auch Reichwirtschaftsführer Chemie, und er hat aus Karrieregründen seinen Eintritt in die NSDAP im Jahr 1939 auf 1933 zurückdatieren lassen. Vierteljude im Vorstand Andererseits hat er in den Vierzigerjahren nachweislich Juden davor gerettet, mit Degesch-Produkten ermordet zu werden. Die Reichsgesetzgebung unterschied damals, wie man weiß, zwischen Volljuden, Dreivierteljuden, Halbjuden, Vierteljuden und Achteljuden - und bei Degussa blieb ein Vierteljude im Vorstand. Auch dank Schlosser. Nach dem Krieg hat er dann das Unternehmen wieder aufgebaut, aber sein Name soll jetzt verschwinden. Seine Stiftung ist in einer Degussa-Stiftung aufgegangen, und das Schlosser-Haus soll künftig Degussa-Haus heißen. Das sei kein "Akt gegen Schlosser", sagt der Kommunikationschef des Hauses, Ralph Driever. Zwinkert er, als er das sagt, mit den Augen? Oder ist es die Sonne, die ihn blendet? Michael Jansen, früher Generalbevollmächtigter bei Degussa und vom Konzern im Jahr 2000 für die Zwangsarbeiter-Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" freigestellt, ist früher im Ausland als Degussa-Mann schon mal gefragt worden, ob er für die Firma arbeite, die Millionen Juden umgebracht hat? Deutsche Sache Vor ein paar Tagen hat Jansen in New York mit 14 jüdischen Geistlichen über "Protectosil" gesprochen. Das sei eine deutsche Sache, haben die Rabbis gesagt. Sie wollten da keine Ratschläge geben. Ortstermin Archiv: In Frankfurt befindet sich das größte der fünf Degussa-Unternehmensarchive. Aneinander gereiht ergäben die Akten eine drei Kilometer lange Strecke. Die Geschichte ist immer noch nicht richtig aufgearbeitet: In den Neunzigerjahren hat der amerikanische Geschichtsprofessor Peter Hayes den Auftrag bekommen, sich mit der Geschichte der Frankfurter Deutsche Gold-und Silber-Scheideanstalt zwischen 1933 und 1945 zu beschäftigen. Hayes lässt sich viel Zeit. Elegantes Umgehen Angeblich soll das Buch erst im Herbst 2004 in Deutschland erscheinen. Bei Degussa wird, so scheint es, nichts vertuscht, aber andere Unternehmen - wie die Deutsche Bank - sind in Symposien und anderen Veranstaltungen offensiver mit der eigenen Geschichte umgegangen. Gibt es noch Geheimnisse? Vor einer Weile wollte der Münchner Historiker Michael Wolffsohn einen Blick ins Frankfurter Degussa-Archiv werfen. Er ist Jude, und er interessiert sich für eine spezielle jüdische Geschichte. Zwischen 1950 und 1953 hatte Ignatz Bubis, der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, mit Degussa glänzende Goldgeschäfte gemacht. Illegales Gold Damals war der Handel mit Feindgold noch für Deutsche verboten, und Bubis hatte eine Ausnahmegenehmigung. Bubis bekam Probleme mit der Steuer und sollte acht Millionen Mark nachzahlen, weil er die Herkunft des Metalls nicht nachweisen konnte. Mit Hilfe von Degussa wurde die Steuernachforderung niedergeschlagen. Das Gold kam vermutlich illegal aus der Schweiz, und es ist nicht auszuschließen, dass es sich um jüdisches Raubgold handelte. Wolffsohn bekam die Akte nicht, weil die Familie von Bubis die Herausgabe ablehnte: Persönlichkeitsrechte. | Auch wenn die heutige Degussa fast nichts mehr mit der alten gemeinsam hat - die dunklen Seiten ihrer Geschichte holen sie immer wieder ein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/degussa-das-echo-der-vergangenheit-1.903032 | Degussa - Das Echo der Vergangenheit | 00/05/2010 |
An der russischen Börse tummelten sich monatelang die Bullen. Nach dem plötzlichen Absturz vom Montag raten deutsche Experten zur Vorsicht: Nur Profis sollten an Moskwa investieren. Bis zu diesem Montag schien es, als sei der verheerende Börsencrash, den das Russland des damaligen Präsidenten Boris Jelzin vor gut fünf Jahren erlebte, längst vergessen. Zwar verloren auch ausländische Investoren in Moskau Milliarden, als der russische Leitindex RTS bis Ende 1998 auf weniger als 40 Punkte absackte. Doch unter Jelzins Nachfolger Wladimir Putin wuchsen Wirtschaft und Anlegervertrauen wieder, und lange bevor die Bärenstimmung an den westlichen Börsen abflaute, regierten am Moskauer Aktienmarkt wieder die Bullen. Eine einzige Nachricht Doch nun hat eine einzige Nachricht genügt, um bei den Anlegern erneut eine Massenflucht aus russischen Werten auszulösen: Die von Putin initiierte Verhaftung von Michail Chodorkowski, dem reichsten Mann Russlands und Chef des Ölgiganten Jukos. Innerhalb weniger Minuten krachte der Kurs der Jukos-Aktie am Montagmorgen um 20 Prozent nach unten; nur die zeitweilige Aussetzung vom Handel konnte die Talfahrt des Papiers zunächst stoppen. Auch der RTS wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. Und viele Analysten fürchten, dass die Affäre die Russland-Euphorie der internationalen Anleger und damit auch die Wachstumschancen der russischen Wirtschaft nachhaltig dämpfen dürfte. Dies sei ein "schändlicher Rückschlag" für Russlands Entwicklung, kommentierte der Chefökonom von United Financial Group (UFG) in Moskau, Christopher Granville, die Verhaftung des Ölmagnaten. "Jeder ist ein Verlierer", und das schließe auch Präsindent Putin ein. Zwar seien die Investitionsgrundlagen nun nicht direkt bedroht. "Doch Investitionen und Wachstum könnten letztlich untergraben werden, wenn die politische Krise nicht unter Kontrolle gebracht wird", warnt der Analyst. "Solider Schuldner" Noch vor wenigen Tagen hatte die Rating-Agentur Moody's die Bonitätsbewertung für Russland deutlich nach oben gesetzt und das Land als soliden Schuldner eingestuft - und damit auch den RTS-Index auf weit über 600 Punkte getrieben. Als einen Grund für ihre Entscheidung nannte die Agentur, dass die Parlamentswahlen im Dezember den marktwirtschaftlichen Reformkurs voraussichtlich nicht gefährden würden. Diese Einschätzung dürfte Putin mit der Ausschaltung des Multimilliardärs, der die Opposition unterstützt, gründlich ins Wanken gebracht haben. Für Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) kommt diese Entwicklung nicht überraschend: "Wo man zu viel von Wachstumschancen schwärmt, werden die Risiken oft ausgeblendet", sagt er mit Blick auf die Russland-Euphorie vieler Investoren. Zwar biete der russische Markt tatsächlich attraktive Gewinnchancen, doch zugleich herrschten in dem Land "für uns fast undurchschaubare mafiöse Tendenzen". Richtige Einschätzung schwierig Nur absolute Russlandkenner hätten eine Chance, die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik richtig einzuschätzen, betont Kurz. "So kann etwa ein Unternehmen ganz schnell von der Bildfläche verschwinden, wenn plötzlich die Staatsaufträge ausbleiben." Unerfahrene Investoren schauten dann meist in die Röhre. Wer sich nicht auskenne und hoch riskante Anlagen scheue, solle grundsätzlich lieber die Finger von so genannten Emerging Markets lassen, rät der Experte. Denn auch bei gemanagten Osteuropa-Fonds sei das Risko im Vergleich zu Anlagen in klassischen Industriestaaten noch sehr hoch. Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) spricht ebenfalls von "Mafioso-Methoden", wenn es um die Privatisierung der großen Staatsunternehmen in Russland geht. Wackelige Rechtssicherheit Zwar hätten sich die Anleger nach den herben Rückschlägen unter Jelzin von Putin mehr politische und rechtliche Stabilität erhofft. "Aber alle Bemühungen, dort Rechtssicherheit zu schaffen, stehen offenbar immer noch auf recht wackeligen Füßen." Dieselbe Vorsicht ist für Kleinanleger nach Ansicht von Keitel und Kurz übrigens im Hinblick auf ein weiteres Land angebracht, das zunehmend als neues Eldorado für Anleger gefeiert wird - für China. | An der russischen Börse tummelten sich monatelang die Bullen. Nach dem plötzlichen Absturz vom Montag raten deutsche Experten zur Vorsicht: Nur Profis sollten an Moskwa investieren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/absturz-nach-der-hausse-daempfer-fuer-die-russland-euphorie-der-anleger-1.901904 | Absturz nach der Hausse - Dämpfer für die Russland-Euphorie der Anleger | 00/05/2010 |
Der Börsengang von Altira rückt eine der mächtigsten Familien Deutschlands ins Rampenlicht. Doch eigentlich wollen die Quandts genau das vermeiden. Am 7. Februar 2007 soll an der Frankfurter Börse die Vermögensverwaltungsgesellschaft Altira erstmals notieren. Knapp zehn Prozent an der Gesellschaft gehören Silvia Quandt, der ältesten Erbin der Quandt-Dynastie. Detailansicht öffnen Family Business: Johanna Quandt und ihr Sohn Stephan sind die Hauptaktionäre beim Autobauer BMW. (Foto: Foto: Reuters) Die Industriellenfamilie Quandt verdankt ihre Bedeutung dem Textilunternehmer Günther Quandt, der 1881 in Pritzwalk zur Welt kam. Schon kurz nach der Jahrhundertwende war er Prokurist und Mitinhaber mehrerer Tuchfabriken, nach dem ersten Weltkrieg Referent im Reichswirtschaftsministerium. Batterien und Rüstung Die dabei gewonnen Kontakte nutzte Quandt geschickt: Er wurde Generaldirektor der Akkumulatoren-Fabrik AG Berlin-Hagen und fasste im Rüstungsgeschäft Fuss: Er reorganisierte die Mauserwerke AG sowie die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik und baute daneben seine Beteiligungen in verschiedenen Industriezweigen und in der Versicherungswirtschaft aus. In der Liebe war Günther Quandt weniger Glück beschieden: Er heiratete Antonie Ewald; 1908 bekam das Paar den ersten Sohn Hellmut. 1910 folgte Herbert. Doch schon 1918 verstarb Antonine. 1921 heiratete Günther Quandt die erheblich jüngere Magda Ritschel. Aus dieser Verbindung ging Sohn Sohn Harald hervor, doch 1929 wurde die Ehe geschieden. Magda Quandt wurde später die Frau von Joseph Goebbels. Firmengeflecht mit 200 Beteiligungen Nach dem Krieg musste Günther Quandt sich zunächst wegen seiner Rolle im Nationalsozialismus vor einem Gericht in Starnberg verantworten, wurde aber als Mitläufer eingestuft. Es gelang ihm, trotz großer Rückschläge wie der Demontage der Mauserwerke, seine einflussreiche Stellung im Wirtschaftsleben wiederzugewinnen und gründete schließlich zur Verwaltung seiner rund 200 Firmen umfassenden Unternehmensgruppe die Aktiengesellschaft für Industriebeteiligungen in Stuttgart-Zuffenhausen. Als er 1954 auf einer Kairo-Reise starb, übernahmen die Söhne Söhne Herbert und Harald die Verwaltung der Beteiligungen gemeinsam. Diese verwalteten das Vermögen wie ihr Vater: still und diskret, aber zielstrebig. Während Herbert sich um die Beteiligungen bei Varta, Concordia oder Wintershall kümmerte, leitete Harald den Bereich Metall mit der Firmengruppe um die Industrie-Werke Karlsruhe AG (IWKA). Schon frühzeitig erkannte die Quandt-Familie die wirtschaftliche Bedeutung des Automobils. Beteiligungen bei BMW und Daimler-Benz waren die Folge. Großaktionäre bei BMW Nach dem plötzlichen Fliegertod Harald Quandts 1967 versuchte Herbert Quandt, die Gruppe organisatorisch neu auszurichten. 1973 wurde das Vermögen aufgeteilt: Die Familie Herbert Quandt bekam über 70 Prozent des Aktienkapitals an BMW, 65 Prozent an Varta und 40 Prozent an der IWKA. Ebenfalls 40 Prozent an der IWKA erhielt die Witwe von Harald Quandt, Inge, die zwar Varta und BMW abgab, dafür aber zehn Prozent des Aktienkapitals an Daimler-Benz erhielt. Wenig später wechselte die Quandtsche Beteiligung an Daimler in einem spektakulären Geschäft den Besitzer: Die Regierung von Kuwait kaufte die Aktien - damals für etwa eine Milliarde Mark. Johanna Quandt - reichste Frau Deutschlands Als Herbert Quandt 1982 starb, hinterließ er sechs Kinder aus drei Ehen. Seine dritte Ehefrau, Johanna, erbte die Aktienpakete von BMW und Altana und gilt derzeit als reichste Frau Deutschlands, die ihr Vermögen gemeinsam mit ihren Kindern Susanne und Stephan geschickt weiter ausbaute. Der Wert ihrer Beteiligungen wird auf 4,1 Milliarden Euro geschätzt, ihre Kinder sollen gemeinsam über rund 12,3 Milliarden verfügen. Seinen Kindern aus zweiter Ehe vermachte der Industrielle unter anderem die Firmengruppe Varta, die bei einem Verkauf geschätzte 160 Millionen Euro Erlös erbrachte. Die älteste Tochter Silvia aus erster Ehe wurde ebenfalls mit zahlreichen Beteiligungen abgefunden. Wie ihr Vater und ihr Großvater meidet sie die Öffentlichkeit und entschied sich gegen eine Wirtschaftskarriere und für die Malerei. Während sie in den 80ern vor allem auf den Malstil des phantastischen Realismus setzte, setzt sie nun auf etwas, das vor allem ihr Vater und ihr Großvater beherrschten: Beteiligungen in großem Stil. | Der Börsengang von Altira rückt eine der mächtigsten Familien Deutschlands ins Rampenlicht. Doch eigentlich wollen die Quandts genau das vermeiden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/industriellenfamilie-quandt-die-stille-wirtschaftsmacht-1.907045 | Industriellenfamilie Quandt - Die stille Wirtschaftsmacht | 00/05/2010 |
Drei Jahre nach Beginn einer staatlichen Kampagne gegen den Yukos-Konzern steht das einst größte Öl-Unternehmen Russlands nun endgültig vor dem Aus. Ein Moskauer Gericht ordnete die Liquidation an. Drei Jahre nach Beginn einer staatlichen Kampagne gegen den Yukos-Konzern und seinen Gründer Michail Chodorkowskij ist das einst größte Öl-Unternehmen Russlands für bankrott erklärt worden. Ein Moskauer Schiedsgericht fällte die Entscheidung am Dienstag. Detailansicht öffnen Das Logo eines zu liquidierenden Konzerns. Im Hintergrund der Moskauer Fernsehturm Ostankino. (Foto: Foto: AFP) Damit ist der Weg frei für die Liquidation des ohnehin bereits größtenteils zerschlagenen Konzerns. Konkursverwalter Eduard Rebgun hatte geltend gemacht, dass es zur Liquidation keine Alternative gebe. Nach seinen Angaben stehen Verbindlichkeiten von 14,5 Milliarden Euro vor allem bei den Steuerbehörden und beim kremlnahen Konkurrenten Rosneft einem Unternehmenswert von knapp 14 Milliarden Euro gegenüber. Yukos kündigt Berufung an Ein Yukos-Anwalt kündigte Berufung an. Das Unternehmen hofft, dass die enormen Steuernachforderungen des russischen Staates vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg für unrechtmäßig erklärt werden. Ausgangspunkt für den Niedergang des Yukos-Konzerns war ein Konflikt des Unternehmenschefs Chodorkowskij mit dem Kreml. So unterstützte er oppositionelle Parteien sowie Organisationen und warf Präsident Wladimir Putin eine Abkehr vom demokratischen und marktwirtschaftlichen Weg vor. Verkauf an Staatsunternehmen Nach einer ersten Razzia in der Moskauer Konzern-Zentrale im Juli 2003 wurde Chodorkowskij wenig später festgenommen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Steuerhinterziehung und Betrug vor. Mit immer neuen Milliarden-Nachforderungen des Finanzamtes wurde unterdessen dem ursprünglich gesunden Yukos-Konzern zugesetzt. Damals bestritt die russische Führung noch, dass die Zerstörung von Yukos geplant sei. Zwangsversteigerung Diese Absicht wurde allerdings im Dezember 2004 klar, als zur Tilgung der angeblichen Steuerschulden von Yukos in einer Zwangsversteigerung der zentrale Unternehmensteil Yuganskneftegaz unter den Hammer kam. Den Zuschlag erhielt eine Briefkastenfirma, welche die bisherige Yukos-Tochter umgehend an den bis dahin wenig erfolgreichen Staatskonzern Rosneft weitergab. Auch dank der Einverleibung von Yuganskneftegaz konnten Aktien von Rosneft kürzlich erfolgreich an die Börse gebracht werden. Chodorkowskij sitzt derzeit in einem ostsibirischen Straflager eine achtjährige Haftstrafe ab. | Drei Jahre nach Beginn einer staatlichen Kampagne gegen den Yukos-Konzern steht das einst größte Öl-Unternehmen Russlands nun endgültig vor dem Aus. Ein Moskauer Gericht ordnete die Liquidation an. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/liquidation-angeordnet-yukos-am-ende-1.900491 | Liquidation angeordnet - Yukos am Ende | 00/05/2010 |
Die Flugzeughersteller Boeing und Bombardier ziehen aus der Krise im internationalen Luftverkehr weitere Konsequenzen. Boeing wird die Produktion des Mittelstreckenjets Boeing 757 einstellen, der kanadische Bombardier-Konzern konsolidiert die Produktion von Geschäftsreise-flugzeugen an zwei Standorten und entlässt 1150 Mitarbeiter. (SZ vom 18./19.10.03) — Anlass für die Entscheidung von Boeing sind die äußerst schlechten Verkaufszahlen für die B 757 in den vergangenen Jahren. Der Auftragsbestand für das Modell liegt bei gerade noch 18 Maschinen; die amerikanische Fluggesellschaft Continental Airlines hat einen Großauftrag kürzlich um die Hälfte zusammengestrichen. Verzicht auf Modernisierung der 757 Das Flugzeug, das je nach Version zwischen 180 und 250 Passagieren Platz bietet, wurde erstmals 1982 ausgeliefert und in einer Stückzahl von über 1000 verkauft. Boeing hat aber in den vergangenen Jahren die Entwicklungsinvestitionen auf die kleinere 737 konzentriert und darauf verzichtet, die 757 zu modernisieren. Der Schritt macht allerdings auch deutlich, wie dringend der amerikanische Flugzeughersteller Neuentwicklungen vorantreiben muss, um in der gesamten Breite des Angebots wieder mit seinem europäischen Konkurrenten Airbus mithalten zu können. Derzeit laufen die Vorarbeiten für die so genannte 7E7, die von 2008 am die nun eingestellte Boeing 757 und die größere B 767 ersetzen soll. Auch Bombardier zog Konsequenzen Eine Entscheidung, das Projekt zu starten, wird Boeing bis zum Ende dieses Jahres treffen. Das Unternehmen will in diesem Jahr insgesamt 280 Flugzeuge ausliefern, 2004 zwischen 275 und 290. Unterdessen zog auch der kanadische Flugzeugbauer Bombardier Aerospace weitere Konsequenzen aus der lahmenden Konjunktur. Bombardier will bei den Geschäftsreiseflugzeugen die Produktionsabläufe vereinfachen und zentralisieren. Dabei werden insgesamt 1150 Arbeitsplätze gestrichen, nachdem sich das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren bereits zu mehreren Entlassungsrunden gezwungen sah. Bombardier will die Produktion und Ausstattungsarbeiten an den kleinen Geschäftsreisemaschinen vom Typ Learjet künftig ganz am Standort Wichita im US-Bundesstaat Kansas konzentrieren. Dafür werden die Montagearbeiten an den größeren Challenger-Jets komplett ins Werk Dorval nach Kanada verlegt. Arbeitsplatzverluste in Arizona Der Großteil der Arbeitsplätze geht im Werk Tuscon/Arizona verloren, wo Bombardier Innenausstattungen für Flugzeuge produzieren ließ. Der Hersteller war durch die allgemeine Auftragsflaute und hohe Entwicklungskosten in eine ernste Krise geschlittert. Die Luftfahrtsparte des Mischkonzerns machte in den ersten sechs Monaten des Jahres 2003 bei einem Umsatz von 5,2 Milliarden kanadischen Dollar nur einen Gewinn von 17,3 Millionen. Durch die Umschichtungen hofft Bombardier, pro Jahr 33 Millionen einsparen zu können. | Die Flugzeughersteller Boeing und Bombardier ziehen aus der Krise im internationalen Luftverkehr weitere Konsequenzen. Boeing wird die Produktion des Mittelstreckenjets Boeing 757 einstellen, der kanadische Bombardier-Konzern konsolidiert die Produktion von Geschäftsreise-flugzeugen an zwei Standorten und entlässt 1150 Mitarbeiter. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/flugzeughersteller-boeing-und-bombardier-in-bedraengnis-1.919425 | Flugzeughersteller - Boeing und Bombardier in Bedrängnis | 00/05/2010 |
Mit einem kuriosen Wechselspiel tauscht die Deutsche Bank ihren umstrittenen Aufsichtsratsvorsitzen Rolf Breuer gegen den bisherigen Finanzvorstand Clemens Börsig aus. Gute "Corporate Governance" sieht anders aus. Kaum jemand beklagt den Reformstau in Deutschland lauter als die hiesigen Großunternehmen. Der Arbeitsmarkt müsse flexibler und die Arbeitszeit länger werden, das Mitbestimmungsrecht von Arbeitnehmervertretern beschnitten und die Gangart der internationalen Kapitalmärkte endlich akzeptiert werden, lautet die vielstimmige Kritik aus den Konzernzentralen. Detailansicht öffnen Josef Ackermann und Clemens Börsig: Wer wem berichtet, ist eine Frage des Zeitpunkts. (Foto: Fotos: AP, dap) Wenn allerdings die eigene Reformbereitschaft angesagt ist, versagen die Wirtschaftskapitäne in großer Regelmäßigkeit. Jüngstes Beispiel: Die Berufung des bisherigen Finanzvorstands der Deutschen Bank, Clemens Börsig, zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden des Instituts. Führungsstruktur verändert An Kuriosität ist dieses Wechselspiel wohl kaum zu überbieten - vor allem vor dem Hintergrund, dass die Deutsche Bank ihre Führungsstruktur erst vor wenigen Wochen entscheidend verändert hat. Bestand der Vorstand des Geldhauses jahrzehntelang aus formal gleichrangigen Mitgliedern, von denen lediglich einer die Funktion des so genannten Sprechers ausübte, so änderte sich dies im Februar dieses Jahres: Der bisherige Sprecher Josef Ackermann wurde zum neuen Vorstandsvorsitzenden promoviert und somit auch rein formal in eine höherrangige Position als seine bisherigen Vorstandskollegen gehievt. Der neue Chef des damaligen Finanzvorstands Clemens Börsig hieß mit einem Mal also Josef Ackermann. Doch nun zeigt sich, wie schnell sich Karrieren in der deutschen Finanzwelt manchmal entwickeln können. Schließlich muss Josef Ackermann nun künftig eben jenem Clemens Börsig Rede und Antwort stehen, der bislang eigentlich doch eher ihm berichten musste. | Mit einem kuriosen Wechselspiel tauscht die Deutsche Bank ihren umstrittenen Aufsichtsratsvorsitzen Rolf Breuer gegen den bisherigen Finanzvorstand Clemens Börsig aus. Gute "Corporate Governance" sieht anders aus. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bank-ober-macht-auf-unter-1.905855 | Deutsche Bank - Ober macht auf Unter | 00/05/2010 |
Langzeitarbeitslose müssen einem Prüfbericht zufolge oft monatelang warten, bis sich ein Vermittler um sie kümmert. Außerdem bekommen die Agenturen den Missbrauch beim Arbeitslosengeld II nicht in den Griff: Die Angaben der Antragsteller werden oft kaum überprüft. Mehr als ein Jahr nach dem Start von Hartz IV weise die Vermittlungsarbeit "zum Teil erhebliche Mängel auf", schreibt der Rechnungshof in einem vertraulichen Bericht für den Bundestag. Detailansicht öffnen Ein Mann wartet in der Arbeitsagentur Gelsenkirchen darauf, seinen Arbeitslosengeld-II-Antrag abzugeben. (Foto: Foto: dpa) Meist unterhalten Bundesagentur und Kommunen gemeinsam Agenturen, um Langzeitarbeitslose zu betreuen. Im Schnitt, so der Bericht, vergehen drei Monate, ehe ein Betreuer mit ihnen "ein qualifiziertes Erstgespräch" führt, und vier Monate, ehe eine Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen wird, in der das weitere Vorgehen verbindlich festgelegt wird. "Subjektive Vermögensprüfung" In sieben von zehn Fällen sei es anschließend nicht gelungen, dem Arbeitslosen eine Stelle, eine Ausbildung oder eine Fortbildung zu verschaffen oder diese auch nur in Aussicht zu stellen. Über die Arbeitsvermittler schreibt der Rechnungshof: "Überwiegend unterbreiteten sie keine Vermittlungsvorschläge und unterließen es, die Ergebnisse von Bewerbungen und Vorstellungen auszuwerten sowie im Bedarfsfall notwendige Eigenbemühungen der Hilfebedürftigen einzufordern." Mit einem Drittel der Arbeitslosen hätten die Vermittler "noch keinerlei strategische Gespräche geführt". Die Agenturen kontrollieren nach Ansicht des Bundesrechnungshofs zudem nur unzureichend, ob ein Langzeitarbeitsloser Anspruch auf das Arbeitslosengeld II hat. So hätten die Sachbearbeiter in sieben von zehn Fällen die Vermögensverhältnisse des Antragsstellers "nicht oder nicht ausreichend geprüft". In den meisten Fällen hätten sie weder Kontoauszüge angefordert noch sich bei Immobilien einen Auszug aus dem Grundbuch vorlegen lassen. "Es kann nicht hingenommen werden, dass die auf einer subjektiven Einschätzung beruhende, pauschale Aussage eines Antragstellers, über kein Vermögen zu verfügen, jede Vermögensprüfung ausschließt", schreibt der Rechnungshof. "Wir können nur begrenzt eingreifen" Die Agenturen hätten zudem bei Arbeitslosen, die sich krank melden, häufig erst nach sechs Monaten nachgeforscht, ob diese tatsächlich nicht arbeiten können. In sechs von zehn Fällen gingen die Vermittler zudem nicht Hinweisen nach, dass ein Langzeitarbeitsloser gegen Auflagen verstößt. | Langzeitarbeitslose müssen einem Prüfbericht zufolge oft monatelang warten, bis sich ein Vermittler um sie kümmert. Außerdem bekommen die Agenturen den Missbrauch beim Arbeitslosengeld II nicht in den Griff: Die Angaben der Antragsteller werden oft kaum überprüft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vertraulicher-bericht-bundesrechnungshof-attackiert-arbeitsvermittler-1.899160 | Vertraulicher Bericht - Bundesrechnungshof attackiert Arbeitsvermittler | 00/05/2010 |
Russland will auf Schiffen Atomstrom erzeugen, um abgelegene Regionen vom Meer aus mit Energie zu versorgen. Die Idee soll zum Exportschlager werden. Die wiedererstarkende Atommacht Russland erregt mit einem ungewöhnlichen Vorhaben Aufsehen. In der abgeschotteten Militärwerft Sewmash im arktischen Hafen Sewerodwinsk wird derzeit ein schwimmfähiger Kernreaktor produziert. Detailansicht öffnen Wirkt nicht gerade vertrauenserweckend für den Bau eines solch sensiblen Projektes: Der entlegene Militärhafen Sewerodwinsk, 1.267 Kilometer nordöstlich von Moskau. (Foto: Foto: dpa) Russland plant eine ganze Flotte schwimmender Atomkraftwerke, die besonders entlegene Regionen des Riesenreichs temporär und vom Meer aus mit Strom versorgen soll. Die Energie eines solchen Reaktorschiffs soll den Bedarf einer Kleinstadt decken können. Der staatlich kontrollierte Konzern Rosenergoatom, Betreiber aller russischen Kernkraftwerke, finanziert 80 Prozent des Projekts, den Rest stemmt Sewmash. Das Ministerium für Atomenergie und Industrie der Russischen Förderation (Minatom) will die schwimmenden Reaktoren vor den Küsten Sibiriens einsetzen und an Inselstaaten im Pazifischen Ozean vermitteln. Interessierte Kunden aus dem Ausland Mehr als 12 Staaten haben bereits Interesse an dem Produkt bekundet - was nicht verwundert: Abgelegene Gebiete mit Engpässen in der Energieversorgung gibt es nicht nur in Russland. Die Idee, Atomreaktoren nicht nur zur Fortbewegung von Schiffen zu nutzen, sondern auch als mobile Energiespender auf Schiffen, ist schon jahrzehntealt und stammt auch nicht aus Russland: Bereits in den 1970-er Jahren plante der US-amerikanische Stomversorger Westinghouse den Bau solcher Versorgungsvehikel. Erst im Jahr 2001 propagierte der texanische Kongressabgeordnete Joe Barton, Spitzen im Energiebedarf Kaliforniens mit Strom von Atomschiffen aus der Armeeflotte abzufangen. Lesen Sie weiter auf Seite 2: 117 Zwischenfälle in 50 Jahren | Russland will auf Schiffen Atomstrom erzeugen, um abgelegene Regionen vom Meer aus mit Energie zu versorgen. Die Idee soll zum Exportschlager werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schwimmende-kernkraftwerke-so-zuverlaessig-wie-eine-kalaschnikow-1.878023 | "Schwimmende Kernkraftwerke - ""So zuverlässig wie eine Kalaschnikow""" | 00/05/2010 |
Mit einer nie dagewesenen Streikwelle im gesamten deutschen Zugverkehr will die Lokführergewerkschaft GDL die Bahn im festgefahrenen Tarifstreit zum Einlenken zwingen. Der auf 62 Stunden angelegte Arbeitskampf soll an diesem Mittwoch um 12 Uhr im Güterverkehr beginnen und von Donnerstag 2 Uhr an bundesweit auf Nah- und Fernzüge sowie die S-Bahnen ausgeweitet werden, wie der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) Manfred Schell am Dienstag in Frankfurt ankündigte. Enden sollen die Arbeitsniederlegungen am Samstagmorgen um 2 Uhr. Der Konzern sprach vom größten Streik seiner Unternehmensgeschichte. Trotz Millionenschäden durch die bisherigen Streiks habe die Bahn noch immer kein "tragfähiges Angebot" vorgelegt, begründete Schell das massive Vorgehen der GDL. Geheimtreffen ohne Erfolg Er verwies darauf, dass die nun angekündigten Aktionen auch nicht mehr kurzfristig vermieden werden könnten. Zudem drohte er bereits mit einer weiteren Eskalation: Wenn auch die neuen Streiks nicht zum Erfolg führten, werde der GDL-Vorstand nicht umhinkommen, einem zunehmenden Drängen der Mitglieder zu unbefristeten Streiks nachzugeben. Schell betonte, die GDL habe noch genug Geld für weitere Arbeitskämpfe in ihrer Kasse. Ein GDL-Mitglied im Ausstand bekommt nach Angaben der Gewerkschaft täglich 48 Euro Streikgeld. Auch ein geheimes Spitzengespräch zwischen Schell und Bahnchef Hartmut Mehdorn am Montagnachmittag hatte keine Bewegung in den seit Monaten festgefahrenen Tarifkonflikt gebracht. Schell betonte: "Wir sind der felsenfesten Überzeugung, dass das, was die GDL will - nämlich schlicht und einfach ein Ergebnis auf Grundlage des Moderatorenergebnisses - erzielbar und erreichbar und für die Bahn und damit auch für die deutsche Volkswirtschaft absolut vertretbar ist." Die Moderatoren Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf hatten Ende August einen Lösungsweg für einen eigenständigen Tarifvertrag abgesteckt, der sich aber "konflikt- und widerspruchsfrei" in das gesamte Tarifgefüge der Bahn einfügen solle. Die Gewerkschaft fordert neben dem eigenständigen Tarifvertrag bis zu 31 Prozent mehr Geld. Schell zeigte sich in der Frage der Bezahlung erneut kompromissbereit: "Die ganze Republik weiß, dass 31 Prozent nie zum Tragen kommen." Hamburger Hafen in Sorge Das jüngste Angebot der Bahn von Mitte Oktober enthält außer einer Einkommenserhöhung von 4,5 Prozent und 600 Euro Einmalzahlung zusätzliche Verdienstmöglichkeiten durch Mehrarbeit und günstigere Dienstpläne. Diese Vorschläge hatte die GDL bereits mehrfach als unzureichend abgelehnt. Mit ihrer sturen Haltung habe die Bahn "mehr volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet als das Mehr, was wir uns erhoffen", kritisierte Schell. Der Bahn-Vorstand beriet am Dienstag über den Tarifkonflikt. Angaben dazu, ob im Personenverkehr zur Milderung der Streikfolgen erneut Notfahrpläne eingerichtet werden sollen, wurden zunächst nicht gemacht. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) rief beide Seiten zum wiederholten Mal auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Sie müssten sich "der hohen Verantwortung für die Volkswirtschaft bewusst sein". Die Unternehmen im Hamburger Hafen rechnen während des erneuten Streiks im Güterverkehr mit stärkeren Beeinträchtigungen als beim Arbeitskampf vor einer Woche. "Wir hoffen, erneut glimpflich davonzukommen, aber es wird schwieriger", sagte der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg, Norman Zurke. Wegen des vorherigen Streiks seien etliche Container aufgelaufen, die noch nicht weitertransportiert werden konnten. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft zeigte sich besorgt über die Gefahr längerer und flächendeckender Streiks. Vor allem Steinkohlekraftwerke würden per Schiene beliefert. Jedes Kraftwerk habe gewisse Vorräte, die teils mehrere Wochen, teils aber auch nur einige Tage vorhielten. | Mit einer nie dagewesenen Streikwelle im gesamten deutschen Zugverkehr will die Lokführergewerkschaft GDL die Bahn im festgefahrenen Tarifstreit zum Einlenken zwingen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tarifkonflikt-bei-der-bahn-62-stunden-stillstand-1.888754 | Tarifkonflikt bei der Bahn - 62 Stunden Stillstand | 00/05/2010 |
Kein Geld von der Bundesbank, aber von Polen Von der Bundesbank dürfte Hans Eichel dieses Jahr kein Geld bekommen, denn die Währungshüter haben 2004 keinen Gewinn gemacht. Glück im Unglück: Polen will seine Schulden früher als erwartet tilgen. Die Europäische Zentralbank schrieb sogar Verluste. Die Notenbanken leiden darunter, dass der billige Dollar ihre Währungsreserven entwertet. Detailansicht öffnen Die Bundesbank hat keinen Gewinn erwirtschaftet — da muss sich der Finanzminister erstmal den Kragen lockern. (Foto: Foto: dpa) Die Nachricht vom ausbleibenden Bundesbank-Gewinn kam für Eichel allerdings nicht überraschend: Bereits im Herbst hatte der Finanzminister seinen ursprünglichen Etatansatz von 3,5 Milliarden Euro korrigiert und nur noch mit zwei Milliarden Euro gerechnet. Kurz vor Weihnachten hatte er hinzu gefügt, dass durch den Verfall des Dollars, der einher geht mit einem Wertverlust der Devisenreserven, weitere Risiken drohten. Die Faustformel des Finanzministers lautete damals: Übersteigt der Euro zum Jahresende die Marke von 1,26 Dollar, mindert jeder Cent mehr den Bankgewinn um 200 Millionen Euro. Am Silvestertag kostete der Euro 1,364 Dollar, also konnte man sich in Berlin ausrechnen, dass von den erhofften zwei Milliarden nicht mehr sehr viel übrig bleiben würde. Hans Reckers, Vorstandsmitglied der Bundesbank, bestätigte dies am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Bundesbank steuert zum zweiten Mal nichts zum Haushalt dazu Noch ärger trifft der Wertverlust der US-Währung die Europäische Zentralbank. Nach Angaben aus Koalitionskreisen ist die EZB voriges Jahr sogar ins Minus gerutscht. Ein Sprecher von Eichel kommentierte die Äußerungen von Reckers in ungewohnt scharfer Form: "Uns ist nicht bekannt, dass Herr Reckers das zuständige Vorstandsmitglied für die Feststellung des Bundesbank-Gewinns ist". Die Regierung halte sich an das geordnete Verfahren, wonach der Gesamtvorstand der Bundesbank erst im März über die Höhe des Gewinns entscheiden werde. In Regierungskreisen hieß es ergänzend, Reckers schade als Unionsmann mit seinen parteipolitisch motivierten Äußerungen der Unabhängigkeit der Bundesbank. Die Bundesbank leistet damit zum zweiten Mal in Folge keinen Beitrag zu Eichels Haushalt. Schon im März 2004 hatten die Notenbanker lediglich 248 Millionen Euro überwiesen, nicht einmal ein Zehntel dessen, was der Finanzminister in seinen Etat eingepreist hatte. | Von der Bundesbank dürfte Hans Eichel dieses Jahr kein Geld bekommen, denn die Währungshüter haben 2004 keinen Gewinn gemacht. Glück im Unglück: Polen will seine Schulden früher als erwartet tilgen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bundesfinanzen-kein-geld-von-der-bundesbank-aber-von-polen-1.903007 | Bundesfinanzen - Kein Geld von der Bundesbank, aber von Polen | 00/05/2010 |
In der Expertengruppe der Bundesregierung ist es kurz vor der Präsentation des Abschlussberichtes zu heftigen Kontroversen gekommen. Der DGB-Vertreter Heinz Putzhammer sagte in der ARD, die "Reibereien" innerhalb des Gremiums hätten dazu geführt, "dass es nicht möglich ist, eine einheitliche Linie zu verfolgen". Wenn ein oder zwei Mitglieder meinten, "die Weisheit gepachtet zu haben, dann kann es nicht gelingen", sagte Putzhammer mit Blick auf Kommissionssprecher Klaus von Dohnanyi. "Völlig unhaltbar" Auch das Kommissionsmitglied Helmut Seitz kritisierte von Dohnanyi. "Das Papier ist nicht reif für eine Regierungsvorlage", heißt es der Chemnitzer Freien Presse zufolge in einem Brief des Wirtschaftsexperten an von Dohnanyi. Die Vorschläge gingen in der Sache vielfach an den Problemen Ostdeutschlands vorbei. So sei es "völlig unhaltbar", den weiteren Ausbau der Infrastruktur zu Gunsten betrieblicher Investitionsförderung zurückzudrängen. Stärkere Konzentration auf Wachstumskerne Seitz forderte "klipp und klar zu sagen", dass es ein Papier von Dohnanyi sei und warnte davor, den Gesprächskreis zu missbrauchen. Auf keinen Fall dürfe es als Konsenspapier verkauft werden. Die für Dienstagabend geplante Sitzung der Kommission werde vermutlich die letzte sein. Von Dohnanyi wollte den Abschlussbericht des Expertenkreises am Mittag in Berlin vorstellen. Die Expertengruppe hat unter anderem eine stärkere Konzentration der Fördermittel auf Wachstumskerne vorgeschlagen. Dohnanyi forderte ein wesentliches Mitspracherecht des Bundes bei der Festlegung von Wachstumskernen. Stolpe und Clement zurückhaltend Er sprach sich zudem dafür aus, die für den Ausbau der inzwischen durchaus wettbewerbsfähigen Infrastruktur vorgesehenen Mittel in die Förderung forschender Unternehmen umzuleiten. Stolpe und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) lehnten dies ab und äußerten "erhebliche Zweifel". Eine Abkehr vom Infrastrukturausbau verschlechtere die Wettbewerbsfähigkeit. Den von den Beratern vorgeschlagenen "Aufbau-Pakt-Ost" beurteilen Stolpe und Clement zurückhaltend. Die Bundesregierung will die Vorschläge der Expertengruppe zum Aufbau Ost auf ihre Umsetzbarkeit genau prüfen. "Die Differenziertheit der Meinungen spiegelt die Komplexität der Situation in Ostdeutschland wider", erklärte der für den Aufbau Ost zuständige Verkehrsminister Manfred Stolpe (SPD). Auf die heftigen internen Auseinandersetzungen des Beraterkreises unter Führung des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters und Ex-Treuhandmanagers Klaus von Dohnanyi (SPD) ging Stolpe nicht ein. Er sprach lediglich von kontroversen Debatten. | In der Expertengruppe der Bundesregierung ist es kurz vor der Präsentation des Abschlussberichtes zu heftigen Kontroversen gekommen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitsgruppe-aufbau-ost-zerstritten-voellig-unhaltbare-vorschlaege-1.905551 | "Arbeitsgruppe Aufbau Ost zerstritten - ""Völlig unhaltbare"" Vorschläge" | 00/05/2010 |
Wer Rechnungen in den zehn EU-Beitrittsländern zu begleichen hat, sollte damit möglichst bis zum 1. Mai warten. Überweisungen dorthin werden mit dem EU-Beitritt deutlich günstiger. Seit dem 1. Juli vergangenen Jahres müssen Kreditinstitute Standardüberweisungen ins EU-Ausland und im Inland zu den gleichen Konditionen abwickeln, so eine EU-Verordnung. Hohe Gebühren entfallen Bislang war eine Überweisung in die Beitrittsländer deutlich teurer als eine Inlandsüberweisung. Ein Beispiel: Bei der Stadtsparkasse München wurden bis zu einem Überweisungsauftrag von 50 Euro sieben Euro Gebühr fällig, bei einem höheren Betrag 1,5 Promille der Überweisungssumme mindestens aber zwölf Euro. Die anderen Geldhäuser erhoben Gebühren in ähnlicher Höhe. Ab dem 1. Mai wollen die Banken die EU-Richtlinien auf die neuen Beitrittsländer ausdehnen. Online-Überweisungen dorthin sind dann zum Beispiel bei der Stadtsparkasse München, der Deutschen Bank und der HypoVereinsbank (HVB) kostenlos. Am Schalter erhebt die Stadtsparkasse München eine Gebühr von 50 Cent. Bei der HVB kostet die Überweisung am Schalter einen, bei der Deutschen Bank 1,50 Euro. Kosten für den Empfänger Privatkunden von Post- und Commerzbank sowie etwa der Kölner Stadtsparkasse können am Schalter und im Internet zum Nulltarif überweisen. Die Hamburger Sparkasse verlangt je nach Form des Girokontos zwischen null und 35 Cent pro Überweisung. Die Dresdner Bank erhebt für die ersten 30 Überweisungen keine Gebühr, danach jeweils 1,25 Euro. Diese günstigen Tarife gelten ausschließlich für EU-Standardüberweisungen, die den Banken eine günstige automatisierte Abwicklung ermöglichen. Die Kunden müssen den Betrag in Euro nennen, die höchstmögliche Überweisungssumme liegt bei 12500 Euro. Wichtig ist auch, Bankleitzahl und Kontonummer des Empfängers in den internationalen Codes IBAN und BIC anzugeben. Die Banken in den Beitrittsländern verfügen seit kurzem über diese Nummern. Share-Verfahren macht noch Probleme Zudem sehen die EU-Standardüberweisungen das so genannte Share-Verfahren vor. Sender und Empfänger tragen die jeweils in ihrem Heimatland anfallenden Gebühren. "Für unsere Kunden ist die Online- und Telefonüberweisung zwar kostenlos, aber für den Empfänger im Ausland können durchaus Kosten entstehen", erläutert ein Sprecher der HypoVereinsbank. "Sie resultieren aus den zum Teil wesentlich höheren Preisen für Inlandsüberweisungen in den anderen EU-Staaten." Bernd Krieger vom Europäischen Verbraucherzentrum in Kiel zeigt sich daher skeptisch: "Die EU-Verordnung hat noch nicht den erwünschten Erfolg gebracht, weil in der Praxis die Auslandsüberweisungen immer noch teurer als die im Inland sind." Deutsche Kunden sollten deshalb vor einer Auslandsüberweisung mit dem Empfänger die Modalitäten in dessen Heimatland klären. | Die Kreditinstitute in Deutschland vereinfachen ab dem 1. Mai Zahlungen in die zehn neuen Beitrittsländer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bescheid-wissen-geld-nach-osteuropa-ueberweisungen-werden-billiger-1.899961 | Bescheid wissen: Geld nach Osteuropa - Überweisungen werden billiger | 00/05/2010 |
Die Bahn versucht, streikende Lokführer zu Notdiensten zu zwingen - wer sich verweigert, wird mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen "bis hin zu fristlosen Kündigungen" bedroht. Die GDL ist empört und will noch am Morgen eine einstweilige Verfügung erwirken. Die Gewerkschaft GDL hat der Bahn vorgeworfen die streikenden Lokführer mit rechtswidrigen Mitteln zur Beendigung ihres Ausstands zu bewegen. Seit Freitag 4.30 Uhr habe die Bahn bundesweit durch verstärkten Einsatz von Führungskräften begonnen, die Streikenden mit fingierten Notdienstausweisen unter Druck zu setzen, erklärte die Gewerkschaft am Freitagmorgen. Lokführern, die sich dennoch weigerten zu fahren, sei mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen "bis hin zu fristlosen Kündigungen" gedroht worden. "Für uns ist es unerträglich, mit welchen unlauteren Mitteln der Arbeitgeber versucht, den rechtmäßigen Arbeitskampf zu unterlaufen", erklärte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, in Frankfurt. "Fälschliche Behauptung" Die Bahn behaupte fälschlich, dass es Verhandlungen über eine Notdienstvereinbarung mit der GDL gegeben hätte und diese gescheitert wären. "Im Vorfeld des Streiks haben wir dem Arbeitgeber eine Notdienstvereinbarung übersandt und ihn zu Verhandlungen hierüber aufgefordert", erklärte Weselsky. Darauf habe es aber keine Reaktion gegeben. Die GDL kündigte an, die Streikenden würden mit einer eidesstattlichen Versicherung das "rechtswidrige Vorgehen des Arbeitgebers" dokumentieren. Die schriftlich dokumentierten Fälle wollte die Gewerkschaft in das am Morgen (8.30 Uhr) beginnende einstweilige Verfügungsverfahren vor dem Arbeitsgericht in Berlin einbringen. Schwere Behinderungen Der um zwei Uhr morgens begonnene bundesweite Streik der Lokführer führte im morgendlichen Berufsverkehr bereits zu schweren Behinderungen, nach Bahn-Angaben fielen in manchen Regionen bis zu 50 Prozent der Nahverkehrszüge aus. Wegen der kurzfristigen Ankündigung des Streiks war es dem Unternehmen zufolge nicht möglich, Ersatzfahrpläne aufzustellen. | Die Bahn versucht, streikende Lokführer zu Notdiensten zu zwingen - wer sich verweigert, wird mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen "bis hin zu fristlosen Kündigungen" bedroht. Die GDL ist empört und will noch am Morgen eine einstweilige Verfügung erwirken. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bahn-macht-druck-streikende-sollen-zu-notdienst-gezwungen-werden-1.891398 | Bahn macht Druck - Streikende sollen zu Notdienst gezwungen werden | 00/05/2010 |
Das hat vor ihm noch kein Vorstandsvorsitzender eines im Deutschen Aktien-Index notierten Konzerns jemals so gemacht. DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche gibt den Hauptdarsteller in der neuen Werbekampagne des US-Ablegers Chrysler. Detailansicht öffnen "Darauf kannst du wetten." (Foto: Quelle: www.askdrz.com) Im Sechzig-Sekunden-Spot sieht das so aus: Vor einem DaimlerChrysler-Technologie-Center fragt ein Reporter mit Notizblock Zetsche, was der Zusammenschluss von Daimler-Benz und Chrysler für Vorteile gebracht hat. Zetsche ("Dr. Z") schaut kurz auf die Uhr und deutet Eile an. Beide Männer in blauen Anzügen, blauen Hemden, blauen Krawatten steigen in einen Dodge Charger R/T und fahren los. Zetsche am Steuer erklärt seelenruhig, dass einige der wichtigsten Bauteile des amerikanischen Autos in Deutschland entwickelt worden sind. Der Charger rast über die Teststrecke, der Reporter wird nervös. Neue Rabattschlacht Die Fahrt geht weiter in einem Jeep. Danach bietet ein Dodge Caliber das Ambiente für den Gedankenaustausch über Treibstoffverbrauch. Die beiden wechseln in einen Chrysler Pacifica. "Sind Sie wirklich ein Doktor?", fragt der Reporter. In diesem Moment fährt Zetsche den Geländewagen krachend gegen eine Wand, die Luftsäcke öffnen sich, beide steigen unverletzt aus und der Manager fragt seinen mitgenommen wirkenden Beifahrer: "Haben Sie noch Fragen?" Dieser Werbestreifen ist nur einer von fünf Fernsehspots, mit dem der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Industrieunternehmens Neuland betritt. Zwar warben immer wieder einmal bodenständige Mittelständler für Strickware aus deutschen Landen, Orangensaft oder hochprozentige Getränke. Doch die Geschichten, mit denen Chefs von Dax-Konzernen Furore machten, waren nicht unbedingt als Werbung für die Produkte der eigenen Firma geeignet. So zerlegte vor Jahren der Vorstandsboss eines Autoherstellers bei der Umrundung des Chiemsees ein Luxusmodell, jedoch geschah dies keineswegs kalkuliert für Filmaufnahmen und noch dazu mit einem fremden Fabrikat. Beim jungen Siemens-Sanierer Kleinfeld wird bereits als Gipfel der Ausgelassenheit kolportiert, wie er ein von der Konkurrenz fabriziertes Handy im Wasserglas versenkte, ein Los, das ähnlich freilich später die eigene Produktion ebenfalls traf. In diesem Umfeld klarer Erwartungen an deutsche Vorstandsvorsitzende ist es nicht überraschend, dass im Voting-Center der Zeitschrift Auto, Motor und Sport jeder fünfte Teilnehmer Dieter Zetsche als Hauptfigur einer Werbekampagne "unseriös" findet (22 Prozent). Vielleicht setzt hier aber doch ein leichtes Umdenken ein, denn jeweils immerhin ein Drittel finden Zetsche als Werbestar "mutig" oder "witzig". Dabei ist die Werbekampagne vor allem eines, nämlich "nötig" für Chrysler. Der amerikanische Teil des Unternehmens mit den zwei Zentralen in Auburn Hills und Stuttgart-Untertürkheim hat nämlich im Juni deutlich weniger Autos seiner Marken Chrysler, Dodge und Jeep verkauft als vor einem Jahr; genau gesagt war es ein Minus von 13 Prozent. Da kommt die Werbung mit "Dr. Z" im Mittelpunkt gerade richtig. Zumal sie flankiert wird von einer neuen Runde in der Rabattschlacht, die auf dem amerikanischen Automarkt seit den Anschlägen von New York im September 2001 tobt. "Was ist ein Daimler" Die nach General Motors und Ford Nummer drei unter den amerikanischen Autoherstellern tritt zur Zeit am aggressivsten auf. Chrysler verkaufte den Geländewagen Dodge Durango zuletzt mit bis zu 5000 Dollar Nachlass. Mit durchschnittlich 4000 Dollar gab Chrysler fast doppelt so hohe Rabatte wie die Branche, ermittelten Marktforscher. So kommen die Gewinnmargen wieder unter Druck. Nun soll Dieter Zetsche das Ruder wieder einmal persönlich herumreissen, nachdem er nach Meinung vieler aus Branche, Politik und Medien in den USA bei der Sanierung von Chrysler seine Sache gut gemacht hat. Damals hat er nicht nur Personal abgebaut, sondern den verbliebenen Mitarbeitern klare Perspektiven gezeigt, indem er Ziele setzte, die mit einer Palette neuer Automodelle auch erreicht worden sind. Werbung mit dem Chef hat Tradition bei Chrysler, seit Unternehmenschef Lee Iacocca vor zwanzig Jahren die Produkte persönlich anpries. Parallel zu den Werbefilmen und gedruckten Anzeigen gibt es eine Internet-Seite, auf der man Fragen an Dr. Z richten kann: Ich weiß, was ein Chrysler ist, aber was ist ein Daimler? Oder: Wie spricht Dieter Zetsche seinen Namen aus? Die humorvolle Antwort: Dieter, klingt wie Peter. Zetsche kling wie "You betcha", was soviel heisst wie: Darauf kannst du wetten. Chrysler-Chef Tom LaSorda sagt daher über seinen Vorgänger in Auburn Hills: "Dieter ist der ideale Botschafter für das Unternehmen, das wir jetzt sind." | DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche spielt die Hauptrolle in der neuen Werbekampagne für Chrysler-Autos. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-chef-wirbt-selbst-noch-fragen-1.901045 | Der Chef wirbt selbst - Noch Fragen? | 00/05/2010 |
Die Rentenreformen führen offenbar zu deutlich niedrigeren Zahlungen an Senioren. Im Vergleich zum Jahr 2000 erhalten die Rentner bis zu 14,5 Prozent weniger Geld. Links-Fraktionschef Lafontaine sprach von "politisch organisierter Rentenarmut". Die Rentenreformen haben nach Recherchen der Bild-Zeitung zu einem drastischen Rückgang der Zahlungen an Neu-Rentner geführt. Das Blatt beruft sich auf aktuelle Zahlen der Deutschen Rentenversicherung Bund. Detailansicht öffnen Eine Gruppe von Rentnern in Chemnitz (Foto: Foto: ddp) Demzufolge sind die Rentenzahlungen für Versicherte, die im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen sind, im Vergleich zum Jahr 2000 um bis zu 14,5 Prozent gesunken. Ein Bund-Sprecher bestätigte die im Bericht skizzierte Entwicklung. Demnach erhielt ein männlicher Rentner, der im vergangenen Jahr in den Ruhestand ging, im Durchschnitt eine Netto-Rente von 790 (Ost: 836) Euro. Im Vergleich zum Jahr 2000 entspreche dies einem Minus von 10,5 (Ost: 5,3) Prozent. Rückgang im Westen stärker als im Osten Noch drastischer fiel der Rückgang bei Männern aus, die krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten konnten und deshalb eine sogenannte Erwerbsminderungsrente beziehen. Wer 2006 erstmals Erwerbsminderungsrente bezog, erhielt im Schnitt 14,5 Prozent weniger als ein Neu-Rentner im Jahr 2000. In Ostdeutschland sind es 12,5 Prozent. Bei Frauen wirkten sich die reformbedingten Kürzungen laut Bild im Durchschnitt nicht so stark aus, weil ihre Rentenansprüche wegen stärkerer Berufstätigkeit und einer besseren Anrechnung der Kindererziehungszeiten insgesamt steigen. Der Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Bund, Dirk von der Heide, bestätigte der Zeitung die Entwicklung. "Die Verringerung der Rentenzahlbeträge bei Neu-Rentnern zeigt, dass die Rentenreformen und Abschläge bei frühzeitigem Renteneintritt wirken", sagte von der Heide. Außerdem hätten die höhere Arbeitslosigkeit sowie die gestiegenen Krankenkassen- und Pflegebeiträge zu einer Verringerung der Rentenzahlbeträge der Neu-Rentner geführt. Forderung nach Diskussion über Rentenniveau Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund, Herbert Rische, hat in einem Interview mit dem Bonner Generalanzeiger davor gewarnt, das Rentenniveau nicht zu sehr aus dem Blick zu verlieren. Er sagte: "Wir haben in den vergangenen Jahren zu stark auf die Beitragssatzstabilität geschaut." Nun müsse wieder ausgewogener über Beitrag und Leistung diskutieren werden. Rische äußerte sich zufrieden darüber, dass die Herausforderungen für die Alterssicherung aus der demografischen Entwicklung "rechtzeitig" bewältigt worden seien. Er nannte vor allem die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre. Diese Altersgrenze gilt erst vom Jahr 2029 an. Nach 2010 wird das Renteneintrittsalter monatsweise angehoben. "Zynische Forderung" Der Fraktionschef der Linken, Oskar Lafontaine kritisierte, die "politisch organisierte Rentenarmut" sei schon jetzt spürbar. Diese Entwicklung sei "unhaltbar". Die "Rentenkürzungen der letzten Jahre" müssten zurückgenommen werden. Aufforderungen zu verstärkter Privatvorsorge nannte Lafontaine zynisch. Immer mehr Menschen arbeiteten im Niedriglohnbereich und hätten kaum noch Geld, die Ausgaben für ihr tägliches Leben zu bestreiten. Der Sprecher der Rentenversicherung, Dirk von der Heide bestätigte die Zahlen, schränkte aber ein: "Immer mehr Menschen machten von der Möglichkeit eines vorzeitigen Rentenbeginns Gebrauch". Der sei jedoch mit Abschlägen verbunden. So seien im vergangenen Jahr 50 Prozent der Renten mit Abschlägen belegt gewesen. Dies mindere die Zahlbeträge der Renten. Darüber hinaus seien die Auszahlungen an die Senioren durch die hohen Krankenkassen- und Pflegebeiträge belastet gewesen. Nicht zuletzt hätten die Menschen immer mehr Brüche in ihrer Erwerbsbiographie. Zeiten der Arbeitslosigkeit etwa minderten die Zahlbeträge. Ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums sprach von statistischen Mittelwerten, die in der gesetzlichen Rentenversicherung nicht sehr aussagekräftig seien. Die Rentenzahlbeträge seien nicht mit dem tatsächlichen Alterseinkommen gleichzusetzen, da viele Senioren mit kleiner Rente noch über eine betriebliche Absicherung, über eine Beamtenpension oder angespartes Vermögen verfügten. Zudem gälten die Vereinbarungen zur Sicherung des Netto-Rentenniveaus. Laut Beschluss der Bundesregierung darf es bis 2020 nicht unter 46 Prozent und bis 2030 nicht unter 43 Prozent des Bruttolohns vor Steuern sinken. | Die Rentenreformen führen offenbar zu deutlich niedrigeren Zahlungen an Senioren. Im Vergleich zum Jahr 2000 erhalten die Rentner bis zu 14,5 Prozent weniger Geld. Links-Fraktionschef Lafontaine sprach von "politisch organisierter Rentenarmut". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/folge-der-rentenreform-weniger-geld-fuer-neu-rentner-1.897972 | Folge der Rentenreform - Weniger Geld für Neu-Rentner | 00/05/2010 |
Die Betriebsräte von Saab und Opel planen, bei der unternehmensinternen Vergabe von künftigen Produktionen im US-Konzern General Motors solidarisch zu handeln. Das sieht ein Verhaltenskodex vor, auf den sich schwedische und deutsche Arbeitnehmervertreter geeinigt haben. In Rüsselsheim wurden unterdessen die Verhandlungen mit dem Opel-Management über die drastischen Sparpläne von GM fortgesetzt. In den nächsten Monaten ist im GM-Konzern ein Beschluss darüber zu erwarten, an welchem Standort das Nachfolgemodell des Opel Vectra gefertigt werden soll, das firmenintern unter der Bezeichnung "Epsilon II" läuft. Der Vectra ist bislang das Herzstück der Produktion in Rüsselsheim. Allerdings geht dort die Angst um, dass GM bei dieser Entscheidung versuchen könnte, verschiedene Standorte gegeneinander auszuspielen. Keine Unterschreitung nationaler Tarifverträge Bei einem Treffen in Göteborg vereinbarten deshalb jetzt Betriebsräte von Opel in Rüsselsheim und von Saab in Trollhättan "Prinzipien für den Entscheidungsprozess bei General Motors über EpsilonII". Demnach verpflichten sich die Arbeitnehmervertreter beider Fabriken erstens gegenseitig, keine Unterschreitung nationaler Tarifverträge zu vereinbaren oder zu akzeptieren. Zweitens soll "jede Form von Sozial- und Steuerdumping" ausgeschlossen sein. Und drittens fordern die Betriebsräte von GM die Zuteilung von Produkten in beide Werke, um die Kapazitäten auszunutzen. Klaus Franz, der Vorsitzende des Europäischen GM-Arbeitnehmerforums und des Opel-Gesamtbetriebsrats, sagte zu der Vereinbarung: "Dies ist ein wichtiger Schritt gegen den Versuch von General Motors, die Beschäftigten von Saab Trollhättan gegen die Beschäftigten von Opel Rüsselsheim auszuspielen." GM will in Europa insgesamt 12.000 Arbeitsplätze streichen, davon 10.000 allein in Deutschland. In Rüsselsheim haben inzwischen - einen Tag nach dem Ende des wilden Streiks am Opel-Standort Bochum - Betriebsräte und Manager die am Montag gestarteten Gespräche über das von GM vorgesehene Sparprogramm fortgesetzt. Opel betonte, "konkrete Verhandlungsergebnisse oder Vereinbarungen" könne es zu diesem frühen Zeitpunkt der Gespräche "selbstverständlich noch nicht geben". Nach SZ-Informationen plant der Autohersteller allerdings, die Zahl der Beschäftigten in der Entwicklungsabteilung in Rüsselsheim um 1600 Leute zu reduzieren und die Nachtschicht an dem Standort zu streichen, was weitere 1600 Mitarbeiter treffen würde. Hoffen auf ein "konstruktives Ergebnis" Opel erklärte dazu lediglich: "Mutmaßungen über Verhandlungsdetails oder Prognosen über Einzelmaßnahmen würden den Verhandlungsverlauf empfindlich stören" und seien daher "sehr kontraproduktiv". Das Autounternehmen wolle die Verhandlungen "ernsthaft und mit dem Ziel eines konstruktiven Ergebnisses" führen. Am Dienstag war in diesem Zusammenhang betont worden, die Standorte Rüsselsheim und Bochum sollten "soweit wettbewerbsfähig" gemacht werden, dass sie über 2010 hinaus als Autowerke erhalten werden können. Dies gelte analog für die Fabrik in Kaiserslautern. Nach dem Ende des Ausstands in Bochum ist die dortige Produktion problemlos wieder angelaufen. Zug um Zug soll die wegen Nachschubmangels unterbrochene Fertigung in den Fabriken in Antwerpen/Belgien und Ellesmere Port/England ebenfalls hochgefahren werden. Im Stammwerk in Rüsselsheim hat Opel zwei Freischicht-Tage eingelegt. Ab Montag soll wieder produziert werden. | Die Betriebsräte von Saab und Opel planen, bei der unternehmensinternen Vergabe von künftigen Produktionen im US-Konzern General Motors solidarisch zu handeln. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/opel-und-saab-die-arbeitnehmer-wollen-zusammenhalten-1.899770 | Opel und Saab - Die Arbeitnehmer wollen zusammenhalten | 00/05/2010 |
Am Kap geht es aber nicht um den Abbau oder die Verlagerung von Stellen, sondern um Lohnverhandlungen. Gewerkschaften "erklären Autoherstellern den Krieg". "Wir erklären den Autoherstellern den Krieg", lautet die Schlagzeile einer Pressemitteilung der südafrikanischen Metallarbeitergewerkschaft Numsa. Die von den Arbeitgebern angebotene Lohnerhöhung um 6,5 Prozent ist der Gewerkschaft zu wenig. Sie besteht auf einem Zuschlag von neun Prozent und sozialen Verbesserungen bei Urlaub und Gesundheits-vorsorge. Die Automobilbranche boomt. Bei niedrigen Zinsen und einer starken Währung erwarten die Hersteller in diesem Jahr nicht nur einen erheblichen Zuwachs der Inlandsnachfrage in Südafrika. Volkswagen, BMW und DaimlerChrysler Auch die Exportaufträge steigen von Jahr zu Jahr. Davon profitieren auch die deutschen Autokonzerne. Volkswagen, BMW und DaimlerChrysler produzierten schon zu Apartheid-Zeiten in Südafrika und wurden deshalb heftig kritisiert. Der amerikanische Anwalt Michael Hausfeld hat sie auf eine Liste der Unternehmen gesetzt, denen wegen Unterstützung des rassistischen weißen Regimes eine Klage in den USA droht. Seit dem Ende der Apartheid profitieren die deutschen Automobil-konzerne dennoch von ihrer langjährigen Präsenz und den Standortvorteilen an der Südspitze Afrikas. Südafrika hat seine Märkte geöffnet, und die neue schwarze Regierung beschleunigt mit einem umfangreichen Entwicklungsprogramm den Ausbau der Produktionskapazitäten. | Am Kap geht es aber nicht um den Abbau oder die Verlagerung von Stellen, sondern um Lohnverhandlungen. Gewerkschaften "erklären Autoherstellern den Krieg". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/auto-industrie-auch-in-suedafrika-droht-streik-1.899736 | Auto-Industrie - Auch in Südafrika droht Streik | 00/05/2010 |
Der gewiefte Investor Mirko Kovats setzt ganz auf Kupfer. Und narrt mit seinem neuesten Coup die Norddeutsche Affinerie. Für ungewöhnliche Schachzüge - nun in der europäischen Kupferindustrie - ist der drahtige Wiener Geschäftsmann Mirko Kovats immer gut. Verständlich sind sie nicht immer. Das bekam nun auch der Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie (NA), Werner Marnette, zu spüren: Das für Donnerstag vereinbarte und allgemein mit Spannung erwartete Treffen in Wien sagte der neue NA-Großaktionär Kovats kurzfristig ab. Detailansicht öffnen Der Wiener Investor Mirko Kovats. Seine Schachzüge versteht nicht jeder. (Foto: Foto: AP) Eine Sprecherin des gern diskreten Investors teilte anschließend mit, der Termin sei eben "nicht günstig gewesen". Ein besserer werde sich finden lassen. Deshalb von "Konfrontationskurs" zwischen Kovats und Marnette zu reden, sei jedenfalls "übertrieben", verlautete aus Kovats börsennotierter Wiener A-Tec Industries AG. Außerdem sollte das Gespräch nur dem Kennenlernen dienen. Eine anschließende Erklärung für die Öffentlichkeit war angeblich nie geplant. Dabei gibt es viel zu klären - nicht nur bei der NA, Europas führendem Kupfererzeuger, sondern auch beim belgischen NA-Konkurrenten Cumerio, wo Kovats nun überraschend ebenfalls eine Beteiligung von 20 Prozent erworben hat. Hat er es darauf angelegt, die geplante Übernahme der belgischen Kupferhütte durch NA zu torpedieren? Goldgräberstimmung auf dem Kupfermarkt Der als Sohn ungarischer Einwanderer vor knapp 59 Jahren in Wien geborene Kovats lässt sich auch jetzt nicht in die Karten schauen. Er beschränkt sich auf Ankündigungen, die aber Phantasie erzeugen. Er sei entschlossen, bei der Konsolidierung der europäischen Kupferindustrie "eine gewichtige Rolle zu spielen", vertraute er der Zeitung Die Presse an. Bereits im März kaufte Kovats den französischen Kupferproduzenten Gindre Duchavany und ist auch über die Tiroler Montanwerke Brixlegg in der Branche engagiert. Seine Motive sind klar. Auf dem Kupfermarkt herrscht Goldgräberstimmung. Das hat Kovats, der bislang eine gute Spürnase beim Erwerb von Firmen bewiesen hat, auf den Geschmack gebracht. Er hat sich durch seine oft harte Hand etwa bei der Übernahme der Schweizer Unaxis AG das Image eines "Alphatiers" erworben, das kaum Widerspruch akzeptiert. Lob von der Konkurrenz Dass er sich bei Unaxis wieder zurückzog, nachdem er sich mit seinem früheren Partner Ronny Pecik überworfen hatte, und sich nun ganz auf die Führung seiner A-Tec konzentriert, passt ins Bild. Doch selbst Konkurrenten loben den früheren Osthändler als guten Strategen. Der Ex-Besitzer einer Wiener Nobel-Diskothek hat 2003 erstmals im Wirtschaftsteil der Zeitungen von sich reden gemacht: Damals übernahm er ein knappes Fünftel am Linzer VA-Tech-Konzern, das er schon 2004 sehr gewinnbringend an Siemens weiterverkaufte. Kritiker kreiden ihm Geltungsdrang, manche auch Geldgier an. Sein Lebensstil zeugt davon nicht. Der verheiratete Vater von zwei Söhnen fährt kein dickes Auto. Er bewohnt auch keine große Villa. Sein Privatjet sei nur geleast und für schnelle Kontakte nötig, behaupten seine PR-Manager. Diese müssen noch viel tun, um Kovats den ersehnten Ruf eines "angesehenen österreichischen Industriellen" zu sichern. (SZ vom 06.07.2007) | Der gewiefte Investor Mirko Kovats setzt ganz auf Kupfer. Und narrt mit seinem neuesten Coup die Norddeutsche Affinerie. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/goldgraeber-am-kupfermarkt-wundersamer-wiener-1.899239 | Goldgräber am Kupfermarkt - Wundersamer Wiener | 00/05/2010 |
In der laufenden Tarifrunde hat die Deutsche Bahn den Gewerkschaften ein erstes Angebot unterbreitet. Es belaufe sich auf "etwa zwei Prozent", verlautete aus Teilnehmerkreisen. Die Gewerkschaften wiesen das Angebot umgehend zurück. Der Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn spitzt sich zu. Die Gewerkschaften lehnten am Dienstag ein erstes Angebot des Unternehmens von rund zwei Prozent als "Almosen" ab. "Die Arbeitgeber provozieren geradezu Streit", sagten die Verhandlungsführer der Gewerkschaften Transnet und GDBA, Alexander Kirchner und Heinz Fuhrmann, nach der zweiten Gesprächsrunde in Frankfurt. Die Deutsche Bahn bot nach Angaben eines Sprechers an, die Entgelte der Beschäftigten von Januar 2008 an um zwei Prozent zu erhöhen. Von Juli 2009 an soll es nochmals eine Anhebung von zwei Prozent geben. Von Juli bis Dezember 2007 sieht das Angebot eine Einmalzahlung von 300 Euro vor. Die Laufzeit soll 30 Monate betragen. Hinweis auf die Rekordbilanz "Solche Almosen verhöhnen die Beschäftigten", hieß es bei den Gewerkschaften unter Hinweis auf die Rekordbilanz der Deutschen Bahn. Ein neuer Verhandlungstermin wurde nicht vereinbart. Die Friedenspflicht endet am 30. Juni. "Wir wollen noch vor Ablauf der Friedenspflicht einen weiteren Verhandlungstermin", sagte Bahn-Sprecher Uwe Herz. Die Gewerkschaften fordern für die rund 134.000 Tarifbeschäftigten sieben Prozent höhere Gehälter und begründen dies mit den guten Ergebnissen des Verkehrskonzerns. Das ist die bisher höchste Lohnforderung aller Branchen in der Tarifrunde 2007. Die Bahn lehnt diese Forderung ab, da mit den Gewinnen die Modernisierung des Konzerns bezahlt werden müsse. Die erste Runde war am vergangenen Dienstag in Berlin vertagt worden. Erst am Wochenende hatte Transnet-Chef Norbert Hansen mit Warnstreiks gedroht, falls es keine Einigung geben sollte. Die Friedenspflicht laufe am Samstag aus, sagte Klein. Bis dahin seien die Gewerkschaften weiter gesprächsbereit. Auch die Deutsche Bahn signalisierte Verhandlungsbereitschaft. "Praktisch nicht mehr abwendbar" "Unser Ziel ist es, noch vor Ablauf der Friedenspflicht weiter zu verhandeln", sagte Herz. "Wir wollen streikfrei zu einer Einigung kommen." Einen neuen Gesprächstermin gebe es bislang noch nicht. Arbeitsniederlegungen drohen der Bahn auch von Seiten der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Sie fordert für die rund 30.000 Lokführer und Zugbegleiter einen eigenen Tarifvertrag mit Lohnerhöhungen von bis zu 30 Prozent, was sowohl die Bahn als auch Transnet ablehnen. Die GDL hatte angekündigt, in der kommenden Woche streiken zu wollen. Laut GDL-Chef Manfred Schell sind Streiks "praktisch nicht mehr abwendbar". | In der laufenden Tarifrunde hat die Deutsche Bahn den Gewerkschaften ein erstes Angebot unterbreitet. Es belaufe sich auf "etwa zwei Prozent", verlautete aus Teilnehmerkreisen. Die Gewerkschaften wiesen das Angebot umgehend zurück. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bahn-tarifstreit-spitzt-sich-zu-gewerkschaften-lehnen-erstes-angebot-bruesk-ab-1.907266 | Bahn-Tarifstreit spitzt sich zu - Gewerkschaften lehnen erstes Angebot brüsk ab | 00/05/2010 |
Aids-Infizierte gelten bisher weltweit als schlichtweg nicht versicherbar. Holländische Versicherer wollen dies nun ändern und bieten Lebensversicherungs-Policen zu relativ günstigen Preise an. Das Geschäft von Versicherern ist es, Wagnisse einzugehen. Doch manchmal wird es selbst den Risiko-Profis zu viel. Detailansicht öffnen Die rote Schleife symbolisiert weltweite Solidarität im Kampf gegen Aids. Holländische Versicherer kommen HIV-Infizierten nun entgegen, indem sie relativ günstige Lebensversicherungen anbieten. (Foto: Foto: AP) So gibt es international keine Gesellschaft, die HIV-Infizierten eine Lebensversicherung zu einigermaßen erschwinglichen Konditionen verkauft. Grund: Die Gefahr, dass diese Menschen rasch sterben, gilt als zu groß. Nun haben eine Reihe holländischer Gesellschaften diese Haltung revidiert. Wie ein Sprecher des dortigen Versicherer-Verbandes bestätigt, wollen Großkonzerne wie Aegon und ING die Policen "zu vernünftigen Preisen" anbieten. Es handle sich dabei um eine "Weltpremiere". Zwei- bis dreimal höhere Prämie Wichtigste Voraussetzung ist, dass die potenziellen Kunden die Aids-Standardtherapie erfolgreich absolviert haben. Außerdem dürfen sie sich niemals Drogen gespritzt haben. Anlass des Umschwungs war eine breit angelegte Studie in den Niederlanden, wonach die Lebenserwartung bei solchen Rahmenbedingungen in etwa so hoch liege wie bei Zuckerkranken. Der Verband forderte alle seine Mitgliedsfirmen auf, dies in ihrer Tarifkalkulation zu berücksichtigen. Wie der Sprecher erklärt, wird die Prämie zwar immer noch beim "Zwei- bis Dreifachen" des Niveaus bei Gesunden liegen. Bislang sei es für Infizierte jedoch bestenfalls möglich, sich zum Zehn- bis Zwanzigfachen des Normaltarifs zu versichern. Diese Zahlen gelten nach Angaben des Verbandssprechers für so genannte Risiko-Lebensversicherungen, bei denen das eingezahlte Geld nicht verzinst wird. Bei Kapital-Policen liegen die Aufschläge niedriger. Schwule werden "aussortiert" Die Nachricht aus den Niederlanden sei ein "Hammer", sagt Christian Brandt, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Comvers. Die Firma ist auf homosexuelle Kunden spezialisiert. "Ich hoffe, dass dieses Beispiel auch in Deutschland Schule macht." Bislang gälten HIV-Infizierte "schlichtweg als nicht versicherbar". Die Unternehmen erfahren laut Brandt von dem Risiko, wenn der Antragsteller die Frage nach Arztbesuchen in den vergangenen Jahren oder chronischen Erkrankungen korrekt beantworte. | Aids-Infizierte gelten bisher weltweit als schlichtweg nicht versicherbar. Holländische Versicherer wollen dies nun ändern und bieten Lebensversicherungs-Policen zu relativ günstigen Preise an. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/niederlande-aids-risiko-ist-versicherbar-1.907227 | Niederlande - Aids-Risiko ist versicherbar | 00/05/2010 |
Der Chef der Privatbank Sal. Oppenheim rügt den deutschen Finanzsektor und fordert die Privatisierung der Sparkassen. Die Schwäche der deutschen Finanzwirtschaft birgt nach Ansicht von Matthias Graf von Krockow große Gefahren für die deutsche Wirtschaft. "Funktionsfähige Großbanken sind lebensnotwendig für unsere Wirtschaft", sagte der Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Sal. Oppenheim. Detailansicht öffnen Matthias Graf von Krockow (Foto: Foto: dpa) "Als größte europäische Volkswirtschaft braucht Deutschland große internationale Banken", sagte Krockow der Süddeutschen Zeitung. Der Chef von Europas größter Privatbank sieht die inländische Finanzwirtschaft jedoch weit im Rückstand. Konsolidierung des Finanzsektors "Das Rennen läuft längst, doch in Deutschland scheint niemand den Startschuss gehört zu haben", sagte er im Hinblick auf die Konsolidierung des Bankensektors, die in vielen Industriestaaten, anders als in Deutschland, bereits große Finanzunternehmen hervorgebracht hat. Dazu zähle die niederländische Bank ING, Unicredit in Italien oder die Royal Bank of Scotland. "Gemessen an der Größe der deutschen Volkswirtschaft müssten drei bis vier deutsche Institute den Sprung unter die Top 20 der weltweiten Geldelite schaffen", sagte Krockow. Derzeit findet sich hier gemessen am Börsenwert kein deutsches Institut, nicht einmal mehr die Deutsche Bank. So könnte Deutschland erneut in einer wichtigen Schlüsselindustrie Boden verlieren, fürchtet Krockow und verweist auf das Negativbeispiel Pharma-Industrie. "Da waren wir auch einmal die Apotheke der Welt." Multiplikatorbranche Der Finanzdienstleistungssektor mit Banken und Versicherungen erwirtschaftet drei Prozent der Wertschöpfung, beschäftigt mehr als 700.000 Mitarbeiter und gilt als wichtige Multiplikatorbranche. Krockow sieht in der Größe von Banken keinen Selbstzweck, aber eine wichtige Voraussetzung für die Bereitstellung angemessener Finanzprodukte für die Wirtschaft, insbesondere für die mittelständischen Unternehmen. "Die brauchen profilierte Banker, die deutsch sprechen und über eine breite Produktpalette verfügen", sagte Krockow. Dazu zählt er die Bereitstellung von Risikokapital (Private Equity) ebenso wie die Begleitung von Börsengängen. Er bezweifelt jedoch, dass es derzeit ausreichend deutsche Banken gibt, die derartige Dienstleistungen für Mittelständler bereitstellen. Zu wenig Eigenkapital Zu lange und zu stark hätten sie ihr Geschäft auf die Vergabe von Krediten gestützt. "Jetzt merken viele Mittelständler, dass sie zu wenig Eigenkapital haben und von ihren Banken keines bekommen", sagte Krockow. Trotz aller Kritik und dem Abstieg deutscher Renommieradressen sieht er genügend Potenzial in Deutschland für die Bildung großer Banken. "Doch dazu müssten die Marktkräfte der Wirtschaft entfesselt werden", fordert der Anhänger der sozialen Marktwirtschaft. In der Pflicht sieht der Banker die deutschen Politiker. "Sie halten als Eigentümer der öffentlichen Banken den Schlüssel in der Hand", sagte Krockow. Anachronismus Er fordert ein Aufbrechen des traditionellen Dreisäulensystems in Deutschland, bei dem Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken und private Banken bis heute weitgehend unabhängig voneinander agieren. Banken in öffentlicher Hand hält er für einen Anachronismus der deutschen Volkswirtschaft. | Der Chef der Privatbank Sal. Oppenheim rügt den deutschen Finanzsektor und fordert die Privatisierung der Sparkassen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ruege-deutsche-banken-sind-abgehaengt-1.907108 | "Rüge - ""Deutsche Banken sind abgehängt""" | 00/05/2010 |
Der Koalition steht die nächste Kernkraft-Debatte ins Haus - mit Anträgen auf längere Laufzeiten. Es sollte noch im Sommer sein. Noch im Sommer, also bis spätestens diesen Mittwoch, wollte der RWE-Konzern eine längere Laufzeit für seinen hessischen Reaktor Biblis A beantragen. Dies könne sich, sagen Unternehmenskenner, nun vielleicht um eine Woche verzögern. Ende September dürfte damit in der Koalition der Dauerzoff um die Kernkraft wieder mit Leidenschaft aufleben. Detailansicht öffnen Mit dem Atomkraftwerk Neckarwestheim steht ausgerechnet im Süden, wo es wenig Möglichkeiten zur alternativen Energiegewinnung gibt, eine Stromquelle zur Disposition. (Foto: Foto: dpa) Es wird nur der erste Antrag sein von mehreren. EnBW-Chef Utz Claassen will im Spätherbst beantragen, sein Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 länger laufen zu lassen. "Dazu sind wir nicht nur aktienrechtlich verpflichtet, sondern besonders im Sinne unseres Klimas", sagte Claassen jüngst dem Focus. Vattenfall prüft Verlängerung für Reaktor bei Brunsbüttel An diesem Mittwoch und Donnerstag untermauert der Karlsruher Konzern das mit einer Tagung in Berlin - über die Folgen des Klimawandels. Und auch Vattenfall prüft nach Angaben von Kraftwerksvorstand Reinhardt Hassa derzeit die Verlängerung für seinen Reaktor bei Brunsbüttel. Mindestens ein Jahr Vorlaufzeit, heißt es in der Branche, bräuchten die Betreiber, um sich auf die Zukunft einzustellen - auf Weiterbetrieb oder Abriss. Damit drängt die Zeit: Biblis A wäre schon 2008 an der Reihe, Neckarwestheim, Brunsbüttel und Biblis B 2009. Sigmar Gabriel hält nichts von längeren Laufzeiten Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat bislang keinen Hehl daraus gemacht, was er von den längeren Laufzeiten für die angezählten Reaktoren hält. Er sehe keinen Grund, warum ältere Kernkraftwerke länger laufen sollten, jüngere, modernere dagegen kürzer. Genau darauf aber laufen die Anträge der Versorger hinaus. Im Atomkonsens hatte die rot-grüne Bundesregierung 2001 penibel festgelegt, welcher Reaktor noch wie viel Strom liefern darf. Und damit die interessierte Öffentlichkeit rascher erste Resultate sehen konnte, erlaubte die Abmachung die problemlose Übertragung von alt auf neu. Umgekehrt aber sollte es die Ausnahme bleiben, zu genehmigen im Einvernehmen zwischen dem Kernkraftgegner Gabriel einerseits, dem Kernkraftfreund im Wirtschaftsministerium, Michael Glos (CSU), und dem Kanzleramt andererseits. "In der Frage gibt es entweder Einvernehmen oder es gibt es nicht", heißt es nun aus Kreisen des Umweltministeriums. | Der Koalition steht die nächste Kernkraft-Debatte ins Haus - mit Anträgen auf längere Laufzeiten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/anhaltender-atomschacher-der-herbst-der-reaktoren-1.900620 | Anhaltender Atomschacher - Der Herbst der Reaktoren | 00/05/2010 |
Ein Weltkonzern wird zum Gespött der Branche: Seit Wochen fahndet Coca-Cola nach einen neuen Chef und findet keinen. Am Gehalt kann es wohl kaum liegen. Der Chef des Getränkekonzerns verdient rund 5,7 Millionen Dollar jährlich. An der Wall Street wird befürchtet, dass der Getränkehersteller bei Anlegern durch die quälende Chefsuche an Reputation einbüßt. Coca-Cola hat weltweit 50.000 Mitarbeiter und ist in mehr als 200 Ländern vertreten. Nach nur wenigen Jahren im Amt hatte der bisherige Unternehmenschef und Leiter des Verwaltungsrats, Douglas Daft, im Februar selber seine Pensionierung bekannt gegeben. Der 60-Jährige geht Ende des Jahres in den Ruhestand. Seitdem sind Analysten und Investoren an der Wall Street zunehmend beunruhigt darüber, wer den Konzern führen wird. Schon ist die Rede von einem Management-Vakuum bei Coca-Cola, das sich negativ auf den Aktienkurs auswirken könnte. "Unbefriedigend" "Für Investoren ist dies im höchsten Maße unbefriedigend", meint Andrew Conway, Analyst bei Credit Suisse First Boston. Verunsichert hat die Wall Street vor allem auch die Tatsache, dass der Verwaltungsrat den bisherigen zweiten Mann, Steven Heyer, nicht sofort zum Nachfolger von Daft ernannt hatte. Doch das vom Board eingesetzte, sechsköpfige Rekrutierungsteam unter Leitung des 77-Jährigen Coca-Cola-Veteranens Donald Keough konzentriert sich nun offenbar darauf, einen Kandidaten außerhalb des Konzerns zu finden. Das ist das erste Mal seit 85 Jahren beim Hersteller der braunen Brause der Fall, deren Topleute sich traditionell vom Vertriebsleiter oder Marketingmanager nach oben arbeiten. Als heiße Kandidaten für die Daft-Nachfolge werden an der Wall Street Kerry Clark, stellvertretender Verwaltungsratsvorsitzender des Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble, Robert Eckert, Chef des Spielzeugherstellers Mattel, Carlos Gutierrez, Chef des Lebensmittelkonzerns Kellog, sowie James Kilts, Boss des Rasierklingenanbieters Gilette, gehandelt. Gerade Vertrag verlängert Kilts ist Favorit des milliardenschweren Investors Warren Buffett. Der Investmentguru ist Board-Mitglied bei Coca Cola. Seine Firma Berkshire Hathaway hält acht Prozent der Anteile am Getränkekonzern. Das Problem ist allerdings, dass Kilts Vertrag bei Gilette gerade bis 2006 verlängert wurde. Es könnte deshalb schwierig werden, den Sanierungsexperten nach Atlanta zu locken. Auch ist Buffett als Board-Mitglied selber unter Beschuss geraten. Der kalifornische Pensionsfonds Calpers fordert seine Ablösung, weil sich Buffett zusammen mit anderen Board-Mitgliedern bei der Bestellung der Wirtschaftsprüfer Firma Ernst & Young nicht an die Regeln einer guten Unternehmensführung (Corporate Governance) gehalten habe. So könnte sich der interne Kampf um den Spitzenjob bis zum Sommer hinziehen, zumal sich auch Heyer, der 2001 von Time Warner zu Coco-Cola wechselte, noch Chancen ausrechnet. Gewinnrückgang Für den Konzern läuft die Zeit davon. Denn wirtschaftlich steht das Unternehmen keineswegs glänzend dar. Belastungen aus einer Umstrukturierung, höhere Ausgaben und ein schleppender Absatz von Erfrischungsgetränken in den Schlüsselmärkten USA und Japan haben dem Unternehmen im vierten Geschäftsquartal einen Gewinnrückgang auf 927 Millionen Dollar (Vorjahresquartal: 930 Millionen Dollar) beschert. Zum geschäftsschädigenden PR-Flop geriet die Einführung eines Mineralwassers der Marke Dasani in Großbritannien. Kurz nach dem Verkaufsstart im Februar wurde bekannt, dass es sich um einfaches Leitungswasser handelte. Coca-Cola nahm die Marke aus dem Verkauf. Ärger gibt es auch mit der EU-Kommission. Im Visier der Wettbewerbshüter sind Werberabatte, die Einzelhändler für eine markante Platzierung von Coca-Cola-Getränken gewährt wird. Die Amerikaner scheinen allerdings zu einem Kompromiss bereit, um ein Bußgeld zu vermeiden. Den Justitiar entlassen Seit Mai 2003 laufen Untersuchungen der US-Börsenaufsicht SEC und der Bundeskriminalpolizei FBI wegen Betrugs gegen Coca-Cola. Zwei ehemalige Angestellte behaupten, der Konzern habe seine Einnahmen Ende der 90er Jahre auf asiatischen Märkten künstlich aufgebläht. Zu diesem Zeitpunkt war Daft bei Coca-Cola für den Mittleren und Fernen Osten verantwortlich. Im Zusammenhang mit den Betrugsvorwürfen hat jetzt such Chefjustitiar Deval Patrick seinen Hut nehmen müssen. | Ein Weltkonzern wird zum Gespött der Branche: Seit Wochen fahndet Coca-Cola nach einen neuen Chef und findet keinen. Am Gehalt kann es wohl kaum liegen. Der Chef des Getränkekonzerns verdient rund 5,7 Millionen Dollar jährlich. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/machtkampf-in-atlanta-niemand-will-chef-bei-coca-cola-werden-1.903164 | Machtkampf in Atlanta - Niemand will Chef bei Coca-Cola werden | 00/05/2010 |
Trotz einer leichten Herbstbelebung steckt der deutsche Arbeitsmarkt weiterhin in einer Krise - die neuesten Zahlen haben Hoffnungen auf einen "goldenen Oktober" enttäuscht. Zwar ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im Oktober saisonbedingt um 50.100 auf 4.206.600 gesunken. Aber nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren dies 55.300 mehr als vor im Oktober 2003. Der Abstand zum Vorjahresmonat hat sich damit aber erstmals seit Februar wieder verringert. Die Arbeitslosenquote ging im Oktober um 0,2 Punkte auf 10,1 Prozent zurück, berichtete die BA am Mittwoch in Nürnberg. Vor einem Jahr hatte die Quote bei 10 Prozent gelegen. Auf der Grundlage der bis zum Jahresende 2003 gültigen Statistikverfahren wären im Oktober sogar 4,338 Millionen Menschen ohne Arbeit. Dies wäre die höchste Oktober-Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung. Seit Jahresanfang fallen Teilnehmer an Eignungsfeststellungs- und Trainingsmaßnahmen aus der Arbeitslosenstatistik heraus. "Ermutigende Zeichen auf der Beschäftigungsseite" Weise betonte, trotz einer positiven wirtschaftlichen Grundtendenz sei eine Wende auf dem Arbeitsmarkt noch nicht zu erkennen. "Allerdings gibt es ermutigende Zeichen auf der Beschäftigungsseite", sagte er. So sei der Rückgang der Arbeitslosenzahlen in diesem Oktober stärker ausgefallen als im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre. Auch der saisonbereinigte Anstieg sei mit einem Plus von 12.000 auf 4,457 Millionen moderater gewesen als in den vorigen Monaten. BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt räumte ein, der Rückgang der Arbeitslosenzahlen sei hauptsächlich auf das verstärkte Angebot so genannter Ein-Euro-Jobs zurückzuführen. Bundesweit seien im Oktober 46.200 Arbeitslose auf diese mit ein bis zwei Euro pro Stunde vergüteten Arbeitsgelegenheiten vermittelt worden. Bis zum Jahresende sollen rund 100.000 solcher Stellen zur Verfügung stehen. Sie sollen ab 2005 nach und nach die bisherigen Arbeitsbeschaffungs- Maßnahmen (ABM) ersetzen. Ost-West-Gefälle Der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Oktober beschränkte sich fast ausschließlich auf den Osten. In Westdeutschland hat sich die Arbeitslosigkeit kaum verändert. In den neuen Bundesländern ergab sich im Monatsvergleich - mit Ausnahme von Mecklenburg-Vorpommern - ein sichtbarer Rückgang der Zahl der Erwerbslosen. Insgesamt sank im Osten die Zahl der Arbeitslosen um 42.500 auf 1.514.100. Das sind lediglich 300 mehr als im Vorjahr. Im Westen ging die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung im Vergleich zum Vormonat dagegen nur um 7600 auf 2.692.400 zurück. Das sind 55.300 mehr als vor zwölf Monaten. Entsprechend sank die Arbeitslosenquote im Osten um 0,5 Punkte auf 17,5 Prozent (Vorjahr 17,3 Prozent). Im Westen verharrte sie bei 8,2 Prozent (Vorjahr 8,0 Prozent). Bereinigt um saisonale Effekte ist die Arbeitslosenzahl den Angaben zu Folge um 12.000 auf 4,457 Millionen gestiegen. Einer Zunahme im Westen von 14.000 steht ein Rückgang im Osten um 2000 gegenüber. Laut Weise fiel der Anstieg insgesamt aber schwächer aus als in den Vormonaten. | Trotz einer leichten Herbstbelebung steckt der deutsche Arbeitsmarkt weiterhin in einer Krise - die neuesten Zahlen haben Hoffnungen auf einen "goldenen Oktober" enttäuscht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/statistik-arbeitslosenquote-sinkt-aber-nicht-gegenueber-2003-1.899465 | Statistik - Arbeitslosenquote sinkt — aber nicht gegenüber 2003 | 00/05/2010 |
In Frankreich trieb das Thema Kündigungsschutz die Jugend auf die Straße - in Deutschland ließ er die Koalitionspartner zusammenrasseln. Der Union geht der Koalitionsvertrag nicht weit genug. Zumindest für deutsche Gewerkschafter kamen die März-Unruhen in Frankreich wie auf Bestellung. Das sei, deutete DGB-Chef Michael Sommer süffisant an, doch ein guter Anlass, die deutschen Pläne zum Kündigungsschutz zu überdenken. Detailansicht öffnen Polizeiaufmarsch in der Uni: In Frankreich treibt die Debatte um den Kündigungsschutz die Jugend auf die Straße, in Deutschland streiten vor allem die Politiker. (Im Bild: die Sorbonne Universität in Paris) (Foto: Foto: AFP) In Frankreich trieb das Thema die Jugend auf die Straße - in Deutschland ließ er die Koalitionspartner zusammenrasseln. Dabei ist doch im Koalitionsvertrag alles geregelt. Wenn die Arbeitnehmer einverstanden sind, sollen sie künftig 24 Monate lang zur Probe arbeiten - statt bisher sechs. Der Rückschritt droht So wollte es die Union, die sich davon mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt versprach. Innerhalb dieser Zeit muss der Arbeitgeber nur zwei Wochen vorher kündigen, wenn er sich von einem Beschäftigten trennen will. Das wiederum wollte sich die einstige Arbeiterpartei SPD nicht so billig abkaufen lassen - und setzte durch, Arbeitsverträge, die ohne Grund befristet sind, abzuschaffen. De facto würde es damit in Deutschland bald nur noch unbefristete Arbeitsverträge geben - mit ein paar Ausnahmen, etwa für Existenzgründer und für ältere Beschäftigte. Vor allem die Arbeitgeber, die stets für laxeren Kündigungsschutz plädierten, sind darüber wenig amüsiert. "Kontraproduktiv" sei die Regelung, urteilte die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA). Es drohe ein Rückschritt "hinter die geltende Rechtslage". Am liebsten wäre Arbeitgebern die Wahl zwischen längerer Probezeit und befristeter Beschäftigung - eine Position, die auch Mittelstandspolitiker der Union teilen. "Ein schlechter Tausch" Selbst die Gewerkschaften stehen mit der Koalitions-Einigung aus dem November auf Kriegsfuß. "Wir wollen keine weitere Änderung des Kündigungsschutzes", sagt Martina Perreng, Arbeitsrechtlerin beim DGB. "Die sachgrundlose Befristung gegen einen schärferen Kündigungsschutz herzugeben, wäre ein schlechter Tausch." Dann doch besser so, wie es vor Schwarz-Rot war. Es könnte so kommen - wenn sich die Koalitionsfraktionen nicht einig werden. Nachdem in den vergangenen Monaten zahlreiche Unionspolitiker gefordert hatten, den Regierungspakt an dieser Stelle neu zu verhandeln, griff Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) nach der Notbremse: Wer sich nicht an den Koalitionsvertrag halte, der bekomme gar keine Änderung beim Kündigungsschutz. Und weil der Vertrag den Kündigungsschutz vergleichsweise genau regelt, ließ sich selbst mittels Neuauslegung der Worte nichts mehr machen. "Die Neuregelung wird sich entweder penibel am Koalitionsvertrag orientieren, oder sie wird gar nicht kommen", erwartet auch BDA-Arbeitsrechts-Experte Roland Wolf. Ein kleiner Schritt Dass der Koalitionsausschuss nächsten Montag den Kündigungsschutz überhaupt behandeln wird, ist unwahrscheinlich - auf der Tagesordnung steht er nicht. Dabei steht eine Einigung bevor: Die Union scheint auf ihre Forderungen verzichten zu wollen. Zu Beginn der "zweiten Etappe" des Regierens hatte die Kanzlerin die Parole ausgegeben, erst einmal die Abmachungen zu erfüllen. "Der Koalitionsvertrag muss konkretisiert, nicht korrigiert werden", sagt auch Ralf Brauksiepe, Chef der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales in der Unionsfraktion. "Dann muss man beobachten, wie sich das entwickelt", sagt Brauksiepe. "Aber es wird nicht ein sehr großer Schritt werden." | In Frankreich trieb das Thema Kündigungsschutz die Jugend auf die Straße - in Deutschland ließ er die Koalitionspartner zusammenrasseln. Der Union geht der Koalitionsvertrag nicht weit genug. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/steitpunkt-kuendigungsschutz-ein-schritt-vor-zwei-zurueck-1.904535 | Steitpunkt Kündigungsschutz - Ein Schritt vor, zwei zurück | 00/05/2010 |
Die Krise bei Opel zeigt, wie wenig amerikanische und europäische Managementkultur zusammenpassen. Besonders seit General Motors Deutschland ein Standortproblem bescheinigt hat, nehmen die Aversionen im transatlantischen Verhältnis zu. Die Bild-Zeitung ist besorgt: "Warum reden die Amerikaner über unseren Opel so schlecht?" Detailansicht öffnen GM bescheinigte der Bundesrepublik ein Standortproblem. Hierzulande wurde die Äußerung als Nestbeschmutzung aufgefasst. (Foto: Foto: Reuters) Der Stern druckt ein Titelbild, auf dem ein Westernstiefel ein aus Menschen gebildetes Opel-Zeichen zertritt ("Methode Wildwest"). "Bosse in die Wüste schicken" Auch Norbert Blüm, vormals CDU-Arbeitsminister und als junger Mann Werkzeugmacher bei Opel, beklagt mangelndes Verständnis bei den Managern der Opel-Muttergesellschaft: "Ich würde die Bosse in die Wüste schicken." Die Krise bei Opel macht deutlich, wie wenig deutsche und amerikanische Management-Kultur zusammenpassen. "Das ist finsterster amerikanischer Imperialismus", klagte ein Opel-Betriebsrat, nachdem General Motors (GM) in Rüsselsheim die Zügel angezogen, das deutsche Opel-Management abgeschoben und die Streichung von 10000 Jobs in Deutschland angekündigt hatte. "Wir müssen handeln", sagte GM-Konzernchef Rick Wagoner: "Wir können nicht mehr auf ein Wunder warten". Diese Kritik rührt aus tiefem Frust, den die GM-Zentrale in Detroit über die deutsche Tochter hegt, die sie bereits im Jahr 1929 kaufte, und die seit fünf Jahren Verlust macht. Einfluss in Detroit verloren Die deutschen Führungskräfte bei Opel werden von den Amerikanern als Ingenieure geschätzt. Aber als Manager, die sich schlechten Zahlen entgegenstellen, gelten die Deutschen nicht. Sie haben in Detroit massiv an Ansehen und Einfluss verloren. Umgekehrt klagen die Deutschen, dass die Amerikaner bei GM zu wenig von den Bedürfnissen einer europäischen Automarke verstünden. Rigorose Sparvorgaben aus Detroit hätten dem Image von Opel und damit dem Absatz geschadet. Ähnlich ist das Bild beim Konkurrenten Ford. Der hat 1999 den Deutschen Wolfgang Reitzle engagiert, um die Luxusmarken des Konzerns (Aston Martin, Jaguar, Volvo, Land Rover) zu führen. Nach drei Jahren sprang der Ex-BMW-Manager wieder ab. Er fand in Detroit kein Verständnis dafür, dass Automarken eine langfristige Strategie brauchen. "Die Amerikaner denken zu kurzfristig", sagt ein Automanager. "Die verstehen den europäischen Markt nicht". Schwerer Stand seit Irak-Krieg Deutschland hat bei den GM-Managern einen besonders schweren Stand. Das liegt zum Teil daran, dass das Weiße Haus, zu dem GM beste Beziehungen pflegt, die deutsche Außenpolitik seit dem Irak-Krieg kritisch sieht. Die Bundesrepublik ist bei den Amerikanern als Hochlohnland verschrien, das mit Einrichtungen wie der Mitbestimmung oder den Betriebsräten nervt, die in US-Unternehmen unbekannt sind. Die Werke in anderen Ländern hätten größere Opfer gebracht als die Deutschen, heißt es bei GM. Standortproblem Deutschland Deutlich wurde die steigende Aversion, als der Technik-Chef des Konzerns, Bob Lutz, in einem Interview über den größten Automarkt Europas herzog: "Deutschland hat ein Standortproblem". Die Opel-Belegschaft verstand diese Feststellung als Nestbeschmutzung, die der Marke Opel schadet. Aber es gibt im transatlantischen Verhältnis auch Beispiele für gelungene Anpassung von Firmen an lokale Verhältnisse. Welcher deutsche Konsument weiß schon, dass typisch deutsch erscheinende Produkte wie Tempo-Taschentücher oder Rei in der Tube oder Wick-Bonbons Produkte von US-Konzernen sind? | Die Krise bei Opel zeigt, wie wenig amerikanische und europäische Managementkultur zusammenpassen. Besonders seit General Motors Deutschland ein Standortproblem bescheinigt hat, nehmen die Aversionen im transatlantischen Verhältnis zu. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/general-motors-krach-der-kulturen-1.914159 | General Motors - Krach der Kulturen | 00/05/2010 |
Schon 70 Prozent aller Spielsachen tragen das Etikett "Made in China" - produziert wird fast ausschließlich für das Ausland. (SZ vom 18.12.03) — Es war einmal eine Zeit, da kamen der Christbaum aus dem Wald, Ravensburger Spiele aus Ravensburg und die blonde Barbie aus einer Puppenmanufaktur in Japan. Das war vor der Entdeckung Chinas durch die westliche Industrie. Also bevor das Land das wurde, was manche schon die "Werkbank der Welt" nennen. Heute produziert allein Shenzhen, das südchinesische Wachstumswunder (und Partnerstadt der deutschen Spielzeug-Metropole Nürnberg), Plastik-Christbäume für eine Milliarde Dollar im Jahr. Und schätzungsweise jedes zweite Spielzeug, das deutsche Familien an Heiligabend unter ihren Baum legen, stammt aus China. Das ist im globalen Vergleich nicht einmal Spitze: Weltweit tragen schon 70 Prozent allen Spielzeugs das Etikett "Made in China". Lange Tradition Deutschland hat eine lange Tradition in der Spielzeugherstellung und ist noch immer stark in der Branche. In der Bundesrepublik aber stagnierte die Produktion im zurückliegenden Jahrzehnt. In China hingegen ging es steil nach oben. Noch 1990 meldete das Land keine zwei Milliarden Dollar an Spielzeug-Exporten - im vergangenen Jahr waren es der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge schon knapp zehn Milliarden. Fast ein Zehntel davon geht nach Deutschland. Der Aufstieg Chinas zum weltgrößten Spielzeug-Hersteller ist eingebettet in das rasante Wachstum der gesamten Exportwirtschaft in den letzten Jahren: Für das erste Halbjahr 2003 meldeten Chinas Exporteure ein Plus von mehr als 30 Prozent. Billige Arbeitskräfte Dabei darf man eines nicht übersehen: Hier drücken keineswegs chinesische Firmen ihre Produkte auf den Weltmarkt; Schätzungen zufolge geht mehr als die Hälfte des chinesischen Exports auf das Konto ausländischer Firmen. Sie alle sind nach China gewandert vor allem aus einem Grund: weil es dort billige Arbeitskräfte im Überfluss gibt. Es sind also amerikanische, japanische und auch deutsche Waren, die aus China in alle Welt gehen. Für die Spielzeugindustrie gilt das noch mehr als für andere Branchen. In den sechziger Jahren ließen die großen US-Konzerne zunächst in Japan produzieren (die erste Barbie-Puppe des Herstellers Mattel erblickte 1959 dort das Licht der Welt), hernach zogen sie weiter nach Südkorea, Taiwan und Hongkong, stets dorthin, wo Arbeitskraft noch billiger zu haben war. Übliches Muster Und schließlich landeten sie in China. In der Regel funktioniert die Produktion heute nach folgendem Muster: Die amerikanische (japanische, deutsche) Firma bestellt bei einem Hongkonger Lieferanten; der wiederum beauftragt seine Vertragsfabrik in China. Dass eine Firma zu hundert Prozent in europäischer Hand ist (siehe oben), ist die Ausnahme. In den letzten Jahren explodierte die Zahl solcher Fabriken in China. Die Konkurrenz und damit die Preisdrückerei ist riesig: Zwischen acht- und zehntausend Spielzeugfabriken soll es mittlerweile in China geben, in deren Hallen sind zwischen zwei und drei Millionen Menschen damit beschäftigt, der Welt hinterglasbemalte Christbaumkugeln, singende Nussknacker und blinkende Weihnachtsmann-Mützen zu bescheren. Wandern deshalb aus Deutschland Arbeitsplätze ab? Klaus Heidel von der kirchlich finanzierten "Werkstatt Ökonomie" in Heidelberg, ein kritischer Beobachter von Chinas Spielzeugindustrie, glaubt das nicht: "Man kann auch anders herum argumentieren", sagt er. "Zum Beispiel im Fall der Modell-Eisenbahnen: Da könnten die deutschen Hersteller ohne die billige Zulieferung elektronischer Teile aus China vielleicht gar nicht überleben." Kaum eigene Marken Fast immer ist die Spielzeug-Herstellung Lohnarbeit fürs Ausland. Der staatlichen Presse zufolge produzieren nur 200 der vielen tausend Firmen für den heimischen Markt; eigene Marken, die auch für den Export taugen, hat China bislang kaum entwickelt. Chinesisches Spielzeug sei "altmodisch", klagt Xinhua. Angesichts des großen Geschäfts, das da über ihr Land abgewickelt wird, wurmt das die Chinesen natürlich, und so bemühen sie sich, dies zu ändern: Die Fakultät für Spielzeugdesign an der Technischen Universität Tianjin, Chinas erste, meldete dieses Jahr, ihr würden die Absolventen aus den Händen gerissen: "Ich weiß gar nicht, wie wir mit der Nachfrage Schritt halten sollen", sagt Dekan Jin Guifang. | Schon 70 Prozent aller Spielsachen tragen das Etikett "Made in China" - produziert wird fast ausschließlich für das Ausland. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/china-die-spielzeug-schmiede-der-welt-1.915832 | China - Die Spielzeug-Schmiede der Welt | 00/05/2010 |
Etwa 4400 Gläubiger haben Forderungen an BenQ mobile angemeldet - mit geringen Chancen auf Erfolg. Ein halbes Jahr nach der Pleite sitzt der Handyhersteller BenQ mobile auf einem riesigen Schuldenberg. Insolvenzverwalter Martin Prager erklärte am Mittwoch vor rund 400 Gläubigervertretern in München, bisher hätten rund 4350 Gläubiger insgesamt etwa 1,2 Milliarden Euro von dem Unternehmen gefordert. Dem stehe ein Vermögen von 300 Millionen Euro gegenüber. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: dpa) Allein 3500 der Gläubiger sind nach Pragers Angaben ehemalige Mitarbeiter, die insgesamt 27 Millionen Euro an Gehältern, Renten und anderen Zahlungen fordern. Genaue Angaben zur Ausschüttungsquote konnte der Insolvenzverwalter den Gläubigern, darunter auch viele Lieferanten, zunächst nicht machen. Offene Forderungen Eine konkrete Prognose, welchen Anteil ihrer Forderungen sie zurückerhalten würden, sei zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich. "Ich gehe aber davon aus, dass sich die Quote im zweistelligen Bereich bewegen wird." Das sei angesichts üblicher Quoten zwischen drei und fünf Prozent schon beachtlich. Bereits vor der Versammlung, die auf Wunsch der Gläubiger öffentlich stattfand, hatten viele von ihnen wenig Hoffnung gezeigt, einen Großteil ihres Geldes wiederzubekommen. Prager hatte im Februar die Zerschlagung und den Verkauf verwertbarer Reste des Handyherstellers angekündigt. Kein Käufer in Sicht Bis dahin hatte der Insolvenzverwalter trotz Verhandlungen mit rund 30 ernsthaften Interessenten keinen Käufer gefunden. Die endgültige Abwicklung des Unternehmens wird voraussichtlich Jahre in Anspruch nehmen. Nach Angaben des Insolvenzverwalters haben von den einst 3100 Mitarbeitern inzwischen rund 240 einen neuen Job gefunden. Etwa 2320 seien noch in Transfergesellschaften. Kritik an Siemens In seinem Bericht zum Stand des Insolvenzverfahrens kritisierte Prager Siemens und den taiwanischen Mutterkonzern von BenQ scharf. Dieser hatte Mitte 2005 das hochdefizitäre Handy-Geschäft des Münchner Elektronikkonzerns zusammen mit einer Millionenmitgift übernommen. "Meines Erachtens fehlte bei Siemens bei diesem Markengeschäft das Markengespür", sagte Prager. Das Unternehmen habe den Endkunden "nicht auf dem Radarschirm" gehabt. BenQ wiederum habe sich mit der Übernahme der Siemens-Handysparte völlig übernommen und sich dann in einer "Kurzschlusshandlung" zur Insolvenz des deutschen Geschäfts entschieden. Schlechte Konzernstrukturen Prager erklärte, die Rettung von BenQ mobile sei auch an den "wilden Strukturen" des Gesamtkonzerns mit Zwischenholdings gescheitert. So habe die deutsche Gesellschaft zwar wichtige Koordinierungsaufgaben innerhalb des Konzerns übernommen, Produktionsgesellschaften in Billiglohnländern hätten aber anderen Schwestergesellschaften unterstanden. Darum habe er keinen Zugriff auf Geschäfte gehabt, die für potenzielle Käufer interessant gewesen seien, kritisierte Prager. Andererseits fehle aber mit der Insolvenz der deutschen Gesellschaft auch dem BenQ-Mutterkonzern nun ein wesentlicher Teil seines Geschäfts. "Ich bin der Meinung, dass BenQ das Geschäft bis heute nicht begriffen hat", erklärte der Insolvenzverwalter. | Etwa 4400 Gläubiger haben Forderungen an BenQ mobile angemeldet - mit geringen Chancen auf Erfolg. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/enormer-schuldenberg-insolventer-handy-riese-1.901607 | Enormer Schuldenberg - Insolventer Handy-Riese | 00/05/2010 |
Nachdem Hartmut Mehdorn der Kopf gewaschen wurde, wollen jetzt wieder alle nett zueinander sein. Doch die Bahn bleibt ein Politikum. Hartmut Mehdorn hat im Verkehrsausschuss des Bundestages den Kopf gewaschen bekommen. So muss man jedenfalls deuten, was aus der Sitzung vom Mittwoch an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Jetzt aber wollen alle wieder nett zueinander sein - der Chef der Bahn AG und seine Kritiker. Wie so etwas eben läuft in Berlin. Und weil man weiß, wie es läuft, lässt sich ohne großes Risiko vorhersagen, dass die Bahn in den Schlagzeilen bleiben wird. Sie ist und bleibt ein Politikum, nicht nur weil sie dem Bund gehört, sondern auch, weil Politiker hier ihre Sonderinteressen verfolgen und weil Millionen Deutsche ihre Bahn leidenschaftlich lieben oder hassen. An jedem Kleinstadtbahnhof hängen Emotionen, im Übrigen kann bei dem Thema jeder mitreden, der schon einmal eine Ewigkeit auf einem zugigen Bahnsteig warten musste. Und wer musste das nicht? Auch deshalb ist Mehdorns großes Projekt, der Börsengang der Bahn, emotional so aufgeladen. Wird die Bahn künftig nur noch den Shareholdern dienen und nicht mehr den Kunden? Werden die Mitarbeiter zum Opfer der Kapitalmarktinteressen und/oder von Mehdorns Prestigedenken? Logische Konsequenz der Bahnreform: der Börsengang Angesichts all dieser Befürchtungen drohen einige einfache Wahrheiten unterzugehen. Zum Beispiel die Tatsache, dass auch die schärfsten Kritiker Mehdorns die Bahnreform nicht mehr rückgängig machen wollen, also die Entstaatlichung der Bundesbahn vor zehn Jahren und deren Umwandlung in ein - mehr oder minder - normales Unternehmen. Ohne die Reform wäre die Bahn längst zu einem unkalkulierbaren Risiko für den Bundeshaushalt geworden, und man kann nur ahnen, was dies für HartzIV, den Stabilitätspakt oder die Steuern bedeutet hätte. Die Reform hat die Bahn radikal verändert: Die Produktivität ist um 150 Prozent gestiegen, viele Züge sind schneller geworden, die Bahnhöfe schöner. Rund 150.000 Mitarbeiter haben die Bahn verlassen - ohne soziale Härten und ohne massive Konflikte mit den Gewerkschaften. Die logische Konsequenz der Bahnreform ist der Börsengang, wann immer er auch kommen mag. Der Effizienzdruck geht weiter, aber dies ist, anders es zum Beispiel die Bahngewerkschaft Transnet in der Öffentlichkeit darstellt, nicht in erster Linie dem beabsichtigten Börsengang geschuldet. Die Sache ist genau umgekehrt: Die Bahn muss effizienter werden, weil sie in einem heftigen Wettbewerb steht, in jüngster Zeit vor allem durch die Billigflieger, weil sie sich im zusammenwachsenden Europa neu ausrichten muss - und natürlich auch, weil der Staat kein Geld mehr hat. Deshalb ist es ein logisches und zwingendes Ziel, die Bahn so rentabel zu machen, dass Anleger ihr Geld freiwillig dem Unternehmen als Eigenkapital zur Verfügung stellen. Ob und wann die Bahn an die Börse geht, hat der Eigentümer zu entscheiden, also der Bund. Aber Hartmut Mehdorn würde seinen Job verfehlen, versuchte er nicht, die Bahn zu einem klar festgelegten Termin börsenfähig zu machen. Schlechtes Vorbild Großbritannien Wohl wahr, die Bahn, genauer: das Schienennetz in Deutschland, wird auch in Zukunft Geld vom Staat brauchen. Aber das reicht nicht. Für den Ausbau der Infrastruktur ist auch privates Kapital nötig, und dafür muss die Bahn dort präsent sein, wo dieses Kapital gehandelt wird, an der Börse. Kommt das Kapital nicht freiwillig, müssen es die Steuerzahler aufbringen, oder aber das Schienennetz bleibt eben im Wettbewerb zurück. Will man dies vermeiden, dann muss der Bund als Eigentümer schnell die wichtigste offene Frage der Privatisierung beantworten: Sollen die Schienen unternehmerisch bei der Bahn bleiben oder nicht? Die erste Lösung würde das Unternehmen Bahn stärken, die zweite den Wettbewerb auf den Schienen. Bei der Debatte um den Börsengang schaut die deutsche Öffentlichkeit gerne auf ein besonders schlechtes Beispiel: Großbritannien. Dort ist die Bahnreform deshalb gescheitert, weil das Schienennetz schon vor der Reform marode war und die Unternehmen keinerlei Anreize haben, in die Infrastruktur zu investieren. Es gibt aber auch ein positives Modell: Japan. Dort werben viele private Bahngesellschaften um Kunden, einige davon sind gefragte Börsenwerte, der Erfolg des schnellen "Shinkansen" ist mittlerweile legendär. Das japanische Beispiel lässt sich sicher nicht direkt auf die deutschen Verhältnisse übertragen. Aber es zeigt, dass Bahnen effizient und börsenfähig sein können. Wenn man aus dem jüngsten Wirbel um Mehdorn etwas lernen kann, dann dies: Das Unternehmen Bahn muss weiter entpolitisiert werden. Die Bundesregierung muss ihre Rolle als Eigentümerin entschlossen wahrnehmen; dazu gehört auch, dass sie das Unternehmen vor sozial-, regional- oder sonst wie politischen Zugriffen schützt. Eine wettbewerbsfähige Bahn gehört einfach zu einer modernen Infrastruktur in der Mitte Europas, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gut möglich, dass Hartmut Mehdorn mit seinem Ego viel Porzellan zerschlagen hat, dass einige seiner Briefe besser ungeschrieben geblieben wären und dass sein Tonfall im Umgang mit Politikern oft nicht stimmte. Aber kann man den Job als Bahnchef ohne ein besonders großes Ego überhaupt ausüben? | Nachdem Hartmut Mehdorn der Kopf gewaschen wurde, wollen jetzt wieder alle nett zueinander sein. Doch die Bahn bleibt ein Politikum. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-geliebte-bahn-1.906588 | Kommentar - Geliebte Bahn | 00/05/2010 |
Zeitarbeitsfirmen haben mehr Bewerber, Tankstellen finden einen Tankwart, Bauern schicken bald deutsche Staatsbürger zur Ernte - die Arbeitsmarktreformen wirken. Für alle, die in Deutschland Eigeninitiative fordern, Selbstverantwortung und Engagement, für all die ist Alfons Huber ein Musterbeispiel. Vor acht Jahren verlor er seine Stellung als Bauingenieur, heute ist er 60 Jahre alt und will sich trotzdem nicht aufgeben. Detailansicht öffnen Radieschenernte in Rheinland-Pfalz. Schon bald wieder mehr deutsche Staatsbürger auf dem Feld? (Foto: Foto: dpa) Arbeitslosengeld II, Hartz IV - für Huber sind das Reizwörter, gleichbedeutend mit "doppelbödiger Politik", "Unverschämtheit" und "sozialer Ungerechtigkeit". Einmal in Fahrt hört er gar nicht mehr auf zu reden, die Arme fuchteln hin und her, Huber ist in Rage. Gleichzeitig sagt er aber auch etwas, was die Schöpfer der Arbeitsmarktreformen gerne hören werden: "Ich starte noch einmal einen neuen Anlauf." Schwierig genug Huber will jetzt Arbeit finden in seiner Stadt Nürnberg, wo die Situation zwar längst nicht so verfahren ist wie in Ostdeutschland. Bei einer Arbeitslosenquote von 10,9 Prozent ist die Aufgabe allerdings schwierig genug. Alfons Huber, der im wirklichen Leben ganz anders heißt, weil er wie alle anderen Arbeitsuchenden und Arbeitnehmer in diesem Text ihren Namen nicht in der Zeitung sehen wollen, dieser Mann hat nach 1996 schon einmal versucht, vom Staat nicht mehr abhängig zu sein. Als Selbstständiger verkaufte er Versicherungspolicen, doch als das nach drei Jahren auch nicht mehr funktionierte, meldete er sich im Arbeitsamt. Heute bekommt er 800 Euro Arbeitslosenhilfe - von Januar an wären es 345 Euro Arbeitslosengeld (Alg) II plus Heizkosten. Da er in einer Eigentumswohnung lebt, fiele der Mietzuschuss weg. Das wäre noch nicht das Schlimmste, sagt er, auch wenn er den künftigen Betrag als "existenzbedrohend" bezeichnet. Am meisten hat er jedoch Angst um seine Lebensversicherung, mit der er eigentlich für das in drei Jahren beginnende Rentenalter vorsorgen wollte und die durch Hartz IV nicht mehr vor dem Zugriff der Behörden geschützt ist. Gar nicht erst beantragen Also will er das Alg II erst gar nicht beantragen, will sich am 1. Januar wieder selbstständig machen, wieder als Bauingenieur, und wenn das nicht klappt, "dann muss ich etwas anderes finden, was tragbar ist". Altenpflege, Wohnungsrenovierung oder Hausmeisterdienst. Irgendwas, Hauptsache nicht noch weiter nach unten rutschen. Die Zahl der Menschen mit der Einstellung eines Alfons Huber wird in diesen Tagen - wenige Monate vor dem Start von Hartz IV im Januar 2005 - offenbar größer. Es ist die Unsicherheit, die Angst vor der Zukunft, der drohende finanzielle Druck, der viele Arbeitslose aufschreckt und in die Offensive drängt, so oder so: Sie protestieren am Montagabend auf der Straße gegen die Reformen, oder sie bewerben sich für noch mehr Stellen und gehen dabei zunehmend mit ihren finanziellen und qualitativen Ansprüchen herunter. Noch ist die Zahl nicht groß genug, um den starren Arbeitsmarkt in seinen Grundfesten zu erschüttern, doch in einigen Bereichen ist ein merkliches Rütteln zu spüren. Helga Lorenz drückt das so aus: "Die Leute kommen endlich ins Tun." Sie betreibt in Nürnberg die größte Zeitarbeitsfirma und hat schwere Zeiten erlebt. Synonym für "Chance" Als Ende 2001 die Situation auf dem Arbeitsmarkt schwieriger wurde, musste sie Mitarbeiter entlassen, Löhne kürzen und auf Rücklagen zurückgreifen. Bei den Begriffen Arbeitslosengeld II und Hartz IV wird auch sie emotional, hört minutenlang nicht mehr auf zu reden. Doch bei ihr sind das Synonyme für "Chance", für "Bewegung", für "Aufschwung". Um zehn Prozent hat das Geschäft der Lorenz-Zeitarbeit GmbH seit Frühling zugenommen, eine neue Abteilung für Technikberufe wurde gegründet. Die Zahlen der Bewerber steigen, vor allem im Niedriglohnbereich, und Helga Lorenz sieht vornehmlich einen Grund dafür: "Die Leute, die sich bei uns vorstellen, haben plötzlich eine ganz andere Einstellung." Auch heute scheiterten Vermittlungen mitunter daran, weil Bewerbern eine Stelle im 20 Kilometer entfernten Erlangen zu weit weg ist, oder weil sie nicht von ihren Gehaltsvorstellungen abrücken. Doch das wird mehr und mehr die Ausnahme. Viele Antragsteller sind heute bereit, Umstände hinzunehmen, die sie früher nicht akzeptiert hätten. Diese Entwicklung trifft auch Akademiker, hoch qualifizierte Menschen wie Laura Müller. Sie ist jung, 28 Jahre alt, hat ein sicheres Auftreten, eine Banklehre gemacht, ihr Jurastudium abgeschlossen und Fremdsprachen gelernt. Da draußen wartet niemand Man könnte meinen, ihr steht die Arbeitswelt offen, doch sie musste erkennen, dass niemand da draußen auf sie wartet. Ein paar Wochen nach dem Abschluss war sie arbeitslos, lief regelmäßig zu Nürnberger Jobbörsen und schrieb etwa 40 Bewerbungen. Doch es nutzte alles nichts, meistens bekam sie gar keine Antwort. Über eine Zeitarbeitsfirma kam sie dann als Urlaubsvertretung in die Norisbank und hat es geschafft, demnächst fest übernommen zu werden. Als Assistentin in der zweiten Führungsebene, in einem Job, "für den normalerweise eine kaufmännische Ausbildung reicht", sagt Gabriele Bochmann, Leiterin der Personalberatung der Bank. Warum Laura Müller das macht? "Von irgendwas muss ich ja leben", sagt sie. Das hat sich vermutlich auch der Diplom-Betriebswirt gedacht, der von 1. Oktober an im Call Center der Norisbank anfängt. "Ein Akademiker auf so einem Posten, das war vor ein paar Jahren noch undenkbar", sagt Bochmann. | Zeitarbeitsfirmen haben mehr Bewerber, Tankstellen finden einen Tankwart, Bauern schicken bald deutsche Staatsbürger zur Ernte - die Arbeitsmarktreformen wirken. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hartz-iv-und-die-folgen-die-billig-jobber-kommen-1.902164 | Hartz IV und die Folgen - Die Billig-Jobber kommen | 00/05/2010 |
Im ungebremsten Höhenflug hat O2 den dritten Rang am deutschen Markt erreicht. Der Umsatz stieg um 26 Prozent, der Kundenstamm des Unternehmens erhöhte sich sogar um ein Drittel auf acht Millionen Nutzer. Die Wettbewerber T-Mobile und E-Plus hatten in den vergangenen Wochen nur magere Zuwächse präsentiert, so dass sich einige Beobachter schon fragten, ob der Markt langsam gesättigt sei. Doch O2s Zahlen sehen nicht danach aus. Der jüngste deutsche Mobilfunkbetreiber verbuchte alleine von Januar bis März 578.000 Neukunden, so viele wie noch nie zuvor im Frühjahrsquartal. 211.000 der Neuzugänge schlossen einen Laufzeitvertrag ab, 261.000 kauften eine vorausbezahlte (Prepaid-) Karte. Dazu dazu kamen noch 106.000, die sich ein Tchibo-Handy zulegten und damit ebenfalls über das Netz der Münchner telefonieren. Im Gesamtjahr gewann O2 zwei Millionen Neukunden dazu. Nutzerzahl noch geringer, Gewinn schon höher Mit acht Millionen Teilnehmern liegt die Firma zwar immer noch deutlich hinter E-Plus (9,65 Millionen), doch die Münchner nehmen pro Kopf mehr ein - und nun auch in der Summe. O2-Chef Rudi Gröger hat tatsächlich seine Ankündigung wahr gemacht: "Wir sind in Deutschland die Nummer drei." Innerhalb eines Jahres hat das Unternehmen seinen Marktanteil beim Umsatz um 1,7 Prozentpunkte auf zwölf Prozent gesteigert. Bei den Kopfzahlen wird E-Plus aber wohl noch eine Weile vorne bleiben. Für die nächsten eineinhalb Jahre sei die Zehn-Millionen-Marke das Ziel, sagte Gröger: "Ich glaube nicht, dass wir da jemanden überholen." Das Mobilfunkgeschäft sei immer noch ein Wachstumsmarkt, sagte der O2-Boss. Alleine in diesem Jahr würden 15 bis 20 Millionen Menschen hierzulande neue Prepaid-Karten kaufen oder Laufzeitverträge schließen. Zunehmender Verdrängungswettbewerb Allerdings seien zwei Drittel davon Wechsler: "Der Markt befindet sich zunehmend in einem Verdrängungswettbewerb." O2 werde im laufenden Jahr versuchen, 1,5 Prozentpunkte Marktanteil dazu zu gewinnen, vielleicht auch 1,7 Punkte. Sehr viel mehr soll es aber nicht werden: Unter Gesichtspunkten der Profitabilität sei kontrolliertes Wachstum wichtig. Wenn O2 2005/2006 weiterhin so dynamisch wachse, will er die Belegschaft um ein Zehntel aufstocken. Derzeit arbeiten dort mehr als 3900 Menschen. | Im ungebremsten Höhenflug hat O2 den dritten Rang am deutschen Markt erreicht. Der Umsatz stieg um 26 Prozent, der Kundenstamm des Unternehmens erhöhte sich sogar um ein Drittel auf acht Millionen Nutzer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mobilfunk-netzbetreiber-o2-zieht-an-e-plus-vorbei-1.900246 | Mobilfunk-Netzbetreiber - O2 zieht an E-Plus vorbei | 00/05/2010 |
Übergriffe, Tätlichkeiten, harte juristische Bandagen: Der Konflikt bei der Bahn wird nicht mehr nur auf der juristischen, sondern auch auf der menschlichen Ebene ausgetragen. Günter Kirchheim, Chef des Konzernbetriebsrats der Deutschen Bahn (DB), hat einen Brief an Margret Suckale, die im DB-Vorstand fürs Personal zuständig ist, geschrieben - und darin von üblen Auseinandersetzungen berichtet, von Übergriffen und Tätlichkeiten. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: dpa) "Es kann nicht angehen, dass Mitarbeiter aus Angst vor Übergriffen nicht wagen, ihre Arbeitsplätze einzunehmen oder die Sozialräume zu betreten", schrieb Kirchheim am Mittwoch dieser Woche an Suckale. Unter Übergriffen verstand er Beleidigungen, unter Tätlichkeiten die "Anwendung körperlicher Gewalt". Er nannte jedoch keine Beispiele. Ist dies nur ein abgekartetes Spiel zwischen dem Briefeschreiber und der Empfängerin, mit der die Lokführer-Gewerkschaft GDL in die unseriöse, die militante Ecke gedrängt werden soll? Offensichtlich ist jedenfalls, dass der Tarifkonflikt längst nicht mehr nur zwischen dem Unternehmen und der GDL ausgetragen wird, sondern auch zwischen den Mitarbeitern. "Zunehmend aggressiver gegenüber unseren Leuten" Fast einen Monat ist es nun schon her, dass sich die DGB-Gewerkschaft Transnet sowie die Eisenbahner-Gewerkschaft GDBA (die zum Beamtenbund gehört) mit der Bahn auf 4,5 Prozent Lohnerhöhung geeinigt haben - und beide Gewerkschaften versuchen, die GDL als unsolidarisch erscheinen zu lassen. Kirchheim gehört der Transnet an. Die hat am Freitag eine Unterschriftenaktion bei den Bahnmitarbeitern gestartet. Ihre Parole: "So nicht, GDL!" Und bei der GDBA wird der Konkurrenz von den Lokführern vorgeworfen, sie trete "zunehmend aggressiver gegenüber unseren Leuten" auf. Zumindest sind die Diskussionen unter den Eisenbahnern nichts für empfindsame Seelen. Wobei die GDL den Verdacht, Streikbrecher mit Gewalt von der Arbeit abhalten zu wollen, vehement zurückweist. Mit solchen - unbewiesenen - Vorwürfen solle die GDL unter Druck gesetzt werden, sagt Mario Reiß, Betriebsrat beim Güterverkehr in Leipzig. Der GDL-Funktionär nimmt für seine Gewerkschaft das Recht an Anspruch, "mit Streikbrechern zu reden", um sie davon abzuhalten, "sich missbrauchen zu lassen." Die GDL achtet darauf, sich dabei nicht angreifbar zu machen. Gefälschtes Flugblatt im Umlauf "Hindert arbeitswillige Mitarbeiter nicht mit unverhältnismäßigen Mitteln (Gewalt) am Zutritt", heißt es in ihren Verhaltensrichtlinien für das Fahrpersonal. Von diesem Flugblatt sind mittlerweile Fälschungen im Umlauf - das Wort "nicht" fehlt darin. Es kann sich jeder selbst ausmalen, wer wiederum an dieser Form der Diskreditierung ein Interesse hat. Unterdessen scheint der Elan der Bahn etwas nachgelassen zu haben, in dem Konflikt mit juristischen Mitteln zu punkten; möglicherweise hängt dies auch mit dem Versuch vom Freitag zusammen, doch noch eine Verhandlungslösung zu schaffen. Zuvor hatte sie bei Arbeitsgerichten im ganzen Land versucht, sowohl die Urabstimmung der GDL über den Streik als auch den Streik als solchen verbieten zu lassen. Erfolg hatte sie damit nur beim Arbeitsgericht Düsseldorf. Richter Markus Krause begründete sein Verbot unter anderem damit, dass es zwischen Bahn und GDL keine Kampfparität gebe. "Der Arbeitgeber könnte auf einen Streik nicht selbst mit Arbeitskampfmitteln angemessen reagieren, weil er Mitglieder der konkurrierenden Gewerkschaften nicht aussperren dürfte." Der Richter dachte damit offensichtlich an Eskalationsstufen, die nicht einmal der Bahnchef im Sinn hatte. Nur Lokführer der "DB Regio NRW" dürfen nicht streiken Vor allen anderen Arbeitsgerichten drang das Unternehmen nicht durch. In Flensburg, Hagen, Stuttgart und Mainz erklärten sich die Richter für örtlich unzuständig und verwiesen den Streit nach Frankfurt am Main, weil dort die GDL ihren Sitz hat. Die Bahn kündigte daraufhin an, "unverzüglich" ihre Anträge in Frankfurt neu einzureichen - am Freitagmittag, zu Büroschluss, lag dort jedoch nur ein einziger vor, und zwar von der Tochterfirma "DB Autozug". Über ihn wird am kommenden Montag um zehn Uhr verhandelt. Sollte der Antrag dort zurückgewiesen werden und sollte es dabei bleiben, dass die GDL das Gesprächsangebot der Bahn ausschlägt, dann dürfte es von Mittwoch an bundesweit Streiks geben. Verboten wäre die Arbeitsniederlegung dann nur den Beschäftigten der Bahn-Tochter "DB Regio NRW", die vom Düsseldorfer Richter Krause Recht bekommen hat. S-Bahn, Regionalbahn und Regionalexpress wären in dem Bundesland also nicht beeinträchtigt - bei IC und ICE hingegen wäre mit Ausfällen zu rechnen. Wie überall in Deutschland. | Übergriffe, Tätlichkeiten, harte juristische Bandagen: Der Konflikt bei der Bahn wird nicht mehr nur auf der juristischen, sondern auch auf der menschlichen Ebene ausgetragen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tarifverhandlungen-bei-der-bahn-mit-elan-in-die-sackgasse-1.898443 | Tarifverhandlungen bei der Bahn - Mit Elan in die Sackgasse | 00/05/2010 |
Im Zusammenhang mit den Fehlspekulationen von Aktienhändlern der WestLB sind viele Fragen an Thomas Fischer, den Chef der Landesbank, gestellt worden - und der gibt keine Antwort. Wer es nicht gut meint mit Thomas Fischer, empfindet in diesen Tagen leisen Spott über den Werbeauftritt seines Arbeitgebers WestLB. Die preist sich als "Bank der neuen Antworten'' - eine Selbstbeschreibung, bei der vielen Beobachtern der Auftritt von Fischer im Finanzausschuss des Landtages von Nordrhein-Westfalen in der vergangenen Woche in Erinnerung kommt. Dort hatten die Abgeordneten im Zusammenhang mit den Fehlspekulationen von Aktienhändlern der WestLB viele Fragen an den Chef der Landesbank gestellt - ohne dass dieser eine Antwort gegeben hätte. Fischer liebt den inszenierten Auftritt Wenn das Gremium an diesem Freitag erneut zusammenkommt, wird sich Fischer nicht noch einmal befragen lassen. Wegen der Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Finanzaufsicht könne er nicht in vollem Umfang Auskunft geben, hat er der Ausschuss-Vorsitzenden Anke Brunn in einem Brief mitgeteilt. So schmallippig gibt sich der promovierte Volkswirt sonst selten. Fischer, der im Oktober 60 wird, liebt den inszenierten Auftritt. Dann zupft er die gestärkten Manschetten zurecht, prüft den korrekten Sitz seiner im konservativen Bankgewerbe meist als zu grell empfundenen Krawatte und beweist mit wohlgesetzten Worten, dass er nicht nur mit Äußerlichkeiten aufzufallen versteht. Fischer ist ein brillanter Redner, der an tiefsinnigen Zitaten - gerne auch in englischer oder französischer Sprache - nicht spart und es versteht, ein Publikum für sich einzunehmen. Die Blendwirkung solcher Auftritte lasse natürlich mit der Zeit nach. Der WestLB-Chef sei zwar ein kluger Kopf, aber zuvorderst ein eitler Selbstdarsteller, behaupten Kritiker. Als Indiz dafür wird gern erzählt, wie Fischer sich über die seiner Meinung nach falsche Beschreibung seiner Schuhfarbe so aufregte, dass er einen Prozess anstrengte. Zweite Baustelle: RWE Solche Sticheleien konnte der WestLB-Chef lange Zeit an sich abprallen lassen. Denn bei vielen Anekdoten, die über ihn kursierten, war immer auch eine Portion Missgunst im Spiel. Schließlich hat der Banker, der früher aktiver Boxer war, eine stolze Karriere absolviert. Als ihm bei der Landesbank Baden-Württemberg der rasche Wechsel auf den Chefposten verwehrt wurde, wechselte er 1999 in den Vorstand der Deutschen Bank. Dort hatte er einst seine Bankkarriere begonnen. Nach nur drei Jahren verließ er die Frankfurter Bank zum zweiten Mal: im Streit über die Führungsstruktur und aus Enttäuschung, dass der Aufsichtsrat nicht ihn, sondern Josef Ackermann auf den Chefsessel berufen hatte. Als dann 2003 in Düsseldorf ein Bankier gesucht wurde, der die nach Einschätzung vieler Aufsichtsräte "klinisch tote'' WestLB wiederbeleben könnte, war Fischer die Idealbesetzung - aufgrund seiner Erfahrungen und Kontakte sowohl im privaten als auch öffentlich-rechtlichen Bankgewerbe. Bei der WestLB baute er bald nach Amtsantritt ein Risikomanagement auf. Zu dessen Qualität haben nach den jüngsten Fehlspekulationen insbesondere die Eigentümer viele Fragen. Die WestLB ist Opfer Vor allem diese: Warum der Vorstand die drohenden Verluste nicht früher bemerkt hat, wollten die Aufsichtsräte in einer außerordentlichen Sitzung am Mittwoch wissen. Fischer will sie bald öffentlich beantworten. "Die WestLB ist weder Täter noch verschweigt sie etwas - sie ist Opfer und klärt auf", sagt er schon jetzt. Eine andere Großbaustelle hat Fischer allerdings noch als Vorsitzender des Aufsichtsrates beim Energiekonzern RWE. Dort will er Vorstandschef Harry Roels durch den Stahlindustriellen Jürgen Großmann ersetzen. Als Fischer im Februar zum Erstaunen der Energie- und Stahlbranche plötzlich den politisch gut vernetzten Großmann aus dem Hut zauberte, wurden ihm im RWE-Turm Macherqualitäten attestiert. Vorschnell, wie sich in den letzten Wochen zeigte. Roels will seinen Vertrag bis Ende Januar 2008 erfüllen. Fischer und mit ihm der gesamte RWE-Konzern fürchten aber ein Machtvakuum. Großmann soll also früher kommen. Den neuen Mann konnte Fischer hierfür gewinnen, den "alten" bislang aber nicht loswerden. Roels ließ sich auf der RWE-Hauptversammlung in der vergangenen Woche von den Aktionären sogar feiern und verkündete stolz, er werde seinen Vertrag erfüllen. Fischer stimmte in das Loblied ein und versicherte, Verträge würden bei RWE eingehalten. "Punktum''. Allein damit dürfte der Abschied von Roels einige Millionen Euro teurer geworden sein. | Im Zusammenhang mit den Fehlspekulationen von Aktienhändlern der WestLB sind viele Fragen an Thomas Fischer, den Chef der Landesbank, gestellt worden - und der gibt keine Antwort. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-imageschaden-der-westlb-bank-der-neuen-antworten-1.916141 | "Der Imageschaden der WestLB - ""Bank der neuen Antworten""" | 00/05/2010 |
Die Bundesregierung wird die steuerfreien Zuschläge für Fußball-Profis und andere Besserverdiener drastisch einschränken. Bei Fußballspielen am Abend dürfen nur noch maximal 12,50 Euro pro Stunde steuerfrei ausgezahlt werden. Bei Sonntagseinsätzen sind höchstens 25 Euro erlaubt. (SZ vom 08.10.03) - Finanzminister Hans Eichel will durch eine entsprechende Änderung des Paragraphen 3b im Einkommensteuergesetz verhindern, dass die Klubs ein Steuerprivileg nutzen, dass seiner Ansicht nach vor allem für Krankenschwestern, Schichtarbeiter und andere Geringverdiener geschaffen wurde. Insbesondere der Fall Borussia Dortmund hatte in den vergangenen Wochen eine heftige öffentliche Debatte ausgelöst; der Klub zahlt Spielern wie Christian Wörns und Marcio Amoroso, die gut vier Millionen Euro verdienen, bei Sonntags- oder Abendeinsätzen einen Teil des Salärs als steuerfreien Zuschlag aus. Manager Michael Meier zufolge spart der börsennotierte Klub dadurch rund 1,5 Millionen Euro im Jahr. Eichel hatte dies im September heftig kritisiert: "Das können wir nicht hinnehmen. Das wollen wir nicht." "Für hart arbeitende Bürgerinnen und Bürger" Ähnlich hatten sich Fraktionsvize Joachim Poß, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck sowie CSU-Chef Edmund Stoiber geäußert. Die Steuererleichterung für Sonn-, Feiertags- und Nachtzuschläge sei, erklärte Stoiber, "für hart arbeitende Bürgerinnen und Bürger geschaffen worden, und nicht für Fußball-Millionäre". Nach dreiwöchiger Suche haben die Experten des Bundesfinanzministeriums nun eine Lösung für das Kicker-Problem gefunden; der entsprechende Gesetzentwurf, den die Fraktionen von SPD und Grünen in das ohnehin geplante "Steueränderungsgesetz 2003" einarbeiten wollen, liegt der Süddeutschen Zeitung vor und soll bereits in der nächsten Woche vom Bundestags-Finanzausschuss beraten werden. Dem neuen Paragraphen 3b zufolge dürfen die Klubs bei der Berechnung der Zuschläge nur noch einen Stundenlohn von "höchstens 50 Euro" zu Grunde legen - selbst dann, wenn das Salär tatsächlich wesentlich höher ist. Auf diesen fiktiven Lohn dürfen, wie auch bei normalen Arbeitern, dann steuerfreie Zuschläge von maximal 25 Prozent (oder umgerechnet 12,50 Euro pro Stunde) gezahlt werden, wenn der Fußballeinsatz nach 20 Uhr erfolgt. Bei Sonntagsspielen ist ein steuerfreier Zuschlag von 50 Prozent auf den Stundenhöchstbetrag möglich (umgerechnet 25 Euro pro Stunde), und bei Einsätzen an gesetzlichen Feiertagen darf der Zuschlag 125 Prozent (also 75 Euro pro Stunde) betragen. Alle Besserverdiener betroffen Die neue Zuschlagsnorm gilt nicht nur für Fußball-Profis, sondern für alle Besserverdiener, die nachts oder sonntags arbeiten, so etwa auch für Fernsehmoderatoren, Manager oder Chefärzte. "Die Änderung", heißt es in der Begründung des Gesetzestextes, "zielt auf eine allgemeine Begrenzung der Steuerfreiheit für sehr hohe Einkünfte ab." Durch die nun gefundene Regelung, schreibt das Finanzministerium weiter, "wird die Steuerfreiheit für die einkommensstarken Gruppen entscheidend begrenzt und gleichzeitig die überwiegende Zahl der Arbeitnehmer unberührt belassen". Betroffen von der "Lex Bundesliga" sind letztlich all jene, die einen Grundlohn von mehr als 8.000 Euro beziehen; dies entspricht bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden einem Stundenlohn von 50 Euro. Allerdings hat das Finanzministerium sich überaus schwer getan, diese Regelung speziell für Topverdiener zu finden, ohne in Konflikt mit der Verfassung zu geraten oder die steuerfreien Zuschläge generell in Frage zu stellen. Was ist bei schwankenden Löhnen? So hatte Eichels Haus anfangs erwogen, statt des Stundenlohns einen bestimmten Monats- oder Jahreslohn als Höchstgrenze festzuschreiben. Doch was ist, so fragten sich die Steuerexperten, wenn der Monatslohn schwankt - oder jemand im Laufe eines Jahres entlassen wird? "Um diese Arbeitnehmer nicht gegenüber solchen mit stets gleichbleibenden Arbeitslohn zu benachteiligten", heißt es in einem internen Argumentationspapier der Steuerabteilung, müsste eine "Verrechnung/Übertragung des nicht ausgeschöpften steuerfreien Volumens in andere Kalendermonate" oder auf einen anderen Arbeitgeber ermöglicht werden. Dies würde jedoch "zu einer Verkomplizierung der Lohnabrechnung führen". Zusätzliche Steuerformulare wären nötig, und selbst dann könnten die überlasteten Finanzämter solch eine Verrechnung "derzeit nicht leisten". | Die Bundesregierung wird die steuerfreien Zuschläge für Fußball-Profis und andere Besserverdiener drastisch einschränken. Bei Fußballspielen am Abend dürfen nur noch maximal 12,50 Euro pro Stunde steuerfrei ausgezahlt werden. Bei Sonntagseinsätzen sind höchstens 25 Euro erlaubt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/besserverdiener-eichel-laesst-fussball-millionaere-zahlen-1.907209 | Besserverdiener - Eichel lässt Fußball-Millionäre zahlen | 00/05/2010 |
Der zweite Verhandlungstermin im Schadenersatzprozess tausender Kleinanleger gegen die Telekom ist vom 21. Juni auf auf den 25. Oktober verlegt worden. Die Klägeranwälte brauchen mehr Zeit für die Prüfung eines Gutachtens. Die Klägeranwälte hätten die Verschiebung beantragt, weil sie noch keine Gelegenheit gehabt hätten, das Gutachten der Staatsanwaltschaft Bonn zur Bewertung des Immobilienbesitzes auszuwerten. Detailansicht öffnen Fahnen vor der Telekomzentrale in Bonn. (Foto: Foto: dpa) Rund 15.000 Aktionäre werfen dem Ex-Monopolisten vor, seine Gebäude und Grundstücke vor den Börsengängen zu hoch bewertet zu haben und verlangen ihr Geld zurück. Medienberichten zufolge stützt das Gutachten diese Einschätzung. Demnach habe die Telekom die Immobilien in ihrer Eröffnungsbilanz 1995 kurz vor dem Börsengang rund 2,8 Milliarden Mark (rund 1,4 Milliarden Euro) zu hoch angesetzt. Für den zweiten Börsengang sei der Immobilienbesitz 1998 etwa drei Milliarden Mark zu hoch ausgewiesen worden. Kritik des Richters Zum Prozessauftakt im November vergangenen Jahres hatte der Vorsitzende Richter Meinrad Wösthoff die umstrittene Bewertung der Konzernimmobilien kritisiert. Die Telekom beharrte dagegen stets auf der Rechtmäßigkeit ihrer Bewertung und zweifelte die Methode des Gutachters an, der die Immobilien nach Art der Nutzung und Lage bewertet habe. Einzelbewertung im Gesetz vorgeschrieben Im Kern geht es in dem Streit um die Frage, ob die Telekom jede der mehreren zehntausend Immobilien - wie im Gesetz vorgeschrieben - hätte einzeln bewerten müssen. Der Konzern hatte die Gebäude und Grundstücke bei seiner Gründung 1995 in Gruppen eingeteilt und pauschal bewertet. Anfang 2001 musste die Telekom den Wert deutlich nach unten korrigieren, was den Kurs der Aktie weiter auf Talfahrt schickte. | Der zweite Verhandlungstermin im Schadenersatzprozess tausender Kleinanleger gegen die Telekom ist vom 21. Juni auf auf den 25. Oktober verlegt worden. Die Klägeranwälte brauchen mehr Zeit für die Prüfung eines Gutachtens. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/prozesstermin-verschoben-mammutprozess-gegen-telekom-verzoegert-sich-1.899684 | Prozesstermin verschoben - Mammutprozess gegen Telekom verzögert sich | 00/05/2010 |
Trotz seines stolzen Jahressalärs soll der frühere Vizepräsident des US-Supermarktkonzerns Wal-Mart, 500.000 Dollar für private Zwecke abgezweigt haben. Die Liste der Veruntreuungen ist lang: Sie reichen von Krokodillederstiefeln bis zum Jagdauto. Ein Betrugsskandal sorgt beim weltgrößten Einzelhändler Wal-Mart für Turbulenzen. Nach US-Presseberichten will sich der Ex-Wal-Mart-Manager Thomas Coughlin wegen Veruntreuung von Firmengeldern in Höhe von 500.000 Dollar sowie wegen Steuerhinterziehung schuldig bekennen. Detailansicht öffnen Massenandrang: Kunden warten vor einer Wal-Mart-Filiale in Northlake, Illinois, auf die Öffnung der Pforten. (Foto: Foto: AP) Der ehemalige Vizepräsident muss im Falle einer Verurteilung mit mindestens zwei Jahren Haft rechnen. Vor seinem Ausscheiden bei Wal-Mart im Januar 2005 war Coughlin für das gesamte US-Filialgeschäft des amerikanischen Supermarktkonzerns verantwortlich. Coughlin, ein langjähriger Vertrauter des verstorbenen Firmengründers Sam Walton, galt sogar als Anwärter auf den Vorstandsposten im Unternehmen. Anti-Gewerkschaftskampagne Um den Betrug zu verschleiern, hatte Coughlin, der jährliche Bezüge von vier Millionen Dollar erhalten haben soll, vorgegeben, dass die Gelder für eine Anti-Gewerkschaftskampagne im Konzern eingesetzt werden würden. Nach einjährigen Recherchen haben die Ermittlungsbehörden jedoch offenbar herausgefunden, dass Coughlin die Gelder ausschließlich für sich beziehungsweise seine Familienmitglieder eingesetzt hatte. Es gab zuvor auch eine firmeninterne Untersuchung gegen Coughlin. So habe der ehemalige Footballspieler zum Beispiel im Jahre 2002 seine Untergebenen angewiesen, zwei Rechnungen in Höhe von jeweils 5000 Dollar auszustellen, um damit angeblich Gewerkschafter in Las Vegas zu bestechen. Geschenkgutscheine In Wahrheit sei das Geld jedoch für die Beschaffung eines Jagdfahrzeuges verwendet worden. Die Liste der Veruntreuungen ist lang: So soll Coughlin einen Computer für seinen Sohn erstanden haben, außerdem handgefertigte Krokodillederstiefel, einen Luxus-Hundezwinger, CDs, Wodka und Bier. Zum Teil soll Coughlin dabei auch Wal-Mart-Geschenkgutscheine eingesetzt haben, um sich aus dem Sortiment der Supermarktkette zu bedienen. Es ist ein weiterer Rückschlag für Wal-Mart. Im Dezember ist der Konzern wegen seiner schlechten Arbeitsbedingungen verurteilt worden: Weil er seinen Beschäftigten die Mittagspause verweigerte, verdonnerte ein US-Gericht den Konzern zu einer Geldbuße von 172 Millionen Dollar (146 Millionen Euro). Der Konzern kündigte Einspruch an. In Deutschland sind Pausen in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen geregelt. Dennoch hat sich Wal-Mart durch seine Praktiken auch hierzulande Feinde gemacht. Erst Mitte November hatte das Düsseldorfer Landesarbeitsgericht Wal-Mart das Verbot von Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz untersagt. Gesetz gebrochen Das Gericht in Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien sah es als erwiesen an, dass Wal-Mart ein 2001 in Kraft getretenes Gesetz gebrochen hat, wonach Schichtarbeiter Essenspausen oder einen finanziellen Ausgleich erhalten müssen. Das Unternehmen soll nun 57 Millionen Dollar als direkten Schadenersatz und weitere 115 Millionen Dollar als so genannten Strafaufschlag ("punitive damages") an 116.000 klagende Mitarbeiter zahlen. | Trotz seines stolzen Jahressalärs soll der frühere Vizepräsident des US-Supermarktkonzerns Wal-Mart, 500.000 Dollar für private Zwecke abgezweigt haben. Die Liste der Veruntreuungen ist lang: Sie reichen von Krokodillederstiefeln bis zum Jagdauto. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/betrugsskandal-bei-wal-mart-krokodil-lederstiefel-auf-die-firmenkasse-1.914763 | Betrugsskandal bei Wal-Mart - Krokodil-Lederstiefel auf die Firmenkasse | 00/05/2010 |
Die beiden Krisenbereiche bei Siemens, Com und SBS, haben einen schwungvollen Start ins neue Geschäftsjahr vermasselt. Zwar stiegen Umsatz und Auftragseingang dank ungewöhnlich vieler Großaufträge im ersten Geschäftsquartal (Oktober bis Dezember) überraschend deutlich, aber die Gewinne brachen im Jahresvergleich unerwartet stark ein. Das erste Geschäftsquartal sei "ganz klar geprägt von Umstrukturierungen", sagte Siemens-Chef Klaus Kleinfeld am Mittwoch vor Journalisten. Einen konkreten Ausblick für das Geschäftsjahr 2005/06 (Ende September) blieb der Industrie- und Technologiekonzern am Tag seiner Hauptversammlung schuldig. "Mit all unseren Maßnahmen, einschließlich des Verkaufs der Produktnahen Dienstleistungen von SBS, gehen wir auf unser Ziel von 2007 zu", sagte Kleinfeld lediglich. Die Aktie der Siemens AG stieg im frühen Handel um mehr als drei Prozent. Damit wurde die gute Auftragslage honoriert. Veräußerungsgewinne helfen Im Auftaktquartal schmälerten Umstrukturierungskosten für den IT-Dienstleister- und den Kommunikations-Bereich das Ergebnis um insgesamt rund 350 Millionen Euro. Hier fiel der Löwenanteil mit 207 Millionen Euro beim Informationstechnik-Spezialisten Siemens Business Services (SBS) an. "Bei SBS haben wir eine ganze Reihe von Dingen schon gemacht", sagte Kleinfeld. Er verwies auf das neue Management sowie die Ausrichtung auf höherwertige Dienstleistungen. Siemens konnte seine Quartalsergebnisse dank Veräußerungsgewinnen aufpolstern. Aus dem Verkauf von Aktien des US-Netzwerkausrüster Juniper flossen den Münchnern 356 (Vorjahr: 208) Millionen Euro zu. Diese Quelle außerordentlicher Gewinne, die Siemens in den vergangenen Quartalen angezapft hat, ist nun aber versiegt. "Wir haben keine Beteiligung mehr an Juniper", sagte Konzernchef Kleinfeld. "Wenn man sich das Gesamtbild anschaut, sind wir gut ins neue Jahr gestartet", sagte der Siemens-Chef. "Fast alle Bereiche haben bessere operative Ergebnisse abgeliefert." In acht der elf Konzernbereiche stiegen die Gewinne auch dank Unternehmenszukäufen teils massiv. Zu den schwächeren Bereichen zählten die Sorgenkinder Com und SBS sowie die Kraftwerkssparte Power Generation, deren Gewinn im Jahresvergleich um 17 Prozent sank. Grund sei vor allem der negative Ausgang eines Schiedsverfahrens auf den Philippinen im Zusammenhang mit einem Projekt aus dem Jahr 1999 gewesen. Siemens sei im Auftaktquartal "sehr sehr gut vorangekommen", sagte Kleinfeld mit Blick auf die Neuorientierung bei Communications (Com) und SBS, die auch den Abbau von Arbeitsplätzen mit einschließt. "Ungewöhnlich viele Großaufträge" Siemens könne sich aber nicht auf dem Geleisteten ausruhen. "Wir haben eine Reihe von Hausaufgaben zu machen." Der seit einem Jahr amtierende Konzernchef betonte: "Ein Zwischenjahr kann man sich heute nicht wirklich leisten." Er blicke zuversichtlich auf die Zukunft. "Wir werden nicht in jedem Quartal diese Anzahl von Großaufträgen haben", sagte der Siemens-Lenker. "Aber unser Produktangebot überzeugt die Kunden, auch auf Wachstumsmärkten." Im ersten Geschäftsquartal sank der Überschuss im Jahresvergleich um 19 Prozent auf 813 Millionen Euro (Prognose der von dpa-AFX befragten Analysten: 999 Millionen Euro). Das Ergebnis der Bereiche (operatives Geschäft) sackte um 10 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro ab. Der Umsatz kletterte indes auch dank übernommenen Unternehmen wie dem Anlagenbauer VA Tech und dem Getriebehersteller Flender um 22 Prozent auf 20,7 Milliarden Euro. Der Auftragseingang schnellte um 31 Prozent auf 26,8 Milliarden Euro hoch (Prognose 22,1 Milliarden Euro). Das Auftaktquartal 2005/06 prägten laut Siemens "ungewöhnlich viele Großaufträge". Dies sei eine "Gewähr für künftiges Umsatzwachstum". Organisch, also ohne Währungs- und Portfolioeffekte, habe Siemens bei den Aufträgen um 13 Prozent und bei den Umsätzen um sieben Prozent zugelegt. Besonders kräftig fielen die Zuwächse in der Region Asien/Pazifik aus. Siemens steigerte dort den Umsatz um 44 Prozent und den Auftragseingang um 70 Prozent. | Die beiden Krisenbereiche bei Siemens, Com und SBS, haben einen schwungvollen Start ins neue Geschäftsjahr vermasselt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-schwaches-ergebnis-aber-volle-buecher-1.907765 | Siemens - Schwaches Ergebnis - aber volle Bücher | 00/05/2010 |
Der Bahnstreik geht die Gerichte nichts an, er kann nur am Verhandlungstisch beendet werden. Solange die Bahn und die Lokführer-Gewerkschaft GDL dort nicht einige Grundsätzlichkeiten begreifen, wird sich dieser Konflikt weiter im Kreise drehen. Die Entscheidung des Arbeitsgerichts Chemnitz sollte wohl salomonisch sein, tatsächlich aber ist sie absurd. Detailansicht öffnen Die Bahn im Oktober 2007: Streikende und Reisende in den Bahnhöfen. (Foto: Foto: AP) Die Richter haben den Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) nur im Regionalverkehr erlaubt, im Güter- und Fernverkehr aber verboten. Die mündliche Begründung ihrer einstweiligen Verfügung lautet, die Verhältnismäßigkeit im Arbeitskampf müsse gewahrt bleiben. Ein schlechteres Argument konnte ihnen kaum einfallen. Schaden von vornherein begrenzen Es trägt selbst dann nicht, wenn man es ernst nimmt: Die Gewerkschaft wollte den Schaden für die Bahn von vornherein begrenzen. Deswegen hat sie bisher nie zu einer 24-stündigen oder gar zu einer unbefristeten Arbeitsniederlegung aufgerufen, sondern ihre Aktionen sollen lediglich zwei, drei Stunden dauern. Und das Unternehmen Deutsche Bahn AG hat wörtlich erklärt, so gut gerüstet zu sein, dass es einen Streik "sehr, sehr lange" durchstehen könne. Vor welcher Gefahr also meinen die Chemnitzer Richter, die Bahn beschützen zu müssen? Womit man schon beim Grundsätzlichen wäre: Es ist überhaupt nicht Aufgabe eines Gerichts, ein Unternehmen in einem Arbeitskampf vor irgendetwas zu beschützen. Wirtschaftlicher Druck Ein Arbeitskampf geht grundsätzlich nur die beiden Konfliktparteien etwas an, sonst aber niemanden. Der Sinn eines Streiks von Arbeitnehmern besteht gerade darin, durch das Zufügen von Schäden wirtschaftlichen Druck auf ihren Arbeitgeber auszuüben. Nur falls Lokführer ankündigten, sich auf die Gleise zu setzen, falls Ärzte auf die Idee kämen, Zufahrten zu Kliniken zu blockieren - in solchen Fällen, in denen zum Beispiel Grundrechte der Allgemeinheit in Gefahr wären, hätten Gerichte solches Treiben zu verhindern. Am Ende kann dieser Tarifkonflikt jedoch nicht im Gerichtssaal, sondern nur am Verhandlungstisch entschieden werden. Nur fehlt beiden Seiten mittlerweile nicht bloß die Kompromiss-, sondern auch die Verhandlungsfähigkeit. Der Sprecher der Bahn attestiert dem GDL-Chef öffentlich "Realitätsverlust", der wiederum nennt Bahn-Vertreter "Drecksäcke". Das Niveau dieser Auseinandersetzung war lange Zeit parterre, inzwischen ist es unterirdisch. Weiter im Kreise Solange die Bahn nicht begreift, dass sie diesen Konflikt nur bewältigen wird, indem sie den Lokführern einen eigenen Tarifvertrag gibt, solange GDL-Chef Manfred Schell nicht begreift, dass zu jeder Auseinandersetzung auch ein Minimum an Stil und Verlässlichkeit gehört - solange wird dieser Konflikt sich weiter im Kreise drehen. Weil der GDL-Chef bis Ende September seinen Tarifvertrag nicht bekam, zog er das Versprechen von Ende August zurück, den eigenen Tarifvertrag nur noch für die Lokführer, aber nicht mehr für das gesamte Fahrpersonal anzustreben. So kindisch ist der Mann. Ginge es beim Streikrecht nicht um eine solch grundsätzliche Errungenschaft: Man könnte angesichts der Chemnitzer Entscheidung fast schadenfroh werden. | Der Bahnstreik geht die Gerichte nichts an, er kann nur am Verhandlungstisch beendet werden. Solange die Bahn und die Lokführer-Gewerkschaft GDL dort nicht einige Grundsätzlichkeiten begreifen, wird sich dieser Konflikt weiter im Kreise drehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tarifstreit-bei-der-bahn-die-falsche-instanz-1.889284 | Tarifstreit bei der Bahn - Die falsche Instanz | 00/05/2010 |
2006 war für viele Anleger ein gutes Jahr. Doch wo viel Licht, da viel Schatten, meint die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger und prangert zahlreiche DAX-Konzerne an. Im Börsenjahr 2006 haben nach Ansicht von Aktionärsschützern vor allem Schwergewichte wie Siemens, Telekom und TUI die Anleger verärgert. Während früher viele kleine Unternehmen am Neuen Markt zu den schwarzen Schafen zählten, sei 2006 das Jahr der großen Sünder gewesen, berichtete die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) am Montag in München. Detailansicht öffnen 2006 sei das Jahr der großen Sünder gewesen, meint die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. (Foto: Foto: Reuters) Als größten Unternehmensskandal wertete die SdK die Aufdeckung von schwarzen Kassen bei Siemens. Das größte Debakel für die Anleger sei der Absturz der EADS-Aktie gewesen, nachdem der Konzern Lieferverzögerungen für den neuen Airbus A380 angekündigt hatte. Dax-Unternehmen im Kreuzfeuer Insgesamt listet die SdK in ihrem jährlich erscheinenden "Schwarzbuch Börse" mehrere Dutzend Unternehmen auf, die den Anlegern selbst im guten Aktienjahr 2006 keine Freude gemacht haben. "Wo die Sonne scheint, gibt es auch Schatten", sagte SdK-Vorsitzender Klaus Schneider. Ein halbes Dutzend der Unternehmen sei im Deutschen Aktienindex DAX notiert. Auffallend schlecht hätten sich die Aktien von Telekom und TUI geschlagen, die im Gegensatz zu fast allen anderen Werten im DAX an Wert verloren. Bei der Telekom habe auch der 10. Geburtstag nach dem Börsengang keinen Grund zum Feiern gegeben. "Im Festnetz schwinden die Kunden, der Mobilfunk stagniert und selbst beim Breitbandinternet ist das Wachstum nur noch einstellig", kritisierte die SdK. Bei TUI sei es angesichts drastischer Einbußen Zeit für einen Neuanfang. Beim Autokonzern VW kritisierten die Aktionärsschützer trotz eines dicken Plus beim Aktienkurs eine "schleichende Machtübernahme" durch Porsche. "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht" Neben den großen Namen finden sich im "Schwarzbuch Börse" aber auch zahlreiche kleinere Firmen. "Auch die Kleinen waren nicht alle anständig und haben 2006 zahlreichen Grund zu Ärger und Kopfschütteln bereitet", urteilt Schneider. Besonders der Versuch eines Neuanfangs des ehemaligen Neue-Markt-Unternehmens Infomatec stößt der SdK übel auf. "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht." Das endgültige Aus sei vermutlich nur eine Frage der Zeit. Bei überzogenen Gewinnversprechen sollten Anleger immer skeptisch sein, mahnte SdK-Jurist Harald Petersen. "Der beste Schutz ist noch immer das Einschalten der Vernunft." Angesichts der zunehmenden Bedeutung der finanziellen Altersvorsorge müsse der richtige Umgang mit Geld am besten schon an der Schule unterrichtet werden. | 2006 war für viele Anleger ein gutes Jahr. Doch wo viel Licht, da viel Schatten, meint die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger und prangert zahlreiche DAX-Konzerne an. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schwarzbuch-boerse-2006-die-suender-an-der-boerse-1.899334 | Schwarzbuch Börse 2006 - Die Sünder an der Börse | 00/05/2010 |
Manche warten ihr Leben lang auf den großen Coup. Bei Alexander Samwer dauerte es genau drei Monate. Er war 28 Jahre alt, hatte sein Studium gerade abgeschlossen und träumte davon, mit seinen Brüdern ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, als der Traum plötzlich Wirklichkeit wurde und er über Nacht zu einem reichen Mann. An der Erfolgsgeschichte der Samwer-Brüder haben sich viele gewärmt, denen das Internet weniger Glück brachte. Auch in der jetzigen, zweiten Boomphase des Web 2.0 wird sie noch gerne erzählt: Die drei Geschwister Alexander, Oliver und Marc Samwer, damals 28, 30 und 32, gründen nach einer Amerikareise das deutsche Internetauktionshaus Alando. Mythos als Kapital Drei Monate später ist ihr Onlineflohmarkt eine der meistbesuchten Auktionsseiten im Internet. Und ihr amerikanisches Vorbild, die Firma Ebay, macht ihnen ein Kaufangebot. Sie schlagen zu, für 43 Millionen Dollar. Ein Samwer weiß, wie man im Internet zum Millionär wird. Dieser Mythos eilt den Brüdern seither voraus. Alexander Samwer hat darum auf vielen Tagungen sprechen müssen, auch wenn die Rolle des Volkshelden dem bescheiden auftretenden Mann gar nicht auf den Leib geschnitten zu sein scheint. Doch die Brüder pflegen den Mythos. Er ist vielleicht ihr größtes Kapital. Als sie ihr zweites Unternehmen, den Klingeltonanbieter Jamba, im August 2000 gründeten, war es schon schwer, Kredite zu bekommen. Den Samwer-Brüdern aber lieh man trotzdem Geld. Zu Recht, denn die Drei waren auch mit ihrem nächsten Unternehmen sehr erfolgreich. Allerdings war dieser zweite Sieg ungleich härter erkämpft als der erste, erinnert sich Alexander Samwer bei einem Gespräch in einem Café in der Münchner Innenstadt. Der 32-Jährige trägt einen braunen Pulli mit Reißverschluss. Krawatten sind offenbar auch in der zweiten Gründerwelle des Internets nicht angesagt. Das sei nicht der einzige Vorteil der Branche, meint Samwer. Der Mann schwärmt über das Internet, das er wiederentdeckt hat, wie ein reumütiger Liebhaber über seine erste große Liebe. "Wir mussten erst unseren Glauben wiederfinden", gesteht er. Wer heute wage, sich selbständig zu machen, habe bessere Voraussetzungen denn je. Die Gründer seien erfahrener. Und die Technik biete Möglichkeiten, die sich auch ein Samwer vor sieben Jahren noch nicht vorstellen konnte. In der Krise wandten sie sich vom Internet ab. Millionengewinn hin oder her. "Wir dachten, mit dem Onlinebuchhandel Amazon und dem Auktionshaus Ebay waren die großen Ideen weg." Eine andere Branche schien ihnen erfolgversprechender: Der Handy-Markt. Sie haben auch in dieser Sparte brilliert. Der Klingeltonanbieter Jamba, den sie - diesmal inspiriert von asiatischen Vorbildern - hochzogen, wurde 2004 von der US-Firma Verisign aufgekauft. Zu der Zeit arbeiten 360 Mitarbeiter für die Berliner Firma. Verisign zahlte etwa 273 Millionen Dollar, von denen allerdings, wie auch schon bei dem Alando-Verkauf, der Großteil nicht an die Samwer-Brüder, sondern an Beteiligungsfirmen ging. Doch Alexander Samwer erinnert sich gut an die Durststrecken, die dem Verkauf vorausgingen: "Die ersten zwei Jahre waren sehr hart", sagt er. Ursprünglich wollten die Brüder neben den Klingeltönen auch Musikstücke zum Download anbieten. Doch hatten sie dabei auf eine schnellere technische Entwicklung gesetzt. Dass das Geschäft mit den Melodien trotzdem so florierte, war teuer erkauft. Jamba schaltete zeitweilig täglich über drei Stunden Werbung auf Musikkanälen. Die quietschenden Küken im Fernsehen nervten nicht nur manchen Musikliebhaber, sie brachten auch Eltern und Verbraucherschützer gegen die Berliner Firma auf. Den Kindern sei oft nicht klar, dass Jamba ihnen nicht einen einzelnen Klingelton, sondern ein Klingelton-Abo verkaufte, so die Kritik. Dass er sich nicht mehr mit handysüchtigen Kindern auseinandersetzen muss, scheint Alexander Samwer zu erleichtern. Nach dem Jamba-Verkauf ging der jüngste der Brüder erst mal nach Harvard und machte einen MBA. Lange hat er es ohne seine Brüder aber nicht ausgehalten. Als sich eine Erholung des Internets abzeichnete, kam er zurück, um mit den Geschwistern eine neue Geschäftsidee zu entwickeln. Die Bruderliebe dürfte Teil des Erfolgsgeheimnisses der Samwers sein. Alexander spricht über Marc und Oliver wie andere über ihre Freundin: "Das ist ein Dauermodell", sagt er. "Es basiert auf Spaß und totalem Vertrauen." Die Samwers sind keine Visionäre. Sie haben den zweiten Boom des Internets nicht vorausgesehen. Wohl aber verstanden sie es, den Aufschwung für sich zu nutzen. Die Brüder gründeten eine Beteiligungsgesellschaft, den European Founders Fund (EFF), mit dem sie Gründer in der Frühphase mit Kapital und Beratung unterstützen (Kasten unten). Ihr Ruf dürfte Deutschlands bekanntesten Jungunternehmern auch dabei wieder geholfen haben. Denn der Einstieg der Brüder ist für die Unternehmen eine wichtige Werbung, wie etwa für den Onlinespiele-Anbieter Bigpoint. "Die Beteiligung der Samwer-Brüder an Bigpoint hat sich sehr positiv ausgewirkt", erzählt etwa Stefan Lemper von dem Investor Aurelia, der bereits vor EFF bei Bigpoint eingestiegen war. Die Brüder hätten ein gutes Gespür für Marktlücken, und sie seien gut vernetzt. Zwischen 100 000 und drei Millionen Euro investieren die Samwers. Dabei handele es sich um ihr eigenes Kapital, sagt Samwer. Aus Branchenkreisen verlautet dagegen, dass auch Privatinvestoren den Brüdern im vergangenen Jahr Geld zur Verfügung stellen wollten dass es dann aber zu Schwierigkeiten bei der Vertragsgestaltung kam. Realistische Gründer Bei der Auswahl der Unternehmen versuchen die Brüder, unbürokratisch zu sein. "Wenn uns die Gründer und ihr Produkt überzeugen, halten wir keine langen Aufsichtsratssitzungen", sagt er. Und sie gefallen ihm, die neuen Gründer. Sie sind realistischer als die Unternehmer des ersten Internetbooms. Viele von ihnen waren bereits als Praktikanten oder Gründer in der ersten Welle dabei und kennen die Branche von Anfang an, mit ihren Höhen und Tiefen. Doch es gibt auch die Küken, die Uniabgänger. Erfolgshungrig und risikobereit sind die und erinnern Alexander Samwer an sich selbst. Fast scheint er ein bisschen neidisch auf die Jüngeren, die das Web 2.0 prägen werden. Er ist erst 32 Jahre, doch in dieser Branche ist Alexander Samwer ein Veteran. Er ist die Legende, die sich die Jungen erzählen, während sie in ihren zugigen Berliner Altbauwohnungen auf den großen Coup warten. Ob es ihn nicht doch juckt, noch ein Mal ein Gründer zu sein? "Im Moment ist meine Aufgabe für mich sehr reizvoll", sagt er und lächelt. | Alexander Samwer hat mit seinen Brüdern die Internetunternehmen Alando und Jamba aufgebaut - jetzt finanziert er neue Ideen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/von-ebay-reich-gemacht-millionaer-mit-gespuer-fuer-die-marktluecke-1.904325 | Von Ebay reich gemacht - Millionär mit Gespür für die Marktlücke | 00/05/2010 |
Es ist nicht das Ende des guten alten Telefonapparats, aber ein Schritt in diese Richtung: Ab Donnerstag können 200.000 Deutsche kostenlos miteinander telefonieren — übers Internet. Die führenden Anbieter von Internet-Telefonie in Deutschland schalten ihre Netze für Gratis-Telefonate ihrer Kunden zusammen. Detailansicht öffnen Sind die Tage des guten alten Telefonapparats gezählt? (Foto: Foto: dpa) Die insgesamt etwa 200.000 Teilnehmer können ab Donnerstag kostenlos miteinander telefonieren, kündigten Freenet, Web.de und Sipgate am Dienstag in Düsseldorf an. Zusammen mit internationalen Kooperationen könnten etwa Sipgate-Kunden sogar inzwischen mit einer Million Teilnehmer weltweit kostenlos telefonieren. Zugleich richteten die Unternehmen einen gemeinsamen Forderungskatalog an die Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post. Hauptanliegen ist ein Verbot der "Zwangsbündelung" des herkömmlichen Telefonanschlusses mit dem schnellen Internetzugang DSL. Telekom-Monopol bremst Breitband-Entwicklung Nur so werde die Internet-Telefonie in Deutschland wie in Norwegen einen Durchbruch erzielen können. "Durch das Quasi-Monopol der Deutschen Telekom ist Deutschland im Breitband-Markt fast europäisches Schlusslicht", kritisierte Freenet-Vorstand Ole Wegner. Es sei dabei durchaus akzeptabel, wenn die Telekom bei einer Entkopplung einen Infrastruktur-Aufschlag für einen DSL-Anschluss zwischen fünf und sieben Euro pro Monat verlange. Liberalisierung wie auf dem Telefonmarkt erwartet Mit dem Durchbruch der Internet-Telefonie könnten die deutschen Haushalte monatlich zehn Euro ihres Kommunikations-Budgets sparen und für zusätzliche Dienste verwenden. Die Grundgebühr für Telefonkunden der Telekom liege inzwischen über den durchschnittlichen Kosten der Telefonate. Sipgate-Geschäftsführer Tim Mois kritisierte, dass die vom Regulierer für die Internet-Telefonie geschaffene Rufnummerngasse mit der Vorwahl 032 nach derzeitigen Stand nicht genutzt werden könne, da die Telekom nichts zur Durchleitung der Gespräche unternehme. Auch die Kosten seien ungeklärt. "Wir erwarten eine ähnliche Entwicklung wie bei der Liberalisierung des Telefonmarktes", sagte Wegner. Es gehe um ein derzeitiges Marktvolumen im deutschen Festnetz von 20 Milliarden Euro, so Web.de-Vorstand Matthias Hornberger. Ziel der Internet-Telefonanbieter ist es, den klassischen Festnetz-Anschluss vollständig zu ersetzen. | Es ist nicht das Ende des guten alten Telefonapparats, aber ein Schritt in diese Richtung: Ab Donnerstag können 200.000 Deutsche kostenlos miteinander telefonieren — übers Internet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/telekommunikation-telefonieren-fuer-null-cent-pro-minute-1.903210 | Telekommunikation - Telefonieren für null Cent pro Minute | 00/05/2010 |
Die Proteste gegen den beschlossenen Stellenabbau der Großverdiener Allianz und Deutsche Bank halten an, doch die Ethikfonds-Pionierin Elisabeth Höller nimmt die beiden Konzerne in Schutz. Auch wenn der jüngste Stellenabbau bei der Allianz landauf, landab als unmoralisch gegeißelt wird - professionelle Ethikfonds-Manager wie Elisabeth Höller wenden sich gegen eine schnelle Verurteilung der Konzerne. "Die Kombination von steigenden Gewinnen und Stellenabbau alleine ist noch nicht unmoralisch", sagt Höller der Süddeutschen Zeitung. Detailansicht öffnen Wehren sich gegen den Stellenabbau: Mitarbeiter der Allianz bei einer Demonstration Ende Juni in Köln. (Foto: Foto: ddp) Es komme vor allem darauf an, wie die Einsparungen vorgenommen würden: Ob sie beispielsweise sozialverträglich geschehen würden und ob damit Leistungssteigerungen verbunden seien. Der Finanzkonzern hatte vor kurzem mitgeteilt, dass er 7500 Stellen in Deutschland abbauen will. Gleichzeitig soll der Überschuss im laufenden Jahr erheblich steigen. Jahrzehntelange Erfahrung Höller leitet seit 1982 eine von ihr gegründete Vermögensverwaltungsgesellschaft in Zürich, die mittlerweile dem deutsch-schweizerischen Private-Equity-Konzern Fortune Management gehört. Sie managt unter anderem den Fonds "Prime Value Mix". Der 1995 gegründete Fonds ist ihren Angaben zufolge der erste in Kontinentaleuropa, der nach einem ganzheitlichen ethischen Konzept investiert. Davor sei die Ausrichtung beispielsweise auf ökologische oder soziale Kriterien üblich gewesen. Allianz gerade noch investmentwürdig Stellenabbau könne für das Wachstum einer Firma nötig sein, sagt Höller. "Es gibt genügend Konzerne, die eher zu spät als zu früh Personal reduziert haben." Ein Beispiel sei der amerikanische Autohersteller General Motors, der inzwischen Verluste macht und weltweit Zehntausende entlässt. Höllers Einschätzung zufolge haben auch die deutschen Finanzdienstleister eher zu spät mit dem Sparen begonnen, verglichen etwa mit den schweizerischen Konkurrenten. Nicht im Portfolio So sei auch bei der Deutschen Bank die Kombination aus Gewinnsteigerung und Stellenabbau nicht zwingend ein Negativkriterium. Dass der Fonds trotzdem nicht in den deutschen Marktführer investiert, liegt Höller zufolge an der Praxis der Bank, "Kredit für jedes Projekt zu geben, das ihr finanziell vorteilhaft erscheint - ohne Priorität von ethischen Kriterien". | Die Proteste gegen den beschlossenen Stellenabbau der Großverdiener Allianz und Deutsche Bank halten an, doch die Ethikfonds-Pionierin Elisabeth Höller nimmt die beiden Konzerne in Schutz. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/moral-debatte-stellenabbau-ist-nicht-unmoralisch-1.904672 | "Moral-Debatte - ""Stellenabbau ist nicht unmoralisch""" | 00/05/2010 |
Unternehmenskäufe sind groß in Mode in der Wirtschaftswelt. Doch in den meisten Fällen entpuppt sich die Transaktion anschließend als Flop. Wenn das kein schlechtes Omen ist: Ausgerechnet am Tag, an dem der Linde-Konzern den 11,7 Milliarden Euro teuren Kauf der britischen Gase-Gruppe BOC abschließt, veröffentlicht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young eine Studie darüber, warum so viele solcher Transaktionen scheitern. Das Ergebnis der Analyse ist ernüchternd: Jede zweite Übernahme oder Fusion vernichtet Unternehmenswert; nur in jedem dritten Fall wird ein erheblicher Wertzuwachs verbucht. Detailansicht öffnen Soeben hat der Linde-Konzern die britische Gas-Gruppe BOC übernommen. Doch über die Hälfte aller Übernahmen und Fusionen erweisen sich als Flop. (Foto: Foto: Linde/ddp) Dieses Resultat basiert auf der Untersuchung von 189 Transaktionen, die in den vergangenen 14 Jahren von börsennotierten Firmen vollzogen wurden, sowie einer Befragung von 147 Unternehmen und 53 so genannten Stakeholdern und Interessengruppen wie etwa Banken, Finanzinvestoren, Analysten, Journalisten und Professoren. Das Fusionskarussell dreht sich immer schneller Linde kauft also BOC, BASF erwirbt die US-Firma Engelhard und die Bauchemie-Sparte der Degussa, Bayer verleibt sich derweil Schering ein: Der Boom der Fusionen und Übernahmen wird sich nach Ansicht von Ernst-&-Young-Experte Joachim Spill in den nächsten zwei Jahren fortsetzen. "Vor allem in der Energie-, Stahl- und Pharma-Branche dreht sich das Fusionskarussell immer schneller", sagt er. Viele Konzerne verfügten über genug liquide Mittel für Zukäufe. Spill: "Die Gewinne sprudeln - bei vielen Unternehmen ist die Kriegskasse gut gefüllt." Allerdings: Ebenso wie Fusionen und Übernahmen werden nach seiner Meinung die Flops bei solchen Transaktionen an der Tagesordnung bleiben. "Bis jetzt haben viele Manager noch nicht gelernt aus den Erfahrungen der Vergangenheit", meint Spill. Externer Rat notwendig Zwar müsse man die künftige Entwicklung differenziert sehen, denn es gebe in Konzernen auch sehr gute Teams, um Zusammenschlüsse erfolgreich zu gestalten. Doch Firmen, die "nur auf ihre Bordmittel" vertrauten, also keinen externen Rat oder personellen Beistand einholten, würden weiter einen Beitrag zur hohen Misserfolgsquote leisten, sagt Spill, wobei er auch an künftige Aufträge für seinen Arbeitgeber und dessen Berater denken dürfte. | Unternehmenskäufe sind groß in Mode in der Wirtschaftswelt. Doch in den meisten Fällen entpuppt sich die Transaktion anschließend als Flop. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fusionen-jede-zweite-uebernahme-vernichtet-firmenwert-1.899402 | Fusionen - Jede zweite Übernahme vernichtet Firmenwert | 00/05/2010 |
Im ersten höchstrichterlichen Prozess zum Insiderhandel hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass der ehemaligen Börsenjournalist Sascha Opel nicht wegen verbotener Insidergeschäfte, wohl aber wegen unzulässiger Kursmanipulationen bestraft werden kann. Damit hat der BGH erstmals zu den Voraussetzungen des Insiderhandels Stellung genommen. In einem neuen Prozess beim Landgericht Stuttgart hat Opel nun eine allenfalls geringfügig mildere Strafe zu erwarten. Zwar stehen auf Insidergeschäfte ebenso wie auf Kursmanipulation fünf Jahre Höchststrafe. Zur Tatzeit galt allerdings eine mildere Vorschrift, die höchstens drei Jahre Haft vorsah. Das Urteil gegen einen Komplizen Opels wurde ebenfalls aufgehoben und zurückverwiesen. (Aktenzeichen: 1 StR 24/03 vom 6. November 2003) Kurse nach oben getrieben Nach den Feststellungen des Landgerichts Stuttgart hatte Opel als Anlageberater für zwei Fonds - einer davon hatte ein Anlagevolumen von 500 Millionen Euro - die Kurse bestimmter Aktien nach oben getrieben. Er deckte sich im Oktober 2000 in neun Fällen, zum Teil mit Geldern aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, zunächst selbst mit Aktien ein, gab anschließend eine entsprechende Empfehlung an den Fonds und stieß seine inzwischen gestiegenen Aktien kurz darauf wieder ab. Dabei erzielte er laut BGH einen Gesamtgewinn von 115 000 Euro. Ein einem Fall lag zwischen Kauf und Verkauf nur eine Stunde. Nach den Worten des BGH kommt eine Strafbarkeit wegen Insiderhandels dann in Betracht, wenn die kursrelevante Information - zum Beispiel über einen bevorstehenden Unternehmenskauf - von einem Dritten stammt. "Scalping" Hier dagegen gehe es um das so genannte "Scalping", bei dem der Analyst oder Journalist vor einer Empfehlung selbst entsprechende Aktien kauft. Dies sei nach dem Wertpapierhandelsgesetz als unzulässige Kursmanipulation strafbar. Werde die Empfehlung mit dem Ziel der Kursbeeinflussung ausgesprochen, dann sei unerheblich, ob die Aktien auch bei sachgerechter Beurteilung empfehlenswert gewesen seien, so der BGH. Der Senatsvorsitzende Armin Nack stellte klar, dass es in dem Prozess allein um Opels Tätigkeit als Anlageberater ging, nicht um seine Empfehlungen, die er als Journalist und anerkannter Experte für den Neuen Markt an Kleinanleger gegeben hatte - Opel war unter anderem stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift Der Aktionär. Nach Nacks Worten hat der Senat sich eng an die Vorgaben des Falles gehalten. Wo beispielsweise die Grenzen zur - straflosen - seriösen Empfehlung verliefen, dazu müssten wohl die Aufsichtsbehörden Grundsätze aufstellen. | Im ersten höchstrichterlichen Prozess zum Insiderhandel hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass der ehemaligen Börsenjournalist Sascha Opel nicht wegen verbotener Insidergeschäfte, wohl aber wegen unzulässiger Kursmanipulationen bestraft werden kann. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/insiderhandel-bundesgerichtshof-hebt-urteil-auf-1.914912 | Insiderhandel - Bundesgerichtshof hebt Urteil auf | 00/05/2010 |
Die Kosten für eine bundeseinheitliche Rücknahme-Regelung für Einwegverpackungen sind der Industrie zu hoch. Deshalb könnten Dosen und Einwegflaschen aus den Regalen verschwinden. Anstelle des einheitlichen Pfand-Systems bevorzugt der Handel daher so genannte "Insel-Lösungen". An Kompromissbereitschaft im Dauer-Streit um die Einführung eines bundeseinheitlichen Dosenpfand-Systems fehlt es offenbar auf beiden Seiten. Dies zeichnet sich nach dem "Dosen-Gipfel" zwischen Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Vertretern des Handels sowie der Getränkeindustrie ab. Bei diesem Treffen kündigte der Einzelhandel bisherige Zusagen auf und wird kein flächendeckendes Rücknahmesystem für Einweg-Getränkeverpackungen bis zum 1. Oktober einführen. Detailansicht öffnen Suchen einen Abnehmer: Deutschlands Dosen (Foto: AP) Die Wirtschaft habe die Zusage "einseitig gekündigt", sagte Trittin am Mittwoch nach dem Krisentreffen von Industrie und Umweltverbänden. Er kritisierte "massive Uneinigkeit innerhalb der Wirtschaft" und forderte vom Handel noch in dieser Woche eine Grundsatzentscheidung zum Dosenpfand. Handel bevorzugt Insel-Lösung In Berlin zeichnete sich ab, dass die Händler so genannte Insel-Lösungen bevorzugen: Danach könnten Handelsketten ihr eigenes Rücknahmesystem entwickeln. Diese Variante sei ebenfalls von der geltenden Verpackungsordnung gedeckt. Laut Trittin muss der Handel noch in dieser Woche die Grundsatzentscheidung fällen, ob er ganz auf die Insel-Lösungen setzt. Auch dadurch würde sich die Situation für die Verbraucher im Vergleich zur momentanen Lage deutlich verbessern, betonte der Minister. Bisher können Kunden Dosen und Einwegflaschen nur in dem Laden zurückgeben, in dem sie sie gekauft haben. Mit dem neuen System könnten sich Handelsketten zu einem Verbund zusammenschließen — die Rückgabe wäre dann in deutlich mehr Geschäften möglich als bisher. Trittin lehnt Steuer ab Den Vorstoß der Wirtschaft, das Pfand durch eine Steuer zu ersetzen, lehnte Trittin nachdrücklich ab. Das nähre den Verdacht, dass es den Urhebern dieser Idee in Wirklichkeit darum gehe, "erneut auf Zeit zu spielen, nur um am Ende die Pfandpflicht ganz zu kippen". Seit Einführung des Dosenpfands seien rund 10.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Zudem würden leere Dosen nicht mehr so achtlos in die Landschaft geworfen, sagte der Minister. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, sieht hingegen nur eine geringe ökologische Wirkung. Wirtschaftlich habe die Einweg-Pfandpflicht dagegen bereits zu erheblichen Umsatzeinbrüchen, Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlusten in der Getränkebranche geführt, sagte Rogowski ebenfalls in der Freien Presse. Durch die Einführung eines bundesweiten Rücknahmesystems würden milliardenschwere Investitions- und Betriebskosten entstehen, die die betroffenen Produkte weiter verteuern würden. Verzicht auf Einweg-Getränke? Der Geschäftsführer des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), Holger Wenzel, argumentierte vor Journalisten in Berlin, ein bundesweites Rücknahmesystem sei in der derzeitigen Situation nicht mehr sinnvoll. Die Mehrheit der Händler tendiere dazu, Einweg-Getränke ganz aus den Regalen zu nehmen. Der HDE bevorzuge daher weiterhin einen maßvollen Zuschlag" von acht bis 15 Cent pro Verpackung. Eine solche Abgabe würde der Verbraucher direkt durch höhere Getränkepreise zu spüren bekommen. | Die Kosten für eine bundeseinheitliche Rücknahme-Regelung für Einwegverpackungen sind der Industrie zu hoch. Deshalb könnten Dosen und Einwegflaschen aus den Regalen verschwinden. Anstelle des einheitlichen Pfand-Systems bevorzugt der Handel daher so genannte "Insel-Lösungen". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-ums-pfand-handel-will-weitgehend-auf-dosen-verzichten-1.902422 | Streit ums Pfand - Handel will weitgehend auf Dosen verzichten | 00/05/2010 |
Durch Zugeständnisse an die Schweiz sind die Chancen für eine europaweite Zinsbesteuerung ab 2005 deutlich gestiegen. Die EU-Staaten wollen sich gegenseitig über Zinserträge ihrer Bürger informieren. Die Botschafter der 25 EU-Mitgliedsstaaten einigten sich darauf, der Schweiz die Erhaltung ihres Bankgeheimnisses zuzusichern. Mit diesem Zugeständnis will die Europäische Union den Weg für eine europaweite Zinsbesteuerung ebnen. Detailansicht öffnen Innerhalb der EU wird es wohl keine Steueroasen mehr geben. Foto: dpa Auch bei künftigen Änderungen des europäischen Rechts müssten die Schweizer demnach EU-Staaten nicht über die Steuerhinterziehung von EU-Bürgern informieren. Ab 2005 EU-weite Zinsbesteuerung Damit steigen die Chancen, dass die EU-weite Zinsbesteuerung wie geplant Anfang 2005 in Kraft treten kann. Davon erhofft sich die Bundesregierung zusätzliche Einnahmen in Milliardenhöhe. Die Mitgliedsstaaten wollen sich ab kommendem Jahr gegenseitig über Zinserträge ihrer Bürger informieren. Auf diese Weise würde auffliegen, wenn zum Beispiel ein Deutscher Einnahmen auf ein französischen Konto erhält, ohne es seinem Finanzamt zu melden. Belgien, Luxemburg und Österreich wollen bei diesem Informationsaustausch vorerst nicht mitmachen, aber die Zinserträge ausländischer Bürger mit einer Quellensteuer von bis zu 35 Prozent belasten. Schweiz besteht auf Bankgeheimnis Um die Flucht ihrer Bürger in Steueroasen außerhalb der Union zu verhindern, will die Gemeinschaft auch Finanzplätze wie die Schweiz oder die britischen Kanalinseln einbeziehen. Die Schweiz ist zur Quellensteuer bereit, möchte aber keine Informationen über EU-Anleger (und mögliche Steuerhinterzieher) liefern, weil sonst ihr lukratives Bankgeheimnis löchrig würde, das Kapital aus dem Ausland anzieht. Allerdings möchten die Eidgenossen am Schengen-Abkommen teilhaben, das wirtschaftsschädliche Grenzkontrollen erspart. Hieraus ergibt sich ein Problem: Wenn die Gemeinschaft ihr Schengen-Recht ändert und das Prinzip der doppelten Strafbarkeit aufgibt, müsste auch die Schweiz Rechtshilfe leisten und Informationen über Steuerhinterziehung von EU-Bürgern liefern, die in der Alpenrepublik kein Straftatbestand ist. Mit einer Garantieerklärung will die EU nun die Schweizer Bedenken ausräumen, dass das Bankgeheimnis in Zukunft angetastet werden könnte. Am 19. Mai soll Einigung erfolgen Beobachter in Zürich rechnen damit, dass die Regierung das EU-Angebot annimmt und bei den Gesprächen am 19. Mai eine Einigung gelingt. Zuvor müssen die EU-Außenminister das Angebot kommende Woche beschließen. Die Vertreter Frankreichs und der Niederlande äußerten Bedenken gegen den Vorschlag. Luxemburg dagegen, in dem die Banken großen Einfluss haben und das bisher strikt gegen große Zugeständnisse an die Schweiz plädierte, gab seinen Widerstand auf. Dafür soll auch das Luxemburger Bankgeheimnis vor Änderungen des EU-Rechts geschützt werden. Diplomaten in Brüssel gehen davon aus, dass die Außenminister sich auf das Angebot an die Schweiz einigen. | Durch Zugeständnisse an die Schweiz sind die Chancen für eine europaweite Zinsbesteuerung ab 2005 deutlich gestiegen. Die EU-Staaten wollen sich gegenseitig über Zinserträge ihrer Bürger informieren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kapitalertraege-steueroasen-trocknen-aus-1.898412 | Kapitalerträge - Steueroasen trocknen aus | 00/05/2010 |
Finanzpläne für jedermann gehören bei Sparkassen und Volksbanken zum Standardrepertoir. Ob die entsprechenden Leitfäden der Verbände zum Einsatz kommen, hängt aber auch von der Bereitschaft der Kunden ab. Die Sparkassen stellen ihren "S-Finanzplan" jetzt in den Fokus einer Vertriebsoffensive. Die Genossen werben für den "VR-Check-up" als Basis ihres Allfinanzkonzepts. Am 1. Mai geht es los und soll den ganzen Sommer über laufen: Alle 18- bis 30-jährigen Berufseinsteiger, die sich in eine der 489 deutschen Sparkassen verirren, sollen auf ihre Finanzen angesprochen werden. Detailansicht öffnen Die Sparkassen wollen die Kundenbindung durch bessere Beratung festigen. (Foto: Foto: dpa) "Das S-Finanzkonzept, also der persönliche Finanzplan, ist die Basis dieser Beratungs- und Serviceoffensive", heißt es auf Anfrage der SZ beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin. "Die Kunden aktiver ansprechen und ihnen unseren ganzheitlichen Beratungsansatz klarmachen", nennt eine Verbandssprecherin die wichtigsten Ziele der Kampagne, die direkt im Wettbewerb zu einigen Aktionen der Großbanken steht. Anders als der privaten Konkurrenz geht es den meisten öffentlichen und genossenschaftlichen Instituten aber in erster Linie nicht darum, neue Kunden zu gewinnen. Mit einem Marktanteil im Filialgeschäft von weit über 40 Prozent (Sparkassen) beziehungsweise knapp 30 Prozent (Volks- und Raiffeisenbanken) führen sie das Feld vor der Deutschen Bank, der HypoVereinsbank sowie Dresdner- und Commerzbank (zusammen weniger als 20 Prozent) ohnehin mit weitem Vorsprung an. "Ziel ist es, die Kundenbindungen zu stärken", erklärte jüngst Werner Netzel, Vizepräsident des Sparkassenverbandes Bayern. Die Erträge pro Kunde sollen gesteigert werden, denn das Sparbuch oder im Falle der Genossen auch die Mitgliedschaft von 15,5 Millionen Kunden alleine sind keine rentable Basis für eine lohnenswerte Beschäftigung mit den Finanzen eines Kunden. Qualität nicht gewährleistet Bei den bayrischen Instituten hat die Offensive schon im Januar begonnen. "Wir haben bereits 45 000 persönliche Finanz-Checks nach dem neuen Muster durchgeführt", sagt ein Sprecher des Landes-Sparkassenverbandes stolz. Ein Konzept, das zuvor aktiv nur bei der vermögenden Klientel verfolgt wurde, wie er einräumt. Ähnlich weit wie in Bayern sind nach Angaben des DSGV vor allem die Sparkassen in den ostdeutschen Bundesländern. Dort arbeite inzwischen rund die Hälfte der Institute intensiv mit dem S-Finanzkonzept - während etwa im Rheinland gerade erst die Pilotphase laufe. "Die Zunahme an systematischer Finanzplanung ist sicherlich zu begrüßen, weil sie Kleinkunden, die bei Sparkassen und Volksbanken im Unterschied zu vielen Großbanken ja explizit Zielkunden sind, erstmals überhaupt einen günstigen Zugang zu Finanzplanung ermöglichen", meint Martin Faust, Professor für Bankbetriebslehre an der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt. Allerdings warnt der Experte vor zu großen Erwartungen bei der Beratung in sehr kleinen Filialen, "weil hier oft keine qualifizierten Anlageberater vor Ort sind, der Standardbogen aber unter Umständen eine Professionalität suggeriert, die so nicht geboten ist". Zudem hänge "die Priorität einer solchen ganzheitlichen Beratung gegenüber dem bisherigen rein produktorientierten Verkauf zumeist immer noch vom jeweiligen Bankvorstand ab und weniger von den Verbänden. Kapazitätsprobleme bei Beratung Auf Anfrage der SZ räumten denn auch vor allem kleinere Institute explizit ein, die Finanzpläne zunehmend, aber "oft aus Kapazitätsgründen" eher als Ergänzung zum bislang produktorientierten Verkauf zu nutzen. Als Hauptunterschied des S-Finanzkonzeptes zu den Gesprächsleitfäden der Großbanken fällt vor allem die Kompaktheit auf. Der DSGV kommt bei seinem "Persönlichen Finanz-Check" mit einer einzigen Seite aus, die zudem statt harter Finanzfakten wie Anlage und Finanzierung sich stärker an die Lebensumstände der Kunden wendet. Mit Appellen an die künftige finanzielle "Unabhängigkeit", ein "gutes Gefühl" für Risiken wie Berufsunfähigkeit oder auch, "das Leben genießen" klingt die Ansprache der Sparkassengruppe zunächst wenig technisch. Der Check-up-Beratungsbogen des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), Basis für die Arbeit von mehr als 1300 Institute des genossenschaftlichen Verbundes, will auf sechs Seiten "Wünsche realisieren" und "für die Zukunft vorsorgen". Er verbindet den Auftritt mit einem Logo, das stark an eine TÜV-Plakette erinnert. Positiv fällt bei beiden Konzepten auf, dass sie trotz begrenztem Platz explizit und gleich zu Anfang abfragen, ob die Kunden die diversen staatlichen Förderungen zu Rente, Vermögensaufbau und Eigenheim nutzen - ein Bereich, der den Häusern häufig Aufwand, aber wenig Ertrag bringt. Stichprobenanfragen der SZ bei einigen größeren Instituten aus beiden Lagern ergaben zudem, dass diese zumeist auf Basis der Verbandskonzepte eigene ausführlichere Finanzplanungen ausgearbeitet haben, die sie allerdings ihren Kunden erst ab höheren Monatsnettoeinkommen von etwa 3000 Euro oder Anlagevolumina zwischen 25.000 und 50.000 Euro anbieten. Eine Stunde für 30-seitigen Fragebogen Dabei nimmt sich etwa die Hamburger Sparkasse nach eigenen Angaben rund eine Stunde Zeit für ihren 30-seitigen Beratungsbogen "Beraten und betreuen mit System". Einen ähnlichen Zeitrahmen nennt die Stadtsparkasse München für ihren 15-seitigen "roten Faden durch Ihre Finanzen". Die Berliner Volksbank versucht ebenfalls, sich bis zu eineinhalb Stunden für ihre wenigstens 16-seitige "private Finanzplanung" zu nehmen. Aber es geht auch kürzer. "Wir nutzen jede Möglichkeit, mit den Kunden eine umfassende Bedürfnisberatung durchzuführen. Das dauert 25 Minuten ohne Produktverkauf", betont eine Sprecherin der zweitgrößten ostdeutschen Sparkasse in Leipzig, die mit 50 000 Finanzplänen bei knapp 600 000 Kunden unter den öffentlichen Banken zu den Vorreitern beim Einsatz von Finanzplänen gehört. Allerdings werden nach Angaben der Sprecherin nur Produkte aus der Sparkassenfinanz-Gruppe offeriert. Externe Angebote? "Soweit geht die Liebe nicht", sagt die Sprecherin. Je nach Konkurrenzsituation vor Ort verfahren die Institute jedoch unterschiedlich. So bietet etwa die Raiffeisen-Volksbank Isen-Sempt, die rund 220 000 Kunden im stark mit Finanzdienstleistern durchzogenen Oberbayern betreut, "bei Fondsanlagen praktisch alle relevanten Anbieter im Markt an", sagt Richard Schätzl, Leiter des dortigen Privatkundengeschäfts. Für andere Anlage- und Finanzierungsbereiche verweist er allerdings ebenfalls in erster Linie auf die Produkte des Volks- und Raiffeisenverbundes. Frage des Vertrauens Bankbetriebsexperte Faust moniert die Fokussierung auf hauseigene Produkte mit als größtes Manko der Finanzberatung bei Sparkassen und Volksbanken. Er sieht allerdings auch bei den Großbanken noch keine ausreichende Berücksichtigung externer Produkte. "Man muss auch sehen, dass Sparkassen und Volksbanken mit ihren vielen Kleinkunden mehr als etwa die Großbanken bei der zeitaufwändigen Finanzplanung ständig den Spagat zwischen Kundennutzen und Effizienz hinbekommen müssen", wenn sie ihr Angebot für die breite Kundenmasse erhalten wollen. Verbraucherschützer raten deshalb, wenn vorhanden, eine zweite Bankverbindung zu nutzen, um sich einen weiteren Finanzplan einzuholen und so eventuelle Beratungslücken aufzudecken. Und was noch wichtiger ist: "Die Kunden müssen einen Berater ihres Vertrauens finden und dann bereit sein, diesem auch alle relevanten Daten zu liefern. Wer aus Misstrauen nicht bereit ist, für den ist die Finanzplanung Zeitverschwendung", urteilt Faust. Die Banken ziehen sich dann nicht selten auf ihr altes Verfahren zurück und verkaufen einzelne Produkte. (sz vom 06.05.2005) | Finanzpläne für jedermann gehören bei Sparkassen und Volksbanken zum Standardrepertoir. Ob die entsprechenden Leitfäden der Verbände zum Einsatz kommen, hängt aber auch von der Bereitschaft der Kunden ab. Die Sparkassen stellen ihren "S-Finanzplan" jetzt in den Fokus einer Vertriebsoffensive. Die Genossen werben für den "VR-Check-up" als Basis ihres Allfinanzkonzepts. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-finanzplanung-teil-iii-spagat-zwischen-nutzen-und-effizienz-1.906922 | SZ-Serie Finanzplanung Teil III - Spagat zwischen Nutzen und Effizienz | 00/05/2010 |
Die drei deutschen Premium-Hersteller Mercedes, BMW und Porsche haben im vergangenen Jahr so viel Autos in den USA verkauft wie noch nie zuvor. Dagegen brach der Absatz von Volkswagen wegen einer veralteten Modellpalette ein. Insgesamt wurden auf dem größten Automarkt der Welt knapp 17 Millionen und damit 1 Prozent mehr Fahrzeuge neu zugelassen. Von den großen US-Marken verloren General Motors und Ford weiter an Boden, Chrysler legte dagegen zu. Detailansicht öffnen Exportschlager: Ein Porsche Cayenne steht auf dem Flughafen Leipzig/Halle auf einer Verlade-Rampe. (Foto: Foto: AP) Sehr stark waren die japanischen Hersteller mit Toyota an der Spitze. Zu Beginn der kommenden Woche wollen die Konzerne auf der Automesse in Detroit ihre Modelle für 2005 vorstellen. Vorjahresrekord noch gesteigert Die BMW Group verkaufte 296.111 Fahrzeuge und übertraf damit den Rekord vom Vorjahr um 7 Prozent. Sowohl die Marke BMW als auch die Marke Mini verbesserten den Absatz, wie der Autokonzern am Mittwoch berichtete. Auch im Dezember erreichte das Unternehmen mit 29.292 abgesetzten Fahrzeugen neue Bestmarken. Die Bayern profitierten von neuen, frischen Modelle wie der 5er-Reihe oder dem 6er-Sportcoupe. Mercedes-Benz steigerte seinen Absatz das elfte Jahr in Folge und fuhr nach eigenen Angaben mit 221.610 Fahrzeugen ebenfalls einen Absatzrekord ein. Dazu habe vor allem die Vielzahl neuer Modelle beigetragen, die im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht worden sei, erklärte das Unternehmen. Mercedes USA im Dezember mit bestem Verkaufsmonat Im Dezember verkaufte Mercedes-Benz 26.607 Fahrzeuge und damit rund 23 Prozent mehr als vor einem Jahr. Es sei der beste Verkaufsmonat in der Geschichte von Mercedes-Benz USA gewesen. Auch beim Sportwagenhersteller Porsche brummte das Geschäft in Nordamerika. Dank der großen Nachfrage nach dem sportlichen Geländewagen Cayenne verbesserte sich der Absatz im Gesamtjahr um rund 11 Prozent auf 33.289 Fahrzeuge. Allein vom Cayenne wurden 19.134 Exemplare verkauft. | Die drei deutschen Premium-Hersteller Mercedes, BMW und Porsche haben im vergangenen Jahr so viel Autos in den USA verkauft wie noch nie zuvor. Dagegen brach der Absatz von Volkswagen wegen einer veralteten Modellpalette ein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/edelautos-mercedes-bmw-und-porsche-auf-rekordfahrt-in-usa-1.907249 | Edelautos - Mercedes, BMW und Porsche auf Rekordfahrt in USA | 00/05/2010 |
Jetzt ist der Euro wieder da, wo er angefangen hat: bei einem Preis von 1,17 Dollar. (SZ vom 22.05.2003) — Zwar hat die Währung bis Mittwochabend ihren ersten am 4. Januar 1999 offiziell festgestellten Kurs von 1,1789 Dollar noch nicht ganz erreicht, an der Richtung besteht jedoch kein Zweifel: Der Euro steht unter Aufwertungs-, der Dollar unter Abwertungsdruck. Es gibt in diesen Tagen viel Spekulationen darüber, dass die amerikanische Regierung den Dollar bewusst schwachredet, um die eigene Exportwirtschaft zu stärken. Das ist durchaus möglich, denn Präsident George Bush kann angesichts der labilen Konjunktur und im beginnenden Vorwahlkampf unmöglich an einem starken Dollar interessiert sein. Der Dollar ist vermutlich unterbewertet... Allerdings gehört zum Runterreden auch nicht viel. Was auch immer die Politiker heute sagen, es wird in der jetzigen Stimmung gegen den Dollar ausgelegt - wie beim Euro vor zweieinhalb Jahren. Und dann kann eine Regierung mit Presseerklärungen zwar kurzfristige Kursschwankungen auslösen und Entwicklungen bremsen oder beschleunigen, nie aber einen Trend umdrehen - es sei denn, fundamentale Daten sprächen für diese Umkehr und die Notenbanken griffen mit massiven Stützungskäufen ein. Beides ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil: Schon seit langem spricht die ökonomische Logik für einen schwachen Dollar. Das Defizit im amerikanischen Außenhandel wird in diesem Jahr gigantische vier bis fünf Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen. Dieses Defizit verlangt dringend eine Korrektur. Ende der neunziger Jahre ignorierten die Akteure an den Finanzmärkten die US-Leistungsbilanz; sie hofften auf explodierende Gewinne amerikanischer Unternehmen und schaufelten ihr Geld bereitwillig nach New York oder an die Westküste. Der teure Dollar war so Teil einer riesigen Spekulationsblase. Jetzt ist die Blase geplatzt und an den Devisenmärkten kehrt Normalität ein.Überraschend ist eigentlich nur, dass sich die Verhältnisse so spät und dann so schnell normalisieren. Das hat mit dem Irak-Krieg zu tun, der massiven Neuverschuldung in Amerika und den historisch niedrigen Zinsen dort. ...aber nicht besonders billig Die Europäer und besonders die Deutschen sollten die Entwicklung als das begreifen, was sie ist: als Normalisierung. Der Dollar ist heute zwar vermutlich unterbewertet, aber im historischen Vergleich nicht besonders billig. Selbst ein Euro-Kurs von 1,40 Dollar wäre noch im Rahmen des ökonomisch Denkbaren. Unnormal war die Kombination von teurem Dollar und hohem Handelsdefizit in Amerika. Beides zusammen bedeutete ein gigantisches Konjunkturprogramm für den Rest der Welt und für Amerika eine Art Versicherung gegen steigende Inflation im New-Economy-Boom. Die Konstellation konnte nicht von Dauer sein. Konkret bedeutet das: Der teure Euro gibt der Europäischen Zentralbank den Spielraum für eine kräftige Zinssenkung, er macht sie aber auch notwendig. Im übrigen ist Europa, nun, da der amerikanische Freund ausfällt, bei seinem Wiederaufstieg auf sich selbst angewiesen. | Jetzt ist der Euro wieder da, wo er angefangen hat: bei einem Preis von 1,17 Dollar. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-die-weltwirtschaft-muss-mit-einem-billigen-dollar-leben-lernen-1.903467 | Kommentar - Die Weltwirtschaft muss mit einem billigen Dollar leben lernen | 00/05/2010 |
Deutschlands größter Elektronik-Konzern Siemens hat das Flautenjahr 2003 gut überstanden und wird 2004 wahrscheinlich deutlich mehr Geld verdienen. Konzernchef von Pierer will seinen Vertrag verlängern. Der zuletzt gesunkene Umsatz soll wieder steigen. Um den Konzernumbau fortzusetzen, will Pierer wahrscheinlich seinen Vertrag über September 2004 hinaus verlängern. Gewinn ging zurück Im Geschäftsjahr 2002/2003, das am 30. September endete, ging der Gewinn nach Steuern von 2,6 auf 2,4 Milliarden Euro zurück. Im Vorjahr hatte Siemens einen satten Sondergewinn aus dem Verkauf von Infineon-Aktien eingestrichen. Bereinigt steigerte der Konzern das Ergebnis fast um die Hälfte (47 Prozent). Das geplante Wachstum will Siemens mit noch effizienterer Produktion und weiterem Sparkurs erreichen. Man konzentriere sich künftig auf Wachstumsmärkte wie USA und China, führte Pierer aus. Mit mehr Innovationen sollen neue Märkte erobert werden. Standorte in China Um wettbewerbsfähiger zu werden, will Siemens zudem Standorte in kostengünstigeren Ländern aufbauen. Als Beispiel nannte Pierer China. 12.000 Ingenieure kosteten dort so viel wie in Deutschland 2.000. Geprüft wird auch, ob bestimmte Verwaltungsfunktionen wie Finanzierung im Ausland erledigt werden können. "Es ist nicht unser Ziel, den Standort Deutschland zu verlassen oder zu schwächen", betonte der Vorstandschef. Siemens beschäftigt hierzulande 170.000 Mitarbeiter, weltweit sind es rund 417.000. Planzahlen für einen Stellenabbau in Deutschland gebe es nicht, sagte Pierer. Pierer konzerntreu Die vor drei Jahren begonnene Konzernumgestaltung will Pierer offenbar selbst zu Ende bringen. Der 62-Jährige, der seit 1992 an der Konzernspitze steht, sagte, die jüngsten Spekulationen über eine Vertragsverlängerung "könnten ins Schwarze treffen". Er verwies auf seine 34 Dienstjahre im Unternehmen und fügte hinzu: "Es gibt kein besseres Unternehmen als Siemens." Im abgelaufenen Geschäftsjahr drückten Konjunkturflaute und Dollarschwäche den Umsatz um zwölf Prozent auf 74,2 Milliarden Euro. Der Auftragseingang fiel um 13 Prozent auf 75 Milliarden Euro. Im Schlussquartal liefen die Geschäfte bereits wieder besser. Zufriedener Vorstand Pierer zeigte sich mit dem vorläufigen Jahresergebnis sehr zufrieden. "Das kann sich sehen lassen." Im operativen Geschäft wuchs das Ergebnis um 14 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro. Das reicht laut Pierer an das Rekordniveau des Jahres 2000 heran. Den größten Ergebnisbeitrag lieferte die Kraftwerksparte Power Generation mit 1,17 Milliarden Euro, die zuletzt unter dem abrupten Ende des Gasturbinenbooms in den USA gelitten hatte. Die Medizintechnik verbesserte das Ergebnis auf 1,12 Milliarden Euro. Sorgensparte Netzwerktechnik Gut liefen außerdem Automatisierungstechnik, Osram und Automobilelektronik. Die Mehrzahl der 13 Siemens-Sparten erreichte die ehrgeizigen Renditeziele. Die Sorgensparte Netzwerktechnik (ICN) schaffte nach neun Verlustquartalen zum Jahresende mit 57 Millionen Euro den Sprung in die Gewinnzone. Im Schlussquartal des Vorjahrs lag ICN noch mit 325 Millionen Euro im Minus. Die Handy-Sparte ICM erzielte einen neuen Quartalsrekord: In den eigentlich flauen Sommermonaten verkaufte Siemens zwölf Millionen Mobiltelefone. Im Gesamtjahr setzte der Konzern mehr als 39 Millionen Handys ab. | Deutschlands größter Elektronik-Konzern Siemens hat das Flautenjahr 2003 gut überstanden und wird 2004 wahrscheinlich deutlich mehr Geld verdienen. Konzernchef von Pierer will seinen Vertrag verlängern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-sattes-gewinnplus-angepeilt-1.898760 | Siemens - Sattes Gewinnplus angepeilt | 00/05/2010 |
Parmesan muss nicht aus Italien kommen Käseliebhaber müssen beim Kauf von Parmesan weiterhin aufs Kleingedruckte achten. Der Name wird wohl vorerst nicht für das aus Norditalien stammende Original reserviert. Die EU hat nach Ansicht des EU-Generalanwalts kein Recht, von sich aus gegen den Verkauf von geriebenem deutschen Hartkäse unter dem Namen "Parmesan" vorzugehen. Eine Klage der EU-Kommission gegen Deutschland sei deshalb abzulehnen, empfahl Generalanwalt Jan Mazak am Donnerstag dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Italiener müssen erst klagen Zwar verstoße der Verkauf von Parmesan-Käse in Deutschland, der nicht der geschützten italienischen Ursprungsbezeichnung "Parmigiano Reggiano" entspreche, gegen Gemeinschaftsrecht. Die EU könne aber erst tätig werden, wenn italienische Hersteller dagegen klagten. Das sei aber bisher nicht der Fall. Das geht aus einem am Donnerstag beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg vorgelegten Rechtsgutachten hervor. Das Urteil wird für Herbst erwartet. Der EuGH ist dabei nicht an das Gutachten gebunden, folgt diesem aber in den meisten Fällen. (Az: C-132/05) Seit 1996 europaweit geschützt "Parmigiano Reggiano" ist seit 1954 in Italien und seit 1996 europaweit als Ursprungsbezeichnung geschützt. Seinen Namen hat er von der Stadt Parma, einer Stadt in der norditalienischen Region Emilia Romagna. Nach einem EuGH-Urteil vom Juni 2002 gilt Herkunftsschutz auch für die Kurzbezeichnung "Parmigiano". Richtiger "Parmigiano" ist besonders hart: Ein Kilogramm Käse entsteht aus 16 Kilogramm Milch. Umstritten ist nun, ob das deutsche Wort "Parmesan" eine Übersetzung für "Parmigiano" und deshalb ebenfalls als Herkunftsbegriff geschützt ist. Die EU-Kommmission hatte dies bejaht und Deutschland verklagt. In seinem Rechtsgutachten meint EuGH-Generalanwalt Ján Mazák, "Parmesan" spiele jedenfalls unzulässig auf das italienische Original an. Deutschland: "Allgemeiner Gattungsbegriff" Demgegenüber argumentierte Deutschland, "Parmesan" sei hier zu einem allgemeinen Gattungsbegriff für geriebenen Hartkäse geworden. Nach dem Luxemburger Gutachten kommt es auf diesen Streit letztlich aber gar nicht an. Die Klage der Kommission sei schon allein deshalb abzuweisen, weil sich weder ein Verbraucherverband noch ein italienischer Hersteller über eine falsche Verwendung des Begriffs Parmesan beschwert habe, erklärte Mazák. Folgt dem der EuGH, dann würde der Streit erst in einem neuen Verfahren geklärt. Deutschland könnte dabei neue Nachweise für seine Argumentation bringen, etwa eine Verbraucherbefragung. Nach ebenso jahrelangem Streit hatte 2005 Griechenland vor dem EuGH einen Sieg errungen: Die Luxemburger Richter reservierten den Begriff "Feta" für den dortigen traditionellen Schafskäse. | Käseliebhaber müssen beim Kauf von Parmesan weiterhin aufs Kleingedruckte achten. Der Name wird wohl vorerst nicht für das aus Norditalien stammende Original reserviert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/la-deutsche-vita-parmesan-muss-nicht-aus-italien-kommen-1.899955 | La deutsche Vita - Parmesan muss nicht aus Italien kommen | 00/05/2010 |
Das geheime Finanzsystem bei Siemens erweist sich als gigantisch: Die Behörden wühlen in 36.000 Ordnern. Fast 20 Personen sind verdächtig und 25 Empfängerländer wie die Arabischen Emirate sind bekannt. Gespeist wurde das Ganze durch Bares. Beim Auswerten der Vernehmungsprotokolle finden Ermittler neue Details über die schwarzen Kassen - nun wird auch gegen den früheren Finanzvorstand ermittelt Detailansicht öffnen Blick auf Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten: Geld aus den schwarzen Kassen von Siemens floss teilweise auf Konten in dem arabischen Staat, um es später in anderen Ländern auszubezahlen. (Foto: Foto: AP) Mindestens einmal im Jahr trafen sich früher bei Siemens die Mitglieder des Leitungskreises aus dem Bereich Telekommunikation (Com), um in einem Vortrag mehr über die Abgründe der Korruption zu erfahren. Überliefert sind die Namen der Zuhörer - viele von ihnen waren Männer mit erstaunlicher Erfahrung auf diesem Gebiet: Ausgekochte Spezialisten fürs Verschleiern, finassieren, Tricksen. Gegen sechs Mitglieder der einst verschworenen Managertruppe ermittelt inzwischen die Münchner Staatsanwaltschaft im Schmiergeldskandal bei dem Weltkonzern. "Integrität im Wettbewerb" Natürlich saß auch der von den anderen zum Organisator der Schiebereien ernannte Direktor Reinhard S., 56, im Publikum. Hat er gelacht, wenn der Redner wieder mal die ,,Grundanforderungen'' des Konzerns vorstellte und darauf hinwies, dass ,,Integrität im Wettbewerb für uns unternehmensweit verbindlich'' sei? Oder wenigstens einen roten Kopf bekommen? Die anderen, hat er neulich ausgesagt, hätten während der Vorträge zu ihm herübergeschaut und ,,gegrinst''. Er habe die ganze Zeit auf irgendeine Vorlage geguckt. Saubere Fassaden und Heuchler Der frühere Direktor hat der Staatsanwaltschaft erzählt, er erinnere sich an einen Redner ganz besonders, weil dieser auch in das Schmiergeldsystem bei Siemens ,,eingebunden'' gewesen sei. Com war eine Welt mit sauberen Fassaden und Heuchlern, die sich über die schmutzige Wahrheit auch noch lustig machten. Die Trennungslinie zwischen Halunken und Ehrenmännern ist in diesem Fall längst verwischt, und neuerdings stellt sich die Frage, ob auch dem früheren Finanzvorstand der Siemens AG, dem 54 Jahre alten Heinz-Joachim Neubürger, zeitweise die Wahrnehmung für den Unterschied zwischen sauber und dreckig abhanden gekommen ist. Seit ein paar Tagen ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen den Top-Manager, den die Kollegen stets als knallharten, aber ehrlichen Fachmann gepriesen haben. Ermittlungen nach dem Weihnachtsfrieden Es war ein Knall nach der Ruhe: Die Beamten der Sonderkommission ,,Netzwerk'' des Bayerischen Landeskriminalamts und die Münchner Staatsanwälte haben, wie es sich gehört, zunächst Weihnachtsfrieden gehalten, um dann wieder Vernehmungen auszuwerten und die wichtigsten der mehr als 36.000 bei Siemens mitgenommenen Ordner zu studieren. So kamen sie zu dem Ergebnis, dass es gegen Neubürger, ebenso wie gegen den schon seit einer Weile beschuldigten früheren Siemens-Zentralvorstand Thomas Ganswindt, einen Anfangsverdacht gibt. | Das geheime Finanzsystem bei Siemens erweist sich als gigantisch: Die Behörden wühlen in 36.000 Ordnern. Fast 20 Personen sind verdächtig und 25 Empfängerländer wie die Arabischen Emirate sind bekannt. Gespeist wurde das Ganze durch Bares. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/korruptionsskandal-bei-siemens-bargeld-im-panzerschrank-1.898968 | Korruptionsskandal bei Siemens - Bargeld im Panzerschrank | 00/05/2010 |
In der Skandalserie um die Kostenexplosion beim Virtuellen Stellenmarkt der Bundesagentur für Arbeit verliert Behördenchef Frank-Jürgen Weise nun offenbar auch die Rückendeckung der Bundesregierung. Die Berliner Zeitung zitierte Regierungskreise mit den Worten: "Herr Weise versucht, diese Sache sehr einseitig seinem Vorstandskollegen Heinrich Alt anzuhängen." Es sei gut möglich, dass mittels einer Intrige versucht werde, "den Alt los zu werden". Detailansicht öffnen Kanzler Schröder lässt sich von BA-Chef Frank-Jürgen Weise Verbesserungen bei der Vermittlung von Arbeit erklären. (Foto: Foto: dpa) Wegen der Kostenexplosion war die Internet-Jobbörse Ende Februar auf die Initiative Weises hin gestoppt worden. Der Chef der Bundesagentur war daraufhin noch für seine offene Informationspolitik gelobt worden. Unter Berufung auf interne Dokumente der Bundesagentur meldete das Handelsblatt, Weise sei bereits im August, spätestens aber im September vergangenen Jahres von den anstehenden Mehrkosten informiert gewesen. Anschließend habe er auch seinen Vorstandskollegen Heinrich Alt eingeweiht und die Erhöhung der Kosten als "begründet" bezeichnet. Zugleich habe er aber das Verfahren mit Fragezeichen versehen. Weise und Alt hatten zuvor erklärt, sie hätten erst im Dezember davon erfahren. "Nicht kontrolliert oder nicht informiert" Nach einem Bericht der Nürnberger Nachrichten wachsen aber auch die Zweifel an der Rolle Alts. Die Zeitung zitierte den Arbeitgebervertreter im Aufsichtsrat, Stephan Götzl, mit den Worten: "Entweder hat Alt die Kostenentwicklung bei dem Projekt nicht kontrolliert, oder er hat kontrolliert und den Verwaltungsrat nicht darüber informiert." Götzl habe im Verwaltungsrat mehrfach um Informationen zur Kostenentwicklung beim virtuellen Arbeitsmarkt gebeten, aber keine Auskunft erhalten, schrieb das Blatt. In der Angelegenheit stand Weise am Mittwochmorgen auch dem Bundestag Rede und Antwort. In der nichtöffentlichen Sitzung des Wirtschaftsausschusses sollte es insbesondere um die Kostenexplosion bei der Online-Stellenbörse gehen. Der Bundesrechnungshof nimmt den Vorgang ebenfalls unter die Lupe. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement wurde am Mittag vor dem Ausschuss erwartet. Sein Ministerium lässt nach Informationen der Bild-Zeitung für 835.000 Euro das Image der Nürnberger Agentur untersuchen. Der Auftrag an das Bonner Institut für angewandte Sozialwissenschaft sei am 17. Februar 2004 vergeben worden, meldete das Blatt unter Berufung auf Ministeriumsangaben. "Total im Eimer" Der CDU-Wirtschaftsexperte Hartmut Schauerte kritisierte das Projekt: "Das Ministerium will sich offensichtlich bestätigen lassen, was sowieso jeder weiß: dass das Image der BA total im Eimer ist." | In der Skandalserie um die Kostenexplosion beim Virtuellen Stellenmarkt der Bundesagentur für Arbeit verliert Behördenchef Frank-Jürgen Weise nun offenbar auch die Rückendeckung der Bundesregierung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-um-online-stellenboerse-bundesregierung-verdaechtigt-weise-der-intrige-1.904983 | Streit um Online-Stellenbörse - Bundesregierung verdächtigt Weise der Intrige | 00/05/2010 |
Im Siemens-Konzern muss sich rasch etwas ändern: Der Ruf der einstigen Verkörperung der Deutschland AG steht auf dem Spiel. Es muss Schluss sein, und es ist Schluss. Die Siemens AG, das Weltunternehmen, der Stolz des Exportweltmeisters, die Verkörperung der Deutschland AG, ist mit der Korruptionsaffäre am Ende einer Ära angelangt - einer Ära, in der der Firmenname eindeutig positiv besetzt war, beinahe schon ein Synonym für deutsche Wertarbeit. Detailansicht öffnen Heinrich von Pierer war bis Januar 2005 Vorstands- vorsitzender von Siemens. (Foto: Foto: AP) Es war dies eine Zeit, die im Jahr 1847 mit dem Ingenieur Werner von Siemens und dem Feinmechaniker Johann Georg Halske begonnen hat, in die sensationelle Erfindungen fielen, die zu Weltgeltung und Welterfolg führten. Heute arbeiten für den Global Player Siemens, dessen Firmenzentrale in München ist, 475.000 Menschen in 190 Ländern der Erde; sie erwirtschaften einen Umsatz von beinahe 90 Milliarden Euro. Damoklesschwert über dem ganzen Konzern Die meisten dieser Mitarbeiter geben ihr Bestes zum Wohle des Unternehmens, einige aber arbeiten mit unlauteren Mitteln - und ruinieren den Ruf des ganzen Konzerns. Die Schwarzgeldaffäre nimmt immer größere Ausmaße an, sie rückt den Mitgliedern der Führungsetage näher und näher - und ein Ende ist nicht abzusehen. Wie ein schwerer nasser Lappen legt sich das Ungemach über das Unternehmen. Kein Bereich ist mehr sicher. Wer weiß schon wirklich, wer kann noch darauf vertrauen, dass nur in der Kommunikationssparte gelogen und betrogen, geschmiert und kassiert wurde? Misstrauen allüberall. Dass die Affäre derart außer Kontrolle gerät, hat sich die Führung des Unternehmens selbst zuzuschreiben. Sie mag noch so sehr beteuern, dass sie nun - endlich! - aufklären will, man nimmt es ihr nicht mehr ab. Zu lange, schon seit vielen Jahren, hat man abgewiegelt, hat Kritiker mundtot machen wollen, hat geschimpft und gedroht. Jetzt sind die Dinge aktenkundig, und das Entsetzen ist groß. Wenn Siemens aus diesem Sumpf einigermaßen geläutert herauskommen will, sind drei Dinge unerlässlich. Vollständige Aufklärung nötig Erstens muss der Skandal rückhaltlos und vollständig aufgeklärt werden. Das ist eine Aufgabe auch für Siemens selbst. Markige Worte der Konzernspitze sind nicht genug, zumal wenn sie in manchen Ohren wie Hohn klingen. Mutige und eifrige Staatsanwälte tun ihr Bestes. Sie haben sich über Jahre positioniert, im richtigen Augenblick zugeschlagen und Glück gehabt - weil endlich einmal die Täter der zweiten Reihe ausgepackt haben und ihre Vorwürfe teilweise mit zurückgehaltenen Akten belegen können. Sichtbar werden nicht Verfehlungen Einzelner, sondern die Auswüchse eines Systems krimineller Energie, wie es einem Weltunternehmen unwürdig ist. Es ist deshalb richtig, dass das firmenfremde Aufsichtsratsmitglied Gerhard Cromme - der als Namensgeber der Kommission für eine bessere Unternehmensführung selbst einen Ruf zu verlieren hat - durchgesetzt hat, dass der ganze Konzern unter die Lupe genommen wird und nicht nur die derzeit betroffene Sparte. | Im Siemens-Konzern muss sich rasch etwas ändern: Der Ruf der einstigen Verkörperung der Deutschland AG steht auf dem Spiel. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/korruptionsaffaere-bei-siemens-pierer-co-muessen-gehen-1.905690 | Korruptionsaffäre bei Siemens - Pierer & Co. müssen gehen | 00/05/2010 |
Die Traditionsfirma Hugendubel und die Verlagsgruppe Weltbild legen ihre Läden zusammen und beteiligen sich an Weiland und Habel. Die neue Allianz überrundet Marktführer Thalia. Die Mitarbeiter von Hugendubel und Weltbild erfuhren es zeitgleich mit der Öffentlichkeit. Kaum etwas war in der sonst so redseligen Branche durchgedrungen. Detailansicht öffnen Hugendubel und Weltbild schließen sich zusammen. (Foto: Foto: dpa) Am Donnerstag gaben Hugendubel und Weltbild bekannt, dass sie ihre Partnerschaft ausbauen - bisher betreiben die Firmen gemeinsam die Buchkette Weltbild Plus mit knapp 300 Filialen. Nun legen sie ihr Buchgeschäft komplett zusammen - und setzten sich an die Spitze der Branche. Diese ist bei stagnierendem Umsatz seit Jahren von Geschäftsaufgaben und -aufkäufen geprägt und wird von Thalia dominiert, einer 75-prozentigen Tochter des Douglas-Konzerns. Kartellamt muss noch zustimmen Für ihre Marktführerschaft haben die Firmen eine Finanzholding namens DBH Buch Handels GmbH & Co. KG gegründet, die noch vom Kartellamt genehmigt werden muss. An dieser Allianz sind beide zu je 50 Prozent beteiligt. Der Münchner Mittelständler Hugendubel (Umsatz 2005: 250 Millionen) - er wird von den Geschwistern Nina und Maximilian Hugendubel in fünfter Generation geleitet - gibt dafür seine Selbstständigkeit auf. ,,Wir haben ein Partnerschaftsmodell gefunden, mit dem wir die Vielfalt der deutschen Buchbranche sicherstellen können'', sagte Maximilian Hugendubel. Die Beteiligung von Weltbild erfolge in Form einer nicht konkretisierten Kapitaleinlage. Sie dürfte hilfreich sein für Kreditgespräche und die ersten Aktivitäten der Holding: Die DBH beteiligt sich mehrheitlich an der Lübecker Weiland GmbH (Umsatz 2005: 66 Millionen Euro) und der Darmstädter Buchhandlung Habel (58 Millionen). Hugendubel dringt nach Norden und Westen vor Der Preis liege jeweils unter dem Umsatz der Firma, so Hugendubel. Die im Süden starke Kette Hugendubel dringt damit weiter in die Stammgebiete von Thalia (Nord) und Mayersche Buchhandlung (West) vor. Die Allianz umfasst einen Erlös von 672 Millionen Euro, 451 Buchhandlungen sowie 3436 Beschäftigte und überholt damit Branchenführer Thalia. Die Kette hatte im vergangenen Geschäftsjahr mit 173 Filialen 461 Millionen Euro umgesetzt und ist um 17,3 Prozent gewachsen. Bei Thalia wollte den Vorgang vorläufig niemand kommentieren. Das Zusammengehen sei ,,keine Großfusion'', sagte Hugendubel. Alle Händler würden unter dem Dach der Holding ihre Selbstständigkeit bewahren und die Märkte dezentral bearbeiten. | Die Traditionsfirma Hugendubel und die Verlagsgruppe Weltbild legen ihre Läden zusammen und beteiligen sich an Weiland und Habel. Die neue Allianz überrundet Marktführer Thalia. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/partnerschaft-angekuendigt-neuer-marktfuehrer-im-buchhandel-1.905062 | Partnerschaft angekündigt - Neuer Marktführer im Buchhandel | 00/05/2010 |
Grünes Licht aus Brüssel: Der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern darf seinen Berliner Konkurrenten übernehmen. Der Wettbewerb in Europa werde dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt. Die EU-Kommission billigt den geplanten Pharma-Zusammenschluss ohne Auflagen. Die Produktpalette der beiden Unternehmen ergänze sich weitgehend, berichtete die Kommission am Mittwoch in Brüssel nach einer vierwöchigen Untersuchung. Detailansicht öffnen Der Fusion von Bayer und Schering steht nichts mehr im Weg. (Foto: Foto: dpa) Hohe gemeinsame Marktanteile gebe es nur in Portugal, Irland und Österreich. Der neue Verbund sei mit einer Reihe von starken Konkurrenten konfrontiert. Die künftige "Bayer-Schering-Pharma" wird mit einem Jahresumsatz von neun Milliarden Euro im Pharma-Geschäft deutscher Marktführer sein. Zusammen mit den rezeptfreien Medikamenten und Tier-Arzneimitteln kommt der dann erweiterte Teilkonzern Bayer HealthCare auf einen Jahresumsatz von etwa 15 Milliarden Euro. Nur noch Aktionäre müssen zustimmen In den USA liegt die kartellrechtliche Freigabe bereits seit dem 21. April vor. Eine weitere Bedingung, unter der das Übernahmeangebot jetzt noch steht, ist das Erreichen der Mindestannahmeschwelle von 75 Prozent bis zum 31. Mai 2006. Bayer-Chef Werner Wenning warb erneut für die Annahme des Angebots. Schering-Großaktionär Allianz akzeptiert bereits die Übernahme-Offerte des Pharmakonzerns Bayer. Man beabsichtige, das Angebot anzunehmen, hatte Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner Anfang Mai auf der Hauptversammlung des Versicherers erklärt. Die Allianz hält 11,4 Prozent an Schering. Bayer bietet 86 Euro je Schering-Aktie und schlug damit den Darmstädter Pharma-Konzern Merck aus dem Rennen, der 77 Euro je Aktie geboten hatte und dann aufgab. Arbeitsplatzverlust befürchtet Bayer hatte sich nach dem Debakel mit dem zurückgezogenen Cholesterinsenker Lipobay 2001 besonders auf Mittel gegen Krebs- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen spezialisiert. Schering ist mit Verhütungsmitteln, Hormonmedikamenten und Präparaten gegen Multiple Sklerose ein Nischenanbieter. Künftig kämen dann Mittel wie Aspirin (Bayer) und die Anti-Baby-Pille Yasmin (Schering) aus einer Hand. Beim Zusammenschluss von Bayer und Schering werden möglicherweise weltweit ungefähr 6000 Arbeitsplätze wegfallen. Die Erfahrung zeige, dass das Einsparpotenzial bei etwa zehn Prozent der Mitarbeiter liege, hieß es unmittelbar nach Bekanntgabe der Übernahmeabsicht durch Bayer. Der Teilkonzern Bayer HealthCare beschäftigt bislang fast 34 000 Mitarbeiter, Schering hat knapp 25 000 Arbeitsplätze. | Grünes Licht aus Brüssel: Der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern darf seinen Berliner Konkurrenten übernehmen. Der Wettbewerb in Europa werde dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/eu-kommission-bayer-darf-schering-schlucken-1.902209 | EU-Kommission - Bayer darf Schering schlucken | 00/05/2010 |
Die Bausparkasse BHW ist in fragwürdige Immobiliengeschäfte verstrickt. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat das Institut in den neunziger Jahren beim Vertrieb von Eigentumswohnungen einen manipulierten Stadtplan verwendet. Jetzt muss sich die Bausparkasse vor Gericht verantworten. Im September 1993 verschickte der Münchner Bezirksberater des Beamtenheimstättenwerkes (BHW) einen Brief. Das Schreiben war an angeblich "ausgewählte Kunden der BHW-Gruppe in München" gerichtet. Detailansicht öffnen In dem Prospekt, das die Anleger erhielten, verdeckt ein Pfeil die Mülldeponie (zum Vergleich auf die Lupe klicken). Die Ellipse zeigt die Lage der Deponie an, das Quadrat die Lage der Immobilien. (Foto: Grafik: sueddeutsche.de) Darin warb er für den Immobilienmarkt in Hof. Dem Schreiben beigelegt war eine Skizze von Häusern des "Wohnparks Vogelherd" in Hof, samt Preisliste für einige Wohnungen. Andere BHW-Kunden bekamen einen Anruf der Bausparkasse. Auch ihnen gaben Berater den Tipp, den Erwerb einer Eigentumswohnung als Kapitalanlage in dem "Wohnpark" zu prüfen. Viele der Bausparer fühlten sich davon offenbar angesprochen, ließen sich weiter beraten und kauften schließlich eine der angepriesenen Immobilien. Finanzier für den Ankauf der Objekte war in der Regel das BHW, teilweise unterstützt von anderen Geldinstituten. "Das BHW hat diese Kunden bewusst getäuscht" Inzwischen haben jedoch mindestens 25 Käufer einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Denn der Prospekt mit dem Lageplan, der ihnen ausgehändigt wurde, verschwieg die Existenz einer Mülldeponie in der Nähe des "Wohnparks". Außerdem blieb den Erwerbern der Objekte vorenthalten, dass der ursprüngliche Kaufpreis des Bauträgers für die Wohnungen viel geringer war als der Preis, den nun das BHW verlangte. Das geht aus Dokumenten hervor, die der SZ vorliegen. "Das BHW hat diese Kunden bewusst getäuscht", sagt der Münchner Rechtsanwalt Gerhard Bumeder, der die 25 Immobilienkäufer vertritt. Er wirft der Bausparkasse vor, die eigene Kundendatei angezapft und das besondere Vertrauensverhältnis ausgenutzt zu haben, das die Kunden zum BHW hatten. "Meine Mandaten, überwiegend Beamte beziehungsweise aus dem öffentlichen Dienst, konnten sich einfach nicht vorstellen, dass sie das BHW als ehemalige Beamten-Hilfsorganisation reinlegen wird", sagt er. | Die Bausparkasse BHW ist in fragwürdige Immobiliengeschäfte verstrickt. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat das Institut in den neunziger Jahren beim Vertrieb von Eigentumswohnungen einen manipulierten Stadtplan verwendet. Jetzt muss sich die Bausparkasse vor Gericht verantworten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/dubiose-immobiliengeschaefte-mogelpackung-mit-muelldeponie-1.904738 | Dubiose Immobiliengeschäfte - Mogelpackung mit Mülldeponie | 00/05/2010 |
Der Name Aventis stehe für "Dynamik, Innovation, Wissenschaft, Zukunft und Fortschritt", verkündeten der damalige Hoechst-Chef Jürgen Dormann und sein Kollege von Rhône-Poulenc, Jean-René Fourtou, Ende 1999, als sie in Straßburg die Fusion der beiden Unternehmen bekanntgaben. Von alldem war in den letzten fünf Jahren wenig zu spüren. Der damals zweitgrößte Pharmakonzern der Welt rutschte vielmehr auf Platz sechs und wird nun wahrscheinlich von der Nummer 13 übernommen. Aventis dürfte nicht mehr lange leben. Vieles spricht dafür, dass das bisher feindliche Übernahmeangebot von Sanofi-Synthélabo Erfolg haben wird. Aventis hat die eingangs erwähnten Tugenden weitgehend vermissen und sich das Heft aus der Hand nehmen lassen. Zwar sind die Unternehmensergebnisse ganz gut und die Verschuldung schrumpfte deutlich: Doch der Patentschutz mehrerer Hauptumsatzträger wie des Anti-Allergikums Allegra und des Anti-Thromobose-Mittels Lovenox läuft bald ab. Und für die nächsten Jahren hat Aventis offenbar kaum neue, marktreife Produkte. Persönliche Motive Das feindliche Übernahmeangebot von Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq ist sicher auch von persönlichen Motiven geleitet: Er tritt die Flucht nach vorn an, weil der Aktionärspakt seiner Hauptanteilseigner abläuft. Das macht sein Unternehmen verletzlich. Dehecq nutzt die vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit, dass sein wesentlich kleineres Unternehmen derzeit an der Börse genau so viel wert ist wie die große Aventis. Die Kosten für die Entwicklung neuer Medikamente sind enorm, Regierungen wollen die Gesundheitskosten senken, der Patentschutz einiger Produkte wird von Gerichten in Frage gestellt, außerdem ergänzen sich die Unternehmen gut - all das spricht für eine Fusion. In kaum einer Branche ist die Neigung zu Zusammenschlüssen so groß wie im Pharmasektor. Aventis, das schon vorher mit Sanofi diskutiert haben soll, wehrt sich auch nicht grundsätzlich gegen einen Zusammenschluss. Pariser Wohlwollen Die französische Regierung interveniert zwar nicht, doch sie sieht mit Wohlwollen, dass es bald einen globalen Champion mit Sitz in Frankreich geben wird. Darauf arbeitet Paris schließlich in fast allen Branchen hin. Bleibt ein Bedauern aus deutscher Sicht: Noch in den siebziger Jahren war mit Hoechst ein deutsches Unternehmen die Apotheke der Welt. Diese Position hat es, auch aufgrund von Managementfehlern, verspielt. Für die ehemaligen Hoechst-Beschäftigten, die sich bereits bei Aventis an den Rand gedrängt fühlen, ist es kein gutes Zeichen, künftig vermutlich nur noch der kleinere Teil eines französischen Riesen-Konzern zu sein. | Der Name Aventis stehe für "Dynamik, Innovation, Wissenschaft, Zukunft und Fortschritt", verkündeten der damalige Hoechst-Chef Jürgen Dormann und sein Kollege von Rhône-Poulenc, Jean-René Fourtou, Ende 1999, als sie in Straßburg die Fusion der beiden Unternehmen bekanntgaben. Von alldem war in den letzten fünf Jahren wenig zu spüren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-standort-frankreich-1.902101 | Kommentar - Standort Frankreich | 00/05/2010 |
Der Transrapid war einst der Stolz von Shanghai. Weitere Projektverhandlungen verliefen jedoch zäh, dazu hagelte es Bürgerproteste. Nun hat die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua einen Ausbau- Stopp verkündet. Bis zuletzt hatten die deutschen Manager gehofft. Ende vergangener Woche war Bundespräsident Horst Köhler nach China gereist. Hochrangige Siemens-Manager hatten sich die Tage extra im Terminkalender freigehalten und gehofft, die Chinesen könnten Köhlers Besuch nutzen, um endlich auch offiziellen die Verlängerung der Schanghaier Transrapidtrasse zu verkünden. Es wäre ein schönes Geschenk gewesen. Detailansicht öffnen Die erste Transrapid-Strecke in Shanghai ist erfolgreich in Betrieb. Doch einen Ausbau wird es offenbar nicht geben. (Foto: Foto: AP) Als die Nachricht eintraf, herrschte im Internet Stille. Chinas Netzgemeinde wartete ab. Viele Monate hatten tausende Schanghaier Bürger im Internet den Protest gegen den Streckenausbau koordiniert. Die staatlich kontrollierten Medien schwiegen. Doch in der Anonymität der virtuellen Diskussionsforen herrschte Aufruhr. Am Samstag war Horst Köhler gerade mit dem Transrapid Richtung Flughafen gefahren, als die Nachrichtenagentur Xinhua ("Neues China") den Stopp des Projektes verkündete. Die Chatrooms schwiegen zunächst, als ob niemand die Nachricht glauben wollte. Der Artikel zitierte ein Mitglied des Schanghaier Volkskongresses. "Vor allem wegen der Proteste der Anwohner ist die Verlängerung der Transrapidtrasse vorerst gestoppt worden", hieß es in dem Artikel. Die Regierung prüft das weitere Vorgehen. "Die Stimmen der Anwohner sind erhört worden", schrieb schließlich ein Surfer mit dem Namen "Über die Wolken aufsteigen". Viele Schanghaier Bürger spürten Erleichterung. Importierte Prostestkultur Nur wenige Themen haben die Bewohner der ostchinesischen Wirtschaftsmetropole in den vergangenen Jahren derart in Aufregung versetzt wie der Transrapid und die Verlängerung der Hochgeschwindigkeitstrasse. Es ist fast, als sei mit der deutschen Technologie auch ein Stück Protest- und Bürgerinitiativenkultur nach China importiert worden. Der Anfang schien vielen wie der Beginn eines neuen Zeitalters im Personenverkehrs. Als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Chinas ehemaliger Ministerpräsident Zhu Rongji im Dezember 2002 die erste kommerziell genutzte Transrapidtrasse eröffneten, schien die Magnetschwebetechnologie endlich den Durchbruch geschafft zu haben. Doch bereits wenige Monate später verließ das Glück den Transrapid. Für die prestigeträchtige 1.200 Kilometer lange Fernverbindung zwischen Schanghai und Peking entschied sich China für die traditionelle Technologie. "Der Transrapid ist noch immer zu unerprobt", hieß es aus dem Eisenbahnministerium. Jahre lang verhandelten die Konsortialfirmen Siemens und ThyssenKrupp mit der chinesischen Regierung über die Verlängerung der Trasse zur 175 Kilometer entfernten Nachbarstadt Hangzhou. Die Verhandlungen stockten. Doch der gut 30 Kilometer lange Teilabschnitt zum Inlandsflughafen Hongqiao galt noch als wahrscheinlich. Im Frühjahr begann die Schanghaier Regierung mit der Umsiedlung der betroffenen Anwohner entlang der Trasse - obwohl zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Liefervertrag unterschrieben worden war. Die Strecke sollte mitten durch dicht besiedeltes Stadtgebiet verlaufen; manche Hochhäuser lagen gerade 22,5 Meter entfernt neben dem aufgestelzten Fahrweg. Noch nichts endgültig Der Transrapid war einmal der Stolz der ganzen Stadt. Niemand hätte damit gerechnet, dass die Furcht vor Strahlenbelastung und der Ärger über fallende Wohnungspreise tausende Schanghaier Bürger zu Demonstranten machen würde. Es gab unangemeldete Kundgebungen vor dem Gebäude der Stadtverwaltung. Die Bewohner mehrere Wohnanlagen schrieben Briefe an die deutsche Bundeskanzlerin und den Siemens-Chef. Innerhalb eines einzigen Tages gingen über 5.000 Beschwerden bei der Verwaltung des Stadtbezirks Minhang ein. Es gab noch andere Gründe, die die Schanghaier Regierung bewogen haben, schließlich die Notbremse zu ziehen. Dazu gehören auch die hohen Kosten von 35 Milliarden Yuan, umgerechnet etwa 3,4 Milliarden Euro. Auch die Verhandlungen mit Siemens und ThyssenKrupp steckten fest, berichteten chinesische Medien. Endgültig ist noch nichts entschieden. Und unklar ist derzeit auch, ob sich der Baustopp nur auf die Hangzhou-Strecke oder auch auf die Anbindung des Inlandsflughafens bezieht. Nur eines ist sicher: Ein goldenes Zeitalter wird der Transrapid in China nicht mehr erleben. | Der Transrapid war einst der Stolz von Shanghai. Weitere Projektverhandlungen verliefen jedoch zäh, dazu hagelte es Bürgerproteste. Nun hat die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua einen Ausbau- Stopp verkündet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/china-stoppt-transrapid-ausbau-vom-glueck-verlassen-1.906753 | China stoppt Transrapid-Ausbau - Vom Glück verlassen | 00/05/2010 |
Beide Seiten haben sich über ein Mahnverfahren zur Gebühr von zehn Euro pro Arztbesuch geeinigt. So soll sichergestellt sein, dass die Mediziner von säumigen Zahlern Geld erhalten. (SZ vom 09.12.2003) — Wie der Vorsitzende des Schiedsamts, Werner Nicolay, nach den Gesprächen erklärte, sollen zunächst die Ärzte eine Mahnung an Patienten verschicken, die wegen eines Notfalls zunächst nicht gezahlt hätten. Bleiben diese Aufforderungen erfolglos, soll die Kassenärztliche Vereinigung (KV) tätig werden und das Mahnverfahren weiterverfolgen. Die KV sind die regionalen Zusammenschlüsse der Ärzte. Reicht auch dies nicht aus, wollen die Kassen das weitere Risiko tragen. Kein Verwaltungsabschlag Daneben lehnte es das Schiedsamt ab, dass die Ärzte für das Eintreiben der Praxisgebühr einen Verwaltungsabschlag erhalten. Ein solcher Abschlag sei "nicht gerechtfertigt", sagte Nicolay. Er verwies auf Apotheken, Kliniken oder Krankengymnasten, die für ähnliche Gebühren ebenfalls keinen Abschlag berechnen könnten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ließ offen, ob sie den Schiedsspruch zum Verwaltungsabschlag akzeptieren wollen. "Wir werden den Beschluss noch in unseren Gremien prüfen", sagte KBV-Chef Manfred Richter-Reichhelm. Die KBV wollte einen Abschlag von einem Euro. Richter-Reichhelm lobte aber die Einigung zum Mahnverfahren. Dadurch würden die Ärzte von Verwaltungsarbeit entlastet. Auch der Vertreter der Kassen, Johann Magnus von Stackelberg vom AOK-Bundesverband begrüßte die Einigung. Nun sei eine "gerechte Verteilung für den Patienten" gewährleistet. Überweisung und Prävention bleiben ohne Gebühr Seit Wochen streiten Kassen und Ärzte um die Praxisgebühr. Das Schiedsamt von Ärzten und Kassen sollte klären, wer das finanzielle Risiko der Gebühr trägt. Insbesondere die Mediziner hatten sich gegen die Gebühr gewehrt, weil sie einen hohen Verwaltungsaufwand befürchteten, wenn sie das Geld vom Patienten eintreiben sollten. Die Praxisgebühr ist Teil der Gesundheitsreform. Nach den Plänen von Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) sollen die Patienten künftig zehn Euro pro Quartal für den Besuch eines Arztes zahlen. Das Geld wird nicht fällig, wenn der Patient von einem Hausarzt zum Facharzt überwiesen wurde. Auch wer zur Prävention den Arzt aufsucht, soll nicht zahlen. Unter gewissen Bedingungen können die Krankenkassen auch die Praxisgebühr erlassen oder ganz streichen. Nach Schätzungen der Kassen kommen durch die neue Abgabe etwa 1,5 bis zwei Milliarden Euro im Jahr zusammen. | Beide Seiten haben sich über ein Mahnverfahren zur Gebühr von zehn Euro pro Arztbesuch geeinigt. So soll sichergestellt sein, dass die Mediziner von säumigen Zahlern Geld erhalten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gesundheitsreform-kassen-und-aerzte-legen-streit-um-praxisgebuehr-bei-1.907079 | Gesundheitsreform - Kassen und Ärzte legen Streit um Praxisgebühr bei | 00/05/2010 |
Wulf von Schimmelmann hat aus der Postbank ein erfolgreiches Finanzinstitut gemacht - jetzt will er abtreten. Als der Orkan Kyrill über Deutschland hinwegfegt, wartet Wulf von Schimmelmann in Siegburg auf die Abfahrt des ICE-Sprinters. Dann trifft er eine der seiner Meinung nach wenigen spekulativen Entscheidungen seines Lebens, wechselt ins Auto und erreicht doch noch pünktlich die Gala im Frankfurter Schauspielhaus. Detailansicht öffnen Zufall? Schon anlässlich des Börsengangs 2004 streckte der Postbank-Vorsitzende Wulf von Schimmelmann seinen Daumen vor einem Dreimaster optimistisch in die Höhe. (Foto: Foto: dpa) Dort erhält der einst als "Herr der Sparbücher" bespöttelte Banker von der Zeitschrift für Werbewirtschaft Horizont eine Auszeichnung als "Mann des Jahres", vor allem weil er die Postbank von der Bankenkrise abgekoppelt und eine erfolgreiche Werbekampagne während der WM hatte. Gut 600 Gäste applaudieren. Für Schimmelmann ist es eine von vielen Auszeichnungen. Der 58-jährige gebürtige Bayer und Vater dreier Kinder steht im Zenit seines Erfolges. "Was will er jetzt noch bei der Postbank schaffen", fragen Wegbegleiter. Ein Abgang klingt in ihren Ohren plausibel, zumal Schimmelmann nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er nach seinem Berufsleben noch gerne andere Dinge machen möchte. Vorzeitiges Segeln auf den Bahamas Bisher schafft er es nur selten in sein Haus auf den Bahamas, wo er auch ein Segelboot liegen hat. Dafür wird Schimmelmann, der aus einer holsteinisch-dänischen Adelsfamilie stammt und sich elegant kleidet, bald mehr Zeit haben. Der Aufsichtsrat der Postbank wird nach SZ-Informationen im kommenden März der Bitte Schimmelmanns nach einer vorzeitigen Vertragsauflösung nachkommen. Bereits im Laufe des Jahres dürfte der Manager dann die Geschäfte an einen Nachfolger übergeben. Die besten Karten hat hier Wolfgang Klein, der das Privatkundengeschäft verantwortet. Er übernähme ein bestelltes Haus. Als Schimmelmann im Jahr 1999 das Ruder übernimmt, steckt die Postbank in einer Krise und schreibt Millionenverluste. Der einst zur Deutschen Bundespost zählende Postscheckdienst agiert zwar schon seit vier Jahren als eigenständige Bank, verfügt aber kaum über Verkäufer, bietet wenig mehr als das Postsparbuch und sucht ein Profil. Rasanter Aufholprozess Heute fällt häufig der Name der Bank, wenn Manager über interessante Übernahmeobjekte reden. Dazwischen liegen acht Jahre, in denen Schimmelmann aus der ehemaligen Behörde eine Bank geformt hat. Dabei half ihm die Rückendeckung durch Post-Chef Klaus Zumwinkel. Die beiden ehemaligen McKinsey-Berater schätzen sich. Zumwinkel bewies bei der Wahl Schimmelmanns für den Posten des Postbankchefs ein glückliches Händchen. Heute ist die Deutsche Postbank eine der wenigen privatisierten Postbanken, die eigenständig blieben. In den Niederlanden, Belgien oder Österreich gehören die ehemaligen Postbanken beispielsweise zu Bankkonzernen wie ING, Fortis oder Bawag. Schimmelmann ging systematisch und ruhig vor. Zunächst baute er eine sehr kostengünstige Abwicklungsstruktur für das Bankgeschäft auf, weshalb mittlerweile auch Konkurrenten wie die HypoVereinsbank oder Commerzbank den Zahlungsverkehr bei der Postbank abwickeln. Geschickte Produktpolitik Außerdem schuf Schimmelmann über das Sparbuch hinaus eine ganze Produktfamilie. Zwar hat der typische Postbankkunde immer noch ein Sparbuch, insgesamt gibt mehr als 17 Millionen, längst hat er aber auch Girokonten, kauft Fonds, Versicherungen oder Kredite bei dem blaugelben Institut. Danach löste Schimmelmann das größte Problem, er kaufte Vertriebe. Zuvor war die Postbank eine Bank ohne eigene Verkäufer gewesen. Dies änderte Schimmelmann durch die Übernahme von 850 Postfilialen mit 9500 Mitarbeitern und den Kauf der zweitgrößten Bausparkasse BHW mit ihren 4000 mobilen Verkäufern. Damit schnappte er sich einen der letzten freien Vertriebe in Deutschland. Doch es gab auch Rückschläge. So tauchten bei dem Börsengang Gerüchte über eine Übernahme durch die Deutsche Bank auf, die pikanterweise Konsortialführerin war. Dann gab es Informationen, dass die Deutsche Bank den Wert der Postbank niedriger einstufte als öffentlich beschrieben. Nach dem Börsengang lief es dann aber rund, der Marktwert der Bank verdoppelte sich bis heute, was für die Post einen Buchgewinn von drei Milliarden Euro bedeutet. Trotz aller Ehrungen blieb Schimmelmann bescheiden, ihm glauben Mitarbeiter sogar, wenn er die Erfolge vor den Gästen im Frankfurter Schauspielhaus nicht sich, sondern der gesamten Postbankmannschaft zuschreibt. | Wulf von Schimmelmann hat aus der Postbank ein erfolgreiches Finanzinstitut gemacht - jetzt will er abtreten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vorzeitiger-ruhestand-fuer-postbank-boss-mehr-zeit-fuer-die-bahamas-1.903688 | Vorzeitiger Ruhestand für Postbank-Boss - Mehr Zeit für die Bahamas | 00/05/2010 |
Der Porsche-Patriarch hat nur ein Ziel: die endgültige Macht seines Clans im VW-Konzern. Mit seiner Herr-im-Haus-Attitüde könnte der Österreicher aber den jüngsten Sanierungserfolg gefährden. Es klingt gut, wenn ein Kleiner einen Großen rettet. Das bringt Aufmerksamkeit. So findet es auch Beachtung, wenn der Sportwagen-Hersteller Porsche beim 15mal größeren Volkswagen-Konzern die Macht übernimmt - und das auch noch aus angeblich edlen Motiven. Detailansicht öffnen Die Beteiligungsstruktur des VW-Konzerns ist inzwischen kompliziert. Die Fäden hat vor allem Ferdinand Piëch in der Hand. (Foto: Grafik: sueddeutsche.de) Porsche und sein mächtiger Gesellschafter Ferdinand Piëch gebärden sich als Retter von VW. Mit dem Einstieg, so heißt es, verhindere Porsche, dass sich böse Hedge Fonds an Europas größtem Autohersteller beteiligen, nach Heuschreckenart über das Unternehmen herfallen und es zugrunde richten. Anhängern dieser These sei entgegengehalten, dass der VW-Konzern solcher Hilfe nicht bedarf, auch wenn er noch immer in Schwierigkeiten steckt und zu wenig verdient. Konsequente Sanierung hebt den Aktienkurs Der Konzern hat 2006 bewiesen, dass eine konsequente Sanierung das Ergebnis verbessert und den Aktienkurs hebt, sodass es für Investment-Fonds uninteressant wird, sich einzukaufen. Nein, die Motive von Ferdinand Piëch, den Volkswagen-Konzern, den er von 1993 bis 2002 als Chef führte und wo er heute noch den Aufsichtsrat leitet, unter seine Regie zu bekommen, sind stark persönlicher Natur. Der Enkel des Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche und mehrfache Milliardär hat den Ehrgeiz, VW unter die Herrschaft der Porsche-Piëch-Familie zu bekommen. "Pathologische Züge" Dazu belebt der 69-jährige Österreicher, dem die VW-Führungskräfte einst ,,pathologische Züge'' vorwarfen, die Prinzipien der alten und gefürchteten Deutschland AG wieder, in der sich Manager, Gewerkschaften und Politiker zum Schutz eines Unternehmens vor Übernahme zu einer unheiligen Allianz zusammenschließen, die ihnen ein ruhiges Leben erlaubt, das aber zu Lasten der Aktionäre geht und am Ende auch der Arbeitsplätze. Gemeinsam mit Niedersachsen, das an VW knapp 20 Prozent hält, kann der Porsche-Patriarch bei VW jetzt endlich tun, was er will. Schon zuvor hatte sich Piëch die Unterstützung der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat gesichert, indem er der Belegschaft umfangreiche Zugeständnisse machte und um die Jahreswende den bei den Gewerkschaften ungeliebten Sanierer Wolfgang Bernhard sowie seinen Mentor, den Unternehmenschef Bernd Pischetsrieder, feuerte. Seitdem gibt es bei VW niemanden mehr, der Piëch widersprechen würde. | Der Porsche-Patriarch hat nur ein Ziel: die endgültige Macht seines Clans im VW-Konzern. Mit seiner Herr-im-Haus-Attitüde könnte der Österreicher aber den jüngsten Sanierungserfolg gefährden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/porsche-vergroessert-einfluss-bei-vw-piechs-trickreiche-strategie-1.904477 | Porsche vergrößert Einfluss bei VW - Piëchs trickreiche Strategie | 00/05/2010 |
Die Gewinne sprudeln zwar, aber Stellen werden trotzdem gestrichen: Was die Deutsche Bank, die Telekom sowie etliche andere Unternehmen vorgemacht haben, wird jetzt auch bei der Postbank praktiziert. Die Postbank will ungeachtet ihres Rekordergebnisses bei ihrer neuen Bausparkassen-Tochter BHW Stellen abbauen. Erste Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern sollen dazu bereits am Mittwoch aufgenommen werden, wie Vorstandschef Wulf von Schimmelmann am Montag bei der Vorlage der Bilanz für 2005 erklärte. Den Umfang des Personalabbaus wollte er nicht beziffern. Detailansicht öffnen Kann ein gutes Ergebnis präsentieren: Postbank-Chef Wulf von Schimmelmann. (Foto: Foto: dpa) Für den Konzern kündigte er weiteres Wachstum an. Bis 2008 soll bei der mit 14,5 Millionen Kunden größten deutschen Privatkundenbank Deutschlands die Eigenkapitalrendite vor Steuern auf mindestens 20 Prozent klettern. Für 2006 gab er keine konkrete Prognose ab. Zum Thema Personalabbau bei dem im Herbst übernommenen Finanzdienstleister BHW hielt sich Schimmelmann trotz hartnäckiger Nachfragen auf der Pressekonferenz in in Frankfurt am Main bedeckt. Integration von BHW soll 2006 abgeschlossen sein "Wenn wir über das zweite und das dritte Quartal sprechen, wissen wir sicherlich mehr", sagte er lediglich. Unter dem Strich werde die Integration des BHW, die 2006 abgeschlossen werden soll, sicher zu einem Rückgang von Arbeitsplätzen führen, ergänzte Personalvorstand Ralf Stemmer. Er hoffe allerdings, dies "ohne betriebsbedingte Kündigungen hinzukriegen". Solche sind zumindest 2006 noch vertraglich ausgeschlossen. Das BHW werde jedoch "die Baufinanzierungsmarke der Postbank im Privatkundenbereich" bleiben, versicherte Privatkundenvorstand Wolfgang Klein. Auch der traditionelle BHW-Standort Hameln werde weiter eine "große, wenn auch teilweise veränderte Bedeutung" haben. "Absolutes Top-Thema 2006" Die Integration des BHW und der Anfang 2006 übernommenen 850 Postfilialen rief von Schimmelmann zum "absoluten Top-Thema 2006" der im MDAX notierten Tochter der Deutschen Post aus. | Die Gewinne sprudeln zwar, aber Stellen werden trotzdem gestrichen: Was die Deutsche Bank, die Telekom sowie etliche andere Unternehmen vorgemacht haben, wird jetzt auch bei der Postbank praktiziert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/postbank-stellenabbau-trotz-rekordergebnis-1.903449 | Postbank - Stellenabbau trotz Rekordergebnis | 00/05/2010 |
Klaus-Joachim Gebauer spielt mit seinen Aussagen in der VW-Affäre eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung - bis er Ende des Jahres selbst auf die Anklagebank muss. Der Arrangeur der Lustreisen bei VW, Klaus-Joachim Gebauer, 62, war am Donnerstag bei seinem Zeugenauftritt im Prozess gegen den früheren VW-Betriebsrat und ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl manchmal etwas weitschweifig und ungenau. Ob Seoul oder Schanghai - wer kann all die Etablissements mit den vielen "Mädchen'' (Gebauer) noch auseinanderhalten? "Sie hatten eine Vielzahl von Ereignissen'', sagte die Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff verständnisvoll, und Gebauer nickte dankbar. Ganz genau wusste er aber, dass VW immer alles bezahlt hat und dass auch der SPD-Landtagsabgeordnete in Hannover, Günter Lenz, VW-Aufsichtsrat und Betriebsratschef Nutzfahrzeuge in Hannover dabei gewesen sein soll. Lenz als "Unterorganisator" Bei einem umgerechnet rund 15.000 Euro teuren Treffen in Hannover, das Teilnehmern bei VW lebhaft in Erinnerung geblieben ist, sei Lenz eine Art "Unterorganisator'' gewesen. Kaum hatte Gebauer zusammen mit seinem Anwalt Wolfgang Kubicki den Großen Sitzungssaal des Wolfsburger Amtsgerichts verlassen, löste seine Schilderung ein paar Kilometer weiter in Hannover politische Turbulenzen aus. Seit Monaten erklärt Lenz zwar stereotyp, die ihn betreffenden Behauptungen Gebauers seien falsch, aber nach dem Zeugenauftritt zog der Chef der SPD-Landtagsfraktion, Wolfgang Jüttner, die Notbremse. Er forderte Lenz, gegen den die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ermittelt, zum Rücktritt auf - Lenz folgte am Freitag prompt. Jüttner verwendete eine geschmeidige Formel: Er wolle einerseits Schaden von der Partei fernhalten, zweifle andererseits aber nicht am Wahrheitsgehalt der Aussagen von Lenz. Hartz, Volkert, dann Uhl und jetzt Lenz Die Personalie ist nur ein Name in einer Liste von VW-Leuten, die durch Aussagen des früheren VW-Personalmanagers Gebauer aus der Bahn geworfen wurden: Ganz oben steht der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz, dann folgt der ehemalige Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert, dann Uhl, jetzt Lenz - ein paar andere, wie ein von Gebauer belasteter Werksarzt, gingen ohne Getöse. Beim Blick auf die vielen Episoden in dieser Affäre fällt auf, dass alle Beben immer von Gebauer ausgingen. Den Fall Hartz nahm die Braunschweiger Staatsanwaltschaft erst ernst, als Gebauer im Stern über die Sex-Touren auspackte ("Gebauer, wo bleiben die Weiber''). | Klaus-Joachim Gebauer spielt mit seinen Aussagen in der VW-Affäre eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung - bis er Ende des Jahres selbst auf die Anklagebank muss. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-vw-krimi-geht-weiter-kronzeuge-auf-zeit-1.899529 | Der VW-Krimi geht weiter - Kronzeuge auf Zeit | 00/05/2010 |
Die deutsche Wirtschaft hat sich im Frühjahr viel besser entwickelt als erwartet. Experten schrauben ihre Wachstumsprognose für 2006 nun auf zwei Prozent und mehr. Der Aufschwung hat die deutsche Wirtschaft voll erfasst: Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal saison- und kalenderbereinigt um real 0,9 Prozent - nach 0,7 Prozent im ersten Vierteljahr. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Einen ähnlichen Aufwärtstrend hatte es zuletzt Anfang 2001 gegeben. Detailansicht öffnen Die Bauwirtschaft trug zuletzt erheblich zur Belebung der deutschen Wirtschaft bei. (Foto: Foto: ddp) Die Impulse kommen derzeit vor allem aus dem Inland, vom Bau und den Investitionen. Wegen des schwungvollen ersten Halbjahres setzten einige Ökonomen bereits ihre Prognosen nach oben. 2006 könnte die Wirtschaft um mehr als zwei Prozent zulegen - das wäre ein neuer Rekord nach dem Boomjahr 2000. "Eine echte Überraschung" "Es sieht besser aus als gedacht", sagte Holger Schmieding, Volkswirt der Bank of America. "Die Zahlen sind eine echte gute Überraschung." Vor allem das erste Quartal, dessen Wachstum von 0,4 auf 0,7 Prozent nach oben angehoben wurde, überraschte die Ökonomen. Erstmals seit Jahren hätten nicht nur die Exporte, sondern auch die Investitionen und der Konsum die Konjunktur angeschoben. Das Wirtschaftswachstum werde robuster und stehe auf zwei Beinen. Sondereffekt Fußball-WM Im zweiten Quartal seien Sondereffekte dazu gekommen wie die Fußball-WM und das Nachholbedürfnis am Bau, der nach dem langen kalten Winter Aufträge abarbeiten musste. Die Unternehmen investierten wieder. | Die deutsche Wirtschaft hat sich im Frühjahr viel besser entwickelt als erwartet. Experten schrauben ihre Wachstumsprognose für 2006 nun auf zwei Prozent und mehr. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konjunktur-staerkstes-wachstum-seit-fuenf-jahren-1.900032 | Konjunktur - Stärkstes Wachstum seit fünf Jahren | 00/05/2010 |
Im zweiten Prozess der VW-Affäre um Lustreisen ist der frühere SPD-Parlamentarirer Hans-Jürgen Uhl zu einer Geldstrafe verurteilt worden. In einem Medienbericht hatte zuvor eine Prostituierte Uhl als ihren Freier offenbart. Uhl hatte am Donnerstag, dem ersten Verhandlungstag, vor dem Amtsgericht Wolfsburg ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er war angeklagt wegen Beihilfe zur Untreue sowie falscher eidesstattlicher Versicherungen. Uhl sagte in einem Schlusswort: "Ich bereue das, was ich getan habe und stehe dafür ein." Er bitte diejenigen, die er enttäuscht habe, um Verzeihung. Der frühere VW-Betriebsrat hatte seine Verstrickung in die Affäre lange geleugnet. Ursprünglich waren für den Prozess fünf Verhandlungstage angesetzt. Nach dem Geständnis Uhls verzichtete das Gericht aber darauf, Zeugen zu hören. Vor dem Schuldspruch hatte Uhl in einer Erklärung eingeräumt, von VW bezahlte Kontakte zu Prostituierten gehabt zu haben. "Es trifft zu, dass ich während meiner Zeit als Betriebsratsmitglied Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen habe", sagte Uhl. Die Frauen seien über den Ex-VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer vom Konzern bezahlt worden. Der langjährige VW-Betriebsrat gestand außerdem ein, in gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Medien fünf falsche eidesstattliche Versicherungen zu der Affäre abgegeben zu haben. "In unverantwortlicher Weise die Justiz missbraucht" Mit den falschen Versicherungen, die Uhl im letzten Bundestagswahlkampf abgab, habe er "die Wähler betrogen und in einer für einen Politiker unverantwortlichen Weise die Justiz missbraucht", sagte er. Er habe bei der Abgabe der eidesstattlichen Versicherungen wegen der anstehenden Bundestagswahl unter Druck gestanden und zudem "Angst gehabt, die Ehefrau zu verlieren", brachte Uhl zu seiner Verteidigung vor. Uhl entschuldigte sich für sein "viel zu langes Fehlverhalten". In der Zeit seiner Betriebsratstätigkeit sei eine Atmosphäre entstanden, "die mich die Bodenhaftung hat verlieren lassen". An Volkswagen habe er zur pauschalen Wiedergutmachung 5.000 Euro überwiesen. Bedingungsloser Schlussstrich Mit seinem Mandatsverzicht habe er einen bedingungslosen Schlussstrich unter sein Fehlverhalten ziehen wollen. Obwohl die Anklagevertreterin es verlangte, machte Uhl keine Aussagen zum Verhalten anderer Betriebsratsmitglieder. "Ich würde schon gerne hören, wer sonst noch dabei war", sagte Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff. Man dürfe von dem Angeklagten nicht verlangen, die Funktion eines Kronzeugen zu übernehmen, erwiderte Uhls Verteidiger Klaus-Ulrich Ventzke. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch gegen zahlreiche weitere Beschuldigte in der VW-Affäre. Auskünfte von Uhl über das Verhalten anderer Betriebsratsmitglieder könnten den Anklägern als Beweise in weiteren Fällen dienen. Betriebsratssitzung in Barcelona Bei der Verlesung der Anklage warf die Oberstaatsanwältin Uhl unter anderem vor, 2001 bei einer Betriebsratssitzung in Barcelona 2.000 Mark in bar für die Bezahlung einer Prostituierten entgegen genommen zu haben. In seinen Geständnis gab Uhl auch weitere von VW bezahlte Kontakte zu Prostituierten zu, die aus Gründen der Verjährung nicht mehr angeklagt waren. Uhl hatte eine Verstrickung in die VW-Affäre um Vergünstigungen für Betriebsräte lange geleugnet. Vor gut zwei Wochen gab er überraschend öffentlich zu, in gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Medien unwahre eidesstattlicher Versicherungen zu der Affäre abgegeben zu haben. Aus SPD und IG Metall ausgetreten Anschließend legte er sein Bundestagsmandat nieder und trat aus SPD und IG Metall aus. Bei der Verhandlung war auch Klaus-Joachim Gebauer vorgeladen gewesen. Mit dem frühen Urteil erübrigte sich für das Gericht die weitere Zeugenvernehmung. Neben Gebauer war die Verhörung von elf Zeugen, darunter sechs Prostituierte, vorgesehen gewesen. Lesen Sie auf Seite zwei weiter, wie die Prostituierte Lola einen Abend mit dem Verurteilten Hans-Jürgen Uhl beschreibt | Im zweiten Prozess der VW-Affäre um Lustreisen ist der frühere SPD-Parlamentarirer Hans-Jürgen Uhl zu einer Geldstrafe verurteilt worden. In einem Medienbericht hatte zuvor eine Prostituierte Uhl als ihren Freier offenbart. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aufarbeitung-der-vw-affaere-um-lustreisen-uhl-zu-geldstrafe-verurteilt-1.919902 | Aufarbeitung der VW-Affäre um Lustreisen - Uhl zu Geldstrafe verurteilt | 00/05/2010 |
Die Wirtschafts- und Gewerkschaftsbosse treffen sich mit Angela Merkel. Ganz privat. Und es ist anders als mit Schröder. Die Herren wollten nichts dem Zufall überlassen. Erstmals waren sie am Dienstagabend gemeinsam zum Tête-à-tête mit CDU-Regierungschefin Angela Merkel und SPD-Vizekanzler Franz Müntefering ins Kanzleramt eingeladen - auch für vier mächtige Verbandspräsidenten mit beinahe täglichen Politikkontakten ist das kein Routinetermin. Detailansicht öffnen Angela Merkel (Foto: Foto: AP) Nichts sollte jetzt schief gehen, die Interessen der Unternehmen wollten gewinnend formuliert sein. Also lud Industrie-Präsident Jürgen Thumann seine drei Kollegen am Dienstag für 17 Uhr zum Vorgespräch, und gegen 19 Uhr liefen sie vereinbarungsgemäß vor dem Kanzleramt auf: außer Thumann Arbeitgeberchef Dieter Hundt, Handwerkspräsident Otto Kentzler und der Vorsteher des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, allesamt Vertreter des deutschen Mittelstands. Ohne Tagesordnung Mit dem Fahrstuhl ging es ganz nach oben. Achte Etage, Kanzler-Wohnung. Das war Angela Merkels erstes Signal: Nicht in einem der Sitzungssäle oder in ihrem 142,5 Quadratmeter großen Büro wollte sie die Herren der Wirtschaft empfangen, sondern vergleichsweise privat in der Wohnung direkt darüber. Wobei die Privatheit bei Merkel ihre Grenzen hat. Wohnt sie doch anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder auch unter der Woche nicht dort, sondern schläft in ihrer Wohnung nahe der Museumsinsel. Schon zur Vorspeise - angerichteter Salm - präsentierte sich die Regierungschefin souverän gelassen, angeregt plaudernd, aktensicher und bestens im Film. Merkel und Müntefering hatten zwei Mitarbeiter mitgebracht, und für die Gäste überraschend stieß auch Hildegard Müller dazu, Diplom-Bankkauffrau, Merkel-Vertraute und jetzt Staatsministerin im Kanzleramt. Eine Tagesordnung hatten die Büchsenspanner beider Seiten nicht geplant, es sollte ein offenes Gespräch zu allen anliegenden Themen werden: von Ausbildung bis Kombilohn, von Steuerreform bis Staatsverschuldung, von Kündigungsschutz bis Gesundheitsreform, und als Hauptspeise geschmorte Ochsenbacke, dazu Rotwein aus Italien. Das Koalitionsduo erwies sich als eingespielt. Merkel führte das Wort, aber auch Müntefering fand seine Stichworte. Eine rege Diskussion hob an, die keine Schärfen kannte. Argumente wurden unaufgeregt vorgebracht und zur Kenntnis genommen. Anders, irgendwie ernsthafter Klar, dass Müntefering für einen Mindestlohn warb, und Hundt dagegen war. Zum Nachtisch warmer Schokoladenkuchen auf Orange-Vanille-Ragout mit Joghurteis, später Kaffee und Zigarren. Fast wie bei Schröder, und doch ganz anders, irgendwie ernsthafter. Am Ende, das gilt es festzuhalten, waren die Wirtschaftsführer von ihrer Kanzlerin überaus angetan. Obwohl sie sich präsentiert hatte wie bei der Grundsatzrede vor der eigenen Partei zwei Tage zuvor: die Probleme des Landes aufzeigend, programmatisch nachfragend, aber wenig konkret - eine Frau zwischen neoliberaler Gesinnung und koalitionspolitischer Rücksichtnahme. Keine Beschlüsse, keine Zielvereinbarungen, keine Arbeitsgruppen - aber es blieb der Eindruck bei den Verbandspräsidenten, dass Angela Merkel auf ihrer Seite ist, irgendwie. Fragt sich, ob die Gewerkschaftschefs den gleichen Eindruck gewonnen haben, die für Mittwoch Abend ins Kanzleramt geladen waren. | Die Wirtschafts- und Gewerkschaftsbosse treffen sich mit Angela Merkel. Ganz privat. Und es ist anders als mit Schröder. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/angela-merkel-die-kanzlerin-aktensicher-und-aufgeraeumt-1.915345 | Angela Merkel - Die Kanzlerin - aktensicher und aufgeräumt | 00/05/2010 |
Zum zweiten Mal in diesem Jahr steigen die Kaffeepreise. Tchibo hat am Montag den Anfang gemacht; andere Röster wollen folgen. Der Grund sind vor allem die unaufhörlich steigenden Preise für den Rohkaffee. Die Zeit vor Feiertagen gilt in der Kaffeebranche eigentlich als eher schlechte Zeit für Preiserhöhungen. Detailansicht öffnen Vor allem der gestiegene Preis der Bohnen macht den Kaffee im Supermarkt teurer. (Foto: Foto: AP) Dennoch hat der Marktführer Tchibo am Montag, nur zwei Wochen vor Pfingsten, die Preise angehoben. Auch der Bremer Röster Jacobs und die Melitta-Gruppe aus Minden werden die Preise erhöhen. Tchibo-Kaffee wird um durchschnittlich 50 Cent je Pfund teurer. Der Hamburger Kaffeeröster hatte schon im Februar seinen Kaffee um 70 Cent je Pfund verteuert. Teurer Arabica-Kaffee Den neuen Schritt begründete die Firma mit der Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten. Vor allem der Preis für Arabica-Kaffee, der in Deutschland bevorzugt verwendeten Sorte, habe sich im vergangenen Jahr verdoppelt und sei in den ersten Monaten 2005 weiter gestiegen. Nach dem Februar, als die Verbraucherpreise von nahezu allen Röstern erhöht worden waren, habe sich die Situation nicht, wie erwartet, entspannt. Gravierend seien auch die hohen Preise für Rohöl, die die Kosten für Transport, Produktion und Herstellung von Kaffee-Verpackungen zusätzlich in die Höhe trieben. Schrumpfender Markt Der deutsche Röstkaffeemarkt steht seit einigen Jahren unter erheblichem Druck. Der Markt schrumpft, die Deutschen trinken immer weniger Kaffee: Im vergangenen Jahr ist der Verbrauch pro Haushalt von 10,5 auf 10,4 Kilogramm gesunken. Rein rechnerisch trinkt jeder Deutsche drei bis vier Tassen täglich. Seit Jahren sinken die Verbraucherpreise; gleichzeitig steigen die Preise für die grünen Bohnen. | Zum zweiten Mal in diesem Jahr steigen die Kaffeepreise. Tchibo hat am Montag den Anfang gemacht; andere Röster wollen folgen. Der Grund sind vor allem die unaufhörlich steigenden Preise für den Rohkaffee. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umkaempfter-markt-neue-preisrunde-bei-kaffee-1.904001 | Umkämpfter Markt - Neue Preisrunde bei Kaffee | 00/05/2010 |
Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin wächst weiter rasant. Im Jahr 2005 will der Billigflieger 350 neue Mitarbeiter einstellen. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin hat erstmals einen Milliardenumsatz erzielt. Wie das Unternehmen am Dienstag in Berlin mitteilte, beförderten die Air-Berlin-Flieger im vergangenen Jahr etwas mehr als 12 Millionen Gäste. Detailansicht öffnen Besonders die "City Shuttles" tragen zum Erfolg von Air Berlin bei. (Foto: Foto: ddp) Das war ein Plus von 25,4 Prozent gegenüber 2003, als 9,6 Millionen Passagiere transportiert wurden. Der Flug-Umsatz sei dementsprechend um 18,9 Prozent auf 1,051 Milliarden Euro gestiegen. Unter den europäischen Billig-Fluggesellschaften rangiere Air Berlin damit weiterhin sicher auf Platz drei. "Positives Ergebnis" Zum Ertrag macht das Unternehmen, das sich im Besitz von 5 Privatleuten befindet, keine Angaben. Der geschäftsführende Gesellschafter Joachim Hunold erklärte dazu nur: "Wir haben ein positives Ergebnis erzielt. Wenn der Kerosinpreis nicht so astronomisch gestiegen wäre, hätten wir 2004 sogar einen weit höheren Gewinn gemacht." Die Zahl der Mitarbeiter sei um 150 auf 2.300 gestiegen. Für 2005 sei die Einstellung von zusätzlich 350 Mitarbeitern geplant. 57 Prozent der Air Berlin-Tickets seien im Einzelplatzverkauf, also an Individualreisende, abgesetzt worden. Die übrigen Plätze wurden von Reiseveranstaltern abgenommen. Tragende Säule Die Steigerung des Passagieraufkommens sei vor allem auf den Erfolg des Air Berlin City Shuttles zurückzuführen, der zehn deutsche Flughäfen mit Metropolen wie London, Wien, Zürich, Mailand, Rom, Madrid, Barcelona und Budapest verbinde. Die zweite tragende Säule des Geschäftes sei der Mallorca Shuttle. "Auf Europas wichtigstem Ferienflughafen ist Air Berlin mit weitem Abstand absoluter Marktführer. Die Zahl der von und nach Palma de Mallorca beförderten Passagiere konnte 2004 nochmals um 21,15 Prozent von 2,84 auf 3,45 Millionen gesteigert werden, teilte das Unternehmen weiter mit. In Spanien sei Air Berlin die größte ausländische Airline. Besonders hohe Wachstumsraten habe das Unternehmen 2004 an den Flughäfen Düsseldorf (um 81 Prozent auf 1,4 Millionen Passagiere), Wien (um 57 Prozent auf 690.000), Zürich (um 65 Prozent auf 524.000), Hurghada (um 63 Prozent auf 347.000), München (um 33,5 Prozent auf 306.000) und Barcelona (um 58 Prozent auf 300.000) erzielen können. 45 Flugzeuge im Einsatz Air Berlin hat den Angaben zufolge derzeit 45 Flugzeuge im Einsatz. Das Durchschnittsalter der Flotte liegt bei drei Jahren. "Im laufenden Jahr sollen 7 Maschinen hinzukommen, darunter ab Herbst die ersten beiden von insgesamt 60 fest bestellten Airbus A320-Jets, deren Auslieferung bis zum Jahr 2011 vorgesehen ist." | Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin wächst weiter rasant. Im Jahr 2005 will der Billigflieger 350 neue Mitarbeiter einstellen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/billigflieger-air-berlin-macht-erstmals-milliardenumsatz-1.904096 | Billigflieger - Air Berlin macht erstmals Milliardenumsatz | 00/05/2010 |
Trotz erheblicher Zweifel an der Regierungsfähigkeit der Union setzen zwei Drittel der Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung offenbar auf die CDU-Chefin als künftige Bundeskanzlerin. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag in Berlin veröffentlichte Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie im Auftrag des Wirtschaftsmagazins Capital. Detailansicht öffnen Bundeskanzler Gerhard Schröder kann Umfragen zufolge kaum auf Unterstützung aus der Wirtschaft hoffen. (Foto: Foto: AP) Bundeskanzler Gerhard Schröder haben die Top-Entscheider dieser Umfrage zufolge nach seinem Vorstoß für Neuwahlen abgeschrieben. Auf die Frage "Wen würden Sie als Bundeskanzler vorziehen?" nannten 68 Prozent Merkel. Nur 27 Prozent votierten für Amtsinhaber Schröder. Dessen Entscheidung für vorgezogene Neuwahlen war für 67 Prozent eine "Kapitulation vor den Problemen", 59 Prozent bewerteten sie als "Kurzschlusshandlung. 81 Prozent prophezeiten Schröder als Folge davon sogar das Ende seiner politischen Laufbahn. Zweifel an Regierungsfähigkeit der Union 61 Prozent der Führungselite bezweifeln, dass die Union gut auf die Regierungsübernahme vorbereitet ist. Sogar 53 Prozent der Anhänger der Union und 66 Prozent der Anhänger ihres Wunsch-Koalitionspartners FDP haben diese Zweifel. 59 Prozent trauen einer unionsgeführten Regierung aber eine entschlossene Reformpolitik zu, während 40 Prozent auch hier skeptisch sind. Die Umfrage ergab zudem, dass Merkel unter einem sehr hohen Erwartungsdruck seitens der Führungselite steht. 61 Prozent erhoffen sich von der Kanzlerkandidatin der Union eine "echte politische Zäsur", 76 Prozent fordern eine "radikale Reformpolitik", und 66 Prozent halten "tiefe Einschnitte in das soziale Netz für notwendig". Ebenso viele rechnen damit, dass es unter einer unionsgeführten Regierung "verstärkt zu heftigen gesellschaftlichen Kontroversen und Massenprotesten kommt". Auch deshalb halten es 90 Prozent für erforderlich, "dass sich die Politik verstärkt bemüht, politische Entscheidungen mit Werten zu begründen". 94 Prozent halten ein "langfristig ausgerichtetes Zukunftskonzept" für Deutschland für notwendig. Große Koaliton bleibt unerwünscht 53 Prozent der Elite bevorzugen als neue Bundesregierung eine schwarz-gelbe Koalition. 30 Prozent wünschen sich eine absolute Mehrheit für die Union, nur 16 Prozent sind für eine große Koalition. Wunschkandidaten für das Kabinett Merkel sind der CDU-Politiker Friedrich Merz als Finanzminister (74 Prozent), Bayerns Innenminister Günther Beckstein als Bundesinnenminister (54 Prozent), FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt als Außenminister (48 Prozent) und der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer als Wirtschaftsminister (36 Prozent). Zustimmung zur Steuererhöhung Eine vorgezogene Neuwahl trifft bei 92 Prozent der Führungskräfte auf Zustimmung. 72 Prozent versprechen sich von einer unionsgeführten Regierung eine Aufbruchstimmung und 85 Prozent sogar eine Konjunkturbelebung. 73 Prozent der befragten Spitzenkräfte befürworten die für den Fall eines Wahlsieges angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer, wenn sie zur Senkung der Sozialabgaben verwendet wird. Für das seit Mai 1987 regelmäßig erhobene "Capital-Elite-Panel" werden jeweils rund 500 Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung telefonisch befragt, darunter Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, Direktoren, Ministerpräsidenten und Minister sowie Leiter von Bundes- und Landesbehörden. Die aktuelle Befragung wurde nach Angaben von Allensbach vom 28. Juni bis zum 12. Juli durchgeführt. | Trotz erheblicher Zweifel an der Regierungsfähigkeit der Union setzen zwei Drittel der Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung offenbar auf die CDU-Chefin als künftige Bundeskanzlerin. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umfrage-unter-fuehrungskraeften-lieber-merkel-als-schroeder-1.902798 | Umfrage unter Führungskräften - Lieber Merkel als Schröder | 00/05/2010 |
Im Korruptionsskandal bei Siemens führen Spuren nach China, interne Prüfer stoßen auf eine Vielzahl dubioser Beraterverträge. Wenn Siemens-Mitarbeiter in Schanghai derzeit über Zahlenkolonnen brüten, geht es in vielen Büros nicht um neue Aufträge auf dem Boommarkt. Zahlreiche Mitarbeiter des Konzerns sind mit der Vergangenheitsbewältigung beschäftigt. Denn die Konzernspitze hat alle Bereiche aufgefordert, Listen über projektbezogene Beraterverträge der letzten Jahre zu erstellen. In langen Exceltabellen sind mittlerweile hunderte Aufträge und Zahlungen dokumentiert. Neben Ansprechpartnern und Zahlungsdaten findet sich am Ende jeder Spalte ein Vermerk, ob dafür auch eine Gegenleistung erbracht wurde, zum Beispiel in Form einer Marktstudie. "No Evidence" Falls nicht, stehen sie unter Verdacht. Dutzende Projekte sind in den Listen mit "N" markiert. Und das bedeutet: No Evidence - keine belegbare Gegenleistung. Nicht in allen Fällen muss es sich tatsächlich um Korruption handeln, heißt es aus Kreisen des Technologiekonzerns. Doch selbst hochrangige Siemens-Manager sind überrascht von der Fülle der Beraterverträge, die in den vergangenen Jahren oft mit diffusen Firmen und völlig unklarem Geschäftsgegenstand abgeschlossen wurden. Schon in den vergangenen Tagen hatte die Landesgesellschaft "unangemessene Geschäftsaktivitäten eingeräumt". Führungskräfte entlassen Am Freitag wurde bekannt, dass deswegen auch hochrangige Manager den Hut nehmen mussten. Der Konzern habe auch Führungskräfte wegen "Unregelmäßigkeiten" entlassen, räumte China-Chef Richard Hausmann vor Journalisten in Peking ein. Sie seien ein Teil der 20 Siemens-Beschäftigten in China, deren Kündigung bereits am Vortag bekannt geworden war. Interne Untersuchungen unter 46.000 Siemens-Mitarbeitern in China hätten Unregelmäßigkeiten zu Tage gefördert, die "dann auch zur Entlassung von Mitarbeitern geführt" hätten, sagte er. Details wollte der China-Chef der Firma unter Hinweis auf laufende Untersuchungen nicht nennen. Die internen und externen Prüfer des Unternehmens verfolgen schon seit Monaten dubiose Zahlungen im Zusammenhang mit dem China-Geschäft. So prangerte ein Prüfbericht im November Geschäftsbeziehungen zu einer schwedischen Beratungsfirma mit Verbindungen nach Hongkong an. Hohe dubiose Zahlungen Die Wirtschaftsprüfer von KPMG fanden nach Informationen der Süddeutschen Zeitung heraus, dass sie hohe dubiose Zahlungen erhalten haben soll. Zwischen Oktober 2005 und September 2006 habe Siemens 4.739.336 Euro und 49 Cent überwiesen, heißt es in dem Papier. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, schloss KPMG, läge ein Fall von Auslandsbestechung vor. Ein Konzernsprecher wollte den Vorgang unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht kommentieren. Auch ein Mailverkehr zwischen Siemens und der kleinen Firma aus dem Jahr 2000 wirft Fragen auf. Der Hongkonger Geschäftsanbahner Max R. stauchte den damaligen Siemens-Bereichsvorstand Lothar Pauly unverblümt zusammen: Siemens-Zahlungen seien überfällig. Besonders negativ wirke sich aus, dass die zweite Hälfte für das diesjährige Unicom-Geschäft über 2,5 Millionen Dollar noch nicht angekommen seien. Und das nur, weil Siemens die Zahlungen an alle Agenten weltweit über "obskure Bankkonten" laufen lassen wolle. Wichtiger Kunde Unicom zählt zu den größten Mobilfunkanbietern in China und war lange wichtiger Siemens-Kunde. Max R. forderte unmmissverständlich das Geld an und beruhigt: "Die Zahlungen werden steuerrechtlich und rechtsgültig als Vor-Dividende verbucht." Die Mittel seien so nicht mehr nachverfolgbar. Im "unwahrscheinlichen Fall", dass jemand in Zukunft auf die Idee komme, das alles zu untersuchen, werde er nur herausfinden, "dass wir gut bezahlte Agenten sind. Nicht mehr." Paulys Anwalt Kurt Kiethe bestätigt eine Vertragsbeziehung zwischen Siemens und der Firma des Beraters. Die sei aber völlig legal gewesen. Auch Provisionen seien gezahlt worden, etwa für die Mithilfe bei einzelnen Aufträgen oder Verkaufsförderungsmaßnahmen. Dabei sei es jedoch nicht um Schmiergeld gegangen, sondern um angemessene Provisionen für Leistungen des Beraters, erklärt Kiethe. Siemens wollte sich zum dem Fall nicht äußern. Harte Gangart Offenbar besorgt um seinen Ruf schlägt der Konzern derzeit in China - seinem wichtigsten Wachstumsmarkt - eine harte Gangart im Kampf gegen die Korruption ein. In einer bislang beispiellosen Aktion trommelte Siemens am 31. Juli 200 Siemens-Manager für drei Tage zu einer Compliance-Konferenz in der Hauptstadt Peking zusammen. Siemens-Zentralvorstand Klaus Wucherer, China-Chef Richard Hausmann und Korruptionsbekämpfer Michael Hershman sollten die Truppe auf neue Richtlinien einschwören. Ein schlechtes Image kann sich der Konzern nicht leisten. Die Umsätze in China steigen rasant. Der Marktanteil legte in drei Jahren von 3,5 auf sechs Prozent zu und die Beschäftigtenzahl stieg allein im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf 43000. Doch es ist nicht einfach, in China ethische und rechtliche Grundsätze aus Europa einzuhalten. Kaum ein System ist so korrupt wie das der Volksrepublik. Nahezu unbegrenzte Macht Oft werden Provisionszahlungen für erfolgreich vermittelte Aufträge offen eingefordert. Besonders auf dem Land blüht das System aus Günstlings- und Vetternwirtschaft. Die Vertreter der lokalen Regierungsbehörden üben dort nahezu unbegrenzte Macht aus. Ihr Wort entscheidet über Baugenehmigungen und Großaufträge - und viele lassen sich bei ihren Entscheidungen gerne durch kleine Zuwendungen beeinflussen. Regelmäßig geraten ausländische Firmen inzwischen ins Fadenkreuz der Anti-Korruptionsbehörden. Erst Anfang des Jahres verhaftete die Schanghaier Polizei bei einer Korruptions-Razzia 22 Manager ausländischer Firmen, darunter McDonalds, Whirlpool, McKinsey und ABB. | Im Korruptionsskandal bei Siemens führen Spuren nach China, interne Prüfer stoßen auf eine Vielzahl dubioser Beraterverträge. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-korruptionsskandal-stille-post-aus-hongkong-1.878006 | Siemens-Korruptionsskandal - Stille Post aus Hongkong | 00/05/2010 |
Mehr als Fahreigenschaften zählen in der von vielen Staus geplagten Nation Radio und Navigationssystem. (SZ vom 23.10.2003) — Bernd Pischetsrieder musste sich in immer neuen Posen vor dem schwarzen Golf aufstellen. Die Fotografen stürzten sich begeistert auf den Chef des Volkswagen-Konzerns. Aufgeregt fragende Journalisten verfolgen ihn über den Messestand. Pischetsrieder wirkt auf der Autoschau von Tokio wie ein Medienstar. Wenn die Mikrophone abgestellt sind, gibt er sich nachdenklich. Er würde gerne mehr Autos auf dem wichtigsten asiatischen Markt verkaufen, aber das Geschäft läuft ziemlich zäh. Rund 60.000 Autos verkauft VW in diesem Land mit seinem 120 Millionen Autos großen Markt. Aber japanische Käufer, die pro Jahr über vier Millionen Autos kaufen, entscheiden sich zu weit über 90 Prozent für Marken aus dem eigenen Land. In China verkauft VW inzwischen zehnmal soviel Autos wie in der wichtigsten Industrienation Asiens. "Japan, das ist die Höhle des Löwen." Auf dieser Messe, die mit drei kleinen Hallen auskommt und viel bescheidener ist als die Mega-Schau, die alle zwei Jahre in Frankfurt stattfindet, versuchen die deutschen Automanager nicht, sich mit tollen Absatzprognosen gegenseitig zu überbieten, so wie sie es für China tun. In Japan backen sie eher kleine Brötchen. Für deutsche Anbieter, die im Ausland an hohe Verkaufszahlen gewöhnt sind, ist Japan das Land der großen Hoffnungen, aber der allenfalls kleinen Chancen. Trends erkennen Ein Vertreter von Opel klagt ganz offen. Die deutsche Marke, die zum amerikanischen General-Motors-Konzern gehört, kann in Japan allenfalls ein paar Hundert Fahrzeuge pro Monat absetzen. "Wir haben alles versucht". Aber dieser Markt sei "eine harte Nuss". Auch Ralph Weyler, der neue Verkaufschef von Audi, gibt sich zurückhaltend. Rund 13000 Autos hat die Ingolstädter Marke im vergangenen Jahr in Japan abgesetzt. Man sei auf diese Messe gekommen, um die Nase in den Markt zu stecken und herauszufinden, was Japan braucht. "Man muss die Trends erkennen." Für die Deutschen ist es eine interessante Erfahrung, dass es bei Autos für den überfüllten japanischen Markt eher auf ihre "Staufähigkeiten" ankommt als auf die Fahreigenschaften. Wer - wie die Japaner - viel im Verkehr stecken bleibt, stellt andere Anforderungen an Radio oder Navigationssysteme. Immerhin will Audi in den kommenden drei bis vier Jahren auf 23000 verkaufte Autos kommen. Dazu stehen superteure Achtzylinder der Typen A 8 oder RS 6 auf dem Stand, der die solvente Klientel Japans ansprechen sollen. Ein Ziel hat Weyler: "Wir sollen den Abstand zu BMW verkleinern." Der Münchner Konzern versucht als einziger in Tokio die große Prognose. "Wir wollen unseren Absatz in Asien in den nächsten fünf Jahren auf 150000 Autos ungefähr verdoppeln", erklärte der Vorstandsvorsitzende Helmut Panke. Asien sei "die vierte starke Säule des BMW-Geschäfts neben Deutschland, Westeuropa und Nordamerika". Wie das gelingen soll? "Durch die Erhöhung unseres Absatzes in Japan". Pankes Erfolgsweg könnte steinig werden. BMW verkauft in Japan rund 36000 Autos pro Jahr, macht damit aber auf diesem Markt kaum Fortschritte. Nicht zufrieden In den vergangen zehn Jahren wuchs das Geschäft nur um 4000 Autos. "Wir sind nicht zufrieden", sagt der BMW-Vertriebschef Michael Ganal. Es müsse im Vertrieb noch wesentliche Verbesserungen geben. "Wir müssen in eine andere Dimension kommen." Vor allem gilt es, den wichtigsten heimischen Konkurrenten einzuholen. "Wir wollen Mercedes schlagen". Allerdings legen auch die Stuttgarter die Latte höher. Jürgen Hubbert, Mercedes-Chef, sagt in Tokio: "Irgendwann will ich auf diesem Markt einen Anteil von eins bis 1,5 Prozent haben." Bislang liegen die Stuttgarter bei nur 0,8 Prozent. "Wir fühlen uns gut auf diesem Markt", sagt er, obwohl auch die Stuttgarter sich trotz ihrer Beteiligung Mitsubishi schwer tun. Im vergangenen Jahr sank der Absatz um zehn Prozent auf 48000 Fahrzeuge. In diesem Jahr wird es für nicht viel mehr als 40000 Autos reichen. Die Dauerkrise der japanischen Wirtschaft hält er für kein Hindernis auf dem Weg zu besseren Geschäften. Völlig zufrieden gibt sich in Tokio nur der Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Gut gelaunt schlendert er durch die Halle zu seinem Stand. "Der japanische Markt erholt sich gut", sagt er über das Land, das seit 13 Jahren von Bankenkrise und Flaute gezeichnet ist. "Wir machen richtig guten Umsatz". Porsche verkauft in diesem Jahr etwa 2500 Fahrzeuge. Das Geschäft sei sogar noch ausbaufähig. "Mittelfristig", sagt Wiedeking, will er 4000 Autos absetzen. | Mehr als Fahreigenschaften zählen in der von vielen Staus geplagten Nation Radio und Navigationssystem. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/in-der-hoehle-des-loewen-deutsche-autohersteller-tun-sich-in-japan-schwer-1.917336 | In der Höhle des Löwen - Deutsche Autohersteller tun sich in Japan schwer | 00/05/2010 |
Die Regierungschefs der Länder Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen fordern eine Umgestaltung der deutschen Medienlandschaft. Vor allem sollen ARD und ZDF sparsamer wirtschaften. (SZ vom 11.11.03) — Der Auftritt war, PR-technisch, eine Katastrophe. Ganz so, wie es in Handbüchern der Kommunikation dringend abgeraten wird. Detailansicht öffnen Hat sich mit seinem hochnäsigen Verhalten nicht eben beliebt gemacht: Der ARD-Chef Plog vor dem neuen Logo des Fernsehsenders. (Foto: Foto: dpa) Unnahbar und abweisend saß der mächtige Intendant da auf öffentlicher Bühne im Kreis der großen deutschen Senderchefs, gefangen in einer Hülle aus Nadelstreifenanzug und Arroganz, allen Forderungen nach Sparen und Reformen beharrlich ausweichend. Beschäftigter Stoiber Jobst Plog, der ARD-Vorsitzende, flüchtete sich in juristische Schachtelsätze. Die Selbstdarstellung des Spitzenmanagers auf den Münchner Medientagen Ende Oktober hat den Mitdiskutanten Edmund Stoiber noch lange beschäftigt. Tage später, hinter den Kulissen der Talkshow Sabine Christiansen in Berlin, echauffierte sich der bayerische Ministerpräsident. Ihm wurde klar, dass hier eine härtere Gangart gefragt ist. Rundfunkstrukturreform Das Ergebnis liegt nun auf drei Schreibmaschinenseiten vor, trägt den unscheinbaren Titel "Rundfunkstrukturreform" und enthält in 20 Punkten allerhand drakonische Maßnahmen. Es ist das umfangreichste Sparprogramm für ARD und ZDF, das es je gegeben hat - ein radikaler Katalog zur Änderung der Verhältnisse. Wenn Wirklichkeit wird, was diese "gemeinsame Initiative der Länder Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen" vorschlägt, sehen Fernsehen und Hörfunk in Deutschland anders aus. Überraschende Aktion Ziel der überraschenden Aktion von CSU-Chef Stoiber sowie seinen Kollegen Peer Steinbrück (SPD) und Georg Milbradt (CDU) ist es, eine Erhöhung der Rundfunkgebühr zu verhindern, die derzeit 16,15 Euro pro Monat beträgt, und bestenfalls sogar zu senken - entgegen der von Plog und anderen Intendanten bevorzugten Mechanik, bei der von den Ländern eingesetzten Gebührenkommission KEF alle vier Jahre reichlich Mehrbedarf anzumelden. Den müssen die Zuschauer und Hörer dann über steigende Gebühren finanzieren. "Unsere Absicht ist es, eine Gebührenerhöhung zu vermeiden. Schön wäre es, wenn sich die Gebühr sogar senken ließe, aber das muss alles erst ausgerechnet werden", erklärt der bayerische Staatskanzlei- und Medienminister Erwin Huber, der von einem "heilsamen Druck" spricht. Beschäftigung mit Grundfragen Es helfe nicht mehr weiter, bei Gebührenerhöhungen über drei oder 30 Cent mehr zu streiten - "jetzt müssen wir uns mit den Grundfragen beschäftigen, damit dieses System überlebensfähig ist", sagt Miriam Meckel, Medien-Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen. Ihr Dienstherr Steinbrück hatte vor Monaten die Diskussion angestoßen. Gebührenerlöse in Höhe von 6,5 Milliarden Euro pro Jahr stehen den öffentlich-rechtlichen Anstalten zur Verfügung, hinzu kommen Einnahmen aus Werbung und Sponsoring. Die Anstalten fordern einen Zuschlag von 800 Millionen Euro pro Jahr, die Gebühr stiege so auf 18 Euro. Die KEF will 460 Millionen Euro mehr Jahr bewilligen, das entspräche 17,22 Euro im Monat. Neue Angebote Nun aber setzt die Politik einen anderen Rahmen. Neue Angebote oder Ausweitungen von Programmen seien "künftig nur dann zulässig, wenn andere, bisherige Leistungen oder Angebote eingestellt werden", wird gleich zu Anfang des Papiers das Gebot der Stunde beschrieben. Das gilt insbesondere für das digitale Fernsehen, das technisch viel mehr Kanäle als bisher erlaubt, und wo ARD mit Angeboten wie EinsMUXX oder das ZDF (Theaterkanal) schon groß präsent sind. Zu groß, wie die parteiübergreifende Drei-Länder-Koalition aus Ost und West befindet. Alle sechs Digitalprogramme von ARD und ZDF sollen entfallen. Überall in dem Reformkonzept sind konkrete Vorschläge zum Maßhalten vorhanden. So sollen die neun Landesrundfunkanstalten der ARD statt aktuell 61 künftig höchstens 45 Hörfunkprogramme veranstalten. Ein Klassikprogramm Fünf davon sollen "deutschlandweit koordinierte, gemeinsame Angebote" sein, zum Beispiel bei Klassik oder im Informationsbereich. Gedacht ist, dass etwa Bayern 4 zusammen mit anderen Spezialkanälen ein einziges Klassikprogramm für ganz Deutschland produziert. "Bisher spielen die einen morgens Beethoven und nachmittags Schostakowitsch, und die anderen machen es umgekehrt. Das ist wenig begründbar", sagt NRW-Staatssekretärin Meckel. Frei werdende Frequenzen sollten, heißt es in dem Papier weiter, die "Empfangsmöglichkeiten des Deutschlandradios verbessern" - das bislang an manchen Stellen der Republik nicht zu hören ist. Großes Misstrauen Offenbar ist das Misstrauen der Politiker in die Rechenkünste der Intendanten sehr groß geworden. So wollen sie Kreditaufnahmen der Sender "künftig nicht mehr als Bedarf steigernd" berücksichtigen, sondern "als zusätzlich zu erbringenden Sparbeitrag" ansetzen. Auf deutsch: Wer Schulden macht, muss eben stärker sparen. Das ist eine Lex ZDF, der Mainzer Sender kommt nie mit dem Geld aus. Auch sollen die Ausgaben für Online-Angebote und Marketing gedeckelt und fünf Prozent der knapp 26 000 Planstellen gestrichen werden. Sponsoring steht zur Disposition Außerdem missfällt den Spar-Politikern, wie sehr ARD und ZDF am Abend Privatsendern ähneln, obwohl sie eigentlich nach 20 Uhr gar keine Werbung zeigen dürften. Das üblich gewordene Sponsoring, das immer mehr Werbefilmchen der Geldgeber ins Programm bringt, steht zur Disposition. Nur noch bis 20 Uhr sollen die Sponsorhinweise erlaubt sein, außer beim Sport und hier nur noch bei den Europa- und Weltmeisterschaften im Fußball und den Olympischen Spielen. Detailliert wird auch vorgeschlagen, die beiden Kultursender Arte und 3sat zu vereinen. Hans Walter Schlie, Direktor für strategische Entwicklung und Kommunikation bei Arte, hält dagegen: "Aus unserer Sicht wäre eine solche Fusion nicht sinnvoll - das Sparpotenzial wäre gering." Arte und 3sat kosteten gemeinsam kaum mehr als drei Prozent der Fernsehgebühren. Bedauerlich sei, dass der Sparvorschlag ausgerechnet auf den Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die Kultur, abziele. Zudem sei der zwischen Deutschland und Frankreich geschlossene Arte-Vertrag nicht einseitig veränderbar, sagt Schlie. Vernichtung von Arbeitsplätzen ARD-Chef Plog betont stets, die Öffentlich-Rechtlichen erfüllten akkurat die Rationalisierungsvorgaben der KEF . Die Sparpläne von Stoiber & Steinbrück verstießen gegen das vom Bundesverfassungsgericht postulierte Gebühren-Verfahren, bei dem die KEF das wichtigste Wort habe, verletzten die "Anstaltsautonomie" und liefen "auf die Vernichtung weiterer wertvoller Arbeitsplätze in diesem Land hinaus". Irgendwie muss Jobst Plog gemerkt haben, dass sein Auftritt in München vor zweieinhalb Wochen unglücklich war. Hier gebe es "ein Publikum, das sehr stark am kommerziellen Rundfunk orientiert ist", befand er in der Frankfurter Allgemeinen: "Selbst wenn man als Vertreter der öffentlich-rechtlichen Minderheit witzig ist, lacht keiner." Zum Lachen ist wirklich keinem zu Mute. | Die Regierungschefs der Länder Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen fordern eine Umgestaltung der deutschen Medienlandschaft. Vor allem sollen ARD und ZDF sparsamer wirtschaften. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/medienpolitik-keiner-lacht-1.915695 | Medienpolitik - Keiner lacht | 00/05/2010 |
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