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Die Mediantis AG macht Gewinn - trotzdem soll der Buchhändler in Liquidation gehen, weil es Konkurrent Burda so will. Die Aktionäre der Mediantis AG könnten sich freuen: Die Firma befindet sich zwar seit Ende 2001 in der Liquidation, schreibt aber seitdem wieder schwarze Zahlen. Und so beschloss die jüngste Hauptversammlung, die Liquidation zurückzunehmen. Doch ein Aktionär freute sich nicht, sondern klagt gegen den Beschluss. Detailansicht öffnen Geschäfte mit alten Bücher - ein schönes, inzwischen aber auch sehr hartes Geschäft. (Foto: Foto: dpa) Zehn Aktien für eine Klage Verwunderlich ist dies nur auf den ersten Blick. Denn es geht wohl um mehr als die zehn Aktien des Klagenden. Schließlich handelt es sich dabei um die Burda Digital Ventures GmbH, die an dem größten Konkurrenten von Mediantis (ehemals buecher.de) beteiligt ist und durchaus ein Interesse an der Insolvenz des Wettbewerbers hätte. Es geht um den deutschen Markt der antiquarischen Literatur im Internet. Ein kleines Segment verglichen mit dem gesamten Online-Buchmarkt, aber ein ertragreiches. Ein Anbieter in Deutschland ist die Mediantis-Tochter Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB). Rund 4000 Publikationen am Tag werden nach eigenen Angaben über das Portal www.zvab.com verkauft. Deutsche immer noch ein Büchervolk Größter Konkurrent ist der kanadische Anbieter Abebooks. Weltweit ist Abebooks mit täglich rund 15000 bis 20000 verkauften Büchern Marktführer. Doch in Deutschland hat das ZVAB bislang die Nase vorn. "Deutschland ist ein schöner Markt. Die Deutschen sind ein Büchervolk. Unter den teilnehmenden Unternehmen herrscht hier ein reger Wettbewerb", sagt eine Sprecherin von Abebooks. Und genau dieser Wettbewerb scheint sich nun zuzuspitzen. Nachdem Mediantis 2001 die Liquidation beschlossen hatte, wurde nach einem Käufer für das ZVAB gesucht. "Der Konkurrent Abebooks zeigte sich interessiert, zu einem konkreten, verhandelbaren Angebot kam es jedoch nicht", erzählt Mediantis-Aufsichtsrat Richard von Rheinbaben. Schwarze Zahlen freuen nicht jedermann Da kein annehmbares Angebot einging und das ZVAB schwarze Zahlen schrieb, reifte bald die Idee, die Mediantis AG doch nicht zu schließen. Und so beschloss die Hauptversammlung Anfang 2004 die Rücknahme der Liquidation. Dagegen stimmte nur die Burda Digital Ventures GmbH, die seit kurzem im Besitz von zehn Mediantis-Aktien war. Die GmbH ist eine 100-prozentige Tochter von Hubert Burda Media und am ZVAB-Konkurrenten Abebooks beteiligt. Die Beteiligung streitet das Unternehmen nicht ab, nur die Höhe seines Anteils möchte es nicht nennen. Nun hat die Burda-Tochter Klage gegen die Beschlüsse der Hauptversammlung eingereicht. Zur Begründung heißt es in der Klageschrift, es werde bestritten, dass das ZVAB nicht zu wirtschaftlichen Konditionen hätte verkauft werden können, und dass das ZVAB gewinnbringend arbeitet. Öffentlicher Mißbrauch von Aktionärsrechten? Öffentlich möchte sich der Kläger nicht äußern. "Für uns ist das ein offensichtlicher Missbrauch von Aktionärsrechten. Endlich läuft es gut und nun werden unsere Bemühungen torpediert", sagt von Rheinbaben. Auch Christoph Öfele von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre sieht die Klage kritisch: Sie sei "auf jeden Fall nicht im Interesse der freien Aktionäre". Mediantis ist jedoch erst einmal blockiert. "Wir hängen zwischen den Stühlen", sagt von Rheinbaben, "wir können natürlich nicht mit der Liquidation fortfahren, denn die Hauptversammlung hat mit großer Mehrheit die Rücknahme beschlossen. Wir können aber auch nicht die Geschäfte wieder aufnehmen, da die Klage uns blockiert." Am 6. Mai ist der erste Termin vor dem Münchner Landgericht. Von Rheinbaben: "Bis dahin können wir nichts tun als abwarten." | Die Mediantis AG macht Gewinn - trotzdem soll der Buchhändler in Liquidation gehen, weil es Konkurrent Burda so will. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kampf-mit-allen-mitteln-gezaenk-um-alte-waelzer-1.905918 | Kampf mit allen Mitteln - Gezänk um alte Wälzer | 00/05/2010 |
An diesem Dienstag will das Bundeskabinett die Weichen für Deutschlands letztes großes Staatsunternehmen stellen - in Richtung Börse. Dafür war ein Kunstgriff zum Schienennetz notwendig, dessen Bestand fraglich ist. Wenn Hartmut Mehdorn über Transport redet, hat er einiges zu erzählen. Klar, von 1,9 Milliarden Menschen, die 2006 in seinen Zügen unterwegs waren. Von Containern, die per Schiff in Hamburg ankommen und dann per Lkw weiterreisen. Von Waren, die mit dem Flugzeug von China in die USA kommen und umgekehrt. Von Güterzügen, die von Deutschland nach China verkehren sollen, irgendwann. Alles organisiert von einem Staatskonzern: der Deutschen Bahn, Mehdorns Konzern. An diesem Dienstag will das Bundeskabinett die Weichen für Deutschlands letztes großes Staatsunternehmen stellen - in Richtung Börse. Ein neues Gesetz soll erstmals Privaten den Einstieg in die Bahn erlauben, ohne gleichzeitig dem Bund allen Einfluss auf das 34.000 Kilometer lange Schienennetz zu nehmen, in das er seit Jahrzehnten Milliarde um Milliarde steckt. Unikum Das "Gesetz zur Neuordnung der Eisenbahnen des Bundes" ist ein Unikum, noch weit verwinkelter als sein Name. Deutschlands Schieneninfrastruktur, also Gleise, Bahnhöfe und Stromleitungen, sollen darin gleichzeitig Eigentum des Bundes bleiben und in das Eigentum der Bahn übergehen. Der Verkauf soll nicht nur ein paar Milliarden in öffentliche Kassen spülen - der Bund will auch zumindest einen Teil der Verantwortung für die Schiene loswerden. Das Gesetz ist Ergebnis einer ausufernden Debatte. Monatelang hatten sich Bund, Bahn und Parlamentarier über das Ob und Wie der Privatisierung gestritten. Die Gräben liefen quer durch die Parteien, quer durch die Koalition. Darf der Bund überhaupt die Bahn privatisieren? Und wenn ja: Darf er sich von seinem Schienennetz trennen? Wäre es möglicherweise sinnvoll, die Bahn in Einzelteilen zu verkaufen? Also etwa das boomende Logistikgeschäft mit Speditionen, Schiffen, Flugzeugen getrennt vom Rest? Gräben überbrücken Mit dem Kunstgriff der "Sicherungsübertragung" will das Kabinett die Gräben überbrücken. Liegt bisher die Infrastruktur komplett bei der 100-prozentigen Staatstochter Deutsche Bahn, soll sie im nächsten Jahr an den Bund zurückfallen. Allerdings nur virtuell: De facto tritt der Bund das Netz an die Bahn ab, an der er irgendwann nur noch 51 Prozent halten wird. Er behält nur eine Sicherheit über das Netz, bleibt also juristischer Eigentümer. Die Bahn aber darf 15 Jahre lang die Infrastruktur so behandeln als wäre sie die Eigentümerin, sie darf das Schienennetz sogar in der Bilanz führen. Harte Kontrollen und Vereinbarungen über die Pflege des Netzes sollen verhindern, dass die Bahn ihre Macht missbraucht. Bis zu 2,5 Milliarden Euro im Jahr will der Bund in die Pflege "seiner" Schienen stecken. "Absurde Fehlkonstruktion" Es gibt nur ein Problem: Jenseits von Bundesregierung und Bahn findet das Vorhaben kaum Freunde. "Dieser Gesetzentwurf ist eine absurde Fehlkonstruktion", wettert FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich, der sich in dieser Frage in einer seltenen Koalition mit Grünen und Linkspartei wiederfindet. Lesen Sie auf Seite zwei, warum der Verkauf der Bahn noch ein unangenehmes Ende nehmen könnte | An diesem Dienstag will das Bundeskabinett die Weichen für Deutschlands letztes großes Staatsunternehmen stellen - in Richtung Börse. Dafür war ein Kunstgriff zum Schienennetz notwendig, dessen Bestand fraglich ist. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/privatisierung-der-bahn-kabinett-entscheidet-ueber-zukunft-der-bahn-1.905232 | Privatisierung der Bahn - Kabinett entscheidet über Zukunft der Bahn | 00/05/2010 |
Als einer der ersten westlichen Konzernchefs geht der ehemalige Infineon-Chef Ulrich Schumacher nach China. Er wird den chinesischen Halbleiter-Hersteller Grace Semiconductor führen. Das Unternehmen sitzt fernab von München, am Rande der chinesischen Millionen-Metropole Schanghai, und wer in den Archiven etwas über Grace Semiconductor sucht, findet wenig. Das mag daran liegen, dass Grace gerade einmal vier Jahre alt ist, aber auch daran, dass sich China bislang als Produzent von Halbleitern, also hochmodernen Computerteilen, nicht sonderlich hervorgetan hat. Die Volksrepublik galt bislang vor allem als Produzent von billiger Massenware, von T-Shirts, Kühlschränken und Spielzeug-Puppen, manche davon mit Blei verseucht. Aufwendige Hightech-Industrien suchte man anderswo. Detailansicht öffnen Fast schon ein Pionier: Als einer der ersten westlichen Firmenchefs geht Ulrich Schumacher, ehemals Chef von Infinion, nach China. (Foto: Foto: AP) Doch all das hat Ulrich Schumacher, den einstigen Chef von Infineon, nicht abgeschreckt. Als erster deutscher Spitzen-Manager überhaupt und als einer der ersten westlichen Konzernchefs übernimmt er die Führung eines großen chinesischen Unternehmens. Wochenlang hat Schumacher darüber mit seinem neuen Arbeitgeber verhandelt, einem Unternehmen, das rasant wächst und große Ziele hat. Mittlerweile hat er auch seinen bisherigen Arbeitgeber Francisco Partners, eine amerikanische Beteiligungsgesellschaft, über den Wechsel informiert. Ordnungsgemäß abgemeldet Schumacher, 49, stand in seiner Zeit bei Infineon wie kaum ein anderer für die Hoffnungen und Enttäuschungen der New Economy. Er hat das Unternehmen an die Frankfurter Börse gebracht, die letzten Meter legte er, den vielen Kameras zuliebe, in Rennfahrer-Montur am Steuer eines silbernen Porsche zurück - ein Bild, das ihn seither verfolgt und sein Image geprägt hat. Schumacher hat damals einen Teil von Siemens verkauft, denn Infineon war eine Sparte des Weltkonzerns, bis sie irgendwann nicht mehr ins Portfolio passte. Schumacher, in der Sparte groß geworden, versprach den Anlegern das Himmelreich, doch die fanden sich bei Infineon und auch anderswo bald in der Hölle wieder, als der Börsenrausch plötzlich vorbei war. Im Frühjahr 2004 stürzte dann auch Schumacher ab. Er trat als Chef von Infineon überraschend zurück. Über die wahren Gründe wird bis heute gerätselt. Klar ist nur: Einige seiner Vorstandskollegen hatten sich gegen ihn verschworen und den Aufsichtsrat für ihre Sicht der Dinge gewonnen. Später schwärzten Geschäftspartner ihn zudem bei der Staatsanwaltschaft an; die Ermittler eröffneten deshalb ein Verfahren gegen ihn wegen des Verdachts der Schmiergeldzahlung. Zudem entwickelte sich zwischen ihm und seinem ehemaligen Arbeitgeber eine Schlammschlacht ums Geld, vor Gericht stritten beide Seiten um eine millionenschwere Abfindung. "Alles, was man in einem schlechten Film so sieht", habe er nach seinem Aus bei Infineon erlebt, hat Schumacher einmal gesagt. Alles - das heißt: Durchsuchungen der Ermittler, Verhöre der Staatsanwälte, Anschuldigungen, Verdächtigungen. Branche den Rücken gekehrt Mehr als drei Jahre später kehrt Schumacher nun in jene Branche zurück, in der er einst groß geworden war. Und das ausgerechnet in Schanghai. Grace Semiconductor wurde einst von einem der Söhne des ehemaligen Staatschefs Jiang Zemin gegründet, von Jiang Mianheng, außerdem von Winston Wang. Dieser ist der Sohn von Wang Yung-Ching, einem der mächtigsten und erfolgreichsten Unternehmer in Taiwan. In Schanghai schufen die beiden Söhne zwei Fabriken auf der grünen Wiese, insgesamt 1,6 Milliarden Dollar wurden investiert. Mittlerweile ist Grace Semiconductor mit 1400 Beschäftigten die Nummer zwei der chinesischen Halbleiterindustrie. Es ist ein Unternehmen, wie geschaffen für Schumacher, den rastlosen, manchmal auch ungestümen Firmenlenker. Grace, so ist auf der Homepage des Konzerns zu lesen, "bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten, damit Sie Ihre Karriere neu erfinden können"'. Die Mitarbeiter des Unternehmens kämen, heißt es weiter, aus aller Welt. Gesucht würden Menschen, die über ein hohes Maß an "Selbst-Motivation und strategischem Denken verfügen". Wichtig sei die Fähigkeit, "einen Plan zu machen und diesen dann konsequent umzusetzen". Schumacher hat seinen Plan gemacht. Schon Anfang Oktober wird er in Schanghai anfangen. Er wird seinen Hauptwohnsitz in München behalten, wo er mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt, aber meist irgendwo anders auf der Welt unterwegs sein. Er hat sich deshalb ordnungsgemäß bei der Staatsanwaltschaft München abgemeldet. Irgendwann auf seinen vielen Reisen um den Globus, die er als Berater von Francisco Partners gemacht hat, ist Schumacher auch auf den Konzern aus Schanghai gestoßen. Das Unternehmen, so befand Schumacher, sei doch womöglich auch etwas für die amerikanische Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Menlo Park (Kalifornien). Etwa zeitgleich begann Grace damit, einen neuen Vorstandsvorsitzenden zu suchen. Die Personalberater, die das Unternehmen beauftragt hatte, schauten sich auf der ganzen Welt um und stießen irgendwann auch auf Schumacher, jenen Mann, der aus anderem Grund bereits im Gespräch mit der Konzernleitung war. | Als einer der ersten westlichen Konzernchefs geht der ehemalige Infineon-Chef Ulrich Schumacher nach China. Er wird den chinesischen Halbleiter-Hersteller Grace Semiconductor führen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ex-infineon-chef-schumacher-auf-nach-schanghai-1.888968 | Ex-Infineon-Chef Schumacher - Auf nach Schanghai | 00/05/2010 |
Russland und die EU wollten kommenden Freitag neue Gas- und Ölverträge vereinbaren. Dazu wird es kaum kommen - die Spannungen mit Moskau wachsen, und neue Pipeline-Pläne in Zentralasien stören Energiebemühungen der EU. Auf dem EU-Russland-Gipfel am kommenden Freitag sollte eigentlich der Startschuss für ein neues Energieabkommen fallen. Ob allerdings Präsident Wladimir Putin, Kanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionschef Jose Manuel Barroso zur Unterzeichnung des Papiers kommen, ist derzeit mehr als fraglich. Mit dem neuen Partnerschafts- und Kooperationsabkommen will die EU die Beziehungen zu Russland auf eine neue Grundlage stellen. Die Europäer pochen auf eine schriftliche Vereinbarung, da ein Viertel ihrer Gas- und Ölimporte aus den Weiten Russlands kommt. Doch die Realität sieht anders aus. Statt Partnerschaft gibt es Streit, eine neue Eiszeit droht. Nur ein Detail von vielen: Putin ließ sich 48 Stunden Zeit, um dem als US-freundlich geltenden Nicolas Sarkozy zum Sieg in der französischen Präsidentenwahl zu gratulieren. Das Grundproblem Moskaus Gleich mehrere Konflikte belasten derzeit nachhaltig die Beziehungen. Da ist zunächst das große Grundproblem: Die EU erweiterte sich in die Gebiete des einstigen Warschauer Paktes und der früheren Sowjetunion hinein. Das bleibt der einstigen Weltmacht ein Dorn im Auge. Dazu gibt es Streit um polnische Fleischexporte, die Russland beanstandet. Warschau hat aus Protest sein Veto gegen das Partnerschaftsabkommen eingelegt. Zwar hatte Brüssel Moskau mehrfach aufgefordert, das Handelsembargo gegen Polen aufzuheben. Doch geschehen ist diesbezüglich in den vergangenen Tagen nichts. Streit mit Warschau und Tallinn Ein von dem russischen Landwirtschaftsminister Alexej Gordejew an die EU-Kommission gerichteter Brief zur Klärung der Frage sei unzureichend, machte ein Kommissionssprecher deutlich. Außerdem kritisiert Russland die Verlegung eines sowjetischen Ehrenmals aus dem Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn. Probleme gibt es auch bei Energie-Lieferungen aus Russland und Verzögerungen bei der Abschaffung von Überfluggebühren für europäische Fluglinien über Sibirien. Auch der Streit zwischen Russland und den EU-Staaten Polen und Tschechien über die Stationierung eines US-Raketenschilds auf ihrem Gebiet belastet das Klima, selbst wenn er nicht Thema des Gipfels sein soll. Neue Pipeline torpediert Bemühungen Unterdessen hat Moskau am Wochendende ein neues Pipeline-Abkommen zwischen Russland, Turkmenistan und Kasachstan vereinbart. Diese Vereinbarung Russlands mit zwei seiner ehemaligen Sowjetrepubliken torpediert Bemühungen aus Europa und den USA, mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung zu erreichen. Die Vereinbarung sieht den Bau einer Pipeline an der Küste des Kaspischen Meeres vor. Durch sie soll turkmenisches Erdgas über Kasachstan und Russland in den Westen geliefert werden. Bis 2012 werde die Pipeline eine Kapazität für die Durchleitung von 20 Milliarden Kubikmetern Gas erreichen, sagte der russische Präsident Wladimir Putin bei Bekanntgabe der Übereinkunft in Aschgabat. Die Kosten belaufen sich nach Schätzungen auf etwa eine Milliarde Dollar (740 Millionen Euro), wie die Nachrichtenagentur ITAR-Tass meldete. Die Präsidenten der drei Länder wiesen ihre Regierungen an, bis zum 1. September die Einzelheiten der Vereinbarung festzulegen. Mit dem Bau der Pipeline soll laut Putin Mitte 2008 begonnen werden. | Russland und die EU wollten kommenden Freitag neue Gas- und Ölverträge vereinbaren. Dazu wird es kaum kommen - die Spannungen mit Moskau wachsen, und neue Pipeline-Pläne in Zentralasien stören Energiebemühungen der EU. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/energieabkommen-fraglich-krisenstimmung-vor-eu-russland-gipfel-1.919366 | Energieabkommen fraglich - Krisenstimmung vor EU-Russland-Gipfel | 00/05/2010 |
Erstmals hat eine deutsche Stadt ihren gesamten Wohnungsbestand an einen Finanzinvestor aus dem Ausland verkauft. Dresden wird damit seine Schulden auf einen Schlag los. Das Geschäft werden Stadtparlamente in Deutschland aufmerksam verfolgen: Die Mitglieder des Dresdner Stadtrates haben am Donnerstagabend die Wohnungsgesellschaft Woba an die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Fortress verkauft. Detailansicht öffnen Verkäufe von Wohnanlagen seit 2004 (Foto: Graphik: SZ) Der Kaufpreis für die 48.000 Wohnungen beträgt 1,7 Milliarden Euro. Fast eine Milliarde Euro soll offenbar direkt in den Stadthaushalt fließen. So könnte die sächsische Landeshauptstadt ihre Schulden auf einen Schlag loswerden. 40 Räte stimmten für das Geschäft, 29 waren dagegen und einer enthielt sich. "Der Verkauf könnte eine Signalwirkung für andere Kommunen haben", vermutete Lutz Freitag, Präsident des GDW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. "Damit hätte Dresden eine Vorreiterrolle. Der Preis ist sensationell gut", sagte Morten Hahn, Geschäftsführer des Immobilienberatungsunternehmens Dr. Lübke. Umstrittenes Geschäft Die Stadt nutze das derzeit starke Interesse der Gesellschaften aus dem Ausland und habe den richtigen Zeitpunkt zum Verkauf getroffen. Matthias Moser, Deutschland-Geschäftsführer von Fortress, ist von dem Woba-Kauf und der Stadt Dresden überzeugt: "Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum der Stadt sind sehr gut." In Dresden selbst ist das Geschäft mit Fortress umstritten. Die Konflikte gehen quer durch die Fraktionen - besonders bei SPD, Grünen und der Linkspartei/PDS. Sorgen machen sich die Gegner vor allem wegen möglicher sozialer Probleme, die auf die Stadt zukommen könnten. Dazu gehören zum Beispiel Mieterhöhungen. Die Stadt Dresden nehme sich die Möglichkeit, in Zukunft auf den städtischen Wohnungsmarkt Einfluss zu nehmen, ist zu hören. Seit fast drei Jahren drängen internationale Investoren auf den deutschen Wohnungsmarkt. Mittlerweile befinden sich 900.000 Wohnungen in ihrem Besitz. Vor allem die im internationalen Vergleich niedrigen Immobilienpreise haben die Fondsgesellschaften angelockt. Hauptakteure sind neben der Beteiligungsgesellschaft Fortress zum Beispiel die Londoner Terra Firma Capital Partners, Blackstone und Cerberus. Nach Ansicht von Experten ist der Wohnungsmarkt in Bewegung wie nie zuvor. So reihte sich in den vergangenen beiden Jahren Verkauf an Verkauf (Grafik). Große Konzerne, Bund und Länder nutzten die Gelegenheit, um Geld in ihre Kassen zu spülen. Viele kleine Bestände Die Verkäufe dürften anhalten. Schätzungsweise 2,5 bis drei Millionen Wohnungen gehören noch der öffentlichen Hand, wobei der größte Teil der öffentlichen Wohnungsgesellschaften über kleinere Bestände verfügt, das heißt 5000 bis 10.000 Einheiten. Viele Experten vermuten: Verläuft der Verkauf in Dresden reibungslos, dürften schon bald andere Kommunen folgen. "Wenn 2,5 Millionen Wohnungen hierzulande für 40.000 Euro pro Einheit weggehen, was die untere Grenze wäre, kommen immerhin 100 Milliarden Euro zusammen", rechnet der Immobilienanalyst Tobias Just von der Deutschen Bank vor, um zu verdeutlichen, welches Potenzial in diesem Markt steckt. Mieterschützer warnen dagegen seit längerem vor einem Ausverkauf. Dieser Trend müsse gestoppt werden, sagte etwa die Mieterbund-Präsidentin Anke Fuchs: "Wohnungen sind nicht nur Wirtschaftsgut und Renditeobjekt." Der GdW-Präsident Freitag kritisiert zudem: "Es ist eine Illusion, durch den Verkauf von Tafelsilber den Haushalt langfristig zu sanieren." Dazu gehöre mehr, und das müssten die Verantwortlichen begreifen. Den betroffenen Bewohnern machen wohl vor allem die hohen Renditeerwartungen der Käufer Angst. Diese liegen zum Teil bei 20 bis 25 Prozent. Dabei nutzen die Gesellschaften das niedrige Zinsniveau und setzen beim Kauf der Bestände meist sehr viel Fremdkapital ein. Von 80 bis 90 Prozent ist die Rede. So können sie dann unter Umständen zweistellige Renditen auf das eingesetzte Eigenkapital erwirtschaften. Die Strategien der Investoren unterscheiden sich allerdings. Einige halten die Wohnungen und vermieten, andere wollen sie so schnell wie möglich weiter verkaufen. | Erstmals hat eine deutsche Stadt ihren gesamten Wohnungsbestand an einen Finanzinvestor aus dem Ausland verkauft. Dresden wird damit seine Schulden auf einen Schlag los. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zaesur-am-immobilienmarkt-das-wunder-von-dresden-1.907795 | Zäsur am Immobilienmarkt - Das Wunder von Dresden | 00/05/2010 |
Die neuen EU-Nachbarn locken mit Discount-Medizin. In Ungarn boomt bereits der Zahntourismus. Von der Kasse gibt es zum Teil sogar Zuschüsse. Die erweiterte Europäische Union (EU) eröffnet Kassenpatienten neue Sparchancen bei den Gesundheitskosten. Vor allem die neuen EU-Nachbarn in Osteuropa locken die Bundesbürger verstärkt mit Behandlungen zum Discount-Preis: Detailansicht öffnen (Foto: Foto: dpa) Goldkronen vom Zahnarzt in Ungarn, Keramikblenden vom Spezialisten in Polen, Augenkorrekturen in Tschechien — alles um 50 bis 70 Prozent billiger als in Deutschland. Zuschuss von der Krankenkasse Und die gesetzlichen Krankenversicherer zahlen jetzt auch Zuschüsse, wenn die Patienten zum Arzt nach Krakau oder Prag statt nach Leipzig gehen. Grundsätzlich gilt: Im Zuge des europäischen Zusammenwachsens dürfen sich Kassenpatienten im gesamten EU-Ausland ambulant behandeln lassen. Die Kasse erstattet ihnen dabei genau den Anteil, der für die gleiche Leistung in einer Arztpraxis zu Hause angefallen wäre. "Das ist im ambulanten Bereich kein Problem", bestätigt Martin Plass, Sprecher des Verbandes der Angestellten Krankenkassen (VdAK). Auch wenn der Abstecher ins EU-Ausland formal gesehen keiner Genehmigung bedarf, sollten sich Patienten aber vorher mit ihrer Kasse besprechen. Kuren und Klinikaufenthalte bedürfen Genehmigung Für Schönheitsoperationen beispielsweise gibt es in der Regel keinen Cent dazu. Und stationäre Leistungen in anderen EU-Staaten wie auch Kuren sind immer genehmigungspflichtig. Wer zum Doktor ins Ausland geht, sollte zunächst einen Heil- und Kostenplan von einem deutschen Arzt einholen. Dann gilt es, zusätzlich ein Gegenangebot aus dem EU-Ausland — am besten in Deutsch — bei der Kasse vorzulegen, betont Renate Janeczek von der Verbraucher-zentrale Sachsen. | Die neuen EU-Nachbarn locken mit Discount-Medizin. In Ungarn boomt bereits der Zahntourismus. Von der Kasse gibt es zum Teil sogar Zuschüsse. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/auslandsreise-zum-doktor-billige-busen-und-goldene-zaehne-1.900498 | Auslandsreise zum Doktor - Billige Busen und goldene Zähne | 00/05/2010 |
Mike Bair hat die Boeing "787" konstruiert, die am Sonntag präsentiert wird. Sein kühner Gegenentwurf zum "A380" von Konkurrent Airbus soll im Mai 2008 auf dem Markt sein - und zwar pünktlich. In den vergangenen drei Jahren gehörten Telefonkonferenzen für Mike Bair zum Standardprogramm. Alle paar Wochen setzte er sich in Seattle vor sein Telefon und erzählte von seinem Projekt. Dass nun auch die Flügelvorderkanten fest definiert seien, zum Beispiel, und warum diese Konfiguration des Seitenleitwerkes einer anderen vorzuziehen sei. Detailansicht öffnen Er trägt die Verantwortung für den Erfolg oder Misserfolg des "Dreamliners" - der neuen Boeing "787": Michael B. Bair. (Foto: Foto: Boeing) Was er zu berichten hatte, interessiert die Öffentlichkeit: Der Manager ist Programmchef für das Modell 787, der neue Langstreckenjet des größten Flugzeugherstellers der Welt. Am Sonntag werden bei der Dreamliner-Premiere voraussichtlich etwa 15.000 Menschen vor der Montagehalle in Everett bei Seattle warten, um den ersten Prototypen zu sehen. Der Moderator des Fernsehsenders NBC, Tom Brokaw, moderiert die Show, Boeing-Chef Jim McNerney ist dabei, und auch Bair wird ganz vorne auf der Bühne platziert sein. Sein größtes Wagnis: Auf die Krawatte verzichten Wenn man den 51-jährigen Bair trifft, fallen nur seine leuchtenden Augen auf. Er ist ein schmaler, schmächtiger Mann mit leiser Stimme und einer Stupsnase. Mit seinen beigen Hosen und dem unspektakulären Hemd sieht er aus, wie man sonst im mittleren Management eines großen amerikanischen Unternehmens aussieht. Dass er abends mitunter keine Krawatte trägt, ist schon sein größtes Wagnis. So wie er sich in größeren Runden beim Abendessen gibt, würde man garantiert nicht meinen, dass da vielleicht der künftige Boeing-Chef vor einem sitzt. Genau das könnte er aber in ein paar Jahren sein. Denn die Leitung des Dreamliner-Programms ist wohl der bedeutendste Job gewesen, den Boeing in den vergangenen Jahren zu vergeben hatte. Mit der 787 hat Boeing nichts weniger als die Existenz des Konzerns riskiert. Jahrelang dümpelte der vor sich hin und brachte nichts Neues zustande, sondern machte sich mit halbgaren Projekten zum Gespött der Branche und zum guten Verkaufsargument für den Konkurrenten Airbus. 1000 Fehlerquellen Als die Lage wirklich ernst zu werden drohte und die ersten Analysten darüber spekulierten, ob Boeing überhaupt noch zivile Flugzeuge bauen wolle, holte der Konzern mit dem Mut der Verzweiflung zum großen Wurf aus und schob das Modell 787 an. Der Flieger ist technisch ein Riesenschritt und war von Anfang an ein risikoreiches Projekt. Es gab 1000 Gründe, warum es massive Schwierigkeiten hätte bringen oder zumindest viel zu spät hätte kommen können. Bair musste das verhindern. Es sieht so aus, als würde er es schaffen. Während der A380 des europäischen Konkurrenten Airbus um zwei Jahre verspätet ist, schwört Boeing, dass die 787 wie geplant im Mai 2008 an den Erstkunden All Nippon Airways ausgeliefert wird. Die bislang einzige Verspätung betrifft den Erstflug: Der sollte eigentlich schon Ende August stattfinden, nun wird es wohl Mitte September. Hinter den Kulissen mussten Bair und seine Leute allerdings ganz schön klotzen. Der 787-Chef schickte Hundertschaften von Boeing-Ingenieuren quer um den Globus, damit sie den Lieferanten bei Konstruktionsproblemen helfen. Das war zwar teuer, aber es hat geholfen. Er kennt sie alle - bis auf die 737 und die 747 Sollte nun das Hochfahren der Produktion ebenfalls gelingen und die 787 die versprochenen Leistungsdaten erfüllen, dann dürften Bair alle Türen offen stehen für seine weitere Karriere. Der nächste Schritt könnte sein, Boeing-Vertriebschef Scott Carson abzulösen, der immerhin 60 ist. Bair ist Luft- und Raumfahrtingenieur und fing 1979 als 23-Jähriger bei Boeing an. Zuvor hatte er an der Washington State University, der University of Puget Sound und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) studiert. In seinem ersten Projekt sollte er den Lärm beim 787-Vorgänger 767 möglichst stark verringern. Seither hat er sich hochgedient bei Boeing und inzwischen mit fast jeder Baureihe direkt zu tun gehabt bis auf die größte, den Jumbojet 747, und die kleinste, den Mittelstreckenjet 737. Er war bei der 757-Baureihe für Design, Produktion und Rentabilität verantwortlicher Projektmanager. Bei seinem letzten großen Projekt vor der 787, beim Großraumjet 777, arbeitete er als Chefingenieur. Danach wurde er Strategiechef für die Zivilluftfahrt-Sparte. Falls Vertriebschef Carson doch noch ein bisschen weitermacht, könnte Bair sich bald auch um ein neues Projekt kümmern und dabei mit dem vorletzten Boeing-Jet zu tun bekommen, dessen Konstruktion er noch nicht betreut hat: Boeing will bald einen Nachfolger für seinen Verkaufsschlager 737 präsentieren. | Mike Bair hat die Boeing "787" konstruiert, die am Sonntag präsentiert wird. Sein kühner Gegenentwurf zum "A380" von Konkurrent Airbus soll im Mai 2008 auf dem Markt sein - und zwar pünktlich. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/boeing-dreamliner-leise-auf-dem-weg-nach-oben-1.906135 | Boeing Dreamliner - Leise auf dem Weg nach oben | 00/05/2010 |
Der Druck auf die Wirtschaft steigt, Gehälter von Topmanagern ebenso wie die Zahl von Aufsichtsratsmandaten zu begrenzen. "Auch Topmanager haben sich am simplen Begriff des ehrbaren Kaufmanns zu orientieren", sagte BDI-Chef Michael Rogowski im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. (SZ vom 02.07.03) - "Wir brauchen mehr Vorbilder", fordert BDI-Chef Michael Rogowski ein. Die Bezüge sollten am Wertzuwachs des Unternehmens gemessen werden, um mögliche Exzesse kenntlich zu machen. "Dazu gehört, für sich selbst nicht mehr zu tun als für die Mitarbeiter, Aktionäre und die Gesellschaft", ergänzte er. Das Gewinnstreben dürfe nicht verteufelt werden, da es "Antrieb und Grundlage für jedes Unternehmen" sei. Jede Firma brauche ein Wertegerüst, das unmöglich nur aus der Wertsteigerung für den Kapitalmarkt und die Topmanager bestehen könne. Glaubwürdig sei man "nicht mit Sprüchen, sondern durch Transparenz, Offenheit und Konsistenz im Handeln." Freiwillige Kontrolle Die Wirtschaftsverbände verstärken gemeinsam ihre Bemühungen, über freiwillige Kontrollmechanismen einen weiteren Ansehensverlust zu verhindern. Damit reagieren sie auch auf zunehmenden politischen Druck. An diesem Mittwoch will Bundeskanzler Gerhard Schröder auf einem Symposium der vier wichtigsten Verbände an die Unternehmer appellieren, ethisch zu handeln. Schon in seiner Regierungserklärung im März hatte der Kanzler Großkonzerne und ihre Topmanager zu mehr Bescheidenheit aufgefordert. Rogowski lehnt gesetzliche Vorgaben strikt ab, setzte sich aber für eine stärkere gegenseitige Kontrolle ein. "Ein Vergleich der eigenen Bezüge mit der Wertsteigerung des betreffenden Unternehmens ist beispielsweise eine Form von Transparenz, die allen nutzt", empfahl er. "Weder Götter noch Raffkes" Der Verbandschef warnte davor, aus einzelnen Exzessen in den Großkonzernen auf die gesamte Wirtschaft zu schließen. "Wir sind weder Götter noch Raffkes, sondern ganz normale Menschen", sagte er. Auch bei strengeren Vorgaben werde es deshalb immer "einige schwarze Schafe" geben. Kritisch bewertet Rogowski allerdings die Offenlegung der Einzelbezüge von Managern. Diesen Punkt hatte die Corporate-Governance-Kommission, die Thyssen-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme im Auftrag der Bundesregierung leitet, im Mai in ihren Kodex aufgenommen. "Es genügt völlig, wenn die Gesamtbezüge eines Vorstands veröffentlicht werden", sagte er. Dann könne sich jeder ausrechnen, wie viel Geld jedes einzelne Vorstandsmitglied ungefähr verdiene. Das Recht auf Datenschutz gelte für Topmanager genauso wie für andere Bürger. Gesetzeskeule Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hatte auf gesetzliche Obergrenzen unter der Voraussetzung verzichtet, dass der Kodex strikt eingehalten werde. Ausdrücklich sprach sich Rogowski aber dafür aus, die Zahl von Aufsichtsratsmandaten zu begrenzen. "Wer einen Aufsichtsrat leitet, sollte sich nicht viele zusätzliche Mandate leisten", sagte Rogowski. "Ich habe auch schon sehr viele Mandate, davon aber nur eines als Vorsitzender", räumte der Verbandschef ein, der den Aufsichtsrat der J.M. Voith AG in Heidenheim leitet. Die Zahl des Cromme-Kodex von maximal sechs Mandaten sei ein "guter Richtwert". Zwiespältig betrachtet Rogowski die auch von ihm selbst geübte Praxis, dass Ex-Vorstandschefs an die Spitze des Aufsichtsrats wechselten. "Die Gefahr besteht, dass der Vorgänger aus Eitelkeit ständig überprüft, ob seine Linie weiterverfolgt wird, auch wenn sie nicht so erfolgreich war." "Von Fall zu Fall" Allerdings sei der Wechsel oft sinnvoll, weil ein früherer Vorstandschef sich ein besseres Bild davon machen könne, "wohin sich das Unternehmen entwickelt". Letztlich solle diese Frage "von Fall zu Fall" entschieden werden, sagte Rogowski und appellierte an die Unternehmer, den Corporate-Governance-Kodex einzuhalten. | Der Druck auf die Wirtschaft steigt, Gehälter von Topmanagern ebenso wie die Zahl von Aufsichtsratsmandaten zu begrenzen. "Auch Topmanager haben sich am simplen Begriff des ehrbaren Kaufmanns zu orientieren", sagte BDI-Chef Michael Rogowski im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/masslosigkeit-industrie-praesident-kritisiert-manager-1.904666 | Maßlosigkeit - Industrie-Präsident kritisiert Manager | 00/05/2010 |
Ein neues Geschäftsmodell ist dabei, die Software-Industrie zu verändern. Auf den ersten Blick sieht es aus, wie das Rezept, mit dem Rockefeller vor langer Zeit sein Vermögen gemacht hat: Er verschenkte Öllämpchen und verkaufte das Öl dazu. Heute bieten etliche Softwarefirmen so genannte offene Computerprogramme kostenlos an und versuchen, mit dazu passenden Dienstleistungen Geld zu verdienen. Detailansicht öffnen Inbegriff des Open Source: Der Linux-Pinguin. (Foto: Foto: dpa) Doch das Konzept der Open Source Software (OSS) geht weit über die Vorstellungen Rockefellers hinaus. Denn, wer will, kann die Software auch völlig eigenständig und damit gratis nutzen. Und hunderttausende von Menschen arbeiten weltweit daran, solche Programme zu erstellen und weiterzuentwickeln - unentgeltlich. Was ist Open Source? Doch was ist eigentlich Open Source Software? Es sind Programme der verschiedensten Art, die von der Open-Source-Gemeinschaft der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Ihr Kern, auch Quellcode (Source Code) genannt, ist offen gelegt. Jeder kann sich die Software gratis aus dem Internet herunterladen, sie nutzen und auch modifizieren. Das steht in direktem Gegensatz zur üblichen Praxis der so genannten proprietären Softwarehersteller, die ihren Quellcode als Geschäftsgeheimnis hüten, für ihre Programme Lizenzgebühren verlangen und deren Software nicht verändert werden darf. OSS ist also ein Gegenentwurf zum bisher vorherrschenden Geschäftsmodell der Branche - und wird je nach Standpunkt gepriesen oder verdammt. Zur Geschichte der Kostenlos-Software Das Konzept der "freien" Software reicht zurück in die Pionierzeit der Computerära. Vielen damaligen Entwicklern ging es nicht zuerst um das große Geld, sondern um die geistige Herausforderung und das Vorantreiben des neuen Software-Wissens. Auch das Zustandekommen des Internets beruht zu einem guten Stück auf Open Source. Lange Zeit war Open Source eine Sache für Insider, die von der etablierten Software-Industrie nicht ernst genommen wurde. Das hat sich geändert. Open Source ist heute ein nicht zu übersehender Marktfaktor. Gerade in Deutschland hat es einen starken Rückhalt. Zwar ist das Marktvolumen recht klein, doch es wächst rasant. Am bekanntesten ist wohl das Betriebssystem Linux, für das (in Konkurrenz zu Windows von Microsoft) sich unlängst die Stadt München entschied. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Programme. Unentgeltliche Mitarbeit Dass offene Software ankommt, hat mehrere Gründe. Angezogen werden Nutzer zuerst meist durch die Aussicht, Programme ohne Lizenzgebühren zu erhalten. Genau so wichtig erweist sich oft die gebotene Flexibilität, die Möglichkeit, Software an die individuellen Bedürfnisse anzupassen. Und schließlich hat die Leistungsfähigkeit (zum Beispiel bei Sicherheit oder Beständigkeit) der Programme erheblich zugenommen und kann sich durchaus mit kommerzieller Software messen. Letzteres wird durch Entwicklergruppen in aller Welt gewährleistet, die freiwillig und unentgeltlich an Open-Source-Projekten mitarbeiten. Ihre Beweggründe sind immer noch so ähnlich wie zu Beginn der OSS-Bewegung. Der Erfolg von Open Source geht aber auch darauf zurück, dass etliche große Computerunternehmen seit vier, fünf Jahren dieses Konzept unterstützen - allen voran IBM. Sie stehen meist nicht (oder nur teilweise) in Konkurrenz zu Open Source und können somit auf ergänzende Geschäfte hoffen. Die Großen der Branche arbeiten dabei oft mit den - kleineren - Firmen zusammen, die OSS salonfähig gemacht haben. Das geschieht, in dem sie die frei verfügbare Technologie anwenderfreundlich zurechtfügen und sie zusammen mit Dienstleistungen wie Integration oder Wartung vermarkten - nun gegen Geld. Die deutsche, kürzlich vom US-Konzern Novell übernommene, Firma Suse Linux ist im übrigen weltweit nach Red Hat die Nummer zwei dieser originären OSS-Branche. Viele, die Open Source unterstützen, haben aber noch ein weiteres Motiv: Sie wollen die Dominanz Microsofts im Softwaremarkt eindämmen, seine Monopole brechen. Auch von Anwendern wird Open Source oft als einzige ernsthafte Alternative zu Microsoft gesehen. Microsoft reagiert Der weltgrößte Softwarehersteller hat bereits auf die neue Konkurrenz reagiert. Microsoft gewährt ausgewählten Anwendern nun weitgehende Einsicht in den Windows-Quellcode und war zum Beispiel im Wettbewerb um den prestigeträchtigen Auftrag der Stadt München zu erheblichen Preiszugeständnissen bereit.Ferner verzahnt der Konzern seine Produkte immer enger und macht sie im Wettbewerb weniger angreifbar. Darüber hinaus ist Microsoft mitten in einem großen Diversifizierungsprozess - auch um diesem Druck auszuweichen. Schon jetzt also wirkt sich Open Source auf den Software-Markt aus. Und seine Bedeutung wird zunehmen. Allerdings agieren auch Open- Source-Unternehmen zunehmend kommerzieller. Immer öfter wird offene und proprietäre Software zusammen in Paketlösungen angeboten. Der Schluss, den ein Microsoft-Manager kürzlich auf einer Tagung des Münchner Kreises zog, liegt deshalb nahe: "Die beiden Geschäftsmodelle bewegen sich aufeinander zu." | Immer mehr entwickelt sich Open-Source, also frei erhältliche, offene Software, zum Gegenkonzept des klassischen kommerziellen Geschäftsmodells von Microsoft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/software-gratis-rockefellers-erben-1.899105 | Software, gratis - Rockefellers Erben | 00/05/2010 |
Kunden staunen schon mal über technische Spielereien, ob sie dafür Geld bezahlen, ist aber eine andere Frage. Beantwortet wird sie auf der Cebit, der weltgrößten Computermesse, die am Donnerstag beginnt. "Neuheiten enden in der Sackgasse, wenn bei der Begeisterung über die technischen Möglichkeiten die Bedürfnisse der Märkte vergessen werden", sagt Jörg Forthmann, der für die Beratungsgesellschaft Mummert Consulting die "Tops und Flops" der Cebit in den vergangenen Jahren untersucht hat. Detailansicht öffnen Gimmick oder Gadget? Mit diesem Pen-Phone genannten Gerät schreibt man SMS per Hand. (Foto: Foto: dpa) Spätestens seit UMTS haben das auch die Hersteller verstanden. "Der Verbraucher kauft keine Abkürzungen, sondern konkrete Anwendungen", erklärt der Chef des Mobilfunkgeschäfts von Siemens, Rudi Lamprecht, bei der Vorstellung der neuen Handys auf der Cebit. Gimmicks und Gadgets Dort müssen sich alle Neuheiten dem kritischen Urteil der Besucher stellen. Die erste Frage lautet meist: "Wozu soll das gut sein?" Was technisch interessant, aber letztlich überflüssig ist, fällt in die Kategorie der "Gimmicks". Eine Stufe höher stehen da schon die "Gadgets": Das sind Geräte, die klein, handlich und voll von erstaunlichen Möglichkeiten sind - sich bei genauer Betrachtung dann aber doch nur als Spielzeug für große Jungs erweisen. Über den dauerhaften Erfolg entscheiden allein die Verkaufszahlen. Ein weitgehend negatives Urteil hat der Markt bereits über die kleinen Westentaschen-Computer gesprochen, bei denen schon die sperrige Bezeichnung im Deutschen Schwierigkeiten machte: Die PDAs (Personal Digital Assistants) oder Handhelds haben nie die erhoffte Nachfrage erlebt und werden wohl einmal im Smartphone aufgehen - dem Alleskönner-Handy. Handys werden zu Alleskönnern Beim Handy interessieren kaum noch die Netze und ihre Technik, sondern Design und Funktionen. Das neue Mobiltelefon soll nicht nur telefonieren können, sondern auch Adressen und Termine speichern, Schnappschüsse aufnehmen, Musik und Filme abspielen sowie über GPS den Standort bestimmen. Ob der aus den USA herüber schwappende Trend zum Walkie-Talkie-Handy auch die Jugend in Europa gewinnen wird, steht noch dahin. Hersteller wie Motorola haben solche "Push-to-Talk-Handys" bereits im Messe-Angebot. Innovativ ja - sinnvoll vielleicht Innovatorisch gibt sich Siemens auf seiner "Future World": Das "Pen-Phone" verbindet erstmals die optische Zeichenerkennung mit dem Mobiltelefon. Das Stift-Handy erkennt mit Hilfe einer winzigen Kamera die Schreib-Bewegungen der Hand, Buchstaben und Ziffern werden direkt in den Handy-Speicher übertragen. Damit wird es möglich, eine SMS mit der Hand zu schreiben, anstatt die Kurzmitteilung mühsam auf der viel zu kleinen Tastatur einzutippen. Das 14 Zentimeter lange Stift-Handy ist bisher nur ein Prototyp, funktioniert am Messestand nach kurzer Eingewöhnung aber bereits erstaunlich gut. "Wir haben mehrere Monate an dem Pen-Phone gearbeitet und sind jetzt gespannt auf die Reaktionen der Cebit-Besucher", sagt der technische Projektleiter Lothar Mamier. Die Cebit-Neuheiten 2004 sind nicht nur vielseitig, sondern auch besonders klein, leicht und kabellos. Ein von Philips vorgestellter USB-Stick speichert 128 MB an Daten und dient gleichzeitig als MP3-Player, Camcorder und Digitalkamera mit einer Auflösung von zwei Megapixel. Wer sich in den vergangenen Jahren begeistert eine kabellose Tastatur und Maus angeschafft hat, hat oft erst danach entdeckt, dass man sich damit die Abhängigkeit von Batterien eingehandelt hat. Eine unabhängige Energieversorgung ermöglicht die solarbetriebene Tastatur-Maus-Kombination des Herstellers Cherry. Bei der "Cymotion Master Solar" reicht nach Angaben des Herstellers bereits das normale Raumlicht zur Versorgung aus. Triumph der Notebooks? Das nach eigenen Angaben leichteste 15,4-Zoll-Notebook der Welt stellt Samsung Electronics vor. Das X30 WVC 1700 wiegt nur 2400 Gramm und bietet dabei ein DVD-Laufwerk mit CD-Brenner, einen WLAN-Adapter und eine Akku-Laufzeit von zehn Stunden. Verstärkt an Privatanwender richten sich auch die neuen Notebook-Modelle von Fujitsu Siemens. Neben etlichen Einsteigermodellen ab 999 Euro gibt es da auch ein neues Gerät speziell für Cineasten: Das Amilo M1420 hat einen 14,4-Zoll-Bildschirm, der dem Breitband-Format von Kinofilmen entspricht. IT-Beobachter Forthmann ist sich sicher, dass Notebooks dem Desktop-PC den Rang ablaufen werden: "Mit hohen Zuwachsraten sind sie dabei, die Zeiten voluminöser Computer-Hardware bei privaten Nutzern zu beenden." | Kunden staunen schon mal über technische Spielereien, ob sie dafür Geld bezahlen, ist aber eine andere Frage. Beantwortet wird sie auf der Cebit, der weltgrößten Computermesse, die am Donnerstag beginnt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/cebit-neuheiten-2004-multitalente-klein-leicht-und-kabellos-1.898001 | Cebit-Neuheiten 2004 - Multitalente - klein, leicht und kabellos | 00/05/2010 |
Zu Kosten wie in Rumänien stellen Häftlinge Teddys oder Plastikförmchen her. Die Fabrikanten halten die Herkunft der Waren lieber geheim - sie fürchten Imageschäden. Nicholas* legt das Messer weg und kneift sein rechtes Auge zu. Am gestreckten Arm mustert er die Luftpumpe. Sein Zeigefinger fährt über das schwarze Plastik. "Sieht gut aus", murmelt der Häftling und reckt seinen Daumen in Richtung Scheibe. Die zwei Männer im Glaskasten nicken zurück. Fabrikant Hans Seidel* und Werkdienstleiter Josef Knauf. "Fertig", ruft Nicholas etwas lauter. Sein Wiener Akzent hallt durch den fensterlosen Raum. Drei Jahre hat Nicholas bekommen. Wegen Drogenschmuggels. Ein paar Monate hat der 29-jährige Koch in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wuppertal schon abgesessen. Neuer Stellenwert Seit kurzem hat er dort einen Job: Zwar nicht in der Küche - dort sei die Fluchtgefahr zu groß, erklärten ihm die Justizbeamten bei seiner Einweisung. Stattdessen baut er nun für Seidel Feuerzeuge, Steckdosen und Luftpumpen zusammen, 38,5-Stunden in der Woche. In dem neonbeleuchteten Gefängnisraum sitzt Nicholas neben 13 Mithäftlingen auf langen Bänken. Ab und zu verlässt Seidel seinen Glaskasten und klopft seinen Leuten auf die Schultern. "Das Verhältnis zwischen mir und meinem Arbeitern ist wie zwischen Meister und Lehrling", sagt Seidel. Er siezt seine Leute sogar. Keine Selbstverständlichkeit hinter Gefängnismauern. 5.30 Uhr: Wecken, Rasieren, zum Frühstück ein Marmeladenbrot auf der Zelle. 6.55 Uhr: "Ausrücken zur Arbeit", wie es im Jargon der Justizbeamten heißt. Paragraph 41 des Strafvollzugsgesetz bestimmt: Strafhäftlinge und jugendliche Untersuchungshäftlinge sind zur Arbeit verpflichtet. Sie sind legale Zwangsarbeiter. Ein Häftling, der sich zu arbeiten weigert, wird unsanft an seinen Status erinnert: Er muss mit Disziplinierung rechnen - drei Monate Einkaufsverbot oder strenge Einzelhaft. Gewerkschaften? Arbeitsplatzgarantie bei Krankheit? Im Knast sind das Fremdworte. Gefängnisarbeit gewinnt in Zeiten von Billiglohndebatten einen neuen Stellenwert: Besonders mittelständische Unternehmer lenken ihren Blick auf deutsche Gefängnisse als preiswerte Produktionsstätten. Rund 40 Prozent der arbeitsfähigen Gefangenen in Deutschland arbeiten schon für Privatunternehmen wie das von Seidel. Hinzu kommen die so genannten Eigenbetriebe. Das heißt: Dort zimmern die Gefangenen zum Beispiel Büromöbel für den Eigenbedarf der JVA oder reparieren die Gefängnisbusse. | Zu Kosten wie in Rumänien stellen Häftlinge Teddys oder Plastikförmchen her. Die Fabrikanten halten die Herkunft der Waren lieber geheim - sie fürchten Imageschäden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeit-in-deutschen-gefaengnissen-niedriglohnzone-hinter-gittern-1.905854 | Arbeit in deutschen Gefängnissen - Niedriglohnzone hinter Gittern | 00/05/2010 |
Hartnäckig halten sich Gerüchte über einen Zusammengehen der deutsch-französischen Aventis mit dem Konkurrenten Sanofi-Synthelabo. Jetzt heißt es, Aventis wolle sich gegen eine mögliche milliardenschwere Übernahmeofferte seitens Sanofi wehren. Dabei sollen Bewertungsfragen eine Rolle spielen, hieß es. Den Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs seien bereits Beratungsmandate erteilt worden, hieß es in unternehmensnahen Finanzkreisen. Unklar sei dagegen, ob Sanofi Banken mit einem Mandat beauftragt habe. Aventis wollte den Sachverhalt nicht kommentieren: "Wir nehmen dazu keine Stellung", sagte eine Aventis-Sprecherin. Feindliche Übernahmen in der Pharmabranche sind zwar selten... Die Sprecherin verwies auf ein Interview, das Konzernchef Igor Landau der französischen Zeitung Le Monde(Samstag) gegeben hat. Er glaube nicht an ein feindliches Übernahmeangebot, sagte Landau. Feindliche Übernahmen seien in der Pharmabranche sehr selten. Grundsätzlich schloss er aber eine Fusion mit einem anderen Unternehmen nicht aus. Nach den Quellen wird derzeit an einer Verteidigungsstrategie gearbeitet, die darauf aufbaut, dass der Wert des Unternehmens über dem Aktienkurs gesehen wird. Aventis liegt Aussagen von Landau zufolge bei der Rentabilität im Mittelfeld und ist vom Umsatz her weltweit die Nummer fünf. Einzige Schwäche sei der zu geringe Börsenwert. Aventis mit seiner deutschen Tochter Hoechst macht zwar doppelt so viel Umsatz und hat doppelt so viel Mitarbeiter wie Sanofi, ist aber an der Börse etwas weniger wert. ...aber denkbar Zuletzt wurde Aventis mit einer Börsenkapitalisierung von rund 45 Milliarden Euro bewertet, während Sanofi 45,3 Milliarden Euro auf die Waage brachte. Spekulationen um ein Übernahmeangebot von Sanofi im Volumen von 60 Milliarden Dollar (47 Milliarden Euro) haben sich zugespitzt, nachdem die New York Times berichtet hatte, es könne möglicherweise noch am Freitag zu einem Angebot kommen. "Der deutliche Kursverlust bei Sanofi spricht dafür, dass Investoren eher auf eine feindliche Übernahme von Aventis durch Sanofi spekulieren und dies als Schwäche für Sanofi auslegen", sagte dit-Fondsmanager Christian Werner am Freitag. Es sei möglich, dass Sanofi das feindliche Angebot dazu verwenden könnte, Aventis zu einer Fusion unter Gleichen zu bewegen, hieß es aus den Kreisen. Aventis-Titel verbuchten am Freitag zwischenzeitlich ein Anstieg um 1,50 Prozent auf 57,45 Euro. Sanofi sackten dagegen um 6,93 Prozent auf 57,75 Euro ab und waren nach Gewinnen noch am Vortag nun am Freitag das Schlusslicht im EuroSTOXX 50. Offene Patentfragen Branchenbeobachter hatten immer wieder über ein Zusammengehen beider Konzerne spekuliert, aber dieses erst nach der rechtlichen Klärung von Patentfragen in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Sanofi wartet zur Zeit auf den Beginn einer rechtlichen Auseinandersetzung um seinen Umsatzspitzenreiter Plavix (Herzmedikament). Produzenten von Nachahmerpräparaten stehen vor der Tür, um eine günstigere Version des umsatzstärksten Sanofi-Medikaments auf den Markt zu bringen. Schwung in den Übernahmepoker brachte auch die Meldung, dass das Aufsichtsgremium des Sanofi-Großaktionärs L'Oreal an diesem Samstag tagen und über eine mögliche Offerte beraten will. L'Oreal hält zusammen mit Total 43 Prozent des Kapitals sowie 63 Prozent der Stimmrechte an Sanofi. | Hartnäckig halten sich Gerüchte über einen Zusammengehen der deutsch-französischen Aventis mit dem Konkurrenten Sanofi-Synthelabo. Jetzt heißt es, Aventis wolle sich gegen eine mögliche milliardenschwere Übernahmeofferte seitens Sanofi wehren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/pharma-aventis-plant-offenbar-abwehrstrategie-gegen-sanofi-1.905154 | Pharma - Aventis plant offenbar Abwehrstrategie gegen Sanofi | 00/05/2010 |
Offenbar übt die Bahn-Tochter Railion in Bayern massiven Druck auf streikende Lokführer der GDL im Güterverkehr aus. Sie werden laut Gewerkschaft an den Streiktagen nicht nur von Dienstgebäuden und Lokomotiven ausgesperrt, sondern auch von den Dienstplänen gestrichen und nach Hause geschickt. Detailansicht öffnen Noch stehen alle Signale auf Rot im Lokführerstreik (Foto: Foto: dpa) An ihren planmäßigen Ruhetagen am folgenden Wochenende müssen sie dann zu Sonderschichten antreten, um die liegen gebliebenen Züge "aufzuräumen". Der SZ liegt eine solche Dienstverpflichtung der Railion Logistics in Würzburg vor, die einen Lokführer dazu verdonnert, am kommenden Samstag zum Dienst anzutreten. Begründet wird das Vorgehen mit dem Paragraphen 14 des Arbeitszeitgesetzes. Bei Vorliegen eines Eil- oder Notfalls setzt er die Schutzbestimmungen des Gesetzes außer Kraft und verpflichtet die Mitarbeiter zur Arbeitsleistung. "Man stelle sich vor, in einem bestreikten Betrieb würde am Donnerstag und Freitag ein Arbeitskampf durchgeführt. Der Arbeitgeber schickt die Beschäftigten an beiden Tagen nach Hause und verlangt, sie müssten nun am Samstag und Sonntag zur Arbeit erscheinen und diese nachholen", umschreibt ein Gewerkschafter die Praxis der Bahn. Bei Nichterscheinen werden den Beschäftigten arbeitsrechtliche Konsequenzen angedroht, von der Abmahnung bis hin zur Kündigung. Zu einem besonderen Härtefall führte dieses Vorgehen in Ingolstadt. Dort hatte ein Lokführer eigens das Wochenende freigenommen, um seine frisch operierte Frau zu pflegen und sich um das gemeinsame Kleinkind zu kümmern. Schicht trotz OP Der OP-Termin war deshalb auf den Freitag gelegt worden. Der Mann hatte das auch seinem Arbeitgeber erklärt. Trotzdem habe die Bahn auf die Extra-Schichten bestanden. "Der Planer ist persönlich in der Lokleitung aufgetaucht und hat darauf bestanden, dass der Mann arbeitet", sagt GDL-Pressesprecher Uwe Ulrich. Der Lokführer sei aber trotz der Drohungen nicht zum Dienst erschienen. Was die Bahn gegen ihn unternommen hat, ist bislang nicht bekannt. Fälle von Dienstverpflichtungen, insgesamt sollen es sieben sein, gab es auch in Regensburg, Nürnberg und Würzburg. Einige Lokführer hätten aus Angst um ihren Job die Zusatzschichten angetreten, andere hätten sich geweigert. Die GDL verurteilt dieses Vorgehen der Bahn auf das Allerschärfste. "Das ist eine Maßregelung von Kollegen, die ihre Grundrechte wahrnehmen", sagte Sprecher Ulrich. Es konterkariere auch die Streikmaßnahmen. Tätig werden will jetzt nach GDL-Angaben der Railion-Betriebsrat in München. Die Aktion lief an ihm vorbei, weil das Gesetz in Eil- und Notfällen dessen Mitbestimmung nicht vorsieht. GDL bekommt Zulauf Ein Bahn-Sprecher nannte das Vorgehen nach Paragraph 14 des Arbeitszeitgesetzes einen ganz normalen Vorgang. Wenn triftige Gründe vorlägen, die Sonderschicht nicht anzutreten, werde man eine einvernehmliche Lösung finden. Wer allerdings keinen Verhinderungsgrund nenne, der werde zum Dienst herangezogen. Unterdessen verzeichnet die GDL einen Zulauf an neuen Mitgliedern, ohne aber genauere Zahlen zu nennen. "Die Kollegen kommen zu uns, weil sie gesehen haben, dass hier etwas für ihre Interessen getan wird." Neue Mitglieder kämen von Transnet oder seien bisher nicht organisiert gewesen. | Die Bahntochter Raillon verdonnert Streikende in Bayern zum Nachholdienst am Wochenende. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bahnstreiks-bahn-zwingt-lokfuehrer-zu-sonderschichten-1.888311 | Bahnstreiks - Bahn zwingt Lokführer zu Sonderschichten | 00/05/2010 |
"You'll never walk alone": Die Fans des FC Liverpool wehren sich gegen den Kauf ihres Clubs durch einen amerikanischen Investor. Dem reichen Paten aus Amerika schlägt blanker Haß entgegen. "Gillett, hau ab! Wir wollen Dich hier nicht", schreiben erboste Fans des FC Liverpool in Internet-Tagebüchern. George Gillett, der reiche amerikanische Schnösel, möge doch zum ungeliebten Konkurrenten Aston Villa in Birmingham gehen, empfahl ein Freund der "Roten", wie sich die Liverpooler Kicker wegen ihres Trikots nennen. Detailansicht öffnen 2006 jubelten die Spieler vom FC Liverpool über den Gewinn des englischen FA-Pokals gegen Westham United London. (Foto: Foto: dpa) Doch der schwerreiche Investor aus den USA wird sich durch die hitzigen Debatten, die in diesen Tagen an Liverpooler Biertresen geführt werden, nicht von seinem ehrgeizigen Ziel abhalten lassen: die Übernahme des 1892 gegründeten FC Liverpool. In den nächsten Tagen soll zwischen Gillett und dem Vereinsmanagement eine Einigung erzielt werden, die Rede ist von einem Kaufpreis mindestens in dreistelliger Millionenhöhe. Der Investor in Cowboyboots Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt habe, kenne er keine Hindernisse, hat der 68-jährige Gillett einmal gesagt. Gern präsentiert er sich als Naturbursche in Cowboystiefeln. Mitunter führt er seine Geschäfte von einer Ranch in den Rocky Mountains aus - nicht gerade die Gegend, in der man mit den Feinheiten des englischen Profifußballs vertraut ist. Doch zumindest im Sportgeschäft ist Gillett bekannt: Er ist Mehrheitsgesellschafter des kanadischen Eishockeyclubs Montreal Canadiens und war Miteigentümer des US-Basketballklubs Harlem Globetrotters. "Gillett braucht den Kick. Das hat ihn jetzt nach Großbritannien gezogen", sagt ein Branchenkenner in Gilletts Wohnort Vail, US-Bundesstaat Colorado. Es ist offenbar die Gunst der Stunde, die Gillett in Liverpool nutzen will. Auf der Suche nach Investoren Monatelang hatte der bisherige Mehrheitsaktionär David Moores mit einer Investmentfirma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten verhandelt. Der Scheich suchte ein Geschenk für seinen Bruder. Doch hinter den verschlossenen Türen des Londoner Nobelhotels Dorchester wurde man sich nicht einig. Auch die beauftragte Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers, die im Liverpooler Stadtzentrum residiert und ein Übernahmekonzept ausgearbeitet hatte, wusste nicht weiter. Der geforderte Preis schien den verschwiegenen Unterhändlern aus dem Nahen Osten zu hoch. Zwei Jahr zuvor war schon ein Verkauf an den Milliardär und ehemaligen thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra gescheitert. Und jetzt ein Amerikaner als Retter des Fußballs in Liverpool? In der Traumwelt der Kicker regiert das große Geld. Der FC Liverpool ist in dieser Hinsicht ein Nachkömmling. Während Konkurrenten in der Premier League wie der FC Chelsea oder Manchester United längst von russischen Oligarchen oder Selfmade-Milliardären kontrolliert und zu effizienten Sport- und Event-Konzernen umgebaut werden, haben in Liverpool bodenständige Klubmanager wie Moores das Sagen. Doch der 61-Jährige, der den Großteil seiner FC-Anteile von seinem Onkel übernommen hat und sich selbst als größten Fan des FC Liverpool bezeichnet, fehlen die Mittel für Investitionen. Stadion-Neubau als Einstiegsgeschenk Die will nun Gillett bieten. Er fasse ein langfristiges Investment ins Auge, ließ der reiche Pate aus Amerika verlauten. Immerhin geht es um den Neubau eines Stadions mit einer Kapazität von 60.000 Zuschauern im Stanley Park, ausgestattet mit den obligatorischen VIP-Lounges und Champagner-Bars für die Besucherprominenz. Die legendäre Heimspielstätte an der Anfield Road ist zu klein geworden. "No problem", heißt es dazu in Vail. Auch die Übernahme von Vereinsschulden in Höhe von 80 Millionen Pfund werde man gleich mit einkalkulieren, heißt es in Kreisen des amerikanischen Investors. Moores selbst soll mit dem Posten eines Präsidenten auf Lebenszeit belohnt werden. Licht und Schatten in der Karriere von Gillett Nur: Für Gillett wird der Einstieg beim FC Liverpool kein Freundschaftsspiel. Er hat einen schlechten Ruf als Investor. In den 80er Jahren startete er seine Karriere als Unternehmer, indem er drei kleine Fernsehstationen kaufte. Später erwarb er Anteile an Ski-Resorts in Vail und Beaver Creek. Dabei hatte sich der Selfmade-Unternehmer offenbar übernommen. Sein Firmenimperium, das er zum Teil durch Junk Bonds genannte hochspekulative Schrottanleihen finanziert hatte, musste 1992 Gläubigerschutz anmelden. Gillett gelang es, einige Millionen zu retten, die er bald wieder in Skigebieten in New Hampshire, Kalifornien und Wyoming investierte, diesmal mit mehr Erfolg. 1999 krönte ihn das amerikanische "Ski Magazine" zu einem der erfolgreichsten Ski-Persönlichkeiten. Sein Vermögen, das er zusammen mit drei seiner erwachsenen Söhne verwaltet, wird auf 860 Millionen Dollar geschätzt. ,,You'll never walk alone'' (Du wirst niemals alleine gehen) prangt als Inschrift auf dem Vereinswappen des FC Liverpool. Das muss Gillett nun in Liverpool beweisen. | "You'll never walk alone": Die Fans des FC Liverpool wehren sich gegen den Kauf ihres Clubs durch einen amerikanischen Investor. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/uebernahmeplaene-fuer-den-arbeiterclub-unternehmen-fussball-1.914062 | Übernahmepläne für den Arbeiterclub - Unternehmen Fußball | 00/05/2010 |
Der deutsche Konzern prüft möglicherweise bereits rechtliche Schritte gegen die Staatshilfen für Alstom. Siemens hatte auf einen Einstieg bei dem französischen Unternehmen gehofft. Der Siemens-Konzern will den staatlichen Rettungsplan für den französischen Konkurrenten Alstom angeblich gerichtlich anfechten. Detailansicht öffnen Siemens-Verwaltungsgebäude in München. Foto: AP "Der Zentralvorstand ist sich einig, im Zweifelsfall wird geklagt", zitierte das Handelsblatt einen Insider. Ein Siemens-Sprecher lehnte eine Stellungnahme dazu ab. Am Rande einer Vorstandssitzung in Schanghai verlautete dem Bericht zufolge weiter, der Siemens-Vorstand lasse bereits von Rechtsanwälten in Brüssel prüfen, ob eine Klage möglich sei. Französische Regierung verzerre den Wettbewerb Der Siemens-Sprecher sagte, die Haltung des Elektronikkonzerns habe sich in den vergangenen Wochen nicht geändert. Bei der Halbjahres-pressekonferenz hatte Pierer gesagt, Paris dürfe den Wettbewerb nicht durch Dauersubventionen für Alstom verzerren. Zu einem möglichen Einstieg bei dem schwer angeschlagenen Anlagen- und Energiekonzern sagte er, Siemens liege nicht auf der Lauer. Laut Handelsblatt will Wettbewerbskommissar Mario Monti die Alstom-Sanierung an die Bedingung knüpfen, dass das Unternehmen innerhalb von zwei Jahren eine Kooperation mit "starken industriellen Partnern" eingehe. Damit blieben für den Siemens-Konzern, dem Interesse am Gasturbinen- und Bahntechnikgeschäft von Alstom nachgesagt wird, die Türen für einen Einstieg offen. In dem Bericht heißt es weiter, mit einer Entscheidung der EU-Kommission sei schon am Donnerstag zu rechnen. Bis dahin wolle sich Frankreichs Wirtschaftsminister Nikolas Sarkozy von Staatspräsident Jacques Chirac eine mittelfristige strategische Partnerschaft von Alstom mit Siemens und eventuell weiteren Konkurrenten wie Mitsubishi, General Electric und Bombardier genehmigen lassen. Monti und Sarkozy hatten sich Anfang der Woche auf die Grundzüge des Alstom-Rettungsplans geeinigt. Die französische Regierung will den Konzern mit Staatsbeihilfen in Höhe von 3,2 Milliarden Euro unterstützen. Monti wolle dies genehmigen, wenn Alstom im Gegenzug mehrere Randsparten abstößt und anschließend mit ausländischen Unternehmen Partnerschaften eingeht. Thema bei deutsch-französischem Spitzentreffen Unterdessen berichteten mehrere Zeitungen, das Thema Alstom/Siemens stehe auch bei einem Spitzentreffen zwischen der deutschen und französischen Regierung Anfang Juni auf der Tagesordnung. Die Financial Times Deutschland berichtete, nach der Übernahme von Aventis durch Sanofi-Synthelabo erwarte die Bundesregierung Entgegenkommen beim Wunsch von Siemens nach einem Einstieg bei Alstom. Frankreichs Wirtschaftsminister Sarkozy stemmt sich allerdings vehement gegen eine Zerschlagung von Alstom. Die Bundesregierung bestätigte auf Anfrage, dass ein Vierer-Treffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem französischen Premier Jean-Pierre Raffarin, Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement und Sarkozy zum Thema Industriepolitik stattfinden soll. Dies sei vergangene Woche beim Besuch des Kanzlers und mehrerer Minister in Paris vereinbart worden. Ob Vertreter von Siemens und Alstom an dem Treffen teilnehmen, konnte der Regierungssprecher in Berlin nicht bestätigten. | Der deutsche Konzern prüft möglicherweise bereits rechtliche Schritte gegen die Staatshilfen für Alstom. Siemens hatte auf einen Einstieg bei dem französischen Unternehmen gehofft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/begehrtes-alstom-rettungsplan-laesst-siemens-aussen-vor-1.899359 | Begehrtes Alstom - Rettungsplan lässt Siemens außen vor | 00/05/2010 |
Die Staatsanwaltschaft in München hat ein Ermittlungsverfahren gegen einen Einkaufsmanager des Autokonzerns sowie den Geschäftsführer eines Zulieferbetriebes eingeleitet. In dem Korruptionsfall soll der 54-jährige BMW-Einkaufsmanager Günther L. von 2000 bis 2003 in drei Fällen insgesamt rund 100.000 Dollar per Scheck von Peter M., dem Geschäftsführer des ostdeutschen Unternehmens M & H Internationale Spedition und Logistik angenommen haben. Detailansicht öffnen Luftaufnahme der Konzernzentrale von BMW in München. (Foto: Foto: dpa) Nach Informationen der SZ soll die Ehefrau des BMW-Managers der ostdeutschen Firma Rechnungen über bestimmte Beratungsleistungen ohne Gegenleistung gestellt haben. Ein BMW-Sprecher sagte, der Fall sei "ärgerlich". Solche Fälle seien nur schwer zu erkennen. Das Unternehmen habe "ein Interesse daran, dass das aufgeklärt wird." Der Unternehmensvertreter bestritt jedoch, dass es bei BMW an Kontrollen für Einkaufsmanager mangele. "Das ist nicht der Fall". Der BMW-Konzern hat ein Einkaufsvolumen von 20 Milliarden Euro im Jahr. Der festgenommene Mitarbeiter sei Leiter einer kleinen Abteilung gewesen. Wohnung und Firmenräume inspiziert Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft ist die Sache durch eine Steuerprüfung aufgeflogen. Am vergangenen Dienstag wurden der Arbeitsplatz des BMW-Mitarbeiters, seine Wohnung sowie die Firmenräume des Zulieferbetriebes durchsucht. Dabei sei "eine Vielzahl von Unterlagen" sichergestellt worden, die ausgewertet werden müssten. Die beiden Beschuldigten sind am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt worden. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, BMW beteilige sich konstruktiv an der Aufklärung. "Derzeit kann davon ausgegangen werden, dass es sich um einen Einzelfall und nicht um eine Affäre größeren Ausmaßes handelt." Hartmut Giershausen, der Anwalt von Peter L. sagte der SZ: "Wir sind um die Aufklärung der Vorwürfe bemüht." Vergleichbare Fälle in der Vergangenheit Ein ähnlicher Fall war bei dem Münchner Autokonzern im Januar 2003 bekannt geworden. Auch damals ermittelte die Münchner Staatsanwaltschaft gegen einen Mitarbeiter der Einkaufsabteilung, nachdem die Konzernrevision fündig geworden war und das Unternehmen selbst Anzeige gegen den Mitarbeiter erstattet hatte. Der Manager soll bestimmte Software-Firmen bei Aufträgen bevorzugt haben, obwohl andere Anbieter billiger waren. Im Oktober 2004 durchsuchten die Staatsanwälte BMW-Büros und die Wohnungen von Mitarbeitern, weil BMW-Angestellte vertrauliche Bilder künftiger Automodelle an ein Fachmagazin verkauft haben sollen. Lieferanten unter Druck Einkaufsmanager von Autokonzernen gelten als besonders anfällig für Schmiergelder, weil die Fahrzeughersteller immer größere Anteile der Autos von Fremdfirmen anliefern lassen. Manche Autobauer beziehen mehr als drei Viertel ihrer Bauteile von Lieferanten. Da die Krise in der Autoindustrie die Gewinne der Hersteller massiv unter Druck brachte, stieg in jüngerer Vergangenheit auch der Druck auf die Zulieferer, die Preise zu senken. In dieser Industrie gilt es als normal, dass die Erlöse für Zulieferteile pro Jahr um drei bis fünf Prozent fallen. Oft sind die Forderungen der Fahrzeugbauer nach Preissenkungen noch höher. Viele Autohersteller haben daher das Prinzip, die Mitarbeiter ihrer Einkaufsabteilungen in bestimmten Zeitabständen auf neue Funktionen zu setzen, um die Möglichkeiten einzuschränken, mit Vertretern von Zulieferern gemeinsame Sache zu machen. "Biotop der Kriminalität" Beim Autokonzern DaimlerChrysler wurden die Staatsanwälte dagegen im März dieses Jahres in der Vertriebsorganisation tätig. Auch in diesem Fall ging es um den Verdacht der Untreue und teilweise auch der Bestechlichkeit. Mehrere hohe Mitarbeiter der Vertriebsorganisation mussten darauf ihre Posten verlassen. Der Leiter des Deutschland-Vertriebs von DaimlerChrysler war schon Anfang des Jahres suspendiert worden, weil er mit Personal und Geldvon Daimler-Chrysler das Haus einer Freundin auf Mallorca hat renovieren lassen. Bei DaimlerChrysler war davon die Rede, dass es sich um ein regelrechtes "Biotop" der Kriminalität handele. Vor zwei Wochen war eine Schmiergeld-Affäre beim Münchener Chip-Konzern Infineon aufgeflogen, als dessen Folge das Vorstandsmitglied Andreas von Zitzewitz seinen Posten räumen musste. Dem Manager wurde vorgeworfen, von einer Sport-Event-Agentur, die von Infineon Aufträge bekam, Schmiergeld in Höhe von etwa 260 000 Euro angenommen zu haben. | Die Staatsanwaltschaft in München hat ein Ermittlungsverfahren gegen einen Einkaufsmanager des Autokonzerns sowie den Geschäftsführer eines Zulieferbetriebes eingeleitet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/korruption-in-der-wirtschaft-schmiergeld-affaere-bei-bmw-1.900962 | Korruption in der Wirtschaft - Schmiergeld-Affäre bei BMW | 00/05/2010 |
Klaus Kleinfeld geht, Peter Löscher kommt. Am 1. Juli bekommt Siemens einen neuen Chef. Und was der Östereicher ankündigt, verspricht viel: einen Stilwechsel im Konzern. Der Anruf erreichte ihn in den USA auf dem Heimweg nach New Jersey. Es war Mitte Mai, erst ein paar Stunden zuvor war Peter Löscher in München zum Siemens-Chef gekürt worden. Aus dem fernen 6000-Einwohner-Flecken Fellach in Kärnten rief seine Mutter an: Fernsehteams belagerten den Löscher-Hof am Fuße des gut 2.000 Meter hohen Drobatsch im Dreiländereck zwischen Österreich, Italien und Slowenien. "Was ist los, Peter?'', wollte Agnes Löscher wissen. Er habe geahnt, dass sich mit der Berufung zum Siemens-Chef vieles in seinem Leben ändern würde, sagt der 49-jährige Österreicher heute, den bis dahin in Deutschland kaum jemand kannte. Dass der Spitzenposten von Anfang an ein so öffentliches Amt sein werde, habe ihn aber "wie der Blitz getroffen'', sagt Löscher. Noch sind sich der Konzern und sein neuer Chef fremd. Als der 1,95 Meter-Mann am Dienstagabend schon fünf Tage vor seinem Amtsantritt am 1. Juli erstmals bei einem Empfang im historischen Rathaussaal in Nürnberg auftritt, geht ein Raunen durch die Reihen. Geladene Führungskräfte tuscheln, als der neue "Mr. Siemens'' den Raum betritt. 80 Milliarden Euro Umsatz in 190 Ländern In wenigen Tagen wird er Herr über einen Weltkonzern sein, mit 80 Milliarden Euro Umsatz in 190 Ländern. Lange geheim gehalten von den Konzernstrategen, nutzt Siemens seine jährliche Medienkonferenz überraschend zur Präsentation Löschers. Selten zuvor waren die ersten Sätze und Gesten eines neuen Topmanagers in Deutschland mit soviel Spannung erwartet worden, denn der ehemalige Pharmamanager übernimmt einen der wichtigsten Jobs, den die deutsche Industrie zu vergeben hat - aber auch einen der schwersten. Er soll das in ein Korruptionsverfahren bislang nie gekannten Ausmaßes verstrickte Traditionshaus wieder zu einem angesehenen Unternehmen machen, "auf das die Mitarbeiter stolz sind und die Welt mit Respekt schaut'', wie es Aufsichtsratschef Gerhard Cromme fordert. Nur fragten sich zuletzt Spitzenmanager des Konzerns offen: Kann jemand wie Peter Löscher, der bisher bei Merck eine Pharmasparte mit 37.000 Mitarbeitern dirigiert hat, einen 470.000 Mann starken Technologiekonzern in ruhiges Fahrwasser führen? "Es gibt hervorragende Regeln bei Siemens gegen Korruption" Das Murren mancher Vorstände über den Newcomer aus der zweiten Reihe weicht am Abend angespannter Erwartung. Löscher lässt keinen Zweifel daran, dass die Korruptionsaffäre für ihn noch lange nicht ausgestanden ist. Für Siemens werde die Affäre wohl zum Marathonlauf werden, sagt Löscher. Mit Managern, die in die Affäre verstrickt seien, werde das Unternehmen kurzen Prozess machen, sagt er ruhig. "Es gibt hervorragende Regeln bei Siemens gegen Korruption - aber es muss klar sein, dass sie auch von oben bis unten gelebt werden.'' Folgen der harten Linie für das Geschäft müsse der Konzern akzeptieren. "Manchen Auftrag werden wir in Zukunft nicht mehr bedienen. Wachstum mit schlechter Ethik kann kein gutes Geschäft sein.'' Zerlegen und neu aufstellen In der Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz in München weicht die Sorge um die Durchschlagskraft des ersten konzernfremden Chefs in der Siemens-Geschichte zusehends der Angst, auch das Machtzentrum des Konzerns könnte von Umbauten getroffen sein. Gerüchte machen die Runde, Löscher könnte Stellen in der Verwaltung streichen, den Vorstand verkleinern und mehr Verantwortung in die operativen Sparten verlagern. "Ich trete nicht an, um alles beim Alten zu lassen'', sagt der Manager. "Wenn Sie aber denken, der Löscher fängt an und die Revolution beginnt, muss ich Sie enttäuschen.'' Der Konzern werde sich wandeln wie schon in den vergangenen Dekaden, aber es gehe um eine Evolution, nicht um einen radikalen Umbruch. Löscher steckt in einer Zwickmühle. Einerseits erwarten US-Behörden und Justiz rasche Ergebnisse bei der Korruptionsaufklärung und Investoren eine klarere Strategie. Auf der anderen Seite bedeutet jeder Umbau eine weitere Verunsicherung der seit Monaten gebeutelten Mannschaft. Welchen Schwerpunkt Löscher setzen wird? Betriebsräte bei seinem früheren Arbeitgeber Hoechst erinnern sich an ehrgeizige Vorgaben ihres Ex-Managers. | Klaus Kleinfeld geht, Peter Löscher kommt. Am 1. Juli bekommt Siemens einen neuen Chef. Und was der Östereicher ankündigt, verspricht viel: einen Stilwechsel im Konzern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-neue-mr-siemens-was-ist-los-peter-1.902379 | "Der neue Mr. Siemens - ""Was ist los, Peter?""" | 00/05/2010 |
Die Arbeitszeit der Deutschen ist geringer geworden, die Folgen einer Verlängerung sind umstritten. (SZ vom 05.11.2003) — Die Sache ist verwirrend. Auf 30 Stunden pro Woche verkürzt Opel die Arbeitszeit, wegen der Wirtschaftskrise. Der Rüsselsheimer Autobauer muss sparen, und mit der Arbeitszeit sinken auch die Löhne. Ähnliches haben andere Unternehmen vor, die Telekom etwa. Doch zugleich fordern immer mehr Politiker und Arbeitgebervertreter das Gegenteil: Die Deutschen sollen länger arbeiten - ebenfalls wegen der Wirtschaftskrise. Der Druck auf die Beschäftigten hat in den letzten Tagen stark zugenommen. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sieht es nicht als "Wohlstandsminderung" an, wenn die Deutschen ein bisschen länger arbeiten. Arbeiten nach Auftragslage Auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel macht sich für ein bis zwei Stunden Arbeit mehr pro Woche stark, und der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer fordert gar die 48-Stunden-Woche. "Mehr Wohlstand gibt es nur mit mehr Arbeit", so sein Tenor. Auch aus den Unternehmen wird der Ruf nach längeren Arbeitszeiten lauter. Anfangs waren es nur einzelne Manager wie der für seine kühnen Thesen bekannte Infineon-Chef Ulrich Schumacher, die laut über die Sieben-Tage-Woche nachdachten. Inzwischen hat das Schule gemacht. Die deutschen Arbeitnehmer seien "zu satt geworden", kritisiert der in der Regel vornehm-zurückhaltende Siemens-Chef Heinrich von Pierer und fordert, den Samstag wieder zu einem normalen Werktag ohne Zuschläge zu machen. Die Chefs der Arbeitgeber- und Industrieverbände plädieren dafür, die Tarifverträge zu öffnen, damit die Unternehmen ihre Beschäftigten je nach Auftragslage bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten lassen können. Internationaler Vergleich ist schwierig Tatsächlich ist die Arbeitszeit in Deutschland gesunken: von 1956 Stunden je Erwerbstätigem im Jahr 1970 auf heute 1444 Stunden. Schwieriger ist der internationale Vergleich, weil die Datenlage uneinheitlich ist. Fest steht, dass in sehr vielen Ländern länger gearbeitet wird: In den USA beispielsweise 1900 Stunden und mehr, ähnlich in Japan. Die amerikanische Wirtschaft boomt auch derzeit vorbildlich - die japanische aber keineswegs. Die Niederländer dagegen arbeiten noch weniger als die Deutschen. Dennoch ist bei ihnen die Arbeitslosigkeit relativ niedrig: allerdings haben sie auch strikte Lohnmäßigung vereinbart. Betriebswirte... Gegen diejenigen, die hier zu Lande in mehr Arbeit den Weg zu mehr Beschäftigung und Wohlstand sehen, steht die Front der Bewahrer, allen voran die Gewerkschaften. IG-Metall-Chef Jürgen Peters etwa warnt, dass die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie bis zu 435.000 Arbeitsplätze kosten werde. Bei mehr als vier Millionen Arbeitslosen sei es verantwortungslos, "Vorschläge aus der ideologischen Mottenkiste der Betriebswirtschaftslehre auszugraben", so Peters. Verdi-Chef Frank Bsirske wettert, die Firmen wollten doch nur Löhne kürzen. Damit hat der Gewerkschafter Recht: Die Löhne sollen bei der Arbeitszeitverlängerung gleich bleiben, die Stückkosten für die Betriebe also sinken. Aber: Gerade das soll eben Arbeit schaffen. Betriebswirtschaftlich sei es zwar sinnvoll, so die Argumentation, bei miesen Verkaufszahlen die Arbeitszeit zu senken und zugleich die Leute nicht auf die Straße zu schicken. ...kontra Volkswirte Volkswirtschaftlich aber sei das Gegenteil richtig: Wenn die Beschäftigten fürs gleiche Geld mehr arbeiten, sinken die Kosten und damit auch die Preise - mit dem günstigeren Angebot aber steige die Nachfrage nach den Produkten. Um die zu befriedigen, werde dann auch neues Personal eingestellt. Die Wissenschaftler sind sich in diesem Punkt nicht einig. Die Forscher vom arbeitgebernahen IW-Institut haben errechnet, bei einer Stunde Mehrarbeit pro Woche würden 60.000 Jobs entstehen. Gerhard Bosch vom Gelsenkirchener Institut Arbeit und Technik hält dagegen: Längere Arbeitszeiten "fördern Dummheit und Faulheit auf der Seite der Unternehmensleitungen: Man muss sich keine Gedanken machen, wie man intelligent mit Personal umgeht." Viele warnen, sich auf die Arbeitszeit zu fixieren: "In Boomzeiten zum Beispiel kann Mehrarbeit durchaus sinnvoll sein", meint Ulrich Heilemann vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Jörg Heinze vom HWWA-Institut sieht das wahre Problem in zu hoher Bezahlung einfacher Jobs. Darin sind sich die meisten Ökonomen doch wieder einig. Insgesamt scheint die Debatte um die Arbeitszeiten in Deutschland in diesen Tagen etwas überhitzt. Über dem Zählen von Stunden und Tagen wird vernachlässigt, dass Lohnmäßigung, die Senkung der Lohnnebenkosten und Arbeitszeitmodelle, die flexibel auf die Nachfrage reagieren, mindestens ebenso wichtige Komponenten in der Diskussion über Jobs und Wohlstand sind. | Die Arbeitszeit der Deutschen ist geringer geworden, die Folgen einer Verlängerung sind umstritten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitszeiten-wem-die-stunde-schlaegt-1.903554 | Arbeitszeiten - Wem die Stunde schlägt | 00/05/2010 |
Sind die Wirtschaftslobbyisten dreist, wenn sie angesichts von 3,8 Millionen Arbeitslosen über Facharbeitermangel klagen und das Zuwanderungsrecht lockern wollen? Zumindest können sich darüber viele empören: Die Unternehmen drücken sich vor der Ausbildung junger Menschen, tun nichts für die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter, schicken die Beschäftigten mit 45 Jahren in den staatlich subventionierten Ruhestand und verlangen im Aufschwung dann Nachschub aus dem Ausland. Könnte man meinen. Doch die Empörung ist übereilt. Es mag zwar Vorurteile gegenüber den scheinbar nimmersatten Unternehmen nähren, wenn jetzt, kaum dass Deutschland sich im Aufschwung wähnt, die Zuwanderungsdebatte neu entflammt. Tatsächlich ist diese Diskussion aber fällig. Inder-oder-Kinder-Aktionismus Jenseits von Greencard-Aktionismus und Kinder-statt-Inder-Parolen hat die Politik in den vergangenen Jahren bei der Zuwanderung die Probleme nämlich nicht gelöst. Das gilt für Rot-Grün wie für Schwarz-Rot, und es hat vor allem damit zu tun, dass über Ein- und Zuwanderung in Deutschland meist sehr emotional gestritten wird. Schnell werden Ängste bedient, etwa vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Missbrauch unseres Sozialsystems, die eine sachliche Debatte verhindern. Das ist bedauerlich und gefährlich. Denn wer über die Grenzen hinaus- und ein paar wenige Fakten anschaut, der bemerkt, dass die Bundesrepublik auf diese Weise in der globalen Welt Chancen vergibt. Das zeigt zum Beispiel ein Blick auf die Wanderungsströme von osteuropäischen Fachkräften. Weil die Verdienstmöglichkeiten zu Hause gering sind, wandern viele von ihnen ins europäische Ausland ab, nach Großbritannien, Irland, Schweden - doch um Deutschland machen sie einen Bogen. Schuld daran sind die restriktiven Voraussetzungen, welche ausländische Beschäftigte erfüllen müssen. 7100 Euro pro Monat muss ein Osteuropäer hier verdienen, um das Aufenthaltsrecht zu erhalten. Absurd hohe Schranke Diese Schranke ist absurd hoch, viele deutsche Spitzenkräfte wären über solch ein Gehalt glücklich. Realitätsfern sind auch die Regeln, die für einwanderungswillige Selbständige gelten. Sie müssen künftig 500 000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen, um bleiben zu können. Dies hat das Kabinett erst kürzlich beschlossen und damit die Hürde sogar gesenkt. Aber dennoch: Wie viele Unternehmer können sich beim ersten Schritt gleich fünf Beschäftigte leisten? Der Ausschluss osteuropäischer Spitzenkräfte erledigt sich von alleine spätestens dann, wenn in Europa alle Sonderregeln bei der Behandlung von Arbeitnehmern fallen. Doch will sich die Bundesrepublik auch danach vor dem Humankapital im Rest der Welt abschotten? Das Resultat dieser Einwanderungspolitik hatte im vergangenen Jahr zur Folge, dass nicht einmal 1000 Hochqualifizierte aus Nicht-EU-Staaten in unser Land kamen. Das mag jene freuen, die Angst vor Überfremdung haben und die sich vom Ausland abgrenzen wollen. Dabei braucht Deutschland regelmäßig Hilfe von außen, das war in der Vergangenheit so, und es wird sich in Zukunft wiederholen. Einst wurden türkische Gastarbeiter für Fabrikjobs geholt, Gerhard Schröder wollte mit der Greencard indische IT-Experten locken (was gründlich misslang, auch weil diese das Angebot bei weitem nicht so attraktiv fanden wie erwartet), und nun klagen die Unternehmen über Mangel an Ingenieuren. Deutsche werden älter und weniger Natürlich müssen sich viele Firmen vorwerfen lassen, dass sie an ihrer Misere selbst schuld sind, weil sie nicht genug Nachwuchs ausgebildet haben. Und natürlich darf der Import von Spitzenleuten aus dem Ausland nicht dazu führen, dass hiesige Arbeitslose nicht ausreichend qualifiziert und vermittelt werden. Doch dies ändert nichts daran, dass Deutschland ein zeitgemäßes Aufenthalts- und Zuwanderungsrecht braucht. Die Bevölkerung wird im Durchschnitt älter, und sie schrumpft. Diese Prozesse lassen sich durch Einwanderung mildern. Die Regierung kann nun zusehen, wie die Probleme sich auftürmen oder gegensteuern. Die Zeit ist reif. In seltener Einigkeit - auch dies könnte ein Beleg für die Dringlichkeit sein - machen dies etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Arbeitgeber gemeinsam deutlich. Sie fordern, niedrigere, aber durchdachte Hürden für Ausländer zu schaffen. Ein Instrument für gesteuerte Zuwanderung könnte dabei ein Punktesystem sein, bei dem Sprachkenntnisse und die Ausbildung Einwanderungswilliger bewertet werden. Die Briten haben ein solches System vor einiger Zeit eingeführt. In Deutschland wurde es 2004 aus dem Entwurf für das Zuwanderungsgesetz gestrichen. An den Rand geschoben Die Modernisierung des Aufenthaltsrechts ist bisher stets an den - durchaus wechselnden - Einstellungen in Union und SPD zur Zuwanderung gescheitert. Früher war SPD-Kanzler Schröder für die Greencard, heute will CSU-Wirtschaftsminister Glos niedrigere Hürden für Ausländer. Dagegen wiederum sperrt sich SPD-Arbeitsminister Müntefering, solange so viele Deutsche arbeitslos sind. Den schwarzen Peter hat die Koalition Bildungsministerin Annette Schavan zugeschoben. Weil die anderen sich nicht einig wurden, soll die CDU-Ministerin bis zum Herbst Vorschläge ersinnen, wie es mit der Zuwanderung und dem Arbeitskräftemangel in Deutschland weitergehen soll. Das klingt verdächtig danach, als ob Merkel und Co. das Problem an den Rand der Koalition geschoben haben - um es nicht lösen zu müssen. Das wäre ein Fehler. 3,8 Millionen Arbeitslose sind keine Ausrede dafür, andere wichtige Projekte liegenzulassen. | Sind die Wirtschaftslobbyisten dreist, wenn sie angesichts von 3,8 Millionen Arbeitslosen über Facharbeitermangel klagen und das Zuwanderungsrecht lockern wollen? | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zuwanderung-auslaender-rein-1.905828 | Zuwanderung - Ausländer rein | 00/05/2010 |
Aktionärssprecher warfen Jürgen Schrempp auf der Hauptversammlung von DaimlerChrysler massive Fehler vor. Mangelhafte Kontrolle und leichtfertige Markenpolitik habe der Vorstandschef zu verantworten. Sprecher großer Investmentfonds-Gesellschaften haben DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp auf der Hauptversammlung in Berlin heftig kritisiert. Klaus Kaldemorgen von der Deutschen-Bank-Tochtergesellschaft DWS sagte am Mittwoch, die Geduld der Aktionäre sei erschöpft. Detailansicht öffnen DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp bei der Hauptversammlung. (Foto: Foto: AP) Das milliardenteure Sanierungsprogramm für die defizitäre Kleinwagenmarke smart eine Bankrotterklärung, betonte Kaldemorgen. Die Mercedes-Car-Group werde 2005 tief in die Verlustzone geraten, prophezeite der Fonds-Manager. Jürgen Schrempp hat zuvor gravierende Probleme bei den Marken smart und Mercedes-Benz eingeräumt. Die Entwicklung beim Kleinwagen smart nannte er "total inakzeptabel". Die Qualitätsprobleme bei Mercedes-Benz müssten umfassend und kulant und so schnell wie möglich gelöst werden. Die hohen Aufwendungen dafür seien eine "Investition in unser wertvollstes Gut, die Marke Mercedes-Benz". Markenwert aufs Spiel gesetzt Die Kontrollinstanzen im Konzern seien mangelhaft, kritisierte Kaldenmorgen weiter. Zur Lage bei Mercedes-Benz, wo der Gewinn 2004 stark eingebrochen ist, sagte er: "Jetzt geht es ans Eingemachte." Der Wert der Marke Mercedes sei leichtfertig aufs Spiel gesetzt worden. Thomas Meier von Union Investment meinte, dass Management habe in den letzten Jahren mehrfach die Prognosen zur Geschäftsentwicklung revidieren müssen. Schrempps Aussagen zur den Aussichten für die Jahre 2005 bis 2007 seien "zu unbestimmt". Union Investment werde sich bei der Entlastung des Vorstandes der Stimme enthalten. Hohe Sarnierungskosten bei smart Gleichzeitig verteidigte der Konzernchef seinen zuletzt scharf kritisierten Kurs. "Wir haben klare Fortschritte erzielt", sagte Schrempp. "Wir haben das Gewinnziel erreicht. Damit sind wir aber noch nicht zufrieden." Durch das Kostensenkungsprogramm Core sollten bis zum Jahr 2007 insgesamt drei Milliarden Euro werden. Mit einer vorgeschlagenen Dividende von 1,50 Euro liege DaimlerChrysler bei den Dax-Werten in der Spitzengruppe, betonte er. Die Marke Mercedes wieder zu alter Stärke zu führen habe "absolute Priorität", erklärte Schrempp. Vergangene Woche hatte der Autobauer daher 1,3 Millionen Autos in die Werkstätten gerufen - mehr als eine Jahresproduktion. "Diese Fahrzeuge bringen wir in Ordnung, umfassend und kulant", versprach der Konzernchef. "Natürlich kostet das Geld, aber wir sind uns sicher, dass es gut angelegt ist." Analysten rechnen mit einem dreistelligen Millionenbetrag. Für die Kleinwagenmarke smart werde es 2005 ohne die Sanierungskosten einen leicht höheren operativen Gewinn als im Vorjahr (5,8 Milliarden Euro) geben, sagte der Vorstandsvorsitzende weiter. Da Schrempp die Kosten für das smart-Programm auf bis zu 1,2 Milliarden Euro bezifferte, wird der Gewinn 2005 tatsächlich aber geringer als im Vorjahr ausfallen. Gewinnsteigerung bei Mercedes Der Absatz der Mercedes Car Group (MCG) habe auf dem Vorjahresniveau von etwa 100.000 Fahrzeugen gelegen. Für das Gesamtjahr werde bei der Hauptmarke Mercedes-Benz ein leichtes Absatzplus erwartet, prognostizierte Schrempp. Im Vorjahr hatte die MCG (Mercedes-Benz, smart, Maybach) insgesamt 1,24 Millionen Fahrzeuge verkauft. Schrempp bestätigte die Ergebnisprognose für die Jahre 2006 und 2007. Der Gewinn solle deutlich gesteigert werden. Unzufriedene Anleger hatten der Unternehmensführung im Vorfeld eine enttäuschende Aktienentwicklung und die aktuellen Ertragsprobleme bei Mercedes vor. Negative Schlagzeilen In der vergangenen Woche hatten zudem die größte Rückrufaktion in der Geschichte von Mercedes-Benz und ein milliardenschweres Sanierungsprogramm für die defizitäre Tochter Smart für negative Schlagzeilen gesorgt. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), die Kleinaktionäre vertritt, hat angekündigt, auf der Versammlung gegen eine Entlastung des Vorstands und des Aufsichtsrats zu votieren. Die Fondsgesellschaft Union Investment, die nach eigenen Angaben DaimlerChrysler-Aktien im Wert von rund 500 Millionen Euro hält, will sich bei der Abstimmung über eine Entlastung der Stimme enthalten. | Aktionärssprecher warfen Jürgen Schrempp auf der Hauptversammlung von DaimlerChrysler massive Fehler vor. Mangelhafte Kontrolle und leichtfertige Markenpolitik habe der Vorstandschef zu verantworten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/empoerte-aktionaere-jetzt-geht-es-ans-eingemachte-1.904686 | "Empörte Aktionäre - ""Jetzt geht es ans Eingemachte""" | 00/05/2010 |
Auf der ThyssenKrupp-Hauptversammlung dominierte ein Thema: Der gerichtliche Kampf gegen den größten Stahlkonzern der Welt. In der Auseinandersetzung um den kanadischen Stahlkonzern Dofasco setzt der Industriekonzern ThyssenKrupp auf einen Erfolg vor Gericht. Mit einer Entscheidung des Gerichts sei am kommenden Dienstag zu rechnen, sagte ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz am Freitag auf der Hauptversammlung in Bochum. Der Konzern werde alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die von Arcelor Mittal zugesagte Veräußerung herbeizuführen. Dofasco ist ein wichtiger Baustein in der Strategie des größten deutschen Stahlkochers, um das künftige Wachstum abzusichern. Im abgelaufenen Quartal verbuchte Thyssen eine Gewinnverdoppelung. Kauf per Klage Die Stiftung sei verpflichtet, ihre Anteile an Dofasco zurück zu übertragen, sagte der Konzernchef. Über die von dem deutschen Unternehmen eingereichte Klage gegen Arcelor Mittal soll Dofasco aus der Stiftung heraus gelöst und der Verkauf an ThyssenKrupp ermöglicht werden. Arcelor hatte Dofasco zuvor im Abwehrkampf gegen Mittal in eine Stiftung ausgegliedert, die nun ihre Selbstauflösung verweigert und damit den von Mittal zugesagten Verkauf von Dofasco an ThyssenKrupp blockiert. Statt eines Verkaufs von Dofasco bereitet sich Arcelor Mittal auf die Veräußerung von Weirton Steel vor. Mit dem Wettbewerber Esmark sei ein Vorvertrag über den Teilverkauf des Stahlwerks im US-Bundesstaat West Virginia geschlossen worden, sagte ein Mittal-Sprecher. Schwergewichtiger Gegner Der weltgrößte Stahlkonzern muss sich laut einer Auflage der US-Kartellbehörden von Dofasco trennen; alternativ ist ein Verkauf von Weirton Steel oder Sparrows Point (Maryland) möglich. Die Auflagen der europäischen Kartellbehörden erfüllte Arcelor Mittal am Freitag mit dem Verkauf des polnischen Hüttenwerk Huta Bankowa an Alchemia SA. Mit dem Festhalten an Dofasco droht Arcelor Mittal die Expansionspläne von ThyssenKrupp zu durchkreuzen. Der Düsseldorfer Konzern will daher eine neues Stahlwerk in den USA bauen, um dort sein Position zu stärken. Vorstandschef Schulz bekräftigte die Prognose der Gesellschaft: "Die guten Entwicklung mit einem Ergebnis (vor Steuern) von einer Milliarde Euro im ersten Quartal bekräftigt die Prognose für das laufende Geschäftsjahr." Das Unternehmen hatte damit den Gewinn gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt und die Erwartungen der Analysten übertroffen. Erfolgreiches Quartal Für das Gesamtjahr 2006/2007 (Ende September) peilt Schulz einen Vorsteuergewinn von über 2,5 Milliarden Euro an. Der Umsatz kletterte in den Monaten Oktober bis Dezember von 10,9 auf 12,2 Milliarden Euro und der Auftragseingang von 11,6 auf 13 Milliarden Euro. Der Konzern profitierte dabei von der anhaltend hohen Stahlnachfrage. Innerhalb der kommenden fünf Jahre soll der Umsatz auf 55 bis 60 Milliarden Euro steigen. Im vergangenen Jahr hatte ThyssenKrupp einen Umsatz von 47,1 Milliarden Euro und einen Vorsteuergewinn von 2,6 Milliarden Euro ausgewiesen. An der Börse gab der Kurs der Thyssen-Aktie zuletzt um 1,5 Prozent auf 35,76 Euro nach. Händler begründeten den Kursverlust mit "Gewinnmitnahmen". | Auf der ThyssenKrupp-Hauptversammlung dominierte ein Thema: Der gerichtliche Kampf gegen den größten Stahlkonzern der Welt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/thyssenkrupp-will-dofasco-kampf-der-stahlriesen-1.905761 | ThyssenKrupp will Dofasco - Kampf der Stahlriesen | 00/05/2010 |
Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, will Deutschland retten - und spaltet mit seinen radikalen Thesen wie kein anderer Wissenschaftler die Nation. Die Black Box, ein kleiner Saal in der Münchner Philharmonie, ist wirklich sehr schwarz und ziemlich voll mit Menschen. Über der Bühne prangt bedrohlich auf Schwarz-Rot-Gold die Frage: "Ist Deutschland noch zu retten?" Der diese Frage stellt und gleich beantwortet, schreitet oben auf und ab wie ein Staatsschauspieler, wie ein Weltverbesserer der frühen Moderne, ein Guru, an dessen Lippen alle hängen. Im Dreiteiler, die Arme über Bauch mit Weste verschränkt, den lichten Kopf mit weißem Backenbart kühn zurückgelegt, wartet Professor Hans-Werner Sinn auf seinen Einsatz. "Soll ich gleich...?", fragt er. Nein, die Leiterin der Münchner Volkshochschule will vorher ein paar einführende Worte sagen. Dabei kennt man ihn längst aus dem Fernsehen, den Chef des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. In Talk-Runden, auf Podien, in den Spätnachrichten erklärt er dem Volk die Wirtschaft, die bei dem Westfalen wie Würtschaft klingt. Nicht ohne die Öffentlichkeit Die Arbeitslosigkeit sei kein Problem mangelnder Konsumnachfrage, sondern ein Reflex der Standortschwäche, predigt der gelernte Finanzwissenschaftler. Sein neuestes Buch hat das Zeug zum Bestseller: 80.000 Mal hat es sich schon verkauft. Das ist viel für einen Wälzer von 550 Seiten, der sich Themen wie der Grenzabgabenbelastung des Faktors Arbeit beschäftigt - aber eben provozierend plakativ und prägnant. Hans-Werner Sinn spaltet wie kein anderer Wissenschaftler das Land. Auf allen Kanälen ruft er derzeit nach Lohnsenkungen als Ausweg aus der Krise - und macht sich damit nicht nur Freunde. Die Bild-Zeitung, die kürzlich seine Reformvorschläge ("7 Wege aus der Krise") abdruckte, erhob ihn zu "Deutschlands bestem Wirtschaftsprofessor". Kritiker nennen ihn dagegen ironisch "Hans-Werner von Sinnen". Den Export-Weltmeister Deutschland als Basar-Ökonomie zu geißeln, die nur noch verhökert, was anderswo hergestellt wird, ist ihnen zu platt. Aber das ficht Sinn nicht an. "Ich will Deutschland retten", sagt er. Warum? "Weil ich Deutscher bin, Patriot, das Land nicht aufgeben will." Mit Ressortforschung für dieses oder jenes Ministerium erreiche man da nicht sehr viel. Man müsse dem Volk ökonomische Sachverhalte zur Kenntnis bringen, den Weg bereiten, den Druck erhöhen: "Politiker wagen es nicht, das Richtige zu tun." Deshalb sucht Sinn die Medien. Der Ausdruck "vermarkten" passt ihm nicht. Aber das Öffentliche gehöre eben dazu, wenn man Deutschland retten wolle, sagt er umrahmt vom Biedermeier-Sofa seiner Besucher-Bibliothek im Ifo-Institut. Im Eckregal stehen leinengebunden die Größen der Nationalökonomie, in der anderen Ecke eine lebensgroße Nymphe, von Sinn persönlich auf einer Auktion erworben. Dergestalt beseelt muss man wohl sein, um abends zwischen sieben und zehn noch dem letzten Münchner Volkshochschüler das Prinzip der "aktivierenden Sozialhilfe" zu erklären - eine Sinn'sche Wortschöpfung, die Ökonomen unter dem Begriff negative Einkommensteuer kennen: Die Klippe zwischen Alimentierung und Arbeitsaufnahme soll durch Anreize geebnet werden; Sozialhilfe nicht länger eine Art Mindestlohn sein, unter dem niemand arbeiten will. Bei Sätzen wie "Das ist eine triviale Logik" nimmt der Professor gerne Daumen und Zeigefinger zusammen und schleudert sie nach vorne. In der Fragerunde legt er beim Zuhören manchmal die gewölbte Hand auf die Nasenwurzel. Mit Strenge pariert er manchen Einwand, aber immer mit Respekt vor dem Fragenden. Einfache Verhältnisse Der Blick kehrt sich zwar nach innen, wenn er (zum wievielten Male?) abspult, warum die Lohnstückkosten angeblich nicht das geeignete Maß für die Güte des Standorts sind. Doch Dünkel scheint nicht durch. Selbstzweifel allerdings auch nicht: "Über die Dinge, an denen ich zweifle, rede ich nicht", sagt er. Sein Hang zum Selbstmarketing kommt bei Vertretern aus dem Unternehmenslager durchaus an: "Wir brauchen das: eine parteiübergreifende Anleitung, wie wir in Deutschland endlich zum Handeln kommen." Sogar Klaus Zimmermann, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), verteidigt die professorale Öffentlichkeitsarbeit: Selbst nicht weniger umtriebig als Sinn, meint er: "Es ist nötig, dass wir uns einmischen. Politiker ignorieren wirtschaftliche Zusammenhänge. Außerdem ist Sinn vielleicht etwas flexibler, als er gelegentlich von der Mediengesellschaft wahrgenommen wird." Aber auch Zimmermann kann sich über Sinn amüsieren: "Er weiß genauer, was die Probleme sind und wie man sie lösen kann. Er hat eine klare Weltvorstellung: Die hohen Löhne sind das einzige Problem der Republik." Nicht nur die Institute Ifo und DIW konkurrieren. Auch die Chefs, einst beide Assistenten an der Uni Mannheim und Kollegen an der Münchner Universität, pflegen einen "freundschaftlichen Wettbewerb", wie Zimmermann sagt. Es gebe aber nicht nur Gegensätze. Beide Ökonomen sehen die gering qualifizierten Arbeitslosen als das Hauptproblem. Doch Zimmermann will die Nachfrage nach ihnen anheizen, Sinn will sie einfach billiger machen. Dabei kommt der Münchner Professor aus einfachen Verhältnissen, vom Lande, aus einem kleinen Dorf bei Bielefeld. Vater Taxifahrer, Mutter Arbeiterin in einer Fahrradfabrik. Einzelkind, kärgliches Leben. Bei Steckrüben-Eintopf, Mettendchen, Hefepickert, da leuchten Sinns Augen auch mit 57 Jahren. "Ich war immer schüchtern", sagt er, doch auf die Frage, ob er das heute noch sei, raunzt er ein belustigtes "nee". Heute würden ihn sicherlich viele eitel nennen. Auch Sinns Vorgänger Karl-Heinrich Oppenländer ist nicht begeistert. Er war 23 Jahre Chef des Ifo-Instituts - bevor 1999 Sinn erschien, auf besonderen Wunsch des bayrischen Wirtschaftsministers Otto Wiesheu. Damals, als der Wissenschaftsrat das renommierte Forschungsinstitut zu einer Service-Einrichtung degradiert und so um einen Teil der öffentlichen Zuschüsse gebracht hatte, war ein Ordinarius vom Kaliber Sinns gefragt. | Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, will Deutschland retten - und spaltet mit seinen radikalen Thesen wie kein anderer Wissenschaftler die Nation. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ein-oekonom-auf-allen-kanaelen-der-heilsbringer-1.901487 | Ein Ökonom auf allen Kanälen - Der Heilsbringer | 00/05/2010 |
Warum die Gewerkschaft der Lokführer zu Unrecht in dem Ruf steht, gleich 31 Prozent mehr Lohn zu fordern. Nun also schon am Samstag: Eigentlich wollten die Richterinnen des Arbeitsgerichts Mainz erst in zwei Wochen über das Ansinnen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) entscheiden, die Einstweiligen Verfügungen gegen die Warnstreiks wieder aufzuheben. Jedes Gerichtsverfahren hat sein Prozedere, und dazu gehört in diesem Fall, den Widerspruch der GDL erst der Bahn zuzustellen und die Prozessparteien zu laden. Aber die Einhaltung des Prozedere hätte absehbar zu dem Vorwurf geführt, das Mainzer Gericht bevorzuge die Bahn - deren Antrag auf Einstweilige Verfügung beschied es schließlich am Dienstag über Nacht. Entscheid außerhalb der Dienstzeit "Diesem Vorwurf wollten die Kolleginnen sich nicht aussetzen", sagt Direktorin Maria Vonderau. Und so wird nun außerhalb der normalen Dienstzeiten, am Samstag um 10 Uhr, entschieden, ob die GDL wieder zu Warnstreiks aufrufen kann, um ihre Forderung nach 31 Prozent Lohnerhöhung für die Lokführer durchzusetzen. 31 Prozent? In der Frankfurter Gewerkschaftszentrale können sie die Zahl schon nicht mehr hören. Es ist die Zahl, mit der die Bahn im öffentlichen Meinungskampf hantiert. Die Forderung sei "absurd", schrieb das Unternehmen in einer Anzeige, die es am Donnerstag in zahlreichen Zeitungen geschaltet hatte. Mag man die Forderung der GDL auch als übertrieben ansehen, die Bahn übertreibt in ihrer Darstellung allerdings ebenfalls. Die Bezahlung der Lokführer setzt sich aus einem Grundgehalt zusammen, das zwischen 1933 und 2102 Euro brutto liegt, zuzüglich Zulagen, die im Schnitt weitere 500 Euro ausmachen. Unübersichtliches Zulagensystem Weil das Zulagensystem der Bahn recht unübersichtlich ist und Zulagen über Jahre fixiert sind, so dass sie bei Tariferhöhungen nicht mitwachsen, will die GDL lieber mehrere der Zulagen streichen und statt dessen das Grundgehalt erhöhen. Verrechnet man Streichung und Erhöhung miteinander, ergibt sich eine Forderung von 21 Prozent. Was immer noch rasant ist. Weshalb die GDL das öffentliche Rechnen mit Prozenten so scheut wie der Schwarzfahrer den Schaffner. "Wir wollen klarmachen", sagt GDL-Sprecherin Gerda Seibert, "dass das Gehalt des Fahrpersonals so unverschämt niedrig ist, dass sich endlich mal was tun muss." Das Grundproblem bei der Bahn ist aus Sicht der Gewerkschaft, dass die Gehälter erstens relativ niedrig sind und Erhöhungen in deren System praktisch kaum vorgesehen sind. Gewerkschaften gehen Problem unterschiedlich an Allerdings gehen die Gewerkschaften das Problem unterschiedlich an. Die GDL will im laufenden Tarifkonflikt nicht nur Entgelterhöhungen durchsetzen, sondern auch ein neues Entgeltsystem. Transnet und GDBA hingegen sagen, Systemfragen könnten in einer normalen Lohnrunde nicht mitverhandelt werden, dazu seien sie viel zu kompliziert: Soll sich die Bezahlung der Bahn-Beschäftigten nur danach richten, wie lange sie den Job schon machen? Das ist ja lediglich eine der Fragen, die zu klären sind. Weitere sind: Sollen sich Lokführer im Lauf ihres Lebens nur um 169 Euro, also auf jene 2102 Euro verbessern können, die in ihrer Entgeltgruppe nun mal das höchste sind? Oder sollte Bezahlung auch eine Frage von Qualifikation, Belastung, Verantwortung und Leistung sein, mit viel größeren Spannbreiten in den einzelnen Entgeltgruppen? Reden über Erhöhung und System Darüber wollen Transnet und GDBA nun, da sie ihre Tarifrunde erledigt haben, mit dem Bahn-Vorstand reden - die GDL jedoch will sowohl über Entgelterhöhung wie über Entgeltsystem reden, wenn sie an diesem Freitag in Frankfurt mit ihm zusammenkommt. Letzte Prognosen für das Treffen: Bahn-Chef Hartmut Mehdorn lässt ausrichten, er sei "gedämpft optimistisch", GDL-Chef Manfred Schell hält dagegen, dass er eine "frostige Atmosphäre" erwartet. | Warum die Gewerkschaft der Lokführer zu Unrecht in dem Ruf steht, gleich 31 Prozent mehr Lohn zu fordern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-absurde-forderung-der-lokfuehrer-ungerechter-vorwurf-1.897955 | "Die ""absurde"" Forderung der Lokführer - Ungerechter Vorwurf" | 00/05/2010 |
Vor allem Klein- und Mittelbetriebe stellt der korrekte Jahresabschluss vor eine schwere Aufgabe. Bei jedem fünften Unternehmen finden Kontrolleure Fehler in der Bilanz. Viele Unternehmensbilanzen in Deutschland weisen Mängel auf. Diesen Schluss legt die Jahresstatistik der Bilanzpolizei der deutschen Wirtschaft nahe. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: dpa) Die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) - so der offizielle Name für die Bilanzpolizei - fand in fast jedem fünften geprüften Abschluss Fehler. Die DPR leitete im vergangenen Jahr fast 160 Prüfverfahren bei börsennotierten Unternehmen ein. Knapp 110 Verfahren wurden abgeschlossen. Das Ergebnis: In 19 Fällen stellte die Bilanzpolizei Mängel oder direkte Fehler in den Jahresabschlüssen fest. Nach Angaben des Chefs der Bilanzpolizei, Eberhard Scheffler, fielen von 13 geprüften Mitgliedern des Mittelwerteindex MDax zwei negativ auf. Dax-Unternehmen fehlerfrei Von den Konzernberichten der acht Firmen aus dem SDax, die die DPR 2006 unter die Lupe nahm, war nur einer fehlerhaft. Mängel in der Jahresbilanz traten außerdem bei 16 nicht indexnotierte Gesellschaften auf. Nicht fündig wurde die Bilanzpolizei dagegen bei den jeweils acht geprüften Dax- beziehungsweise TecDax-Unternehmen. Die recht hohe Fehlerquote relativiere sich damit, sagte Scheffler. Fehler machten überwiegend kleine und mittelgroße Unternehmen, für die die eingeführten internationalen Rechnungslegungsstandards nach IFRS häufig immer noch zu kompliziert seien. Fast allen dieser Gesellschaften fehle es dafür an qualifiziertem Personal. Moniert wurden von der DPR fehlerhafte Wertermittlungen und unzureichende Segmentbilanzen, auch über die Lage sei nicht vollständig berichtet worden. "Die Darstellung von unternehmerischen Chancen wurde zumeist überbetont, die Aufklärung über bestehende Risiken dagegen weitgehend unterschlagen", sagte Scheffler. Konkrete Angaben über die betroffenen Firmen machte er jedoch nicht. Da sei die Prüfstelle zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet. Über die Veröffentlichung der betroffenen Firmen entscheidet in letzter Instanz erst die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Die Prüfstelle DPR, die privat organisiert ist und von deutschen Wirtschaftsverbänden getragen wird, hatte Mitte 2005 ihre Arbeit aufgenommen. Rechnungslegungs-Diskussionen im Aufsichtsrat "Seit wir im Dienst sind, werden Rechnungslegungsfragen viel intensiver in den Aufsichtsräten beziehungsweise deren Prüfungsausschüssen erörtert", konstatiert Scheffler. Auch die mit den Abschlüssen beauftragten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften suchten jetzt bei schwierigen Bilanzierungsproblemen verstärkt Rat in den Fachabteilungen der Unternehmen oder bei unabhängigen Experten und seien zugleich offen für die Arbeit der DPR. Die Prüfstelle, die sich aus Umlagen der etwa 1200 börsennotierten Firmen in Deutschland finanziert und derzeit über ein Jahresbudget von fünf Millionen Euro verfügt, soll sicherstellen, dass Firmen der Börsensegmente Dax, MDax, TecDax und SDax alle vier bis fünf Jahre und alle übrigen Aktiengesellschaften jeweils alle acht bis zehn Jahre von ihr überprüft werden. Dabei suchen sich die derzeit 18 Bilanzpolizisten ihre zur Prüfung anstehenden Gesellschaften nach dem Zufallsprinzip heraus. Oder sie werden nach konkreten Anlässen in den Unternehmen beziehungsweise nach Anforderung der Bafin aktiv. Zusätzlichen Aufwand erwartet die DPR durch die künftige Mängelprüfung von Halbjahresbilanzen, die die Europäische Union in ihrer Richtlinie für mehr Transparenz in den börsennotierten Gesellschaften vorgegeben hat. Scheffler wies die Kritik einzelner Unternehmen an den aus ihrer Sicht zu hohen Prüfkosten zurück. Seine Prüfstelle habe ihr Fünf-Millionen-Euro-Budget 2006 nur mit 3,5 Millionen Euro belastet, sagte er. Und auch die Kosten bei den betroffenen Firmen selbst seien aus seiner Sicht "nicht wesentlich". | Vor allem Klein- und Mittelbetriebe stellt der korrekte Jahresabschluss vor eine schwere Aufgabe. Bei jedem fünften Unternehmen finden Kontrolleure Fehler in der Bilanz. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/maengel-im-jahresabschluss-die-bilanzpolizei-1.905995 | Mängel im Jahresabschluss - Die Bilanzpolizei | 00/05/2010 |
Bayer will Berliner Schering-Konzern für 16,3 Milliarden Euro übernehmen. Bundeskanzlerin Merkel dringt auf Erhalt der Stellen in Deutschland. Konkurrent Merck gibt auf. Der Weg für die größte Fusion in der deutschen Pharmaindustrie ist frei. Der Bayer-Konzern will seinen Konkurrenten Schering für 16,3 Milliarden Euro erwerben. Damit sticht Bayer den Konkurrenten Merck aus, der den Berliner Konzern feindlich übernehmen wollte. Bei einem Zusammenschluss der zwei Traditionsunternehmen fallen weltweit voraussichtlich 6000 Arbeitsplätze weg. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte die beiden Unternehmen auf, die Stellen in Deutschland zu erhalten. Arbeitnehmer-Vertreter wollen betriebsbedingte Kündigungen verhindern. Bayer hat den Darmstädter Pharma-Konzern Merck mit seinem um 1,7 Milliarden Euro höheren Angebot aus dem Rennen geschlagen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass der Zusammenschluss die beste Lösung ist, um dem Pharmastandort Deutschland wieder mehr Geltung zu verschaffen", sagte Bayer-Chef Werner Wenning. Das Schering-Management, das sich gegen eine Übernahme durch Merck gewehrt hatte, unterstützt die Fusion mit Bayer. Dessen Vorstandsvorsitzender Werner Wenning sicherte zu, die Zentrale des Gemeinschaftsunternehmens Bayer Schering Pharma in Berlin anzusiedeln. Aus einer Hand kommen dann Mittel wie Aspirin (Bayer) und die Anti-Baby-Pille Yasmin (Schering). Bayer will durch die Fusion jährlich 700 Millionen Euro einsparen. Die Börse reagierte positiv auf die Fusionspläne. Der Aktienkurs von Schering legte zeitweise um mehr als fünf Prozent zu; Bayer-Aktien verteuerten sich um bis zu zwei Prozent. "Stets Lösungen gefunden" Wenning kündigte den Wegfall von zehn Prozent der Stellen weltweit an. Nach Informationen der IG Chemie sollen in Deutschland 600 Arbeitsplätze gestrichen werden. Die Gewerkschaft werde alles tun, um möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten, sagte ein Sprecher. Gesamtbetriebsrat und stellvertretender Aufsichtsratschef von Bayer, Thomas De Win, sagte der Süddeutschen Zeitung, er hoffe, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde. "Bayer hat in der Vergangenheit stets sozialverträgliche Lösungen gefunden", betonte er. Die Bundesregierung machte deutlich, dass sie bei einer Fusion die Arbeitsplätze in Deutschland erhalten will. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte der SZ: "Kanzlerin Merkel hat großes Interesse, dass bei einer möglichen Übernahme durch Bayer keine Anpassung zu Lasten deutscher Standorte erfolgt." Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte auf seiner Asienreise: "Ich gehe davon aus, dass der Vorstand nicht nur Aktionärsinteressen, sondern auch Arbeitnehmer- und Standortinteressen einbezogen hat." Der Berliner CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger beurteilte die Fusionspläne kritisch. "Das ist kein guter Tag für Berlin", sagte Pflüger. Die Übernahme Scherings durch Bayer sei womöglich besser als eine durch den Darmstädter Konzern Merck. Trotzdem würden viele Arbeitsplätze gestrichen und Berlin verliere sein letztes selbstständiges Dax-Unternehmen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) kommentierte die bevorstehende Fusion mit den Worten: "Das habe ich zur Kenntnis zu nehmen." Er werte es als positives Zeichen, dass Schering selber die Offerte begrüße. Politiker hoffen auf Erhalt der Standorte Er hoffe, dass Bayer seine Zusage hinsichtlich des Standorts Berlin noch durch Tatsachen belegt. Dabei gehe es ihm vor allem um ein größtmögliches Maß an Sicherheit für die Arbeitsplätze, sagte Wowereit. Der Senat wolle rasch mit dem Bayer-Vorstand über die Zukunft des Unternehmens und die Sicherheit der Arbeitsplätze sprechen. Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) sagte, der Zusammenschluss biete gute Chancen für die Gesundheitswirtschaft in Berlin, für die gesamte Hauptstadtregion und mittelfristig auch für neue Arbeitsplätze. Auch Berlins IHK-Präsident Eric Schweitzer sieht eine große Chance für den Wirtschaftsstandort der Hauptstadt. Von der Stärkung der Schering-Forschung würden auch die Berliner Wissenschaftslandschaft und Gesundheitswirtschaft profitieren, betonte Schweitzer. Wenning sagte, die Fusion werde bei den Kartellbehörden in Brüssel und in den USA angemeldet. Er erwarte aber keine rechtlichen Hürden. | Bayer will Berliner Schering-Konzern für 16,3 Milliarden Euro übernehmen. Bundeskanzlerin Merkel dringt auf Erhalt der Stellen in Deutschland. Konkurrent Merck gibt auf. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schering-uebernahme-pharma-fusion-gefaehrdet-6000-arbeitsplaetze-1.904461 | Schering-Übernahme - Pharma-Fusion gefährdet 6000 Arbeitsplätze | 00/05/2010 |
Der US-Computerkonzern Hewlett-Packard wird künftig eine eigens für HP produzierte Version des iPod-Musikplayers von Apple vertreiben. Außerdem wird HP Apples Online-Musikladen iTunes Musicstore unterstützen. Das teilten beide Unternehmen am überraschend auf der Unterhaltungselektronikmesse International CES 2004 in Las Vegas mit. Apple werde den Player für HP bauen, der jedoch nicht unter dem Namen iPod vermarktet werden soll, obwohl das Design außer in der Farbe dem Original-iPod von Apple entspricht, sagte Apple Vizepräsident Phil Schiller. Auf dem portablen Abspielgerät können bis zu 10 000 Lieder gespeichert werden. Neues Mitglied Apple hatte am vergangenen Dienst eine weitere Player-Familie, den iPod mini, vorgestellt. Die Vereinbarung mit HP umfasst aber nur den größeren iPod. HP-Chefin Carly Fiorina kündigte auf der CES an, HP werde eine "digitale Verteilstation" ("Digital Hub") auf den Markt bringen. In diesem Gerät sollen digitalisierte Medien wie Musik, Fotos und Videos zentral gespeichert und für unterschiedlichste Abspielstationen Balkanisierte Sache (Fernseher, Personal Computer, tragbare Geräte) zur Verfügung gestellt werden. "Es geht es nicht darum, den PC ins Wohnzimmer zu bringen", sagte Fiorina. "Es geht darum, den gesamt Prozess der digitalen Unterhaltung im Haus zu verändern." Apple-Chef Steve Jobs sagte in einem Interview, ihm gehe es bei der Kooperation mit HP vor allem um die Unterstützung des von Apple gewählten Formats. "Die ganze Sache ist völlig balkanisiert worden." Während Apple auf die Dateiformate MP3 oder AAC setzt, haben sich Wettbewerber von Apple vor allem für das Windows Media Format von Microsoft entschieden. | Der US-Computerkonzern Hewlett-Packard wird künftig eine eigens für HP produzierte Version des iPod-Musikplayers von Apple vertreiben. Außerdem wird HP Apples Online-Musikladen iTunes Musicstore unterstützen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mp3-player-hewlett-packard-greift-zum-apfel-1.898604 | mp3-Player - Hewlett-Packard greift zum Apfel | 00/05/2010 |
Ein Mitarbeiter soll hohe Summen teilweise in Bar nach Salzburg gebracht haben, von dort wurden die Mittel verteilt. Insgesamt wird der Schaden bereits auf 200 Millionen Euro geschätzt. Die Siemens AG gerät in der Affäre um schwarze Kassen, aus denen heraus Schmiergeld gezahlt worden sein soll, immer stärker unter Druck. Die Münchner Staatsanwaltschaft teilte am Mittwoch mit, der bislang ermittelte Schaden betrage 200 Millionen Euro. Detailansicht öffnen Siemens-Affäre: Mit dem Geldkoffer von München nach Salzburg. (Foto: Foto: dpa) Außerdem seien zwei weitere Siemens-Angestellte aus der Sparte Telekommunikation (Com) festgenommen worden. Insgesamt sitzen nunmehr sechs derzeitige oder frühere Beschäftigte des Konzerns in Untersuchungshaft, darunter der ehemalige Finanzvorstand von Siemens-Com. Man gehe davon aus, dass sich die Beschuldigten "zu einer Bande zusammengeschlossen" hätten, um schwarze Kassen einzurichten. Untersucht werde dabei auch Untreue zu Lasten von Siemens. Der Konzern erklärte am Mittwoch, man wolle sich zu den laufenden Untersuchungen der Staatsanwaltschaft nicht äußern. Möglicherweise noch höhere Schadenssumme Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler könnte die Gesamtsumme des in die schwarzen Kassen geleiteten Geldes die offiziell genannten 200 Millionen Euro noch deutlich übertreffen. Allein über Konten in Salzburg, die bei einer Großrazzia vergangene Woche enttarnt worden waren, sollen nach bisherigen Aussagen von Beschuldigten weit über 100 Millionen Euro geflossen sein. Weitere 35 bis 40 Millionen Euro wurden über Konten in der Schweiz verschoben. Rund 70 Millionen Euro sind nach Informationen der Süddeutschen Zeitung über drei Konten bei der Raiffeisenlandesbank Tirol AG in Innsbruck in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre geflossen und von dort in zahlreiche Länder weitergereicht worden. Fast fünf Millionen Euro waren laut sichergestellten Kontoauszügen für hochrangige Persönlichkeiten in Nigeria bestimmt, unter anderem für den ehemaligen Telekommunikationsminister, der vormaligen Direktor der dortigen Telekommunikationsgesellschaft und einen Direktor von Freedom Radio Nigeria. Der afrikanische Staat gilt als eines der weltweit korruptesten Länder. Fünf Millionen für Goldman Sachs Eine kleinere Summe ging den Unterlagen zufolge nach Syrien. Eine der größten Einzelzahlungen aus Innsbruck in Höhe von fünf Millionen Euro war für die Investmentgesellschaft Goldman Sachs bestimmt. Einen Teil des Geldes, das über Innsbruck geflossen ist, hat ein langjähriger Siemens-Angestellter laut eigener Aussage gegenüber den Ermittlern als Mittelsmann in bar von München über die Grenze gebracht und bei der Raiffeisenlandesbank eingezahlt. Der Geldbote sitzt seit vergangener Woche in München in Untersuchungshaft. Wegen der Konten in Innsbruck ermittelt die Staatsanwaltschaft in Bozen in Norditalien schon seit mehreren Jahren. Sie verdächtigt Siemens, sich in den neunziger Jahren den Einstieg in den italienischen Telekommunikationsmarkt mit einer Schmiergeldzahlung in Höhe von fünf Millionen Euro an einen einflussreichen Manager aus dieser Branche erkauft zu haben. Das Geld war von Innsbruck aus über diverse Umwege nach Italien geleitet worden. Prüfung des Olympia-Auftrags Die Staatsanwaltschaft in Athen hat unterdessen Untersuchungen in Griechenland angeordnet. Das gab die Ermittlungsbehörde am Dienstag bekannt. Die Staatsanwaltschaft prüft den Verdacht von Unregelmäßigkeiten beim Auftrag für das Sicherheitssystem der Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen, an dem Siemens beteiligt gewesen sein soll. Es geht dabei um ein Projekt in der Größenordnung von 250 Millionen Euro. | Ein Mitarbeiter soll hohe Summen teilweise in Bar nach Salzburg gebracht haben, von dort wurden die Mittel verteilt. Insgesamt wird der Schaden bereits auf 200 Millionen Euro geschätzt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schwarze-siemens-kassen-mit-dem-geldkoffer-nach-oesterreich-1.899167 | Schwarze Siemens-Kassen - Mit dem Geldkoffer nach Österreich | 00/05/2010 |
Sechs Vorstandschefs haben bei Rewe in den vergangenen drei Jahren ihren Schreibtisch geräumt, doch schon wieder gibt es offenbar Streit. Dieses Mal zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. Rewe-Aufsichtsratschef Klaus Burghard gerät zunehmend unter Druck. In der Branche wird spekuliert, dass seine Ablösung schon in den nächsten Tagen beschlossen werden könnte. Detailansicht öffnen In der Führungsetage bei Rewe wird seit Jahren gestritten. (Foto: Foto: ddp) Hinter den Kulissen tobt nach Informationen aus dem Firmenumfeld schon seit geraumer Zeit ein Streit zwischen ihm und dem seit fünf Monaten amtierenden Konzernchef Alain Caparros. Burghard mische sich zu sehr ins Tagesgeschäft ein, hieß es. Offiziell bestätigen wollte dies ein Konzernssprecher am Montag nicht. ,,Wir äußern uns nicht zu diesen Gerüchten'', sagte er. Der 65 Jahre alte Burghard steht auch wegen seiner glücklosen Personalpolitik in der Kritik. Er holte nach dem Ausscheiden des langjährigen Rewe-Chefs Hans Reischl Dieter Berninghaus an Bord. Der wurde später des Betrugs überführt und musste gehen. Auch der nächste Mann an der Spitze des zweitgrößten deutschen Lebensmittelhändlers, Achim Egner, bekam die Probleme des genossenschaftlich geführten Konzerns nicht in den Griff. Unter Burghards Führung wurde außerdem einige andere Vorstandsmitglieder ihrer Ämter enthoben. Mit leeren Händen schickte der Aufsichtsratschef seine Spitzenkräfte allerdings nicht nach Hause - allein Egner soll eine Abfindung von acht Millionen Euro erhalten haben. Burghards Stuhl soll wackeln Bereits in der vergangenen Woche war nach einem Bericht in der Wirtschaftswoche bekannt geworden, dass Burghards Stuhl als Aufsichtsratschef ins Wackeln geraten sei. Im Aufsichtsrat sei Burghard auch wegen Absprachen mit dem Ex- Konzernchef Ernst Dieter Berninghaus kritisiert worden, so die Wirtschaftswoche. An diesem Dienstag soll der Arbeitnehmerflügel des Aufsichtsrates in einer außerordentlichen Sitzung über das weitere Vorgehen beraten. Auch im Arbeitgeberflügel gibt es nach Informationen des Magazins Unmut. | Sechs Vorstandschefs haben bei Rewe in den vergangenen drei Jahren ihren Schreibtisch geräumt, doch schon wieder gibt es offenbar Streit. Dieses Mal zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einzelhandelskonzern-kommt-nicht-zur-ruhe-machtkampf-bei-rewe-1.905469 | Einzelhandelskonzern kommt nicht zur Ruhe - Machtkampf bei Rewe | 00/05/2010 |
109.920 Seiten Bürokratie in einem Jahr, und das alles nur, um den Alltag zu erleichtern - trotzdem wird die Arbeit der Berliner Einrichtung gerne belächelt. An zwei langen Tischreihen sitzen sie einander gegenüber, vor sich Papierstapel und Kaffeetassen. Am Kopfende des Saals stehen Tische quer, darüber das helle Viereck, das der Beamer an die Wand zeichnet. Es ist heiß in Raum 909, einigen Zuhörern perlt Schweiß auf der Stirn, und ihr Blick schweift ab, weg vom Beamer-Viereck, weg von den Papieren, hin zu dem strahlend-blauen Rechteck, das ein Fenster aus dem sonnigen Berliner Himmel herausschneidet. Unten hat das Rechteck eine Delle, da ragt die Kuppel des Reichstages hinein. Mit den Parlamentariern, die dort tagen, haben die Teilnehmer dieser Sitzung einiges gemein. Auch bei ihnen suchen Interessen einen Ausgleich, es wird taktiert und debattiert, vorgeschlagen und verworfen - und am Ende abgestimmt. Doch ist das Ergebnis kein Gesetz, sondern eine Norm: Die Versammlung tagt im neunten Stock des DIN, des Deutschen Instituts für Normung. 50 Mitglieder der Arbeitsgruppe CEN/TC205/WG14 diskutieren gerade, welche Qualität Tücher haben sollen, mit denen Ärzte bei Operationen den Bereich um die Wunde abdecken. Ein neuer Standard ist das Ziel. Dies ist für Deutschlands Zukunft vielleicht nicht ganz so wichtig wie die Unternehmenssteuerreform, die unter der Reichstagskuppel erörtert wird. Dennoch werden in dem schnörkellosen Bau in der ruhigen Nebenstraße des Stadtteils Tiergarten täglich Entscheidungen gefällt, die Märkte verändern. Und das in einer Einrichtung, die Inbegriff ist für preußische Tugenden: Ordnung, Sachlichkeit, vielleicht auch Kleinkariertheit. Dienstleistungen werden wichtiger Torsten Bahke ist der Herr der Normen. Der 54-Jährige steht dem DIN als Direktor vor. Der schlaksige Ingenieur wirkt gar nicht wie ein Bürokrat, mit seiner gepunkteten Krawatte in schwarz-gelb und dem spitzbübischen Lächeln. "Wir produzieren keine Papiere um der Papiere willen. Normen machen das Leben leichter", sagt er, und bei jedem Wort teilt er die Luft mit einem Handkantenschlag. Sein Institut ist Gastgeber für viele Gremien wie das der OP-Tuch-Experten. Die Gruppen nehmen die Rolle des Gärtners im Angebotsdickicht ein: Sie hegen den Wildwuchs bei Produkten und Dienstleistungen ein - indem sie Standards festschreiben, an denen sich Hersteller und Käufer freiwillig orientieren können. Im vergangenen Jahr betreute das DIN 76 Normungsausschüsse und 3109 Arbeitsgruppen. Diese verabschiedeten 2339 Normen zu Themen wie der Güte von Sonnenbrillen oder den Inhalten von Tauchkursen. Der Papierausstoß stieg von 106.300 Seiten im Jahr 2003 auf 109.920 Seiten, wie das Institut nicht ohne Stolz im Geschäftsbericht vermeldet. | 109.920 Seiten Bürokratie in einem Jahr, und das alles nur, um den Alltag zu erleichtern - trotzdem wird die Arbeit der Berliner Einrichtung gerne belächelt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-schwierige-suche-nach-den-standards-der-zukunft-die-herren-der-norm-1.917417 | Die schwierige Suche nach den Standards der Zukunft - Die Herren der Norm | 00/05/2010 |
Durch die brüske Ablehnung der geplanten Übernahme von Scania durch MAN bringt VW-Chef Pischetsrieder alle Beteiligten in eine heikle Lage. Sowohl MAN-Chef Samuelsson als auch Pischetsrieder müssen aufpassen, dass sie das Spiel nicht überreizen. Diese Reaktion war deutlich. Er verlange, dass MAN das Übernahmeangebot für Scania zurückziehe, erklärte Bernd Pischetsrieder, der Chef des Scania-Großaktionärs Volkswagen. Er werde seine Meinung nicht ändern. Ende der Botschaft. Gleichzeitig aber war die so brüskierend klingende Mitteilung auch wieder unscharf. Sie zeigte, dass VW die Gespräche mit MAN durchaus weiterführen wolle - allerdings hinter den Kulissen. Massives Hindernis Trotzdem sieht es so aus, als sei der Plan von MAN-Chef Håkan Samuelsson, den profitableren schwedischen Konkurrenten zu übernehmen, auf ein massives Hindernis gestoßen. Der Volkswagen-Konzern will offenbar nicht einfach nur um ein finanziell verbessertes Angebot pokern. Pischetsrieder geht es um Einfluss. Dies bringt Samuelsson in eine Zwickmühle. Zieht er das Angebot offiziell zurück, erleidet er einen Imageverlust. Seine Verhandlungsposition wäre geschwächt. Bleibt er hart, riskiert er das Scheitern des Plans. MAN könnte selbst zum Übernahmekandidaten werden. Auch Pischetsrieder hat sich mit seiner überraschend harten Abfuhr in eine schwierige Situation manövriert, aus der er kaum noch herauskommt. Was will er tun, wenn ihm MAN entgegenkommt, ohne das offizielle Angebot zurückzunehmen? Will er dann auch nicht mit sich reden lassen? Will er als derjenige dastehen, der die Bedingungen diktiert? Sehr schnelle Ablehnung Dass die Übernahme von Scania durch MAN kein Spaziergang würde, war spätestens abzusehen, als die beiden Großaktionäre VW und die Wallenberg-Familie sehr schnell ihre Ablehnung signalisierten und ein besseres Angebot verlangten. Doch Anfang der vergangenen Woche sah es noch so aus, als wollten alle Beteiligten durchaus noch mit sich reden lassen. Jetzt bekommt die Sache eine neue Qualität. Es kommt eine zuvor nicht gekannte Härte ins Spiel. Und das Ungute dabei ist, dass sich die Chefs zweier deutscher Traditionsunternehmen einen öffentlichen Machtkampf darüber liefern, was aus einem schwedischen Unternehmen werden soll. Sowohl Samuelsson als auch Pischetsrieder müssen aufpassen, dass sie das Spiel nicht überreizen. Wenn einer der Partner so in die Enge getrieben wird, dass der Deal platzt, wird es am Ende etliche Verlierer geben, nicht zuletzt viele schwedische Aktionäre. Heikle Lage Pischetsrieder muss sich der heiklen Lage bewusst sein. Er ist nicht nur Chef von Volkswagen. Er ist auch Vorsitzender des Verwaltungsrates von Scania. In dieser Rolle muss er tun, was am besten für Scania ist - nicht für Volkswagen. | Durch die brüske Ablehnung der geplanten Übernahme von Scania durch MAN bringt VW-Chef Pischetsrieder alle Beteiligten in eine heikle Lage. Sowohl MAN-Chef Samuelsson als auch Pischetsrieder müssen aufpassen, dass sie das Spiel nicht überreizen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/machtkampf-um-scania-in-der-zwickmuehle-1.914880 | Machtkampf um Scania - In der Zwickmühle | 00/05/2010 |
Der Bonner Konzern versucht seine Personalkosten zu senken und möchte 2000 Beamte an die Bundesagentur für Arbeit abgeben - doch die Regierung lehnt ab. Die Deutsche Telekom ist mit ihrem Vorhaben gescheitert, etwa 2000 Beamte auf neue dauerhafte Stellen bei der Bundesagentur für Arbeit abzuschieben. Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) lehnte das Ansinnen ab. Die Pläne der Telekom zum Personalabbau geraten damit in Gefahr. Detailansicht öffnen Die Zukunft könnte für so manchen Telekom-Beamten alles andere als rosig aussehen. (Foto: Foto: dpa) Leider sehe er "keine Möglichkeit", die derzeit im Rahmen der Amtshilfe bei den Arbeitsgemeinschaften beschäftigten Bediensteten der Deutschen Telekom auf die eingerichteten Dauerarbeitsstellen zu übernehmen, schreibt Bundesarbeitsminister Franz Müntefering in einem Brief an den kommissarischen Personalvorstand der Telekom, Karl Gerhard Eick, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Damit erhalten die Bemühungen der neuen Telekom-Spitze um Vorstandschef René Obermann für einen Personalabbau einen Dämpfer. Die Telekom will ihre Kosten durch einen Abbau von Stellen reduzieren, derzeit arbeiten dort 160.000 Beschäftigte. Vor allem die 46.000 Beamten, die beim ehemaligen Monopolisten in Lohn und Brot stehen, bereiten Obermann Kopfzerbrechen. Experten gehen davon aus, dass die Telekom mindestens 20.000 Beamte zu viel an Bord hat. Weil sie unkündbar sind, bleiben zwei Auswege: Pensionierung oder Versetzung zu einer Behörde. Kein Freundschaftsdienst Nach SZ-Informationen sind die Telekom und Teile der Bundesregierung über Münteferings Nein verärgert. Denn die Telekom-Tochter Vivento hatte der Bundesanstalt für Arbeit (BA) und den Kommunen vor zwei Jahren bei der Umsetzung der Arbeitsmarktreform Hartz IV "aus der Patsche geholfen". Damals brauchten die Arbeitsgemeinschaften dringend Personal, um die Langzeitarbeitslosen zu betreuen. Dem Vernehmen nach soll BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt dafür plädiert haben, die Telekom-Mitarbeiter zu behalten. Behördenchef Frank Jürgen Weise lehnt das jedoch ab und will neue oder frei werdende Stellen stattdessen mit BA-Beschäftigten besetzen. Offiziell reagierte die Telekom diplomatisch. Man werde sich weiter um eine Lösung für die Beamten bemühen, sagte eine Sprecherin. Die Deutsche Telekom hatte sich Hoffnungen auf staatliche Hilfe beim Jobabbau gemacht, nachdem die BA beschlossen hatte, 4750 befristete Jobs in dauerhafte Stellen umzuwandeln. Am 22. Dezember 2006 fragte der damalige Telekom-Personalvorstand Heinz Klinkhammer bei Müntefering an, ob es möglich sei, die ausgeliehenen Telekom-Mitarbeiter dauerhaft zu übernehmen. Telekom-Beamte für die Service-Center Derzeit arbeiten bei der BA vor allem in Service-Centern rund 2000 Telekom-Beamte. Davon stammen 1500 Kräfte von der Telekom-Beschäftigungsgesellschaft Vivento, 500 direkt von der Festnetzsparte T-Com. Sie gehören zu den etwa 13.000 für zwei Jahre befristet Beschäftigten, welche die Bundesagentur vor allem zur Bewältigung der Antragsflut bei der Grundsicherung eingestellt hatte. Die neuen Dauerstellen der Bundesagentur sollen allerdings nicht im Bereich Grundsicherung, sondern "fast ausschließlich" im Arbeitnehmerbereich geschaffen werden, erklärte Müntefering in seinem Brief an Eick. Mit anderen Worten: Die Beamten der Telekom haben die falsche Qualifikation. Einzelne Telekom-Beamte könnten gleichwohl eine Dauerstellung erhalten. Auf freie Stellen könnten sie sich bewerben, allerdings sei keineswegs an deren kontingentweise Einstellung gedacht, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit. Komplette Übernahme gefordert Für eine komplette Übernahme der bislang befristet beschäftigten rund 2000 Telekom-Beamten durch die Bundesagentur für Arbeit plädiert der Deutsche Beamtenbund. Schließlich hätten sich die Mitarbeiter bewährt, sagte ein Sprecher des Beamtenbundes. Es mache doch keinen Sinn, wenn die Telekom Beamte in den teuren Vorruhestand schicke oder für das Nichtstun bezahle, wenn gleichzeitig die Bundesagentur für Arbeit neue Leute einstelle. Am Ende zahle der Bund doppelt. Die Telekom steht unter Druck, weil sie im Stammgeschäft viele Kunden an Wettbewerber verloren hat. Anfang Februar musste der Konzern schon zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres die Gewinnprognose um eine Milliarde Euro senken. Am 28. Februar will Obermann dem Aufsichtsrat seine neue Strategie präsentieren. Bereits angekündigt hat Obermann eine Serviceoffensive und die Senkung der Kosten. So sollen 45.000 Mitarbeiter in die Gesellschaft T-Service überführt werden; dort sollen sie länger arbeiten und geringer bezahlt werden. | Der Bonner Konzern versucht seine Personalkosten zu senken und möchte 2000 Beamte an die Bundesagentur für Arbeit abgeben - doch die Regierung lehnt ab. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/probleme-beim-personalabbau-muentefering-bremst-telekom-1.905900 | Probleme beim Personalabbau - Müntefering bremst Telekom | 00/05/2010 |
Es ist 5.30 Uhr am Morgen, es ist kalt und laut, die Spatzen toben hoch oben im Gebälk, Josef Kaiser steht da in seinem Stallmantel und seinen Gummistiefeln, er schaltet das Licht an. Wie jeden Morgen. Von seinen Kühen aber ist nicht viel zu sehen. "Unsere arbeitswütigen Tiere san alle noch im Bett", sagt seine Frau, lacht, geht hinter zum Vieh, zu den Liegeboxen voller Stroh. Die Kühe drehen ihre Köpfe herum, neugierig wie sie sind, ein paar heben den Schwanz und entleeren sich auf dem Betonspaltenboden. Es dampft in der Morgenluft. Die Bäuerin spricht auf die Tiere ein: "Steffi, gemma." Steffi glotzt sie an. "Ronalda, auf geht's." Leises Schnauben. "Franka kimm, jetza." Die Kühe bleiben liegen, die Spatzen lärmen weiter, nur Ronja macht sich auf den Weg, stellt sich hinein in den Melkstand, ganz vorne rechts, das brave Vieh. Steht da und wartet, während Josef Kaiser anfängt, seine Kühe zu überreden, auch heute wieder zum Melken anzutreten. Sechs Generationen Fleckvieh stehen in seinem Stall in Höpperding, Gemeinde Traunstein, 100 Tiere, schön aufgereiht. Hinten im Gewölbe die sechs Zuchtbullen mit ihren lockigen Köpfen, daneben die Kälber, zart und staksig, gegenüber die Jungrinder, vorne die Kalbinnen, noch namenlos. Erst mit Kalb wird die Kuh zur Kuh, dann bekommt sie einen Namen und eine Kennnummer. Zusätzlich zur Ohrmarke, die jedes Tier gleich nach der Geburt bekommt, erfasst im Herdbuch, das sie hier seit 1967 führen, seit man von den Pinzgauern aufs Fleckvieh umgestiegen ist. Der Leistung wegen. "Die Pinzgauer haben die Milch nicht gehabt", sagt Josef Kaiser, der von den Kühen lebt. Leicht war das nicht immer. Gammelfleisch-Skandal, BSE, Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche, Futtermittel-Skandal, Gentechnik. "Die BSE-Zeit, die war schon schlimm", sagt Josef Kaiser, klatscht auf braun-weiße Schenkel, streichelt über pralle, warme Euter. Die Raiffeisen-Kraftfutterwerke nannten ihn den Landwirt mit dem "glücklichen Händchen", weil er einen Preis nach dem anderen bekommen hat. In seinem Stall stehen Bundes-Champion-Kühe, Klassensiegerinnen, Kühe mit hoher Milchleistung, langer Nutzungsdauer, bestem Beinwerk und exzellent aufgehängtem Euter. Spitzenmilchkühe. Alle spielten verrückt Aber das half auch nicht, damals, als alle verrückt spielten, Verbraucher, Medien. Bovine Spongiforme Enzephalopathie, BSE, der Rinderwahn. Im November 2000 brach alles zusammen, der Stall brechend voll und die Preise am Boden. Nichts war mehr was wert: Fleisch, Zuchtbullen, Milch. Josef Kaiser kann sich an einen Viehmarkt erinnern, da hat der teuerste Stier 1650 Mark gekostet. Lächerlich. Märkte fielen aus, jeder Viehtransport musste genehmigt werden. "Man wusste nicht, wohin mit den Viechern. Wenn ihnen a Kerndl im Weizen nicht gefallen hat, hams einen weitergeschickt." Wie Bittsteller haben die Bauern ihre Sachen angeboten, schlimmer war es nie. "Im Krieg war's schlimmer", sagt der Vater, das Heu auf der Gabel. Josef Kaiser nickt. Ja, im Krieg vielleicht. Und draußen in den Supermärkten motzen sie, wenn die Butter ein paar Cent mehr kostet. Hinten im Stall hört man seine Frau Rosmarie: "Die werden immer no langsamer", sagt sie und treibt das Vieh zum Mann. Irgendwann stehen ein paar da, melkbereit, Leib an Leib, fünf links, fünf rechts. "Wissentlich sind wir in der 14. Generation auf dem Hof, seit 453 Jahren", sagt Josef Kaiser, wischt mit dem Tuch die Zitzen an Ronjas Euter ab, drückt sie, Milch spritzt auf den Boden. Nicht jede Kuh mag das Vormelken. Es gibt ein paar, da darf nur er dran, andere mögen nur warme Hände. Zickige Tiere. Es gibt nervöse und weniger nervöse, freche und scheue, mit manchen muss man reden, andere kraulen. "Vom Charakter her sans wie Menschen", sagt Rosmarie Kaiser. Es ist sechs Uhr morgens, noch ist kein Tropfen gewonnen. Zum Tackern des Pulsators, der mit Vakuum die Milch aus der Kuh saugt, wischen der Bauer und seine Frau Euter ab, setzen Melkbecher auf, die sich leise schmatzend an den Zitzen festsaugen. So klingt das, wenn sie auf dem Hof von Josef Kaiser Geld machen. Die Chinesen sollen die Dinge rumgerissen haben. Sie fingen das Milchtrinken an. Kaisers verdienen also wieder, weil die Asiaten nicht genug bekommen vom Milchpulver. Für Josef Kaiser ist es Preispolitik. Die Verhältnisse seien halt anders, als man den Landwirten weismachen wollte. "Naja, es sind ziemlich viele Chinesen, wenn da jeder Milch trinkt", sagt sein Vater, Jahrgang 1939. Er und seine Frau sind jeden Morgen und jeden Abend mit im Stall, er steht bei den Kälbern, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Auf jeden Fall war auf einen Schlag alles anders. Das Verlangen der Chinesen hat den Milchpreis angehoben, die Dürre in Australien den Getreidepreis, die Bioenergiewelle in Amerika den Maispreis, Brot wird teurer, weil es Rohstoffengpässe gibt und weil immer mehr Roggen zu Benzin wird. Vom "Comeback der Bauern" ist die Rede. Und Bundespräsident Horst Köhler sagte auf dem Deutschen Bauerntag im Juni zu den Landwirten: "Sie werden wieder gebraucht!" Es war wie eine Erlösung. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner jubelte: "Das ging runter wie Öl." | Die Bauernfamilie Kaiser hat BSE und Brüsseler Kapriolen überstanden - nun darf sie dank besserer Preise hoffen, dass ihr Fleiß sich wieder lohnt | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/landwirtschaft-wo-milch-und-herzblut-fliessen-1.890648 | Landwirtschaft - Wo Milch und Herzblut fließen | 00/05/2010 |
Die fünf Weisen streiten sich wie nie. Wolfgang Clement will zu der Sache lieber nichts sagen. Aber es ist offensichtlich, wie sehr sie ihn ärgert. In seiner Pressemappe konnte der Wirtschaftsminister am Montag lesen, was für ihn nicht in die Öffentlichkeit gehört: ein Streit unter fünf hochmögenden Ökonomen; ein öffentlicher Disput unter Regierungsberatern, die eigentlich im Stillen wirken sollen; ein persönlicher Schlagabtausch, wie ihn sich Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler noch nicht geliefert haben. Es streiten die fünf Weisen, wie die Mitglieder des "Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" genannt werden. Der oberste von ihnen, Wolfgang Wiegard, hat zum Jahreswechsel etwas getan, was andere Ratsmitglieder für gar nicht weise halten: Er hat in einem Interview über die interne Arbeit des Rats geplaudert, über jene beschwerlichen Wochen im Herbst, in denen sich vier Männer und eine Frau in Wiesbaden einschließen und ein bis zu 1000 Seiten dickes Gutachten erstellen. Er ist auch über einen Kollegen hergezogen, den Währungsexperten Peter Bofinger. Dieser habe sich zu Dingen geäußert, "wovon er erwiesenermaßen überhaupt nichts versteht". Bofinger sei "unkooperativ und teamunfähig", assistierte Wolfgang Franz, ein anderes Ratsmitglied. Der Gescholtene keilte zurück: "Herr Wiegard hätte über Weihnachten ein paar Tage Urlaub machen sollen. Dann wäre er jetzt entspannter". | Die fünf Weisen streiten sich wie nie. Wolfgang Clement will zu der Sache lieber nichts sagen. Aber es ist offensichtlich, wie sehr sie ihn ärgert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-fuenf-weisen-club-der-oberlehrer-1.901402 | Die Fünf Weisen - Club der Oberlehrer | 00/05/2010 |
Die schnelllebige Spielwarenbranche interessiert sich hauptsächlich dafür, wo möglichst billig möglichst schnell produziert werden kann. Die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen in China sind da häufig nachrangig. Vor zwei Jahren schmetterte ein Trompeter den Besuchern der Spielwarenmesse ein ironisches ,,Congratulations'' entgegen, und 2006 tanzte eine als Drache verkleidete Gruppe Jugendlicher vor dem Haupteingang des Nürnberger Messezentrums. Detailansicht öffnen Arbeiterinnen montieren beim chinesischen Hersteller Huawei Puppen zusammen. (Foto: Foto: dpa) ,,Damit wollten wir den Fokus auf China richten'', sagt Jürgen Bergmann. Dort werden heute 80 Prozent aller weltweit verkauften Spielwaren hergestellt. Kaum ein nennenswerter Markenhersteller, der nicht dort produzieren lässt oder zumindest Teile von dort bezieht. ,,Eigentlich wollen die Verbraucher kein mit Blut und Tränen hergestelltes Spielzeug'', glaubt Bergmann, Referatsleiter bei der ,,Mission Eine Welt'' der bayerischen evangelischen Landeskirche. Eigentlich. Denn Wunsch und Wirklichkeit klaffen krass auseinander. Für Außenstehende abgeriegelt Die Zustände in den für Außenstehende abgeriegelten chinesischen Zulieferfabriken haben überhaupt nichts gemein mit der schönen, bunten Spielewelt, welche die Branche von diesem Donnerstag an sechs Tage lang bei ihrer weltgrößten Messe künstlich zelebriert. Menschenrechtler berichten von chinesischen Arbeitern, die in der Hauptsaison bis zu sieben Mal die Woche täglich 15 Stunden schuften, dafür Löhne weit unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimum erhalten und natürlich keine Überstundenzuschläge. Von Arbeitsschutz oder sozialen Leistungen gar nicht erst zu reden. Uwe Kleinert von der Heidelberger ,,Werkstatt Ökologie'' und Sprecher der bundesweiten ,,Aktion fair spielt'' schätzt, dass zwischen zweieinhalb und drei Millionen Menschen in der chinesischen Spielwarenindustrie arbeiten. Insider schauen weg ,,Die Missstände dort sind enorm und für Außenstehende kaum zu überblicken.'' Die sie genau kennen, schauen weg. Denn die angesichts von kürzeren Produktzyklen schnelllebigere Spielwarenbranche interessiert sich hauptsächlich dafür, wo möglichst billig möglichst schnell produziert werden kann. Die Weltöffentlichkeit nahm von den Zuständen erstmals vor zehn Jahren Notiz, als im thailändischen Bangkok und im chinesischen Shenzen zwei Fabriken niederbrannten. 250 Menschen kamen dabei zu Tode. Den meisten wurde zum Verhängnis, dass ihre kargen Schlafplätze im selben engen Gebäude untergebracht waren wie die Produktionsstätte und das Lager. Die wichtigen Spielwarenverbände versprachen damals, das Thema offiziell auf ihre Tagesordnung zu setzen. Doch getan hat sich nur wenig. Kodex Erst 2001 brachte der International Council of Toy Industries (ICTI), der Weltverband der Spielzeugindustrie, einen Kodex mit Mindestanforderungen auf den Weg. | Die schnelllebige Spielwarenbranche interessiert sich hauptsächlich dafür, wo möglichst billig möglichst schnell produziert werden kann. Die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen in China sind da häufig nachrangig. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/spielwarenmesse-nuernberg-die-fabrik-china-1.905474 | Spielwarenmesse Nürnberg - Die Fabrik China | 00/05/2010 |
Als es abwärts ging, haben sich der Kanzler und seine Minister über die Fehlprognosen der Forscher lustig gemacht. Nun bejubeln die rot-grünen Regenten deren Prognosen als Vorboten einer besseren Zeit, als Beleg einer vermeintlich richtigen Politik. Ein Kommentar von Ulrich Schäfer Sie haben ihn beschworen, sie haben ihn herbeigeredet, und nun — endlich, endlich — scheint er da zu sein: der Aufschwung. Nach oben korrigiert Ein Institut nach dem anderen korrigiert seine Wachstumsprognosen nach oben, am Dienstag folgte die Bundesbank und am Mittwoch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung. Als erstes renommierte Institut hält das RWI ein Wachstum von mehr als zwei Prozent in diesem Jahr für möglich. Das wäre mehr, als der Kanzler und sein Wirtschaftsminister zu hoffen wagten. Ist dies also die konjunkturelle Wende? Kommt nach drei Jahren der ermüdenden Stagnation die deutsche Wirtschaft in Gang? Dürfen Schröder und Clement darauf hoffen, dass ihnen auch die Wende am Arbeitsmarkt gelingt? Erst belacht, dann bejubelt Natürlich läuft die PR-Maschine der Regierung deswegen längst auf Hochtouren, natürlich bejubeln die rot-grünen Regenten in Berlin jede neue frohe Botschaft, die die Wirtschaftsforscher ihnen liefern — jene Forscher übrigens, über deren Fehlprognosen der Kanzler und seine Minister sich vor einiger Zeit, als es abwärts ging, lustig gemacht hatten. Nun feiern sie deren Prognosen als Vorboten einer besseren Zeit, als Beleg einer vermeintlich richtigen Politik. | Als es abwärts ging, haben sich der Kanzler und seine Minister über die Fehlprognosen der Forscher lustig gemacht. Nun bejubeln die rot-grünen Regenten deren Prognosen als Vorboten einer besseren Zeit, als Beleg einer vermeintlich richtigen Politik. Ein Kommentar von Ulrich Schäfer | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konjunkturelle-wende-der-schlechte-aufschwung-ein-kommentar-1.906272 | Konjunkturelle Wende - Der schlechte Aufschwung — ein Kommentar | 00/05/2010 |
Hilflos steht Klaus-Joachim Gebauer im Kieler Hauptbahnhof vor einem Fahrkartenautomaten: "Wie löst man ein Ticket?", fragt er. Reisen im Dienstwagen oder im Firmenjet - das war viele Jahre seine Welt. Jetzt ist er 2. Klasse mit der Bahn unterwegs, und nicht nur dieser Wechsel des Verkehrsmittels lässt seinen Absturz ahnen. Der 61-Jährige ist nach eigener Wahrnehmung derzeit ziemlich weit unten angelangt. Als er neulich in Hannover an einer Bar von einem Vertreter der nadelgestreiften Welt erkannt wurde, hob der seine Augenbraue und wendete sich einfach ab, als habe Gebauer die Kleiderläuse oder eine ansteckende Krankheit. Detailansicht öffnen Klaus-Joachim Gebauer war Personalmanager des VW-Konzerns (Foto: Foto: AP) Gebauers Welt war viele Jahre zwar innen porös und verlogen, aber nach außen strahlend und vor allem sehr exklusiv und fein. Als Bindeglied zwischen Vorstand und Betriebsrat in Europas größtem Autokonzern VW organisierte der Personalmanager, von drei Sekretärinnen unterstützt, die Treffen des Gesamtbetriebsrats in Europas größtem Autokonzern. Er war eine Art Kammerdiener der Herren Arbeitnehmervertreter. Für die da draußen leisteten sie unermüdlich Arbeit für das Wohl der Belegschaft. Sie trugen das Feldzeichen hoher moralischer Werte vor sich her und wetterten gegen die Auswüchse des globalen Kapitalismus. Drinnen aber brauste das Leben: Gebauer organisierte Luxusreisen, Luxusfrauen, Luxusabsteigen in fernen Ländern - und alles natürlich auf Firmenkosten. Die Gewerkschafter "wollten immer nur das Beste", sagt er - für sich. Der VW-Gesamtbetriebsrat hatte eine Art heimliches Paradies aller Spesenritter geschaffen: Brüder, zur Wonne, zur Sause. Mehr als ein Jahrzehnt, sagt Gebauer, habe er "die Versorgung mit Prostituierten" organisiert. Das sei "absolut ohne Beanstandung gelaufen". "So was verbindet" Gebauers Erzählungen, Berichte von Mitarbeitern des Konzerns und Papiere aus dem Hause VW verschaffen Einblicke in ein seltsames Milieu, das nicht nur Moralaposteln so merkwürdig vorkommt wie das der Kopfjäger im Großraum Melanesien. Wie eine Horde losgelassener Spätpubertierender tobte beispielsweise im Oktober 2000 nächtens eine VW-Betriebsratsrunde durch Hannover und vergnügte sich gemeinsam mit sechs oder sieben Sexarbeiterinnen. Körper an Körper. "So was verbindet", erklärt Gebauer. "Darüber kann man später reden, und das schweißt zusammen." Kosten für das Ritual der gemeinsamen Männlichkeit: 30000 Mark. Das Bargeld überreichte Gebauer einem Halbweltler standesgemäß im Umschlag in einer Schwulenkneipe, und natürlich stammte das Geld von VW. Selbst Staatsanwälte und Polizisten, die in ihrem Berufsleben schon vieles erlebt haben, wirken ob solcher Erzählungen irritiert. Sie ermitteln gegen Gebauer und ein halbes Dutzend weitere ehemalige Mitarbeiter des Konzerns wegen heutzutage im Wirtschaftsleben durchaus üblicher Delikte: Schmiergeld, Unterschleif, persönliche Bereicherung. Nichts ist bewiesen. Im Stadium solcher Ermittlungen gibt es nur einen Anfangsverdacht. Es gilt die Unschuldsvermutung, was in diesem Zusammenhang etwas deplatziert klingt. Strafrechtlich wird möglicherweise am Ende gar nicht so viel herauskommen. Dennoch hat die Affäre unter den Beschuldigten schon reichlich Opfer gefordert: VW-Personalvorstand Peter Hartz trat ebenso zurück wie der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Volkert. Der ehemalige Skoda-Vorstand Helmuth Schuster musste ebenso wie Gebauer gehen. Gefahr droht dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl sowie dem niedersächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Günter Lenz. Gegen beide wird wegen der angeblichen Teilnahme an einer von VW bezahlten Sause ermittelt. Beide bestreiten jedoch diese Darstellung Gebauers. Drei, vier weitere andere bislang noch nicht in diesem Zusammenhang aufgefallene hochrangige VW-Bedienstete könnte Gebauer mit Lustgeschichten noch in den Strudel reißen - sagt er, er weiß aber nicht, ob er das machen wird. Er unterscheidet fein zwischen Männern, die "in das System involviert" und solchen, die "aktiv dabei" waren. Die VW-Affäre jedenfalls rollt und rollt, und alle Beteiligten warten auf die nächste Etappe. Die beginnt vermutlich, wenn Schuster auspackt. "Dann wackelt der Konzern", sagt ein Insider. Schuster war eine echte Größe bei VW. Er war VW. | Die Berichte des ehemaligen Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer enthüllen ein Sittengemälde des Autokonzerns VW, das den kühnsten Phantasien standhält. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-diener-der-lustigen-herren-1.903270 | Volkswagen - Diener der lustigen Herren | 00/05/2010 |
Mit dem traditionellen Rundgang auf dem Messegelände eröffnete Bundeslandwirtschaftsminister die Grüne Woche und verkostete dabei so manche Köstlichkeit. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hat die Internationale Grüne Woche am Freitag in Berlin mit seinem traditionellen Rundgang für die Besucher freigegeben. Detailansicht öffnen Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer riecht während des Eröffnungsrundganges auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin an einem Fisch. (Foto: Foto: ddp) Zehn Tage lang präsentieren mehr als Aussteller aus 56 Ländern auf 115.000 Quadratmeter auf dem Berliner Messegelände ein Mammutangebot aus Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Dazu gehören rund 100.000 Spezialitäten der Schlemmermeile, über 10.000 Nutztiere und 40.000 Frühblüher. Es werden über 400.000 Besucher erwartet. "Dschingis-Bier" aus der Mongolei Bei dem traditionellen Rundgang durch die Messehallen wurde Seehofer von Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begleitet. In den mehr als drei Stunden probierten sie allerlei Köstlichkeiten aus deutschen Ländern und dem Ausland, so zum Beispiel "Dschingis-Bier" aus der Mongolei. Seehofer sicherte auf seinem Rundgang am Freitag der Agarwirtschaft eine größtmögliche Förderung des Öko-Landbaus zu: "Was wir in der Politik dafür tun können, um das zu befördern, tun wir", so Seehofer. Die Menschen seien bereit, für Qualität in diesem Bereich etwas auszugeben, sagte der Minister. Skeptisch äußerte sich Seehofer zur wirtschaftlichen Anwendung der Gentechnik: "Wo wir kleinräumige Anbauflächen haben, halte ich den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen eigentlich nicht für möglich." Wenn es zu einem Anbau komme, müsse die Sicherheit oben anstehen. Merkel und Barroso zu Gast Am Donnerstagabend hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso die weltweit größte Verbraucherschau eröffnet. Merkel sagte, zum ersten Mal seit Jahren blickten die Bauern wieder optimistisch in die Zukunft. Die Konfrontation zwischen traditioneller und ökologischer Landwirtschaft sei überwunden. Rund 1600 Aussteller aus 56 Ländern zeigen bis zum 28. Januar ein weltweit einmaliges Angebot. Schwerpunktthemen der Grünen Woche sind nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie. | Mit dem traditionellen Rundgang auf dem Messegelände eröffnete Bundeslandwirtschaftsminister die Grüne Woche und verkostete dabei so manche Köstlichkeit. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/startschuss-fuer-verbrauchermesse-seehofer-auf-kulinarischer-mission-1.900266 | Startschuss für Verbrauchermesse - Seehofer auf kulinarischer Mission | 00/05/2010 |
Hinter den Kulissen des Treffens mit mehr als 6000 Delegierten in Hongkong wird vor allem über Handelserleichterungen für die armen Länder der Welt gesprochen - und heftig über die Agrarpolitik gestritten. Der US-Handelsbeauftragte Rob Portman griff die Europäische Union (EU) am Mittwoch an, weil sie aus US- Sicht keine ausreichenden Zugeständnisse beim Marktzugang für Agrarprodukte machte. Detailansicht öffnen Scharfer Kritiker der EU: Der US-Handelsbeauftragte Rob Portman (Foto: Foto: AFP) "Es gibt nur einen Weg aus der derzeitigen Blockade: Übereinstimmung zu weltweiten Zollsenkungen in den geschützten Agrarmärkten." Washington hatte Zollsenkungen für Landwirtschaftsprodukte von 55 bis 90 Prozent angeboten, die EU von 35 bis 60 Prozent. Brasiliens Außenminister Celso Amorim hat bei der Konferenz die reichen Industrieländer aufgefordert, ihre handelsverzerrenden Agrarsubventionen ohne Vorbedingungen abzubauen. "Die reichen Länder können keine Bezahlung dafür erwarten, dass sie tun, was sie schon längst hätten tun sollen", sagte Amorim am Mittwoch bei der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Hongkong. Der Brasilianer ist einer der Sprecher der Gruppe G20, in der sich führende Schwellenländer zusammengeschlossen haben. Im Welthandelssystem herrsche "eine Struktur von Privilegien und Ungerechtigkeit", sagte Amorim. EU erwartet Zugeständnisse Die EU hat ein Angebot zur weiteren Öffnung ihres Agrarmarktes vorgelegt, erwartet aber von den Schwellenländern Zugeständnisse in den Verhandlungen über Industriezölle (NAMA) und Dienstleistungen (GATS). Im Namen der großen Agrarexportländer (Cairns-Gruppe) forderte Neuseelands Handelsminister Jim Sutton am Mittwoch von den Europäern eine Öffnung der Agrarmärkte auch bei den so genannten sensiblen Produkten. Außerdem müssten alle Exportsubventionen verschwinden. Sutton warnte eindringlich vor einem Scheitern der Doha-Handelsrunde: "Wenn wir diese Chance verpassen, wird sie vielleicht innerhalb einer Generation nicht wiederkommen". Hoffnung auf zusätzliche Geschäftschancen Während sich die großen Agrarexporteure von einer breiten Marktöffnung des Nordens zusätzliche Geschäftschancen versprechen, fürchten die in der ACP-Gruppe zusammengeschlossenen 79 Entwicklungsländer aus Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum, die Handelspräferenzen zu verlieren, die ihnen die EU bisher gewährt. Dieser "Präferenzerosion" müsse entgegengewirkt werden, sagte Mauritius' Außenminister Madan Dulloo vor der Presse. Für einzelne Produkte wie Zucker oder Bananen, von denen arme Entwicklungsländer besonders abhängig seien, müsse es nach wie vor eine Sonderregelungen geben, forderte Dulloo. Eine gesonderte und differenzierte Behandlung der Entwicklungsländer ist in der Doha-Runde ausdrücklich vorgesehen. Neuerliche Ausschreitungen Erneut ist es am Rande der Konferenz zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Die Polizei setzte Pfefferspray und Schlagstöcke gegen mehrere Dutzend südkoreanische Demonstranten ein. Schwere Verletzungen gab es offenbar nicht. Bereits am Dienstag hatten sich nahe des Tagungszentrums mehrere hundert Demonstranten aus aller Welt versammelt - unter ihnen südkoreanische Bauern, japanische Fischer sowie Aktivisten aus Bangladesch, Indien, Brasilien und Taiwan. Eine Gruppe hatte versucht, eine Polizeisperre zu durchbrechen und griff die Sicherheitskräfte mit Bambusstöcken an. | Hinter den Kulissen des Treffens mit mehr als 6000 Delegierten in Hongkong wird vor allem über Handelserleichterungen für die armen Länder der Welt gesprochen - und heftig über die Agrarpolitik gestritten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wto-konferenz-neue-spannungen-zwischen-usa-und-eu-1.907003 | WTO-Konferenz - Neue Spannungen zwischen USA und EU | 00/05/2010 |
Was der Osten bisher an Aufschwung zu bieten hatte, ist an der Lausitz eher vorbeigegangen. Doch nun herrscht plötzlich "Kupfergräberstimmung". Erstaunlich, wie manches im Leben wiederkehrt. Als Junge hat Klaus-Peter Schulze in den 60er Jahren zugesehen, wie in der Lausitz nach Kupfer gebohrt wurde. 1,5 Millionen Tonnen ruhen dort in der Erde. Heute ist Schulze Bürgermeister von Spremberg (Spree-Neiße) und hofft, dass Geschichte sich wiederholt. Detailansicht öffnen Die anhaltend hohen Rohstoffpreise machen die Suche nach Kupfer wieder rentabel. Im Bild: Ein Arbeiter der Mansfelder Kupfer und Messing GmbH aus Hettstedt beim Hantieren mit großen Kupferrollen. (Foto: Foto: dpa) Im März - wenn alles gut geht - rücken wieder die Bohrer an. "Das wäre ein Segen für die Region", sagt Schulze. Kupfer ist in der kleinen Stadt mit 15 Prozent Arbeitslosigkeit zur Zeit das Thema. Experten dämpfen jedoch die Vorfreude. Bis das glänzende Metall gefördert werden kann, gingen Jahre ins Land. Und ob sich der Abbau lohnt, vermag niemand sicher zu sagen. Als Ende vergangener Woche bekannt wurde, dass der Bergbaukonzern Anglo American über eine sächsische Tochter Probebohrungen zwischen Spremberg und Weißwasser (Sachsen) beantragt habe, überschlugen sich die Kommentare: Von "Kupfergräberstimmung" war die Rede und vom "Schatz von Spremberg". Denn die Nachfrage nach dem Rohstoff ist enorm gewachsen. Automatisierung erfordert Kupferdrähte Nicht nur, weil in Europa die Wirtschaft wieder angezogen hat, sondern weil Länder wie China immer mehr auf Automatisierung setzen - und dafür jede Menge Kupferdrähte brauchen. Eine Tonne Kupfer kostete in den 80er Jahren noch zwischen 800 und 1000 US-Dollar, heute bewegt sich der Preis um 5700 Dollar. Als weltweit größter Lieferant profitiert vor allem Chile - während sich in Deutschland lediglich die "Buntmetalldiebe" in den Polizeiberichten mehren. Derzeit liegt der Preis wieder ein Drittel niedriger. Langfristig werde er aber weiter steigen, meint Thomas Oberthür vom Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Hohe Investitionen notwendig Das Vorkommen in der Lausitz zu erschließen, sei aber sehr teuer. "Investitionen um die 500 Millionen Euro sind bei der Tiefe schon notwendig." Auch braucht die Vorbereitung viel Zeit. "In 15 bis 20 Jahren könnte das Kupfer abgebaut werden", sagt Klaus Freytag, der Präsident des Brandenburger Landesamts für Bergbau, Geologie und Rohstoffe in Cottbus. So lange dauere es, bis alle Proben genommen, alle Genehmigungen erteilt und ein Bergwerk gebaut sei. Nach offiziellen Angaben ist das Vorkommen an der Landesgrenze von Sachsen und Brandenburg mit 98 Millionen Tonnen Kupfererz das zweitgrößte Europas. 1,5 Millionen Tonnen reines Kupfer ließen sich aus dem Erz in 850 bis 1450 Metern gewinnen, und vielleicht sogar mehr: "Auf sächsischer Seite ist das Vorkommen noch nicht vollständig erfasst worden", heißt es beim Oberbergamt des Freistaats. | Was der Osten bisher an Aufschwung zu bieten hatte, ist an der Lausitz eher vorbeigegangen. Doch nun herrscht plötzlich "Kupfergräberstimmung". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/krisenregion-lausitz-der-grosse-traum-vom-kupfer-1.917983 | Krisenregion Lausitz - Der große Traum vom Kupfer | 00/05/2010 |
Die neue Anastacia-Kampagne des Textilhändlers s. Oliver wird dieser Tage mit Macht beworben. Die Franken nutzen die Rocksängerin allerdings nicht nur als Werbe-Ikone - der US-Star stand sogar selbst am Reißbrett. Der fränkische Textilhändler s. Oliver will bis 2010 die Markenerlöse der Gruppe auf 1,5 Milliarden Euro steigern. Das sagte Thomas Steinhart, Sprecher der Geschäftsführung und Finanzchef des Familienunternehmens. Einen Umsatzschub soll die Kollektion der US-Rocksängerin Anastacia bringen, die in dieser Woche auf den Markt kommt. Detailansicht öffnen Anastacia-Roben bei s. Oliver. (Foto: Foto: s. Oliver) Der Konkurrenzdruck sei enorm, sagte der für das internationale Geschäft zuständige Direktor Andreas Brill: ,,Der deutsche Textilmarkt ist einer der schwierigsten der Welt.'' Nach Angaben des Bundesverbandes des deutschen Textileinzelhandels (BTE) verzeichneten die Fachhändler im ersten Halbjahr 2006 im Vergleich zum Vorjahr bestenfalls einen leichten Zuwachs. Unter Druck steht vor allem der klassische Einzelhandel, der seine Ware über Großhändler bezieht. Gesamte Wertschöpfungskette Deutlich besser schlagen sich die mehr oder minder stark vertikal aufgestellten Textilfilialisten wie der börsennotierte schwedische H&M-Konzern (Konzernumsatz 2004/05 per Ende November: 7,6 Milliarden Euro), der die gesamte Wertschöpfungskette selbst steuert - vom Entwurf der Mode, der Produktion bei Fremdfirmen bis hin zum Verkauf in eigenen Geschäften - oder Firmen wie Esprit und s. Oliver, die sowohl eigene Läden betreiben als auch als Großhändler agieren. Ihren schärfsten Konkurrenten sehen die Manager von s. Oliver in der an den Börsen Hongkong und London notierten Esprit Holding Ltd mit einem Konzernumsatz von 2,1 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2004/2005 (30. Juni). Erlöse binnen zehn Jahren verdreifacht s. Oliver steigerte nach Angaben von Steinhart im Kalenderjahr 2005 den Markenumsatz um 5,4 Prozent auf 820 Millionen Euro. Damit haben sich die Erlöse binnen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Darin enthalten sind mit einem Anteil von etwa zehn Prozent auch die Umsätze der Lizenznehmer und die der Tochtergesellschaft Comma mit etwa 60 Millionen Euro. Zur Ertragslage äußert sich das Familienunternehmen nicht. Wettbewerber Esprit erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr einen Nettogewinn von knapp 350 Millionen Euro, H&M brachte es auf gut 970 Millionen Euro. Die Markenerlöse der s. Oliver-Gruppe mit 2350 Mitarbeitern sollen Steinhart zufolge in diesem Jahr auf 890 Millionen Euro klettern. Einen Beitrag zum Markenumsatz von 100 Millionen Euro binnen zwei Jahren soll die unter dem Namen Anastacia by s. Oliver lancierte Kollektion bringen, die diese Woche in die Läden kommt. Madonna wirbt für H&M Es ist die erste so genannte Celebrity-Kollektion der Franken. Berühmter Namen haben sich auch schon andere Filialisten bedient. So ließ H&M die Designer Karl Lagerfeld und Stella McCartney für sich arbeiten. Derzeit wirbt Popsängerin Madonna für die Schweden. | Die neue Anastacia-Kampagne des Textilhändlers s. Oliver wird dieser Tage mit Macht beworben. Die Franken nutzen die Rocksängerin allerdings nicht nur als Werbe-Ikone - der US-Star stand sogar selbst am Reißbrett. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/celebrity-kollektion-s-oliver-setzt-voll-auf-anastacia-1.898981 | Celebrity-Kollektion - s. Oliver setzt voll auf Anastacia | 00/05/2010 |
Phil Macklin aus New Jersey hat genug von seinem roten Chevy Trail-Blazer. "Das Auto macht mich arm. Es schluckt zuviel Sprit", schimpft der 38-jährige Büroangestellte. Er muss jeden Tag 120 Kilometer zum Arbeitsplatz nach Manhattan fahren. Detailansicht öffnen Hier, bei einem Händler im kalifornischen Carlsbad, warten viele Hummer auf Käufer. (Foto: Foto: Reuters) Am Ende des Monats sind Benzinrechnungen von mehreren hundert Dollar auf der Kreditkarte. Nun hat Macklin sein eigenes Sprit-Sparprogramm gestartet: Er will sein sogenanntes SUV (Sport Utility Vehicle) - die Bezeichnung von vierradgetriebene Großraumautos - verkaufen und künftig mit einem schicken Mini Cooper in die Stadt flitzen. Sowie Macklin machen es viele. Angesichts von Benzinpreisen, die in vielen Gebieten der USA die von den Autofahrern als Schallmauer empfundene Marke von drei Dollar pro Gallone (1 Gallone sind 3,8 Liter) durchbrochen haben, entdecken Amerikaner die Vorzüge kleinerer Limousinen. Der Blick richtet sich damit zwangsläufig nach Europa: Kein Zufall, dass der von BMW hergestellte Mini nicht nur auf New Yorks Straßen Furore macht. Ein Lebensgefühl, eine ganze Kultur des Autofahrens, die bislang vor allem vom Motto "länger, breiter, höher und schwerer" geprägt war, ist im Umbruch. Dabei wurde der Gipfel der SUV-Leidenschaft noch mit dem martialischen Hummer von General Motors erklommen. Er war der letzte Schrei, um auf New Yorks Pracht-Einkaufsstraße, der Fifth Avenue, auf sich aufmerksam zu machen. Der vom Militärjeep Humvee abgeleitete SUV avancierte nicht nur zum Statussymbol gut verdienender Börsenmakler und Banker an der Wall Street. Bis zu 30 Liter je 100 Kilometer Der Filmstar und jetzige Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, war einer der ersten Prominenten, die in den 90er Jahren in dem Geländewagen herumkurvten. Lange Zeit galt der H1 als das Statussymbol schlechthin in den USA. Doch plötzlich erscheint es nicht mehr zeitgemäß zu sein, sich in einem spritfressenden Monster zu zeigen. Vor kurzem hat GM angekündigt, die Produktion des H1 einzustellen. Wer trotzdem noch Jeep fahren will, muss sich mit den Versionen H2 und H3 zufrieden geben. Allerdings sollte man auch bei dem fast drei Tonnen schweren H2 lieber nicht auf den Benzinverbrauch schauen. Wie kaum ein anderes Fahrzeug stehen Hummer und andere SUV für die Krise der amerikanischen Autoindustrie. Zu lange haben General Motors (GM) und Ford auf die Fahrzeuge gesetzt, die auf hundert Kilometer locker 20 bis 30 Liter Benzin schlucken. Der Zusammenbau der Vehikel war relativ einfach: Aus den Regalen konnten sich die Ingenieure simple Fahrgestelle nehmen, die bereits für Pickups und Kleinlaster verwendet wurden. Drumherum wurde ein voluminöses Blechkleid geschneidert - fertig war die prestigeträchtige Hollywoodschaukel. Kein Wunder, dass die Geländewagen den Herstellern Gewinnmargen von etwa 10000 Dollar pro Stück bescherten. Noch im vergangenen Jahr machten Sport Utility Vehicle knapp ein Viertel des Neuwagenverkaufs in den USA aus. Mit dem massenhaften Absatz dieses Typs, das in der Werbung zudem das Gefühl von Abenteuer und Freiheit ansprach, gelang es der Industrie ihre strukturelle Krise zu übertünchen. Man brauchte nicht in neue, fortschrittliche Technologien von Kraftfahrzeugen zu investieren. Konkurrenz aus Asien Doch mit drastischen Ölpreiserhöhungen drohen die SUV nun zu Ladenhütern zu werden. Händler locken die Kunden mit großzügigen Rabatten. Zum Ärger von Umweltschützern werden sogar Benzingutscheine angeboten, um die Amerikaner vom Spritsparen abzuhalten. Dennoch erwarten Branchenexperten, dass die SUV-Verkaufszahlen in diesem Jahr auf 750000 zurückgehen - im Vergleich zu etwa einer Million, die im Spitzenjahr 2003 erreicht wurde. Experten erwarten, dass sich der amerikanische Automarkt in Zukunft stärker aufspalten wird. Während Luxus-SUV wie der Ford Navigator oder der 400 PS starke GM Cadillac Escalade eine kleine, betuchte Käuferschicht anlocken, der es egal ist, ob der Benzinpreis auf 3,50 oder sogar vier Dollar pro Gallone steigt, wird der Kampf um Marktanteile im unteren Massensegment erheblich härter. Andererseits besinnt sich die Industrie nun erstmals auch auf innovative, spritsparende Technologien. So schalten sich zum Beispiel auf langen Autobahnfahrten beim GM Yukon vier von acht Zylindern ab. Doch gerade mit solchen Modellen drängen auch die Japaner und Koreaner in den Markt. Für Walter McManus, Forscher am verkehrswissenschaftlichen Institut der Universität Michigan, gibt es keinen Zweifel: "Die Hersteller haben weiter Probleme. Je länger die Benzinpreise hoch bleiben, desto schwieriger wird es für SUV." | Wie die US-Autoindustrie auf ein falsches Produkt gesetzt hat: Wegen hoher Benzinpreise sind jetzt sparsame Fahrzeuge attraktiv. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/spritschlucker-der-hummer-stirbt-1.906114 | Spritschlucker - Der Hummer stirbt | 00/05/2010 |
Der Wolfsburger Konzern kommt nicht zur Ruhe: Erst Mitte April soll der Machtkampf um den Chefsessel entschieden werden. Nach Berichten mehrerer Medien wird am 20. April bei einer Sondersitzung des VW- Aufsichtsrates darüber abgestimmt, ob der Vertrag des derzeitigen Vorstandschefs Bernd Pischetsrieder (58) verlängert wird. Ein VW- Sprecher wollte die Berichte nicht kommentieren. In Konzernkreisen wurde der Termin aber bestätigt. Pischetsrieder unterstrich unterdessen, an seinem Posten festhalten zu wollen: "Ich will das, was ich vor Jahren begonnen habe, zu einem nachhaltigen Erfolg führen", sagt er der Welt am Sonntag. Detailansicht öffnen Die Zukunft von VW-Chef Pischetsrieder ist ungewiss (Foto: Foto: ddp) Bei der geplanten Aufsichtsratssitzung könnte es zu einer Kampfabstimmung mit einem Patt von zehn zu zehn Stimmen kommen, sollten sich die Arbeitnehmerseite geschlossen gegen Pischetsrieder aussprechen. In diesem Fall wäre die Stimme von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch entscheidend, weil sie doppeltes Gewicht hätte. Piëch hatte sich zwar öffentlich für eine Vertragsverlängerung von Pischetsrieder ausgesprochen. Gleichzeitig hatte er den Machtkampf aber angeheizt und auf eine starke Opposition der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gegen Pischetsrieder verwiesen. Als mögliche Alternativkandidaten werden seit längerem Audi-Vorstandschef Martin Winterkorn und Porsche-Chef Wendelin Wiedeking genannt. Pischetsrireder kritisiert Piëch Pischetsrieder selbst sagte dem Nachrichtenmagazin Spiegel: "Die Frage, ob Winterkorn mich ablöst, wird uns beide noch begleiten, bis wir 65 sind." Der VW-Chef erklärte, er gehe weiter davon aus, dass sein 2007 auslaufender Vertrag verlängert wird. In der Welt am Sonntag verteidigte Pischetsrieder die Pläne, die Mitarbeiterzahl bei Volkswagen zu reduzieren. Gleichzeitig sicherte er zu, es werde bis 2011 nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen. Der Vorstand trage aber die Verantwortung dafür, dass Volkswagen wettbewerbsfähig sei. "Nur ein profitables Unternehmen sichert Arbeitsplätze." Indirekt kritisierte Pischetsrieder auch seinen Vorgänger Piëch: "Unsere Marken arbeiten heute nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander", sagte er. Zur Zeit werde auch geprüft, ob VW dem neuen Großaktionär Porsche Produktionskapazitäten zur Verfügung stelle. Wirtschaftswoche: Porsche-Chef läuft sich warm Nach Angaben des Focus soll bereits im Januar ein Versuchs Piëchs gescheitert sein, Pischetsrieders Ablösung zu betreiben. Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff und Porsche-Chef Wiedeking, die beide dem Präsidium des VW-Aufsichtsrates angehören, hätten dem nicht zugestimmt. Der Focus zitierte ferner einen der Betriebsräte im Aufsichtsrat mit den Worten, momentan würden alle zehn geschlossen gegen Pischetsrieders Vertragsverlängerung stimmen, weil dieser einen Konfrontationskurs gegen die Beschäftigten fahre. Falls er seinen Sanierungskurs aber abmildere, wäre "ein neuer Vertrag kein Problem mehr". VW-Chefsanierer Wolfgang Bernhard soll unterdessen am Rande des Genfer Autosalons mit seinem Abgang gedroht haben, falls Winterkorn neuer Spitzenmann werden würde, meldete Focus. Die Wirtschaftswoche berichtete über Porsche-Chef Wiedeking, dieser laufe sich weiter "für den Chefsessel in Wolfsburg warm". Wiedeking hatte aber stets betont, er wolle weiter bei Porsche bleiben. Porsche-Finanzvorstand Holger Härter, der demnächst in den VW-Aufsichtsrat einzieht, sagte der Welt am Sonntag: "Mit Herrn Pischetsrieder ist ein sehr erfahrener Autoexperte an der Spitze von VW. Wir können uns auf ihn verlassen, was sehr wichtig ist." | Der Wolfsburger Konzern kommt nicht zur Ruhe: Erst Mitte April soll der Machtkampf um den Chefsessel entschieden werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-da-weiss-man-was-man-hat-1.899217 | Volkswagen - Da weiß man, was man hat | 00/05/2010 |
Der Hamburger Handelskonzern Tchibo ist in den Nachkriegsjahren als Kaffeeröster gestartet. Unter der Ägide von Firmengründer Max Herz expandierte das Familienunternehmen und verkauft längst viel mehr als Kaffee. Heute ist Tchibo zu einem der erfolgreichsten deutschen Unternehmen aufgestiegen und hat längst auch den einstigen Konkurrenten Eduscho geschluckt. Die Hamburger machen mit wöchentlich wechselnden Gebrauchsartikeln sowie Dienstleistungen inzwischen mehr Umsatz als mit Kaffee. Das Unternehmen wurde stark geprägt von Günter Herz, der 1965 nach dem überraschenden Tod seines Vaters die Unternehmensleitung übernahm und den Konzern führte, bis ihn seine Geschwister Anfang 2001 aus dem Amt drängten. Rasche Expansion Unter der Leitung von Günter Herz kaufte sich Tchibo bei dem Kosmetikunternehmen Beiersdorf (1974) und dem Zigarettenhersteller Reemtsma (1980) ein. Die Reemtsma-Beteiligung wurde im März 2002 für sechs Milliarden Euro an Imperial Tobaccom verkauft. Günter Herz und seine Schwester Daniela schieden 2003 aus dem Tchibo-Eigentümerkreis aus und kassierten vier Milliarden Euro. Jetzt gehört Tchibo zu jeweils 34 Prozent den Brüdern Wolfgang und Michael Herz sowie zu jeweils 15 Prozent ihrem Bruder Joachim und der Mutter der Geschwister, Ingeborg Herz. Die restlichen zwei Prozent liegen bei einer Stiftung. Familienquerelen Wegen der andauernden Familienquerelen hat Tchibo unruhige Jahre mit etlichen Veränderungen im Management hinter sich. Seit Anfang Juni steht Dieter Ammer an der Spitze des Konzerns, der auch gleich den Chef der wichtigen Kaffeesparte entließ und die Stelle nicht wieder neu besetzte. Tchibo erreichte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 3,1 Milliarden Euro und - wegen des Reemtsma-Verkaufs - 3,5 Milliarden Euro Gewinn. Der Konzern beschäftigt mehr als 10 000 Mitarbeiter. (sueddeutsche.de/dpa) | Der Hamburger Handelskonzern Tchibo ist in den Nachkriegsjahren als Kaffeeröster gestartet. Unter der Ägide von Firmengründer Max Herz expandierte das Familienunternehmen und verkauft längst viel mehr als Kaffee. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hintergrund-tchibo-die-kaffeeroester-1.917010 | Hintergrund: Tchibo - Die Kaffeeröster | 00/05/2010 |
Unter der neuen alten Marke Hertie wagen die kleineren Ex-Karstadt-Häuser am 1. März ein Comeback als vertrautes Warenhaus um die Ecke. In Zeiten der Polarisierung zwischen Discount und Premium ist die Positionierung in der wohltemperierten Mitte allerdings riskant. Unter der neuen alten Marke Hertie wagen die kleineren Ex-Karstadt-Häuser ein Comeback. Die 73 in mittelgroßen Städten angesiedelten Filialen wollen sich mit neuem Konzept als nettes Kaufhaus von nebenan positionieren. Detailansicht öffnen Das neue Hertie-Logo: Ein mehr als hundert Jahre alter Traditionsname in neuer Anmutung. (Foto: Foto: dpa) Den neuen Claim "Zum Glück gibt's Hertie" können die 4700 Angestellten des Warenhauskonzerns wörtlich nehmen - ihre berufliche Zukunft nimmt jetzt wieder konkrete Formen an. Denn ab dem 1. März sollen alle derzeit in einer Gesellschaft namens Karstadt-Kompakt geparkten Warenhäuser wieder unter der Dachmarke Hertie firmieren. Als neuer Name für die 73 von KarstadtQuelle 2005 an eine Investorengruppe verkauften kleineren Kaufhäuser standen auch Vorschläge wie "MiniCity" oder "Flaneri" oder "Centrada" kurzzeitig zur Debatte. Aber mit den letzt genannten Bezeichnungen hätte sicher so mancher aus der avisierten Zielgruppe der sogenannten Best Ager seine Schwierigkeiten gehabt. Neue Altersgruppe entdeckt Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Alterung hat der Handel diese Gruppe jenseits der üblicherweise heftig umworbenen Alterskohorte der 14 bis 49-Jährigen entdeckt. Seitdem kursieren viele mehr oder weniger sinnvolle Bezeichnungen wie "Midager", "Baby Boomer", "Silver Ager", "Golden Oldies", etc. für die neu entdeckte Zielgruppe. Deren Mitglieder sind zwar älter als junge Erwachsene, aber noch nicht im herkömmlichem Sinne alt, eben die Best Ager. Dieser Gruppe werden recht unsystematisch verschiedene Altersgruppen zugeordnet: gemeint sind einmal alle über 40, dann die über 50 oder aber auch jene Verbraucher zwischen 50-69 oder 45-60. Auf Nummer sicher Mit dem Comeback der Marke Hertie geht das Unternehmen aus dem Ruhrpott-Städtchen Gladbeck lieber auf Nummer sicher. Damit kehrt ein Name, der auf den jüdischen Unternehmer Hermann Tietz zurück geht, in den Handel zurück, der bis auf ein Traditionshaus in München seit Ende der neunziger Jahre verschwunden war. Vorstandschef Kay Hafner ist sich der Ambivalenz der Wiederbelebung der Marke durchaus bewusst. Hertie sei "ein ganz junges Start-up-Unternehmen", dass die "Ur-Idee" des Nachbarschafts-Kaufhauses wieder belebe, so der Ex-Boss von Wal-Mart Deutschland. | Unter der neuen alten Marke Hertie wagen die kleineren Ex-Karstadt-Häuser am 1. März ein Comeback als vertrautes Warenhaus um die Ecke. In Zeiten der Polarisierung zwischen Discount und Premium ist die Positionierung in der wohltemperierten Mitte allerdings riskant. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hertie-feiert-comeback-der-nette-nachbar-von-nebenan-1.898397 | Hertie feiert Comeback - Der nette Nachbar von nebenan | 00/05/2010 |
Der Kauf von Firmenbeteiligungen ist in der Regel ein aufreibendes Geschäft. Nicht so für Lutz Helmig der finanzielle Engagements eher unter dem "Hobby"-Aspekt sieht. Der steinreiche Chirurg hat sich nun ein neues Spielzeug angeschafft: Einen Anteil an der Fluggesellschaft DBA. Der Gründer eines der größten deutschen Klinikunternehmens übernimmt ab sofort 25,1 Prozent der Anteile, wie DBA-Aufsichtsratschef Hans Rudolf Wöhrl am Montag in München mitteilte. Detailansicht öffnen Lutz Helmig, neuer Mit-Gesellschafter der DBA. (Foto: Foto: ddp) Gleichzeitig verdopple die Airline das Eigenkapital auf 20 Millionen Euro. Die zweitgrößte innerdeutsche Fluglinie sichere so ihre Selbstständigkeit, über die in der Vergangenheit spekuliert worden war. Investor Helmig, der neues Mitglied im DBA-Aufsichtsrat wird, erwirbt die Anteile über seine Beteiligungsfirma Aton GmbH. Über den Kaufpreis vereinbarten die Vertragspartner Stillschweigen. Es fließe aber richtig Geld ins Unternehmen, sagte Wöhrl. Neue Aufteilung der Anteile Nach Helmigs Einstieg hält der Aufsichtsratschef jetzt über seine Intro GmbH 59,9 Prozent der DBA-Anteile und die beiden DBA-Geschäftsführer Martin Gauss und Peter Wojahn jeweils 7,5 Prozent. Für die Altgesellschafter sei es von großer Bedeutung gewesen, einen kapitalstarken deutschen Investor für die frühere British-Airways-Tochter DBA zu gewinnen, sagte Wöhrl. Helmig sei wie die anderen Anteilseigner am langfristigen Bestand und dem Wachstum des Unternehmens interessiert. Mit der Erweiterung des Gesellschafterkreises und der Kapitalerhöhung verbessere die DBA ihre Position im deutschen und europäischen Wettbewerb. 40 neue Boeing-Maschinen Die zusätzliche Finanzkraft erleichtere auch die Finanzierung von 40 neuen Boeing-Maschinen, die DBA im November bestellt hatte. Im laufenden Geschäftsjahr 2005/2006, das am 31. März zu Ende geht, steigerte die DBA die Zahl ihrer Flugstrecken von 17 auf 32. | Der Kauf von Firmenbeteiligungen ist in der Regel ein aufreibendes Geschäft. Nicht so für Lutz Helmig der finanzielle Engagements eher unter dem "Hobby"-Aspekt sieht. Der steinreiche Chirurg hat sich nun ein neues Spielzeug angeschafft: Einen Anteil an der Fluggesellschaft DBA. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fluggesellschaft-dba-holt-hobby-investor-an-bord-1.907619 | Fluggesellschaft - DBA holt Hobby-Investor an Bord | 00/05/2010 |
Die wenigsten Deutschen sorgen systematisch für Anschaffungen und fürs Alter vor. Doch private Finanzplanung wird in unsicheren Zeiten immer wichtiger - und ist gar nicht so schwer. Ob Riester-Rente, Aktienfonds oder Risikolebensversicherung - beim Thema Geldanlage fühlen sich viele Bundesbürger überfordert. "Das Durchschnittswissen ist hier eher bescheiden. Mehrere Umfragen haben gezeigt, dass das finanzielle Analphabetentum leider weit verbreitet ist", sagt Michael Huber, Finanzplaner des VZ Vermögenszentrums in München. Tabuthema Geld Das liegt aber nicht nur daran, dass in den Schulen über praktische Geldfragen meist wenig geredet wird. "Geld ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema. Keiner macht sich gerne Gedanken darüber, wie viel Erspartes zum Beispiel für einen gesicherten Ruhestand nötig ist", weiß Huber. Dabei spricht einiges dafür, sich mit dem Thema private Finanzplanung auseinander zu setzen: Das Einkommen: Die Zeiten prächtiger Lohn- und Gehaltserhöhungen sind vorerst vorbei. Die Sozialabgaben steigen. Die Kaufkraft der Nettoeinkommen bei den Arbeitnehmern ist zuletzt zurückgegangen. Gleichzeitig ist die Gefahr gestiegen, plötzlich arbeitslos zu werden, was die Bildung finanzieller Reserven erst recht nahe legt. Die Rente: Das Niveau der gesetzlichen Rente dürfte gemessen an den Löhnen und Gehältern in den nächsten 30 Jahren immer weiter zurückgehen. Nach Berechnungen des zur Deutschen Bank gehörenden Instituts für Altersvorsorge wird zum Beispiel ein Durchschnittsverdiener, der 1975 auf die Welt kam, nur noch 37 Prozent seines letzten Nettoeinkommens als gesetzliche Rente erhalten. Zugleich steigen die Ausgaben für die Ruheständler, nicht nur weil die Lebenserwartung zunimmt und damit die Kosten für Gesundheit und Pflege, sondern auch weil Ruheständler heute mobiler und damit weniger sparsam sind als noch im letzten Jahrhundert. Diese Einkommenslücke ist zu schließen, sonst droht die Armut im Alter. "Die meisten Bürger haben aber völlig überhöhte Vorstellungen davon, was sie einmal als gesetzliche Rente erhalten", sagt Huber. Die Inflation: Häufig wird auch überschätzt, wie viel das Ersparte in Zukunft wirklich wert ist, weil die schleichende Geldentwertung nicht mitberechnet wird. Ein Beispiel: Ein 30-Jähriger will mit 65 Jahren über eine Reserve von 200.000 Euro verfügen. Steigt die Inflation um jährlich zwei Prozent, beläuft sich die Kaufkraft der 200.000 Euro in 35 Jahren auf tatsächlich ungefähr die Hälfte, also 100.000 Euro. | Die wenigsten Deutschen sorgen systematisch für Anschaffungen und fürs Alter vor. Doch private Finanzplanung wird in unsicheren Zeiten immer wichtiger - und ist gar nicht so schwer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-finanzplanung-teil-i-mit-system-zu-mehr-geld-1.914128 | SZ-Serie Finanzplanung Teil I - Mit System zu mehr Geld | 00/05/2010 |
Die Gesamtbelastung von Bürgern mit Einkommen- und Gewerbesteuern darf laut Bundesverfassungsgericht mehr als 50 Prozent betragen. Karlsruhe kassiert mit diesem Urteil die "Halbteilungs-Rechtsprechung" aus der Ära des früheren Verfassungsrichters Paul Kirchhof. Der Grundsatzbeschluss des Zweiten Senats geht auf die Verfassungsbeschwerde eines Gewerbetreibenden aus Nordrhein-Westfalen zurück (Aktenzeichen: 2 BvR 2194/99). Zusammen mit seiner Ehefrau sollte er auf der Grundlage eines Einkommens von rund 630.000 Mark im Jahr 1994 etwa 260.000 Mark an Einkommensteuer bezahlen. Hinzu kam eine von der Gemeinde festgesetzte Gewerbesteuerschuld in Höhe von mehr als 110.000 Mark. Die Eheleute errechneten für sich eine steuerliche Gesamtbelastung von fast 60 Prozent durch Einkommen- und Gewerbesteuer und machten einen Verstoß gegen den "Halbteilungsgrundsatz" des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1995 geltend. Erfolglos Ihre Klagen blieben sowohl vor dem Finanzgericht und dem Bundesfinanzhof (BFH) als auch jetzt in Karlsruhe erfolglos. Schon der BFH in München hatte 1999 die Klage des Gewerbetreibenden auf Herabsetzung der Steuer mit dem Argument zurückgewiesen, durch die höhere Belastung sei er nicht in seinem Eigentumsgrundrecht verletzt. Ihm bleibe genügend Einkommen, sein wirtschaftlicher Erfolg sei nicht gefährdet, argumentierten die Richter. Zumutbar Im konkreten Fall sei nicht erkennbar, dass eine verfassungsrechtliche Obergrenze zumutbarer Steuerbelastung erreicht wäre, argumentierte jetzt auch der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts. Generell sei das Einkommen- und Gewerbesteuerrecht derzeit nicht so ausgestaltet, dass eine übermäßige Steuerbelastung und damit eine Verletzung der Eigentumsgarantie festgestellt werden könnte. In seiner Begründung kippte Karlsruhe den Halbteilungsgrundsatz und erweiterte den Gestaltungsspielraum des Gesetzgebers bei der steuerlichen Gesamtbelastung von Bürgern. Deren Höhe sei nicht durch einen bestimmten Satz von beispielsweise 50 Prozent, sondern nur durch die allgemeinen Grundsätze der Verhältnismäßigkeit begrenzt. Nicht nur der Steuersatz zählt Danach sei die Intensität der Steuerbelastung nicht nur durch den Steuersatz bestimmt, sondern auch durch den Umfang von möglichen Subventionen und Abzügen. Je breiter die Bemessungsgrundlage sei, desto belastender wirke sich ein Steuersatz aus. | Die Gesamtbelastung von Bürgern mit Einkommen- und Gewerbesteuern darf laut Bundesverfassungsgericht mehr als 50 Prozent betragen. Karlsruhe kassiert mit diesem Urteil die "Halbteilungs-Rechtsprechung" aus der Ära des früheren Verfassungsrichters Paul Kirchhof. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/karlsruhe-korrigiert-kirchhof-verfassungsgericht-weicht-grenze-fuer-steuerbelastung-auf-1.900924 | Karlsruhe korrigiert Kirchhof - Verfassungsgericht weicht Grenze für Steuerbelastung auf | 00/05/2010 |
Mit der geplanten Übernahme der LTU macht sich die Air Berlin bereits an die zweite große Übernahme innerhalb weniger Monate. Der Abstand zu Branchenprimus Lufthansa verkürzt sich dadurch weiter. Allerdings muss das Kartellamt noch zustimmen. Der Kauf werde zum größten Teil durch die Ausgabe neuer Aktien und eine Wandelanleihe mit einem voraussichtlichen Gesamtvolumen von etwa 250 Millionen Euro finanziert. Dabei sollen neue Aktien von bis zu 10 Prozent des derzeitigen Grundkapitals ausgegeben werden. Der größere Teil der kombinierten Wertpapieremission bestehe allerdings aus einer Wandelanleihe. Detailansicht öffnen Auf Expansionskurs: die Fluggesellschaft Air Berlin. (Foto: Foto: ddp) Air Berlin rechnet mit jährlichen Synergien von 70 bis 100 Millionen Euro. LTU bleibe ein rechtlich selbstständiges Unternehmen mit eigener Geschäftsführung. Auch der Name LTU soll auf absehbare Zeit Bestand haben. Air Berlin übernimmt zudem zwischen 190 und 200 Millionen Euro Schulden der LTU. Wechsel des Code Share-Partners Innerhalb des Europa-Verkehrs sollen die LTU-Strecken in das Air-Berlin-Netz eingegliedert werden. Darüber hinaus wechselt Air Berlin den Code Share-Partner. Künftig trete Condor an die Stelle von TUIfly, hieß es weiter. Zur Wirksamkeit des Kaufvertrages bedarf es noch der Zustimmung des Bundeskartellamtes. Air Berlin will daneben eine 49-prozentige Beteiligung an der Schweizer Fluggesellschaft Belair kaufen. Belair, eine Tochter der Hotelplan Group, die wiederum zu 100 Prozent dem Handelskonzern Migros gehört, betreibt derzeit drei Flugzeuge. Air Berlin-Aktien legen zu Nach der Bekanntgabe der Übernahme legten die Aktien von Air Berlin am Dienstagmorgen deutlich zu. Im Vormittagshandel notierten die Titel der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft mit einem Plus von 2,41 Prozent bei 16,59 Euro. Der SDAX stieg zeitgleich um 0,63 Prozent auf 6.035,23 Zähler. Händler bewerteten die Transaktion positiv. Der Preis sei in Ordnung, es gebe wenig Überschneidungen im Streckennetz, und vor allem auf den Langstrecken habe Air Berlin noch Nachholbedarf, sagte eine Frankfurter Börsianerin. Von einem Händler hieß es, mit der Übernahme gewinne die Fluggesellschaft, die bereits im vergangenen August den Konkurrenten dba gekauft hatte, eine marktbeherrschende Stellung auf etlichen Urlaubsstrecken. "Dadurch verbessert sich die Marktstellung" "Air Berlin gewinnt mit dem Kauf Marktanteile und Flugrouten", bestätigte ein weiterer Aktienhändler. "Dadurch verbessert sich die Marktstellung. Außerdem will das Unternehmen trotz des Zukaufs 2007 das Ergebnis weiter verbessern - das alles klingt trotz der Investitionen sehr positiv". Auch die Analysten der Commerzbank begrüßten die Transaktion. Sie sei wahrscheinlich wertschöpfend und könnte den Wert je Aktie um 4,50 Euro steigern, heißt es. Daher sehen die Analysten nach der heutigen Analystenkonferenz Spielraum für eine Erhöhung des Kursziels, das sie derzeit ausgesetzt haben - zuletzt lag es bei 14,60 Euro. Auch das bisherige "Hold"-Rating wollen sie überdenken. Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2006 seien weitgehend im Rahmen der Erwartungen ausgefallen und untermauerten die erwartete deutliche Ergebnisverbesserung. Übernahme der dba im vergangenen Jahr Air Berlin hatte erst im August vergangenen Jahres den gewichtigen Wettbewerber dba übernommen. Bereits damals war spekuliert worden, dass die Berliner Fluglinie die Lufthansa angreifen wolle. Noch immer liegt die Lufthansa unter den deutschen Fluggesellschaften unangefochten vorne. Der Branchenführer muss sich aber zunehmend der Konkurrenz der Billiganbieter erwehren. Die Lufthansa ist mit der Tochter Germanwings und vermehrten eigenen Sonderangeboten daher inzwischen ebenfalls im Billig-Segment aktiv. Das Geschäftsergebnis für 2006 fiel positiv aus. | Mit der geplanten Übernahme der LTU macht sich die Air Berlin bereits an die zweite große Übernahme innerhalb weniger Monate. Der Abstand zu Branchenprimus Lufthansa verkürzt sich dadurch weiter. Allerdings muss das Kartellamt noch zustimmen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geplante-uebernahme-der-ltu-air-berlin-sitzt-der-lufthansa-im-nacken-1.898267 | Geplante Übernahme der LTU - Air Berlin sitzt der Lufthansa im Nacken | 00/05/2010 |
Über künstliche Märkte - wie die jetzt gestoppte Terror-Börse - sammeln inzwischen weltweit Politiker und Unternehmen Informationen. (SZ vom 01.08.03) - Selten hat in den USA der Start einer Börse zu so viel Protesten geführt wie bei www.policyanalysismarket.org, der so genannten "Terror-Börse". Sie sollte dazu beitragen, das Vorhersagedilemma in der Nahostpolitik zu beheben und neue Informationen darüber sammeln, wie sicher die Regimes in Jordanien, der Türkei, Syrien oder Ägypten sind. Bis zu 10.000 Abonnenten hätten auf ein langes Leben von Saddam Hussein wetten können, auf die politische Zukunft von König Abdullah oder das nächste Attentat auf Palästinenserführer Jassir Arafat - und die Geheimdienste, so heißt es, hätten aus den Kursschwankungen wertvolle Schlüsse gezogen. "Handel mit dem Tod" Doch dann sprach Oppositionsführer Tom Daschle vom "Handel mit dem Tod" und selbst Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz meinte, seinen Forschern sei wohl die Phantasie ein wenig durchgegangen. Das US-Verteidigungsministerium hat das Projekt jedenfalls gestoppt, und das, obwohl es aus wissenschaftlicher Sicht alles andere als abwegig erschien. Seit den achtziger Jahre behelfen sich Wirtschaft und Politik mit "prediction markets", künstlichen Märkten, die nicht zum Austausch von Waren und Dienstleistungen eingerichtet werden, sondern lediglich um Informationen zu gewinnen. Wettervorhersagen Heute werden mit diesen Märkten bereits Wahlen vorausgesagt, Erfolgschancen von Kandidaten getestet und Wettervorhersagen gemacht - meist mit größeren Erfolgen als bei herkömmlichen Prognosemethoden. So erlaubten es im vergangenen Jahr die Informationen der Hollywood Stock Exchange über Kinofilme, 35 der 40 Oscars korrekt zu prognostizieren. Der erste dieser künstlichen Märkte, die Iowa Electronics Market, wurde 1988 gegründet. Er erlaubt es, Anteile an Politikern zu "kaufen", die im kommenden Präsidentschaftswahlkampf eine Rolle spielen könnten, George W. Bush etwa oder Hillary Clinton. 1996 prognostizierte die Börse die deutliche Wahlniederlage von Bob Dole gegen Bill Clinton. Wette auf den Tag des Sturzes Inzwischen gibt es diese künstlichen Märkte überall. In Deutschland heißt eine vergleichbare Online-Börse Wahl$treet. In Irland handelt die Internetbörse TradeSports.com mit allen möglichen politischen Ereignissen, zuletzt zum Beispiel wurde sie bekannt, weil sie auf den Tag des Sturzes von Saddam Hussein wetten ließ. Die Informationen, die Online-Börsen liefern, werden nicht nur von Politikern und Werbeagenturen, sondern auch von großen Unternehmen verwendet. Der Computerkonzern Hewlett Packard, schrieb jüngst die Zeitschrift New Yorker, setzte künstliche Märkte sogar bei seiner Verkaufsplanung ein. Mitarbeiter sollten dazu für eine begrenzte Zeit fiktive Anteile kaufen, je nachdem wie sie die Verkaufszahlen einschätzten. Nach drei Jahren hatten die Vorhersagen um 75 Prozent genauer gelegen als mit herkömmlichen Prognosemethoden. | Über künstliche Märkte - wie die jetzt gestoppte Terror-Börse - sammeln inzwischen weltweit Politiker und Unternehmen Informationen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kuenstliche-maerkte-35-von-40-oscars-richtig-prognostiziert-1.915422 | Künstliche Märkte - 35 von 40 Oscars richtig prognostiziert | 00/05/2010 |
Nach der Commerzbank kürzt der Versicherer Gerling für 5000 Mitarbeiter die Pensionsversprechen. Experten sprechen schon von einem Systemwechsel. (SZ vom 08.01.04) - Mit der Kündigung der Betriebsrente steht die Commerzbank nicht allein. Auch der Gerling-Konzern hat Einschnitte beschlossen. Einige Experten befürchten nun einen generellen Abbau der betrieblichen Altersvorsorge, Bundessozialministerin Ulla Schmidt sieht sie dagegen weiter wachsen. Detailansicht öffnen Die betriebliche Altersversorgung, wie sie sich in den einzelnen Branchen durchgesetzt hat. (Foto: SZ-Grafik) 5000 Mitarbeiter des Versicherungskonzerns Gerling mussten kurz vor der weihnachtlichen Bescherung schlechte Nachrichten mit nach Hause nehmen: Ihr Arbeitgeber wird ihnen die Betriebsrente um 30 bis 50 Prozent kürzen. Von den Einschnitten betroffen sind alle inländischen Beschäftigten, die vor 1998 in das Unternehmen eingetreten sind und heute noch keine 60 Jahre alt sind. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers verspricht sich der krisengeschüttelte Konzern davon Einsparungen "in zweistelliger Millionenhöhe". Brief an die Mitarbeiter In einem Brief an die Mitarbeiter zur Jahreswende heißt es, "die Neuordnung ist notwendig geworden, weil die Belastungen unserer Bilanz für die bisherigen Pensionsversprechen aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Höhe eine Größenordnung angenommen haben, die die Konzerngesellschaften nicht mehr weiterhin leisten können." Andere Unternehmen würden ähnliche Einschnitte prüfen. Tatsächlich haben angesichts der anhaltend schwierigen konjunkturellen Lage in den vergangenen Jahren bereits einige Großunternehmen ihre Betriebsrentensysteme kostensparend umstrukturiert. "Wurden früher in Abhängigkeit vom Gehalt und Dienstalter absolute Deckungszusagen gemacht, wird heute zumeist nur noch eine bestimmte prozentuale Sparleistung vom Verdienst versprochen", erklärt Betriebsrenten-Experte Arthur Birk, Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Bamberg. Aufwand überschaubar Dieses neue, so genannte beitragsorientierte System halte den Aufwand für die Arbeitgeber überschaubar, die Arbeitnehmer bekämen aber in der Regel weniger heraus. Als prominente Beispiele für eine solche Umstellung ihres Pensionssystems nennt der Fachmann Volkswagen, Siemens und BASF. Nach Birks Schätzungen erreichen die betrieblichen Vorsorgeleistungen heute höchstens noch zehn Prozent des letzten Bruttoverdienstes der Arbeitnehmer. In der Blütezeit der Betriebsrenten in den 70er und 80er Jahren hätten die betrieblichen Renten bis zu zwanzig Prozent des Gehalts erreicht. Entgegen den sinkenden Summen ist allerdings die Zahl der Arbeitnehmer, die eine betriebliche Altersvorsorge abschließen, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen (Grafik). Zweites Standbein dank staatlicher Förderung Nach Angaben von Bundessozialministerin Ulla Schmidt verfügten im März 2003 "dank der verbesserten staatlichen Förderung" 15,3 Millionen Beschäftigte in Deutschland über ein solches zweites Standbein neben der gesetzlichen Rente. Jeder Arbeitnehmer hat seit Anfang 2002 das Recht, einen Teil seines Gehalts für eine spätere Betriebsrente steuerfrei zurückzulegen. Im Unterschied zu den früheren Vorsorgemodellen beruhen diese neuen Betriebsrenten allerdings in den meisten Fällen auf der alleinigen Sparleistung der Arbeitnehmer. Bei den Streichungen von Commerzbank und Gerling handelt es sich dagegen um Pensionszusagen, die Arbeitgeber einst zusätzlich zum Gehalt gemacht haben und größtenteils auch heute noch alleine finanzieren. Mit zunehmender Lebenserwartung stieg in den vergangenen Jahren die Schar der Betriebsrentner in vielen Firmen drastisch an. Nach Hochrechnungen der Analysegesellschaft SES Research belaufen sich die Rentenverpflichtungen bei den 30 Dax-Unternehmen im Schnitt auf 7,6 Prozent der jeweiligen Lohn- und Gehaltssumme eines Jahres. Hohe Verpflichtungen Den größten Pensionstopf haben laut SES DaimlerChrysler mit rund 33 Milliarden Euro und Bayer mit 12,4 Milliarden Euro. Experten wie Birk oder auch Wolfgang Gehrke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Nürnberg, sind deshalb überzeugt, dass nun viele Unternehmen das Vorpreschen von Commerzbank und Gerling nutzen werden, ihre arbeitgeberfinanzierten Betriebsrenten weiter zusammenzuschrumpfen. Ein Tabu sein nun gebrochen, intern laufen die Kürzungsdiskussionen schon lange, verlautet es aus arbeitgebernahen Expertengremien. Am Mittwoch meldete sich noch einer der größten Arbeitgeberverbände Deutschlands zu Wort: Betriebsrenten, die der Arbeitgeber finanziere und die sich am letzten Gehalt des Arbeitnehmers orienterten, seien nicht mehr kalkulierbar, sagte der Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, Hans Werner Busch, im ZDF. | Nach der Commerzbank kürzt der Versicherer Gerling für 5000 Mitarbeiter die Pensionsversprechen. Experten sprechen schon von einem Systemwechsel. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/massive-einschnitte-das-grosse-sparen-bei-der-betriebsrente-1.906331 | Massive Einschnitte - Das große Sparen bei der Betriebsrente | 00/05/2010 |
Die von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) entwickelte Reform des Arbeitsmarkts könnte bis zu 1,4 Millionen neue Stellen schaffen - und damit zehnmal so viele wie das Konzept von Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD). Dies geht aus einem Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium hervor. Detailansicht öffnen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos: Gutachter Loben Arbeitsmarkt-Reform (Foto: Foto: dpa) Die Ökonomen des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) glauben, dass die Pläne von Glos ein wahres Job-Wunder auslösen könnten. 1,4 Millionen Stellen für Geringverdiener könnten entstehen, wenn Glos sich mit seinen Reformvorschlägen in der Großen Kolaition durchsetzt. Zugleich könnten die öffentlichen Haushalte bis zu 25 Milliarden Euro pro Jahr sparen. Das von Glos' Beamten erarbeitete Konzept sieht eine Arbeitspflicht für alle Hilfeempfänger vor. Jeder Erwerbslose müsste einer regulären Beschäftigung oder einer öffentlich bereit gestellten Arbeit - in Art der Ein-Euro-Jobs - nachgehen, sonst würde er keine staatliche Unterstützung mehr bekommen. Wer einen normalen Job hat, dadurch aber zu wenig zum Leben verdient, bekäme einen öffentlichen Zuschuss: Der Staat würde sein Einkommen aufstocken, sodass er genauso viel erhält wie eine Bezieher des Arbeitslosengelds II. Glos' Modell mit mehr Aussicht auf Erfolg Die Reform aus dem Bundeswirtschaftsministerium würde deutlich mehr Jobs schaffen und auch erheblich mehr Geld einsparen als das Konzept, das Arbeitsminister Müntefering präferiert. Der SPD-Minister bevorzugt ein Fördermodell für Geringverdiener, das die Ökonomen Peter Bofinger und Ulrich Walwei entwickelt haben. Sie hatten vorgeschlagen, dass der Staat Geringverdienern die Sozialversicherungsbeiträge völlig oder teilweise erstattet, damit diese mit ihrem Geld auskommen können und nicht zusätzliche Hilfen durch Hartz IV beantragen müssen. Zudem würden die Hinzuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslose und die Förderung von Minijobs reduziert. Das IZA rechnet beim von Müntefering bevorzugten Modell nur mit 146 000 neuen Stellen und Einsparungen von rund einer Milliarde Euro. Zudem beurteilen die Forscher das Modell als sehr bürokratisch und schwer durchschaubar. Das Konzept des Wirtschaftsministeriums, schlussfolgern die Bonner Ökonomen, "ist also weitaus wirksamer als andere aktuelle diskutierte Konzepte zur Belebung des Niedriglohnsektors in Deutschland". Für die weiteren Gespräche von SPD und Union über die Reformen am Arbeitsmarkt birgt das neue Gutachten Zündstoff. Bereits am Montag treffen sich Arbeitsmarkt-Experten der Großen Koalition unter Leitung von Müntefering zu den nächsten Verhandlungen. Es soll bei diesen Beratungen vor allem um das Problem gehen, wie niedrig entlohnte Jobs wieder attraktiver gestaltet werden können. Die Hartz-IV-Reform sowie die Steuer- und Abgabenlast haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass es sich für Erwerbslose in Deutschland eher lohnen kann, von einem Gelegenheitsjob plus Arbeitslosengeld zu leben, als eine reguläre Stelle anzunehmen. Dies will die Koalition ändern. Müntefering hatte dabei zuletzt mehrfach seine Präferenz für den von Bofinger und Walwei entwickelten Vorschlag herausgestellt. "Im Prinzip sollten wir diesen Weg gehen", hatte der Arbeitsminister kürzlich erklärt. Kräftige Einbußen für "Aufstocker" Der Gegenvorschlag von Glos würde vor allem für die sogenannten Aufstocker, die heute von Minijob und Stütze leben, "kräftige Einbußen" bedeuten, heißt es im Gutachten. Das rührt daher, dass jeder hinzuverdiente Euro auf das Arbeitslosengeld II angerechnet wird. Dieser Vorschlag sei "hochgradig wirksam, weil er auf einer richtigen Diagnose beruht, schreibt das IZA. Für viele Geringqualifizierte lohnt es sich bei dem heutigen Niveau der sozialen Grundsicherung nicht, eine reguläre Beschäftigung zu suchen", schreibt das Institut. Im Gegensatz zu heute hätten zudem alle Betroffenen mehr Anreiz, eine Vollzeitstelle zu suchen. Trotz der insgesamt positiven Bewertung benennen die Forscher auch Schwachstellen des Konzepts. So könne es Ausweichreaktionen geben, etwa könnten Arbeitslose ihre heutige "Einkommens- und Freizeitsituation annähernd perfekt wieder herstellen, indem sie nur eine Stunde beschäftigt sind". Zudem müsse das Problem gelöst werden, ausreichend öffentliche Beschäftigung bereitzustellen. Dies könne aber gelingen, schreiben die IZA-Experten. | Der Wirtschaftsminister will 1,4 Millionen Stellen für Geringverdiener schaffen. Gutachter loben die Reform. Arbeitsminister Müntefering präferiert einen anderen Weg. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/reform-des-arbeitsmarktes-glos-hofft-auf-job-wunder-1.914503 | Reform des Arbeitsmarktes - Glos hofft auf Job-Wunder | 00/05/2010 |
Schanghais Geschäftsleute fürchten Wei Wujun. Als einer der ersten Privatdetektive Chinas spürt Wei einer scheuen Spezies nach: Ehebrechern. Wei Wujun hat Motor und Licht seines Wagens ausgeschaltet und wartet. Es ist früher Freitagabend, langsam kommen die ersten Gäste. Wei will nicht erkannt werden. Er beobachtet den Eingang von einer Seitenstraße aus. Detailansicht öffnen Teures Präsent unter Geschäftsfreunden: Eine mit Designermöbeln vollausgestattete Wohnung samt junger Konkubine. (Foto: Foto: AP) Männer in dunklen Anzügen betreten das Gebäude, eine Shoppingmall, neben den Kleiderständen führt ein Aufzug nach oben, im vierten Stock liegt der Karaokeclub LA Disco, einer der teuersten und exklusivsten Clubs der Stadt. "Hunderte Mädchen arbeiten da", sagt Wei. Und als die Geschäftsleute nach ein paar Stunden wieder herauskommen und Taxis herbeiwinken, halten viele ein Mädchen im Arm. Doch Wei hat heute Abend nicht gesehen, was er wollte; mehrmals hat er die Kamera vor das Gesicht gehalten, aber seine Zielperson konnte er nicht entdecken. Zehntausende Karaokeclubs mit privaten Separees gibt es inzwischen in Schanghai, doch kaum ein Besucher kommt aus Liebe zur Musik: Nebenfrauen sind unverzichtbares Statussymbol Fast alle Etablissements beschäftigen Animierdamen. "Hier finden Chinas Geschäftsleute ihre Konkubinen", sagt Wei. Für Chinas neureiche Unternehmer sind junge Nebenfrauen inzwischen zu einem unverzichtbaren Statussymbol geworden. Sie nennen Wei Wujun den "Konkubinen-Killer". Die Kamera ist auf das Bett gerichtet, ein breiter Rahmen aus dunklem Holz in der hinteren Zimmerecke, darauf eine Bambusmatte. Die Uhr rechts unten im Bildschirm zeigt 22:17 Uhr, als ein Paar das Zimmer betritt. Das Mädchen, keine zwanzig Jahre alt, trägt eine cremefarbene Hose und ein hellblaues Hemd. Vor ihr geht ein älterer Herr in dunkler Kleidung, auf dem Arm trägt er ein paar Schuhkartons, mehrmals klingelt sein Handy. Offenbar ist er Geschäftsmann. Der Mann zieht sich bis auf die Schlabberunterhose aus. Sie küssen sich, duschen, legen sich ins Bett. Dann schaltet er das Licht aus, und das Bild wird schwarz. "Das war der Augenblick, in dem wir gekommen sind", sagt Wei Wujun. Er lächelt. | Schanghais Geschäftsleute fürchten Wei Wujun. Als einer der ersten Privatdetektive Chinas spürt Wei einer scheuen Spezies nach: Ehebrechern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kleine-ehefrauen-der-jaeger-der-konkubinen-1.877610 | """Kleine Ehefrauen"" - Der Jäger der Konkubinen" | 00/05/2010 |
Silber erlebt seit einigen Jahren im Sog von Gold eine Renaissance. Noch Anfang und Mitte der neunziger Jahre bewegte sich der Silberpreis auf relativ niedrigem Niveau, bei fünf US-Dollar durchschnittlich. Doch seit 1998 zeigt die Notierung aufstrebende Tendenz. Im vergangenen Jahr erreichte sie vorübergehend 8,40 US-Dollar pro Feinunze, den höchsten Stand seit 17 Jahren, bevor sie sich zwischen sechs und sieben Dollar einpendelte. Seit Anfang des Jahres ist der Silberpreis kaum gestiegen, aber mit rund sieben Dollar je Feinunze ist er immer noch relativ hoch. Detailansicht öffnen Silbermünzen aus der Zeit des römischen Reiches. (Foto: Foto: dpa) Silber ist ein Nebenprodukt bei der Förderung von Blei, Kupfer, Gold und Nickel. Hauptproduzenten sind Mexiko, Peru, Australien, China und Polen. Dann folgen die USA und Kanada. Silber ist ein exzellentes Leitmetall für Strom und Wärme und ein wenig härter als Gold. Der Rohstoff wird in großen Mengen (39 Prozent) in der Industrie -- vor allem im Elektronikbereich - gebraucht. Für die Herstellung von Tafelsilber und Schmuck fallen 32 Prozent an. Hinzu kommen vier Prozent für die Münzprägung. Photoindustrie mit hohem Bedarf Relativ hoch ist mit 25 Prozent der Weltjahresproduktion auch der Bedarf der Fotobranche. Der Einsatz im Fotografiebereich nimmt zwar nach dem Einzug der digitalen Fotographie schon seit fünf Jahren ab. Auch die Verwendung für Bestecke und Schmuck ging wegen des hohen Preises im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent zurück. Aber Silber findet neue Anwendungen, zum Beispiel bei antibakteriellen Wundverbänden. Die Nachfrage im Elektroniksektor stieg im Jahr 2004 um fast 14 Prozent. Dem Silberpreis hilft die Tatsache, dass die weltweiten Silbervorräte, die zum Verbrauch bereit stehen, abnehmen und es wenig neue Minen gibt. Silberverkäufe von Regierungen -- und das betraf 2004 fast ausschließlich die chinesische Regierung - nahmen im vergangenen Jahr um 30 Prozent ab, trotz der hohen Silberpreise. Lagerbestände auf Tiefstniveau Das ist für Experten ein deutliches Zeichen, dass die einst beträchtlichen Lagerbestände Chinas drastisch reduziert sein dürften. Diesen Rückgang im Angebot macht auch die Schürfung nicht wett, obwohl die globale Produktion aus Minen im vergangenen Jahr um vier Prozent auf 19.731 Tonnen stieg. Weltweit wird seit über einer Dekade jährlich mehr Silber verarbeitet als produziert. Deshalb sind die Bestände relativ niedrig, aber sie reichen nach Auffassung von Experten immer noch für rund fünf Jahre. Erst dann könnte eine drastische Verknappung eintreten. | Silber erlebt seit einigen Jahren im Sog von Gold eine Renaissance. Noch Anfang und Mitte der neunziger Jahre bewegte sich der Silberpreis auf relativ niedrigem Niveau, bei fünf US-Dollar durchschnittlich. Doch seit 1998 zeigt die Notierung aufstrebende Tendenz. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-rohstoffe-iii-silbervorraete-werden-knapp-1.905239 | SZ-Serie: Rohstoffe (III) - Silbervorräte werden knapp | 00/05/2010 |
Nach einer Studie hängt dies mit der zunehmenden Verbreitung von Breitbandanschlüssen zusammen. Medienunternehmen können sich in Zukunft neue Geschäftsfelder und Kostenvorteile erschließen. Kostenpflichtige Internet-Angebote werden mit zunehmender Verbreitung von Breitbandanschlüssen nach dem Ergebnis einer Studie in Europa zunehmend lukrativer. "Der Erfolg von Apple mit iTunes zeigt, dass sogar Medienformate verkauft werden können, die zuvor von Internet-Usern illegal kopiert und verbreitet wurden, wenn Aufmachung und Preisstruktur stimmen", sagte Werner Trattnig, Leiter der deutschen Zweigstelle des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCooper (PwC) in Frankfurt am Main. Kostenreduktion "Sobald die Datenleitungs-Kapazitäten ausgebaut sind, werden sich den Medienunternehmen neue Geschäftsfelder und Kostenvorteile erschließen." könnten bei der Distribution überflüssig werden. Besondere Angebote wie Video-Sequenzen, spezialisierte Nachrichtendienste oder Hintergrundinformationen für Geldanleger hätten sich bereits etabliert. "Erfolg versprechen aber auch Online-Spiele und die Vermarktung semi-professioneller Tools für Web-Konferenzen oder die Produktion von Videofilmen." Marktvolumen steigt Bis zum Jahr 2007 werden der vorgestellten Studie zufolge bereits voraussichtlich rund 23 Prozent der europäischen Internetnutzer bereit sein, für Inhalte und Dienstleistungen wie hochwertige Videoformate und interaktive Filme Geld auszugeben. Mit der Verbreitung von Breitbandzugängen in mehr als 62 Millionen europäischen Haushalten werde zu diesem Zeitpunkt mit kostenpflichtigen Angeboten ein Marktvolumen von 3,1 Milliarden Euro erreicht werden können. Deutschland im Mittelfeld Ende 2002 verfügten in Deutschland den Angaben zufolge 33 Prozent der Haushalte über konventionelle Internet-Anschlüsse und 10 Prozent über Breitband-Zugänge. Deutschland liege im europäischen Vergleich damit zwar nur im Mittelfeld, konnte allerdings die Zahl der Breiband-Anschlüsse im Jahresvergleich auf 3,8 Millionen Haushalte verdoppeln. Preissenkungen bei DSL-Flatrates hätten viele Internet-Nutzer zum Umstieg auf die neue Technologie motiviert. | Nach einer Studie hängt dies mit der zunehmenden Verbreitung von Breitbandanschlüssen zusammen. Medienunternehmen können sich in Zukunft neue Geschäftsfelder und Kostenvorteile erschließen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/internet-kostenpflichtige-angebote-immer-attraktiver-1.906832 | Internet - Kostenpflichtige Angebote immer attraktiver | 00/05/2010 |
Hauptursache für den Februar-Rekord sind die kalte Witterung und die Hartz-IV-Regeln. Politiker und Verbände nehmen die Zahlen derweil zum Anlass, weiter über mögliche Reformen zu streiten. Die Arbeitslosigkeit hat einen Nachkriegsrekord erreicht. Im Februar waren über 5,2 Millionen Menschen als arbeitslos gemeldet, wie aus Kreisen der Bundesagentur für Arbeit (BA) verlautete. Detailansicht öffnen Schon wieder ein neuer Rekord: 5,2 Millionen Menschen waren im Februar arbeitslos. (Foto: Foto: dpa) Sie will an diesem Dienstag die Zahlen vorstellen. Unterdessen ging der Streit um Hartz IV und mögliche Reformen weiter. Der Rekordstand hatte sich seit längerem angedeutet. Bereits vor einigen Tagen hatten Arbeitsmarktexperten einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet und begründeten dies vor allem mit der konjunkturellen Entwicklung. Auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) rechnete mit einem weiteren Zuwachs, wie er kürzlich sagte. Vor allem junge Leute neu in der Statistik Nun ist der Anstieg auf über 5,2 Millionen offenbar größer ausgefallen als gedacht. Im Januar lag die Zahl der Arbeitslosen bei 5,037 Millionen Menschen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gibt es für den Zuwachs mehrere Gründe. Dazu zählen neben der schwachen Konjunktur und der kalten Witterung vor allem die neuen Regeln von Hartz IV. Danach sind viele junge Leute als arbeitslos gemeldet, weil sie nun als erwerbsfähig gelten und Arbeitslosengeld II erhalten. Früher bezogen sie Sozialhilfe und tauchten nicht in der Arbeitslosenstatistik auf. Ruf nach Reformen Auf diese jungen Arbeitslosen unter 25 Jahren will sich auch die SPD künftig stärker konzentrieren. Wie Parteichef Franz Müntefering am Montag nach einer Sitzung des Präsidiums sagte, müsse man die Gründe des Scheiterns der jungen Leute klären und Gegenmaßnahmen ergreifen. Konkrete Schritte kündigte er aber nicht an. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sagte, er hoffe, dass inzwischen der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit überschritten sei. Vielleicht gelinge es schon im März, "die Arbeitsmarktzahlen nach unten zu bringen". Angesichts des neuen Rekordstandes bei der Arbeitslosigkeit wurde der Ruf nach Reformen lauter. Die Wirtschaft verlangte Steuernachlässe für Firmen, die Gewerkschaften wollen die Arbeitnehmer entlasten. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, kritisierte, "Deutschland verharre in einer Umsetzungsstarre". Nach Hartz IV müsste jetzt Hartz V folgen, wodurch die Steuern und Abgaben für Firmen sinken könnten. "Unternehmen in der Pflicht" Dagegen sehen die Gewerkschaften vor allem die Unternehmen in der Pflicht. Es gebe auch eine "Verantwortung der Firmen, in Deutschland zu investieren und nicht weiter Personal abzubauen", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer. Die Betriebe seien in den vergangenen Jahren kräftig entlastet worden. Außerdem sehe sie "dringenden Handlungsbedarf" bei den vielen jungen Arbeitslosen. Der beunruhigende Anstieg in dieser Klientel werde sich auch nicht durch die demographische Entwicklung in den nächsten Jahren verbessern, wenn mehr Ältere aus dem Berufsleben ausscheiden werden. Streit um Tricks Unterdessen ging der Streit um die Arbeitsmarktreformen weiter. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) warnte davor, dass sich der Bund mit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe finanziell übernommen hat. Er rechne mit einer Finanzlücke von mindestens sieben Milliarden Euro. Dazu kämen noch Lasten aus den Unterkunftskosten, die derzeit noch ermittelt würden. Eine zusätzliche Lücke werde durch die Kosten für die Eingliederung erwerbsfähiger Arbeitsloser entstehen. "Damit steht die Finanzierung der gesamten Reform in Frage", sagte der CDU-Politiker. Wulff kritisierte zudem, dass das Bundeswirtschaftsministerium versuche, Belastungen abzuwälzen und die Kommunen "reich zu rechnen". Kein Mißbrauch "in großem Stil" durch die Kommumen Bereits vergangene Woche wurde deutlich, dass durch Hartz IV ein neues Milliardenloch im Bundeshaushalt entstehen könnte. Zahlen aus dem Monatsbericht von Finanzminister Hans Eichel (SPD) deuteten auf eine Lücke von 6,4 Milliarden Euro. Seitdem wogt ein Streit zwischen Clement und Kommunen um mögliche Tricks, mit denen Städte und Gemeinden Kosten auf den Bund abwälzen wollen. In diesem Zwist, bei dem es um die angeblich falsche Einstufung erwerbsunfähiger Sozialhilfeempfänger zu arbeitsfähigen Beziehern des Arbeitslosengeldes II geht, hat der CDU-Arbeitsmarktexperte Karl-Josef Laumann Städten und Gemeinden den Rücken gestärkt. Nach seinen Worten hat es zwar in einigen Fällen Mißbrauch gegeben. Er schloss aber aus, dass die Kommunen in großem Stil auf diese Weise vorgegangen seien. Die Zahl der Empfänger des Arbeitslosengeldes sei generell höher als ursprünglich angenommen, sagte Laumann. | Hauptursache für den Februar-Rekord sind die kalte Witterung und die Hartz-IV-Regeln. Politiker und Verbände nehmen die Zahlen derweil zum Anlass, weiter über mögliche Reformen zu streiten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/5-2-millionen-arbeitslose-anlass-fuer-neuen-streit-1.899747 | 5,2 Millionen Arbeitslose - Anlass für neuen Streit | 00/05/2010 |
Sie verdienen Millionen und logieren in bester Lage. Topmanager erleben die Welt aus einer besonderen Perspektive. Doch mit dem Einfluss wächst auch die Verantwortung. Wer bis an die Spitze eines Unternehmens vorgestoßen ist, hat es nach allgemeiner Auffassung geschafft: Höher geht es nicht. Detailansicht öffnen Erleben die Welt oft aus einer anderen Perspektive: Spitzenmanager, die sich in Davos mit Gleichgesinnten austauschen können. (Foto: Foto: Reuters) Dort oben freilich ist die Luft dünn, heute mehr denn je. Der Manager von heute ist ein Getriebener. Nicht nur befindet er sich im Dauerstress, und es nagt - nimmt er seine Aufgabe ernst - die Verantwortung für Milliardenumsätze und Zehntausende Arbeitsplätzen an ihm. Handelt es sich um ein börsennotiertes Unternehmen, sitzen dem Vorstandschef die Investoren im Nacken - und die Medien, die ihrer Informationspflicht so umfassend und kompromisslos wie nie zuvor gerecht werden. Der kleinste Fehler in der Öffentlichkeit kann sich rächen und das Image des Konzerns empfindlich beschädigen. Zeiten haben sich geändert Früher war das anders. Zumal in Deutschland, wo im bequemen Zeitalter des Korporatismus die Konzernchefs des Landes vielfach vergleichsweise ungestört von äußeren Einflüssen blieben. Was nur deshalb meist auch zum Vorteil des Unternehmens gereichte, weil die Welt noch stark segmentiert war und der globale Wettbewerb die mächtigen Wirtschaftsnationen kaum im eigenen Land behelligte. Seitdem aber moderne Kommunikation und Logistik den totalen Austausch ermöglichen und die Welt ein Dorf ist, fegt der raue Wind der Veränderung auch durch die Topetagen. Vergleichsweise idyllisch war einst auch das unmittelbare Umfeld des Managers, das Verhältnis zu Aufsichts- und Betriebsrat, zu Banken und Aktionären. Man kannte sich, man arrangierte sich, man bediente sich - aber in Maßen. Es waren deutsche Topmanager selbst, die diese Ruhe aufkündigten - zum Beispiel bei der Frage ihrer Gehälter. Einkünfte wie in den USA Spitzeneinkünfte fast wie in den Vereinigten Staaten von Amerika reklamierte der eine oder andere, und dann immer mehr: Die Welt war ja vergleichbar geworden. Gehaltsverdoppelungen, Leistungskomponente obendrauf, Aktienoptionen - wer sich nicht bediente, war ganz schön dumm. Unglücklicherweise nahm das Gros der Konzernlenker den richtig großen Schluck aus der Pulle just in einer Phase, da erst der Börsenboom und dann der Aufschwung abflaute. Die üppigen Gehaltserhöhungen trafen mit Nullrunden der Belegschaften zusammen, mit Abbau von Sozialleistungen und nicht selten auch mit Verlust des Arbeitsplatzes. Hinzu kamen Missmanagement oder auch nur wachsender Geschäftsdruck: Deutsche Wertarbeit verkauft sich eben nicht mehr von allein, und schon gar nicht mit erhobener Nase. Weil aber Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen, wird zunehmend auch die ethische Integrität in Frage gestellt. Ein Manager in Deutschland zu sein, gilt in der Öffentlichkeit manchmal sogar schon als ehrenrührig. | Sie verdienen Millionen und logieren in bester Lage. Topmanager erleben die Welt aus einer besonderen Perspektive. Doch mit dem Einfluss wächst auch die Verantwortung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/treffen-der-spitzenmanager-in-davos-getriebene-manager-1.903399 | Treffen der Spitzenmanager in Davos - Getriebene Manager | 00/05/2010 |
Obwohl die Neuverschuldung des Bundes erstmals seit fünf Jahren unter der europäischen Drei-Prozent-Grenze bleibt, halten die fünf Wirtschaftweisen den Bundeshaushalt 2006 für verfassungswidrig. In ihrem am Mittwoch veröffentlichten Jahresgutachten attestierten die fünf Wirtschaftsweisen der Bundesregierung wegen der überhöhten Neuverschuldung des Bundes in diesem Jahr einen Verfassungsverstoß. Detailansicht öffnen Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup, übergibt Kanzlerin Merkel in Berlin das Jahresgutachten für 2006. (Foto: Foto: AP) Die Neuverschuldung des Bundes übersteige entgegen den Verfassungsregeln die Investitionen weit. Dass die Regierung diesen Fakt mit einer Ausnahmeregelung des Grundgesetzes rechtfertige, sei "nicht nachvollziehbar" und erwecke den "Eindruck der Beliebigkeit", schreibt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in seinem Gutachten. Der Grundgesetzartikel 115, der eine überhöhte Staatsverschuldung erschweren soll, erweise sich "als Papiertiger". Der Sachempfiehlt daher eine Änderung des Investitionsbegriffs. Das deutsche Staatsdefizit wird allerdings nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen in diesem Jahr - erstmals seit 2001 - mit 2,2 Prozent deutlich unter der europäischen Verschuldungsgrenze von 3,0 Prozent bleiben und im nächsten Jahr weiter auf 1,5 Prozent sinken. "Kein Einbruch" Die Weisen erwarten für kommendes Jahr trotz der Mehrwertsteuererhöhung keinen Konjunktureinbruch. Vielmehr seien die Voraussetzungen für einen - wenn auch gedämpften - Aufschwung gegeben, bei dem sich das Wachstum von 2,4 Prozent in diesem Jahr leicht auf 1,8 Prozent im Jahr 2007 abschwächt. Auch in Bezug auf die Arbeitslosigkeit zeigte sich der Rat optimistisch. Der Prognose zufolge werden kommendes Jahr durchschnittlich 4,27 Millionen Menschen arbeitslos sein, das wären rund 270.000 weniger als dieses Jahr. Erwerbstätigkeit soll steigen Parallel soll die Zahl der Erwerbstätigen ebenfalls um gut 250.000 auf durchschnittlich 39,3 Millionen im Jahr 2007 steigen und die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um gut 300.000 auf 26,62 Millionen. Die sprudelnden Steuereinnahmen und die Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent zum 1. Januar entlasten der Vorhersage zufolge die Staatskassen deutlich. | Obwohl die Neuverschuldung des Bundes erstmals seit fünf Jahren unter der europäischen Drei-Prozent-Grenze bleibt, halten die fünf Wirtschaftweisen den Bundeshaushalt 2006 für verfassungswidrig. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/jahresgutachten-der-fuenf-wirtschaftsweisen-der-bundeshaushalt-2006-verstoesst-gegen-das-grundgesetz-1.906141 | "Jahresgutachten der fünf Wirtschaftsweisen - ""Der Bundeshaushalt 2006 verstößt gegen das Grundgesetz""" | 00/05/2010 |
Vier Wochen nach Beginn des neuen Ausbildungsjahres waren zum gesetzlichen Stichtag 30. September bundesweit noch immer 40.900 Bewerber bei den Arbeitsämtern als unversorgt gemeldet. Dies geht nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) aus der Lehrstellenbilanz 2005 hervor, die die Bundesregierung zusammen mit den Wirtschaftsverbänden und der Bundesagentur für Arbeit heute in Berlin vorlegt. Detailansicht öffnen Kaum Lichtblicke: Erneut ist das Gesamtangebot an Lehrstellen zurückgegangen. (Foto: Foto: ddp) Die Zahl der Unversorgten ist damit um rund 3.200 kleiner als im Vorjahr. Das Ausbildungsjahr beginnt offiziell zum 1. September. Nach der Bilanz haben Unternehmen und Verwaltungen den Arbeitsämtern in den vergangenen zwölf Monaten erneut weniger betriebliche Lehrstellen zur Vermittlung angeboten als im Vorjahr. Die Zahl reduzierte sich auf 471.000. Dies sind 48.400 oder 8,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Rechnerische Lücke Rund 12.600 Lehrstellen sind noch nicht besetzt. Die rechnerische Lücke zwischen Gesamtangebot und Nachfrage liegt bei 28.300 und fällt damit um rund 2.400 Lehrstellen niedriger aus als im Vorjahr. Gleichwohl weist die Lehrstellenbilanz zum 30. September jetzt auch im vierten Jahr in Folge ein Defizit auf. Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt hatte sich zunächst zwischen 1999 und 2001 deutlich entspannt. Die bislang schlechteste Lehrstellenbilanz hatte es 1997 gegeben, als der damalige Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) 47.400 unversorgte Jugendliche zum Stichtag melden musste. Bundesregierung und Wirtschaftsverbände, die sich seit zwei Jahren in einem "Bündnis für Ausbildung" zusammengeschlossen haben, sind dennoch überzeugt, dass auch diesmal bis zum Jahresende der größte Teil der derzeit rund 40.900 Unversorgten nachträglich vermittelt werden kann. Ihnen werden reguläre Lehrstellen angeboten, aber auch so genannte Einstiegsqualifikationen. Zusage erfüllt Nach einem Bericht der Zeitung Die Welt (Mittwoch) haben die Wirtschaftsverbände ihre im Rahmen des "Bündnisses für Ausbildung" gegebene Zusage auch in diesem Jahr erfüllt, mindestens 30.000 zusätzliche Lehrstellen einzuwerben. Insgesamt ist von über 50.000 neuen Ausbildungsmöglichkeiten die Rede, vor allem in Betrieben, die bisher noch nicht ausgebildet haben. Der erneute Rückgang des Gesamtangebotes erklärt sich jedoch dadurch, dass andere Betriebe gleichzeitig erheblich mehr Lehrstellen abgebaut haben. Nach einer internen Zählung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und des Handwerks bewegt sich die Zahl der abgeschlossenen Verträge in etwa auf Vorjahresniveau. | Vier Wochen nach Beginn des neuen Ausbildungsjahres waren zum gesetzlichen Stichtag 30. September bundesweit noch immer 40.900 Bewerber bei den Arbeitsämtern als unversorgt gemeldet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lehrstellenbilanz-fast-41-000-jugendliche-ohne-ausbildungsplatz-1.919152 | Lehrstellenbilanz - Fast 41.000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz | 00/05/2010 |
Die Beratungsstellen sind überfordert: Drei Millionen Haushalte in Deutschland können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, jeder dritte Erwachsene hat finanzielle Probleme. Tomm hat es geschafft. "Ich kann mich endlich wieder freuen", schreibt der Mann, der weder Alter, Beruf noch Nachnamen nennen möchte, in einem Internet-Forum der Schuldnerberatung. Er ist zwar immer noch pleite, wie viele andere, die sich unter Pseudonymen wie Mineralwasser, Schuldner oder Wirdschonwiedergut auf der Homepage www.forum-schuldnerberatung.de tummeln und ihre Erfahrungen über den Umgang mit unbezahlten Rechnungen und Pfändungsfreigrenzen austauschen. Aber Tomm hat auf dem Weg aus der Schuldenfalle ein wichtiges Etappenziel erreicht. Seit kurzem läuft sein Insolvenzverfahren. Nun hat er zumindest die Aussicht, dass er in etwa sechs Jahren seine Schulden los ist. Im ersten Halbjahr 2003 gingen bei den Gerichten nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Bürgel mehr als 32000 Insolvenzanträge von Konsumenten und Kleingewerbetreibenden ein, gut 50 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. In vielen Fällen verlockten scheinbar lukrative Ratenkredit-Angebote die Verbraucher zu überzogener Kreditaufnahme. Zwar hat der starke Anstieg der Insolvenzanträge in erster Linie strukturelle Gründe. Ende 2001 wurde ein großes Manko der Insolvenzordnung beseitigt. Seither können private Schuldner die Gerichtskosten nach und nach abstottern. Die Lage bleibt dennoch prekär. Letzte Ausfahrt: Insolvenz Vor Gericht landen nur die allerwenigsten Krisenfälle. Die Schuldner-Karriere beginnt lange vorher mit unbezahlten Rechnungen, Mahnungen, irgendwann folgen Offenbarungseid und Gerichtsvollzieher und am Ende als letzter Ausweg der Insolvenzrichter. Nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums sind knapp drei Millionen Haushalte in Deutschland überschuldet, das heißt, sie können ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Die Dunkelziffer derer, die sich am Rande der privaten Pleite bewegen, dürfte hoch sein. "Jeder dritte Erwachsene hat finanzielle Probleme", ist Marius Stark, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände überzeugt. Der AG SBV repräsentiert rund 1100 meist staatlich anerkannte Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstellen, die bundesweit von Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Paritätischem Wohlfahrtsverband, Rotem Kreuz, Diakonischem Werk, den Verbraucherzentralen und Kommunen betrieben werden. Genaue Zahlen über das aktuelle Ausmaß des finanziellen Desasters gibt es nicht, nur Hinweise. So stiegen Bürgel zufolge in den ersten sechs Monaten die "gerichtlichen Maßnahmen zur Eintreibung ausstehender Forderungen" um 14,5 Prozent auf gut 838330 Fälle. Allein mehr als eine halbe Million Schuldner mussten eine Eidesstattliche Versicherung - früher Offenbarungseid - abgeben. In vielen Fällen legten die Schuldner nur unter Haftandrohung ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse offen. Berater ausgebucht In wirtschaftlich schlechten Zeiten suchen mehr Menschen die Schuldenberater auf. "Entsprechend lang seien die Wartezeiten", sagt Peter Schubert von der Caritas Schuldnerberatung in München. Termine hat er erst wieder im Februar 2004 frei. Viele haben sich mit ihren Schulden abgefunden, "Mahnschreiben landen ungeöffnet in irgendeiner Ecke", sagt Stark. Andere warten viel zu lange mit dem Gang zur Schuldnerberatung oder zum Rechtsanwalt - auch aus Scham, ihre Unfähigkeit im Umgang mit Geld öffentlich einzugestehen. "Sie können schlichtweg nicht haushalten", sagt Stark: "Arbeitslosigkeit, Scheidung, Immobilienkauf oder Ehe lösen dann die finanzielle Katastrophe aus." Zwar hat es die neue Insolvenzordnung Verbrauchern überhaupt erst ermöglicht, sich in einem mehrstufigen Verfahren von ihren Schulden zu befreien. Die Verfahren sind Schubert zufolge aber viel zu kompliziert. Außerdem fehle es an Beratungsstellen, beklagt Stark. Auf 50000 Einwohner müssten eigentlich zwei Berater kommen, derzeit sei es nicht einmal einer. "Da bleibt nur die Zeit für eine Nullachtfünfzehn-Beratung", kritisiert der Sprecher der AG SBV. Eine Änderung der sozialen Verhaltensweisen oder wirtschaftlicher Unterricht sei in solchen Standard-Beratungen kaum möglich. | Die Beratungsstellen sind überfordert: Drei Millionen Haushalte in Deutschland können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, jeder dritte Erwachsene hat finanzielle Probleme. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schuldenfalle-die-grosse-pleite-1.902943 | Schuldenfalle - Die große Pleite | 00/05/2010 |
Wer glaubt, sich keinen Maler mehr leisten zu können, sollte noch einen Blick ins Internet werfen, bevor er selbst zum Heimwerker wird. Dort kann man Arbeit versteigern — an den günstigsten Anbieter, versteht sich. 278 Miniatur-Lokomotiven und 600 Anhänger mit Wattestäbchen reinigen - eine zeitraubende Mühsal. Zehn Euro pro Stunde will der Sammler dafür zahlen. Kein schlechter Lohn, aber wo findet er Aushilfe? Vielleicht im Internet. Detailansicht öffnen Auch Dachdeckerarbeiten kann man im Internet ausschreiben. (Foto: Foto: ddp) Die meisten Angebote auf den Internetseiten der Handwerks- und Dienstleistungsvermittler sind weniger skurril. Oft geht es um Maler- oder Reparaturarbeiten, manchmal auch nur um den Heckenschnitt im Garten. Doch egal ob www.undertool.de, www.jobdoo.de, www.biet-it.de oder www.ipeon.de - wer den Job will, muss ihn erst ersteigern. Das Prinzip ist ähnlich wie bei ebay, nur, dass die Versteigerung umgekehrt läuft: Derjenige, der den niedrigsten Preis bietet, erhält den Zuschlag. Anbieten kann jeder, dafür ist der Regel eine Gebühr von bis zu fünf Euro fällig. Bei erfolgreicher Vermittlung kassieren die meisten Portale dann noch eine Provision, die vom Endpreis abhängig ist. Die Betreiber vermitteln die Verträge lediglich. Wie die zu verrichtende Arbeit genau aussieht und wann die Zahlung fällig ist, müssen Anbieter und Bieter unter sich regeln. Eine Chance für kleinere Betriebe Thomas Grochowalski hat vor gut einem Jahr mit www.undertool.de das erste Handwerks-Portal eröffnet. Auf die Idee ist er gekommen, als er selbst mit einem Bekannten im Internet Aufträge suchte und außer öffentlichen Großausschreibungen nichts finden konnte. "Wir wollten dann etwas schaffen, von dem beide Seiten etwas haben: Der eine bekommt es günstig, der andere kann sich überlegen, für wie viel Geld er bereit ist zu arbeiten", sagt Grochowalski. Besonders kleine Handwerksbetriebe und Ich-AGs würden so ihre Auftragslage verbessern. Bei undertool gilt jedoch: Nur wer einen Gewerbeschein hat, kann mitbieten. "Wir wollen keine undurchsichtigen Geschäfte. Die Leute sollen wissen, wer ihnen Angebote macht" erklärt Grochowalski. Ob die Aufträge auch ordnungsgemäß angemeldet oder am Fiskus vorbei abgewickelt werden, können die Betreiber nicht nachvollziehen. Die Vorlage eines Gewerbescheines sei jedenfalls keine Garantie gegen Schwarzarbeit, findet André Schmidt, Sprecher von www.jobdoo.de. Er vertraue da lieber darauf, dass die Kunden wüssten, dass ja jeder, also auch das Finanzamt, die Internetseiten einsehen kann. Besonders wichtig: Kundenbewertungen Und was tun, wenn ein ersteigerter Handwerker gar nicht erst auftaucht? Sowohl undertool als auch jobdoo wollen ihren Kunden zumindest die angefallenen Gebühren zurückerstatten und die unzuverlässigen Mitbieter aus der Kartei streichen. Deshalb ist es auch wichtig, dass die Kunden ihre Handwerker bewerten. Hat ein Bieter zu schlechte Noten bekommen, fliegt er raus aus dem Portal. Alexander Legowski, Sprecher des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), sieht die Entwicklung der Portale gelassen. Es sei zu früh, um schon ein Urteil zu fällen. Außerdem sei das Prinzip der Internetversteigerungen schon von Großaufträgen der öffentlichen Hand bekannt. "Jeder muss selber wissen, wie günstig er arbeiten kann" Generell müsse jeder Betrieb selber wissen, wie günstig er anbieten kann. "Sollte es negative Entwicklungen in diesem Bereich geben, werden wir unsere Mitglieder natürlich entsprechend beraten", sagte er. Was die potentiellen Mitbieter fürchten, kann man im Diskussionsforum auf www.heise.de, eine Seite für Computerbegeisterte, nachlesen. Da schimpfen Handwerker über Lohn-Dumping und Preisdrückerei. Bei den unverschämten Angeboten könne doch keiner mehr gute Arbeit abliefern. Solchen Bedenken widersprechen die Betreiber entschieden. Es werde ja keiner dazu gezwungen, ein Angebot anzugeben, heißt es. "Oft bieten die, die erst groß wettern, doch nachher bei uns mit" führt Grochowalski aus. | Wer glaubt, sich keinen Maler mehr leisten zu können, sollte noch einen Blick ins Internet werfen, bevor er selbst zum Heimwerker wird. Dort kann man Arbeit versteigern — an den günstigsten Anbieter, versteht sich. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/internetportale-wer-am-wenigsten-bietet-erhaelt-den-zuschlag-1.902702 | Internetportale - Wer am wenigsten bietet, erhält den Zuschlag | 00/05/2010 |
Fernreisende steigen offenbar wieder häufiger in den Zug ein. Die seit Mitte vergangenen Jahres rückläufige Zahl im Personenfernverkehr der Bahn sei im Februar erstmals wieder gestiegen, heißt es in einem Zeitungsbericht. Das Handelsblatt meldete unter Berufung auf Unternehmenskreise, Bahnchef Hartmut Mehdorn werde in der Aufsichtsratssitzung am Freitag von einer "deutlichen Bewegung" nach oben berichten können. Detailansicht öffnen Schnell in die Ferne: ICE-Züge. (Foto: Foto: dpa) Der Umsatz im Fernverkehr habe bis auf die Stelle hinter dem Komma das Niveau des Februars 2003 erreicht, liege allerdings knapp unter den Planungen. Im vergangenen Jahr habe die Bahn im Fernverkehr einen Verlust von 470 Millionen Euro eingefahren, schreibt das Handelsblatt weiter. Grund für das Minus sei vor allem die Pleite mit dem neuen Preissystem gewesen. Ein Bahn-Sprecher wollte die Angaben auf Anfrage nicht kommentieren und verwies auf die Veröffentlichung der Bahn-Ergebnisse am Freitag. Langfristige Zusagen gefordert Die Wirtschaftswoche berichtete unterdessen, die Bahn wolle bis 2006 fit für die Börse werden. Dazu fordere das Unternehmen vom Staat langfristige Hilfszusagen in Milliardenhöhe. Auch die Korrektur der Tarife habe im Fernverkehr 2003 keine Verbesserung mehr gebracht, hieß es in dem Handelsblatt-Bericht. Die Bahn begründe dies mit der schlechten Konjunktur. Hinzu seien katastrophale Einbrüche bei der Pünktlichkeit der Züge gekommen. Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2003 seien die Verspätungen jedoch kontinuierlich zurückgegangen, gab die Zeitung Bahn-Kreise wieder. Mehr als 90 Prozent aller Fernzüge würden heute weniger als fünf Minuten verspätet sein. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn wird am Freitag dem Aussichtrat die vorläufige Bilanz seines Unternehmen vorlegen. Dabei seien "wesentliche Eckdaten" der Planung auch im schwierigen Konjunkturumfeld erreicht worden, zitiert die Zeitung die Bahn-Kreise. "Deutlich verbessert" Der Bahn-Sprecher sagte auf Anfrage, fest stehe, dass das Ergebnis des Unternehmen sich gegenüber dem Vorjahr "deutlich verbessert" habe. Zum Börsengang berichtet die Wirtschaftswoche, ein Plan der Bahn mit dem Namen "Blue Chip" sehe im Kern vor, das Schienennetz um 4000 Kilometer zu kürzen und der Bahn weitreichende staatliche Finanzgarantien zu geben. Fester Zuschuss Dazu gehöre ein fester Zuschuss für den Betrieb des vorhandenen Netzes in Höhe von jährlich 2,5 Milliarden Euro für zehn Jahre. Neu- und Ausbau des Netzes sollten daneben künftig ausschließlich über staatliche Zuschüsse von bis zu 2,5 Milliarden Euro im Jahr finanziert werden. Erweise sich der Betrieb des Schienennetzes dennoch als unwirtschaftlich, solle der Bund es zurücknehmen, berichtete die Wirtschaftswoche unter Berufung auf die Bahn-Pläne weiter. Die Transportgesellschaften des Nah- und Fernverkehrs sowie die Güter- und Logistiksparte Stinnes sollen demnach zusammen mit dem Schienennetz privatisiert werden. Eine unternehmerische Verselbständigung des Netzes und eine getrennte Privatisierung der Töchter sieht der Plan nicht vor. | Fernreisende steigen offenbar wieder häufiger in den Zug ein. Die seit Mitte vergangenen Jahres rückläufige Zahl im Personenfernverkehr der Bahn sei im Februar erstmals wieder gestiegen, heißt es in einem Zeitungsbericht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neueste-zahlen-bahn-stoppt-talfahrt-im-fernverkehr-1.907773 | Neueste Zahlen - Bahn stoppt Talfahrt im Fernverkehr | 00/05/2010 |
Warum hierzulande trotz steter Hiobsbotschaften vieles besser ist als die Deutschen selbst glauben wollen. Die Deutschen reden über nichts lieber als über die Krise. Und derzeit scheint die Krise überall zu sein. Den Opel-Werken in Rüsselsheim und Bochum droht die Schließung, den Karstadt-Kaufhäusern der Ausverkauf. Auch Siemens, Daimler und Volkswagen sind in Not; die Konzerne zwingen ihre Mitarbeiter zum Verzicht, während die Unternehmensblüten der New Economy verschwinden und selbst Mittelständler nach Osteuropa ziehen. 45.000 Stellen wollen die großen Unternehmen in diesem Jahr streichen. Ist Deutschland also noch zu retten? Das Krisen-Gerede wird befeuert durch eine Serie von Konjunkturprognosen. Den Anfang werden an diesem Dienstag die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute mit ihrem Herbstgutachten machen. Es folgen die EU-Kommission, der Sachverständigenrat und die Banken. Sie alle werden den Schluss nahe legen, dass der Aufschwung seinen Höhepunkt bereits erreicht hat -- und es im nächsten Jahr wieder bergab geht. Sie alle werden vorrechnen, dass die Zahl der Arbeitslosen im Winter auf fünf Millionen steigen wird -- und auch im Laufe des nächsten Jahres die Vier-Millionen-Marke nicht unterschreiten wird. Nur die Vorschau der Regierung wird wie üblich mehr Optimismus enthalten, was sich schon früher als falsch erwiesen hat. Droht also nach einer kurzen Phase des Verschnaufens die nächste Rezession? "Germany is back" Tatsächlich sagt die hysterische Standortdebatte viel über die Gemütsverfassung der Deutschen aus, aber nur wenig über die wahre ökonomische Verfassung des Landes. Denn während Medien, Politiker und Auguren in Larmoyanz versinken und ihrem Hang zum Untergang frönen, wandelt sich außerhalb der Grenzen die Sicht auf die Bundesrepublik. Amerikanische Magazine erscheinen mit Schlagzeilen wie Germany is back. Im Ausland staunt man, wie sich der kranke Mann Europas allmählich wieder berappelt, wie ein politischer Reformprozess in Gang kommt und wie selbst die Gewerkschaften -- siehe Karstadt, siehe Daimler, siehe öffentlicher Dienst -- plötzlich große Veränderungen mittragen. Management-Fehler Mehr Nüchternheit in der wirtschaftspolitischen Debatte täte deshalb auch hierzulande gut. So ist der Unternehmensstandort Deutschland bei weitem nicht so schlecht, wie die Apokalyptiker behaupten. Die Binnennachfrage mag schwach sein, doch der Export brummt, wegen der hohen Qualität der Produkte: Trotz des teuren Euro verkauft sich Made in Germany erstaunlich gut. Nur die Unternehmen in den USA und Finnland sind, wie eine neue Studie des Weltwirtschaftsforums zeigt, wettbewerbsfähiger als die deutschen. Selbst die Schwierigkeiten bei Opel und Karstadt taugen nicht als Gegenbeweis, denn in diesen Fällen hat vor allem das Management versagt, nicht der Standort. Die Führungskräfte von Opel und Karstadt haben Trends verschlafen und strategische Fehler gemacht, während anderswo seit Beginn der 90er Jahre nicht Stellen gestrichen, sondern geschaffen wurden: in der Autoindustrie mehr als 100.000, im Handel mehr als 200.000. Auch die Abschwächung des Wachstums, die das Herbstgutachten nun prophezeit, ist für sich genommen nicht sonderlich aussagekräftig. Denn ähnlich wie der Aufschwung im laufenden Jahr viel damit zu tun hat, dass die Zahl der Arbeitstage ungewöhnlich hoch war, so lässt sich der vermeintliche Abschwung im nächsten Jahr damit erklären, dass der Kalender mehr Feiertage parat hält und mithin weniger hergestellt wird. Ein staatliches Konjunkturprogramm, das die Gewerkschaften fordern, lässt sich damit nicht rechtfertigen. Im Grunde ändert sich im nächsten Jahr überhaupt nichts: Deutschlands Ökonomie wächst auf ähnlichem Niveau wie bisher -- was für hiesige Verhältnisse viel ist, im internationalen Vergleich jedoch mager, und am Arbeitsmarkt wenig ändert. Dies führt zum eigentlichen Kern der deutschen Misere: dem außerordentlich niedrigen "Wachstumspotenzial". Während nämlich die amerikanische Wirtschaft zuletzt im Durchschnitt mit drei Prozent zulegte, stößt die deutsche Wirtschaft bei eineinhalb bis zwei Prozent an ihre Grenzen. Trendwende Dummerweise besagte zudem bislang eine andere Faustregel, dass hierzulande erst ab einem Wachstum von zwei Prozent neue Jobs entstehen, während in den USA mit ihren wesentlich flexibleren Märkten die Beschäftigungsschwelle nur bei einem Prozent liegt. Deutschland steckte in der Job-Falle. Genau diese beiden Trends könnten sich nun ganz allmählich ändern. Denn die Gesundheits- und Rentenreform, die Hartz-Gesetze und flexibleren Tarifverträge tragen -- trotz all ihrer Mängel -- dazu bei, dass sich die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft mittelfristig verändern. Es gibt erste Aussagen von Ökonomen, dass die Beschäftigungsschwelle sinkt. Den Angestellten von Opel und Karstadt, die in diesen Tagen um ihre Jobs bangen, nützt diese Erkenntnis wenig. Doch wenn Regierung und Opposition hier weitermachen, wenn sie das Steuer- und Arbeitsrecht entrümpeln und sich die Gewerkschaften auf mehr betriebliche Bündnisse für Arbeit einlassen, kann Deutschland seine Krise irgendwann überwinden -- nicht in zwei oder drei Jahren, aber vielleicht in zehn Jahren. | Warum hierzulande trotz steter Hiobsbotschaften vieles besser ist als die Deutschen selbst glauben wollen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-die-deutsche-krise-1.905774 | Kommentar - Die deutsche Krise | 00/05/2010 |
Die britische Telefonfirma Cable and Wireless will sich künftig das Beziehungsnetz von George Robertson zu Nutze machen. Eine Teilzeitanstellung des scheidenden Nato-Generalsekretärs reicht dazu offenbar aus. (SZ vom 01.07.03) - Die neue Rolle, die der derzeitige NATO-Generalsekretär Lord Robertson ab 1. Februar 2004 einnehmen wird, dürfte ihm ungewohnt ruhig erscheinen. Detailansicht öffnen George Robertson muss sich auch in Zukunft keine Sorgen über sein Auskommen machen. (Foto: AP) Als Vizepräsident der britischen Telekom-Gruppe Cable and Wireless plc wird es seine Aufgabe sein, weltweit mit den Regierungen derjenigen Länder gute Verbindungen zu pflegen, in denen Cable and Wireless unternehmerisch tätig ist. Wenigstens das ausgiebige Reisen, das mit dieser Aufgabe verbunden ist, wird den 57jährigen an sein Amt als NATO-Generalsekretär erinnern. Eher im Stillen Doch anstatt im Rampenlicht zu stehen und vernehmlich - seine Kritiker werden sagen: zu vernehmlich - Position zu beziehen, wird der gebürtige Schotte künftig eher im Stillen zu wirken haben. Baron George Islay Macneill Robertson of Port Ellen, wie sein vollständiger Name seit der Erhebung in den Adelsstand vor vier Jahren lautet, hatte als Generalsekretär des westlichen Verteidigungsbündnisses nicht immer eine glückliche Hand. Manche werfen ihm vor, dass die Krise der Allianz zum nicht geringen Teil auf seine Ungeschicklichkeit zurückzuführen sei. Zwei Fehler vor allem werden ihm vorgehalten. Zum einen seine eilige Initiative, dank derer einen Tag nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 der NATO-Rat mit der Ausrufung des Artikels 5 den Beistand im Kriegsfall ausrief. Ein Schlag ins Gesicht Die USA zeigten sich damals für die politische Geste dankbar, auf die militärische Hilfe jedoch verzichteten sie - für die NATO ein Schlag ins Gesicht. Das zweite Beispiel, das Robertson als Mann der Aktion zeigt, der seinen Willen gegen diplomatische Einsicht durchsetzt, fällt in das Vorfeld des jüngsten Irak-Krieges. Anstatt hinter den Kulissen eine Einigung beim Thema Verteidigungshilfe für die Türkei zu erreichen drängte er mit einem Ultimatum Frankreich, Deutschland und Belgien zu einem Veto und führte damit das Bündnis in die vielleicht schwerste Zerreisprobe seiner Geschichte. Gewerkschaftsfunktionär in der Whiskey-Industrie In die Verteidigungspolitik geriet Robertson eher überraschend. Der Spross einer Polizistenfamilie studierte Wirtschaftswissenschaften in Dundee und fand als Gewerkschaftsfunktionär in der Whiskey-Industrie seinen Weg in die Politik. Als 32jähriger wurde er für Labour ins Unterhaus gewählt. Nach dem Wahlsieg Labours 1997 war allgemein erwartet worden, Robertson werde zum Schottlandminister ernannt werden. Stattdessen machte Blair ihn zum Verteidigungsminister. Robertsons neuer Posten wurde eigens für ihn eingerichtet. Er ist als Teilzeitstelle angelegt, so dass dem Ex-Nato-Chef Zeit bleiben wird für seine drei Kinder und seine Hobbies: Fotografieren und Golfspielen. | Die britische Telefonfirma Cable and Wireless will sich künftig das Beziehungsnetz von George Robertson zu Nutze machen. Eine Teilzeitanstellung des scheidenden Nato-Generalsekretärs reicht dazu offenbar aus. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nato-generalsekretaer-zeit-zum-tee-trinken-1.902146 | Nato-Generalsekretär - Zeit zum Tee trinken | 00/05/2010 |
Die Armee der Schweiz muss womöglich ihre berühmte Soldatenklinge künftig aus China beziehen. Die Empörung ist riesig. Nun wollen einige aus dem Messer eine Waffe machen. Die Nachricht traf das Land völlig unvorbereitet. Einen furchtbaren Satz sagte Anfang Juli ein Sprecher des Militärdepartements früh morgens im Radio: Die Schweizer Armee müsse den Auftrag zur Erneuerung des Soldatenmessers weltweit ausschreiben. Und, ja, Schweizer Soldaten würden künftig womöglich mit chinesischer Klinge das Land verteidigen. Detailansicht öffnen Feldwerbung: Das Bild eines Schweizer Offiziersmessers auf einer Gesamtfläche von mehr als 33.000 Quadratmetern. Es wurde im Jahr 2006 - von einem Schweizer Landwirt - mit GPS-Hilfe maßstabsgetreu auf das Feld übertragen. Eingesetzt wurden verschiedene Pflanzentypen und Farbe auf Milchbasis. Das Messer lag in der Einflugschneise des Münchner Flughafens: Es sollte von Passagieren aus der Luft gesehen werden. (Foto: Foto: ddp) Anschließend spielten sich Szenen ab, die an den Untergang der Swissair erinnerten. Das Telefon stand bei dem Messerhersteller Victorinox nicht mehr still, Berge von Post trafen ein und das Fernsehen eilte aufgeregt herbei. Der Tenor war stets der gleiche: nacktes Entsetzen. Ein urschweizerisches Symbol für Sicherheit und Autarkie war in Gefahr. Wie konnte es dazu kommen? Der Auftrag für die Beschaffung des neuen Soldatenmessers 08 - es ersetzt Soldatenmesser 61 - ist mit 1,2 Millionen Schweizer Franken so voluminös, dass er nach den Richtlinien der Welthandelsorganisation WTO international ausgeschrieben werden muss. Wenn ein anderes Unternehmen ein Messer gleicher Qualität zu besseren Konditionen bauen würde, müsste es den Auftrag erhalten. Das sind die Regeln. Mehr innere Sicherheit Bislang wünscht sich die Armee, dass die Schneideklinge des neuen Werkzeugs mit Wellenschliff versehen und arretierbar ist und mit einer Hand geöffnet werden kann. Zusätzlich sollen Kreuzkopfschraubenzieher, Holzsäge, Ahle und Dosenöffner vorhanden sein. Die Arretierfunktion soll vor allem die innere Sicherheit des Messers erhöhen, in dem es das Verletzungrisiko verringert. Doch sie kann auch aggressiver gedeutet werden, hat der Schwyzer Rechtsanwalt Alois Kessler erkannt. "Sie macht das Messer zur Stichwaffe", sagt der frühere Oberst im Generalstab und Mitinitiant der Petition "Soldatensackmesser nur Swiss made!". Der Clou: Für Stichwaffen gilt eine Sonderregelung: Sie können auch ohne internationale Ausschreibung beschafft werden. Die Gefahr aus Fernost wäre gebannt. "Rasche Klärung der Situation" Kessler möchte übrigens im Herbst für die Christdemokratische Volkspartei in den Ständerat einziehen - mithin für die Partei, deren Ständeräte nach eigenen Angaben "sofort" nach Entstehen der Messerdebatte beim Militärdepartement "vorstellig wurden" und nun eine "rasche Klärung der Situation" erreichten. Möglicherweise unbeeindruckt von den Ständeräten aber schockiert vom Aufschrei der Öffentlichkeit teilte die Beschaffungsstelle der Schweizer Armee Armasuisse jetzt mit, dass die Spezifikationen des Messers nun doch noch nicht feststünden - und damit auch nicht das Beschaffungsverfahren. Die Klassifikation als Stichwaffe käme Victorinox allerdings höchst ungelegen. Das Unternehmen, in der gesamten Debatte bislang nur als teilnehmender Beobachter aufgetreten, sieht das Messer als Multiwerkzeug und keinesfalls als Waffe. Selbst der Begriff Messer wird vermieden, erst recht seit dem 11. September 2001. Betont gelassen Victorinox zeigt sich betont gelassen - zu überzeugt ist man von Qualität und Preis der eigenen Produkte. Die Firma ist ohnehin nicht auf den Auftrag angewiesen. Victorinox produziert täglich 55.000 Taschenmesser und Multiwerkzeuge und beliefert mehr als zehn Armeen. Der Schweizer Auftrag zur Lieferung von 65.000 Messern hätte lediglich die Größenordnung einer Tagesproduktion. Der Imageverlust würde freilich schwerer wiegen. Für Victorinox - und auch für die Soldaten. Sackmesser 08, das ab dem Jahr 2009 verteilt werden wird, soll nicht mehr im Hosensack getragen werden, sondern in einem Gürteltäschchen. Die China-Rekruten wären mühelos auszumachen. | Die Armee der Schweiz muss womöglich ihre berühmte Soldatenklinge künftig aus China beziehen. Die Empörung ist riesig. Nun wollen einige aus dem Messer eine Waffe machen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/entsetzen-in-der-alpenrepublik-das-schweizer-kreuz-und-die-messerhelden-1.899583 | Entsetzen in der Alpenrepublik - Das Schweizer Kreuz und die Messerhelden | 00/05/2010 |
Siemens greift in seinem größten Problemfeld Siemens Business Services (SBS) mit weltweit 39 000 Beschäftigten durch. Der Konzern zerlegt den IT-Dienstleister und verkauft das Geschäft mit produktnahen Dienstleistungen (PRS) an Europas größten PC-Hersteller Fujitsu Siemens. Mit dem Verkauf zum 1. April 2006 setzt Siemens-Chef Klaus Kleinfeld seinen radikalen Sanierungskurs in den Problemsparten des Konzerns fort. Zum 1. Oktober war bereits das Handygeschäft an den taiwanesischen BenQ-Konzern abgegeben worden. Auch die Logistiksparte L&A hatte Kleinfeld nach schwacher Ergebnissen aufgelöst. Fujitsu Siemens Computers (FSC) wolle das Geschäftsfeld als Ganzes erhalten, erklärte Konzernchef Bernd Bischoff. Es solle den Kern einer neuen Serviceeinheit bilden und als selbständige Gesellschaft weitergeführt werden. Zum Kaufpreis vereinbarten die Unternehmen Stillschweigen. Siemens werde aus dem Verkauf einen Gewinn erzielen, erklärte Konzernchef Kleinfeld lediglich. Nach Angaben aus Finanzkreisen könnte Siemens mit dem Verkauf etwa 300 Millionen Euro erlösen. Bis zum späten Nachmittag verhandelte Fujitsu-Siemens-Präsident Bernd Bischoff in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München. "Die Gespräche waren äußerst schwierig", sagten Teilnehmer der Süddeutschen Zeitung. Strategische Bedeutung Der Beirat von Fujitsu Siemens Computers hatte dem Vorhaben bereits zugestimmt. Letzte strittige Punkte wie der Verkaufstermin ließen sich aber offenbar nur schwer lösen. Mit der Trennung zum April muss Siemens nun noch für die Verluste des Geschäftsfeldes in den ersten beiden Quartalen aufkommen. Nach SZ-Informationen geht der Konzern für SBS insgesamt von einem erneuten Verlust von mehreren hundert Millionen Euro im laufenden Geschäftsjahr aus. Die von Kleinfeld geforderten Margenziele von fünf bis sechs Prozent, an deren Erreichen bis Mitte 2007 die gesamte Siemens-Führung ihr Schicksal geknüpft hat, rückt damit in weite Ferne. Siemens müsste binnen weniger Monate den Sprung aus einem hohen Millionenverlust in Größenordnungen eines dreistelligen Millionengewinns schaffen - nach Analysteneinschätzung in der gegenwärtigen Branchensituation ein beinahe unmögliches Unterfangen. Für Fujitsu Siemens hat der bevorstehende Einstieg in das SBS-Wartungsgeschäft strategische Bedeutung. Analysten zufolge zählt ein Großteil der SBS-Kunden in der Wartung auch gleichzeitig zu Kunden von FSC. Zudem ermögliche das Wartungsgeschäft den Ausbau des Geschäfts mit neuen Kunden. "Wir sehen in der Übernahme einen wichtigen strategischen Schritt", erklärte Bischoff. Das Unternehmen gehe davon aus, dass die Übernahme die Profitabilität des Konzerns erhöhe. Wichtig für FSC sei es auch gewesen, dass die Wartung nicht in die Hände eines Konkurrenten wie Dell falle. Denn so könnte die Konkurrenz über die Wartung Einblicke in FSC-Technologien bekommen und dem Computerhersteller das Wasser abgraben. Allerdings könnten weitere Sanierungsschritte das Ergebnis von Fujitsu Siemens belasten, fürchten Branchenkenner. Hohe Verluste Fujitsu Siemens werde die Sanierung des Geschäftsfeldes weiter vorantreiben, kündigte Bischoff an. Ein zusätzlicher Stellenabbau sei nach aktuellem Stand nicht nötig. Das Geschäftsfeld, zu dem etwa die Wartung von Großrechnern gehört, zählt zu den drei großen Standbeinen von SBS und steht für mehr als ein Viertel der Gesamterlöse von 5,4 Milliarden Euro. Zuletzt galt es allerdings auch als größter Krisenherd. Wie PRS ist die gesamte Sparte SBS defizitär, zuletzt mit einem Bereichsverlust von 690 Millionen Euro. Siemens-Chef Kleinfeld war die Sparte schon seit längerem ein Dorn im Auge. Zuletzt hatte Siemens der Sparte ein hartes Sanierungsprogramm verordnet. Zusätzlich zum Abbau von 950 Stellen hat SBS angekündigt, in Deutschland 2400 Arbeitsplätze und international weitere 3000 Stellen zu streichen. Eine Lösung für die SBS-Felder zu finden, bereitete nach Brancheninformationen enorme Probleme. Zwar wächst der Markt für IT-Dienstleistungen leicht. Ihre Globalisierung führte jedoch zu massiven Überkapazitäten. Im internationalen Wettbewerb tun sich die europäischen Anbieter SBS, T-Systems, Atos Origin oder Cap Gemini schwer. Zwar sind sie auf ihren nationalen Heimatmärkten stark, international aber nicht groß genug, um langfristig im globalen Wettbewerb zu bestehen. In Konkurrenz zu global agierenden Anbietern wie Accenture oder IBM, denen der stärkere Aufbau von Kapazitäten in Indien und China eine Mischkalkulation ermöglicht, können die Europäer auf Dauer nur schwer mithalten. Vor allem die Amerikaner seien Europäern beim Aufbau von Offshore-Kapazitäten voraus, heißt es. Auch das SBS-Wartungsgeschäft mit 5000 Mitarbeitern ist in eine strukturelle Krise geraten. | Siemens greift in seinem größten Problemfeld Siemens Business Services (SBS) mit weltweit 39 000 Beschäftigten durch. Der Konzern zerlegt den IT-Dienstleister und verkauft das Geschäft mit produktnahen Dienstleistungen (PRS) an Europas größten PC-Hersteller Fujitsu Siemens. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/teilverkauf-an-fujitsu-siemens-beschlossen-siemens-spaltet-krisensparte-sbs-auf-1.907258 | Teilverkauf an Fujitsu Siemens beschlossen - Siemens spaltet Krisensparte SBS auf | 00/05/2010 |
Die 55. Erfindermesse IENA hat am Mittwoch ihre Tore geöffnet. Zigarettenfilter aus Algen, Migränemützen und motorisierte Snowboards sollen das Leben schöner und bequemer machen. Für viele Erfindungen war die IENA der Steigbügel zum Welterfolg: Der Sicherheitsgurt, die Inlineskates oder die Kinderschwimmflügel wurden hier erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Heute sind sie selbstverständliche Begleiter im Alltag. Detailansicht öffnen Snowboarden ohne Schnee ist machbar. (Foto: Foto: IENA) Damit genießt die IENA auch im Ausland einen exzellenten Ruf. 27 Länder sind hier vertreten, High-Tech-Hochburgen wie Indien und Newcomer wie Bosnien-Herzegowina. Sprungbrett für Kommerzialisierung Unter den rund 600 präsentierten Erfindungen sind nicht nur moderne Software-Programme wie eine "Sy-Ki-Weltdatenbank" vertreten, auch Otto Normal findet hier Nützliches für seinen Alltag, etwa den Toilettendeckel-Griff "Toi Grip". Manche Ideen liegen erst in Form von Skizzen oder Prototypen vor, für andere gibt es bereits fertig entwickelte Produkte. Damit die Messe ihre Rolle als Sprungbrett in die Kommerzialisierung behält, stellen die Organisatoren den Ausstellern ein Internationales Patent-Informationszentrum zur Verfügung. Hier beraten Mitarbeiter des deutschen und europäischen Patentamts die Erfinder bei der rechtlichen Absicherung ihrer Ideen. Doch mag Betreuung noch so gut sein, ein Erfinder braucht einen langen Atem von der Idee bis zu ihrer Vermarktung: Die Bearbeitungszeiten für bei deutschen Patentämtern betragen heute im Schnitt drei Jahre. "Dann sind die meisten Erfindungen längst überholt", kritisierte der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Erfinderverbandes (DEV), Joachim Bader, unlängst auf dem Online-Nachrichtenportal Heise.de. Snowboard für schneefreie Tage Immerhin sind die Deutschen Erfinder auf der Messe mit 200 neuen Ideen Spitzenreiter. Man lässt sich also von bürokratischen Hürden nicht entmutigen. "Für unsere Aussteller ist viel wichtiger, hier die richtigen Partner für die Vermarktung ihrer Idee zu treffen", erklärt Lydia Zetl, Projektleiterin der IENA. Auch Nachwuchserfinder können im unter dem Motto "jugend creativ" ihre Ideen vorstellen. So präsentierten die erst 12-jährigen Tüftler Kilian Barke, Dominik Brandl und Alan Heng ein motorisiertes Snowboard, das sie im "Erfinder-Unterricht" ihrer Schule entwickelt hatten. Wer sich die selbst von den neuesten Erfindungen ein Bild machen will: Am Wochenende vom 1. und 2. November öffnet sich die Messe von 9.00 bis 18.00 Uhr für allgemeines Publikum. Der Eintritt kostet 8,50 Euro. | Die 55. Erfindermesse IENA hat am Mittwoch ihre Tore geöffnet. Zigarettenfilter aus Algen, Migränemützen und motorisierte Snowboards sollen das Leben schöner und bequemer machen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/erfindermesse-daniel-duesentrieb-meets-nuernberg-1.920050 | Erfindermesse - Daniel Düsentrieb meets Nürnberg | 00/05/2010 |
Europas Wirtschaft kriselt. Deshalb will der neue EU-Währungskommissar Joaquin Almunia wegen der Stabilitätskriterien nicht mehr Druck machen. Stattdessen sollen die Mitgliedsländer ihre Arbeitsmärkte und Sozialsysteme reformieren. Künftig soll es mehr Druck aus Brüssel auf EU-Mitglieder geben, Arbeitsmärkte und Sozialsysteme zu reformieren. Im Gegenzug könnten Länder wie Deutschland mehr Zeit erhalten, ihre Defizite zu senken. Detailansicht öffnen Währungskommissar Joaquin Almunia. (Foto: Foto: AP) Hohe Gesamtschulden werden stärker geahndet. Das geht aus einem internen Entwurf hervor, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Währungskommissar Joaquin Almunia reagiert mit seinen Vorschlägen auf den Dauerstreit um den Stabilitätspakt, der den Euro stützen soll. Deutschland und Frankreich hatten vergangenen November Sparauflagen der Brüsseler Kommission zurückgewiesen und die Strafverfahren auf Eis gelegt, die gegen sie liefen, weil sie seit 2002 nicht mehr das Defizitlimit von drei Prozent einhalten. Die Kommission klagt deswegen vor dem höchsten europäischen Gericht. "Diese Spannungen haben zu Unklarheit über die Haushaltsüberwachung der Euro-Mitglieder geführt", heißt es in einem Papier, das Almunia am Donnerstag mit seinen Kommissarskollegen beraten wird. Der Spanier will die politische Lähmung im Währungsraum, die seit Monaten andauert, durch einen völlig neuen Ansatz beenden. Dazu möchte er die Ziele Haushaltsdisziplin und Wirtschaftswachstum miteinander versöhnen, was der deutschen und der französischen Regierung entgegenkommen würde. | Europas Wirtschaft kriselt. Deshalb will der neue EU-Währungskommissar Joaquin Almunia wegen der Stabilitätskriterien nicht mehr Druck machen. Stattdessen sollen die Mitgliedsländer ihre Arbeitsmärkte und Sozialsysteme reformieren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bruessel-kommt-etat-suendern-entgegen-der-stabilitaetspakt-wankt-1.916736 | Brüssel kommt Etat-Sündern entgegen - Der Stabilitätspakt wankt | 00/05/2010 |
1,1 Milliarden Euro hat die australische Bank Macquarie für Techem, den größten deutschen Ableser von Wasser-, Wärme- und Stromverbrauch geboten. Doch die Hessen wollen lieber weiterhin auf eigenen Beinen stehen. Techem ist mit 7,3 Millionen betreuten Haushalten und einem Marktanteil von 29 Prozent die deutsche Nummer eins beim Ablesen und der Abrechnung des Wasser-, Wärme- und Stromverbrauchs. Detailansicht öffnen Wasserzähler der Firma Techem. (Foto: Foto: dpa) Fondschef Martin Stanley betonte sein langfristiges Interesse an Techem und den 2400 Mitarbeitern. Das Techem-Management sperrt sich nach Angaben von Macquarie allerdings gegen das Angebot und pocht auf die Eigenständigkeit der Firma. "Wir sehen keinen weiteren Restrukturierungsbedarf", sagte Stanley in einer Telefonkonferenz. Techem sei solide geführt, weshalb Macquarie das Management behalten wolle. "Keine so schlechte Sache" Ein Unternehmen wie Techem sollte seiner Ansicht nach nicht auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtet sein, wie ihn die Börse verlangt, sagte Stanley "Im Privaten zu agieren ist keine so schlechte Sache." Techem-Chef Horst Enzelmüller habe trotzdem betont, dass er einer Übernahme grundsätzlich ablehne, weil Techem börsennotiert bleiben solle. Deshalb sollten die Aktionäre nun selbst entscheiden, sagte Stanley. Techem-Sprecher Stefan Lutz wollte sich zu den Aussagen von Stanley nicht äußern. "Wir prüfen das", sagte er nur. Fünf Prozent über Schlusskurs vom Freitag Der Macquarie European Infrastructure Fund II (MEIF II) bietet den Aktionären nun 44 Euro pro Aktie. Das sind fünf Prozent mehr als der Schlusskurs am Freitag und knapp 19 Prozent mehr als der durchschnittliche Kurs in den vergangenen drei Monaten. | 1,1 Milliarden Euro hat die australische Bank Macquarie für Techem, den größten deutschen Ableser von Wasser-, Wärme- und Stromverbrauch geboten. Doch die Hessen wollen lieber weiterhin auf eigenen Beinen stehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wunsch-nach-eigenstaendigkeit-techem-sperrt-sich-gegen-milliarden-offerte-1.902042 | Wunsch nach Eigenständigkeit - Techem sperrt sich gegen Milliarden-Offerte | 00/05/2010 |
Köhler ist noch nicht Bundespräsident - aber schon kein IWF-Chef mehr. Beim Internationalen Währungsfonds ist die Diskussion um seinen Posten schon in vollem Gange. Vorerst werden ein Brite und zwei Franzosen gehandelt. Nach der Nominierung von Horst Köhler für das Amt des Bundespräsidenten hat die Suche nach einem neuen Direktor für den Internationalen Währungsfonds (IWF) begonnen. Bislang habe der Fonds kaum Gelegenheit gehabt, sich darüber Gedanken zu machen, sagte der Sprecher des IWF-Europabüros, Christian Schiller. Vorerst drei Kandidaten EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sprach sich dafür aus, das Amt weiter mit einem Europäer zu besetzen. Die Pariser Regierung brachte den Franzosen Jean Lemierre ins Spiel, der die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (BERD) leitet. Auch der Ex-Chef der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, Andrew Crockett, sowie EU-Handelskommissar Pascal Lamy wurden gehandelt. Er könne sich nicht vorstellen, dass sich der IWF gegen den Wechsel Köhlers ins Berliner Schloss Bellevue sperren werde, sagte Schiller. Köhler hielt sich am Donnerstagnachmittag in Washington auf, wo der Fonds seinen Hauptsitz hat. Schiller betonte, es sei nicht ungewöhnlich, dass der IWF-Direktor sein Amt vorzeitig aufgebe: Bereits Köhlers Vorgänger, der Franzose Michel Camdessus, sei auf eigenen Wunsch vor Ablauf seines letzten Mandats aus dem Amt geschieden. Prodi will Europäer Es sei seine "tiefste Überzeugung, dass ein Europäer diese Position einnehmen sollte", sagte Prodi nach einem Treffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Dies entspreche dem wirtschaftlichen Gewicht der EU. Bislang sei Köhler allerdings nur für ein neues Amt nominiert, schränkte Prodi ein: "Noch ist Köhler Chef des Internationalen Währungsfonds." Bis heute nimmt traditionell ein Europäer den Spitzenposten des IWF ein, während die USA den Weltbankchef stellen. Schon vor der Wahl Köhlers waren aus Washington aber Forderungen laut geworden, den Europäern den einflussreichen IWF-Posten streitig zu machen. Lemierre wenig begeistert Der als möglicher Köhler-Nachfolger von Paris genannte 53-jährige BERD-Chef Lemierre winkte zunächst ab. Er sei gerade von den BERD-Aktionären gebeten worden, auf dem Posten zu bleiben, sagte er bei der Vorlage der Jahresbilanz der Entwicklungsbank in London. Auf die Frage, ob er den IWF-Chefposten ablehnen würde, wenn er ihm angetragen würde, sagte er nur: "Ich möchte das nicht kommentieren." Für EU-Handelskommissar Lamy würde sprechen, dass er mit dem Wechsel der Kommission im Sommer ohnehin voraussichtlich aus der Brüsseler Behörde ausscheiden würde. Mit Crockett wiederum würden endlich die Briten zum Zuge kommen, die noch nie einen IWF-Chef gestellt haben. Aus Deutschland kam zunächst keine Namensnennung, was auch mit der schwierigen Situation zusammenhängen dürfte, dass die Regierung den Unions-Vorschlag Köhler nicht unterstützt. Schröder betonte, es sei noch überhaupt nicht sicher, dass dieser Bundespräsident werde. Die Zeit drängt Für die Suche nach einem IWF-Chef bliebe bei einer Wahl Köhlers diesmal wenig Zeit: In vier Monaten müsste Köhler sein Amt in Berlin antreten, wenn ihn die Bundesversammlung im Mai zum Bundespräsidenten wählt. Bei der letzten Kandidatensuche hatte sich Deutschland schwer getan, einen geeigneten Nachfolger für Camdessus zu präsentieren. Den ersten Vorschlag, Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser, lehnten die USA ab, was zu schweren transantlantischen Verstimmungen führte. | Köhler ist noch nicht Bundespräsident - aber schon kein IWF-Chef mehr. Beim Internationalen Währungsfonds ist die Diskussion um seinen Posten schon in vollem Gange. Vorerst werden ein Brite und zwei Franzosen gehandelt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/internationaler-waehrungsfonds-topmanager-gesucht-aelter-serioes-europaeer-1.901778 | Internationaler Währungsfonds - Topmanager gesucht: älter, seriös, Europäer | 00/05/2010 |
Bei der Reform des Kartellrechts wendet sich der BDI gegen zusätzliche Klagerechte der Verbände. Die Lobbyisten warnen vor Belastungen der Unternehmen. (SZ-Artikel vom 30.9.2003)— Die Industrie hat bei der geplanten Reform des Kartellrechts mehr Befugnisse für Verbraucherverbände abgelehnt. Wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin mitteilte, würde dies zu erheblichen Belastungen für die Wirtschaft führen. Hintergrund ist das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB). Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) will das GWB erneuern, um damit das deutsche an das europäische Kartellrecht anzupassen. Im Mai 2004 soll das EU-Recht in Kraft treten. Dabei will die rot-grüne Koalition den Verbraucherverbänden mehr Rechte einräumen. Sie sollen bei Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht ein eigenes Klagerecht erhalten. Die EU-Novelle will vor allem einige bürokratische Regeln beim Kartellrecht abbauen. So soll der Anmeldezwang und die Genehmigungspflicht für Zusammenschlüsse entfallen. Brüssel will "Legalausnahme" streichen Bislang müssen Unternehmen, wenn sie sich zu Einkaufskooperationen zusammenschließen, dies stets dem Kartellamt melden. Diese "Legalausnahme" will Brüssel streichen, auch um die Behörden von Arbeit zu entlasten. Künftig sollen die Unternehmen selbst entscheiden, ob sie gegen das Kartellrecht verstoßen und eine Ausnahme vom Kartellverbot beantragen wollen. Der BDI begrüßte dies, auch wenn es den Firmen mehr Unsicherheit bringen würde. Für Mittelständler sollen Sonderregeln gelten, damit sie nicht teuere Rechtsgutachten in Auftrag geben müssten. Klaus Bräunig von der Hauptgeschäftsführung des BDI begrüßte, dass Clement an der Ministererlaubnis für vom Kartellamt abgelehnte Fusionen festhalten will. Dies habe sich bewährt. Insgesamt befürworten die Industrielobbyisten weitgehend die Pläne aus dem Hause Clement. "Da ist handwerklich gut gearbeitet worden", sagte Bräunig. Höhere Strafen drohen Kritik gebe es nur an Details, räumte der Verbandsvertreter ein. So sollte der Minister die Regeln für die Bußgelder überarbeiten. Künftig müssen Unternehmen bei Kartellrechtsverstößen nicht nur Bußgeld und Schadensersatz zahlen, sondern - wie in den USA - auch ihren Mehrerlös aus den unrechtmäßigen Kartellrechtspraktiken abliefern. Dies könnte die betroffenen Firmen aber zu stark belasten, hieß es. Auch sollten weitere deutsche Sonderregeln beim Kartellrecht fallen. Nach Ansicht Bräunigs zählt dazu, dass die hiesigen Behörden weiterhin "marktstarke" Unternehmen beobachten wollen, obwohl dies das EU-Recht nicht vorsieht. Dadurch könnten sich Nachteile für deutsche Firmen ergeben. Der Novelle muss der unionsdominierte Bundesrat zustimmen. Laut BDI stoßen Clements Pläne bei der Union aber überwiegend auf Zustimmung. | Bei der Reform des Kartellrechts wendet sich der BDI gegen zusätzliche Klagerechte der Verbände. Die Lobbyisten warnen vor Belastungen der Unternehmen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kartellrecht-industrie-bremst-rechte-fuer-verbraucher-1.900541 | Kartellrecht - Industrie bremst Rechte für Verbraucher | 00/05/2010 |
Die Mobilfunk-Konzerne können in Europa auf den gesättigten Märkten nichts mehr holen und drängen nun in die Schwellenländer. Der Auftritt von Wang Jianzhou war Provokation - auf asiatisch-höfliche Weise. Der Chef von China Mobile las vom Manuskript: Der Konzern gewinne nun drei Millionen Kunden - Monat für Monat. Detailansicht öffnen Vodafone kauft sich über Hutchison Essar in Indien ein. Ein Argument für den Kauf sind die hohen Wachstumsraten auf dem Subkontinent. (Foto: Foto: Reuters) Manager westlicher Telefongesellschaften waren baff, von solchen Zuwächsen träumen sie. Doch ein Herr im Auditorium des Konferenzsaals übertraf die Zahl: Sein Unternehmen in Indien schließe monatlich fünf Millionen Neuverträge ab, sagte er. Das war 2006 auf der 3GSM in Barcelona, der wichtigsten Messe für die Mobilfunkbranche. In diesem Jahr schlägt die westliche Welt zurück: Arun Sarin, Chef des größten Mobilfunkkonzerns Vodafone aus Großbritannien hat sich für elf Milliarden Euro den Einstieg in die Wachstumsmärkte gesichert, mit dem Kauf der indischen Hutchison Essar. Maues Neugeschäft in den Industriestaaten Alle Mobilfunkfirmen blicken in die Schwellenländer. Längst geht in den Industriestaaten der Trend zum Zweithandy, die Netze sind ausgebaut, das Neugeschäft fällt mau aus für alle. Seit einigen Monaten gibt es in Deutschland rechnerisch mehr Mobiltelefone als Einwohner. In den sich entwickelnden Märkten in Asien, Lateinamerika und Afrika dagegen besitzen viele Einwohner noch gar kein Telefon. Die Zuwächse in diesen Regionen sind zweistellig. Am Wachstum wollen alle teilhaben: von den Netzausrüstern wie Ericsson, den Handyherstellern wie Nokia hin zu Telefongesellschaften wie Vodafone oder Telefónica. Noch viel Platz Trotz des großen Interesses ist noch viel Platz. ,,Beim starken Wachstum steht der Wettbewerb noch nicht so im Vordergrund wie in Industriestaaten'', erklärt Philipp Geiger, Branchenexperte beim Beratungshaus Solon. Sony-Ericsson verdeutlicht die Hoffnungen der Anbieter. ,,Wir wollen den Billigbereich erschließen'', sagte Miles Flint, Chef des Produzenten von Mobiltelefonen, zum Start der 3GSM und gab damit die Richtung vor. Er erwartet 2007 einen Absatz von 400 Millionen Handys in den Schwellenländern. | Die Mobilfunk-Konzerne können in Europa auf den gesättigten Märkten nichts mehr holen und drängen nun in die Schwellenländer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mobilfunk-konzerne-ein-ohr-fuer-indien-1.904698 | Mobilfunk-Konzerne - Ein Ohr für Indien | 00/05/2010 |
Theoretisch sind deutsche Aufsichtsräte mächtig. Sie können die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens beobachten und bei Bedarf eingreifen - zum Wohle von Aktionären und Mitarbeitern. In der Praxis lässt sich solch segensreiches Wirken selten beobachten. Legende ist die Zahl der Fälle, in denen die vermeintlichen Kontrolleure von der Schieflage des Unternehmens wie beim Holzmann-Konzern völlig überrascht werden. Als sich Jürgen Schrempp Ende April vom Milliardengrab Mitsubishi trennen musste, hatten ihn nicht die Aufsichtsräte gezwungen, sondern die eigenen Vorstandskollegen. Immer noch wirkt das berüchtigte Geflecht der Deutschland AG nach, in der sich ein paar Hand voll Industrie-Manager gegenseitig beaufsichtigte - will sagen: In Ruhe ließ. Peinliche Rolle Auch die Vertreter der Arbeitnehmer bilden oft keine rühmliche Ausnahme, wie die peinliche Rolle von Klaus Zwickel beim Millionenscheck für Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser zeigt. EU-Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein darf einige Sympathie verbuchen, wenn er den Aufsichtsräten mehr Biss verleihen will. Aktiengesellschaften brauchen unabhängige Kontrolleure, die das Management stoppen, bevor es das Unternehmen abwirtschaftet und Arbeitsplätze gefährdet. Eine bessere Arbeit der Kontrolleure bedeutete mehr Glaubwürdigkeit für das marktwirtschaftliche Modell, das durch Fälle wie Mannesmann unter Beschuss ist. Der erzliberale Bolkestein hat präzise Vorstellungen, wie er falsche Freundschaftsdienste des Überwachungsgremiums verhindern will. Taktisch geschickt kleidet er seine Ideen in die Form einer Empfehlung. Bei diesem Instrument können ihm weder die Mitgliedsstaaten noch das Europaparlament hereinreden. Sogwirkung Bolkestein kalkuliert offenbar, dass sich Regierungen und Unternehmen bei diesem Symbolthema der Sogwirkung eines EU-weiten Vorschlags kaum entziehen können, selbst wenn davon keine rechtliche Bindung ausgeht. In den Details wirken manche von Bolkesteins Ideen allerdings schwer zu handhaben. Es erscheint sinnvoll, die Praxis zu erschweren, wonach Vorstandschefs den Vorsitz des Aufsichtsrates übernehmen und quasi weiterregieren. Grundsätzlich alle Ex-Vorstände und dominante Aktionäre von der Kontrolle fern zu halten, könnte ein praktisches Problem aufwerfen: Womöglich finden sich nicht mehr genug kompetente Aufseher für das Gremium. Bolkestein sollte sein Konzept einem Realitätstest unterwerfen - sonst könnten diejenigen die Oberhand gewinnen, denen die ganze Richtung nicht passt. | Theoretisch sind deutsche Aufsichtsräte mächtig. Sie können die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens beobachten und bei Bedarf eingreifen - zum Wohle von Aktionären und Mitarbeitern. In der Praxis lässt sich solch segensreiches Wirken selten beobachten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-im-geflecht-der-kontrolleure-1.901619 | Kommentar - Im Geflecht der Kontrolleure | 00/05/2010 |
Der Fernsehsender Sat 1 steckt in der Krise. Der Sender soll sich gesund sparen, indem 180 Stellen abgebaut werden. Ob der Plan aufgeht, ist zweifelhaft. Eigentlich hatte sich Matthias Alberti, 43, das alles ganz anders vorgestellt. Der zwei Meter zwölf große Chef des Privatsenders Sat 1 wollte die Umbaupläne für den gegen schwache Quoten kämpfenden Sender in Ruhe diskutieren - und dann die Mitarbeiter in Berlin informieren. Detailansicht öffnen Kommt die Lage am Gendarmenmarkt Sat 1 zu teuer? Um Kosten zu sparen sollen Mitarbeiter und Nachrichten eingespart werden. (Foto: Foto: ddp) Doch die Pläne gerieten an die Öffentlichkeit. Die Unruhe bei der Pro-Sieben-Sat-1-Belegschaft ist groß. Nach Angaben aus Branchenkreisen sollen insgesamt 180 Arbeitsplätze bis Ende 2009 abgebaut werden. Davon würden etwa 80 Stellen auf befristete Arbeitsverträge entfallen. Hundert Festangestellte müssten demnach gehen. Der Betriebsrat ist noch nicht informiert. An diesem Donnerstag soll es erste Informationsveranstaltungen geben, für Freitag wurde eine Betriebsversammlung in Berlin einberufen, in der kommenden Woche könnte ein Sozialplan verhandelt werden. Vorstellbar ist, dass auch um die Frage des Standortes Berlin diskutiert wird. Sat 1 residiert in bester, teurer Lage am Gendarmenmarkt, möglicherweise laufen noch von Leo Kirch vereinbarte Förderprogramme in Berlin aus. Umbau zu einem reinen Unterhaltungskanal Konzernchef Guillaume de Posch will alle Pläne auf der Hauptversammlung an diesem Dienstag in Einzelheiten präsentieren. So viel steht fest: Auf Sat 1 dürfte der Großteil der Stellenstreichungen entfallen. Der Sender soll zu einem reinen Unterhaltungskanal umgebaut werden. Wichtige Informationssendungen würden gestrichen, darunter die Nachrichtenmagazine Sat1 am Mittag, Sat 1 am Abend und die Nachtausgabe von Sat 1 News. Kurzfristig sollen die Formate beendet werden, ersetzt würden sie durch Serien oder Gerichtsshows. Der Sender würde ein reiner Abspielkanal wie Kabel1. Was mit der Hauptnachrichtensendung Sat 1 News (18.30 Uhr) passiert, die vom Schwestersender N24 produziert und bisher von Thomas Kausch moderiert wurde, scheint unklar zu sein. Sat 1 steckt in einer Krise: Zuletzt fielen viele Formate durch. Der Marktanteil sinkt deutlich, im zweiten Quartal stand er in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen bei durchschnittlich 10,4 Prozent, so niedrig wie in sieben Jahren nicht. Lizenzierung als Vollprogramm gefährdet? Die Aufgabe der Informationssendungen ist heikel. "Sat 1 ist als Vollprogramm lizenziert", sagte Rolf Platho von der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) der SZ. Die LMK ist für die Lizenzierung von Sat1 zuständig. Zu einem Vollprogramm gehöre ein gewisser Anteil Informationssendungen. Wie groß dieser sein müsse, sei nicht geregelt und noch nie gerichtlich überprüft worden. Die LMK, so Platho, werde nach einer Sat-1-Reform genau prüfen, ob die Lizenzbedingungen erfüllt blieben. Sonst würden Änderungen eingefordert. Albertis Vorgänger Roger Schawinski, der bis Ende 2006 das Programm verantwortete, hatte 2004 die Informations-Offensive ausgerufen. Nachrichten, referierte er, seien zwar teuer in der Produktion, würden aber das Image eines Sender nach oben bringen. Nur wenn ein Sender Informationskompetenz zeige, werde er als Vollprogramm wahrgenommen. Diesen Weg verfolgt RTL. Der Konkurrent von Sat 1 investiert in News (mit Peter Kloeppel). "Rein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten müsste ein Privatsender die Nachrichten abschaffen oder verkürzen - mal unabhängig von medienrechtlichen Vorgaben", sagte Schawinski unlängst in einem Interview, Zu einem solchen radikalen Schritt hat sich Sat 1 jetzt offenbar entschlossen. Der Sender ist eine Stütze des Pro-Sieben-Konzerns. 2006 setzte er 855 Millionen Euro um, der ganze Konzern 2,1 Milliarden. In seiner Verzweiflung sendet Sat 1, einst populärer Bundesligakanal (ran), wieder Fußball - jedoch ohne eine Sportredaktion zu unterhalten. "Aus puren Renditeerwägungen der Eigentümer" Von September an wird ein Mittwochspiel aus jeder Runde der Champions League ausgestrahlt. Der Pay-TV-Anbieter Premiere erledigt die gesamte Produktion und liefert die Spiele komplett bei Sat 1 an, inklusive journalistischer Leistungen (Moderation, Kommentar, Interview). Das ganze läuft sozusagen als Premiere-Dauerwerbesendung unter dem Namen Champions-TV. In der vergangenen Saison hatte Premiere Champions-TV beim Spartensender DSF abgespielt. Die Begegnung Bayern München gegen Real Madrid wurde im Frühjahr probeweise auf Sat 1 gezeigt - mit einem Marktanteil von mehr als 30 Prozent. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) warnt vor einem Stellenabbau aus "puren Renditeerwägungen der Eigentümer". Der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken sagte, es sei ein medienpolitischer Skandal, dass die Senderkette offensichtlich ihr komplettes Informationsangebot streichen wolle. Konzernchef de Posch hatte seinen Großaktionären, den Finanzinvestoren KKR und Permira, eine Rendite von 25 bis 30 Prozent versprochen. Der Weg dahin ist steinig: Derzeit sind es 22Prozent. | Der Fernsehsender Sat 1 steckt in der Krise. Der Sender soll sich gesund sparen, indem 180 Stellen abgebaut werden. Ob der Plan aufgeht, ist zweifelhaft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/stellenabbau-bei-sat-1-magersuechtig-1.903063 | Stellenabbau bei Sat 1 - Magersüchtig | 00/05/2010 |
Zu groß dimensionierte Projekte oder auch zu späte Bereitschaft, Fehler einzugestehen — für den Steuerzahler können Planungsfehler der Regierung teuer werden. Es sind immer wieder vier Problembereiche, mit denen sich der Bundesrechnungshof konfrontiert sieht, sagt dessen Präsident Dieter Engels: Detailansicht öffnen Die Bundesministerien berücksichtigen bei ihren Planungen zunehmend die Erfahrungen der Rechnungs-prüfer. Foto: AP Wenig sorgfältige Planung, falsche Einschätzung des Bedarfs, zu späte Bereitschaft, Fehler einzugestehen und Projekte dann zu stoppen sowie mangelnde Erfolgskontrolle. Deswegen werde auch aus Fehlern nicht für die Zukunft gelernt. Zwei Milliarden Euro 2002 eingespart Das Ergebnis ist eine Verschwendung von Steuergeldern. Doch ganz wirkungslos scheint die Arbeit der Bundeskassenprüfer nicht zu sein: Immerhin rund zwei Milliarden Euro habe die Berücksichtigung der "Bemerkungen" aus dem Jahr 2002 an echten Einsparungen gebracht, sagte Engels bei der Präsentation des Ergebnisberichts 2004. Etwa 1,1 Milliarden Euro davon seien einmalige Sparbeträge, eine weitere Milliarde Euro aber werde künftig jährlich nicht mehr ausgegeben. Anschaffung von Computern Für alle vier Bereiche lieferte Engels Beispiele. Vor allem wegen der Anschaffung von Computern gibt es demnach immer wieder Grund zur Beanstandung, weil Projekte zu groß dimensioniert würden. Beispielsweise kaufte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht nur 5,1 Millionen Euro zu teuer ein, sondern beschaffte große Speichersysteme auch noch für acht Außenstellen, von denen bereits bekannt war, dass sie geschlossen würden. DM-Münzen kurz vor der Euro-Einführung Zu den Planungsfehlern zählt auch, dass das Bundesfinanzministerium vor der schon absehbaren Einführung des Euro noch große Mengen vor allem an Ein-, Zwei- und Fünf-D-Mark-Münzen hat prägen lassen. Die überzähligen Münzen mussten nach der Währungsumstellung noch prägefrisch vernichtet werden. Den Schaden bezifferte der Rechnungshof auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Millionen-Ausgaben für veraltete Standards Ein anderes Beispiel für mangelnde Planung: Die Bundeswehr steckte 157 Millionen Euro in die Entwicklung von Panzerabwehrraketen. Das Projekt begann 1976 und war 1998 abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt habe es nicht mehr den militärischen Anforderungen entsprochen. Immerhin verzichtete das Verteidigungsministerium auf die 1998 bereits vom Bundestag genehmigte Beschaffung des veralteten Systems für 195 Millionen Euro. | Zu groß dimensionierte Projekte oder auch zu späte Bereitschaft, Fehler einzugestehen — für den Steuerzahler können Planungsfehler der Regierung teuer werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bundeshaushalt-echte-verschwendung-durch-falsche-planung-1.900832 | Bundeshaushalt - Echte Verschwendung durch falsche Planung | 00/05/2010 |
Initiatoren von Venture-Capital-Fonds hatten in den vergangenen Jahren nicht viel zu lachen. Inzwischen sind aus den Glücksrittern der New Economy nüchterne Analysten geworden - und langsam geht es wieder aufwärts. Bill Gates fing in einer Garage an. Doch nicht bei allen Garagenfirmen lief es so glatt wie bei ihm. Die New-Economy-Pleite machte vielen innovativen Jungunternehmern einen Strich durch die hochfliegenden Pläne. Auch so mancher Fonds bekam dadurch Probleme. Denn finanziert wurden viele Start-up-Firmen über Venture-Capital-Beteiligungen, auf deutsch Wagnis- oder Risikokapital. In den USA und Großbritannien ist diese Art der Finanzierung seit Jahrzehnten geläufig. Institutionelle Geldgeber wie Pensionskassen und Versicherungen investieren hohe Summen in junge Unternehmen, sofern sie ein gutes Chance-Risiko-Profil aufweisen. Fondsmanager als Unternehmensberater Über die Fondsvariante können sich auch Einzelanleger ab rund 10.000 Euro an dieser Investmentart beteiligen. Die Renditechancen sind hoch, das Risiko auch. Durchschnittlich kann ein Anleger mit zehn bis 15 Prozent rechnen. Lange wurde vor allem in einer frühen Unternehmensphase (Early Stage) investiert. Zu diesem Zeitpunkt sind die Anteile am günstigsten zu kaufen. Ausschüttungen während der Fondslaufzeit gibt es kaum. Der eigentliche Gewinn bei einer Wagnis-Kapital-Beteiligung kommt aus einem möglichst hohen Preis beim Verkauf. Bis dahin ist jedoch ein weiter Weg. Bei Risikokapitalfinanzierungen geht es nämlich nicht nur um die reine Finanzierung - auch Managementfähigkeiten sind gefragt. Der Fondsmanager agiert quasi wie ein Unternehmensberater und coacht das junge Unternehmen. Will er es gut machen, ist seine Kapazität begrenzt. Gierige Geldgeber Mehr als fünf Unternehmen sollte er nicht betreuen. Neben ausreichendem Fachwissen, Personal zur Betreuung und einem breiten Netzwerk im In- und Ausland auf Initiatorenseite, sollte der Anleger bei der Fondsvariante auch auf ausreichende Streuung in verschiedene Unternehmen und Branchen achten. Eine positive Leistungsbilanz gibt zusätzliche Sicherheit. Deutschland war lange ein unterentwickelter Markt für Risikokapital, junge Gründer wanderten ins Ausland ab. Mit dem New-Economy-Boom änderte sich dies - der Fondsmarkt boomte. Mehr als 663,5 Millionen Euro steckten Anleger in diese neue Form der Beteiligung. | Initiatoren von Venture-Capital-Fonds hatten in den vergangenen Jahren nicht viel zu lachen. Inzwischen sind aus den Glücksrittern der New Economy nüchterne Analysten geworden - und langsam geht es wieder aufwärts. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/venture-capital-grosses-geld-fuer-die-zuendende-idee-1.902273 | Venture Capital - Großes Geld für die zündende Idee | 00/05/2010 |
Die Union warnt vor dem Einstieg russischer und chinesischer Staatsfonds in deutsche Konzerne. Doch ein generelles politisches Vetorecht gegen diese Investoren wäre falsch - ihr Investment könnte auch vorteilhaft sein. Wenn man so manchen deutschen Politiker dieser Tage reden hört, dann könnte man meinen, der Kalte Krieg sei noch in vollem Gange. Da wird mehr oder weniger unverblümt vor der roten und der gelben Gefahr gewarnt, ganz so, als drohten die Kommunisten in Moskau und Peking ihre Gegner heute zwar nicht mehr mit Raketen, dafür aber mit Tresoren voller Geld zu beschießen. Richtig an der Debatte ist, dass der hohe Ölpreis und die Globalisierung manchen Ländern einen Reichtum verschafft haben, der vielen die Sprache verschlägt. So verwalten staatliche Investmentfonds aus den Emiraten, aber eben auch aus Russland und China, mittlerweile ein Vermögen von 2,5 Billionen Dollar. Das entspricht dem zweieinhalbfachen Wert aller Dax-30-Konzerne und dem Eineinhalbfachen der Summe, mit der die viel geschmähten Hedge-Fonds operieren. Juwelen der heimischen Wirtschaft Dieses Geld will gut angelegt sein, und schon fürchten die sonst so marktfreundlichen Regierungen vieler Industrieländer, dass die Juwelen ihrer heimischen Wirtschaft in die Klauen des Kremls oder der Mao-Erben gelangen könnten. In Berlin wird deshalb diskutiert, "strategisch wichtige" Branchen zu definieren, in denen der Staat bei Übernahmen mitreden darf. Dieser Ansatz ist grundfalsch, denn niemand kann exakt definieren, was heute und in Zukunft "strategisch wichtig" ist und was nicht. So mag man es aus industriepolitischen Gründen für sinnvoll erachten, dass die Deutsche Bank oder die Telekom zumindest teilweise deutsch bleiben. Aber solche Erwägungen reichen nicht aus, um dafür das stets propagierte Grundprinzip offener Märkte aufzugeben. Ein US-Investor kann ebenfalls problematisch sein Ebenso fragwürdig ist die Einteilung in potentiell gute und schlechte Investoren. Für Deutschland insgesamt kann die Übernahme und anschließende Zerschlagung eines großen Konzerns durch einen US-Investor im Ergebnis genauso nachteilig sein wie der Verkauf an einen Staatsfonds. Das einzige Kriterium, das in einem marktwirtschaftlichen System einen Eingriff des Staats erlaubt, ist das der nationalen Sicherheit. Ob diese bedroht ist, hängt aber nicht von der Zugehörigkeit eines Betriebs zu einer bestimmten Branche ab, sondern kann nur im Einzelfall entschieden werden. Es ist nämlich ein Unterschied, ob ein vom Kreml gelenkter Konzern sich bei einem kleinen Regionalversorger einkauft, um einen Fuß in den deutschen Markt zu bekommen, oder ob er einen Riesen wie Eon übernimmt und im Krisenfall einem Drittel der Deutschen den Strom abdrehen kann. Expertengremium in den USA In den USA werden solche Fragen bei jedem einzelnen maßgeblichen Übernahmeversuch von einem Expertengremium beantwortet, dem Regierungsvertreter sowie unabhängige Fachleute angehören. Dieser Rat könnte für Deutschland Vorbild sein. Dagegen müssen die Pläne der CDU, wonach die Regierung auch Jahre nach einer Beteiligung die Transaktion wieder rückgängig machen kann, in jedem Fall verhindert werden. Sie würden nämlich auch erwünschte ausländische Investoren vom deutschen Markt fernhalten und damit dem Land insgesamt schaden. Zudem könnte ein Aufkäufer mit unredlichen Absichten zunächst stillhalten, um dann am Tag des Fristablaufs mit der Umsetzung seiner eigentlichen Pläne zu beginnen. Sinnvoller wäre es deshalb, wenn ein Rat für nationale Sicherheit fragwürdige Übernahmen mit Auflagen versehen und deren Einhaltung regelmäßig kontrollieren könnte. Vorwurf der Abschottung Bislang wehrt sich die Bundesregierung gegen die Einrichtung eines solchen Rats, weil sie den Vorwurf der Abschottung fürchtet. Tatsächlich protektionistisch aber ist eine Politik, bei der nicht nach objektiven Kriterien, sondern pauschal nach der Herkunft oder den Geldgebern eines Investors entschieden wird. Finanzminister Peer Steinbrück reist in den nächsten Tagen nach New York und Washington. Er sollte die Zeit nutzen, um sich über den Umgang der Amerikaner mit dem Problem zu informieren. | Die Union warnt vor dem Einstieg russischer und chinesischer Staatsfonds in deutsche Konzerne. Doch ein generelles politisches Vetorecht gegen diese Investoren wäre falsch - ihr Investment könnte auch vorteilhaft sein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/staatsfonds-aus-russland-und-china-fragwuerdige-einteilung-in-gut-und-boese-1.888633 | Staatsfonds aus Russland und China - Fragwürdige Einteilung in gut und böse | 00/05/2010 |
Der frühere Bundesbankpräsident Ernst Welteke beschäftigt die Justiz: Klagen gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Bundesbank sowie gegen das Land Hessen sind anhängig. Um den ehemaligen Bundesbankpräsidenten Ernst Welteke wird es nicht ruhig. Zuletzt trat der 63-Jährige öffentlich als Aufsichtsratsmitglied einer russischen Regionalbank auf, warb für Geschäftsanbahnungen mit dem Kreditinstitut namens Center-Invest in Rostow am Don. Detailansicht öffnen Der frühere Bundesbank-Präsident Ernst Welteke. (Foto: Foto: ddp) Am Main beschäftigt er auch die Justiz. Das Frankfurter Verwaltungsgericht bestätigte am Dienstag gleich zwei Verfahren, bei denen es um ungeklärte Ruhestandsbezüge geht. Welteke klagt gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Bundesbank ebenso wie gegen das Land Hessen, konkret gegen den Präsidenten des hessischen Landtags. Beide Verfahren hängen miteinander zusammen. Denn Welteke werden die zwei Jahrzehnte nicht angerechnet, die er im hessischen Landtag saß. Dem Vernehmen nach bekommt er 8000 Euro im Monat und damit nur ein Drittel dessen, was er gerne gehabt hätte. Andere Ansprüche aus dem Öffentlichen Dienst Festgelegt ist die Kürzung im hessischen Abgeordnetengesetz. Danach werden Versorgungsansprüche nicht ausbezahlt, wenn sie mit anderen Ansprüchen aus dem Öffentlichen Dienst zusammentreffen. Welteke argumentiert dagegen, seine Versorgungsbezüge aus seiner Tätigkeit als Bundesbankpräsident seien keine Bezüge "aus einer Verwendung im öffentlichen Dienst" im Sinne dieser Vorschrift. Geldbuße Der doppelte Streit um die Pension hat nichts mit früheren Vorwürfen gegen Welteke zu tun. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Vorteilsnahme im Amt war im Juni 2004 gegen die Zahlung einer Geldbuße von 25.000 Euro eingestellt worden. | Der frühere Bundesbankpräsident Ernst Welteke beschäftigt die Justiz: Klagen gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Bundesbank sowie gegen das Land Hessen sind anhängig. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ex-bundesbankpraesident-doppelter-streit-um-die-pension-1.905463 | Ex-Bundesbankpräsident - Doppelter Streit um die Pension | 00/05/2010 |
Auch wenn Edmund Stoiber ob seiner Selbstherrlichkeit oftmals kritisiert wurde - wirtschaftspolitisch war seine Ära durchaus erfolgreich. Im Überlebenskampf der Mächtigen zählen nicht Inhalte, sondern Persönlichkeit, Popularität und Interessen. Detailansicht öffnen Angela Merkel würdigte die Leistung Stoibers: Er habe Bayern mit "Laptop und Lederhose" zu dem gemacht, was es sei. (Foto: Foto: Reuters) Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ist nicht wegen einer bestimmten Politik gestürzt worden, sondern weil er den Bayern den Stolz genommen hat ("Flucht aus Berlin") und die eigenen Parteifreunde seiner Selbstherrlichkeit überdrüssig sind. Viel zu wenig aber wird in dieser weiß-blauen Wendezeit über Stoibers wirtschaftspolitisches Vermächtnis gesprochen. Soll er seinen Nachfolgern Vorbild oder Warnung sein? Schlagwort von "Laptop und Lederhose" Einzig die Bundeskanzlerin hat in ihrem ersten Nachruf einen Bezug zur Wirtschaftspolitik hergestellt. Stoiber habe Großes geleistet, sagte Angela Merkel, er habe Bayern mit "Laptop und Lederhose" zu dem gemacht, was es sei. Es spricht für Merkel, dass sie die zentrale Bedeutung der Wirtschaftspolitik würdigt; allerdings hat es fast schon Züge von Tragik, dass die Handlungen der großen Koalition den Reform-Vorgaben, die die Kanzlerin in ihren Reden setzt, nicht einmal im Ansatz Stand halten. Der CSU-Vorsitzende Stoiber war einerseits konsequenter und andererseits genauso säumig wie die Kollegin CDU-Vorsitzende. Als Landesvater hat er Bayern seit Mai 1993 in der Summe erfolgreich regiert. Das Erbe von Franz Josef Strauß Zwar ist es ist nicht allein sein Verdienst, dass das Bundesland im äußersten Südosten Deutschlands gut dasteht. Der erfolgreiche Wandel vom hinterwäldlerischen Agrarstaat zum wirtschaftlichen und technologischen Kraftzentrum der Nation geht maßgeblich auf einen anderen Bayern zurück, auf Franz Josef Strauß. Zugegebenermaßen ist der Erfolg auch umständehalber bedingt. Bayern profitierte davon, dass dort - anders als beispielsweise in Nordrhein-Westfalen - wenig "alte" Industrien angesiedelt sind. Dort, wo es sie gibt - wie in Franken -, kämpft auch Bayern mit dem Strukturwandel. Und wären nicht die großen Konzerne wie Siemens nach dem verlorenen Weltkrieg aus dem sowjetisch beherrschten Preußen nach Bayern ausgewandert, stünde der Freistaat heute nicht da, wo er steht. Investitionen in Zukunftsfelder Aber eine solche Chance zu nutzen, erfordert Weitsicht und Tatkraft, die Strauß und seiner CSU-Generation zu eigen war. Ebenso wenig ist es selbstverständlich - und das betrifft die Stoiber-Ära -, dieses Erbe ins Zeitalter der Globalisierung und des härteren internationalen Wettbewerbs hinüberzuretten. Stoiber hat zur rechten Zeit das Tafelsilber des Landes verkauft, also Staatsbeteiligungen zu Geld gemacht, und die Privatisierungserlöse in Zukunftsfelder investiert. Im Umfeld der Universitäten entstanden erfolgversprechende Firmenansiedlungen, sogenannte Cluster, etwa zu Biotech, Luft- und Raumfahrt oder Ernährung. | Auch wenn Edmund Stoiber ob seiner Selbstherrlichkeit oftmals kritisiert wurde - wirtschaftspolitisch war seine Ära durchaus erfolgreich. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirtschaftsmacht-bayern-stoiber-die-bilanz-1.907461 | Wirtschaftsmacht Bayern - Stoiber, die Bilanz | 00/05/2010 |
Von morgens um acht bis abends um neun steht die 25-jährige Floristin Gabriela hinter ihrem Blumenstand in Prag. (SZ vom 05.11.03) - Wie viele Beschäftigte, die in Tschechien im Einzelhandel tätig sind, hat auch sie einen Arbeitsrhythmus mit einer "langen" und einer "kurzen" Woche: In der einen arbeitet sie Montag, Dienstag und dann von Freitag bis Sonntag, in der darauf folgenden hat sie fünf Tage frei. Zwei Frauen sind an dem Blumenstand beschäftigt, jede muss durchschnittlich 15 Tage pro Monat arbeiten und insgesamt 195 Stunden ableisten. Sonn- und Feiertage werden mitgerechnet, Zuschläge gibt es nicht. In der Tschechischen Republik gibt es auch kein Ladenschlussgesetz. So kann die Supermarktkette Tesco ihre gigantischen Einkaufstempel am Rande der Hauptstadt rund um die Uhr geöffnet halten. Auch hier arbeiten die Angestellten zwölf Stunden am Tag, für einen Stundenlohn von weniger als zwei Euro. Kleine Geschäfte vom Ruin bedroht Gewerkschaften haben jetzt Protest gegen die unbegrenzte Ladenöffnungszeiten angekündigt, und das nicht nur, weil sie die Rechte der Beschäftigten schützen wollen. Durch die langen Öffnungszeiten, die bei den Kunden durchaus beliebt sind, werden auch kleine Geschäfte in den Ruin getrieben. Allerdings sind die Gewerkschaften in Tschechien immer noch sehr schwach und können kaum etwas ausrichten. In vielen Unternehmen, die in ausländischer Hand sind, gibt es gar keine Gewerkschaftsorganisation. Nach der jüngsten Statistik der OECD ist Tschechien das europäische Land, in dem mit 1990 Stunden pro Jahr und Beschäftigtem am längsten gearbeitet wird. Gesetzlich gilt die 40-Stunden-Woche. In Betrieben, die im Drei-Schicht-System arbeiten, haben die Beschäftigten wöchentlich 37,5 Stunden zu leisten. 45 Stunden pro Woche Die Praxis sieht jedoch anders aus. Einer Studie der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Prager Universität zufolge verbringen die tschechischen Arbeitnehmer im Schnitt 45 Stunden pro Woche an ihrem Arbeitsplatz. Die Möglichkeit der flexiblen Arbeitszeitgestaltung kommt dabei vor allem auch deutschen Unternehmern sehr entgegen. "Wir können unsere Arbeitszeitmodelle innerbetrieblich mit unseren Mitarbeitern vereinbaren und brauchen dazu keine Genehmigung von lokalen Behörden", sagt der Geschäftsführer der Firma Hettich CR, Horst Blom. Sein Unternehmen, das in Tschechien Möbelbeschläge produziert, kann jetzt die Maschinen rund um die Uhr laufen lassen und somit maximal ausnutzen. Etwa 20 Prozent der rund 400 Mitarbeiter sind auf das Modell eingegangen. Sie arbeiten im Durchschnitt 21 Tage pro Monat, insgesamt 168 Stunden. Zwei Tage im Monat frei Den Beschäftigten komme dieses Modell durchaus entgegen, sagt Blom, denn sie hätten dadurch zwei Tage mehr im Monat frei. Die liberale Gestaltung der Arbeitszeit habe sich allerdings erst in den letzten Jahren durchgesetzt. Als die tschechische Tochtergesellschaft von Hettich International 1993 gegründet wurde, hätten noch die alten restriktiven Gesetze gegolten. Obwohl die Tschechen im Schnitt sehr viel Zeit auf ihrer Arbeitsstelle verbringen, lässt die Arbeitsproduktivität zu wünschen übrig. Von 225 Arbeitstagen im vergangenen Jahr hätten die Arbeitnehmer im Durchschnitt effektiv nur 135 Tage gearbeitet, fand die Firma Czipin & Proudfoot Consulting heraus. Etwa 40 Prozent der Arbeitszeit werde vergeudet. Der Grund sei aber nicht immer eine schlechte Arbeitsmoral, sondern häufig auch eine schlechte Betriebsorganisation, so die Unternehmensberater. Allgemein arbeiten Mitarbeiter in ausländischen Unternehmen mehr als in Firmen, die von tschechischen Unternehmern geführt werden. Ausländische Investoren zahlen allerdings in der Regel auch besser. | Von morgens um acht bis abends um neun steht die 25-jährige Floristin Gabriela hinter ihrem Blumenstand in Prag. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tschechien-betrieb-rund-um-die-uhr-1.898172 | Tschechien - Betrieb rund um die Uhr | 00/05/2010 |
Der Preis für Eisenerz schnellte in diesem Frühjahr um mehr als siebzig Prozent in die Höhe. Da die Nachfrage steigt, bauen die Rohstoffproduzenten ihre Kapazitäten aus. Eisenerze gibt es fast überall, denn Eisen ist das Element, das in der Erdrinde am vierthäufigsten vorkommt. Es kann aber nur in wenigen, sehr großen Lagerstätten wirtschaftlich gewonnen werden. Detailansicht öffnen Ein mit Eisenerz beladener Zug verlässt eine Mine im Westen Australiens. (Foto: Foto: Reuters) Die drei Bergbaukonzerne CVRD aus Brasilien, der britisch-australische Rio-Tinto-Konzern und BHP Billiton aus Australien beherrschen mehr als zwei Drittel des weltweiten Handels. Dieser ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen und machte 2004 einen Sprung von fast 16 Prozent auf 592 Millionen Tonnen. Grund ist die immense Nachfrage Chinas, das seine Stahlproduktion rasant ausbaut. Das Industrieland Deutschland ist stark von Metallen oder deren Vorprodukten abhängig. Und die müssen importiert werden. Besonders deutlich wird dies bei Eisenerz. Importabhängige Stahlindustrie 1995 wanderte die letzte Tonne aus dem heimischen Bergbau in die Hochöfen der Stahlindustrie, denn nur dort wird der Rohstoff eingesetzt. Seither stützt sich die deutsche Stahlindustrie ausschließlich auf Lieferungen aus dem Ausland. Die Hütten führen derzeit gut 43 Millionen Tonnen ein. Wichtigster Lieferant ist Brasilien mit einem Anteil von 53 Prozent, vor Kanada (14 Prozent), Schweden (13 Prozent) und Australien (8 Prozent). Weltweit ist Australien größter Eisenerzlieferant. In der Stahlindustrie herrscht Hochkonjunktur. Die Nachfrage der Hütten nach dem Rohstoff Eisenerz ist so lebhaft, dass die Lieferanten an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen. Entsprechend teuer ist Eisenerz geworden. Drastische Preissteigerungen Allein in diesem Frühjahr wurde die Stahlindustrie mit Preiserhöhungen von 70 Prozent und mehr erschreckt. Feinerz Carajas kostet als Leitsorte seither mehr als 40 Dollar die Tonne ab Verladehafen. Auf die deutsche Stahlindustrie kommen durch die Verteuerung des Rohstoffs nach Berechnung ihres Branchenverbands Mehrkosten von etwa 600 Millionen Euro zu. Was die Abnehmer stark belastet, schlägt bei den Rohstoffproduzenten positiv zu Buche. In der vergangenen Woche hat Rio Tinto ein glänzendes Halbjahresergebnis präsentiert. Während der Umsatz um 44 Prozent hochschnellte, machte der Vorsteuer-Gewinn gar einen Sprung um 65 Prozent. | Der Preis für Eisenerz schnellte in diesem Frühjahr um mehr als siebzig Prozent in die Höhe. Da die Nachfrage steigt, bauen die Rohstoffproduzenten ihre Kapazitäten aus. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-rohstoffe-vii-reichlich-vorhanden-aber-teuer-1.918774 | SZ-Serie: Rohstoffe (VII) - Reichlich vorhanden, aber teuer | 00/05/2010 |
Der angeschlagene US-Autohersteller sieht sich mit seiner jüngsten Modelloffensive bestätigt. Von den 16 neuen Modellen der kommenden zwei Jahre sollen die meisten auch nach Europa kommen. Denn während der Automarkt in Deutschland insgesamt schrumpfte, legte Chrysler zu. Der US-Autoproduzent Chrysler will in fünf Jahren seinen Marktanteil in Europa auf 1,4 Prozent verdoppeln. Die Umsatzrendite seines Unternehmens solle dann fünf Prozent erreichen, sagte Chrysler-Chef Dieter Zetsche dem Handelsblatt. Detailansicht öffnen Chrysler-Fahrzeuge des Typs Crossfire werden im Hafen von Los Angeles verladen. (Foto: Foto: AP) Schwarze Zahlen In der Financial Times Deutschland erklärte das Vorstandsmitglied der DaimlerChrysler AG, Chrysler schreibe mit seinen Exportfahrzeugen erstmals seit Jahren in Europa und Asien schwarze Zahlen. Chrysler-Deutschland-Chef Bernd Hullerum sagte am Montag vor Journalisten in Stuttgart, dass die Modelloffensive von Chrysler jetzt auch in Deutschland Früchte trage. Während in den ersten sechs Monaten der Automarkt in Deutschland um 1,32 Prozent zurückgegangen sei, habe Chrysler 2,25 Prozent zulegen können. Bis 2007 will Chrysler in Deutschland seinen Marktanteil von derzeit 0,6 Prozent auf 1,0 Prozent steigern. Von den 16 neuen Modellen, die die Chrysler Group in den Jahren 2005/06 auf den Markt bringen werde, kämen die meisten auch nach Europa. "Totale innere Erneuerung" Mit dem Ergebnis der harten Sanierung nach der Fusion von Chrysler und Daimler-Benz zeigte sich Zetsche zufrieden. Nach gut drei Jahren "totaler innerer Erneuerung" hätten die Chysler-Modelle in Qualität, Styling, Ausstattung und Fahrverhalten jetzt "Weltformat". Das sei die Grundlage für die geplante Expansion: Zetsches Fernziel ist es, dass Chrysler 2012 eine Million Autos mehr produziert als 2002. Der Manager hat es dabei vor allem auf das Ausland abgesehen. "Wir können die Konkurrenten nicht nur auf unserem Heimatmarkt bekämpfen", sagte er. Schon in diesem Jahr will Zetsche 180.000 Fahrzeuge außerhalb der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta (USA, Kanada, Mexiko) verkaufen, sagte er dem Handelsblatt. Nachfrage größer als Angebot Sein größtes Problem sei derzeit, dass die Nachfrage nach den neuen Chrysler-Modellen 300 C und Dodge Magnum das Angebot deutlich übersteige: "Wir könnten 30 Prozent mehr verkaufen, wenn wir die Autos hätten", sagt Zetsche. | Der angeschlagene US-Autohersteller sieht sich mit seiner jüngsten Modelloffensive bestätigt. Von den 16 neuen Modellen der kommenden zwei Jahre sollen die meisten auch nach Europa kommen. Denn während der Automarkt in Deutschland insgesamt schrumpfte, legte Chrysler zu. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-harter-sanierung-chrysler-will-marktanteil-in-europa-verdoppeln-1.904933 | Nach harter Sanierung - Chrysler will Marktanteil in Europa verdoppeln | 00/05/2010 |
Auf welche Titel renommierte Anlagespezialisten wie Wolfgang Mayr setzen, warum in Asien große Kurschancen liegen und wieso Gottfried Heller eine ähnliche Entwicklung an den Börsen wie Mitte der 90er Jahre für möglich hält Wenn sich die renommierten Investmentstrategen Deutschlands auf die Suche nach Einzeltiteln an den Börsen machen, lohnt es sich zuzuhören. Detailansicht öffnen Vertragsunterzeichnung in China. Wolfgang Mayr sieht bei gut geführten Unternehmen in Asien Kurschancen. (Foto: Foto: Reuters) Zum Beispiel dem Münchner Wolfgang Mayr, der gerade erst wieder bei der Wahl der "German Masters" zu einem der zehn besten bankenunabhängigen Vermögensverwalter gekürt wurde. Mayr sucht rund um den Globus nach gut geführten Unternehmen, die an den Aktienbörsen entsprechende Kurschancen haben. Er findet sie derzeit vor allem in Asien, wo sowohl die Bevölkerungs- als auch die Wohlstandszunahme für Wachstumssprünge sorgen. Korrektur fällig "Die Entwicklung in Asien und im Pazifikraum ist heute ein ähnlicher Treibstoff für die Börsen wie es in den 90er Jahren die Technologie war", sagt Mayr. Die so genannten Emerging Markets haben nach seiner Einschätzung die Schwelle zum Status der Industrienationen bereits überschritten. Auf einem "unumkehrbaren Weg zu stabilen Volkswirtschaften" sieht er auch die Staaten des einstigen Ostblocks. Ob Ölaktien wie die ungarische MOL oder die österreichische OMV, ob Wertpapiere von Maschinenbauern oder Finanztitel: Alle Unternehmen mit einem guten Osteuropageschäft nimmt er genauer unter die Lupe. Allzu viel Euphorie will Mayr indes nicht wecken. Nach der bereits mehr als drei Jahre anhaltenden Aufwärtsbewegung an den Börsen der Welt, glaubt er, sei nun wieder eine Korrektur fällig. Blick nach China Ähnlich sieht man das bei der Berenberg Bank in Hamburg. Zwar glaubt man dort, dass der Dax in diesem Jahr noch auf 4600 bis 4800 Punkte klettern könnte, vorher aber könne es - ebenso wie im vergangenen Jahr nach der kurzen Frühjahrsrallye - seitwärts oder leicht nach unten gehen, nicht zuletzt weil die US-Notenbank eine Phase der Zinsanhebungen in Gang gesetzt hat. "Das führt zu einer Liquiditätsverknappung und somit - ebenso wie der hohe Ölpreis - zu einer Belastung für die Aktienmärkte", sagt Chef-Volkswirt Wolfgang Pflüger. | Auf welche Titel renommierte Anlagespezialisten wie Wolfgang Mayr setzen, warum in Asien große Kurschancen liegen und wieso Gottfried Heller eine ähnliche Entwicklung an den Börsen wie Mitte der 90er Jahre für möglich hält | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umfrage-die-strategien-der-renditekicker-1.905293 | Umfrage - Die Strategien der Renditekicker | 00/05/2010 |
Der schwedische Konzern ändert die Firmenstruktur der AEG Hausgeräte GmbH, um auf dem hart umkämpften deutschen Markt wettbewerbsfähiger zu werden. Der Konzern plant, vom 1. September an alle Abteilungen der AEG Hausgeräte GmbH zu verselbstständigen, die nicht unmittelbar an der Herstellung von Produkten beteiligt sind. Detailansicht öffnen AEG verliert durch die formale Umstrukturierung an Identität. (Foto: Foto: dpa) Im Kern läuft der Vorschlag des deutschen Managements auf Ausgründungen in fünf wirtschaftlich und rechtlich selbstständige Firmen hinaus. Betroffen von der geplanten Aufteilung sind insgesamt 4166 Beschäftigte der AEG Hausgeräte GmbH. Nach Angaben von Electrolux kann das Unternehmen "durch die optimierte interne Ablauforganisation", durch die keine Arbeitsplätze entfallen würden, flexibler auf die sich rasch verändernden Marktbedingungen reagieren. Die gemeinsamen Interessen der neuen Gesellschaften wird die Electrolux Deutschland GmbH mit den Geschäftsführern Martin Wolgschaft und Eberhard Queissner wie bisher als Holding wahrnehmen. Ein formaler Schritt Herzstück in der künftigen Struktur bleibt die AEG Hausgeräte GmbH mit den beiden Fabriken in Nürnberg - 1716 Mitarbeiter in der Produktion sowie 68 Beschäftigte in der Entwicklung und 39 weitere Arbeiter und Angestellte - und Rothenburg, wo insgesamt 867 Frauen und Männer ihr Geld verdienen. Mit Blick auf das ungeklärte Schicksal des Nürnberger Werks betonte Geschäftsführer Wolgschaft am Freitag: "Auf die derzeit laufende Untersuchung über eine mögliche Schließung des Werks Nürnberg unter der Leitung von Dieter Lange hat dieser formale Schritt (der Verselbstständigung, Anm. d. Red.) keinen Einfluss und steht auch in keinem Zusammenhang damit." Mit dem drohenden Aus für die Fabrik ist momentan der Wirtschaftsausschuss des Unternehmens befasst, dem Vertreter des Managements und der Arbeitnehmerseite angehören. Nachdem ein erstes Treffen ohne konkretes Ergebnis geblieben war, ist für kommenden Montag eine zweite Sitzung anberaumt worden. Kosten sollen deutlich sinken Electrolux-Vorstandsmitglied Johann Bygge sagte, es müssten "unangenehme Entscheidungen" getroffen werden, denn die Gruppe sei in einer "äußerst schwierigen Situation". Die Kosten müssten deutlich gesenkt werden. Um wie viel, sagte er aber nicht. Auf die Frage, bis wann ein Beschluss über das Nürnberger Werk herbeigeführt werden solle, antwortete er: "Wir nehmen uns die notwendige Zeit für die Untersuchung. Es gibt keine Deadline. " Bis zu einer Entscheidung dürfe es "aber nicht zu lange dauern". Umbau mehrerer Sparten Der Umbau der Firma hierzulande betrifft neben Produktion und Entwicklung noch vier andere Sparten. So soll erstens aus der Abteilung Kundendienst die Electrolux Services GmbH mit 427 Beschäftigten entstehen. Die logistischen Aufgaben in Deutschland werden zweitens in der Electrolux Logistics GmbH mit 181 Leuten gebündelt. Die Distribution der Ersatzteile in Zentraleuropa mit 212 Beschäftigten wird drittens in der Distriparts Deutschland GmbH zusammengefasst. Und viertens soll es die Electrolux Hausgeräte Vertriebs GmbH mit 636 Mitarbeitern geben, bei der Aufgaben wie Marketing, Vertrieb und Verwaltung angesiedelt sein werden. Die vier Firmen sind künftig nicht mehr tarifgebunden. Bisher gehörten sie zum Beritt der IG Metall. Wolgschaft zufolge kann es sein, dass die Beschäftigten künftig bei unveränderter Vergütung länger arbeiten müssen. | Der schwedische Konzern ändert die Firmenstruktur der AEG Hausgeräte GmbH, um auf dem hart umkämpften deutschen Markt wettbewerbsfähiger zu werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umstrukturierung-electrolux-zerlegt-aeg-1.903320 | Umstrukturierung - Electrolux zerlegt AEG | 00/05/2010 |
Zwischen Union und SPD bricht neuer Streit los - dieses Mal über die Senkung der Erbschaftsteuer. Dabei ist die ohnehin nur eine Bagatellsteuer. Unter bestimmten Voraussetzungen sollte sie sogar erhöht werden. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) wehrt sich dagegen, wie Peer Steinbrück (SPD) die Erbschaftsteuer reformieren will: Der Finanzminister möchte Firmenerben zwar wie Glos entlasten. Gleichzeitig stellt Steinbrück aber Bedingungen, die Glos misshagen. Detailansicht öffnen Finanzminister Peer Steinbrück und Wirtschaftsminister Michael Glos: Zank über die Erbschaftsteuer. (Foto: Fotos: dpa, AP) Das gut gemeinte Konzept Steinbrücks sieht Folgendes vor: Im Erbfall wird die für ein Unternehmen fällige Erbschaftsteuer berechnet und über einen Zeitraum von zehn Jahren zinslos gestundet - allerdings nur bei arbeitsplatzpolitischem Wohlverhalten des Unternehmens. Um dieses sicherzustellen, wird gleichzeitig ermittelt, wie viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze das Unternehmen in den zwei Jahren vor dem Todesfall im Durchschnitt hatte. Sollte der Erbe etwa nach vier Jahren von 10 Beschäftigten zwei entlassen, würden in den restlichen sechs Jahren nur noch acht Prozent der jährlichen Steuerschuld gelöscht. Kompliziertes Regelwerk Typisch große Koalition! So könnte man dieses komplizierte Regelwerk wohl abqualifizieren, wenn man es sich leicht machen wollte. Denn dem lauthals propagierten Anliegen der Regierung, die Bürokratie in Deutschland abbauen zu wollen, spricht ein solches Regelwerk wohl geradezu Hohn. Doch auch bei einer tiefergründigen Analyse unter rein ökonomischen Gesichtspunkten ist Kritik angebracht. Der Zweck, den die Koalition verfolgt, ist zunächst zwar durchaus einsichtig: Weil Erben in Nachbarländern wie etwa Österreich vom Staat viel weniger zur Kasse gebeten werden als in Deutschland, befürchtet vor allem die Union die verstärkte Abwanderung von familiengeführten Unternehmen. Die Sozialdemokraten wollen hingegen verhindern, dass die Unternehmen zwar im Lande bleiben, dann aber eben hier fleißig Arbeitsplätze abbauen. Mit ihrem Anliegen vermengt die SPD allerdings zwei völlig unterschiedliche Aspekte, denen sie mit dem Steuerungsinstrument "Erbschaftsteuer" nicht zugleich gerecht werden kann. Der Wirtschaftsminister agiert daher durchaus konsequent, wenn er die Erbschaftsteuer einfach nur absenken will, ohne allzu großes wenn und aber. "Das ganze Package" Ob ein Unternehmen nun Angestellte entlässt oder nicht, ist schließlich von der Höhe der Erbschaftsteuer nur sehr nachrangig abhängig. "Es kommt auf das ganze Package aus Kosten und Abgaben an", sagt dazu der Steuerexperte Kai Konrad vom Wissenschaftszentrum Berlin. Wolle der Staat die Beschäftigung fördern, sei der Weg über die Erbschaftsteuern daher nicht gerade der Direkteste. Unmittelbarere Angriffspunkte bestünden vielmehr in direkten Lohnsubventionen, wie etwa den Kombilöhnen, empfiehlt der Finanzwissenschaftler. Fazit: Trotz aller bürokratischen Verrenkungen, zu denen die Finanzämter nun vergattert werden sollen, werden die Arbeitsplätze in Deutschland deswegen wohl kaum sicherer werden. Doch auch Glos denkt zu kurz: Denn ob er Arbeitsplätze langfristig erhalten kann, wenn der Steuerwettlauf nach unten nun auch bei der Erbschaftsteuer einsetzt, darf ebenfalls bezweifelt werden. | Zwischen Union und SPD bricht neuer Streit los - dieses Mal über die Senkung der Erbschaftsteuer. Dabei ist die ohnehin nur eine Bagatellsteuer. Unter bestimmten Voraussetzungen sollte sie sogar erhöht werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/koalition-bagatellsteuer-erhitzt-die-gemueter-1.903610 | Koalition - Bagatellsteuer erhitzt die Gemüter | 00/05/2010 |
In der Rangliste der weltweit 100 wertvollsten Marken finden sich nur sechs deutsche Unternehmen. Auf dem Vormarsch sind hingegen die asiatischen Firmen. Mercedes ist die wertvollste Marke aus Deutschland. In einem am Montag von der Zürcher Beratungsfirma Interbrand veröffentlichten weltweiten Vergleich der 100 wertvollsten Marken kann der schwäbische Autohersteller immerhin Rang 10 belegen. Detailansicht öffnen Erfolgreichstes deutsches Markenzeichen: Der Mercedes-Stern. (Foto: Foto: AP) Interbrand hat für die Veröffentlichung des jährlichen Markenrankings in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Business Week ein Berechnungsverfahren entwickelt, das den Markenwert in Dollar ausdrückt. Demnach hat "Mercedes" als Marke einen Wert von rund 21,4 Milliarden Dollar, 2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Coca-Cola führt Die absolute Spitzenmarke in der globalen Rangliste ist seit Jahren Coca-Cola. Ihr Wert wird mit fast 70,5 Milliarden Dollar angegeben. Die ersten fünf Plätze der Marken-Weltrangliste nehmen wie im Vorjahr US-Konzerne ein. Auf den Plätzen hinter Coca-Cola folgen Technologieunternehmen: Microsoft auf Platz zwei, dann IBM, GeneralElectric (GE) und Intel. Auf Platz 6 folgt mit Nokia das erste europäische Unternehmen. Platz 7 nimmt Disney ein, Platz 8 MacDonald's und Platz 9 Marlboro. Einen Sprung nach vorne in der Rangliste hat Toyota geschafft. Der japanische Autobauer kam mit einer Steigerung des Markenwertes um 7 Prozent auf Platz 11 und verdränget Ford. Der US-Konzern musste einen heftigen Rückgang des Markenwertes um 16 Prozent hinnehmen und sackte auf Platz 14 der Rangliste ab. Samsung gewinnt, Reuters verliert Insgesamt sind unter den 100 wertvollsten Marken nur 6 "Brands" aus Deutschland vertreten: nach Mercedes folgt BMW auf Platz 19, ein Rang besser als im Vorjahr, dann der Softwarehersteller SAP auf Platz 35, ein kräftiger Sprung von Rang 42 dank einer Wertsteigerung um 14 Prozent. Volkswagen sackte dagegen von Rang 38 auf Platz 42 in der Weltrangliste. Adidas belegt die 67. Stelle, ein Platz besser als ein Jahr zuvor. Nivea kommt auf Rang 92, ein Platz schlechter als im Vorjahr. Die größte Steigerung des Markenwerts konnte mit 31 Prozent der koreanische Elektronikhersteller Samsung verzeichnen, er erreichte Rang 25 nach Platz 34 im Jahr 2002. Den mit Abstand deutlichsten Verlust an Markenwert musste mit minus 28 Prozent der Nachrichtendienst Reuters hinnehmen. Er sackte in der Rangliste von Platz 58 auf 76. | In der Rangliste der weltweit 100 wertvollsten Marken finden sich nur sechs deutsche Unternehmen. Auf dem Vormarsch sind hingegen die asiatischen Firmen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mercedes-auf-platz-zehn-deutsche-marken-mit-geringer-weltgeltung-1.918617 | Mercedes auf Platz zehn - Deutsche Marken mit geringer Weltgeltung | 00/05/2010 |
Der Euro hat am Mittwoch erstmals seit seiner Einführung vor knapp sechs Jahren die Marke von 1,30 Dollar übersprungen. Anschließend sackte der Kurs ab. Dazu trug eine überraschende Verbesserung der US-Handelsbilanz bei. Trotz eines unerwarteten Rückgangs des Defizits in der amerikanischen Handelsbilanz setzte der Euro zunächst seinen Höhenflug fort. Mit 1,3005 Dollar notierte die Gemeinschaftswährung zeitweise so hoch wie noch nie zuvor seit der Einführung an den Finanzmärkten zum 1. Januar 1999. Detailansicht öffnen Hektik am Devisenmarkt: Händler an der Chicago Mercantile Exchange. (Foto: Foto: AP) Allerdings schwankte der Kurs im Tagesverlauf heftig und gab nach dem Rekordhoch bis 16.45 Uhr wieder auf 1,2870/75 Dollar nach. "Die Zahlen zur US-Handelsbilanz haben eigentlich gegen einen Euro-Anstieg gesprochen", sagte Volkswirt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. "Der Markt wollte die 1,30-Dollar-Marke aber fallen sehen." Nach Erreichen der Marke strichen Anleger jedoch Gewinne ein. Strukturelle Probleme der US-Wirtschaft Das Defizit in der US-Handelsbilanz war im September mit 51,56 Milliarden Dollar niedriger als von Analysten erwartet ausgefallen. Devisenexperten erklärten jedoch, auch der Rückgang des Fehlbetrages ändere nichts an den strukturellen Problemen der US-Wirtschaft. So erwarten viele Investoren nach der Wiederwahl von George Bush eine Ausweitung des Defizits in der Leistungsbilanz. Um den Fehlbetrag zu finanzieren, brauchten die USA einen niedrigen Dollarkurs. Mit Spannung blickten die Investoren vor diesem Hintergrund auf die erste Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank nach den Wahlen. Der kräftige Stellenzuwachs in den USA im Oktober hat nach Einschätzung von Ökonomen Zweifel an einer Zinspause der US-Notenbank zerstreut. Die Risiken zwischen Konjunktur und Inflation beurteilen die Währungshüter ähnlich wie nach ihrer Sitzung im September als ausgeglichen. Signale für das neue Jahr Nun wird sich die Diskussion darum drehen, welche Signale die Fed für die Entwicklung bis zum neuen Jahr geben wird. Nach Einschätzung der Mehrheit der US-Ökonomen wird der Offenmarktausschuss, der am 14. Dezember zum letzten Mal in diesem Jahr zusammenkommt, die Zinsen nochmals leicht anheben. | Der Euro hat am Mittwoch erstmals seit seiner Einführung vor knapp sechs Jahren die Marke von 1,30 Dollar übersprungen. Anschließend sackte der Kurs ab. Dazu trug eine überraschende Verbesserung der US-Handelsbilanz bei. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/heftige-turbulenzen-am-devisenmarkt-euro-erstmals-ueber-1-30-dollar-1.916184 | Heftige Turbulenzen am Devisenmarkt - Euro erstmals über 1,30 Dollar | 00/05/2010 |
Mit dem neuen Partner Weltbild will der Traditionsbuchändler Hugendubel das Unmögliche möglich machen: die Vielfalt der Angebote zu wahren. Es ähnelt der Quadratur des Kreises: Mitten in der Krise des stationären Buchhandels, der seit Jahren vor sich hindümpelt, schließen sich die Katholische Kirche und ein großer Mittelständler aus München zusammen, um ihre eigenen Geschäfte und die Vielfalt der deutschen Buchlandschaft zu retten; so sagen sie. Detailansicht öffnen Deutsche Buchhandlung glänzen noch immer mit großer Vielfalt. (Foto: Foto: dpa) Dazu haben die Augsburger Weltbild-Gruppe, ein Medienriese im Namen Gottes, und die Familie Hugendubel in fünfter Generation eine Holding gegründet. Unter einem Dach versammeln sie alle Buchläden; von den Mega-Kaufhäusern Hugendubel bis hin zur Resterampe Jokers, wo noch der letzte Lesestoff günstig unters Volk gebracht wird. Zwei kleinere Partner Außerdem greift sich die Holding zwei kleinere Buchhändler aus Lübeck und Darmstadt, die händeringend einen Nachfolger suchten. In diesem Verbund soll möglich werden, was in anderen Branchen im Zuge der Konzentration kaum gelingt: die Vielfalt der Angebote zu wahren. Dafür, dass dieses Experiment gelingen könnte, spricht zweierlei: Weder das Traditionsunternehmen Hugendubel noch die Weltbild-Gruppe sind rein Rendite fokussiert. Beide haben als nicht börsennotierte Spieler womöglich einen längeren Atem als andere, um mäßig rentable Händler mittlerer Größe wieder flott zu kriegen und ohne ihnen sofort eine Sortiments-Bereinigung zu verordnen. Genug Eigenkapital Ein Einheitsbrei in den gemeinsamen Buchläden ist zunächst nicht zu befürchten. Zweitens: Gemeinsam haben beide Firmen genug Eigenkapital, und damit Unabhängigkeit, um diese Strategie zumindest mittelfristig auszuprobieren. Hugendubels scheinen davon überzeigt, dass nur diese Strategie ihnen eine Chance gegenüber der mächtigen Kette Thalia bietet. Und das zeigt, wie groß der Druck in der sich konsolidierenden Branche inzwischen ist. Denn sonst würden die Geschwister nicht das Erbe des Ururgroßvaters aufs Spiel setzen und ihre Selbstständigkeit so klanglos draufgeben. Klar ist: Im Siegeszug der Internethändler werden die stationären Buchhändler weiter leiden. Die Konzentration mitgestalten Aufhalten können die Hugendubels die Konzentration nicht; nun wollen sie sie mitgestalten. Ob der Partner Weltbild der Richtige ist, haben sie lange getestet. Ihr im vergangenen Jahr verstorbener Vater Heinrich Hugendubel hat mit Weltbildchef Carel Halff gute Geschäfte gemacht; nun folgen die Kinder seinem Weg. Preisdruck auf die Hersteller Angst dürfte ihr Schritt weniger bei Buchhändlern als bei Verlegern auslösen. Selbst wenn Hugendubels beteuern, die neue Gruppe wolle keine Einkaufsmacht ausüben: Wenn so ein großer Spieler entsteht, verstärkt sich der Preisdruck auf die Hersteller. | Mit dem neuen Partner Weltbild will der Traditionsbuchändler Hugendubel das Unmögliche möglich machen: die Vielfalt der Angebote zu wahren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/buchhandel-glaube-an-die-vielfalt-1.901285 | Buchhandel - Glaube an die Vielfalt | 00/05/2010 |
Die Gewerkschaften ringen um ihre Rolle in einer radikal veränderten Arbeitswelt, und zum Tag der Arbeit wollen Arbeitnehmer lieber ins Grüne als zur DGB-Demo. Doch die Botschaften von IG Metall & Verdi treffen in die Mitte der Gesellschaft. Und sie geht doch. "Auf jeden Fall" werde sie eine Maikundgebung besuchen, sagt Bettina Heurung, "schließlich sind starke Gewerkschaften wichtig." Allerdings könnte es gut sein, dass sie etwas verloren herumsteht. Denn die IG- Metall-Funktionäre sind sauer auf die Betriebsratsvorsitzende des kleinen FAG- Kugellagerwerkes im unterfränkischen Elfershausen, seit sie im Herbst vorigen Jahres ein Tabu gebrochen hat. Gegen den erbitterten Widerstand ihrer Gewerkschaft erklärten sich IG-Metall-Mitglied Heurung und ihre Kollegen bereit, fünf Stunden länger pro Woche zu arbeiten, und das ohne Lohnausgleich. Freiwillig, um ihr Werk dauerhaft zu erhalten, sagt die Betriebsratsvorsitzende. Auf perfiden Druck raffgieriger Manager hin, sagt die IG Metall. Der hochprofitable FAG-Mutterkonzern Schaeffler garantierte im Gegenzug, die 230 Arbeitsplätze in Elfershausen bis Ende 2012 zu erhalten und in die Fabrik zu investieren. Solche Vereinbarungen gibt es normalerweise nur in Notfällen, und dann werden sie von den Tarifparteien vertraglich geregelt. Lieber arbeitsfrei als zur Demo Dass ein Betriebsrat, wenn auch mit 98-prozentiger Zustimmung der Belegschaft im Rücken, im Alleingang derart weitreichende Zugeständnisse macht, war bundesweit einmalig. Wenn das Schule macht, wäre es aus mit der gewerkschaftlichen Macht und Herrlichkeit. Legt man den am 1. Mai 1890 erstmals in Bayern zelebrierten Tag der Arbeit als Maßstab an, dann ist es damit ohnehin nicht mehr weit her. 135 Maikundgebungen haben die DGB-Gewerkschaften im Freistaat organisiert, aber die meisten Mitglieder und Sympathisanten genießen lieber den arbeitsfreien Tag, als sich Parolen gegen die Rente mit 67, die Gesundheits- und die Unternehmenssteuerreform anzuhören. Davon, dass am 1. Mai 50 000 Menschen zu einer Kundgebung kommen, wie 1922 im Nürnberger Luitpoldhain oder 1965 auf dem Münchner Königsplatz, können die Gewerkschaften heute nur noch träumen. An die Wand gedrängt Machtvolle Demonstrationen von Stärke, Entschlossenheit und Solidarität waren das, schließlich ging es darum, gemeinsam etwas zu erkämpfen: Höhere Löhne, Weihnachts- und Urlaubsgeld, mehr Urlaub, kürzere Arbeitszeiten. Seit allerdings die Grenzen fielen und Billiglohnländer nicht mehr im fernen Osten beginnen, sondern gleich hinter dem Bayerischen Wald, müssen die Gewerkschaften oft schon froh sein, wenn sie die in Jahrzehnten erkämpften Errungenschaften bewahren können. "Man sollte sich endlich Gedanken machen, wie man Arbeitsplätze hierzulande gegen weltweite Konkurrenz halten kann", sagt die in Ungnade gefallene FAG-Betriebsrätin Heurung. Fernab aller ritualisierten Gewerkschaftsrhetorik reicht selbst in profitablen Firmen wie FAG oder Pfleiderer in Neumarkt vielfach die vage Drohung, Arbeitsplätze ostwärts zu verlagern, um Betriebsräte an die Wand zu drängen, während die Gewerkschaften noch auf das Grundsätzliche pochen. Dort, wo es am billigsten ist Großen Einklang gab es hingegen bei AEG in Nürnberg. Zwar verlor man nach sieben bitterkalten Streikwochen im Winter 2006 den Kampf um das Hausgerätewerk mit seinen 1700 Arbeitsplätzen. Nun lässt der schwedische Mutterkonzern Electrolux die Waschmaschinen und Geschirrspüler für weit niedrigere Löhne in Polen zusammenschrauben. Der IG Metall war es nicht gelungen, eine grenzübergreifende Arbeitnehmerfront aufzubauen. Sie musste schmerzhaft erfahren, dass Konzerne globales Monopoly spielen und Fabriken dort bauen, wo es am billigsten ist, während die Arbeitnehmer angesichts einer international völlig uneinheitlichen Gewerkschaftsstruktur Lichtjahre davon entfernt sind, ein starkes Gegengewicht zu bilden. In der Mitte angekommen Immerhin aber setzte man für die 1.700 AEG-Beschäftigten einen großzügigen Sozialtarifvertrag durch, ähnlich wie kurz zuvor schon bei Infineon in München. "Durch beide Arbeitskämpfe sind wir wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Bayerns IG Metall-Chef Werner Neugebauer. Aufmerksam hatten er und andere Funktionäre registriert, wie kreuzbrave Bürger Holz für die Feuertonnen der AEG-Streikposten vorbeibrachten, Geld für deren Arbeitskampf oder auch die eine oder andere Brotzeit spendierten. Unbehagen im Neoliberalismus "Diese Solidarität zeigte, dass in der ganzen Gesellschaft das Unbehagen über den Neoliberalismus wächst", betont Nürnbergs designierter IG Metall-Chef Jürgen Wechsler. 836.000 Menschen, mehr als 100.000 weniger als noch vor zehn Jahren, gehören in Bayern einer der acht DGB-Gewerkschaften an, davon 356.000 der IG Metall. Als einziger im Bundesgebiet legt der bayerische Landesbezirk bei den betriebsangehörigen Mitgliedern (und damit den Vollbeitragszahlern) zu. Rote Fahnen und das Kreuz bei den Schwarzen Anders als Verdi (248.000 Mitglieder) hat die IG-Metall eine straffe hauptamtliche Organisation im Freistaat. Bei der Dienstleistungsgewerkschaft wirken hingegen die Nachwehen der Fusion von sieben in Struktur und Kultur höchst unterschiedlichen Organisationen noch nach. Auch der massive Stellenabbau bei Banken, Versicherungen, Post oder Telekom hinterlässt Spuren. Generell tut man sich im DGB Bayern schwer mit der politischen Wirklichkeit. Zum Beispiel damit, dass viele, die bei Maikundgebungen rote Fahnen schwenken, am Wahlsonntag ihr Kreuz bei den Schwarzen machen. Enttäuschte Liebe Einer Gewerkschaftsstudie zufolge wählen 52 Prozent der eigenen Mitglieder CSU. Doch statt sich mit deren Politik auseinanderzusetzen, kabbelt man sich bevorzugt mit der alten Schwester SPD, deren Entwicklung mit jener der Gewerkschaften ab Mitte des 19. Jahrhunderts eng verwoben war. Nun waren es ausgerechnet fränkische Gewerkschafter, welche die SPD-Konkurrenz WASG gründeten, die nun mit der Linkspartei verschmilzt. Und während heuer namhafte SPD-Politiker wie Landesvize Florian Pronold als Mairedner ausgeladen wurden, spricht die gesamte Spitze der PDS-Nachfolgepartei im Freistaat auf Gewerkschaftskundgebungen. In dieser Woche wollen sich die Vorstände des bayerischen DGB und der Landtags-SPD treffen, um ihr zerrüttetes Verhältnis zu verbessern. "Es ist wie zwischen Mann und Frau", glaubt Matthias Jena, der Sprecher der IG Metall in Bayern. "Eine enttäuschte Liebe tut besonders weh, und man reibt sich entsprechend mehr aneinander." Der Hauptgegner ist das Kapital Jürgen Wechsler, der künftige bayerische IG-Metall-Chef, glaubt, dass viele Gewerkschafter die bayerische SPD als "zu machtlos und zu verkopft" empfinden. Ihr Führungspersonal sei wenig attraktiv, und viele SPD-Ortsvereine würden nicht von Arbeitnehmern, sondern von Lehrern und anderen Beamten geprägt. Natürlich wäre es gut für die Gewerkschaften, eine kraftvolle politische Partei an ihrer Seite zu wissen, sagt SPD-Mitglied Wechsler. Viel wichtiger sei es aber, "dass wir uns auf unsere Kernbereiche konzentrieren, die Tarifpolitik, die Arbeit in den Betrieben und die Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen." Denn: "Unser Hauptgegner ist das Kapital und nicht die Politik." | Die Gewerkschaften ringen um ihre Rolle in einer radikal veränderten Arbeitswelt, und zum Tag der Arbeit wollen Arbeitnehmer lieber ins Grüne als zur DGB-Demo. Doch die Botschaften von IG Metall & Verdi treffen in die Mitte der Gesellschaft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lage-der-gewerkschaften-am-tag-der-arbeit-ueberlebenskampf-im-globalen-monopoly-1.898288 | Lage der Gewerkschaften am Tag der Arbeit - Überlebenskampf im globalen Monopoly | 00/05/2010 |
Duell der Wirtschaftstheoretiker: Die Top-Ökonomen Horn und Hüther über den monstermäßigen Erkenntnisgewinn von Bundespräsident Köhler, das Lohn-Gerechtigkeitsfieber der Deutschen, warum Landesbanken unsexy sind, was die US-Hypothekenkrise mit abgestandenem Kakao zu tun hat - und warum in Erfurt demnächst Haare in Eigenregie daheim geschnitten werden. Professor Gustav Horn leitet seit Januar 2005 das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung mit Sitz in Düsseldorf. Der heute 53-Jährige studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn und arbeitete viele Jahre beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, zuletzt als Leiter der Konjunkturabteilung. Längere Forschungsaufenthalte absolvierte er in Großbritannien und in den USA. Unter den Wirtschaftswissenschaftlern gilt er als "der letzte Keynesianer". Detailansicht öffnen Disput: Die Ökonomen Gustav Horn (links) und Michael Hüther im sueddeutsche.de-Streitgespräch. (Foto: Foto: Jan Becker, sueddeutsche.de) Professor Michael Hüther, Jahrgang 1962, rückte im Sommer 2004 an die Spitze des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften sowie Mittleren und Neueren Geschichte in Gießen blieb er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule, 1991 wechselte er in den Stab des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), von 1995 bis 1999 leitete er als Generalsekretär den wissenschaftlichen SVR-Rat. Anschließend heuerte er als Chefvolkswirt bei der Deka-Bank in Frankfurt am Main an. Hüther ist Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. sueddeutsche.de: Herr Professor Horn, mitten im Finanzcrash haben Sie vor drei Monaten erklärt: "Der Aufschwung ist vorbei." Nun aber ist die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal um beachtliche 1,5 Prozent gewachsen. Haben Sie sich geirrt? Gustav Horn: Ich fürchte nicht. Es war eine Frage des Zeitpunkts. Auch unser Institut hatte noch ein Aufschwungquartal gesehen, wenn auch nicht so stark, wie es sich herausgestellt hat. Bei den Zahlen ist aber höchste Vorsicht geboten: Aus dem Ausland kommen kaum noch Impulse, und wegen des ausgefallenen Winters ist der Bau exorbitant gut gelaufen. Michael Hüther: Wir würden auch heute nicht sagen: "Der Aufschwung ist zu Ende" - selbst wenn die Dynamik der Gesamtwirtschaft schwächer wird. Auf das Jahr gerechnet könnte ein Wachstum von gut zwei Prozent herauskommen, das ist doch sehr robust. Gleichwohl: Die Risikowolken werden dunkler - zum einen wegen des hohen Ölpreises, zum anderen wegen der rezessiven Entwicklung in den USA. sueddeutsche.de: Rund um den Standort Deutschland gibt es derzeit heftige Diskussionen über den Preis für Arbeit - also um den Lohn für einfache Arbeitnehmer und das Salär für Manager. Herr Hüther, Sie haben für das Land bereits eine Art "Gerechtigkeitsfieber" diagnostiziert. Ist da aus Ihrer Sicht Schaden zu vermelden? Hüther: Ich möchte nicht "Schaden" sagen. Irritierend ist, dass wir in der vergangenen Zeit auf dem Arbeitsmarkt Beschäftigung aufgebaut haben - und wir nun über Gerechtigkeit im Sinne von Umverteilung streiten. Ich fürchte dabei um die Tarifautonomie. Natürlich wirft die zum Teil negative Entwicklung bei Reallöhnen Fragen auf. Aber da müssen wir nicht nur über Lohnpolitik reden, sondern über den Steuer- und Abgabenstaat. Horn: Moment. Nicht die Debatte ist pathologisch, sondern der Befund. Es ist außergewöhnlich, wenn nicht einzigartig, dass in zwei Aufschwungjahren die Reallöhne zurückgegangen sind. Es kann nicht sein, dass insgesamt das volkswirtschaftliche Einkommen wächst - und bei den privaten Haushalten immer weniger ankommt. Das ist pathologisch. Es gibt zwei Profiteure dieses Aufschwungs: Das sind in erster Linie die Unternehmen, die ihre Gewinne massiv ausgedehnt haben - darüber müsste man sprechen. Man redet aber nur über den Staat, den zweiten Profiteur. Lesen Sie weiter, warum Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen gleich doppelt unter Druck standen. | Duell der Wirtschaftstheoretiker: Die Top-Ökonomen Horn und Hüther über den monstermäßigen Erkenntnisgewinn von Bundespräsident Köhler, das Lohn-Gerechtigkeitsfieber der Deutschen, warum Landesbanken unsexy sind, was die US-Hypothekenkrise mit abgestandenem Kakao zu tun hat - und warum in Erfurt demnächst Haare in Eigenregie daheim geschnitten werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gustav-horn-und-michael-huether-im-streitgespraech-dieses-system-ist-nicht-gerecht-1.877502 | "Gustav Horn und Michael Hüther im Streitgespräch - ""Dieses System ist nicht gerecht""" | 00/05/2010 |
In den neuen EU-Ländern gelten sehr unterschiedliche Zuzahlungsregelungen. Je nachdem müssen Patienten alles zahlen — oder auch nichts. Zwar wird das nicht für alle der am 1. Mai in die Europäische Union aufgenommenen neuen Mitglieder gelten. Doch dürfte die Neugier bei vielen Deutschen groß genug sein, zumindest während eines Kurzurlaubs einmal zu testen, wie es sich jenseits der nun weiter geöffneten Grenzen leben lässt. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: AP) Damit der Besuch durch eine Krankheit nicht zum Ärgernis wird, sollte man sich aber vorher über den Krankenversicherungsschutz im jeweiligen neuen Beitrittsstaat informieren. Hier ein Überblick: Estland Wer zum Arzt muss, kann sich direkt an einen Vertragsarzt wenden, der auf "Krankenschein" behandelt. Für bestimmte Fachärzte wird die Überweisung eines Allgemeinmediziners benötigt. Zahnärzte behandeln junge Patienten bis zum Alter von 18 Jahren kostenlos. Erwachsene müssen bezahlen — vom Zahnziehen abgesehen. Arztrezepte werden in Apotheken eingelöst. Allerdings muss es sich um Arzneien handeln, die auf der offiziellen Medikamentenliste stehen. Die Krankenhausbehandlung wird auf ärztliche Verordnung übernommen — in Notfällen auch mit dem in Deutschland erhältlichen Auslandskranken-schein E 111. Zuzahlungen fallen beim Allgemeinarzt nicht an. Bei Hausbesuchen sind bis zu 50 Estnische Kronen (ein Euro entspricht derzeit etwa 15,65 EEK) fällig, ebenfalls beim Facharzt. Medikamente kosten je nach Diagnose und Personenkreis zwischen 20 und 50 EEK plus zehn bis 50 Prozent der Kosten. Im Krankenhaus werden 25 EEK pro Tag für maximal zehn Tage fällig. Patienten unter 18 Jahren brauchen keine Eigen-beteiligungen zu leisten. Lettland Zur Behandlung haben sich die Bürger direkt an einen Vertragsarzt in einem Krankenhaus oder einer Poliklinik zu wenden. Überweisungen zum Facharzt werden von Allgemeinmedizinern ausgestellt. Die zahnärztliche Behandlung ist für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren kostenlos. Rezepte können in jeder Apotheke eingelöst werden, gegen volle Bezahlung. Anschließend kann ein Teil von der lettischen Gesundheits-behörde erstattet werden (gegebenenfalls aber auch von der Heimatkrankenkasse) — nach lettischem Recht. Die Krankenhaus-behandlung wird auf ärztliche Verordnung von der nationalen Krankenversicherung übernommen, notfalls per Formular E 111. Zuzahlungen werden wie folgt fällig: Für die Behandlung beim Arzt 0,5 Lettische Lats (ein Euro ist etwa 0,65 LVL), je Hausbesuch zwei LVL. Die in der Apotheke bezahlten Medikamente werden — je nach Art und Schwere der Erkrankung — zu 75 bis 100 Prozent ersetzt. Im Krankenhaus werden fünf LVL "Aufnahmegebühr" fällig, vom zweiten Tag an 1,5 LVL für "Kost und Wohnung" — maximal 15 LVL pro Aufenthalt. Unter 18-Jährige sind generell zuzahlungsfrei. | In den neuen EU-Ländern gelten sehr unterschiedliche Zuzahlungsregelungen. Je nachdem müssen Patienten alles zahlen — oder auch nichts. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/im-eu-urlaub-versichert-alles-oder-nichts-1.898202 | Im EU-Urlaub versichert - Alles oder nichts | 00/05/2010 |
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) korrigiert ihre Erwartung für das deutsche Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr nach oben. Auch für die beiden folgenden Jahre sind die Experten optimistisch. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland hat nach Berechnungen der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa (OECD) überraschend stark an Fahrt gewonnen. Die Organisation korrigierte ihre Prognose für das Jahr 2006 von 2,2 Prozent nach dem ersten Halbjahr auf nunmehr 2,5 Prozent nach oben. Detailansicht öffnen Tonnenschwere Kegel für Brecheranlagen: Der deutsche Maschinenbau ist einer der Motoren des Konjunkturaufschwungs. (Foto: Foto: dpa) Dies geht aus ihrer am Dienstag vorgestellten Konjunkturprognose hervor. Nach dem ersten Quartal hatte die OECD nur mit einem Wachstum von 1,8 Prozent gerechnet. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer werde die Konjunktur nicht nachhaltig belasten, heißt es in dem Bericht, den OECD-Chefökonom Jean-Philippe Cotis in Paris vorstellte. Starke Investitionen und kräftiger Export Für 2007 geht die OECD von einem Wachstum von 1,8 Prozent und für 2008 von einer Rate von 2,1 Prozent aus. Als Grund für die nachhaltige Wirtschaftserholung nannte die OECD starke Investitionen sowie den kräftigen Export. Während die Bauwirtschaft und der Export in den beiden kommenden Jahren nachlassen würden, sei 2008 mit einem steigendem Konsum der Privathaushalte zu rechnen, weil das Realeinkommen steige. Die Arbeitslosigkeit werde weiter zurückgehen. In diesem Jahr werde sie mit 7,9 Prozent erstmals seit 2001 unter acht Prozent bleiben, im kommenden Jahr auf 7,4 Prozent und 2008 sogar bis auf 7,1 Prozent sinken. Vorbildliche Haushaltskonsolidierung Eine positive Tendenz hat die OECD auch für die Haushaltsentwicklung errechnet. So werde das Staatsdefizit in diesem Jahr auf 2,25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sinken, 2007 und 2008 auf 1,5 Prozent. Was die Haushaltskonsolidierung anbelange sei Deutschland eine positive Ausnahme unter den großen Volkswirtschaften im Euroraum. Für die gesamte Weltwirtschaft fällt die Prognose der OECD noch deutlich positiver aus: Das dynamische Wachstum in China und den Ölländern halte die Weltwirtschaft in Schwung, heißt es in dem Bericht. Dabei gehen die Industrieländer nach einer sanften Abschwächung in den USA und einer sich zunehmend selbst tragenden Belebung im Euro-Raum weitgehend im Gleichschritt voran. Expansion des Welthandels Für die kommenden zwei Jahre erwartet die OECD ein Wirtschaftswachstum im OECD-Raum von 2,5 und 2,7 Prozent. Eine Triebfeder bleibe die Expansion des Welthandels mit 7,7 und 8,4 Prozent, erklärte die Organisation am Dienstag in Paris. Die OECD hat 30 Staaten als Mitglieder. | Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) korrigiert ihre Erwartung für das deutsche Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr nach oben. Auch für die beiden folgenden Jahre sind die Experten optimistisch. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oecd-prognose-robuste-konjunktur-in-deutschland-bis-2009-1.916192 | OECD-Prognose - Robuste Konjunktur in Deutschland bis 2009 | 00/05/2010 |
Die Sanierung der Bahn kommt voran. Immer mehr Reisende steigen wieder in ICE- und Intercity-Züge, viele Verbindungen sind ausgebucht. In den ersten fünf Monaten legte allein der Umsatz beim Fernverkehr um rund 50 Millionen Euro zu. Geholfen haben die Sonderangebote. Nun zeichnen sich erneut Preiserhöhungen ab. Das Zugfahren auch auf langen Strecken ist offenbar für viele Reisende deutlich attraktiver geworden. Die Deutsche Bahn (DB) konnte in ihren ICE- und Intercity-Zügen von Januar bis Ende Mai deutlich mehr Fahrgäste begrüßen als im Vorjahreszeitraum. Detailansicht öffnen Hartmut Mehdorn kann sich über Fortschritte bei der Bahn-Sanierung freuen. (Foto: Foto: DDP) Genaue Zahlen hat der DB-Vorstand mit dem Hinweis auf die Halbjahresbilanz im August zwar nicht veröffentlicht. Aus den Unterlagen, die am Dienstag dem Aufsichtsrat vorgelegt wurden, geht aber hervor, dass allein der Fernverkehr seine Erlöse um rund 50 Millionen Euro steigern konnte. In den vergangenen Jahren war diese Sparte das Sorgenkind im Konzern. Neukunden durch Sonderangebote Die Zeit der sinkenden oder bestenfalls stagnierenden Fahrgastzahlen ist nun offenkundig überwunden. Vor allem durch ihre Sonderangebote habe die DB zahlreiche Neukunden gewinnen können, sagte ein Mitglied des Bahnaufsichtsrats. Für besonderes Aufsehen hatte im Mai der Verkauf von Billigtickets bei der Supermarktkette Lidl gesorgt. 524000 Fahrscheinhefte mit je einer Hin- und Rückfahrkarte zum Preis von 49,90 Euro waren rasch ausverkauft, die Bahn konnte sich über einen Bruttoerlös von gut 26 Millionen Euro freuen. Das wachsende Kundeninteresse lässt sich auch an den Bahncards ablesen. Ende Juni waren 3,2 Millionen dieser Rabattkarten im Umlauf, teilte die Bahn mit. Vor Jahresfrist waren es 2,8 Millionen. Kaum noch Verluste im Fernverkehr Zwar schreibt der Fernverkehr weiterhin Verluste, "aber nur noch leicht und damit deutlich weniger als geplant", sagte der Aufsichtsrat. Hält die Entwicklung an, dann kann Bahnvorstandschef Hartmut Mehdorn im Fernverkehr schon 2006 Gewinne ausweisen, also ein Jahr früher als bislang vorgesehen. "Der Personenverkehr ist glänzend unterwegs", hieß es in Bahnkreisen. Auch der hochprofitable DB-Nahverkehr, den die Länder mit Bundesmitteln in Milliardenhöhe unterstützen, legte trotz der harten Konkurrenz von Privatbahnen erneut zu. Hier ist der Umsatz von Januar bis Ende Mai ebenfalls um rund 50 Millionen Euro gestiegen. | Die Sanierung der Bahn kommt voran. Immer mehr Reisende steigen wieder in ICE- und Intercity-Züge, viele Verbindungen sind ausgebucht. In den ersten fünf Monaten legte allein der Umsatz beim Fernverkehr um rund 50 Millionen Euro zu. Geholfen haben die Sonderangebote. Nun zeichnen sich erneut Preiserhöhungen ab. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/dank-der-sonderangebote-deutsche-bahn-schafft-wende-im-fernverkehr-1.907143 | Dank der Sonderangebote - Deutsche Bahn schafft Wende im Fernverkehr | 00/05/2010 |
Die Bandagen im Mannesmann-Prozess werden immer härter. Jetzt spricht die Verteidigung offen von Verleumdung und erhebt zudem Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Staatsanwaltschaft. Im Mannesmann-Prozess ist es am Mittwoch zu einem offenen Schlagabtausch zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft gekommen. Eberhard Kempf, Verteidiger von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, beschuldigte die Ankläger, seinen Mandanten wider besseres Wissen zu verleumden. Detailansicht öffnen Akcermanns Anwalt Eberhard Kempf zieht alle Register. (Foto: Foto: dpa) "Bewusste Falschdarstellung" Die Behauptung, Ackermann habe die Mannesmann-Aktionäre auf der Hauptversammlung im Juni 2000 vorsätzlich falsch über die Finanzierung der Anerkennungsprämien informiert, sei eine "bewusste Falschdarstellung". Auch der Anwalt von Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser, Sven Thomas, sprach von "Verunglimpfung und Diffamierung" seines Mandanten. Kempf teilte vor Gericht mit, er habe eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Staatsanwälte beim nordrhein-westfälischen Justizminister eingereicht. Dies ist ein ungewöhnlicher Vorgang. Im Ministerium ist am späten Mittwochnachmittag eine Version des Schreibens eingegangen. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft bezeichnete das Vortragen einer solchen Beschwerde in der Hauptverhandlung als "Versuch einer unzulässigen Einflussnahme auf das Gericht". Interpretationshilfen der Deutschen Bank Deutsche-Bank-Mitarbeiter verteilten das Schreiben unterdessen an die im Gerichtssaal anwesenden Journalisten. Bislang hatten sich die Deutsch-Banker darauf beschränkt, telefonisch nach jedem Verhandlungstag in den Redaktionen nachzuhaken. Seit drei Wochen schickt die Deutsche Bank zudem "Interpretationshilfen" schriftlich an die Redakteure. Staatsanwalt Johannes Puls sprach in Bezug auf die Vorwürfe der Verteidigung von "Polemik". Sein Kollege Dirk Negenborn nannte die schriftlich verfasste Einlassung Kempfs ein "Pamphlet". Nachdem sie bereits in der Vorwoche sieben Beweisanträge gestellt hatten, erhoben sie am Mittwoch weitere Vorwürfe. So soll Esser über den Sachverhalt, wie genau die Millionen-Prämien zustande kamen, die bei der Übernahme Mannesmanns vor vier Jahren verteilten wurden, bewusst falsch informiert haben. Kein Geld für Mihatsch Am Vormittag hatte das Ex-Mannesmann-Vorstandsmitglied Peter Mihatsch als Zeuge ausgesagt. Er gilt als der Begründer der Telekommunikation bei Mannesmann. Auf die Frage der Staatsanwaltschaft, welche Anerkennung er dafür erfahren habe, sagte er: "Zwei Standing Ovations auf meiner letzten Hauptversammlung." Die Vorsitzende Richterin Brigitte Koppenhöfer zerstreute erstmals etwaige Hoffnungen auf ein baldiges Prozess-Ende. Sie kündigte an, dass das Gericht plane, die 30-tägige Sommerpause in der letzten Augustwoche beginnen zu lassen, falls der Prozess noch so lange dauere. | Die Bandagen im Mannesmann-Prozess werden immer härter. Jetzt spricht die Verteidigung offen von Verleumdung und erhebt zudem Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Staatsanwaltschaft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neues-niveau-eklat-im-mannesmann-prozess-1.905496 | Neues Niveau - Eklat im Mannesmann-Prozess | 00/05/2010 |
Bisher kamen sich die deutschen Energiekonzerne in ihren Gebietsmonopolen nicht in die Quere. Doch Branchenführer Eon will die Preise der Konkurrenz jetzt unterbieten - und zwar bundesweit. Als erstes Unternehmen will der Eon-Konzern bundesweit Gas und Strom verkaufen. Damit erhalten die Kunden eine Wahlmöglichkeit. Die Preise sollen jeweils unter den örtlichen Standardtarifen liegen. Weitere Konzerne wollen folgen. Detailansicht öffnen Wichtiger Energieträger: Gas in der Küche kann nun in ganz Deutschland von Eon gekauft werden. (Foto: Foto: AP) Beim Erdgas können damit Haushalte in ganz Deutschland erstmals den Versorger wechseln. Bislang haben Verbraucher nur in wenigen Orten die Wahl, zum Beispiel in Berlin und Hamburg. Eon will mit seiner Tochter ,,E wie einfach'' nun bundesweit an den Start gehen. Unter dem ortsüblichen Tarif So soll Erdgas überall zwei Cent je Kubikmeter billiger sein als der ortsübliche Tarif. Beim Strom soll der Preis stets um einen Cent je Kilowattstunde billiger sein als der Grundtarif der jeweiligen Stadtwerke oder Regionalversorgers. Eine Familie mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden kann so etwa 35 Euro gegenüber dem Grundtarif sparen, das sind nach Eon-Schätzungen fünf bis sechs Prozent weniger als der örtliche Anbieter im Jahr verlangt. Allerdings kommen Verbraucher bei anderen Anbietern häufig noch günstiger weg. Verbraucherschützer zeigten sich dennoch zufrieden. ,,Das ist der Auftakt zu weit größeren Umwälzungen am Energiemarkt'', sagte der Energieexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Holger Krawinkel. Druck der Politik ,,Der Druck der Verbraucher und auch der Politik zahlt sich offenbar aus.'' Die deutschen Energieversorger sehen sich seit Monaten heftigem Widerstand wegen steigender Energiepreise gegenüber. Tausende Verbraucher kürzten Gaspreise, weil sie Erhöhungen für ,,nicht billig'' erachtet hatten. Marktführer Eon selbst hatte damit besonders zu kämpfen. Auch aus Brüssel und Berlin drohen schärfere Vorgaben: Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) will dem Kartellamt mehr Befugnisse geben, in die Preisgestaltung einzugreifen, die EU-Kommission macht den Unternehmen ihren Einfluss auf Strom- und Gasnetze streitig. Glos begrüßte die Ankündigung, zeigte sich aber zurückhaltend. ,,Ob daraus die überfällige Initialzündung für echten Wettbewerb im Haushaltskundenbereich für Gas wird, bleibt abzuwarten'', sagte er. Gerade dort seien ,,in allen Regionen mehr Anbieter'' nötig. Wettbewerbsbarrieren Lange Zeit hatte beim Gas der schwierige Zugang zu den Gasnetzen jeden Wettbewerb verhindert. Die Netze gehören meist dem jeweiligen Versorger. Erst seit 2006 ist der Zugang zu fremden Netzen leichter geworden; weitere Vereinfachungen sollen im Lauf dieses Jahres greifen. ,,Wir werden die Rahmenbedingungen weiter verbessern'', sagte Matthias Kurth, Chef der Bundesnetzagentur, der Süddeutschen Zeitung. ,,Nun hoffen wir, dass noch weitere Anbieter folgen.'' Mindestens Eon-Konkurrent RWE trifft dafür schon Vorbereitungen. Spätestens vom Herbst an soll die eben erst erworbene Online-Tochter eprimo nicht nur Strom, sondern auch Gas außerhalb des RWE-Gebietes anbieten. Preisgarantien Einige neue Anbieter wie der niederländische Nuon-Konzern beliefern in ausgewählten Städten schon jetzt deutsche Haushalte mit Erdgas. Eon will nun neben dem Preisnachlass auch mit Preisgarantien Kunden werben. Die Strompreise sollen zwei Jahre lang nicht steigen, die Gaspreise ein Jahr lang nicht. Senkt der örtliche Versorger seine Preise, senkt die Eon-Tochter sie auch. ,,Wir wollen dem Verbraucher die Angst vor ständig steigenden Rechnungen nehmen'', kündigte Geschäftsführerin Marie-Luise Wolff an. Wechsel vereinfacht Von Köln aus solle eine ,,kleine Mannschaft'' von 50 bis 60 Mitarbeitern die neue Firma führen. Haushalte sollen per Internet oder telefonisch wechseln können. Zuletzt hatte eine neue Verordnung des Wirtschaftsministeriums diesen Wechsel erheblich vereinfacht. Dennoch sind die Deutschen bislang zurückhaltend, was den Wechsel des Versorgers angeht. Zwar haben sie beim Strom schon seit acht Jahren die Wahl. Dennoch haben bisher nicht einmal fünf Prozent der Haushalte ihren Anbieter gewechselt. Mehr als die Hälfte bezieht Strom sogar immer noch über den relativ teuren Grundtarif. | Bisher kamen sich die deutschen Energiekonzerne in ihren Gebietsmonopolen nicht in die Quere. Doch Branchenführer Eon will die Preise der Konkurrenz jetzt unterbieten - und zwar bundesweit. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/eon-mit-kampfansage-an-die-konkurrenz-wir-wollen-angst-vor-staendig-steigenden-rechnungen-nehmen-1.901198 | Eon mit Kampfansage an die Konkurrenz - ,,Wir wollen Angst vor ständig steigenden Rechnungen nehmen'' | 00/05/2010 |
Handy-Tarife für die Umgebung von Haus oder Wohnung sind eine Alternative zum Festnetzanschluss der Telekom. Wer nur selten zuhause telefoniert und hauptsächlich erreichbar sein will, für den lohnt sich ein Festnetzanschluss der Telekom möglicherweise nicht. Der kostet im Monat immerhin mindestens 15,95 Euro. Detailansicht öffnen Wer sich nicht unter vielen Anbietern entscheiden kann, sollte sich fragen, ob er denn überhaupt ein Festnetz braucht. (Foto: Foto: dpa) Eine günstige Alternative haben Kunden, die bereits einen Handyvertrag bei O2, Vodafone oder T-Mobile besitzen. E-plus bietet hier bislang keine Lösung. Bei O2 kostenlos und bei den Mitbewerbern von fünf Euro an erhalten Kunden eine Festnetznummer, über die sie für Anrufer auf ihrem Handy zu den kostengünstigeren Festnetzgebühren erreichbar sind. So können sie ihren Festnetzanschluss bei der Telekom ersetzen. Die Produkte Genion von O2, Zuhause von Vodafone und @Home von T-Mobile definieren dabei die postalische Adresse des Handybesitzers zum sogenannten "Zuhause-Bereich". Tatsächlich umfasst der aber nicht nur die eigenen vier Wände, sondern mindestens 500 Meter im Umkreis. So sind Kunden, die in der Innenstadt wohnen, auch beim Einkaufen oder im Café über das Festnetz erreichbar und telefonieren zu den günstigen Zuhause-Gebühren. Problemloses Umschalten Erst wenn der Zuhause-Bereich verlassen wird, ist man wie bisher nur noch auf seiner Mobilfunknummer erreichbar (sofern keine Anrufweiterleitung von der Festnetznummer auf die Mobilfunknummer aktiviert ist, was so viel kostet wie ein Gespräch ins Mobilfunknetz), und die Gesprächsgebühren gelten für die Nutzung im Mobilfunkbereich. Ob man sich gerade im Zuhause-Bereich befindet, wird auf dem Handydisplay angezeigt. Praktisch ist es, den Zuhause-Bereich zu verlegen, etwa bei einem längeren Urlaub in ein Ferienhaus in Deutschland. Ein Wechsel kostet ungefähr fünf Euro. Auch lässt sich für einmalig rund 25 Euro die alte Festnetznummer von der Telekom zum neuen Anbieter portieren. Die bislang günstigsten Konditionen hat jetzt O2 mit seinen neuen Genion- Card-Tarifen vorgestellt. Quasi zum Nulltarif gibt es die Genion-Card S ohne monatlichen Grundpreis, Mindestumsatz oder Mindestvertragslaufzeit, allerdings auch ohne Anspruch auf ein subventioniertes Handy. Günstiger als die Telekom Mit drei Cent pro Minute aus dem Zuhause-Bereich ins deutsche Festnetz und 19 Cent pro Minute in alle Mobilfunknetze sind die Gesprächsgebühren günstiger als bei einem Standard-Festnetzanschluss der Telekom. Unterwegs kostet jede Gesprächsminute, ob ins Festnetz oder Mobilfunknetz, durchgängig 19 Cent, was etwas höher ist als die günstigsten Discounter für Prepaid-Handykarten. Für Vieltelefonierer gibt es zwei alternative Tarifmodelle. Die Genion-Card M enthält eine Flatrate für unbegrenzt kostenlose Gespräche aus dem Zuhause-Bereich ins deutsche Festnetz und das O2-Handynetz. Bei der Genion-Card L sind auch unterwegs alle Gespräche ins deutsche Festnetz und ins O2-Mobilfunknetz kostenlos. Bei Vodafone kostet die Option Zuhause fünf Euro im Monat zusätzlich zu einem bestehenden Vodafone-Handytarif. Dafür telefoniert man für vier Cent pro Minute aus dem Zuhause-Bereich ins deutsche Festnetz. Anrufe in deutsche Mobilfunknetze kosten das gleiche wie Handygespräche unterwegs und sind damit im Schnitt deutlich teurer als bei O2. | Handy-Tarife für die Umgebung von Haus oder Wohnung sind eine Alternative zum Festnetzanschluss der Telekom. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bescheid-wissen-das-handy-als-festnetz-1.904000 | Bescheid wissen - Das Handy als Festnetz | 00/05/2010 |
Der Bundesgerichtshof macht mit einem Urteil geprellten EM-TV-Aktionären Hoffnung auf Entschädigung. Auf das Unternehmen und seine Ex-Vorstände kommen Klagen in Millionenhöhe zu. Gerade schien es, als würde Ruhe einkehren beim Münchner Medienunternehmen EM.TV. Nach Jahren der Krise und einer konsequenten Sanierung weist der einstige Börsenliebling wieder Erfolge vor. Detailansicht öffnen Fahnen mit dem Firmenlogo vor dem Hauptsitz von EM.TV in München. (Foto: Foto: AP) Und nun das: In einem jetzt veröffentlichten Urteil macht der Bundesgerichtshof (BGH) Aktionären, die den Konzern und seine früheren Vorstände Thomas und Florian Haffa verklagen, große Hoffnungen auf Schadensersatz. Prompt kündigen Anwälte weitere Klagen in Millionenhöhe an und die Vergangenheit holt EM.TV ein. Kursanstieg von 30.000 Prozent Es geht um das Jahr 2000, das Jahr, in dem die Aktie des Konzerns bei 114 Euro ihren absoluten Höhepunkt erreicht hatte. In nur zweieinhalb Jahren war das Papier um mehr als 30.000 Prozent gestiegen. EM.TV und die Haffa-Brüder galten als die Stars des Neuen Marktes. Doch dann kam der Absturz. Angeblich sollen die Geschwister die Öffentlichkeit mehrfach falsch informiert haben über die Lage bei EM.TV. Für eine Ad-hoc-Mitteilung zu den Halbjahreszahlen im August 2000 sind sie mittlerweile rechtskräftig strafrechtlich verurteilt worden. Die Brüder wehren sich allerdings mit einer Verfassunsgbeschwerde dagegen, über die noch nicht entschieden ist. In dem jetzt vom BGH veröffentlichten Urteil stellen die Richter fest: Anleger, die zwischen Ende Februar und dem 1. Dezember des Jahres 2000 EM.TV-Aktien gekauft haben, könnten grundsätzlich den vollen Kaufpreis - gegen Rückgabe ihrer Aktien - verlangen. Und dies nicht nur von den Brüdern Haffa, sondern auch von EM.TV direkt (Aktenzeichen: II ZR 287/02). Anleger in der Beweispflicht Die Anleger müssten allerdings beweisen, dass sie ihre Aktien gerade wegen der falschen Informationen gekauft haben. Da die Vorinstanz dies nicht ausreichend geprüft hatte, verwiesen die Richter das Verfahren, hinter dem 42 Kleinaktionäre stecken, zurück ans Oberlandesgericht (OLG) München. Dieses wird nun in jedem Einzelfall feststellen müssen, ob die falschen Börseninformationen ursächlich für den Aktienkauf waren. Insgesamt fordern die betroffenen Kläger knapp 600 000 Euro von EM.TV und den Haffa-Brüdern. "Das ist ein riesiger Etappensieg für uns", sagt die Münchner Anwältin Daniela Bergdolt, die die Kleinaktionäre vertreten hat. Erstmals habe der BGH festgestellt, dass auch EM.TV haftet. Zudem hätten die Richter die Beweisführung erleichtert. Ad-hoc-Mitteilungen als Schlüssel "Je schneller der Aktienkauf auf die falsche Ad-hoc-Mitteilung folgte, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwischen beiden ein ursächlicher Zusammenhang besteht", so Bergdolt. Sie sieht deshalb gute Chancen für geprellte Aktionäre. Ihre Kanzlei habe bereits weitere Klagen bei Gericht eingereicht. Insgesamt steckten dahinter 225 Kläger, die zusammen 2,1 Millionen Euro fordern, sagt Bergdolt. Regressforderungen an Haffa-Brüder Bei EM.TV zeigt man sich dennoch nicht beunruhigt. Von etwa 100 Verfahren habe das Unternehmen noch kein einziges verloren, sagt ein Sprecher von EM.TV. Deshalb gebe es bislang auch keine Rückstellungen. Und die 42 Kläger, deren Prozess jetzt vor dem OLG München neu aufgerollt wird, müssten ja erst noch beweisen, dass sie gerade wegen der falschen Informationen gekauft haben. Dies sei aber noch nie gelungen. Der entscheidende Punkt jedoch, warum man bei EM.TV gelassen bleibt, dürfte dieser sein: Sollte das Unternehmen tatsächlich Schadensersatz zahlen müssen, würde es die Haffa-Brüder in Regress nehmen. Das kündigte der Medienkonzern am Dienstag in einer Pressemitteilung an. | Der Bundesgerichtshof macht mit einem Urteil geprellten EM-TV-Aktionären Hoffnung auf Entschädigung. Auf das Unternehmen und seine Ex-Vorstände kommen Klagen in Millionenhöhe zu. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/regressansprueche-die-vergangenheit-holt-em-tv-ein-1.906242 | Regressansprüche - Die Vergangenheit holt EM.TV ein | 00/05/2010 |
Mit polnischem Führerschein unterwegs auf deutschen Straßen? Kein Problem. Aber ein polnischer Lokführer auf deutschen Schienen? "Da kämen wir in Teufels Küche." Mehr Güter auf die Schiene zu bringen ist erklärtes Ziel der Berliner Politik. Detailansicht öffnen Doppelt benachteiligt: Nicht nur bei der Streckenführung muss die Schiene gegenüber der Straße weiter ausholen - auch bei der Harmonisierung des europäischen Schienennetzes müssen die Staatsbahnen aufholen. (Foto: Foto: Deutsche Bahn) Doch auch in Brüssel hält man eine deutliche Verlagerung von der Straße auf die Schiene für geboten. Doch während LKW im freien Fluss quer durch Europa rollen, stellen die nationalen Grenzen für die Güterbahnen immer noch enorme Hürden dar. Tonnenweise T-Shirts, Blusen, Hemden und Pyjamas legen den langen Weg mit der Bahn zurück. Rund 70 Prozent ihrer Türkei-Importe wickelt die Frankfurter Kaufhauskette Woolworth inzwischen über die Schiene ab. Auch der baden-württembergische Fruchtsaftproduzent Wilde hat die Bahn für sich entdeckt. Täglich lässt die Firma mehrere mit Orangensaftkonzentrat gefüllte Container per Schiene vom Überseehafen Rotterdam zum Güterterminal Ludwigshafen kommen. Statt 530 Kilometer legen die Saftrohstoffe jetzt nur noch 34 Kilometer auf der Straße zurück. Es geht aufwärts mit der Bahn - möchte man meinen Die Brauerei im nordrhein-westfälischen Warstein hat sich sogar einen eigenen Gleisanschluss bis zum Firmengelände legen lassen. Der Warsteiner-Zug liefert den Gerstensaft nach Italien - und gelegentlich wird er auch für Bierlieferungen innerhalb Deutschlands eingesetzt. Es geht aufwärts mit der Bahn, möchte man meinen, wenn man solche Meldunge liest. Passende Zahlen liefert das Statistische Bundesamt. Immerhin hat die Bahn von Januar bis Ende Juni 2007 rund 180 Millionen Tonnen Güter durchs Land geschleppt - das sind sechs Prozent oder 10,4 Millionen Tonnen mehr als im Vorjahreszeitraum. Doch alle, die sich um CO2-Emissionnen, Feinstaubbelastung und drohenden Verkehrskollaps ernsthaft sorgen, kann diese Bilanz mitnichten zufrieden stellen. Ein Durchbruch für den Schienengüterverkehr ist damit noch lange nicht erreicht. Denn die Menge der Güter, die quer durch Deutschland transportiert werden, nimmt ebenfalls beständig zu: 2006 lag das Transportaufkommen bei knapp sechs Prozent über dem des Vorjahres - und angesichts dieser Relationen nehmen sich die Zuwachsraten der Bahn doch relativ bescheiden aus. Zwei Lokomotiv-Wechsel zwischen Köln und Antwerpen nötig Der Löwenanteil der Güterwanderung wird von LKW gestemmt. 2006 lag der Anteil des Straßengüterverkehr am gesamten Transportaufkommens bei 77 Prozent. An dieser Größenordnung wird sich so bald wohl auch nicht ändern. Dass die Bahn mit ihren Fahrplänen zu unflexibel ist, um den Anforderungen der Speditionskunden gerecht zu werden, beklagt der Deutsche Speditions- und Logistikverband in Bonn. Dabei sind starre Fahrzeiten ein vergleichsweise kleines Problem. Viel größere Hemmschuhe stellen die nationalen Grenzen dar. Selbst innerhalb der Europäischen Union sind die Lokomotiven noch immer mit unterschiedlichen Fahrstromsystemen unterwegs, so dass wegen der technischen Differenzen ein Lokwechsel an den Grenzbahnhöfen erforderlich ist. Ein Routenbeispiel zeigt, wie absurd die Sache ist: Während LKW-Fahrer die Strecke Köln - Antwerpen in der Regel in zweieinhalb Stunden zurücklegen und die deutsch-belgische Grenze lediglich als geografische Markierung wahrzunehmen ist, stehen gleich zwei Lokomotivwechsel an, wenn sich Güterzüge auf die gleiche Reise machen. In Aachen und im belgischen Montzen muss rangiert werden - ein Zeitnachteil, den die Bahn auf der gut 200 Kilometer langen Strecke nicht wettmachen kann. Dennoch "ist die Schiene prädestiniert" Noch komplizierter wird es, wenn Bahngüter in den Osten der EU verschickt werden. Weil die Ostblockstaaten nicht über die europäische Normalspur verfügen, passen Anhänger entweder hüben oder drüben auf die Schiene. An den Grenzstationen steht also neben dem Lokomotivwechsel stets noch eine Container-Verladeaktion an. Schwierigkeiten dieser Art gehören zum Alltag des polnischen Privatbahnunternehmens CTL, das sich auf europaweite Logistikdienstleistungen spezialisiert hat. "Für die Bewältigung langer Strecken mit großen Gütermengen quer durch Europa ist die Schiene prädestiniert", meint Matthias Raith, deutsches Vorstandsmitglied beim polnischen Unternehmen und zuständig für den Bereich "European Development". Nicht nur Stahl- und Chemie- und Lebensmittelindustrie haben innerhalb Europas großen Transportbedarf. Auch bei den Automobilherstellern wird der Bedarf an Transportleistungen der Bahn stetig wachsen, ist sich Raith sicher. Schließlich wollen osteuropäische Produktionsstandorte, Zulieferbetriebe und Händler im Westen verbunden sein. "Selbstbedienungsladen für Kriminelle" Seit ein paar Monaten hält der polnische Logistikspezialist auch das Sicherheitsattest für das Befahren des niederländischen Eisenbahnnetzes in der Hand. Damit ist die letzte Lücke geschlossen und man kann Kunden Gütertransporte aller Art auf der langen Achse zwischen Europas Rotterdam und den wichtigen Destinationen in Russland, dem Baltikum, der Ukraine und Weißrussland anbieten. Doch die technischen Besonderheiten in den verschiedenen Staaten bleiben hohe Hürden. Die langen Wartezeiten an den Grenzstationen sind indes nicht nur ein Zeitproblem, "sondern auch ein erhebliches Sicherheitsrisiko", so Raith. "Wenn so ein 600 Meter langer Güterzug auf einen spärlich beleuchteten, osteuropäischen Rangierbahnhof steht, werden Waggons zum Selbstbedienungsladen für Kriminelle." Polnischer Lokführer auf deutschen Schienen bedeutet "Teufelsküche" Will die EU ihre in Weißbüchern formulierten Ziele erreichen und wirklich mehr Güter auf die Schiene bringen, dann müssen endlich die Weichen dafür gestellt werden. Die Öffnung der Märkte für private Bahnbetreiber ist ein erster Schritt - aber das reicht nicht. Eine Harmonisierung der Bahntechnik ist mehr als überfällig. Die Schieneninfrastruktur muss konsequent ausgebaut werden. Und nicht zuletzt gilt es, mentale Barrieren abzubauen. Wie stark die Blockaden im Kopf oft noch sind, zeigt das Beispiel der neuen Mehrsystem-Lokomotive, die auf polnischen und deutschen Schienen fahren kann. Anderthalb Jahre gingen ins Land, bevor Lokomotivbauer Siemens in diesem Sommer von den polnischen Behörden grünes Licht für den Probebetrieb bekommen hat. Auch bei der Vereinheitlichung von Signalgebung, Sicherheitsbestimmungen und Lokführerausbildung gibt es CTL-Mann Raith zufolge noch eine Menge zu tun: "Während ein LKW-Fahrer mit einem rumänischen, einem russischen oder ukrainischem Führerschein quer durch Europa fahren darf, kämen wir in Teufels Küche, wenn wir einen polnischen Lokführer auch nur 500 Meter über das deutsche Schienennetz fahren lassen würden." | Mit polnischem Führerschein unterwegs auf deutschen Straßen? Kein Problem. Aber ein polnischer Lokführer auf deutschen Schienen? "Da kämen wir in Teufels Küche." | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schienenverkehr-auf-hemmschwellen-durch-europa-1.888537 | Schienenverkehr - Auf Hemmschwellen durch Europa | 00/05/2010 |
Fast 13 Milliarden Euro haben die Initiatoren geschlossener Fonds im vergangenen Jahr eingesammelt, und zwar von mehr als 370.000 Anlegern - so viele wie nie zuvor. Besonders begehrt waren Schiffsbeteiligungen. Die Anbieter von geschlossenen Fonds haben sich wieder als fleißige Geldeinsammler bewiesen. Detailansicht öffnen Vor allem deutsche Fonds finanzieren den Bau von Containerschiffen. (Foto: Foto: dpa) 12,85 Milliarden Euro vertrauten Anleger den Initiatoren 2004 an, so das Ergebnis der aktuellen Studie des Fondsexperten Stefan Loipfinger. Das ist ein neuer Rekord. 2003 waren es 10,38 Milliarden Euro. Die Zahl der Investoren stieg. So kauften im vergangenen Jahr 372.300 Anleger Anteile an geschlossenen Fonds, das sind so viele wie nie zuvor. Die jeweils eingezahlten Summen werden jedoch kleiner. Normalverdiener steigen ein Experten beobachten den Trend mit Sorge. Die Tatsache, dass geschlossene Fonds trotz der Streichungen bei Steuervorteilen in der Anlegergunst gestiegen sind, erklären sie damit, dass mehr "Normalverdiener" einsteigen. Geschlossene Fonds sollten lediglich als Beimischung im Depot dienen, warnen sie. Schließlich sei das Geld eine lange gebunden und die Beteiligungen würden auch Risiken bergen. Das scheint Investoren nicht abzuschrecken. Allein 2,9 Milliarden Euro flossen in Schiffsfonds. Rechnet man den Anteil der Fremdfinanzierung hinzu, summieren sich die Investitionen auf 7,2 Milliarden Euro. Die Deutschen sind also gut im Geschäft, was die Schiffsfinanzierung angeht. Schlechtes Jahr für Umwelt-Fonds Absolute Newcomer des Jahres 2004 waren Lebensversicherungs-Fonds. Deren Initiatoren sammelten 1,21 Milliarden Euro ein. Begehrt waren vor allem Fonds, die US-Risikolebensversicherungen aufkaufen. Die Policen werden von den Inhabern nicht mehr benötigt oder aus finanziellen Gründen verkauft. Der Fonds zahlt die Beiträge, die Police bleibt damit bestehen. Nach dem Tod des Versicherungsnehmers fließt das Geld an den Fonds. Allerdings gibt es bei diesem Modell steuerliche Ungereimtheiten. Im April stellten die Einkommenssteuerreferenten des Bundes und der Länder fest, dass die Fonds nicht vermögensverwaltend, sondern gewerblich tätig sind. Damit könnten Anleger die Erträge nicht mehr steuerfrei kassieren, erklärt der Analyst Loipfinger. | Fast 13 Milliarden Euro haben die Initiatoren geschlossener Fonds im vergangenen Jahr eingesammelt, und zwar von mehr als 370.000 Anlegern - so viele wie nie zuvor. Besonders begehrt waren Schiffsbeteiligungen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/rekordeinnahmen-in-der-beteiligungsbranche-anleger-bevorzugen-containerschiffe-1.903944 | Rekordeinnahmen in der Beteiligungsbranche - Anleger bevorzugen Containerschiffe | 00/05/2010 |
Viele sind mit der Abrechnung ihres Anwalts unzufrieden. Was tun, wenn einem die Kosten zu hoch erscheinen? Rechnungen der Rechtsanwälte ähneln manchmal ihren Schriftsätzen - kompliziert bis undurchschaubar. Kein Wunder, dass Mandanten oft vor dem Problem stehen: Stimmen die Kosten überhaupt? "Falls Mandanten unsicher sind, sollten sie auf jeden Fall zuerst das Gespräch mit ihrem Anwalt suchen", sagt Rechtsanwältin Ines Burrer von der Kanzlei Brodski & Lehner in München, "in den meisten Fällen lösen sich Missverständnisse dann schon in Wohlgefallen auf." Gutachten der Kammer Aber nicht immer kommt es zu einer gütlichen Einigung. In so einem Fall besteht die Möglichkeit, sich an die Rechtsanwaltskammer zu wenden. "Wird zwischen Anwalt und Mandant um die Vergütung gestritten, erstellt die Rechtsanwaltskammer ein kostenloses Gutachten zu formalen Fragen," erklärt Staehle - "das aber nur, wenn sich die Parteien dem Schiedsgericht der Kammer unterwerfen, also auf eine gerichtliche Klärung verzichten." Hintergrund: Wird später vor Gericht um die Rechnung gestritten, funktioniert die Rechtsanwaltskammer als Gutachter. Hätte sie schon vorher ihre Meinung dargestellt, "wäre sie als Gutachter verbrannt", so Staehle. Deshalb müssen bei diesem Weg beide Parteien auf ein gerichtliches Verfahren verzichten. Anwalt hat die Beweislast Will der Mandant in jedem Fall eine umfassende inhaltliche Prüfung, bleibt nur der Weg vors Gericht. Der Anwalt ist dann verpflichtet, seine Aufwendungen genau zu erläutern. "Der Anwalt trägt die Beweislast", so der Kammer-Präsident, "falls seine Erläuterungen schlüssig sind, liegt es am Mandanten den Gegenbeweis anzutreten." Das Gericht entscheidet dann, wie viel gesetzliche Gebühren er tatsächlich abrechnen kann. Erweist sich bei einer Abrechnung nach Stundensatz die Vergütung als unangemessen hoch, kann sie vom Gericht auf ein angemessenes Niveau herab gesetzt werden. Zu beachten ist allerdings: Eine Herabsetzung auf einen Betrag unterhalb der gesetzlichen Gebühren ist auch bei einer Honorarvereinbarung nicht möglich. | Viele sind mit der Abrechnung ihres Anwalts unzufrieden. Was tun, wenn einem die Kosten zu hoch erscheinen? | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/anwaltsverguetung-streit-um-die-rechnung-1.905598 | Anwaltsvergütung - Streit um die Rechnung | 00/05/2010 |
Mobilfunk soll um mehr als ein Drittel billiger werden Die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton sagt den Einstieg von Preisbrechern voraus nach dem Vorbild der Fluggesellschaften. Des einen Leid ist des anderen Freud. Wenn man einer Studie von Booz Allen Hamilton glauben darf, dann dürfen sich vor allem Europas Handy-Nutzer freuen, während die Leidtragenden die Mobilfunkfirmen sein werden. Detailansicht öffnen Die etablierten Anbieter müssen in Zukunft mit billigeren Wettbewerbern rechnen. (Foto: Foto: dpa) Denn die Unternehmensberater rechnen fest damit, dass künftig Billiganbieter auf den Markt drängen werden. So wie Ryanair und Easyjet die Flugbranche aufgemischt haben, so werden nach Überzeugung von Principal Roman Friedrich auch im Mobilfunk künftig neue Firmen oder Marken das Preisgefüge kräftig durcheinander bringen: Seien es Töchter der etablierten Anbieter, Neugründungen oder Ableger ausländischer Telekommunikationsfirmen, die vorhandene Kapazitäten anmieten und damit zu virtuellen Netzbetreibern werden. "Die Low-cost-Optionen werden fast zwangsläufig kommen", sagt Friedrich, der Geschäftsmodelle durchgerechnet und Marktsimulationen angeschaut hat. Kaum noch zu erreichen Das gelte für gesättigte Märkte und damit auch für Deutschland, wo 80 Prozent der Bevölkerung bereits ein Handy besitzen. Wer noch keines habe, sei bei den aktuellen Preisen kaum zu erreichen. Hier kommen die Billiganbieter ins Spiel: Sie könnten mit Niedrigtarifen neue Kunden anlocken und die alten dazu bringen, mehr zu telefonieren. Möglich würde das durch starke Abstriche in der Kundenbetreuung, minimale Produktentwicklung und einfache Dienste. Easyjets Pendant im Mobilfunk könnte beispielsweise nur simple Sprachtelefonie anbieten, weitgehend auf Marketing und teure Hotlines verzichten und seine Dienste per Internet vertreiben; der Kunde bekäme statt eines Handys nur eine Sim-Karte zugeschickt. Schließlich haben die meisten Deutschen schon längst ihr eigenes Endgerät. Niedrigere Kosten Mit solch abgespeckten Leistungen hätten die Billiganbieter um 30 bis 40 Prozent niedrigere Kosten als die etablierte Konkurrenz. Der Preisabschlag für den Kunden könnte sogar noch größer sein, wenn sich die Neuen mit niedrigeren Margen zufrieden gäben. In Dänemark ist Friedrichs Szenario schon heute Realität; Telmore hat die Marktpreise dort deutlich nach unten gedrückt. Auch Deutschland stehe kurz davor. Doch noch zögerten die Unternehmen: "Keiner will die Lawine lostreten. Alle wissen, dass sie dann das Preisniveau kaputtmachen." | Die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton sagt den Einstieg von Preisbrechern voraus nach dem Vorbild der Fluggesellschaften. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/preissturz-mobilfunk-soll-um-mehr-als-ein-drittel-billiger-werden-1.904274 | Preissturz - Mobilfunk soll um mehr als ein Drittel billiger werden | 00/05/2010 |
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