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Mit ihrem Renditeziel von 25 Prozent rechtfertigt die Deutsche Bank Grausamkeiten wie die jüngst angekündigten Massenentlassungen. Zu dumm, dass die genannte Zielgröße wohl eher willkürlich gewählt und allenfalls auf kurze Sicht zu erreichen ist. Josef Ackermann hat sich viel vorgenommen. Für jeden eigenen Euro, den die Deutsche Bank in ihre Kunden investiert, will er 25 Cent Rendite sehen. Detailansicht öffnen Josef Ackermann weist die Richtung. Ob sie richtig ist, wird sich erst noch weisen müssen. (Foto: Foto: dpa) Dafür müssen trotz zufrieden stellender Ertragslage Mitarbeiter gehen und andere mehr und besser arbeiten. Der Schweizer an der Spitze des größten deutschen Geldhauses fühlt sich bestätigt durch internationale Großbanken wie die amerikanische Citigroup oder jüngst die Schweizer UBS, die solche Ergebnisse in den vergangenen Jahren mehrfach präsentierten. Ein langfristiger Branchenvergleich der Goethe-Universität Frankfurt zeigt aber, dass solche Ziele allenfalls auf kurze Sicht zu erreichen sind. Nahe gekommen sind diesem Ziel in erster Linie Kreditinstitute in Großbritannien und Amerika, und das in der zweiten Hälfte der 90-er Jahre, als die Konjunktur brummte und am Kapitalmarkt eine Jahrhunderthausse losbrach. Rendite-Rückgang in Deutschland Während sich bei den weitgehend konsolidierten Branchennachbarn in Italien und Frankreich die Verdienstsituation der Banken seit dem Aktiencrash bereits spürbar verbessert hat, sind die Vorsteuer-Renditen der privaten Geschäftsbanken in Deutschland von einst mehr als 15 Prozent in den 70-er Jahren auf im Schnitt ein bis zwei Prozent in den Jahren 2000 bis 2003 zurückgegangen. "Die Abkehr vom konventionellen Bankgeschäft mit Krediten und Anlagen von Privat- und Firmenkunden hat viele heimische Institute Marge gekostet", interpretiert Reinhard Schmidt, Professor für internationales Bank- und Finanzwesen, die Ergebnisse der Studie seines Lehrstuhls. Erstaunlicher Rückgang Tatsächlich konnten die Kreditinstitute der Analyse zufolge noch in den 80-er Jahren trotz vieler flauer Konjunkturphasen im Durchschnitt eine Rendite von zwölf Prozent auf ihr eingesetztes Kapital aufweisen - mit dem Aufkommen und dem anschließenden Boom des vermeintlich lukrativen Investmentbankings ging die Ertragskraft dann erstaunlicherweise in den 90-er Jahren auf rund acht Prozent zurück. | Mit ihrem Renditeziel von 25 Prozent rechtfertigt die Deutsche Bank Grausamkeiten wie die jüngst angekündigten Massenentlassungen. Zu dumm, dass die genannte Zielgröße wohl eher willkürlich gewählt und allenfalls auf kurze Sicht zu erreichen ist. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gewinnziel-der-deutschen-bank-vage-hoffnung-auf-mehr-wert-1.902893 | Gewinnziel der Deutschen Bank - Vage Hoffnung auf mehr Wert | 00/05/2010 |
Konkurrenz für Google und Co: Microsoft hat seine lange angekündigte Internet-Suchmaschine nun als offizielle Testversion ins Netz gestellt. Die Suchmaschine ist ab sofort weltweit in 26 Märkten und in elf Sprachen über die lokalen Websites des Internet-Dienstes MSN verfügbar, teilte Microsoft am Donnerstag mit. Detailansicht öffnen Neuartige Funktionen sollen die User für die Microsoft-Suchmaschine gewinnen. (Foto: Foto: sueddeutsche.de) Die deutsche Version ist unter der Adresse http://beta.search.msn.de zu finden. Der größte Softwarekonzern der Welt will die Dominanz von Google im Suchmaschinen-Markt brechen. Microsoft-Manager Yusuf Mehdi bezeichnete die Veröffentlichung der Betaversion als einen "riesigen Schritt". Forschungsabteilung personell aufgestockt Suchmaschinen sind wegen stetig steigender Werbeeinnahmen zu einem äußerst lukrativen Geschäft geworden. Seit rund anderthalb Jahren ist Microsoft mit der Entwicklung der Technologie beschäftigt, 300 Millionen Dollar hat der Softwareriese investiert. Die Forschungsabteilung wurde personell stark aufgestockt. Dadurch will sich der weltgrößte Software-Hersteller von Inktomi und Overture unabhängig machen, auf deren Technologie die bisherige Microsoft-Suchmaschine MSN Search (http://search.msn.de) basiert. Einen eigenen Spider, der Webseiten einsammelt, betreibt Microsoft bereits seit Mitte 2003. Externes Know-how Allerdings schläft auch die Konkurrenz nicht. Yahoo kaufte mit Inktomi und Overture externes Know-how zu und baute seine Suchmaschine search.yahoo.com immer weiter aus. Auch Google macht sein Angebot, zum Teil mit Kooperations-Partnern, immer attraktiver. So warben die Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin Anfang Oktober auf der Frankfurter Buchmesse für ihre neue Suchfunktion, die die Suche in gedruckten Büchern ermöglicht. Auch Wertpapierinformationen, Zugverbindungen und Stadtpläne können mit Google recherchiert werden. In der selben Liga wie Google und Yahoo! Die Microsoft-Suchmaschine soll mit neuartigen Funktionen die Nutzer überzeugen, indem sie zum Beispiel die räumliche Entfernung der gefundenen Web-Angebote vom Fragesteller berücksichtigt und natürlichsprachliche Fragen beantwortet. Letztere Funktion ist in der deutschen Version allerdings noch nicht aktiviert. Seit Ende vorigen Jahres stellt MSN mit dem Newsbot außerdem bereits eine News-Suchmaschine ähnlich Google News zur Verfügung. | Konkurrenz für Google und Co: Microsoft hat seine lange angekündigte Internet-Suchmaschine nun als offizielle Testversion ins Netz gestellt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/internet-jetzt-auch-mit-microsoft-googeln-1.914642 | Internet - Jetzt auch mit Microsoft googeln | 00/05/2010 |
Medizinische Betreuung ist teurer geworden. Viele Patienten überlegen zwei Mal, ob der Gang zum Facharzt wirklich nötig ist. Im dritten Quartal gab es nach vorläufigen Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei den Arztbesuchen ein Minus von rund acht Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum. Grund ist vor allem die neue Praxisgebühr in Höhe von zehn Euro pro Quartal. Zu Jahresbeginn ging die Zahl der Praxisbesuche schlagartig um zehn Prozent zurück. Für die ersten neun Monate ergibt sich damit nach KBV-Schätzung ein Minus von knapp 8,5 Prozent, bestätigte KBV-Sprecher Roland Stahl am Donnerstag einen Bericht der Bild-Zeitung. Fachärzte mehr betroffen Stärker als Hausärzte leiden die Fachärzte unter dem Rückgang: So suchen derzeit deutlich weniger Patienten einen Augenarzt auf. Deren Praxen wurden Ende 2003 fast gestürmt, weil sich die Betroffenen noch schnell eine neue Brille verschreiben ließen, sagte der KBV-Sprecher der Hörfunkagentur dpa/Rufa. Seit Beginn dieses Jahres zählen Sehhilfen nicht mehr zu den Kassenleistungen. Auch Hautärzte verzeichneten im dritten Quartal deutlichen Patientenschwund: Viele dermatologische Salben müssen die Betroffen neuerdings aus eigener Tasche bezahlen. Welche Patienten weggeblieben sind, muss sich nach Stahls Worten erst noch zeigen. "Wenn wir wirklich die so genannten Hopper erreicht haben, die sprunghaft einen Arzt nach dem andern aufsuchen, dann hätte die Praxisgebühr gewirkt." Historisch niedriger Krankenstand Wenn aber Menschen aus sozialen Gründen wegblieben, "für die zehn Euro sehr viel Geld sind", dann wäre das "natürlich nicht Sinn und Zweck der Sache". Stahl verwies auf Untersuchungen der Kassenärztlichen Vereinigung in Berlin: Dort habe sich "ganz klar der Trend" gezeigt, dass in Bezirken mit vielen finanziell Schwachen "mehr Patienten wegblieben als in wohlhabenderen Bezirken". Ein Grund für die in diesem Jahr abnehmende Zahl von Arztbesuchen ist unzweifelhaft auch der derzeit historisch niedrige Krankenstand der Arbeitnehmer. Die Angst um den Arbeitsplatz hält viele Beschäftigte ab, sich arbeitsunfähig zu melden. | Medizinische Betreuung ist teurer geworden. Viele Patienten überlegen zwei Mal, ob der Gang zum Facharzt wirklich nötig ist. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gesundheitsreform-die-praxisgebuehr-wirkt-besonders-bei-den-aermeren-1.901597 | Gesundheitsreform - Die Praxisgebühr wirkt — besonders bei den Ärmeren | 00/05/2010 |
Einigung in letzter Minute: Die 85.000 Stahlkocher in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen bekommen 3,5 Prozent mehr Lohn. Stahlkonzerne finden das Ergebnis akzeptabel, die IG Metall jubiliert, nur Metall-Arbeitgeber-Verbandschef Kannegießer hält den Abschluss für zu hoch. Die Arbeitgeber und die Gewerkschaft IG Metall einigten sich in Dortmund nach über sechsstündigen Verhandlungen auf diese Gehaltssteigerung. Damit verhinderten sie quasi in letzter Minute den ersten Tarifstreik in der Stahlindustrie seit rund 26 Jahren. Am Freitag hätte die IG Metall ansonsten mit der Urabstimmung über einen Streik begonnen. Für die Monate April bis August erhalten die Beschäftigten 500 Euro als Einmalzahlung. Ab September gibt es dann für 12 Monate 3,5 Prozent mehr Lohn. Außerdem sollen Auszubildende einmalig 100 Euro erhalten. "Fairer Kompromiss" "Wir sind sehr zufrieden", sagte der Verhandlungsführer der IG Metall, Detlef Wetzel. Dies sei ein "außerordentlich gutes Ergebnis" und ein "fairer Kompromiss". "Es gibt keine Branche, die auch nur annähernd ein so gutes Ergebnis erzielt hat", meinte er. Mit dem Ergebnis sei eine Beteiligung an der Produktivität der Branche erzielt worden. Die Verhandlungen seien allerdings sehr hart gewesen. "Vernünftigerweise hätten wir uns einen anderen Kompromiss gewünscht", sagte der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Stahl, Helmut Koch. "Leider haben wir unsere Vorstellungen nicht so umsetzen können." Dennoch könne man damit leben. "Entscheidend ist, dass wir einen Arbeitskampf in unserer Industrie vermieden haben", so Koch. Es seien schwierige und zähe Verhandlungen gewesen. Die Stimmung sei jedoch "ordentlich" gewesen. Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, hat den Tarifabschluss dagegen als zu hoch kritisiert. Auch wenn es der Branche derzeit recht gut gehe, sei die Vereinbarung von 3,5 Prozent nicht angemessen, sagte er. Die neue Gesprächsrunde war auf Veranlassung der Arbeitgeber kurzfristig zu Stande gekommen, nachdem am Dienstag der IG Metall-Vorstand in Frankfurt die Urabstimmung für einen Streik beschlossen hatte. Die Abstimmung sollte vom 13. bis 19. Mai stattfinden. Die IG Metall hatte jedoch gleichzeitig mehrfach Gesprächsbereitschaft bis zum Beginn der Abstimmung signalisiert. Die Gesprächsrunde war von der Gewerkschaft vor der Einigung als "letzte Chance" vor einem Arbeitskampf bezeichnet worden. Die Tarifpartner hatten ihre Verhandlungen vor einer Woche ergebnislos abgebrochen. Die IG Metall war mit einer Forderung von 6,5 Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten in die Tarifrunde gegangen und hatte dies mit der guten Ertragslage der Unternehmen begründet. Die Arbeitgeber hatten zuletzt ein Angebot von 2,4 Prozent mit einer Laufzeit von 19 Monaten und einer Einmalzahlung von 800 Euro vorgelegt. Die IG Metall will noch am Mittwoch ihre Mitglieder über das Verhandlungsergebnis informieren. Am Donnerstag tritt dann in Sprockhövel (Ennepe-Ruhr-Kreis) die Tarifkommission der Gewerkschaft zusammen, um über eine Annahme des Abschlusses und damit die Absage der Urabstimmung zu beraten. Die Annahme des Gesprächsergebnisses gilt als sicher. Maßgeblich für Ostdeutschland und Saarland Der Abschluss der westdeutschen Stahlindustrie gilt als maßgeblich für die anderen beiden Tarifgebiete Ostdeutschland und Saarland. Die Verhandlungen im Osten haben bereits begonnen. Im Saarland steht der Beginn noch aus. Der neue Abschluss liegt deutlich über dem der vorherigen Vertragsperiode, die Ende März auslief. Bei einer Laufzeit von 19 Monaten gab es damals nach vier Nullmonaten zunächst eine Erhöhung um 1,7 Prozent für zehn Monate, dann für fünf weitere Monate nochmals 1,1 Prozent. Der damalige Abschluss lag nach Angaben der IG Metall insgesamt leicht unter der Inflationsrate. | Einigung in letzter Minute: Die 85.000 Stahlkocher in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen bekommen 3,5 Prozent mehr Lohn. Stahlkonzerne finden das Ergebnis akzeptabel, die IG Metall jubiliert, nur Metall-Arbeitgeber-Verbandschef Kannegießer hält den Abschluss für zu hoch. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/stahl-streik-abgewendet-wir-sind-sehr-zufrieden-1.904939 | "Stahl-Streik abgewendet - ""Wir sind sehr zufrieden""" | 00/05/2010 |
Die Schweizer Regierung hat den Zusammenschluss von Lufthansa und Swiss begrüßt - und ihn zum Anlass genommen, den deutschen Verkehrsminister Manfred Stolpe zu neuen Gesprächen über Fluglärm zu drängen. In der Schweiz sind die Reaktionen nach der Übernahme der Fluggesellschaft Swiss durch Lufthansa gemischt. Detailansicht öffnen Dank der Fusion von Swiss und Lufthansa soll das Angebot für die Kunden deutlich besser werden, versichern beide Konzerne. (Foto: Foto: ddp) Die Gewerkschaften kritisieren, dass Swiss nicht auf einer Beschäftigungsgarantie beharrt habe. Vor allem die Piloten der Europaflotte sorgen sich um ihre Arbeitsplätze. Die Gewerkschaft Swiss Pilots will einen weiteren Stellenabbau nicht hinnehmen. Swiss verhandelt darüber seit längerem mit den Arbeitnehmervertretern. Überschneidungen "Wir werden uns auch nach dem Eigentümerwechsel dagegen wehren, notfalls mit Streik", sagte Christoph Frick, Präsident von Swiss Pilots. Auch die deutschen Gewerkschaften sorgen sich um Arbeitsplätze, da es bei Lufthansa und Swiss Überschneidungen gebe. Positiv beurteilt die Schweizer Regierung die Übernahme. Sie nutzt den Unternehmenszusammenschluss für politische Zwecke. Mit vereinten Lobby-Kräften der Lufthansa und der Swiss ist es dem Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger gelungen, seinen deutschen Amtskollegen Manfred Stolpe zu neuen Gesprächen über Fluglärm zu bewegen. Die Schweizer Regierung und die Fluggesellschaften stört, dass die süddeutschen Gemeinden strenge Nacht- und Feiertagsflugverbote erlassen haben. Swiss-Aktie fällt Dies beeinträchtige die Wettbewerbsfähigkeit des Flughafens Zürich, argumentieren sie. Bisher war das deutsche Verkehrsministerium auf diese Klagen nicht eingegangen. In einer Erklärung sichert Verkehrsminister Manfred Stolpe nun zu, erneut Gespräche aufzunehmen, die Wettbewerbsfähigkeit des Flughafens Zürich zu berücksichtigen, aber auch auf eine ausgewogene Verteilung des Fluglärms zu achten. | Die Schweizer Regierung hat den Zusammenschluss von Lufthansa und Swiss begrüßt - und ihn zum Anlass genommen, den deutschen Verkehrsminister Manfred Stolpe zu neuen Gesprächen über Fluglärm zu drängen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/swiss-uebernahme-stolpe-unter-druck-1.899997 | Swiss-Übernahme - Stolpe unter Druck | 00/05/2010 |
Per Yngve Monsen warnte 2003 die Siemens-Zentrale vor einem norwegischen Betrugsskandal. Kurz darauf wurde er gefeuert. Per Yngve Monsen hat sicher oft an jenen Wintertag im Dezember 2003 gedacht, als er einen anonymen Brief an die deutsche Konzernzentrale seines Arbeitgebers Siemens Business Services (SBS) in einen Osloer Briefkasten warf. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: AP) Es war der Anfang einer Affäre, die noch heute die norwegische Polizei und die Regierung beschäftigt - und für Monsen war es der Beginn eines jahrelangen Albtraums. Dabei hatte der als Controller nur seine Pflicht tun wollen. Gemäß den Richtlinien, die er zusammen mit seinem Arbeitsvertrag im Jahr 2000 unterzeichnet hatte, wollte er die Zentrale auf einen möglichen Fall von Betrug und Korruption hinweisen und sie rechtzeitig vor einem Skandal warnen. Überhöhte Rechnungen Monsen hatte entdeckt, dass SBS das norwegische Militär um viele Millionen Kronen geprellt hatte, weil für den Aufbau eines Computersystems überhöhte Rechnungen ausgestellt worden waren. Laut Vertrag mit dem Verteidigungsministerium durfte die Siemens-Tochter bei dem Geschäft höchstens acht Prozent Gewinn machen. In Wirklichkeit verdiente sie weit mehr. Monsen weist seine norwegischen Vorgesetzten im Januar 2002 auf den Regelverstoß hin, aber es geschieht nichts. Deshalb beschließt er, bei der Zentrale in Deutschland Alarm zu schlagen, gemäß den Vorschriften. Siemens verpflichtet alle Mitarbeiter, sich an Recht und Gesetz zu halten. Anonyme Tippgeber, die Missstände aufdecken, genießen offiziell besonderen Schutz. Ihre Identität soll geheim bleiben, sie sollen keine Racheakte ihrer Vorgesetzten fürchten müssen. Soweit die Theorie. Hinweis der Zentrale Wenige Tage nachdem Monsen den anonymen Brief nach Deutschland geschickt hat, bestellt sein Chef Ole Morten Skymoen alle Führungskräfte von SBS Norwegen zu einem Meeting ein. Zu Monsens Entsetzen liegt im Besprechungsraum die komplette Aktensammlung, die er - wie er glaubte - vertraulich nach Deutschland geschickt hat. Skymoen sagt bei dem Treffen angeblich: "Wir haben einen Maulwurf. Wir werden ihn finden und feuern." Anhand der Akten war es Monsen zufolge ein Leichtes, ihn zu identifizieren. Einige Monate später wird bei einer Umstrukturierung Monsens komplette Abteilung aufgelöst. Alle 400 Angestellten bekommen bei SBS einen anderen Job - alle, bis auf einen. Monsen wird wegen allgemeinem "Stellenabbau" entlassen. | Per Yngve Monsen warnte 2003 die Siemens-Zentrale vor einem norwegischen Betrugsskandal. Kurz darauf wurde er gefeuert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kuendigung-eines-tippgebers-wir-haben-einen-maulwurf-1.904242 | "Kündigung eines Tippgebers - ""Wir haben einen Maulwurf""" | 00/05/2010 |
Die hohe Zahl von Einwanderern macht die US-Gesellschaft deutlich jünger als die europäische. US-Notenbankchef Alan Greenspan (78) denkt eigentlich nicht an die Rente, zumindest nicht an seine eigene. Von Präsident George W. Bush hat er sich schon eine neue Amtszeit zusagen lassen. Dafür macht er sich aber um das Altersgeld seiner Landleute Sorgen. Mit seiner jüngsten Forderung nach Leistungskürzungen hat er eine kleine Granate in den Wahlkampf geschossen. Das Thema ist ein heißes Eisen, das weder die Republikaner um Präsident George W. Bush noch die Demokraten in diesem Jahr gerne anpacken möchten. Ab 2008 wird länger gearbeitet "Ich glaube, wir müssen unsere Zahlungsverpflichtungen gründlich überprüfen und einige Anpassungen vornehmen", sagte Greenspan unlängst. Dass das Rentenalter ab 2008 schon auf 67 Jahre hochgesetzt wurde, ist dem Währungshüter nicht genug. Die Lage der Rentenkasse ist in den USA zwar längst nicht so dramatisch wie in vielen europäischen Ländern. Durch Einwanderung - in den vergangenen 20 Jahren rund 20 Millionen Menschen - und die hohe Geburtenzahl bei vielen dieser Neuankömmlinge wird das Durchschnittsalter der US-Bevölkerung 2050 bei etwa 35 Jahren liegen, in Europa dagegen eher bei 50, hat Bill Frey, Bevölkerungsstatistiker an der Michigan-Universität errechnet. Dennoch verdoppelt sich die Zahl der über 65-Jährigen nach einer Studie der unabhängigen Haushaltsbehörde des Kongresses bis 2030. Die Rentner machen dann 20 Prozent der Bevölkerung aus (heute 13 Prozent). Auf einen Rentner kommen heute 4,8 Beitragszahler, dann nur noch 2,9. Noch ist die Rentenkasse in finanziell guter Verfassung. Sie nahm im vergangenen Jahr beispielsweise 553 Milliarden Dollar ein, die Auslagen beliefen sich auf 404 Milliarden Dollar. Doch ab 2018 sind die Renten aus den jeweiligen Einnahmen nicht mehr zu zahlen. Wie es danach weitergehen soll, ist umstritten. Die Demokraten wettern gegen Bushs Steuersenkungen, die das Defizit in die Höhe trieben. Deshalb müssten die jetzigen Überschüsse der Rentenkasse für den Staatshaushalt abgezweigt werden. Ohne die Steuerausfälle sei das System auch langfristig rentabel. Vererbbares Altersvermögen Bush will dagegen eine andere Lösung. Arbeitnehmer sollen einen Teil der Beiträge, die sie jetzt zur Rentenkasse leisten (je 6,2 Prozent von Arbeitgeber und Arbeitnehmer) privat investieren. Das IPI-Forschungsinstitut schlägt fünf Prozent der Gesamtabzüge vor. Das Vermögen auf diesen Privatkonten könnte auch weitervererbt werden. Die staatliche Durchschnittsrente liegt zur Zeit bei umgerechnet 740 Euro im Monat. Die Amerikaner sind es seit jeher gewohnt, höchstens 40 Prozent ihres letzten Lohns als Altersgeld zu erhalten. Bei wesentlich geringerer Steuerbelastung als etwa in Deutschland haben viele in den geburtenstarken Jahrgängen Vermögen angesammelt. Die staatliche Rente macht laut Statistik rund 40 Prozent der Einkommen der über 65-Jährigen aus. 20 Prozent der Renter haben allerdings keinerlei zusätzliche Einkommen. Bush beauftragte eine Kommission mit Vorschlägen, doch als die Experten vorrechneten, wie teuer die Zwischenfinanzierung wäre, ließ Bush seine Pläne in der Schublade verschwinden. Wenn Arbeitnehmer Geld von ihren jetzigen Rentenbeiträgen in private Konten abzweigen, entsteht für diejenigen, die nach dem alten System eine bestimmte Rentenhöhe zusteht, eine Deckungslücke. Bush: "Meine Position ist klar: die Zahlungen an diejenigen, die schon in Rente sind oder kurz davor stehen, dürfen nicht gekürzt werden." Schätzungen zufolge müsste die Regierung bis zu vier Billionen Dollar zuschießen, um die Rentenzahlungen zu garantieren. Sollte Bush die Wahlen im November gewinnen, könnte die private Rente eines seiner wichtigsten innenpolitischen Projekte werden. | Die hohe Zahl von Einwanderern macht die US-Gesellschaft deutlich jünger als die europäische. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/usa-der-junge-kontinent-bekommt-ein-altenproblem-1.898930 | USA - Der junge Kontinent bekommt ein Altenproblem | 00/05/2010 |
Jürgen Schrempps "Welt AG" stößt auf immer neue Schwierigkeiten. Das soll aber keiner sehen. (SZ vom 14.11.2003) — Die Nachricht aus Japan kam für Jürgen Schrempp in einem ungünstigen Zeitpunkt. In diesen Wochen häufen sich auf dem Schreibtisch des Chefs von DaimlerChrysler schon Medien-Berichte über die Misere des US-Autoherstellers Chrysler, mit dem sich Daimler-Benz auf Betreiben von Schrempp vor fünf Jahren zusammengeschlossen hat. Und jetzt das: Der japanische Autobauer Mitsubishi, an dem sich DaimlerChrysler im Jahr 2000 mit 37 Prozent beteiligt hat und der von den Stuttgartern geführt wird, ist wieder in die Verlustzone zurückgefallen - und das gleich mit 615 Millionen Euro in einem halben Jahr. Statt des erwarteten Gewinns wird zum Ende des Geschäftsjahres am 31. März 2004 ein Verlust heraus schauen. Schrempp kann die Sanierung des viertgrößten japanischen Autoherstellers nicht wie geplant im Frühjahr abhaken. Statt dessen teilt Rolf Eckrodt, sein Vertrauter auf dem Mitsubishi-Chefsessel, mit: "Der Turnaround verzögert sich." Schrempp der aus Mercedes, Chrysler und Mitsubishi eine Welt AG bilden wollte, die in Europa, den USA und in Asien gleichermaßen vertreten ist, erlebt einen Rückschlag nach dem anderen. Doch Kritik an seiner Arbeit lässt er nicht zu: "Der Erfolg einer Strategie erweist sich erst mittel- und langfristig." Aktienkurs gesackt Es begann offiziell am 17. November 1998. An jenem Dienstag wurde die Ehe zwischen Daimler-Benz und dem US-Konzern Chrysler im New Yorker Börsensaal gefeiert. "Diese Ehe wurde im Himmel geschlossen", jubelte Konzernschmied Schrempp. Schon in zwei Jahren, da war sich der ehrgeizige Daimler-Chef sicher, werde er die Früchte dieser glücklichen Verbindung einfahren können. Ungeahnte Kosten ließen sich durch den Zusammenschluss sparen. Mercedes werde auf dem amerikanischen Markt noch erfolgreicher sein. Chrysler-Autos würden in Europa Marktanteile gewinnen. Fünf Jahre später ist die Bilanz allerdings ernüchternd. Die DaimlerChrysler-Aktie hat in den fünf Jahren der Gemeinsamkeit rund 60 Prozent an Wert verloren. Ähnlich stark wurde nur noch der Konkurrent Ford abgestraft. Der aber gilt als Sanierungsfall. Zum Vergleich: Die Aktie von BMW legte in der gleichen Zeit um mehr als 30 Prozent zu. Toyota-Anteilsscheine gewannen in den zurückliegenden fünf Jahren etwa zehn Prozent. "War der Zusammenschluss ein Fehler", fragt das New Yorker Wirtschaftsmagazin Business Week auf seiner Titelseite. Und das Wall Street Journal wüsste gerne, "ob die Hochzeit von Chrysler und Daimler bessere Ergebnisse bringen kann als die beiden Unternehmen allein". Die angesehenste Branchenzeitschrift Automotive News führt die Fusion in der Rubrik "Fehlschlag" auf. Doch Schrempp bleibt standhaft: "Die Erfolge sind jetzt schon zu sehen, wenn man sie nur sehen will." Chrysler habe seit dem Zusammenschluss 7,6 Milliarden Euro zum Konzernergebnis beigetragen. Mühen des Alltags Von Anfang an hat Schrempp seinen Milliardendeal als strategische Glanztat verkauft. Die Medien waren beeindruckt, Schrempp wurde als Visionär gefeiert. Doch kaum waren die Flitterwochen vorbei, begannen die Mühen des Alltags. DaimlerChrysler erlebte bislang nur ein gutes Jahr. 1999 brachte Chrysler noch einen Gewinn von 5,08 Milliarden Dollar ein. Schon im Jahr 2000 lieferte die US-Gesellschaft nur noch einen schmalen Überschuss von 470 Millionen Dollar. Das Jahr drei der Ehe brachte dann einen Horrorverlust von 4,7 Milliarden Dollar. Anschließend warf 2002 wieder einen kleinen Gewinn von 640 Millionen Dollar ab. Und das laufende Jahr wird nur mit viel Glück zu einem positiven Ergebnis führen. Die Fusion von Daimler und Chrysler entwickelt sich zum Albtraum. Nur Konzernschmied Jürgen Schrempp scheint zufrieden: "DaimlerChrysler ist glänzend aufgestellt. Wir sind einmalig". Eine mutige Einschätzung. BMW-Chef Helmut Panke hält zum Beispiel das Zusammenleben eines Luxus-Autoherstellers und eines Herstellers von Massenautos unter einem Dach für nicht sinnvoll. Die Münchner haben diesen Fehler 1994 gemacht, als sie den britischen Autohersteller Rover erwarben und an dessen Verlusten fast zugrunde gingen. BMW korrigierte den Fehler und verkaufte die britische Tochter im März 2000. Schrempp behauptet dagegen vor Publikum gerne, er hätte die Verluste von Rover in den Griff bekommen. Angst vor dem Imageverlust Wie stark sich Mercedes und Chrysler gegenseitig beim Kostensparen helfen, ist undurchsichtig. In den ersten beiden Jahren hätten die Synergieeffekte je 1,4 Milliarden Dollar betragen, heißt es. Über die heutigen Resultate soll nichts mehr nach außen gelangen. "Wir haben uns vorgenommen, nicht mehr darüber zu reden", sagt ein Stuttgarter Manager. Jedes Jahr ließen sich die Kosten um fünf Prozent senken. Daimler-Mitarbeiter räumen aber ein, dass die technisch möglichen Spareffekte zwischen Daimler und Chrysler bei weitem nicht ausgeschöpft werden. Die exzessive Verwendung von gleichen Teilen bei Mercedes und Chrysler, so die berechtigte Sorge in Stuttgart, würde die Mercedes-Kunden verschrecken, die teure Marke mit dem Stern würde beschädigt, ihre Profitabilität würde unweigerlich leiden. Nicht einmal veraltete Mercedes-Technik wollen die Deutschen dem amerikanischen Bruder zur Zweitverwertung überlassen, wie geschehen beim Chrysler-Crossfire, einem neuen Sportwagen der Amerikaner, der auf der Technik des auslaufenden Mercedes Zweisitzers SLK beruht. "Das ist ein einmaliger Vorgang", sagt Jürgen Hubbert, der Vorstandsvorsitzende von Mercedes-Benz. Kunden, so meint Hubbert, reagierten "auf Markenverwässerungen außerordentlich empfindlich." Fusion der Konkurrenten So kann Schrempp die Möglichkeiten nicht nutzen, die zum Beispiel Renault und Nissan haben. Renault hat sich 1999 an dem krisengeschüttelten japanischen Autohersteller Nissan mit 36,8 Prozent beteiligt. Seither können Japaner und Franzosen kostensparend gleiche Motoren und Plattformen einsetzen. Sie sind beide im Massenmarkt vertreten, in dem das Markenimage weniger wichtig ist als im Luxussegment. Zwei Jahre nach dem Einstieg der Franzosen war Nissan wieder profitabel. Auch der Zusammenschluss von Citroën und Peugeot aus dem Jahr 1976 gilt als erfolgreich. Beide Marken bedienen dasselbe Kundensegment und greifen in dieselben Regale. Dagegen erweist sich die Zusammenführung einer gehobener Marke und eines Massenfabrikats als schwierig. Die Übernahme von Saab durch General Motors im Jahr 1990 gilt als erfolglos, gleiches gilt für die Allianz von Jaguar und Ford. Neue Achse USA - Japan Schrempp hatte auch Pech. Kaum hatte er Chrysler übernommen, rutschte die Welt-Autoindustrie in eine massive Absatzkrise. In Nordamerika ging die Nachfrage nach US-Autos kräftig zurück. Die Preise verfielen geradezu dramatisch. Chrysler und die anderen US-Hersteller müssen heute schon Rabatte von 4000 Dollar auf Neuwagen bieten, wenn sie überhaupt einen Kunden gewinnen wollen. Da fällt es schwer, Gewinne zu machen. Im Jahr 2001 musste Chrysler-Chef Dieter Zetsche ein Sanierungsprogramm starten, das 30.000 Mitarbeitern den Job kostete. In jüngster Zeit kam Chrysler regelrecht unter die Räder. Der Absatz der Marke lag im September um 14 Prozent unter dem Vorjahreswert. Bei den Pkw ging der Absatz sogar um 21,8 Prozent zurück. Allein in den zurückliegenden zwölf Monaten verlor Chrysler in den USA fast zwei Prozent des Marktanteils. Aber auch der Pacifica, ein völlig neu entwickelter Geländewagen und Hoffnungsträger, lief schlecht an. Tapfer erklärt Dieter Zetsche, der seit drei Jahren Chef von Chrysler ist: "Die ganze Mannschaft ist davon überzeugt, dass wir wieder auf dem Erfolgspfad sind." "Falsch eingeschätzt" Verstärkt setzt Schrempp daher auf eine Zusammenarbeit von Chrysler mit Mitsubishi, die beide auf dem so genannten Volumenmarkt tätig sind, und ohne Probleme gleiche Teile bis hin zu Motoren oder Getrieben nutzen könnten. Etliche Projekte sind angelaufen. Doch das japanische Unternehmen ist noch zu stark mit eigenen Problemen beschäftigt, um für DaimlerChrysler schon eine Hilfe zu sein. Im Gegenteil: Mitsubishi hätte gerne aus Stuttgart eine kräftige Finanzspritze. Offenbar hat DaimlerChrysler vor dem Einstieg die wirkliche Lage bei Mitsubishi zu rosig gesehen. Ein DaimlerChrysler-Manager sagt dazu: "Da hat man wohl manches falsch eingeschätzt". | Jürgen Schrempps "Welt AG" stößt auf immer neue Schwierigkeiten. Das soll aber keiner sehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fuenf-jahre-daimlerchrysler-der-stratege-laesst-kritik-nicht-zu-1.897911 | Fünf Jahre DaimlerChrysler - Der Stratege lässt Kritik nicht zu | 00/05/2010 |
Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen die Deutsche Telekom wegen möglicher Falschbewertungen von Immobilien zum Teil eingestellt. Damit steht nach fast fünf Jahren der baldige Abschluss des Verfahrens um die überhöhte Immobilienbewertung in der Eröffnungsbilanz der Aktiengesellschaft in Aussicht. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Fred Apostel, teilte am Dienstag mit, der frühere Telekom-Vorstandsvorsitzende Ron Sommer sei aus dem Verfahren heraus. Verbuchung bereits 1995 Die Überbewertung des Immobilienbesitzes, die die Ermittler mit rund zwei Milliarden Euro gegeben sähen, sei zum 1. Januar 1995 erfolgt, Sommer sei aber erst im Mai in das Unternehmen eingetreten, als alles schon verbucht gewesen sei. Er habe zudem auf entsprechende Hinweise Nachforschungen angestellt, ihm sei aber beschieden worden, dass die Art der Bewertung damals zulässig gewesen sei. Sommer habe also seinen Pflichten genügt. Relativ geringer Überbewertung Die Jahre 1998 bis 2000, als der Zeitraum des zweiten und dritten Börsengangs der Telekom, spielten in dem Verfahren schon deshalb keine Rolle mehr, sagte Apostel, weil das Eigenkapital des Konzerns damals so hoch gewesen sei, dass sich die relativ geringfügige Überbewertung nicht habe auswirken können. Es verblieben also die Jahre 1995 bis 1997. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft seien die Immobilien in der ersten Bilanz der Telekom zu hoch angesetzt gewesen. Die Frage sei aber, wie weit sich das tatsächlich auf den Aktienkurs ausgewirkt habe. Andeutung auf schnelle Entscheidung Apostel deutete an, dass die Entscheidung über eine Anklage gegen den ehemaligen Finanzvorstand Joachim Kröske oder über eine Einstellung schon in der nächsten Woche fallen könnte. Die Telekom begrüßte die Teileinstellung des Strafverfahrens. Das Unternehmen sei weiterhin davon überzeugt, dass die Eröffnungsbilanz 1995 und alle Folgebilanzen in Ordnung waren, sagte ein Sprecher am Dienstag. Alle strafrechtlichen Vorwürfe im Zusammenhang der Bilanzierung des Immobilienvermögens seien unbegründet, betonte er. Aktionärsschützer enttäuscht In den Augen von Aktionärsschützern für die vor dem Frankfurter Landgericht auf Schadensersatz klagenden Kleinanleger ist die teilweise Einstellung des Prozesses hingegen enttäuschend. Es habe immer die Hoffnung bestanden, aus dem parallelen Strafverfahren verwertbare Informationen für den Zivilprozess zu erhalten, sagte Jürgen Kurz von der Schutzvereinigung für Wertpapiergesetz (DSW) am Dienstag. Dies habe sich nun zumindest für einen Teilbereich zerschlagen. "Das war sicher kein guter Tag für die Kläger in Frankfurt." "Gründungsschwindel zentraler Vorwurf" Die gegenteilige Auffassung vertrat der Bremer Klägeranwalt Jens-Peter Gieschen. Immerhin halte die Bonner Staatsanwaltschaft den früheren Telekom-Finanzvorstand Joachim Kröske für hinreichend verdächtig, das Immobilienvermögen in den Jahren 1995 bis 1997 um mehr als zwei Milliarden Euro zu hoch angesetzt zu haben. "Dieser Gründungsschwindel ist unser zentraler Vorwurf", sagte Gieschen. Das Unternehmen Deutsche Telekom AG hätte in dieser Form nicht gegründet werden dürfen. Der Frankfurter Landgerichtspräsident Eberhard Kramer lehnte eine Stellungnahme über mögliche Auswirkungen der Bonner Entscheidung mit Hinweis auf das laufende Verfahren ab. Der Vorsitzende Richter Meinrad Wösthoff betonte lediglich, dass er an dem für den 25. Oktober vorgesehenen zweiten Verhandlungstermin festhalten wolle. Einzelne Klägeranwälte hatten bereits eine Verschiebung verlangt, weil sie zu spät Einblick in ein von der Staatsanwaltschaft bestelltes Gutachten zur Immobilienbewertung erhalten hätten. Zehn Musterklagen In dem im vergangenen November begonnenen Zivilprozess werden zehn Musterklagen verhandelt. Insgesamt verlangen mehr als 14.000 Anleger Schadensersatz für die erlittenen Kursverluste. | Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen die Deutsche Telekom wegen möglicher Falschbewertungen von Immobilien zum Teil eingestellt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vorwurf-der-falsch-bilanzierung-telekom-prozess-teilweise-eingestellt-1.901094 | Vorwurf der Falsch-Bilanzierung - Telekom-Prozess teilweise eingestellt | 00/05/2010 |
Während die BenQ-Gläubiger über erste Angebote beraten, versuchen sich die Interessenten gegenseitig zu überbieten. Trotzdem scheint Optimismus fehl am Platz. Der Gläubigerausschuss des insolventen Handyherstellers BenQ ist am Dienstag in München zusammengetroffen. Detailansicht öffnen Der Vertreter des deutsch-ameri- kanischen Konsortiums Hansjörg Beha (rechts) im Gespräch mit BenQ-Insolvenzverwalter Prager. (Foto: Foto:) Wie die Sprecherin von Insolvenzverwalter Martin Prager, Regine Petzsch, erklärte, werde es vor allem darum gehen, die Konzepte interessierter Investoren zu prüfen. Zwei der Interessenten seien zu dem Treffen geladen. "Es geht Herrn Prager auch darum, dass sich der Gläubigerausschuss persönlich ein Bild machen kann", sagte Petzsch. Sie betonte aber, es gebe noch weitere Interessenten. Rittern um Gunst der Gläubiger Bei den geladenen Interessenten handle es sich um Vertreter einer deutsch-amerikanischen Gruppe und um Vertreter des amerikanischen Technologie-Unternehmens Sentex Sensing, das am Montag offiziell sein Interesse an BenQ erklärt hatte. Beide Investoren versuchen nun, die Entscheider durch Ankündigungen für sich zu gewinnen. So ließ Sentex, das erst am Montag sein Interesse an einer BenQ-Übernahme erklärt hatte, mit der Ankündigung aufhorchen, bis zu 1.700 Jobs fortführen zu wollen. Das deutsch-amerikanische Konsortium hatte zuvor nur von 800 garantierten Jobs gesprochen. Profitieren vom Weihnachtsgeschäft 2007 Am Rande des Gläubigerausschusses sah sich nun das Konsortium um den ehemaligen DaimlerChrysler-Manager Hansjörg Beha gezwungen, nachzulegen: "Wir können sofort starten", sagte Beha der Nachrichtenagentur dpa. Ziel sei es, noch vom lukrativen Weihnachtsgeschäft 2007 zu profitieren. "Die Mitarbeiter haben ein unglaubliches technisches Know-How", erklärte Beha. Berichte, wonach die Mitarbeiter zumindest anfangs kostenfrei arbeiten sollen, wies er zurück. "Wir haben nie gesagt, dass die Menschen gratis arbeiten sollen." Den Plan von 800 Beschäftigten bestätigte Beha: In Kamp-Lintfort sollten zunächst rund 450 Mitarbeiter der ehemaligen Siemens-Handy-Sparte beschäftigt werden und in München rund 350 Mitarbeiter. "Man muss ja sicher beginnen", sagte Beha. Später sei eine Aufstockung des Personals denkbar. Der Sprecher der IG Metall, Wolfgang Nettelstroth, sagte der "Rheinischen Post", das deutsch-amerikanische Konsortium wolle an den Standorten in München und Kamp-Lintfort Luxus-Handys im Hochpreissegment produzieren. Entsprechende Pläne lägen vor. Allerdings nicht unter dem Namen Siemens BenQ. "Wir werden mit einem neuen Firmennamen starten", sagte Beha. Gespräch am Montag blieb ohne Erfolg Ein Gespräch im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium über das Angebot der deutsch-amerikanischen Investorengruppe war am Montag erfolglos geblieben. Die "Rheinische Post" berichtete, die Interessenten seien enttäuscht über die Höhe der möglichen Bürgschaften. Die Zeitung zitiert Verhandlungskreise, wonach das Land Nordrhein-Westfalen maximal ein Kreditvolumen von 25 Millionen Euro gewähren und für 80 Prozent davon bürgen könne. Die Investorengruppe habe aber ein Vielfaches dieses Betrages erwartet. Der Sprecher der IG Metall Bayern, Matthias Jena, forderte eine rasche Entscheidung über die Fortführung des Unternehmens. "Mit jedem Tag, der ins Land geht, wird eine Fortführung schwieriger", sagte Jena. | Während die BenQ-Gläubiger über erste Angebote beraten, versuchen sich die Interessenten gegenseitig zu überbieten. Trotzdem scheint Optimismus fehl am Platz. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/interessenten-rittern-um-benq-teile-wir-koennen-sofort-starten-1.904509 | "Interessenten rittern um BenQ-Teile - ""Wir können sofort starten""" | 00/05/2010 |
Am Montag hat die zweiwöchige Zeichnungsfrist für die 81.999.999 Aktien der Postbank begonnen. Und am 21. Juni soll die Aktie zum ersten Mal an der Börse notiert werden. Was genau aber bedeutet diese Zeichnungsfrist? Normalerweise wird der Preis einer Aktie börsentäglich durch Angebot und Nachfrage an der Börse ermittelt. Detailansicht öffnen Skulptur eines Bullen vor der Börse in Frankfurt am Main. (Foto: Foto: AP) Ein Papier aber, das neu am Aktienmarkt ist, kann noch keinen Handelspreis haben. Darum wird der Wert oft durch das so genannte Bookbuilding-Verfahren festgelegt. So auch im Fall der Postbank. Vor Beginn der Zeichnungsfrist hat das Konsortium eine Untergrenze (31,50 Euro) und eine Obergrenze (36,50 Euro) für den Ausgabekurs der Aktie festgelegt. Order über Menge und Preis In der momentanen Zeichnungsphase erfolgt die Aufnahme der Zeichnungsaufträge. Das heißt: Interessenten geben eine Absichtserklärung ab, zu welcher Menge und ab welchem Preis (innerhalb der vorgegebenen Spanne) sie Aktien zeichnen würden. Die minimale Bestellmenge, die so genannte Mindestordergröße, beträgt beim Börsengang der Postbank 20 Papiere. Auf Basis der bestehenden Nachfrage werden nach Ablauf der Frist der Emissionspreis und die mögliche Zuteilung festgelegt. Wurden mehr Aktien gezeichnet, als zur Verfügung stehen (eine so genannte Überzeichnung), erfolgt entweder eine prozentuale Zuteilung oder eine Zuteilung per Losverfahren. Fehlende Nachfrage Beim so genannten "underwriting" der Aktien (das heißt, die Nachfrage der Anleger war geringer als die zur Verfügung stehenden Aktien) könnten folgende Szenarien eintreten: — Die Post kauft die übrigen Aktien ihres Tochterunternehmens. — Oder die Konsortialbanken nehmen die Aktien ab. — Oder eine neue Preisspanne wird ausgehandelt. — Oder der Börsengang wird ganz abgesagt. Die Differenz zwischen dem Emissionspreis und der Erstnotiz, das heißt dem ersten Börsenpreis am 21. Juni, ist der sogenannte Zeichnungsgewinn/ -verlust. Eigenes Depot Unbedingte Voraussetzung für das Zeichnen von Aktien ist ein eigenes Wertpapierdepot. Sollten es sich Privatanleger nach der Bestellung anders überlegen, heißt es schnell handeln: Innerhalb der Zeichnungsfrist kann der Auftrag bei der Bank storniert oder geändert werden. Teilweise geht dies kostenlos, zuweilen fallen aber zusätzliche Gebühren an. Nach Ablauf der Zeichnungsfrist ist es zu spät: Die Aktien sind im Depot. Dann kann der Kunde nur noch hoffen, dass die Aktie hoffnungslos überzeichnet war und er keine oder nur sehr wenige abbekommen hat. | Am Montag hat die zweiwöchige Zeichnungsfrist für die 81.999.999 Aktien der Postbank begonnen. Und am 21. Juni soll die Aktie zum ersten Mal an der Börse notiert werden. Was genau aber bedeutet diese Zeichnungsfrist? | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/postbank-wie-der-aktienpreis-entsteht-1.900856 | Postbank - Wie der Aktienpreis entsteht | 00/05/2010 |
Die Anbieter von geschlossenen Fonds zeigen sich bei der Suche nach neuen Märkten kreativ. Neben den klassischen Schiffsbeteiligungen, Windpark- und Immobilienfonds existieren mittlerweile auch Wein-, Musical-, und Videospielefonds. Im vergangenen Jahr sammelten die Emissionshäuser in Deutschland mehr als 23 Milliarden Euro für ihre Beteiligungsmodelle ein. Ginge es nach dem Willen einiger Branchenvertreter, könnten die Bürger sich mit ihrem Ersparten demnächst auch an kommunalen oder staatlichen Einrichtungen beteiligen. Beim Verband Geschlossene Immobilienfonds kann man sich durchaus vorstellen, Schwimmbäder, Mehrzweckhallen oder Schulen als geschlossene Fonds aufzulegen. Ein Branchenexperte formuliert überspitzt: "Der gut verdienende Zahnarzt kann sich als Investor am städtischen Schwimmbad beteiligen, das seine Kinder regelmäßig besuchen." Manche Initiatoren rechnen offenbar schon an konkreten Modellen. Die Idee: Finanzklamme Kommunen verkaufen ihre Objekte an Fonds und füllen auf diese Weise wieder ihre Kassen. Für die Finanzierung würden die Emissionshäuser eine bestimmte Summe von verschiedenen Anlegern einsammeln. Das Geld bliebe so lange im Fonds, bis der aufgelöst wird. Die Kommunen könnten Mehrzweckhallen, Rathäuser oder Schulen zwischenzeitlich mieten. Für die Fondsanbieter hätte ein solches Konstrukt durchaus seinen Charme, denn eine Kommune dürfte sich als zuverlässiger Mieter erweisen. Im Idealfall würde der Investor eine ordentliche Rendite kassieren und nach dem Objektverkauf sein Geld zurückbekommen. Gemeinden brauchen Geld Der Verband hat bereits eine Studie in Auftrag gegeben, die die Möglichkeiten für solche Engagements abstecken sollte. Das Ergebnis: Der Investitionsbedarf der Kommunen ist enorm. Das Deutsche Institut für Urbanistik beziffert ihn bis zum Jahr 2009 auf etwa 400 Milliarden Euro. Das Geld bei Städten und Gemeinden ist knapp. Schon seit vielen Jahren wird dort eine Privatisierungsdebatte geführt. Die Kommunen haben bereits einige Bereiche ausgelagert, der Anteil von Objekten, die als geschlossene Immobilienfonds aufgelegt wurden, ist aber verschwindend gering. "Man könnte ein Theater als Fonds auflegen", überlegt Claus Hermuth, Vorstand der DCM, Deutsche Capital Management AG. Die Münchner Gesellschaft sammelt gerade Geld für ein ehemaliges Post-Gebäude ein, das fast komplett an ein Landgericht vermietet werden soll. Auch Anlegerschützer Heinz Gerlach findet Gefallen an der Idee, "Die Kommunen verfügen über viele ältere und sanierungsbedürftige Gebäude, die im Unterhalt teuer sind", erzählt er. "Sind die zentral gelegen und auch für Dritte gut zu nutzen, dürfte es für einen Fonds kein Problem sein, so ein Objekt irgendwann einmal zu verkaufen." Vor allem denkmalgeschützte Objekte würden sich aus steuerlichen Gründen anbieten. Kontrolle abgeben Andere Experten äußern sich jedoch kritisch zu diesen Ambitionen. "Das Auflegen eines Fonds bringt Kosten mit sich, die wieder reingeholt werden müssen", sagt Fondsexperte Stefan Loipfinger. So lange es günstige Kredite für die Kommunen gebe, lohne sich ein geschlossener Fonds deswegen nicht, ergänzt er. Da müssten sich die steuerlichen Voraussetzungen ändern, damit die Anleger auch eine gute Rendite erwirtschaften können. Und das wäre dann eigentlich auch nur ein Umschichten von öffentlichen finanziellen Mitteln, so Loipfinger. "Warum sollte sich ein Schwimmbad bei einem privaten Fonds rechnen, wenn es sich bei der Stadt nicht rechnet?", fragt ein Sprecher des Deutschen Städtetages. Das komme ganz auf das Schwimmbad an, hält Carsten Lucht vom Verband Geschlossener Immobilienfonds dagegen. Könne man es in ein Erlebnisbad umwandeln, so sei es durchaus konkurrenzfähig. Michael Reidenbach, Finanzexperte beim Deutschen Institut für Urbanistik: "Solch ein Modell wird nur im Einzelfall funktionieren. Viele Kommunen möchten nicht unbedingt die Kontrolle über ihre Objekte abgeben." Unter Umständen könne es auch rechtliche Probleme geben. Städte- und Gemeindevertreter stehen den Plänen wohl eher kritisch gegenüber. Mancher von ihnen verbindet mit geschlossenen Fonds vielleicht auch negative Schlagzeilen. So steckten viele Bundesbürger ihr Geld in den 90er Jahren in Fonds, die steuersubventioniert in die neuen Länder investierten. Für manche endete das mit einem Fiasko. Solche Beispiele dürften den einen oder anderen Bürgermeister abschrecken. | Die Anbieter von geschlossenen Fonds zeigen sich bei der Suche nach neuen Märkten kreativ. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neue-ideen-neue-fonds-das-hallenbad-als-geldanlage-1.917001 | Neue Ideen — neue Fonds - Das Hallenbad als Geldanlage | 00/05/2010 |
In Essen treffen am Freitag die G7-Finanzminister zusammen. Ihre Kollegen aus Russland und China sorgten schon vor dem Auftakt für gehöriges Aufsehen. China ist sich seiner neuen Rolle als eine führende Wirtschaftsmacht bewusst und stellte dies auch beim G7- Treffen in Essen einmal mehr demonstrativ unter Beweis. Detailansicht öffnen Alles bereit: Der Sitzungssaal für das G7-Finanzministertreffen in der Essener Villa Hügel. (Foto: Foto: ddp) Die Delegation aus Peking war mit dem angemieteten Hotel unzufrieden und checkte kurzerhand in einem anderen Quartier ein. So selbstbewusst tritt die inzwischen viertgrößte Volkswirtschaft der Welt auch als Gast bei den Beratungen der Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industrienationen (G7) auf. Es bestehe eine gute Partnerschaft, sagte Finanzminister Jin Renqing freundlich. China habe aber "höchste Interessen des eigenen Landes zu verteidigen". Die G7-Länder USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Italien haben ihrerseits ein Interesse, China stärker einzubinden. Gespräche über die Weltwirtschaft und Wechselkurse ohne das Schwergewicht China seien sinnlos, sagte kürzlich Finanzstaatssekretär Thomas Mirow. Stärkere Rolle für die Schwellenländer Aber auch die anderen so genannten Schwellenländer Brasilien, Indien, Mexiko und Südafrika sollen nach dem Willen Deutschlands stärker integriert werden und künftig regelmäßig an den Beratungen teilnehmen. Dabei geht es keineswegs um eine Erweiterung der mächtigen G8-Runde, der neben den sieben führenden Industrieländern noch Russland angehört. Deutschland hat in diesem Jahr den Vorsitz in der Gruppe der Acht und richtet Anfang Juni im Ostseebad Heiligendamm den Weltwirtschaftsgipfel aus. Das Treffen der G7-Finanzminister einige Monate zuvor markiert traditionell den offiziellen Beginn der Vorbereitungsgespräche für den G8-Gipfel. Die stärkere Integration der Schwellenländer ist Kernziel der deutschen Präsidentschaft. Mit den fünf Ländern solle ein problemorientierter Dialog organisiert werden, was ein neuer Ansatz wäre, wie Wirtschaftsstaatssekretär Bernd Pfaffenbach meinte, der für die Bundesregierung als "Sherpa" den G8-Gipfel vorbereitet. Deutschland will den neuen Dialog als "Heiligendamm-Prozess" in Gang setzen und beginnt damit bereits in Essen. Vor den eigentlichen Beratungen der G7-Finanzminister standen Gespräche mit den fünf Schwellenländern an. Offizieller Tagesordnungspunkt war der Aufbau von Anleihemärkten in heimischer Währung, um diese Länder robuster gegenüber Finanzkrisen zu machen. China nimmt auch an den G7- Gesprächen über Wechselkurse, die Weltwirtschaft und den immer wieder angestrebten Abbau der globalen Ungleichgewichte teil. Währungsreserven von einer Billion Dollar Schließlich hortet das Land mit mehr als einer Billion US-Dollar die größten Devisenreserven der Welt. Zudem ist der niedrige Kurs der chinesischen Währung Yuan den USA seit Jahren ein Dorn im Auge. Sie werfen China vor, den Kurs künstlich niedrig zu halten und sich so unfaire Exportvorteile zu verschaffen. Für neuen Ärger sorgen auch die zunehmenden chinesischen Kredite an afrikanische Länder, die gerade erst von den Industrienationen um Milliarden entschuldet wurden und sich nun in neue Abhängigkeiten begeben. "Es ist nicht so, dass wir sie nur einladen, um etwas zu fordern. Sie sollen beteiligt werden an der Gestaltung der politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft", hatte Pfaffenbach gesagt. Viele Tagesordnungspunkte Die deutsche G8-Themenpalette ist lang: neben stabilen Finanzmärkten und dem Abbau der globalen Ungleichgewichte geht es um Investitionshemmnisse und wachsende protektionistische Tendenzen sowie Klimaschutz und Produktpiraterie. Faire Regeln zur Globalisierung sind ohne die Schwellenländer nicht machbar. Klar ist allerdings auch, dass es in der G8 derzeit keine Bereitschaft gibt, neue Länder wie China aufzunehmen und den Kreis auf eine G9 oder gar G13 zu erweitern. Versteht sich der G8-Klub doch auch als Wertegemeinschaft, die Menschenrechte und Pressefreiheit hoch hält. Allerdings drängt China auch nicht, dem Klub anzugehören, Russland dafür um so mehr, endlich ein vollwertiges G8-Mitglied zu werden. Bei den wichtigen Beratungen der Finanzminister sitzt Moskau weiter am Katzentisch. Der russische Ressortchef Alexej Kudrin, der in Essen "nur" als Gast vertreten sein wird, kritisierte: "Unter dem deutschen Vorsitz bleibt Russland von der Erörterung von Devisenproblemen ausgeschlossen." | In Essen treffen am Freitag die G7-Finanzminister zusammen. Ihre Kollegen aus Russland und China sorgten schon vor dem Auftakt für gehöriges Aufsehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/g-7-finanzministertreffen-stolzes-china-veraergertes-russland-1.906015 | G-7-Finanzministertreffen - Stolzes China, verärgertes Russland | 00/05/2010 |
Er hat kein Chefbüro, keine Schulden und keine Abwanderungsabsichten. Warum "der König von Burladingen" trotz Globalisierung erfolgreich ist. Der erste Hinweis auf des Rätsels Lösung findet sich schon hinter der Eingangstür zur Firmenzentrale. Statt der obligatorischen Empfangsdame hinterm Tresen, die Besucher mal zackig, mal zuckersüß abfertigt, grüßt ein Pappschimpanse von der Wand. Detailansicht öffnen "Probleme sind nicht zum Beklagen da, sondern zum Lösen": Wolfgang Grupp (Foto: Foto: dpa) Eben jener aus der vielfach belächelten Fernseh-Werbung: "Hallo Fans, Trigema ist Deutschlands größter T-Shirt- und Tennis-Bekleidungs-Hersteller, Trigema produziert mit über 1200 Mitarbeitern nur in Deutschland. Was sagt der Inhaber, Herr Grupp, dazu?" Davor ein weißes Telefon und ein Schild: "Besucher bitte Hörer abnehmen." Kaum ist der am Ohr, bittet eine freundliche Frauenstimme, sich in die zweite Etage zu verfügen. Auf dem Weg dorthin macht man schon mal Bekanntschaft mit dem Herrn des Hauses, Wolfgang Grupp. Im schmalen Treppenaufgang prangen drei ovale, goldgerahmte Fotos, die aufs Anschaulichste demonstrieren, warum der Trikotagen-Fabrikant auch "König von Burladingen" genannt wird. Festgehalten sind drei Auftritte einer wahrhaft königlich herausgeputzten Cheffamilie zum 90. Firmenjubiläum 1999, zu Grupps 60. Geburtstag 2002 und bei der Hochzeit anno 1988, als Wolfgang Grupp die Baroness Elisabeth von Holleufer aus der Steiermark zur Frau nahm. In seinem Gepränge könnte es das Paar in der schwarzen Pferdekutsche mit jedem Hochzeits-Duo aus echtem Königshaus aufnehmen. Der in vieler Hinsicht etwas andere Unternehmer Wolfgang Grupp wird später auch erklären, warum er seinen Wohlstand offensiv und auf vollkommen unschwäbische Art zur Schau stellt. Pompös und mondän Zumindest steht der Pomp im Treppenhaus im Widerspruch zum spartanischen Empfangsambiente, das auf eine äußerst schlanke Verwaltung schließen lässt. Noch ist das Rätsel jedenfalls nicht gelöst, wie es ein Textilunternehmer schafft, ausschließlich in Deutschland zu produzieren. In einer Problembranche also, in der inzwischen jeder für verrückt erklärt wird, der nicht den Großteil der Zuschneide- und Näharbeit längst in die Türkei, nach Rumänien oder sser noch nach China ausgelagert hat. Trigema aber fertigt seit eh und je T-Shirts, Tennisbekleidung, Trainingsanzüge, Unterhosen oder Bademäntel in Deutschland. 1200 Menschen beschäftigt Wolfgang Grupp an drei Standorten im Zollernalbkreis auf der schwäbischen Alb, in Burladingen, Alzhausen und Rangendingen. Aber der Wirtschaftspatriarch setzt noch eins drauf: seit mehr als 30 Jahren hat er nie jemanden aus betriebswirtschaftlichen Gründen entlassen, nie Kurzarbeit angeordnet, und obendrein gibt er seinen Mitarbeitern die abenteuerlich klingende Garantie, dass jedes ihrer Kinder einen Job bei Trigema erhält. Was sich in den Ohren vieler seiner Mitunternehmer eher wie ein Zuschussgeschäft anhört, ist aber eine profitable Angelegenheit: 80 Millionen Euro hat Trigema 2003 umgesetzt, und die Umsatzrendite beträgt nicht unter zehn Prozent, wie Grupp versichert. Seit 1975 schuldenfrei Dazu kommen weitere Absonderlichkeiten, von denen Wirtschaftsführer im angeblich gnadenlosen globalen Wettbewerb nicht einmal zu träumen wagen. So ist die Firma seit 1975, sechs Jahre, nachdem sie Grupp vom Vater übernahm und vor der nahenden Pleite rettete, absolut schuldenfrei. Die Eigenkapitalquote beträgt 100 Prozent, wobei Unternehmen schon als solide finanziert gelten, wenn sie eine solche von 30 Prozent aufweisen. Mit anderen Worten: Banken können an Trigema schon lange nichts mehr verdienen. Wenn Grupp wenigstens die Stoffe für seine Kollektionen fertig aus China beziehen würde, sich in Burladingen auf Design und Marketing beschränkte. Aber nichts dergleichen. In den Werkshallen stehen 36 Großrundstrickmaschinen - hergestellt von der Firma Mayer im benachbarten Tailfingen -, die in drei Schichten rund um die Uhr täglich fünf Tonnen Baumwolljersey, Feinripp, Doppelripp ausspucken. Das Garn stammt selbstredend zum größten Teil aus deutschen Spinnereien. Auch gefärbt, gebleicht, bedruckt, bestickt, zugeschnitten und genäht wird alles an Ort und Stelle, zwischen 20000 und 40000 Teile am Tag verlassen die Werkhallen. So wie auch diese dunkelblauen Sweatshirts mit dem eingestichelten roten Schriftzug "Feuerwehr Marl", die sich vor den Stickmaschinen stapeln. Angesichts der Tatsache, dass die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie ihre Produktion inzwischen zu 90 Prozent ins Ausland verlagert hat, ist das alles nahezu unfassbar. | Er hat kein Chefbüro, keine Schulden und keine Abwanderungsabsichten. Warum "der König von Burladingen" trotz Globalisierung erfolgreich ist. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wolfgang-grupp-der-hexer-von-der-schwaebischen-alb-1.905768 | Wolfgang Grupp - Der Hexer von der Schwäbischen Alb | 00/05/2010 |
Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belasten amtliche Statistiken die Unternehmen weniger, als bisher angenommen wird. Eine Stunde kann ja ziemlich lang sein, es kommt ganz darauf an, wie man sie verbringt. Ist man etwa eine Stunde lang damit beschäftigt, Statistiken über das eigene Unternehmen zusammenzustellen, dann kann diese Stunde ziemlich endlos werden. Anders herum wirkt aber selbst eine mit Statistik gefüllte Stunde gar nicht mehr so quälend lang, wenn man sie auf einen ganzen Monat verteilen kann - und das können deutsche Unternehmen offenbar. Detailansicht öffnen Das Ausfüllen von amtlichen Statistiken empfinden viele Unternehmen als Belastung. (Foto: Foto: ddp) Durchschnittlich 64 Minuten im Monat sind Firmen hierzulande damit beschäftigt, Zahlen für amtliche Statistiken zu sammeln und zu melden, so lautet das zentrale Ergebnis einer Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat. Der Titel des Werks klingt ein wenig sperrig: "Die Bedeutung der Belastung der Wirtschaft durch amtliche Statistiken" heißt er in voller Länge, doch sind darin ein paar recht griffige und vor allem erstaunliche Ergebnisse enthalten. Die in der Unternehmenswelt vorherrschende Meinung über Statistiken als Bremsklotz und Hemmschuh der Firmen jedenfalls stützen sie nicht. 15 Prozent der Unternehmen mussten melden Etwa 75.000 Unternehmen haben die Forscher im Auftrag des Wirtschaftsministeriums befragt und herausgefunden, dass im Jahr 2004 nur 15 Prozent der knapp 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland überhaupt an die Statistischen Ämter melden mussten. Die wenigsten auskunftspflichtigen Firmen finden sich unter den Kleinstunternehmern, hier sind es nur etwa zehn Prozent. Dagegen wiederum müssen 81 Prozent der großen Unternehmen mit mindestens 250 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten den Ämtern ihre Daten melden. Allerdings hatte lediglich ein Prozent der Unternehmen zu fünf und mehr Statistiken beizutragen und galt damit in der Studie als stark belastet. Je größer das Unternehmen, desto häufiger muss es melden, und mit durchschnittlich fast 100 Stunden im Jahr liegt der Aufwand größerer Unternehmen sehr deutlich über dem kleinerer mit etwa sechs Stunden. Gleichmäßigere Belastung Die Belastung sollte künftig gleichmäßiger verteilt werden, fordert Walter Radermacher, Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes: "Außerdem muss es in Zukunft möglich sein, Doppelmeldungen zu reduzieren." Insgesamt aber folgert das DIW aus seiner Studie recht prägnant: "Die Reduzierung der Berichtspflichten kann nicht viel zum Bürokratieabbau beitragen." Das hat einen ganz eigenen Hintergrund: Zwar ist mehr Entlastung für die Unternehmen politisch derzeit überaus gewünscht, doch bewegt man sich dabei auf einem recht schmalen Grat. Werden die Unternehmen zu stark entlastet, fehlen den Ämtern wichtige Zahlen, ihre Statistiken werden weniger aussagekräftig. | Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belasten amtliche Statistiken die Unternehmen weniger, als bisher angenommen wird. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/statistiken-die-legende-vom-bremsklotz-1.904275 | Statistiken - Die Legende vom Bremsklotz | 00/05/2010 |
Zulassung von 60 Tonnen schweren Großlastern und Wegfall des Sonntagsfahrverbotes für Lkw — so sieht das Rezept des Großhandels gegen den Dauerstau aus. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) berief sich auf Zahlen des Bundesverkehrsministeriums, denen zufolge der Güterverkehr zwischen 1997 und 2015 um etwa 64 Prozent wachsen werde. Detailansicht öffnen Deutschland ist das wichtigste Transitland im Ost-West-Verkehr. (Foto: Foto: AP) Die deutschen Straßen und Autobahnen müssten damit künftig etwa zwei Milliarden Tonnen Güter mehr verkraften. "Das bedeutet im Klartext, dass wir 2015 fünf schwere LKW auf den Autobahnen vor uns haben, wo dies heute noch drei sind." Staus kosten jedes Jahr 100 Milliarden Euro Dabei seien diese Zahlen eher konservativ geschätzt. Weitere Staus seien damit programmiert. Schon jetzt beliefen sich die volks-wirtschaftlichen Kosten durch Staus auf 100 Milliarden Euro pro Jahr. Riemann warf der rot-grünen Bundesregierung vor, Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur zu vernachlässigen und vor anstehenden Problemen die Augen zu verschließen. "Ein Land, das die dafür reservierten Investitionsmittel um 20 Prozent kürze und zugleich ein Zehnfaches seiner Investitionen in den konsumtiven Bereich steckt, hat sich von eigenen Zukunftsvisionen längst verabschiedet." Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums wies Riemanns Darstellung energisch zurück. Die im Bundeswegeverkehrsplan verankerten Einzelmaßnahmen berücksichtigten sehr wohl das wachsende Güterverkehrsaufkommen in den nächsten Jahren. Nicht am gesellschaftlichen Konsens rütteln Auch fehlten an deren finanzieller Absicherung nicht 20 Prozent, sondern maximal zehn Prozent. Bei einem Volumen von über elf Milliarden Euro für den Straßenverkehr sei das derzeit nicht mehr als eine Milliarde Euro. Auch gegen die beiden Hauptforderungen des BGA, die zulässige Tonnage und Länge der LKW von 40 Tonnen und 16 Metern auf 60 Tonnen und gut 25 Meter zu erhöhen sowie das Sonntagsfahrverbot für Gütertransporte aufzuheben, bezog der Ministeriumssprecher massiv Stellung: Für das Sonntagsfahrverbot, das den Freizeit- vom Güterverkehr trenne, gebe es weiterhin einen breiten gesellschaftlichen Konsens, an dem nicht gerüttelt werden dürfe. | Zulassung von 60 Tonnen schweren Großlastern und Wegfall des Sonntagsfahrverbotes für Lkw — so sieht das Rezept des Großhandels gegen den Dauerstau aus. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lkw-sollen-sonntags-fahren-sonst-ersticken-wir-im-stau-1.897978 | "Lkw sollen sonntags fahren - ""Sonst ersticken wir im Stau""" | 00/05/2010 |
Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke hat bei der Vorlage der Zahlen für das dritte Quartal eingeräumt, dass die geplante Streichung von 32.000 Stellen widersprüchlich erscheinen könnte. Denn der Konzern hat zum fünften Mal in Folge den Quartalsgewinn gesteigert. "Ich bin mir bewusst, dass wir es hier - zumindest scheinbar - mit einem Widerspruch zu tun haben", sagte Ricke bei der Vorlage der Telekom-Zahlen für das dritte Quartal. Auf der einen Seite seien die Ergebnisse sehr gut, auf der anderen Seite "steht die Notwendigkeit eines weiteren Stellenwegfalls - der ganz klar eine Konsequenz der aktuellen und absehbaren technologischen Entwicklung ist". Detailansicht öffnen Protest gegen Stellenabbau. (Foto: Foto: dpa) Die Deutsche Telekom lässt sich den Abbau von 32.000 Arbeitsplätzen über die nächsten drei Jahre insgesamt 3,3 Milliarden Euro kosten. Danach rechnet der Konzern mit jährlichen Einsparungen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro. Während Ricke die Bilanz des abgelaufenen Quartals präsentierte, demonstrierten in Bonn und an mehreren Orten im gesamten Bundesgebiet Telekom-Mitarbeiter gegen die Streichung von Arbeitsplätzen. "Völlig unverständlich" Allein in München gingen nach Angaben der Gewerkschaft Verdi 2000 Beschäftigte auf die Straße. "Jeder dritte Arbeitsplatz in Bayern ist bedroht", hieß es. Für viele Mitarbeiter sei der angekündigte Stellenabbau angesichts von Milliardengewinnen des Konzerns "völlig unverständlich". Von Juli bis September erwirtschaftete der Konzern einen Überschuss von 2,4 Milliarden Euro nach einem Verlust von 1,4 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum, der allerdings vor allem aus Sondereffekten herrührte. Der Umsatz kletterte um 4,8 Prozent auf 15 Milliarden Euro. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Ricke weiterhin mit einem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) zwischen 20,7 und 21 Milliarden Euro. Die Dividende soll nicht unter 0,62 Euro pro Aktie fallen. Tagesverlierer im Dax Die Anteilsscheine der Deutschen Telekom gehörten trotz der guten Bilanz zu den Tagesverlierern im Deutschen Aktienindex. Der Ausblick auf das kommende Jahr trübte das Bild. Die Telekom werde 2006 in neue Produkte und die bestehende Kundenbasis investieren, erklärte Ricke, "obschon sich das auf unseren Gewinn auswirkt". Rund 1,2 Milliarden Euro will der Konzern für die Investitionen in die Hand nehmen. Wegen der Aufwendungen schätzt Ricke den um Einmaleffekte bereinigten Ebitda im Jahr 2006 auf 20,2 bis 20,7 Milliarden Euro, also weniger als in 2005. | Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke hat bei der Vorlage der Zahlen für das dritte Quartal eingeräumt, dass die geplante Streichung von 32.000 Stellen widersprüchlich erscheinen könnte. Denn der Konzern hat zum fünften Mal in Folge den Quartalsgewinn gesteigert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/glaenzende-ertragslage-stellenabbau-bei-telekom-in-neuem-licht-1.898940 | Glänzende Ertragslage - Stellenabbau bei Telekom in neuem Licht | 00/05/2010 |
Ferdinand Piëch wird 70 - und setzt Stück für Stück seinen eigenen Fahrzeugkonzern zusammen. Der Mann liebt die Extreme. Im Herbst 1998 präsentierte Ferdinand Piëch bei der Autoshow in Paris zwei sehr verschiedene Autos. Erstens einen später als Drei-Liter-Lupo bekannt gewordenen Kleinwagen und zweitens den 1,2 Millionen Euro teuren Sportwagen Bugatti Veyron. Sein Tankinhalt reicht für eine Viertelstunde Vollgas. Detailansicht öffnen Der gebürtige Wiener liebt Autos - ganz der Familientraditon entsprechend. (Foto: Foto: dpa) Das technisch Machbare ist es, was Ferdinand Piëch reizt, den viele schon im Ruhestand gesehen haben und der nun einer der mächtigsten Männer der Autoindustrie ist. Er wird an diesem Dienstag 70 Jahre alt und lässt sich dann zwei Tage später bei der Hauptversammlung von Volkswagen noch einmal zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates von Volkswagen wählen. Piëch ist agil wie immer. Wer ihn nicht auf dem Radar hat, wie der MAN-Abenteurer Håkan Samuelsson bei seinem feindlichen Übernahmeangebot für den schwedischen Lkw-Konzern Scania, der bekommt die Quittung - früher oder später. Piëch wird MAN mit Scania zusammenfügen und dann mit Volkswagen und vielleicht auch noch Porsche zu einem global tätigen Fahrzeughersteller verschmelzen. Vergleichbares gibt es in der deutschen Industrie nur noch bei DaimlerChrysler. Die großen Familienfirmen Doch im Unterschied zur deutsch-amerikanischen Firma könnte der VW-Konzern in absehbarer Zeit als Familienunternehmen geführt werden. Das kommt im Autogeschäft häufiger vor, wie die Beispiele Fiat (Familie Agnelli), Ford, Peugeot und auch Toyota mit seiner einflussreichen Familie Toyoda zeigen. Der Enkel des Käferkonstrukteurs Ferdinand Porsche fügt zusammen, was seiner Meinung nach schon immer zusammen gehörte. Schließlich hatte der Großvater den Käfer zum Sportwagen weiterentwickelt und nach dem Krieg seine eigene Firma gegründet. Dieser von den Familien Piëch und Porsche dominierte Sportwagenhersteller zog drei Milliarden Euro aus seiner gut gefüllten Kasse und kaufte sich damit im September 2005 bei Volkswagen ein. Das war der Beginn einer raffinierten Strategie, die inzwischen zu einem Anteil von mehr als 30 Prozent führte und der faktischen Machtübernahme bei VW durch Clanchef Ferdinand Piëch. Das wurde spätestens deutlich, als der Aufsichtsrat im November Bernd Pischetsrieder an der Konzernspitze durch den Audi-Manager Martin Winterkorn ablösen ließ. War es der harmoniebetonte Führungsstil des früheren BMW-Managers Pischetsrieder? Ging die Sanierung der Kernmarke VW zu langsam voran? War es riskant, die in der Zeit seines Vorgängers Piëch entwickelte Luxuslimousine Phaeton wegen Erfolglosigkeit vom amerikanischen Markt zu nehmen? Wurde Pischetsrieder zum Verhängnis, dass er die VW-Affäre um Tarnfirmen und Lustreisen des Betriebsrates aufklären ließ - obwohl sie in die Amtszeit von Piëch fiel? Rekorde bei den Kosten Mit der Beantwortung solcher in die Vergangenheit gerichteten Fragen hält sich der steif auftretende und oft sibyllinisch lächelnde Piëch gar nicht erst auf. Wie ein Schachspieler setzt er sein Spiel um VW Zug für Zug fort. Ein Widersacher war dabei für längere Zeit Niedersachsen Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), der im Aufsichtsrat aufgrund des VW-Gesetzes mehr Einfluss hat, als es dem 20-Prozent-Anteil des Landes entspricht. Doch der Europäische Gerichtshof wird die Vorschrift aus der Zeit von Privatisierung und Volksaktie wohl noch diesen Sommer kippen. Dann schwindet der Einfluss von Niedersachsen, aber Wulff wäre kein guter Politiker, wenn er sich nicht umgehend an der Seite von Porsche in die Abwehrfront gegen ausländische Finanzinvestoren eingeordnet hätte. Piëch hat nun einen Gegner weniger, auch wenn der Beginn dieser wunderbaren Männerfreundschaft ihm und Wulff noch nicht so deutlich anzusehen ist. Inzwischen begrüßen selbst die VW-Arbeitnehmer Porsche, immerhin betreiben die Zuffenhausener ja das profitabelste Autounternehmen der Welt. Zum ersten Mal hat VW einen industriellen Großaktionär, der sowohl etwas von Autos als auch vom Geldverdienen versteht. Anders als andere Milliardäre beschränkte sich Ferdinand Piëch, der Vater von zwölf Kindern, nicht aufs diskrete Kassieren. Der Technik-Freak mischte stets im Getümmel mit. Den ersten Ärger seines Berufslebens handelte er sich als junger Ingenieur bei Porsche für einen Sportwagen ein, der vor allem Rekorde bei den Kosten einfuhr. Später entwickelte er für Audi und VW nicht nur schnelle Autos, sondern auch den Allradantrieb, den starken Direkteinspritzer-Dieselmotor, die rostfreie Karosserie. Im Jahr 2002, beim Abschied als Konzernchef, fuhr Piëch mit einem Ein-Liter-Zweisitzer von Wolfsburg zur Hauptversammlung nach Hamburg. Das war damals ein teurer Prototyp aus Karbon, Magnesium, Aluminium - wie ein Rennwagen der Formel 1. Jetzt habe er einen Hersteller gesprochen, der sich zutraut, eine Leichtbaukarosserie statt für 35.000 Euro in großer Stückzahl für nur noch 5.000 Euro zu produzieren, vertraute Piëch einem alten Weggefährten an. In zwei Jahren könnte es so weit sein. Der Ingenieur kurz vor seinem 70.Geburtstag: "Dann kommt so ein Auto in Bereiche, wo es auch ein normaler Kunde kaufen kann." | Ferdinand Piëch wird 70 - und setzt Stück für Stück seinen eigenen Fahrzeugkonzern zusammen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vw-porsche-mogul-herr-aller-autos-1.900574 | VW-Porsche-Mogul - Herr aller Autos | 00/05/2010 |
Ein umfangreiches Reformkonzept soll die zunehmende Kritik am zögerlichen Umbau der Bundesanstalt für Arbeit entkräften. An letzten Details des Programms, das in seinen Grundzügen der Süddeutschen Zeitung vorliegt, wird noch gefeilt. "Das wird ein Befreiungsschlag auch gegenüber der Politik", sagte Vorstandsmitglied Heinrich Alt. Nach abschließenden Sitzungen des zuständigen Lenkungsausschusses und des Verwaltungsrats in der übernächsten Woche will Behördenchef Florian Gerster sein Konzept im Juli vorstellen und damit Kritiker des Umbauprozesses besänftigen. Detailansicht öffnen Florian Gerster galt als Dynamiker. Doch dieser Ruf hatte zuletzt etwas gelitten. (Foto: dpa) Abgeordnete aus allen Parteien und Vertreter aus Wirtschaft und Gewerkschaften hatten Gerster zuletzt vorgeworfen, dass er den selbst gesteckten Zielen für den Umbau der Arbeitsämter mehr als ein Jahr nach seinem Amtsantritt nur wenig näher gekommen sei. Umfangreicher Stellenmarkt im Internet Der Kern der Reform ist der Versuch, Arbeitssuchende und Anbieter von Stellen schneller und effizienter zusammen zu bringen. Dazu soll bis zum Herbst ein "virtueller Arbeitsmarkt" im Internet entstehen. Schon seit einigen Monaten testet eine Projektgruppe aus Mitarbeitern der Bundesanstalt und der Unternehmensberatung Accenture in einem Modellversuch diese Plattform. "Wir haben den Ehrgeiz, alle Stellen zu sammeln, die im Internet und anderswo angeboten werden", heißt es. Dazu hat die Bundesanstalt bereits mit Online-Stellenbörsen eine enge Zusammenarbeit vereinbart. "Wenn das funktioniert, sind die Stellenmärkte der Printmedien bald überflüssig", sagte ein Mitglied des Lenkungsausschusses der SZ. Kostenlos abzurufen Arbeitssuchende sollen die Angebote kostenlos abrufen können. Auch sollen sie künftig im Internet ein persönliches Profil anlegen, das automatisch mit neu eingegangenen Angeboten abgeglichen wird. Bisher enthalten die Datenbanken der Arbeitsämter nur jene Stellen, die von Unternehmen gemeldet werden. Das sind nach Behördenschätzungen nur ein Drittel aller tatsächlich in Deutschland existierenden Angebote. Um eine bessere Transparenz herzustellen, will die Bundesanstalt künftig wie eine Aktiengesellschaft quartalsweise über die Kassenlage informieren. Dies soll laufende Spekulationen über die Höhe des Bundeszuschusses verhindern. Auch will Gerster jeweils über den aktuellen Stand des Umbaus berichten. Größere Freiheiten Der Vorstand der Behörde, zu dem neben Gerster noch Heinrich Alt und Frank Jürgen Weise zählen, will der Bundesregierung zudem eine Art Vertrag anbieten. Darin würde sich die Anstalt für jeweils ein Jahr auf feste Ziele bezüglich ihres Haushalts verpflichten und im Gegenzug eine größere Freiheit im Personalrecht und bei der Aufteilung der insgesamt rund 90.000 Stellen in den deutschen Arbeitsämtern bekommen. Auch soll das Controlling verbessert werden. Die Bundesanstalt hat Deutschland virtuell in zwölf wirtschaftlich vergleichbare Zonen aufgeteilt. Dadurch sollen sich die Arbeitsämter besser aneinander messen können. Eine straffere Organisation soll zudem verhindern, dass die Ämter zusammen brechen, wenn sie vom kommenden Jahr an rund eine Million erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger aus der Obhut der Kommunen übernehmen sollen. "Die Gesetzgebung des Bundes muss die eigenen Reformbemühungen ergänzen", forderte Vorstand Alt. Neues Telefonsystem Zugleich arbeitet die Bundesanstalt mit dem Telekommunikationsanbieter Tenovis an einem neuen Telefonsystem, das die Erreichbarkeit der Arbeitsämter verbessern soll. Während an betriebsamen Tagen derzeit nur jeder zweite Anrufer durchkommt, soll die Quote auf 90 Prozent steigen. In Callcentern sollen nicht nur Daten aufgenommen, sondern auch bearbeitet werden, so dass viele Anliegen von Arbeitslosen oder Antragstellern für Kindergeld mit einem Anruf erledigt sind. Auch wird geprüft, ob Arbeitnehmer sich nach der Kündigung künftig über Internet oder telefonisch arbeitslos melden können, um Wartezeiten in den Ämtern zu vermeiden. | Ein umfangreiches Reformkonzept soll die zunehmende Kritik am zögerlichen Umbau der Bundesanstalt für Arbeit entkräften. An letzten Details des Programms, das in seinen Grundzügen der Süddeutschen Zeitung vorliegt, wird noch gefeilt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/reform-der-bundesanstalt-fuer-arbeit-florian-gerster-macht-tempo-1.905705 | Reform der Bundesanstalt für Arbeit - Florian Gerster macht Tempo | 00/05/2010 |
Das Jahr hat für Privatpatienten in zweifacher Hinsicht schlecht begonnen: Sie müssen nicht nur teilweise deutlich höhere Prämien zahlen - einige Privatkassen wollen auch noch Leistungen streichen. Doch die einseitige Vertragsänderung stößt auf Widerstand. Im Wettbewerb mit den gesetzlichen Krankenkassen haben die Privatkassen bislang immer wieder einen angeblichen Vorteil gerne herausgestellt: Die vertraglichen Ansprüche von Privatpatienten könnten nicht verringert werden. Während Kassenmitglieder von Jahr zu Jahr zusehen müssten, wie sie weniger für ihre Beiträge bekommen, könnten sich Privatpatienten ein Leben lang auf ihren Versicherungsschutz verlassen. Einschränkung Von wegen: Gleich mehrere Krankenversicherer wie die Axa, Barmenia oder die HUK-Coburg haben gerade in laufenden Verträgen die Ansprüche ihrer Kunden erheblich eingeschränkt. Per nachträglicher Vertragsänderung wollen sich die Gesellschaften das Recht nehmen, die Erstattung von Arztrechnungen "angemessen" zu kürzen, wenn ihnen der Preis zu hoch vorkommt. Lücke im Gesetz genutzt Genau das hatte aber das oberste deutsche Zivilgericht, der Bundesgerichtshof (BGH) im Sommer vergangenen Jahres verboten. In dem Verfahren (Az. IV ZR 278/01) ging es um die Kosten einer Münchner Privatklinik: Sie hatte für elf Tage Pflege und Unterbringung nach einer Bandscheibenoperation 23665 Euro berechnet. Der BGH entschied dazu klipp und klar, die Privatkassen müssten all das zahlen, was medizinisch notwendig sei. Die Preiswürdigkeit spiele keine Rolle. Der Kunde könne jedenfalls den Versicherungsbedingungen nicht entnehmen, dass der Versicherer seine Leistungspflicht auf die billigste Behandlungsmethode beschränken wolle. Missfallen Die höchstrichterliche Interpretation der Vertragswerke gefiel den Gesellschaften gar nicht. Sie befürchteten Mehrausgaben. Also suchten sie nach Möglichkeiten, auch die bereits geschlossenen Verträge zu ändern, um das BGH-Urteil auszuhebeln. Eine einseitige Vertragsänderung ist zwar im deutschen Recht grundsätzlich unmöglich, denn es gilt der Satz: Verträge sind so zu halten, wie sie geschlossen wurden. Für das Versicherungswesen hat der Gesetzgeber jedoch einige Sonderregelungen zugelassen. Auf eine dieser Sonderregelungen berufen sich nun die Privatkassen: Nach Paragraph 178g des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) kann eine private Krankenversicherung die Versicherungsbedingungen ändern, wenn eine nicht nur als vorübergehend anzusehende "Veränderung der Verhältnisse des Gesundheitswesen" vorliegt - und wenn die Änderung im Interesse der Versicherten erforderlich erscheint. Empörung Ein unabhängiger Treuhänder muss dem zustimmen. Bei den Treuhändern handelt es sich jedoch oftmals um Rechtsanwälte, die von den Gesellschaften entlohnt werden. Das BGH-Urteil betrachten die Gesellschaften nun als ebensolche Veränderung im Gesundheitswesen und fühlen sich berechtigt, die Policen nachzubessern. Verbraucherschützer sind empört. Der Bund der Versicherten (BdV) hat deshalb die Axa inzwischen abgemahnt. "Es ist ein Skandal, mit welcher Überheblichkeit die Axa meint, bestehende Verträge einfach einseitig abändern zu wollen. Die Versicherten als Vertragspartner scheinen von der Axa nicht ernst genommen zu werden", schimpft Frank Braun, Geschäftsführer des BdV. Die Kunden müssten selbst bei medizinischer Notwendigkeit damit rechnen, nicht immer den vollen Betrag ihrer Rechnungen erstattet zu bekommen. Offensichtlich beabsichtigen weitere private Krankenversicherer, nach dem Axa-Vorbild bestehende Verträge zu ändern. Das betrachten auch die Aufseher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistung (Bafin) nach den Worten von Sprecher Peter Abrahams kritisch: "Die Unternehmen haben der Bafin konkret nachzuweisen, dass ihnen durch das BGH-Urteil dauerhafte und nicht unerhebliche Kostensteigerungen entstanden sind, um eine dauerhafte Veränderung der Verhältnisse im Gesundheitswesen zu begründen." Die Aufsicht könne nachträglich die Rechtmäßigkeit der geänderten Klauseln überprüfen. "Liegt ein Rechtsverstoß vor, können wir im Rahmen der Missstandsaufsicht geeignete Maßnahmen ergreifen", so der Behördensprecher weiter. Streit um Kalkulation Die Unternehmen bleiben unnachgiebig: "Unsere Prämienkalkulation ist so angelegt, dass die bei Vertragsbeginn vereinbarte Prämie unter Annahme unveränderter tatsächlicher und rechtlicher Verhältnisse während der gesamten Laufzeit konstant bleibt", erklärte die Barmenia auf Anfrage. "Ändern sich jedoch die rechtlichen Verhältnisse - wie durch das BGH-Urteil - und sind als Folge Preis- und damit Ausgabensteigerungen zu erwarten, dann ist eine Bedingungsänderung zulässig." Die Axa wiederum erklärte auf Nachfrage: "Die Bedingungsaktualisierung dient ausschließlich dem Zweck, den Kunden die Leistungspraxis der Axa Krankenversicherung, die auf volle Erfüllung des Versicherungsvertrags und auf größtmögliche Beitragsstabilität ausgerichtet ist, transparent zu machen." Ratschläge Bis über die Rechtmäßigkeit der einseitigen Vertragsänderungen entschieden ist, kann noch einige Zeit vergehen. Sollten private Krankenversicherer bis dahin Erstattungen mit Hinweis auf die neue Klauseln ablehnen, können Betroffene Folgendes tun: -Kunden können bestreiten, die vertragsändernde Erklärung überhaupt erhalten zu haben. Die in der Regel mit einfacher Post verschickten Mitteilungen sind möglicherweise nie beim Kunden angekommen. -Innerhalb der Verjährungsfrist von zwei Jahren (§ 12 VVG) können noch ausstehende Ansprüche geltend gemacht werden, wenn die Rechtswidrigkeit der einseitigen Vertragsänderung festgestellt werden sollte. | Das Jahr hat für Privatpatienten in zweifacher Hinsicht schlecht begonnen: Sie müssen nicht nur teilweise deutlich höhere Prämien zahlen - einige Privatkassen wollen auch noch Leistungen streichen. Doch die einseitige Vertragsänderung stößt auf Widerstand. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/benachteiligte-versicherte-privatkassen-streichen-leistungen-1.907642 | Benachteiligte Versicherte - Privatkassen streichen Leistungen | 00/05/2010 |
Der Unbekannte droht mit der Veröffentlichung von internen Firmenpapieren, mit denen er offenbar einen Untreue-Vorwurf gegen den Walter-Bau-Gründer belegen will. Der Erpresser des Walter-Bau-Gründers Ignaz Walter ist noch nicht gefasst worden. Detailansicht öffnen Der Gründer des inzwischen insolventen Baukonzerns Walter Bau wird um 300.000 Euro erpresst. (Foto: Foto: ddp) Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz hatte der bislang Unbekannte von Walter 300.000 Euro gefordert und mit der Veröffentlichung von internen Firmenpapieren des zusammengebrochenen Baukonzerns gedroht. Beim ersten schriftlichen Kontakt habe der Erpresser einen Leitzordner geschickt, die Geldforderung sei später telefonisch genannt worden, sagte Nemetz am Montag in Augsburg. Sofort bei der Polizei gemeldet Das letzte angekündigte Telefonat Anfang April fand dann aber nicht statt. Die Staatsanwaltschaft bestätigte Zeitungsberichte, wonach der Erpresser andeutete, aus den internen Unterlagen gehe ein möglicher Untreue-Vorwurf gegen Walter hervor. "Das ist eher unwahrscheinlich, aber wir prüfen das", sagte Nemetz. Der Firmengründer hatte den Erpressungsversuch sofort der Polizei gemeldet. Im Zusammenhang mit der Fahndung nach dem Erpresser waren unter anderem Räume einer Walter-Tochterfirma durchsucht worden. Die Ermittler vermuten, dass es sich bei dem Täter um einen ehemaligen Mitarbeiter des Konzerns handeln könnte. Wichtige Teile durch Strabag übernommen Die Walter Bau-AG hatte im Februar Insolvenz angemeldet. Der Zusammenbruch zog die Insolvenzen mehrerer Tochterfirmen nach sich. Inzwischen hat der Gläubigerausschuss der Übernahme vier wichtiger Teile des Walter-Konzerns durch die österreichische Strabag-Holding zugestimmt. Walter selbst hat sich seit dem Insolvenzantrag von allen Ämtern zurückgezogen und ist nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. | Der Unbekannte droht mit der Veröffentlichung von internen Firmenpapieren, mit denen er offenbar einen Untreue-Vorwurf gegen den Walter-Bau-Gründer belegen will. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/drohungen-gegen-ignaz-walter-erpresser-fordert-300-000-euro-1.899899 | Drohungen gegen Ignaz Walter - Erpresser fordert 300.000 Euro | 00/05/2010 |
Der Weltfußballverband verdient gut an der WM. Damit es noch mehr wird, beansprucht die Fifa jetzt auch alle Rechte an den Wortkombinationen von WM, Weltmeisterschaft und Jahreszahl. Der 1. Mai ist ein großer Tag für die Fédération Internationale de Football Association (Fifa). Der Weltfußballverband wird dann an seinen neuen Hauptsitz in bester Züricher Lage umziehen. Detailansicht öffnen Ferrero legt seinen Süßwaren in Deutschland seit 1982 während der Weltmeisterschaften Sammelbilder bei. Früher ging das, jetzt gibt es Streit. Die Stadt benennt sogar die Straße um, in der die Fifa bald residiert: Adolf Jöhr, lange Jahre Verwaltungsratspräsident der ehemaligen Schweizerischen Kreditanstalt, muss zugunsten der Fifa vom Straßenschild weichen. 1,6 Milliarden Franken für die Fernsehrechte Das 200 Millionen Franken (130 Millionen Euro) teure Gebäude kann sich die Fifa leisten, weil sie mit dem Verkauf der Fernseh- und Marketingrechte für die Fußballweltmeisterschaften kräftig verdient. Weltweit bezahlen die Sender einem Fifa-Sprecher zufolge 1,6 Milliarden Franken dafür, dass sie die Spiele der diesjährigen Weltmeisterschaft übertragen dürfen. Und insgesamt 688 Millionen Franken kassiert der Verband von Unternehmen, die mit dem Fußballwettbewerb werben wollen. Die Fifa besitzt die alleinigen Fernseh- und Marketingrechte. Der Verband schlägt aus dieser Monopolstellung deutlich mehr Kapital als früher. Für die drei Wettbewerbe 1990, 1994 und 1998 zusammen hat die Fifa die Fernsehrechte im Jahr 1987 für 340 Millionen Franken verkauft. Die Fernsehrechte für die WM 2006 bringen fast fünf Mal so viel. Der Grund: Bis zu Beginn der neunziger Jahre gab es fast nur die öffentlich-rechtliche Sender. Dann kamen die Privaten und buhlten ebenfalls um die Rechte, was den Preis nach oben trieb. Komfortabel ist die Lage der Fifa auch beim Verkauf der Marketingrechte. Der Andrang der Unternehmen ist so groß, dass sich die Fifa den meistbietenden Partner aussuchen kann. Der Verband versucht seit einiger Zeit, Begriffe wie "WM" oder "Weltmeisterschaft" in Verbindung mit der Zahl des Jahres, in dem die Meisterschaft stattfindet, als Marke schützen zu lassen. Gegen Firmen, die ohne Lizenzvertrag mit der WM werben, geht die Fifa rigoros vor. Der Verband müsse die Exklusivrechte schützen, sagt Delia Fischer, bei der Fifa für Markenrechte zuständig. Denn die Fifa müsse die Wettbewerbe mit den Einnahmen der Werbepartner finanzieren. Die WM 2006 kostet den Weltfußballverband etwa eine Milliarde Franken. Im Zusammenhang mit der WM 2006 hat der Verband 1200 Rechtsverletzungen entdeckt. Die meisten seien außergerichtlich erledigt worden, sagt Fischer. Nur 150 Fälle kamen vor Gericht. Der prominenteste Streitfall ist jener mit Ferrero. Der italienische Konzern legt seinen Süßwaren in Deutschland seit 1982 während der Weltmeisterschaften Sammelbilder von Kickern der deutschen Nationalelf mit dem Aufdruck "WM" bei. Früher hatte die Fifa nichts dagegen. Seit der Verband Wörter wie WM schützen will, gibt es Streit. Mehrere Gerichte auf deutscher und europäischer Ebene arbeiten an dem Fall. Verschiedene Juristen, die gegen die Fifa antreten, klagen, der Verband betreibe "extremes Lobbying" und spanne "hohe Politiker" ein. Vierjahres-Budget Die Fifa wurde 1904 in Paris gegründet und hat ihren Sitz seit 1932 in der Schweiz. Seit 1996 ist sie als Verein im Züricher Handelsregister eingetragen. Seine Aufgabe ist die Verbreitung des Fußballs und das Management der Weltmeisterschaften. Das Budget wird für vier Jahre festgelegt - von einer WM zur nächsten. In der laufenden Periode vom 1. Januar 2003 bis 31. Dezember 2006 erwartet die Fifa Erträge von 2,1 Milliarden Franken und einen Aufwand von etwa 1,9 Milliarden Franken, woraus ein Überschuss von 169 Millionen Franken resultiert. Für 2004 weist die Fifa Einnahmen von 740 Millionen Franken, einen Aufwand von 582 Millionen Franken und einen Überschuss von 158 Millionen Franken aus. Zahlen für 2005 liegen noch nicht vor. Für Löhne und Gehälter der 270 Beschäftigten hat die Fifa 31,7 Millionen Franken aufgebracht. Einzelne Gehälter des Präsidenten Joseph Blatter oder des Generalsekretärs Urs Linsi sind nicht ausgewiesen. Das Eigenkapital gibt die Fifa für 2004 mit 238 Millionen Franken an. Ende dieses Jahres soll es 350 Millionen bis 450 Millionen Franken betragen. Seit 2001 läuft das Programm Score. Es sollte durch Kostensenkungen und Ertragssteigerungen bis Ende dieses Jahres 310 Millionen bis 510 Millionen Franken generieren. Die Fifa war mit 506 Millionen Franken schon 2004 fast am Ziel - dank der Marketing- und Fernseheinnahmen. Score war aufgelegt worden, weil die Fifa 2001 durch die Pleite der Zuger Vermarktungsgesellschaft ISL in Schwierigkeiten geriet. ISL vertrieb für die Fifa die Marketing- und Fernsehrechte. Sie wurde verdächtigt, Lizenzeinnahmen nicht an die Fifa weitergeleitet zu haben. Zudem wurden ISL-Mitarbeitern und Fifa-nahen Personen Schmiergeldzahlungen nachgesagt. Untersuchungsrichter Thomas Hildbrand hat seine Ermittlungen kürzlich abgeschlossen. Der Staatsanwalt muss nun entscheiden, ob er Anklage erheben will. Seit dem ISL-Debakel vermarktet die Fifa die Fernseh- und Werberechte selbst - bisher mit viel Geschick. | Der Weltfußballverband verdient gut an der WM. Damit es noch mehr wird, beansprucht die Fifa jetzt auch alle Rechte an den Wortkombinationen von WM, Weltmeisterschaft und Jahreszahl. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fussball-die-fifa-hanuta-und-viel-geld-1.907626 | Fußball - Die Fifa, Hanuta und viel Geld | 00/05/2010 |
Der Winterschlussverkauf soll ersatzlos gestrichen werden; stattdessen sind Rabattaktionen künftig das ganze Jahr über erlaubt. Doch auf dicke Prozente allein kommt es nicht an, warnen Verbraucherschützer. Preisvergleiche bleiben angesagt. Am Montag geht er wieder los: der Sturm auf die Wühltische und Sonderangebote. Nach dem Willen der Bundesregierung wird der diesjährige Winterschlussverkauf (WSV) definitiv der letzte seiner Art sein. Auch wenn sich Einzelhändler und Discounter schon seit Dezember mit Nachlässen überbieten: Der letzte WSV soll dem Ganzen die Krone aufsetzen. "Wir wollen damit auch nochmal Werbung für die Institution Schlussverkauf machen", sagt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Bedenken Der Branchenverband hofft weiter auf eine Möglichkeit, konzentrierte Räumungsaktionen zu veranstalten. Wegen der dann notwendigen Absprachen bestehen aber noch kartellrechtliche Bedenken. Dass der Ausverkauf das ganze Jahr über möglich sein soll, wie es die Bunderegierung will, davon hält Pellengahr nichts. "Ständige Rabattaktionen verunsichern die Verbraucher nur und lassen sie an der Glaubwürdigkeit der Preise zweifeln", argumentiert der HDE-Sprecher. Ausnahmezustand Beim Schlussverkauf hingegen sei die Sache klar: "Die zwei Wochen sind eine Ausnahme, die Händler räumen dann ihre Lager. "Danach werde umdekoriert, neue Mode fülle die Regale. "Dann wollen wir das Alte auch nicht mehr sehen - und die Kunden akzeptieren wieder normal kalkulierte Preise", sagt Pellengahr. Verbraucherschützer begrüßen dagegen das Aus für den Schlussverkauf. "Dass die Lager geräumt würden, entspricht doch schon lange nicht mehr der Realität", kritisiert Roland Stuhr vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Erhebliche Rabatte Bei ständig wechselnden Sortimenten sei es unsinnig, dem Handel vorzuschreiben, wann er seine Winter- oder Sommerware günstiger anbieten dürfe. Künftig werde es gegen Ende der Saison unabhängig vom Schlussverkauf erhebliche Rabatte geben, ist sich der Verbraucherschützer sicher. Schlussverkauf hin oder her - der Preisvergleich wird den Kunden nicht erspart bleiben. "Ein hoher Rabatt allein sagt erst einmal gar nichts", warnt Stuhr. "Was zählt, ist der Endpreis." Oft seien im Schlussverkauf die gleichen Waren immer noch teurer als schon zuvor bei der Konkurrenz. Produkt als Baustein Das Produkt selbst ist dabei nur ein Baustein, sagt Pellengahr. Wenn ein Fachhändler eine Waschmaschine nicht nur verkauft, sondern auch anliefert, anschließt, den Kunden in puncto Waschmittel und Härtegrade berät und dazu noch bei Problemen erreichbar ist, sei das mehr wert als ein paar Euro Preisvorteil beim Discounter, ist sich der Branchenvertreter sicher. Auch ohne die Institution Schlussverkauf wird nach Überzeugung von Verbraucherschützer Stuhr jedenfalls ein Prinzip gültig bleiben: "Wer billig einkaufen will, muss sich mit Preisen und Leistungen beschäftigen - und das kann aufwändig sein." | Der Winterschlussverkauf soll ersatzlos gestrichen werden; stattdessen sind Rabattaktionen künftig das ganze Jahr über erlaubt. Doch auf dicke Prozente allein kommt es nicht an, warnen Verbraucherschützer. Preisvergleiche bleiben angesagt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einkaufen-rabatt-ist-nicht-gleich-billig-1.898318 | Einkaufen - Rabatt ist nicht gleich billig | 00/05/2010 |
Bei den Verhandlungen zur Übernahme des von der Schließung bedrohten Infineon-Werks in München-Perlach durch den Halbleiterhersteller X-Fab sollen die Würfel in wenigen Wochen fallen. "Wir bemühen uns, bis Ende September ein Ergebnis zu haben", sagte der Vorstandsvorsitzende der X-Fab Semiconductor Foundries, Hans-Jürgen Straub. Die Thüringer Allgemeine (Dienstag) berichtete, die Übernahme drohe an relativ hohen Standortkosten für die Produktion in München zu scheitern. Straub wollte sich zu Details der Gespräche, bei denen es um ein Gesamtkonzept gehe, nicht äußern. "Es gibt keine Zwischenberichte. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen", sagte er. "Auf Dauer nicht finanzierbar" Nach unbestätigten Informationen soll es um den Erhalt von etwa 600 der 800 Arbeitsplätze in München-Perlach gehen. Für X-Fab mit derzeit etwa 1200 Beschäftigten in Werken in Erfurt, Großbritannien und den USA wäre die Übernahme eines relativ großen Werkes zur Kapazitätserweiterung nicht ohne Risiken. Unter Berufung auf Branchenkreise heißt es in dem Zeitungsbericht, ein Betreiben des Standorts München-Perlach sei "auf Dauer nicht finanzierbar". Auch die von Infineon erwogene Schenkung des Werkes an das Erfurter Unternehmen würde an der "über Jahre extrem kritischen Kostenstruktur" nichts ändern, heißt es in der Thüringer Allgemeine. Noch keine Einigkeit in Sicht Unterdessen hat ein X-Fab-Sprecher einen Bericht der Financial Times Deutschland (FTD) zurückgewiesen, wonach sich die beiden Firmen fast handelseinig sein sollten. Die FTD hatte berichtet, dass die Verhandlungen schon in wenigen Tagen abgeschlossen sein könnten. Die Vorstände beider Unternehmen seien an diesem Dienstag in Erfurt zusammengekommen, um letzte strittige Details zu klären, schrieb die Zeitung in ihrer Mittwochausgabe. Sollten die Gespräche scheitern, will Infineon das Werk wegen überalteter Produktionsanlagen schließen. | Bei den Verhandlungen zur Übernahme des von der Schließung bedrohten Infineon-Werks in München-Perlach durch den Halbleiterhersteller X-Fab sollen die Würfel in wenigen Wochen fallen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/x-fab-uebernahme-von-infineon-werk-koennte-scheitern-1.916146 | X-Fab - Übernahme von Infineon-Werk könnte scheitern | 00/05/2010 |
Einst hatte er mit bunten Farben die Center Courts aufgemischt. Doch nun kämpft der angeschlagene Tennislegenden-Ausstatter Sergio Tacchini ums Überleben. Der unternehmerische Aufschlag von Ex-Davis-Cup-Spieler Sergio Tacchini war eine Wucht. Vor 40 Jahren eroberte der italienische Tennisprofi den Bekleidungsmarkt für den weißen Sport mit einer kleinen Revolution: Der Firmengründer brachte bunte Farben auf den Tennisplatz. Detailansicht öffnen Das letzte Hemd? Ein Sport-Polo der Sergio Tacchini-Kollektion Winter 06/07. (Foto: Screenshot: www.sergiotacchini.com) Doch in der von Kolossen wie Nike und Adidas beherrschten Sportbranche bekommt der kleine Ausstatter aus dem norditalienischen Bellinzago bei Novara inzwischen nur mehr sehr schwer einen Fuß auf den Boden. Mit der Entlassung von weiteren 65 der noch 152 Mitarbeiter will Tacchini das Überleben des Unternehmens sichern. Die Firma steckt seit langem in der Krise. 2005 standen einem Umsatz von 104 Millionen Euro 80 Millionen Euro Schulden und ein operatives Betriebsergebnis von fünf Millionen Euro gegenüber. Das Geschäft für Tacchini, der auch Segel-, Golf- und Freizeitmode herstellt, läuft in Frankreich und Italien nicht schlecht. Übermächtige Konkurrenz Doch auf dem Weltmarkt kommt der Zwerg gegen die großen Multis und ihre Synergien nicht an. Dabei lagerte auch der Italiener die Herstellung der Bekleidungsartikel längst nach Asien aus. Seine Blütezeit erlebte das Unternehmen in den achtziger Jahren. Sergio Tacchini hat damals den traditionell weißen Wimbledon-Stil gründlich erneuert. Punkten konnte er vor allem als Entdecker junger Talente, die er mit Sponsorenverträgen an sich band und die rasch zu internationalen Turnierstars aufstiegen. Die Sportfirma wurde als Ausstatter von Tennislegenden wie John McEnroe (ab 1978), Jimmy Connors, Martina Navratilova, Pete Sampras und Mats Wilander berühmt. In den neunziger Jahren diversifizierte Tacchini in andere Sportarten und stieg 2000 auch ins Segelgeschäft ein. Suche nach Partnern Der in Finanzschwierigkeiten steckende Firmengründer lässt seit dem Sommer nach einem finanzkräftigen Partner suchen. "Die Familie hat sich zur Öffnung des Kapitals für Außenstehende entschlossen", sagte Guido Corbetta von der Mailänder Beratungsfirma Partners, die für Tacchini tätig wurde. Der Einstieg sowohl eines Private-Equity-Fonds als auch eines industriellen Partners käme in Frage. Im September war auch von dem Interesse des österreichischen Sportbekleidungsherstellers Head die Rede. | Einst hatte er mit bunten Farben die Center Courts aufgemischt. Doch nun kämpft der angeschlagene Tennislegenden-Ausstatter Sergio Tacchini ums Überleben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konkursgefahr-bei-tennisausruester-schwache-rueckhand-1.918939 | Konkursgefahr bei Tennisausrüster - Schwache Rückhand | 00/05/2010 |
Rover - der große Überlebenskünstler, der letzte selbstständige Autobauer Großbritanniens, das über 100 Jahre alte Traditionsunternehmen, die verstoßene BMW-Tochter - hat die Produktion eingestellt. MG Rover, der letzte selbstständige Autobauer Großbritanniens, ist zahlungsunfähig. Detailansicht öffnen Der Union-Jack spiegelt sich im Rover-Schriftzug: Jahrzehntelang galt das Unternehmen als Bannerträger des britischen Automobilbaus. (Foto: Foto: Reuters) Fünf Jahre nach der Trennung von BMW hat der Vorstand des über hundert Jahre alten Unternehmens die Berufung von Insolvenzverwaltern angekündigt. Nach einem Bericht des Fernsehsenders BBC ist der Belegschaft gesagt worden, dass sie nur noch bis Montag bezahlt werden könne. Kurioses Dementi Die britische Industrieministerin Patricia Hewitt hatte Rover schon gestern für insolvent erklärt - doch davon wollte das Unternehmen kurioserweise zunächst nichts wissen. Die britische Presse hatte das Dementi nicht ernstgenommen. "Rover bricht zusammen", lautet die Schlagzeile der Times und Financial Times. Kein Zweifel konnte bereits darüber bestehen, dass die Übernahmegespräche mit dem chinesischen Autobauer Shanghai Automotive Industry Corporation gescheitert sind. Sie galten als letzte Hoffnung für Rover. Und ebenso deutlich hatte die Regierung von Premierminister Tony Blair klargestellt, dass Rover von ihr keinen Kredit zu erwarten hat. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Briten in vier Wochen ein neues Parlament wählen und Blairs Vorsprung schrumpft. In den 70-er Jahren wäre es für jede Labour-Regierung undenkbar gewesen, unter diesen Umständen eine der bekanntesten Marken des Landes aufzugeben und den Verlust von 6000 Stellen zu riskieren. Elf Jahre Thatcher Aber dazwischen lagen eben elf Jahre Margaret Thatcher, und seitdem kann es sich keine Regierung in London mehr leisten, ein chronisch verlustmachendes Unternehmen mit Subventionen am Leben zu erhalten. Blair braucht zwar die Stammwählerschaft der Industriearbeiter, aber sie allein bringt keine Mehrheit. Die meisten Labour-Wähler gehören heute zur Mittelschicht, und für sie gelten die Gesetze der Marktwirtschaft wie früher das Amen in der Kirche. Weiterhin jedes Jahr rote Zahlen Nach Meinung von Analysten grenzt es sowieso an ein Wunder, dass sich Rover so lange halten konnte. Die Firma, die vor fünf Jahren wieder selbstständig wurde, weil selbst die reiche Mutter aus Bavaria ihre Milliardenverluste nicht ausgleichen konnte, hat seitdem weiter jedes Jahr rote Zahlen geschrieben, wenn auch nicht mehr so hohe. Um Gewinn zu machen, müsste Rover mindestens 180.000 Autos im Jahr verkaufen, doch der Absatz fällt. 2003 waren es noch 116.000. Die Phoenix-Four Umstritten ist die Rolle der "Phoenix Four", jener vier Unternehmer, die Rover für zehn Pfund von BMW übernahmen. Der bekannteste von ihnen ist der Aufsichtsratsvorsitzende John Towers. Zunächst wurde die Phoenix-Gruppe als Retter in der Not gefeiert, weil sie auch ihr persönliches Vermögen einsetzte. Aber in letzter Zeit ist der Eindruck entstanden, dass die vier Geschäftsleute profitable Unternehmensbereiche ausgegliedert haben, um einen Teil der Gewinne einzustreichen, anstatt ihn zur Schuldentilgung oder Investition bei Rover zu nutzen. Enttäuschung bei BMW Auch BMW, das nach Rover-Angaben "sehr großzügig" in das Riesenwerk von Birmingham investiert hat, zeigt sich enttäuscht. "Es ist eine Schande, dass sich der Rover-Vorstand mehr zahlt als der Vorstand von BMW", empörte sich vor einem halben Jahr der britische BMW-Chef Jim O'Donnell. "Das ist das inakzeptable Gesicht des Kapitalismus." Der Schrecken über den Verlust des letzten eigenen Autobauers hält sich bei den Briten dennoch in Grenzen. Das Land, das einst als "Werkstatt der Welt" galt, sieht sich längst als Dienstleistungsgesellschaft und erlebt als solche gerade die längste Boomphase seit Königin Victoria. Inzwischen viel zu selbstbewusst Noch vor zehn Jahren hatten manche Briten Vorbehalte gegen deutsche Autos - heute nicht mehr. Heute sind sie dafür viel zu selbstbewusst. | Rover - der große Überlebenskünstler, der letzte selbstständige Autobauer Großbritanniens, das über 100 Jahre alte Traditionsunternehmen, die verstoßene BMW-Tochter - hat die Produktion eingestellt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/rover-der-englische-patient-ringt-mit-dem-tode-1.904326 | "Rover - Der ""englische Patient"" ringt mit dem Tode" | 00/05/2010 |
Die verunsicherte Weltbank hat einen neuen Präsidenten, sie braucht aber auch einen neuen Kurs. Ob Robert Zoellick den entscheidenden Wandel schafft, wird sich zeigen. Die Führungskrise in der Weltbank ist beendet, offiziell jedenfalls. Wie erwartet haben die Vertreter der Mitgliedsstaaten am Montag einmütig den neuen Präsidenten Robert Zoellick in sein Amt gehoben. Der frühere Handelsbeauftragte von Präsident Bush, ein ausgewiesener Pragmatiker, folgt auf den Ideologen Paul Wolfowitz - für die tief verunsicherte Institution in Washington ist das eine große Chance, vielleicht sogar ihre letzte. Die Weltbank mag die Führungskrise fürs Erste beendet haben, ihre Sinnkrise ist noch nicht vorüber. Die begann schon lange vor Wolfowitz und hat vor allem mit dem ökonomischen und politischen Wandel in der Welt zu tun: dem Aufstieg Asiens, der Entwicklung der Finanzmärkte und der Entfremdung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten während der Ära George Bush. Die Funktion der internationalen Entwicklungsbank Manche halten die Bank bereits jetzt für überflüssig: China, Brasilien und Indien bekommen bei gewöhnlichen Banken jeden Kredit, den sie wollen, die Ärmsten der Welt brauchen weniger Kredite als vielmehr direkte Hilfe. Wozu also noch eine teure internationale Entwicklungsbank, die zudem immer wieder für Ärger sorgt? Die Antwort muss Zoellick in den kommenden Monaten geben. Die Antwort müssen auch die Europäer geben, die Zoellicks Vorgänger - zu Recht - gestürzt haben. Zum Teil ist es eine Frage des Führungsstils: Hört der neue Präsident, anders als Wolfowitz, auf die Experten der Bank und deren Anteilseigner? Vermeidet er den Fehler von Wolfowitz, sich mit Beratern aus dem Bush-Lager einzuigeln? Werden die Europäer Zoellick unterstützen und zeigen, dass sie wirklich an einer Reform interessiert sind? Weniger Bank und mehr Wissensorganisation Die Weltbank wird sich künftig weniger dadurch definieren, wie viel Geld sie für den Bau von Staudämmen und Straßen verleiht, sondern durch ihre Kernkompetenz, die geballte Erfahrung ausgewiesener internationaler Entwicklungsexperten. Anders gewendet: Die Bank wird dann Erfolg haben, wenn sie weniger Bank als vielmehr Wissensorganisation ist, wenn sie ihre Kapazitäten auf die ärmsten Länder in Afrika konzentriert, wenn sie weniger Kredite vergibt und mehr direkte Hilfe zur Armutsbekämpfung leistet. Die Bank muss ihre Legitimität sichern, indem die Machtverhältnisse in den Gremien den Realitäten in der Welt angepasst werden: Aufstrebende Länder wie Indien und Brasilien brauchen mehr Einfluss, die Ärmsten der Armen mehr Mitsprache. Dabei geht es um weit mehr als um die Weltbank selbst. Zur Debatte steht, ob und wie "der Westen'', also die Demokratien Europas und Nordamerikas, heute noch Einfluss in der Welt ausüben. Die neo-konservative Antwort auf das Ende des Kalten Krieges - unilaterale Machtausübung - ist gescheitert, und niemand repräsentiert so sehr dieses Scheitern wie Paul Wolfowitz, im Irak und in der Weltbank. Zoellick könnte für einen anderen Weg stehen, für Kompromisse und für bindende internationale Regeln. Die Weltbank hat in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, fragwürdige Projekte finanziert und Diktatoren hofiert. Aber sie hat einen großen Vorteil: Als internationale Organisation kann sie zumindest theoretisch unabhängig von kurzfristigen nationalen Interessen handeln. Darauf muss Zoellick dringen. Er sollte den Kampf seines Vorgängers gegen Korruption fortsetzen, aber mit den geeigneten Mitteln. Venezuelas Präsident Hugo Chavez hat eine "Bank des Südens'' gegründet, über die er die Ölmilliarden seines Landes in politisch genehme Projekte lenkt. Die Volksrepublik China betreibt mit ihrer Entwicklungshilfe in Afrika knallharte Rohstoffpolitik. Der Westen hat oft genug seine Interessen in der Dritten Welt rigoros durchgesetzt. Doch im Prinzip gibt es keine Alternative zu einer multilateralen Entwicklungspolitik. Die Geldgeber sollten sich jetzt an ihren eigenen Ansprüchen messen. Der Wechsel in der Weltbank wäre dazu eine Chance. | Die verunsicherte Weltbank hat einen neuen Präsidenten, sie braucht aber auch einen neuen Kurs. Ob Robert Zoellick den entscheidenden Wandel schafft, wird sich zeigen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neuer-weltbank-praesident-weniger-geld-mehr-hilfe-1.907394 | Neuer Weltbank-Präsident - Weniger Geld, mehr Hilfe | 00/05/2010 |
Im Baugewerbe haben die Tarifverhandlungen begonnen. Arbeitgeber und IG Bau geben sich ungewöhnlich kompromissbereit — nur dann nicht, wenn es um die Verlängerung der Arbeitszeit geht. Das Siemens-Modell könne kein Vorbild sein. Die Bau-Gewerkschaft lehnt eine generelle Arbeitszeitverlängerung grundsätzlich ab. Schon vor Beginn der Tarifverhandlungen der Baubranche sagte IG Bau-Chef Klaus Wiesehügel, das "Modell Siemens" könne kein Vorbild für seine Branche sein. Siemens hatte mit der IG Metall eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich vereinbart und im Gegenzug den Erhalt von Arbeitsplätzen versprochen. Siemens nicht mit Baugewerbe vergleichbar Vertreter der IG Bau sagten, diese — von der Wirtschaft als Vorbild für den Standort Deutschland betrachtete — Arbeitszeitverlängerung stehe nicht zur Debatte. "Die Menschen bei Siemens werden zwölf Monate im Jahr ununterbrochen beschäftigt, sie haben eine Kantine und sitzen im Trockenen", sagte Wiesehügel vor Beginn der Verhandlungen dem Fernsehsender NDR: "Das alles gilt nicht für Bauarbeiter." Parallelen zum Fall Siemens sind dennoch leicht zu erkennen. In der krisengeschüttelten Baubranche geht es weniger ums Geld als um die Arbeitsplatzsicherung, weshalb beide Seiten bereits am ersten Tag Annäherungen erzielten. Ganzjährige Arbeitszeitkonten Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt hatte zum ersten Mal vor solchen Verhandlungen davon abgesehen, die laufenden Tarifverträge zu kündigen und mehr Lohn für die 800.000 Beschäftigten auf den Baustellen des Landes zu fordern. Stattdessen hatte Wiesehügel schon Ende April ein Modell vorgestellt, das selbst bei den Betriebsräten der eigenen Gewerkschaft durchaus umstritten war: Statt auf Lohnerhöhungen setzt die Gewerkschaft auf "ganzjährige Arbeitszeitkonten". Mit Hilfe eines Fonds sollen diejenigen Betriebe künftig eine Prämie erhalten, die ihre Mitarbeiter nachweislich das ganze Jahr beschäftigen. Bonus in die Sozialkasse Dieser Bonus soll durch eine Lohnerhöhung um zwei Prozent finanziert werden, die aber nicht den Arbeitnehmern ausgezahlt wird, sondern als Umlage an die Sozialkasse des Baugewerbes gehen soll. Bisher werden Bauarbeiter häufig zu Beginn der kalten Jahreszeit gekündigt, wenn der Betrieb auf den Baustellen ruht, und im Frühjahr wieder eingestellt. Nach Angaben der IG Bau arbeiten deshalb mehr als 200.000 Beschäftigte weniger als acht Monate im Jahr. | Im Baugewerbe haben die Tarifverhandlungen begonnen. Arbeitgeber und IG Bau geben sich ungewöhnlich kompromissbereit — nur dann nicht, wenn es um die Verlängerung der Arbeitszeit geht. Das Siemens-Modell könne kein Vorbild sein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verhandlungen-im-baugewerbe-die-bei-siemens-sitzen-im-trockenen-1.919282 | "Verhandlungen im Baugewerbe - ""Die bei Siemens sitzen im Trockenen""" | 00/05/2010 |
Erstmals seit fünf Jahren investieren Unternehmen weltweit wieder mehr in Forschung und Entwicklung (F&E). Im internationalen Vergleich hinken deutsche Konzerne allerdings deutlich hinterher. Mit der guten Konjunktur wächst weltweit die Bereitschaft der Großunternehmen, in Forschung und Entwicklung (F&E) zu investieren. Die Konzerne melden erstmals seit fünf Jahren wieder Wachstumsraten, die über dem Wachstum des Umsatzes liegen. Dies ergibt die neue "Global Innovation 1000"-Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, die an diesem Dienstag weltweit veröffentlicht wird und der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Jährlich analysiert die Unternehmensberatung das Innovationsverhalten der weltweit 1000 Unternehmen mit den höchsten Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Danach stiegen im Jahr 2006 die F&E-Ausgaben der untersuchten Unternehmen auf den Rekordwert von 447 Milliarden Dollar, umgerechnet also fast 315 Milliarden Euro. Das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die Gesamtsumme der weltweiten F&E-Ausgaben 2006 wird auf 879 Milliarden Dollar (618 Milliarden Euro) geschätzt. "Deutschland auf der Bremse" Auffällig ist, dass die deutsche Industrie bei ihren F&E-Ausgaben lediglich um 4,3 Prozent zugelegt hat. "Deutschland steht damit im internationalen Vergleich beim Thema Innovation eher auf der Bremse als auf dem Gaspedal", kommentierte Thomas Goldbrunner, Mitglied der Geschäftsleitung bei Booz Allen Hamilton, im Gespräch mit der SZ. Zudem ist seit 2003 auch das Verhältnis von F&E-Ausgaben zum Umsatz kontinuierlich gesunken - von 4,8 auf 4,1 Prozent. Zum Vergleich: US-Firmen haben im selben Zeitraum das Verhältnis der F&E-Ausgaben zum Umsatz nur von 5,1 auf 4,9 Prozent gesenkt. Das weltweite Ranking führt nun der japanische Autobauer Toyota an, gefolgt vom Pharmaunternehmen Pfizer und dem letztjährigen Spitzenreiter Ford. Toyota hat sich damit in den vergangenen Jahren Stück für Stück nach vorne und nunmehr an die Spitze gearbeitet. Unter den Top 10 nehmen mit DaimlerChrysler (5, Vorjahr 4) und Siemens (9, Vorjahr 6) zwar zwei deutsche Unternehmen vordere Plätze ein - beide Unternehmen haben allerdings ihre F&E-Ausgaben gegen den Trend um 5,6 beziehungsweise 2,5 Prozent gesenkt (wobei die Studie Käufe oder Verkäufe von Konzernbereichen nicht gesondert erfasst). Insgesamt kommen noch immer 95 Prozent der weltweiten F&E-Ausgaben aus den etablierten Industrieregionen Nordamerika, Europa und Japan. "In den boomenden Schwellenländern sehen wir bei den F&E-Ausgaben zwar deutlich höhere Wachstumsraten von mehr als 30 Prozent. Chinesische und indische Unternehmen investieren im Schnitt aber nur 0,8 Prozent ihres Umsatzes in F&E. Das ist gerade mal ein Fünftel des weltweiten Durchschnitts", so Goldbrunner. Verständnis für Kundenbedürfnisse nötig Der Unternehmensberater warnt vor einer isolierten Betrachtung der absoluten Zahlen. Höhere Ausgaben allein seien "bei weitem kein Garant für den Unternehmenserfolg". Es komme vielmehr darauf an, den gesamten Innovationsprozess im Blick zu haben - von der Ideenfindung über die Entwicklung bis zur Vermarktung des fertigen Produkts. Besonders erfolgreich sind nach der Studie diejenigen Konzerne, die zwei Voraussetzungen erfüllen: Sie haben ein klares Innovationskonzept und überprüfen Projektfortschritte konsequent und regelmäßig. Zentrales Erfolgskriterium sei das Verständnis für die Bedürfnisse der Kunden. "Unternehmen, die ihre Kunden direkt in den Innovationsprozess einbeziehen, zeigen eine doppelt so hohe Gesamtkapitalrendite", sagt Goldbrunner. "Das Wachstum des operativen Ergebnisses ist sogar dreimal so hoch wie bei Unternehmen, die einen indirekten Zugang wählen." Zudem erzielen Unternehmen, die ihre Innovationsstrategie direkt aus der Unternehmensstrategie ableiten, in den letzten drei Jahren ein um 40 Prozent stärkeres Wachstum des Betriebsergebnisses und eine doppelt so hohe Eigenkapitalrendite wie Unternehmen mit schwacher Kopplung beider Bereiche. Paradeunternehmen für einen solchen gesamtheitlichen Ansatz ist für Booz Allen Hamilton in Deutschland der Sportartikelhersteller Adidas. Zwar weise das Unternehmen im Branchenvergleich niedrigere F&E-Ausgaben auf als Wettbewerber, übertreffe diese aber nicht nur bei Umsatz und Gewinnwachstum, sondern auch bei der Kursentwicklung. Weitere prominente Innovationsmotoren sind laut der Studie Hilti, Ebay oder Black & Decker. Der iPod-Produzent Apple sei ein Beispiel für eine gelungene Neuausrichtung im Innovationsmanagement. | Erstmals seit fünf Jahren investieren Unternehmen weltweit wieder mehr in Forschung und Entwicklung (F&E). Im internationalen Vergleich hinken deutsche Konzerne allerdings deutlich hinterher. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/innovationsausgaben-zoegerliche-deutsche-1.891713 | Innovationsausgaben - Zögerliche Deutsche | 00/05/2010 |
Es war im Sommer 2004, als bei Christian Bennefeld ein unerwarteter Scheck einging. Der Suchmaschinenbetreiber Google zahlte an die Internet-Firma des Hamburger Diplom-Mathematikers ein paar Dollar zurück. Detailansicht öffnen Gesucht, gefunden: Bis zu 80 Dollar zahlen manche Firmen für einen einzigen Klick bei Google. (Foto: Foto: Reuters) Bei der Suche nach dem Grund des Geldsegens stieß Bennefeld auf zwei wichtige Dinge: Eine neue Geschäftsidee und Machenschaften, bei denen Millionenschäden entstehen: Klickbetrug. Ansatzpunkt ist die Werbung im Internet. Wer auf einer Seite von Suchmaschinen wie Google oder Yahoo einen Begriff eingibt, bekommt neben der Trefferliste auch werbliche Links auf Internet-Läden angezeigt. Deren Betreiber zahlen für jeden Klick eines Surfers. Und damit nicht Werbung für Fleisch bei der Suche nach Vegetarischem erscheint, werden nur Links angezeigt, die auch zum Suchbegriff passen. Es gibt Firmen, die bis zu 80 Dollar für einen einzigen Klick auf den Link zu ihrer Plattform bezahlen, weil sie mit diesem keyword advertising ihre kleine Zielgruppe exakt treffen. In Deutschland liegt die Spitze bei elf Euro pro Klick. Geschwindelt wird dabei auf dreierlei Art: Für keyword advertising setzen die Kunden der Suchmaschinen ein Limit, wie viel sie höchstens für ihre Werbung ausgeben möchten. Die Einnahmen teilen sich Google und der Seitenbetreiber Ist das Tageslimit erreicht, wird die Werbung ausgeblendet. Indem nun ein Konkurrent Klicks auf die Anzeigen veranlasst, sorgt er dafür, dass diese Werbung verschwindet. Und der Werbende zahlt für wertlose Klicks. Methode Nummer zwei: Betreiber von Internet-Seiten können Partnerlinks einbinden - also Links, die ebenfalls zum Thema passen. Die private Homepage eines Anglers etwa könnte dann Links zu einem Händler für Anglerzubehör enthalten. Der Werbetreibende zahlt für Klicks auf seinen Link, die Einnahmen teilen sich Google und der Seitenbetreiber, also etwa der Angler. Jeder Klick spült somit Geld auch in die Kasse der Seitenbetreiber. Illegal wird es, wenn der Angler zum Beispiel seine Freunde dazu bringt, gezielt auf diesen Link zu klicken. Der dritte Trick nutzt die Achillesferse der Suchmaschinen. Mit einem Bewertungs-Algorithmus - ihrem bestgehüteten Geheimnis - bestimmen die Suchmaschinen die Reihenfolge, in der die Ergebnisse dargestellt werden. Eine Variante davon bestimmt auch die Position der Anzeigen. Nur wer gut geklickt wird, bleibt oben und erhöht damit seine Chancen. Knapp 20 Prozent der Klicks stehen im Betrugsverdacht Der Trick besteht nun darin, einen Suchbegriff sehr oft einzugeben, aber eben nicht auf die Anzeige zu klicken. Die Performance der Anzeige wird schlecht, folglich platzieren die Suchmaschinen sie weiter unten. Bei der rechtlichen Bewertung solcher Attacken kommt es auf den Einzelfall an. Wird beispielsweise fremde Werbung beeinträchtigt, "ist das wettbewerbsrechtlich relevant und kann zu Unterlassungs- und Schadensersatzklagen führen", so der Münchner Anwalt Steffen Haferkamp. Bei den Partnerlinks hat Bennefeld mit seinem Anti-Betrugs-Programm ermittelt, dass etwa im deutschen Versandhandel knapp 20 Prozent der Klicks auf Anzeigen im Betrugsverdacht stehen. Zu seinen Kunden zählen Riesen wie Otto, Kaufhof oder Premiere. Stefan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland, sieht dies anders. Der Anteil betrügerischer Klicks in Deutschland liege "im Promillebereich". Man habe Methoden zur Entdeckung von Klickbetrug, und die würden auch erfolgreich eingesetzt. Viele Kunden seien überrascht, wenn plötzlich eine Rückvergütung von Google eintrudle. So wie der Mathematiker Bennefeld. | Wie Kriminelle und neidische Konkurrenten versuchen, Werbetreibenden im Internet mit Tricks gezielt zu schaden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/suchmaschinen-die-klick-betrueger-1.917091 | Suchmaschinen - Die Klick-Betrüger | 00/05/2010 |
Weil ihre Mahnwache unbemerkt blieb, griffen sie aus Verzweiflung zum äußersten Mittel: Nach der Schließung des Bildröhrenwerks von Panasonic im baden-würrtembergischen Esslingen hungern Arbeiter tagelang für höhere Abfindungen. Ihre Interessenvertretung, die IG Metall, hält davon jedoch gar nichts. Man kann es nicht anders nennen als ein Bild des Jammers. Ohnehin lädt das Industriegebiet im Esslinger Stadtteil Sirnau wie jedes andere auf dieser Welt nicht gerade zum Flanieren ein. Industrielle Zweckarchitektur links und rechts der Fritz-Müller-Straße, durch die Lastwagen und Autos ohne Ende brettern, dann und wann gestoppt von der Fußgängerampel zwischen den beiden Werksgeländen der stillgelegten Panasonic-Fabrik. Gegenüber dem Haupteingang sitzen und liegen sie in der Gluthitze des Sommernachmittags auf Pritschen, die ihnen der Malteser Hilfsdienst zur Verfügung gestellt hat, auf Matratzen über roh zusammengezimmerten Holzgerüsten. Detailansicht öffnen Hungern aus Verzweiflung: Die Männer vom Panasonic-Werk in Esslingen (Foto: Foto: SZ) Matt und elend sehen sie aus, die 18 Männer, die da ihren ganz eigenen und einsamen Arbeitskampf für soziale Gerechtigkeit führen. Das Sprechen fällt ihnen inzwischen schon schwer. Sieben von ihnen sind in den letzten Tagen schon vorübergehend in ein Krankenhaus gebracht worden, weil sie Schwächeanfälle erlitten oder mit Herzproblemen zu kämpfen hatten. Die Plakate auf der gegenüberliegenden Seite des provisorischen Zeltlagers klären auf über die Mattheit der Männer: Hungerstreik bei Panasonic - 15 Tage. So lange harren die 18 Arbeiter inzwischen ohne Nahrung aus, und Betriebsarzt Reinhard Weller sowie die Leute vom Malteser Hilfsdienst, die regelmäßig vorbeischauen, machen sich langsam ernste Sorgen. "Bei manchen ist die Situation schon sehr bedenklich", sagt Weller, "weil der Verdauungstrakt schon so lange zur Ruhe gekommen ist." Auch der Blutdruck sei bei den meisten auf unterste Grenzwerte abgesackt. Früher 560 Beschäftigte Aber die Streiter von Esslingen wollen auf keinen Fall klein beigeben. Jetzt schon gar nicht, da langsam die ganze Republik die Augen auf ihre Protestaktion richtet, wovon die Zeitungsausschnitte an der Wand des Zelts künden. Auch die ARD-Tagesschau und das ZDF-Mittagsmagazin haben ihre Kameras schon auf die Hungerstreikenden von Esslingen gerichtet. Betriebsrat Özcan Fahrettin, 41, fasst zusammen, was die Arbeitskämpfer treibt, "bis zum bitteren Ende" durchzuhalten: "Wir wollen einen echten Sozialplan, keinen Armutsplan." Er selbst hat den Hungerstreik vor einigen Tagen abgebrochen, weil ihn der Arzt vor einer Thrombose gewarnt hatte. Im Übrigen stünden 60 weitere Panasonic-Arbeiter und 30 Ehefrauen bereit, sich ebenfalls am Hungerstreik zu beteiligen, wenn nichts vorangeht. Die Kollegen auf ihren Pritschen nicken Fahrettin zu, stolz tragen sie ihre weißen Stirnbinden mit der roten Aufschrift "Hungerstreik für soziale Gerechtigkeit". Die verzweifelten Arbeitskämpfer, zumeist Türken, haben sich mit ihrem Noch-Arbeitgeber Panasonic angelegt, der zum japanischen Mutterkonzern Matsushita-Toshiba gehört. Dort, wo die Hungerstreikenden in der Hitze vor sich hindämmern, arbeiteten bis zum 21. Februar 560 Beschäftigte im Bildröhrenwerk der MT Picture Display Germany GmbH, bis die Konzernleitung Ende letzten Jahres das Aus für die defizitäre Röhrenfertigung verkündete und den Schritt mit dem dramatischen Preiskampf in der Branche begründete. "Wir wollen Arbeit" Ausgelöst wurde der Preisverfall durch den wachsenden Trend zu LCD- und Plasmageräten mit Flachbildschirmen, die Matsushita aber nirgendwo in Europa fertigt. Dabei hatte Panasonic das Esslinger Werk erst 1995 von Nokia übernommen und 400 Millionen Euro in die Bildröhrentechnik investiert. Wochenlang hatten die Panasonic-Beschäftigten noch gehofft, der Konzern stelle das Esslinger Werk auf Alternativprodukte um - etwa auf Vormaterialien für die stark gefragten Plasmafernseher. Aber daraus wurde nichts. Seither, inzwischen 116 Tage lang, halten die frustrierten Panasonic-Beschäftigten weitgehend unbemerkt Mahnwache vor dem gespenstisch leeren Fabrikgelände, bis sie aus Verzweiflung zum äußersten Mittel griffen, dem Hungerstreik. Sait Copur ist 55 und arbeitet seit 30 Jahren in der Bildröhrenfabrik. Er kümmert sich als "Dienstältester", so der Arbeiter, um die hungernden Kollegen, schaut, dass sie genügend trinken bei der Hitze. "Wir wollen Arbeit, und wenn es keine gibt, einen ordentlichen Sozialplan", sagt er. Einen solchen Sozialtarifvertrag hatte die IG Metall schon im Mai mit der Geschäftsführung ausgehandelt, aber 89 Prozent der Belegschaft hatten ihn damals abgelehnt. Er sieht vor, dass die Panasonic-Werker, die noch bis Ende Juli tarifvertraglich abgesichert sind und ihren Lohn erhalten, zum 1. Juli für ein Jahr in eine Beschäftigungsgesellschaft wechseln, gegen 80 Prozent ihres Lohns. Dort sollen die weitgehend Ungelernten, oft des Deutschen nicht sehr mächtig, für neue Jobs qualifiziert werden. Außerdem hat ihnen Panasonic Abfindungen - je nach Betriebszugehörigkeit - von um die 20.000 Euro in Aussicht gestellt. Schlechte Jobaussichten für ungelernte Arbeiter Aber die Jobaussichten sind für ungelernte Arbeiter, von denen knapp die Hälfte älter ist als 45, nicht gerade rosig. Was Betriebsrat Fahrettin ebenso auf die Palme bringt, sind die mageren Abfindungen. Als Panasonic 2005 ein Werk in Hamburg schloss, hätten die Beschäftigten fünffache Summen dessen kassiert, was Panasonic in Esslingen anbiete. Auf Nachfrage stellt sich allerdings heraus, dass es sich in Hamburg nicht um eine Fabrik, sondern um eine Vertriebsgesellschaft gehandelt hat, "mit Direktoren, die zum Teil 25 Jahre beim Unternehmen beschäftigt waren", wie ein Panasonic-Vertreter aufklärt. Wo ein Kampf um Arbeit in der Metallindustrie tobt, da dürfte die dazugehörende Gewerkschaft nicht weit sein, sollte man meinen. Aber weit gefehlt, die IG Metall hat sich ausgeklinkt, das Tischtuch zwischen Panasonic-Belegschaft und der Arbeitnehmerorganisation ist zerschnitten. Betriebsrat Hüseyn Kurc regt sich auf, dass die IG Metall herumerzähle, die Panasonic-Leute wollten nur hohe Abfindungen kassieren, um sich Hotels in der Türkei zu kaufen: "Das ist eine Lüge." Die 300 organisierten Kollegen seien wild entschlossen, der Gewerkschaft die Mitgliedschaft zu kündigen. Ilona Dammköhler wiederum, Geschäftsführerin der IG-Metall-Verwaltungsstelle Esslingen, hält nicht viel von den "Maximalforderungen", die die Panasonic-Kämpfer auf den Tisch legten. Vom lebensbedrohlichen Hungerstreik hält sie gleich gar nichts: "Das gehört nicht zum gewerkschaftlichen Aktionsrepertoire." Der Hungerstreik könnte indessen bald ausgestanden sein. Eine Einigungsstelle tagte am Donnerstag 14 Stunden lang und legte am Freitag einen Sozialplan mit etwas höheren Abfindungen vor. Den entschlossenen Protestierern dürfte kaum etwas anderes übrig bleiben, als den Plan anzunehmen. | Weil ihre Mahnwache unbemerkt blieb, griffen sie aus Verzweiflung zum äußersten Mittel: Nach der Schließung des Bildröhrenwerks von Panasonic im baden-würrtembergischen Esslingen hungern Arbeiter tagelang für höhere Abfindungen. Ihre Interessenvertretung, die IG Metall, hält davon jedoch gar nichts. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hungerstreik-bis-zum-bitteren-ende-1.901266 | Hungerstreik - Bis zum bitteren Ende | 00/05/2010 |
Nach dem Inkrafttreten der Mehrwertsteuererhöhung scheuen die Verbraucher vor neuen Anschaffungen zurück. Der Rückschlag kam wie erwartet: Die Kauflaune der Deutschen hat sich zum Start ins Jahr 2007 prompt verschlechtert und auch die Stimmung der Unternehmen hat sich eingetrübt. Detailansicht öffnen Im alten Jahr erledigten die die Verbraucher rasch noch Hamsterkäufe. Jetzt bricht der Konsum ein. (Foto: Foto: dpa) Das abgekühlte Verbrauchervertrauen ergibt sich aus der Januar-Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK. Zudem weist der ifo-Geschäftsklimaindex als viel beachtetes Stimmungsbarometer aus, dass die Firmen ihre aktuelle Geschäftslage schlechter als zuvor beurteilen. Zuversichtlich für die weitere Zukunft Beide Frühindikatoren zeigen aber auch: Verbraucher wie Wirtschaft sind zuversichtlich für den weiteren Aufschwung. Forschungsinstitute sehen ebenfalls keinen Grund, ihre Prognosen nun hektisch zu überarbeiten. Sie bleiben dabei: Die deutsche Konjunktur wird nur vorübergehend eingetrübt. Der mehrfach angekündigte Dämpfer im ersten Quartal wurde mit den neuen GfK-Zahlen mehr als deutlich. Die höhere Mehrwertsteuer hatte im vergangenen Jahr zu deutlichen Vorzieheffekten geführt. Mögliche Preiserhöhungen hatten die Anschaffungsneigung der Deutschen zum Jahresende auf Rekordwerte getrieben. Zurückhaltung bei neuen Anschaffungen Nun folgte schlagartig die Gegenreaktion. Da die Konsumenten gegenwärtig noch unsicher sind über die weitere Preisentwicklung, halten sie sich mit neuen Anschaffungen vorerst zurück. Der entsprechende GfK-Indikator rauschte um 65 Punkte nach unten, so stark wie noch nie seit 1980, dem Beginn der monatlichen Erhebung. Die GfK-Experten sprechen allerdings von einer Momentaufnahme und stufen den Extrem-Rückgang als nur vorübergehend ein. | Nach dem Inkrafttreten der Mehrwertsteuererhöhung scheuen die Verbraucher vor neuen Anschaffungen zurück. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-mehrwertsteuererhoehung-verbraucherstimmung-bricht-dramatisch-ein-1.898908 | Nach Mehrwertsteuererhöhung - Verbraucherstimmung bricht dramatisch ein | 00/05/2010 |
Donna Arduin ist als Arnold Schwarzeneggers Haushaltsdirektorin dazu ausersehen, den Sonnenstaat durch rigide Sparmassnahmen finanziell wieder in ein sicheres Fahrwasser zu bringen. Viele Freunde macht sie sich damit nicht. (SZ-Artikel vom 14.10.2003) — Donna Arduin findet sich nicht auf der Liste klangvoller Namen von Ehemaligen und Verdienten, die Arnold Schwarzenegger für seine Machtübernahme als Helfer ausgewählt hat. Doch als der neu gewählte Gouverneur vor die Presse trat, stand kein ehemaliger Bürgermeister, Gouverneure oder Finanzminister an seiner Seite, sondern Donna Arduin, eine 40-jährige Staatsbeamtin aus Florida, dem anderen Sonnenstaat. Die Buchprüferin, die Kalifornien in der Hand hat In nur drei Monaten soll sie eine Lösung finden für eine der größten Finanzkrisen, die in einem Bundesstaat je angerichtet wurden. Sie wird die Bücher öffnen und prüfen, wie schlimm es wirklich um die Finanzen bestellt ist. Sie soll, wie es Schwarzenegger ausdrückt, die "Sonne" in einen Apparat hineinscheinen lassen, der viel zu lange von Berufspolitikern im Schatten gehalten wurde. Diese Frau hat Kalifornien in der Hand, und ganz nebenbei die politische Karriere eines Actionhelden. New York und Florida kennen sie schon In New York und in Florida haben sie Donna Arduin bereits kennen gelernt Überall, wo die Haushaltsexpertin hinkam, kürzte sie Ausgaben, reduzierte Defizite und half, die Steuern zu senken. Nirgendwo hat sie sich mit ihrer Arbeit viele Freunde gemacht, außer in den konservativen Kreisen der Republikanischen Partei. In Florida war sie zuletzt für George W. Bushs Bruder Jeb tätig, der dort als Gouverneur regiert. Mit ihrer Hilfe konnte Jeb Bush einen harten Sparkurs durchsetzen, trotz heftiger Kritik der Bevölkerung. Arduin und Bush haben Ausgabenprogramme von einer Milliarde Dollar verhindert, und damit vor allem die mächtige Lobby der Lehrer gegen sich aufgebracht. "Sie ist eine überzeugte Anhängerin des Sparens", sagt der Republikanische Abgeordnete Ron Greenstein aus Miami, "und sie ist brutal". Staatsdefizit von 8 Milliarden Dollar Zuletzt zählte sie zum engsten Beraterkreis von Jeb Bush. In Kalifornien erwartet sie ein gewaltiges Staatsdefizit, das sich trotz zahlreicher Buchungstricks auf mindestens acht Milliarden Dollar beläuft. Ihr neuer Chef Arnold Schwarzenegger hat im Wahlkampf mehrmals erklärt, er werde die Steuern nicht anheben, um die Lücke zu schließen. Es wird ihm schwer fallen, dieses Versprechen zu brechen, wenn er es sich nicht gleich zu Beginn mit dem Establishment der Partei verscherzen will. Außerdem hat Schwarzenegger versprochen, die Kfz-Steuer deutlich zu senken - noch ein Loch in der Staatskasse. Arduin ist für Schwarzenegger keine gewöhnliche Staatsbedienstete, sie ist ausgeliehen, wie man Experten von Unternehmensberatungen einkauft. Denn wenn sie ihre Mission in Kalifornien beendet hat, soll sie wieder auf ihren regulären Job in Florida zurückkehren. Jeb Bush möchte sie wiederhaben Arduin selbst sagt, sie brauche wahrscheinlich "mehrere Monate", um in Kalifornien aufzuräumen. Wie entschlossen sie ist, sollte bereits ihr Auftritt am letzten Donnerstag in einem Hotel in Santa Monica demonstrieren. Als könne die Finanzkrise Kaliforniens keine Sekunde länger mehr warten, erklärte sie, ihr erster Arbeitstag beginne, sobald sie an diesem Nachmittag in der Hauptstadt Sacramento lande. | Donna Arduin ist als Arnold Schwarzeneggers Haushaltsdirektorin dazu ausersehen, den Sonnenstaat durch rigide Sparmassnahmen finanziell wieder in ein sicheres Fahrwasser zu bringen. Viele Freunde macht sie sich damit nicht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/donna-arduin-die-frau-die-kalifornien-retten-soll-1.899971 | Donna Arduin - Die Frau, die Kalifornien retten soll | 00/05/2010 |
Die stagnierende Konjunktur sowie die hohe Arbeitslosigkeit haben fast drei Millionen Haushalte in Deutschland in eine prekäre Lage gebracht. Einige Münchner Realschüler haben seit Anfang des Jahres ein besonders heikles Thema auf dem Stundenplan: Sie sollen lernen, wie man Schulden vermeidet. Vier Wochen lang müssen die Neuntklässler im Fach Wirtschafts- und Rechtslehre Haushaltspläne schreiben. An einem Projekttag werden die Einnahme- und Ausgabe-Rechnungen dann mit Experten der Stadtsparkasse München besprochen. Banker klären über Sinn und Arten von Krediten auf, ein Jurist und ein Schuldnerberater erläutern, welche Gefahren durch eine Überschuldung drohen und welche Auswege es gibt. Die erste Erkenntnis vieler Schüler - "aus eigener Tasche könnte ich mir meinen Lebensstandard ja bei weitem nicht leisten" lässt die Brisanz des Themas erahnen. Im Westen nur Großbritannien und USA schlechter Die Statistik spricht Bände: Fast drei von knapp 39 Millionen Privathaushalten in Deutschland sind nach Analysen der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (Schufa) überschuldet, können also nach Auflösung aller Ersparnisse aus dem Einkommen ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen. Vor 15 Jahren waren erst 1,2 Millionen Haushalte in einer solch prekären Situation. Im internationalen Vergleich liegt die vermeintlich reiche Bundesrepublik heute ganz weit vorne. "Von den westlichen Ländern stehen nachweislich nur die Vereinigten Staaten und Großbritannien schlechter da," sagt Dieter Korczak, Mitglied im Expertengremium, das für die Bundesregierung den Armuts- und Reichtumsbericht erstellt. Mangels vergleichbarer Statistiken beruft sich Korczak dabei auf die Definition von Armut der OECD, in der die überschuldeten Personen miteinbezogen sind. "Jeder, der überschuldet ist, ist arm, aber nicht jeder Arme ist überschuldet", so Korczak, auf dessen Institut für Grundlagen- und Programmforschung (GP-Forschungsgruppe) die meisten Zahlenwerke zur Verschuldung in Deutschland basieren. Die Beträge, ab denen viele Bürger keinen Ausweg mehr sehen, variieren regional sehr stark. Stehen westdeutsche Überschuldete nach den Analysen Korczaks im Schnitt mit 50.000 Euro in der Kreide, können Ostdeutschen oft schon 10.000 bis 20.000 Euro das Genick brechen. Hauptgründe für diesen großen Unterschied: Die durchschnittlich viel höhere Arbeitslosenquote in den Neuen Bundesländern. Mit am schlimmsten ist die Situation in Mecklenburg-Vorpommern, wo fast jeder fünfte Einwohner ohne Job dasteht und viele andere nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung (LAGSB) zu sittenwidrigen Stundenlöhnen unter fünf Euro arbeiten. "Arbeit zu haben, heißt hier nicht immer auch Lohn zu erhalten", erklärt Cornelia Zorn, Vorsitzende der LAGSB in Mecklenburg-Vorpommern. "Neben den Arbeitslosen geraten auch immer mehr Leute in die Schuldenspirale, weil sie zu wenig verdienen oder ihre Löhne gar nicht oder verspätet ausbezahlt bekommen." Die knapp 90 Schuldnerberater, die es landesweit gibt, können sich vor Anfragen kaum mehr retten. "Die Leute kommen mit Plastiktüten voller Mahnungen und Rechnungen und hoffen, dass wir sie da rausholen". Neben der Arbeitslosigkeit und dauerhaftem Niedrigeinkommen gehören Familientrennungen und Scheidungen sowie die allgemeine Unerfahrenheit vieler Verbraucher in Finanz- und Konsumgeschäften zu den Hauptgründen für die Überschuldung. Diplom-Psychologe Georg Sieber, der für den Schuldenkompass der Schufa das Finanzwissen der Verbraucher erforscht hat, stellte fest, dass "15 Prozent der Kreditnehmer über sehr geringes Zahlungswissen verfügen, also einen Kredit mit einer Einnahme gleichsetzen, ohne sich Gedanken über die Verpflichtung zur Rückzahlung zu machen". Erst mit dem Eingang von Mahnschreiben wachse das Bewusstsein. Doch weil es einem peinlich ist, Schulden zu haben, igelten sich viele Menschen dann ein, statt ihr Problem aktiv anzugehen. "Kommt es zur Überschuldung, besteht oft die Hälfte der Verpflichtungen aus Zinsen und Mahngebühren", sagt Sieber. Gleich mehrere Kredite Eine große Rolle spielt nach Ansicht von Experten allerdings auch das Geschäftsgebaren von Banken, Handel und Industrie. "Viele Unternehmen wollen die Kunden am besten ein Leben lang an sich binden und das erreichen sie am besten durch lange Kreditbeziehungen", sagt Werner Sanio, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Schuldnerberater in Deutschland. Armutsexperte Korczak moniert insbesondere das Vorgehen einiger Banken. Manche Kreditinstitute böten "ohne große Prüfung fünf bis zehntausend Euro Sofortkredit an. Gleichzeitig suggerieren sie in ihren Werbeslogans oft problemlose Wunscherfüllung." Laut Korczak haben drei von fünf überschuldeten Haushalten Kredite bei Banken. Insgesamt habe jeder vierte Haushalt einen oder mehrere Konsumentenkredite aufgenommen, die Durchschnittsschuld der betroffenen Haushalte liege bei 23.500 Euro. "Wenn die Hausbank einem keinen Kredit mehr gibt oder gar schon eine Umschuldung vorschlägt, sollten beim Kunden alle Alarmglocken schrillen", sagt Werner Sanio von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Schuldnerberater, "aber die meisten Verbraucher kommen leider erst zu uns, wenn die Schuldenfalle schon zugeschnappt ist". Kontopfändungen sowie Strom- und Wassersperren durch die örtlichen Energieversorger nennt Cornelia Zorn als häufigste Auslöser für den ersten Besuch bei der Schuldenberatung. Nicht selten habe die Bank dann bereits das Girokonto gekündigt.Je nachdem wie tief der Schuldensumpf ist, brauchen die Schuldnerberater ein halbes bis mehrere Jahre, um mit den Betroffenen den Weg zurück zu finanzieller Freiheit zu schaffen. | Die stagnierende Konjunktur sowie die hohe Arbeitslosigkeit haben fast drei Millionen Haushalte in Deutschland in eine prekäre Lage gebracht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/private-ueberschuldung-plastiktueten-voller-rechnungen-1.901448 | Private Überschuldung - Plastiktüten voller Rechnungen | 00/05/2010 |
Im Korruptionsskandal bei Siemens hat ein geständiger Mitarbeiter fragwürdige Zahlungen für Aufträge von russischen Telekommunikationsunternehmen eingeräumt. Im Korruptionsskandal bei Siemens untersucht die Staatsanwaltschaft in München nun gezielt mutmaßliche Schmiergeldzahlungen des Konzerns für Telekommunikationsaufträge aus Russland. Detailansicht öffnen Neben der Staatsanwaltschaft München interessiert sich inzwischen auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt für mögliche Korruption in Russland. (Foto: Foto: Reuters) Das ist von politischer Brisanz, weil die Frankfurter Staatsanwaltschaft in einem anderen, dort anhängigen Ermittlungsverfahren dem Verdacht nachgeht, dass der russische Telekommunikationsminister Leonid Reiman von Bestechungsdelikten und anderen illegalen Geschäften in dieser Branche profitiert haben soll. Die Frankfurter Strafverfolger wollen wissen, ob es eine Verbindung zwischen den beiden Fällen gibt, und haben deshalb die Münchner Kollegen um Informationen über deren Erkenntnisse bei Siemens gebeten. Fragwürdige Beraterhonorare eingeräumt Im Münchner Ermittlungsverfahren hat ein Anfang der Woche vorübergehend verhafteter Mitarbeiter von Siemens bei der Staatsanwaltschaft zugegeben, an der Auszahlung fragwürdiger Beraterhonorare in Russland beteiligt gewesen zu sein. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung räumte der Beschäftigte ein, dass es sich aus seiner Sicht um offenkundige Schmiergeldzahlungen für Aufträge von russischen Telekommunikationsunternehmen gehandelt habe. Siemens suspendierte diesen Mitarbeiter. Außerdem wurde in München ein langjähriger Siemens-Manager vorübergehend verhaftet, der für den Vertrieb in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS) einschließlich Russland zuständig gewesen war. Auch er sagte umfassend aus. Schmiergeldzahlungen in aller Welt Andere Siemens-Beschäftigte, die bereits im Herbst 2006 in München in Untersuchungshaft gekommen waren, haben Schmiergeldzahlungen von Siemens in aller Welt gestanden. Sie sagten unter anderem aus, ihres Wissens nach seien in der GUS für Telekommunikationsaufträge zeitweise zehn Millionen Euro im Jahr als Schmiergeld an Behörden und sogar an Geheimdienste gezahlt worden. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt ihrerseits gegen eine Gruppe von Geschäftsleuten um den Moskauer Minister Reiman. Diese Geschäftsleute sollen über 100 Millionen Euro, die nach Annahme der Ermittler aus Korruptionsdelikten und anderen illegalen Geschäften in der russischen Telekom-Branche stammen, über Zypern und die Bermudas zurück nach Moskau transferiert haben. Moskauer Staatsanwaltschaft hält Vorwürfe für falsch Die Frankfurter Strafverfolger glauben, Reimann sei der Nutznießer gewesen. Die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau hält die Vorwürfe für falsch. In der Siemens-Affäre um mutmaßlich gekaufte Betriebsräte hat die IG Metall angekündigt, Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Betriebsverfassungsgesetz zu stellen. | Im Korruptionsskandal bei Siemens hat ein geständiger Mitarbeiter fragwürdige Zahlungen für Aufträge von russischen Telekommunikationsunternehmen eingeräumt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/korruptionsskandal-bei-siemens-schmiergeld-nach-russland-1.901763 | Korruptionsskandal bei Siemens - Schmiergeld nach Russland | 00/05/2010 |
Im kommenden Jahr wird womöglich nur ein Exemplar des A380 ausgeliefert. Darum gibt es jetzt in der Fertigung zu viel Personal. Durch die Verzögerung des "A380" hat Airbus in den deutschen Werken im kommenden Jahr einen Kapazitätsüberhang von 2800 Mitarbeitern. Die Betriebsräte wollen, dass mit Hilfe von Flexibilitäts-Maßnahmen möglichst wenig Stellen abgebaut werden, da die Mitarbeiter 2008 wieder gebraucht werden. Weil 2007 nach aktuellem Stand nur ein Exemplar des Großraum-Flugzeugs A380 ausgeliefert wird, hat Airbus in Deutschland mindestens in den nächsten zwölf Monaten rechnerisch 2800 Mitarbeiter zu viel an Bord, und zwar im Wesentlichen in der Fertigung. 4,8 Milliarden Euro Umsatzausfall Diesen Überhang hat die Unternehmensleitung nach Angaben des Betriebsrats errechnet. An allen sieben Standorten wird nun ermittelt, inwieweit diese Lücke mit dem Programms "Siduflex" (Sicherheit durch Flexibilität) beseitigt werden kann. "Wir wollen möglichst viele Möglichkeiten so ausnutzen, dass möglichst wenig Arbeitzsplätze verloren gehen", sagte Johann Dahnken, Betriebsratschef des Werkes Bremen, der Süddeutschen Zeitung. Wegen der aufgetretenen Lieferverzögerungen beim A380 muss Airbus bis 2010 einen Umsatzausfall von 4,8 Milliarden Euro verkraften und hat ein drastisches Sanierungsprogramm beschlossen. Von wie vielen Leiharbeitern sich Airbus deshalb trennen will, bleibt unklar. Die Geschäftsführung habe ermittelt, dass die Verträge von etwa 1000 Leiharbeitern nicht verlängert würden. "Der Rahmen ist gesteckt", sagte Michael Schrod von der IG Metall Bezirk Küste. Die Verteilung der Arbeit sei noch unklar. So könne sich auch herausstellen, dass einige Standorte gar nicht auf die Leiharbeiter verzichten könnten. Insgesamt beschäftigt Airbus in Deutschland neben 22.000 festen Mitarbeitern etwa 7300 Leihkräfte, davon 5000 in Hamburg und 950 in Bremen. Bei einem Großteil handelt es sich um Ingenieure. In den nächsten Wochen sollen die Betriebsräte Vorschläge machen. Eine Frist gibt es nach Angaben eines Unternehmenssprechers nicht. Das Dilemma ist, dass Airbus sich von Mitarbeitern trennen muss, die 2008, wenn die Produktion des A380 hochgelaufen ist, wieder gebraucht werden. Auch in den französischen Airbus-Werken stehen offenbar ähnliche Entscheidungen unmittelbar bevor. Davon ist einer Sprecherin zufolge vor allem die A380-Endmontagelinie in Toulouse betroffen, die wegen der Probleme mit der Verkabelung personell überbesetzt ist. Details zu Zeitplan und der Höhe des Personalabbaus nannte sie allerdings nicht. Unabhängig von der Auslastungskrise um den A380 muss der Luftfahrtkonzern mit dem Sparprogramm "Power8" bis 2010 die Kosten um mindestens zwei Milliarden Euro senken, denn der schwache Dollar hat die Wettbewerbsfähigkeit um 20 Prozent verschlechtert. "Ohne Scheuklappen" Notwendige Maßnahmen werden Anfang 2007 verkündet. Der neue Airbus-Chef Louis Gallois schloss nicht aus, ganze Produktionsstätten dicht zu machen, um das Unternehmen auf Vordermann zu bringen. "Wir werden alles ohne Scheuklappen prüfen", sagte er der französischen Zeitung Depeche du Midi. Er verwies auf die Bedeutung des geplanten Langstreckenflugzeugs A350. Dabei stehe die Zukunft von Airbus auf dem Spiel. Das Segment der Langstreckenflugzeuge mache 40 Prozent des Marktes aus. Ohne das Sparprogramm "Power8" könne Airbus mit dem Bau des Konkurrenz-Fliegers für die Boeing 787 nicht beginnen. Berichten zufolge könnte sich der geplante Start des A350 XWB jedoch wie der des A380 um zwei Jahre auf 2014 verzögern. François Davis, EADS-Verwaltungsratsmitglied, sagte, das Ja oder Nein zum Programmstart des A350 sei das wichtigste Thema auf der Verwaltungsratssitzung in zwei Wochen. "Der A350 hat keine Kunden." Der A380 habe ein finanzielles Problem, der A350 ein strategisches. Gallois hatte die nötigen Finanzmittel für den A350 auf neun bis zehn Milliarden Euro beziffert. | Im kommenden Jahr wird womöglich nur ein Exemplar des A380 ausgeliefert. Darum gibt es jetzt in der Fertigung zu viel Personal. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/krise-in-deutschen-werken-des-flugzeugbauers-2800-airbus-mitarbeiter-zu-viel-an-bord-1.906734 | Krise in deutschen Werken des Flugzeugbauers - 2800 Airbus-Mitarbeiter zu viel an Bord | 00/05/2010 |
Zahlen sind in der Wirtschaft häufig nur Momentaufnahmen. Man sollte es daher nicht überbewerten, wenn der Ifo-Index für das Geschäftsklima im Februar nach zehn Monaten zum ersten Mal wieder gesunken ist; so etwas hat es auch in früheren Jahren schon gegeben. So viel lässt der überraschende Einbruch aber immerhin an Deutung zu: Der kaum begonnene Aufschwung bleibt prekär - er ist ständig gefährdet ebenso durch den Wechselkurs wie durch die Wechselhaftigkeiten der Berliner Reformen und die Risiken der amerikanischen Wirtschaftspolitik. Trotz des teuren Euros trägt der Export bislang die Konjunktur in Deutschland; auch die Investitionen sind gestiegen, der private Konsum bleibt dagegen schwach. Kein Wunder, dass die Menschen sparen, wenn sie ständig um ihren Job bangen müssen. Wer es noch nicht geglaubt hatte, der weiß es jetzt: Der Aufschwung, so er denn nachhaltig werden sollte, rettet die Deutschen nicht aus ihren Anpassungsschmerzen. Wer, zum Beispiel in der Tarifpolitik, in die alten Handlungsmuster zurückfällt, der schadet sich selbst. Gleichzeitig limitiert die Konjunktur die Reformer in einem gewissen Sinne. Verweigerung Werden die Bürger zu sehr belastet, ohne dass eine Verbesserung der Zukunftsperspektiven in Aussicht steht, dann verweigern sie sich. Das Angstsparen nimmt zu, Konsumnachfrage fällt aus und die Staatsfinanzen kommen wegen fehlender Steuereinnahmen erneut unter Druck. Auch hier ist vor alten Illusionen zu warnen. Die Staatsfinanzen in Deutschland sind längst nicht mehr so, dass sie irgendwelche nachfragepolitischen Experimente erlauben würden. Notwendig ist eine besonnene Konsolidierungspolitik, vor allem aber die Stabilisierung der Erwartungen durch eine glaubwürdige Reformpolitik. Die Investoren müssen wissen, dass die Regierung Kurs hält, die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass sich die heutigen Opfer morgen auszahlen. Schädliche Pläne Gift sind in diesem Zusammenhang die Pläne der Berliner Koalition für eine Ausbildungsplatzabgabe, Gift sind ebenso alle Debatten über noch zu planende oder zu verwirklichende Steuererhöhungen. Und schließlich nützt es wenig, sich über den richtigen oder falschen Wechselkurs des Euro Gedanken zu machen. Die Europäische Zentralbank wird sich, mit gutem Grund, niemals ein Wechselkurs-Ziel setzen. Der Euro ist teuer, weil der Dollar schwach ist, und der ist schwach wegen der Defizite im Budget und in der Leistungsbilanz der Amerikaner. Die Europäer, besonders die Deutschen, müssen sich selber helfen. | Zahlen sind in der Wirtschaft häufig nur Momentaufnahmen. Man sollte es daher nicht überbewerten, wenn der Ifo-Index für das Geschäftsklima im Februar nach zehn Monaten zum ersten Mal wieder gesunken ist; so etwas hat es auch in früheren Jahren schon gegeben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-prekaerer-aufschwung-1.904408 | Kommentar - Prekärer Aufschwung | 00/05/2010 |
Der Schmiergeldskandal bei Siemens ist der größte, den es je in Deutschland gab. Wegen der hohen Summen musste das System der schwarzen Kassen nahezu perfekt organisiert sein. Daher könnte sich die Affäre noch rasch ausweiten. Mindestens einmal im Jahr trafen sich früher bei Siemens die Mitglieder des Leitungskreises für den Bereich Telekommunikation (Com), um einem Vortrag über die Abgründe der Korruption zu lauschen. Detailansicht öffnen Siemens: Neue Verdächtigungen nach der Weihnachtsruhe. (Foto: Foto: dpa) Überliefert sind die Namen der Zuhörer - viele von ihnen Männer mit erstaunlicher Erfahrung auf diesem Gebiet: Ausgekochte Spezialisten fürs Tricksen und Verschleiern, von denen sich sechs inzwischen mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Schmiergeldfall Siemens konfrontiert sehen. Natürlich saß auch der zum Organisator der Schiebereien ernannte Direktor Reinhard S., 56, im Publikum. Hat er gelacht, wenn der Redner sagte, dass "Integrität im Wettbewerb für uns unternehmensweit verbindlich" sei? Oder einen roten Kopf bekommen? Die anderen, hat er neulich erzählt, hätten zu ihm rübergeschaut und gegrinst. Er habe die ganze Zeit auf irgendeine Vorlage geguckt. Der frühere Direktor hat der Staatsanwaltschaft erzählt, er erinnere sich an einen Redner besonders, weil der selbst in das Schmiergeldsystem eingebunden gewesen sei. Ex-Finanzvorstand unter Verdacht Die Trennlinie zwischen Halunken und Ehrenmännern ist in diesem Fall längst verwischt und neuerdings stellt sich die Frage, ob auch der frühere Siemens-Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, 54, zeitweise den Unterschied zwischen sauber und dreckig aus den Augen verloren hat. Seit ein paar Tagen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Manager. Es war ein Knall nach der Weihnachtsruhe, während der die Ermittler die 36.000 bei Siemens mitgenommenen Ordner weitgehend hatten ruhen lassen. Dann befanden sie, dass es gegen Neubürger einen Anfangsverdacht gibt sowie gegen den schon beschuldigten früheren Siemens-Zentralvorstand Thomas Ganswindt. Zwar gilt die Unschuldsvermutung, aber es ist bemerkenswert, dass zwei ehemalige Kronprinzen für den Siemens-Vorstandsvorsitz in Verdacht geraten sind - das zeigt den Ernst der Lage. Neue Fakten nach der Weihnachtsruhe In den Weihnachtstagen hatte sich mancher gefragt, ob es jetzt genug sei, ob die Ermittler vor den ganz großen Namen zurückschreckten. Immerhin war der Skandal von 20 Millionen Euro Schmiergeld auf 200 und 420 Millionen Euro gewachsen - Rekord in Deutschland. Erst ging es um Untreue, dann um schwere Untreue - im Dezember tauchte der Begriff "Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr" auf. Es gibt Hinweise, dass nicht nur Manager des Bereichs Telekommunikation (Com) verstrickt sind, sondern auch Angestellte in anderen Bereichen wie dem Kraftwerksbau bestochen haben, um an Aufträge zu kommen. Reinhard S. hat ausgesagt, Siemens habe in den 90er Jahren 500 Millionen Mark jährlich für Durchstechereien eingesetzt. Allerdings ist Bestechung im internationalen Geschäftsverkehr erst seit 1999 strafbar, bis 1998 durfte Schmiergeld sogar von der Steuer abgesetzt werden. Wenn die Geständnisse von S. und einer weiteren Schlüsselfigur halbwegs stimmen, waren mindestens 60 weitere Kollegen in dunkle Geschäfte eingebunden oder haben sie gedeckt: Konzern- und Spartenvorstände, leitende Angestellte, Führungskräfte und Vertriebler von Landesgesellschaften. Ein Teil der Siemens-Welt steht unter Verdacht. Wer ist der Nächste? Und wie funktionierte das komplexe System? Versorgungslisten: Erst einmal sei, wie bei ordentlichen Kaufleuten, der Bedarf an Schmiergeld analysiert worden, erfuhren die Fahnder. Alles sei geregelt gewesen. Der kaufmännische Leiter und der Regionschef hätten ein Papier unterschrieben, in dem Land, Projekt, Auftragsvolumen und zu zahlenden Beträge vermerkt gewesen seien: fünf bis 30 Prozent der Projektsumme. Die Vertriebsabteilungen hätten dann Überweisungen ausgestellt. Bargeld: In einem Münchener Panzerschrank habe manchmal bis zu eine Million Euro gelagert. Das Geld sei bei Bedarf an Siemens-Mitarbeiter im Ausland gereicht worden. Auch sei Geld bar von einer Bank zur anderen getragen worden. Mit den Einzahlungsbelegen sei es auf österreichischen Konten gutgeschrieben worden. Von dort erfolgten Überweisungen in alle Welt. Manchmal gelangte nach Aussage eines Boten Bargeld im Koffer nach Österreich. System- und Ortswechsel: Lange Zeit sei das gut gegangen, doch Anfang des Jahrzehnts habe Siemens das System geändert und die schwarzen Kassen verlegt, berichteten Mitarbeiter. Einer der Gründe: Nach den Terroranschlägen in den USA seien die Kontrollen zur Verhinderung von Geldwäsche verschärft worden. Die Konten in Österreich wurden geschlossen, ein neues System mit Tarnfirmen und Scheinverträgen entstand, die Millionen flossen fortan per Überweisung über Liechtenstein, die Schweiz und Dubai. Länder und Empfänger: Die Zahl der Länder, die nach Angaben er beiden Schlüsselfiguren in dem Schmiergeldkrimi eine Rolle spielen, liegt inzwischen bei 25 Staaten - Tendenz steigend. Die Spur führt von Südeuropa über den Balkan, Russland, den Mittleren Osten und Asien bis nach Afrika und Südamerika. Vielerorts seien Behörden und andere staatliche Stellen geschmiert worden, darunter sogar russische Geheimdienste. | Der Schmiergeldskandal bei Siemens ist der größte, den es je in Deutschland gab. Wegen der hohen Summen musste das System der schwarzen Kassen nahezu perfekt organisiert sein. Daher könnte sich die Affäre noch rasch ausweiten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/korruptionsskandal-bei-siemens-wer-ist-der-naechste-1.898062 | Korruptionsskandal bei Siemens - Wer ist der Nächste? | 00/05/2010 |
In dieser Woche hat es Mathias Döpfner erwischt: Nachdem die vollständige Übernahme der Pro Sieben Sat1 Media AG geplatzt ist, hat das Siegerimage des Steil-Aufsteigers gelitten. Jetzt geht es um ein Weitermachen in Würde. Er zupft in seiner Freizeit den Bass zu Jazz-Weisen. Er sang früher gerne einmal im Kreis von Freunden russische Lieder. Er promovierte über "Musikkritik in Deutschland nach 1945", schrieb Bücher zur Neuen Deutschen Welle und zur Erotik in der Musik und betreute die Schallplatten-Seite der Frankfurter Allgemeinen. Und er leitete für zwei Jahre eine Münchner Agentur für Kultursponsoring und Public Relations. Detailansicht öffnen Scheiterte mit seinem Wunsch-Coup: Mathias Döpfner. (Foto: Foto: dpa) Mathias Oliver Christian Döpfner ist ein Bildungsbürger, der etwas ganz Aufregendes entdeckt hat: das Abenteuer Wirtschaft. In der Zone der Zahlen hat der in Frankfurt Aufgewachsene die wohl verblüffendste Karriere der vergangenen Jahrzehnte gemacht: Als Vorstandschef der Axel Springer AG kam er nach ganz oben und kann in dieser Rolle die schönsten Träume für das größte Zeitungshaus Deutschlands verfolgen. Zur Dramaturgie solcher Geschichten aber gehört, dass auf das Glück das Zurück folgt, auf die große Nummer der bloße Kummer, auf den Sieg die Niederlage. Von Anfang an skeptisch In dieser Woche hat es den Steil-Aufsteiger Döpfner erwischt, den kühnen Verlagschef, der mit seinem über Monate ausgelobten Wunsch-Coup scheiterte: der vollen Übernahme der Münchner Pro Sieben Sat1 Media AG, des größten deutschen Privatfernsehunternehmens. Fünf Sender in schöner Harmonie mit der auflagenstarken Bild-Zeitung und den anderen Blättern des Hauses Springer - das erlauben die Medien- und Wettbewerbswächter nicht. Am Dienstag sperrte sich die Medienbehörde KEK ("nicht genehmigungsfähig") gegen den Deal. Auch das Bundeskartellamt hatte eine Untersagung angedroht - da half auch Döpfners wortreicher Charme nicht. | In dieser Woche hat es Mathias Döpfner erwischt: Nachdem die vollständige Übernahme der Pro Sieben Sat1 Media AG geplatzt ist, hat das Siegerimage des Steil-Aufsteigers gelitten. Jetzt geht es um ein Weitermachen in Würde. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/springer-chef-ohne-fortune-bildstoerung-auf-allen-kanaelen-1.903950 | Springer-Chef ohne Fortune - Bildstörung auf allen Kanälen | 00/05/2010 |
Deutschland-Premiere in Fürth: Das Versandhaus bietet elf PkW-Modelle im Internet an. Beim Kauf per Mausklick können sich die Nutzer Preisvorteile von bis zu 22 Prozent zum Listenpreis sichern. Genau das passt den betroffenen Herstellern gar nicht. (SZ vom 11.06.2003) — Die Autobauer Ford, Volkswagen und Smart prüfen, ob der Verkauf von Pkw ihrer Marken durch das Versandhaus Quelle statthaft ist. Das erklärten Sprecher der Unternehmen der Süddeutschen Zeitung. Die Hersteller reagieren damit auf die Entscheidung des Versenders, elf Automodelle bis zu 22 Prozent unter Listenpreis zu verkaufen. Detailansicht öffnen Smart: Nun auch via Internet zu haben. (Foto: AP) Im Angebot: EU-Importe und Tageszulassungen Bei den Fahrzeugen der Marken Ford, Volkswagen, Nissan und Smart, die über die Bayreuther Autohandelsgesellschaft Carplus verkauft werden, handelt es sich um Importautos aus anderen EU-Ländern oder um so genannte Tageszulassungen. Das sind Fahrzeuge, die von Händlern für einen Tag angemeldet werden und deshalb als Gebrauchtwagen billiger verkauft werden dürfen. Die Autos gibt es nur in den Farben silber, schwarz und blau. Die Kunden können die Fahrzeuge telefonisch oder per Internet bestellen und vor die Haustür liefern lassen. Über die geplanten Verkaufszahlen schweigen Quelle wie Carplus. Langfristiges Projekt für Quelle Bei Quelle heißt es, es stünde im Moment "eine vierstellige Stückzahl" zur Verfügung. "Wenn das Geschäft einschlägt, machen wir weiter", erklärt eine Sprecherin von Quelle. Carplus-Geschäftsführer Rainer Saalfrank sagte der SZ: "Das ist ein langfristiges Projekt." Zuvor hatten sich schon Lebensmittelketten wie Edeka oder Plus zeitweilig am Autohandel versucht. | Deutschland-Premiere in Fürth: Das Versandhaus bietet elf PkW-Modelle im Internet an. Beim Kauf per Mausklick können sich die Nutzer Preisvorteile von bis zu 22 Prozent zum Listenpreis sichern. Genau das passt den betroffenen Herstellern gar nicht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/autohandel-im-netz-quelle-aergert-ford-und-vw-1.917793 | Autohandel im Netz - Quelle ärgert Ford und VW | 00/05/2010 |
Dank des milden Winters ist die Zahl der Arbeitslosen im Dezember weniger stark gestiegen als in den Vorjahren. Im Gesamtjahr lag die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt allerdings so hoch wie seit 1997 nicht mehr. Wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Donnerstag in Nürnberg mitteilte, waren 2003 im Schnitt 4.376.000 Menschen ohne Stelle. Dies waren 315.700 mehr als im Jahr 2002. Detailansicht öffnen Im Arbeitsamt Stralsund. (Foto: Foto: dpa) Die Arbeitslosenquote stieg damit von 9,8 auf 10,5 Prozent. Zuletzt stieg die Arbeitslosigkeit allerdings weniger stark als in den Vorjahren, wie BA-Chef Florian Gerster mitteilte. Im Dezember 2003 waren demnach 4.316.535 Menschen ohne Job. Die Arbeitlosenquote erhöhte sich von zehn Prozent im November auf 10,4 Prozent. Trotz der Stagnation der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr sei die Arbeitslosigkeit weniger gestiegen als dies zu erwarten gewesen sei, erklärte Gerster. 'Fördern und Fordern' "Dies ist vor allem auf die Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik zurückzuführen", betonte der BA-Chef. "Die konsequente Umsetzung von 'Fördern und Fordern' hat dazu geführt, dass Arbeitslose aktiviert und Bewerberbestände aktualisiert wurden." Gerster zeigte sich zuversichtlich, dass die zum Jahresende beschlossenen Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt weitere Wirkung zeigen würden. "Erfolge werden sich vor allem dann einstellen, wenn die anspringende Konjunktur der Beschäftigung Impulse gibt." 1997, als in Deutschland der bisherige Jahreshöchststand seit der Wiedervereinigung erreicht wurde, waren 4.384.456 Menschen ohne Stelle gewesen. Die Quote hatte damals bei 11,4 Prozent gelegen. In Westdeutschland waren im Durchschnitt des Jahres 2003 2.752.600 Menschen ohne Job. Dies waren 254.900 oder zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag bei 8,4 Prozent. In Ostdeutschland stieg die Zahl der Erwerbslosen um 60.800 oder vier Prozent auf 1.623.400. Die Quote betrug damit 18,5 Prozent. Winterpause Im Dezember vergangenen Jahres sei die Arbeitslosigkeit bundesweit vor allem wegen der Winterpause gestiegen, erklärte Gerster. Dann geht die Beschäftigung wegen der kalten Jahreszeit vor allem in in Branchen wie dem Bau oder dem Tourismus zurück. In Westdeutschland erhöhte sich die Zahl der Erwerbslosen laut Bundesagentur im letzten Monat des Jahres um 85.900 auf 2.751.700, in Ostdeutschland stieg sie um 46.100 auf 1.564.800. In den alten Ländern lag die Arbeitslosenquote damit bei 8,4 Prozent, in den neuen Ländern bei 17,9 Prozent. Saisonbereinigt, also unter Ausschaltung kalendarischer Einflüsse, nahm die Arbeitslosigkeit im Dezember weiter ab. Sie sank um 21. 000. Damit lag der Rückgang über dem Durchschnitt des Zeitraums von Mai bis November, als rechnerisch die Erwerbslosenzahl um 11.000 pro Monat zurückging. Bundesweit registrierten die Arbeitsämter 2003 einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosenmeldungen um sechs Prozent auf 7,89 Millionen. Gleichzeitig verschwanden 8,05 Millionen Menschen aus der Arbeitslosenstatistik. Dies waren zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Die Bundesagentur machte dafür neben dem neuen Förderkonzept auch verantwortlich, dass bisher in der Statistik aufgeführte Arbeitslose, die nicht aktiv nach Arbeit suchten oder nicht verfügbar sind, nicht mehr erfasst werden. Zahl der Erwerbstätigen stieg Die Zahl der Erwerbstätigen stieg zuletzt wieder. Sie betrug nach letzten verfügbaren Daten des Statistischen Bundesamtes für Oktober 38,66 Millionen. Dies waren 85.000 mehr als im Vormonat. Die Bundesagentur machte dafür jahreszeitliche Gründe verantwortlich. Traditionell stellen Firmen im Oktober nach der Sommerpause verstärkt ein. Für das Gesamtjahr wird nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes aber erneut ein Rückgang der Erwerbstätigkeit zu verzeichnen sein. Demnach dürfte die Zahl der Menschen mit Arbeit um knapp 400.000 auf 38,3 Millionen sinken. Im Jahr 2002 hatte sich die Zahl der Beschäftigten mit 240.000 nur rund halb so stark verringert. | Dank des milden Winters ist die Zahl der Arbeitslosen im Dezember weniger stark gestiegen als in den Vorjahren. Im Gesamtjahr lag die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt allerdings so hoch wie seit 1997 nicht mehr. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/dezemberzahlen-arbeitsmarkt-profitiert-von-mildem-winter-1.900648 | Dezemberzahlen - Arbeitsmarkt profitiert von mildem Winter | 00/05/2010 |
Auch bei Urlaubswünschen in Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft kommt es auf das Entgegenkommen des Vorgesetzten an. Die Fußball-WM 2006 hat nicht nur Probleme wegen einer gerechten Verteilung der Eintrittskarten gebracht. Für Arbeitnehmer ohne Ticket könnte die Frage akut werden: Steht gegebenenfalls das Arbeitsrecht im Weg, wenn spannende Spiele anstehen und die "Schicht" noch nicht beendet ist? Gilt vielleicht während der WM ein Sonderrecht? Detailansicht öffnen Wer bei der Arbeit Fußball sehen will, braucht einen gutmütigen Chef. (Foto: Foto: dpa) Dies vorweg: Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind Vertrags-"partner". Und "Vertrag" kommt von "vertragen". Also lässt sich viel auf dieser Schiene regeln - wenn betriebliche Belange nicht entgegenstehen. Womit das rein Rechtliche schon angesprochen ist: Der Arbeitgeber entscheidet letztlich, welcher seiner Mitarbeiter wann bezahlten oder unbezahlten Urlaub machen kann, wobei er zumindest beim bezahlten Urlaub auf jeden Fall die Wünsche seiner Mitarbeiter zu berücksichtigen hat. Vom Chef gegebenenfalls ins Feld geführte betriebliche Gründe stehen einem Urlaubswunsch der Mitarbeiter dann im Wege, wenn der betriebliche Ablauf durch die Freistellung erheblich beeinträchtigt werden würde. Aber auch bei einer verlangten "Stückelung" von Urlaubsteilen - etwa wenn ein Angestellter jeweils zu bestimmten Spielen ein bis zwei Tage frei haben möchte - kann ein Nein des Arbeitgebers kommen, und zwar aus objektiv arbeitsrechtlicher Sicht. Urlaub ist nämlich grundsätzlich zusammenhängend zu gewähren (Stichwort: Erholung). Das Bundesurlaubsgesetz sieht deshalb vor, dass ein Urlaubsteil pro Jahr wenigstens zwei Wochen umfassen muss. Arbeitsverweigerung Nun könnte es in diesem Zusammenhang zur Arbeitsverweigerung oder zum "Krankmachen" kommen. Generell darf solchem Tun zwar nur dann die Kündigung folgen, wenn das Verhalten des Mitarbeiters schon einmal per "gelber Karte" abgemahnt wurde. Hat der Arbeitnehmer jedoch nach einem ausdrücklichen "Nein" seines Arbeitgebers den Arbeitsplatz mit der Bemerkung verlassen, dass er schon einen Weg finden werde, seinen Willen durchzusetzen, so könnte das mit der "roten Karte" das Ende seiner Karriere in dem Betrieb sein. Dies gilt auch, wenn eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung folgen sollte, er aber (vielleicht) doch beim Spiel gesichtet wurde... Und wie steht es mit dem Radio hören oder gar 90-minütigem Fernsehen während der Arbeitszeit? In beiden Fällen kommt es auf das Entgegenkommen des jeweiligen Chefs oder Vorgesetzten an. Das Radio dürfte im Regelfall die geringeren Probleme bringen. Und dass möglicherweise häufiger als sonst im Betrieb das Internet genutzt wird, um (Zwischen-)Ergebnisse abzurufen, dürfte auf der Hand liegen - aber nur selten zu einem "Platzverweis" führen, wenn es nicht übertrieben wird. Eckig und kantig wie die Fußballtore sind die Spielregeln, die der Fußballverband Fifa dem Gastgeber des Turniers aufzwingt. Für die Unterkünfte der erwarteten - bis zu fünf Millionen - Touristen haben Sepp Blatter & Co. jedoch kein Mitspracherecht. So wird es Zeltlager geben, und die Hotels werden ausgebucht sein. Und auch die Vermietung von Zimmern oder gleich der ganzen eigenen Wohnung durch Mieter steht hoch im Kurs. Das Besuchsrecht lässt sich vertraglich nicht beschränken Vorab ist dabei zu unterscheiden, ob es sich um einen Besuch, der vom Vermieter ohne Murren hinzunehmen ist, oder um eine Untervermietung handelt. Die Abgrenzung ist im Einzelfall schwer zu ziehen und hängt von den Umständen ab. Das eigentliche Besuchsrecht - also die "Beherbergung ohne Entgelt" - jedoch lässt sich bei Mietverhältnissen vertraglich nicht beschränken, es gehört zum Kernbereich des Nutzungsrechts. Wer eines seiner Zimmer vermieten will, der braucht darüber seinen Vermieter nur zu informieren. Die Untervermietung der ganzen Wohnung aber müsste erst vom Vermieter genehmigt werden. Allerdings kann er auch das nur in Ausnahmefällen ablehnen, etwa wenn ihm die ankommenden Besucher zu düster erscheinen. Wird jedoch wiederholt der Hausfrieden gestört, weil sich zum Beispiel laute, wilde Fußballfans eingenistet haben, so kann der Vermieter die Untervermietung fristlos beenden. Der Deutsche Mieterbund empfiehlt, bei Vertragsabschluss nicht nur Namen und Adresse des auswärtigen Fußballfreundes festzuhalten, sondern auch Pass- oder Personalausweisnummer zu notieren beziehungsweise die Dokumente zu fotokopieren. Die Untermieter haben Anspruch auf einen Hauseingangs- und Wohnungsschlüssel. Die Untermietzeit sollte exakt im Vertrag angegeben sein. Eine Kündigung ist nicht nötig - "Mieterschutz" besteht nicht. Was die Miethöhe betrifft: Es gibt keine Vorgaben. Tages- oder Wochenmieten können Pauschalen für Betriebskosten und die Möblierung enthalten. Schließlich ist zu empfehlen, eine Kaution zu verlangen - etwa deshalb, weil Einrichtungsgegenstände zu Bruch gehen können. Ist ein WM-Tourist erst einmal abgereist, so dürfte es nämlich schwer sein, Ansprüche gegen ihn durchzusetzen. | Auch bei Urlaubswünschen in Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft kommt es auf das Entgegenkommen des Vorgesetzten an. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/rechtstipps-zur-fussball-wm-fernsehen-im-betrieb-nur-mit-erlaubnis-des-chefs-1.905348 | Rechtstipps zur Fußball-WM - Fernsehen im Betrieb nur mit Erlaubnis des Chefs | 00/05/2010 |
Das russische Justizministerium hat den Druck auf den vor der Pleite stehenden Ölkonzern weiter erhöht. Gerichtsvollzieher wiesen die wichtigsten Yukos-Förderbetriebe an, den Verkauf von Öl einzustellen. Der Yukos-Konzern habe die Anordnung zum Wochenbeginn erhalten, bestätigte ein Unternehmenssprecher. Damit drohe ein Produktionsstopp in den nächsten Tagen, teilte Yukos mit. Detailansicht öffnen Russlands größter Ölexporteur befördert ein Viertel des produzierten Öls über die Schiene. Foto: AP Justizminister Juri Tschaika bestätigte, dass der bereits beschlagnahmte Förderbetrieb Juganskneftegas in Westsibirien zur Tilgung der Steuerschuld verkauft werden soll. Nach Einschätzung von Beobachtern führt der Verkauf des mit Abstand wichtigsten Förderbetriebs zur Zerschlagung des Konzerns. 2,8 Mrd. Euro allein für 2002 Gerichtsvollzieher teilten am Mittwoch mit, sie hätten bislang 15 Milliarden Rubel (427 Mio Euro) aus dem Yukos-Vermögen eingetrieben. Der Konzern muss allein für das Jahr 2000 Steuerschulden in Höhe von 99 Milliarden Rubel (2,8 Mrd Euro) begleichen. Nach den dramatischen Vortagesverlusten gaben Yukos-Aktien im Tagesverlauf im Moskauer RTS-Interfax-Index um weitere 13 Prozent auf 3,1 Dollar nach. Nach Angaben von Yukos-Vorstandschef Steven Theede gerät das operative Geschäft zusätzlich in Gefahr, da kein Geld mehr für einen Transport mit der Eisenbahn vorhanden sei. Größter Ölexporteur Russlands größter Ölexporteur befördert ein Viertel des produzierten Öls über die Schiene. Angesichts der sich verschärfenden Jukos-Krise ist der Preis für Rohöl auf ein neues Zwei-Monats-Hoch gestiegen. Auf dem größten europäischen Markt in London wurden gegen Dienstagmittag 38,97 Dollar für ein Barrel der Nordseesorte Brent gezahlt, 43 Cent mehr als am Vortag. In New York kletterte der Preis für ein Barrel der Referenzsorte Light Sweet Crude zur Lieferung im September im elektronischen Handel um 46 Cent auf 42,30 Dollar. Anfälliger Ölmarkt Beide Werte lagen damit auf dem höchsten Stand seit dem 1. Juni, als der Ölpreis in London mit 39,12 Dollar ein 14-Jahres-Hoch und in New York den Rekordstand von 42,45 Dollar erreicht hatte. Der Ölmarkt bleibe "anfällig für jegliche Versorgungsunterbrechung", erklärten Analysten der Investmentbank Lehman Brothers. Die OPEC produziere bereits am Limit, und die Nachfrage werde in Zukunft eher steigen. | Das russische Justizministerium hat den Druck auf den vor der Pleite stehenden Ölkonzern weiter erhöht. Gerichtsvollzieher wiesen die wichtigsten Yukos-Förderbetriebe an, den Verkauf von Öl einzustellen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/yukos-soll-oelverkauf-einstellen-oelpreis-auf-neuem-zwei-monats-hoch-1.899036 | Yukos soll Ölverkauf einstellen - Ölpreis auf neuem Zwei-Monats-Hoch | 00/05/2010 |
Über so genannte inflationsindizierte Staatsanleihen oder Rentenfonds, die vorwiegend in diese Papiere investieren, können Anleger sich langfristig gegen Geldentwertung absichern. Nicht nur für Verbraucher, sondern auch für Sparer ist Inflation ein Problem. Vor allem Zinsinvestments sollen langfristig mit ihren Erträgen den Kaufkraftverlust ausgleichen. Die passende Anlage sind so genannte inflationsgeschützte Anleihen. Noch einfacher ist es, in spezielle Rentenfonds zu investieren. Detailansicht öffnen Inflationsängste: Händler für Zins-Futures an der Chicagoer Terminbörse CME. (Foto: Foto: dpa) Wer als Sparer in festverzinsliche Wertpapiere, zum Beispiel in Staatsanleihen, investiert, will in der Regel zweierlei erreichen: "Erstens soll die Kaufkraft des Kapitals über die Jahre nicht geschmälert werden, zweitens soll das Vermögens wachsen", erklärt Hans-Peter Rathjens, Leiter Rentenfondsmanagement bei Cominvest in Frankfurt. Dass die Menschen zwischen Flensburg und Füssen, zwischen Frankfurt am Main und Frankfurt an der Oder mit ihrem Geld jedes Jahr weniger kaufen können, liegt an der Inflation. Zum Glück gibt es sie, denn ohne Preiserhöhungen würde keine Volkswirtschaft funktionieren. Schädliche Deflation Wohin das Gegenteil - die Deflation - führt, haben die Menschen in Japan schmerzlich erfahren. "Der stetige Preisrückgang dämpfte mehr als zehn Jahre die Konjunktur erheblich", erklärt Jens Franck vom privaten Vermögensverwalter Aquila Capital Concepts in Hamburg. Für langfristig orientierte Zinssparer und Anleihen-Investoren sind steigende Preise allerdings ein Problem. Denn je höher auf Dauer die Inflationsrate, desto weniger sind die Nominalverzinsung einer Anleihe und der spätere Tilgungsbetrag tatsächlich wert. Begründung: "Herkömmliche Schuldpapiere haben während ihrer Laufzeit einen festen Zinskupon und eine fixe Tilgung in Höhe ihres Nominalwerts von in der Regel 100 Prozent. Steigt die Inflationsrate über einen längeren Zeitraum um angenommen vier oder fünf Prozent im Jahr, werden sowohl die Nominalverzinsung als auch der spätere Tilgungsbetrag real entwertet", erläutert der Zins- und Anleihenstratege Rathjens. Auf Kaufkraftverlust achten Jeder Privatanleger sollte also den künftigen Kaufkraftverlust bei seinen Investments berücksichtigen, besonders wenn die private Altersvorsorge das wichtigste Ziel der Vermögensbildung ist. Derzeit machen sich weder Volkswirte noch Anleger größere Sorgen um eine stark steigende Geldentwertung in Deutschland. Die Inflationsrate liegt bei unter zwei Prozent. Doch niemand kann vorhersagen, ob dies auch in den nächsten Jahren so bleibt. "Preistreiber könnte etwa das Öl sein, dessen Barrell-Notierung sich im vergangenen Jahr vorübergehend mehr als verdoppelt hatte", gibt Vermögensverwalter Jens Franck zu bedenken. Noch können die Unternehmen die gestiegenen Rohstoffkosten weltweit aufgrund des enormen Wettbewerbsdrucks kaum oder überhaupt nicht an die Verbraucher weitergeben. Nur was geschieht, wenn die Inflationsrate in Deutschland - wie zu Beginn der 80er Jahre - auf sechs Prozent springt? | Über so genannte inflationsindizierte Staatsanleihen oder Rentenfonds, die vorwiegend in diese Papiere investieren, können Anleger sich langfristig gegen Geldentwertung absichern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/investments-mit-inflationsschutz-damit-die-kaufkraft-erhalten-bleibt-1.917985 | Investments mit Inflationsschutz - Damit die Kaufkraft erhalten bleibt | 00/05/2010 |
2010 wird Deutsche-Bank-Boss Ackermann abtreten. Der Nachfolger steht noch nicht feststeht, doch der Banker hat schon feste Pläne. Der Zeitpunkt könnte besser nicht sein: Den Mannesmann-Prozess erledigt und neue Rekordzahlen im Blick, bekräftigt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, dass spätestens 2010 für ihn Schluss ist. Detailansicht öffnen Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann will sich 2010 aus dem Geschäft zurückziehen. (Foto: Foto: dpa) Auch wenn Ackermann keinen Zweifel daran lässt, dass er bis zu seinem Ausscheiden die Zügel fest in der Hand hält, dürften Nachfolgespekulationen damit neue Nahrung bekommen. Die Ankündigung Ackermanns, der die Bank seit 2002 führt, sei zumindest ein "Zeichen für mögliche Kandidaten, dass sie sich warm laufen können", meint Dieter Hein vom unabhängigen Analysehaus fairesearch. Wird Nachfolge kurzfristig geregelt? Die meisten Beobachter gehen allerdings davon aus, dass die Nachfolge an der Spitze der größten deutschen Bank erst sehr kurzfristig vor Ackermanns Ausscheiden geregelt werden wird. Ackermann selbst nährt diese Erwartung im Spiegel-Interview: "Wir sind eine Bank mit vielen Talenten. Da wird sich zur rechten Zeit schon die richtige Lösung finden." Als einer der aussichtsreichsten Kandidaten gilt bislang der Inder Anshu Jain, einer der beiden Chefs des Investmentbankings, des Ertragsmotors der Bank. Presseberichten zufolge lernt Jain inzwischen Deutsch - und macht sich damit als möglicher Vorstandsvorsitzender des DAX-Schwergewichts noch interessanter. "Sicher hilft es, wenn man Deutsch spricht, um in Deutschland als Sprecher der Bank aufzutreten", sagt Ackermann. Kein Wechsel in den Aufsichtsrat Sich selbst verschafft der zwischenzeitlich viel gescholtene Manager zusätzliche Pluspunkte mit der Versicherung, nach seinem Abtritt nicht in den Aufsichtsrat seines Konzerns zu wechseln. "Ich hoffe, dass das Signalwirkung hat", sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Laut DSW leitet in 14 von 30 DAX-Unternehmen der ehemalige Vorstandschef den Aufsichtsrat. Die Aktionärsschützer halten das für problematisch. Ackermann, der am 7. Februar 59 Jahre alt wird, will seine Erfahrungen nach eigenem Bekunden lieber "an der Uni oder vielleicht auch im gesellschaftlichen Bereich" weitergeben. | 2010 wird Deutsche-Bank-Boss Ackermann abtreten. Der Nachfolger steht noch nicht feststeht, doch der Banker hat schon feste Pläne. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bank-ackermann-will-an-die-uni-1.906286 | Deutsche Bank - Ackermann will an die Uni | 00/05/2010 |
Der gebürtige Berliner identifiziert sich voll mit seinem Job und zeigt einen Zug ins Eigensinnige - nun haben wieder einmal andere die Notbremse gezogen. Mit manchem kann er sich nun wirklich nicht abfinden. Der 63-jährige Chef der Deutschen Bahn mag zum Beispiel nicht einsehen, dass ein Güterzug für die Strecke von Berlin nach Moskau zehn Tage braucht. So was muss doch schneller zu machen sein, hat er sich gedacht und einen Plan gefasst: Er will per Güterzug nach Moskau fahren, durch Polen und Weißrussland - und das ganz vorne: "Ich will auf die Lok." Besorgte Mitarbeiter haben ihren Chef gerade noch von dieser Bubenidee abbringen können: Im Führerstand sei es zu eng. Aber Hartmut Mehdorn fährt. Detailansicht öffnen Der Chef und sein Star: Mehdorn tätschelt die "Nase" einer ICE-Lokomotive (Foto: Foto: dpa) Nachts um 2.54 Uhr geht es los vom Güterbahnhof des Städtchens Seddin bei Berlin. Im Schlafwagen, der an 18 Güterwaggons angehängt wird, und in Begleitung seiner Bahn-Chef-Kollegen aus Polen, Weißrussland und Russland. Nach drei Tagen und drei Nächten mit öden Grenzabfertigungen, ein paar nächtlichen Skatrunden, sinnlosen Stehzeiten auf freier Strecke und angeblich nur wenigen Gläsern Wodka fährt die seltsame Delegation auf dem Moskauer Güterbahnhof Kunezewo ein. 1,70 Meter großes Energiebündel Kaum angekommen, unterschreiben die Herren am Sonntagmorgen einen Vertrag, der den deutsch-russischen Bahn-Verkehr beschleunigen soll. "Das Zusammensein auf so engem Raum fördert den Verhandlungserfolg", freut sich Mehdorn über seine neuen Freunde aus dem Osten: "Wir verstehen uns jetzt besser." Aber die Freude über den Expeditionserfolg hält nicht lange an. Kaum ist Mehdorn zurück in seinem Berliner Büro im 25. Stock des gläsernen Bahntowers am Potsdamer Platz, muss der Vorstandsvorsitzende der Bahn eine Niederlage einstecken: Sein Plan, die Verwaltung der staatseigenen Bahn von Berlin nach Hamburg zu verlegen, ist auf Empörung gestoßen. Sogar die Bundesregierung schaltet sich ein. Eine Verlegung nach Hamburg sei aus Sicht des Bundeskabinetts "nicht akzeptabel", teilt der neue Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee dem verdutzten Mehdorn mit. Der Bahnchef, der schon manchen öffentlichen Streit vom Zaun gebrochen hat, steht mal wieder im Regen. Sogleich gedeihen die Spekulationen, ob Mehdorn nach dieser Niederlage wohl seinen Posten räumen müsse. Und Mehdorn wundert sich über die Kritik. "Das hat er anders eingeschätzt", heißt es im Bahntower über den Chef. Aber so ist das oft mit diesem gelernten Schmied und studierten Ingenieur, der seit Ende 1999 die Bahn führt. Immer will er mit dem Kopf durch die Wand, wenn sein Ziel auf der anderen Seite liegt. Einen Umweg macht er ungern. Und schon gar nicht, wenn er seinen Kurs für richtig hält. Was hat dieses 1,70 Meter große Energiebündel schon alles in Bewegung gesetzt. Seine immer etwas gequetscht klingende Stimme vermittelt den Eindruck von ständig zurückgehaltenem Dampf. Leidenschaft fürs Fliegen Angefangen hat alles vor fast vier Jahrzehnten: Mit 24 Jahren kommt Mehdorn als junger Ingenieur zu dem Bremer Flugzeugbauer Focke-Wulff. Es ist der Beginn einer großen Leidenschaft. Die Firma, die nach einer Reihe von Fusionen bei der DaimlerChrysler-Aerospace landet, baut Teile für das europäische Gemeinschaftsflugzeug. Der fanatische Airbus-Fan Mehdorn steigt auf, wird zum Chef der Deutschen Airbus, dem es besonders gefällt, seinen französischen Airbus-Partnern regelmäßig ein Schnippchen zu schlagen. Dem Führungsanspruch der Franzosen hält Mehdorn seine Sturheit entgegen. Gegen die protestierenden Partner setzt er durch, dass der kleine Airbus 320 in Hamburg gebaut wird - nicht wie alle anderen Modelle in Toulouse. Der wirtschaftliche Sinn der Entscheidung ist umstritten. Doch Mehdorn will zeigen, was Deutschland kann. | Der gebürtige Berliner identifiziert sich voll mit seinem Job und zeigt einen Zug ins Eigensinnige - nun haben wieder einmal andere die Notbremse gezogen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hartmut-mehdorn-der-mann-namens-bahnchef-1.899159 | Hartmut Mehdorn - Der Mann namens Bahnchef | 00/05/2010 |
Weil Eier wild lebender Störe knapp geworden sind, gehört die Zukunft dem Zuchtkaviar - und dem Etikettenschwindel. Frank Brömmelhaus steckt den Perlmuttlöffel in den Mund, kaut und verzieht das Gesicht. Er probiert Zuchtkaviar, natürlich nicht den, den er selbst verkauft. Brömmelhaus, Chef des Handelsunternehmens Caviar House & Prunier in St. Augustin bei Bonn, führt nicht nur feinen und handverlesenen Störkaviar vom Kaspischen Meer ein, sondern bietet inzwischen auch den Rogen gezüchteter Fische an. Detailansicht öffnen Zuchtkaviar aus Demmin in Mecklenburg-Vorpommern (Foto: Foto: dpa) Diesem Zuchtkaviar gehört die Zukunft, denn Eier wild lebender Störe sind knapp geworden. Allerdings gibt es auch Züchter, die schlecht schmeckende Ware verkaufen - und diese irreführend als wilden Kaviar anpreisen. Jahrelange Überfischung Schuld am Mangel sind neben der Wilderei jahrelange Überfischung und die Verschmutzung der Gewässer. Seltene Dinge haben ihren Preis: Schon die legalen Fänge bringen daher mehr als 200 Millionen Euro ein - der gewilderte Kaviar Milliarden Euro. 90 Prozent der 800 bis 1000 Tonnen Störeier, die jedes Jahr weltweit gegessen werden, dürften aus illegalen Fischzügen stammen. Naturschützer fürchten, dass die für die Kaviargewinnung besonders begehrten Störarten Sevruga, Beluga und Osietra die nächsten 20 Jahre nicht überleben. Immer mehr Aquafarmer Oder nur in Gefangenschaft: Immer mehr Aquafarmer in den USA, Frankreich, Italien und Spanien züchten und mästen Störe. Mehr als 250 Tonnen Zuchtkaviar kamen 2006 auf den Markt, und angesichts der rasant steigenden Nachfrage wird sich die Menge bald verdoppeln. Doch Experte Brömmelhaus hält 80 Prozent des weltweit gehandelten Zuchtrogens für ,,reinen Schrott. Der ist modrig, fischig und klumpig.'' Inzwischen aber gebe es Zuchtware, die bei Blindverkostungen echten Kaviar übertrumpfte, sagt er. Die fünf Zucht-Sorten, die sein Handelshaus ein Drittel billiger als wilden Kaviar anbietet, schmecken jedenfalls dem Baiersbronner Drei-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt. Zwar sei wilder Rogen noch immer besser, sagt er, doch irgendwann werde die Erinnerung an ihn verblassen, und wenn es den nicht mehr gebe, sei Zuchtkaviar ein wirklich guter Ersatz. Pflegeleichter Sibirischer Stör Ein Problem sind allerdings Aquafarmer, die es mit der Deklaration ihrer Ware nicht so genau nehmen: Das Unternehmen Caviar Creator etwa verkauft Störeier mit dem Aufdruck ,,Kaviar Malossol Osietra. Echter Stör-Caviar aus ökologischer Produktion'' - die 50-Gramm-Dose zu 98 Euro. Der vermeintliche Osietra-Kaviar stammt aber nicht von wild lebenden Stören, sondern größtenteils aus Aquafarmen, wo meist der pflegeleichte Sibirische Stör gezüchtet wird und nicht der Osietra-Stör. Dabei ist nach dem Lebensmittelgesetz ,,irreführende Kenntlichmachung'' verboten. Ein Sprecher von Caviar Creator sagt dazu, das Etikett weise doch darauf hin, dass die Ware aus einer deutschen Aquakultur stamme. Beim Geschmack indes gibt es keine Unklarheiten. Fachleute, die das Manager Magazin Ende 2005 zur Blindverkostung bat, fällten ein vernichtendes Urteil. Der von Caviar Creator angebotene Osietra sei mit seinem ,,muffigen Geschmack kaum genießbar''. Es muss nicht immer Kaviar sein, vor allem nicht dieser. | Weil Eier wild lebender Störe knapp geworden sind, gehört die Zukunft dem Zuchtkaviar - und dem Etikettenschwindel. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kaviar-aus-aquafarmen-modrig-fischig-klumpig-1.903464 | Kaviar aus Aquafarmen - Modrig, fischig, klumpig | 00/05/2010 |
Der Billiganbieter Penny will an die Marktführer aufschließen, doch bei der Zusammenstellung seines Sortiments hat der Discounter derzeit keine glückliche Hand. Für Funkschalter, die das Unternehmen im Frühjahr in seinen etwa 2000 Filialen angeboten hatte, gibt es in diesen Tagen einen Rückruf - wegen "möglicher Brandgefahr", wie Penny mitteilt. Detailansicht öffnen Aldi und Lidl führen führen die Liste der erfolgreichsten Discounter an, der Mitbewerber Penny möchte Plus kaufen, um aufzuholen. (Foto: Foto: dpa) Und gegen den Verkauf der Kinder-Unfallversicherungen, die die Rewe-Tochter in der nächsten Woche starten will, läuft der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) Sturm. Die Offerte verstoße gegen das Versicherungsvermittlerrecht, wettert der BVK. Solchen Ärger im Tagesgeschäft kann das Management von Penny verschmerzen. Denn das Thema, das derzeit obenan auf der Tagesordnung steht, ist von einem ganz anderen Kaliber. Es geht um den Erwerb des Konkurrenten Plus, mit dem sich die Rewe-Tochter seit langem darüber streitet, wer von beiden die wahre Nummer drei unter den Billiganbietern hinter Aldi und Lidl ist. Die Discount-Tochter der Tengelmann-Gruppe steht seit einigen Wochen zum Verkauf und das Interesse ist groß. Nach Informationen der Lebensmittel-Zeitung liefern sich vor allem Rewe (Penny) und Edeka (Netto) einen Bieterwettstreit um das Deutschland-Geschäft von Plus. Kartellamt prüft Es geht um viel. Plus erwirtschaftete zuletzt einen Umsatz von 9,3 Milliarden Euro. Allein in den 2800 deutschen Filialen summierten sich die Erlöse auf 6,7 Milliarden Euro. Ein solches Volumen stand im Lebensmittelhandel lange nicht zum Verkauf. Dass sich Rewe und Edeka brennend dafür interessieren, ist verständlich, denn mit einem Kauf böte sich beiden die Chance, dem Branchenzweiten Lidl näher zu rücken. Sollte einer von beiden den Zuschlag erhalten, so rechnen Marktbeobachter allerdings mit erheblichen kartellrechtlichen Problemen. "Gut möglich, dass die Kaufverträge schon im Oktober unterschrieben sind. Aber die Wettbewerbsbehörde wird den Vorgang sicherlich mehrere Monate prüfen und Auflagen formulieren", heißt es in der Branche. Es sei nicht auszuschließen, dass sich der Erwerber dann von einem Großteil der Standorte trennen müsse, weil in einzelnen Regionen eine marktbeherrschende Position erreicht werde. Wettbewerbsrechtliche Überlegungen sind offensichtlich auch der Grund dafür, dass Tengelmann zunächst mit einer qualifizierten Minderheit an der Discountkette beteiligt bleiben will. Beobachter sind jedoch überzeugt, dass sich das Mülheimer Familienunternehmen auf Sicht komplett bei Plus zurückzieht. Dieser Schritt kommt überraschend. Denn es ist gerade elf Monate her, dass Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub von einem "Superjahr" für Plus sprach und ehrgeizige Expansionspläne formulierte. Doch schon bald darauf verkaufte der Discounter sein Spanien-Geschäft. Und Ende Mai verließ der langjährige Chef Michael Hürter das Unternehmen. Er wollte die in vielen Fällen umsatz- und margenschwachen Filialen im großen Stil umbauen lassen und auch im Sortiment neue Schwerpunkte setzen. Die Märkte sollten nicht mehr vornehmlich als Billig-Anbieter wahrgenommen werden, sondern in einer Liga mit Supermärkten spielen. Discounter mit Wachstumschancen Ein solches Wagnis wollten die Tengelmann-Eigentümer jedoch nicht eingehen. Seit kurzem wirbt Plus wieder vornehmlich mit "Wahnsinnspreisen". Dennoch zeichnet sich ab, dass Plus, Penny und andere Billiganbieter mit dem Wachstum der Branchenführer Aldi und Lidl in diesem Jahr erneut nicht Schritt halten können. Nach Angaben von Marktforschern haben zuletzt vor allem die Discount-Töchter von Tengelmann und Rewe weiter an Boden verloren. Der Discountbereich insgesamt bietet nach Einschätzung des Marktforschungsunternehmens GfK weitere Wachstumschancen. Allerdings wird die Luft für Aldi, Lidl &Co angesichts eines schon erreichten Marktanteils von 42 Prozent dünner. Deshalb versuchen sie mit einer immer größeren Auswahl von Frischeprodukten und wechselnden Nonfood-Angeboten Kunden in die Läden zu locken. Aber vor allem das Geschäft mit nicht Essbarem birgt hohe Risiken. Die Produkte müssen sich rasch verkaufen, weil im Wochentakt neue Ware in die Regale drängt. Nicht jeder Aktionsartikel findet jedoch reißenden Absatz. Und es wird immer schwieriger, Neuheiten zu präsentieren. So flüchten sich die Anbieter in immer schmalere Nischen - etwa, in dem sie Angler- und Reiterbedarf anbieten. Oder wie Plus in dieser Woche einen Rollator sowie klappbare Gehstöcke im Sortiment führen. Weil auch diese Waren nicht immer stark begehrt sind, füllen sich die Läger der Billiganbieter mit unverkaufter Ware. Das geringere Lagerrisiko ist auch einer der Gründe, weshalb die Discounter verstärkt Dienstleistungen favorisieren - etwa indem sie Mobilfunk-Tarife verkaufen und Reisen anbieten. Oder - wie Penny auch Versicherungen. | Der Billiganbieter Penny will an die Marktführer aufschließen, doch bei der Zusammenstellung seines Sortiments hat der Discounter derzeit keine glückliche Hand. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/discounter-wettlauf-um-den-platz-hinter-aldi-und-lidl-1.877806 | Discounter - Wettlauf um den Platz hinter Aldi und Lidl | 00/05/2010 |
Das baltische Land scheitert an einer zu hohen Inflationsrate und muss sich nun gedulden. Slowenien darf hingegen Anfang 2007 den Euro einführen. Die EU-Kommission bescheinigte Slowenien, "alle Kriterien" für die Einführung des Euro zu erfüllen. Einem Beitritt steht damit nichts mehr im Wege, er muss allerdings noch von den EU-Finanzministern abgesegnet werden. Das wird voraussichtlich im Juli geschehen. "Slowenien muss nun auch die entscheidenden praktischen Vorbereitungen beschleunigen und abschließen, um eine reibungslose Umstellung auf den Euro zu gewährleisten", sagte EU-Währungskommissar Joaquin Almunia. Litauen hingegen darf den Euro im nächsten Jahr noch nicht einführen. "Litauen erfüllt alle Kriterien - außer das der Inflation", sagte Almunia. Diese lag in dem baltischen Land in den vergangenen zwölf Monaten bei 2,7 Prozent und damit knapp über dem EU-Referenzwert von 2,6 Prozent. Die Kommission geht davon aus, dass der Wert auch bis zum Ende des Jahres nicht erreicht wird. "Alles gemacht, was nötig war" Litauens Ministerpräsident Algirdas Brazauskas hatte bereits vor dem Votum der Kommission angekündigt, die sich abzeichnende Ablehnung nicht hinzunehmen. Er will das Thema beim EU-Gipfel im Juni auf die Tagesordnung bringen. Der litauische Zentralbankchef Reinoldijus Sarkinas sagte, sein Land habe "alles gemacht, was nötig war, damit im nächsten Jahr der Euro eingeführt werden kann". Er wollte keine Prognose über einen späteren Beitrittstermin abgeben. Ein litauischer Diplomat sagte der Süddeutschen Zeitung, zwar sei das Inflations-Kriterium noch nicht ganz erfüllt, die europäischen Verträge ermöglichten aber eine "ziemlich breite Auslegung". Litauen respektiere die Entscheidung der Kommission, nachvollziehen könne man sie aber nicht. Das erste Land der zehn neuen Slowenien ist nach dem Ja der Kommission das erste Land der zehn im Mai 2004 beigetretenen neuen Mitgliedstaaten, das die Einheitswährung zum 1. Januar 2007 einführen kann. Um die Einheitswährung nutzen zu können, muss ein Land die im Maastricht-Vertrag definierten Kriterien erfüllen. Demnach darf das Haushaltsdefizit nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen. Litauen hat keine Probleme, diese Anforderung einzuhalten. Das gesamtstaatliche Defizit ging von 1,5 Prozent im Jahr 2004 auf 0,5 Prozent im vergangenen Jahr zurück, wie die Kommission schreibt. Die Schuldenquote sank nach Darstellung der Kommission seit geraumer Zeit und bleibt mit zwanzig Prozent des BIP deutlich unter der im EG-Vertrag festgesetzten Schwelle von 60 Prozent. Die Inflationsrate darf nicht mehr als 1,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei besten EU-Länder liegen. Estland verschiebt Euro-Einführung Die Währungsunion war 1999 zunächst mit elf Mitgliedern gestartet. Sie umfasst derzeit zwölf Länder mit knapp 310 Millionen Menschen. Die zehn neuen EU-Länder in Mittel- und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum sind vertraglich zur Euro-Einführung verpflichtet, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen. Neben Slowenien und Litauen hatte sich zunächst auch Estland um einen Euro-Beitritt für Anfang 2007 bemüht, sein Anliegen wegen der zu hohen Inflationsrate jedoch zurückgezogen und auf 2008 verschoben. | Das baltische Land scheitert an einer zu hohen Inflationsrate und muss sich nun gedulden. Slowenien darf hingegen Anfang 2007 den Euro einführen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/entscheidung-der-eu-kommission-litauen-darf-euro-erst-spaeter-einfuehren-1.898802 | Entscheidung der EU-Kommission - Litauen darf Euro erst später einführen | 00/05/2010 |
Die Tokioter Finanzwelt ist in Aufruhr: Die Aktien verlieren drastisch, die Börse muss den Handel einstellen und das Enfant terrible der Unternehmer soll betrogen haben. Die Aktienbörse in Tokio hat am Mittwoch einen ihrer schwärzesten Tage erlebt: Im Zuge des Skandals um die junge Internet-Firma Livedoor kam es zu massiven Kursstürzen. Detailansicht öffnen Passanten reißen sich um eine Extra-Ausgabe der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei Shimbun. Die Überschrift lautet sinngemäß: "Der Handel an der Tokioter Börse wurde eingestellt" (Foto: Foto: AP) Überdies hielt das Computersystem der Börse dem Ansturm der Aufträge der Investoren nicht mehr stand. Analysten sprechen von einem Desaster und einer Schande für Japan. "Ich bin sprachlos", sagte ein Experte. In Marktkreisen wird derweil befürchtet, dass der "Livedoor-Schock" die Internetbranche in Verruf bringen und sich ausländische Börseninvestoren wieder abwenden könnten. Unternehmenskäufer Im Zentrum des Spektakels steht die Firma Livedoor mit ihrem erst 33 Jahre alten Gründer und Präsidenten Takafumi Horie. Das Enfant terrible der japanischen Unternehmerschaft, das sich in der Öffentlichkeit lieber in T-Shirts als in Anzügen zeigt, hat mit seinem provokanten Auftreten schon mehrfach für Aufsehen gesorgt. So mit seinen letztlich erfolglosen Versuchen, einen Baseballclub sowie den größten privaten Fernsehsender des Landes, Fuji TV, zu übernehmen oder - mit Unterstützung der Regierungspartei LDP - als Unabhängiger ins Parlament einzuziehen. Seit 2000 hat der Abbrecher der Elite-Universität Tokio nicht weniger als 20 Unternehmen gekauft. Für Ältere ist Horie der Inbegriff eines Casino-Kapitalismus, andere sehen ihn als Rebell gegen die überkommenen Konventionen der alten Japan AG. Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen seine rasant gewachsene Internet-Gesellschaft brauche Japan von Leuten wie Horie mehr statt weniger, wurde die angesehene britische Wirtschaftszeitung Financial Times in Japan zitiert. Die Ermittler gehen unter anderem dem Verdacht der Kursmanipulation bei einem Tochterunternehmen nach. Zudem berichteten japanische Medien am Mittwoch von angeblichen Bilanzfälschungen, um rote Zahlen bei Livedoor zu vertuschen. "Das Establishment schlägt nun zurück", meinte ein westlicher Diplomat in Tokio nach den nächtlichen Hausdurchsuchungen bei Livedoor und Horie. Für ausländische Investoren, die maßgeblich hinter den starken Zugewinnen an Tokios Börse im vergangenen Jahr gestanden hatten, ist ein Skandal unter Japans aufstrebenden, jungen und expandierenden Unternehmen ein Warnsignal. Schließlich wurden die im vorigen Jahr in Japan erzielten Gewinne neben Umstrukturierungen häufig durch Firmenübernahmen erwirtschaftet, wie auch Livedoor sie betrieb. Irgendwie bekannt Sollte Japan nun - so fürchtet man zumindest in Marktkreisen - auf Grund von Skandalen wie bei Livedoor die Türen für Reformen und ausländische Investoren verschließen oder sich der Reformprozess verlangsamen, könnte der japanische Markt für ausländische Investoren wieder unattraktiver werden und die jüngste Aufbruchstimmung womöglich gar wieder in den jahrelangen Japan-Pessimismus umschlagen. Ökonomen wie Martin Schulz vom Fujitsu Research Institute in Tokio erwarten jedoch, dass sich die heftigen Reaktionen an der Börse ebenso schnell wieder legen werden wie sie auftraten. Schließlich kenne man solche Skandale aus der Zeit der New Economy. "Der grundlegende wirtschaftliche Trend in Japan bleibt positiv und die Nachfrage des gesamten asiatischen Marktes wird auch in diesem Jahr hindurch weiter steigen", sagte Schulz. Dies gelte insbesondere für die IT-Branche. "Denn die Unternehmen in Asien investieren wieder". Im übrigen sei der Livedoor-Skandal nicht der einzige Faktor, der die Börse beeinflusst habe. Hinzu komme die starke Aufwertung des Yen sowie die negativen Bilanzergebnisse bei amerikanischen IT-Konzernen. Was jedoch Experten geradezu als Desaster empfinden, ist, dass die Börse wegen des Computersystems erneut den Handel komplett aussetzen musste. Erst kürzlich hatte es schwere Pannen mit dem System gegeben. Im November wurde erstmals der Handel wegen eines Fehlers aufgehoben. Der Börsenpräsident musste darauf im vergangenen Monat zurücktreten. "Was soll man sagen, wenn man Erklärungen eines Unternehmens oder dem Handelssystem einer Börse nicht trauen kann", sagte Yuuki Sakurai von Fukuoka Mutual Life der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg. An diesem Donnerstag wird der Handel in Tokio um 30 Minuten verkürzt. | Die Tokioter Finanzwelt ist in Aufruhr: Die Aktien verlieren drastisch, die Börse muss den Handel einstellen und das Enfant terrible der Unternehmer soll betrogen haben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/japan-zwei-skandale-und-ein-kurszerfall-1.900775 | Japan - Zwei Skandale und ein Kurszerfall | 00/05/2010 |
Eu-Kommissar Mario Monti steht bei Mircrosoft vor einer herkulischen Aufgabe, an der schon die Vereinigten Staaten gescheitert sind. Seine Bemühungen haben Respekt verdient - Erfolg garantiert ihm diese aber noch lange nicht. Es ist die alte Geschichte vom Unternehmer, der durch neuartige Produkte oder brillantes Marketing die Märkte aufrollt. Microsoft-Chef Bill Gates ist vom Garagentüftler zum mutmaßlich reichsten Mann der Erde geworden. Er hat mit anderen einen Wirtschaftszweig geschaffen, dessen heutige Bedeutung sich vor 25 Jahren kaum einer vorstellen konnte. Die Softwarebranche sichert heute viele zehntausend gut bezahlte Jobs - und widerlegt die Befürchtung, dem Kapitalismus gehe irgendwann die Arbeit aus. Darf man so einem Mann ins Handwerk pfuschen? Ja, sagt EU-Wettbewerbshüter Mario Monti, man muss sogar. Microsoft wird seit Jahren vorgeworfen, Konkurrenten unfair aus dem Geschäft zu drängen. Die Vereinigten Staaten drohten dem Multi einst sogar mit der Zerschlagung, heraus kam nur eine milde Sanktion. Monti will die Entkoppelung Monti ist nun konsequenter. Er will verhindern, dass Microsoft sein Starprodukt Windows immer wieder mit anderen Programmen koppelt - und so den Anbietern von Konkurrenz-Anwendungen jede Chance nimmt, weil Kunden automatisch zu Windows greifen. So könnte Microsoft auf einem Softwaremarkt nach dem anderen zum Monopolisten werden, was die Innovationen anderer verhindert und die Preise für die Kunden hochtreibt. Monti verlangt deshalb eine stärkere Trennung von Windows und anderen Programmen. Dies wird Gates´ Unternehmen stärker treffen als eine Geldstrafe von einigen hundert Millionen Euro, die sich bei einem Gewinn von zuletzt zehn Milliarden Dollar verschmerzen lässt. Doch reicht Montis Strategie wirklich aus, um Wettbewerb in der Softwarebranche zu gewährleisten? Kampf um komplexe Produkte Staatliche Konkurrenzwächter haben im Technologiesektor stets zwei Probleme. Zum einen wandeln sich Produkte und Bedingungen so schnell, dass ein Urteil nach Jahren der Untersuchung oft wie eine Fußnote zu längst geschlagenen Schlachten wirkt. Zum anderen fällt es den Wettbewerbsjuristen schwer, die technologischen Feinheiten zu beurteilen, die über Sieg oder Niederlage am Markt entscheiden können. Monti hat in jedem Fall Respekt verdient. Wie im Fall General Electric hat er einem Weltkonzern getrotzt, ohne politische Pressionen zu fürchten. Montis wahre Herausforderung aber kommt noch. Microsoft dürfte ihn vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen, der dem Italiener in der Vergangenheit bittere Niederlagen zugefügt hat. Schlamperei bei den Untersuchungen wäre unverzeihlich - Montis Leute haben sich ja fünf Jahre Zeit genommen. | Eu-Kommissar Mario Monti steht bei Mircrosoft vor einer herkulischen Aufgabe, an der schon die Vereinigten Staaten gescheitert sind. Seine Bemühungen haben Respekt verdient - Erfolg garantiert ihm diese aber noch lange nicht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-der-strenge-kommissar-1.906391 | Kommentar - Der strenge Kommissar | 00/05/2010 |
Deutscher Rotwein war bei Kennern lange als süßes Gesöff verpönt, bis einige Winzer auf Klasse statt Masse setzten - jetzt sind sie zeitweise sogar ausverkauft. Werner Näkel blickt auf seine in mehreren Reihen übereinander gestapelten Eichenholzfässer. In seinem Glas schwappt tiefdunkelroter, fast violetter Wein. Er ist Näkels ganzer Stolz, sein Spätburgunder. ,,Vor 20 Jahren wollte kein ernsthafter Weinkenner mehr deutsche Rotweine trinken'', sagt Näkel. Detailansicht öffnen Klasse statt Masse: So lautet das Erfolgsrezept des deutschen Rotweins. (Foto: Foto: dpa) Der 54-jährige ehemalige Gymnasiallehrer gilt als einer der besten deutschen Burgunderwinzer. Seine Weinberge liegen oberhalb des rheinischen Dernau an der Ahr, heute Deutschlands Rotwein-Vorzeige-Anbaugebiet. Früher seien die Rebstöcke ausgezehrt gewesen, die Weine wurden immer süßer. ,,Die Rebstöcke waren genetisch verkümmert, so wie in manchen Dörfern hier jeder sein eigener Cousin ist'', sagt Näkel und lacht breit. Gefragt wie nie Heute ist das anders, zumindest beim Wein. Deutscher Rotwein ist gefragt wie nie, vor allem der rote Burgunder, der rau und wuchtig, zugleich aber verspielt mit süßer Frucht schmeckt. Für viele Weinkenner ist Pinot Noir, die rote Burgundertraube, schlicht die Königin des Weins. Und die kommt immer häufiger aus Deutschland. Über 27 Prozent des hier verkauften Rotweins stammen aus Deutschland, das ist Spitze, noch vor den großen Weinbauländern Frankreich, Italien, Spanien. Vor fünf Jahren waren es nur 17 Prozent. Rotwein steht in der Gunst der Verbraucher insgesamt viel höher als Weißwein, 54 Prozent des bei uns getrunkenen Weins ist rot, Tendenz steigend. Der Großteil davon ist allerdings ziemlich billig. Der Deutsche gibt im Schnitt nur 3,54 Euro für den Liter Rotwein aus - aber immer noch etwas mehr als für Weißwein, mit 3,21 Euro pro Liter. Vergleichbar mit Burgund- und Piemontweinen Es geht jedoch nicht nur um Masse, sondern auch um Klasse: Eine wachsende Zahl deutscher Winzer kann sich inzwischen mit ihren berühmten Konkurrenten aus Burgund oder Piemont messen. Dass Rotwein aus Deutschland einmal so begehrt werden würde, konnte keiner ahnen. Am wenigsten die erfolgreichen deutschen Rotweinwinzer selbst. Den Touristen in den klassischen Anbaugebieten Baden und Ahr genügten oft die einfachen Tropfen, und noch heute bekommt man in fast jeder schlechten Weinstube süßes Gesöff. Die deutschen Weinliebhaber hatten sich damals schon kreuz und quer durch Europa und die Neue Welt getrunken, aber immer, wenn sie zu Hause einen guten Rotwein suchten, wurden sie enttäuscht. Es gab nämlich keinen. Nur einfache Schlabberweine für jeden Tag. Große deutsche Rote: Fehlanzeige. Pinot Noir schon lange an der Ahr bekannt Dabei war Pinot Noir bereits im 18. Jahrhundert aus Burgund an die Ahr gebracht worden, doch es sollte sehr lange dauern, bis daraus erstmals Weine erzeugt wurden, die sich mit den berühmten Lagen in Burgund messen konnten. Als Werner Näkel Anfang der achtziger Jahre anfing, Klone von Rebstöcken aus Burgund in die steilen Weinberge der Ahr zu pflanzen, wusste er noch nicht, dass er damit ein Fundament für das deutsche Rotweinwunder legen würde. Zusammen mit Georg Breuer aus dem Rheingau, Bernhard Huber und Joachim Heger aus Baden sowie Bernd Philippi aus der Pfalz ist Näkel einer der Väter dieses deutschen Rotweinwunders. Jene Winzer, die über den Rand ihrer Täler hinausblickten, fingen an, Spät- und Frühburgunder zu pflanzen, experimentierten mit großen und kleinen Eichenfässern, probierten es mit und ohne Filtrierung - und siehe da: Sie entdeckten, dass man auch in Deutschland gute Weine machen kann, solange man nur auf Qualität setzt. Aufwand höher als bei Weißwein Obendrein konnten sie damit auch noch richtig Geld verdienen. Für Rotwein kann ein Winzer locker das Doppelte verlangen wie für Weißwein, allerdings ist der Aufwand auch deutlich höher, gerade beim Spätburgunder. | Deutscher Rotwein war bei Kennern lange als süßes Gesöff verpönt, bis einige Winzer auf Klasse statt Masse setzten - jetzt sind sie zeitweise sogar ausverkauft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/auferstehung-des-deutschen-rotweins-das-wunder-mit-dem-spaetburgunder-1.907270 | Auferstehung des deutschen Rotweins - Das Wunder mit dem Spätburgunder | 00/05/2010 |
Lange Zeit lebte das Handwerk in Deutschland nicht schlecht, nun wird der Wettbewerb härter - osteuropäische Billiganbieter machen ihm das Leben schwer. Der Boden auf dem Grundstück von Reiter Fliesen sieht aus wie ein riesiges Mosaik. Gleich der erste Kundenparkplatz ist mehrfarbig gefliest, mit dunkelroten und hellgrauen Kacheln, aneinander gereiht ohne erkennbares System. Detailansicht öffnen Ein Fliesenleger bei der Arbeit. (Foto: Foto: ddp) Auf dem Parkplatz daneben liegen dunkelblaue Fliesen. Absolut wasserdicht. Selbst die Fassade des einstöckigen Hauptgebäudes ist mit kleinen Quadraten aus Keramik bedeckt, in grün, rot, blau und gelb, kaum ein Farbton fehlt. Alles bei Reiter Fliesen sagt: Hier fliest man gerne. Karl Heinz Reiter, der die Firma vor über 40 Jahren gegründet hat und bis heute leitet, ist ein stolzer Mann. "Das ist unser Neuer", sagt er und deutet auf den neuen Firmen-Lkw, auf dem in großen Buchstaben der Firmen-Schriftzug prangt. Er tut das fast wie ein kleiner Junge, der seinen neuen Spielzeuglaster herumzeigt. Mit dem Unterschied, dass Reiter über hunderttausend Euro für den Kranlaster hinlegen musste. Der alte hatte im vergangenen Jahr nach langer Betriebszeit schlapp gemacht. Investitionen sind Kraftakt Solche Anschaffungen sind für das Unternehmen mittlerweile ein Kraftakt. Die wirtschaftliche Lage des Handwerksbetriebs lässt keine Investition mehr zu, die nicht unbedingt notwendig ist. "Es war schon besser", beschreibt Karl Heinz Reiter seine Situation und lächelt dabei ein wenig gequält. Damit steht der Fliesenleger aus dem niederbayerischen Deggendorf nicht alleine da. Wie er klagen viele seiner Handwerkskollegen darüber, dass die Aufträge seit einiger Zeit weniger werden - während die Zahl der Betriebe ständig zunimmt. "Der Wettbewerb ist mörderisch," beschreibt Reiter die Lage. Lange hat das niemanden sonderlich interessiert. Erst seitdem bekannt ist, dass reihenweise osteuropäische Billigarbeiter in deutschen Schlachthöfen arbeiten, hat sich das gewandelt. Nur anmelden - weiter nichts Dabei lassen sich die Probleme der Handwerker mit denen der Fleischereiarbeiter kaum vergleichen. Nur die Ursache scheint in beiden Fällen dieselbe zu sein: Seit die EU vor knapp einem Jahr um acht osteuropäische Länder gewachsen ist, stehen die Grenzen von Ost nach West weitgehend offen. Die alten EU-Staaten haben die Arbeitnehmerfreizügigkeit zwar eingeschränkt. Wer sich aber selbständig machen will, der muss dies nur anmelden. Weiter nichts. Eine Liberalisierung der Handwerksordnung, die Anfang letzten Jahres in Kraft getreten ist, hat die Lage zusätzlich verschärft. Seither gibt es für viele Handwerksberufe keine Zulassungsbeschränkungen mehr. Um ein Gewerbe zu eröffnen, ist nur noch die Eintragung in die Handwerksrolle nötig. Qualifikationsnachweise braucht es nicht. Durch die Reform hat es gerade bei zulassungsfreien Handwerksbetrieben im vorigen Jahr viele Neugründungen gegeben. Um 36,9 Prozent, fand der Zentralverband des Deutschen Handwerks heraus, hat deren Zahl zugenommen. Zahl der Fliesenleger verdoppelt Noch stärker ist der Anstieg bei zulassungsfreien Bauhandwerksberufen, bei Parkettlegern oder Gebäudereinigern etwa. Die Zahl der Fliesenleger hat sich sogar mehr als verdoppelt. Besonders auffällig: Immer mehr Osteuropäer melden in diesen Berufen ein Gewerbe an. In Städten wie Düsseldorf, Hamburg oder München liegt ihr Anteil bei über 50 Prozent. | Lange Zeit lebte das Handwerk in Deutschland nicht schlecht, nun wird der Wettbewerb härter - osteuropäische Billiganbieter machen ihm das Leben schwer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/handwerk-der-goldene-boden-glaenzt-nicht-mehr-1.906255 | Handwerk - Der goldene Boden glänzt nicht mehr | 00/05/2010 |
Zehntausende Daimler-Mitarbeiter haben heute mit ihren Protestaktionen in mehreren Werken die Produktion lahm gelegt. Betriebsratschef Klemm griff den Konzern-Vorstand an: "Das sind keine Verhandlungen, das ist der Versuch einer knallharten Erpressung." In Sindelfingen, Bremen und anderen Werken haben heute Zehntausende Daimler-Mitarbeiter protestiert und teilweise die Produktion lahm gelegt. Mit einem Protestmarsch wurden die Aktionen schon in der Nacht in Düsseldorf eingeläutet. "Wer Wind sät, wird Sturm ernten" In ganz Deutschland rechnet die IG Metall im Lauf des Tages mit Arbeitsniederlegungen von rund 80.000 der 160.000 Beschäftigten. Mit Pfiffen und Plakaten wie "Wer Wind sät, wird Sturm ernten", "Ihr nehmt uns die Pausen, wir nehmen euch die Ruhe" oder "Es ist Krieg" machten die Beschäftigten ihrem Ärger über die Sparpläne vor dem Werkstor in Sindelfingen Luft. Die Frühschicht machte früher Schluss. Eine Betriebsratssprecherin sagte, es seien über 800 Autos nicht gebaut worden. Kompromissbereitschaft Auf der Bundesstraße 10 zwischen Esslingen und Stuttgart blockierten laut Polizei rund 2.000 Daimler-Beschäftigte kurzfristig die Fahrbahn. Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm signalisierte bei einer Kundgebung in Sindelfingen Kompromissbereitschaft bei den Verhandlungen. "Es ist ja nicht so, dass wir unbeweglich sind. Wir sind bereit, uns in den Geldbeutel greifen zu lassen." Gleichzeitig verwies er auf den Einsparvorschlag der Arbeitnehmervertretung in Höhe von 180 Millionen Euro. "Knallharte Erpressung" Klemm griff aber auch den Vorstand an: "Das sind keine Verhandlungen, das ist der Versuch einer knallharten Erpressung." 500 Millionen Euro einzusparen sei nicht machbar. Klemm forderte, dass ein Kompromiss gefunden werden müsse. Der baden-württembergische IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann warnte erneut vor Eingriffen in den Flächentarifvertrag. Der Vorstand wolle die Gunst der Stunde nutzen, um die Belegschaft abzuzocken. "Wir sagen Nein zu einem Kostensenkungs-programm, das nur die Erhöhung der Rendite der Aktionäre zum Ziel hat." Hofmann streichelt die Seelen mit den Worten, dass eine Premiummarke auch eine Premiumbelegschaft mit einer Premiumbezahlung brauche. "S-Klasse-Produzieren und Lupo-Bezahlung passen nicht zusammen" ruft er aus. Im Mercedes-LKW-Werk im südpfälzischen Wörth sagte der Betriebsratschef Gerd Rheude, "es geht um mehr als nur um Sindelfingen". | Zehntausende Daimler-Mitarbeiter haben heute mit ihren Protestaktionen in mehreren Werken die Produktion lahm gelegt. Betriebsratschef Klemm griff den Konzern-Vorstand an: "Das sind keine Verhandlungen, das ist der Versuch einer knallharten Erpressung." | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/massenproteste-bei-daimlerchrysler-wer-wind-saet-wird-sturm-ernten-1.898786 | "Massenproteste bei DaimlerChrysler - ""Wer Wind sät, wird Sturm ernten""" | 00/05/2010 |
Zum Auftakt seiner USA-Reise gab der Kanzler einen Schnellexkurs in Sachen Weltwirtschaft und Währungsschwankung. Dabei konnte er sich genauso wenig wie sein französischer Amtskollege einen Wink an die europäische Zentralbank verkneifen. Kanzler Gerhard Schröder hat zum Auftakt seines zweitägigen Besuchs in den USA vor einer weiteren Schwächung des Dollars gegenüber dem Euro gewarnt. "Die großen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft und die Wechselkursschwankungen bereiten uns ernste Sorgen", sagte Schröder laut Redemanuskript. Detailansicht öffnen Gerhard Schröder in Chicago - kostenlose Tipps für die Zentralbank. (Foto: Foto: dpa) Wie der Kanzler legte auch der französische Premier Jean-Pierre Raffarin am Donnerstag der Europäischen Zentralbank (EZB) eine Senkung der Leitzinsen nahe. Der Wechselkurs und die schnellen Kursausschläge seien weder für Europa noch für die USA gut. Partnerschaft unter Freunden Schröder warb zugleich in seiner Rede vor dem Chicago Council on Foreign Relations für Investitionen in Deutschland und eine weitere Liberalisierung des Welthandels. Ohne die deutsch-amerikanischen Differenzen wegen des Irak-Kriegs explizit zu erwähnen, sagte Schröder, in einer "Partnerschaft unter Freunden" gehörten Meinungsverschiedenheiten und Interessenskonflikte dazu. In den vergangenen Monaten hatte der Euro gegenüber dem Dollar konstant an Wert gewonnen und an der 1,30-Grenze gekratzt. Ursache ist unter anderem die Importquote der USA, welche die Exporte deutlich überschreitet. Mahnung vor zu starkem Euro Mit Blick auf die dämpfende Wirkung eines hohen Euro auf die Exportwirtschaft in Europa sagte Schröder: "Weitere deutliche Verschiebungen im Wechselkursgefüge zu Ungunsten der Euro-Zone machen vor diesem Hintergrund weltwirtschaftlich keinen Sinn. Sie schadeten vielmehr." Indirekt ging Schröder auch auf die immer wieder schwelenden Handels-Konflikte zwischen der EU und den USA ein. Jüngstes Beispiel sind die Steuervorteile, welche Washington ausländischen Tochterfirmen amerikanischer Unternehmen gewährt. Nach einer Entscheidung der Welthandelsorganisation (WTO) darf die EU vom 1. März an wegen dieser Benachteiligung Strafzölle von bis zu 3,2 Milliarden Euro auf US-Produkte verhängen. Glaube an die Globalisierung Schröder warb für eine Liberalisierung des Welthandels. Man müsse die Menschen von den Vorteilen der Globalisierung überzeugen, "auch wenn sie durch die grenzenlose Wirtschaft Gefahr laufen, dass ihr Job nach China, Indien oder - im Fall Deutschlands - nach Osteuropa verlagert wird". Die richtige Antwort könne aber nicht Protektionismus und Abschottung sein. "Stattdessen müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln und verdreifachen, um unsere Vorsprünge zu halten und auszubauen." Als Beispiele nannte Schröder Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung. Schröder: Alles auf gutem Wege Der Kanzler beschrieb auch die deutschen Reformen im Rahmen der Agenda 2010 und warb für Investitionen von US-Unternehmen. Nach der Steuerreform verfüge Deutschland über international wettbewerbsfähige Steuersätze. Auch seien die Beiträge zu den Sozialversicherungen stabilisiert worden. Schröder erläuterte zudem die Folgen der EU-Erweiterung am 1. Mai. "Damit überwinden wir endgültig den Eisernen Vorhang, der unseren Kontinent in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts getrennt hat." | Zum Auftakt seiner USA-Reise gab der Kanzler einen Schnellexkurs in Sachen Weltwirtschaft und Währungsschwankung. Dabei konnte er sich genauso wenig wie sein französischer Amtskollege einen Wink an die europäische Zentralbank verkneifen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/europaeische-zentralbank-soll-leitzins-senken-schroeder-und-raffarin-machen-druck-1.916106 | Europäische Zentralbank soll Leitzins senken - Schröder und Raffarin machen Druck | 00/05/2010 |
Der jahrelange Streit ist beigelegt. Der Bundesrat hat die neue Verpackungsverordnung beschlossen, mit der von 2006 an die Insellösungen abgeschafft werden. Der Bundesrat legte am Freitag einen jahrelangen Streit zwischen der Bundesregierung und der Länder-Mehrheit bei: Das geltende Pflichtpfand für die Einweg-Verpackungen von Getränken wurde bestätigt und soll im Jahr 2006 ausgeweitet werden. Detailansicht öffnen Die Entsorgung von Dosen wird für den Verbraucher in Zukunft unkomplizierter. (Foto: Foto: ddp) Der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest, da die Novelle der Verpackungsverordnung noch von Kabinett und Bundestag bestätigt werden muss; anschließend folgt die Notifizierungsfrist bei der Europäischen Kommission, in der die EU-Mitgliedsländer Einwendungen erheben können. Die neue Regelung tritt zwölf Monate nach der Verkündung im Gesetzblatt in Kraft, das ist wohl spätestens im Mai 2006. Bisher sind mit Zwangspfand und Rücknahmepflicht belegt die Getränke-Sorten Bier, Mineralwasser und kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke, soweit sie in Einweg-Behältern angeboten werden. Getränke ohne Kohlensäure jetzt ebenfalls betroffen Neu kommen hinzu Erfrischungsgetränke ohne Kohlensäure (zum Beispiel Eistee) und alkoholhaltige Mischgetränke (zum Beispiel so genannte Alco-Pops). Es gilt ein einheitliches Pflichtpfand in Höhe von 25 Cent. In zweifacher Hinsicht bedeutet die Novelle einen grundsätzlichen Wechsel. Erstens trägt sie der Tatsache Rechnung, dass einige Einweg-Materialien mittlerweile wegen der verbesserten Verwertungstechnik eine gleichwertige Ökobilanz wie mehrmals auffüllbare Flaschen aus Glas oder Kunststoff aufweisen. Das trifft zu für die Kartonbehälter, die mittlerweile in vielen Formen erhältlich sind; ferner auf die standfesten Folienbeutel und die flexiblen Schlauchbeutel. Mehrwegquote entfällt Die zweite Neuerung ist, dass die bisherige Mehrwegquote ersatzlos entfällt. Die 1991 unter CDU-Umweltminister Klaus Töpfer erlassene Verordnung machte die Pfandpflicht davon abhängig, dass die Mehrwegquote unter 72 Prozent sinkt. Das trifft seit Jahren zu. Zeitweise war die Quote im freien Fall, bis dieser Prozess 2003 durch das Pfand gestoppt wurde. | Der jahrelange Streit ist beigelegt. Der Bundesrat hat die neue Verpackungsverordnung beschlossen, mit der von 2006 an die Insellösungen abgeschafft werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einheitliches-ruecknahmesystem-friedensschluss-im-dosenkrieg-1.905392 | Einheitliches Rücknahmesystem - Friedensschluss im Dosenkrieg | 00/05/2010 |
Nach dem Ferienbeginn in den ersten vier Bundesländern sind Benzin und Diesel so teuer wie noch nie. Die zehnte Preisrunde an den Tankstellen im Monat Juni um zwei Cent je Liter verteuerte am Freitag den Liter Superbenzin im bundesweiten Durchschnitt auf mehr als 1,25 Euro und Diesel auf über 1,10 Euro. Detailansicht öffnen Zapfpistole: Teurer Kraftstoff. (Foto: Foto: ddp) Das sind einige Zehntelcent mehr als beim bisherigen Rekordhoch in der vergangenen Woche, das schon am Mittwoch dieser Woche wieder erreicht wurde. Sprecher der Mineralölunternehmen in Hamburg begründeten das hohe Preisniveau mit den anhaltend steigenden Rohöl- und Produktpreisen an den Weltmärkten. Die Preise für US-Rohöl bewegten sich am Freitag nahe der Marke von 60 Dollar für ein Barrel (159 Liter). Rohöl der Nordseesorte Brent lag bei gut 58 Dollar je Barrel. Starke Auslastung der Raffinerien US-Händler verwiesen auf die steigende Benzin-Nachfrage während der Hauptreisesaison, auf fallende Rohöl- und Treibstoffreserven und auf die Sorge über die starke Auslastung der Raffinerien, die damit anfällig für Unterbrechungen seien. Die Unternehmenssprecher wiesen die wiederholt von Automobilclubs geäußerte Vermutung zurück, nach der die Ölkonzerne gezielt zur Reisesaison ihre Preise stärker als gerechtfertigt erhöhen würden. Dafür gebe es keine statistischen Belege, sagte ein Sprecher von ExxonMobil. "Ohne erkennbares Muster" Da fast immer in einem Bundesland Schulferien gerade bevorstünden oder zu Ende gingen, lasse sich eine Vielzahl der fast 100 jährlichen Preisrunden mit den Ferien in Zusammenhang bringen. Es sei aber nachweisbar, dass die jeweiligen Höchstpreise eines Jahres nicht regelmäßig in den Sommermonaten festzustellen seien, sondern ohne erkennbares Muster in den verschiedensten Monaten eines Jahres erreicht würden. Gegenwärtig klagen die Mineralölfilmen über schwache Margen oder Verluste an den Tankstellen, weil durch den schrumpfenden deutschen Markt der Preiskampf angeheizt werde. Diesel in Rotterdam extrem teuer Insbesondere mit dem Verkauf von Dieselkraftstoff, der sich am europäischen Großmarkt in Rotterdam extrem verteuert habe, sei gegenwärtig kein Geld zu verdienen. Nach einem Bericht des Energie-Informationsdienstes EID erreichten die Tankstellen in diesem Jahr lediglich im Mai die Gewinnzone beim Benzin. | Nach dem Ferienbeginn in den ersten vier Bundesländern sind Benzin und Diesel so teuer wie noch nie. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/reisesaison-benzinpreis-auf-rekordhoch-1.899665 | Reisesaison - Benzinpreis auf Rekordhoch | 00/05/2010 |
Die Mehrwertsteuer wird erhöht, die Versicherungssteuer heraufgesetzt, der Sparerfreibetrag halbiert, die Pendlerpauschale gekappt, die Zahldauer für das Kindergeld reduziert. Und Sprit wird um sechs Cent teurer. Doch die Deutschen haben sich offenbar ihrem schwarz-roten Schicksal ergeben. Die große Koalition sagt, die Reichensteuer diene der sozialen Gerechtigkeit, doch tatsächlich ist der Zuschlag auf die Einkommensteuer zu einem reinen Symbol verkommen. Detailansicht öffnen Angela Merkel moderiert das Abkassieren (Foto: Foto: dpa) Gleich zweimal musste Peer Steinbrück die Reichensteuer stutzen: Erst hat die Union ihn dazu genötigt, alle Unternehmer zu schonen; und nun zwingt ihn angeblich das Grundgesetz dazu, auch die Freiberufler von der Sondersteuer zu befreien. Nur noch 127 Millionen Euro wird die Reichensteuer deshalb im nächsten Jahr bringen, ein Drittel dessen, was die Koalition ursprünglich erhofft hatte. Deshalb mault die SPD, und man fragt sich: Warum ausgerechnet deshalb? Warum erregen die Genossen sich nicht über andere Dinge? Denn die große Koalition greift den Bürgern derzeit ungeniert in die Tasche. Union und SPD heben die Steuern an, wo sie nur können, sie streichen Vergünstigungen, wo es nur geht, und sie überlegen längst, wo sie noch mehr holen können. Was jeder weiß: Zum 1. Januar 2007 wird die Koalition die Mehrwertsteuer erhöhen. Was kaum jemand weiß: An diesem Tag wird auch die Versicherungssteuer steigen, der Sparerfreibetrag halbiert, die Pendlerpauschale gekappt, die Zahldauer für das Kindergeld reduziert und das häusliche Arbeitszimmer nicht mehr vom Fiskus anerkannt. Auch Sprit wird um sechs Cent teurer, weil die Mehrwertsteuer steigt und die Mineralölkonzerne zudem teuren Biokraftstoff in ihr Benzin und den Diesel mischen müssen. Doch alle starren nur auf die Reichensteuer. Die Koalition debattiert darüber, ob dieses oder jenes Modell der Reichensteuer der Verfassung entspricht, und die Republik lässt sich davon einlullen. Niemand scheint es zu stören, dass sechs Cent mehr beim Sprit so viel sind wie zwei Schritte bei der Ökosteuer; keine Wutwelle rollt durchs Land, wie einst unter Rot-Grün. Und niemanden scheint es zu stören, dass die Sozialdemokraten den Sparerfreibetrag kürzen, was zehnmal so viel bringt wie die Reichensteuer. Die Menschen geben mehr Geld denn je aus Als Wolfgang Clement dergleichen vor zwei Jahren vorschlug, hätten seine Genossen ihn am liebsten aus der Regierung verjagt. Wie könne er, wurde der Wirtschaftsminister damals beschimpft, den Steuervorteil der kleinen Leute antasten und damit deren Sparbuch? Es scheint, als hätten sich die Deutschen ihrem schwarz-roten Schicksal ergeben. Und es scheint, als könne die Gier der großen Koalition nicht schaden. Die Menschen geben mehr Geld denn je aus - obwohl Union und SPD ihnen schon bald noch mehr Geld abnehmen wollen. Sie attestieren der Kanzlerin, dass sie einen guten Job macht - obwohl Angela Merkel nicht nur lächelnd über rote Teppiche flaniert, sondern so kraftvoll wie kein Vorgänger die Steuern erhöht. Die schwarz-rote Regierung holt sich so einen Teil des Geldes, das sie zur Sanierung des Haushalts benötigt. Merkel hat versprochen, im nächsten Jahr wieder die Schuldengrenze des Grundgesetzes und des EU-Stabilitätspakts einzuhalten - ein erstrebenswertes Ziel. Und ihr Finanzminister hat angekündigt, er werde Schlupflöcher schließen und Vergünstigungen kappen, die niemand mehr braucht; auch dies ist erstrebenswert. Doch die große Koalition ist dabei, das richtige Maß zu verlieren. Weil das Volk nicht meutert und es keine echte Opposition gibt, fühlen sich Unionisten und Sozialdemokraten zu immer neuen Steuerplänen ermuntert. Mal diskutieren sie über den "Gesundheitssoli", einen üppigen Zuschlag auf die Einkommensteuer. Mal vereinbaren sie still und leise, dass der Staat beim Elterngeld hinten herum einen Teil von dem nimmt, was er vorne herum gibt; denn das Elterngeld wird künfig den individuellen Steuersatz nach oben treiben. All dies hat mit Merkels Wahlversprechen wenig zutun, die Steuern und Abgaben zu senken. Auch die Sozialdemokraten haben im Wahlkampf so getan, als müsse man die Mehrwertsteuer nicht erhöhen, obwohl sie wussten: Es wird nicht ohne sie gehen. Es rumort in der Union Doch inzwischen rumort es in der Union. Die Länderchefs haben erkannt, dass sie der Wirtschaft nicht weitere Steuererhöhungen zumuten können; denn die Wähler sind auch Konsumenten, und wenn diese realisieren, was die Regierung ihnen nimmt, wird das die Kauffreude bremsen und damit die Konjunktur. Auch der neue SPD-Vorsitzende Kurt Beck hat inzwischen eingesehen, dass die Koalition die Steuerquote nicht noch stärker erhöhen kann. Doch das allein genügt nicht. Merkel, Vizekanzler Müntefering und CSU-Chef Stoiber sollten klarstellen, wo für sie die Grenze der Belastungen liegt; Bürger und Wirtschaft sollen sich darauf einstellen können und nicht ständig befürchten müssen, dass in nächster Zeit noch mehr auf sie zukommt. Zum anderen sollten die Koalitionäre auf keinen Fall weiteres Steuergeld in die Sozialsysteme pumpen, auch nicht im Zuge einer noch so gut gemeinten Gesundheitsreform; Reformen muss es zunächst innerhalb der Systeme geben, sie dürfen nicht durch neue Zuschüsse ersetzt werden. Und zum Dritten wird die Koalition sich nur eine maßvolle Reform der Unternehmensteuern leisten können. Wer Sparern, Pendlern, Familien und Rentnern Milliarden nimmt, darf diese nicht gleich wieder an die Konzerne verteilen - schon gar nicht in einer großen Koalition. | Die Mehrwertsteuer wird erhöht, die Versicherungssteuer heraufgesetzt, der Sparerfreibetrag halbiert, die Pendlerpauschale gekappt, die Zahldauer für das Kindergeld reduziert. Und Sprit wird um sechs Cent teurer. Doch die Deutschen haben sich offenbar ihrem schwarz-roten Schicksal ergeben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/finanzpolitik-koalition-der-kassierer-1.898945 | Finanzpolitik - Koalition der Kassierer | 00/05/2010 |
Der Verkauf der Medien- und Marketingrechte bringt der Fifa offenbar deutlich mehr Geld als erwartet. Durch die Verwertung der WM-Rechte nimmt der Weltfußballverband Fifa etwa 1,9 Milliarden Euro ein. Dies geht aus dem "Commercial Report: World Cup 2006" der Londoner Agentur Sportcal hervor. Detailansicht öffnen Die Preise für die WM-Fernsehrechte sind gestiegen. (Foto: Foto: ddp) Demnach erhält die Fifa alleine 1,2 Milliarden Euro für die Fernseh- und Medien-Rechte sowie weitere 700 Millionen Euro für Marketingrechte, Lizenzen und Hospitality-Programm. Ursprünglich sei der Weltfußballverband von Einnahmen in Höhe von nur 1,3 Milliarden Euro ausgegangen. Die Erwartungen seien damit um etwa ein Drittel übertroffen worden, so Sportcal. Teure Fernsehrechte Verglichen mit dem Turnier 2002 in Japan und Südkorea ergebe sich vor allem bei den Fernseheinnahmen eine erhebliche Wertsteigerung. Das liege daran, dass die europäische Zeitzone für die weltweiten Fernsehübertragungen weitaus günstiger sei. Der Rechte-Inhaber ISL/Kirch beziehungsweise dessen Nachfolgefirma Infront habe 960 Millionen Euro für die globalen Fernsehrechte an der WM 2006 garantiert. 2002 seien es nur 830 Millionen gewesen. An den Mehreinnahmen von etwa 200 Millionen Euro partizipiere er nun zu gleichen Teilen wie die Fifa. 170 Millionen Euro für die Endrunde Den weltweit größten Anteil an den WM-Rechten zahlen laut Sportcal die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF: Sie würden sich die Endrunde im eigenen Land mehr als 170 Millionen Euro kosten lassen. Der brasilianische Sender TV Globo habe zuletzt zwar zu doppelt so teuren Konditionen Verträge für die zwei Weltmeisterschaften 2002 und 2006 unterschrieben, allerdings sei der Preis nach der großen Rezession in Lateinamerika massiv nach unten korrigiert worden. Fifa rechnet mit hohen Ausgaben Das Organisationskomitee der WM 2006 schöpft nach dem Sportcal-Bericht aus einem Budget in Höhe von 430 Millionen Euro. Davon stammen 200 Millionen Euro aus dem Ticketverkauf, 60 Millionen von lokalen Sponsoren und Ausrüstern sowie 170 Millionen Euro vom Weltfußballverband selbst. Die Organisation der WM in Deutschland wird nach Angaben der Fifa voraussichtlich etwa 560 Millionen Euro kosten, so Sportcal. Entgegen den Erwartungen sei das Turnier damit kaum günstiger als die vorausgegangene Veranstaltung in Japan und Südkorea. (sueddeutsche.de) | Der Verkauf der Medien- und Marketingrechte bringt der Fifa offenbar deutlich mehr Geld als erwartet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fussballweltmeisterschaft-2006-was-die-wm-wert-ist-1.898944 | Fußballweltmeisterschaft 2006 - Was die WM wert ist | 00/05/2010 |
Im letzten Jahr liefen der Telekom 1,5 Millionen Kunden davon. Telekom-Boss Obermann fürchtet, dass dieser Trend anhält und will nun kräftig gegensteuern. Der Vorstandschef der Deutschen Telekom, René Obermann, erwartet einen weiteren Rückgang der Kundenzahlen im Festnetzgeschäft. Detailansicht öffnen Bei der Deutschen Telekom dürfte sich 2007 einiges ändern. (Foto: Foto: dpa) "Es ist (...) nicht realistisch anzunehmen, dass die Anschlussverluste im Festnetz kurzfristig zu stoppen sind", schreibt Obermann in seinem Neujahrs-Brief an die Mitarbeiter. Die Regulierung sei so ausgerichtet, dass weitere Marktanteile an Wettbewerber abgegeben werden sollten. Der Kundenabfluss könnte sich nach Angaben von Obermann verstärken. "Dieser Trend kann sich kurzfristig sogar verschärfen, wenn Dienste-Anbieter auf alternative Infrastrukturen ausweichen." Obermanns Vorgänger, Kai-Uwe Ricke, hatte noch von einer Trendumkehr beim Verlust von Telefonanschlüssen gesprochen. Er hatte dies mit der Einführung von Bündeltarifen (Internet, Telefonie und Medieninhalten) begründet. Die Festnetzsparte T-Com verlor in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 1,5 Millionen Telefonanschlüsse an die Konkurrenz. Nach der Telekom öffneten andere Unternehmen wie Arcor ihre Netze für Dritte. Harte Einschnitte geplant Obermann kündigte in seinem Neujahresgruß harte Einschnitte an. Im Vergleich zu anderen Firmen und Branchen biete der Konzern immer noch "komfortable Rahmenbedingungen und eine gute Bezahlung". Dies werde nicht so bleiben können, weil die Kosten dringend sinken müssten. Dabei mahnte der neue Konzernchef eine deutliche Steigerung der Produktivität ein. "Der Markt akzeptiert die hohen Kosten nicht mehr", betonte Obermann. Und so müssten die Beschäftigten von einigen Gewohnheiten Abschied nehmen. Scharfe Kritik der Gewerkschaft Die Gewerkschaft ver.di kritisierte die Äußerungen von Obermann. "Die Telekom ist kein Sanierungsfall, daher sehen wir keinen Ansatz, die Konditionen zu kürzen", sagte ver.di-Bundesvorstand Lothar Schröder. Die Mitarbeiter würden dadurch nicht motiviert. "Einschnitte sind kein guter Vorsatz für das neue Jahr. Obermann verbreitet die alten Ansichten seines Vorgängers." Der Vorstandschef bekräftigte hingegen das Ziel, möglichst vielen Menschen bei der Telekom langfristig eine Beschäftigungsperspektive zu sichern. Hoffnung Breitband-Internet In dem Brief kündigte Obermann an, den Fokus künftig stärker auf das Breitbandgeschäft zu legen. Die größten Anstrengungen werde das Unternehmen auf die Gewinnung von Breitbandanschlüssen und damit verbundenen Diensten richten. Dies gilt sowohl für das Festnetzgeschäft wie auch für den Mobilfunkbereich. Obermann will die beiden Sparten T-Com und T-Mobile enger miteinander verzahnen, um den Wettbewerbsdruck auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt besser abfedern zu können. Den Marktanteil im Breitbandgeschäft will Obermann wieder ausbauen: "Allein im DSL-Retail-Geschäft - also bei unseren direkten Endkundenverträgen - hat sich unser Marktanteil in nur zwei Jahren fast halbiert." Dieser Trend müsse gestoppt werden. "Den Erfolg im im Festnetzgeschäft messen wir daran, ob und wie schnell wir diesen negativen Trend umkehren können oder nicht", schreibt Obermann. Mit einem verbesserten Service will die Gesellschaft nun gegensteuern. Bald nur mehr eine Telekom-Marke? Obermann plant zudem eine Vereinfachung des Markenauftritts. "Es kann nicht sein, dass wir einen wahren Dschungel von T-Marken haben, deren Zusammenspiel aus Sicht der Kunden nicht ersichtlich ist." Die Werbegelder würden "ineffizient" verwendet, schreibt der Manager. Er deutet damit an, dass die einzelnen Marken T-Mobile, T-Online, T-Com und T-Systems unter dem Konzernnamen Deutsche Telekom zusammengefasst werden könnten. Die Aktie der Deutschen Telekom notierte zuletzt 0,62 Prozent fester und setzte damit ihren Erholungskurs fort. Seit dem Amtsantritt von Obermann Mitte November hat die T-Aktie deutlich zugelegt. | Im letzten Jahr liefen der Telekom 1,5 Millionen Kunden davon. Telekom-Boss Obermann fürchtet, dass dieser Trend anhält und will nun kräftig gegensteuern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/das-erwartet-die-telekom-2007-weniger-kunden-weniger-privilegien-1.900986 | Das erwartet die Telekom 2007 - Weniger Kunden, weniger Privilegien | 00/05/2010 |
Der Energiekonzern will im Gegensatz zu Shell und Aral keine neuen Benzinsorten auf den Markt bringen, dafür aber mehr Tankstellen-Restaurants. Die Kraftstoffe mit höheren Oktanwerten oder vermeintlich besseren Dieselkomponenten könnten die Leistung moderner Motoren kaum steigern, sagte der deutsche ExxonMobil-Chef Wingolf R. Lachmann. Überdurchschnittlicher Absatzrückgang "Wir werden zunächst einmal abwarten, ob die Autofahrer die teils erheblich höheren Preise der neuen Benzinqualitäten akzeptieren." Es gebe keine Pläne, neue Benzinsorten zu entwickeln. Auf dem rückläufigen deutschen Ölmarkt hat ExxonMobil im vergangenen Jahr überdurchschnittlich viel Absatz verloren. Die Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Konzerns verkaufte 11,8 (Vorjahr: 12,7) Millionen Tonnen Öl und Ölprodukte. Um die Position auf dem deutschen Tankstellenmarkt abzusichern und auszubauen, setzt ExxonMobil auf ein neues Shop- und Restaurant-konzept mit dem Namen "On The Run", das seit einiger Zeit im Großraum Frankfurt erprobt wird. Restaurantkonzept Die Ergebnisse seien besser als erwartet, so dass weitere Tankstellen mit Restaurants in anderen Ballungsräumen kommen sollen. Insgesamt seien die Gewinne im Tankstellengeschäft nicht befriedigend. Der weitaus größte Anteil der Investitionen und des Gewinns von ExxonMobil hängt mittlerweile mit der Gasförderung in Niedersachsen zusammen. ExxonMobil-Vorstand Gernot K. Kalkoffen kritisierte die Landesregierung in Hannover, weil sie den Förderzins auf Gas von 22 auf 28 Prozent erhöht habe. "Die Förderabgabe geht direkt gegen die Wirtschaftlichkeit der Investitionen", sagte Kalkoffen. Trotz der relativ hohen Ölpreise, die mit Verzögerung auf die Gaspreise durchschlagen, werde ExxonMobil in Deutschland aus dem Gasgeschäft 2004 nicht mehr Gewinn erreichen als im Vorjahr. Ein Grund ist der gestiegene Euro-Kurs. Förderabgabe beeinträchtigt Wirtschaftlichkeit Die ExxonMobil Central Europe Holding GmbH setzte im vergangenen Jahr 11,9 (12,6) Milliarden Euro um, wovon 4,9 (5,3) Milliarden Euro auf Mineralölsteuern entfielen. Der Gewinn vor Steuern (EBIT) blieb mit 925 (926) Millionen Euro auf dem Niveau des Vorjahres. Rund 80 Prozent des Gewinns stammen aus dem Fördergeschäft. ExxonMobil förderte 10,0 (9,7) Millionen Kubikmeter Erdgas und verkaufte 16,9 (16,0) Millionen Kubikmeter. | Der Energiekonzern will im Gegensatz zu Shell und Aral keine neuen Benzinsorten auf den Markt bringen, dafür aber mehr Tankstellen-Restaurants. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/exxonmobil-restaurants-statt-neuem-benzin-1.905914 | ExxonMobil - Restaurants statt neuem Benzin | 00/05/2010 |
Der Druck auf die Energieunternehmen wächst: Bayern und NRW kündigen eine strenge Prüfung der Tarife an. Hessens Wirtschaftsminister droht sogar damit, die Versorger zu Preissenkungen zu zwingen. Der CDU-Politiker Alois Rhiel sagte, dies sei "rechtlich möglich". Angesichts sinkender Großhandelspreise für Strom müsse dieser nun auch für die Haushalte billiger werden. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) forderte die Unternehmen zu Preisdisziplin auf. Am Pfingstwochenende bezeichneten auch die Wirtschaftsministerien von Bayern und Nordrhein-Westfalen die Strompreise als zu hoch. Detailansicht öffnen Der hessische Wirtschaftsminister Alois Rhiel (Foto: Foto: dpa) Die Großhandelspreise für Strom waren zuletzt regelrecht eingebrochen. Kostete etwa Grundlaststrom, wie ihn die Kraftwerke permanent ins Stromnetz einspeisen, im Januar noch bis zu 112 Euro je Megawattstunde, sank der Preis inzwischen auf gut 36 Euro. Falls diese Entwicklung andauere, müssten die Stromunternehmen auch die Endkundenpreise senken, sagte Hessens Wirtschaftsminister Rhiel der Süddeutschen Zeitung. "Tun sie das nicht, dann ist es rechtlich möglich und geboten, niedrigere Strompreise anzuordnen." Dies sei zum 1. Januar kommenden Jahres denkbar. Bis Mitte 2007 haben die Länder noch die Aufsicht über die Standardtarife der Versorger. Hessen hatte in den vergangenen Monaten alle Anträge auf höhere Preise abgelehnt. Bayern will streng kontrollieren Auch Bayern und Nordrhein-Westfalen kündigten an, die Strompreise streng zu prüfen. "Die Stromkonzerne müssen günstigere Beschaffungskosten an die Kunden weitergeben", sagte Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU). "Bayern wird bei Genehmigungsverfahren alle nicht gerechtfertigten Kostenansätze streichen." In Nordrhein-Westfalen verwies ein Sprecher des zuständigen Wirtschaftsministeriums am Montag darauf, dass die Preiserhöhungen zum 1. Januar nur unter Vorbehalt genehmigt wurden. Die Stromversorger seien danach verpflichtet, sinkende Preise für Emissionszertifikate an ihre Kunden weiterzugeben. Stromkunden in Nordrhein-Westfalen können dadurch Preissenkungen zwischen 10 und 25 Prozent erwarten. Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) kündigte Kontrollen an, ob die Unternehmen die Verpflichtung zu Preissenkungen auch erfüllen. Preise für Emissionszertifikate gesunken Die Energieversorger hatten ihre Preiserhöhungen im vorigen Jahr unter anderem mit gestiegenen Preisen für Emissionszertifikate gerechtfertigt. Diese Zertifikate brauchen Unternehmen seit dem vergangenen Jahr, wenn sie Kohlendioxid ausstoßen. Das tun Kohlekraftwerken reichlich. Allerdings waren auch die Preise für Emissionsrechte in den letzten Wochen eingebrochen. Kosteten sie Mitte April noch knapp 30 Euro, sind sie jetzt nur noch etwa halb so teuer. Dies habe allerdings keine unmittelbaren Auswirkungen auf den Strompreis, sagte ein Sprecher des Stromverbands VDEW. Der derzeit niedrige Preis könne frühestens im Laufe des kommenden Jahres die Strompreise senken, da die Unternehmen ihren Strom im Voraus beschafften. Doch auch in der Bundesregierung wächst der Widerstand gegen die Preispolitik der Unternehmen. Der Emissionshandel könne nicht mehr als Rechtfertigung für Strompreiserhöhungen verwendet werden, sagte Bundeswirtschaftsminister Glos der SZ. Schon jetzt seien die Strompreise für Verbraucher kaum noch nachzuvollziehen. "Ich kann die Unternehmen nur zu Preisdisziplin aufrufen", sagte Glos. Verbraucherschützer begrüßten das harte Vorgehen gegen die Stromversorger. "Es ist genau richtig, dass sich die Politik endlich auch um die Erzeugungskosten kümmert", sagte Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. | Der Druck auf die Energieunternehmen wächst: Bayern und NRW kündigen eine strenge Prüfung der Tarife an. Hessens Wirtschaftsminister droht sogar damit, die Versorger zu Preissenkungen zu zwingen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/energie-laender-fordern-niedrigere-strompreise-1.904303 | Energie - Länder fordern niedrigere Strompreise | 00/05/2010 |
Wer schon einmal umsonst versucht hat, an einem Automaten eine Fahrkarte zu ziehen, dem mag der Hamburger Unternehmer Tim Bosenick wie vom Himmel gerufen erscheinen: Er findet heraus, was Kunden nervt. Auf dem S-Bahnsteig am Münchner Flughafen kann Tim Bosenick sich das Grinsen manchmal kaum verkneifen: Jeden Tag stehen dort ratlose Menschen vor Fahrkartenautomaten und versuchen herauszubekommen, wie sie an einen Fahrschein für die Strecke in die Innenstadt kommen. "So was ist einfach hanebüchen", sagt der 36 Jahre alte Hamburger Unternehmer, der sein Geld damit verdient, dass Kunden eben nicht so hilflos oder verärgert dastehen wie an einem Münchner Fahrkartenautomaten. "Ein gutes Produkt", sagt Bosenick, "muss nicht nur funktionieren, sondern es soll auch tauglich sein, gut aussehen und Vertrauen wecken." Viele Unternehmen erfüllen diese Anforderungen in der Realität aber nicht, und nach Bosenicks Erfahrung gibt es vor allem hierzulande viel zu tun. Von der Ingenieurs-Mentalität beherrscht "Die Deutschen sind beherrscht von der Ingenieurs-Mentalität und glauben, wenn etwas technisch brillant ist, dann ist es auch gut für den Benutzer." Vor sieben Jahren hat Bosenick die Firma Sirvaluse Consulting gegründet, die sich heute "Europas größter Produkt-Tester" nennen kann. Am Firmensitz in Hamburg-Wandsbek gibt es mit Kameras und Mikrofonen ausgestattete Räume, durch die jeden Monat 200 bis 300 Testpersonen geschleust werden. Die versuchen Handys zu programmieren, einen DVD-Recorder anzuschließen oder eine Fahrkarte zu lösen und spüren dabei jene Schwachstellen auf, die Konsumenten zur Verzweiflung bringen. Es gibt Produkte, sagt Bosenick, da finde sich trotz intensiven Suchens schon der Einschaltknopf nicht. Seine Labors haben eine verspiegelte Trennwand zu einem Nebenzimmer, aus dem man in den Testraum hineinschauen kann. Im Nebenzimmer sitzen häufig Bosenicks Kunden und können beobachten, wie die Vertreter ihrer Zielgruppe mit ihren neuesten Produkten zurechtkommen. "Da hat sich schon mancher die Haare gerauft, wenn er das mit ansehen musste", sagt Bosenick. "Erdende Wirkung" "Aber solche Erlebnisse haben eine ziemlich erdende Wirkung." Denn am Ende gehe es darum, wie eine Firma vermeiden kann, "dass Kunden sich ärgern, dass sie anrufen, dass sie - im schlimmsten Fall - ein Produkt zurückschicken". Schon eine sperrige Verpackung könne einen Kunden nerven. Das aber sei bereits ein negatives Gefühl, und die "Benutzererfahrung" entscheide mit darüber, ob jemand zum zweiten Mal zu einer Marke greift. | Wer schon einmal umsonst versucht hat, an einem Automaten eine Fahrkarte zu ziehen, dem mag der Hamburger Unternehmer Tim Bosenick wie vom Himmel gerufen erscheinen: Er findet heraus, was Kunden nervt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vergraetzte-kunden-bitte-nicht-aergern-1.917936 | Vergrätzte Kunden - Bitte nicht ärgern! | 00/05/2010 |
Auch nach dem bundesweiten Streik bleiben Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL unversöhnlich. Die Gewerkschaft fordert nun ein Eingreifen der Bundesregierung. Nach dem dreistündigen Lokführerstreik am Freitag zeigen sich beide Tarifparteien weiter unversöhnlich. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) will in der kommenden Woche notfalls auch ohne größere Ankündigung streiken, wenn ihr bis Dienstagmittag kein neues Angebot vorliegen sollte. Bahn-Personalvorstand Margret Suckale schloss Zugeständnisse an die GDL aus. GDL-Chef Manfred Schell sagte der Passauer Neuen Presse: "So, wie die Bahn mit uns umgegangen ist, werden wir anderenfalls Streiks nur noch kurzfristig ankündigen". "Der Bahnvorstand hat die Lokführer ständig diskreditiert." Schell sprach sich außerdem für ein "klärendes Gespräch" mit dem Bahnvorstand und der Bundesregierung aus. "Als Eigentümer hat der Bund eine Verpflichtung. Die Bundesregierung kann sich dieses Spiel nicht länger ansehen. Die Aufrufe, man solle sich am Riemen reißen, verhandeln und Streiks vermeiden, helfen nicht mehr." Gefordert seien Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Tiefensee lehnt eine Einmischung ab. Suckale sagte der Bild am Sonntag: "Wir lassen uns weder erpressen noch einschüchtern. Unser Angebot steht: Jeder Lokführer, der will, kann zehn Prozent mehr Geld verdienen. Das ist fair." Unfair sei es hingegen, "wenn GDL-Chef Manfred Schell weiterhin seine absurden Lohnforderungen von 31 Prozent auf dem Rücken von Millionen Bahnkunden und der anderen 220 000 Bahnmitarbeiter durchsetzen will", kritisierte Suckale. Arbeitsplätze in Gefahr? Sie betonte, dass die "GDL-Streikwilligen gerade einmal drei Prozent aller Konzernbeschäftigten" repräsentierten. Suckale warf der GDL vor, durch ihre Streiks den Verlust von Arbeitsplätzen in Kauf zu nehmen. "Offenbar scheut GDL-Chef Manfred Schell nicht davor zurück, Arbeitsplätze bei der DB AG in Gefahr zu bringen". Am Freitag hatte die Gewerkschaft im morgendlichen Berufsverkehr für drei Stunden Nahverkehrszüge und S-Bahnen in ganz Deutschland bestreikt. Die Bahn hatte aber bereits einen ganztägigen Notfahrplan aktiviert. Dadurch fuhr nur die Hälfte der üblichen knapp 40 000 Züge. Millionen Pendler mussten Verspätungen hinnehmen. Das Arbeitsgericht Chemnitz hatte einen Streik der GDL erst in der Nacht zum Freitag für den Nahverkehr zugelassen, nicht aber ebenfalls geplante Aktionen im Güter- und Fernverkehr. Der Ausstand dauerte von 8.00 bis 11.00 Uhr. Weder auf den Bahnhöfen noch im Straßenverkehr der Ballungszentren gab es ein Chaos. Viele Pendler machten sich offenkundig früher auf den Weg und vermieden so die Streikzeit. Es war die erste Arbeitskampfmaßnahme der GDL seit zwei Monaten. 31 Prozent mehr Lohn Die GDL will einen eigenständigen Tarifvertrag und 31 Prozent mehr Geld für das Fahrpersonal durchsetzen. Die Bahn lehnt einen separaten Vertrag ab und verweist auf ihr bereits vorgelegtes Angebot. Demnach soll die GDL den mit den anderen Gewerkschaften Transnet und GDBA erzielten Abschluss mit 4,5 Prozent Einkommensplus übernehmen. Durch bezahlte Mehrarbeit könnten die Lokführer am Ende bis zu zehn Prozent mehr Geld in die Tasche bekommen. Die Bahn hatte vorsorglich Notfahrpläne bis zum Betriebsschluss am Freitag aufgestellt. "Die Entscheidung des Gerichts kam so spät, dass wir keine andere Wahl hatten, als die Ersatzfahrpläne anzuwenden", sagte Suckale. Solche Pläne sollen auch zum Einsatz kommen, falls die Lokführer nochmals streiken. Die Bahn sah ihre Rechnung aufgegangen: Zwei Drittel der 750 Fernzüge seien gefahren. Im Regionalverkehr habe man im Durchschnitt etwa die Hälfte des normalen Verkehrs angeboten. Blockaden seien verhindert worden. Streikende mußten Bahnhöfe verlassen Der Fahrgastverband Pro Bahn bescheinigte der Bahn eine richtige Reaktion. "Ein geplanter Ausfall ist immer noch kalkulierbarer", sagte der Vorsitzende Karl-Peter Naumann der Deutschen Presse-Agentur dpa. In einigen Regionen habe die Bahn jedoch "etwas überreagiert", etwa beim Streichen von Intercity-Zügen. In mehreren großen Bahnhöfen forderte die Bahn nach eigenen Angaben streikende Lokführer zum Verlassen des Geländes auf. Sie hätten versucht, "massiven Einfluss auf fahrbereite Lokführer zu nehmen und sie bedrängt, sich am Streik zu beteiligen", berichtete das Unternehmen. GDL-Mitglieder hätten versucht, Servicepersonal daran zu hindern, Kunden Auskünfte zu geben. Deshalb habe die Bahn von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht und die Streikenden aus den Bahnhöfen gewiesen, sagte ein Bahnsprecher. Die Entscheidung des Chemnitzer Arbeitsgericht löste eine politische Diskussion über die Mittel des Tarifkonflikts aus. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer sprach von einem Angriff auf das Streikrecht, mit dem auch die grundgesetzlich garantierte Tarifautonomie attackiert werde. Es sei "höchst problematisch", dass das Gericht bei der Prüfung der Verhältnismäßigkeit bestimmte Streikmaßnahmen für unzulässig erklärt habe. "Das Streikrecht ist nicht teilbar", stellt Sommer in Berlin fest. | Auch nach dem bundesweiten Streik bleiben Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL unversöhnlich. Die Gewerkschaft fordert nun ein Eingreifen der Bundesregierung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-dem-bahn-streik-gdl-verlangt-eingreifen-der-regierung-1.891603 | Nach dem Bahn-Streik - GDL verlangt Eingreifen der Regierung | 00/05/2010 |
Johan van der Veer, der neue Chef des drittgrößten Ölkonzerns der Welt, schlittert von einer Peinlichkeit in die nächste. Jetzt musste der Niederländer zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Monaten zugeben, dass die zum Abbau vorgesehenen Ölreserven des Unternehmens viel geringer sind als ursprünglich vermutet. Die niederländische Königin Beatrix ist nach Berechnungen der britischen Presse dieses Jahr schon um etwa 375 Millionen Euro ärmer geworden. Als Großaktionärin bei Royal Dutch/Shell ist der Einbruch der Aktie die Oranierin teuer zu stehen gekommen. Detailansicht öffnen Johan van der Veer - der neue Mann an der Spitze von Shell versucht sich momentan im Krisenmanagement. (Foto: Foto: dpa) Derweil rutscht "die Königliche" unter den Ölkonzernen immer tiefer in die Krise. Shell stößt im Moment weniger auf Öl als auf falsche Zahlen. In mehreren Ländern werden ihre Geschäftspraktiken mittlerweile von den Aufsichtsbehörden untersucht. Jahresbericht und Hauptversammlung wurden um Monate verschoben. "Drittklassige Shell" im "PR-Desaster" In der vergangenen Woche korrigierte der niederländisch-britische Multi seine Ölreserven zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten nach unten. "Das ist ein PR-Desaster", urteilt der britische Fernsehsender BBC. Im Vergleich zu den Konkurrenten ExxonMobil und BP sehe Shell "drittklassig" aus: "Die Firma findet neues Öl und Gas nicht im entferntesten so schnell wie die anderen beiden." Die Times fragt bereits: "Haben Räuber die lahme Shell im Visier?" Das Ungemach hatte am 9. Januar begonnen, als Shell seine Reserven um 20 Prozent nach unten korrigierte. Was Fondschefs und Großanleger dabei besonders empörte, war die lakonische Art, mit der dies geschah. Sie entsprach ganz dem Ruf des Muschel-Konzerns als einer geschlossenen Auster, die kaum mit der Außenwelt kommuniziert. Shell-Chef Sir Philip Watts musste dafür mit seinem Posten bezahlen. Nach Presseberichten droht ihm in den USA nun sogar eine strafrechtliche Verfolgung, weil er angeblich schon zwei Jahre wusste, dass mit den Reserven etwas nicht stimmte. Forderung nach frischem Blut Auch sein Nachfolger Jeroen van der Veer soll eingeweiht gewesen sein, was er in der vergangenen Woche aber erstmals bestritt. So oder so fordern viele Aktionäre "frisches Blut" für die Unternehmensspitze. Van der Veer gilt ihnen als typischer Shell-Funktionär, als Vertreter einer Oligarchie, der keine durchschlagenden Reformen zugetraut werden. Dabei geht es vor allem um die hoch komplizierte Hierarchie des binationalen Unternehmens, die seit fast hundert Jahren unverändert ist. "Wir wollen eine einzelne Struktur mit einem neuen, unabhängigen Chairman", fordert Robert Talbut vom Fondsmanager Isis. Doch Van der Veer blockt ab: "Wir glauben, dass die ganze Reserven-Sache mit der Struktur der Shell-Gruppe nichts zu tun hat." Überprüfung hat erst angefangen Zurzeit überprüft Shell fieberhaft seine Ölfelder. Die zweite Reserven-Korrektur in der vergangenen Woche kam nach Informationen des Observer, nachdem die Überprüfung zu gerade einmal 40 Prozent abgeschlossen war: "Sie haben große Angst davor, was sie bei den übrigen 60 Prozent feststellen werden", zitierte die Zeitung einen Branchenexperten. Doch auch andere Ölkonzerne rücken jetzt ins Blickfeld von Aktionären und Behörden. "Die gesamte Öl- und Gasindustrie wird unters Mikroskop kommen", sagt der Independent on Sunday voraus. Denn inzwischen dürfte klar sein, dass es im Geschäft mit dem "schwarzen Gold" noch viele Grauzonen gibt. | Johan van der Veer, der neue Chef des drittgrößten Ölkonzerns der Welt, schlittert von einer Peinlichkeit in die nächste. Jetzt musste der Niederländer zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Monaten zugeben, dass die zum Abbau vorgesehenen Ölreserven des Unternehmens viel geringer sind als ursprünglich vermutet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/shell-tief-in-der-krise-die-muschel-klappt-zusammen-1.901115 | Shell tief in der Krise - Die Muschel klappt zusammen | 00/05/2010 |
Arbeit und Bier, das ist für Frantisek Cechura kein Gegensatz. Dort, wo der stämmige Glasbläsermeister arbeitet, kann die Kehle schon mal trocken werden: Auf bis zu 40 Grad heizt sich die Luft in der Glashütte von Moser im tschechischen Karlsbad (Karlovy Vary) an warmen Sommertagen auf. Detailansicht öffnen Schweißtreibende Arbeit: Das Glasblasen erfordert jede Menge Erfahrung. (Foto: Foto: Moser) Wenn Cechura und seine Kollegen an den insgesamt drei Öfen der Hütte also mal wieder dem kühlen Blonden zusprechen, dann eher zur Erfrischung als des Rausches wegen. Das hat sogar die Werksleitung eingesehen und den Genuss von bis zu vier Flaschen Bier pro Schicht erlaubt. Traditionelle Arbeitsteilung Einen halbwegs klaren Kopf sollten die Glasbläser des Traditionsherstellers allerdings bewahren, denn ihr Handwerk erfordert eine gehörige Portion Konzentration -- und Erfahrung. Das Glasblasen in der streng hierarchisch organisierten Hütte geht noch in der traditionellen Arbeitsteilung vonstatten: Erst nach einer dreijährigen Lehrzeit wird ein Geselle in eine der dreiköpfigen Arbeitsgruppen aufgenommen, wo er dann zunächst die Grundform des entstehenden Gefäßes anblasen darf. Der Meistergehilfe und schließlich ein Meister wie Cechura hauchen dann dem Glas die letzte Form ein. Dabei dauert es immerhin acht bis zehn Berufsjahre bis ein Geselle den Aufstieg zum Meister schafft. Die Qualität der so in Tschechien über Generationen hinweg betriebenen Glaskunst ist weltweit anerkannt, und unter den Herstellern des Landes zählt die 1857 von Ludwig Moser gegründete Firma zu den Renommiertesten. Reine Rohstoffe und aufwändige Bearbeitung Seinen Ruf begründete das Unternehmen dabei unter anderem damit, dass seine Gläser funkeln wie Bleikristall, obwohl sie kein Blei enthalten. Diese Qualität ist nur mit reinen Rohstoffen und aufwändiger Bearbeitung zu erreichen, wobei sich der Aufwand lohnt: Die auf das aufwändigste geschliffenen, gravierten und dekorierten Gläser, Karaffen, Schüsseln und Vasen des Hauses finden sich auf den Festtafeln des Buckingham Palastes ebenso wie bei Banketten im Vatikan oder Galadiners im Großen Königspalast von Bangkok. Im Gegensatz zu vielen anderen tschechischen Herstellern wie etwa Sklo Bohemia oder Crystalex, die zumindest teilweise auf vollautomatische Produktion umgestellt haben, produziert Moser das "Glas der Könige", wie es auf Grund der aristokratischen Kundschaft genannt wird, zudem noch in reiner Handarbeit. Niemals völlig identisch Trotz neuer Technologien, die die Unterscheidung zwischen hochwertigem Industrieglas und Gläsern aus Handarbeit selbst für Experten schwer machen, besteht für Michaela Kopicova aus Mosers Marketing-Abteilung ein entscheidender Unterschied: "Durch die Handarbeit wird ein Service aus sechs oder acht Gläsern viel individueller, da die Einzelstücke nicht völlig identisch ausfallen", wirbt sie für die Produkte ihres Hauses. Doch dieses gewisse Extra erfordert einen geradezu anachronistisch anmutenden Aufwand. Auf Grund der hohen Qualitätsstandards, die zu etwa fünfzig Prozent Ausschuss führen, schafft ein Team aus drei Glasbläsern nur zwanzig bis dreißig Trinkgläser oder acht Vasen pro Stunde. Da lediglich sechs bis acht solcher Teams bei Moser im Einsatz sind, fallen die Produktionszahlen im Vergleich zur industriellen Fertigung also höchst überschaubar aus. | Die tschechische Glas-Manufaktur Moser beliefert die Königshäuser der Welt. Mit reiner Handarbeit gelang es dem Traditionsunternehmen die Strukturkrise der Branche zu meistern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/edle-glaeser-das-kristall-der-koenige-1.899820 | Edle Gläser - Das Kristall der Könige | 00/05/2010 |
Der Deutschen Telekom laufen die Kunden weg, und der Aktienkurs will einfach nicht richtig steigen. Die Geduld des Aufsichtsrats mit dem Konzernchef scheint jetzt aufgebraucht zu sein: Kai-Uwe Ricke muss aller Voraussicht nach noch dieses Jahr gehen. Der Aufsichtsrat des Bonner Konzerns werde im November zu einer Sondersitzung zusammenkommen, erfuhr die Süddeutsche Zeitung aus informierten Kreisen. Bei dem Treffen soll vorrausichtlich die anstehende Vertragsverlängerung von Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke nicht mehr auf der Tagesordnung stehen. Detailansicht öffnen Das Vertrauen der Mitarbeiter in das Management ist erschüttert: Telekom-Chef Ricke muss vorraussichtlich gehen. (Foto: Foto: Reuters) Als Nachfolger ist René Obermann im Gespräch, der Chef der Mobilfunksparte T-Mobile. Auch über dessen mögliche Berufung könnte der Aufsichtsrat in der Sondersitzung beraten. Ricke war in die Kritik geraten, weil der Telekom die Kunden weglaufen, er massiv Personal abbaut und der Aktienkurs nicht steigt. Spekulationen in den vergangenen Wochen Bereits in den vergangenen Wochen war immer wieder darüber spekuliert worden, ob Rickes Vertrag, der bis Herbst 2007 läuft, verlängert wird. Zuletzt hatten mehrere Medien gemutmaßt, Ricke werde statt der üblichen Verlängerung um fünf Jahre nur ein neuer Vertrag über drei Jahre angeboten. Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel hatte diese Berichte als ,,blanken Unsinn'' bezeichnet. Sie entbehrten jeder Grundlage. Darüber hinaus lehnte Zumwinkel, der auch Vorstandschef der Deutschen Post ist, jeden Kommentar ab. Entscheidung am vergangenen Mittwoch Offenbar soll der Vertrag von Ricke nun überhaupt nicht verlängert werden. Das Präsidium des Aufsichtsrats habe auf seiner Sitzung am vergangenen Mittwoch entschieden, die Vertragsverlängerung nicht auf die Tagesordnung der nächsten Aufsichtsratssitzung zu setzen, hieß es in den informierten Kreisen. Das nächste reguläre Treffen der Aufseher war ursprünglich für den 5. Dezember vorgesehen. Stattdessen werde das Gremium nun aber schon in der zweiten Novemberhälfte tagen, bestätigten mehrere mit der Sache vertraute Personen der SZ. Als Termin für die außerordentliche Aufsichtsratssitzung werde der 19. November angestrebt, hieß es an anderer Stelle. Noch kein formaler Beschluss Den Aufsehern könnte dann auch der Vorschlag unterbreitet werden, René Obermann zum neuen Telekom-Chef zu berufen. Formal gebe es über den Wechsel an der Telekom-Spitze allerdings noch keinen Beschluss, hieß es. | Der Deutschen Telekom laufen die Kunden weg, und der Aktienkurs will einfach nicht richtig steigen. Die Geduld des Aufsichtsrats mit dem Konzernchef scheint jetzt aufgebraucht zu sein: Kai-Uwe Ricke muss aller Voraussicht nach noch dieses Jahr gehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/plaene-im-aufsichtsrat-telekom-chef-ricke-vor-dem-rauswurf-1.914644 | Pläne im Aufsichtsrat - Telekom-Chef Ricke vor dem Rauswurf | 00/05/2010 |
VW wagt sich mit einem Werk nach Russland. Westliche Unternehmen haben dort zwar immer wieder Probleme mit ihren Investments - doch der Markt des Riesenlandes ist einfach zu groß und zu ungesättigt, um den Wettbewerbern überlassen zu werden. Der Volkswagen-Konzern hat den Bau seines ersten Werkes in Russland in Angriff genommen. VW-Chef Bernd Pischetsrieder und der russische Wirtschaftsminister German Gref legten nach Mitteilung des Unternehmens am Wochenende den Grundstein für eine Autoproduktion in der nahe Moskau gelegenen Stadt Kaluga. Detailansicht öffnen VW-Chef Bernd Pischetsrieder (links) im Gespräch mit dem russischen Wirtschaftsminister German Gref und dem Gouverneur der Region Kaluga, Anatolij Artamonow. (Foto: Foto: dpa) Der Vertrag für das Werk war bereits im Mai dieses Jahres unterzeichnet worden. Nach Angaben des größten europäischen Autobauers soll in Kaluga bereits im kommenden Jahr mit der Montage von teilzerlegten Fahrzeugen der Marken Volkswagen und Skoda begonnen werden. 2009 werde dann die volle Produktion mit einer jährlichen Kapazität von 115.000 Fahrzeugen für den russischen Markt aufgenommen. Drei auf zehn Prozent Das strategische Ziel für VW lautet: den Marktanteil in Russland von heute drei auf dann zehn Prozent auszubauen. Pischetsrieder sagte in Kaluga: ,,Der russische Automarkt gehört zu den interessantesten der Welt. Bislang sind die Marken des Konzerns nur über Vertriebsgesellschaften in dem Land vertreten. Wenn wir aber an dem absehbaren Wachstum teilhaben wollen, müssen wir auch in Russland fertigen.'' Ein Werk werde erfahrungsgemäß auch den Import kompletter Fahrzeuge stärken, erwartet der VW-Konzernchef. Der deutsche Hersteller bringt mit seiner Expansions-Strategie den koreanischen Konkurrenten Hyundai in Zugzwang. Dessen Vizepräsident für Mittel- und Osteuropa hatte vor vier Wochen bei der Automesse in Paris angekündigt, man prüfe die Möglichkeiten für eine Fabrik in Russland. Nicht mehr allzu viel Zeit Den Asiaten bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Denn ausländische Autohersteller müssen sich bis zum Jahresende für den Bau von Fabriken in Russland entscheiden, um eine Steuer zu vermeiden, die zwischen 15 und 30 Prozent auf den Wert ihrer Fahrzeuge betragen kann. So sieht es ein russisches Gesetz vor. Nicht zuletzt diese Regelung führte dazu, dass in den vergangenen Monaten außer Volkswagen auch die Autoproduzenten General Motors und Nissan den Bau von Werken in Russland ankündigten. Ford, Renault, BMW und Kia fertigen schon seit Jahren im Land und vermeiden so die Importzölle. Der russische Markt boomt seit Anfang vorigen Jahres, als erstmals mehr ausländische als Fahrzeuge einheimischer Produzenten verkauft worden sind. Lukrativ Der russische Markt ist für VW offenbar so lukrativ, dass auch die speziellen Schwierigkeiten in dem riesigen Reformstaat in Kauf genommen werden. Westliche Unternehmen müssten schon damit rechnen, "mal wieder geschröpft" zu werden, sagt der Russland-Experte Wolfgang Schrettl von der Freien Universität Berlin. Und zwar genau dann, wenn sie richtig gut verdienten. Diese Erfahrung habe auch BMW mit seinem Werk in Kaliningrad machen müssen. Wenn es ums Abkassieren ginge, hätten sich die dortigen Behörden als sehr phantasievoll erwiesen. "Da wird dann einfach die Verbindungsstraße zum Werk nicht fertig, es sei denn, sie wird eben bezahlt", erläutert Schrettl. | VW wagt sich mit einem Werk nach Russland. Westliche Unternehmen haben dort zwar immer wieder Probleme mit ihren Investments - doch der Markt des Riesenlandes ist einfach zu groß und zu ungesättigt, um den Wettbewerbern überlassen zu werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vw-baut-werk-in-russland-lockruf-des-ostens-1.914749 | VW baut Werk in Russland - Lockruf des Ostens | 00/05/2010 |
Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe und die EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio haben sich bei der Lkw-Maut auf einen Kompromiss geeinigt. Das System soll nun offenbar zum 2. November starten. Der Streit um die deutsche Lastwagen-Maut zwischen der EU-Kommission und der Bundesregierung ist beigelegt. Das sagte Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe nach einem Treffen mit Verkehrskommissarin Loyola de Palacio. Es werde ohne Zustimmung aus Brüssel keine Vergünstigungen für Spediteure geben. Die Maut soll vom 2. November an erhoben werden. Deutschland werde die von der EU-Kommission kritisch beäugten Kompensationszahlungen für Spediteure "in rechtlich eindeutiger Form" von der Maut abkoppeln, erläuterte Stolpe weiter. Dafür werde er Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) um einen eigenen Kabinettsbeschluss bitten. Außerdem werde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die offene technische Fragen klären und gewährleisten solle, dass es keine Diskriminierung ausländischer Spediteure und keine Behinderung des Warenverkehrs gebe. Palacio: Abänderung des EU-Verfahrens De Palacio sagte ihrerseits zu, wenn Deutschland die Abkoppelung rechtlich verbindlich regele, werde das laufende EU-Verfahren verändert. Es beziehe sich dann nur noch auf die Kompensationszahlungen für Spediteure. Bislang hatte de Palacio die Auffassung vertreten, dass die Maut solange nicht starten dürfe, bis das Prüfverfahren zu den Ausgleichszahlungen abgeschlossen sei. Die Kommission hatte Ende Juli gegen das Mautsystem ein Verfahren eingeleitet. Die Brüsseler Behörde vermutet in dem System eine versteckte staatliche Beihilfe für deutsche Spediteure. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kommissionspräsident Romano Prodi hatten bereits am Wochenende den Kompromissrahmen abgesteckt. Mit der grundsätzlichen Einigung rückt de Palacio auch von ihrer Position ab, die Maut bis zum Abschluss des Prüfverfahrens zu stoppen. Kritik der Transportunternehmen Der Bundesverband der Transportunternehmen (BVT) kritisierte unterdessen das Angebot an Brüssel, die Maut ohne die von der Kommissarin kritisierte Kompensation einzuführen. Der BVT forderte daher, den Start der Maut zu verschieben, bis eine tragfähige Kompensation erreicht sei und die technischen Probleme des Systems beseitigt seien. Um die Rahmenbedingungen für das deutsche Transportgewerbe insgesamt zu verbessern, sollte die Kraftfahrzeug- und Dieselsteuer auf europäisches Mindestniveau gesenkt werden. Damit wäre das Transportgewerbe für die Maut gewappnet, sagte die BVT-Vorsitzende Dagmar Wäscher. Die Bundesregierung bevorzugt ein Maut-Erstattungssystem gegen Vorlage der Tankrechnungen, sagte Stolpe. Weil aber die Kommission darin eine Bevorzugung der deutschen Unternehmer sehe, gebe es auch die Möglichkeit, stattdessen die Kfz-Steuer für Lkw auf europäisches Niveau zu senken. Ohnehin sei diese Steuer in Deutschland höher als in anderen EU-Ländern. | Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe und die EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio haben sich bei der Lkw-Maut auf einen Kompromiss geeinigt. Das System soll nun offenbar zum 2. November starten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-um-lkw-maut-beendet-keine-verguenstigung-fuer-spediteure-1.904515 | Streit um Lkw-Maut beendet - Keine Vergünstigung für Spediteure | 00/05/2010 |
(SZ vom 31.07.2003) — Das Jahr haken wir ab, heißt es heute in vielen Unternehmen. Nachdem noch im Jahr 2002 von Quartal zu Quartal mit besseren Zeiten gerechnet worden war, ist für die meisten Firmen mittlerweile klar, dass im laufenden Jahr keine großen Sprünge mehr möglich sind. Mutige erwarten für die zweite Jahreshälfte eine leichte Belebung, aber realistischerweise kann erst für 2004 mit einem deutlichen Wachstumsschub gerechnet werden. Mit Prognosen halten sich die Unternehmen auffällig zurück, schwer wiegt der Vertrauensverlust durch manche großsprecherische Ankündigung in den Vorjahren, die 2002 dann bitter konterkariert wurden. Missmut nur teilweise berechtigt Der allgemeine Missmut ist nur noch teilweise berechtigt. Denn bei Lichte besehen geht es vielen Unternehmen heute bereits wieder deutlich besser als 2002 - dem Jahr der verhagelten Bilanzen. Nachdem nun alle Daten des vergangenen Jahres vorliegen und ausgewertet sind, präsentiert die Süddeutsche Zeitung wie jeden Sommer die Firmenrangliste für Deutschland und die Welt. In der Summe handelt es sich um eine Bilanz des Schreckens. Jahr der Rückschläge: Dramatisch anzusehen ist der Niedergang des Börsenwertes, der nach 2001 erneut fast allen gelisteten Unternehmen ein dickes Minus beschert hat; für die großen und kleinen Anleger war es eine (Buch-)Geldvernichtung gigantischen Ausmaßes. Aber auch der Umsatz, eine für die Bewertung der Qualität des Unternehmens handfestere Größe, ging vielfach zurück. Beim Ergebnis sieht das Bild mitunter günstiger aus. Doch darf der Beobachter sich von den entsprechenden Zahlen nicht täuschen lassen. Ergebnis und Überschuss lassen sich - in voller Übereinstimmung mit den Regeln - vielfältig gestalten, und manche Finanzvorstände haben diese Kunst zu großer Perfektion entwickelt. Geschminkte Bilanzen Dass Bilanzen immer schwerer zu lesen und zu durchschauen sind, ist die Folge auch der im Wandel befindlichen Buchführung. Immer komplizierter sind in den vergangenen Jahren im Zeichen von Globalisierung und moderner Bilanzierungstheorien die international verhandelten Methoden zur Berechnung des Gewinns geworden. Weit vorangeschritten ist die Umstellung vom guten alten Handelsgesetzbuch (HGB) zu den internationalen Standards. Viele Unternehmen nutzen diese Möglichkeiten offensiv. Dass beispielsweise DaimlerChrysler in den Listen als das deutsche Unternehmen mit den höchsten Jahresüberschüssen verzeichnet ist, obwohl der einzige globale Konzern mit Sitz in Deutschland bekanntermaßen schwer zu kämpfen hat, erklärt sich auch durch eine geschickte Buchführung. Das ausgewiesene Konzernergebnis von 4,7 Milliarden Euro ist untypisch aufgeblasen durch den Verkauf von 49,9 Prozent an T-Systems (früher Debis Systemhaus) sowie der 40-Prozent-Beteiligung an Temic. Diese Verkäufe brachten 2,6 Milliarden Euro. Immerhin sind die Sanierungskosten für den amerikanischen Chrysler-Konzernteil einbezogen. Jahr der Abschiede: Vergleichsweise wenig Spielraum zur Kosmetik bietet die Zahl der Beschäftigten. Sie ist in vielen Konzernen massiv zurückgegangen: Massenentlassungen bei den Konzernen, kontinuierlicher Personalabbau bei den kleineren Unternehmen. Auch im Management gab es Veränderungen. Die meisten der Gefeuerten fielen dank großzügigster Abfindungsregelungen weich. Gestürzt wurden Medienstars wie Ron Sommer (Telekom) und Thomas Middelhoff (Bertelsmann). Weniger schillernd, aber um so mächtiger war Allianz-Chef Schulte-Noelle, der überraschend und freiwillig den Abschied ankündigte, um dem gebeutelten Unternehmen mit verjüngter Spitze einen Neuanfang zu erleichtern. Wieder andere konnten ihren Abgang planmäßig inszenieren: In der Strombranche wurde im Jahr 2002 ein beispielloser Wechsel vorbereitet. Top-Manager wie Eon-Chef Ulrich Hartmann, RWE-Chef Dietmar Kuhnt, und Gerhard Goll, Vorstandsvorsitzender EnBW, verabschiedeten sich, neue Gesichter sollen die Konzerne in den kommenden Jahren prägen. Neuer Führungsstil Insgesamt ist in den Chefetagen eine neue Nüchternheit auszumachen, für die exemplarisch der Chef des immer noch mit Abstand größten deutschen Konzerns, die Telekom AG in Bonn, steht: Kai-Uwe Ricke hat dem Unternehmen einen neuen Führungsstil beschert. Eine alte Regel findet neue Beachtung: Medienstars taugen nur in erfolgreichen Zeiten, in schlechten Jahren zählt allein die Leistung - die besser im Verborgenen und mit einer gewissen Bescheidenheit erbracht wird. Mit Jürgen Schrempp hält sich einer der letzten exponierten Wachstumsprediger vergangener Boomjahre im Amt. Erfolgreicher sind die stillen Macher beim Konkurrenten BMW, die in der Öffentlichkeit wenig bekannt sind und auch nicht sein wollen. Die bayerische Premiummarke liegt vom Umsatz her noch immer weit hinter DaimlerChrysler, hat es jetzt aber mit einem Umsatzsprung von knapp 30 Prozent (in Dollar gerechnet) unter die 50 größten Unternehmen der Welt geschafft. Jahr der Neuausrichtung: In Ermangelung großer Zuwachspotentiale konzentrierten sich die Unternehmen auf die Restrukturierung. Einfallslose Manager verstanden darunter nur Personalabbau. Weitsichtigere Köpfe widmeten sich der qualifizierten Neuorganisation. Obwohl der Merger & Acquisitions-Markt, also das große Fusionsspiel, gesamtwirtschaftlich stark an Bedeutung verloren hat, wurde in einigen Branchen massiv umgebaut. Anderes Profil Beispiel Eon: In der Hitliste 2002 ist der Energieriese als Verlierer verzeichnet: In Deutschland von Platz 4 auf Platz 10, weltweit ist er gar aus der Liste der 50 Größten herausgefallen (Vorjahr: Platz 24). Grund: Nach der Fusion von Veba und Viag und im Vorfeld des Kaufs von Ruhrgas hat sich Eon von zahlreichen Beteiligungen getrennt: Veba Oel ging an Aral, die Spedition Stinnes an die Bahn, der Verpackungshersteller Schmalbach-Lubeca wurde zu Bell Packaging Europe. Zugleich hat Eon im Kerngebiet zugekauft - und sich ein neues Profil geschaffen, das sich in den kommenden Jahren auszahlen soll. Bei den Banken und Versicherungen (die in einer eigenen Folge 2 der SZ-Serie in der kommenden Woche behandelt werden) fällt ein neuer Name auf: Eurohypo, der Zusammenschluss der Hypothekenbanken der drei Frankfurter Privatbanken Deutsche, Dresdner und Commerzbank. Ein Beispiel für die wachsende Zusammenarbeit in einer Branche, die das schlechteste Jahr der Nachkriegsgeschichte zu verzeichnen hat. Die HypoVereinsbank beziehungsweise ihre Vorgängerin, die Vereinsbank, hat zum ersten Mal seit Kriegsende einen Verlust ausgewiesen. | Umsatzeinbrüche, Kursverluste und Entlassungen: Das lange Warten auf den Konjunkturaufschwung in Amerika, Europa, und Asien. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/top-50-unternehmen-der-welt-neuer-kurs-nuechternheit-1.902352 | Top-50-Unternehmen der Welt - Neuer Kurs Nüchternheit | 00/05/2010 |
Ob Zapfhähne, Einkaufstaschen oder Salzstreuer - nichts ist mehr vor Fälschern sicher. Der Plagiarius kürt alljährlich jene Firmen, die beim Abkupfern am dreistesten vorgehen. Die meisten Deutschen denken beim Thema Produktpiraterie unweigerlich an die gefälschten Gucci-Taschen, die ihnen an vielen Urlaubsorten zu einem Spottpreis angeboten werden. Detailansicht öffnen Links das Original, rechts die Fälschung eines Notizbuches von Moleskine. (Foto: Foto: Plagiarius) Doch das Problem des Abkupferns ist längst weiter verbreitet als den meisten bewusst ist. Deutsche Hersteller klagen über Plagiate von Haushaltartikeln, Accessoires und Kosmetik. Doch die Fälscher schrecken auch vor kopiertem Kinderspielzeug, Leuchten, Medikamenten, Werkzeugen und hoch komplexen mechanischen und elektronischen Geräten nicht zurück. 75 Millionen gefälschte Artikel Die Europäische Kommission schätzt, dass jährlich global ein volkswirtschaftlicher Schaden in Höhe von 200-300 Milliarden Euro entsteht. Dies untermauert auch die von der EU-Kommission veröffentlichte Zollstatistik. Danach wurden 2005 an den EU-Außengrenzen vom Zoll mehr als 75 Millionen gefälschte Artikel beschlagnahmt. Um dem Problem Herr zu werden, setzt die Union auf stärkere Kontrollen. Der deutsche Verein Plagiarius hingegen, der sich bereits seit 30 Jahren mit diesem Thema beschäftigt, setzt auf eine Sensibilisierung des Verbraucherbewusstseins. Es war 1977, als der Designer Rido Busse zum ersten Mal selbst vom Ideenklau betroffen war. Aus diesem Anlass rief er den Negativpreis "Plagiarius" ins Leben, welcher alljährlich jene Firmen prämiert, die innovative Ideen und technisches Know-how anderer 1:1 übernehmen und als eigene Leistung ausgeben. 58 Einsendungen 2007 erreichten die aus Unternehmern, Vertretern der Verbände und Juristen zusammengesetzte Jury insgesamt 58 Einsendungen. Die Begutachter zeigten sich ob der Dreistigkeit vieler Plagiatoren verblüfft und vergaben neben den drei Prämierungen acht Auszeichnungen und drei Sonderpreise. Einer dieser Sonderpreise wurde aus einem sehr kuriosen Anlass geschaffen - der "Hyänenpreis". Der Einkaufskorb "Carrybag" der Firma Reisenthel Accessoires aus Puchheim war bei Fälschern derart beliebt, dass zehn unterschiedliche Unternehmen diesen Einkaufskorb kopierten. | Ob Zapfhähne, Einkaufstaschen oder Salzstreuer - nichts ist mehr vor Fälschern sicher. Der Plagiarius kürt alljährlich jene Firmen, die beim Abkupfern am dreistesten vorgehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/negativ-preis-plagiarius-2007-die-koenige-der-faelscher-1.904405 | Negativ-Preis Plagiarius 2007 - Die Könige der Fälscher | 00/05/2010 |
Widersprüchliche Aussagen von der GDL: Gewerkschaftsvize Weselsky sagt, es werde bis Februar keine Arbeitsniederlegungen geben. Eine GDL-Sprecherin hält neue Streiks noch im Januar für möglich. Die Bahn beziffert die durch die bisherigen Arbeitskämpfe entstandenen Einbußen mit 150 Millionen Euro. Die Lokomotivführer-Gewerkschaft GDL schlägt in der Auseinandersetzung mit der Bahn wieder einen drohenden Ton an. GDL-Sprecherin Gerda Seibert sagte der Süddeutschen Zeitung auf Anfrage, sie wundere sich, dass es nun überall heiße, bis Ende Januar werde es keine Streiks geben. Zu Arbeitsniederlegungen werde es nur so lange nicht kommen, wie die nun vereinbarten Tarifverhandlungen liefen. "Wenn die Bahn keine ernsthaften Verhandlungen führt und diese keinen Schritt vorankommen, dann sind die Tarifverhandlungen gescheitert", sagte Seibert. "Und dann wird es Streiks geben, und dies vor dem 31. Januar." Die Äußerung steht in gewissem Gegensatz zu jener, mit der die Neue Ruhr-Zeitung den GDL-Vizevorsitzenden Claus Weselsky zitierte. Die Vereinbarung, die Gewerkschaft und Bahn am Dienstag in Berlin geschlossen haben, nannte Weselsky einen "echten Durchbruch". Und weiter: "Zumindest bis Februar wird nicht mehr gestreikt." Die GDL-Sprecherin sagte nun, von einem Durchbruch könne noch keine Rede sein, sondern lediglich von einem "Etappensieg" der Gewerkschaft. Beibehaltung der "Tarifeinheit" GDL und Bahn haben beschlossen, in den kommenden Wochen über einen "eigenständigen Tarifvertrag" für die Lokführer zu verhandeln. Die von der Bahn in den vergangenen Monaten immer wieder beschworene "Tarifeinheit" für den gesamten Konzern soll beibehalten und zugleich aufgegeben werden. Künftig soll es einen Manteltarifvertrag für alle Beschäftigten geben (in dem Krankmeldung, Lohnfortzahlung oder Fahrtvergünstigungen geregelt werden) sowie sechs Funktions-Tarifverträge, die auf einzelne Berufsgruppen zugeschnitten sind. Den Funktionstarif für die Lokführer soll allein die GDL aushandeln dürfen, darin sollen Bezahlung und Arbeitszeit festgelegt werden. Unklar ist, ob dies für sämtliche Regelungen, also auch für Zuschläge und die betriebliche Altersvorsorge gelten soll. Die GDL-Sprecherin bestätigte, dies sei noch auszuhandeln. Viele ungelöste Fragen In der Gewerkschaft sind die Reaktionen auf die Vereinbarung zurückhaltend. Die Vorsitzenden der Bezirke Berlin-Brandenburg-Sachsen sowie Mitteldeutschland, Hartmut Schaefer und Hans-Joachim Kernchen sagten auf SZ-Anfrage übereinstimmend, für sie seien damit noch "viele Fragezeichen" verbunden. Ihr nordrhein-westfälischer Kollege Frank Schmidt meinte nur: "Kein Kommentar." Mittwochabend wollte der GDL-Vorstand zu einer dreitägigen Klausur in Königswinter zusammenkommen. Auch bei den beiden anderen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA herrscht Skepsis. Transnet-Chef Norbert Hansen sagte, eine mögliche Bruchstelle sei die Altersversorgung. Falls die GDL auch diese allein regeln wollen, würden die Verhandlungen scheitern. Die GDBA riet zu "gesunder Skepsis". Neue Streiks könnten Arbeitsplätze gefährden Die Bahn hält sich mit Bewertungen zurück. Euphorie herrscht aber auch bei dem Konzern nicht, beendet sei der Konflikt mit dem Handschlag vom Dienstag noch nicht. Immerhin sei ein Streik aber zunächst abgewendet. Nach vorläufigen Schätzungen sei der Bahn bisher ein Schaden von 150 Millionen Euro entstanden, hieß es am Mittwoch aus dem Aufsichtsrat. Vor allem der Fern- und Güterverkehr seien in Mitleidenschaft gezogen worden; im Güterverkehr seien Kunden verloren gegangen. Sollte es neue Streiks geben, könne dies auch Arbeitsplätze kosten, verlautete aus dem Gremium. | Widersprüchliche Aussagen von der GDL: Gewerkschaftsvize Weselsky sagt, es werde bis Februar keine Arbeitsniederlegungen geben. Eine GDL-Sprecherin hält neue Streiks noch im Januar für möglich. Die Bahn beziffert die durch die bisherigen Arbeitskämpfe entstandenen Einbußen mit 150 Millionen Euro. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tarifkonflikt-bei-der-bahn-lokfuehrer-verschaerfen-wieder-den-ton-1.891679 | Tarifkonflikt bei der Bahn - Lokführer verschärfen wieder den Ton | 00/05/2010 |
Sie sind süß, bunt und umstritten: Alkoholische Fertig-Mixgetränke, auch "Alcopops" genannt. Nachdem Suchtexperten höhere Steuern und Warnhinweise gefordert haben, wird nun auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung aktiv. "Ich bin für Warnhinweise: 'Erst ab 18', ja". Mit diesen Worten stellte sich Marion Caspers-Merk (SPD), Drogenbeauftragte der Bundesregierung am Freitag hinter die jüngsten Forderungen von Suchtexperten. Diese wollen insbesondere Kinder und Jugendliche von modischen Alkohol-Mix-Getränken wie "Rigo" oder "Smirnoff Ice" fern halten. Caspers-Merk erklärte gegenüber sueddeutsche.de, dass sie aufgrund der aktuellen Datenlage nicht handeln könne — noch nicht. Sie wisse zwar, dass die Absatzzahlen der Alcopops steigen. "Aber wir haben keine aktuellen Zahlen über den Verbrauch bei Jugendlichen." Experten fordern mehr Steuern, Werbeverbot und Warnhinweise Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hatte die Bundesregierung am Donnerstag aufgefordert, mit einer Erhöhung der Steuer auf so genannte Alcopops um einen Euro je 0,1 Liter dem Beispiel der Schweiz zu folgen. Die Experten forderten außerdem ein Werbeverbot und — analog zu Zigaretten — Warnhinweise. Caspers-Merk kündigte an, dass Ende Oktober die Ergebnisse einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie über das Trinkverhalten Jugendlicher vorliegen. "Da geht es natürlich auch um Alcopops", sagte sie. Sollten die Befürchtungen der Gegner dieser Getränke zutreffen, werde sie "entsprechend reagieren". Ein europäisches Problem Die Drogenbeauftragte will sich darüber hinaus mit anderen europäischen Ländern über das Alcopops-Problem abstimmen. Konkret wolle sie ihre Kollegen aus Italien, Spanien und Frankreich zu dem Thema befragen. Dort gebe es ebenfalls ein Problem mit Jugendalkoholismus. Schließlich sagte Caspers-Merk, dass sie Familienministerin Renate Schmidt um ein gemeinsames Vorgehen ersucht hätte. Diese habe als Bundesministerin für die Jugend beim Thema Jugendschutz die Federfühung. Nach Mitteilung der Hauptstelle für Suchtfragen trinken bereits 37 Prozent der 15-jährigen Jungen und 25 Prozent der 15-jährigen Mädchen regelmäßig Alkohol. Binnen eines Jahres sei der Umsatz der Spirituosen-Mix-Getränke im Lebensmitteleinzelhandel um etwa 340 Prozent gestiegen. Hauptkonsumenten seien Kinder und Jugendliche. Mit szenetypischer Produktgestaltung und Werbung würden sie gezielt geködert. Mit extremer Süße und künstlichen Aromen werde der für "Anfänger" unangenehme Alkoholgeschmack überdeckt. 675,5 Prozent Umsatz-Plus Besonders erfolgreich ist etwa die Diageo Deutschland GmbH mit ihrer Marke "Smirnoff Ice". Zwischen der Einführung des Alcopops im Februar 2002 und dem 30. Juni 2003 verkaufte das Unternehmen insgesamt rund 150 Millionen 0,275-Liter-Flaschen. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2003 stieg nach Angaben des Unternehmens damit um 675,5 Prozent. | Sie sind süß, bunt und umstritten: Alkoholische Fertig-Mixgetränke, auch "Alcopops" genannt. Nachdem Suchtexperten höhere Steuern und Warnhinweise gefordert haben, wird nun auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung aktiv. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/alcopops-drogenbeauftragte-fuer-warnhinweise-1.907569 | """Alcopops"" - Drogenbeauftragte für Warnhinweise" | 00/05/2010 |
In vielen Branchen gelten bereits flexible Arbeitszeitmodelle - die Beschäftigten können mit der aktuellen Debatte wenig anfangen. (SZ vom 05.11.03) - Mancher ganz normale Arbeitstag von Stuart Kummer beginnt um fünf Uhr in der Frühe und endet erst um Mitternacht. Wenn Kummer Arbeit hat. "Am Set arbeiten wir mindestens zehn Stunden am Tag, manchmal auch 16 bis 18 Stunden", sagt der Regieassistent aus Berlin. Die maximale Arbeitszeit, berichtet Kummer, sei auch in den Verträgen festgelegt - aber er kann sich nicht einmal daran erinnern, wie viel Stunden das sind. In der Praxis interessiert das sowieso niemanden. Von den Beteiligten wird erwartet, dass sie so lange bleiben, bis das Tagespensum geschafft ist. "Mehr arbeiten geht gar nicht", sagt der 33-jährige Kummer. Die ganze Debatte um Arbeitszeitverlängerung ist für ihn ziemlich abstrakt. Die Wirklichkeit ist anders So einprägsam die Forderung klingt, die Deutschen müssten einfach mehr arbeiten, so wenig wird sie der Wirklichkeit im Land gerecht. Schon heute gibt es eine bunte Vielfalt an Arbeitszeitmodellen. Bei vielen dienen Tarifverträge, über die Arbeitgeber sich gerne aufregen, nur als unverbindliche Orientierungslinie. Die Menschen verstünden schon, dass es jetzt ums Anpacken gehe, um Wachstum und letztlich mehr Jobs zu schaffen, erklären manche Politiker - doch in den Büros und Fabriken ist viel Skepsis zu hören. Noch mehr arbeiten für das gleiche Geld? Das kommt für Birgit Schulz nicht in Frage. Die Verkäuferin hat einen Vertrag über 25 Wochenstunden, der Einzelhandel ist eine typische Teilzeitbranche. Kollegen nicht hängen lassen Doch Schulz steht einmal im Monat 30 bis 35 Stunden im Schlecker-Geschäft in Hamm (Sieg). So sei das halt, wenn eine Kollegin krank wird oder Urlaub hat. Falls die Filiale ihr Personalbudget überschreite, "wird auch schon mal unbezahlt eine Stunde länger gearbeitet, um die Kollegen nicht hängen zu lassen". Für die 49-Jährige steht deshalb fest: "Wir arbeiten so schon genug." Bei einer Sitzung des Betriebsrats, in dem sie Mitglied ist, habe sie erfahren, dass es ihrem Unternehmen gar nicht so schlecht gehe. Für Schulz zählt deshalb auch nicht das Argument, dass mit Zusatzarbeit die Jobs gesichert werden müssten. Doch sogar in ein und demselben Unternehmen gibt es verschiedene Meinungen. Alexander Rutkowsky, bei DaimlerChrysler in Stuttgart in der Motorenmontage, schwört auf die 35-Stunden-Woche der IG Metall. "Bei dem Tempo, das wir am Band haben, geht das sonst an die Gesundheit", sagt er. Da fühle er sich mit seinen 41 Jahren schon manchmal alt. Mehr Geld Kollege Nikolaus Heinrichs von der Achsmontage dagegen, vier Jahre älter, würde gerne mehr arbeiten, darf es laut Tarifvertrag aber nicht. Allerdings geht es ihm nicht um den Aufschwung, sondern um mehr Geld. Er hat gebaut, die Schulden drücken, und bald will die Ausbildung der drei Kinder bezahlt sein. Von Arbeitszeitverkürzung hält er gar nichts: "Die 35-Stunden-Woche hat nicht mehr Stellen gebracht, sondern nur mehr Roboter am Band". Gleichfalls bei Daimler arbeitet Konstanze Hubert. Wenn Daimler-Unternehmen von Australien bis zur Westküste der USA ein Problem mit ihren Computern haben, rufen sie bei der IT-Dienstleisterin an. "Schon wegen der Zeitverschiebung haben wir lange Arbeitszeiten", erklärt die Sachbearbeiterin. So arbeite sie "fast täglich" bis zu zehn Stunden, "ich will ranklotzen, ich bin noch jung" - aber sie muss aufpassen, dass sie damit nicht gegen die Firmenregeln zu Arbeitszeitkonten verstößt. In keiner Statistik der Welt Andere Mitarbeiter gehen abends zum Ausstempeln, erzählt sie, und kehren dann ins Büro zurück. Diese Arbeitszeiten werden in keiner Statistik der Welt erfasst. Anders als bei den Metallern lassen in manchen Branchen sogar die Traifverträge die längeren Arbeitszeiten zu, die manche Politiker derzeit lauthals fordern. In der Chemie geht es bis 40 Stunden, in der Nahrungsmittelindustrie sind es bis zu 45 Stunden, im Gastgewerbe unter Umständen noch mehr. Vielarbeiter Kummer, der von Tarifverträgen nichts weiß, hat manchmal monatelang keinen Auftrag. Wenn ein Film zu Ende gedreht ist, verlieren die Team-Mitglieder ihre Stellen. Eine typische Produktion dauere etwa zehn Wochen, erzählt der Regieassistent. Danach fällt er oft in ein tiefes Loch, zuletzt hatte er ein halbes Jahr lang kein Projekt. Und da, sagt der Berliner, würde es ihm auch nicht helfen, wenn die Wochenarbeitszeit verlängert würde. Was er braucht, weiß er ganz genau: "Mehr Jobs - da hätte ich nichts gegen." | In vielen Branchen gelten bereits flexible Arbeitszeitmodelle - die Beschäftigten können mit der aktuellen Debatte wenig anfangen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/flexible-arbeitszeitmodelle-am-alltag-vorbei-1.906006 | Flexible Arbeitszeitmodelle - Am Alltag vorbei | 00/05/2010 |
Erneut wurde der Chef eines deutschen Unternehmens zu Fall gebracht: Nach langem Streit mit dem US-Investor Guy Wyser-Pratte warf der Chef des Maschinenbauers IWKA das Handtuch. Es ist der zweite derartige Fall binnen vier Wochen: Bei der Deutschen Börse hatte der Londoner Hedgefonds TCI den Rücktritt von Vorstandschef Werner Seifert provoziert. Detailansicht öffnen Aufsichtsratschef Reinhard Engel spricht auf der Hauptversammlung zu den Aktionaeren der IWKA AG. (Foto: Foto: AP) Wyser-Pratte sagte am Freitag auf der Hauptversammlung in Karlsruhe, er wolle das Unternehmen nicht zerschlagen. Die Gewerkschaft IG Metall warnte vor einer Aufspaltung des Unternehmens mit seinen rund 12.000 Mitarbeitern. "Das würde einen massiven Stellenabbau bedeuten", sagte ein Sprecher. Aktie reagiert mit Kursgewinnen Die IWKA-Aktie reagierte mit einem Kursgewinn von rund 4 Prozent auf die Nachricht vom Rücktritt Fahrs. Der Aufsichtsratsvorsitzende Reinhard Engel sowie Aufsichtsratsmitglied Jürgen Hubbert, der frühere Mercedes-Chef, hatten nach Angaben des Unternehmens ebenfalls ihren Rücktritt angeboten. Die übrigen Aufsichtsratsmitglieder hätten die beiden aber einstimmig zum Bleiben aufgefordert. IWKA zählt rund 12.000 Mitarbeiter. Aufsichtsrat und Vorstand des Maschinenbauers wurden durch die Hauptversammlung nicht entlastet. Keine Zerschlagung Bei der Versammlung waren 54 Prozent des Grundkapitals anwesend. Rund 25 Prozent des Kapitals wird von ausländischen Fondsgesellschaften gehalten. Wyser-Pratte sagte: "Wir beabsichtigen nicht die Zerlegung der Gesellschaft." Es bestehe auch kein Interesse an einer Übernahme. IWKA müsse sich "stärker auf die Robotertechnik fokussieren." Der Maschinenbauer hat die Geschäftsbereiche Automobil-, Verpackungs- und Robotertechnik. Mit seinem Rücktritt habe Fahr im Interesse der Gesellschaft richtig gehandelt. | Erneut wurde der Chef eines deutschen Unternehmens zu Fall gebracht: Nach langem Streit mit dem US-Investor Guy Wyser-Pratte warf der Chef des Maschinenbauers IWKA das Handtuch. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-dem-fall-deutsche-boerse-die-investorenkeule-hat-wieder-zugeschlagen-1.905279 | "Nach dem Fall ""Deutsche Börse"" - Die Investorenkeule hat wieder zugeschlagen" | 00/05/2010 |
Die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs fordert von dem französischen Pharmakonzern eine Unterlassungserklärung. Seine Anzeigenkampagne im Zusammenhang mit der geplanten Übernahme von Aventis sei irreführend. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Wettbewerbszentrale, Hans-Frieder Schönheit, bestätigte am Donnerstag einen entsprechenden Vorabbericht des Handelsblatt. Die Anzeige mit dem Foto eines kranken Kindes sei irreführend, erklärte er. Dem Leser werde suggeriert, dass dem Kind namens "Jan" geholfen werden könne, wenn Sanofi den deutsch-französischen Aventis-Konzern übernehme. Einstweilige Verfügung Sollte Sanofi keine Unterlassungserklärung abgeben, werde die Wettbewerbszentrale eine einstweilige Verfügung vor Gericht beantragen, sagte Schönheit weiter. In dem Werbemotiv hatte Sanofi die Aventis-Aktionäre gefragt "Wollen sie Jan etwa sagen, dass seine Medizin erst in 20 Jahren erfunden wird?" Aventis-Chef Igor Landau kritisierte die Werbung ebenfalls, die auch in französischen Zeitungen geschaltet wurde. "Ich finde es an der Grenze, das Gesicht eines kranken Jungen für eine finanzielle Aktion zu verwenden", sagte Landau dem französischen Radio Europe-1. Aventis sehe inzwischen wachsende Chancen, die Übernahmeattacke abzuschmettern, meinte Landau. "Wir haben die Mittel", den Kauf abzuwehren, sagte Aventis-Chef Igor Landau am Donnerstag dem französischen Rundfunksender Europe 1. "Wir prüfen alle Szenarien und schließen dabei nichts aus", sagte Landau. Er sieht eine harte Schlacht mit dem Konkurrenten voraus, der am Montag 47 Milliarden Euro für Aventis geboten hatte. Landau nannte das Angebot des Konkurrenten lächerlich. "Alles was nicht 40 bis 50 Prozent höher ist, ist nicht interessant." Nach dem Management hatte am Mittwochabend auch der Aufsichtsrat das Angebot abgelehnt. Im Fall der Übernahme keine Kartellprobleme Die EU-Kommission dürfte einem Verbund von Sanofi-Synthélabo und Aventis keine Steine in den Weg legen, falls die Pharmakonzerne mit Brüssel zusammenarbeiten. Diese Erwartung äußerten Branchenexperten am Donnerstag in Brüssel. Bisher wurde kein Angebot zur Übernahme von Aventis in Brüssel zur Genehmigung angemeldet. Zwar könnte ein neuer Konzern mit erheblicher Marktmacht und Schwerpunkt in Frankreich entstehen. Doch in der Pharmabranche seien Wettbewerbsprobleme vergleichsweise einfach zu lösen, da für Brüssel jedes Produkt einen einzelnen Markt darstelle. Die Aventis-Aktie stieg am Donnerstag bis zum Nachmittag weiter um 1,07 Prozent auf 61,15 Euro. Vor dem Übernahmeangebot am Montag hatte die Aktie weniger als 58 Euro gekostet. Sanofi-Aktie unter Druck Dagegen steht die Aktie von Sanofi seit Beginn der Attacke auf der Verkaufsliste der Börsianer. Ihr Kurs fiel von rund 58 auf weniger als 56 Euro und gab am Donnerstag weiter auf 55,26 Euro nach. Anders als noch vor einer Woche ist Aventis damit an der Börse wieder mehr wert als Sanofi-Synthélabo. Außerdem sinkt der Wert des Übernahmeangebotes, weil der Kauf zum Großteil in Sanofi-Aktien bezahlt werden soll. Manche Börsianer spekulieren nun, Aventis könnte umgekehrt versuchen, Sanofi zu erwerben. "Unser bevorzugtes Szenario ist aber nicht das Gegenangebot, sondern das organische Wachstum von Aventis, wobei man die Gruppe so lässt, wie sie ist", sagte Landau. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) bekräftigte am Donnerstag sein Interesse an der Erhaltung der Aventis-Forschung in Deutschland. Die Pharmabranche gehöre zu den Zukunftsmärkten, sagte Clement im Bundestag. Auch die französische Regierung hat ihr Interesse an der Erhaltung der Arbeitsplätze bekundet. | Die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs fordert von dem französischen Pharmakonzern eine Unterlassungserklärung. Seine Anzeigenkampagne im Zusammenhang mit der geplanten Übernahme von Aventis sei irreführend. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/anzeigenkampagne-sanofi-handelt-sich-abmahnung-ein-1.906591 | Anzeigenkampagne - Sanofi handelt sich Abmahnung ein | 00/05/2010 |
Der ifo-Geschäftsklimaindex verbesserte sich im Juni von 92,9 auf 93,3 Punkte, wie das Münchner Forschungsinstitut am Montag mitteilte. Seit Februar war die Stimmung immer tiefer in den Keller gerutscht. Detailansicht öffnen Im Juni gab es wieder leichte konjunkturelle Impulse: Arbeiter montieren im Hafen von Bremen ein Hochregallager. (Foto: Foto: AP) Erstmals zeigten sich die Unternehmen wieder zuversichtlicher für das kommende halbe Jahr. Ifo-Experte Hans Russ warnte aber vor einer Überbewertung: "Eine nachhaltige Besserung ist noch nicht in Sicht." Konjunkturexperten hatten erwartet, dass der Geschäftsklimaindex im Juni wegen des schwächeren Euros und der geplanten Neuwahl im Herbst leicht nach oben geht. Zuvor war der Index, der zu den wichtigsten konjunkturellen Frühindikatoren in Deutschland zählt, vier Mal in Folge gesunken - drei Rückgänge hintereinander gelten bereits als Abwärtstrend. Deutlich unter langjährigem Durchschnitt Im Juni zog der Wert wieder an, lag aber noch deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 95,0 Punkten. Die rund 7.000 befragten Betriebe sprachen von spürbar besseren Aussichten für die nächsten sechs Monate. Der Teilindex der Geschäftserwartungen legte von 92,3 auf 92,9 Punkte zu. Russ sagte, ein Hoffnungsschimmer gehe vermutlich von den geplanten Neuwahlen aus; die Unternehmen erwarteten eine konsequente Fortsetzung der Reformen. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn sagte, es sei allerdings "zu früh, daraus bereits auf eine konjunkturelle Besserung in den nächsten Monaten zu schließen". Exporte bleiben das Zugpferd Die Unternehmen berichteten im Juni von etwas besseren Geschäften. Der Teilindex der Lage legte von 93,4 auf 93,7 Punkte zu. "Die Exporte bleiben nach wie vor das Zugpferd der deutschen Wirtschaft", sagte ifo-Experte Russ. In der Industrie verbesserten sich die Exporterwartungen demnach leicht, weil der Euro zuletzt schwächer war. Ein Risiko sah Russ im Ölpreis. Bleibe er weiter so hoch, sei dies "eine echte Konjunkturbremse". Positive Signale vom Handel Während sich in der gebeutelten Baubranche die Stimmung erneut verschlechterte, kamen aus Groß- und Einzelhandel positive Signale. Die Händler bewerteten sowohl die aktuelle Situation als auch die Zukunftsaussichten besser. Im Einzelhandel, der an der fehlenden Kauflaune leidet, gingen die Geschäfte seit Jahresanfang nicht weiter zurück, erläuterte Russ und warnte: Eine höhere Mehrwertsteuer, wie sie in der Union erwogen wird, "würde dämpfend wirken". | Nach monatelangem Stimmungstief schöpft die deutsche Wirtschaft wieder vorsichtig Hoffnung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ifo-index-wirtschaft-zeigt-wieder-etwas-zuversicht-1.906082 | ifo-Index - Wirtschaft zeigt wieder etwas Zuversicht | 00/05/2010 |
Frankreichs Präsident Jacques Chirac will die Defizitregeln für den Euro vorübergehend lockern. Deutschland, das wie Frankreich derzeit klamm dasteht, stellt das Drei-Prozent-Ziel dagegen nicht in Frage. (SZ vom 15.07.03) - Die Bundesregierung signalisiert überraschend Unterstützung für den Vorschlag Italiens, Europas Konjunktur durch ein Milliardenprogramm anzukurbeln. Chirac forderte, die Defizitregeln müssten angesichts der schlappen Konjunktur vorübergehend außer Kraft gesetzt werden. "Es geht nicht darum, den Stabilitätspakt zu verändern. Es geht vielmehr darum, die Vertreter der Länder der Euro-Zone dazu zu bringen, gemeinsam die Bedingungen für eine temporäre Lockerung der Regeln zu prüfen", sagte Chirac in seinem traditionellen Fernsehinterview zum französischen Nationalfeiertag. Stabilität, ja aber Die Finanzminister sollten eine Lösung finden, die Stabilität herstelle, aber das Wirtschaftswachstum nicht behindere. Die Bundesregierung sieht dagegen keinen Anlass, etwa die Regel zu lockern, die ein Defizit von höchstens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erlaubt. "Deutschland steht zum Drei-Prozent-Ziel", sagte der Sprecher von Finanzminister Hans Eichel, Jörg Müller. Er sehe in Chiracs Aussagen aber keine neue Qualität. Strafverfahren Hintergrund des Vorstoßes: Gegen Deutschland und Frankreich laufen bereits Strafverfahren wegen zweimaliger Überschreitung des Defizitlimits. Beide Staaten haben große Schwierigkeiten, die Regeln 2004 einzuhalten. Die Bundesregierung ist unterdessen überraschend bereit, den Milliarden-Plan Italiens für ein europäisches Infrastruktur- und Forschungsprogramm zu unterstützen. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement bezeichnete den Vorschlag als "vernünftig". Die italienische Regierung will in ihrer EU-Ratspräsidentschaft ein gewaltiges Programm zum Ausbau europäischer Verkehrsnetze und zur Förderung der Forschung anschieben. 60 bis 70 Milliarden Euro Ministerpräsident Silvio Berlusconi will 60 bis 70 Milliarden Euro in diesen Bereich zu pumpen - und das ganze über Kredite der Europäischen Investitionsbank oder Darlehen mit staatlicher Garantie finanzieren. Clement hatte bereits vor kurzem gefordert, die Wirtschaft in Europa brauche einen Wachstumsimpuls wie in den USA. "Wir sind in einem gewaltigen, weltweiten Wettbewerb, und wenn wir nicht darauf acht geben, werden wir den nicht gewinnen." Zukunftsbranchen Es sei deshalb gefährlich, wichtige Zukunftsbranchen zu vernachlässigen, während gleichzeitig Milliardensubventionen in den Agrarsektor flössen: "Wenn ich das nebeneinander stelle, kann ich mich doch gleich erschießen", sagte der SPD-Politiker. Clements Position wird nun von hochrangigen Regierungskreisen unterstützt: Italiens Pläne "sind richtig, was das Prinzip betrifft", hieß es am Montag in Berlin: "Wir müssen mehr tun, um die transeuropäischen Netze auszubauen und in Forschung und Entwicklung investieren. Das ist auch eine europäische Aufgabe." Schuldenwirtschaft Allerdings dürfe ein solches Milliardenprogramm nicht über staatliche Kredite finanziert werden: "Die EU darf nicht mit der Schuldenwirtschaft anfangen, die uns in Deutschland so riesige Probleme eingebracht hat. Europa soll keine Kredite aufnehmen, das war bisher die Linie, und dabei muss es auch bleiben", heißt es im Finanzministerium. Die EU-Finanzminister beraten an diesem Dienstag erstmals über das Programm. Diplomaten in Brüssel zeigten sich skeptisch. "Es gibt wenige Länder, die das vorbehaltlos unterstützen", sagte ein Regierungsvertreter. Lange Fristen Belgien wies darauf hin, dass Infrastrukturprogramme meist nicht kurzfristig die Konjunktur belebten, sondern nur langfristig wirkten. Angesichts der langen Fristen könnte das Programm sogar erst wieder im nächsten Aufschwung wirken, also antizyklisch. Ein anderer Diplomat sagte, auch eine Finanzierung über Kredite der Europäischen Investitionsbank belaste die nationalen Haushalte und bringe damit Probleme mit dem Stabilitätspakt, da die Bank bei so hohen Summen ihr Eigenkapital erhöhen müsse, was die Mitgliedsstaaten finanzieren. Auch private Kredite mit staatlichen Garantien verursachten Kosten. "Im Augenblick haben wir noch viele Fragen." | Frankreichs Präsident Jacques Chirac will die Defizitregeln für den Euro vorübergehend lockern. Deutschland, das wie Frankreich derzeit klamm dasteht, stellt das Drei-Prozent-Ziel dagegen nicht in Frage. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neue-diskussion-chirac-will-stabilitaetspakt-aufweichen-1.906278 | Neue Diskussion - Chirac will Stabilitätspakt aufweichen | 00/05/2010 |
VW-Vorstand Wolfgang Bernhard glaubt, dass der Konzern ebenso modernisiert werden muss wie das Land. Die Zeiten, in denen IG Metall und Politik das Sagen hatten, sind vorüber. Der Kurssprung vom Freitag spricht Bände. Um mehr als acht Prozent schnellte die VW-Aktie zeitweise in die Höhe, nachdem der größte Autohersteller Europas am Freitag ein hartes Sanierungsprogramm angekündigt hatte. Detailansicht öffnen Volkswagen-Auslieferungsturm in Wolfsburg. (Foto: Foto: dpa) Bis zu 20.000 der 103.000 deutschen Arbeitsplätze sind in Gefahr. Schon einmal hatte es eine solche Kursreaktion gegeben. Am 6. Oktober 2004 hatte VW bekannt gegeben, dass Wolfgang Bernhard, der frühere DaimlerChrysler-Manager, die Führung der Marke VW übernehmen solle. Dem heute 46-Jährigen ging damals der Ruf des harten Sanierers voraus. Kaum hatte der Kostenmanager vor einem Jahr begonnen, die VW-Werke unter die Lupe zu nehmen, die dem Konzern 2004 einen Verlust brachten, war dem stillen, aber harten Manager klar, dass er sich eine schwere Aufgabe aufgehalst hatte. Modernisierungsdruck "Volkswagen ist das Abbild dieser Republik", sagt er. Wie die Bundesrepublik umgekrempelt werden müsse, so müsse man auch VW modernisieren, um konkurrenzfähig zu werden. Sein Ziel sei klar: "Wir können nicht einfach Jobs ins Ausland verlagern. Wir müssen in der Lage sein, Autos wie den Golf in Deutschland zu bauen." Er werde in dem Unternehmen "jeden Stein umdrehen", um Sparpotenziale zu finden, so Bernhard. Bis 2008 müsse die Marke VW Kosten in Höhe von sieben Milliarden Euro sparen; der gesamte Konzern einschließlich der Töchter Seat, Skoda und Audi müsse bis dahin die Kosten um zehn Milliarden Euro reduzieren. Schwer umzusetzen Das ist schwer umzusetzen, denn kaum ein Unternehmen in Deutschland ist so schwierig zu führen wie VW. Nach dem Krieg gehörte die von den Nazis gegründete Firma erst dem Bund. Noch heute ist Niedersachsen mit 20 Prozent beteiligt. Die Gewerkschaften haben eine starke Stellung. Bei VW galt seit den Zeiten des Käfers, dass die Zahl der Arbeitsplätze möglichst hoch sein muss. Die Vertreter von Landesregierung und Gewerkschaften im Aufsichtsrat stellten stets sicher, dass der Gewinn weniger wichtig war als die Zahl der Arbeitsplätze. | VW-Vorstand Wolfgang Bernhard glaubt, dass der Konzern ebenso modernisiert werden muss wie das Land. Die Zeiten, in denen IG Metall und Politik das Sagen hatten, sind vorüber. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-abbild-der-gesamten-republik-1.907531 | Volkswagen - Abbild der gesamten Republik | 00/05/2010 |
Auch im dritten Quartal konnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal zulegen. Eine starke Investitionstätigkeit kurbelte die Wirtschaft an. Die deutsche Wirtschaft bleibt nach den jüngsten Daten zum Bruttoinlandsprodukt nach Ansicht von Experten auf Wachstumskurs. Obgleich die jüngsten BIP-Daten weniger beeindruckend als noch im Frühjahr ausgefallen seien, bleibe der wirtschaftliche Aufschwung intakt, hieß es in einer Studie der HVB Group vom Dienstag. Detailansicht öffnen Starke Investitionen fördern weiterhin das Wirtschaftswachstum. (Foto: Foto: dpa) Auch nach Einschätzung der DekaBank ist die deutsche Wirtschaft weiterhin in einer guten Verfassung. "Das Wachstumstempo im bisherigen Jahresverlauf und die Qualität sind höher als bisher angenommen", sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Die Investitionstätigkeit sei stärker als bisher angenommen. Unterdessen hat die Commerzbank ihre Wachstumsprognose für Deutschland in 2006 auf 2,5 (bisher 2,2) Prozent erhöht. Grund für die Anhebung seien Wachstumsrevisionen für das erste und zweite Quartal. Trotz des erfreulich kräftigen Wachstums erscheine eine spürbare Abschwächung der Konjunktur 2007 aber weiterhin als das wahrscheinlichste Szenario. Mehr Schwung im 1. Halbjahr Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal nach Zahlen des Statistischen Bundesamts zwar schwächer als erwartet gewachsen, allerdings wurden die Zahlen der Vorquartale nach oben revidiert. Im Vergleich zum zweiten Quartal wuchs das bereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,6 Prozent, wohingegen Experten im Durchschnitt 0,8 Prozent erwartet hatten. Im zweiten Quartal hatte sich die Wirtschaftsleistung zum Vorquartal um revidierte 1,1 (ursprünglich 0,9) Prozent und im ersten Quartal um 0,8 (0,4) Prozent erhöht. Im Vergleich zum Vorjahr nahm die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal um 2,3 Prozent zu, nach revidierten 1,3 (ursprünglich 1,0) Prozent im zweiten Quartal und 3,2 (ursprünglich 2,9) Prozent im ersten Quartal. Kalenderbereinigt legte das BIP im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 2,8 Prozent zu. Wachstumsimpulse kamen im dritten Quartal nach Angaben der Behörde aus dem Inland und dem Ausland: Der Außenhandel habe im Berichtsquartal wieder an Dynamik gewonnen. Im Inland hätten gestiegene Investitionen und erhöhte private Konsumausgaben zum BIP- Wachstum beigetragen. Rentenmarkt sinkt auf Tagestief Während der Eurokurs kaum auf die BIP-Daten reagierte, verzeichnete der deutsche Rentenmarkt nach der Veröffentlichung Kursverluste und sank auf sein Tagestief. Der richtungsweisende Euro-Bund-Future gab um 0,17 Prozent auf 117,73 Punkte nach. Kurz vor Veröffentlichung der Daten war der Future noch bei 117,90 Punkten gehandelt worden. | Auch im dritten Quartal konnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal zulegen. Eine starke Investitionstätigkeit kurbelte die Wirtschaft an. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konjunktur-deutsche-wirtschaft-waechst-weiter-1.914044 | Konjunktur - Deutsche Wirtschaft wächst weiter | 00/05/2010 |
KarstadtQuelle streicht viel mehr Stellen als bisher geplant und gliedert über 70 Warenhäuser aus. Nach Verlusten von 300 Millionen Euro im ersten Halbjahr ist die Lage für den Konzern einem Aufsichtsrat zufolge "sehr ernst". Nach der Vorstellung am Montag im Aufsichtsrat will Christoph Achenbach, der neue Chef von Europas größtem Kaufhaus- und Versandhandelskonzern, sein Sanierungsprogramm am Dienstag der Öffentlichkeit präsentieren. Detailansicht öffnen Die Lage von KarstadtQuelle sei nach Verlusten von 300 Millionen Euro im ersten Halbjahr "sehr ernst", sagte Aufsichtsrat Thomas Middelhoff. (Foto: Foto: dpa) Die Lage von KarstadtQuelle sei nach Verlusten von 300 Millionen Euro im ersten Halbjahr "sehr ernst", sagte Aufsichtsrat Thomas Middelhoff in einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Die Zukunft werde "von tiefen Schnitten" geprägt sein. Alles, was nicht Stammgeschäft sei, stehe zur Disposition. Für den Konzern geht es nach Darstellung von Middelhoff "ums Überleben". 4000 Arbeitsplätze sollen gestrichen werden Sanierungsbedarf hat Konzernchef Achenbach in den klassischen Karstadt-Zweigen Warenhaus und Versandhandel gleichermaßen ausgemacht. Hier wird es zum Abbau von mehreren Tausend Stellen kommen. Auf dem Prüfstand stehen dazu alle nicht zum Kerngeschäft zählenden Aktivitäten. So ist die Trennung von der Hypothekenbank im Gespräch. Bereits angekündigt wurde die Streichung von mindestens 4000 Arbeitsplätzen bei den Warenhäusern. Tatsächlich sollen aber - zeitlich gestreckt - 1500 bis 2000 Stellen zusätzlich gekappt werden. Auch im Versandhandel wurden die Mitarbeiter schon auf Kündigungen vorbereitet. Zum Umfang der Stellenstreichungen gab es hier bisher aber keine Informationen. Jedenfalls werden es deutlich mehr sein als die 500 Arbeitsplätze in den Call-Centern in Mainz und Köln, die aufgegeben werden sollen. 90 lukrative Filialen, 92 Sorgenkinder Entgegen gewissen Spekulationen in den Medien, ist die weitere Schließung von Warenhäusern zunächst nicht geplant. Ein solcher Schritt verschafft so schnell keine Luft, weil die Erfüllung von Mietverträgen und Sozialplänen viel Geld kostet. Darauf hatte Warenhaus-Chef Helmut Merkel stets hingewiesen. Gleichwohl sind fünf der 180 Häuser in letzter Zeit schon veräußert oder geschlossen worden. Für weitere zehn soll eine andere Nutzung als die eines Karstadt-Warenhauses gefunden werden. Diese 15 Filialen machen die größten Sorgen. Während knapp 90 Kaufhäuser ausgesprochen gut laufen, gibt es neben den Sorgenkindern noch 77 Läden, die nicht gut positioniert sind. Sie sollen in eine eigene Gesellschaft mit einer anderen Organisation ausgegliedert werden. Damit soll der Weg zu Alternativ-Konzepten geebnet werden. Großaufräumen angekündigt Dies kann zum Beispiel den Weiterbetrieb mit anderen Sortimenten oder unter einem anderen Namen als KarstadtQuelle bedeuten. Der Konkurrent Metro hatte vor Jahren seine schlecht laufenden Kaufhof-Filialen und die Kaufhalle in die Verwertungsgesellschaft Divaco ausgegliedert und sich nach und nach davon getrennt. Dieses Konzept verfolgt Merkel für Karstadt offenbar nicht. Bei den Karstadt-Versandtöchtern hatte Neckermann-Chef Arwed Fischer schon in den letzten Tagen ein Großaufräumen angekündigt. In einem Brief an die Mitarbeiter hatte er Kündigungen in größerem Umfang nicht ausgeschlossen und das ganze Geschäftsmodell des Universalhandels in Frage gestellt. Kurz nach seinem Einstand hatte Achenbach bereits betont, bei der Sanierung kein Tabu zu kennen. Beschlossen ist die Veräußerung von Teilen der IT-Tochter Itellium zum 1. Oktober. Weiter scheint eine Trennung von der Hypothekenbank geplant. Interesse wird der Postbank und der niederländischen ABN Amro nachgesagt. Kraftakt mit acht Nullen Neben der Umsetzung des Sanierungsprogramms kommt auf den KarstadtQuelle-Konzern noch der Kraftakt zu, die Finanzierung sicher zu stellen. Immerhin geht es dem Vernehmen nach um rund 500 Millionen Euro. Dazu kommen erwartete Verluste von 200 Millionen Euro aus dem laufenden Geschäft. Um diesen Kraftakt zu stemmen, soll die vakante Stelle des Finanzvorstands endlich wieder besetzt werden. Neues Vorstandsmitglied soll Harald Pinger werden, der vom Gasehersteller Messer kommt. (Firmen des Tages) (SZ 27.9.2004) | KarstadtQuelle streicht viel mehr Stellen als bisher geplant und gliedert über 70 Warenhäuser aus. Nach Verlusten von 300 Millionen Euro im ersten Halbjahr ist die Lage für den Konzern einem Aufsichtsrat zufolge "sehr ernst". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/harte-einschnitte-karstadt-kaempft-ums-ueberleben-1.897952 | "Harte Einschnitte - ""Karstadt kämpft ums Überleben""" | 00/05/2010 |
Josef Ackermann steht ein turbulenter Tag bevor. Die Anteilseigner, die in der Frankfurter Festhalle zusammenkommen, wollen Klarheit. Auch über die Pannenserie der vergangenen Wochen. Die Aktionäre wollen wissen, wie es bei Deutschlands größtem Kreditinstitut in den vergangenen Wochen zu der Serie von Pannen, handwerklichen Fehlern und der stümperhaften Kommunikation im Zusammenhang mit dem Börsengang der Postbank kommen konnte. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: dpa) Börsengang ins Wanken gebracht Wie war es möglich, dass sich die Deutsche Bank als Konsortialführer dazu verleiten ließ, gleichzeitig eine komplette Übernahme der Postbank zu prüfen und damit die gesamte Emission ins Wanken brachte? Wie war es möglich, dass eine interne Bewertung der Postbank in die Öffentlichkeit gelangte, die deutlich niedriger ausfiel als vom Kunden erwartet? Ackermann hat bis jetzt geschwiegen Damit hat die Deutsche Bank auf ihrem Heimatmarkt die durch den Mannesmann-Prozess bereits ramponierte Reputation zusätzlich beschädigt. Und wer gehofft hatte, dass sich Bankchef Ackermann endlich zu Wort melden werde, um die Spekulationen und Pannen aufzuklären, wartete bis jetzt vergeblich. Dabei sollte Ackermann nicht nur in Sachen Postbank ein klärendes Wort finden. Auch werden die Aktionäre und die Akteure auf den Finanzmärkten endlich wissen wollen, wohin die Bank steuert. Soll der Konzern fit gemacht werden für die Fusion mit einem ausländischen Wettbewerber oder geht es eher darum, selbst als Käufer aufzutreten, um auf dem europäischen Bankenmarkt eine stärkere Position zu erlangen? 18 Prozent Wertverlust der Bankaktie Der Flirt des Geldhauses mit dem weltgrößten Finanzkonzern Citigroup Anfang des Jahres hat jedenfalls für erhebliche Verunsicherung gesorgt. Zwar kletterte der Aktienkurs auf dem Höhepunkt der Konsolidierungsdebatte auf 77 Euro. Der Anstieg erwies sich jedoch als nicht nachhaltig. Die Aktie der Deutschen Bank verlor in den vergangenen Wochen 18 Prozent an Wert. Wenig vertrauenswürdig erscheinen auch die immer wieder in die Öffentlichkeit gelangten Gerüchte über einen Richtungsstreit zwischen Aufsichtsrat und Vorstand über den Kurs des Geldhauses. | Josef Ackermann steht ein turbulenter Tag bevor. Die Anteilseigner, die in der Frankfurter Festhalle zusammenkommen, wollen Klarheit. Auch über die Pannenserie der vergangenen Wochen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hauptversammlung-der-deutschen-bank-klarheit-gefragt-1.914249 | Hauptversammlung der Deutschen Bank - Klarheit gefragt | 00/05/2010 |
Es ist Samstagmorgen, 10.30 Uhr in der Innenstadt. Wo sind die Kundenmassen, die hier sonst herumtoben? Sie kommen etwas später — oder gar nicht mehr. Dem Einzelhandel in den bayerischen Innenstädten geht es an den Kragen. Shopping-Center in städtischen Randlagen mit riesigen Parkplatzflächen rauben die Kunden, Sparwut und Rabattschlachten lassen die Umsätze kräftig schmelzen. "Die Innenstadt ist keineswegs mehr ein unangefochtener Bereich fürs Einkaufen, sondern da muss man was tun", sagt der Einzelhandels-Experte der Technischen Universität München, Günter Heinritz. Früher hätten sich die Einzelhändler oft hinter die Ladentheke gestellt und auf die Kunden gewartet. "Diese Zeiten der Handelsidylle sind sicher vorbei." Detailansicht öffnen Tatort: Münchner Innenstadt am Samstagmorgen. Tat: Gähnende Leere. Opfer: Die alteingesessenen Geschäfte. Täter: Die großen Einkaufszentren im Grünen. (Foto: Foto: dpa) Leerstände bis zu 30 Prozent Die Leerstände in bayerischen Städten liegen nach Angaben des Einzelhandelsverbands zwischen 10 und 30 Prozent der Verkaufsflächen. Hinter die Glaswände ziehen oft Bäckerei- und Imbissketten oder Billigläden. Das nimmt dem Zentrum die Vielfalt und die Attraktivität. Als Folge kommen noch weniger Kunden in die Innenstädte. Eines der Hauptprobleme sind die Parkplätze. Gerade in den für Bayern so typischen historischen Altstädten sind sie rar und teuer. Hier punkten Shopping-Center, die in Bayern wie in anderen Bundesländer an Zahl zunehmen: Rund 50 dieser Zentren mit mindestens 8000 Quadratmetern Verkaufsfläche gab es in Bayern nach Angaben des Starnberger Instituts für Gewerbezentren im vergangenen Jahr. "Groß suggeriert beim Käufer oft billig", sagt der Geschäftsführer des Landesverbands des bayerischen Einzelhandels, Bernd Ohlmann. Dazu komme das Erlebniselement: Einkaufen wird zum Ausflug. Einkaufen wird zum Erlebnis Uni-Experte Heinritz bestätigt diese These. Der Erlebniseinkauf spiele eine immer größere Rolle. "Konsum ist die Möglichkeit, sich von anderen zu unterscheiden, birgt die Gelegenheit zur Selbstverwirklichung", sagt der Geograph. Genau in diesem Aspekt liegt seiner Ansicht nach die Chance für Innenstädte. Sie müssten sich inszenieren und mit ihren Pfunden wuchern. Heinritz denkt an gemeinsame Marktauftritte, an Events auf zentralen Plätzen, aber auch an die Fassadengestaltung. Wichtig sei zudem ein einheitliches Bild — etwa bei den Öffnungszeiten. "Die Qualität nicht der Waren, sondern der Einkaufsorte ist bedeutsam." Nach Ansicht von Ohlmann werden diese Möglichkeiten in Bayern oft noch außer Acht gelassen. Er plädiert für pragmatische Lösungen wie die Brötchentaste beim Parken, also kostenfreies Kurzparken. Leerstehende Läden könnten kurzfristig Ausstellungsorte für Künstler werden. Entscheidend seien Interessengruppen, bei denen sich Vermieter, Händler und Politiker an einen Tisch setzten. Es gehe um Kompromisse und gemeinsame Strategien - etwa bei Denkmalschutz und Mietpreisen. Eine Lösungsmöglichkeit: Der gemeinsame Auftritt Für ein gemeinsames Auftreten macht sich Kaufhof in Regensburg stark. "Die Innenstadt muss sich wie ein Center organisieren", sagt Geschäftsführer Ralf Kammermeier. Gemeinsame Tische seien zwar gewöhnungsbedürftig und verlangten Überzeugungsarbeit, lohnten sich aber ungemein. In Nürnberg gibt es mit der Gemeinschaft "Erlebnis Nürnberg" bereits eine solche Vertretung. "Wir brauchen gemeinsame Aktionen, damit die Leute gern in Stadt kommen, damit sie sich eingeladen fühlen", sagt der Organisationsleiter vom Nürnberger Kaufhof, Guido Herrmann. In der mittelfränkischen Region wachse derzeit ein Möbelzentrum nach dem anderen und ziehe andere Geschäfte nach. "Obwohl Nürnberg ein attraktiver Standort ist, müssen wir uns da schon warm anziehen." Vorteile der Innenstadt Handeln ist angesagt beim Einzelhandel, sagt auch Heinritz. Mancher Innenstadt gebe die Konkurrenz nützliche Impulse, um sich zu bewegen und zu verändern. Es gelte zudem, die gesellschaftliche Entwicklung zu beobachten. In einer alternden Bevölkerung spiele die Mobilität langfristig eine wichtige Rolle. Innenstädte mit ihren kurzen Wegen könnten dadurch wieder zum Zuge kommen. Auch der zunehmende Anteil an Singles komme den Zentren zu Gute: Eine allein stehende Person, die möglicherweise zentrumsnah wohnt, braucht kein gigantisches Einkaufszentrum für den täglichen Bedarf. | Es ist Samstagmorgen, 10.30 Uhr in der Innenstadt. Wo sind die Kundenmassen, die hier sonst herumtoben? Sie kommen etwas später — oder gar nicht mehr. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/amerikanische-verhaeltnisse-veroedung-hier-einkaufserlebnis-da-1.900106 | Amerikanische Verhältnisse? - Verödung hier, Einkaufserlebnis da | 00/05/2010 |
Über die Debatte der liberalen Ökonomen um die Gefahren des Wohlfahrtsstaats. Für Adam Smith, den Vater der Nationalökonomie, war die Gerechtigkeit der Hauptpfeiler der Gesellschaft. Ohne diesen Pfeiler werde die Gesellschaft "zusammenstürzen und in Atome zerfallen", schreibt Smith und fährt dann fort: "Darum hat die Natur, um die Beobachtung der Regeln der Gerechtigkeit zu erzwingen, der menschlichen Brust jenes Schuldgefühl eingepflanzt, jenes Bewusstsein, Strafe zu verdienen, die der Verletzung der Gerechtigkeit folgt, damit sie die Schutzwächter der Gemeinschaft der Menschen sei - die Schwachen zu schützen, die Ungestümen zu zähmen und die Schuldigen zu züchtigen." "Unparteiische Beobachter" Für jenes Gefühl hat Smith ein schönes Bild geprägt: Es sei der "unparteiische Beobachter" in der Seele jedes Menschen. Liberale Ökonomen stehen im Ruf, zwar nach Effizienz und Freiheit zu streben, sich jedoch nicht für Gerechtigkeit zu interessieren. In Wirklichkeit ist Gerechtigkeit eines der zentralen Themen der Ökonomie und Philosophie. Allerdings unterscheidet sich der liberale Gerechtigkeitsbegriff wesentlich von dem der politischen Alltagsdebatten der Gegenwart, besonders in Deutschland. Heutzutage sagt zum Beispiel jemand: Die Einkommensverteilung ist ungerecht. Ein anderer klagt: Der Ausschluss des Zahnersatzes aus der gesetzlichen Krankenversicherung, die Streichung des Weihnachtsgeldes für Beamte und eine Nullrunde im öffentlichen Dienst sind sozial ungerecht. Immer wird der Maßstab der Gerechtigkeit an Zustände oder an die Veränderung von Zuständen gelegt. Genau das ist das Grundübel der meisten Debatten um soziale Gerechtigkeit. Sie werden geführt, so als gebe es ein handhabbares Kriterium zum Beispiel für die Gerechtigkeit einer Einkommensverteilung. Ist sie gerecht, wenn alle gleich viel verdienen? Und wenn nein, was ist dann der Maßstab? Das Problem hat der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881-1973) erläutert: Wer im Zusammenhang mit der Einkommensverteilung von Gerechtigkeit spricht, der muss eine bestimme Verteilung als gerecht definieren. Das bedeutet aber auch, dass jede Veränderung dieser Verteilung ungerecht sein muss. Das fragliche Gerechtigkeitsideal würde also die Gesellschaft zementieren, Innovation verhindern und die Freiheit der Glieder der Gesellschaft abschaffen. Da die meisten Vorkämpfer der sozialen Gerechtigkeit dies nicht wollen, bleibt der Begriff immer unscharf. Oder genauer: Er wird zur reaktionären Allzweckwaffe, mit der man jede Neuerung bekämpfen kann, die einem nicht passt. Gerecht können, nach liberaler Vorstellung, nur Regeln sein. "Bei der Verteilung der menschlichen Besitztümer darf nicht danach gefragt werden, was im einzelnen Falle das für eine Person Geeignete und Passende wäre; Regeln müssen herrschen, die allgemeiner und weniger zweifelhaft und unbestimmt in ihrer Anwendung sind," schrieb der liberale Philosoph David Hume im 18. Jahrhundert. Zu Beginn der siebziger Jahre des 20.Jahrhunderts entwarf der amerikanische Soziologe John Rawls ein Denkmodell, wie solche gerechten Regeln aussehen könnten. Sie müssten unter einem "Schleier des Unwissens" formuliert werden. So würde von den Mitgliedern der Gesellschaft in einer gedachten Stunde Null ein Vertrag geschlossen: Die einzelnen Mitglieder wissen nichts voneinander oder von ihrem eigenen Potenzial und versuchen so die für sie besten Regeln zu formulieren. "Wieselwort" Das Konzept von Rawls ist umstritten; dagegen sehen sich die meisten Liberalen geeint in ihrem Misstrauen gegen "soziale" Gerechtigkeit. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek bezeichnete das Adjektiv "sozial" einmal als "Wieselwort", das dem Begriff "Gerechtigkeit" die Bedeutung entzieht, so wie ein Wiesel ein Hühnerei aussaugen kann, ohne dass man dies von außen richtig erkennen kann. Er habe zehn Jahre lang versucht, den Sinn des Begriffes "soziale Gerechtigkeit" herauszufinden, schrieb Hayek. Dann sei er zu dem Schluss gelangt, "dass für eine Gesellschaft freier Menschen dieses Wort überhaupt keine Bedeutung hat". Was geschieht dann aber mit den Benachteiligten in der Gesellschaft? Viele Liberale, darunter auch Hayek, haben vorgeschlagen, statt der Gerechtigkeit das Paradigma der "Versicherung" zu wählen. Damit die Menschen bereit sind, sich auf die Chancen und Risiken der Marktwirtschaft einzulassen, sollte die Gesellschaft eine Versicherung abschließen, eine Versicherung gegen das Risiko des persönlichen Scheiterns, eine Versicherung aber auch gegen das Scheitern der Gesellschaft, also gegen Unfreiheit und Totalitarismus. Über den Umfang dieser Versicherung lässt sich dann lebhaft streiten. Aber der Streit ist vermutlich leichter zu führen, wenn man ihn nicht mit dem inhaltsleeren Begriff der "sozialen Gerechtigkeit" belastet. | Über die Debatte der liberalen Ökonomen um die Gefahren des Wohlfahrtsstaats. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/freiheit-und-reform-das-schwierige-wort-sozial-1.915631 | "Freiheit und Reform - Das schwierige Wort ""sozial""" | 00/05/2010 |
Vanessa Kullmann hat die deutsche Kaffeehauskultur entstaubt und 27 Coffeeshops eröffnet. Anfangs schmierte sie die Sandwiches noch selbst - nun wird sie zur Unternehmerin des Jahres gekürt. Kaffee ist der Deutschen liebstes Getränk. Etwa 156 Liter trinkt jeder Mensch hierzulande pro Jahr, weit mehr als Bier (121 Liter) oder Mineralwasser (118 Liter). Detailansicht öffnen Beeindruckt mit Hartnäckigkeit: Vanessa Kullmann. (Foto: Foto: Balzac) Bis Ende der neunziger Jahre ging es dabei anspruchslos zu: "Wir servieren Bohnenkaffee" oder "Draußen nur Kännchen" hieß es in vielen Cafés. Dass die Deutschen heute für einen guten Latte Macchiato nicht mehr bis nach Italien fahren müssen, verdanken sie einigen Pionieren, die die deutsche Kaffee-Leidenschaft zu Geld machten. Zu ihnen gehört Vanessa Kullmann. Die gebürtige Hamburgerin war 24 Jahre alt, als ihr die Idee kam, in Deutschland einen Coffeeshop nach amerikanischem Vorbild hochzuziehen. Das war 1996, Kullmann arbeitete nach Abitur und Textilfachschule als Stylistin in New York - und besuchte regelmäßig den Coffeeshop Starbucks. Erster Laden 1997 Zurück in Hamburg, gründete Kullmann im Herbst 1997 die Balzac Coffee GmbH - und eröffnete in den Colonnaden an der Alster ihren ersten Laden. Coffee-to-go in Pappbechern verstieß damals zwar gegen hanseatische Etikette, doch Kullmann kümmerte das wenig. "Die Zeit war reif, die Kaffeehauskultur in Deutschland verstaubt", sagte sie - und sollte recht behalten. Heute, neun Jahre später, ist die Coffeeshop-Mode längst nach Deutschland geschwappt; Starbucks, Segafredo, Lavazza & Co konkurrieren um Kunden. Und der Pionier Balzac mischt weiter mit, zumindest in Norddeutschland. Kaum mehr Zeit für Thekenarbeit 27 Balzac-Cafés gehören zum Stadtbild von Hamburg, Berlin, Hannover und Lübeck, 350 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit arbeiten für die 33-jährige Kullmann, die kaum mehr die Zeit hat, selbst hinter der Theke zu verkaufen. Längst vergangen sind auch die Zeiten, in denen Kullmann in 15-Stunden-Tagen für ihre Läden selbst buk und Sandwichs schmierte; heute liefert eine Bäckerei Muffins, Donuts und Bagels. | Vanessa Kullmann hat die deutsche Kaffeehauskultur entstaubt und 27 Coffeeshops eröffnet. Anfangs schmierte sie die Sandwiches noch selbst - nun wird sie zur Unternehmerin des Jahres gekürt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/balzac-coffee-pionierin-in-sachen-kaffeehaus-1.902031 | Balzac Coffee - Pionierin in Sachen Kaffeehaus | 00/05/2010 |
Die Zahl der Werbeanrufe in deutschen Haushalten hat sich 2006 dramatisch erhöht. Verbraucherschützer drängen auf schärfere Gesetze. Nach einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) betrug die Zahl der telefonischen Werbekontakte in den ersten drei Quartalen 2006 etwa 224 Millionen und damit 31,3 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Detailansicht öffnen Lästiger Anruf: Kaltakquise per Telefon ist in 95 Prozent aller Fälle unerwünscht. (Foto: Foto: AP) Den größten Marktanteil im telefonischen Marketing haben demnach Lotterien und Gewinnspiele, gefolgt von der Telekommunikations-, der Buch- sowie der Medienbranche. Die Zahlen rechnete die GfK anhand einer Stichprobe von 4500 deutschen Haushalten auf die Gesamtbevölkerung hoch, wie ein Sprecher am Mittwoch in Nürnberg erläuterte. Umfrage der Verbraucherschützer In einer Umfrage der Verbraucherzentrale gaben 95 Prozent der Befragten an, sie fühlten sich durch unerwünschte Telefonwerbung belästigt. Allein in Nordrhein-Westfalen beschwerten sich pro Jahr mehr als 12.000 Verbraucher über ungebetene Anrufe von Unternehmen, die ihnen Produkte und Dienstleistungen "andrehen wollen", erklärte der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) in Berlin. Er fordert "empfindliche Bußgelder" für unerbetene Telefonwerbung. Nach dem seit Juli 2004 geltenden Wettbewerbsrecht ist Telefonmarketing nur mit dem Einverständnis des Angerufenen erlaubt. Die bis Juli 2007 umzusetzende EU-Richtlinie gegen unlautere Geschäftspraktiken fordert unter anderem einen wirksamen Schutz gegen unerwünschte Werbung am Telefon. "Bußgelder zu niedrig" Die bislang verhängten Bußgelder seien viel zu niedrig, sagte die vzbv-Rechtsexpertin Vilma Niclas zu sueddeutsche.de: "Selbst große Unternehmen, die bereits zu Bußgeldern verurteilt wurden, lassen sich dadurch nicht stoppen. Das spricht dafür, dass sich diese Praxis trotz der Strafen lohnt." | Die Zahl der Werbeanrufe in deutschen Haushalten hat sich 2006 dramatisch erhöht. Verbraucherschützer drängen auf schärfere Gesetze. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konsumforscher-warnen-werbeanrufe-entwickeln-sich-zur-landplage-1.915952 | Konsumforscher warnen - Werbeanrufe entwickeln sich zur Landplage | 00/05/2010 |
Nach monatelangen Drohgebärden, Mahnschreiben und Appellen an die Ehrlichkeit der Download-Gemeinde hat die deutsche Musikindustrie genug. Jetzt soll genau wie in den USA geklagt werden. Gedroht haben die Manager der deutschen Musikindustrie schon oft, jetzt sollen Strafanzeigen folgen. Am heutigen Dienstag will der Phonoverband auf seiner Jahrespressekonferenz in Berlin einen "Strategiewechsel" verkünden. Bisher ist die Musikindustrie nur gegen jene von ihr als "Musikpiraten" bezeichneten Anbieter vorgegangen, die in großem Umfang kommerziell Raubkopien von Musikstücken im Internet angeboten haben. Detailansicht öffnen Der Este Jaan Tallinn, einer der drei Kazaa-Software-Programmierer. Mit anderen Worten: Der Vater des zurzeit schlimmsten Alptraums der Musikindustrie. (Foto: Foto: AP) Strafverfahren im großen Stil Nun aber gibt sich die Branche aggressiv und will auch Nutzer anzeigen, die Songs in Tauschbörsen wie Kazaa zum Download anbieten - ohne die Absicht, damit Geld zu verdienen. "Wir wollen abschrecken", heißt es etwa beim Musikkonzern BMG. Zunächst sollen die so genannten Uploader mit Strafverfahren überzogen werden, also Nutzer, die auf ihren Festplatten nicht lizensierte Musiktitel zum Kopieren freigeben. Wer solche Angebote nutzt, soll vorerst ungeschoren bleiben. Die Plattenindustrie will offensichtlich aus Fehlern in den USA lernen. Dort hat der Industrieverband RIAA gegen fast 2000 Nutzer Verfahren eingeleitet. In einigen Fällen ging die Anzeige eher peinlich für den Verband aus, zum Beispiel als er ein 12-jähriges Mädchen in New York als "ungeheuerlich aktive" Musikpiratin bezeichnet hatte. Insgesamt aber gibt sich die RIAA zufrieden mit der Kampagne, weil die Zahl amerikanischer Nutzer von Tauschbörsen seit den Klagen von 20 auf zwölf Millionen gesunken ist. Umsatzeinbrüche von 20 Prozent Solche Effekte erhofft sich wohl auch die hiesige Musikbranche. Zu heftig sind die Umsatzeinbrüche, die auf die Konzernbilanzen drücken. Allein im vergangenen Jahr stürzte der Branchenumsatz in Deutschland um rund 20 Prozent ab. Die Plattenfirmen glauben, dies liege fast ausschließlich am illegalen Herunterladen. Allerdings hat die Industrie auch sehr lange gezögert, ihre Produkte im Internet zu vermarkten. Und dann konnten sich die verschiedenen beteiligten Unternehmen und Organisationen zunächst nicht über die Aufteilung der Tantiemen einigen. Legales Angebot noch mangelhaft Diese Querelen verhinderten schließlich, dass der Bundeskanzler auf der Cebit den Startknopf für den legalen Download-Service Phonoline gedrückt hat. Gerhard Schröder verzichtete darauf, höchstselbst den ersten Song herunterzuladen. Zudem nennen viele Beobachter Service und Auswahl der legalen Download-Dienste mangelhaft. Ihre neue harte Linie hat die Industrie lange vorbereitet. Etlichen öffentlichen Warnungen folgte seit August 2003 eine Welle von E-Mails an Tauschbörsen-Nutzer, in denen die Phonoindustrie mit dem Staatsanwalt gedroht hat. Keine Anzeige gegen Unbekannt mehr Bisher müssen die deutschen Unternehmen Strafanzeige gegen Unbekannt stellen. Sie haben keine Möglichkeit, selbst herauszufinden, wer sich hinter Benutzernamen in Kazaa verbirgt. Erst wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt, erfährt die Industrie die Klarnamen und Anschriften. Diesen Umweg möchte die Phonobranche gern vermeiden. Ihr internationaler Verband IFPI kämpft seit langem dafür, Internet-Anbieter zu verpflichten, die Namen angeblicher Musikpiraten herauszugeben. Einen Erfolg hat die Organisation bereits verbucht. Anfang März hat das Europaparlament in erster Lesung eine Richtlinie gebilligt, die genau diesen Auskunftsanspruch enthält. | Nach monatelangen Drohgebärden, Mahnschreiben und Appellen an die Ehrlichkeit der Download-Gemeinde hat die deutsche Musikindustrie genug. Jetzt soll genau wie in den USA geklagt werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/musiktauschboersen-in-deutschland-jetzt-wird-geklagt-1.905841 | Musiktauschbörsen in Deutschland - Jetzt wird geklagt! | 00/05/2010 |
Nach dem Abgang von Börsenchef Werner Seifert plädiert der britische Hedgefonds TCI für einen Zusammenschluss der Frankfurter Börse mit der Vierländerbörse Euronext. Als Aufsichtsratschef wurde zudem der CDU-Politiker Friedrich Merz ins Gespräch gebracht. "Ich bin wirklich der Ansicht, dass es sinnvoll wäre, diese beiden Börsen zu fusionieren", sagte TCI-Partner Patrick Degorce der "WirtschaftsWoche". "Und zwar sinnvoller als die Übernahme der London Stock Exchange." Detailansicht öffnen Geht es nach dem Hedgefonds TCI, könnte in Frankfurt bald im Euronext-Verbund gehandelt werden. (Foto: Foto: AP) Ein solcher Plan könnte davon profitieren, dass rund die Hälfte der Aktionäre der Deutschen Börse gleichzeitig Anteilseigner von 50 Prozent an Euronext sind. Allerdings könnte sich der TCI-Partner auch eine Kooperation der Deutschen Börse mit US-Börsen vorstellen, schrieb das Magazin. Ähnlich äußerte sich Degorce auch im "Handelsblatt". Lohnender als London Stock Exchange Mit Blick auf mögliche Kooperationspartner für die Börse würde TCI einen Zusammenschluss mit Euronext eher begrüßen als eine Übernahme der London Stock Exchange: "Das wäre phantastisch. Vom Geschäftsmodell her würden beide zusammenpassen. Es wäre sinnvoller als eine teure Übernahme der LSE", sagte Degorce. Zugleich kündigte er an, TCI wolle möglichst schnell mit der Deutschen Börse über deren Zukunft sprechen. "Wir hoffen, dass wir noch heute mit Aufsichtsratchef Rolf Breuer reden können", sagte Degorce dem "Handelsblatt". Er hoffe, dass der Übergang zu einem neuen Chef schneller gehe, als die sechs Monate die der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, Rolf Breuer in Aussicht gestellte habe. Merz könnte Breuer ersetzen Der neue Vorstandschef sollte vor allem Kenntnisse im Handel haben, insbesondere im Derivatebereich und müsse es schaffen, in Europa oder außerhalb neue Partner zu finden, sagte Degorce. Als Nachfolger für den scheidenden Aufsichtsratschef Breuer brachte TCI erneut den CDU-Politiker Friedrich Merz ins Gespräch: "Er könnte ein guter Vorsitzender sein", sagte Degorce. Zugleich wies er den Vorwurf von Kritikern zurück, TCI wolle die Deutsche Börse plündern. "Wir halten acht Prozent der Aktien, welches Interesse haben wir daran?" Sagte der TCI-Partner. Nach wochenlangem Machtkampf mit kritischen Aktionären um TCI hatte der Vorstandschef der Deutschen Börse, Werner Seifert, am Montag seinen Hut. Aufsichtsratsvorsitzender Rolf Breuer, der als wichtigster Verbündeter des langjährigen Börsenchefs galt, wird Ende des Jahres aus dem Kontrollgremium ausscheiden. | Nach dem Abgang von Börsenchef Werner Seifert plädiert der britische Hedgefonds TCI für einen Zusammenschluss der Frankfurter Börse mit der Vierländerbörse Euronext. Als Aufsichtsratschef wurde zudem der CDU-Politiker Friedrich Merz ins Gespräch gebracht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zukunft-der-deutschen-boerse-phantasien-eines-hedgefonds-1.920017 | Zukunft der Deutschen Börse - Phantasien eines Hedgefonds | 00/05/2010 |
Der Lebensmittel-Discounter Lidl wächst schneller als der Marktführer Aldi. Gegenüber dem Personal gilt das schwäbische Familienunternehmen allerdings als rüde. (SZ vom 23.08.03) - Wer im Urlaubsland seine Einkäufe erledigt, dürfte nicht selten vor einem blauen Schriftzug auf gelbem Grund stutzen, in dem sich ein rotes "i" schieflegt: Der deutsche Lebensmittel-Filialist Lidl, einer der verschwiegensten Akteure der Branche, hat inzwischen mehr Stützpunkte in Europa als Aldi oder andere Billiganbieter. Detailansicht öffnen Lidl-Markt im schwäbischen Fellbach bei Stuttgart. (Foto: Foto: dpa) Der Internet-Seite der italienischen Tochtergesellschaft ist zu entnehmen, was Branchenkenner bestätigen: In 14 Ländern ist das schwäbische Familienunternehmen aus Neckarsulm aktiv. Es hat europaweit wahrscheinlich rund 5.200 Filialen. So ist Lidl zum Beispiel in Frankreich nach eigenen Angaben mit rund 1.000 Filialen Marktführer unter den so genannten Discountern - noch weit vor Aldi. 30 tschechische Märkte auf einmal In Osteuropa, wo Aldi gar nicht aktiv werden will, inszeniert Lidl eine Großoffensive: Derzeit werden etwa in Tschechien 30 Märkte auf einmal eröffnet. Ungarn soll bald folgen. In Skandinavien geht der Vormarsch weiter. Sogar auf die USA und Australien erstreckt sich angeblich die Planung. Ratlos stehen Beobachter der Handelsbranche vor dieser Expansionswut. "Jeder wundert sich, aber keiner weiß was", sagt Herbert Kuhn vom Marktforschungsinstitut M+M Eurodata in Frankfurt. Für ihn ist Lidl das expansivste deutsche Handelsunternehmen. Auch im Inland setzt Lidl auf mehr Präsenz und sucht in Orten ab 5.000 Einwohnern ständig nach Immobilien. Bis zum Jahr 2005 soll zudem zwischen Landsberg und München ein neues Lager für Südbayern eröffnet werden, das 22. in Deutschland, das dann auch die rund 60 Filialen im Raum München bedient, wie ein Insider berichtet. Wie Marktführer Aldi profitiert Lidl vom wachsenden Preisbewusstsein der Verbraucher, und mittlerweile sogar stärker als der Konkurrent: Während Aldi in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 5,5 Prozent mehr Umsatz machte, nahm das Geschäft der Lidl-Discount-Märkte um 16 Prozent zu, schätzt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg. Keinerlei Informationen Ob dieser Zuwachs allein über die Neueröffnung von Standorten oder teils auch auf konstanter Fläche erzielt wurde, ist kaum zu klären, da Lidl selbst keinerlei Informationen zu geben bereit ist. Ein Branchenkenner vermutet auch einen Basiseffekt: Anfang 2002 hatte Aldi den "Teuro"-Effekt der Euro-Einführung zunächst noch wesentlich geschickter auszunutzen verstanden als Lidl. Doch der Trend lautet: Lidl rückt zu Aldi auf; die Kopie bedroht das Original. Lidl-Inhaber Dieter Schwarz, 63, hat vor 30 Jahren im väterlichen Handels-Unternehmen Lidl & Schwarz mit dem Aufbau einer Discount-Kette nach dem Vorbild von Aldi begonnen. Als der Vater 1977 starb, übernahm er die Geschäftsführung der gesamten Gruppe. Seit 1984 betrieb er den Ausbau einer Kette von Selbstbedienungs-Warenhäusern unter dem Namen Kaufland und Handelshof. 1999 wurden Lidl und Kaufland unter dem Dach jeweils einer Stiftung geparkt, über denen die gemeinnützige Dieter Schwarz-Stiftung als Eigentümerin schwebt. An ihr wiederum hält eine von Schwarz beherrschte Unternehmenstreuhand KG sämtliche Stimmrechte. Unverändert fühlbare Präsenz Schwarz übergab gleichzeitig die Führung seines Imperiums an zwei Generalbevollmächtigte, doch berichten Mitarbeiter über seine unverändert fühlbare Präsenz im Unternehmen: In manchem Lager, mancher Filiale sei er schon überraschend aufgetaucht, um nach dem Rechten zu sehen. Der Familienvater aus Heilbronn im Schwabenland, einer der reichsten Männer Deutschlands, muss dabei nicht befürchten aufzufallen: Da er keine Interviews gibt und bei offiziellen Anlässen unsichtbar bleibt, wissen nur wenige, wie er aktuell aussieht. Auch Publizitätspflichten ignoriert er schamlos. Die letzten dürren Zahlen aus dem Konzern stammen aus dem Jahr 2001: Damals will das Schwarz-Imperium (einschließlich der SB-Märkte) mit 75.000 Mitarbeitern rund 23 Milliarden Euro umgesetzt haben, zehnmal so viel wie 1989. Für das Geschäftsjahr 2002/2003 (28. Februar) schätzte die Lebensmittel Zeitung den Umsatz allein der Discount-Sparte auf rund 20 Milliarden Euro, wovon die Hälfte im Ausland erzielt worden sei. Die Zeitung will von Insidern erfahren haben, dass die Gruppe sich auf eine Eigenkapitalquote von 20 Prozent und eine ausreichende Nettoliquidität stützen kann. Neue Standorte würden häufig über private Investoren finanziert: Diese stellten die Immobilien langfristig als Verkaufsfläche zur Verfügung und bekämen dafür eine garantierte Rendite. Im Branchenvergleich ordentlich Lidl selbst soll mit seinen Discount-Märkten drei Prozent Rendite vor Steuern erzielen - auch dies eine gegriffene und kaum zu überprüfende Zahl, die aber, wenn sie stimmt, im Branchenvergleich ordentlich wäre. Unter dem schlichten Slogan "Lidl ist billig" pflegt Lidl ein proletarischeres Image als Aldi. Das Sortiment ist allerdings fast zweimal größer, das Angebot an Frischprodukten bedeutender, der Anteil der Handelsmarken kleiner als bei Aldi, wie Marktforscher Kuhn bestätigt. Mit bekannten Markennamen, wie zum Beispiel für Röstkaffee oder Milchprodukte, deren Preise sich wöchentlich änderten, versuche Lidl die Kundenfrequenz zu erhöhen. Dafür scheint Aldi bei Angeboten abseits des Lebensmittelsortiments nach Auffassung der Branche geschickter zu agieren. In der Vertretung seiner Interessen gegenüber den Lieferanten gilt Lidl im Vergleich zu Aldi als noch aggressiver. Ständige Verfügbarkeit Von der Belegschaft verlangen Schwarz und sein Management offenbar blinden Gehorsam und ständige Verfügbarkeit. Krankmacher werden zuweilen mit unangemeldeten Hausbesuchen auf Kurs gebracht, erzählen Mitarbeiter. Die Beschäftigten in den Filialen und Lagern, obwohl in der Mehrzahl weiblich und mit familiären Verpflichtungen, müssen mit stark wechselnden Arbeitszeiten und Überstunden auf Zuruf fertig werden, berichtet Mario Schäfer, Betriebsratsvorsitzender des Regionallagers in Unna. Dass das Personal im Niedrigpreissektor sehr produktiv arbeiten müsse, sei zwar verständlich, sagt Schäfer. Er habe aber versucht, das Wechselspiel von Druck und Angst zu durchbrechen, das die Beziehungen des Unternehmens zu seinen Mitarbeitern präge. Dass nun die im Betriebsrat besonders engagierten Mitarbeiter des Fuhrparks an einen Spediteur ausgegliedert werden, hat er nicht verhindern können. "Doch ganz, ganz schlimm ist es bei Lidl" Bei der Gewerkschaft Verdi haben die Filialunternehmen des Handels in Sachen Arbeitnehmerrechte generell keinen guten Leumund. "Doch ganz, ganz schlimm ist es bei Lidl", sagt Norbert Glaßmann, stellvertretender Geschäftsführer von Verdi in Hamm. Im Lidl-Reich sind die Filialen in eigene Vertriebs GmbH & Co KGs ausgegliedert, um die Organisation von Betriebsräten zu erschweren. Als die Mitarbeiter von sieben Lidl-Filialen der Region im Frühjahr dennoch geladen waren, einen Wahlvorstand für die Betriebsratswahl zu bestimmen, erschien kein Mensch. Die Beschäftigten waren vom Unternehmen am gleichen Tag zu einer internen Schulung bestellt. Derweil saßen Geschäftsführer und Bezirksleiter als Drohkulisse im Versammlungsraum. "Die Botschaft war klar", sagt Glaßmann: "Wer kommt, wird abrasiert." | Der Lebensmittel-Discounter Lidl wächst schneller als der Marktführer Aldi. Gegenüber dem Personal gilt das schwäbische Familienunternehmen allerdings als rüde. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lidl-contra-aldi-kopie-bedroht-original-1.902259 | Lidl contra Aldi - Kopie bedroht Original | 00/05/2010 |
Liechtenstein kann sein Image als Hort krimineller Geldwäscher nicht so recht abschütteln und das Demokratieverständnis des Fürsten ist eigenartig. Dennoch wird auch nach 200 Jahren Souveränität vieles beim Alten bleiben. Schließlich macht Reichtum bequem. Es ist heiß an diesem Sommertag in Vaduz. Die Touristen haben sich unter die Jalousien der Straßencafés verzogen. Nur ein paar Japaner stehen vor dem Wegweiser zum Schloss und versuchen zu übersetzen, was "keine Besichtigung" bedeutet. Detailansicht öffnen Führt die Amtsgeschäfte für seinen Vater: Erbprinz Alois. (Foto: Foto: Reuters) Spätestens oben auf dem Hausberg der liechtensteinischen Hauptstadt werden sie verstehen, was gemeint ist. Das Tor zum Schloss ist mit einer Kette abgeriegelt. Die Fürstenfamilie will hinter Steinmauern und Schießscharten ihre Ruhe haben. Doch manchmal macht Erbprinz Alois eine Ausnahme - wenn es um staatstragende Ereignisse geht zum Beispiel. Am 12. Juli, an diesem Mittwoch also, feiert Liechtenstein 200 Jahre Souveränität, und das ist ein staatstragender Akt. Also empfängt Erbprinz Alois ein paar Journalisten. Jagdbilder und ein Hirschgeweih Er repräsentiert Liechtenstein, seitdem ihm sein Vater, Fürst Hans-Adam II., vor zwei Jahren die Amtsgeschäfte übertrug. Jagdbilder und ein Hirschgeweih zieren die Steinwände im Empfangszimmer. Von der Decke baumelt ein achtarmiger Messingleuchter. Auf der Kommode stehen Fotos der hoheitlichen Familie, dazwischen thront der verstorbene Papst Johannes Paul II. Prinz Alois steht da, ein Glas Orangensaft in der Hand und in strammer Haltung, was damit zu tun haben mag, dass er einst in der königlich-britischen Militärakademie in Sandhurst ausgebildet worden ist. Die Souveränität, sagt er, sei für so einen kleinen Staat wie Liechtenstein etwas Kostbares, womit er Recht haben mag; 35.000 Einwohner auf einem Flecken Erde von 160 Quadratkilometern könnten schnell unter die Räder kommen. Was heißt eigentlich souverän? Nur, was heißt eigentlich souverän? Das weiß selbst der Liechtensteiner Historiker Rupert Quaderer nicht so genau. Eigentlich besteht das Land seit 1719. Aber irgendwann hat die Regierung beschlossen, dass der Zeitpunkt der Souveränität im Jahr 1806 festzumachen sei. Damals lag Napoleon mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Streit. Er nötigte einige Fürsten, aus diesem Reich auszutreten und den Rheinbund zu gründen. Auch Liechtenstein zwang er in diesen Bund. Als Anreiz gewährte Napoleon den Gefährten eine gewisse Eigenständigkeit. Der Liechtensteiner Fürst Johann I. wollte aber die enge Freundschaft mit den Österreichern bewahren, die unglücklicherweise Feinde Napoleons waren. So überschrieb Johann das Fürstentum kurzerhand seinem dreijährigen Sohn und ließ ihn mit den Untertanen in Napoleons Bund eintreten. "Wir leiden an Beginnlosigkeit" Die Beitrittsurkunde wurde nie unterzeichnet, weil der Sprössling des Schreibens nicht mächtig war. "Wir leiden an Beginnlosigkeit. Deswegen feiern wir alles, was sich uns in den Weg stellt", urteilt Quaderer. Mit dem Feiern ist das aber so eine Sache. Der Fürst und die Regierung haben verfügt, dass die Liechtensteiner am Tag der Souveränität arbeiten müssen, weswegen der Festakt auf dem Rathausplatz in Vaduz erst am Abend beginnt. "Wir haben schon so viele Feiertage", erklärt Erbprinz Alois. Mehr sei nicht zu vertreten. Alois ist ein freundlicher Mann von 38 Jahren. Erste graue Strähnen schauen zwischen den dunklen Haaren hervor. Er lächelt viel und spricht vorsichtig. | Liechtenstein kann sein Image als Hort krimineller Geldwäscher nicht so recht abschütteln und das Demokratieverständnis des Fürsten ist eigenartig. Dennoch wird auch nach 200 Jahren Souveränität vieles beim Alten bleiben. Schließlich macht Reichtum bequem. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/200-jahre-liechtenstein-hauptsache-reich-1.899238 | 200 Jahre Liechtenstein - Hauptsache reich! | 00/05/2010 |
Die FTD Waggonbau in Dessau montierte zu DDR-Zeiten Kühl- und Thermowagen für die sowjetische Staatsbahn. Die Mitarbeiter legten ihr Erspartes zusammen, um ihre Jobs zu retten. Nun übernahme ein Oligarch ihre Firma - und alle sind froh. Die Sonne blinzelt, Wind pfeift um die Ecken. Horst Heinze läuft über den aufgeräumten Platz hinüber zu den Hallen, in denen einst Kühlzüge für die Sowjetunion montierten wurden. Aus dem Inneren dröhnt der Lärm von Maschinen auf das ansonsten verwaiste Areal. ,,Der letzte Kühlwagen ging 1993 von hier aus auf die lange Reise nach Osten'', sagt der Betriebsrat der FTD Fahrzeugtechnik AG Dessau in Sachsen-Anhalt. ,,Seitdem hat kein Waggon mehr die Hallen in Richtung Russland verlassen.'' Damals ging eine Ära zu Ende, in der die Dessauer Waggonbaufabrik mit ihren 6000 Beschäftigten mehr als 40.000 Kühl- und Thermowagen für die sowjetische Staatsbahn montiert hat. Sicher geglaubter Absatzmarkt Doch mit dem Einzug der Marktwirtschaft und dem Zerfall des Sowjetreichs brach der sicher geglaubte Absatzmarkt zusammen - die Dessauer standen auf einmal ohne Arbeit da. Doch jetzt laufen die Geschäfte wieder, und das liegt ausgerechnet auch an den Russen. Und an Joachim Pfannmüller. Den Hamburger Unternehmensberater, heute Vorstandschef der FTD Fahrzeugtechnik, hatte die Treuhand beauftragt, das Werk mit den 750 Mitarbeitern abzuwickeln - gegen den Widerstand des Großteils der Belegschaft. Doch Pfannmüller wurde vom Abwickler zum Existenzgründer: Mit 175 Waggonbauern gründete er die FTD Fahrzeugtechnik. Die übrigen Mitarbeiter kamen in einer Auffanggesellschaft und in dem Betrieb unter, der das weitläufige Areal bewirtschaftete. Zulieferer von Türen, Karosserien und Antrieben Das Experiment gelang. Das Unternehmen etablierte sich schnell als Zulieferer von Türen, Karosserien und Antrieben bei großen Schienenfahrzeugbauern wie Siemens, Bombardier und Alstom - auch dank des Wissens, das sich über viele Jahrzehnte in den Dessauer Konstruktionsbüros und Montagehallen angesammelt hatte. Pfannmüller musste damals, Mitte der neunziger Jahre, viel Überzeugungsarbeit leisten, ehe die Mitarbeiter bereit waren, sich mit ihrem Ersparten an dem neu gegründeten Unternehmen zu beteiligen. Heute sind sie froh über ihre Entscheidung: Ihre Einlage ist inzwischen längst zurückgezahlt, sie blieben auch Anteilseigner, als das Unternehmen 1999 in eine Aktiengesellschaft umgegründet wurde. Trotzdem hatte das Unternehmen lange Zeit ein großes Problem: Für Großaufträge, etwa von der Deutschen Bahn oder internationalen Verkehrsunternehmen, reichte die Finanzkraft nicht aus. ,,Wir brauchten dafür, das wurde mir schnell klar, einen starken Partner'', sagt Pfannmüller. Für einen Börsengang nicht tauglich Für einen Börsengang war der Betrieb in Dessau mit einem Jahresumsatz von 25 Millionen Euro und geringen Gewinnmargen jedoch nicht tauglich. | Die FTD Waggonbau in Dessau montierte zu DDR-Zeiten Kühl- und Thermowagen für die sowjetische Staatsbahn. Die Mitarbeiter legten ihr Erspartes zusammen, um ihre Jobs zu retten. Nun übernahme ein Oligarch ihre Firma - und alle sind froh. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-willkommene-oligarch-die-russen-sind-wieder-da-1.905602 | Der willkommene Oligarch - Die Russen sind wieder da | 00/05/2010 |
Trotz des teuren Euros und der hohen Ölpreise haben die Ausfuhren aus Deutschland im vergangenen Jahr das bisherige Rekordjahr 2003 noch übertroffen. Jetzt muss nur noch die Nachfrage im Inland anziehen. Beflügelt vom weltwirtschaftlichen Aufschwung legten die Ausfuhren nach Schätzung des Statistischen Bundesamts vom Dienstag um 10,0 Prozent zu. Detailansicht öffnen Ein Frachtschiff wird am Eurokai im Hamburger Hafen mit Containern beladen. (Foto: Foto: AP) Insgesamt wurden Waren im Wert von 731,0 Milliarden Euro exportiert und für 575,4 Milliarden Euro importiert. Zwar kletterten damit auch die Einfuhren um 7,7 Prozent nach oben. Doch der Ausfuhrüberschuss in der Handelsbilanz erreichte mit 155,6 Milliarden Euro nach 2003 einen neuen historischen Höchststand. Dabei profitierte der deutsche Außenhandel erneut von der robusten Weltkonjunktur. Negativer Einfluss des Wechselkurses gering Nach Ansicht des Chefvolkswirts der Deka-Bank, Ulrich Kater, sei der negative Einfluss des Wechselkurses im Vergleich dazu deutlich geringer ausgefallen. Die Exporte in EU-Länder, die vom Euro-Kurs wenig beeinflusst werden, hatten einen Anteil von knapp zwei Dritteln und stiegen um 9,8 Prozent. Für die übrigen Länder lag das Plus bei 10,4 Prozent. Die Importe legten aus Staaten der EU um 6,5 Prozent und aus anderen Regionen um 9,8 Prozent zu. Auch steigende Binnennachfrage erwartet Ökonom Kater erwartet für 2005 weiter anziehende Exporte und Importe. Allerdings würden sich die Zuwachsraten stärker angleichen. Als erfreulichstes Signal der Zahlen wertete der Volkswirt den Import-Zuwachs: "Das deutet auf eine steigende Binnennachfrage hin." Ein Exportüberschuss sei nicht automatisch erstrebenswert. "Kein Erfolgsmesser" Er wies auch daraufhin, dass Kapital aus Deutschland abfließe und Investoren andere Standorte bevorzugten. "Ich bin strikt dagegen, die Außenhandelsbilanz als Erfolgsmesser für eine Volkswirtschaft anzusehen." Es gebe zum Beispiel wirtschaftlich schwache afrikanische Länder, die auf Grund ihrer Rohstoffvorkommen einen Überschuss verzeichneten. Die USA wiederum als stärkste Wirtschaftsmacht der Welt wiesen seit langem ein Defizit auf. | Trotz des teuren Euros und der hohen Ölpreise haben die Ausfuhren aus Deutschland im vergangenen Jahr das bisherige Rekordjahr 2003 noch übertroffen. Jetzt muss nur noch die Nachfrage im Inland anziehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aussenhandel-deutscher-export-bricht-alle-rekorde-1.901838 | Außenhandel - Deutscher Export bricht alle Rekorde | 00/05/2010 |
Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft geht an Robert Engle aus den USA und den Briten Clive Granger. Die zwei Wissenschaftler teilen sich die Auszeichnung für Forschungsergebnisse zur Analyse ökonomischer Zeitreihen. (SZ vom 09.10.03) - Ökonomen waren Alfred Nobel ein Gräuel - obwohl der Schwede überaus erfolgreich zu wirtschaften verstand. Mit der Herstellung und dem Vertrieb von Dynamit hatte er eines der größten europäischen Vermögen angehäuft - und in seinem Testament im Jahr 1895 verfügt, dass die 33 Millionen Kronen (auf heutige Verhältnisse umgerechnet rund 165 Millionen Euro) in einem Fonds anzulegen seien, "dessen Zinsen jährlich als Preisbelohnung an diejenigen verteilt werden sollen, die im abgelaufenen Jahr der Menschheit die größten Dienste erwiesen haben". Von Wirtschaft war dabei nicht die Rede. Kein Wunder: "Es gibt nicht den geringsten Grund, warum ich, der ich keinerlei Ausbildung in Wirtschaftsdingen habe und sie ehrlicherweise auch hasse, mich mit all diesen Geschäften plagen soll, von denen ich möglicherweise nur wenig mehr weiß als der Mann im Mond", hatte Nobel einmal festgehalten. Dennoch wird seit 1969 alljährlich gemeinsam mit den anderen auch ein Wirtschafts-Nobelpreis verliehen, gestiftet allerdings von der schwedischen Reichsbank. Mit den Preisträgern des Jahres 2003, verkündet am Mittwoch von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm, würde Alfred Nobel wieder herzlich wenig anfangen können: Robert F. Engle aus den Vereinigten Staaten und Clive W.J. Granger aus Großbritannien teilen sich die Preissumme von umgerechnet mehr als einer Million Euro für ihre Arbeiten zur statistischen Erforschung ökonomischer Zusammenhänge. In den USA tätig Beide Preisträger lehren in den USA: Der 60-jährige Engle an der New Yorker Universität, der neun Jahre ältere Granger an der Universität von San Diego in Kalifornien. Damit sind beziehungsweise waren 40 von bisher 53 Nobelpreisträgern in den USA tätige Wissenschaftler. Noch nie wurde eine Frau ausgezeichnet, und nur einmal ein Deutscher: Richard Selten im Jahr 1994. Engle und Granger haben sich um so genannte Zeitreihen, also chronologische Reihenfolgen von Daten, verdient gemacht. Wirtschaftswissenschaftler verwenden diese zur Abschätzung von Zusammenhängen und zur empirischen Überprüfung von theoretisch gewonnenen Hypothesen. Die Preisträger entwickelten bereits in den achtziger Jahren neue statistische Methoden zum besseren Umgang mit zwei zentralen Eigenschaften vieler Zeitreihen: zeitlich veränderliche Volatilität und Nichtstationarität. Konkret: Auf Finanzmärkten haben zufällige Schwankungen über die Zeit - Volatilität - große Bedeutung, weil der Wert von Aktien, Optionen und anderen Wertpapieren auf diesem Risiko beruht. Variation der Fluktuationen Die Schwankungen können im Lauf der Zeit stark variieren - ruhige Perioden lösen turbulentere Perioden mit größeren Fluktuationen ab. Obwohl sich also die Volatilität über die Zeit verändert, arbeiteten die Wirtschaftswissenschaftler wegen des Fehlens einer Alternative lange mit statistischen Methoden, die eine konstante Volatilität voraussetzen. Robert Engle nun entwickelte Methoden, die es ermöglichen, zeitlich variierende Volatilität zu modellieren. Dafür erfand er den Begriff "autoregressive bedingte Heteroskedastizität" (ARCH). Diese Modelle sind nach Ansicht des Preiskomitees "unverzichtbare Werkzeuge" nicht nur für Forschern, sondern auch für Finanzanalysten geworden, die sie unter anderem zur Risikobewertung verwenden. Die meisten makroökonomischen Variablen wachsen einem unsystematischen Trend folgend, so dass zufällige Störungen, etwa des BIP, auf lange Sicht erhalten bleiben. Nicht-stationär Derartige Zeitreihen werden nicht-stationär genannt. Sie unterscheiden sich von stationären Zeitreihen, die nicht mit der Zeit wachsen, sondern sich um einen vorgegeben Wert herum bewegen. Clive Granger zeigte früh, dass statistische Methoden für stationäre Zeitreihen bei nicht-stationären Daten völlig fehlleitende Schlussfolgerungen ergeben können. Seine Entdeckung war, dass spezifische Kombinationen von nicht-stationären Zeitreihen stationär auftreten können und somit statistische Schlussfolgerungen zulassen. Granger nannte dieses Phänomen Kointegration. Seine Methoden sind hilfreich etwa bei der Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Vermögen und Konsum, Wechselkursen und Preisniveau oder kurzfristigen und langfristigen Zinssätzen. | Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft geht an Robert Engle aus den USA und den Briten Clive Granger. Die zwei Wissenschaftler teilen sich die Auszeichnung für Forschungsergebnisse zur Analyse ökonomischer Zeitreihen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirtschafts-nobelpreis-zwei-meister-der-statistik-1.905609 | Wirtschafts-Nobelpreis - Zwei Meister der Statistik | 00/05/2010 |
Die Unionsfraktion hegt den Verdacht, dass Finanzminister Hans Eichel Informationen über die Hotel-Affäre von Bundesbankpräsident Ernst Welteke in der Öffentlichkeit lanciert hat, um diesen aus dem Amt zu treiben. CDU und CSU wollen deshalb Eichel und dessen Medienberater Klaus-Peter Schmidt-Deguelle in den Haushaltsausschuss des Bundestags zitieren. Es solle geklärt werden, so der CDU-Haushaltsexperte Steffen Kampeter, ob der Fall Welteke "das deutsche Watergate ist". Die Union hält es für möglich, dass Schmidt-Deguelle die Unterlagen über Weltekes Silvester-Aufenthalt im Berliner Hotel Adlon, den zunächst die Dresdner Bank bezahlt hatte, illegal beschafft und weitergegeben hat. Dies erinnere, urteilt Kampeter, an die Affäre um US-Präsident Richard Nixon, der 1974 zurücktreten musste. Mitarbeiter von Nixon waren in ein Büro im Washingtoner Watergate-Komplex eingebrochen, um politische brisante Informationen zu beschaffen. Früher bei der Dresdner Bank tätig Die Union beruft sich bei ihrem Verdacht auf Berichte von Zeitungen des Springer-Verlags. Diese hatten über die Rolle von Schmidt-Deguelle in der Welteke-Affäre spekuliert. Der freiberufliche Medienberater war bis vor einem Jahr auch für die Dresdner Bank tätig. 2001 hatte er die Öffentlichkeitsarbeit für die Silvesterveranstaltung der Dresdner Bank in Berlin mit vorbereitet. Schmidt-Deguelle bezeichnete die Darstellung der Blätter als "frei erfunden und völlig absurd". Er habe keinerlei Informationen über den Hotel-Aufenthalt weitergegeben. Das Ministerium sprach von einer "bösartigen und falschen Darstellung"; die Berichte über ein mögliches Komplott der Bundesregierung gegen Welteke seien "völlig abstrus". Schmidt-Deguelle bestritt zudem, dass er die anonymen Briefe aufgegeben habe, die das Finanzministerium im Fall Welteke erhalten hatte. Die Schreiben, adressiert an Eichel, seinen Staatssekretär und einen Abteilungsleiter, enthielten eine Kopie der Rechnung des Hotels Adlon, versehen mit dem Eingangsstempel der Dresdner Bank. Sie waren am 31.März bei einem Postamt in Berlin-Mitte abgestempelt worden, das in der Nähe des Ministeriums liegt. Brisanz der Unterlagen Die Dresdner Bank hatte zuvor überprüft, ob jemand aus ihren Reihen für die Indiskretion verantwortlich gewesen sein könnte. 25 Personen hätten damals, berichtet die Welt am Sonntag, Zugang zu der Rechnung gehabt, maximal drei hätten die Brisanz der Unterlagen erkennen können. Einer davon sei, so behauptet die Zeitung, Schmidt-Deguelle gewesen. Dieser wies den Verdacht gegen seine Person zurück: "Wie hätte ich an diese Rechnung kommen sollen?" Im Übrigen sei er an dem Tag, an dem die Briefe abgeschickt wurden, nachweislich nicht in Berlin gewesen. Der Medienberater erwägt nun rechtliche Schritte gegen die Zeitung. | Die Unionsfraktion hegt den Verdacht, dass Finanzminister Hans Eichel Informationen über die Hotel-Affäre von Bundesbankpräsident Ernst Welteke in der Öffentlichkeit lanciert hat, um diesen aus dem Amt zu treiben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/anonyme-briefe-union-vergleicht-welteke-affaere-mit-watergate-1.905139 | "Anonyme Briefe - Union vergleicht Welteke-Affäre mit ""Watergate""" | 00/05/2010 |
Nach der Produktion durchforsten Unternehmen nun ihre Verwaltungen nach Einsparmöglichkeiten. Es droht ein massiver Abbau durch Automatisierung oder Verlagerung ins Ausland. Unternehmen nehmen ihre Verwaltungen ins Visier. Bedroht sind mehrere hunderttausend Stellen. Nachdem die Zahl der Bürojobs in den 70er und 80er Jahren stark angestiegen war und in den 90er Jahren stagniert hatte, droht nun ein massiver Abbau durch Automatisierung oder Verlagerung ins Ausland. Detailansicht öffnen Jede vierte Stelle in Gefahr? Experten prognostizieren einen breiten Stellenabbau in der Verwaltung. (Foto: Foto: dpa) "Der Prozess kommt ins Rollen", sagte der Vorstand der Beratungsfirma Ingenics, Oliver Herkommer, der SZ. Er schätzt, dass sich 15 Prozent der Stellen einsparen lassen. Grund sei der Trend zur Automatisierung durch den Einsatz moderner Kommunikationstechnologien sowie die Auslagerung ins Ausland, sagte Herkommer der SZ. Umfrage bei 500 Unternehmen Seine Prognose beruht auf einer Umfrage bei 500 Unternehmen, darunter viele große Autohersteller. Ein drastischeres Szenario entwirft die Unternehmensberatung AT Kearney. Nach deren Berechnungen streichen die Betriebe in den Schlüsselindustrien in den kommenden fünf bis zehn Jahren in den Verwaltungen 120.000 der 152.000 Arbeitsplätze. Aktiv würden vor allem Autohersteller und Versorger; etwa die Hälfte des erwarteten Stellenabbaus werde auf diese Branchen entfallen. Bereits kurzfristig werden laut AT Kearney 49.000 Arbeitsplätze wegfallen, vor allem im Finanz- und Rechnungswesen, Personalwesen und dem allgemeinen Einkauf. Kaum Veränderungen erwarten die Berater für die Bereiche Kommunikation, Recht und Steuern. Bewahrheiten sich die Szenarien auch nur in Teilen, zerschlagen sich Hoffnungen, Verwaltungsarbeitsplätze könnten Stellenverluste in der Produktion ausgleichen. Noch bis in die 90er Jahre hinein hatte sich der Anteil von Erwerbstätigen, die Büro- und Verwaltungstätigkeiten ausüben, ständig vergrößert. Doch dann stagnierte die Zahl der Beschäftigten laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB). Jede vierte Stelle weg? Nun folgt die Abwärtsentwicklung. Über aktuelle Jobszenarien für Büroberufe verfügt das IAB nicht. Als Indikator lohnt aber ein Blick auf einzelne Berufsgruppen. So sank die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Rechnungs- und Datenverarbeitungskaufleute von rund 813.000 im Jahr 2002 auf gut 798.000 im vergangenen Jahr, bei Bürohilfskräften von 4,02 Millionen auf 3,92 Millionen. Für die Büroangestellten aus Industrieunternehmen gibt es kaum noch Ausweichmöglichkeiten, beispielsweise zu Finanzdienstleistern. Schließlich streichen die Versicherer ebenfalls quer durch die Republik tausende Stellen, ob Allianz, Zurich oder Thalanx. Der Vorstandschef des Versicherungskonzerns AMB, Walter Thießen, schätzt, dass jede vierte der 240.000 Stellen in der Assekuranz in den kommenden Jahren wegfällt. Das gleiche Bild gibt es bei den Banken. Zu Veränderungen kommt es vor allem durch die Industrialisierung von Bereichen wie Zahlungsverkehr, Wertpapiergeschäft, Einlagengeschäft, einfachem Kreditgeschäft und weiteren allgemeinen Verwaltungstätigkeiten. "Dadurch dürften in den nächsten fünf bis acht Jahren zwischen 80.000 und 100.000 Stellen im Bankgewerbe betroffen sein", sagt Host Kleinlein, Prozessexperte bei der Münsteraner Unternehmensberatung ZEB. Heute arbeiten im Bankgewerbe in den genannten Bereichen etwa 500.000 Mitarbeiter. Kostendruck durch den Kunden Noch hinken Banken und Versicherer bei der Industrialisierung von Prozessen hinterher. "Verglichen mit Automobilunternehmen gibt es hier noch erhebliche Möglichkeiten", sagt der Berater Kleinlein. "Die Produktivitätsschere schließt sich aber langsam." Getrieben würden die Banken dadurch, dass die Kunden zunehmend auf den Preis achten und dies den Kostendruck verstärkt. Während standardisierbare Aufgaben zunehmend vom Computer erledigt werden sieht Kleinlein einen steigenden Bedarf an hoch qualifizierten Spezialisten in Personalwesen, Risikomanagement, Prozesssteuerung und Vertrieb. "Das wird aber wohl nur einen Teil der wegfallenden Stellen ersetzen." Auch die öffentlichen Verwaltungen stehen unter Kostendruck und zentralisieren oder automatisieren Tätigkeiten. Die Behörden konzentrierten sich auf ihre Kernaufgaben und müssten interne Verwaltungstätigkeiten auf behördliche Dienstleistungszentren übertragen, sagt der Referatsleiter beim Bundesverwaltungsamt Peter Faßbender. Der skeptische Professor Der zentrale Dienstleister für Behörden hat einiges schon voll automatisiert wie das Dienstreisemanagement. Einige Behörden haben ihre Verwaltungen schon fast komplett an das Bundesverwaltungsamt abgegeben. Auch Steffen Lehndorff, Experte für Arbeitsorganisation am Institut für Arbeit und Technik in Nordrhein-Westfalen sieht eine "Rationalisierungsreserve" in den Verwaltungen. Allerdings hält er die Prognosen der Unternehmensberatungen über den Umfang des Beschäftigungsabbaus für gewagt. Skeptisch ist ebenfalls der Osnabrücker Wirtschaftsprofessor Bernd Meyer. Er hat gemeinsam mit dem Forschungsinstitut der Bundesagentur IAB ein Modell entwickelt, welches auch zur Prognose des Arbeitskräftebedarfs eingesetzt wird. Demnach soll die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland bis zum Jahr 2020 um mehr als eine Million Menschen steigen. Davon wiederum soll ein steigender Anteil der Beschäftigten im Bereich unternehmensnahe Dienstleistungen arbeiten. | Nach der Produktion durchforsten Unternehmen nun ihre Verwaltungen nach Einsparmöglichkeiten. Es droht ein massiver Abbau durch Automatisierung oder Verlagerung ins Ausland. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/massiver-stellenabbau-erwartet-hunderttausende-buerojobs-auf-der-kippe-1.900652 | Massiver Stellenabbau erwartet - Hunderttausende Bürojobs auf der Kippe | 00/05/2010 |
Die globale Fusionswelle in der Bankenbranche wird auch vor Deutschland nicht Halt machen. Die amerikanische Bankenbranche lässt wieder einmal die internationale Finanzwelt erzittern. Die drittgrößte US-Bank J.P. Morgan Chase übernimmt in einer der größten Fusionen der Bankengeschichte für 58 Milliarden Dollar die Bank One. Morgan Chase könnte nun sogar mit einer Bilanzsumme von 1,1 Billionen Dollar in absehbarer Zeit die Spitzenposition des größten US-Finanzdienstleisters Citigroup streitig machen. Der Hunger der US-Banken auf Übernahmen scheint grenzenlos zu sein. Erst im vergangenen Herbst hatte die Bank of America den Konkurrenten Fleet Boston geschluckt. Mischung aus Bewunderung und Ängstlichkeit In der deutschen Bankenszene schaut man mit einer Mischung aus Bewunderung und Ängstlichkeit auf das, was sich derzeit in den USA abspielt. Deutsche- Bank-Chef Josef Ackermann rechnet damit, dass 2004 der Startschuss für größere, grenzüberschreitende Fusionen in Europa fallen werde. Doch die deutschen Geldkonzerne sind für Mega-Übernahmen schlecht gerüstet. Sie könnten Opfer der Eroberer von der Wall Street werden. Citigroup-Aufsichtsratschef Sanford Weill hat bereits unverblümt zu Erkennen gegeben, dass er am Kauf eines deutschen Instituts interessiert sei. Er weiß, worum es geht. Deutschland ist in Europa der größte Markt. Der Branche vorgemacht Weill hat es der Branche vorgemacht: Durch milliardenschwere Übernahmen hat der Manager die Citigroup zur größten Bank der Welt ausgebaut. Der Koloss, der an Finanzkraft einen mittelgroßen US-Bundestaat übertrifft, macht Monat für Monat rund eine Milliarde Dollar Gewinn. Der Konzern hat genügend Geld in der Kriegskasse, dass er sich sogar an die Übernahme der Deutschen Bank herantrauen könnte. Der vergleichsweise moderate Aktienkurs von 64,80 Euro verstärkt dabei den Appetit. US-Banken arbeiten im Durchschnitt mit geringeren Kosten als ihre europäische Konkurrenz. Während bei deutschen Instituten nach Branchenschätzungen von jedem verdienten Euro etwa 70 Cent durch Personalkosten und teure Vertriebswege verschlungen werden, dürften es bei der Citibank, der deutschen Tochter der Citigroup, nicht mehr als 41 Cent sein. Erreicht wird dies durch standardisierte Bankprodukte. Weitgehend per Computer In den USA werden die Anträge für Verbraucherkredite schon weitgehend per Computer bearbeitet. Den klassischen Filialangestellten, der sich sowohl um das Sparbuch als auch um den Kredit für einen Autokauf seiner Kunden kümmert, gibt es nicht mehr. Individuelle Beratungsgespräche beschränken sich ohnehin häufig auf das Notwendigste. Am liebsten sehen es die Institute, wenn die Kunden ihre Bankgeschäfte am Automaten oder per Internet erledigen. Das ist der Preis für die höhere Produktivität. Die deutschen Geldkonzerne werden sich vor solchen Änderungen nicht verschließen können. Sie müssen ihre Renditen steigern. Das bedeutet zwangsläufig den Abbau von Personal. Die gesamte Branche steht vor einer fundamentalen Neuordnung. Zwar haben die Institute ehrgeizige Kostensenkungs-Programme gestartet, nachdem die Spekulationsblase an der Börse geplatzt ist. Doch das reicht noch lange nicht aus, um im globalen Konkurrenzkampf zu bestehen. Es hapert schlicht an der Größe. Eitelkeiten der Manager Geplante Fusionen wie zum Beispiel zwischen Deutscher Bank und Dresdner Bank oder zwischen Dresdner und Commerzbank scheiterten. Es fehlte an Mut und Risikobereitschaft. Eine Rolle spielten aber auch die Eitelkeiten der Manager, die ihre lieb gewonnenen Vorgärten pflegen wollen. Nun hat sich sogar die Bundesregierung in die Neuordnung der deutschen Bankenlandschaft eingeschaltet. Doch fraglich ist, ob Berlin mit gut gemeinten Appellen viel ausrichten kann. Entscheiden wird ohnehin der Markt. Und die Übernahme eines deutschen Instituts durch eine amerikanische Großbank muss noch nicht einmal das Schlimmste sein. Sie könnte vielmehr die Branche aufrütteln und endlich die dringend notwendige Konsolidierung auslösen. | Die globale Fusionswelle in der Bankenbranche wird auch vor Deutschland nicht Halt machen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-die-unersaettlichen-1.900115 | Kommentar - Die Unersättlichen | 00/05/2010 |
In der Statistik findet sich vom Teuro keine Spur: Deutschland hatte im Jahr 2003 die niedrigste Inflation seit vier Jahren. Die Deutschen sorgen sich schnell wegen steigender Preise. Deshalb ist die Europäische Währungsunion gleichbleibend unpopulär. Und weil einige Wirte und Ladeninhaber die Bargeldumstellung auf den Euro vor zwei Jahren zum Anlass übertriebener Preiserhöhungen genommen hatten, bekam die Gemeinschaftswährung schnell den Schimpfnamen "Teuro". Detailansicht öffnen In Euroland ist die Teuerung nur Österreich niedriger als in Deutschland. (Foto: Grafik: Süddeutsche Zeitung) In der Statistik findet sich allerdings vom Teuro keine Spur. Nach der endgültigen Berechnung des Statistischen Bundesamtes sind die Verbraucherpreise 2003 um 1,1 Prozent gestiegen. Das ist die geringste Teuerung seit 1999; vor einem Jahr lag die Rate bei 1,4 Prozent, vor zwei Jahren bei 2,0 Prozent. Da die Statistiker aus systematischen Gründen die Inflation immer leicht überschätzen (niemand weiß genau zu sagen, inwieweit hinter einer Preissteigerung auch eine Verbesserung der Produktqualität steht), ist der Befund eindeutig: In Deutschland herrscht Preisstabilität. Deutlich unter dem Schnitt Auch im Vergleich zu anderen Ländern der Europäischen Währungsunion ist Deutschlands Inflationsrate ungewöhnlich niedrig. Im vergangenen August, dem letzten Monat, für den aus allen Mitgliedsländern verlässliche Daten veröffentlicht wurden, hatte nur Österreich ein stabileres Preisniveau als Deutschland. Im Durchschnitt der Währungsunion liegt die Teuerung um einen Prozentpunkt höher. Das Statistische Bundesamt führt die niedrigere Inflation unter anderem auf einen Rückgang der Preise für alle mit dem Computer verbundenen Produkte um 20,4 Prozent zurück; auch Haushaltsgeräte (-0,7 Prozent) und Nahrungsmittel (-0,1 Prozent) wurden billiger. Relativ Preisdämpfend wirkte schließlich das Hotel- und Gaststättengewerbe (+0,9 Prozent). Dagegen wurden Mineralölprodukte um 4,4 Prozent teurer; wenn man Heizöl und Benzin herausrechnet, liegt die Teuerungsrate bei nur noch 1,0 Prozent. Spannender noch als die Betrachtung einzelner Sektoren ist die gesamtwirtschaftliche Deutung der Zahlen. Die niedrige Teuerung ist auch ein Ergebnis der zurückhaltenden Lohnpolitik der Gewerkschaften, sagt der Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger, der am 1. März in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage nachrückt. Niedrige Lohnstückkosten Das sorgte für niedrige Lohnstückkosten. Nach dem letzten Herbstgutachten der sechs großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute stiegen diese Kosten 2003 um 0,9 Prozent, in diesem Jahr sollen sie sogar um 0,1 Prozent sinken. Entsprechend stieg und steigt die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands besonders im Euro-Raum, wohin 43 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen. Der Effekt der Euro-Aufwertung, durch die Exporte tendenziell teurer werden, könnte damit zum Teil ausgeglichen werden. Der Unterschied in den Preissteigerungsraten zeigt im übrigen, dass auch in einer Währungsunion die Anpassung an Unterschiede in der Wirtschaftsentwicklung möglich ist. Die höchste Inflationsrate (3,9 Prozent) verzeichnet Irland, wo die Wirtschaft zuletzt besonders schnell gewachsen ist. Das Wachstums-Schlusslicht Deutschland liegt auch bei der Inflation hinten; damit hat die Bundesrepublik, in der Sprache der Ökonomen, "real abgewertet". "D-Mark-Raum hat abgewertet" Die Preisunterschiede bewirken so genau das, was in einem Idealmodell die Funktion flexibler Wechselkurse ist. "Seit 1999 hat der D-Mark-Raum um insgesamt fünf Prozent abgewertet", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der HypoVereinsbank. Nach Meinung anderer Forscher wurde damit die Tatsache ausgeglichen, dass die D-Mark 1999 zu einem überhöhten Kurs in den Euro eingegangen ist. Die Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit hat aber auch einen Preis: Geld ist in Deutschland teurer als anderswo in Euro-Land. Genauer: Die Realzinsen, also die Kreditzinsen nach Abzug der Geldentwertung, liegen um etwa einen Prozentpunkt höher als im Durchschnitt der Währungsunion und um nicht weniger als 2,8 Prozent höher als in Irland. Das erschwert die Finanzierung neuer Investitionen. Welcher der beiden Faktoren sich wie stark auswirkt, darüber streiten die Gelehrten. | In der Statistik findet sich vom Teuro keine Spur: Deutschland hatte im Jahr 2003 die niedrigste Inflation seit vier Jahren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/inflation-von-wegen-teuro-1.905132 | Inflation - Von wegen Teuro | 00/05/2010 |
Kann man einen Fußballklub einfach zum Familienunternehmen erklären und wie einen Waschmittel-Hersteller führen? Wie das gehen könnte, demonstriert derzeit der US-Milliardär Malcolm Glazer. Bei Manchester United will der Investor Malcom Glazer zeigen, dass sich ein Klub wie eine gewöhnliche Firma managen lässt Detailansicht öffnen Das Stadion Old Trafford - für Fußballfans weltweit ein mythenbehafteter Begriff. (Foto: Foto: AP) Kann man einen Fußballklub einfach zum Familienunternehmen erklären und wie einen Waschmittel-Hersteller führen? Noch dazu, wenn es nicht um irgendeinen Klub geht, sondern um Manchester United. "Nie", schallte es dem amerikanischen Milliardär Malcolm Glazer vieltausendfach von den Fans entgegen, als der im Frühjahr 2003 mit Hilfe von Hedge-Fonds bei "ManU" einstieg, nach und nach seinen Anteil ausweitete und den Klub 2005 sogar von der Börse nahm. "Doch, man sollte das sogar", beharrt Glazer. Seine Söhne sitzen im Vorstand. Gute Karten Noch ist die Sache nicht entschieden. Doch der 78-jährige Glazer hat bessere Karten, als es die "Traditionalisten" wahrhaben wollen. Auf die eine oder andere Weise wird Glazer "ManU" zum Musterfall für Unternehmer in aller Welt machen. ManU ist die populärste Fußballmannschaft der Welt. Auf 75 Millionen schätzt die Beratungsgesellschaft Deloitte die Zahl der Anhänger. Damit kann selbst der Mythos Real Madrid nicht mithalten. Für viele von ihnen ist ManU eine Art Religion: Sie sind dem Klub treuer als dem Ehepartner, und sie sparen am Brot, um Eintrittskarten und T-Shirts zu erstehen. Als Glazer anrückte, drohten Tausende Fans mit Boykott, etliche Spieler und Manager sogar mit Kündigung. Manche ManU-Fans versuchten in letzter Minute, Aktien zu kaufen. Ein Gegen-Verein wurde gegründet, andere Opponenten fanden sich in einer Stiftung zusammen und harren so des Endes der Glazer-Ära. Die Fans fürchteten eine Kommerzialisierung des Sports, das Herunterwirtschaften des Klubs, und sie fühlen sich gewissermaßen enteignet. Gestaltende Kraft In Wirklichkeit aber sind die Fans schon lange nicht mehr die gestaltende Kraft bei ManU. Bereits 1991 hatte sich der Fußballverein in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und war an die Börse gegangen. Seitdem wird er mehr oder weniger wie ein ganz normales Unternehmen geführt. So klebte das Management den Markennamen Manchester United auf immer mehr Dienstleistungen und Produkte: Das Firmenlogo prangt auf T-Shirts, Kreditkarten oder der Wanduhr für 180 Euro. Selbst mit der Asche der Fans macht man in Old Trafford noch ein Geld. Dort, am Stadtrand von Manchester, steht die Kathedrale der ManU-Gemeinde - eines der größten Stadien der Welt. Listenpreise für das Urnengrab unter dem Rasen von Old Trafford gibt es nicht. Geldhunger Damals, als sich der Fußballverein in ein Unternehmen umwandelte und die Kommerzialisierung im großen Stil begann, hatte es - ganz anders als bei der Glazer-Übernahme - keine großen Proteste gegeben: Der Klub brauchte Geld, denn aus Mitgliedsbeiträgen waren die hohen Kosten für Einkäufe neuer Spieler nicht zu finanzieren. | Kann man einen Fußballklub einfach zum Familienunternehmen erklären und wie einen Waschmittel-Hersteller führen? Wie das gehen könnte, demonstriert derzeit der US-Milliardär Malcolm Glazer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/manchester-united-ein-musterfall-fuer-unternehmer-weltweit-1.899427 | Manchester United - Ein Musterfall für Unternehmer weltweit | 00/05/2010 |
Höhere Abgaben und die Kürzung von Steuervergünstigungen: Im kommenden Jahr drohen jedem Bundesbürger Mehrbelastungen von 300 Euro. Auf die Haushalte in Deutschland kommen in den nächsten Monaten massive Mehrkosten zu. Verbraucherschützer rechnen allein wegen der geänderten Steuergesetze für das kommende Jahr mit einer zusätzlichen Belastung von durchschnittlich 300 Euro pro Person. Detailansicht öffnen Allein die Anhebung der Mehrwertsteuer wird die Haushalte um zusätzliche 19,4 Milliarden Euro belasten. (Foto: Foto: AP) Hinzu kommen zum Jahreswechsel deutliche Strompreiserhöhungen bei zahlreichen Anbietern. Bereits in den kommenden Wochen sollen die Preise für Lebensmittel deutlich steigen. "Allein die Anhebung der Mehrwertsteuer wird die Haushalte um zusätzliche 19,4 Milliarden Euro belasten", warnte Patrick von Braunmühl vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) in der Bild am Sonntag. Mehrbelastung von 24 Milliarden Euro "Rechnet man die drohenden Belastungen und zu erwartenden Einnahmen zusammen, werden die privaten Haushalte 2007 netto um 24 Milliarden Euro belastet - das sind pro Kopf etwa 300 Euro", sagte er. Dabei sind die drastisch gestiegenen Kosten für Energie und Lebensmittel noch nicht berücksichtigt. So wollen knapp zwei Drittel aller Stromversorger ihre Preise zum 1. Januar 2007 erhöhen. Bislang hätten 519 der bundesweit 876 Stromversorger eine entsprechende Erhöhung beantragt, berichtet das Magazin Focus mit Verweis auf eine Umfrage bei den Genehmigungsbehörden der Bundesländer. | Höhere Abgaben und die Kürzung von Steuervergünstigungen: Im kommenden Jahr drohen jedem Bundesbürger Mehrbelastungen von 300 Euro. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/im-jahr-2007-mehrkosten-von-300-euro-pro-kopf-1.906260 | Im Jahr 2007 - Mehrkosten von 300 Euro pro Kopf | 00/05/2010 |
Den ersten Paukenschlag hat der Lokführer, der hier Christoph Kessler heißen soll, buchstäblich verschlafen. Er lag im Nachtzug nach München, als seine Lokführer-Kollegen um fünf Uhr den Warnstreik begannen. Auch der Führer seines Zuges legte pünktlich die Arbeit nieder und ließ Lok und Waggons bis zum Streikende im eben erreichten Bahnhof stehen. Für Kessler hatte sich damit die Frage erledigt, ob er sich am Streik beteiligen würde. Er war selbst ein Streikopfer. "Züge aufstellen, Züge abräumen, Züge waschen" Die schwarze Lederjacke liegt schwer auf seinen Schultern, während Kessler den Koffer aus seinem ICE hebt. Seinen richtigen Namen will er lieber nicht nennen, weil er gleich ein paar unbequeme Wahrheiten aussprechen wird. An diesem Dienstag hat er Ortsdienst: "Züge aufstellen, Züge abräumen, Züge waschen." Kessler ist Anfang 20 und seit fünf Jahren bei der Bahn. "Lokführer - das war wirklich mein Kindheitstraum. Bis die Arbeitszeiten auf mich zukamen." Zum Beispiel die Regelung mit den Ruhetagen. "Da kannst du morgens um sieben aus der Nachtschicht heimkommen und am nächsten Morgen ab vier Uhr wieder Frühschicht haben, der Tag dazwischen zählt als Ruhetag. Dass du dich dazwischen nicht erholen kannst, das interessiert niemanden." Seit einigen Jahren ist für die Lokführer eine 39-Stunden-Woche vereinbart. "Irrelevant", kommentiert Kessler trocken und erzählt von seinen 120 Überstunden, die er in diesem Jahr bereits angesammelt hat. Von den 47 bis 55 Stunden, die er im Schnitt pro Woche arbeitet. Und von den Ruhetagen, die oft von Sonderschichten geschluckt werden. "Manchmal klappt der Ausgleich, manchmal nicht. Wir haben massiven Personalmangel, unsere Überstunden und den Resturlaub nehmen wir alle mit ins nächste Jahr." Kessler wird auf allen ICE-Strecken in Deutschland eingesetzt, angestellt ist er in München. Hier hat er ein kleines Appartement, das ihn 200 Euro im Monat kostet. Ein Schnäppchen in einer Stadt, in der ein einzelnes Zimmer das Doppelte kosten kann. Sein Lebensmittelpunkt liegt jedoch fünf ICE-Stunden von München entfernt. Freunde und Familie hat er dort, ebenso eine Zweizimmerwohnung für 350 Euro. Das ist viel Geld für jemanden, der 1600 Euro netto verdient - "wenn es verdammt gut läuft". Verdammt gut ist ein Monat, wenn er aus lauter Nachtschichten, Samstags- und Sonntagsdiensten besteht. Jede Arbeitsstunde an einem Samstag bringt 64 Cent extra, sonntags 3,48 Euro und jede Stunde pro Nachtschicht 1,28 Euro, wie Maik Brandenburger von der Lokführer-Gewerkschaft GDL sagt. Durch die Zulagen können bis zu 350 Euro im Monat mehr auf dem Gehaltszettel stehen. "Aber die Zuschläge sind nicht planbar", so Brandenburger. Ein Lokführer steigt bei 1970 Euro ein und ist nach vier Jahren im Dienst mit 2142 Euro brutto bei der höchsten Gehaltsstufe angelangt. "Das Ende der Fahnenstange ist bei 1500 Euro netto erreicht - das kann nicht sein", sagt der GDL-Sprecher. 2500 Euro müsse das Einstiegsgehalt betragen, fordert die GDL, 3000 Euro sollen nach 30 Jahren Konzernzugehörigkeit der Spitzenverdienst sein. Dasitzen und die Landschaft anschauen Schon bald wird auch Christoph Kessler die höchste Gehaltsstufe erreicht haben. Das ärgert ihn besonders. "Die Arbeit muss gerade im Alter ordentlich bezahlt werden. Die ganzen Nachtschichten - da kann mir keiner erzählen, dass die gesund sind. Wenn ich noch mit 65 auf meine Lok klettern soll, dann muss ich auch wissen, wofür. Dafür, dass ich fast nie zu Hause bin, mich körperlich kaputt mache und keine Freizeit habe?" Freizeit ist ein Thema, bei dem der gemütliche Mann sich in Rage reden kann. Neulich wollte er mit Freunden aufs Schützenfest. Drei Wochenenden kamen in Frage, nie hat es geklappt. Vereinssport ist undenkbar, also hat Kessler es im Fitnessstudio probiert. "Man geht ja auseinander, wenn man immer nur dasitzt und die Landschaft anschaut ..." Aber 40 Euro pro Monat waren ihm zu viel für die acht Besuche, die er maximal geschafft hat. Von seinem Traumberuf ist nach fünf Jahren nicht viel übrig geblieben. "Es ist nicht nur das knappe Gehalt oder die fehlende Freizeit", sagt er. "Die neuen Fahrzeuge sind alle computergestützt, da ist nicht viel zu tun. Wir werden von Technikern zu Bedienern, da können sie die Löhne noch weiter senken." Beim nächsten Streikaufruf will er dabei sein. Und mit auf die Pauke hauen. | Geringes Gehalt, viele Sonderschichten und kaum Freizeit - ein Lokführer erzählt von seinem Alltag. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streiks-bei-der-bahn-der-geplatzte-kindheitstraum-1.899518 | Streiks bei der Bahn - Der geplatzte Kindheitstraum | 00/05/2010 |
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