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Die Befürchtung der Gewerkschaften ist Gewissheit geworden: Beim angeschlagenen Flugzeugbauer werden massiv Jobs abgebaut - nach dem Willen von Frankreichs Premier nicht nur in seinem Land. Dominique de Villepin wählte für seine schlechte Botschaft das Medium Radio aus: Im Sender RTL sprach Frankreichs Regierungschef über den kommenden Arbeitsplatzschwund bei Flugzeugbauer Airbus: "10.000 Stellen, das sieht der Plan vor", sagte de Villepin. Ein Abbau in dieser Größenordnung im Rahmen des Sparplans war zuvor bereits von Gewerkschaften befürchtet worden. Detailansicht öffnen Der französische Premierminister Dominique de Villepin äußert sich zur Airbus-Sanierung. (Foto: Foto: dpa) Villepin sagte zu dem Sanierungsplan des Flugzeugbauers, er habe sich Airbus-Chef Louis Gallois gegenüber aber gegen reine Entlassungen bei Airbus gewandt. Er sprach sich zugleich für eine faire Belastung der Länder bei den Stellenstreichungen aus. Der französische Premierminister sagte, er habe über die Probleme bei Airbus mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen. Chirac und Merkel erörtern Airbuskrise De Villepin kündigte darüber hinaus an, dass Präsident Jacques Chirac und Bundeskanzlerin Angela Merkel die Airbus-Krise bei einem Treffen am Freitag auf Schloß Meseberg bei Berlin erörtern wollten. "Das ist eine Frage, die wir auf höchster Ebene angehen wollen", fügte Villepin an. Währenddessen berichtete die Financial Times Deutschland, dass das am Vortag verschobene Sanierungsprogramm für Airbus wegen eines Streits zwischen DaimlerChrysler und dem französischen Staat blockiert worden sei. Der deutsche Großaktionär sehe die Gefahr, dass Frankreich die Rumpfproduktion des geplanten Langstreckenjets A350 zu großen Teilen an sich ziehe, schreibt die Financial Times Deutschland ohne nähere Angabe von Quellen. Zweifel an den Sparzielen Außerdem gebe es Zweifel an den angepeilten Sparzielen. Daher habe der Autokonzern, der seine Beteiligung an der Airbus-Muttergesellschaft EADS auf 15 Prozent zurückfährt, dem "Power 8" genannten Programm die Zustimmung verweigert. An den deutschen Airbus-Standorten gibt es große Befürchtungen vor Arbeitsplatzverlusten durch das bevorstehende Sparprogramm. Führende Politiker aus den Bundesländern mit Airbus-Standorten sowie die Arbeitnehmervertreter forderten den Erhalt aller deutschen Standorte. EADS hatte am Montag überraschend die für Dienstag geplante Bekanntgabe des Restrukturierungsprogramms ausgesetzt. Weitere Beratungen über Arbeitsaufteilung für den A350 Begründet wurde die Aussetzung mit der Notwendigkeit weiterer Beratungen über die Arbeitsaufteilung für den A350. Der französische Premierminister Dominique de Villepin bestätigte am Dienstag aber bereits den beabsichtigten Abbau von 10.000 Stellen bei Airbus. Auf Seiten der Franzosen rege sich aber auch Unmut gegen DaimlerChrysler, da hinter dem Unternehmen die Bundesregierung vermutet werde, berichtet die Zeitung weiter. Das große Schweigen in Frankreich Mit den Aussagen Villepins brach die französische Politik ihr bisheriges Schweigen zu den Auseinandersetzungen bei Airbus. Gerade Villepin gilt als starker Vertreter der Industrieinteressen seines Landes. Der Gegensatz könnte größer nicht sein: Während in Deutschland aufgeregte Politiker und Medien täglich mit neuen Meldungen und Meinungen zum angeblich drohenden Kahlschlag bei Airbus aufwarten, herrscht in Frankreich das große Schweigen. Dabei tobt dort gerade der Präsidentenwahlkampf und die Parteien rüsten sich zur Parlamentswahl. Doch zu Airbus: Funkstille. Kein medienwirksamer Druck auf den Airbus-Mutterkonzern EADS, keine Drohung mit Auftragsentzug, kein demonstratives Bekenntnis zu Standorten. Die Zurückhaltung der Franzosen überrascht umso mehr, als Bundes- und Landesregierungen sowie Gewerkschaften in Deutschland unisono mahnen, das "Gleichgewicht" mit Frankreich im Konzern zu wahren. Warnungen aus Niedersachsen Der niedersächsische Wirtschaftsminister Walter Hirche warnte gar, die Franzosen könnten "gerade im Vorfeld der Präsidentenwahl" versuchen, Produktion von Deutschland nach Frankreich zu ziehen. Die Deutschen hätten wohl Angst, von den Franzosen über den Tisch gezogen zu werden, heißt es in Konzernkreisen. Vor allem der Versuch des damaligen Airbus-Chefs Noël Forgeard, alleine bei EADS das Steuer zu übernehmen, und die Predigten des "Industriepatriotismus" von Premierminister Dominique de Villepin haben Spuren hinterlassen. Wenn jetzt die Parier Regierung zu Airbus schweigt und erklärt, sie vertraue auf das EADS-Management, weckt das Misstrauen. Doch Forgeard scheiterte am Widerstand nicht nur der deutschen Seite, sondern auch des französischen EADS-Großaktionärs Lagardère. Ohnmacht der Pariser Regierung Und von "Industriepatriotismus" redet man in Frankreich derzeit nur noch im ironischen Ton, um sich über die Ohnmacht der Regierung zu mokieren.
Die Befürchtung der Gewerkschaften ist Gewissheit geworden: Beim angeschlagenen Flugzeugbauer werden massiv Jobs abgebaut - nach dem Willen von Frankreichs Premier nicht nur in seinem Land.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sanierungsplaene-fuer-airbus-villepin-bestaetigt-abbau-von-10-000-stellen-1.902652
Sanierungspläne für Airbus - Villepin bestätigt Abbau von 10.000 Stellen
00/05/2010
Die Bundesregierung hat ihren Schiedsrichter für das anstehende Verfahren um die Schadensersatzforderungen aus der entgangenen LKW-Maut benant. Experten bezeichnen die geforderte Summe von 4,6 Milliarden Euro als illusorisch. Die milliardenschwere Schadenersatzforderung des Bundes an das Maut-Konsortium Toll Collect stößt parteiübergreifend auf Skepsis. Die Verkehrspolitiker aller Bundestagsfraktionen verwiesen auf die komplizierte Rechtslage. So muss dem Konsortium aus DaimlerChrysler und Deutscher Telekom zur Durchsetzung der Forderung eine vorsätzliche Täuschungsabsicht nachgewiesen werden. Absoluter Experte Das Bundesverkehrsministerium sieht sich hingegen in einer "belastbaren Position". Zur möglichen Dauer des Verfahrens wollte Ministeriumssprecher Michael Zirpel dennoch keine Prognose geben. Der von der Regierung benannte Schiedsrichter Horst Eidenmüllers sei "absoluter Experte" auf dem Gebiet des Mediationsrechts, sagte Zirpel. Die Gegenseite habe jetzt einen Monat Zeit, ebenfalls einen Schiedsrichter zu benennen. Die beiden Mediatoren würden dann einen dritten Experten hinzuziehen. Das Schiedsgericht ist unabhängig und tagt nicht öffentlich. Nach Angaben des Betreiberkonsortiums kann das Schiedsverfahren bis zu fünf Jahre dauern. Hart und unappetitlich Der Verkehrsexperte der Grünen, Albert Schmidt, erwartet allerdings, dass sich beide Seiten bei einem erfolgreichen Start der Lkw-Maut zu Jahresbeginn 2005 "schnell verständigen" werden. Funktioniere das System jedoch wieder nicht, werde es "hart und unappetitlich", sagte Schmidt im Fernsehsender n-tv. Nach Aussage des Ministeriumssprechers ist das Maut-Projekt bislang im Zeitplan. Es gebe keinerlei Hinweise, dass der 1. Januar 2005 als Starttermin für die Maut nicht gehalten werden könne. Der SPD-Verkehrsexperte Peter Danckert nannte die geforderte Summe von rund 4,6 Milliarden Euro "illusorisch". Er hoffe zwar, dass sich die Bundesregierung im Schiedsgerichtsverfahren gegenüber dem Konsortium Toll Collect mit ihren Forderungen durchsetze, sagte Danckert im Inforadio Berlin/Brandenburg. Ein Erfolg sei jedoch unwahrscheinlich, da den Konsortialpartnern Telekom und DaimlerChrysler nur schwer Vertragsverletzungen nachgewiesen werden könnten. Wunschdenken Unions-Fraktionsvize Klaus Lippold (CDU) sagte im Deutschlandfunk, bei den Schadenersatzforderungen sei "sehr viel Wunschdenken" im Spiel. Der Vertrag sei so schlecht ausgehandelt worden, dass die "Stolpesche Rechnung" wohl nicht aufgehe. Das Bundesverkehrsministerium hatte am Donnerstag die Schadenersatzforderung im Schiedsgerichtsverfahren gegen Toll Collect auf rund 4,6 Milliarden Euro beziffert. Die Forderungen aus entgangenen Einnahmen belaufen sich demnach auf rund 3,6 Milliarden Euro. Dazu kommen Vertragsstrafen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro. Ursprünglich sollte die Satelliten gestützte Autobahn-Maut im August 2003 starten.
Die Bundesregierung hat ihren Schiedsrichter für das anstehende Verfahren um die Schadensersatzforderungen aus der entgangenen LKW-Maut benant. Experten bezeichnen die geforderte Summe von 4,6 Milliarden Euro als illusorisch.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umstrittene-rechnung-maut-schadenersatzforderung-stoesst-auf-skepsis-1.901764
Umstrittene Rechnung - Maut-Schadenersatzforderung stößt auf Skepsis
00/05/2010
Von 2005 an verlieren Kapitallebensversicherungen ihren entscheidenden Vorteil: die steuerfreie Auszahlung am Laufzeitende. Wer also noch einen begünstigten Vertrag abschließen will, muss sich beeilen. Aber Vorsicht — im nächsten Jahr wird nicht alles schlechter. Die Werbetrommel ist kaum noch zu überhören. Wer nicht von seinem Kundenberater angesprochen wurde, hat mindestens einen der mehr als 50 Millionen Werbebriefe erhalten: "Letzte Gelegenheit für den Steuervorteil!", so oder so ähnlich lautet die Botschaft. Detailansicht öffnen Ein Renter spielt mit seinem Hund. (Foto: Foto: AP) Fast entsteht der Eindruck, ohne eine steuerbegünstigte Lebensversicherung sei Armut im Ruhestand vorgezeichnet. Dabei gerät in der Hektik - und auch im Verkaufsgespräch - manches durcheinander. Der Wegfall des Steuerprivilegs betrifft nur die klassischen Produkte der Kapital-lebensversicherung (auch in der Variante der Direktversicherung) und der Rentenversicherung mit Kapitalwahlrecht (siehe Link "So greift das Fiananzamt zu"). Er betrifft weder die Riester-Rente noch die seit drei Jahren geförderte betriebliche Altersvorsorge. Gilt der Wegfall für alle Auszahlungsvarianten? Nein, nur die einmalige Kapitalauszahlung am Ende der Vertragslaufzeit wird vom kommenden Jahr an steuerpflichtig, also die Auszahlung der kompletten angesparten Summe auf einen Schlag. Wer stattdessen eine reine Rentenversicherung will, die ihm bis zum Ende seines Lebens eine monatliche Rente sichert, steht nicht unter Zeitdruck. Wie wirkt sich der Wegfall des Steuerprivilegs im kommenden Jahr aus? Dazu ein Rechenbeispiel: Ein 40-jähriger Mann schließt im Januar 2005 eine Kapitallebensversicherung ab, in die er monatlich einzahlt. In seinem 60. Lebensjahr zahlt ihm die Versicherung 100.000 Euro. Davon sind 62.695 Euro von ihm angespart, der Rest in Höhe von 37.305 ist sein Gewinn. Die Hälfte dieses Gewinns muss er mit seinem persönlichen Steuersatz versteuern. "Bei einem angenommenen Steuersatz von 40 Prozent fließen also knapp 7500 Euro an das Finanzamt", sagt Jürgen Karpf, gerichtlich zugelassener Versicherungsberater aus Mering bei Augsburg und Honorarberater bei der Verbraucherzentrale Bayern. Bei einem Steuersatz von 30 Prozent wären es immer noch knapp 5600 Euro. "Hätte er noch in diesem Jahr abgeschlossen, könnte er die gesamte Summe steuerfrei kassieren", sagt Karpf. Was spricht gegen den schnellen Abschluss noch in diesem Jahr? "Die Nachteile einer Lebensversicherung liegen vor allem in den hohen Abschluss- und Verwaltungskosten und der Intransparenz des Kleingedruckten", meint Karpf. "Wer übereilt einen Vertrag abschließt und diesen nicht bis zum Ende der Laufzeit durchhält, muss mit erheblichen Verlusten rechnen." Bei einem Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit sei der Rückkaufswert - also der Betrag, den man bei einer Kündigung erhält - in der Regel erst nach zehn Jahren so hoch wie die unverzinste Summe der eingezahlten Beträge. Selbst nach 16 Jahren sei eine mit 2,5 Prozent verzinste Anlage meist noch besser als die unverbindlichen Hochrechnungen inklusive Überschüsse der besten Versicherungsgesellschaften.
Von 2005 an verlieren Kapitallebensversicherungen ihren entscheidenden Vorteil: die steuerfreie Auszahlung am Laufzeitende. Wer also noch einen begünstigten Vertrag abschließen will, muss sich beeilen. Aber Vorsicht — im nächsten Jahr wird nicht alles schlechter.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-neue-altersvorsorge-iii-gefaehrlicher-endspurt-vor-silvester-1.904356
Die neue Altersvorsorge III - Gefährlicher Endspurt vor Silvester
00/05/2010
Im Ringen um einen neuen Chef für den Internationalen Währungsfonds stoßen die Europäer auf heftigen Widerstand: Über 100 Schwellenländer haben in einem Brief ihre Bedenken formuliert. Die Schwellen- und Entwicklungsländer aus Asien, Lateinamerika und Afrika fordern in ihrem Schreiben ein "offenes und transparentes Auswahlverfahren". Der beste Kandidat solle zum neuen Geschäftsführenden Direktor des IWF gewählt werden, unabhängig von seiner Nationalität. Die über 100 Länder werden von Russland, der Schweiz und Australien unterstützt. Wider die Tradition Sie stellen mit ihrem Brief die Tradition infrage, wonach stets ein Europäer den Fonds leitet, während ein US-Amerikaner die Schwesterorganisation des IWF, die Weltbank, leitet. Finanzminister Hans Eichel und sein französischer Kollege Francis Mer lehnten das Ansinnen der Länder, eine breitere Liste von Kandidaten zuzulassen, jedoch umgehend ab: "Das muss in Europa geklärt werden", sagte Eichel nach einem Treffen mit Mer in Berlin. Deutschland und Frankreich seien sich einig, dass der neue IWF-Chef "wieder ein Europäer sein soll"; dafür gebe es "gute Gründe". Eichel lehnte es jedoch ab, diese Gründe öffentlich zu erläutern. Sein französischer Kollege Francis Mer kündigte an, die EU-Staaten würden sich bis spätestens Ende April auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Als möglichen IWF-Chef nannte Mer dabei indirekt den Präsidenten der Osteuropabank, Jean Lemierre. Die französische Zeitung La Tribune hatte zuvor berichtet, Präsident Jacques Chirac wolle Lemierre für das Spitzenamt nominieren. Am Wochenende hatte mit Pascal Lamy, dem derzeitigen EU-Handelskommissar, ein weiterer Franzose sein Interesse an dem IWF-Job bekundet. Die neue spanische Regierung hatte zuvor den bisherigen Finanzminister des Landes, Rodrigo Rato, ins Spiel gebracht, der aber in Paris und Berlin auf Ablehnung trifft. Recht des Zahlungskräftigeren Auch ein Sprecher von Kanzler Gerhard Schröder sagte, ein EU-Vertreter an der Spitze des Fonds sei "weiterhin das Ziel". Es entspreche der Tradition, "dass dies ein Europäer wird, der dann als solcher auch die Interessen der Schwellenländer vertritt", sagte der deutsche Regierungssprecher. Als möglicher Kandidat der Entwicklungsländer wurde unterdessen der ehemalige Präsident von Mexiko, Ernesto Zedillo, gehandelt. Zedillo leitet derzeit das Zentrum für Globalisierung an der Yale-Universität in den USA. Der Posten des Geschäftsführenden IWF-Direktors ist vakant, seit Horst Köhler vor drei Wochen dieses Amt niedergelegt hat, um als Unions-Kandidat bei der Wahl des Bundespräsidenten anzutreten. Im IWF, der sich seit rund 60 Jahren um die Stabilität der globalen Finanzmärkte und Länder in Zahlungsnot kümmert, sind die 184 Mitgliedsstaaten nicht gleich berechtigt. Ihr Stimmgewicht richtet sich nach der Höhe des finanziellen Beitrags. So verfügen die USA als größtes Zahlerland mit knapp 18 Prozent über den größten Stimmenblock, gefolgt von Japan (6,1), Deutschland (6,0) sowie Frankreich und Großbritannien mit je knapp fünf Prozent. Aufgrund ihres hohen Stimmenanteils hatten die Industriestaaten die Personalfrage, ebenso wie andere wichtige Entscheidungen in den globalen Wirtschaftsorganisationen, meist unter sich ausgemacht. Gegen die Vorherrschaft der Reichen hatten sich die armen Länder in letzter Zeit wiederholt aufgelehnt. So war im Herbst die Welthandelsrunde im mexikanischen Cancun am Konflikt zwischen den Entwicklungs- und den Industrieländern gescheitert. Kenner der internationalen Wirtschaftspolitik rechnen deshalb damit, dass die Entwicklungsländer sich durch die harte Haltung der Europäer diesmal nicht einschüchtern lassen und auch der überstürzten Nominierung eines europäischen Kandidaten zustimmen werden. Eichel hatte am Montag eine schnelle Entscheidung gefordert: "Je länger sich das heraus zögert, umso schwieriger wird es", sagte der deutsche Finanzminister. Vor drei Jahren hatten Europäer und Amerikaner ein Vierteljahr lang über eine Nominierung des deutschen Finanzstaatssekretärs Caio Koch-Weser gestritten, ehe sie sich schließlich auf den Ersatzkandidaten Horst Köhler einigten.
Im Ringen um einen neuen Chef für den Internationalen Währungsfonds stoßen die Europäer auf heftigen Widerstand: Über 100 Schwellenländer haben in einem Brief ihre Bedenken formuliert.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/koehler-nachfolge-streit-um-den-kuenftigen-iwf-chef-1.920210
Köhler-Nachfolge - Streit um den künftigen IWF-Chef
00/05/2010
Nach der Verhaftung von Michail Chodorkowskij war der Aufschrei im In- und Ausland laut. Doch nur wenige Tage später ist der frühere Yukos-Chef aus den Schlagzeilen nahezu verschwunden. In Russland leisten die anderen Magnaten keinen Widerstand mehr gegen Präsident Putin. (SZ vom 20.11.03) - Für die russische Zeitung Nowyje Iswestija war es ein "Kongress der Verlierer". Treffender wäre es vielleicht gewesen, von einem "Kongress der Überlebenskünstler" zu sprechen: Schließlich stand am Ende des Treffen der russischen Wirtschaftsführer mit Präsident Wladimir Putin so etwas wie ein "New Deal" zwischen dem Kreml und Russlands berüchtigten Oligarchen. Detailansicht öffnen Knallharter Machtpolitiker: Wladimir Putin. (Foto: Foto: AP) Das Angebot des Kremlchefs: Die Unternehmer sollen sich aus der Politik heraushalten und "ihre soziale Verpflichtung" anerkennen - in Form spürbarer Beiträge zum Wohlstand aller Russen. Wenn ja, dürften sie ihr Geld behalten. Wenn nicht, so Putins unausgesprochene Drohung, könnten sie hinter Gittern landen wie der Yukos-Ölbaron Michail Chodorkowskij. Ein Angebot, das Putin schon zu Beginn seiner Amtszeit gemacht hatte, das nach der Inhaftierung Chodorkowskijs aber kaum noch abzulehnen ist. Igor Jürgens, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der russischen Industriellen und Unternehmer, formulierte dann auch passend: "Präsident Putin hat sich als Modernisierer gezeigt, der auf die Zukunft zielt. Wir sollten an seiner Seite kämpfen." Weiter in Haft Während Putin bei dem Treffen Ende vergangener Woche zum einen mit der Knute knallte ("man sollte die Strafverfolgungsbehörden nicht ohne Grund schmähen") und zum anderen Angebote zur Zusammenarbeit unterbreitete, saß Chodorkowskij weiter in Haft. Früher einer der Wortführer unter den im Verband zusammengeschlossenen Bossen, musste er erfahren, dass keiner seiner Weggefährten eine Lanze brechen wollte für ihn. Dem Oligarchen dürfte klar geworden sein, dass er noch lange sitzen wird. Ein stellvertretender Generalstaatsanwalt hatte angekündigt, dass sich die Untersuchungshaft auf "bis zu zwei Jahre" erstrecken könnte und Chodorkowskij im Falle einer Verurteilung zehn Jahre Haft drohten. Der Staatsanwalt: "Traurigerweise können wir ihn nicht länger einsperren." Parallel dazu erhöhen der Kreml und die Staatsanwälte den Druck auf Chodorkowskijs Unternehmen: Die Drohung mit dem Entzug der Förderlizenzen, die der Rohstoffminister aussprach, ist nur ein Element. Fusion wird noch einmal geprüft Zugleich soll nun ein Gericht den von der Anti-Monopolbehörde bereits genehmigten Zusammenschluss von Yukos mit dem kleineren russischen Ölunternehmen Sibneft überprüfen, die angelaufene Fusion würde Yukos-Sibneft zum viertgrößten Ölkonzern weltweit machen. Kein Zufall wohl auch, dass der Rechnungshof dazu nun heraus-fand, dass Sibneft das Steuerrecht gebrochen habe. Sibneft gehört Roman Abramowitsch. Das ist jener Oligarch, der sich für etwa 400 Millionen Euro den britischen Fussballclub Chelsea sowie internationale Starspieler gekauft hat. Chodorkowskij hatte mit seinen ungeheuren Finanzmitteln um politischen und wirtschaftlichen Einfluss gekämpft. Seit seiner Inhaftierung und Putins Auftritt auf dem Unternehmerkongress hat sich die Lage verändert. Derzeit jedenfalls leisten die angeblich so mächtigen Oligarchen der Staatsmacht keinen Widerstand mehr. Das Überleben der Oligarchen aber dürfte davon abhängen, ob sie sich fügen und mehr Geld in die Staatskasse bringen. Der Streit geht um höhere Steuern auf Gewinne aus dem Ölgeschäft: Bisher nutzten Unternehmen wie Yukos und Sibneft Lücken im Steuerrecht, um ihre Firmen in Steuer-Sonderzonen zu registrieren und die Abgaben zu drücken. Neue Förderstätten Außerdem geht es um eine "Naturnutzungsabgabe" beim Abbau von Rohstoffen. Und der Kreml will, dass die Konzerne in Zeiten drastisch steigenden russischen Ölexports den Rohstoff nicht nur aus alten Quellen pumpen. Sie sollen neue Förderstätten erschließen. Die meisten genutzten Ölfelder wurden zu Sowjetzeiten erschlossen. Derzeit pumpt Russland täglich 8,8 Millionen Barrel auf den Markt, Tendenz steigend. Wenn der Abbau so weitergeht, dürfte das bisher erschlossene russische Öl in 25 Jahren ausgebeutet sein. Der Ölexport aber wird noch auf lange Zeit zentrales Element der Wirtschaft sein, weshalb neue Felder erschlossen werden müssen. Doch der Kreml geht keineswegs nur gegen Chodorkowskij vor, weil dieser innenpolitische Ambitionen hat erkennen lassen. Ebenso sehr stört sich Präsident Putin offenbar an der gewinnorientierten "Außenpolitik" des Ölbarons. Chodorkowskij hatte mit Exxon und Chevron-Texaco seit längerem Gespräche über einen möglichen Einstieg eines dieser US-Konzerne bei Yukos geführt. Putins Mannschaft fürchtet, dass amerikanische Firmen die Kontrolle über Russlands Rohstoffe gewinnen könnten. Aggressive Geschäftspolitik Der US-Politologe Peter Rutland schrieb dazu in der Moscow Times: "Es war Chodorkowskijs aggressive Geschäftspolitik und nicht sein angeblicher Einsatz für mehr Demokratie, was die Alarmglocken in Regierungskreisen schellen ließ." Ins Bild passen auch die Unterwerfungssignale, die von Yukos kommen. Der neue Vorstandschef Semjon Kukes, der die Nachfolge des zurückgetretenen Chodorkowskij übernommen hat, sieht keinen Anlass mehr für eine Zusammenarbeit des russischen Ölriesen mit einem US-Konzern. "Ich kann keine Synergie-Effekte erkenne zwischen unseren Ölförderstätten und den Gesellschaften, die öffentlich erwähnt werden", sagte Kukes über die Möglichkeit von Gesprächen mit US-Firmen. Ebenso gestört haben dürfte den Kreml, dass Chodorkowskij gefordert hatte, parallel zum staatlichen Pipelinesystem ein privates Röhrennetz aufbauen zu dürfen. Die Kontrolle des Öltransportes über den staatlichen Pipeline-Verwalter Transneft ist nach der Privatisierung der Förderstätten einer der wenigen Hebel, den der Kreml gegenüber den Ölbaronen hat: Die Pipelines sind ein Machtinstrument, Russland setzt sie im Umgang mit den Nachbarstaaten zweckdienlich ein. Etwa im Streit um die Frage, wie der zentralasiatische Ölreichtum auf die Märkte gebracht werden kann. Außenpolitik des Präsidenten Chodorkowskij aber wollte eine Pipeline ins energiehungrige China bauen. Der Kreml hingegen möchte aus politischen Gründen zuerst die ebenso bedürftigen Japaner mit einer neuen Röhre und mit sibirischem Öl beliefern. Kurz: Mit seiner Absicht, einen US-Konzern zu Yukos zu holen, hat der Oligarch Chodorkowskij die Außenpolitik des Präsidenten ebenso gestört wie mit den eigenen Pipeline-Plänen. Die Abbitte des neuen Yukos-Bosses Kukes zeigt, dass die Vorgaben in der Chefetage des Ölkonzerns verstanden werden - schließlich kämpft Yukos in seinem Konflikt mit dem Kreml um das eigene Überleben. Der in Haft sitzende Chodorkowskij scheint dabei in Vergessenheit zu geraten. Sein Nachfolger Kukes sagte über den Großaktionär nur: "Ich halte mich auf Abstand von Chodorkowskij als Person." Und er fügt hinzu: "Ich wünsche ihm viel Glück - aber die Sache ist sein Problem." Ähnlich war der Tenor auf der Versammlung der russischen Unternehmer: Auch Ölboss Wiktor Wechselberg nannte die Inhaftierung des reichsten Mannes Russlands nonchalant ein "persönliches Problem". Und der Oligarch Oleg Deripaska verlegte sich auf ein gut sichtbares Kopfschütteln: "Ich verstehe nicht, wofür er kämpfte. Ich bin überrascht über ihn - schließlich ist er doch ein sehr reicher Mann."
Nach der Verhaftung von Michail Chodorkowskij war der Aufschrei im In- und Ausland laut. Doch nur wenige Tage später ist der frühere Yukos-Chef aus den Schlagzeilen nahezu verschwunden. In Russland leisten die anderen Magnaten keinen Widerstand mehr gegen Präsident Putin.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/russland-und-der-fall-yukos-die-zaehmung-der-oligarchen-1.906487
Russland und der Fall Yukos - Die Zähmung der Oligarchen
00/05/2010
Es ist der spektakulärste Wirtschafts-Strafprozess der deutschen Geschichte: In Düsseldorf steht von diesem Mittwoch an die einstige Führungsetage des Mannesmann-Konzerns vor Gericht. Beim Lesen der 460-seitigen Anklageschrift von Staatsanwalt Johannes Puls kann es einem die Sprache verschlagen: Wie auf einem Basar scheint es in Deutschlands Vorstandsetagen zuzugehen. Innerhalb weniger Minuten und teilweise auch nur telefonisch werden Prämien, Boni oder Abfindungen in Millionenhöhe beschlossen. Die Beteiligten vertrauen darauf, dass nichts davon an die Öffentlichkeit dringt. Doch diesmal war es anders. Wer geplaudert hat, ist bis heute nicht bekannt. Am Ende der Indiskretion steht jedoch das bislang wohl größte Wirtschaftsstrafverfahren der Bundesrepublik, bei dem es auch um die Moral in den Chefetagen hier zu Lande geht: der Mannesmann-Prozess. 48 Millionen Mark an Anerkennungsprämien Sechs Spitzenleute der deutschen Wirtschaft müssen sich von diesem Mittwoch an vor der 14. Großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Düsseldorf unter dem Vorsitz von Richterin Brigitte Koppenhöfer wegen des Verdachts der schweren Untreue oder Beihilfe dazu verantworten: der ehemalige Vorstandschef des Mannesmann-Konzerns Klaus Esser, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der frühere IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel, der Ex-Aufsichtsratschef von Mannesmann Joachim Funk, der einstige Konzernbetriebsratsvorsitzende Jürgen Ladberg und Dietmar Droste, der bei Mannesmann für die Vertragsangelegenheiten der Vorstandsmitglieder zuständig war. Die Manager sollen bei der Übernahme des Düsseldorfer Traditionskonzerns — der sich vom Stahl- und Röhren-Produzenten zum Telekommunikationsunternehmen gewandelt hatte — durch den britischen Konkurrenten Vodafone im Frühjahr 2000 ohne Rechtsgrundlage und teils ohne wirksame Beschlüsse die Zahlung von 111,5 Millionen Mark (rund 57 Millionen Euro) veranlasst haben. Davon flossen gut 48 Millionen Mark als Anerkennungsprämien an Esser, Funk und vier Vorstände. Mit weiteren 63,5 Millionen Mark wurden die Pensionsansprüche von 18 pensionierten Vorständen oder deren Hinterbliebenen abgegolten. Wohl kein Wirtschaftsprozess hat schon im Vorfeld für so viel Aufregung gesorgt. So nannte etwa die CDU-Vorsitzende Angela Merkel die Anklage einen "Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland". Dabei hatten die Staatsanwälte erst gar nicht tätig werden wollen, weil sie keinen Anfangsverdacht hatten. Erst nach Anweisung der Generalstaatsanwaltschaft nahmen sie die Ermittlungen auf. In ihrer Anklageschrift bemängeln sie nun sowohl die Höhe der verteilten Summe als auch das Entscheidungsverfahren. Beschlossen wurden die Millionen-Zahlungen in einem Ausschuss des Mannesmann-Aufsichtsrates für Vorstandsangelegenheiten; ihm gehörten neben Funk und Ackermann auch Gewerkschafter Zwickel und Betriebsrat Ladberg an. Bei Zwickel etwa, der selber gar kein Geld erhielt, vermuten die Strafverfolger, er habe sich den Beschlüssen nicht widersetzt, weil er dafür bei anderer Gelegenheit Entgegenkommen erwartete. 37 Verhandlungstage Bei Esser dagegen sehen die Ermittler einen direkten Zusammenhang zwischen seiner Zustimmung zur Übernahme und dem Geldsegen. Zusammen mit seiner Abfindung - die nicht Gegenstand der Anklage ist - erhielt der Ex-Mannesmann-Chef rund 60 Millionen Mark. Wochenlang hatte er massiv gegen alle Vodafone-Versuche einer feindlichen Übernahme gekämpft. Als er aber keine Abwehrchance mehr sah, sollen er und sein Amtsvorgänger Funk sich mit den Millionenzahlungen getröstet haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Sonderzahlungen eine der Bedingungen für Essers Zustimmung zur Fusion war. Um alle Abläufe und Hintergründe zu erhellen, sind bis Ende Juni vorerst 37 Verhandlungstage angesetzt. Rund 60 Zeugen sind geladen, darunter der frühere Vodafone-Chef Chris Gent und Ex-Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle, damals Mannesmann-Aufsichtsrat. Sie sollen helfen zu klären, ob es um maßlose Gier oder um strafbares Verhalten geht. Auf Untreue in einem besonders schweren Fall stehen bis zu zehn Jahre Haft.
Es ist der spektakulärste Wirtschafts-Strafprozess der deutschen Geschichte: In Düsseldorf steht von diesem Mittwoch an die einstige Führungsetage des Mannesmann-Konzerns vor Gericht.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mannesmann-prozess-wie-auf-dem-basar-1.917965
Mannesmann-Prozess - Wie auf dem Basar
00/05/2010
Zum 1. April wird die Fluglinie dba in der Marke Air Berlin aufgehen. Auf das dba-Schokoherz müssen Vielflieger deswegen aber nicht verzichten, es sei denn sie bestehen auf lindgrünen Bordproviant. Bleibt das Schokoherz? Das war eine der meistgestellten Fragen, als im August 2006 bekannt geworden war, Air Berlin werde die Fluglinie dba übernehmen, erzählt André Rahn, Marketingdirektor von Air Berlin. Mit den hellgrün verpackten Schokoladenherzen versüßen die dba-Flugbegleiter ihren Fluggästen die Reise. Detailansicht öffnen Flug in die Zukunft. Die dba verliert ihr Grün - ab 1. April fliegt die Flotte einheitlich im roten Look. (Foto: Foto: ddp) Air Berlin verteilte bisher rot verpackte Bonbons. Beides wächst nun zusammen: Das Schokoherz bleibt, wird aber rot, nach einer angemessenen Übergangsphase in rot-grün. Rahn ist seit November Marketingdirektor, dba-Marketer Michael Grimme hat das Unternehmen verlassen, fünf Mitarbeiter des dba-Marketings kamen aus München zu Air Berlin. Große Herausforderung für das Marketing Die gemeinsame Zukunft der beiden unterschiedlich positionierten Fluglinien hat das Marketing vor eine große Herausforderung gestellt. Während Air Berlin als "Euro Shuttle" Fluggäste günstig quer durch Europa fliegt, konzentriert sich dba vor allem auf innerdeutsche Low-Cost-Businessflüge und die entsprechende Klientel. Die Berliner bringen es auf eine Markenbekanntheit von 90 Prozent, dba nur auf 45 Prozent. Deswegen soll die Businesslinie unter das Dach von Air Berlin schlüpfen und sie mit ihrer "innerdeutschen Kompetenz" (Rahn) aufladen. Umlakiert Schritt für Schritt verzahnt Rahn seit November die Auftritte der beiden Marken. Dazu wurde zunächst der Check-in beider Fluglinien nebeneinander gelegt. Bis auf vier sind seither alle dba-Maschinen in den rotweißen Air-Berlin-Look umgespritzt worden, nur auf der Heckflosse deutet ein kleiner Hinweis "powered by dba" auf die ursprüngliche Marke hin. Die Websites beider Fluglinien wurden verlinkt, die dba-Seite soll zum Stichtag komplett umgestellt werden. Zum 1. April dürfte der Markenwechsel "soweit wie möglich" vollzogen sein, sagt Rahn. Nur in München wird die Marke dba behutsamer als anderswo auf Air Berlin umgestellt. Denn dort ist dba wesentlich bekannter als Air Berlin. Das Preissystem ist bereits einheitlich. dba-Flüge gibt es - wie bei Air Berlin üblich - nun "ab 29 Euro". Dafür hat Air Berlin von dba den Slogan übernommen. "Die Business Class für alle" heißt es nun fluglinienübergreifend statt "Fly Euro Shuttle". Auch im Wettersponsoring auf ProSiebenSat.1 soll der "Euro Shuttle" der "Business Class für alle" weichen. Gemeinsame Kampagne Im März startet die neue, gemeinsame Kampagne, die nur noch unter der Marke Air Berlin firmiert Zum April erscheint auch das gemeinsame Air Berlin Bordmagazin, das nun zweimonatlich statt vierteljährlich kommen soll. Zum Stichtag gibt es blaue Ledersitze mit roten Sicherheitsgurten in allen Maschinen. Und Jette Joop kleidet alle 3330 Flugbegleiter in gemeinsamen Uniformen neu ein - Grundton Rot. Übrigens: Der Vertrag mit dem Moderator Johannes B. Kerner, dessen Werbung zum Börsengang ("Ich bin ein Air Berliner") öffentlich vehement kritisiert worden war, besteht weiter. Kerner hat Lust auf Retourkutsche Weil die Aktie entgegen der anfänglichen Erwartungen ganz gut dasteht, hat Kerner angeblich gute Lust, seinen Kritikern das Aktienplus um die Ohren zu schlagen. Joachim Hunold, der Vorstandsvorsitzende von Air Berlin, überlegt sich derzeit, ob das diesmal besser passt.
Zum 1. April wird die Fluglinie dba in der Marke Air Berlin aufgehen. Auf das dba-Schokoherz müssen Vielflieger deswegen aber nicht verzichten, es sei denn sie bestehen auf lindgrünen Bordproviant.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hochzeit-im-himmel-die-dba-sieht-rot-1.900720
Hochzeit im Himmel - Die dba sieht rot
00/05/2010
Die wochenlange Dürre setzt den Kartoffeln zu. Besonders die großen Knollen, wie sie zur Herstellung von Pommes Frites benötigt werden, seien knapp, warnt der Bauernverband. Die Bauern rechnen wegen der wochenlangen Dürre in diesem Sommer mit Ernteausfällen in dreistelliger Millionenhöhe. Der finanzielle Schaden werde allein in Brandenburg mit 150 Millionen Euro beziffert, sagte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner der Neuen Osnabrücker Zeitung. Detailansicht öffnen Beliebt bei Jung und Alt: Pommes mit Ketchup. (Foto: Foto: dpa) Die Einbußen bei Getreide und Raps bezifferte er bundesweit mit durchschnittlich 10 bis 15 Prozent. Dort, wo es seit mehreren Wochen nicht geregnet habe, gebe es auf leichten Böden auch Verluste von bis zu 80 Prozent. Aus Brandenburg würden sogar Totalausfälle gemeldet. Pommes frites-Fans müssen sich möglicherweise mit kleineren Fritten zufrieden geben. "Das Angebot an besonders großen Knollen, wie sie für die Produktion von Pommes frites benötigt werden, ist in diesem Jahr knapp", berichtete der Deutsche Bauernverband (DBV) am Sonntag. Bauern müssen zukaufen Frittierbare Ware werde bundesweit gesucht, Landwirte mit festen Lieferverträgen müssten bereits zukaufen. Inzwischen werden nach DBV-Angaben auch Kartoffeln verwendet, die ursprünglich nicht für die Herstellung von Pommes frites vorgesehen waren. Die Bauern rechnen auf leichten Böden mit Ertragseinbußen bei Kartoffeln von etwa 20 Prozent. Der Bauernpräsident verlangte das Vorziehen von Prämien für Landwirte, die durch die Ernteausfälle in ihrer Existenz gefährdet seien. Diese Prämien stünden ihnen am Jahresende ohnehin zu und sollten jetzt im September ausgezahlt werden, sagte Sonnleitner. Getreidepreis zieht leicht an Die finanziellen Verluste würden für die Bauern aber etwas gemindert, weil wegen der knapperen Ernte die Getreidepreise leicht anziehen.
Die wochenlange Dürre setzt den Kartoffeln zu. Besonders die großen Knollen, wie sie zur Herstellung von Pommes Frites benötigt werden, seien knapp, warnt der Bauernverband.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ernteausfaelle-pommes-werden-zur-mangelware-1.900719
Ernteausfälle - Pommes werden zur Mangelware
00/05/2010
Das Mobilfunkunternehmen hat seine im Jahr 2000 erworbene Lizenz für die Mobilfunktechnik UMTS an die Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation zurückgeben und damit über 8 Milliarden Euro verloren. Nach drei Jahren und drei Monaten ist das UMTS-Abenteuer für den Telefonanbieter Mobilcom nun endgültig abgeschlossen: Das Unternehmen hat seine für 8,4 Milliarden Euro gekaufte UMTS-Lizenz zurückgegeben. Vorstand und Aufsichtsrat beschlossen den Schritt am Dienstag in Büdelsdorf, wie das Unternehmen mitteilte. Damit sei Mobilcom frei, als Service-Provider auch UMTS-Dienste etwa von T-Mobile oder Vodafone anzubieten. Lizenzinhaber dürften nicht zugleich Service-Provider sein. Die Lizenz wurde nach Angaben eines Sprechers am Dienstag zurückgegeben. Mobilcom hatte im August 2000 eine der sechs deutschen Mobilfunklizenzen gekauft. Vorstandschef und Hauptaktionär Gerhard Schmid startete einen energischen Aufbau des Netzes von Sendestationen. Er wollte als erster ein UMTS-Netz in Deutschland in Betrieb nehmen. Streit mit dem großen Partner Doch schon etwas mehr als ein Jahr später kam der Telefonanbieter in Schwierigkeiten: Schmid zerstritt sich mit France Telecom, die sich an Mobilcom beteiligt hatte. Die Franzosen wollten so in den deutschen UMTS-Markt einsteigen, von dem Telefonmanager sich damals gigantische Gewinne versprachen. France Telecom sollte die Kosten für den Netzaufbau tragen. Anfang 2002 wollten die schuldenbeladenen Franzosen aber langsamer beim Aufbau von UMTS-Sendestationen voranschreiten. Schmid lehnte dies ab. Es begann ein Streit, in dessen Verlauf Schmid als Vorstandschef zum Rücktritt gezwungen wurde. Er musste seine Aktien verpfänden, das Unternehmen kam wegen hoher Schulden nur knapp an der Pleite vorbei. Schmid erklärte seine Privatinsolvenz. Finanzchef Thorsten Grenz übernahm den Vorstandsvorsitz und sanierte Mobilcom, das heute wieder schwarze Zahlen schreibt. Das Unternehmen hat sich auf das alte Geschäft konzentriert und vermittelt wieder Handy-Verträge. Rückerstattung nicht ausgeschlossen In einem Interview vor wenigen Wochen schloss Grenz nicht aus, dass Mobilcom nach dem fehlgeschlagenen UMTS-Abenteuer weiter auf eine Rückerstattung eines Großteils der Lizenzgebühren beharren würde. "Wir haben die Lizenz mit einer Laufzeit von 20 Jahren für 8,5 Milliarden Euro erworben", sagte Mobilcom-Chef der Zeitschrift Wirtschaftswoche. "Wenn wir sie jetzt, nach drei Jahren, zurückgeben, könnten wir 85 Prozent des Preises zurückfordern". In der Rückgabe-Erklärung vom Dienstag hieß es, über weitere Schritte hätten die Gremien noch nicht entschieden. Nun steht noch die Lizenz des Anbieters Quam aus, wie die Regulierungsbehörde am Dienstag bestätigte. Das in München ansässige Gemeinschaftsunternehmen der spanischen Telefonica und der finnischen Sonera hatte den Betrieb bereits Mitte November vergangenen Jahres eingestellt. Notfalls einziehen Notfalls könnte die Regulierungsbehörde die Lizenz einziehen, da Quam wie Mobilcom kein eigenes UMTS-Netz aufgebaut hat, das die Lizenzbedingung erfüllen würde, zum Ende des Jahres 2003 mindestens 25 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung zu erreichen. Was mit den Frequenzpaketen, die mit den UMTS-Lizenzen verbunden sind, in Zukunft geschieht, steht noch nicht endgültig fest. Seitens der Regulierungsbehörde wurde eine neuerliche Versteigerung der frei gewordenen Lizenzen ausgeschlossen. Die Frequenzen könnten neu vergeben werden, wenn die verbleibenden vier UMTS-Betreiber sie für den Aufbau ihrer Netze nutzen wollten. Möglicherweise werden Frequenzbereiche aus den beiden nicht genutzten Lizenzen aber auch erst im Jahr 2007 verteilt, wenn planmäßig bisher anderweitig reservierte Frequenzbänder frei werden und nach Vorstellung der Regulierungsbehörde dem UMTS-Spektrum zugeteilt werden sollen.
Das Mobilfunkunternehmen hat seine im Jahr 2000 erworbene Lizenz für die Mobilfunktechnik UMTS an die Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation zurückgeben und damit über 8 Milliarden Euro verloren.
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UMTS - Mobilcom gibt Lizenz zurück
00/05/2010
Bei Online-Versteigerungen wird zunehmend gegen geltendes Recht verstoßen. Die Zahl unseriöser Anbieter steigt stetig und Verbraucher werden nur selten auf ihre Rechte hingewiesen, so der Vorwurf der Wettbewerbshüter. Die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs beklagt eine massive Zunahme von unseriösen Angeboten bei Internet-Auktionen. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: ddp) Gut 3.200 Mal musste das Selbstkontrollorganisation der Wirtschaft im vergangenen Jahr gegen Internethändler vorgehen, die auf Online-Plattformen wie Ebay versucht hätten, "die gesetzlichen Rechte der Verbraucher zu verkürzen oder ganz zu verschweigen", erklärte ihr Geschäftsführer Reiner Münker. Angebote ohne Firmenanschrift meiden Die Kontrolleure kritisierten, dass sich zahlreiche gewerbliche Anbieter im Internet nicht als solche zu erkennen gäben. Verbrauchern riet Münker daher, sich das Profil des Anbieters genau anzusehen. Die Finger sollten Kunden auf jeden Fall von gewerblichen Angeboten lassen, bei denen Namen und Anschrift des Anbieters fehlten. In zahlreichen Fällen würden kommerzielle Händler ihre Kunden nicht den Vorschriften entsprechend informieren. 14 Tage Widerrufsrecht Viele Nutzer von Internetplattformen wüssten deshalb etwa nicht, dass sie bei einem Kauf über das Internet ein 14-tägiges Widerrufsrecht besitzen. Fehlt dieser Hinweis bei einem gewerblichen Online-Anbieter ganz, habe der Kunde ab dem Zeitpunkt, ab dem er anderweitig von seinem Widerrufsrecht erfahre, zwei Wochen lang Zeit, den Kauf rückgängig zu machen. Auch Rückgabe- und Gewährleistungsrechte der Kunden von Internet-Auktionsplattformen würden von unseriösen Händlern bewusst missachtet. Zahl der Beschwerden steigt Insgesamt machen die Beschwerden und Anfragen zum Handel über das Internet bereits 17 Prozent der insgesamt 18.800 Fälle aus, in denen die Zentrale tätig wurde. Dieser Trend setze sich auch in diesem Jahr ungebrochen fort. "Ich rechne noch einmal mit einem deutlichen Sprung", sagte Münker. Allein nach dem Osterwochenende habe man über 160 Beschwerden zu unlauteren Angeboten auf der Auktionsplattform Ebay erhalten. Insgesamt sei die Zahl aller Beschwerden und Anfragen an die Wettbewerbszentrale zwar um zehn Prozent zurückgegangen, die Fälle würden jedoch immer komplizierter. Beschwerden zu Rabattaktionen im Einzelhandel seien um 40 Prozent zurückgegangen. Bereits 627 Gerichtsverfahren Dagegen wurden um drei Prozent mehr Fälle von irreführender Werbung gemeldet. Oft mussten dabei falsche Preisangaben beanstandet werden. Auch die Beschwerden über lästige Werbung über E-Mail, Telefon- und Fax nehme zu. Die meisten Streitigkeiten konnte die Zentrale nach eigenen Angaben außergerichtlich durch ein Anschreiben oder einstweilige Verfügungen beilegen. 627 Mal leitete sie allerdings ein Gerichtsverfahren ein.
Bei Online-Versteigerungen wird zunehmend gegen geltendes Recht verstoßen. Die Zahl unseriöser Anbieter steigt stetig und Verbraucher werden nur selten auf ihre Rechte hingewiesen, so der Vorwurf der Wettbewerbshüter.
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Internet-Auktionen - Der Klick ins Ungewisse
00/05/2010
Die deutsche Wirtschaft steht nicht so schlecht da, wie gemeinhin angenommen wird. Außerhalb der Grenzen wird das zuerst erkannt. Kaum eine Nation beschäftigt sich so sehr wie die der Deutschen mit der Frage: Wie sehen uns die anderen? Lieben sie uns, achten sie uns, trauen sie uns was zu? Detailansicht öffnen Am Montag setzten Bundeskanzler Gerhard Schröder (Mitte), der Vorstand von GlaxoSmithKline (GSK), Jean-Pierre Garnier (links), und der Deutschland-Chef von GSK, Thomas Werner, zum ersten Spatenstich für den Erweiterungsbau des Dresdner Werkes für Grippeimpfstoffe an. (Foto: Foto: dpa) So ist es kein Wunder, dass der Bundeskanzler eine optimistische Titelgeschichte aus dem Economist bereits zu einem Zeitpunkt bei Maybrit Illner im ZDF zitierte, als das Heft noch gar nicht auf dem Markt war. Wenn die Engländer Deutschland wieder toll finden, dann muss es ja stimmen. Tatsächlich hat es Symbolkraft, wenn das streng marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsmagazin aus der Finanzmetropole London die deutsche Wirtschaft eine "positive Überraschung" nennt. Schließlich hatten gerade in der britischen und amerikanischen Tradition stehende Investmentbanken und Ökonomen das deutsche Modell während der vergangenen Jahre immer besonders kritisch gesehen. Wer allerdings in jüngster Zeit die Wirtschaftsteile der Zeitungen aufmerksam las, dem dämmerte, dass sich die Dinge in Deutschland zum Besseren wenden könnten. Vor allem ein klares Signal gab es: Ausländer investieren wieder massiv in Deutschland. Einiges spricht für Deutschland Die Bilanz der Direktinvestitionen ist positiv, der Deutsche Aktienindex stieg stärker als andere Börsenindizes. Und auch das Interesse von Beteiligungsgesellschaften - den von Franz Müntefering so apostrophierten "Heuschrecken" - an deutschen Unternehmen spricht für das Land. Dabei schien es zuletzt, als wären nur ausländische Investoren bereit, die Risiken in der Frühphase eines Aufschwungs zu übernehmen, während die deutschen ängstlich ihr Geld zusammenhielten. Es bedurfte des Amerikaners Haim Saban, um Leo Kirchs große Fernsehsender aus dessen Insolvenzmasse aufzukaufen. Für Deutschland sprechen ein paar Fakten, die im Lande selbst oft noch kritisch gesehen werden. Zum Beispiel die maßvolle Lohnpolitik, die dazu geführt hat, dass die im Wettbewerb entscheidenden Lohnstückkosten gesunken sind. Vor allem gegenüber den großen kontinentaleuropäischen Staaten Frankreich, Italien und Spanien hat sich so die Wettbewerbsposition verbessert. Das Vetrauen steigt Positiv ist die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche in vielen Betrieben, positiv sind schließlich die hohen Gewinne der großen Konzerne. All dies sind Voraussetzungen dafür, dass im Inland wieder Vertrauen entsteht, dass mehr investiert und konsumiert wird. So argumentieren die Autoren des Economist im Einklang mit den meisten internationalen Ökonomen. Das zeigt aber auch: Die Stimmungsumkehr in der internationalen Wirtschaftsszene lässt sich nur bedingt politisch ausbeuten. Die entscheidenden Schritte haben nicht die Politiker, sondern die Unternehmen getan - mit zum Teil brutalen Maßnahmen. Betriebsräte und Gewerkschaften haben den Kurs - allen bösen Worten zum Trotz - flankiert. Die Regierung hat zwar erste Reformschritte eingeleitet, doch wirken sich diese erst nach und nach aus. Allerdings war es Gerhard Schröder, der mit der Agenda2010 einen geistigen Wandel in Deutschland einleitete. Dessen Folgen werden ihn nun voraussichtlich die Macht kosten, dennoch könnte in der Arbeitsmarktreform aus historischer Sicht das größte Verdienst des Kanzlers liegen. Die Politik muss ihre Hausaufgaben machen Klar ist allerdings auch: Die Wirtschaft diesseits und jenseits der deutschen Grenzen setzt auf den Machtwechsel in Berlin - bei aller Skepsis Angela Merkel und ihrem bisherigen Kurs gegenüber. Das Interesse und die Investitionen sind Indizien für einen nahen Aufschwung in Deutschland, aber noch lange nicht der Aufschwung selbst. Damit der kommt, müssen die dringenden politischen Aufgaben gelöst werden: Begrenzung der Sozialkosten, Sanierung der Staatsfinanzen, mehr Geld und Qualität für die Bildung, flexiblere Arbeitsmärkte. Anderenfalls könnte doch noch alles vermasselt werden, wie der Economist zu Recht schreibt.
Die deutsche Wirtschaft steht nicht so schlecht da, wie gemeinhin angenommen wird. Außerhalb der Grenzen wird das zuerst erkannt.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-das-land-ist-besser-als-sein-ruf-1.900699
Kommentar - Das Land ist besser als sein Ruf
00/05/2010
Der internationale Vergleich zeigt: Die Bindung zwischen Kunde und Unternehmen ist in Deutschland brüchiger als anderswo. Dazu trägt vor allem der laxe Umgang mit Kundenreklamationen bei. In vier Produktgruppen — dem Versandhandel, der Automobilindustrie, bei Bau- und Heimwerkermärkten und im Unterhaltungselektronikhandel — nehmen nur die Hälfte aller Verbraucher trotz erheblicher Aufwendungen für die Werbung Unterschiede zwischen Marken wahr. Nur 7 Prozent aller Verbraucher haben eine emotionale Bindung zu den untersuchten Unternehmen. Weltweit sind es dagegen im Durchschnitt 17 Prozent. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Unternehmensberatungsgesellschaft Gallup GmbH Deutschland (Potsdam), die der dpa vorliegt. Mehrheitlich Dienst nach Vorschrift Gallup fand heraus, Ursache für die schlechte Kundenbindung ist unter anderem der Umgang deutscher Unternehmen mit Kundenreklamationen. "Kein einziger Verbraucher-Elektronik-Kunde war mit der Bearbeitung seines Problems absolut zufrieden", sagte der Chef von Gallup-Deutschland, Gerald Wood. Die Automobil-Branche, wo die meisten Probleme in der Geschäftsbeziehung zwischen Kunde und Unternehmen auftreten, schnitt mit einem Wert von 15,4 Prozent absolut zufriedener Kunden noch am besten ab. Nur 6 Prozent aller Kunden von Bau- und Heimwerkermärkten waren mit der Behandlung ihrer Reklamation äußerst zufrieden, beim Versandhandel waren es 8,8 Prozent. "Umsätze könnten sofort um fünf Prozent erhöht werden" Ein schlechte Kundenbindung besteht der Studie zufolge vor allem bei solchen Unternehmen, deren Mitarbeiter nicht engagiert sind. Nur 15 Prozent aller Deutschen sind laut Gallup engagiert bei der Arbeit und empfinden diese als befriedigend. Dagegen machen 69 Prozent "Dienst nach Vorschrift". 16 Prozent der Deutschen haben sich sogar schon "innerlich verabschiedet". Das Institut beziffert den aus dem fehlenden Engagement am Arbeitsplatz resultierenden gesamtwirtschaftlichen Schaden auf rund 220 Milliarden Euro jährlich. Hinzu kommen fehlende Umsätze bei den Unternehmen. "Wir gehen davon aus, dass ein Unternehmen seine Umsätze sofort um 5 Prozent steigern könnte, wenn es nur den weltweiten Durchschnitt gebundener Kunden erreichen würde", sagte Wood. Dies wäre allein bei den untersuchten Unternehmen in der Automobilbranche ein Plus von 1,7 Milliarden Euro.
Der internationale Vergleich zeigt: Die Bindung zwischen Kunde und Unternehmen ist in Deutschland brüchiger als anderswo. Dazu trägt vor allem der laxe Umgang mit Kundenreklamationen bei.
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Deutsche Unternehmen - Unser liebster Feind: der Kunde
00/05/2010
Politiker und Juristen haben die Einstellung des Mannesmann-Verfahrens als "Freikaufaktion" für Deutsche-Bank-Chef Ackermann und seine Mitangeklagten kritisiert. Der Richter dagegen verteidigt seine Entscheidung und die Höhe der Geldauflagen. Mit scharfer Kritik haben Politiker am Mittwoch auf die Einstellung des Mannesmann-Prozesses reagiert. Der rechtspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Jerzy Montag, sagte, jeder Otto Normalbürger bekomme bei Straftaten mit einigen tausend Euro Schaden die volle Härte des Gesetzes zu spüren, ,,nicht so aber Ackermann & Co.'' CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer kritisierte: ,,So wie solche Freikaufaktionen auf das Rechtsgefühl der Bürger wirken, wirken sie auch auf mich.'' Nach Auffassung des Vorsitzenden der bayerischen SPD-Landtagsfraktion, Franz Maget, könnte die Einstellung des Verfahrens dem Ansehen der Demokratie in Deutschland schaden. ,,Die von dem Düsseldorfer Landgericht festgesetzte Geldbuße stellt für einen Menschen in der Einkommensklasse des Herrn Ackermann in der Tat nichts anderes dar als die berühmt-berüchtigten Peanuts'', sagte Maget. Anträge von Verteidigung und Staatsanwaltschaft Zuvor hatte das Landgericht Düsseldorf den Anträgen von Verteidigung und Staatsanwaltschaft auf Einstellung des Strafverfahrens zugestimmt. Der angeklagte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann soll eine Geldauflage von 3,2 Millionen Euro zahlen, Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser kommt mit 1,5 Millionen Euro davon, der einstige Aufsichtsratsvorsitzende Joachim Funk mit einer Million und Ex-Gewerkschafter Klaus Zwickel mit 60.000 Euro. Insgesamt müssen die sechs Angeklagten 5,8 Millionen Euro zahlen. 60 Prozent davon gehen an die Staatskasse, der Rest an gemeinnützige Einrichtungen, ordnete der Vorsitzende Richter Stefan Drees an. Freisprüche aufgehoben Damit ist der Prozess um die Millionenprämien nach fast drei Jahren endgültig zu Ende. Im Kern ging es um Abfindungen und Boni in Höhe von 60 Millionen Euro, die das Aufsichtsratspräsidium von Mannesmann im Frühjahr 2000 nach der Übernahme durch Vodafone an Führungskräfte des Konzerns verteilt hatte. Die Freisprüche aus dem ersten Strafprozess hatte der Bundesgerichtshof im vergangenen Dezember aufgehoben. Den Vorwurf, die Angeklagten hätten sich ,,freigekauft'', wies Drees am Mittwoch zurück. Der Paragraph in der Strafprozessordnung, der die Einstellung regelt, sei ,,keine Vorschrift, die Reiche begünstigt''.
Politiker und Juristen haben die Einstellung des Mannesmann-Verfahrens als "Freikaufaktion" für Deutsche-Bank-Chef Ackermann und seine Mitangeklagten kritisiert. Der Richter dagegen verteidigt seine Entscheidung und die Höhe der Geldauflagen.
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"""Freikaufaktion"" - Politiker empört über Einstellung des Mannesmann-Verfahrens"
00/05/2010
Die Privatisierung der Deutschen Bahn steht vor neuen Hindernissen: Eine hochrangige Arbeitsgruppe der SPD will ein Volksaktien-Modell durchsetzen, das den mühsam gefundenen Koalitionskompromiss durchkreuzen würde. Eine hochrangige SPD-Arbeitsgruppe einigte sich am Freitag auf einen Antrag für den Parteitag Ende kommender Woche, der eine Privatisierung zunächst nur über Volksaktien vorsieht. Dies läuft den Börsenplänen der Bahnspitze zuwider. Auch der mühsam gefundene Koalitionskompromiss steht damit auf der Kippe. "Es scheint, als ob die SPD damit die Gesprächsgrundlage verlassen hat", sagte Unions-Fraktionsvize Hans-Peter Friedrich. Ursprünglich sollte die Bahn noch im kommenden Jahr an den Kapitalmarkt gehen. Das Unternehmen sollte so frisches Geld für seine Expansion erhalten. Parteivorstand berät am Montag Doch der Zeitplan könnte Ende kommender Woche ins Wanken geraten. Dann könnte der SPD-Parteitag den Antrag beschließen, den der Arbeitskreis nun erarbeitet hat. Der Parteivorstand wird am Montag darüber beraten. "Private Investoren", so der Entwurf, "dürfen keinen Einfluss auf die Unternehmenspolitik ausüben." Daher sollten zunächst mindestens 25,1 Prozent der Anteile als stimmrechtslose Vorzugsaktien ausgegeben werden. Ein solches "Volksaktien"-Modell hatte die SPD-Linke gefordert. "Über die weitere Beteiligung privater Investoren entscheidet der Gesetzgeber nach einer Evaluierung", heißt es weiter. "Es geht uns darum auszuschließen, dass irgendwelche Investoren gegen die Interessen des Unternehmens agieren", sagte Fraktionsvize Klaas Hübner der Süddeutschen Zeitung. Wenig Gegenliebe bei der Union In der Union trifft diese Lösung allerdings auf wenig Gegenliebe. "Wir machen eine Privatisierung auch, um die Effizienzkontrolle der Finanzmärkte zu erreichen", sagte der Unions-Verkehrspolitiker Friedrich der SZ. "Das fällt quasi völlig weg." Eine Scheinprivatisierung werde es mit der Union nicht geben. Die Bahn selbst wollte sich am Freitag zu dem Entwurf nicht äußern. Ihr Finanzvorstand Diethelm Sack hatte aber schon klar gemacht, dass er von der Volksaktie nicht viel hält. "Wir wollen einen ganz klassischen Börsengang", hatte er vor Monatsfrist erklärt. "Die Teilprivatisierung untermauert: Wir wollen eine unternehmerische Bahn." Bund behielte alleine das Sagen Davon wäre mit den SPD-Vorschlägen nicht viel übrig. Der Bund behielte alleine das Sagen. Weil er per Gesetz verpflichtet ist, die Mehrheit an dem Gesamtkonzern zu halten, hätte er de facto drei Viertel der Stimmen. Private Investoren könnten keine satzungsändernde Mehrheit mehr erlangen. "Da kann man auf keinen Fall mehr mir nichts, dir nichts eine normale Privatisierung draus machen", sagte der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer. Zusammen mit der hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti hatte er das Volksaktien-Modell überhaupt erst ins Gespräch gebracht. "Hartmut Mehdorn steht jetzt vor der großen Frage, ob er überhaupt noch weitermacht", sagte Scheer mit Blick auf den Bahnchef. Allerdings ist der Entwurf auch innerhalb der SPD-Spitze umstritten. Während Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee ihm zustimmte, enthielt sich Finanzminister Peer Steinbrück der Stimme. Garantiedividende Er hatte das Modell der stimmrechtslosen Vorzugsaktien abgelehnt. "An unserer grundsätzlichen Haltung hat sich nichts geändert", sagte sein Sprecher. Tatsächlich könnten auf den Bund Mehrkosten zukommen, denn die Vorzugsaktien erhalten eine Garantiedividende. Reicht der Bahn-Gewinn dafür nicht aus, muss der Bund draufzahlen. Dagegen will die Parteilinke am Sonntag noch über mögliche Verschärfungen des Entwurfs beraten, die den Gestaltungsspielraum des Bundes weiter einengen könnten. Auch könne eine zusätzliche Klausel eingebaut werden, hieß es am Freitag: Sollte die Union den SPD-Vorschlag nicht mittragen, müsse der Börsengang ganz abgeblasen werden.
Die Privatisierung der Deutschen Bahn steht vor neuen Hindernissen: Eine hochrangige Arbeitsgruppe der SPD will ein Volksaktien-Modell durchsetzen, das den mühsam gefundenen Koalitionskompromiss durchkreuzen würde.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neues-privatisierungsmodell-spd-zerlegt-boersenplaene-fuer-bahn-1.888971
Neues Privatisierungsmodell - SPD zerlegt Börsenpläne für Bahn
00/05/2010
Kleiner, praktisch, gut: Die "Frankfurter Rundschau" schrumpft äußerlich, und will so den Weg aus ihrer großen Misere finden. Wie wird man das in Wohngemeinschaften finden? Man muss sich das vorstellen wie mit einer Schokoladensorte, passend wäre hier Zartbitter. Die schmeckt bei weitem nicht allen, doch ihre Anhänger sind treu, weil ihnen alles andere zu süß ist, ob mit halben Nüssen, Nougat oder Kokosraspeljoghurt-Füllung. Detailansicht öffnen Uwe Vorkötter, Chefredakteur: Am kommenden Mittwoch (30. Mai) erscheint die "Frankfurter Rundschau" erstmals im Tabloid-Format. (Foto: Foto: dpa) Der Zartbittermensch ist insofern genügsam, doch dann steht er eines Tages vor dem Supermarktregal und findet seine Sorte nicht. Er sucht lange und macht eine verstörende Entdeckung: Der Schokoladenfabrikant hat etwas verändert. Die Tafel ist nicht mehr eckig, sondern rund. Im Prinzip gibt es nur einen Grund, warum der Fabrikant das tun sollte: Es muss so schlecht stehen um die Sorte, dass nur dieser Weg blieb, um neue Käufer zu finden. Das Risiko ist hoch, denn der erste Gedanke des Zartbitterfreundes dürfte sein: Was, wenn sie nicht nur die Form verändert haben, sondern auch das Rezept? Uwe Vorkötter kennt dieses Risiko genau, er ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau (FR), die von Mittwoch an nicht mehr so aussehen wird, wie sie immer ausgesehen hat. Die Rundschau, einst Stammblatt der deutschen Linken, heute stark angeschlagene, doch immer noch zutiefst ernsthafte Vorkämpferin des Linksliberalismus, wird am 30. Mai zum ersten Mal im kleinen Tabloid-Format erscheinen. Ein Projekt mit Risiko Das ist nicht weniger als eine kleine Revolution, wird sie doch zu den überregionalen Qualitätsblättern gezählt - obwohl sie nur etwa ein Drittel ihrer Auflage außerhalb der Rhein-Main-Region macht. Markenzeichen dieser Blätter ist bisher das große Nordische Format. Uwe Vorkötter sagt: "Natürlich ist das ein Projekt mit hohem Risiko." Es ist sogar mehr. Es geht wohl um Alles oder Nichts. Die seit Jahren gesunkene Auflage liegt jetzt bei 150.000 verkauften Exemplaren; im ersten Quartal 2007 verkaufte die FR 11.000 Exemplare weniger als noch ein Jahr zuvor. Von einst mehr als 1.600 Mitarbeitern waren noch 720 übrig, als Ende September der Abbau weiterer 200 Stellen angekündigt wurde. Zwar steht die Zeitung nicht mehr unmittelbar vor dem Aus wie vor drei Jahren, als die SPD-Medienholding DDVG neunzig Prozent der Anteile und damit etwa 100 Millionen Euro Gesamtverbindlichkeiten übernahm: Im Juli 2006 kaufte der Kölner Verlag M.DuMont Schauberg (Kölner Stadt-Anzeiger) 50 Prozent der Anteile, zudem machte das Blatt im vergangenen Jahr einen vergleichsweise geringen Verlust von zehn Millionen Euro. Doch für Ende 2008 sind schwarze Zahlen das Ziel. Das neue Format dürfte die letzte Chance der Rundschau sein. Vorkötter sagt: "Natürlich ist der Adrenalinausstoß höher als an normalen Tagen." Doch lieber redet er über das, was stapelweise in der Ecke seines Büros liegt: Probeausgaben der neuen Rundschau. Fasst man Vorkötters Ausführungen mit den Eindrücken der Lektüre zusammen, bleibt dies: Das Blatt wird praktischer und überraschender sein. Praktischer, weil man beim Blättern in der U-Bahn nicht mehr den Sitznachbarn belästigt. Überraschender, weil Beiträge gebündelt und nach Relevanz im Blatt platziert werden, statt wie bisher streng nach Ressorts. Dazu kommt eine stärker magazinartige Optik, doch mit Häppchen-Journalismus hat das nichts zu tun: Anders als im Welt-Ableger Welt Kompakt sollen die Texte nicht kürzer werden. Bei halber Größe bekommt das Blatt doppelt so viele Seiten. Vorbild Skandinavien und England In Skandinavien oder Großbritannien haben seriöse Blätter wie der Independent und der Guardian die Umstellung gewagt. Betrachte man dies, sagt Vorkötter, "dann gibt uns der Erfolg dort recht. Die Auflagen sind gestiegen". Man weiß nicht recht, ob ihn das beflügelt, oder ob es provokante Eigen-PR sein soll, wenn er hinzufügt: "Ich glaube ohnehin, dass das Nordische Format keine große Zukunft hat." Der Medienwissenschaftler Horst Röper vom Dortmunder Formatt-Institut ist skeptischer: "Man kann das nicht vergleichen, weil die ausländischen Erfahrungen nicht helfen. Dort war das Format neu, hier aber gibt es das bereits." Seit elf Monaten ist Vorkötter, 53, bei der FR, zuvor war er Chef der Stuttgarter Zeitung und dann der Berliner Zeitung. Wenige Wochen nach seinem Wechsel an den Main sprach Verleger Alfred Neven DuMont die Tabloid-Idee an. Vorkötter gefiel sie, dann ging alles sehr schnell. In den vergangenen Monaten herrschte deshalb Hochdruck in der durch Kürzungen, Umzug auf die andere Mainseite und Auflagenschwund gebeutelten Redaktion. Doch mit wem man auch spricht, man spürt neben Unsicherheit viel Optimismus - wenn auch versehen mit dem Zusatz, dass es ja nur besser werden könne. Wahrscheinlich konnte nur jemand von außen all das anschieben, doch Vorkötter hat auch gemerkt, was man als Neuling besser bleiben lässt: Die Online-Ausgabe der Welt zitierte ihn im April mit der sinngemäßen Aussage, die Redaktion sei "wohngemeinschaftlich organisiert" und arbeite mit zu geringer "Schlagzahl". Die Redaktion war erbost, es gab eine lange Aussprache. Zum einen, weil man so etwas als Chef nicht öffentlich sagt. Zum anderen hatte die Erregung wohl auch damit zu tun, dass Vorkötter einen wunden Punkt getroffen hatte: Viel zu lange hatte man sich darauf verlassen, die Stammleser zu bedienen, und darüber so ziemlich alle Neuerungen in der Zeitungsbranche verschlafen. Wie reagiert der klassische Linke? Heute stellt man sich den klassischen Leser als einen mit Strickweste und Birkenstock-Sandalen angetanen Geographielehrer oder als Gewerkschafter vor, zumindest was die Auflage außerhalb des Rhein-Main-Gebiets angeht. Es spricht für sich, wenn Vorkötter sagt: "Wir wollen mit dem neuen Format vor allem jüngere und weibliche Leser gewinnen." Und zwar ohne bei der direkten Konkurrenz zu wildern: "Der überregionale Markt besteht aus 70 Millionen Menschen. Die überregionalen Zeitungen haben zusammen nicht einmal eine Million an Auflage. Es gibt ein großes Potential im Nichtlesermarkt, aus dem man schöpfen kann." Das ist eine Absage an all jene Experten, die der FR seit Jahren empfehlen, sich als reine Regionalzeitung zu positionieren. Will Vorkötter aber Erfolg haben, darf er die alten Leser nicht verlieren, die Freunde von Zartbitter. Die Redaktion hat daher die Änderungen im Blatt ausführlich angekündigt. Dass die Gefahr dennoch besteht, hat die Marktforschung bestätigt: Zwar liege die Zahl derer, die eine Abbestellung angekündigt hätten, "im kleinen einstelligen Prozentbereich", sagt Vorkötter, aber: "Am skeptischsten waren die langjährigen Abonnenten der überregionalen Ausgabe." Einen Teil von ihnen wird man verlieren, so viel ist klar. Deshalb sollen genau diese Leser so schnell wie möglich merken, dass nur die Form verändert wird. Ein paar Meter von Vorkötters Büro entfernt sitzt einer von denen, die das garantieren sollen. Stephan Hebel, 51, ist Textchef der Rundschau, er hat hier vor 32 Jahren als freier Mitarbeiter seinen ersten Artikel geschrieben. Er saß in den siebziger Jahren an der hochpolitisierten Frankfurter Universität als Sponti-Vertreter in der Fachbereichsgruppe Neuere Philologien und hat in einem besetzten Haus des Frankfurter Westend gewohnt. Sein Volontariat hat er im zweiten Anlauf bekommen, weil er zum ersten Vorstellungsgespräch im besudelten Hemd erschienen war. Stephan Hebel hat eine Biographie, wie sie viele seiner Stammleser haben dürften, er ist neben Richard Meng vom Berliner Büro einer der Autoren, die am deutlichsten für die klassische Rundschau stehen. Weniger im Sinn von Vorkötters WG, sondern im besten Sinn als einer, der auch dann nicht aufhört, gegen Sozialkürzungen anzuschreiben, wenn sie im öffentlichen Diskurs längst als unumgänglich akzeptiert sind. Junge Leute hinterm Ofen Hebel hat an diesem Nachmittag einen Kommentar zum Umgang mit den Gegnern des G-8-Gipfels geschrieben. Er sagt: "Da habe ich mir vorher noch mal sehr intensiv Rechenschaft abgelegt, in welche Richtung es gehen soll." Soll heißen: Er hat sich klargemacht, wofür die FR steht. Das wird wichtig sein in den nächsten Wochen. Mit jedem Kommentar von Hebel, mit jeder Reportage über Globalisierungsverlierer und jedem Wirtschaftsbericht, in dem es nicht nur um Ökonomie, sondern auch um Ökologie geht, wird eine indirekte Botschaft verbunden sein: Seht her, wir sind noch die Alten! Wir kämpfen weiter für Gerechtigkeit und Weltfrieden, auch wenn das jetzt anders verpackt ist! Hebel sagt: "Neulich hat mir ein Marketingmann gesagt, mit dem linken Zeug könne man keinen von den jungen Leuten mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Ich glaube das nicht." Auch er hat sich über das Wohngemeinschaft-Zitat geärgert, doch er sagt: "Es hat wirklich eine Art Routine gegeben hier, in der sich der eine oder andere eingerichtet hat." Aber: "Das gilt nicht für alle. Diese Redaktion wird von vielen maßlos unterschätzt." Sie hat nun Zeit, das zu beweisen, intern ist von einer "großzügigen Frist" die Rede. Laut Vorkötter dagegen hat der neue Eigentümer DuMont keine Zeitvorgabe gemacht: "Die erste Bilanz ziehen wir im vierten Quartal dieses Jahres. Bis dahin soll die Auflage gestiegen, mindestens aber stabilisiert sein." Einen Plan B, sagt er, gebe es nicht.
Kleiner, praktisch, gut: Die "Frankfurter Rundschau" schrumpft äußerlich, und will so den Weg aus ihrer großen Misere finden. Wie wird man das in Wohngemeinschaften finden?
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/frankfurter-rundschau-krisenkonzept-adrenalinschub-fuer-den-zeitungschef-1.900457
"""Frankfurter Rundschau"": Krisenkonzept - Adrenalinschub für den Zeitungschef"
00/05/2010
Ihre Karriere war der Internet-Boom, ihr Absturz die Selbstüberschätzung - jetzt kämpfen die Helden von einst mit einer neuen Zeit. (SZ vom 29.8.2003) — Das Ambiente behagte dem Gastgeber ganz offensichtlich nicht. Ein kleiner, schmuckloser Konferenzraum im Münchner Hotel City Hilton, und von den Plätzen blieben die meisten unbesetzt, weil es nur fünf Journalisten interessierte, was Paulus Neef mitzuteilen hatte. Detailansicht öffnen Vom Aufstieg und Fall der ehemals schillernden Figuren des Internet-Boom: Thomas Middelhoff, Gerhard Schmid, Ron Sommer, Paulus Neef, Bodo Schnabel, Florian und Thomas Haffa. (von links oben nach rechts unten) (Foto: Fotos: dpa, AP; Collage BuG) Das alleine muss einen Mann schmerzen, der in den trunkenen Zeiten der New Economy mit den Haffas und Mobilcom-Schmids für eine schillernde neue Wirtschaftselite stand. Freilich mühte er sich nach Kräften, diesem Eindruck entgegenzutreten. Einmal Unternehmer, immer Unternehmer, er fühle sich berufen, weiter kreative Ideen zu entwickeln, so Neef, der smart wie früher, aber deutlich zurückhaltender auftrat. Der 43-Jährige hat nach einem unrühmlichen Abgang bei der von ihm gegründeten Multimedia-Agentur Pixelpark jetzt die nächste Firma ins Leben gerufen. Mit dieser schlüpft er bei dem früheren Konkurrenten GFT Technologies AG unter - was natürlich ein bisschen delikat ist. Der verschwundene Sänger Die Geschichte des Paulus Neef ist typisch für die kurzen, glanzvollen Jahre des Rausches, die abrupt in eine lange schmerzhafte Phase der Ernüchterung übergingen. Hochgearbeitet, die Leiter hinaufgeklettert, gefeiert, abgehoben - und dann gestürzt, gescholten und abgetaucht, ins Ausland, ins Private, in eine verschwiegene Nische. Aufstieg und Fall vollzogen sich im Rampenlicht, dann ist es still geworden um viele der einstigen Lichtgestalten. Doch natürlich gibt es sie noch, einen Paulus Neef, der nun ein neues Standbein sucht, während er sich noch mit denen, die inzwischen das Ruder in seiner früheren Firma übernommen haben, streitet; einen Thomas Haffa, Stephan Schambach, oder Daniel David, der die erste Pleite des Neuen Marktes hinlegte. Was macht so einer heute? Hat er Mut für einen Neuanfang? Hat er es überhaupt nötig zu arbeiten - oder hat er damals für immer ausgesorgt? Kann er sich noch blicken lassen in der High Society oder ist der Name für immer verbrannt? Hat er je für Fehler Rechenschaft ablegen müssen oder haben andere das Lehrgeld gezahlt? Prominentestes Beispiel in der Kategorie "gerade noch davon gekommen" ist sicher Rudolf Zawrel, früherer Schlagersänger und Komponist. Er nannte sich Daniel David, als er seine Firma Gigabell am 11. August 1999, dem Tag der Sonnenfinsternis, an den Neuen Markt führte. "Wenn wir an die Börse gehen, geht die Sonne zwei Mal auf", lockte das High-Tech-Unternehmen. Doch die Aktie war die erste am Neuen Markt, mit der die Anleger schon am Tag des Börsendebüts Geld verloren. In der Folge machten der gelernte Energieanlagenbauer Zawrel und seine Gigabell vor allem mit einer unwahrscheinlichen Burn rate auf sich aufmerksam - dem rasanten Tempo, mit dem das Unternehmen das an der Börse erlöste Geld verbrannte. Am 15. September 2000 implodierte diese Geschichte, das Geld war weg, der erste Insolvenzantrag am Neuen Markt wurde eingereicht. Zawrel verschwand. Eine Spurensuche im Internet fördert ein im Jahr 2001 geführtes Interview mit Zawrel zutage, in dem er sein Bedauern äußert, dass er das Vertrauen der Aktionäre enttäuscht habe, gleichzeitig aber auf seine angeblich desolaten Finanzen verweist: "I have very little money left." Bei dem Insolvenzverwalter, der damals den Fall Gigabell übernahm, weiß man mehr. Das Ehepaar lebe inzwischen in Estepona bei Marbella. Dorthin wurde Zawrel eine anhängige Klage zugestellt, denn im Oktober soll in Deutschland ein Prozess klären, ob der Mann zu einer Zeit, als die Gesellschaft schon die Insolvenz hätte anmelden müssen, noch Geld aus der Firma gezogen hat. Mit dem Erscheinen des Beschuldigten rechnet Insolvenzverwalter Dirk Pfeil freilich nicht - und Spanien wird ihn wegen der Vorwürfe auch nicht ausliefern. Zu der finanziellen Situation Zawrels hat der mit dem Fall befasste Mitarbeiter Pfeils eine andere Einschätzung, als der gescheiterte Unternehmer selbst: "Wenn er das Geld nicht verprasst hat, müsste da noch ein Millionenvermögen sein." Die Angeklagten Wenn er Glück hat, dürfte Herr Zawrel also vergleichsweise unbeschadet davonkommen. Anderen gefallenen Stars der New Economy geht es da schlechter: Sie kämpfen vor Gericht um ihre Reputation und, soweit noch vorhanden, um Geld. Verloren hat diesen Kampf bereits Bodo Schnabel, der bisher größte bekannte Betrüger am Neuen Markt. Er wurde Ende vergangenen Jahres wegen Insiderhandels, Kursbetrugs und gewerbsmäßigen Betrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte die Umsätze seiner Firma Comroad über Jahre hinweg größtenteils erfunden. Seit dieser Woche muss auch der Gründer des Telekommunikationsunternehmens Mobilcom, Gerhard Schmid, einen Prozess fürchten: Die Staatsanwaltschaft Kiel wirft ihm vor, Geld veruntreut zu haben. Für den Mann, der einst die Telekom herausforderte, läuft es auch sonst schlecht. Nachdem Schmid, der an dem Kauf der UMTS-Lizenzen und dem Streit mit Großaktionär France Télécom scheiterte, den Chefsessel im Juni 2002 räumen musste, wird der 32-Prozent-Anteil, den der 51-jährige Pferdeliebhaber an seiner Firma noch hält, treuhänderisch verwaltet. Die Aktien sind verpfändet Die Aktien sind an Banken verpfändet. In diesem Jahr wurde das Insolvenzverfahren über Schmids Privatvermögen eröffnet. Seine Schulden hat der fränkische Maurersohn, der in der vom Manager Magazin regelmäßig veröffentlichen Liste der reichsten Deutschen im Jahr 2001 mit einem geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden Euro noch auf Platz 65 geführt wurde, einmal mit 200 bis 300 Millionen Euro angegeben. Es gibt auch höhere Schätzungen. Finanziell deutlich besser gestellt, aber ebenfalls mit Gerichten befasst, ist Thomas Haffa, Gründer und früherer Vorstandschef des Medienunternehmens EM.TV, dessen Geschichte immer noch zu fantastisch klingt, um wahr zu sein: Früherer Schreibmaschinenverkäufer gründet eine Firma, die in den goldenen Zeiten des Neuen Marktes plötzlich mehr wert ist als die Lufthansa. Haffa wird von Aktionären und Analysten gefeiert, Haffa lässt feiern auf Yachten in Cannes, Haffa bläst zum Kampf auf Disney und kennt auch sonst keine Grenzen - bis die Blase platzt. EM.TV scheiterte am Expansionsdrang. Im Juli 2001 trat Haffa zurück. Inzwischen hat das Landgericht München Thomas und seinen Bruder Florian zu Geldstrafen von 1,2 Millionen beziehungsweise 240.000 Euro verurteilt, weil sie falsche Halbjahreszahlen veröffentlicht haben sollen. Die beiden haben Revision eingelegt. Thomas Haffa, der über den Verkauf eines kleinen Teils seiner Aktien einst rund 20 Millionen Euro erlöste und zurzeit noch 17,54Prozent an EM.TV hält, bereitet sich derzeit auf den zweiten Teil des Prozesses vor. Außerdem kümmert er sich um die Geschäfte seiner neuen Firma Air Independence, eine Fluggesellschaft, die Menschen, die sich das leisten können, exklusive Geschäfts- und Privatreisen anbietet. Aus finanziellen Gründen hätte er das nicht nötig: Der 51-Jährige taucht mit einem geschätzten Vermögen von 200 bis 300 Millionen Euro auf Platz 229 unter den reichsten Deutschen auf. Auch wenn Haffa die öffentliche Anklage und der Ansehensverlust immer noch schmerzen, scheint er wieder mit seinem Leben im Reinen zu sein. Er reist viel durch die Welt, segelt Regatten und genießt das gesellschaftliche Leben, soweit er daran wieder teilnehmen darf. Die Überlebenden Weit weniger spektakulär und deutlich anders gelagert sind die Fälle von zwei Männern, die vor ein paar Jahren ebenfalls Wachstum, Wachstum, Wachstum und Internet predigten, um darüber letztlich zu fallen. Vor gut einem Jahr mussten kurz hintereinander der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Ron Sommer, und Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff ihre Schreibtische räumen. Der promovierte Betriebswirt Middelhoff, der an der Zerreißprobe zwischen Gütersloh und New York, zwischen alter und neuer Ökonomie scheiterte, musste seinen Job am 28. Juli 2002 an den elf Jahre älteren Gunter Thielen abgeben. Middelhoff ging - mit einer Abfindung in zweistelliger Millionenhöhe. Die Rede ist von 20 oder 25 Millionen Euro. Jetzt arbeitet er für andere. Seit kurzem ist der 50 Jahre alte Vater von fünf Kindern als Partner und Leiter des Europageschäfts bei Investcorp unter Vertrag, einer Gesellschaft, die Geld vornehmlich aus den arabischen Ölstaaten in Firmenbeteiligungen investiert. Bekannt wurde Investcorp, weil es Luxusfirmen wie Tiffany und Gucci übernahm und mit Gewinn an die Börse brachte. Soweit, dass er schon wieder einen ausfüllenden neuen Job hätte, ist Ron Sommer, Jahrgang 1949, noch nicht. Der Mann, der die Deutschen zum Volk der Aktionäre machte und dem dann teure Einkäufe sowie der drastische Wertverfall der T-Aktie zum Verhängnis wurden, ist noch nicht ins öffentliche Leben zurückgekehrt. Die Tätigkeiten, denen er derzeit nachgeht, etwa ein Aufsichtsratsmandat bei der Münchener Rück und ein Beraterjob bei dem russischen Mischkonzern AFK, sind überschaubar. Dafür widmet sich der grau melierte, stets gut gebräunte Mann, der auch über seine öffentlich zur Schau getragene Arroganz stolperte, seinen Vorlieben: Er hat einen Privatpilotenschein gemacht und verbringt viel Zeit in seinem Ferienhaus am Arlberg. Auch dank seiner Abfindung in Höhe von 11,6 Millionen Euro, die er damals erhielt, könnte Sommer sich das ruhige angenehme Leben noch lange leisten. Beobachter glauben aber, dass er das gar nicht aushält. Der Mann mit dem Wiener Akzent werde bald wieder in einer prominenten Position auftauchen, heißt es. Das unterscheidet ihn von Betrügern wie Schnabel, Untergetauchten wie Zawrel und den vielen Namenlosen: Sie alle dachten in einer stürmischen Zeit, sie hätten ihr Glück gefunden - und scheiterten an der Wirklichkeit.
Ihre Karriere war der Internet-Boom, ihr Absturz die Selbstüberschätzung - jetzt kämpfen die Helden von einst mit einer neuen Zeit.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-stars-der-new-economy-gefeiert-gefallen-und-jetzt-1.907015
Die Stars der New Economy - Gefeiert, gefallen - und jetzt?
00/05/2010
Viele Menschen vermuten, die Strahlungen von Handys und Mobilfunk-Masten erzeugten Krebs. Man könnte auf den ersten Blick meinen, die Versicherungen teilten diese Ansicht inzwischen. Jahrelang haben sie Handyhersteller und Netzbetreiber gegen eventuelle Schadensersatz-Zahlungen abgesichert; neuerdings wird dieser Schutz häufig verweigert. Dies Verhalten zeigt jedoch nur, dass die wirtschaftlichen Gefahren des Mobilfunks größer sind als gedacht. Auf eine geänderte Einschätzung der gesundheitlichen Risiken lässt sich daraus nicht schließen. Grund: Der Schwenk beruht nicht auf zusätzlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen oder einer Neubewertung vorhandener Studien. Die Versicherungen haben vielmehr aus dem Asbest-Problem gelernt: Jahrzehntelang waren Wissenschaftler überwiegend der Ansicht, das Mineral sei ungefährlich. Mahnendes Beispiel Seit sich das Gegenteil erwies, werden Milliardenzahlungen an Produzenten und Weiterverarbeiter fällig, weil diese wiederum massiven Schadenersatz leisten müssen. Schon die Vorstellung, beim Mobilfunk könnte es irgendwann ähnlich laufen, lässt die Versicherer zurückschrecken. Zudem ist der Ausschluss dieser Risiken derzeit relativ leicht durchsetzbar. Über Jahre waren die Versicherer im Industriegeschäft unangemessen großzügig, was zu hohen Verlusten führte. Das wollen viele Anbieter mittlerweile ändern, weshalb für die Kunden ein schärferer Wind weht. Die Teilhaber von Mobilfunk-Firmen sollte diese Trendwende allerdings vorsichtig stimmen. Falls der Haftpflicht-Schutz tatsächlich unvollständig ist, droht den Konzernen Gefahr. Denn sie müssten einen möglichen Schadenersatz komplett aus eigener Tasche bezahlen. Vergleichbares hat schon einige von Asbest-Firmen in die Pleite getrieben. Dabei geht es nicht nur darum, ob eine Gesundheitsgefährdung durch Elektrosmog irgendwann zweifelsfrei nachgewiesen wird. Wahrscheinlichkeit schon ausreichend Es könnte schon dann kostspielig werden, wenn beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Rechtsprechung zur Ansicht käme, eine Schädigung sei genügend wahrscheinlich. Ein einziges negatives Urteil könnte den Kurs des betroffenen Unternehmens in Mitleidenschaft ziehen. Deshalb ist es geboten, dass die Konzerne über ihren Versicherungsschutz informieren. Beispiel Siemens: Das Unternehmen schweigt sich in dieser Frage aus. Die Handy-Produktion der Münchner war im vergangenen Quartal so hoch wie nie zuvor und wird immer wichtiger für den Gesamtkonzern. Da könnte man schon mal sagen, welche wirtschaftlichen Risiken darin schlummern.
Viele Menschen vermuten, die Strahlungen von Handys und Mobilfunk-Masten erzeugten Krebs. Man könnte auf den ersten Blick meinen, die Versicherungen teilten diese Ansicht inzwischen.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-das-handy-als-kursrisiko-1.899859
Kommentar - Das Handy als Kursrisiko
00/05/2010
Kaum ist EU-Finanzkommissar Pedro Solbes abgetreten, spricht sein Nachfolger Joaquín Almunia von einer Reform des Stabilitätspaktes, vor allem von einer differenzierten Anwendung für einzelne Länder. Die Defizit-Grenze von drei Prozent soll aber nicht fallen. Der neue EU-Währungskommissar Joaquín Almunia hat sich für eine vorsichtige Reform des Euro-Stabilitätspaktes ausgesprochen. "Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass man vielleicht etwas ändern muss", sagte der 55 Jahre alte Spanier vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments. Detailansicht öffnen Almunia schwebt eine "vorsichtige" Reform des Stabilitätspaktes vor. Foto: AP Defizit-Grenze bleibt unberührt Den Pakt selbst und die Defizit-Grenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts will der Nachfolger von Pedro Solbes jedoch nicht in Frage stellen. Der frühere spanische Minister und Ex-Parteichef der Sozialisten sagte, der Pakt sollte differenziert angewandt werden. "Es ist schwierig, in allen Ländern das gleiche Ziel erreichen zu wollen." Er kündigte an, dass die Kommission am Mittwoch die behördenintern bereits eingeleiteten Defizit-Verfahren gegen die Niederlande und Großbritannien offiziell eröffnen wolle. Gegen Italien ist eine Defizit-Frühwarnung, der so genannte Blaue Brief, geplant. Almunia sagte, die Kommission werde vorschlagen, das Defizit-Strafverfahren gegen Portugal zu schließen, da Lissabon 2002 und 2003 die Defizit-Grenze von drei Prozent eingehalten habe. Die Schritte müssen noch vom EU-Finanzministerrat gebilligt werden. Rechtssicherheit für die Zukunft Zu der Klage der Kommission gegen den EU-Finanzministerrat wegen der Auslegung des Stabilitätspaktes sagte der neue Kommissar, der zunächst sechs Monate bis zum Ende der Prodi-Kommission amtieren wird: "Ich halte es für sehr wichtig und dringend, dass Rechtssicherheit für die Zukunft geschaffen wird." Die Kommission war von den Europäischen Gerichtshof (EuGH) gezogen, da sie die Entscheidung der Minister, die Defizit-Strafverfahren gegen Deutschland und Frankreich auf Eis zu legen, für unrechtmäßig hält. In dem Rechtsstreit wird es am Mittwoch vor dem EuGH eine mündliche Anhörung geben. Almunias Vorgänger Solbes ist inzwischen sozialistischer "Superminister" für Wirtschaft und Finanzen in Madrid.
Kaum ist EU-Finanzkommissar Pedro Solbes abgetreten, spricht sein Nachfolger Joaquín Almunia von einer Reform des Stabilitätspaktes, vor allem von einer differenzierten Anwendung für einzelne Länder. Die Defizit-Grenze von drei Prozent soll aber nicht fallen.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/eu-stabilitaetspakt-vielleicht-muss-man-was-aendern-1.916994
"EU-Stabilitätspakt - ""Vielleicht muss man was ändern"""
00/05/2010
In den USA wird so viel wie in keinem anderen Land der Erde geklagt. Jetzt muss sich auch der Discounter vor Amerikas Gerichten fürchten. Es geht um Hunderte von Millionen Dollar, wenn nicht sogar um Milliarden Dollar. Der US-Handelsriese Wal-Mart muss sich gegen eine Sammelklage wegen Benachteiligung weiblicher Angestellter wehren. Falls das Unternehmen aus Bentonville den Prozess verliert, droht eine saftige Schadenersatzzahlung an die Kläger. Wie in den USA bei solchen Verfahren häufig üblich, ist die Klage ursprünglich nur von wenigen Angestellten eingereicht worden. Sammelklage verteuert Prozess Doch nachdem ein US-Bundesrichter im kalifornischen San Francisco entschieden hatte, eine Sammelklage zuzulassen, können nun andere Wal-Mart-Mitarbeiter dem Prozess beitreten. Und das kann für den Konzern, der bei amerikanischen Gewerkschaften wegen schlechter Bezahlung in Verruf geraten ist, teuer werden. Denn nun sind in dem Verfahren auf einen Schlag 1,6 Millionen frühere und heutige Angestellte vertreten. Die Frauen werfen ihrem Arbeitgeber vor, sie jahrelang gegenüber ihren männlichen Kollegen benachteiligt zu haben. Außerdem seien sie nicht im gleichen Maße befördert und schlechter bezahlt worden. Auch abstrus wirkende Klagen In den USA wird so viel wie in keinem anderen Land der Erde geklagt. Es geht um Diskriminierung am Arbeitsplatz, vor allem aber auch um gesundheitsgefährdende Produkte. Schadenersatzprozesse basieren auf angelsächsischen Rechtsprinzipien. Der Ausgang der Prozesse ist für die Beklagten häufig ein Glücksspiel. Laienrichter, die von den komplizierten Sachverhalten häufig nur wenig verstehen, sind an der Urteilsfindung beteiligt.
In den USA wird so viel wie in keinem anderen Land der Erde geklagt. Jetzt muss sich auch der Discounter vor Amerikas Gerichten fürchten.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/frauen-gegen-wal-mart-gluecksspiel-sammelklage-1.914974
Frauen gegen Wal-Mart - Glücksspiel: Sammelklage
00/05/2010
Die Recht für die deutsche Bundesliga werden plötzlich zum Problem: Für die Sender und den Fußball. (SZ vom 13.06.2003) — Es war eine Präsentation voller Stolz und Wohlbehagen. Nach Zürich ins Hotel Baur au Lac hatten der frühere Fußball-Nationalspieler Günter Netzer und seine Finanziers geladen, um eine neue Macht im TV-Rechtemarkt zu klären: die Agentur Infront aus dem Schweizer Örtchen Zug. Alles schien zu passen, immerhin waren hier die Sendelizenzen für die deutsche Fußball-Bundesliga und die Fußball-Weltmeisterschaft vereinigt. Das war Mitte Dezember 2002. Inzwischen jedoch zeigt das glorreiche Bild Risse, und auch im Gesellschafterkreis gibt es nach Erzählungen von Eingeweihten Risse: Während Adidas-Aktionär Louis-Dreyfuß angeblich für die nächste Bundesliga-Spielzeit einen Verlust von maximal 20 Millionen Euro tolerieren will, ist sein Partner Jacobs aus der einstigen Bremer Kaffeeröster-Dynastie strikt dagegen. Auch vom Ausgang solcher Gespräche hängt das Schicksal der deutschen Profiklubs ab, die gegen den wirtschaftlichen Abstieg kämpfen. Zocken mit Ausdauer und Raffinesse Immer deutlicher zeigt sich, dass die Grundstatik nicht mehr stimmt - und dass großzügig eingeplante hohe Erlöse aus der TV-Vermarktung ausbleiben. Von den 290 Millionen Euro, die Infront der Deutschen-Fußball-Bundesliga (DFL) für die nächste Saison garantiert hat, sind höchstens erst zwei Drittel sicher - vor allem durch den Pay-TV-Anbieter Premiere (150 Millionen Euro). Kein Wunder, dass Netzers Agentur die seit Mitte Mai erforderlichen finanziellen Sicherheiten für den Bundesliga-Deal der DFL bisher nicht geboten hat. Andererseits mussten die Profiklubs am Mittwoch ihre Unterlagen für die Lizenzierung einreichen - die TV-Gelder spielen bei den Planungen die Hauptrolle. Zum Verdruss von DFL-Manager Wilfried Straub zockt der bisherige Rechtenutzer Sat1 (ran) auch noch mit nie gekannter Ausdauer und Raffinesse. Der kommerziell betriebene Sender hat für seine Fußball-Berichterstattung eine neue Strategie ausgerufen: Live-Spiele sollen zum Ereignis für die ganze Familie hochgejazzt werden. Deshalb kauften die TV-Strategen nun für etwa 90 Millionen Euro die Rechte an drei Spielzeiten der Champions League. "Das Beste, was uns passieren konnte", hämt zwar RTL-Chef Gerhard Zeiler über den Verlust der Euro-Spitzenliga. Sat1 würde auch auf dem veränderten Kaufpreisniveau Verluste machen. Allerdings kalkuliert ProSiebenSat.1 Media-Chef Urs Rohner anders: Er glaubt, sich bereits genügend Ware Fußball verschafft zu haben bis zur WM 2006 in Deutschland. Gegenüber den Mächtigen der Bundesliga könne Sat1 jetzt umso härter auftreten. Vor ein paar Wochen soll Rohner 50 Millionen Euro für die Highlight-Verwertung einer Bundesliga-Spielzeit geboten haben (bisher waren es 85 Millionen Euro). Doch niemand rechnet damit, dass sich die ProsiebenSat.1 Media AG nach dem Champions-League-Deal noch engagiert. Obwohl: Live-Spiele aus der Bundesliga, das klingt durch, würde Rohner kaufen. Für Ober-Funktionär Straub ist das Ganze recht misslich - schließlich erlösen mit dem neuen Agreement die drei deutschen Top-Klubs in der Champions League viel weniger als in der abgelaufenen Saison. Und dann hat zu allem Überfluss die als möglicher Rechteverwerter der Bundesliga eingeplante ARD (Sportschau) ein paar politische Probleme. Zusammen mit dem ZDF will die ARD vom Jahr 2005 an eine deutlich höhere Rundfunkgebühr durchsetzen, was er aber argumentativ kaum auf die mit üppigen Gagen verwöhnten Kickern zurückführen dürfte. Vorsichtshalber ermahnte bereits der nordrhein-westfälische Landeschef Peer Steinbrück (SPD), die ARD dürfe einen Kauf der Bundesliga- nicht mit den WM-Rechten koppeln - also einen günstigen Preis jetzt mit hohen Aufwendungen später bezahlen. Die ARD bietet angeblich 55 Millionen Euro Am Donnerstag vergangener Woche weilte Straub zum Tete-a-tete bei ARD-Programmdirektor Günter Struve, ohne Folgen. Nach der Champions-League-Entscheidung erklärt Infront-Mann Netzer, es sei "offensichtlich, dass es nur noch einen Bieter für die Bundesliga gibt. Wir führen seriöse Gespräche mit der ARD". Angeblich bietet das Erste rund 55 Millionen Euro für den samstäglichen deutschen Spitzenfußball. Womöglich kämen bis zu knapp zehn Millionen vom ZDF dazu, dass über die zwei Sonntagsspiele berichten könnte. Doch angesichts des politischen Reizklimas rund um die Gebührenfrage gehen viele ARD-Hierarchen derzeit auf Distanz. "Wir dürfen uns nicht in ein Wettbieten mit Sat1 jagen lassen", sagt ein Intendant, "das wäre politischer Selbstmord". Auch der Vorschlag, Sponsoren wie die Deutsche Telekom könnten zum Teil die Bundesligarechte bezahlen, und dafür prominente Auftritte und Spots rund um die Sportschau erhalten, ist auf Ablehnung gestoßen. Solche Sponsorenerlöse seien bereits in der Kalkulation der ARD enthalten, erklärt der ARD-Vorsitzende Jobst Plog. Die Öffentlich-Rechtlichen wollen abwarten, bis sich Sat 1 offiziell erklärt. "Es kann nur noch ein paar Wochen dauern", witzelt ein Experte - wohl wissend, dass Ende August die nächste Saison beginnt und bis dahin auch die redaktionell gut ausgestattete ARD ein paar Tage Vorbereitung bräuchte. Und dann müsste ja auch ein Ausgleich für jene 17 Millionen Euro gefunden werden, die ARD und ZDF bisher für Bundesliga-Zweitrechte zahlten. Offenbar hatte die DFL damit kalkuliert, dass der US-Investor Haim Saban wirklich anstelle der insolventen Firma Kirch Media die Pro-Sieben-Gruppe übernimmt und dann mit einer kraftvollen Strategie den Markt aufräumen will. Vorstandschef Rohner war bereits als dead man walking in diesen Kreisen gehandelt worden. Die Nachricht vom Ausstieg Sabans und einer Eigenlösung durch vier involvierte Banken muss wie ein Schock gewirkt haben. Schon wird bei der Rechtefirma Infront diskutiert, die Tochterfirma BuLi GmbH in die Insolvenz zu schicken. Für die Spielzeiten 2004/2005 und 2005/2006 sind sogar jeweils 310 Millionen Euro für die kapitalhungrigen Kicker vorgesehen. Unglaublich.
Die Recht für die deutsche Bundesliga werden plötzlich zum Problem: Für die Sender und den Fußball.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bundesligarechte-die-statik-stimmt-nicht-mehr-1.915199
Bundesligarechte - Die Statik stimmt nicht mehr
00/05/2010
Kritik am Finanzkonzept der Regierung kommt nicht nur von der Union, sondern auch aus eigenen Reihen. Die Grünen- Haushaltsexpertin Franziska Eichstädt-Bohlig sagte die Neuverschuldung dürfe maximal um zwei Milliarden Euro steigen. Nach der Planung des Bundesfinanzministeriums würde die Neuverschuldung hingegen um knapp 5 Milliarden auf etwa 29 Milliarden Euro zunehmen. Im Gegenzug erwartet die Bundesregierung 2 Milliarden Euro aus Privatisierungserlösen und knapp eine Milliarde aus weiterem Subventionsabbau in der Landwirtschaft und am Bau. Detailansicht öffnen Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel äußert sich in Solingen über das Konzept der Bundesregierung zum Vorziehen der Steuerreform. (Foto: AP) Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ulrike Höfken nannte das Vorziehen der Steuerreform eine Schnellreaktion. Im Trierischen Volksfreund sagte sie: "Die Risikofaktoren für die Gegenfinanzierung sind einfach zu groß." Die Parteispitze der Grünen hofft hingegen noch auf eine geringere Neuverschuldung durch höhere Privatisierungserlöse und stärkeren Subventionsabbau. Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) äußerte sich grundsätzlich positiv zu den Steuersenkungen. Gleichzeitig ließ sie jedoch in der Berliner Zeitung erkennen, dass sie weitere Sparbemühungen befürwortet. Starke Kritik von der Union Die Opposition hat die Pläne der Bundesregierung zur Finanzierung der Steuerreform mit scharfen Worten zurückgewiesen. Grundsätzlich unterstützte sie zwar das Vorziehen der Reform, sagte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Sie wolle aber keine hohe Neuverschuldung. CSU-Chef Edmund Stoiber sagte, das Konzept sei "auf ganzer Linie ungenügend." Ähnlich äußerte sich CDU-Chefin Angela Merkel. Eigene Vorschläge zur Finanzierung will die Union, wenn überhaupt, erst im August vorlegen. Rot-Grün will 2004 fünf Milliarden Euro Schulden zusätzlich machen. Weitere zwei Milliarden Euro sollen Privatisierungen bringen, ein kleiner Beitrag aus dem Subventionsabbau. Gemeinsame Sprachregelung Die Unionsspitze hatte sich bereits vor dem Auftritt von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Finanminister Hans Eichel (SPD) in Berlin auf eine gemeinsame Sprachregelung verständigt. Stoiber und Merkel betonten ihre grundsätzliche Bereitschaft zu einer schnellen Steuersenkung, verlangten aber eine Finanzierung, die nicht zu Lasten von Ländern und Kommunen gehe. Merkel sprach von einer "Flucht in neue Schulden" und nannte Eichels Pläne "enttäuschend". Schärfer äußerte sich der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der höhere Schulden zur Gegenfinanzierung komplett ablehnt. "Dafür kann die Bundesregierung meine Zustimmung nicht bekommen", sagte er. Unions-Vorschläge ab Mitte August Aus Unionskreisen verlautete, man werde allenfalls Mitte August eigene Vorschläge machen. Schröder zeigte sich offen für Konsensgespräche, als er mit Finanzminister Hans Eichel (SPD) das Konzept vorlegte. "Wenn die Union Vorschläge macht, die ökonomisch sinnvoll sind, dann sind wir gesprächsbereit", sagte der Kanzler. Das Bundeskabinett werde die Pläne am 13.August beschließen und dann auch auf "Vorschläge der anderen Seite" warten. Der Bundeskanzler wies darauf hin, "dass es um die Finanzierung eines Betrages für ein Jahr geht". Für den Bundeshaushalt seien dies "etwas mehr als sieben Milliarden Euro". Eichel: "Fragezeichen hinter Regierungsprognose" Das Vorziehen der letzten Steuerreformstufe auf das Jahr 2004 werde die konjunkturelle Lage nicht nur stabilisieren, "sondern auch verbessern". Eichel räumte aber ein, dass die Fragezeichen hinter der Regierungsprognose von zwei Prozent Wachstum für das Jahr 2004 größer würden. Trotz des Vorziehens der Steuerreform könne Deutschland im nächsten Jahr möglicherweise sogar die Maastricht-Kriterien einhalten. "Das ist unser Ziel", sagte Schröder. Eichel räumte aber ein, "dass wir uns darüber im Herbst noch einmal unterhalten müssen". Darüber hinaus würden weitere Subventionen abgebaut. Die Finanzhilfen des Bundes sollen in den nächsten drei Jahren um jeweils fünf Prozent gekürzt werden. Als Beispiel nannte Schröder die Steinkohle. Im Jahr 2012 sollen nur noch 16 Millionen Tonnen gefördert werden statt heute 28 Millionen Tonnen. Die Länder seien eingeladen, ihre eigene Arbeitsgruppe "zum Erfolg zu führen", sagte Eichel mit Blick auf die Gespräche von Hessen und Nordrhein-Westfalen zum Subventionsabbau. Da die Finanzhilfen nach Eichels Worten bereits auf 6,9 Milliarden Euro im nächsten Jahr reduziert wurden, handle es sich um weitere 350 Millionen Euro jedes Jahr. Aufruf zur Kooperation Bereits für den Haushalt verbucht sind Kürzungen bei Eigenheimzulage, und Pendlerpauschale. Schröder forderte die Union auf, auch an dieser Stelle zu kooperieren. Dadurch würden Länder und Kommunen entlastet und es stehe mehr Geld für Zukunftsaufgaben wie Forschung und Entwicklung oder oder die Betreuung von Kindern bereit.
Kritik am Finanzkonzept der Regierung kommt nicht nur von der Union, sondern auch aus eigenen Reihen. Die Grünen- Haushaltsexpertin Franziska Eichstädt-Bohlig sagte die Neuverschuldung dürfe maximal um zwei Milliarden Euro steigen.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/finanzierung-der-steuerreform-auch-gruene-kritisieren-zu-hohe-neuverschuldung-1.902537
Finanzierung der Steuerreform - Auch Grüne kritisieren zu hohe Neuverschuldung
00/05/2010
Post, Anleger und Aktionärsschützer rechnen nach der Reduzierung der Preisspanne für die Postbank-Aktie mit einem erfolgreichen Börsengang. Rund 18 Stunden nach Abschluss der Preisfindungsphase, des Bookbuildings, am Freitagabend hat die Post nachgegeben. Detailansicht öffnen Postbank-Vorstandsvorsitzender Wulf von Schimmelmann zeigt sich trotz Verschiebung des Börsengangs gut gelaunt. Foto: dpa Mangels ausreichender Nachfrage nach der Aktie der Tochter Postbank habe man sich dazu entschlossen, die ursprünglich auf 31,5 bis 36,5 Euro pro Aktie festgesetzte Preisspanne um gut zehn Prozent auf 28 bis 32 Euro zu reduzieren. Neues Angebot: Umtauschanleihe Zu einem Ausgabepreis innerhalb dieser Spanne sollen zwei Drittel des geplanten Emissionsvolumens ausgegeben werden. Das entspricht 55 der ursprünglich 82 Millionen vorgesehenen Aktien. Auf das restliche Drittel werde eine drei Jahre laufende Umtauschanleihe der Postbank begeben. Von dieser als "innovativ" bezeichneten Transaktion erwartet die Post einen Gesamterlös von mindestens 2,6 Milliarden Euro. Das entspreche den Vorstellungen von der Werthaltigkeit der Bank, betonte Zumwinkel. Vorausgegangen war ein heftiger Preiskampf zwischen der Post und institutionellen Anlegern, von denen viele nicht mehr als 30 Euro pro Aktie bezahlen wollten. Damit hätte die Post höchstens 2,4 Milliarden Euro einnehmen können. Der Postchef sagte nicht, wie viel Prozent der Aktien man zu alten Konditionen hätte platzieren können, räumte allerdings ein, dass die vom Konsortialführer Deutsche Bank ausgelösten Turbulenzen "einiges" an Nachfrage gekostet hätten. Aus der Bank war ein internes Papier in Umlauf gelangt, das die Bank deutlich unterhalb der Preisvorstellungen der Post bewertete. Kein Totengräber Mit der neuen Lösung sieht Zumwinkel alle Ziele des Börsengangs erreicht. Die Verschiebung der Erstnotiz um zwei Tage sei daher "kaum der Rede wert". Entscheidend sei, dass der Börsennotierung nun nichts mehr im Wege stehe. Die Post habe sich zwar mit ihren Börsenplänen nie als Eisbrecher betrachtet. Dennoch freue er sich darüber, dass man ihn nun auch nicht mehr als "Totengräber des Finanzplatzes Deutschland" werde schelten können, sagte der Postchef. Sowohl Zumwinkel als auch Postbankchef Wulf von Schimmelmann bestritten auf Fragen von Journalisten, dass das Ergebnis des Bookbuildings schon seit mehreren Tagen absehbar gewesen sei. Die Vorabgespräche seien mit ungewöhnlich großen "Unschärfen" beendet worden. Erst die zweiwöchige Roadshow habe die notwendige Präzisierung der Marktwünsche gebracht, sagte von Schimmelmann.
Post, Anleger und Aktionärsschützer rechnen nach der Reduzierung der Preisspanne für die Postbank-Aktie mit einem erfolgreichen Börsengang.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/postbank-der-neue-preis-macht-investoren-froh-1.902923
Postbank - Der neue Preis macht Investoren froh
00/05/2010
Der Bund erwägt den Einstieg bei EADS, da die Fertigung des Riesenflugzeugs vom Standort Hamburg abgezogen werden könnte. Die Bundesregierung erwägt nach Angaben aus Regierungskreisen einen Einstieg beim europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Die Regierung befürchtet, dass das Unternehmen die Endmontage des neuen Riesenflugzeugs A380 ganz oder teilweise aus Hamburg abziehen könnte. Detailansicht öffnen Sorgenkind: Airbus A 380. (Foto: Foto: AFP) Die mögliche Produktionsverlagerung sei in der Regierung ein "großes Thema", sagte ein Regierungsvertreter der Süddeutschen Zeitung: "Das treibt die Spitzen der Koalition um." Ende der Woche beriet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) über eine mögliche Reaktion. Auch Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) soll an den Gesprächen beteiligt gewesen sein. Zuvor hatte Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) sich schon mit Glos beraten. Der Hamburger Senat und die Bundesregierung befürchten offenbar, dass EADS das größte Passagierflugzeug der Welt, den A380, künftig ganz in Frankreich fertigen könnte - oder Teile der Produktion nach Russland, Indien oder China verlagert werden. Sondierungsgespräche mit DaimlerChrysler Die Bundesregierung erwägt zugleich, selbst bei EADS einzusteigen. Finanzstaatssekretär Thomas Mirow (SPD) sondiert dem Vernehmen nach, ob die Staatsbank KfW einen Teil des Aktienpakets von DaimlerChrysler übernehmen könnte. Das Unternehmen hält derzeit einen Anteil von 22,5 Prozent, möchte diesen aber reduzieren. Mirow hat als Hamburgs Wirtschaftssenator einst dazu beigetragen, dass Airbus seine Flugzeugwerft an der Elbe ausbaut. Die Stadt Hamburg hat allein 750 Millionen Euro investiert, um die Produktion des A380 nach Finkenwerder zu holen. Ein Sprecher des Finanzministeriums lehnte jeden Kommentar ab, ebenso das Bundeswirtschaftsministerium. Eine Sprecherin des Bundespresseamts erklärte, die Bundesregierung befürworte "auch künftig eine führende Rolle privater Investoren" bei dem europäischen Gemeinschaftsunternehmen; aktuell gebe es keinerlei Überlegungen der Bundesregierung zum Kauf von EADS-Aktien. Keiner der drei Sprecher lieferte jedoch ein hartes Dementi. Der Aufsichtsrat von EADS beriet am vergangenen Freitag über mögliche Konsequenzen aus der A380-Krise. EADS hatte in den vergangenen Monaten immer wieder Probleme bei der Entwicklung des Flugzeugs einräumen müssen. Sparprogramm "Power 08" Die Auslieferung der ersten Maschinen hat sich bereits um ein Jahr verzögert. Ende September gab der neue Airbus-Chef Christian Streiff dann eine weitere Verspätung bekannt. Wie lange, ist nicht bekannt. Gerüchte schwanken zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Der Aufsichtsrat wird in den nächsten Tagen, möglicherweise schon diesen Montag, erneut beraten. Er soll ein Sparprogramm namens "Power 08" und einen neuen Lieferplan für den A380 absegnen. In den vergangenen drei Jahren hatte Airbus bereits das "Route 06"-Programm durchgezogen, bei dem die Kosten um jährlich 1,5 Milliarden Euro gesenkt werden sollten. Jetzt müsste sich das Unternehmen noch anspruchsvollere Ziele setzen, um die zusätzlichen Kosten auffangen zu können. Regierungsvertreter sagten, es sei mit einer "heftigen Reaktion" aus Berlin zu rechnen, falls die Endfertigung des A380 ganz oder teilweise aus Hamburg abgezogen werde und Arbeitsplätze verloren gingen. Man bestehe auf einer "angemessenen Kompensation", also gegebenenfalls dem Bau anderer Airbus-Modelle. Berliner Beobachtungen In Berlin beobachtet man sehr genau, dass andere Länder ihren Einfluss bei EADS in den letzten Monaten ausgebaut haben. So hat die französische Staatsbank Caisse des Depots erst im Frühjahr 2,3 Prozent des Mischkonzerns Lagardère übernommen. Die CDC operiert auch in anderen Fällen als verlängerter Arm der Pariser Regierung, um französische Interessen in der Industriepolitik durchzusetzen. Im Spätsommer erwarb auch Russland Anteile an EADS: Die Staatsbank Vnesthorgbank kaufte über die Börse fünf Prozent der Aktien auf. Die künftige Struktur von EADS war auch Thema beim Dreiergipfel, zu dem Frankreichs Staatschef Jacques Chirac den russischen Präsidenten Wladimir Putin und Kanzlerin Merkel am vergangenen Wochenende eingeladen hatte. In der Berliner Regierung gibt es aber auch Stimmen gegen einen Einstieg bei EADS. Die Staatsbank KfW sei nicht dazu da, neue Industriebeteiligungen zu erwerben und auf Dauer zu halten, hieß es in einem Ministerium. Der Bund hat derzeit einen Teil seiner Post- und Telekom-Aktien bei der KfW geparkt. Die Bank soll später an der Börse verkauft werden.
Der Bund erwägt den Einstieg bei EADS, da die Fertigung des Riesenflugzeugs vom Standort Hamburg abgezogen werden könnte.
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Airbus in der Krise - Hamburg bangt um die Produktion des A380
00/05/2010
Ferdinand Piëch kämpft auf seinem Posten als VW-Aufsichtsratschef schon lange mit Glaubwürdigkeitsproblemen. Nun deutet er an, noch lange nicht abtreten zu wollen. In den vergangenen Monaten war bereits heftig darüber spekuliert worden, ob Piëch wohl ohne Widerstand sein Amt aufgeben würde. Detailansicht öffnen Finsterer Blick: Ferdinand Piëch im Kreise der VW-Topmanager. (Foto: Foto: AP) Am Rande einer Präsentation auf der Detroit-Motor-Show äußerte er sich nun erstmals selbst zu der Angelegenheit: "Warum nicht?", sagte er der Nachrichtenagentur Dow Jones Newswires auf die Frage, ob er im Aufsichtsrat bleiben wolle. Unterstützt sieht sich Piëch mit seinen Ambitionen bei den Arbeitnehmern. Betriebsratschef Bernd Osterloh sprach sich für einen Verbleib des umstrittenen Aufsichtsratschefs an der Spitze des Kontrollgremiums. Piëch sei ein "ausgewiesener Autofachmann", sagte Osterloh am Sonntag ebenfalls in Detroit. Amtszeit endet im April Er würde es begrüßen, falls Piëch, dessen Amtszeit mit der Hauptversammlung im April endet, im VW-Kontrollgremium bleibe. Falls sich die Kapitalseite darauf einige, dass Piëch weiterhin Aufsichtsratschef bleiben soll, werde die Arbeitnehmerseite "zu 100 Prozent zustimmen". VW-Aufsichtsratsmitglied Osterloh stellte sich damit vor allem gegen Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Der CDU-Politiker, der dem Kontrollgremium ebenfalls angehört, hatte wiederholt gefordert, dass sich Piëch 2007 aus dem VW-Aufsichtsrat zurückziehen solle. Doppelfunktion Wulff ist vor allem die Doppelfunktion von Piëch, der zugleich Miteigentümer von VW-Großaktionär Porsche ist, ein Dorn im Auge. Wulff sieht darin eine Verletzung der Grundsätze der guten Unternehmensführung. Das Land Niedersachsen ist nach Porsche zweitgrößter VW-Aktionär. Osterloh äußerte sich wenige Tage vor mit Spannung erwarteten Sitzungen des VW-Führungszirkels. Am Mittwoch will der neue VW-Konzernchef Martin Winterkorn im Aufsichtsratspräsidium einen möglichen Umbau der Konzernstruktur vorstellen, bevor am Donnerstag der Aufsichtsrat tagt.
Ferdinand Piëch kämpft auf seinem Posten als VW-Aufsichtsratschef schon lange mit Glaubwürdigkeitsproblemen. Nun deutet er an, noch lange nicht abtreten zu wollen.
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Volkswagen - Der ewige Piëch
00/05/2010
Die Telekom hat einen Sieg errungen. Die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post hat ihr genehmigt, dass Sie von Oktober an neue Sondertarife anbieten darf. Die Konkurrenten sehen darin einen "herben Rückschlag für den Wettbewerb" und prüfen gerichtliche Schritte. (SZ vom 04.09.03) - Noch vor der offiziellen Stellungnahme der Regulierungsbehörde verkündete die Deutsche Telekom am Mittwochmorgen ihre neuen Tarife. Danach können ihre Kunden, wie bisher an Sonn- und Feiertagen, zusätzlich nun auch an Samstagen umsonst innerhalb Deutschlands telefonieren (XXL-Tarif). Zur monatlichen Grundgebühr müssen sie dafür einen Aufpreis von 9,22 Euro bezahlen. Gegen eine Zusatzgebühr von 4,22 Euro erhalten die Kunden in einem weiteren Sondertarif zwei freie Gesprächsstunden im Monat (Calltime-120-Tarif). Ein Telekom-Sprecher begrüßte die Erlaubnis der RegTP. Derzeit nutzten bereits elf Millionen Kunden Sondertarife des Bonner Konzerns. Das Marktpotenzial der neuen Dienste und die Auswirkungen auf die Gewinnmarge wollte der Sprecher nicht beziffern. Man werde die neue Offerte "so wie unsere bisherigen Angebote" bewerben, betonte er. Ordnungsgemäß mitgeteilt Dass die Telekom der RegTP mit der Veröffentlichung zuvor gekommen ist, erklärte ein Behördensprecher mit "Interviews, die wir am Morgen noch führen mussten". Der Telekom habe man die Entscheidung ordnungsgemäß am Dienstagabend mitgeteilt. Die RegTP betonte, dass die Telekom Auflagen erhalte. So müsse sie ihren Sondertarif-Kunden erlauben, über festeingestellte Vorwahlnummern (Preselection) oder vor jedem Gespräch zu wählende Nummern (Call-by-Call) Angebote der Konkurrenz zu nutzen. Die Telekom wollte ursprünglich ein Preselection-Verbot durchsetzen. Zudem seien die Tarife nur zeitlich befristet genehmigt - bis 30. Juni 2004 (XXL) und bis 31. März 2005 (calltime); außerdem müsse der Konzern der RegTP monatlich über die Nutzung berichten. Die Behörde teile die Sorge der Telekom-Wettbewerber, dass die neuen Tarife eine "nicht unerhebliche Sogwirkung" ausüben könnten. Dies sei aber kein ökonomisches Problem, sondern ein Problem der Werbung. Werbemacht der Telekom Die Konkurrenten der Telekom sehen das anders. "Hinter der Telekom steckt eine derartig große Werbemacht. Da können wir nicht mithalten", kritisieren Jürgen Grützner und Rainer Lüddemann, die Geschäftsführer der Branchenverbände VATM und Breko. Viele Kunden registrierten nur, dass das Telefonieren an den Wochenenden bei der Telekom umsonst sei und rechneten nicht nach, ob sich das gesamte Angebot mit der höheren Grundgebühr lohne. Die neuen Tarife der Telekom richteten sich klar gegen den eben erst eröffneten Wettbewerb im Ortsnetz. Seit kurzem sind für Stadtgespräche Preselection und Call-by-Call erlaubt. Empörung über Entscheidung Eine Sprecherin der Telefongesellschaft Arcor, der größten Telekom-Konkurrentin im Privatkundengeschäft, zeigte sich empört über die RegTP-Entscheidung: "Man könnte dahinter eine Verneigung vor dem Telekom-Großaktionär Bund vermuten". Arcor erwäge nun, vor Gericht zu ziehen. Man werde klären, ob es sich bei den neuen Tarifen um eine missbräuchliche Marktausnutzung handele. Nach sechs Jahren Marktöffnung hat die Deutsche Telekom bundesweit noch einen Marktanteil von 75 Prozent, allein im Ortsnetz-Geschäft immer noch mehr als 80 Prozent. Vor wenigen Tagen hat Telekom-Vorstandsmitglied Josef Brauner angekündigt, dass der Bonner Konzern im Ortsnetz auf Grund des neuen Wettbewerbs bis zum Jahresende 20 Prozent Marktanteil einbüßen werde. Michael Bobrowski vom Verbraucherzentrale Bundesverband kritisierte, dass die RegTP nicht alle Aspekte des Marktes betrachte. "Einseitige Bevorzugung" Solange die Wettbewerber bei der Telekom Vorleistungen nicht zu einem konkurrenzfähigen Preis beziehen könnten, seien Entscheidungen wie die Genehmigung des XXL-Tarifs eine "einseitige Bevorzugung" des Bonner Konzerns. Weil die Konkurrenten kein flächendeckendes Telefonnetz besitzen, müssen sie Leitungen bei der Telekom mieten. Bobrowski empfiehlt den Kunden zudem, die neue Tarife sorgfältig mit den Preselection- und Call-by-Call-Angeboten zu vergleichen. Diese seien je nach Telefonverhalten billiger.
Die Telekom hat einen Sieg errungen. Die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post hat ihr genehmigt, dass Sie von Oktober an neue Sondertarife anbieten darf. Die Konkurrenten sehen darin einen "herben Rückschlag für den Wettbewerb" und prüfen gerichtliche Schritte.
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Tarif XXL - Kostenlos telefonieren auch am Samstag
00/05/2010
Moskau hat sich in den ersten Tagen des Jahres die Finger am Gas verbrannt. Das hat vielleicht ein bisschen weh getan, doch es könnte eine heilsame Wirkung entfalten - in Russland selber, aber auch im Westen. Erdgas ist ein entflammbares Gemisch. Es erfordert ein hohes Maß an Vorsicht. Niemand sollte das besser wissen als die Russen. Schließlich hängt das Wohlergehen ihres Landes ab von dieser Ressource, die sich in großen Mengen in der russischen Erde verbirgt. Detailansicht öffnen Begehrter Energieträger: Erdgas. (Foto: Foto: ddp) Und doch hat sich Moskau in den ersten Tagen des Jahres die Finger am Gas verbrannt. Das hat vielleicht ein bisschen weh getan, doch es könnte eine heilsame Wirkung entfalten - in Russland selber, aber auch im Westen. Dann zumindest hätte der am Mittwoch beigelegte Streit zwischen Russland und der Ukraine über den richtigen Gaspreis einen Sinn gehabt. Moskau hatte versucht, den Gasstreit als Problem mit einer rein wirtschaftlichen Ursache darzustellen. In der von den Staatsmedien wieder und wieder verbreiteten Version gibt es einen Weltmarktpreis für Gas, den die Ukraine einfach nicht zu zahlen bereit gewesen sei. Durch den Kompromiss widerlegt Doch der Kompromiss widerlegt dies: Der russische Monopolist Gazprom verkauft das für die Ukraine bestimmte Gas künftig für 230 US-Dollar je tausend Kubikmeter an einen Zwischenhändler. Dieser fügt zentralasiatisches Gas vor allem aus Turkmenistan hinzu, das Russland weit unter dem angeblich so unumstößlichen Weltmarktpreis bezieht. In der Mischung kommt für die Ukraine ein Preis von 95 US-Dollar heraus - ein Preis, mit dem beide Seiten leben können. Es leuchtet nicht auf Anhieb ein, warum es vor dieser Lösung einer Krise bedurft hatte, in der Gazprom der Ukraine demonstrativ den Gashahn abgedreht hat, und in deren Verlauf auch der Druck in westeuropäischen Gasnetzen bedenklich gefallen war. Unfähig, als unabhängig zu behandeln Erklärbar ist es wohl vor allem durch die Art des Umgangs, den Russland mit den Republiken der einstigen Sowjetunion pflegt. Moskaus politische Klasse ist unfähig, diese Länder als wirklich unabhängige Staaten zu begreifen und auch so zu behandeln. Aus innenpolitischen Gründen hat sich dieses Problem in jüngster Zeit eher noch verschärft. Das Putin-System ist geprägt durch eine vom Staatsfernsehen präsentierte Schein-Wirklichkeit, die vor allem Russlands Größe und Stärke zeigt. In dieser Scheinwelt hat die zum Westen übergelaufene Ukraine ohne Widerrede einen Preis zu zahlen, der von der Ressourcen-Weltmacht Russland diktiert wird. Oft erschreckend unvorbereitet Auf den Zusammenprall mit der Realität reagiert Putins Personal deshalb oft erschreckend unvorbereitet - in diesem Fall auf die ukrainische Widerspenstigkeit. Der Kreml wollte den Ukrainern zeigen, dass man mit Demokratie nicht heizen kann. Damit aber hat er die Entfremdung vom angeblichen Brudervolk noch beschleunigt. Es liegt eben im Wesen der russischen Führung, dass sie mit Diktatoren vom Schlage des Weißrussen Alexander Lukaschenko und Despoten von der Sorte des Usbeken Islam Karimow besser umgehen kann.
Moskau hat sich in den ersten Tagen des Jahres die Finger am Gas verbrannt. Das hat vielleicht ein bisschen weh getan, doch es könnte eine heilsame Wirkung entfalten - in Russland selber, aber auch im Westen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/beunruhigender-gasstreit-vorsicht-russland-1.906375
Beunruhigender Gasstreit - Vorsicht Russland
00/05/2010
Fehlentscheidungen und Missmanagement deutscher Topmanager verursachen laut einem Zeitungsbericht pro Jahr Schäden in dreistelliger Millionenhöhe — ohne dafür aufkommen zu müssen. Fehlentscheidungen und Missmanagement deutscher Topmanager verursachen laut einem Zeitungsbericht pro Jahr Schäden in dreistelliger Millionenhöhe. Detailansicht öffnen Der DaimlerChrysler-Chef soll einen Schaden von 243 Millionen Euro verursacht haben. (Foto: Foto: AP) Aufkommen müssen sie dafür nicht, weil ihre Firmen spezielle Missmanagement-Versicherungen abgeschlossen haben, wie die Berliner Zeitung berichtet. 600 Millionen Euro Schäden Nach Schätzungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mussten die Anbieter solcher Policen im Jahr 2003 Vermögensschäden von 600 Millionen Euro begleichen. GDV-Sprecherin Katrin Rüter de Escobar sagte dem Blatt, das Geschäft habe sich "unerfreulich" entwickelt, weil die Versicherer im selben Zeitraum lediglich Prämieneinnahmen von etwa 300 Millionen Euro erzielt hätten. Derzeit verhandele die Assekuranz über einen besonders spektakulären Schadensfall in Höhe von 243 Millionen Euro, berichtet die Zeitung weiter. Verursacher sei der Vorstandschef des Autokonzerns DaimlerChrysler, Jürgen Schrempp. Nur bei Vorsatz haften Manager persönlich Dabei gehe um einen Vergleich, den DaimlerChrysler 2003 mit Aktionären in den USA geschlossen habe: Die Aktionäre hatten geklagt, weil sie sich von Schrempp bei der Übernahme von Chrysler getäuscht sahen. Laut dem Bericht haben zahlreiche Unternehmen so genannte Directors-and-Officers-Versicherungen (D&O) abgeschlossen, darunter alle Dax-Unternehmen. Üblich sei, dass die Prämien nicht von den Managern selbst, sondern aus Firmenvermögen bezahlt würden. Damit müssten viele Spitzenkräfte nicht persönlich für finanzielle Folgen eigener Fehlentscheidungen haften. Lediglich in Fällen, in denen den Managern Vorsatz nachgewiesen werde, sei die D&O-Haftung ausgeschlossen.
Fehlentscheidungen und Missmanagement deutscher Topmanager verursachen laut einem Zeitungsbericht pro Jahr Schäden in dreistelliger Millionenhöhe — ohne dafür aufkommen zu müssen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/missmanagement-warum-top-manager-nicht-zahlen-muessen-1.917667
Missmanagement - Warum Top-Manager nicht zahlen müssen
00/05/2010
Noch ist jedoch unklar, ob Opel alle, die sich für ein freiwilliges Ausscheiden gemeldet haben, gehen lassen wird. Der Betriebsrat fürchtet, dass dem Autobauer "eine ganze Generation Wissen" verloren gehen könnte. Rund 5600 Mitarbeiter des angeschlagenen Autoherstellers haben sich bisher zum freiwilligen Ausscheiden aus dem Unternehmen entschieden. Detailansicht öffnen Ein Opel-Mitarbeiter geht an einem Opelblitz, dem Konzern-Logo, vorbei. (Foto: Foto: dpa) "Ich bin zuversichtlich, dass wir den angestrebten Personalabbau ohne betriebsbedingte Kündigungen hinkriegen", sagte der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Klaus Franz, nach Abschluss einer mehrstündigen Betriebsversammlung im Werk Rüsselsheim. Die betroffenen Kollegen hätten sich schriftlich für ein Ausscheiden gemeldet, nun müssten Auflösungsverträge gefertigt werden. Nach den Worten von Franz haben sich bis Donnerstag allein in Rüsselsheim 2600 Mitarbeiter zum freiwilligen Ausscheiden aus dem Unternehmen bereit erklärt. Insgesamt will Opel an seinen drei westdeutschen Standorten Bochum, Kaiserslautern und Rüsselsheim über den freiwilligen Wechsel von Mitarbeitern in eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft 6500 Stellen abbauen, davon den Großteil noch in diesem Jahr. Die Frist, bis zu der Mitarbeiter sich für einen Auflösungsvertrag entscheiden können, wurde zunächst bis zum 31. Januar verlängert. Gegebenenfalls werde die Beratung der Mitarbeiter auch bis zum 18. Februar verlängert, hieß es. Hohe Abfindungen Nach dem 25. Februar wollten Unternehmensleitung und Betriebsrat entscheiden, wie weiter vorgegangen werde, sagte der Betriebsratschef. Opel hat für den Fall eines freiwilligen Ausscheidens hohe Abfindungen angeboten. Noch ist offenbar unklar, ob tatsächlich alle Mitarbeiter, die über eine Abfindung das Unternehmen verlassen wollen, diesen Schritt auch vollziehen können. "Die Mitarbeiter müssen nun mit ihren Vorgesetzten reden, ob ihre Qualifikation noch gebraucht wird", sagte Franz. Es bestehe die Gefahr, dass "eine ganze Generation Wissen" dem Unternehmen verloren gehe. Sollte die Zahl von 6500 Auflösungsverträgen verfehlt werden, droht die Einrichtung einer Einigungsstelle, die dann über betriebsbedingte Kündigungen zu entscheiden hätte. Personalkosten sollen um eine halbe Milliarde sinken Opel will bis 2006 insgesamt 10.000 Stellen streichen, um den galoppierenden Verlusten Einhalt zu gebieten. Insgesamt sollen die Personalkosten durch den Arbeitsplatzabbau um 500 Millionen Euro jährlich gesenkt werden. Das Europageschäft des Opel-Mutterkonzerns General Motors hatte im vergangenen Jahr einen Rekordverlust von 742 Millionen US-Dollar (rund 568 Millionen Euro) eingefahren.
Noch ist jedoch unklar, ob Opel alle, die sich für ein freiwilliges Ausscheiden gemeldet haben, gehen lassen wird. Der Betriebsrat fürchtet, dass dem Autobauer "eine ganze Generation Wissen" verloren gehen könnte.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/opel-5600-mitarbeiter-wollen-freiwillig-gehen-1.900299
Opel - 5600 Mitarbeiter wollen freiwillig gehen
00/05/2010
Die höheren Preise bei Milchprodukten erfordern mehr Hartz IV: Mit dieser Logik stoßen Politiker von SPD und Grünen eine neue Diskussion über die Sozialleistungen an. Angesichts der erwarteten Preissteigerungen bei Lebensmitteln haben Politiker von SPD und Grünen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sozialleistungen gefordert. Der SPD-Sozialexperte Ottmar Schreiner sagte der Bild-Zeitung laut Vorabbericht aus der Dienstagausgabe, Hartz IV sei nicht mehr existenzsichernd, weil es keinen Anpassungsmechanismus gebe, der sich an den Lebenshaltungskosten orientiere. Realer Wert Wenn jetzt Lebensmittelpreise überproportional stiegen, verringere sich der reale Wert von Hartz IV stark. "Deswegen muss jetzt erst recht eine Korrektur vorgenommen und Hartz IV erhöht werden." Der Grünen-Sozialexperte Markus Kurth sagte der Zeitung, Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent zeigten deutlich, dass der Regelsatz von Hartz IV erhöht werden müsse. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Gerd Sonnleitner machte unterdessen deutlich, dass nach seiner Einschätzung die Lebensmittelpreise generell anziehen werden. "Der Verbraucher muss sich daran gewöhnen, dass Nahrungsmittel teurer werden", sagte Sonnleitner der Passauer Neuen Presse. Der Anstieg sei jedoch verkraftbar, da auch die Löhne stiegen. "Nahrungsmittel immer billiger" Er wies darauf hin, dass Nahrungsmittel in den vergangenen Jahrzehnten im Verhältnis zu den Löhnen immer billiger geworden seien. "Im Durchschnitt gibt eine deutsche Familie heute nur noch zwölf Prozent ihres Einkommens für Ernährung aus - nach dem Krieg waren es über 50 Prozent." Neben den Milchbauern müssten auch die Erzeuger von Rind- und Schweinefleisch mehr für ihre Ware bekommen, forderte der Bauernpräsident. Bei Milchprodukten gehe Sonnleitner davon aus, dass die Endpreise für manche Produkte "deutlich, für andere kaum oder gar nicht erhöht werden. Butter wurde zuletzt wie ein Lockangebot verschleudert, hier rechne ich mit Preiserhöhungen zwischen zehn und 40 Prozent." Der Milchindustrie-Verband (MVI) hatte angekündigt, in dieser Woche würden die Preise für Milchprodukte um bis zu 50 Prozent steigen, Butter werde dann 1,19 Euro statt 79 Cent kosten.
Die höheren Preise bei Milchprodukten erfordern mehr Hartz IV: Mit dieser Logik stoßen Politiker von SPD und Grünen eine neue Diskussion über die Sozialleistungen an.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/erwarteter-preisschub-bei-lebensmitteln-milchschock-provoziert-neue-hartz-iv-diskussion-1.914125
Erwarteter Preisschub bei Lebensmitteln - Milchschock provoziert neue Hartz-IV-Diskussion
00/05/2010
Rund 6,2 Millionen der 28,8 Millionen Steuerpflichtigen erzielen derzeit Einkünfte von höchstens 10.000 Euro, die größtenteils steuerfrei sind. Alle drei Jahre legt das Statistische Bundesamt eine neue Einkommensteuerstatistik vor. Dabei hinken die amtlichen Zähler allerdings zeitlich nach, weil erst der Abschluss aller Steuerverfahren in den Finanzämtern abgewartet werden muss. Detailansicht öffnen Das Einkommen vieler Deutscher ist so gering, dass sie sich nicht mit dem Finanzamt auseinander setzen müssen. (Foto: Foto: dpa) So enthält die an diesem Dienstag am Sitz des Bundesamtes in Wiesbaden vorgestellte Statistik Daten für 2001; nach Auskunft des Amtes hat sich an der Verteilung bis heute nicht allzu viel geändert. Danach werden 11,2 Prozent des gesamten Einkommensteueraufkommens von 176,7 Milliarden Euro von jenen 0,1 Prozent der Steuerpflichtigen aufgebracht, die eine halbe Million Euro oder mehr als Gesamteinkünfte hatten: Es handelt sich konkret um 36.430 Steuerzahler. Die oberen 30 Prozent Wird der Kreis etwas weiter gefasst, zeigt sich, dass die oberen 30 Prozent der Steuerpflichtigen mit Einkünften über 37.500 Euro rund 63 Prozent der gesamten Einkünfte und 81 Prozent der festgesetzten Lohn- und Einkommensteuer beitragen. Unter den bereits erwähnten 0,1 Prozent Spitzenverdienern wiederum waren 12400 Euro-Millionäre mit einem Durchschnittseinkommen von 2,7 Millionen Euro. "Von ihnen musste jeder im Durchschnitt 1,1 Millionen Euro Einkommensteuer zahlen", so das Bundesamt. Diese Zahl liegt deutlich niedriger als jene, die üblicherweise in Studien von Unternehmensberatungen genannt werden, so im World Wealth Report von Cap Gemini und Merrill Lynch. Dort sind derzeit 760.000 Millionäre ausgewiesen. Gezählt wird hier das Vermögen, und zwar einschließlich der Immobilien und Liegenschaften (Wälder), aber ohne selbst genutzte Immobilien. Das Statistische Bundesamt kann dagegen nur jene Millionäre erfassen, die aus ihrem Vermögen Erträge erzielen und versteuern. Aufsehen erregendes Urteil Dies war bis 1995 anders, als in Deutschland noch eine Vermögensteuer erhoben wurde; das Bundesverfassungsgericht hatte die Anwendung des entsprechenden Gesetzes in einem Aufsehen erregenden Urteil untersagt. Für die Statistik werden zusammen veranlagte Eheleute als ein Steuerpflichtiger gezählt. Danach hat das durchschnittliche Einkommen 2001 mit 33.450 Euro um knapp fünf Prozent über dem Stand von 1998 gelegen, das Einkommensteueraufkommen war um knapp vier Prozent höher.
Rund 6,2 Millionen der 28,8 Millionen Steuerpflichtigen erzielen derzeit Einkünfte von höchstens 10.000 Euro, die größtenteils steuerfrei sind.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neueste-zahlen-viele-deutsche-zahlen-keine-einkommensteuer-1.902322
Neueste Zahlen - Viele Deutsche zahlen keine Einkommensteuer
00/05/2010
Anleihen aller Art mit einem geringen Nominalzins sind Objekte der Steuerspar-Begierde. Denn die Gesamtrendite für den Anleger ergibt sich hauptsächlich aus dem steuerfreien Tilgungsgewinn, der Differenz zwischen Kaufkurs und Rückzahlungsbetrag. Kapitaleinkünfte wie Zinsen und Dividenden sind weitgehend steuerpflichtig. Jeder Euro fürs Finanzamt steht aber nicht mehr für die Wiederanlage zur Verfügung und dämpft den Zinseszins-Effekt. Detailansicht öffnen Yen-Banknoten: Immer mehr Fonds investieren in Deutschland in Yen-Schuldverschreibungen. (Foto: Foto: Reuters) Mit den passenden Investments können Sparer den Zugriff des Fiskus mildern. Mittlerweile bietet die Investmentbranche eine Fülle so genannter steueroptimierter Rentenfonds. Sparer wollen in der Regel sämtliche Möglichkeiten nutzen, um die Netto-Renditen ihrer Investments zu erhöhen. Kleinanleger können vor allem vom Sparerfreibetrag profitieren. Das sind pro Person und Kalenderjahr 1370 Euro. Persönlicher Steuersatz Erst wenn dieser Freibetrag ausgeschöpft ist, greift das Finanzamt bei den Kapitalerträgen - in Höhe des persönlichen Steuersatzes auf Seiten des Sparers - zu. Unterstellt man, dass eine Bundesanleihe vier Prozent Nominalzins im Jahr abwirft, dann reicht ein Vermögen von 35.000 Euro bei einem Alleinstehenden aus, damit das Finanzamt einen Teil der Erträge einbehält. "Wer seine Investments steuerlich optimieren möchte, muss nicht unbedingt auf unternehmerische Beteiligungen wie Medien- oder Windparkfonds ausweichen", sagt Ingo Steinacker, Vorstandschef des Finanzvertriebs Gamax Broker-Pool in München. Die Investmentbranche in Deutschland bietet gleich mehrere Dutzend Rentenfonds, die eine tatsächliche Steuerersparnis bringen und nicht nur - wie bei der geschlossenen Fondsgesellschaft - eine Verlagerung der Abgaben ans Finanzamt in die Zukunft. Lukrativer Unterschied Deren strategische Ausrichtung ist so simpel wie legal und basiert auf einem kleinen, aber feinen und deshalb lukrativen Unterschied im deutschen Steuerrecht: Während für Privatanleger Zinseinkünfte oberhalb des Sparerfreibetrags vollständig steuerpflichtig sind, Aktiendividenden immerhin zur Hälfte, bleiben Kursgewinne außerhalb der zwölfmonatigen Spekulationsfrist vom Zugriff des Finanzamts verschont. Mehr noch: Auf Fondsebene, also bei den Transaktionen des jeweiligen Fondsmanagements, gilt die Spekulationsfrist nicht. Dort kann man im Minutentakt Wertpapiere kaufen und wieder mit Gewinn veräußern, ohne dass sich das Finanzamt dafür interessiert. Bei den steueroptimierten Rentenfonds sollen "Kursgewinne statt Zinseinnahmen erzielt werden, um so eine möglichst hohe Nettorendite für den Anleger zu erreichen", erklärt Michael Sandlers, Fondsanalyst bei Feri-Trust in Bad Homburg. Die Objekte der Steuerspar-Begierde sind Anleihen aller Art mit einem möglichst geringen Nominalzins. Niedriger Kupon - niedriger Börsenpreis Faustregel: Je niedriger dieser Kupon, um so weiter liegt der Börsenpreis der Anleihe unter dem Nominal- beziehungsweise Tilgungswert von hundert Prozent.
Anleihen aller Art mit einem geringen Nominalzins sind Objekte der Steuerspar-Begierde. Denn die Gesamtrendite für den Anleger ergibt sich hauptsächlich aus dem steuerfreien Tilgungsgewinn, der Differenz zwischen Kaufkurs und Rückzahlungsbetrag.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/steueroptimierte-rentenfonds-kursgewinne-statt-zinseinnahmen-1.918572
Steueroptimierte Rentenfonds - Kursgewinne statt Zinseinnahmen
00/05/2010
Sozialministerin Ulla Schmidt möchte den Rentenbeitragssatz im kommenden Jahr durch massive Sparprogramme stabil halten. Experten gehen jedoch von einen Anstieg des Versicherungsbeitrages auf fast 20 Prozent aus. Für das kommende Jahr drohe eine Erhöhung des Rentenbeitragssatzes von derzeit 19,5 auf 19,9 Prozent. Das ist das Ergebnis der jüngsten Schätzung von Experten der Rentenversicherer, des Sozialministeriums und der Aufsichtsbehörde, so die Nachrichtenagentur dpa. Bisher ging man von einem Anstieg auf 19,8 Prozent aus. Die anhaltende Konjunkturflaute zehre allerdings die Rentenkassen aus. Regierung will den Beitragssatz stabil halten Die Bundesregierung will jedoch mit massiven Einsparungen den Beitragssatz stabil halten. An diesem Ziel halte Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) fest, hieß es. Die jüngste Schätzung sei keine Vorfestlegung für 2004. Es werde eine Besserung der Wirtschaftslage sowie der Beschäftigung in den kommenden Monaten erwartet. Die "Momentaufnahme" unterstreiche die Notwendigkeit "sorgfältig vorbereiteter Maßnahmen", über die später entschieden werde, hieß es im Sozialministerium. Für den drohenden Anstieg des Beitragssatzes waren nach Angaben des Schätzerkreises die Beschäftigungsentwicklung sowie der Beitragseingang in den ersten sechs Monaten dieses Jahres verantwortlich. Die Einnahmen seien im Juni zwar leicht um 0,9 Prozent gestiegen, jedoch unter den Planungen (plus 1,4 Prozent) geblieben, verlautete aus dem Gremium. Ein Sprecher der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) verwies darauf, dass sich der drohende Anstieg zwischen 19,8 und 19,9 Prozent bewege. Das genaue Ausmaß stehe zum jetzigen Zeitpunkt angesichts wirtschaftlicher Risiken noch nicht fest. Entscheidung im Oktober Die Bundesregierung muss nun prüfen, welche Maßnahmen sie ergreifen will, um den bisherigen Renten-Beitragssatz stabil zu halten und so einen weiteren Anstieg der Lohnnebenkosten zu begrenzen. Eine endgültige Entscheidung, auf welchem Niveau sich der Beitragssatz im kommenden Jahr bewegt, soll im Oktober fallen. Rot-Grün will trotz der Kürzung des Bundeszuschusses um 2 Milliarden Euro den Beitragssatz bei 19,5 Prozent halten. Nach Angaben von SPD-Fraktionschef Franz Müntefering macht dies zusammen 5 bis 6 Milliarden Euro aus und wird Konsequenzen haben, die "nicht populär" seien. Darüber und über die Pflegeversicherung müsse im Herbst gesprochen werden, sagte er. Zur Einschätzung des künftigen Beitragssatzes kommen die Versicherungsträger, das Sozialministerium sowie die Aufsichtsbehörde regelmäßig zur "Rentenschätzung" zusammen. Dabei werden Einnahmen und Ausgaben hochgerechnet.
Sozialministerin Ulla Schmidt möchte den Rentenbeitragssatz im kommenden Jahr durch massive Sparprogramme stabil halten. Experten gehen jedoch von einen Anstieg des Versicherungsbeitrages auf fast 20 Prozent aus.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schaetzerkreis-prognose-trotz-sparkurs-rentenbeitraege-werden-steigen-1.901531
Schätzerkreis-Prognose - Trotz Sparkurs: Rentenbeiträge werden steigen
00/05/2010
Auf der Bilanz-Pressekonferenz der Deutschen Bank wurden nicht nur Rekordzahlen präsentiert: Es wurde auch in die Zukunft geblickt. Nachdem die Deutsche Bank 2006 glänzend verdient hat, sieht man sich offenbar auf Erfolgskurs und will diesen durch gezielte Zukäufe ausbauen: "Wir werden weiter kontinuierlich in unsere Kerngeschäftsfelder investieren - sowohl durch organisches Wachstum als auch durch gezielte Akquisitionen", sagte Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann am Donnerstag in Frankfurt. Detailansicht öffnen Ein vietnamesischer Polizist vor der recht beschaulichen Börse in Hanoi. (Foto: Foto: dpa) Er kündigte zudem an, dass die Bank weiter auf Kosten- und Risikendisziplin setzt. Neben dem Ausbau der stabilen Ergebnislieferanten Privatkunden- und Vermögensverwaltungsgeschäft will die Bank vor allem ihre führende Marktstellung im Investmentbanking noch stärker nutzen. Beteiligung in Vietnam Schon vor der Pressekonferenz gab das Institut bekannt, dass es sich mit bis zu 20 Prozent an der vietnamesischen Hanoi Building Commercial Joint Stock Bank (Habubank) beteiligen wolle. Eine entsprechende Vereinbarung sei bereits unterzeichnet worden, hieß es. Die Transaktion stehe noch unter Vorbehalt der entsprechenden behördlichen Genehmigungen. Die Deutsche Bank werde größter Einzelaktionär der Habubank und sei berechtigt, im Vorstand des Unternehmens vertreten zu sein. Finanzielle Details wurden nicht bekannt gegeben. Die Habubank wurde 1988 gegründet und hat ein Netzwerk von 21 Filialen mit rund 560 Mitarbeitern. Ehrgeizige Pläne für norisbank Doch auch im Heimmarkt stehen die Zeichen auf Wachstum. Die im vergangenen Jahr erworbene norisbank soll verstärkt um Privatkunden werben und deren Zahl bis 2010 von derzeit 300.000 auf eine Million steigern. An der Börse wurden die Nachrichten aus der Deutsche Bank-Zentrale wohlwollend aufgenommen. Die Aktien konnten nach der Vorlage der positiven Zahlen leichte Kursgewinne verzeichnen. Zum Handelsstart kletterte der Kurs auf ein neues Rekordhoch von 110,00 Euro, gab später aber leicht nach. Die Deutsche Bank hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn erzielt. Binnen Jahresfrist legte der Gewinn vor Steuern um 33 Prozent auf 8,1 Milliarden Euro zu. Marktteilnehmern zufolge fiel das Zahlenwerk ausgesprochen gut aus, brachte aber dennoch keine großen Überraschungen mit sich. Zudem hatten die Titel bereits am Vortag von der Ankündigung einer Dividendenerhöhung profitiert.
Auf der Bilanz-Pressekonferenz der Deutschen Bank wurden nicht nur Rekordzahlen präsentiert: Es wurde auch in die Zukunft geblickt.
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Ackermann kündigt Beteiligung an - Deutsche Bank zieht es nach Vietnam
00/05/2010
Die Inflation in Deutschland war im Mai so niedrig wie zuletzt vor knapp vier Jahren - im Monatsvergleich sanken die Preise sogar. Experten wollen aber nicht von Deflation reden. Vor allem billigere Energie drückte im Mai die deutsche Inflationsrate auf den niedrigsten Stand seit Oktober 1999. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte, betrug die Teuerungsrate im Mai gegenüber dem Vorjahr nur noch 0,7 Prozent. Im April war der Index der Verbraucherpreise in Deutschland noch um 1,0 Prozent gestiegen. Im Vergleich zum April 2003 verringerte sich der Preisindex im Mai den Angaben zufolge sogar um 0,2 Prozent. Detailansicht öffnen Beim Einkaufen muss einem derzeit nicht bang werden: Günstiger als im Vorjahr waren unter anderem Obst, Gemüse und Kaffee. Für diesen Rückgang ist im Wesentlichen die Preisentwicklung bei Mineralölerzeugnissen verantwortlich. Ohne Heizöl und Kraftstoffe wäre der Index gegenüber April 2003 unverändert geblieben. Die Preise für leichtes Heizöl lagen im Mai 2003 um 6,9 Prozent unter dem Stand vom April, die Kraftstoffpreise fielen um 3,2 Prozent. Die Jahresteuerungsrate wird von den Mineralölpreisen dagegen nur wenig beeinflusst. Nahrungsmittel sogar billiger Nahrungsmittel sind indes sogar im Vergleich zum Vorjahr billiger geworden, nämlich im Durchschnitt um 0,8 Prozent. Vor allem die Preise für Obst (um 3,1 Prozent) und Gemüse (um 5,2 Prozent) waren deutlich niedriger als im Mai 2002. Volkswirte hielten angesichts der schwachen Konjunktur und des starken Euro einen weiteren Inflationsrückgang für wahrscheinlich, hieß es. Die Inflation werde vom starken Euro gedämpft, der sich direkt über die sinkenden Einfuhrpreise auswirke, erläuterte ein Experte. Aber auch indirekt bremse die Euro-Aufwertung den Verbraucherpreisanstieg: Die Ausfuhren würden über die höheren Preise erschwert, was die Konjunktur schwäche. Der Preisdruck bleibe daher gering. Noch keine Deflation zu beobachten Eine gefährliche Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, rückläufiger Nachfrage und immer geringerer Wirtschaftsleistung zeichne sich bislang aber nicht ab, hieß es. Noch gebe es keine Hinweise darauf, dass die Verbraucher bereits mit weiter fallenden Preisen kalkulierten und darauf mit Konsumzurückhaltung reagierten. Zudem habe die Europäische Zentralbank (EZB) in der vergangenen Woche mit ihrer Senkung des Leitzinses um einen halben Prozentpunkt auf nunmehr zwei Prozent Handlungsbereitschaft signalisiert. (sueddeutsche.de/AP)
Die Inflation in Deutschland war im Mai so niedrig wie zuletzt vor knapp vier Jahren - im Monatsvergleich sanken die Preise sogar. Experten wollen aber nicht von Deflation reden.
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Deflationsangst - Wir können nur billig
00/05/2010
Der frühere Marxist Lula werde das Land ruinieren, hatten seine Gegner befürchtet — nun loben sie seine Geldpolitik, während sich alte Freunde verraten fühlen. (SZ vom 12.05.2003) — Die Nacht liegt schon schwer über Brasilia, als der Präsident seinen Arbeitstag beendet. Im dichten Gewitterregen landet der Hubschrauber auf dem Rasen des Palacio da Alvorada, der flachen Residenz des brasilianischen Staatsoberhauptes am künstlichen See. Der Hausherr beendet zu später Stunde eine Dienstreise, die im größten Land Lateinamerikas zu den Mittelstrecken zählt: Luiz Inacio Lula da Silva war für eine paar Stunden in Belem an der Amazonasmündung, 2000 Kilometer hin, 2000 Kilometer zurück. Er hat dort unter anderem eine Aluminiumfabrik eingeweiht und sein Programm "Hunger Null" vorgestellt - Routineveranstaltungen, doch bei 32 Grad Celsius, 100 Prozent Luftfeuchtigkeit und tropischen Wolkenbrüchen lief ihm dabei wie üblich der Schweiß in Bächen über den massigen Körper. Natürlich hat er wieder alles gegeben. Durchgeschwitzt gestikulierte der Stargast vor Arbeitern und Unternehmern, Hausfrauen und Bürgermeistern, an solchen Tagen lassen ihn seine Berater bis zu sechsmal das Hemd wechseln. Auch sein Temperament hat ihn ja so weit gebracht. Gut gelaunt warb Lula für Steuerreform und soziale Gerechtigkeit und amüsierte sich über den steigenden Kurs der Landeswährung Real, für deren Entwicklung seine Gegner das Gegenteil prophezeit hatten. Auch dieser Auftritt war getragen vom bodenständigen Selbstbewusstsein eines Mannes, der von ganz unten kommt und derzeit trotz aller Widerstände der populärste Politiker des Kontinents ist. Er rief: "Nie in der Geschichte Brasiliens habe ich solchen Optimismus gesehen." Er warnte: "Ein Mandat wird nicht reichen, um alles zu schaffen, wovon wir träumen." Nun ist er wieder daheim, an der wichtigsten Adresse der Nation. Dort, wo er immer hinwollte. Zeitgemäße Revolution Lula und Brasilia! Unter dem sagenhaften Himmel der Hochebene treffen sich zwei der bedeutendsten Experimente, die das Riesenreich in den vergangenen 50 Jahren erlebt hat. Die Hauptstadt ist das kühnste Projekt aller Zeiten, zwischen 1957 und 1960 aus der roten Erde gestampft. Mit der Zentrale im Niemandsland wollte der damalige Präsident Juscelino Kubitschek Brasilien nach innen öffnen und dem Koloss eine neue Richtung geben. Die Architekten Lucio Costa und Oscar Niemeyer machten aus dem Auftrag ihr Meisterstück, 1987 erhob die Unesco Brasilia zum Weltkulturerbe. "Alles entsprang dem Gedanken, eine humane Stadt zu bauen, in der die Menschen einander gleicher sein sollten", erläuterte Niemeyer, der noch mit 95 Jahren Kommunist ist. Lula da Silva, 57, war mal Marxist, nun plant er in diesem urbanistischen Sonderfall eine zeitgemäße Revolution. Beide Visionen passen nicht schlecht zusammen, nur ist die eine längst fertig. Im Zentrum liegt der Platz der drei Mächte mit dem Regierungssitz Palacio Planalto, dem Obersten Gerichtshof und dem Parlament mit seiner umgedrehten Betonschüssel als Sitzungssaal, Kunstwerke von einiger Leichtigkeit, umspült von Wasser, umweht von der Flagge mit dem Motto "Ordnung und Fortschritt". Links und rechts an der Hauptachse reihen sich in klobiger Gleichförmigkeit die Ministerialklötze aneinander, daneben thront die Kathedrale, im Nordosten ruht Kubitschek in seinem mächtigen Mausoleum. Alles zusammen entstand auf einem Grundriss, der einem Vogel mit gespannten Flügeln gleicht. Oder einem Flugzeug. Der russische Astronaut Juri Gagarin kam sich beim Besuch vor wie auf einem anderen Planeten. Lula ging als Heilsbringer nieder - für die meisten jedenfalls. Eine der buntesten Regierungsmannschaften der Welt Hunderttausende drängten sich an den breiten Straßen mit ihren geographischen Namen, als Brasilias neuer Hauptmieter am 1. Januar 2003 im offenen Rolls-Royce zum Amtseid gefahren wurde. Dreimal seit 1989 war seine Kandidatur im Namen der Arbeiterpartei PT knapp gescheitert, beim vierten Mal bekam er mehr Stimmen als je ein Wahlsieger zuvor, mehr als 53 Millionen. "Ich bin nicht das Ergebnis einer Wahl", sagte Lula. "Ich bin das Ergebnis einer Geschichte." Zum ersten Mal bezog das Zentrum der Macht ein gelernter Metallarbeiter, der im bettelarmen Nordosten geboren worden war. In den Ausläufern einer Krise mit Währungsverfall, Auslandsschulden in Rekordhöhe, steigender Arbeitslosigkeit und explodierender Kriminalität übernahm das Kommando ein Mann aus den Tiefen des Volkes. Mit ihm kam eine der buntesten Regierungsmannschaften der Welt, zusammengestellt aus allen möglichen Bereichen des brasilianischen Universums. Vize ist ein millionenschwerer Unternehmer, für Lulas Kritiker begann da bereits der Verrat. Der Finanzminister, Arzt von Beruf, war Trotzkist und pflegt nun ebenfalls den Dollar. Die Zentralbank führt ein ehemaliger Manager der Boston Bank. Der Innenminister ließ sich einst in Kuba zum Guerillero ausbilden und später das Gesicht verändern, nun predigt auch er in Nadelstreifen die Marktwirtschaft. Das Kultur-Ressort wiederum leitet der populäre Musiker Gilberto Gil, für die Umwelt ist die Tochter eines Gummizapfers aus dem Regenwald zuständig und fürs Soziale eine ehemalige Schuhputzerin aus den Favelas. Selbst ein Wahlgegner wurde ins Kabinett berufen. Und in einem kleinen Büro empfängt ein kleiner Mann, der 175 Millionen Menschen satt bekommen soll. Jose Graziano koordiniert als Minister den Plan "Fome Zero", Hunger Null, das Herzstück der Kampagne. "Wenn am Ende meiner Amtszeit alle Brasilianer dreimal am Tag essen können, habe ich die Mission meines Lebens erfüllt", hatte Lula verkündet. Zum Einstand führte er seine 30 Minister in Abgründe, die er aus seiner Kindheit kennt und in denen heute etwa 44 Millionen Landsleute leben. Im Januar zog die Karawane durch Slums der Bundesstaaten Piaui, Pernambuco und Minas Gerais, wo kein Trinkwasser fließt, Lebensmittel fehlen und jeder zweite das Alphabet nicht kennt. Inzwischen hängt das Motto "Fome Zero" an jeder Ecke, Fußballer Ronaldo wirbt dafür, das Model Giselle Bündchen hat umgerechnet 16000 Euro gespendet. Zwar wurde der Scheck im Verwaltungschaos zunächst nicht eingelöst, doch Graziano beteuert: "Alle wollen irgendwie helfen", und er glaubt, außer beim Fußball und den Seifenopern im Fernsehen sei die Nation noch bei keinem Thema so vereint gewesen. Als erste Amtshandlung in Brasilia verhinderte sein Chef sogar den geplanten Kauf von zwölf Kampfflugzeugen für 760 Millionen Dollar. Brasiliens Krieg, so hieß es, richte sich gegen den Hunger. "Das ist ein Krieg, der sich lohnt." Es war ein wunderbares Zeichen in Zeiten, da die USA sich anschickten, im Irak Milliarden in die Luft zu jagen. Als einziger Staatsmann von Rang besuchte Lula obendrein binnen zwei Tagen das Weltsozialforum in Porto Alegre und sein kapitalistisches Gegenstück, das Weltwirtschaftsforum in Davos. Sein Appell klang nach Rebellion: "Davos muss Porto Alegre zuhören, genauso wie wir in Brasilien einen neuen Sozialvertrag brauchen, so ist ein weltweiter Pakt nötig, der die Distanz der reichen zu den armen Ländern verkürzt. Eine andere Welt ist möglich." Neoliberale Logik Die Tatsachen allerdings gefallen vorläufig besonders früheren Feinden. Der Internationale Währungsfonds (IWF) in New York lobte Lulas Haushaltsdisziplin und hält fest an der Zahlung von 30 Milliarden Dollar, die seinem Vorgänger Cardoso garantiert worden waren. Selbst Finanzmanager schätzen seinen Umgang mit dem Kapital, nachdem sie Brasilien mit Lula den Untergang prophezeit und mit Vergnügen gegen diesen Regierungswechsel spekuliert hatten. Der Real stabilisiert sich, die Wirtschaft wächst, der Risiko-Index fällt, die Inflation ebenfalls. Frühere Freunde dagegen mögen immer weniger zuhören. "Es gibt keinen sozialen Wandel", schimpft Luciana Genro, als sie im knallgrünen Gewand aus dem Plenarsaal eilt. "Gar nichts, null." Die Abgeordnete Genro, 34 Jahre alt, stammt aus Porto Alegre, der Modellstadt im Süden Brasiliens. Vor allem aber gehört sie seit der Gründung 1980 zu Lulas PT, von der sie sich unterdessen nicht mehr repräsentiert fühlt. Sie vertritt den radikalen Flügel, die innere Opposition. Monatlich 50 Reais, 16 Euro, für bedürftige Familien im Rahmen von "Fome Zero" findet sie lächerlich, ebenso die Erhöhung des monatlichen Mindestlohns auf 240 Reais, 80 Euro. Schuldendienst, Weltbank und IWF sind für sie ohnehin Schimpfwörter. Sie winkt ab. "Die Regierung hat kein Geld, das haben alles die Banken. Es ist die gleiche neoliberale Logik wie vorher, es bestimmen die Märkte. Wir müssen uns wehren." Hardliner wie sie kämpfen gerade gegen die Reformen von Steuern und Sozialversicherung, gegen die Beamte auf die Straße gehen, weil Privilegien auf dem Spiel stehen. Früher hätte Lula selbst zu Streiks aufgerufen, heute will er 1,7 Milliarden Dollar sparen, das ist in etwa die Summe, die im Kampf gegen den Hunger verwendet werden soll. Bei einem Scheitern, warnt er, "wird die Linke in Brasilien 50 Jahre lang nicht mehr regieren." Notfalls sollen Störenfriede aus der Partei ausgeschlossen werden. Ein paar Häuserblocks vom Parlament entfernt droht derweil der örtliche Vertreter der Landlosenbewegung MST, die fast fünf Millionen Brasilianer vertritt und der PT nahe stand. "Lula muss einen hohen Preis dafür zahlen, dass er die Massen erhoben hat", sagt er. Schon besetzt die MST wie vorher während der Regierung von Fernando Henrique Cardoso Grundstücke - 250000 Familien wohnen bereits auf fremden Bodenstücken. Sie fordern eine Umverteilung, die Gutsbesitzer zu verhindern versuchen. "Wenn nichts passiert", sagt der MST-Sprecher "dann wendet sich der Protest irgendwann gegen Lula". Der Streit zwischen Fundis und Realos erinnert an die deutschen Grünen, der Riss geht quer durch die Familie. Im Falle der Familie Genro ist das sogar wörtlich zu nehmen, denn Lucianas Vater Tarso, 56, zählt anders als sie noch immer zu Lulas engsten Weggefährten. Er hat mit ihm die PT ins Leben gerufen und war Bürgermeister von Porto Alegre, wo die Einwohner über das Budget mitentscheiden - jetzt versucht der Rechtsanwalt als Minister für Soziale und Wirtschaftliche Entwicklung zwei Extreme zu vereinen. Unter seiner Aufsicht debattieren in einer Art Alternativparlament 82 Auserwählte über den neuen Gesellschaftsvertrag, so unterschiedliche Teilnehmer wie Banker und Menschenrechtler. "Der Präsident ist für Konsens", sagt Genro in der Sparkassen-Stiftung von Brasilia, "nie wurde so viel diskutiert", nur mit seiner Tochter spricht er kaum mehr über Politik. In "Fantasy-Island" Am Revers seines Nadelstreifenanzugs hängt der rote Stern der PT, der bei ihm so klein ist, als sei er mit den Jahren geschrumpft. "Mögliche Utopie" heißt eines von Genros Büchern. "Wir sind an die Realität gebunden", sagt er, man könne nicht plötzlich aufhören, die Auslandsschulden zu bezahlen oder den IWF herausfordern. Ein Verrat an den Wurzeln? "Wir haben uns der Situation angepasst", sagt er, und jetzt werde man die ökonomischen Bedingungen für die Wende schaffen. "Brasilien war Opfer neoliberaler Reformen, wir brauchen ein moderates Modell." Genro wird melancholisch, wenn er an die erste Begegnung mit Lula Anfang der 70er Jahre denkt, beide kämpften damals gegen die Diktatur. Er schaut aus wässrigen Augen und sagt: "Wir sind sehr stolz, dass wir jetzt an der Regierung sind. Wir wollen Brasilien ändern, und wir dürfen diese Gelegenheit nicht verpassen." Fasziniert verfolgt David Fleischer die Auseinandersetzung, er hat in seiner Wahlheimat schon andere Zeiten erlebt. Als der amerikanische Politologe vor mehr als 30 Jahren an die Universität von Brasilia kam, entweihten gerade Generäle die Schöpfung von Kubitschek und Niemeyer, zwischen 1964 und 1985 herrschten die Militärs. Nach der Rückkehr zur Demokratie folgten Statisten und ein Luftikus, zuletzt regierte der hochgebildete Soziologe Cardoso. "Diese Regierung ist das interessanteste politische Projekt seit Jahren", sagt Fleischer, aber auch er fragt sich, wie das endet zwischen den Ansprüchen von Basis und Hochfinanz. "Es ist widersprüchlich", sagt er, "Lula hat nicht das Geld für all seine Versprechungen, er hat sein früheres Partei-Programm vergessen, und die Linke wird ungeduldig." Andererseits: "Lula ist pragmatisch", und wenn einer verhandeln kann, dann der ehemalige Gewerkschaftsführer. Laut Umfragen stehen 75 Prozent der Brasilianer hinter ihrem Präsidenten. Lula und Brasilia. Fleischer muss grinsen. "Fantasy-Island", nennt er die Hauptstadt und kann sich noch gut erinnern, als alles losging. Niemand wollte weg aus der alten Metropole Rio de Janeiro mit ihren Stränden und Versuchungen, Politiker und Funktionäre mussten mit Steuererleichterungen, doppelten Gehältern und weiteren Gefälligkeiten besänftigt werden. Inzwischen haben sich die meisten eingerichtet an diesem merkwürdigen Ort mit seinen drei Millionen Einwohnern, auch die Minister aus der Arbeiterpartei. 2006 endet das Mandat, aber "sie wollen definitiv weitere vier Jahre", sagt Fleischer. Es würde ihn nicht wundern, wenn Lula da Silva bis 2010 mit dem Helikopter in den Garten von Niemeyers Alvorada-Palastes mit den umgedrehten Rundbögen und flaschengrünen Fenstern fliegen dürfte. Der Traum Brasilia wird dann 50 Jahre alt.
Der frühere Marxist Lula werde das Land ruinieren, hatten seine Gegner befürchtet — nun loben sie seine Geldpolitik, während sich alte Freunde verraten fühlen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/brasiliens-neuer-praesident-das-interessanteste-politische-projekt-seit-jahren-1.898576
"Brasiliens neuer Präsident - ""Das interessanteste politische Projekt seit Jahren"""
00/05/2010
Der ADAC denkt über den Aufbau eines Netzes von Club-Tankstellen nach. Bei den hohen Benzinpreisen könnten schon kleinste Rabatte neue Mitglieder anlocken. "Wir prüfen, ob ein solches Modell wirtschaftlich sinnvoll ist", sagte das Mitglied der ADAC-Geschäftsführung, Stefan Weßling, dem Berliner Tagesspiegel. Ein solches Netz könne über eine Kooperation mit Tankstellen-Betreibern zustande kommen, meinte Weßling weiter. Derzeit würden bereits Informationsgespräche mit dem niederländischen Automobilclub ANWB geführt, der ein solches Modell schon seit einiger Zeit betreibt. Rabatte im Ausland In den Niederlanden können ANWB-Mitglieder an clubeigenen Automaten-Tankstationen mit einem Rabatt von sechs Cent Rabatt pro Liter tanken. Auch in Ungarn betreibt der ungarische Automobilistenclub MAK bereits mehr als 30 Discount-Tankstellen für Mitglieder. Der österreichische Automobilclub ÖAMTC strebt ebenfalls den Aufbau eines clubeigenen Tankstellen-Netzes an, wobei eine Spritersparnis von drei Cent pro Liter erzielt werden soll. Bereits heute bekommen Clubmitglieder 1,45 Cent Rabatt, wenn sie beim Vertragspartner Avanti tanken. ADAC-Pressesprecher Peter Hemschik im Tagesspiegel allerdings darauf hin, dass das Modell der Club-Tankstellen in Deutschland auf Grund anderer Rahmenbedingungen weitaus schwieriger zu realisieren sei als in Nachbarländern. Geringe Margen Wegen der "extrem hohen Steuerbelastung" in Deutschland - pro Liter Benzin fallen etwa 75 Prozent Steuern an - seien die Margen der Tankstellenbetreiber viel geringer als in anderen Ländern, meinte Hemschik. Hemschik zufolge würde sich eine Kooperation mit dem ADAC für freie Tankstellenpächter vermutlich nicht lohnen, sondern allenfalls für die großen Mineralöl-Konzerne. "Riesensache für den ADAC" "Wenn ein solches Modell in Deutschland käme, wäre das eine Riesensache für den ADAC", sagte der Sprecher. Schon bei einem Rabatt von zwei Cent pro Liter könne der Club von einem erheblichen Mitgliederzuwachs ausgehen. Vor kurzem hatte der ADAC den Ölkonzernen vorgeworfen, ihr Benzin zu Beginn der Ferienzeit mutwillig zu verteuern. (sueddeutsche.de)
Der ADAC denkt über den Aufbau eines Netzes von Club-Tankstellen nach. Bei den hohen Benzinpreisen könnten schon kleinste Rabatte neue Mitglieder anlocken.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/club-tanke-die-gelben-engel-entdecken-das-schwarze-gold-1.901960
Club-Tanke - Die gelben Engel entdecken das schwarze Gold
00/05/2010
Im Rahmen einer Studie wurde untersucht, ob sich die Sozialversicherung für junge Leute überhaupt noch rechnet. Die Ergebnisse sind ernüchternd - müssen aber hinterfragt werden. Es sind keine netten Zahlen, die Peter Oberender herausgefunden hat. Der Professor der Universität Bayreuth hat untersucht, wem das heutige Sozialsystem nützt - und wem nicht. Detailansicht öffnen "Generationenvertrag funktioniert nicht mehr" (Foto: Foto: dpa) Konkret berechnete er, was ein Bürger je nach Alter in die Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung einzahlt und im Leben an Leistungen erhält. Knapp 150.000 Euro draufgezahlt Fazit: Für junge Leute ist das Sozialsystem ein schlechtes Geschäft, weil sie mehr einzahlen, als sie herausbekommen. Am schlimmsten trifft es die heute 25-Jährigen, sie zahlen 146.000 Euro mehr ein, als sie später im Leben erhalten. Die 65-Jährigen profitieren am meisten, sie erhalten 251.000 Euro mehr. Oberender begründet die Schieflage mit der "Vergreisung und Schrumpfung unserer Bevölkerung", sagte er der Bild-Zeitung. Der Generationenvertrag funktioniere nicht mehr, da "immer weniger Junge die Renten von immer mehr Alten zahlen" müssten. Allzu neu ist die Erkenntnis nicht. Über die Folgen der alternden Gesellschaft streiten Politiker und Forscher seit Jahren heftig miteinander, manche sehen den Untergang der Deutschen voraus, andere sprechen von übertriebener Schwarzmalerei. Oberenders Studie ist insofern interessant, weil sie Gewinner und Verlierer des demographischen Wandels in Euro-Beträgen ausweist. Doch kann man dies überhaupt beziffern? Lässt sich seriös berechnen, wie oft ein heute 15-Jährige später arbeitslos wird? Kann man tatsächlich ermitteln, wie häufig eine junge Frau später den Arzt aufsuchen wird und damit Kosten verursacht? Wie wird die medizinische Versorgung in 20, 30 Jahren sein, gibt es das Allheilmittel gegen Krebs und Alzheimer, was den heute 25-Jährigen helfen könnte? "Berechnungen nicht nachvollziehbar" Fragen über Fragen - und so regt sich bei einzelnen Experten Kritik. Karin Klopsch von der Deutschen Rentenversicherung Bund sagt nur: "Wir können die Berechnungen nicht nachvollziehen." Gesundheitsökonom Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält manches an der Studie "für nicht richtig überzeugend", und der Sozialexperte von Universität Mannheim Axel Börsch-Supan sieht eine "logische Inkonsequenz". Die Kritiker habe mehrere Einwände. So verweisen die Rentenversicherer darauf, dass auch jüngere Leute von der Rentenversicherung profitieren würden. Die Rendite auf die eingezahlten Beiträge sei positiv, wie Berechnungen der Stiftung Warentest oder des Sachverständigenrats zeigten. Wer im Jahr 2040 in den Ruhestand wechseln würde, könnte laut Rentenversicherer eine Rendite von 2,7 bis 3,2 Prozent erwarten. Gert Wagner entdeckt andere Probleme. Für derartige Studien müsse ein Forscher über 30, 40 Jahre festlegen, wie sich Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit oder Zinssätze entwickeln. Dies sei schwierig, weil sich kleine Änderungen groß auswirken könnten. "Es ist auch gut, wenn die Menschen wenig Leistungen aus der Kranken- oder Arbeitslosenversicherung erhalten", meint Wagner. Dann seien sie gesund und hätten einen Job. Arbeitslosen- und Krankenversicherung seien "Versicherungen gegen Lebensrisiken, aber keine Sparbüchsen." Anders beurteilt Axel Börsch-Supan die Studie. Es sei zwar richtig, dass weniger Junge immer mehr Alte unterstützten müssten. Eine Kündigung des Generationenvertrages würde die Schieflage aber verschärfen. Die Leistungen für die Älteren müssten weiter bezahlt werden, doch die Jungen erhielten später keine Rente und müssten stärker selbst vorsorgen. Börsch-Supan: "Die Lasten für die Jungen wären dann noch höher. "
Im Rahmen einer Studie wurde untersucht, ob sich die Sozialversicherung für junge Leute überhaupt noch rechnet. Die Ergebnisse sind ernüchternd - müssen aber hinterfragt werden.
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Rente ohne Rendite - Fehler im System
00/05/2010
Ökonomen und Wirtschaftsvertreter haben sich besorgt geäußert über die unklaren Mehrheitsverhältnisse nach der Bundestagswahl. Mit Enttäuschung und Skepsis hat die deutsche Wirtschaft auf den Ausgang der Bundestagswahl vom Sonntag reagiert. Detailansicht öffnen Bundeskanzler Gerhard Schröder vergangene Woche auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA). (Foto: Foto: dpa) Führende Verbände forderten eine Fortsetzung der Reformpolitik, äußerten aber auch die Sorge vor mehr Unsicherheit angesichts der unklaren Mehrheitsverhältnisse. "Aus Sicht der Industrie und Wirtschaft sind wir bitter enttäuscht", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, der ARD. Eine große Koalition würde nur auf einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner kommen. "Deutschland wird schwieriger zu regieren sein", sagte der BDI-Präsident. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, forderte "eine Koalition der Vernunft". Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) rief die Parteien auf, sich so schnell wie möglich auf eine handlungsfähige Regierung zu einigen. "Alles andere verheißt Unsicherheit, und Unsicherheit ist immer der schlechteste Begleiter für einen wirtschaftlichen Aufschwung", sagte Sprecher Hubertus Pellengahr. Der Präsident des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Anton Börner, bedauerte, dass die Bundestagswahl keine Richtungsentscheidung gebracht habe. "Deutschland ist offensichtlich noch nicht reif für die Modernisierung. Das heißt für die Unternehmen, dass sie ihren Weg allein gehen müssen", sagte er dem Tagesspiegel (Montagausgabe). "Reformpolitik der Mäuseschrittchen" Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Otto Kentzler, sagte, keine künftige Regierung könne sich um die Lösung des drängenden Problems der Arbeitslosigkeit drücken. Allein das Handwerk habe seit 1997 rund 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall forderte von einer künftigen Bundesregierung, Deutschland auf Wachstums- und Beschäftigungskurs zu bringen. Der Bundesverband Junger Unternehmer (BJU) äußerte sich skeptisch zu einer möglichen großen Koalition. "Das bedeutet eine Reformpolitik der Mäuseschrittchen, und genau das ist, was wir nicht brauchen", sagte die Bundesvorsitzende Karoline Beck. Wahlergebnis ein "Desaster" Der Vorstandschef des Chemie- und Pharmakonzerns Altana, Nikolaus Schweickart, hat das Ergebnis der Bundestagswahl nach einem Bericht der Financial Times Deutschland (Montagausgabe) als ein "Desaster" für die deutsche Wirtschaft bezeichne. Eine große Koalition bedeute Stillstand, sagte Schweickart der Zeitung. "Im übrigen bin ich davon überzeugt, dass eine solche Große Koalition nach spätestens zwei Jahren scheitern und dass es dann zu einem rot-rot-grünen Bündnis kommen wird." Den starken Absturz der CDU/CSU könne er sich nicht erklären. Auch der Chefvolkswirt des Versicherungskonzerns Allianz, Michael Heise, zeigte sich mit dem Wahlergebnis unzufrieden. Für die Kapitalmärkte sei angesichts der Unsicherheit erst einmal nicht mit Gewinnen zu rechnen, sagte er dem Tagesspiegel. Heise riet SPD und Union, nach der wahrscheinlichen Bildung einer Großen Koalition die Beschlüsse des Job-Gipfels vom Frühjahr umzusetzen. "Das wäre vor allem psychologisch ein wichtiges Zeichen", sagte er. Auch bei der Senkung der Lohnnebenkosten müssten sich die Partner rasch einigen. Wirtschaftsinstitute uneins Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, warnte, dass Deutschland schwierigen Zeiten entgegen gehe. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat vor einer politischen Hängepartie gewarnt. Klare Entscheidungen seien zunächst in weite Ferne gerückt, sagte der RWI-Konjunkturexperte Roland Döhrn der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Schon die Koalitionsverhandlungen könnten sich wochenlang hinziehen. Die Unsicherheit für die Wirtschaft werde erst einmal größer. "Deutschland bleibt in vielen Bereichen eine Baustelle." Optimistisch zeigte sich dagegen der Chef des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. "Auch mit einer großen Koalition geht die Welt nicht unter", sagte er der WAZ. Aus Sicht der Wirtschaft sei das Gebot der Stunde, dass eine starke Regierung gebildet werde.
Ökonomen und Wirtschaftsvertreter haben sich besorgt geäußert über die unklaren Mehrheitsverhältnisse nach der Bundestagswahl.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wahlausgang-deutsche-wirtschaft-zeigt-sich-bitter-enttaeuscht-1.916554
"Wahlausgang - Deutsche Wirtschaft zeigt sich ""bitter enttäuscht"""
00/05/2010
Ja, ja: Korruption ist eine Wachstumsbranche; die Moral in der Gesellschaft zählt nichts mehr; und die Absahner und Abzocker werden immer mehr. Dieses meist mit gramvollem Unterton vorgetragene Lamento ist nicht neu. Früher hieß es, hierzulande herrschten "Zustände wie im alten Rom"; neuerdings sagt man gern, es handele sich um "sizilianische Verhältnisse". Man liest schließlich Donna Leon und kennt Kommissar Guido Brunetti. Alle wissen wie schlimm es ist. Aber es fehlt an der entschlossenen Bekämpfung. Dazu braucht es erstens die Einsicht der Unternehmen. Und zweitens braucht es Staatsanwaltschaften und Steuerfahnder, die diese Einsicht befördern. Es gibt eine Serie von neuen Korruptions-Skandalen: Philips, Ikea, Infineon, Audi, Faurecia, DaimlerChrysler, BMW, Siemens und natürlich VW - viele Konzernzentralen wurden von der Staatsmacht heimgesucht. Auch sind im Biotop ein paar ganz besondere Sumpfblüten zu bestaunen. Ehrlich und dumm Dass ein mächtiger Betriebsrat bei Volkswagen heimlich, einschließlich Sonderboni, mehr als 600.000 Euro im Jahr einsackt und die Kosten für die Geliebte auch noch von der Firma bezahlt werden - das hat schon Donna Leon-Format. In Wuppertal, wo die Kinder, wie man sagt, mit einem Schirm und einem Gebetbuch zur Welt kommen, waren sogar Kirchenleute in Korruptionsskandale verwickelt. Immer mehr Bürger aller Klassen entscheiden sich angeblich für Selbstbedienung und Übervorteilung des anderen. Andererseits aber ist das vermutete Ausmaß der Korruption in Deutschland selten so beklagt worden. Der Ehrliche ist der Dumme, gewiss. Aber sind die Ehrlichen denn wirklich ehrlich in der Beurteilung der Verhältnisse und ehrlich mit sich selbst? Greifen wirklich nur "die da oben" zu? Die Maßlosigkeit der Helden Vor ein paar Jahren noch waren Wirtschaftsgrößen wie der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser die neuen Helden - auch weil sie viele Millionen verdienten. Heute wird ihre Maßlosigkeit beklagt und sie stehen vor Gericht. Das Paradoxe ist, dass niemand genau weiß, ob die Lage schlimmer oder ob sie besser geworden ist. In der Korruption gibt es ein Hellfeld und ein Dunkelfeld. Es liegt in der Logik, dass das Dunkelfeld (nicht entdeckte, beziehungsweise angezeigte Straftaten) größer ist als das Hellfeld; aber wie groß es wirklich ist, wird auch unter Fachleuten sehr kontrovers diskutiert. Selbst bei den üblicherweise gehandelten Milliarden-Zahlen scheint es manchmal auf eine Null mehr nicht mehr anzukommen.
Von den Unternehmen ignoriert, von den Staatsanwaltschaften nicht entschlossen bekämpft: Die Korruption in Deutschland blüht.
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Abzocken und Absahnen - Tango Korrupti
00/05/2010
Im April waren insgesamt 3,967 Millionen Menschen erwerbslos gemeldet, wie Bundesarbeitsminister Müntefering bekannt gab - 1,1 Millionen weniger als im Frühling 2005. Es ist ein Trend, der Zukunft hat. Noch weniger Erwerbslose waren zuletzt im Oktober 2002 registriert, damals lag die Zahl bei 3,93 Millionen. 2005 um diese Jahreszeit waren 5,05 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Detailansicht öffnen Sieht Grund zum Optimismus: Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD). (Foto: Foto: dpa) Nach Einschätzung des Vizekanzlers Franz Müntefering (SPD) wird sich die günstige Arbeitsmarktentwicklung im Laufe dieses Jahres fortsetzen: "Die Arbeitslosigkeit sinkt." Allerdings fiel der Rückgang im April etwas schwächer aus als im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre, der bei 168.000 lag. Die Frühjahrsbelebung war nach Angaben einer mit den offiziellen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) vertrauten Person etwas weniger stark, weil auch der Beschäftigungsrückgang im Winter wegen des milden Wetters geringer als üblich war. Die gute Konjunktur sorge weiterhin für einen Beschäftigungsaufbau. Laut Müntefering stieg die Zahl der offenen Stellen binnen Zweijahresfrist von damals 420.000 auf heute 920.000. Ferner habe sich die Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen von 555.000 auf rund 400.000 verringert. Als Gründe für den Aufwärtstrend nannte Müntefering die anhaltend gute Konjunktur und die verbesserte Vermittlung durch die Arbeitsagenturen. "Nicht bequem werden" "Es gibt gute Gründe, Mut zu machen", erklärte der SPD-Politiker, warnte aber davor, "es sich bequem zu machen". Als Hauptaufgaben nannte Müntefering mehr öffentliche und private Investitionen in der Wirtschaft, eine Qualifizierungsoffensive in Ausbildung und Weiterbildung sowie faire Löhne, Arbeitsschutz und Arbeitsrecht und eine familienfreundliche Arbeitswelt. Mit der Bekanntgabe der Zahl griff Müntefering der Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen durch die BA vor, die das komplette Zahlenwerk am Mittwoch vorlegt. Zur saisonbereinigten Entwicklung äußerte sich der Minister nicht. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil zeigte sich zufrieden mit den neuesten Zahlen. "Für uns Sozialdemokraten ist dies ein Ansporn, die sozial gerechte Modernisierung unseres Landes weiter voran zu treiben", erklärte er in Berlin. "Der Aufschwung muss für alle Bürger spürbar werden." Er fügte hinzu: "Wir brauchen Mindestlöhne, damit Menschen, die hart in Vollzeit arbeiten, von ihrem Gehalt auch leben können." Rückgang auch in Bayern Die Zahl der Arbeitslosen in Bayern fiel erstmals in diesem Jahr unter die Marke von 400.000. Nach Berechnungen von Experten sank die Zahl der Erwerbslosen im April um rund 40.000. Damit wären noch etwa 360.000 bis 370.000 Männer und Frauen ohne Beschäftigung. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Rückgang um rund ein Viertel. Das Arbeitsministerium in München geht davon aus, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit rund 4,37 Millionen um rund 150.000 über dem Vorjahresniveau liegt. "Die Konjunktur läuft sehr gut und das Wetter im April war hervorragend", beschrieb ein Sprecher die günstigen Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Im März waren in Bayern noch 407.000 Menschen ohne Beschäftigung. Die Arbeitslosenquote lag mit 6,2 Prozent um 2,1 Punkte unter dem Vorjahreswert.
Im April waren insgesamt 3,967 Millionen Menschen erwerbslos gemeldet, wie Bundesarbeitsminister Müntefering bekannt gab - 1,1 Millionen weniger als im Frühling 2005. Es ist ein Trend, der Zukunft hat.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aufschwung-auf-dem-arbeitsmarkt-zahl-der-arbeitslosen-unter-vier-millionen-1.903937
Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt - Zahl der Arbeitslosen unter vier Millionen
00/05/2010
Die Internet-Giganten Yahoo! und Google stürzen sich nahezu gleichzeitig auf den Handy-Kunden. Während Google seinen Satellitenkarten-Service für den Mobilfunk ausbaut, plant Yahoo! zusammen mit Nokia und SBC ein eigenes Handy. Google und Yahoo! dringen einem Medienbericht zufolge mit neuen Service-Angeboten massiv in den Mobilfunkmarkt vor. Detailansicht öffnen Die Yahoo!-Zentrale in Sunnyvale, Kalifornien. (Foto: Foto: AFP) Der Internetportal-Betreiber Yahoo! werde dafür in Kürze gemeinsam mit dem texanischen Telekom-Ausrüster SBC Communications ein entsprechendes Handy auf den amerikanischen Markt bringen, berichtet das Wall Street Journal am Montag in seiner Online-Ausgabe. Auch Google will das Handy zum mobilen PC machen. Ab sofort biete der Suchmaschinen-Betreiber für bestimmte Handy-Modelle etwa einen mobilen Zugang zu seinem Satellitenkarten-Service "Google Maps". Vorrang "Die Idee, wesentliche Yahoo!-Services aktuell für den PC auf andere Geräte wie Handys zu bringen, hat einen riesigen Vorrang in unserem Unternehmen", zitiert die Zeitung eine Yahoo!-Sprecherin. Konkrete Pläne dazu seien allerdings nicht bestätigt worden. Nach Angaben von SBC-Managern soll das gemeinsam mit Yahoo! geplante Handy-Modell von Nokia produziert und bereits Anfang kommenden Jahres verfügbar sein. Das Gerät soll darüber hinaus über einen MP3-Player sowie eine Megapixel-Kamera verfügen. Die mobile Nutzung von Internet-Inhalten auf dem Handy war in den vergangenen Jahren vor allem wegen geringer Netzleistung nur eingeschränkt möglich. Lukrativer Markt Mit neuen Geräte-Generationen und leistungsfähigeren Netzen wollen die Internet-Dienstleister nun einen lukrativen Markt öffnen. Auf dem angekündigten Nokia-Handy wolle Yahoo! künftig herkömmliche Handy-Angebote wie E-Mail, Musik und Fotos mit den persönlichen Yahoo!-Services verbinden. Die Entwicklung neuer Handy-Dienste werde derzeit vor allem dadurch angetrieben, dass die weltweite Verbreitung von Mobiltelefonen vielfach die der Personal Computer übersteigt, zitiert die Zeitung einen Google-Manager. In den USA hatte Google bereits im vergangenen Jahr Handy-Nutzern einen Suchergebnis-Dienst per SMS angeboten. Komfortabler Navigator Mit "Google Maps" soll das Handy nun auch zum komfortablen Navigator werden. Handy-Nutzer sollen mobil durch Googles Satelliten-Karten scrollen, nach geographischen Orten suchen und sich eine Wegbeschreibung anzeigen lassen können. Der Service soll künftig auf mehr als hundert Handy-Modellen kostenlos verfügbar sein.
Die Internet-Giganten Yahoo! und Google stürzen sich nahezu gleichzeitig auf den Handy-Kunden. Während Google seinen Satellitenkarten-Service für den Mobilfunk ausbaut, plant Yahoo! zusammen mit Nokia und SBC ein eigenes Handy.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mobilfunk-plaene-yahoo-und-google-entdecken-das-handy-1.902084
Mobilfunk-Pläne - Yahoo! und Google entdecken das Handy
00/05/2010
Eine Reismarke soll von der Last der Vergangenheit befreit werden: Masterfoods verwandelt den Diener Uncle Ben in einen Geschäftsmann mit dunklem Business-Anzug und Manschettenknöpfen. Das Gesicht kennen auch deutsche Verbraucher: Ein Herr mit Fliege, weißen Haaren und dunkler Hautfarbe namens "Uncle Ben" schaut einen aus der linken oberen Ecke unzähliger Reispackungen im Supermarktregal an. Detailansicht öffnen Vom Diener zum Präsidenten: Im Internet kann das neue Arbeitszimmer von Uncle Ben's besichtigt und betreten werden. (Foto: Bild: unclebens.com) Die Marke "Uncle Ben's" wird von der Masterfoods-Gruppe vertrieben, einer Tochter des Mars-Konzerns, die auch Schokoriegel ("Snickers") und Tierfutter ("Whiskas", "Pedigree") verkauft. Onkel Ben gibt es bereits seit 1943, doch in jüngster Zeit ist Masterfoods mit seinem Markenträger eher zurückhaltend umgegangen. In der Werbung kam er überhaupt nicht vor. Schließlich stammt die Marke aus einer Zeit, in der weiße Manager keine Scheu hatten, mit Klischees über schwarze Amerikaner zu werben. Markenname aus der Vergangenheit Onkel Ben ist durch sein Äußeres - Fliege und Livree - klar als Diener einer reichen Pflanzerfamilie zu erkennen. Zudem erinnert der Name an eine Zeit, in der sich viele Weiße in den Südstaaten noch weigerten, Schwarze mit "Mister" und "Missis" anzusprechen. Jüngere Schwarze bekamen den Vornamen zu hören, ältere den - respektvoll gemeinten - Zusatz: "Onkel" oder "Tante". Das gehört längst der Vergangenheit an. Einige Markennamen aus dieser Zeit sind aber so populär, dass Firmen sie trotz des Hintergrundes beibehalten; neben "Uncle Ben's" ist das zum Beispiel "Aunt Jemima", die eine Fertigmischung für Pfannkuchenteig bewirbt. Jetzt allerdings unternimmt Masterfoods einen mutigen Versuch, ihren Onkel Ben fürs 21. Jahrhundert fit zu machen: Sie verwandelt den Diener in den "Chairman", auf deutsch: den Präsidenten der Marke. Ben behält seine Fliege, statt einer Livree trägt er aber einen dunklen Business-Anzug und edle Manschettenknöpfe. Neue Werbekampagne Die neue Kampagne, die sich die New Yorker Agentur TBWA/Chiat/Day ausgedacht hat, wird auf das Aussehen der Packungen keinen Einfluss haben; dafür gibt es eine Website, auf der man Präsident Ben in seinem Büro besuchen und zum Beispiel seinen Terminkalender nachlesen kann (www.unclebens.com), eine große Anzeigenserie soll folgen. Masterfoods habe Onkel Ben aufgrund ausgiebiger Marktforschungen befördert, erklärte das Unternehmen. Dabei habe es sich gezeigt, dass der Name "Uncle Ben" bei amerikanischen Verbrauchern emotional besetzt sei und "Qualität, Familie, Zeitlosigkeit und Wärme" symbolisiere. "Verbraucher aus allen Gesellschaftsschichten machten immer wieder klar, dass Onkel Ben für Werte steht, die ihren eigenen ähneln," sagte Vincent Powell, Präsident der Lebensmittel-Sparte von Masterfoods. Gegenüber der New York Times ging der Manager, der selbst eine dunkle Hautfarbe hat, noch einen Schritt weiter. Präsident ohne Nachnamen Es mache ihn stolz, eine "afro-amerikanische Ikone" in so einer Position präsentieren zu können. Einen Widerspruch kann allerdings auch die beste Werbung nicht lösen: Präsident Ben hat keinen Nachnamen - merkwürdig bei einem in dieser Position. Unklar ist, ob es jemals einen wirklichen Onkel Ben gegeben hat. Das Unternehmen selbst bleibt in der Frage betont vage, kolportiert wird allerdings folgende Geschichte: Der Unternehmensgründer, Gordon Harwell aus Houston in Texas, der während des Zweiten Weltkriegs Reis an die Armee verkauft hatte, soll einen texanischen Farmer namens Ben gekannt haben, der besonders guten Reis lieferte. Das Porträt auf den Packungen sei allerdings dem Küchenchef eines Restaurants in Chicago nachempfunden, in dem Harwell 1946 zufällig mit einem Freund zu Abend gegessen hatte.
Eine Reismarke soll von der Last der Vergangenheit befreit werden: Masterfoods verwandelt den Diener Uncle Ben in einen Geschäftsmann mit dunklem Business-Anzug und Manschettenknöpfen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neues-image-uncle-ben-wird-praesident-1.907672
Neues Image - Uncle Ben wird Präsident
00/05/2010
Alex Babumba kennt keine festen Arbeitszeiten. Sie ist immer zur Stelle, wenn die Frauen sie brauchen. Es ist Mittwoch, morgens früh um sechs, ein Motorrad knattert die holprige Straße herunter und bringt Kundschaft. Es ist höchste Zeit für diese junge Frau, sie schleppt sich noch hinein ins Haus, das Klappern von Metallschüsseln ist hinter der Tür zu hören, Babumba spricht mit ruhiger Stimme. Immer wieder dringt ein Stöhnen nach draußen. Detailansicht öffnen KfW-Banker Michael Wehinger mit der Uganderin Alex Babumba (Foto: Foto: oh) Dann Stille. Und plötzlich ist da dieser erlösende Schrei, auf den alle gewartet haben. Dieses Mal ging es ganz schnell, eine halbe Stunde, und Babumba hat wieder einem Baby auf die Welt geholfen. Seit 30 Jahren tut sie das nun schon. Später wird sie einmal nachrechnen: 5000 Kinder müssen es wohl gewesen sein in all der Zeit. Alex Babumba ist Hebamme, aber nicht nur das. Sie ist auch eine Frau mit Gespür fürs Geschäft. Und sie beweist, was viele für unmöglich gehalten haben. Auch auf dem Land in Afrika können sich Menschen mit Gesundheitsdiensten eine Existenz aufbauen. Nicht der Staat ist ihr Arbeitgeber, sie ist Unternehmerin. Eine Geburtsklinik hat sie aufgebaut und eine Apotheke noch dazu. Ihr Geschäft rechnet sich. Dank einiger Mikrokredite, die sie aufgenommen hat. Ihre Raten konnte sie stets begleichen, vielleicht auch deshalb, weil sie nicht nur ein warmes Herz hat, sondern auch kühl kalkulieren kann. Mehr als 100 Millionen Menschen nehmen inzwischen weltweit sogenannte Mikrokredite auf, um sich aus drückender Armut zu befreien. Ein Pionier, der dieses Bankensystem groß gemacht hat, erhielt dafür in diesem Jahr den Friedensnobelpreis: Ökonom Mohammad Yunus aus Bangladesch hat mit seiner Grameen Bank vorgemacht, was nun auch in anderen Ländern vorangetrieben wird, zum Beispiel im ostafrikanischen Uganda. Weißnasen aus Europa In diesen Tagen hat Alex Babumba in Kikyusa zwei seltsame Gäste. "Wasungu, Wasungu", rufen die Kinder, wenn sie die Fremden vor der Klinik sitzen sehen: Weißnasen aus Europa. Was machen die hier nur? Der eine ist ein Banker, der bei der KfW Entwicklungsbank arbeitet und Michael Wehinger heißt. Der andere ist ein Journalist, der miterleben will, was der Banker Wehinger bei der Hebamme Babumba macht. "Exposure" heißt das Programm im entwicklungspolitischen Jargon, und das muss man ein wenig erklären. Politiker, Banker und Ökonomen bekommen in diesem Projekt die Chance, Armut aus nächster Nähe zu erfahren. Für ein paar Tage leben sie in einer Gastfamilie, sie schlafen auf der Pritsche, erleichtern sich auf der Latrine, sie gehen mit aufs Feld, ernten Süßkartoffeln und Bananen. Alltag eben, ganz unten. Organisiert wird das Programm von einem Verein mit dem sperrigen Namen "Exposure und Dialogprogramme", der vor allem von den Hilfswerken der katholischen Kirche getragen wird. Das Ganze ist kein Abenteuerurlaub, sondern hat ernsthafte Ziele. Alle, die einmal bei einem Exposure mitgemacht haben, sollen daraus auch Lehren für ihre Arbeit ziehen. Denn selbst für diejenigen, die sich in Europa beruflich mit der Entwicklung armer Länder beschäftigen, bleibt das Leben der Betroffenen oft abstrakt. Kein Bürohengst Michael Wehinger wäre nun zurecht beleidigt, würde man ihn als Bürohengst bezeichnen. Er ist kein Mensch, der sich gerne in abgehobene Theorien versteigt. Mehrere Jahre hat er für die KfW Entwicklungsbank in Bolivien und Peru gearbeitet und Erfahrungen aus erster Hand gesammelt, bevor er zurück in die Zentrale in Frankfurt wechselte. Nun arbeitet der 42-Jährige im Stab, er brütet über Strategiepapieren, kümmert sich um Absprachen mit den Gebern, fliegt oft zu Sitzungen nach Brüssel und Berlin. Dabei ist es ihm wichtig, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Auch deshalb ist er jetzt nach Afrika gereist, in ein kleines ugandisches Kaff namens Kikyusa. Und er ist sehr müde, wenn er abends auf die Pritsche unter dem Moskitonetz fällt. Kein Wunder, denn Alex Babumba ruht nur selten. Man muss schon auf Trab sein, wenn man mit ihr mithalten will. Gerade noch hat sie ein paar Kinder geimpft, die wimmernd im Arm ihrer Mütter liegen. Da hat sie auch schon die Spritzen weggeräumt, ist in ihre Gummistiefel geschlüpft und stapft hinaus aufs Feld. Sie will Mais und Kartoffeln ernten, sie muss die Zeit nutzen, solange das Wartebänkchen in ihrer Geburtsklinik leer ist. Ihre beiden Besucher trotten hinterdrein, die Sonne brennt, die Füße stecken im Schlamm, die Moskitos stechen ohne Gnade. Es dauert nur Minuten, bis der Schweiß herunterläuft, und dabei ist das Graben noch gar nicht losgegangen. Süßkartoffeln sind mühsam auszubuddeln, die Maispflanzen sind spröde und reißen einem die Finger auf. Nur langsam füllt sich der große Sack, den Michael Wehinger schließlich über die Schulter wirft und nach Hause schleppt. Eine eisgekühlte Cola wäre jetzt recht, aber das ist ein Luxus, den sich Alex Babumba nur sehr selten leistet. Unsere Gastgeberin ist wohl nicht die Ärmste im Ort, aber dennoch hat sie weder Strom noch fließendes Wasser. Sie fängt den Regen in einer Zisterne auf. Für den Bau des Geburtshauses bekam sie einst Hilfe von der EU. Danach entdeckte sie die Kleinkredite des Instituts Uganda Microfinance Limited (UML), mit denen sie ihre Dorfapotheke einrichten konnte. Die Klinik läuft gut, das Wartebänkchen vor der Tür füllt sich jeden Tag schnell mit Schwangeren, die Rat suchen und später hier entbinden. Eine Geburt bei Frau Babumba kostet 10.000 Schilling, das sind knapp fünf Euro. Wenn es Komplikationen gibt und die Sache länger dauert, nimmt sie schon mal etwas mehr. Manchmal aber ist auch sie hilflos. "Erst letzte Woche wurde ein Kind tot geboren", erzählt sie. Vielleicht hätte man es in einer High-Tech-Klinik noch retten können, aber die sind nur in der Hauptstadt Kampala zu finden und kosten mehr Geld, als sich die meisten leisten können. Was Babumba erntet und selbst nicht verbraucht, verkauft sie auf dem Markt. Sie ist Bäuerin, Apothekerin und Hebamme zugleich. "Offenbar ist es gut, wenn man hier mehrere Standbeine hat," sagt Michael Wehinger. Läuft ein Geschäft schlecht, hat man noch ein anderes Einkommen, um über die Runden zu kommen. Es ist inzwischen Nachmittag, und wir üben uns im Schälen von Kochbananen, die dann, in Bananenblätter gewickelt, auf dem Holzkohlegrill garen. Danach sind die Bohnen dran, die aus den Schalen gepult werden. Einen ganzen Berg hat die 59-Jährige vor uns hingeschüttet, die Arbeit dauert Stunden, obwohl Nachbarn und Verwandte mithelfen. Es braucht sehr viel Zeit, um täglich ein einfaches Essen auf den Tisch zu bringen. Leben hier also doch alle nur von der Hand in den Mund? Wer durch den Ort Kikyuasa marschiert und sich umhört, bekommt einen etwas anderen Eindruck. Kikyusa liegt an einer Straßenkreuzung, vor einigen Jahren gab es hier nicht viel mehr als ein paar ärmliche Hütten, erinnert sich Babumba. Doch nun gibt es eine Reihe kleiner Läden, zwei Schreiner, ein Schreibwarengeschäft. Und die Schneiderin Robina Nasonko, die an diesem Abend an ihrer Nähmaschine "Fliegende Möwe" sitzt, made in China. Auch sie ist Kundin von UML, und heilfroh, dass sie mit dem Kredit ihren Laden aufmachen konnte. Zur Zeit ist das Geschäft eher flau, klagt sie, von den schönen bunten Kleidern in ihrer Auslage verkauft sie nur eines am Tag. "Wenn es gut läuft, gehen drei oder vier täglich weg." Aber bereut hat sie den Schritt nicht. Zu hart war das Leben als Bäuerin, zu sehr musste sie sich mit der Harke schinden, um zu überleben. Viele Bewohner in Kikyusa nehmen inzwischen Kleinkredite auf. Begonnen hat UML als Forschungsprojekt, erinnert sich einer der Gründer, Charles Nalyaali. "Wir arbeiteten damals wie Ärzte. Wir injizierten Geld und setzen darauf, dass es heilend wirkt." 100.000 Kunden Die Ergebnisse waren ermutigend, die Organisation wuchs rasch heran, nahm größere Summen auf den Kapitalmärkten auf und bedient heute in Uganda 100.000 Kunden. Die große Mehrheit schafft es nach Angaben von UML, ihre Raten zu begleichen. Schwierig ist es freilich bei den Allerärmsten, die nie zur Schule gehen konnten und nicht einmal eine kleine ökonomische Basis haben, auf der sie aufbauen können. Die Mikrofinanz provoziert auch Kritik. Manche beklagen, dass die Zinssätze viel höher liegen als bei Geschäftsbanken, Arme werden also stärker belastet als Reiche. Aber Charles Nalyaali kann dafür gute Gründe anführen. Wer ein solides Mikrokreditsystem schaffen will, hat enorme Kosten zu tragen. Ein engmaschiges Netz an Filialen ist aufzubauen, und ein großer Stamm geschulter Mitarbeiter muss ausziehen, um die richtigen Kunden zu finden und zu beraten. "Die Leute kommen nicht zu uns, sondern wir zu ihnen, das ist der Unterschied", sagt Nalyaali. Und bei UML sind die Menschen weit besser bedient als bei all den Kredithaien, die auf dem Land privat ihr Geld verleihen und so hohe Zinsen verlangen, dass es einem schwindlig wird. "UML ist auf einem guten Weg", sagt Peter Rohde, Finanzexperte der "Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit" (GTZ), der die Zentralbank in Kampala berät. "Entscheidend ist, dass sie auf dem Markt bestehen. Es ist nicht sinnvoll, Kunstpflanzen zu fördern, die schnell vertrocknen, sobald sie nicht mehr aus Frankfurt oder Washington gegossen werden." Die Mikrofinanzbanken sollen also nach einer Anschubfinanzierung auf eigenen Füßen stehen. Michael Wehinger ist froh über die Erfahrungen, die er in Kikyusa sammelt: "Das gibt einem doch eine andere Erdung. Und es ist ermutigend zu sehen, was für ein unternehmerisches Potential hier schlummert." In dem Ort lassen sich aber nicht nur die Kräfte der Mikrofinanz erkunden, man lernt auch deren Grenzen kennen. Wie soll ein Geschäft wirklich aufblühen, wenn der Strom so oft ausfällt? Wie soll ein größerer Markt entstehen, wenn Straßen bucklige Pisten sind, die sich bei Regen in schlammige Gräben verwandeln? Hier ist der Staat gefordert, und der wird große Investitionen nur mit Hilfe der Geberländer bewältigen. Mikrofinanz alleine reicht also nicht aus, um alle Armut zu besiegen. Dennoch machen für viele Menschen in Kikyusa die Kredite einen Unterschied. Vor allem, wenn sie ihnen Wege öffnen, das Schulgeld für die Kinder zu verdienen. Wen man hier auch fragt, alle Leute kommen darauf zu sprechen. Für viele ist die Sorge um die Zukunft der Kinder der wesentliche Antrieb. Und man muss staunen, wie opferbereit die Leute sind. Sie schicken ihre Söhne aufs Internat, obwohl sie zuhause auf dem Feld so dringend gebraucht würden. "Sind Sie eigentlich glücklich hier?", fragt Michael Wehinger unsere Gastgeberin vor der Abreise. Da erzählt sie vom Tode ihres Mannes, der vor drei Jahren starb, vom Schock des Verlustes und tiefer Trauer. Aber zum Glück hat sie ja noch ihre Kinder. Und sie ist voller Stolz, dass sie es geschafft hat, allen eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Ihr Sohn Alex, der gerade zu Besuch ist und auch brav Bohnen schält, wird bald auf die Universität in Kampala gehen. Vielleicht wird er einmal Anwalt. Oder Unternehmer. Dann hätten sich die kleinen Kredite für die Hebamme doppelt gelohnt.
Die Hebamme Alex Babumba hat sich mit einem Mikrokredit eine eigene Existenz aufgebaut - weltweit versuchen dies bereits mehr als 100 Millionen Menschen.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/beispiel-aus-uganda-geldspritzen-gegen-die-armut-1.907214
Beispiel aus Uganda: - Geldspritzen gegen die Armut
00/05/2010
Juan Manuel Barroso will keinen Kommissare in seinem neuen Team, "der Probleme mit dem Parlament haben wird". Danach müsste er neben dem umstrittenen Italiener Buttiglione vier oder fünf weitere Anwärter austauschen. Einen Tag nachdem er seine Kommission vor der erforderlichen Abstimmung im Europa-Parlament zurückgezogen hatte, kündigte der designierte Präsident der EU-Kommission an, es werde "vereinzelte" Änderungen des Teams geben, jedoch keine "umfassende Umbildung" der künftigen Kommission. Die Veränderungen werde "deutlich weniger als acht oder zehn" der 24 Posten betreffen, fügte Barroso hinzu, "aber ich kann Ihnen die Zahl nicht sagen". Er gab zu erkennen, dass er dabei den Widerstand des Europa-Parlaments berücksichtigen will. Ein einfaches Austauschen des umstrittenen italienischen Kandidaten Rocco Buttiglione reiche nicht aus. Weitere Namen nannte der Portugiese jedoch nicht. Er "hoffe", dass seine neue Kommission innerhalb eines Monats stehen werde. Heikle Situation des Kommissions-Präsidenten Er werde "tun, was notwendig und ausreichend für Europa ist" und dabei keine unnötigen Veränderungen vornehmen, sagte Barroso. Ziel sei es, eine Equipe vorzustellen, "die einen stärkeren Rückhalt haben kann". Die Parlamentsfraktionen der Mitte, der Linken und der Rechten vertrauten ihm bei der Bildung der neuen Kommission. Barroso muss entscheiden welche Posten er neu besetzen will. Die Personalvorschläge müssen dann aber die betroffenen Mitgliedsländer unterbreiten. Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker warnte die betroffenen Regierungschefs nach Barrosos Debakel im Europa-Parlament, nun auf stur zu schalten und auf ihren Personalvorschlägen zu bestehen. Dies würde Barrosos Aufgabe massiv erschweren. Die Regierungschefs dürften nicht auf einen Dauerkonflikt mit dem Europa-Parlament zusteuern. Dies kann als Kritik an der italienischen Regierung verstanden werden, die offenbar an ihrem umstrittenen Kandidaten für das Innen- und Justizressort, Rocco Buttiglione, festhalten will. Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte,die Kandidatur des ehemaligen Philosophieprofessors beruhe auf "Konsens und Wertschätzung". Lösung könnte in Ressortwechseln liegen Die Mailänder Zeitung Corriere della Sera meldet, Rom sei aber zu Verhandlungen. Es sei denkbar, dass Buttiglione eine andere Aufgabe in der Kommission übernehme, etwa das Ressort für Verkehr. Buttiglione selbst habe erklärt, niemand habe ihn bislang zum Rückzug aufgefordert. Er war im Europa-Parlament wegen seiner Äußerungen über Homosexuelle und die Rolle der Frau bei seiner Anhörung durchgefallen. Die lettische Regierung hält ebenfalls an ihrer Kandidatin fest, die für Steuerpolitik zuständig sein sollte, aber wegen undurchsichtiger Parteienfinanzierung in der Kritik steht. Die Sozialisten hatten gefordert, ihr einen neuen Geschäftsbereich zuzuweisen. Unklar ist, wie sich der Rücktritt der lettischen Regierung auf die Zukunft der Kandidatin Ingrida Udre auswirken wird. Die Präsidentin des Landes, Vaira Vike-Freiberga, sagte, sie sehe "keinen Zusammenhang" zwischen der innenpolitischen Krise und der umstrittenen Kandidatur. Parlament fordert mehrere Umbesetzungen Ersetzt werden dürfte wahrscheinlich auch die designierte Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes aus den Niederlanden. Nach Einschätzung des Telegraaf sitzt Kroes "jetzt auf einen Schleudersitz". Gegen sie designierte gab es sowohl bei den Konservativen als auch bei den Liberalen im Parlament Widerstand. Als weitere Wackelkandidaten gelten die dänische Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel und der als Energiekommissar vorgesehene Ungar Laszlo Kovacs, den die Abgeordneten wegen geringer Kenntnisse in der Energiepolitik deutlich kritisiert hatten. Über die erforderlichen Umbesetzungen in der Kommission wollen die Staats- und Regierungschefs der EU auch vor der feierlichen Unterzeichnung der EU-Verfassung am Freitag in Rom reden. Der Europa-Parlamentarier Elmar Brok (CDU) forderte, die Regierungen sollten nur Kandidaten entsenden, die im Parlament auch Erfolg haben. "Hier kann man nicht Leute zweiter Wahl ablegen, sondern muss erste Sahne bringen." Der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei, Hans-Gert Pöttering, sagte, Barroso solle "in vier bis fünf Positionen Umbesetzungen" vornehmen und nannte Kroes und Udre als Problemfälle. Daniel Cohn- Bendit von den Grünen betonte, seine Fraktion wünsche den Austausch von sechs Kommissaren. "Wegen Inkompetenz, nicht aus ideologischen Gründen", sagte Cohn-Bendit. So hätten die Grünen auch "ein besonderes Problem mit dem griechischen Vorschlag für den Umweltkommissar, Stavros Dimas. "Das ist ein Mann, der sicher vieles kann, aber von Umwelt keine Ahnung hat", sagte Cohn-Bendit der Berliner Zeitung.
Juan Manuel Barroso will keinen Kommissare in seinem neuen Team, "der Probleme mit dem Parlament haben wird". Danach müsste er neben dem umstrittenen Italiener Buttiglione vier oder fünf weitere Anwärter austauschen.
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Streit um künftige EU-Kommission - Abschied von den Wackelkandidaten
00/05/2010
Die Welt des Luxus der VW-Betriebsräte, die gern in feinsten Häusern dinierten, war eine künstliche Welt und das gilt auch ein bisschen für den ersten Tag im Prozess gegen Peter Hartz. Als Peter Hartz an diesem Mittwochmorgen in einer ansonsten selten auf der Straße anzutreffenden Phaeton-Limousine vor dem Landgericht zu Braunschweig vorfährt, muss er wieder einmal erfahren, dass er der Hartz von Hartz IV ist. Mitglieder einer rotgewandeten autonomen Gruppe, die weiße Masken tragen und sich "Die Überflüssigen" nennen, rufen ihm zu: "Lump", "Arbeiterverräter". Der frühere VW-Personalvorstand Hartz tut zumindest so, als sei er unbeeindruckt. Er kennt das Elend. Schließlich hat er auch damals, als er noch im 13. Stock bei VW in Wolfsburg die Werktätigen regierte, körbeweise Schmähbriefe und sogar Morddrohungen bekommen. Er gehört auch zu den wenigen Zeitgenossen, die montags ihre eigene Demonstration haben. Der Dauer-Demonstrant Hans Jürgen Zander, der zwei Tage zuvor die 121. Braunschweiger Montagsdemonstration anführte, ist natürlich auch erschienen. "Hartz in den Knast", fordert er. So weit wird es nicht kommen. Der Gang eines Preußens Punkt 9:47 Uhr betritt Hartz dann, begleitet von seinem Schlachtenerfahrenen Verteidiger Egon Müller den Gerichtssaal 141. Er geht gewohnt aufrecht, fast wie ein Preuße. Die Fotografen drängeln um das beste Bild, es wird geschubst und gestoßen. Hartz begrüßt einen Bekannten im Publikum. Er versucht wie ein Mann dreinzuschauen, der über der Situation steht, lächelt in den Saal. Es ist ein kleines, fast scheues Lächeln - ein Kratzfuß von Lächeln. Auf der Richterbank haben die Mitglieder der 6. Großen Strafkammer Platz genommen haben: Drei Berufsrichter und zwei Laienrichter. Übrigens führt die alte, maskuline, Zuordnung des Wortes - in diesem Prozess zumindest - in die Irre. Vier Richterinnen und ein Richter wollen über den 65-Jährigen urteilen. Auf der Bank der Ankläger sitzen übrigens zwei Oberstaatsanwältinnen, Protokollführerin ist natürlich auch eine Frau. Das war schon früher so. Golf-GTI statt Tannenzapfen Hartz schaut die Damen freundlich, nachdenklich an. Müller, der ein richtiger Professor ist, biegt ihm das Mikrofon zurecht, aber Hartz hat noch nichts zu sagen. Die letzte öffentliche Äußerung von Hartz liegt schon lange zurück. Am 8. Juli 2005 sagte er: "Es geht um mehr als um meine Person. Es geht um die Reputation von Volkswagen, der ich mich verpflichtet fühle." Immer ging es um mehr, aber eigentlich geht es immer um ihn. Seine früheren Mitarbeiterinnen bei VW erzählen übrigens über ihn, dass er ritterlich gewesen sei. Nur, dass er die Angewohnheit hatte, Weihnachten statt Tannenzapfen einen kleinen Golf-GTI in den Adventskranz zu stecken, hat manche gestört. Erkennbar um Ruhe bemüht Die Vorsitzende Richterin Gesine Dreyer allerdings interessieren an diesem Morgen keine Stilfragen. Es ist der bislang größte Prozess, den die 46-Jährige leitet und sie versucht erkennbar, ganz ruhig zu bleiben. Sie trägt die Personalien des Sohns eines Hüttenarbeiters vor, der es ganz nach oben geschafft hatte und der Zuhörer glaubt, ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu hören. Dann trägt Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff, die ausschaut wie eine Sopranistin in einer Kantorei, den Anklagesatz vor und der Ton, den sie anschlägt, verleitet dazu, das Vorgetragene zu unterschätzen: "Dem Angeklagten wird zur Last gelegt", sagt sie und die Last klingt auch durch die zahllosen Vorveröffentlichungen schon merkwürdig leicht. Fast alle im nicht ganz gefüllten Saal, der Platz für 112 Zuhörer bietet, wissen, dass Hartz wegen Untreue und Begünstigung des früheren Betriebsratschefs Klaus Volkert, angeklagt ist und dass der Gesamtschaden für VW von der Staatsanwaltschaft mit 2.628.359,75 Euro beziffert wird. Anschlag auf die Arbeiterbewegung Das ist keine Bagatelle. Allein der angeklagte Umstand, dass der IG-Metaller Hartz in den Jahren 1995 bis 2005 seinem früheren Duzfreund, dem einstigen VW-Betriebsratschef Klaus Volkert, Sonderboni in Höhe von 1.949 Millionen Euro auszahlen ließ, war der größte Anschlag auf die Arbeiterbewegung seit der Affäre um die Zement-Cäsaren der Neuen Heimat in den achtziger Jahren. Dem Typ des selbstlosen, asketischen Vertreters der Arbeiterklasse, der in vielen Betrieben immer noch anzutreffen ist, muss einer wie Hartz wie ein Wesen aus einer anderen Welt erscheinen.
Die Welt des Luxus der VW-Betriebsräte, die gern in feinsten Häusern dinierten, war eine künstliche Welt und das gilt auch ein bisschen für den ersten Tag im Prozess gegen Peter Hartz.
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Prozessauftakt gegen Peter Hartz - Ein Verfahren aus der Retorte
00/05/2010
Interviews, Konferenzen, Kanzleressen, Tempo, Tempo - Thomas Middelhoff kehrt als dynamischer Sanierer von KarstadtQuelle zurück auf die große Bühne. Sie nannten ihn ehrfürchtig "Doc M" oder "Big T", damals in Gütersloh. Der Vorstandschef wirbelte, kaufte und verkaufte Firmen, predigte "Speed, Speed, Speed" oder jettete - Tempo, Tempo - nach New York, Schanghai, London oder Paris. Detailansicht öffnen Die Aufräumarbeiten bei Karstadt haben viel mit Middelhoffs Leidenschaft zu tun, dem Investmentbanking. (Foto: Foto: AP) In seinem Büro stand ein großes T aus Plexiglas, das erleuchtet werden konnte: T wie Thomas. Mit missionarischem Eifer arbeitete Dr. Thomas Middelhoff daran, den Familienbetrieb Bertelsmann mit Börsen-Geld zur Nummer Eins der Medienwelt zu machen - bis den Eigentümern, Reinhard und Liz Mohn, der amerikanische Turbo-Kapitalismus zu viel wurde. Entmachtet Im Juli 2002 musste Middelhoff gehen. Die Mohns wollten lieber 75,1 Prozent der Stimmrechte behalten und nicht im Wachstumsrausch den eigenen Medienkonzern an Finanzhaie übertragen. "BigT" war ausgeschaltet. Nun, 26 Monate später, flackert das Licht wieder. Thomas Middelhoff ist wieder da, wo er nach seinem Verständnis hingehört: auf der Bühne des deutschen Wirtschaftslebens. Großes Haus, mindestens: Der Mann mit den zurückgekämmten Haaren, der unablässig das Blackberry-Edelhandy nutzt, steht mittendrin im Zukunftskampf der Firmen-Legende Karstadt-Quelle. Offiziell leitet er nur den Aufsichtsrat der angeschlagenen Aktiengesellschaft - und doch ist er im Auftrag von Großaktionärin Madeleine Schickedanz als Chefsanierer der "Big Boss". Kann er den Handelsriesen retten? "Es geht ums Überleben", hat Middelhoff im Spiegel intoniert und viele Schreckensbilder gefunden ("Intensivstation", "tiefe Schnitte", "bereinigen", "schmerzhafter Personalabbau"). Einen Tag vor der entscheidenden Vorstandssitzung am Dienstag vergangener Woche war da - höchst ungewöhnlich - ausführlich zu lesen, wie es mit Karstadt-Quelle weitergehen soll. Normalerweise sind solche Auftritte aus aktienrechtlichen Gründen dem Vorstandsvorsitzenden vorbehalten. Hier aber sprach der große Middelhoff, und er hätte wohl auch bei Sabine Christiansen in der ARD am Sonntag einen stärkeren Eindruck hinterlassen als der Chefmanager Christoph Achenbach, der dem fortunelosen Karstadt-Vorstand schon längere Zeit angehört. Gemeinsam sollten Modelle für die Zukunft entworfen werden, erklärt Middelhoff, der auch in sieben anderen Aufsichtsräten sitzt, etwa bei der New York Times. Der Vorstand handelt, der Aufsichtsrat kontrolliert, das sei die Arbeitsteilung. Frage des Ego Tatsächlich aber wirkt es ganz so, als schreibe "Doc M" die Rezepte für den Patienten auf der Intensivstation. Eine Frage des Ego: Der Paukenschlag zu Beginn sollte, so der Plan, die Öffentlichkeit auf das Schlimmste vorbereiten und die erste heftige Aufregung auf Middelhoff ziehen - damit Top-Manager Achenbach dann mit relativierenden Äußerungen in besserem Licht erscheine. Der Aufsichtsratschef lässt sich von einer Berliner PR-Agentur beraten, die unter anderem einem ehemaligen Sprecher von Bertelsmann und Karstadt gehört. Schon seit Mai hat sich Middelhoff in Gesprächen mit Bankern um die angespannte Liquidität von Karstadt gekümmert; er redete mit David Rothschild in Paris und mit anderen. Und er tafelte am vergangenen Mittwoch in Berlin mit Gerhard Schröder. Tags darauf wetterte der Kanzler über Karstadts Manager ("Unfähigkeit bis zum Gehtnichtmehr"). Große Interviews, hektische Konferenzen, Kanzlerkontakt - fast alles also so wie früher im Leben des Thomas Middelhoff. "Das ist für Deutschland überraschend. Ich war - in Anführungszeichen - endlich weg, und plötzlich bin ich wieder da. Über Karstadt", offenbarte der Wiederkehrer einem Reporter der Financial Times Deutschland, der ihn im Flugzeug begleiten durfte und exzessiven Eiskonsum beschrieb. Kein guter Käufer Hauptberuflich ist Middelhoff Partner der Beteiligungsfirma Investcorp in London und soll in Europa Kaufobjekte für arabische Millionäre auftun. Große Akquisitionen blieben bislang aus. "Er ist ein guter Verkäufer, kein guter Käufer", sagt ein langjähriger Bertelsmann-Spitzenmann. Als Middelhoffs Glanzstück gilt der Einstieg und Ausstieg beim Onlinedienst AOL: Im Jahr 2000 kassierte Bertelsmann für Aktien von AOL Europe und AOL Inc. rund 6,75 Milliarden Euro. Aber dieser Deal sorgt für Debatten: Auf der Buchmesse in Frankfurt/Main stellen die Autoren Frank Böckelmann und Hersch Fischler an diesem Mittwoch ein Buch über Bertelsmann vor, das allerlei krude Verschwörungstheorien bietet, aber auch ein Kapitel über Middelhoff mit Erkenntnissen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC. Die hatte wegen des Bertelsmann-Deals gegen AOL-Manager ermittelt, weil damals zugleich ein Gegengeschäft über Werbeaufträge von Bertelsmann geschlossen worden war. Für 400 Millionen Dollar schalteten die Deutschen Werbung bei AOL, was aus Sicht der SEC ein Rabatt auf den Aktienverkauf war - und kein Umsatz, wie es der sieche AOL-Konzern verbucht hatte. Middelhoff und sein Freund Steve Case, der AOL-Gründer, bestreiten indes, Umsätze künstlich aufgepumpt zu haben. Auch ein sagenhafter Deal mit dem Konzern Telefonica taucht in den SEC-Papieren auf. Dabei verband sich Bertelsmann mit den Spaniern bei der Internet-Firma Terra Lycos - und stellte Werbeaufträge über eine Milliarde Dollar in Aussicht, was die Umsatzplanung von Terra Lycos aufpolierte; eine interne Klausel sah jedoch eine mögliche Begrenzung auf 325 Millionen vor, wozu es auch kam. Zugleich kassierte Bertelsmann von Telefonica 1,6 Milliarden Dollar für eine Technikfirma. Ein Luftgeschäft? Es war jene verrückte Zeit, als Middelhoff den gesamten Bertelsmann-Vorstand mit Raumanzügen in der Pose von Raumschiff Enterprise fotografieren ließ. Leidenschaft Investmentbanking Nachdem er von den Mohns entmachtet worden war, schrieb ihm ein Freund: "Viele behaupten, du warst zu schnell. Ich sage dir, du warst zu langsam." Nun will er bei Karstadt-Quelle noch schneller sein. Die Aufräumarbeiten haben viel mit seiner Leidenschaft zu tun, dem Investmentbanking: Firmenteile ausgründen, verkaufen, fusionieren, einstellen. Das hat Middelhoff schon - Speed, Speed - bei Bertelsmann getan. Am Montag aber fiel der Aktienkurs von Karstadt-Quelle. Wird der Riese zum Übernahmekandidaten? Der Aufsichtsratschef wird noch viele Gespräche führen. "Big T" strahlt wieder.
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Karstadt-Aufsichtsratschef - Das große T leuchtet wieder
00/05/2010
Firma, Banken, Zeitung, Fußballclub, Justiz - die Staatsanwälte enttarnen in der Stadt des Schinkens und der Milch den Untergrund der Wirtschaft. Schinken, viele Hunderte von Schinken flimmern über den Bildschirm, der im Foyer des großen Festsaals steht. Drinnen leuchten bunte Fresken von der Decke, auf denen man wohlgenährte Bauern mit goldgelben Getreidebündeln sieht. Detailansicht öffnen Spieler des AC Parma beim Jubel. (Foto: Foto: ap) Lorbeergirlanden schmücken die alten Kassettentüren, mächtiger Stuckzierat klebt an den Wänden. Doch Bürgermeister Elvio Ubaldi durchlebt vermutlich gerade einen der schwierigsten Momente seiner Amtszeit. Tränenerstickt Mit tränenerstickter Stimme beschwört der Lokalpolitiker einen "neuen Rinascimento", eine Wiedergeburt für die Stadt, die von Milch und Schinken lebt: "Parma ist sehr, sehr stark", spricht er sich und den anwesenden Honoratioren Mut zu. "Wir haben genügend Kraft, um alle Schwierigkeiten zu meistern", doch es solle sich bloß niemand vormachen "dass man einfach nur abzuwarten braucht, bis die Sache vorbei ist". Die Sache muss der Bürgermeister gar nicht näher spezifizieren. Jeder weiß, dass es um den Zusammenbruch des Milchfabrikanten Parmalat geht, der die norditalienische Stadt in diesen Tagen bis ins Mark erschüttert. Nicht dass Ubaldi Angst um den Verlust von Arbeitsplätzen hätte - darum muss man sich in diesem Schlaraffenland der Lebensmittelindustrie nicht sorgen. Mit 2,7 Prozent hat Parma eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in Europa. Doch der Skandal bedroht die Grundfesten des Zusammenlebens in der Stadt, jenes enge personelle Geflecht zwischen Industrie, Banken und Politik, in dessen Mittelpunkt der Parmalat-Chef Calisto Tanzi stand. Täglich neue Abgründe Ein fein gesponnenes Netz aus Beziehungen und gegenseitigen Verbindlichkeiten überzieht die Stadt. Da ist ein Firmen-Manager zugleich der Präsident der Sparkasse, welche die Kredite an sein Unternehmen vergibt. Der Club der Industrie dirigiert die örtliche Tageszeitung, und selbst der oberste Staatsanwalt lässt sich zuweilen von einem Finanz-Manager bezahlen. Als Spinne im Netz aber fungierte viele Jahre lang Calisto Tanzi, 65, der Mann, der die Milchküche Parmalat gründete und der jetzt als der mutmaßliche Pate im bisher größten Finanzskandal Europas dasteht. "Er war ein Heiliger", hört man immer wieder Bewohner sagen. Doch zugleich kontrollierte der Unternehmer offenbar alle maßgeblichen Bereiche in der Stadt. Ob es um Fußball, Geldgeschäfte oder die Verbreitung von Informationen ging - Tanzi oder einer seiner Anverwandten hielt die Fäden fest in der Hand. Viele Jahre lang lief das "System Parma" wie geschmiert. Seit die Ermittler in dem Skandal um den Milch-Multi jedoch täglich neue Abgründe entdecken, sitzt plötzlich die halbe Stadt auf der Anklagebank. Und deshalb sieht Bürgermeister Ubaldi im Rathaus jetzt das Gemeinwesen in Gefahr. Radikale Forderung "Wir müssen die Kraft zur Selbstreinigung haben", redet er seinen Zuhörern ins Gewissen und erhebt auch gleich eine höchst radikal klingende Forderung: "Alle, die der Wahrheitsfindung im Weg stehen, sollten zurücktreten". Namen nennt der Bürgermeister nicht. Doch man braucht in dem wuchtigen alten Rathausbau nur aus dem Fenster zu schauen: schräg gegenüber, in einem hübschen barocken Palazzo, residiert die Cassa di Risparmio di Parma e Piacenza, kurz Cariparma genannt. Wichtigster Mann in dem Geldinstitut ist Luciano Silingardi. Keine Konsequenzen Der stets elegant gekleidete Manager war jahrelang Präsident des Bankhauses, mittlerweile steht er einer Stiftung vor, die als Miteigentümer des Geldhauses firmiert. Ein Untersuchungsbericht der italienischen Staatsbank bescheinigte der Cariparma schon Ende der Neunzigerjahre, dass sie "über jede Vorsichtsgrenzen hinaus" risikoreiche Finanzierungen vergebe. Konsequenzen wurden daraus aber offensichtlich nicht gezogen. Noch bis vor kurzem beriet Silingardi, gleichsam im Nebenerwerb, seinen alten Freund Calisto Tanzi, den Parmalat-Padrone, in Steuerfragen und saß in einem Aufsichtsgremium von Parmalat. Anfang Dezember des vergangenen Jahres zog er sich plötzlich aus dem Engagement bei Parmalat zurück: Zuvor hatte ihn Tanzi, wie Silingardi der römischen Zeitung La Repubblica verriet, den Bankier und Spezi über ein Finanzloch von 600 Millionen Euro informiert. Aus heutiger Sicht sind das nachgerade "peanuts", denn mittlerweile wird bei Parmalat eine Summe von etwa 13,5 Milliarden Euro vermisst. Silingardi aber wurde unterdessen von der Staatsanwaltschaft verhört: Seit Anfang Dezember will er keinen Kontakt mehr mit Tanzi gehabt haben. Smarter Manager Hingegen firmiert Franco Gorreri, 51, noch immer als Angestellter von Parmalat. Der smarte Manager mit dem Drei-Tage-Bart ist der Verantwortliche für die Finanzen im Inlandsgeschäft der Milchküche. Doch dieser Posten scheint ihn nie recht ausgefüllt zu haben, denn seit 1992 ist Gorreri zugleich Präsident der Banca Monte Parma, des zweiten lokalen Geldinstituts. Den Job bei der Bank haben ihm die Sozialisten verschafft. Einst war Gorreri Bürgermeister in Collecchio, dem Ort in der Nähe, in dem die Zentrale der Milchfirma steht. Dort soll der legendäre Sozialistenchef und zeitweilige italienische Ministerpräsident Bettino Craxi, der später wegen mehrfacher Korruptionsvergehen verurteilt wurde, auf Gorreri aufmerksam geworden sein, wie ein örtlicher Industrieller erzählt: Craxi habe den Mann als Bankchef empfohlen, und so sei es dann geschehen. Selbst suspendiert Wenn in dem Geldinstitut über Parmalat-Kredite beraten wurde, ist Gorreri bislang stets "aus dem Zimmer gegangen", wie eine Banksprecherin erklärt. Mittlerweile hat er sich selbst vorübergehend suspendiert - Gorreri will sein Amt bei der Bank ruhen lassen, bis die Vorwürfe gegen ihn ausgeräumt seien. Täglich bekommt die Bank derzeit Besuch von der italienischen Finanzpolizei. Während die Ermittler anfangs, vor ein paar Wochen, jeweils mit großen Kartons zurückkehrten, sieht man sie in diesen Tagen nur noch mit dicken braunen Umschlägen ins Gerichtsgebäude treten - irgendetwas Neues aber scheinen sie beinahe jeden Tag zu finden. Im Gericht wird das Material Fausto Tonna vorgelegt, dem einstigen Finanzchef von Parmalat, der heute in Untersuchungshaft sitzt und jeweils von Beamten der Justizvollzugsanstalt vorgeführt wird. Er ist der Mann, der jetzt die Einzelheiten über das mannigfaltige Beziehungsgeflecht offenbart. Wertvolle Hinweise In endlosen Vernehmungen hat er den Staatsanwälten schon wertvolle Hinweise über Herkunft und Verbleib von Parmalat-Geldern gegeben - seine Verhörprotokolle zeigen wie in einer Röntgenaufnahme die Kontaktnetze in der Stadt. Da geht es um den örtlichen Fußballclub AC Parma wie um die Banken, und seine Erklärungen lösen immer neue Ermittlungen aus. Auch die Bank-Manager Silingardi und Gorreri haben mittlerweile einen so genannten avviso di garanzia bekommen, einen amtlichen Bescheid, der nach italienischen Gepflogenheiten einem Verdächtigen anzeigt, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Der gute Kontakt Riesige Summen scheinen die örtlichen Banken allerdings nicht an Parmalat vergeben zu haben. Bei der Banca Monte Parma ist von etwa 34 Millionen Euro die Rede, die teils als Firmengelder, teils in die Privatkasse der Tanzis geflossen sein sollen. Die Kollegen von Cariparma sollen Parmalat zwischen 120 und 150 Millionen Euro geliehen haben. Schon der gute Kontakt aber zählte für Parmalat. "Es ist doch klar, dass die engen Verflechtungen mit den örtlichen Banken auch vertrauensbildend für andere Geldinstitute wirkten", sagt Franco Rosi, der Präsident des Parmenser Industrieverbandes. Der Unternehmer Rosi, der eine Schinkenfabrik besitzt, ist für schonungslose Aufklärung. Dass die Besitzverhältnisse in der örtlichen Zeitung, der Gazzetta di Parma, dabei ein Hindernis sein könnten, findet er allerdings nicht. Seit 50 Jahren gehört das Blatt, das 1735 gegründet wurde und zu den ältesten Zeitungen in Italien zählt, dem örtlichen Industrieverband. Spontaner Kurswechsel Zunächst hatte die Zeitung, wie Einwohner berichten, nur recht spärlich über die Vorfälle berichtet, die das ganze Land und den Kontinent aufregten, doch dann wurde offenbar ein Kurswechsel vollzogen. "Sie haben als erste die Rücktritte gefordert", sagt der Unternehmer Rosi. Die Forderung der Journalisten war offenbar auch in eigener Sache gemeint, denn als Herausgeber der Gazetta firmierte noch bis vor wenigen Tagen niemand anderer als Stefano Tanzi, der Sohn des Parmalat-Bosses. Auch im Rathaus war es bald kein Geheimnis mehr, dass mit Parmalat etwas nicht stimmte: "Wir wussten, dass es Liquiditätsschwierigkeiten gab", sagt der Bürgermeister Ubaldi, "denn die Milchlieferanten wurden sehr spät bezahlt". Indes haben verschiedene Banken noch bis Mitte Dezember vorigen Jahres, also bis kurz vor dem Zusammenbruch, an ihre ahnungslosen Kunden Parmalat-Anleihen verkauft, ohne diese auch nur vor den Risiken zu warnen. "Das ist doch nichts anders als kriminell", sagt Mara Colla, die Präsidentin des Verbraucherschutzverbandes. Frustrierte Anleger Im Collas-Büro in der Innenstadt von Parma kommen jetzt täglich Leute vorbei, die Rat suchen. "Manche können ihr Anliegen gar nicht vorbringen", sagt die Beraterin, "weil sie einfach nur weinen müssen.". Da ist zum Beispiel der 64-jährige Rentner, der im Rollstuhl sitzt. "Ich hatte ein bisschen Geld aus der Gehaltsabfindung", sagt der Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben möchte. 23.000 Euro hatte er in Parmalat-Obligationen investiert, wie er erzählt, sechs Prozent Zinsen sollten sie bringen. "Ich dachte, bei Parmalat wäre das Geld sicher", sagt der Rentner. Eine Frau hatte noch am 3. Dezember vorigen Jahres Obligationen von Parmalat gekauft, im Wert von 20.000 Euro. Kurz vor Jahresende erhielt sie dann Post von der Bank. Der Brief enthielt eine eine völlige Herabstufung ihrer Wertpapiere auf den Stichtag 11. Dezember. Die Frau kann sich nicht vorstellen, dass "die Bank etwas im guten Glauben verkauft hat, was sie acht Tage später für wertlos erklärt". Schöner Schein Die Staatsanwaltschaft in Mailand hat eigenes eine Internetseite für die Geschädigten eingerichtet. Wie es heißt, sind schon viele hundert Anzeigen eingegangen. Zwischen 80.000 und 90.000 Italiener sollen nach inoffiziellen Schätzungen Wertpapiere von Parmalat besitzen. Ein Großteil von ihnen, glaubt die Verbraucherschützerin Colla, lebt in Parma und Umgebung: "Die haben doch die Fabrik gesehen und dachten, das sei alles gesund.". Tatsächlich gelten die Produktionsstätten von Parmalat als hochprofitabel. In den Betriebsgebäuden, die im Parmenser Vorort Collecchio liegen, blitzen Metall- und Kupferrohre, beste Maschinen wurden angeschafft, die meisten Arbeitsprozesse laufen längst automatisiert ab. Und so mag es vielleicht zu erklären sein, dass sich selbst engste Mitarbeiter des Unternehmens von dem schönen Schein täuschen ließen. Etwa Angelo Ugolotti, der für den Firmenchef Calisto Tanzi eine Art Mädchen für alles war. Seit 30 Jahren arbeitete Ugolotti, 52, in der Firma. Zuletzt saß er als eine Art Privat-Sekretär im Büro des großen Finanz-Managers Tonna. Ugolotti habe die persönlichen Dinge für den Firmenboss Tanzi erledigt, berichten seine Anwälte: beispielsweise private Rechnungen oder Knöllchen bezahlt. Unter anderem Namen Irgendwann habe ihm der Firmenchef eröffnet, dass man ein, zwei Unternehmen unter seinem, Ugolottis, Namen führen wolle. Ugolotti, sagt sein Anwalt Paolo Ricci Messori, habe sich daraufhin "sehr geschmeichelt gefühlt". Er unterschrieb und hatte offenbar keine Ahnung gehabt, was das nun juristisch und faktisch zu bedeuten hatte. Tatsächlich musste der willige Helfer als Strohmann für an die 30 Firmen herhalten, die genaue Zahl ist immer noch nicht bekannt. Vornehmlich Firmen, die in Steuerparadiesen residierten, Reiseunternehmen auf den Malediven waren auch dabei. Ugolotti fuhr sogar einmal in Urlaub dorthin, doch soll er nicht einmal ein Skonto auf seine Rechnung bekommen haben, wie die Anwälte berichten. Spenden an Berlusconi Indes haben seine Firmen großzügig spendiert, ohne dass es der Strohmann wusste. Parmalat-Boss Tanzi nutzte die Unternehmensadressen im letzten italienischen Wahlkampf, um Großspenden an die Partei von Silvio Berlusconi, Forza Italia zu verteilen. Insgesamt flossen rund 200.000 Euro, Ugolotti war damit, ohne es zu wissen, der zweitwichtigste Spender für Berlusconi in Italien - dabei ist der Mann doch ganz und gar kein Anhänger des Medienfürsten, sondern für die oppositionellen Linksdemokraten im Gemeinderat seines Heimatortes Traversetolo engagiert. Pikante Einzelheiten Immer neue Details kommen durch die Arbeit der Staatswaltschaft heraus, dabei kann man noch von Glück sagen, dass sie überhaupt tätig wurde. Denn auch der oberste Chef der Anklagebehörde in Parma, Giovanni Panebianco, ist gut bekannt in dem örtlichen Beziehungsnetz. Seit einiger Zeit läuft ein Verfahren gegen ihn wegen Bestechlichkeit. Ihm wird vorgeworfen, 40.000 Euro eingesteckt zu haben - für eine Empfehlung, die er dem Cariparma-Manager Silingardi gab. Panebianco wollte die Ermittlungen zunächst vereiteln. Dies allerdings ist ihm nicht gelungen.
Firma, Banken, Zeitung, Fußballclub, Justiz - die Staatsanwälte enttarnen in der Stadt des Schinkens und der Milch den Untergrund der Wirtschaft.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/parmalat-und-das-system-parma-die-suempfe-im-schlaraffenland-1.900510
"Parmalat und das ""System Parma"" - Die Sümpfe im Schlaraffenland"
00/05/2010
Matthias Hoffmann hatte mit den drei Tenören Erfolg, nun organisiert er Shows statt Stars: "Afrika! Afrika!" und ein Buddhismus-Musical. Kartenverkäufer und Konzertveranstalter, Kaufmann und Kulturzirkusdirektor - der Impresario und Produzent Matthias Hoffmann hat bislang noch jedes Etikett bedient im schillernden Unterhaltungs- und Showgeschäft. Seit kurzem aber nennt er sich ganz schlicht Vorstandsvorsitzender und findet das auch passend. Detailansicht öffnen Eilt von Erfolg zu Erfolg und hat daher Grund zum Lachen: Matthias Hoffmann. (Foto: Foto: privat) Schließlich hat Hoffmann, 57, gerade die Prime Time Entertainment AG in Mörfelden bei Frankfurt gegründet, deren alleiniger Aktionär er ist. Für den umtriebigen Geschäftsmann ist das nur die logische Folge seines rastlosen Tuns. "Es musste jetzt etwas ganz Spannendes kommen", sagt der gebürtige Pfälzer mit dem ungebremsten Redefluss. Es braucht einige Phantasie, um in dem schnöden Plattenbau des tristen Gewerbegebiets am Rande der Mainmetropole den Nukleus eines künftig weltumspannenden Unterhaltungskonzerns auszumachen. Das aber hat sich der schon immer von wenig Selbstzweifel geplagte Veranstalter nun vorgenommen. Schon mehr als 1,5 Millionen Besucher "Prime Time agiert auf einem schnellwachsenden Markt", sagt ihr Vorstandschef. "Allein in Europa liegt sein Volumen schon jetzt bei geschätzten 20 Milliarden Euro." 100 Millionen davon steuert Hoffmann in diesem Jahr mit seiner Show "Afrika! Afrika!" bei, die im Dezember 2005 in Frankfurt Premiere hatte und seitdem mit fliegenden Artisten, exotischen Gauklern und einer folkloristischen Safari Zirkusanhänger massenweise in Hoffmanns Zelte zieht. Die Show, von dem Wiener Allroundkünstler André Heller erdacht und vom Veranstalter Hoffmann finanziert und organisiert, haben mittlerweile mehr als 1,5 Millionen Besucher gesehen, und ein Ende ist nicht absehbar. "Wir haben mit 'Afrika! Afrika!' einen Hype erzeugt", freut sich Hoffmann. "In München, wo wir gerade spielen, ist das Zelt jeden Abend voll. Spätestens im Frühjahr 2008 sind wir bei zwei Millionen." Hoffmann hat längst auf den Erfolg reagiert. Eine zweite Ausgabe der Show tourt bereits durch Europa. Nach Stationen in Graz, Wien und Zürich startet die Welttournee. "Am 17. Januar ist in London Premiere", sagt Hoffmann. "Dann geht es nach Paris, Spanien, Amerika und Asien. Die festen Buchungen reichen bis ins Jahr 2011." Für eine Tour durch Amerika lässt er gerade eine dritte Zeltstadt bauen und ein weiteres Ensemble ausbilden. Schlosser, Parkplatzwächter, PR-Prouzenten Schon jetzt beträgt die Zahl der bei ihm fest angestellten Künstler und Mitarbeiter 560, in den nächsten Monaten wird sie auf über 600 steigen. Nicht mal die Hälfte davon agiere direkt in der Manege, rechnet Hoffmann vor. "Wir haben fast alle Berufsgruppen bei uns - vom Schlosser und Schreiner bis zum Parkplatzwächter und PR-Produzenten." Was wie ein überkommenes Kombinatsmodell planwirtschaftlicher Prägung anmutet, sei sein Geschäftsgeheimnis, sagt Hoffmann. "Wir decken damit die gesamte Wertschöpfungskette ab: von der Ideenfindung über die Konzeption und künstlerische Umsetzung bis hin zum Veranstaltungsmanagement, einschließlich Gastronomie, Werbung und Vermarktung."
Matthias Hoffmann hatte mit den drei Tenören Erfolg, nun organisiert er Shows statt Stars: "Afrika! Afrika!" und ein Buddhismus-Musical.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/matthias-hoffmann-ein-impresario-wird-vorstandsvorsitzender-1.888398
Matthias Hoffmann - Ein Impresario wird Vorstandsvorsitzender
00/05/2010
Die Deutsche Bahn hat der Lokführer-Gewerkschaft GDL offenbar auch deshalb keinen eigenen Tarifvertrag angeboten, weil sie Rücksicht auf die Gewerkschaft Transnet nimmt. Dies geht aus einer internen Mail vom vergangenen Montag hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Verfasser der Mail ist ein Mitarbeiter aus der Rechtsabteilung der Konzernzentrale der Bahn. Er listete in einem Schreiben an Kay Uwe Arnecke, den Leiter "Beschäftigungsbedingungen'' in der Konzernzentrale auf, welche Möglichkeiten der Bahn nach dem Urteil des Sächsischen Landesarbeitsgericht vom vergangenen Freitag noch bleiben. Das Gericht hatte der GDL Streiks auch im Güter- und Fernverkehr erlaubt. Detailansicht öffnen Arbeitskampf: Streikende Lokführer stehen am Donnerstag vor dem Güterbahnhof Maschen. (Foto: Foto: dpa) Der Verfasser schreibt, er könne "nicht beurteilen'', ob bei der Bahn "weiterhin noch taktische Rücksichtnahme auf Transnet bestehen, obwohl diese auf dem SPD-Parteitag am vorletzten Wochenende keine klare Mehrheit für einen Börsengang mitorganisiert hat". Einblicke in die weitere Strategie Damit wird in einem Schriftstück der Bahn ein Zusammenhang zum Ausdruck gebracht, den diese offiziell stets bestreitet: dass sich der Konzern während dieses Konflikts der Transnet, der Konkurrenz-Gewerkschaft der GDL, verpflichtet fühlt. Transnet-Chef Norbert Hansen unterstützt seit Monaten die Börsenpläne der Bahn - und zwar gegen das Votum des restlichen DGB. Zugleich befürchtete er, Mitglieder zu verlieren, falls die Bahn den Lokführern mehr zubilligt als den bei Transnet organisierten Beschäftigten der Bahn. Darüber hinaus gibt die Mail Einblicke in die weitere Strategie der Bahn. So schätze der von dem Unternehmen konsultierte Staatsrechtler Friedhelm Hufen von der Universität Mainz die Chancen einer Verfassungsbeschwerde auf "maximal 20 Prozent'' ein. Der Verfasser bezieht sich dabei auf ein Gespräch zwischen Hufen, Bahn-Verhandlungsführer Werner Bayreuther und Bahn-Anwalt Thomas Ubber vom vergangenen Samstag in Köln. Die Teilnehmer seien auch darüber einig, dass eine Aussperrung von streikenden Lokführern "derzeit im Widerspruch zur Argumentation bei den Gerichten stünde''. Auch werde bezweifelt, ob der Bahn überhaupt ein Aussperrungsrecht zustehe. Die Bahn war am Abend bemüht, die Bedeutung des Schriftstücks tiefer zu hängen. Hier habe ein Mitarbeiter, der nicht in die Entscheidungsabläufe eingebunden sei, seinen Gedanken freien Lauf gelassen, hieß es. Bahn-Transportvorstand Norbert Bensel sagte am Donnerstag in Düsseldorf, ein weiteres Angebot werde es "in absehbarer Zeit'' nicht geben. Mit ihrem Angebot vom 15. Oktober bewegt sich die Bahn nach eigener Lesart auf der Grundlage einer Vereinbarung, die sie Ende August unter der Moderation der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler mit der GDL schloss. Darin sicherte sie der Gewerkschaft einen ,,eigenständigen Tarifvertrag'' zu, der sich aber "konflikt- und widerspruchsfrei" in ihren Tarifvertrag mit Transnet (und der dritten Bahn-Gewerkschaft GDBA) fügen müsse. Die GDL hingegen baute auf der Vereinbarung die Erwartung auf, ein Angebot über Arbeitszeit und Geld zu erhalten, das über den Transnet-Abschluss hinausgeht. "Niemand wird die GDL in die Knie zwingen" GDL-Chef Manfred Schell reagierte auf die Äußerungen Bensels mit der Bemerkung, es könne sein, "dass wir schon am Freitag über Streiks in der kommenden Woche entscheiden". Er warf der Bahn Sturheit vor. "Aber damit wird niemand die GDL in die Knie zwingen." Der Streik im Güterverkehr führte bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht zu größeren Beeinträchtigungen. Dies lag einerseits daran, dass viele Unternehmen Vorsorge getroffen hatten, andererseits aber auch daran, dass der Güterverkehr vor allem nachts rollt. Tagsüber halten sich Streiks hier in Grenzen. Die GDL verfolgte die Strategie, in einer "langsamen Welle" die Rangierbahnhöfe und Güterverkehrszentren nach und nach "volllaufen'' zu lassen. Nach den Transporten in der Nacht würden die Auswirkungen im Lauf des Freitags dann auch deutlicher sichtbar werden, sagte Hans-Joachim Kernchen, GDL-Chef in Berlin-Sachsen-Brandenburg, der Nachrichtenagentur dpa. Viele Güter-Lokführer sind Beamte Die Bahn versuchte zudem gegenzusteuern und von den insgesamt 5400 Lokführern ihres Güterbahn-Unternehmens Railion möglichst viele Beamte in Dienst zu stellen. Nach Unternehmensangaben handelt es sich bei jedem zweiten Güter-Lokführer um einen Beamten. Die GDL erhofft sich, vor allem im Osten den Güterverkehr weitgehend lahmzulegen. Weil es bei der früheren DDR-Reichsbahn keine Beamten gab, verfügt die Bahn in den fünf neuen Bundesländern insgesamt nur über neun beamtete Lokführer. Bahn-Personalvorstand Margret Suckale warnte vor Auswirkungen auf Arbeitsplätze in der Wirtschaft. Viele Bahnkunden hätten aufgrund des Streiks bereits Kurzarbeit angemeldet, sagte Suckale im ZDF. Ob dies tatsächlich so ist, ließ sich bisher nicht überprüfen. Bei der Bundesagentur für Arbeit lagen bisher keine Anträge auf Kurzarbeit vor. GDL-Chef Schell attestierte der Bahn, sich "wie bei den Streiks im Regionalverkehr auch dieses Mal wieder selbst zu behindern". So lasse die Bahn einen Großteil der Lokomotivführer "vom Dienst suspendieren''. Die Arbeitnehmer würden nach Hause geschickt, "quasi ausgesperrt''. Damit spielte Schell auf die Praxis der Bahn an, Lokführer, von deren GDL-Mitgliedschaft sie weiß, aus den Dienstplänen herauszunehmen.
Die Deutsche Bahn hat der Lokführer-Gewerkschaft GDL offenbar auch deshalb keinen eigenen Tarifvertrag angeboten, weil sie Rücksicht auf die Gewerkschaft Transnet nimmt. Dies geht aus einer internen Mail vom vergangenen Montag hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitskampf-geht-weiter-bahn-will-transnet-nicht-verprellen-1.889199
Arbeitskampf geht weiter - Bahn will Transnet nicht verprellen
00/05/2010
Wegen der schlechten Geschäftsergebnisse im vergangenen Jahr müssen die rund 3500 Topmanager und Führungskräfte des Konzerns offenbar mit substanziellen Kürzungen ihrer Erfolgsboni rechnen. Der so genannte Erfolgsbonus, den der Wolfsburger Konzern jeweils im Mai auszahlt, soll voraussichtlich mehr als halbiert werden, wie die Braunschweiger Zeitung berichtete. Der zuständige VW-Vorstand Ekkehardt Wesner bestätigte dem Blatt, dass von "substanziellen" Kürzungen auszugehen sei, nannte aber keine konkreten Zahlen. Der VW-Vorstandsausschuss werde voraussichtlich Ende Februar oder Anfang März eine Entscheidung fällen. Noch mehr Einbußen Mit ähnlichen Einbußen, wenn auch auf geringerem Niveau, müssen demnach auch die VW-Arbeiter und Angestellten rechnen, die ebenfalls im Mai neben ihrem normalen Entgelt den Erfolgsbonus erhalten. Verhandlungen zwischen Konzernführung und Betriebsrat darüber sollen den Angaben zufolge demnächst beginnen. Der bis zum vergangenen Jahr garantierte Mindestbonus von 818,50 Euro hat bei Volkswagen das frühere Urlaubsgeld abgelöst. Für 2004 hatten die Tarifvertragsparteien bereits eine Neuregelung des Mindestbonus vereinbart. Teilkompensation Allerdings würden die Einbußen zumindest teilweise durch die seit 1. Februar für VW-Mitarbeiter geltende Lohn- und Gehaltserhöhung um 2,6 Prozent kompensiert. Grund für die drohenden Einschnitte ist das schlechte Geschäftsjahr 2003. Analysten rechen der Braunschweiger Zeitung zufolge damit, dass das operative Ergebnis von VW auf weniger als zwei Milliarden Euro geschrumpft sein könnte. VW gehe bisher offiziell davon aus, beim operativen Ergebnis "etwas weniger" als die Hälfte des Vorjahreswertes von 4,76 Milliarden Euro zu erreichen.
Wegen der schlechten Geschäftsergebnisse im vergangenen Jahr müssen die rund 3500 Topmanager und Führungskräfte des Konzerns offenbar mit substanziellen Kürzungen ihrer Erfolgsboni rechnen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-managern-drohen-drastische-einkommenseinbussen-1.918082
Volkswagen - Managern drohen drastische Einkommenseinbußen
00/05/2010
Nach der Rekordjagd der Konjunkturzahlen im vergangenen Quartal hat sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft eingetrübt: Der Ifo-Index enttäuscht die Experten. Die deutsche Wirtschaft hat den Mehrwertsteuer- Schock noch nicht ganz verdaut. Im Februar sank der Ifo-Geschäftsklimaindex stärker als erwartet von 107,9 auf 107,0 Punkte, teilte das Ifo-Institut am Freitag in München mit. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: AP) Schon im Januar hatte sich die Stimmung nach der Mehrwertsteuer-Erhöhung leicht verschlechtert. Allerdings liegt der Index noch immer auf einem historisch hohen Niveau. Daher dürfte sich der Konjunkturaufschwung in diesem Jahr fortsetzen. Einbrüche bei Erwartungen und Lagebeurteilung Sowohl die Erwartungen als auch die Lagebeurteilung trübten sich ein. So beurteilten die vom Ifo-Institut befragten Unternehmen die Perspektiven auf Sicht von sechs Monaten negativer als im Vormonat. Der Erwartungsindex sank überraschend auf 102,6 Punkte von 103,2 Punkten im Vormonat. Experten hatten mit einem stabilen Erwartungsindex gerechnet. Auch der Index für die Lagebeurteilung gab nach. Er fiel auf 111,6 Punkte von 112,8 Zählern im Vormonat. Hier hatten die befragten Experten einen etwas geringeren Rückgang auf 112,2 Punkte erwartet. Die Einzelhändler berichten laut ifo Institut von deutlich schwächeren Geschäften, erwarten aber eine Belebung im nächsten halben Jahr. Dies spreche dafür, dass die Mehrwertsteuererhöhung nur eine vorübergehende Dämpfung bedeutet. Allerdings seien die befragten Unternehmen außerhalb des Einzelhandels nicht mehr gar so zuversichtlich für die nächsten Monate wie zuvor. Uneinige Experten Vor der Bekanntgabe waren die Erwartungen der Experten sehr uneinheitlich. Ökonomen von der Postbank und des Bankhauses HSBC Trinkaus & Burkhardt rechneten sogar mit einem leichten Anstieg des Indikators. Die ZEW-Umfrage deute auf eine Stimmungsaufhellung bei den Unternehmen hin, begründete die Postbank den von ihr erwarteten Anstieg des ifo-Index auf 108,5 Punkte. Bei der Lageeinschätzung rechneten die Experten hingegen mit einer Stagnation: "Nach dem Rückgang im Januar rechnen wir mit einem kleinen Zuwachs von 107,9 auf 108,2 Punkte", so die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Damit sollte der Index nur knapp unterhalb seines im Dezember verzeichneten Allzeithochs notieren. Skeptischer gaben sich die DekaBank, die UniCredit und die Bremer Landesbank. Alle drei Institute erwarteten eine leichte Eintrübung des Geschläftsklimas im Februar. "Die Lagebeurteilung sollte nach dem spürbaren Rückgang direkt nach der Mehrwertsteuererhöhung auch im Februar gesunken sein", schätzte die UniCredit. Dieser Trend werde auch in den kommenden Monaten anhalten.
Nach der Rekordjagd der Konjunkturzahlen im vergangenen Quartal hat sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft eingetrübt: Der Ifo-Index enttäuscht die Experten.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ifo-index-fuer-februar-verkaterte-wirtschaft-1.900421
Ifo-Index für Februar - Verkaterte Wirtschaft
00/05/2010
Mit dem Discount-Broker Consors war er einst ein Star an der Börse. Nun wagt Karl Matthäus Schmidt ein Comeback - mit einer Flatrate will er die Bankbranche aufmischen. Äußerlich ist er unverändert: Karl Matthäus Schmidt wirkt so jugendlich wie vor acht Jahren, als seine Karriere ihren Aufschwung nahm. Noch immer hat er die gleiche Nickelbrille auf. Er redet leise, gibt sich zurückhaltend, trägt einen dunklen Anzug mit offenem Hemd. Krawatten hat er nie gemocht, er trägt sie nur zu offiziellen Anlässen. Detailansicht öffnen Der 37-Jährige will es noch einmal wissen: Consors-Gründer Karl Matthäus Schmidt (Foto: Foto: Quirin) In dem Münchner Café nimmt niemand Notiz von ihm. Das war nicht immer so: Schmidt hatte 1999 den Discount-Broker Consors an den Neuen Markt gebracht und damit die deutsche Bankbranche revolutioniert, er war einst ein gefeierter Held an der Börse. Consors war während des Aktienbooms 4,5 Milliarden Euro an der Börse wert und damit hinter den etablierten Großbanken die Nummer fünf in der deutschen Geldbranche. Schmidt wurde als jüngster Banker Deutschlands gefeiert, von der Wirtschaftswoche zum Unternehmer des Jahres gekürt, ein Jahr später vom Werbefachblatt Horizont gar zum Mann des Jahres. Doch das ist lange her. "Schon damals war ich ein wenig skeptisch über den großen Jubel", sagt er heute etwas kleinlaut. Trotzdem habe er den Ruhm genossen. Er ließ sich mit nacktem Oberkörper für den Geschäftsbericht ablichten. Damals wusste er nicht, wie tief der Absturz sein kann. "Die Ereignisse haben mich schon stark geprägt. Heute denke ich über vieles stärker nach", erzählt er. Doch jetzt versucht der 37-Jährige ein Comeback: Als Vorstandssprecher und Gesellschafter der Quirin-Bank mit Sitz am Kurfürstendamm in Berlin will er mit einem völlig neuen Preissystem die Vermögensverwaltung in Deutschland aufrollen. Entdeckung des Online-Broking Schmidts Aufstieg begann 1994. Der Sohn des fränkischen Privatbankiers Karl Gerhard Schmidt entdeckte damals zusammen mit einem BWL-Kommilitonen das Online-Broking. Als Mitglied eines Uni-Börsenclubs hatten sie sich über die hohen Gebühren der Banken bei Aktiengeschäften geärgert. In Nürnberg gründete er zunächst als Filiale der väterlichen Schmidt-Bank die Direktbank Consors. Kunden, so das damals neue Konzept, konnten zu geringen Kosten per Telefon oder PC Aktien kaufen und verkaufen. Das Geschäft begann mit zwei Computern und drei Faxgeräten, und es lief erstaunlich gut an. Es gab lange nur eine Richtung - aufwärts. Bis Ende 2000 der Boom am Neuen Markt abbricht. Dazu kommt: Die Geschäfte des Vaters bei der Schmidt-Bank, die noch immer die Mehrheit an Consors hält, laufen immer schlechter - er hat sich mit der Expansion in die neuen Bundesländer übernommen, riskante Kredite an Firmenkunden lasten auf der Bilanz. Doch mit einem Verkauf des Online-Brokers zur Sanierung der angeschlagenen Bank zögern Vater und Sohn zu lange. Nur eine dramatische Rettungsaktion der Großbanken bewahrt das 173 Jahre alte Institut, bei dem Karl Matthäus als persönlich haftender Gesellschafter fungierte, im November 2001 vor dem Untergang. Kugelschreiber zum Jubiläum Die Familie wird die Bank los. Derzeit wird der Fall juristisch aufgearbeitet, in Hof läuft ein Gerichtsverfahren gegen den Vater Karl Gerhard Schmidt. Dem 71-Jährigen wird Betrug in 232 Fällen vorgeworfen. "Ich habe das Kapitel Consors auch innerlich abgeschlossen", sagt Schmidt junior heute. Der Discount-Broker wurde 2002 an die französische Großbank BNP verkauft. Gründer Schmidt saß noch bis Anfang 2006 im Verwaltungsrat. Zum zehnjährigen Bestehen des Geldhauses 2004 bekam er von den neuen Eigentümern einen Kugelschreiber geschenkt. Zwei seiner engsten Partner aus der Consors-Zeit sind heute als Chefs von großen Finanzfirmen noch im Geschäft. Uwe Schroeder-Wildberg, 41, früher Consors-Finanzvorstand, ist Chef des Finanzdienstleisters MLP. Reto Francioni, 51, der 2000 Co-Chef bei Consors wurde, führt die Deutsche Börse.
Mit dem Discount-Broker Consors war er einst ein Star an der Börse. Nun wagt Karl Matthäus Schmidt ein Comeback - mit einer Flatrate will er die Bankbranche aufmischen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-dem-absturz-der-stille-revolutionaer-1.906433
Nach dem Absturz - Der stille Revolutionär
00/05/2010
In Kalifornien beschäftigt der Verkauf von aus Beuteltieren gefertigten Lederschuhen die Gerichte. Womöglich wird Adidas auf dieses Material bald verzichten müssen. Fußball-Star Beckham tut das bereits. David Beckham kickt seit vorigem Jahr nur noch in Fußballschuhen aus synthetischem Leder. Angeblich weil ihm die Farben und Designs besser gefallen, womöglich aber auch wegen eines Videos, das ihm die Tierschutzorganisation International Voices of animals (Viva) kurz vor der Weltmeisterschaft 2006 geschickt hat. Detailansicht öffnen Tauschte seine Fußball-Schuhe aus Känguru-Leder gegen Treter aus synthetischem Leder: Fußball-Star David Beckham. (Foto: Foto: Reuters) Der Film soll drastisch zeigen, wie Baby-Kängurus getötet und gehäutet werden. Bis dahin schlug die Werbe-Ikone der Sportartikelmarke Adidas seine Traumfreistöße bevorzugt in dreigestreiften Schlappen des Typs "Predator", der zum Teil aus Känguruleder besteht. Nun flammt der Streit über die Verwendung dieser als besonders weich und strapazierfähig geltenden Tierhäute erneut auf. Nachrichtenagenturen berichten, der Oberste Gerichtshof Kaliforniens habe Adidas den Verkauf von Fußballschuhen aus Känguruleder in dem Bundesstaat verboten. Damit hätten die Richter zugunsten von Viva zwei vorinstanzliche Urteile gekippt. "An Vorinstanzen zurückverwiesen" Adidas widersprach dieser Darstellung. Das Oberste Gericht habe den Fall lediglich an die Vorinstanzen zurückverwiesen, jedoch kein Verkaufsverbot verhängt, so eine Adidas-Sprecherin in Herzogenaurach. Vielleicht setzt der kalifornische Senat dem Streit bald ein Ende und hebt das Känguru-Verbot für den US-Bundesstaat auf. In ihrem Herkunftsland Australien, wo ein Känguru sogar das Wappen ziert, ähnelt die öffentliche Debatte jener hierzulande über Rehverbiss und Abschusszahlen in den Wäldern. Tierschützer von Viva beklagen, "das größte Wildtiermassaker der Welt" werde an den Kängurus verübt, weshalb manche Arten bereits vom Aussterben bedroht seien. Dreimal mehr Kängurus als Menschen Andererseits gibt es Experten, die von einer Übervölkerung bestimmter Teile Australiens mit dem Beuteltier sprechen. So soll es in und um Canberra dreimal mehr Kängurus geben, als Menschen in der australischen Hauptstadt leben. Biologen des Leipziger Hemholtz-Zentrums für Umweltforschung waren entsetzt, als sie vor einigen Monaten vor Ort kahlgefressene Graslandschaften antrafen. Adidas verteidigt sich, nicht einmal ein Prozent der in den USA verkauften Fußballschuhe enthalte Känguruleder. Und das stamme von Tieren, die staatlich kontrolliert erlegt würden. "Für uns werden keine Tiere eigens getötet", sagte eine Adidas-Sprecherin. "Wir verwenden generell kein Leder von gefährdeten Tierarten." "Blutspur im australischen Outback" Hingegen wirft Viva dem Unternehmen Gefühllosigkeit vor. Der "Predator" hinterlasse "eine Blutspur im australischen Outback." Adidas ist nicht die einzige Sportartikelfirma, die mit Känguruhaut arbeitet. Nahezu alle Markenhersteller verwenden die Häute. Von Beckham und anderen Stars der kickenden Zunft weiß man inzwischen allerdings, dass sie in synthetischen Schuhen den Ball genauso gut treffen.
In Kalifornien beschäftigt der Verkauf von aus Beuteltieren gefertigten Lederschuhen die Gerichte. Womöglich wird Adidas auf dieses Material bald verzichten müssen. Fußball-Star Beckham tut das bereits.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tierschuetzer-ziehen-vor-gericht-adidas-droht-kaenguru-verbot-1.907747
Tierschützer ziehen vor Gericht - Adidas droht Känguru-Verbot
00/05/2010
Angeblich sieht das Konzept der möglichen Käufer vor, dass in Deutschland weiterhin Handy produziert werden. Doch wer hinter dem Konsortium steckt, ist unklar. Das Konsortium kündigt den Erhalt des Handygeschäfts in Deutschland an. Gegen Insolvenzverwalter Martin Prager werden schwere Vorwürfe erhoben, das Angebot nicht ernsthaft zu verfolgen. Die Kaufofferte mehrerer US-amerikanischer Telekommunikations-, IT- und Software-Unternehmen sei den Verwaltern Prager und Michael Pluta bereits am 2. Januar unterbreitet worden. Als Vertreter einer strategischen Investorengruppe, die ihre Identität bislang geheim hält, habe er das Angebot schriftlich unterbreitet, heißt es in einem Schreiben des Münchner Anwalts Andreas Kloyer, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Prager hatte noch einen Tag später auf einer Pressekonferenz in München erklärt, ein solches Angebot existiere bisher nicht. Harte Kritik an Prager Obwohl die Investorengruppe mit dem Insolvenzverwalter verhandeln muss, übte sie öffentlich harte Kritik an Prager: Die Informationspolitik der Insolvenzverwaltung sei nicht nachvollziehbar und grenze an Verweigerungshaltung. Es gehe um ein Angebot mit konkreten Kaufpreisvorstellungen und detaillierten Angaben zu Punkten, die aus Sicht des Konsortiums innerhalb kürzester Zeit zu klären seien, teilte der Investoren-Anwalt weiter mit. Das Konzept ziele darauf ab, die Entwicklung und Produktion von Mobiltelefonen in Deutschland nachhaltig zu sichern. Anfangs sollten etwa 800 vormalige BenQ-Mitarbeiter Beschäftigung finden. Die Planung sehe vor allem den massiven Ausbau des US-Vertriebs und die nachhaltige Verankerung der Produkte auf dem US-Markt vor, erklärte der Anwalt am Donnerstag weiter. Konkrete Planungen hierzu lägen vor und seien auch Prager erläutert worden. "Es entzieht sich vor diesem Hintergrund unserer Vorstellungskraft, welche Gründe die Insolvenzverwaltung veranlassen, das Angebot unserer Mandanten schlicht zu ignorieren", erklärt Kloyer. Schließlich müsse es angesichts des Zerfalls des Unternehmens um eine schnelle Lösung in den nächsten Tagen gehen. Kaufpreis soll zu gering sein Prager blieb am Donnerstag dagegen bei seiner Darstellung. Es gebe zwar eine Interessensbekundung des Investors. Ein unterschriftsreifer Vertrag liege ihm jedoch noch nicht vor, sagte eine Sprecherin. Aus Unternehmenskreisen verlautete zudem, bislang sei unklar, wer genau hinter dem Konsortium stecke. Das erschwere konkretere Verhandlungen. Zudem müsse geprüft werden, wie ernst das Interesse zu nehmen sei. Hinter der Auseinandersetzung stecken daneben aber offenbar auch handfeste Meinungsverschiedenheiten über den Kaufpreis. Nach SZ-Informationen waren die Gespräche mit dem Bieter schon weit fortgeschritten. Nach Angaben aus Verhandlungskreisen hatte Prager jedoch signalisiert, dass der gebotene Preis weit unter den bei einer Zerschlagung von BenQ Mobile zu erzielenden Werten liege. Die Investoren seien jedoch nicht bereit, ihr Angebot zu erhöhen. Den Beschäftigten in der Handyproduktion macht die Offerte zwar Hoffnung. Doch in Branchenkreisen wurde vor allzu großen Erwartungen auf eine Rettung von BenQ gewarnt. Das Angebot sei an eine Reihe von Bedingungen geknüpft, hieß es. So verlangen die Interessenten, für eine Umsetzung ihres Konzepts müssten "wirtschaftliche Eckpunkte" unter anderem mit den Landesregierungen von Bayern und Nordrhein-Westfalen geklärt werden. Unklar war, ob damit Subventionen gemeint sind. Nötig sei auch die Unterstützung der Beschäftigungsfirmen, bei denen rund 2300 der ehemals 3000 BenQ-Mitarbeiter seit dem Jahreswechsel angestellt sind. Von Zulieferbetrieben habe das Konsortium bereits Unterstützung für seine Pläne signalisiert bekommen. Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaften reagierten am Donnerstag zunächst zurückhaltend. Das Angebot der Investorengruppe sei ein Silberstreif am Horizont, sagte ein Sprecher der IG Metall. "Wir kennen aber derzeit weder das genaue Geschäftsmodell noch Details der geplanten Finanzierung." Für die Gewerkschaft habe eine Fortführung mit dem Erhalt von möglichst vielen Arbeitsplätzen aber in jedem Fall Priorität vor allen anderen Modellen. BenQ Mobile ist seit Ende September zahlungsunfähig, nachdem die taiwanische Konzernmutter BenQ nur etwa ein Jahr nach der Übernahme des Geschäfts von Siemens der verlustträchtigen Tochter den Geldhahn zugedreht hatte. Am 1. Januar hat das Amtsgericht München das Insolvenzverfahren über den Handyhersteller eröffnet.
Angeblich sieht das Konzept der möglichen Käufer vor, dass in Deutschland weiterhin Handy produziert werden. Doch wer hinter dem Konsortium steckt, ist unklar.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/raetselhafte-offerte-us-gruppe-will-benq-kaufen-1.903591
Rätselhafte Offerte - US-Gruppe will BenQ kaufen
00/05/2010
Wer deckte die Schmiergeld-Geschäfte bei Siemens? Neue Dokumente legen den Schluss nahe, dass einzelne Vorstände schon im Dezember 2004 gewarnt waren. Der letzte Tag als Konzernchef war für Heinrich von Pierer ein "bewegendes Erlebnis". Die Aktionäre von Siemens dankten dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden bei der Hauptversammlung am 27. Januar 2005 in München für seinen "hervorragenden Einsatz". Er übergebe ein gut bestelltes Haus. Pierer sah das ebenso: "Ich gehe mit einem guten Gefühl." Anderswo im Konzern war die Stimmung zu diesem Zeitpunkt längst nicht so gut. Denn einige Top-Manager bis hinauf in den Vorstand waren laut internen Dokumenten schon damals darüber informiert, dass es in dem Unternehmen Probleme wegen geheimer Konten und dubioser Beraterverträge gibt - ein Verdacht, der erst zwei Jahre später, im Zuge der Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft, auch in die Öffentlichkeit gelangte. Bei internen Untersuchungen aufgetaucht Die Papiere sind jetzt bei den internen Untersuchungen aufgetaucht, die die amerikanische Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton im Auftrag von Siemens durchführt. Den Dokumenten zufolge schlug der seinerzeitige Antikorruptionsbeauftragte Albrecht Schäfer bereits Ende 2004 wegen Alarm: Es solle eine Untersuchung eingeleitet und ein Krisenstab eingesetzt werden; außerdem sollten Beraterverträge sofort gekündigt werden. Sogar Vorstandschef Heinrich von Pierer sollte Anfang 2005 angeblich eingeschaltet werden. Die SZ fragte bei Pierer an, ob dies geschehen sei. Der ehemalige Konzernchef antwortete über seinen Anwalt, er sei nicht eingeschaltet worden. Erst fast zwei Jahre später, im November 2006, flog der Schmiergeldskandal bei Siemens schließlich auf, nach einer Großrazzia der Staatsanwaltschaft. Frühere Enttarnung verhindert Irgendjemand mit genügend Macht und genügend Einfluss - dieser Schluss liegt angesichts der neu aufgetauchten Dokumente nahe - muss verhindert haben, dass die schwarzen Kassen vorher enttarnt wurden. Waren es einzelne Vorstände, gar aus dem Zentralvorstand, dem innersten Machtzirkel? Wer die größte Krise in der Geschichte von Siemens zu verantworten hat, das könnte in einem Prozess beim Münchner Arbeitsgericht zur Sprache kommen. Schäfer, 59, klagt dort gegen seine Anfang August erfolgte Kündigung. Siemens wirft dem Juristen vor, den Gesamtvorstand und den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats unzureichend über interne Hinweise auf Gesetzesverstöße unterrichtet zu haben. Erste Verhandlung brachte keine neuen Erkenntnisse Schäfer bestreitet das. Eine erste Verhandlung am Montag brachte keine neuen Erkenntnisse. Siemens beharrte auf der Kündigung und lehnte jeglichen Vergleich strikt ab. Das frühere Vertrauensverhältnis sei so erschüttert, dass eine weitere Beschäftigung von Schäfer nicht mehr zumutbar sei, erklärte der Konzernanwalt, Schäfers Advokat widersprach. Das Gericht vertagte sich auf den 9. Januar 2008. Den neuen Dokumenten zufolge hat Schäfer schon Ende 2004 zumindest einzelne Vorstände über brisante Vorgänge informiert. Die Unterlagen sind auf Ende 2004 datiert. Tarnkonten in Liechtenstein aufgeflogen Damals waren Tarnkonten in Liechtenstein aufgeflogen, die Reinhard S. verwaltet hatte, ein Spezialist für geheime Geldflüsse. Die Staatsanwaltschaft in Vaduz leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche gegen den früheren Direktor aus der Sparte Telekommunikation (Com) ein. Der zu dieser Zeit für Com zuständige Vorstand Thomas Ganswindt erfuhr an Weihnachten 2004 von dem Verfahren in Liechtenstein, wie er später als Beschuldigter bei der Staatsanwaltschaft in München aussagte. Da sei ihm die "ganze Dimension" bewusst geworden, nachdem ihn Reinhard S. schon früher über hohe Zahlungen in anderen Ländern unterrichtet habe, erzählte Ganswindt den Münchner Ermittlern. Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Gespräche mit Pierer stattgefunden haben sollen..
Wer deckte die Schmiergeld-Geschäfte bei Siemens? Neue Dokumente legen den Schluss nahe, dass einzelne Vorstände schon im Dezember 2004 gewarnt waren.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-korruptionsskandal-wir-bilden-einen-krisenstab-1.888877
"Siemens-Korruptionsskandal - ""Wir bilden einen Krisenstab"""
00/05/2010
Nach den Einbußen bei Ferngesprächen muss die Telekom nun auch im Ortsnetz einen kräftigen Kundenschwund befürchten: Bis zum Jahresende rechnet der Ex-Monopolist mit einem Rückgang des Marktanteils um 20 Prozent. Das kündigte Josef Brauner, Chef der Festnetzsparte T-Com, gestern im Vorfeld der Internationalen Funkausstellung in Berlin an. Ende 2002 lag der Telekom-Anteil im Ortsnetz noch bei 95 Prozent. Vor zwei Wochen dann teilte der Marktführer auf seiner Halbjahrespressekonferenz mit, dass er in der ersten Jahreshälfte 2003 weitere 5 Prozent abgeben musste. Brauner zufolge wickeln inzwischen über 700.000 Telekom-Kunden ihre Ortsgespräche über die Konkurrenz ab. Insgesamt hat das Unternehmen rund 40 Millionen Kunden. Weitaus günstiger Der Grund für den Schwund: Auf Druck der Europäischen Union musste die Telekom seit Jahresbeginn auch im Ortsnetz Konkurrenz zulassen. Wie zuvor schon bei Fern- und Auslandsanrufen, können die T-Kunden seitdem auch ihre Nah-Gespräche über andere Anbieter abwickeln. Diese bieten Ortsgespräche zum Teil zu weitaus günstigeren Preisen an. Das Statistische Bundesamt berichtet heute, dass Telefonieren im laufenden Monat August 0,4 Prozent mehr kostet als noch vor einem Jahr. Hingegen seien die Ortsgespräche um 2,2 Prozent billiger geworden. Wie viele Kunden am Ende des Jahres tatsächlich weg sind, hängt laut Brauner von den künftigen Tarifen der Telekom und ihrer Wettbewerber ab. Sein Unternehmen plane beispielsweise, den Kunden gegen Aufpreis Freiminuten und kostenlose Wochenend- und Feiertags-Telefonate anzubieten. Experten: keine hohen Einbußen Branchenkenner rechnen indes nicht damit, dass es bei den Ortsgesprächen zu ähnlichen Einbußen kommt, wie bei den Fern- und Auslandsgesprächen. Dazu sei der preisliche Spielraum nach unten nicht groß genug. Zudem profitiert der Telekommunikations-Riese von den höheren Grundgebühren für analoge Telefonanschlüsse. Der Preis steigt in ein paar Tagen um 1,94 Euro auf 15,66 Euro monatlich. Die Börse reagierte dennoch nervös auf Brauners Ankündigung. Die T-Aktie rutschte um 1,2 Prozent auf 13,30 Euro ab. Im Tagesverlauf gab sie teilweise über 2 Prozent nach.
Nach den Einbußen bei Ferngesprächen muss die Telekom nun auch im Ortsnetz einen kräftigen Kundenschwund befürchten: Bis zum Jahresende rechnet der Ex-Monopolist mit einem Rückgang des Marktanteils um 20 Prozent.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-telekom-immer-groessere-risse-im-ortsnetz-1.904623
Deutsche Telekom - Immer größere Risse im Ortsnetz
00/05/2010
Mit dem Beginn der angekündigten Streikwelle trägt die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) plötzlich die Hauptverantwortung für die verhärteten Fronten im Tarifstreit mit der Bahn. Hätte die GDL taktische Fehler vermieden, läge der Schwarze Peter jetzt bei den Bahn-Managern. Über den Tarifstreit zwischen der Bahn und der Gewerkschaft der Lokführer schütteln Beobachter schon längere Zeit den Kopf. Das Verständnis dafür schwindet, dass seit mehreren Monaten quasi kein Fortschritt bei den Verhandlungen zu erzielen ist. Bislang wurden beide Seiten gleichermaßen für die Verhärtung der Fronten verantwortlich gemacht, was in erster Linie an den Hauptkontrahenten lag: Bahnchef Hartmut Mehdorn und der GDL-Vorsitzende Manfred Schell gelten beide als stur, streitsüchtig und aufbrausend. Jenseits der inhaltlichen Auseinandersetzung hielten viele Beobacher daher einen Kompromiss für schwer erzielbar. In weiter Ferne Ein Interessenausgleich liegt nach wie vor in weiter Ferne, wie die furiose Ankündigung einer Streikwelle durch die GDL am Mittwoch belegt. Doch die Verantwortung für die ausbleibende Annäherung wird nun mehr und mehr der GDL zugeschoben, was je nach Blickrichtung gerecht oder ungerecht ist. Gerechtfertigt sind die Vorwürfe an die Adresse der Gewerkschaft, weil sie im Augenblick verheerende PR-Fehler begeht: Die Entscheidung des GDL-Vorsitzenden auf dem Höhepunkt des Tarifstreits eine Kur anzutreten, ist schlicht abenteuerlich. Eine Tarifpartei, bei der im wichtigsten Moment der wichtigste Mann mit fadenscheinigen Argumenten von Bord geht, muss sich zu Recht fragen lassen, ob sie noch handlungsfähig ist. Könnte es sogar sein, dass bei der GDL ein interner Machtkampf ausgebrochen ist? So abwegig ist der Verdacht nicht. Bürger, die im Berufsverkehr im Stau stehen, dürften jedenfalls wenig Verständnis für den kurenden Gewerkschaftschef aufbringen. Schwer vermittelbar Unabhängig von der jüngsten Eskapade Schells kristallisiert sich aber auch heraus, dass sich die GDL in den vergangenen Monaten taktisch unklug verhalten hat. Denn die jetzt angekündigte Verschärfung der Streiks ist schwer vermittelbar. Dafür wogt diese Tarifauseinandersetzung schon viel zu lange hin und her. In einer früheren Phase der Auseinandersetzung wäre diese Härte noch besser zu erklären gewesen - doch inzwischen kann die Bahn darauf verweisen, dass sie fünf Angebote vorgelegt hat, die alle vom Tisch gewischt wurden. Es ist allerdings auch ein hinterhältiges Argument, das die Bahn gebraucht. Es demonstriert, dass die GDL möglicherweise auch zu Unrecht als scharfmacherisch und betonköpfig abqualifiziert wird. Denn die Kernforderung der Lokführer nach einem eigenständigen Tarifvertrag hat die Bahn nach fünf Anläufen noch immer nicht erfüllt - und auch das ist schwer nachzuvollziehen. Ein berechtigtes Anliegen Denn so unverschämt und haltlos ist dieses Kernanliegen der GDL nicht: Splittergewerkschaften, wie die der Ärzte oder der Piloten, setzen bereits seit einiger Zeit eigene Tarifwerke durch. Es ist das gute Recht der Lokführer, dieses Ziel ebenfalls anzustreben. Wäre die Bahn in dieser Frage auf die GDL zugegangen, würden die Lokführer und die Bahn vermutlich bereits über die ebenfalls geforderten Lohnerhöhungen verhandeln - und sich vermutlich bald einigen. Die Kernfrage dieses Tarifstreits bleibt die Forderung der GDL nach einem eigenen Tarifvertrag. Wer in dieser Frage die Oberhand behält, liegt allein an der Streikfähigkeit der Lokführer. Diese ist zuletzt geschwächt worden. Denn eine Tarifpartei, die durch taktische Fehler und PR-Pannen die Öffentlichkeit gegen sich aufbringt, hat einen Gegner mehr.
Mit dem Beginn der angekündigten Streikwelle trägt die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) plötzlich die Hauptverantwortung für die verhärteten Fronten im Tarifstreit mit der Bahn. Hätte die GDL taktische Fehler vermieden, läge der Schwarze Peter jetzt bei den Bahn-Managern.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gewerkschaft-der-lokfuehrer-schwaechen-im-moment-der-staerke-1.891192
Gewerkschaft der Lokführer - Schwächen im Moment der Stärke
00/05/2010
Aufsichtsratschef Cromme nennt General Electric als Vorbild bei der Compliance: Ethik und Anstand sind durch strenge Maßregeln im Unternehmen durchgesetzt worden - Löscher hat dort gearbeitet. Der designierte Siemens-Chef Peter Löscher arbeitete zeitweise für den amerikanischen Mischkonzern General Electric (GE), der einer der Hauptkonkurrenten von Siemens ist, aber - anders als die Münchner - als vorbildlich bei der sogenannten Compliance gilt. Compliance-Organisationen in Unternehmen sollen für Ethik und Anstand im Geschäft sorgen. Der Begriff steht für ein ganzheitliches Organisationsmodell, das für die Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen und internen Standards sorgen soll. Compliance-Abteilungen in Unternehmen haben vor allem die Aufgabe, Gesetzesverstöße zu verhindern oder zumindest abzustellen. Die Compliance-Abteilung von Siemens hatte versagt. GE-System als "herausragend" gepriesen Ein ehemaliger Mitarbeiter der Anti-Korruptionseinheit steht sogar im Verdacht, dem Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats wesentliche Hinweise auf systematische Korruption verschwiegen zu haben. Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hat in internen Diskussionen das GE-System als "herausragend" gepriesen. So müsse man es machen. Compliance hat bei dem US-Konzern (164,4 Milliarden Umsatz, mehr als 300.000 Beschäftigte) eine lange Tradition. Vor 63 Jahren bereits wurde bei GE der "Green Binder" eingeführt, der die damaligen Regeln der Firma enthielt. Dieses Buch wurde immer wieder aktualisiert. Seit 1993 gibt es bei GE eine Handlungsanweisung namens "Spirit & Letter". "Spirit" steht für Ethik und faires, vertrauenswürdiges Verhalten in allen Tätigkeiten und Geschäftsbeziehungen. Pyramidenstruktur der Compliance-Abteilung "Letter" steht für Richtlinien mit konkreter Handlungsanweisung. Seit fünf Jahren gibt es bei GE zudem einen "Integrity Guide für Leaders". Die Compliance-Abteilung ist bei GE als Pyramidenstruktur aufgebaut. An der Spitze steht der Senior Vice President und Senior Counsel, darunter sind die Chief Compliance Officer der sechs Geschäftsbereiche des Konzerns. Weltweit gibt es mehr als 550 Compliance-Officers bei GE. Nach Einschätzungen von GE-Managern werden zwanzig bis vierzig Prozent des Aktienkurses von Compliance beeinflusst. Siemens hat im Zuge der Krise seine Compliance-Abteilung, die fast 900 Mitarbeiter in den zehn Geschäftsbereichen umfasst, neu aufgestellt. Neuer Chef wurde der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Daniel Noa, der sich Anfang Januar dieses Jahres von seiner Behörde beurlauben ließ, um in die Dienste der Siemens AG einzutreten. Im Notfall "null Toleranz" Noa will einen unternehmenseigenen Apparat mit Abteilungen schaffen, die spezialisiert sind auf Revision, Forensic Accounting, Sicherheit und Schulung. Sie sollen aktiv auf die Einhaltung der Anstandsregeln drängen und im Notfall "null Toleranz" zeigen. Die Münchner wollen GE nacheifern. In Münchner Justizkreisen ist man allerdings skeptisch, ob sich US-Firmen tatsächlich so sauber verhalten, wie von dortigen Managern kolportiert wird. Einige Beschuldigte im Siemens-Verfahren haben gegenüber der Staatsanwaltschaft behauptet, auch die amerikanischen Kollegen hätten so ihre Tricks. Sie würden die Regelverstöße nur besser kaschieren. Beispielsweise mit Hilfe von Vermittlern, die im jeweiligen Exportland Schmiergeld zahlten. Die US-Firmen hätten dann damit offiziell nichts zu tun.
Aufsichtsratschef Cromme nennt General Electric als Vorbild bei der Compliance: Ethik und Anstand sind durch strenge Maßregeln im Unternehmen durchgesetzt worden - Löscher hat dort gearbeitet.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neue-wege-bei-siemens-so-muessen-wir-korruption-bekaempfen-1.906397
"Neue Wege bei Siemens - ""So müssen wir Korruption bekämpfen"""
00/05/2010
Verkehrsminister Tiefensee und Bahnchef Mehdorn reden offenbar aneinander vorbei: Während der Minister davon ausgeht, dass die Bahn ihre umstrittenen Umzugspläne von Berlin nach Hamburg begraben habe, sieht das der Manager ganz anders: Teile der Zentrale können nach wie vor umziehen. Hintergrund sind Pläne der Bahn, bei der Hamburger Hafen- und Logistik AG (HHLA) und der Hamburger Hochbahn (HHA) einzusteigen. Zur Bedingung hatte der Hamburger Senat gemacht, dass die Bahn ihre Konzernzentrale von Berlin nach Hamburg verlagere. Detailansicht öffnen Steuern womöglich auf ein Zerwürfnis zu: Verkehrsminister Tiefensee und Bahnchef Mehdorn. (Foto: Foto: ddp) Zuletzt hatte Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) vor wenigen Tagen auf einem solchen Koppelgeschäft bestanden: Ohne Umzug der Zentrale komme ein Einstieg der Bahn bei den beiden städtischen Unternehmen nicht in Frage. Doch die Verhandlungen mit Hamburg könnten nun zu einem ernsten Zerwürfnis zwischen Mehdorn und Tiefensee führen. Tiefensee hatte bereits Ende November, kurz nach Bekanntwerden der Überlegungen, einen Umzug der Bahn aus "strukturpolitischen Gründen" ausgeschlossen. Gespräch am Donnerstagmorgen Am Donnerstagmorgen hatte Tiefensee erneut mit Mehdorn gesprochen. Dabei ging es auch um die Verlegung der Konzernzentrale. "Mehdorn hat dem Verkehrsminister zugesagt, dass ein Umzug nicht zur Debatte steht", sagte eine Tiefensee-Sprecherin kurz darauf. Doch die Bahn dementiert: Fest stehe nur, dass der Konzernsitz in Berlin bleibe. Dies habe Mehdorn dem Minister auch zugesagt, sagte ein Bahn-Sprecher. Allerdings gebe es einen feinen Unterschied zwischen Konzernsitz und -zentrale. "Dass Berlin Sitz des Unternehmens bleiben würde, stand nie in Frage", sagte der Sprecher. Dies schließe allerdings nicht aus, das "zentrale Bereiche" nach Hamburg umzögen. So sei die "Minimallösung", dass der Konzernbereich Logistik, der unter anderem die Bahntöchter Schenker und Railion verwaltet, an die Elbe zieht. Ein Vorstand, zwei Büros Denkbar sei aber auch eine Lösung, bei der Konzernvorstände zwei Büros unterhielten, also sowohl in Hamburg als auch Berlin arbeiteten. "Es hat sich nichts geändert an dem, was wir immer gesagt haben", sagte der Sprecher. Entscheidungen über Umzugsfragen würden erst am Ende dieses Prozesses getroffen. Dahinter steckt offenbar weit mehr als nur Wortklauberei. Für eine Verlagerung des Konzernsitzes müsste die Satzung der Bahn geändert werden, die Hauptversammlung, sprich der Bund, müsste zustimmen. Zieht dagegen einfach nur der Vorstand in ein anders Gebäude in einer anderen Stadt, entfällt dieser Umweg. Steuerrechtlich ist es unerheblich, wo die Gesellschaft ihren Sitz hat. So ist es aus Hamburger Sicht auch viel entscheidender, möglichst viele Funktionen und damit Arbeitsplätze zu bekommen. Die Gewerbesteuer wird anteilig auf die Gemeinden verteilt, in denen die Beschäftigten arbeiten. Gelassenheit in Hamburg Entsprechend gelassen fiel auch die Reaktion in Hamburg aus. "Der Hamburger Senat wird die Gespräche fortsetzen", sagte der Erste Bürgermeister Ole von Beust. Er rechnet damit, dass etwa Mitte März ein bewertbares Ergebnis vorliegt. Grundlage soll weiterhin das "Denkmodell" sein, das Finanzsenator Wolfgang Peiner und der Bahn-Finanzvorstand Diethelm Sack bereits im November erarbeitet hatten. Darin wird der Wille einer intensiveren Zusammenarbeit festgeschrieben und folgende Verabredung getroffen: Die Bahn soll sich schrittweise an HHLA und HHA beteiligen und Vorstand, Konzernleitung und Konzernfunktionen nach Hamburg verlegen. Er habe keinen Hinweis darauf, dass der Bahn-Vorstand von diesen Grundsätzen abweiche, sagte von Beust. Dagegen geht man im Berliner Senat davon aus, dass eine Verlagerung der Konzernzentrale nun endgültig vom Tisch ist."Ich freue mich, dass nun endgültige Klarheit herrscht. Klare Position Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Bahn in der Hauptstadt bleiben wird", sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) sagte, es sei gut, dass der Vorstand der Bahn "klar Position" bezogen habe.
Verkehrsminister Tiefensee und Bahnchef Mehdorn reden offenbar aneinander vorbei: Während der Minister davon ausgeht, dass die Bahn ihre umstrittenen Umzugspläne von Berlin nach Hamburg begraben habe, sieht das der Manager ganz anders: Teile der Zentrale können nach wie vor umziehen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bahn-umzug-mehdorn-vor-machtprobe-mit-tiefensee-1.902424
Bahn-Umzug - Mehdorn vor Machtprobe mit Tiefensee
00/05/2010
Das Landesgericht Düsseldorf hat die Anklage gegen Josef Ackermann zugelassen. Neben ihm auf der Anklage-Bank sitzen fünf weitere Topmanager. Ackermann und Kollegen hatten bei der Übernahme von Mannesmann Millionen-Abfindungen genehmigt. (SZ vom 20. September 2003) Neben Ackermann müssen sich der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser, dessen Vorgänger Joachim Funk sowie der ehemalige IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel und zwei weitere Personen wegen des Verdachts schwerer Untreue beziehungsweise Beihilfe zur Untreue verantworten. Der Prozess wird voraussichtlich noch im Spätherbst beginnen. Es wird mit einer monatelangen Verfahrensdauer gerechnet. Sieben Monate lang hatten sich die Richter der 14. Wirtschaftsstrafkammer des Düsseldorfer Landgerichts mit der Frage befasst, ob sie die nach zweijähriger Ermittlungsarbeit gefertigte 460 Seiten dicke Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Ackermann und die anderen Beschuldigten zulassen sollte. 460 Seiten Anklageschrift Bis Mitte Juli hatten deren Verteidiger neue Schutzschriften, Beweisanträge und umfangreiche Gutachten eingereicht. Das Gericht wird die Umstände bei der größten Übernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte im Frühjahr 2000 klären. Nach der Niederlage Mannesmanns bei der Übernahmeschlacht mit dem britischen Mobilfunkbetreiber Vodafone wurden etwa 111 Millionen Mark an Esser, Funk sowie Vorstandsmitglieder und an 18 Pensionäre und deren Angehörige verteilt. Zwickel, Ackermann und Funk, die in einem Aufsichtsratsausschuss für Vorstandsangelegenheiten saßen, sorgten dafür, dass das Geld floss. Aus Sicht der Ermittler wurden die Geldzahlungen im Jahr 2000 in großer Eile und ohne Rechtsgrundlage durchgepeitscht. Der Hauptvorwurf konzentriert sich auf Funk, der damals Aufsichtsratschef war, und auf Esser. Beide hätten sich unrechtmäßig bereichert. Die Sonderzahlungen waren nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Bedingung für eine Zustimmung Essers zu einer freundlichen Übernahme von Mannesmann durch Vodafone. Die Zahlung der riesigen Millionensummen hätten nicht im Interesse Mannesmanns gelegen. Wirtschaftsprüfer hatten damals aus formalen und inhaltlichen Gründen erhebliche Bedenken angemeldet. Deutsche Bank: Ackermann hat unsere volle Unterstützung Die Angeschuldigten, allen voran Ackermann und Esser, hatten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft als "haltlos" bezeichnet. Ackermann hatte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erklärt, die Beschuldigungen entbehrten jeder Grundlage. Die Deutsche Bank verbreitete eine Information an die Mitarbeiter des Vorstandes, dass Ackermann die "volle Unterstützung des Aufsichtsrats, des Vorstands und des Group Executive Committees der Deutschen Bank" habe. Das Management sei "nach wie vor überzeugt, dass Dr. Ackermann sich zu jeder Zeit korrekt und sachgerecht verhalten hat und hält die gegen ihn erhobene Anklage für unbegründet. Dr. Ackermann wird seine persönliche Integrität und seine Entscheidungen während der Vodafone/Mannesmann-Übernahme mit allem Nachdruck verteidigen." Die Deutsche Bank hoffe, dass " in dieser Angelegenheit, die weitreichende Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben kann, Recht und Vernunft sich durchsetzen werden." Prozess wird Mammuth-Verfahren Damit werden Spekulationen beendet, dass Ackermann bei Zulassung der Anklage seinen Posten bei der Deutschen Bank räumen werde. Der 55-jährige Banker hatte allerdings schon vorher erklärt, dass er unschuldig sei und kämpfen werde. In dem etwa 20-seitigen Beschluss des Landgerichts, der den Beschuldigten gestern zugestellt wurde, gehen die Richter auch ausführlich auf Pensionszahlungen ein. 63 509 794 Mark waren pensionierten Vorstandsmitgliedern oder deren Angehörigen zugute gekommen. Der Prozess wird ein Mammutverfahren werden, in dem auch juristisches Neuland beschritten wird. Die zuständige Kammer hat die Anklage in den wesentlichen Punkten in vollem Umfang zugelassen.
Das Landesgericht Düsseldorf hat die Anklage gegen Josef Ackermann zugelassen. Neben ihm auf der Anklage-Bank sitzen fünf weitere Topmanager. Ackermann und Kollegen hatten bei der Übernahme von Mannesmann Millionen-Abfindungen genehmigt.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mannesmann-affaere-chef-der-deutschen-bank-muss-vor-gericht-1.899652
Mannesmann-Affäre - Chef der Deutschen Bank muss vor Gericht
00/05/2010
Zwischen dem Bund und der Betreiberfirma des Lkw-Mautsystems Toll Collect ist ein Streit darüber ausgebrochen, wer die Haftung für den verspäteten Start des Systems übernimmt. Für eine volle Geltendmachung seiner Ansprüche muss der Bund Toll Collect wohl Vorsatz nachweisen. Es geht womöglich um Milliarden. Klar ist, dass die Verspätung der Lkw-Maut jeden Monat ein Loch von 156 Millionen Euro in den Etat von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) reißt. Nicht klar ist dagegen, wer für den Schaden aufkommt. Darüber tobt seit Wochen ein mehr oder weniger offener Streit zwischen Stolpes Ministerium und dem Betreiberkonsortium Toll Collect um DaimlerChrysler und Deutsche Telekom. Inzwischen hat der Minister sogar die Anwaltskanzlei Linklaters eingeschaltet. Die entscheidende Frage lautet: Kommt Toll Collect mit den vergleichsweise bescheidenen Vertragsstrafen davon - oder hat der Bund darüber hinaus Anspruch auf Schadenersatz? Von A bis Z durchstrukturiert In dem 200 Seiten langen, von A bis Z durchstrukturierten Kernvertrag zu der Public Private Partnership (PPP) zwischen Bund und Mautkonsortium sind unter Punkt N die Vertragsstrafen und Haftungsregelungen zu finden. Demnach muss Toll Collect pro Tag 250.000 Euro Vertragsstrafe zahlen, wenn das Mautsystem drei Monate nach dem vereinbarten Starttermin 31. August 2003 immer noch nicht läuft. Ab 1. Dezember müsste Toll Collect also jeden Monat rund 7,5 Millionen Euro zahlen. Ab 1. April 2004 würde sich die Strafe auf 500.000 Euro pro Tag oder rund 15 Millionen Euro pro Monat verdoppeln. Neben dieser Strafe ist aber laut Vertrag die so genannte verschuldensabhängige Haftung ausgeschlossen. Will heißen: Selbst wenn Toll Collect den Start der Maut aus grober Fahrlässigkeit verschuldet hat, hat der Bund keinen Anspruch auf Schadenersatz. Den gäbe es nur dann, wenn das Konsortium die Verspätung vorsätzlich herbeigeführt oder in Kauf genommen hätte. Denn laut Bürgerlichem Gesetzbuch sind Verträge, die eine Haftung bei Vorsatz ausschließen, nicht zulässig. Vorsatz muss nachgewiesen werden Um im Konfliktfall vor Gericht Schadenersatzansprüche durchzusetzen, müsste der Bund den Betreibern also zumindest einen bedingten Vorsatz bei der Verzögerung des Mautstarts nachweisen. Aus diesem Grund haben Stolpe und seine Sprecher in den vergangenen Wochen wiederholt betont, dass Toll Collect das Ministerium und auch den Bundestag noch im Sommer bewusst falsch über den technischen Entwicklungsstand des Mautsystems und die Einhaltbarkeit des Starttermins informiert habe. Die Anwaltskanzlei Linklaters geht laut Financial Times Deutschland davon aus, dass Toll Collect sogar schon bei Vertragsabschluss im September 2002 wusste, dass der Starttermin 31. August nicht zu halten sein würde. "Absurd" Dies hat Toll Collect stets konsequent von sich gewiesen. Der Vorwurf des Vorsatzes sei "absurd", betont ein Sprecher des Konsortiums. Die Mautbetreiber weigern sich demnach sogar, mit dem Ministerium auch nur über Schadenersatzfragen zu verhandeln. Diese seien "vertraglich klar geregelt", sagt der Sprecher. Und laut zwei unabhängigen Rechtsgutachten über den Mautvertrag, die die ARD kürzlich in Auftrag gegeben hatte, hätten die Konsortialfirmen bei einem Rechtsstreit die besseren Karten. Denn, so der Berliner Rechtsprofessor Christoph Paulus: Einen Vorsatz vor Gericht zu beweisen, sei "erfahrungsgemäß" nicht möglich.
Zwischen dem Bund und der Betreiberfirma des Lkw-Mautsystems Toll Collect ist ein Streit darüber ausgebrochen, wer die Haftung für den verspäteten Start des Systems übernimmt. Für eine volle Geltendmachung seiner Ansprüche muss der Bund Toll Collect wohl Vorsatz nachweisen.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/juristischer-hintergrund-der-streit-um-die-entschaedigungsregeln-des-mautvertrags-1.900760
Juristischer Hintergrund - Der Streit um die Entschädigungsregeln des Mautvertrags
00/05/2010
Kai-Uwe Ricke sitzt derzeit auf einem heißen Stuhl: Am morgigen Donnerstag wird der Telekom-Chef mäßige Halbjahreszahlen erklären müssen. Mit dem Gemunkel über seine Zukunft muss er wohl weiterhin klar kommen. Es war der 24.April, ein Montag, als die Heuschrecken in das Leben von Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke einfielen. Schon früh an jenem Morgen meldeten die Nachrichtenagenturen aufgeregt, dass die Bundesregierung einen Teil ihrer Telekom-Aktien an den ausländischen Finanzinvestor Blackstone verhökern werde. Detailansicht öffnen Kai-Uwe Ricke steht unter Druck. Investoren bemängeln seine Führungsschwäche. (Foto: Foto: dpa) Ausgerechnet an eine dieser Finanzgesellschaften, die der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering einst als Heuschrecken verunglimpft hatte, weil sie so rücksichtslos mit ihren Firmen umgingen, hatte die Bundesregierung ein 2,68 Milliarden Euro teures Paket des deutschen Telefon-Riesen verkauft. Eine ganze Stunde lang versuchte Steinbrück an jenem Tag auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz, die Brisanz dieses Geschäftes herunterzuspielen. Dieser Verkauf sei eine ,,sehr gute Nachricht''. Er sei außerordentlich froh, so sagte Steinbrück, einen so erfahrenen Partner gewonnen zu haben; dessen Expertise wolle er nun nutzen. Gute Miene zum bösen Spiel Kai-Uwe Ricke saß an diesem Tag in Bonn und machte gute Miene zum bösen Spiel. Dieser neue Gesellschafter hatte ihm gerade noch gefehlt. Die amerikanisch-britische Gesellschaft hat zwar nur 4,5 Prozent der Aktien des Bonner Konzerns. Doch Ricke, der von vielen Seiten für seine undurchsichtige Konzernstrategie und den stetig fallenden Aktienkurs der Telekom kritisiert wird, musste zur Kenntnis nehmen, dass er von jetzt an nicht mehr allein den Kurs des Unternehmens mit seinen weltweit 243.000 Mitarbeitern bestimmt. Die neuen Aktionäre würden in den Aufsichtsrat einrücken und kräftig auf die Strategie Einfluss nehmen - gemeinsam mit dem Bund, der noch immer 32 Prozent der Telekom hält. Schallende Ohrfeige Besonders ärgerlich ist für Ricke, dass Blackstone einen einflussreichen Berater hat, von dem es in der Branche heißt, er sei nicht gut auf Ricke zu sprechen - Ron Sommer, den Vorgänger des Telekom-Chefs. Für Ricke war der Einstieg von Blackstone deshalb eine schallende Ohrfeige. An diesem Donnerstag wird es wieder einen unangenehmen Tag für den 44-Jährigen geben. Dann muss der hoch gewachsene Manager in der Bonner Konzernzentrale den aus ganz Deutschland angereisten Journalisten die Geschäftszahlen für das erste Halbjahr 2006 erklären. Dabei wird ihm die eine oder andere Schweißperle auf der Stirn stehen, denn die Zahlen werden nicht gut sein. Schon seit Wochen spekulieren die Fachleute in den Investment-Banken darüber, dass Ricke wahrscheinlich einige seiner Ziele für dieses Jahr nach unten korrigieren muss. Das gilt bei den Analysten als Todsünde. Das Blitzlichtgewitter der Fotografen, das bei solchen Gelegenheit minutenlang über Ricke niedergeht, wird an diesem Sommermorgen vermutlich noch etwas länger als sonst dauern. Denn unmittelbar nach der Pressekonferenz dürfte es erneute Spekulationen darüber geben, ob Rickes Tage als Chef der Telekom gezählt sind Mann der Zurückhaltung Noch bis vor gut einem Jahr konnte der jugendlich wirkende Krefelder solche Auftritte genießen. Nach dem spektakulären Rücktritt seines Vorgängers Ron Sommer Ende 2002, der aus dem ehemaligen Staatsbetrieb und Beamtenladen einen weltweit agierenden Konzern machte, galt Ricke als Mann der Zurückhaltung und der Konsolidierung. Doch nach knapp vier Jahren ist sein Ruhm als Retter in der Not verblasst. Fast überall gibt es Probleme in dem riesigen Konzern.
Kai-Uwe Ricke sitzt derzeit auf einem heißen Stuhl: Am morgigen Donnerstag wird der Telekom-Chef mäßige Halbjahreszahlen erklären müssen. Mit dem Gemunkel über seine Zukunft muss er wohl weiterhin klar kommen.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-telekom-leitungsprobleme-nicht-nur-beim-telefon-1.906681
Deutsche Telekom - Leitungsprobleme nicht nur beim Telefon
00/05/2010
Die Stadtwerke fürchten, im Wettbewerb mit den Branchengrößen in die Bedeutungslosigkeit zu geraten. Eine Gruppe von acht kommunal geführten Stadtwerken will jetzt im Oligopol der großen Vier eine fünfte Kraft bilden. Die acht Stadtwerke sind alle mehrheitlich in kommunalem Besitz und wollen ihren bisherigen regionalen Wirkungskreis verlassen, um künftig mehr Strom und Gas auch bundesweit zu verkaufen. "Wir wollen uns als fünfte Kraft am Markt positionieren", sagte Michael G. Feist, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Hannover AG, der SZ. Die Unternehmen reagieren damit auf die Anstrengungen der großen Energiekonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall, die unter dem Druck der Politik den Wettbewerb anheizen und den Verbrauchern bundesweit verstärkt Angebote machen wollen. So hat Eon als erster Vertreter des Oligopols vor wenigen Wochen solche Bestrebungen verkündet: Mit der Marke ,,E wie einfach" will Eon Erdgas künftig überall um zwei Cent je Kubikmeter billiger anbieten als der ortsübliche Tarif; Strom von Eon soll stets um einen Cent je Kilowattstunde unter dem Grundtarif der jeweiligen Stadtwerke oder Regionalversorger liegen. Der Wettbewerber RWE plant mit seiner Marke ,,Eprimo'' für den Herbst ebenfalls den bundesweiten Auftritt. ,,Da wird es natürlich Interessenkonflikte geben'', sagte Feist dazu, zumal sich Stadtwerke und Großkonzerne bei diversen Kraftwerken auch im Eigentümerkreis wiederträfen. Lobbyarbeit in Berlin Zu dem ,,8KU'' genannten Verbund gehören neben den Stadtwerken Hannover die Stadtwerke in München, Darmstadt, Frankfurt am Main, Mannheim, Nürnberg, Köln und Leipzig. Zusammen repräsentieren die Unternehmen einen Umsatz (2005) von 14 Milliarden Euro und beschäftigen 27.000 Mitarbeiter. Sie vertreten nach eigenen Angaben mehr als zehn Prozent des Endkundenmarktes und haben mit Kraftwerkskapazitäten von 5,2 Gigawatt einen Anteil von gut fünf Prozent an der Stromerzeugung in Deutschland. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 700 Stadtwerke. ,,8KU'' versteht sich in erster Linie als eine Interessengemeinschaft. Es ist nicht geplant, dass die acht Stadtwerke sich gemeinsam unternehmerisch engagieren, sagte Feist. Im Wesentlichen gehe es dem Verbund darum, dass die Interessen der Stadtwerke bei den derzeit in Berlin und Brüssel politisch diskutierten Wettbewerbsveränderungen am Energiemarkt berücksichtigt würden. Zu diesem Zweck wird der Verbund ein Büro in Berlin für die Lobbyarbeit aufmachen. Die acht Stadtwerke wollen im Zuge ihrer bundesweiten Expansion auch ihre eigene Stromerzeugung verstärken, um von den Schwankungen der Strombörse unabhängiger zu werden. So investieren die Stadtwerke Hannover zum Beispiel in den kommenden Jahren 350 Millionen Euro in die Erweiterung ihres Kraftwerkparks, und zwar in zwei Projekte in Frankfurt am Main (zusammen mit Eon) und in Bitterfeld. Damit werde die Kapazität von derzeit 700 Megawatt um 250 MW erhöht und Hannover werde München als die Nummer eins ablösen, sagte Feist. Er verspricht sich von den neuen eigenen Kapazitäten, dass die derzeit zugekaufte Strommenge künftig halbiert werden kann. Gegen Abtrennung der Netze Nach Ansicht von Feist kommen die Stadtwerke mit ihren Bestrebungen der Kernforderung der EU an die Energiewirtschaft entgegen, in Deutschland für mehr Wettbewerb zu sorgen. ,,Wettbewerb braucht auch starke Wettbewerber'', sagte Feist. och trotz der ständig zahlreicher werdenden Möglichkeiten sind die deutschen Verbraucher nicht besonders wechselwillig, wenn es um ihren Strom- und Gaslieferanten geht. So ist der Wechsel des Anbieters zumindest beim Strom theoretisch schon seit vielen Jahren möglich. Trotzdem haben aber bisher weniger als fünf Prozent der Haushalte ihren Anbieter gewechselt. Hinter den Bemühungen der acht Stadtwerke um mehr Wettbewerb steht aber auch die Befürchtung, dass sie im Zuge der Deregulierung in die Bedeutungslosigkeit geraten. Mit den Investitionen in eigene Kraftwerke wollen sie eine Abhängigkeit von den Großkonzernen verhindern. Deshalb ist die Gruppe gegen die von Brüssel angestrebte Trennung von Netz und Erzeugung und damit einer Meinung mit dem Oligopol. ,,Eine Trennung halten wir für überflüssig und schädlich'', sagte Feist. Investitionen würden dann zurückgefahren und die Netze dadurch unsicherer. Er hofft, dies EU-Energiekommissar Andris Piebalgs verdeutlichen zu können, der in der kommenden Woche auf der Hannover Messe zu dem Thema referieren wird.
Die Stadtwerke fürchten, im Wettbewerb mit den Branchengrößen in die Bedeutungslosigkeit zu geraten. Eine Gruppe von acht kommunal geführten Stadtwerken will jetzt im Oligopol der großen Vier eine fünfte Kraft bilden.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/allianz-der-kleinen-stadtwerke-buendeln-kraefte-gegen-konzerne-1.904835
Allianz der Kleinen - Stadtwerke bündeln Kräfte gegen Konzerne
00/05/2010
Bei der Allianz vermischt sich das Versicherungs- und das Bankgeschäft mehr und mehr. Nun sollen in den nächsten Jahren bis zu 5.000 Allianzniederlassungen zu Bankvertriebspunkten ausgebaut werden. Der Versicherer Allianz und seine Konzerntochter Dresdner Bank sehen erste Erfolge beim Ausbau des Bankgeschäfts mit Privatkunden. "In einer nur dreimonatigen Anlaufphase haben wir von Oktober bis Dezember ohne jede Werbung 10.000 neue Bank-Kunden mit einem Geschäftsvolumen von rund 300 Millionen Euro gewonnen", sagte Dresdner-Chef Herbert Walter, der gleichzeitig im Allianz-Vorstand sitzt, der Tageszeitung Die Welt. Marktanteil verdoppeln Der neue Allianz-Chef Michael Diekmann hatte bereits angekündigt, der Konzern wolle seinen Marktanteil im Bankgeschäft mit Privatkunden in Deutschland auf zehn Prozent etwa verdoppeln. Nun solle die Zahl der Agenturen, die Bankprodukte anbieten, schrittweise erweitert werden. Innerhalb von drei bis fünf Jahren sollten 5000 Versicherungsagenturen zusätzlich zu kleinen Bank-Vertriebspunkten werden, sagten Walter und Allianz-Vorstand Reiner Hagemann der Zeitung. Letztlich dürfte rund die Hälfte der 10.000 Versicherungsagenturen besonders aktiv im Bankgeschäft sein. Auch die Produktpalette solle erweitert werden. Der Boom bei den Lebensversicherungen könne durch gesetzliche Änderungen schon bald abflauen. Die Agenturen dürften aber nur ein bestimmtes Spektrum wie Konsumentenkredite, Baufinanzierungen und Wertpapierdepots anbieten. Kostensynergien greifen Walter zeigte sich zuversichtlich, mit der neuen Aufstellung das Privatkundengeschäft zu einer wichtigen Ertragssäule zu machen. "Sie werden in den kommenden Jahren Wachstumsraten von 15 bis 20 Prozent sehen." Bei den zur Übernahme versprochenen Kostensynergien liege der Konzern 20 Prozent über Plan, sagte Hagemann. Langsamer gehe es aber mit den Ertragssynergien vorwärts. "Bei den Erträgen kommen wir auf Grund des generell schwierigen Marktumfelds langsamer voran, sind aber insgesamt auf einem guten Weg."
Bei der Allianz vermischt sich das Versicherungs- und das Bankgeschäft mehr und mehr. Nun sollen in den nächsten Jahren bis zu 5.000 Allianzniederlassungen zu Bankvertriebspunkten ausgebaut werden.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/allianz-neue-produkte-in-alten-agenturen-1.900355
Allianz - Neue Produkte in alten Agenturen
00/05/2010
Eine Brille mit schlichtem Metallgestell, blaues Oberhemd, schwarzes Sakko, Geheimratsecken. Der Mann, der dem ZDF den Weg in die digitale Zukunft weisen soll, sieht nicht aus wie ein Vertreter der Internet-Avantgarde. Detailansicht öffnen Vielleicht kann man auf der Homepage des ZDF schon bald Fernsehsendungen herunterladen. (Foto: Foto: Screenshot) Und was er sagt, klingt zunächst keineswegs visionär. Er wolle die Marken ZDF und heute stärken, es gehe um "Auffindbarkeit" - das ZDF müsse seine "Inhalte dorthin bringen, wo der Nutzer ist". Sobald Robert Amlung, seit August Leiter der Hauptredaktion Neue Medien des Mainzer Senders, aber konkret wird, klingt es wegweisend für die Vereinigung von öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Internet: Amlung will die Kontrolle über die Urheberrechte fürs ZDF-Programm in begrenztem Maße aufgeben und jedem Zuschauer die weit gehend freie Verwertung von online verfügbaren Videos gestatten. Das wäre eine kleine Revolution. Vorbild BBC Vorbild ist die britische BBC, die als Teil ihrer Digitalisierungsstrategie unter Senderchef Mark Thompson derzeit ein "Creative Archive" aufbaut. Dazu bedient sie sich so genannter Creative-Commons-Lizenzen, einer Erfindung des Stanford-Juristen Lawrence Lessig im Geiste frei verfügbarer Software ("Open Source"). BBC-Zuschauer können Beiträge aus dem Archiv auf den eigenen Computer herunterladen und in ihre eigene Homepage oder ihr Weblog einbetten - in voller Länge oder nach Belieben zerschnippelt und neu montiert. Bedingung ist lediglich, dass auch in der neuen Version die BBC als Urheberin erkennbar bleibt, die Nutzung nicht kommerziell ist und keine Kampagnenzwecken verfolgt werden. So etwas hat auch der neue Chef von ZDF-Online im Sinn. "Der mündige Bürger soll Inhalte, für die er schon bezahlt hat, auch weiterverwenden dürfen", sagt Amlung. Er will Portale wie YouTube "für das ZDF nutzbar machen". Erhoffter Effekt: Die Beiträge sollen durchs Internet wandern und so neue Zuschauer, vor allem jüngere, zum Mainzer Fernsehsender locken. Das Problem des Urheberrechts Freilich kommen die meisten Videos für die Weitergabe bislang nicht in Frage: Sie sind fremdproduziert, das ZDF besitzt dafür keine Rechte. Den Anfang könnten daher eigene Sendungen wie heute machen - doch selbst dort ist die Lage vertrackt: Auch die Nachrichten setzen so genannte "Klammerteile" ein, etwa Agenturmaterial. "Rechtlich schwierig" sei das alles, sagt Amlung. Er sitzt in seinem Büro im dritten Stock des Redaktionsgebäudes auf dem Lerchenberg. Wenn er so erzählt, muss er immer wieder über "die Juristen" reden. Dann windet er seinen Kopf hin und her. Die passende Plattform für Amlungs Pläne ist schon vorhanden: Es ist die ZDF-Mediathek (www.mediathek.zdf.de), ein Portal mit Videostream, Bilderserien und Flash-Animationen, das im Sommer mit dem Deutschen Multimedia Award ausgezeichnet wurde. Derzeit umfasst sie rund 50000 Ausschnitte aus dem ZDF-Programm, vom Promi-Interview hinter den Kulissen der Show Wetten, dass..? bis zur letzten Sendung von Berlin Mitte. Jeden Monat werden die Videos rund 4,4 Millionen Mal abgerufen. Online-Dauerbrenner ist die Telenovela Julia - Wege zum Glück, von der sämtliche Folgen, bislang weit über 200, verfügbar sind. Rund 730.000 Mal breiten sich Monat für Monat Seelenschmerz und Liebesträume auch übers Internet aus.
Das ZDF will seine TV-Produktionen im Internet für alle freigeben.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vorbild-bbc-kapituliert-wird-nicht-1.903341
Vorbild BBC - Kapituliert wird nicht
00/05/2010
Seit die Großaktionärin ihren Anteil an Karstadt-Quelle stetig vergrößert, blühen die Spekulationen über die Zukunft der Handelsgruppe - doch die Milliardärin schweigt "Die wohnt hier schon irgendwo", murmelt der Mittvierziger im gelben T-Shirt, der vor seinem Haus die Straße kehrt. "Aber wo genau, weiß ich nicht." Detailansicht öffnen Das Quelle-Logo (Foto: Foto: dpa) Was eigentlich kaum vorstellbar ist, denn wer im gediegenen Fürther Stadtteil Dambach die Forsthausstraße mit ihren Villen, den hohen Zäunen und den Klingeln ohne Namensschilder nur 200 Meter weitergeht, kann das herrschaftliche Anwesen von Madeleine Schickedanz nicht übersehen. Eine mannshohe, stellenweise von Efeu eingewachsene rote Steinmauer begrenzt das 70.000-Quadratmeter-Parkgrundstück. Die Villa der Großaktionärin der angeschlagenen Handelsgruppe Karstadt-Quelle, einst von den Eltern gebaut, sieht man vor lauter Bäumen nicht. Ein Phantom Wer am schmiedeeisernen Tor klingelt und eingelassen wird, steht auf einem besenreinen Vorplatz mit gelben repräsentativen Empfangsgebäuden ringsum und einem prächtigen Steintor, durch das man weiter zum Haus fahren könnte. Er könne nicht sagen, ob die Hausherrin da oder gar zu sprechen sei, wiegelt der Pförtner ab, ein freundlicher junger Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose, der den unangemeldeten Besucher sogar per Handschlag begrüßt. Er werde sich kurz telefonisch erkundigen. Ob man ein Visitenkärtchen holen könne? Madeleine Schickedanz ist ein Phantom. Sie scheut die Öffentlichkeit, lebt zurückgezogen, taucht nur gelegentlich auf -- und dann meist schnell wieder unter. Dabei würde man gerade jetzt gerne mit ihr sprechen. Oder ihr zumindest diese eine Frage stellen, die derzeit vor allem die mehr als 90 000 Mitarbeiter von Karstadt-Quelle bewegt: Warum sie ihre Beteiligung an der Handelsgruppe immer weiter ausbaut. Mehr als 55 Prozent der Anteile dürfte sie bereits besitzen, bald werden es möglicherweise 60 Prozent sein oder sogar 65 Prozent. Steht hinter den Aktienkäufen tatsächlich der Plan, das Unternehmen irgendwann von der Börse zu nehmen, in Einzelteile zu zerlegen und zu verkaufen? Die Gerüchte wollen nicht verstummen. Aber klar ist: Bei einem solchen Deal springt wohl ein höherer Erlös heraus als jene 2,3 Milliarden Euro, mit denen der gesamte Konzern derzeit an der Börse bewertet wird. "Eine Zerschlagung macht schlicht keinen Sinn. Wir werden Karstadt-Quelle sanieren", beteuert Vorstandschef Thomas Middelhoff. Ist die Zerschlagungstheorie also ein Hirngespinst von Böswilligen? Wenn der Konzernchef gefragt wird, warum Madeleine Schickedanz Aktien hortet, wird er ungewohnt einsilbig: Sie sei eben von der Rettung des Unternehmens überzeugt, sagt er. Im Übrigen sei dies eine private Angelegenheit. Auf ihre Privatsphäre hat die Milliardärin schon immer Wert gelegt. Selbst in ihrer fränkischen Heimat tritt das einzige Kind der Quelle-Versandhausgründer Grete und Gustav Schickedanz so gut wie nie in Erscheinung. Auffallend ist allenfalls das Schweizer Nummernschild an ihrem Wagen, das auf ihren mutmaßlichen Lieblingswohnsitz St. Moritz hinweist. Wohl noch kein Fürther sah die 61-Jährige jemals auf dem Wochenmarkt einkaufen oder mit ihrer Familie durch die Landschaft radeln. Vielleicht, weil sich das für eine Frau mit einem Privatvermögen, das auf mindestens 1,6 Milliarden Euro geschätzt wird, einfach zu gefährlich ist. Vielleicht, weil sie es ganz einfach nicht will. "Im Fürther Alltagsleben ist Frau Schickedanz nicht präsent", sagt Oberbürgermeister Thomas Jung. Wenn die Versandhauserbin doch irgendwo auftritt, beschränkt sie sich auf das Nötigste. Da sitzt sie dann beim Tennisturnier "Schickedanz-Open" auf der Tribüne oder verleiht dem besten Abiturienten des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums einen Preis -- und verschwindet wieder. Ausnahmen gibt es. Vor ein paar Tagen besuchte sie samt ihrem dritten Ehemann Leo Herl und einem Leibwächter die Grund- und Hauptschule in Hersbruck bei Nürnberg, wo ihre Mutter Grete einen Textilladen betrieb. Madeleine hielt eine kurze Rede, bedankte sich höflich und mischte sich für ein paar Stunden unter das fröhliche Schulvolk. Von sich aus in die Öffentlichkeit tritt die Versandhauserbin nur, wenn sie Spenden für ihre "Madeleine-Schickedanz-Kinderkrebsstiftung" sammelt. Da bittet sie schon mal zur Benefiz-Gala in die Fürther Stadthalle, wo dann Günter Jauch moderiert und Ute Lemper singt. Ihr Engagement hat einen ernsten Hintergrund. Es war der 22. März 1982, als Ärzte Madeleine Schickedanz mitteilten, ihre fünfjährige Tochter Caroline sei unheilbar an Leukämie erkrankt. 1984 erlitt das Kind einen schweren Rückfall, ihre Überlebenschancen galten als gering. "Sechs Jahre habe ich mit einem kleinen Korb, gefüllt mit Dixi-Büchern und Hipp-Gläschen, in Krankenhäusern gelebt", sagte Madeleine Schickedanz später. Caroline wurde gesund, ihre Mutter gründete aus Dankbarkeit die Stiftung. Kinder und ihre Stiftung seien für sie Herzensangelegenheiten, sagt OB Jung. Seit seiner Wahl zum Stadtoberhaupt 2002 trifft er sich mit ihr alle paar Monate. Worüber er mit der Versandhauserbin redet, sagt Jung nicht. Aber die Familie, lässt er wissen, sei immer zugänglich für Anliegen der Stadt und Bitten um Mäzenatentum -- ganz ohne Medien. Mit Journalisten spricht Madeleine Schickedanz normalerweise nicht. Vor drei Jahren gab sie Klaus Schamberger von der Nürnberger Abendzeitung eines ihrer ganz seltenen Interviews. Zwei Stunden saßen beide zusammen, im einstigen Büro ihres Vaters Gustav in der Versandhauszentrale. "Ich weiß nicht, wer von uns schüchterner und nervöser war", erinnert sich der Redakteur. Land unter "Ich glaube aber, wenn es darauf ankommt, will sie nicht nur mitreden und geduldet sein, sondern entscheiden." Madeleine Schickedanz selbst hat einmal gesagt, sie verfolge die Geschäfte von Karstadt-Quelle "bis ins Letzte", gebe jedoch allenfalls Tipps ohne reinzureden. Bei der Installierung von Middelhoff als Vorstandschef ging es allerdings um mehr als um einen guten Tipp. Die Großaktionärin hatte den Manager im Frühjahr geradezu bekniet, den Chefsessel bei Karstadt-Quelle zu übernehmen. "Entgegen meiner Lebensplanung und dem Wunsch meiner Familie habe ich mich dieser Bitte gebeugt", sagt der Vater von fünf Kindern. Wer lässt sich auf so etwas ein, ohne in die Pläne der Eigentümer eingeweiht zu werden? Middelhoff, der frühere Bertelsmann-Chef, sicher nicht. Im November 2004 war Land unter bei Karstadt-Quelle. Die Liquidität war knapp, eine Kapitalspritze dringend nötig. Madeleine Schickedanz blieb kaum eine andere Wahl als Geld nachzuschießen. Entsprechend ihrer Beteiligung von damals gut 40 Prozent musste sie mehr als 200 Millionen Euro einbringen, um die Kräfteverhältnisse im Aktionärskreis zu wahren. Im anderen Fall hätte sie nicht nur an Einfluss verloren. Auch die Außenwirkung wäre fatal gewesen. Wie hätte das Management bei Kreditgebern, Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten Vertrauen für das Sanierungskonzept einfordern können, wenn die Großaktionärin den Geldbeutel geschlossen gehalten und damit signalisiert hätte, dass sie nicht an die Rettung glaubt? In diesem Frühjahr hat Madeleine Schickedanz dann angefangen, über die Börse weitere Aktien von Karstadt-Quelle einzusammeln. Gemerkt hätte das zunächst niemand, gäbe es nicht eine Vorschrift, nach der Führungskräfte verpflichtet sind, Wertpapiergeschäfte anzuzeigen. Zwar ist die Großaktionärin nicht operativ im Unternehmen tätig. Aber Leo Herl, ihr Mann, gehört dem Aufsichtsrat an. Deshalb muss der Schickedanz-Pool, hinter dem im Wesentlichen das Ehepaar Schickedanz/Herl sowie Madeleine Schickedanz' Neffe Martin Dedi stehen, jedes Aktiengeschäft veröffentlichen. Ende Mai hatte die Familie mehr als 50 Prozent der Anteile zusammen. Seitdem stockt der Pool seine Beteiligung nahezu wöchentlich weiter auf. Zu welchem Zweck? Auch ihr Mann schwieg, als die Aktionäre Ende Mai auf der Hauptversammlung von Karstadt-Quelle um Auskunft baten.
Seit die Großaktionärin ihren Anteil an Karstadt-Quelle stetig vergrößert, blühen die Spekulationen über die Zukunft der Handelsgruppe - doch die Milliardärin schweigt
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-reiche-frau-ihre-manager-und-ein-schweres-erbe-frau-schickedanz-ist-nicht-zu-sprechen-1.906690
Die reiche Frau, ihre Manager und ein schweres Erbe - Frau Schickedanz ist nicht zu sprechen
00/05/2010
Tausende von Mitarbeitern und Millionen von Kunden verloren: Mit den Erfahrungen der Deutschen Telekom im Hinterkopf bremst die SPD jetzt bei der Liberalisierung des Briefmarktes. Doch das ist ein Kampf um ein staatliches Imperium, das sich in Wahrheit nicht sichern lässt. Franz Müntefering mag nichts bestätigen, Peer Steinbrück ergeht sich in Andeutungen. Doch in Berlin ist es ein offenes Geheimnis, dass die Sozialdemokraten verhindern wollen, dass das letzte große Monopol der einstigen Bundespost fällt: Ab 2008 soll jedermann in Deutschland Briefe verteilen dürfen. Die Genossen fürchten, dass dubiose Briefkastenfirmen auf den Markt drängen und Heerscharen von Schülern jene Arbeit übernehmen, die bislang die Bediensteten der Post erledigen. Wer wissen will, warum die Sozialdemokraten die Angst vor dem offenen Markt packt, muss nur zur Telekom blicken. Millionen Kunden verloren Die Telekom wurde schon in den neunziger Jahren in den freien Wettbewerb entlassen; seither verlor der einstige Staatskonzern Millionen Kunden, und Zehntausende Mitarbeiter verloren ihren Job. Zweimal tauschte die Regierung den Mann an der Telekom-Spitze aus, doch erst am Sonntag musste das Unternehmen wieder einräumen, dass der Absturz ungebremst weitergeht. Einen Tag später streckten die Sozialdemokraten ihre schützende Hand über die Post aus. Im Koalitionsausschuss plädierten sie dafür, das Briefmonopol zu verlängern; sie versuchen, ein staatliches Imperium zu sichern, das sich in Wahrheit nicht sichern lässt. Ein höchst lokale Angelegenheit Auch der Verweis darauf, dass andere EU-Länder ihre Post weiter schützen wollen, überzeugt nicht. Denn das Verteilen von Briefen ist eine höchst lokale Angelegenheit. Wenn man der Post den Übergang in den harten Wettbewerb erleichtern will, kann man allenfalls über einen Mindestlohn für Briefträger nachdenken. Er sollte in der Mitte zwischen den Schülerlöhnen und den untersten Tarifen der Post liegen. Sollte die SPD auf einem höheren Niveau bestehen, könnte sie auch gleich das Briefmonopol beibehalten.
Tausende von Mitarbeitern und Millionen von Kunden verloren: Mit den Erfahrungen der Deutschen Telekom im Hinterkopf bremst die SPD jetzt bei der Liberalisierung des Briefmarktes. Doch das ist ein Kampf um ein staatliches Imperium, das sich in Wahrheit nicht sichern lässt.
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Zweifel an der Liberalisierung des Briefmarktes - Ängstliche Genossen
00/05/2010
Mit Macht tragen einige der fünf Wirtschaftsexperten derzeit ihren Zoff in die Öffentlichkeit - ein ungewöhnlicher Vorgang für das ehrwürdige Gremium, das im Auftrag der Bundesregierung einmal jährlich den wirtschaftlichen Zustand und die Perspektiven des Landes beschreibt. Noch schweigt die Bundesregierung zu dem einmaligen Vorgang. Sie wird dies allerdings angesichts der Bedeutung des Gremiums und der finanziellen Ausstattung der Organisation und ihrer Mitglieder nicht mehr lange so halten können. Detailansicht öffnen Die fünf Weisen von links nach rechts: Bert Rürup, Beatrice Weder di Mauro, Wolfgang Franz, Peter Bofinger und Wolfgang Wiegard. (Foto: Foto: AP) Zu zerrüttet scheinen die Beziehungen der fünf Weisen des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage untereinander zu sein, als dass die Arbeitsfähigkeit des Gremiums noch gesichert wäre. Schon länger gab es in Expertenkreisen Kritik an der Besetzungspolitik der Bundesregierung, die nach und nach allseits bekannte und prinzipientreue, von ihren Kritikern allerdings als "neoliberal" kritisierte Ordnungspolitiker durch jüngere, aber eher auf Spezialgebieten ausgewiesene Wissenschaftler mit sehr unterschiedlichem Temperament ersetzt hat. Nach bereits einer Runde in neuer Besetzung (immer im Herbst gehen die fünf Weisen mit ihrem Mitarbeiterstab in eine vierwöchige Klausur) brechen die Konflikte nun offen aus. Erst war es der Regensburger Finanzwissenschaftler Wolfgang Wiegard, der kurz vor Jahresende gegen seinen Ratskollegen Peter Bofinger aufbegehrte. Mit diesem könne man nicht zusammenarbeiten, so in Kürze der kalkulierte Wutausbruch in einem Interview, weshalb Wiegard mit Ablauf der Amtszeit 2006 ausscheiden will. Prädikat "nicht teamfähig" Jetzt hat sein Kollege Wolfgang Franz nachgelegt. Franz ist Arbeitsmarktexperte, Präsident des Mannheimer ZEW und anders als Wiegard ein langjähriges Mitglied im Sachverständigenrat und erfahren im Umgang mit vielen, auch früheren Mitgliedern. Peter Bofinger, so Franz in der Welt am Sonntag, sei einfach "nicht teamfähig". Er habe mit seinem Verhalten die Institution des Rates beschädigt. Schon vor der Erarbeitung des Jahresgutachtens im Herbst habe sich Bofinger in vielen Interviews auf eine Meinung festgelegt, so dass er in der Sitzung des Gremiums nicht mehr kompromissfähig gewesen sei. Kurz nach Veröffentlichung des Gutachtens habe er zudem ein Buch mit abweichenden Thesen veröffentlich: "Das war quasi eine Anti-Sachverständigenrats-Publikation", so Franz. Schon Wiegard hatte Bofinger vorgeworfen, sich zu Themen zu äußern, von denen er nichts verstehe. Geld- und Währungsexperte Bofinger selbst, der dem Rat seit März 2004 angehört und wegen seiner Unbekümmertheit im Auftritt als "Lausbub im Rat" tituliert worden ist, sagte am Wochenende: "Ich fand die Zusammenarbeit eher harmonisch." Er habe keine Front vier gegen einen beobachtet. Und weiter: "Herr Wiegard wird erkennen müssen, dass der Sachverständigenrat nicht sein Oberseminar ist, sondern ein Gremium von Menschen, die kompetent und natürlich mit verschiedenen Auffassungen diskutieren." Vornehme Zurückhaltung Pikant ist es, dass Bofinger in der Sache grundsätzlich eine nachfrageorientierte Position vertritt, während Wiegard wie die anderen drei Sachverständigen eher einen strikten Sparkurs der Finanzpolitik und angebotsorientierte Reformen befürwortet. Bofinger nimmt auch in weiteren Bereichen - wie bei der Geld- oder Lohnpolitik - andere Positionen als die übrigen Ratsmitglieder ein. Im jüngsten Jahresgutachten hat er sich gegen weitere Einsparungen und für stärkere Lohnsteigerungen ausgesprochen. Noch halten sich die beiden anderen Mitglieder des Rates, der Sozialexperte Bert Rürup sowie Neuling Beatrice Weder di Mauro, vornehm zurück. Letztere bekundet immerhin Unverständnis über den Streit. Eine Kluft zwischen den beiden theoretischen Positionen der Ökonomie gebe es gar nicht mehr. "Aber es gibt in Deutschland eine Diskussion, die so tut, als sei das nicht so."
Mit Macht tragen einige der fünf Wirtschaftsexperten derzeit ihren Zoff in die Öffentlichkeit - ein ungewöhnlicher Vorgang für das ehrwürdige Gremium, das im Auftrag der Bundesregierung einmal jährlich den wirtschaftlichen Zustand und die Perspektiven des Landes beschreibt.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutschlands-wirtschaftsexperten-streit-der-fuenf-weisen-eskaliert-1.906443
Deutschlands Wirtschaftsexperten - Streit der fünf Weisen eskaliert
00/05/2010
Viele Unternehmen haben laut einer aktuellen Umfrage bereits die Preise erhöht oder planen das für die zweite Jahreshälfte. Aber nicht alle werden dies auch am Markt durchsetzen können, meinen Experten. "Verbraucher müssen sich auf Preiserhöhungen einstellen, vor allem im zweiten Halbjahr", sagte Ulrich Zander, Geschäftsführer der Bad Homburger Beratungsgesellschaft Sempora, der Süddeutschen Zeitung. Anlass dafür sei die für Januar 2007 vorgesehene Aufstockung der Umsatzsteuer von 16 auf 19 Prozent. Detailansicht öffnen Die Verbraucher müssen sich schon jetzt auf höhere Preise einstellen. (Foto: Foto: ddp) Viele Hersteller würden die Situation nutzen, um die Preise sogar noch darüber hinaus zu erhöhen, ergänzte er. Zander beruft sich dabei auf eine Umfrage seiner Firma unter 168 großen Händlern und Herstellern vom März. Ein Drittel der Befragten wird demnach die Preise zusätzlich anheben. 32 Prozent des Handels wollen die drei Prozentpunkte komplett an die Verbraucher weiterreichen, 55 Prozent nur teilweise. Industrie und Handel gehen nach Zanders Worten davon aus, dass viele Verbraucher einen Teil der für 2007 geplanten Anschaffungen auf das laufende Jahr vorzieht. Das dürfte vor allem im vierten Quartal 2006 zu einem Nachfrageschub führen, gefolgt von einem Einbruch Anfang des nächsten Jahres. 64 Prozent der Firmen wollten daher schon vorher die Preise hoch setzen, um "Rahm abzuschöpfen", sagte er. 27 Prozent planten das erst zum 1. Januar, der Rest habe bereits erhöht. Ein Sprecher des Handelskonzerns Metro räumte diese Preisstrategie offen ein. "Es wird Vorzieheffekte im vierten Quartal geben", sagte er. Nur wenige Unternehmen äußern sich offiziell zu dem heiklen Thema. "Dreiste Energiekonzerne" Die Sempora-Umfrage bestätigt die Befürchtungen der Verbraucherschützer. Carel Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband rechnet vor allem von Juli an mit Preissteigerungen, "zumindest dort, wo es der Wettbewerb zulässt". Seiner Ansicht nach könnten vor allem Energieerzeuger die Preise weiter nach oben schrauben. "Das wäre allerdings besonders dreist, denn die Energiekonzerne wären am ehesten in der Lage, den Mehrwertsteuereffekt abzufedern, indem sie ihre Monopolgewinne etwas geringer ausfallen lassen", sagte er. Spielräume für Preiserhöhungen sind aber nicht überall vorhanden - auch das zeigt die Umfrage: Knapp die Hälfte der Firmen sieht sich wegen des hohen Wettbewerbsdrucks nicht in der Lage, den höheren Steuersatz zum Stichtag 1. Januar voll an die Käufer weiterzugeben. Besonders betroffen sind Einzelhändler, die in direktem Wettbewerb mit Aldi, Lidl und anderen mächtigen Billigketten stehen. Diese Discounter werden versuchen, ihre Preise trotz Umsatzsteuerplus möglichst stabil zu halten, heißt es in der Branche. In einem solchen Umfeld gibt es nach Ansicht von Alfons Frenk, Chef des Einzelhändlers Edeka, kaum Chancen, die höhere Mehrwertsteuer an die Kunden weiterzureichen. Auch der Präsident des Einzelhandelverbandes HDE, Hermann Franzen, kommt zu dem Schluss, "dass der Einzelhandel wohl eine Zeit lang die höhere Mehrwertsteuerlast mittragen muss". Nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft McKinsey dürfte dies allein im Lebensmittelhandel die Gewinne im nächsten Jahr um mehr als eine Milliarde Euro drücken - und das, obwohl für viele Nahrungsmittel nach wie vor der unveränderte, ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent gelten wird. Eine noch höhere Einbuße in Höhe von 1,2 Milliarden Euro erwartet McKinsey in der Textilbranche. "Wenn der Handel die Mehrwertsteuer nicht an seine Kunden weitergeben kann, wird er versuchen, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen", sagte ein HDE-Sprecher. Laut der Studie von Sempora wollen mehr als zwei Drittel der Händler in den nächsten Monaten bessere Bedingungen bei ihren Lieferanten durchsetzen. Am besten werden dabei Marktführer wie der Nutella-Hersteller Ferrero wegkommen. "Hier droht ein Händler nicht so schnell mit Auslistung, weil er weiß, dass er das Produkt im Sortiment braucht", sagte Sempora-Geschäftsführer Zander. Produkte aus der zweiten Reihe könnten dagegen leicht durch die eines anderen Lieferanten mit niedrigeren Kosten ersetzen werden. Gefühlte Inflation Ein schwer lösbares Problem der Händler bei den bevorstehenden Preiserhöhungen sind die so genannten Schwellenpreise. Die höhere Mehrwertsteuer kann in der Regel nicht einfach draufgeschlagen werden. "Bei einem Shampoo für 1,99 Euro ergäbe das einen Preis von 2,04 Euro. Das ist kein geeigneter Regalpreis. Die nächste Stufe würde bei 2,09Euro liegen", erläuterte Zander. In vielen Fällen ließe der Wettbewerbsdruck derart starke Preiserhöhungen nicht zu. Dies wird nach seiner Einschätzung dazu führen, dass einige Produkte weniger stark, andere dafür überproportional teurer werden. Besonders im Auge behalten werden die Verbraucher in den nächsten Monaten vor allem die Preise für Güter des täglichen Bedarfs wie Mineralwasser oder Papiertaschentücher - darüber sind sich die Experten einig. Weniger unter Beobachtung dürften Artikel stehen, die in unregelmäßigen und größeren Abständen gekauft werden oder schwer mit Produkten der Konkurrenz zu vergleichen sind. Beim HDE ist man sich aber jetzt schon sicher, dass - wie bei der Euro-Einführung - die "gefühlte Inflation" der Konsumenten noch stärker zulegen wird als die tatsächliche Teuerungsrate.
Viele Unternehmen haben laut einer aktuellen Umfrage bereits die Preise erhöht oder planen das für die zweite Jahreshälfte. Aber nicht alle werden dies auch am Markt durchsetzen können, meinen Experten.
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Geplante Mehrwertsteuer-Erhöhung - Preise steigen schon in diesem Jahr
00/05/2010
Wann immer die Wirtschaft lahmt und Unternehmen Mitarbeiter entlassen, herrscht an deutschen Arbeitsgerichten Hochkonjunktur - die nächste Welle rollt schon an. (SZ vom 07.06.2003) — Der Tag fängt schlecht an in Saal 9 des Arbeitsgerichts München. Richter Bertold Gericke schaut über den Rand seiner rahmenlosen Brille in die Runde. "Dieser Fall wird uns sicher noch etwas länger beschäftigen, da sich die Parteien mittlerweile netterweise mit Widerklagen beharken." Er mimt Resignation. "Versuchen wir mal die Geschichte in den Griff zu bekommen." Eindeutige Sieger und Verlierer gibt es selten 30 Minuten sind für das erste Verfahren angesetzt, acht Klagen für den Vormittag. Wenig Zeit für acht zerrüttete Arbeitsverhältnisse. In Schriftsätze gefasst und geheftet stapeln sie sich in Pappmappen vor dem Richter. Seit die Konjunktur in Deutschland lahmt, hat die Zahl der arbeitsrechtlichen Klagen rasant zugenommen. Eindeutige Sieger und Verlierer gibt es am Ende selten. Für Gericke hat das erste Verfahren dieses Tages im vergangenen Herbst angefangen. Damals reichte Sandra Hosmann, 35 Jahre alt und Eigentümerin einer Wäscherei, Schadensersatzklage gegen Hubertus Klung, 55, ein (Namen geändert). Drei Tage hatten Privatdetektive den Fahrer der Wäscherei beobachtet, um ihm die Unterschlagung nachzuweisen, für die er dann gekündigt wurde. Er soll in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Das Geld für die Detektive, 4000 Euro, will Hosmann von Klung zurück. Auch der hat geklagt und alte Urlaubsansprüche geltend gemacht. Zu spät, macht ihm Gericke unmissverständlich klar. Er zitiert Urteile des Bundesarbeitsgerichtes, höchste Instanz deutscher Arbeitsgerichtsbarkeit. Immer wieder tut er das in allen Verfahren. Gericke ermuntert, scherzt, belehrt, ermahnt, warnt, selten droht er. Klung und Hosmann sitzen sich gegenüber, aber an getrennten Tischen. Manchmal mustern sie sich verstohlen. Publikum gibt es nicht. Alle Sitzungen sind öffentlich, aber nur selten kommen Zuschauer. Es sei denn, es geht um Großkonzerne wie Siemens. Vor ein paar Wochen begleiteten weit mehr als 100 Beschäftigte, Betriebsräte und Gewerkschafter lautstark die Güteverhandlungen ihrer gekündigten Kollegen der Netzwerksparte ICN. Die Arbeit reicht nicht für alle Die Listen waren so lang, dass sie nicht mehr in die braun lackierten Aushängekästen vor den Sälen passten. Immer erfolgte die Kündigung betriebsbedingt: Die Arbeit reicht nicht mehr für alle. Die Firma muss sparen. "Wir haben versucht, die Güteverfahren zu bündeln", erzählt Gericke, "aber so einfach ist das nicht." Die Sozialkriterien - Dauer der Betriebszugehörigkeit, Alter, Unterhaltspflichten, die es bei betriebsbedingten Kündigungen zu beachten gilt - suggerieren Gleichheit. "Aber kein Schicksal ist wie das andere", sagt der Richter: "Man sollte nie den Blick verlieren für die Besonderheiten des Einzelfalles." Gericke optimiert jede Minute. Häufig fängt er schon mit dem nächsten Verfahren an, während die Beteiligten des vorangegangenen noch auf den Fluren die Einigungsvorschläge des Richters diskutieren. "Nur ganz wenige der Kündigungsschutzklagen, weniger als fünf Prozent, enden schließlich mit der Wiedereinstellung", hatte Gericke seine kurzen Erläuterungen an die Siemensianer beendet. Aber nur wenige einigten sich gütlich und nahmen eine Abfindung. Nun schleppen sich die Verfahren aus der ersten Entlassungswelle durch die Instanzen, während die zweite schon rollt. Preis der Trennung Die Akten werden dicker. Mit den Jahren wechselt ihre Farbe. In diesem Jahr sind die Mappen hellgelb. Meist geht es um den Preis für die Trennung, mal um ein paar hundert, mal um ein paar tausend Euro Abfindung. Wie viel ist es dem Arbeitgeber wert, seinen ehemaligen Mitarbeiter nicht wiedereinstellen zu müssen? Welche Summe kann er sich leisten, um das Unternehmen nicht zu stark zu belasten? Die Beträge scheinen in keiner Relation zu dem ungeheuren bürokratischen Aufwand und den Verfahrenskosten zu stehen. Aber um die geht es auch nicht. Es geht um die Einhaltung des Arbeitsrechtes und das ist viel mehr als nur ein einziges Gesetz. Es umfasst eine lange Liste: Kündigungsschutzgesetz, Bundesurlaubsgesetz, Mutterschutzrecht und viele andere spezielle Rechtsgrundlagen, die die Beziehungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern regeln. Auch Grundgesetz und Bürgerliches Gesetzbuch nehmen Einfluss auf das Arbeitsrecht. Um Gerechtigkeit, Anerkennung, Dank für sechs Monate oder zwei Jahrzehnte Arbeit, die Ausbildung, darum geht es nie. Für Klung interessiert sich niemand. Er ist nicht Mitglied einer Gewerkschaft, und die Wäscherei hatte nie einen Betriebsrat. Gericke lässt sich das Zerwürfnis erklären, obwohl Klungs Anwalt den Vorgang in umfangreichen Schriftsätzen "detailliert referiert" hat. Nur kurz klingen die Worte des Richters wie ein Lob, ehe er mit behutsamem Spott eine seiner vielen Rügen einflicht: "Übrigens, einige Schriftstücke sind unheimlich umständlich formuliert." Sie versuchen einen Freitag im Frühjahr 2002 zu rekonstruieren. 80 bis 100 neue Klagen monatlich Die Anwälte streiten. Gericke hört geduldig zu, hakt nach und wiederholt das Gehörte in Sätzen, so einfach formuliert wie ein Grundschulaufsatz, damit sie auch jeder wirklich versteht. Der Richter gerät in Verzug. Das erste Verfahren dauert länger als eine halbe Stunde. Alle Tage sind zu kurz. Beim Arbeitsgericht München gehen jeden Monat pro Kammer zwischen 80 und 100 neue Klagen ein, erzählt Horst Meier, Oberamtsrat und Geschäftsleiter des Gerichts. Jeder der 33 "Vollrichter" hatte im vergangenen Jahr 860 Verfahren zu bearbeiten. Das vorgeschriebene Arbeitspensum, also die Zahl der Verfahren, die ein Richter in einem vernünftigen Zeitraum erledigen könne, liege bei 560 pro Jahr. Der Berg unerledigter Verfahren wächst. Ende 2002 waren es 10978, fast fünf Prozent mehr als vor Jahresfrist. In diesem Jahr werde die Zahl der Verfahren je Richter auf mehr als 900 steigen. "So etwas habe ich in 30 Jahren Dienst nicht erlebt", seufzt Meier. Wer sich heute beim Gütetermin nicht einigt, bekommt einen Verfahrenstermin häufig erst im Januar nächsten Jahres. "Wahrscheinlich werden die letzten Verfahren dieser Kündigungswelle abgearbeitet sein, wenn die nächste schon anfängt", sagt Meier. "Wir arbeiten antizyklisch" Mit der Verfahrensdauer wächst die Zeit der Ungewissheit für Kläger und Beklagte. Eine Richterstelle mehr hat das Arbeitsgericht München für 2003 vom Bayerischen Arbeitsministerium bekommen. "Durch Umschichtung innerhalb des Ministeriums. Die Kosten sind nicht gestiegen", betont Meier: "Es zwickt an allen Enden." An den mehr als 120 anderen deutschen Arbeitsgerichten und den Landes-arbeitsgerichten dürfte die Lage kaum besser sein. Das Dilemma ist offenkundig. "Wir arbeiten antizyklisch", sagt Gericke: "Immer, wenn die Konjunktur lahmt, herrscht bei uns Hochbetrieb. Aber gerade dann sinken die Steuereinnahmen und in den öffentlichen Kassen fehlt das Geld für neue Richterstellen." Unermüdlich versucht Gericke Zeit zu gewinnen. "Ich bin immer auf der Suche nach einer friedlichen Einigung." Er wendet sich Klung und Hosmann zu. "Aber bei Ihnen geht das wohl nicht?" Es soll eine Frage sein, doch es klingt wie eine Bitte. Er tippt ein paar Zahlen in den Taschenrechner. "Einigen Sie sich auf 1450 Euro in monatlichen Raten von 25 Euro. Der Kläger ist Sozialhilfeempfänger. Sie können sonst ewig hinter ihm her vollstrecken", sagt er. Die beiden gegnerischen Parteien verlassen kurz den Saal und kehren ohne Einigung zurück. "Unglaublich spannende Materie" Den Umgang mit Menschen hat Gericke niemand gelehrt. Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre hat er erst Jura, dann Betriebswirtschaft studiert, um doppelt qualifiziert zu sein. "Man musste damals schon ein bisschen Angst haben, ob man einen Arbeitsplatz findet." Aber gereizt habe ihn die "unglaublich spannende Materie" schon immer. "Das Arbeitsrecht ist ständig in Bewegung. Und wenn man sich für Menschen interessiert, ist der Richterberuf ein ganz schöner." Im Laufe seines Berufslebens habe sich das Arbeitsrecht ständig gewandelt, mal zugunsten der Arbeitnehmer, mal zugunsten der Unternehmen. "Es ging vorwärts und rückwärts je nach Parteienlage der Regierung und Konjunkturlage." Gericke versucht, sich in die Lage von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu versetzen. Er mühe sich um Neutralität. "Ich bin nicht arbeitnehmerfreundlich, ich bin auch nicht arbeitgeberfreundlich", Gericke verabscheut beide Worte: "Ich bin freundlich." Komplizierte Rechtsfälle und Bewertungen beschäftigten ihn auch noch lange nach Dienstschluss. Um 11 Uhr, drei Verfahren weiter, liegt er wieder im Zeitplan. Das zweite Verfahren hat sich mittlerweile erledigt. Gericke wirkt zufrieden. "Das ist ungewohnt. Die meisten Arbeitnehmer wollen unbedingt weiter beschäftigt werden." In konjunkturell besseren Zeiten war das anders, aber da war es auch leichter, einen neuen Job zu finden. Der Anteil der Bestandsklagen an den gesamten Verfahren sei wie immer in rezessiven Phasen gestiegen, allein 2002 um acht Punkte auf 59 Prozent. In fast 90 Prozent dieser Fälle handele es sich um Kündigungsschutzverfahren, sagt Meier. "Die Leute kämpfen erbittert um ihre Stelle." Früher sei es viel stärker darum gegangen, einen Preis für die Trennung zu finden, sagt Gericke. Wer heute seinen Arbeitsplatz verliere, finde so schnell keinen neuen mehr. Die Klage von Siemens gegen eine ICN-Mitarbeiterin, die erfolgreich auf Weiterbeschäftigung geklagt hatte, lehnt Gericke nach kurzer Verhandlung ab, in Anlehnung an ähnliche, in erster Instanz schon entschiedene Verfahren. Auch die Mitarbeiterin eines Verlages streitet erfolgreich. Die Verfahren werden sich durch die Instanzen wälzen. Und dann doch noch zwei Abschlüsse. Nach Minuten langem Geschacher der Anwälte lässt sich die ehemalige Filialleiterin einer Käserei auf eine Abfindung von 1750 Euro ein. Glücklich wirkt sie nicht. Ihre Arbeitgeberin auch nicht. Und der Mitarbeiter einer Druckerei einigt sich mit dem Betriebsleiter auf einen höheren Stundenlohn. Es ist 12.35 Uhr. Gericke ist 35 Minuten im Verzug und hat es eilig. Er muss Urteile schreiben. Zwei an diesem Tag, zwei Verfahren, die zumindest für ihn abgeschlossen sind. Normalerweise seien es zwölf pro Monat, sagt er. "Heute war ein guter Tag."
Wann immer die Wirtschaft lahmt und Unternehmen Mitarbeiter entlassen, herrscht an deutschen Arbeitsgerichten Hochkonjunktur - die nächste Welle rollt schon an.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitsrichter-in-zeitnot-schicksale-im-halb-stunden-takt-1.907730
Arbeitsrichter in Zeitnot - Schicksale im Halb-Stunden-Takt
00/05/2010
Der Ehrliche war der Dumme: Wer bis 1999 Spekulationsgewinne aus Aktienverkäufen nicht versteuerte, musste kaum fürchten, entdeckt zu werden. Die Verfassungsrichter erklärten die damalige Besteuerungspraxis daher jetzt für verfassungswidrig. Ob die verschärfte Rechtslage mehr Steuergerechtigkeit mit sich bringt, ist allerdings umstritten. An diesem Dienstag hat sich die Hoffnung zahlreicher Anleger zerschlagen: Auch in Zukunft werden sie Gewinne aus Wertpapiergeschäften in ihrer Steuererklärung angeben müssen. Das Bundesverfassungsgericht hat zwar die Spekulationssteuer auf Wertpapierverkäufe für verfassungswidrig erklärt - aber lediglich in der Form, in der sie 1997 und 1998 erhoben worden war. Nur auf diesen Zeitraum bezog sich die Klage des Kölner Steuerrechtlers Klaus Tipke, der das Verfahren in Gang gesetzt hatte. Zum damaligen Zeitpunkt hätten die Finanzämter kaum Möglichkeiten gehabt, nicht erklärte Spekulationsgewinne aufzuspüren, urteilten die Richter. Inzwischen aber hätten sich die Gesetze "deutlich" geändert, sodass sich die Entscheidung "nicht ohne weiteres" auf die Folgejahre übertragen lasse. Unter Spekulationsgewinnen versteht man die Gewinne, die ein Anleger durch den Kauf und Verkauf etwa von Aktien oder festverzinslichen Titeln erzielt. Verluste für die Zukunft Die Differenz musste 1997 und 1998 grundsätzlich dann versteuert werden, wenn zwischen Kauf und Verkauf weniger als ein halbes Jahr lag. 1999 hat der Gesetzgeber die Spekulationsfrist auf ein Jahr heraufgesetzt und die Möglichkeit geschaffen, Verluste aus Wertpapiergeschäften mit Gewinnen zu verrechnen. Ist in dem Jahr der Veranlagung kein Spekulationsgewinn angefallen, kann der Steuerpflichtige seither seine Verluste für die Zukunft feststellen lassen. Ob diese neuen Regelungen allerdings ausreichen, ist fraglich. "Das Gesetz hat sich 1999 in der Tat geändert", sagt der Münchner Rechtsanwalt Johann Seipl. "Ich wüsste aber nicht, inwieweit Spekulationsgewinne seither besser erfasst werden können." Zwar müssen Banken seit 1999 dem Bundesamt für Finanzen mitteilen, wie hoch die Kapitaleinkünfte der Kunden sind, die einen Freistellungsauftrag erteilt haben, doch auch damit habe sich an dem Problem nichts geändert. "Bloß weil jemand Zinsen oder Dividenden kassiert, kann das Finanzamt daraus noch lange nicht schließen, dass er spekuliert", sagt Seipl. Er hält die Besteuerung von Spekulationsgewinnen auch in den Jahren nach 1998 für verfassungswidrig. Dieser Ansicht ist auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Das neue Gesetz "leidet unter denselben strukturellen Fehlern wie die ältere Fassung", urteilten die Aktionärsschützer am Dienstag nach dem Karlsruher Richterspruch. Unterschiedliche Folgen Für Anleger, die Gewinne aus Wertpapiergeschäften erzielt haben, ergeben sich nun unterschiedliche Folgen: Wer diese Gewinne in seinen Steuererklärungen der Jahre 1997 und 1998 angegeben und die Bescheide wegen des anhängigen Verfahrens angefochten hat, muss nach Ansicht von Seipl nichts weiter tun. "Ich gehe davon aus, dass die Finanzämter die Bescheide von sich aus ändern werden", sagt der Jurist. Wer seinen Steuerbescheid damals nicht angefochten hat, habe allerdings "Pech gehabt". Darauf weist auch die DSW hin und fordert den Bund auf, "auf die allgemeine Bestandskraft der Steuerbescheide zu verzichten und allen Bürgern, die für diese Jahre Spekulationssteuer gezahlt haben, ihr Geld zurückzuerstatten" . Glück haben dagegen wohl all diejenigen, die ihre Gewinne aus den Jahren 1997 und 1998 von vornherein verschwiegen haben. "Da die Regelung jetzt rückwirkend für nichtig erklärt wurde, brauchen sie ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung nicht mehr zu befürchten", sagt Seipl. Musterverfahren für die Folgejahre steht bevor Anders sieht es für die Steuererklärungen der Jahre nach 1998 aus. "Hier wird sich die Finanzverwaltung auf den Standpunkt stellen, dass die Gewinne zu versteuern sind", sagt Seipl. Die Anleger werden also zunächst zahlen müssen, selbst wenn sie Einspruch gegen ihren Bescheid eingelegt haben. "Es wird aber wohl nicht lange dauern, bis ein neues Musterverfahren für die Folgejahre läuft", ist Seipl überzeugt. Er hält die Steuer auf Spekulationsgewinne erst seit diesem Jahr für verfassungskonform. Seit Januar müssen Banken ihren Kunden eine Jahresbescheinigung erteilen, in der alle Einkünfte wie Zinsen, Dividenden und Spekulationsgewinne aufgelistet sind. "Zudem kann die Finanzverwaltung von April 2005 an auch beim Bundesamt für Finanzen abfragen, bei welchen Banken ein Steuerzahler Konten besitzt", sagt Seipl. Damit - "aber eben erst damit" seien die Kontrollmöglichkeiten wirksam verbessert worden.
Der Ehrliche war der Dumme: Wer bis 1999 Spekulationsgewinne aus Aktienverkäufen nicht versteuerte, musste kaum fürchten, entdeckt zu werden. Die Verfassungsrichter erklärten die damalige Besteuerungspraxis daher jetzt für verfassungswidrig. Ob die verschärfte Rechtslage mehr Steuergerechtigkeit mit sich bringt, ist allerdings umstritten.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/spekulationssteuer-neues-gesetz-alter-fehler-1.900300
Spekulationssteuer - Neues Gesetz - alter Fehler
00/05/2010
Der Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 übernimmt wie erwartet die europäische Sendergruppe SBS Broadcasting vollständig. Damit residiert in Unterföhring bei München künftig ein TV-Verbund, der in 13 Länder sendet. Der Kaufpreis beläuft sich auf 3,3 Milliarden Euro, wie das in Unterföhring bei München ansässige MDAX-Unternehmen am Mittwoch mitteilte. Die dabei entstehende Gruppe, die den Namen der ProSiebenSat.1 Media AG tragen soll, komme mit einer Reichweite von 77 Millionen Haushalten hinter der RTL-Gruppe auf Platz zwei der Fernsehanbieter in der EU. Der entsprechende Kaufvertrag sei bereits unterzeichnet. Anfang Juli soll die Übernahme vollzogen werden. Kartell- oder medienaufsichtsrechtliche Genehmigungen seien nicht erforderlich. 48 Fernsehsender und 22 Radiostationen Die neue Gruppe, zu der künftig unter anderem 24 Free-TV-Sender, 24 Pay-TV-Sender und 22 Radiostationen gehören, wird in 13 europäischen Ländern tätig sein und kam 2006 pro forma auf 3,1 Milliarden Euro Umsatz und 691 Millionen Euro Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda). ProSiebenSat.1 Media erwartet, dass die Transaktion im bereinigten Ergebnis je Aktie ergebnissteigernd wirkt und dass die erwirtschafteten Renditen kurz- bis mittelfristig über den Kapitalkosten der ProSiebenSat.1-Gruppe liegen werden. Die Synergien beziffert das Unternehmen auf 80 Millionen bis 90 Millionen Euro im Jahr, von denen zwei Drittel auf Kostensynergien und ein Drittel auf zusätzliche Umsatzpotentiale entfielen. Synergien Von 2010 an würden sich die Synergien voll auswirken, teilte die Münchener Senderkette mit, zu der bisher ProSieben, Sat.1, Kabel 1, N24 und 9live gehören. Den Zusammenschluss von ProSiebenSat.1 Media mit der in Amsterdam ansässigen SBS haben die Finanzinvestoren KKR und Permira vorangetrieben, die maßgeblich an beiden Medienkonzernen beteiligt sind. Finanziert wird die Übernahme vollständig über einen neuen Kredit, den ein Bankenkonsortium bereitstellt. ProSieben will zusätzlich eine ausstehende Anleihe über 150 Millionen Euro mit Endfälligkeit Mai 2009 bereits im August 2007 zurückführen. Weitere Informationen zur Übernahme wollte ProSiebenSat.1 Media am Mittag (12.00 Uhr) in München auf einer Pressekonferenz mitteilen.
Der Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 übernimmt wie erwartet die europäische Sendergruppe SBS Broadcasting vollständig. Damit residiert in Unterföhring bei München künftig ein TV-Verbund, der in 13 Länder sendet.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fernseh-ehe-ist-nun-amtlich-von-unterfoehring-in-die-welt-1.898817
Fernseh-Ehe ist nun amtlich - Von Unterföhring in die Welt
00/05/2010
Mit einem Verfahrensfehler brachten die Anwälte des Stuttgarter Autobauers den bislang zurückhaltenden Richter Farnan gegen sich auf. Der Prozess wurde durch das Missgeschick auf den Kopf gestellt. Es müsse geklärt werden, "wie wir in diesen Schlamassel geraten sind", sagte Joseph Farnan und setzte den Prozess bis auf weiteres aus. Wenn die Kläger darauf bestehen, könnte selbst DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp erneut vor Gericht zitiert werden. "Wenn Sie es wollen, würde ich es zulassen", sagte Farnan dem Klägeranwalt Terry Christensen. Die DaimlerChrysler-Anwälte hatten in letzter Minute 61 Seiten Beweismaterial produziert, das längst hätte übergeben werden müssen. Siegesgewiss Dennoch bleibt das Unternehmen bei seiner Siegesgewissheit: "Meine Ansicht bleibt, dass die Klage jeder Grundlage entbehrt", sagte DaimlerChrysler-Anwalt Mike Schell. Eigentlich hätte die heiße Phase des spektakulären Prozesses an diesem Mittwoch ziemlich unspektakulär zu Ende gehen sollen. Nach der letzten Zeugenbefragung wollten die Anwälte einpacken und nach Hause fahren. Die Schlussplädoyers sollten schriftlich eingereicht und das Urteil irgendwann im Frühjahr schriftlich mitgeteilt werden. Ein "Versehen", wie Schell sich ausdrückte, stellte den Prozess jedoch auf den Kopf. Das Material sei den DaimlerChrysler-Anwälten erst am Montag in die Hände gefallen. Ob die 61 Seiten mit Aufzeichnungen des damaligen Chrysler-Finanzchefs Gary Valade überhaupt brisant sind, bleibt dahingestellt. Ernste Angelegenheit Richter Farnan verbot allen, über den Inhalt zu reden. Aus seinem Ärger machte er aber keinen Hehl: "Das ist eine ernste Angelegenheit", sagte Farnan. Bis Dienstag waren die DaimlerChrysler-Leute mit dem Prozessverlauf ziemlich zufrieden gewesen. Der Höhepunkt mit der Schrempp-Aussage war nach Meinung von Prozessbeobachtern gut gelaufen. Der 59-Jährige habe im Zeugenstand die richtige Mischung aus Respekt, Höflichkeit und Selbstbewusstsein gezeigt. Schrempp knallhart In der Sache blieb Schrempp aber im Kreuzverhör knallhart: die Elefantenehe zwischen Daimler-Benz und Chrysler sei eine Fusion unter Gleichen gewesen, mit dem Segen beider Seiten vertragsgetreu umgesetzt. "Es ist schwer, ihn von seiner Linie abzubringen", räumte Holger Haas, Anwalt in den Diensten der Klägerfirma Tracinda, ein. Auch Schrempps Widersacher, der Milliardär Kirk Kerkorian (86), hatte sich in der Woche davor gut in Szene gesetzt. Der einstige Großaktionär von Chrysler verklagte das Unternehmen wegen Betrugs. Die Auto-Ehe sei in Wirklichkeit eine Übernahme durch die Deutschen gewesen. Er will mindestens 1,2 Milliarden Dollar Schadensersatz. Im Verhör zeigte Kerkorian zwar viele Gedächtnislücken, doch war das nach Ansicht von Prozessbeobachtern weniger auf Altersschwäche als auf den guten Rat seiner Anwälte zurückzuführen. Zahlreiche ehemalige Chrysler-Manager sagten zu Gunsten von DaimlerChrysler aus. Missverständnis Und Tracinda-Direktor James Aljian, der im Prozess nicht aussagte, hatte in einem Beirat von Aktionärsvertretern im neuen DaimlerChrysler-Konzern nie Protest geäußert. Kerkorian war es nach eigenen Aussagen erst durch ein Zeitungsinterview von Schrempp vor zwei Jahren wie Schuppen von den Augen gefallen. Darin hatte Schrempp nach Angaben der Financial Times von "psychologischen Gründen" für das Etikett "Fusion unter Gleichen" gesprochen. Er sei missverstanden worden, sagte Schrempp in Wilmington.
Mit einem Verfahrensfehler brachten die Anwälte des Stuttgarter Autobauers den bislang zurückhaltenden Richter Farnan gegen sich auf. Der Prozess wurde durch das Missgeschick auf den Kopf gestellt.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/daimlerchrysler-prozess-das-ist-eine-ernste-angelegenheit-1.900132
"DaimlerChrysler-Prozess - ""Das ist eine ernste Angelegenheit"""
00/05/2010
Die Fusion von GDF und Suez wirkt wie eine Art Vorspiel für eine noch gigantischere Firmen-Hochzeit in Frankreich. Präsident Sarkozys Ziel ist jetzt schon klar: Er will Frankreich zu einer Energie-Großmacht formen. Man muss als Deutscher die französische Wirtschafts- und Energiepolitik nicht mögen, aber doch neidlos anerkennen: Der Nachbar weiß wenigstens, was er will, und dies schon seit langem. Da gibt es keine Diskussionen darüber, ob Kernkraftwerke sicher sind und wo der Atommüll endgelagert wird. Auch unter den Parteien ist das kein Thema. Was dominiert, ist der politische Wille, in Energiefragen unabhängig und im Notfall autark zu sein. Die Unternehmen haben sich diesem Willen unterzuordnen - nicht umgekehrt. Energiepolitik geht in Frankreich daher Hand in Hand mit Industriepolitik. Die Regierung bestimmt, die Konzernlenker folgen. So entstehen am Ende wie auf dem Reißbrett entworfene "nationale Champions", wie man die unter staatlichem Einfluss entstandenen Konzerne in Frankreich nennt. Europäische Schwergewichte Das Wort "national" impliziert, dass es mit dem europäischen Ansatz dieser Politik nicht weit her ist, auch wenn die Konzerne europäische Schwergewichte sind. Die Fusion der Energiekonzerne Gaz de France (GDF) und Suez belegt das. Die vor 18Monaten von der Vorgängerregierung überraschend eingefädelte Firmenehe diente einzig der Abwehr des italienischen Stromkonzers Enel, der es auf einen Teil von Suez abgesehen hatte. Frankreich wollte mit dem Zusammenschluss schlicht einem Anbieter aus dem benachbarten Ausland den Zutritt auf seinen Markt verwehren. Nicolas Sarkozy, der mit der Überraschungsaktion nicht befasst war und sich damals davon distanzierte, hätte das Blatt jetzt wenden und sich für eine europäische Lösung starkmachen können. Pläne für Fusion an totem Punkt Zumal sich die Pläne für eine Fusion an einem toten Punkt befanden. Doch Sarkozy handelte anders. Er schaltete sich in die Gespräche ein, machte Vorgaben und vereinbarte persönlich mit den größten Aktionären von Suez einen Kompromiss. Dabei hatte er nur ein Ziel im Auge: einen in Europa dominanten französischen Konzern zu schaffen, der vor feindlichen Übernahmen geschützt ist. Um dies zu gewährleisten, behält der Staat eine Sperrminorität an dem neuen Gebilde GDF-Suez. Wie weit Sarkozy zu gehen bereit war, verdeutlicht der Umstand, dass er die bisher private Suez faktisch zum Teil verstaatlichte. Dies widerspricht nicht nur den Prinzipien des Binnenmarktes in Europa. Ein nationalistischer Reflex Gravierender noch: Sarkozys Schachzug ist ein nationalistischer Reflex auf eine Brüsseler Politik, die das Gegenteil bezweckt, nämlich eine Öffnung der Märkte. Eigentlich sollte mit der in diesem Sommer in Kraft getretenen Liberalisierung des Energiemarktes die Konkurrenz unter den Firmen belebt werden, damit die Preise ähnlich wie in der Telekommunikationsbranche fallen. Sarkozy unterläuft diese Regelung jedoch und versucht, die Öffnung zum Vorteil Frankreichs zu nutzen. Auf den wünschenswerten Brüsseler Ansatz antwortet er mit einer Politik des Abschottens und verhilft Frankreichs Konzernen zugleich zu einer Stärke, mit der sie neue Märkte in Europa erobern können. Das mag Wählerstimmen bringen, der Binnenmarkt kann daran zerbrechen. Die Folge dieser Politik ist: In Frankreich gibt es fortan Electricité de France (EDF) und GDF-Suez, zwei staatlich dirigierte Monopole, die im eigenen Land subventionierte Tarife anbieten und dank ihrer unangefochtenen Stellung jenseits der Grenzen auf Kundenfang gehen können. Ein liberalisierter Energiemarkt bleibt ein Wunschgebilde Ein liberalisierter Energiemarkt, der auch den Verbrauchern in der EU Vorteile brächte, bleibt so ein Wunschgebilde. Hinzu kommt, dass jedes Land, das nicht wie Frankreich handelt, sich politischer Naivität bezichtigen lassen muss. Sarkozy gibt ein schlechtes Vorbild, dem andere nacheifern - wie zum Beispiel Spanien. Dort hinderte die Regierung die Düsseldorfer Eon daran, Endesa zu übernehmen. Eben jener Eon-Konzern verhandelte vor nicht einmal zehn Jahren mit der nun von Frankreich beschützten Suez über eine Fusion. Am Ende kamen beide Firmen aber nicht zusammen, weil sie sich nicht bei üblichen Streitfragen, wie Firmensitz und Chefposten, einigen konnten. Damals hielt sich die Politik noch vornehm zurück. Inzwischen hat sich dies zumindest in Frankreich eindeutig gewandelt. Ebenfalls vor etwa zehn Jahren stieg der Siemens-Konzern in die französische Kerntechnik ein. Rückblickend betrachtet, hat man den Eindruck, es habe sich um eine kurze, glückliche Phase für Europa oder zumindest für die industrielle Zusammenarbeit von Deutschland und Frankreich gehandelt. Nicht groß genug Denn jetzt muss Siemens fürchten, beim Atomkonzern Areva ausgebootet zu werden. Sarkozy bastelt an einem - wie sollte es anders sein - französischen Champion in der Kerntechnik, in den Siemens nicht mehr so recht hineinpasst. Zwar ist Areva schon die weltweit größte Firma der Branche, dem Präsidenten ist sie aber nicht groß genug. Ein solcher Atom-Riese wäre dann Sarkozys industriepolitisches Meisterstück. Die Fusion von GDF und Suez wirkt wie eine Art Vorspiel zu einer solch gigantischen Firmen-Hochzeit. Sarkozys Ziel aber ist jetzt schon klar: Er will Frankreich zu einer Energie-Großmacht formen. Eine gemeinsame europäische Energiepolitik könnte man dann vergessen.
Die Fusion von GDF und Suez wirkt wie eine Art Vorspiel für eine noch gigantischere Firmen-Hochzeit in Frankreich. Präsident Sarkozys Ziel ist jetzt schon klar: Er will Frankreich zu einer Energie-Großmacht formen.
wirtschaft
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Energie-Großmacht Frankreich - Sarkozys Reißbrett
00/05/2010
Von den diversen Vorwürfen im Zusammenhang mit der Pleite der Kirch-Gruppe vor drei Jahren hat sich nur der der Urkundenfälschung bestätigt. Firmengründer Kirch nahm die fällige Geldstrafe sofort an. Nach Ermittlungen von knapp drei Jahren gegen den früheren Medienunternehmer Leo Kirch und enge Mitarbeiter hat die Staatsanwaltschaft München das Verfahren eingestellt. Detailansicht öffnen Leo Kirch, hier auf dem Weg ins Gericht im Jahr 2002. (Foto: Foto: Reuters) Von den diversen Vorwürfen im Zusammenhang mit der Pleite der Kirch-Gruppe hat sich nur der der Urkundenfälschung bestätigt. "Anhaltspunkte dafür, dass sich Herr Dr. Leo Kirch, Herr Dr. Dieter Hahn oder Herr Herbert Schroder (im Kirch-Konzern unter anderem zuständig für Finanzen) durch Straftaten zum Nachteil von Unternehmen des Kirch-Konzerns oder deren Gläubiger zu Unrecht bereichert hätten, haben sich nach intensiver Überprüfung einzelner Vorgänge nicht ergeben", heißt es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft München vom Freitag. Und: "Zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für eine weitere Strafverfolgung wegen Insolvenzdelikten haben sich nicht ergeben." Kurz nach dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe im Frühjahr 2002 hatte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen - unter anderem wegen des Verdachts von Insolvenz- und Steuerstraftaten sowie der Untreue. Vordatiert Bestätigt hat sich jetzt nur der Verdacht der Urkundenfälschung, dabei allerdings monierte die Staatsanwaltschaft nicht den Inhalt des betreffenden Dokuments, sondern die Tatsache, dass es vordatiert wurde. Wegen dieses Vorgangs verhängte das Amtsgericht München auf Antrag der Staatsanwaltschaft Strafbefehle gegen Kirch, seinen früheren Vize Hahn sowie gegen den für Finanzen zuständigen Schroder. Alle drei wurden zu 180 Tagessätzen verurteilt, die Höhe der Tagessätze setzte das Gericht bei Kirch auf 500 Euro fest. Insgesamt muss der Unternehmer also 90.000 Euro zahlen, Hahn zahlt 54.000 Euro und Schroder 36.000 Euro. "Genugtuung" Alle drei verzichten nach Angaben von Hahn darauf, die Strafbefehle anzufechten. "Wir stellen mit Genugtuung fest, dass - nach nahezu dreijährigen, mit vielfältigen Belastungen verbundenen intensiven Ermittlungen der Behörden - nicht nur sämtliche Verfahren abgeschlossen, sondern auch die öffentlich gegen uns erhobenen Vorwürfe widerlegt worden sind", hieß es in einer von Hahn am Nachmittag veröffentlichten Erklärung. Besonders wichtig sei ihm, dass die "operative Tätigkeit" der Eigentümer und Geschäftsführer der früheren Kirch-Gruppe "nicht beanstandet wurde".
Von den diversen Vorwürfen im Zusammenhang mit der Pleite der Kirch-Gruppe vor drei Jahren hat sich nur der der Urkundenfälschung bestätigt. Firmengründer Kirch nahm die fällige Geldstrafe sofort an.
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Nur noch Urkundenfälschung - Leo Kirch kommt ohne Prozess davon
00/05/2010
Vom Konjunkturaufschwung profitieren auch die Leasing-Unternehmen, manche Marktbeobachter sprechen sogar vom Beginn eines neuen Investitionszyklus. Doch die Reformen der Großen Koalition könnten Wachstum bremsen. Da malt jemand den Teufel an die Wand. "Der Investitionsindikator zeigt erschreckende Zahlen. Die positive Stimmung und der begonnene Aufschwung werden durch das Vorhaben, die Leasingraten in die Bemessungsgrundlage zur Ermittlung der Ertragssteuern hinzuzurechnen, wieder zunichte gemacht", ist Horst-Günther Schulz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL), überzeugt. Detailansicht öffnen Über die Hälfte der 2006 geleasten Güter waren Autos. (Foto: Grafik: sueddeutsche.de) Momentan hingegen können die Leasing-Firmen sicher nicht klagen, denn die Geschäfte laufen so gut wie lange nicht mehr: Im Jahr 2006 stieg das Volumen der Neugeschäfte mit Leasing-Objekten auf einen Rekordwert von 54 Milliarden Euro. "Ein deutlich besseres Investitionsklima in Deutschland stärkt das Leasingwachstum. Sogar vom Beginn eines neuen Investitionszyklus wird gesprochen, der auch noch im Jahr 2007 anhalten wird", meint Arno Städtler vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo), das jährlich eine Studie zum Branchentrend verfasst. Nach wie vor behauptet Deutschland im europaweiten Vergleich einen sicheren zweiten Platz in der Leasing-Rangliste, gemessen am Neugeschäft der Branche. Der Abstand zum Erstplatzierten Großbritannien verringert sich von Jahr zu Jahr, und der Vorsprung vor den Nächstplatzierten Italien, Frankreich und Spanien weitet sich Mal um Mal aus. Je stärker die Konjunktur in Deutschland anzieht, desto dynamischer verbessert sich das Neugeschäft der Leasing-Firmen. Delle im zweiten Quartal So verzeichnete der Branchenverband Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL) im ersten Halbjahr 2006 ein deutliches Plus im Mobilien-Leasing. "Das Plus beim Neugeschäft mit Maschinen und Nutzfahrzeugen betrug 3,4 Prozent", rechnet BDL-Vorstandschef Schulz vor. Busse, LKW und Hänger hätten um 17,3 Prozent zugelegt, Produktionsmaschinen um 12,1 Prozent. PKW und Kombi "entwickelten sich hingegen etwas verhaltener", sagt Schulz. Ein genauerer Blick auf die Halbjahreszahlen aber dämpft dieses positive Bild. Betrug der Zuwachs in den ersten drei Monaten 2006 noch sechs Prozent, so schwächte sich der Anstieg beim Neugeschäft im zweiten Quartal auf 1,5 Prozent ab.
Vom Konjunkturaufschwung profitieren auch die Leasing-Unternehmen, manche Marktbeobachter sprechen sogar vom Beginn eines neuen Investitionszyklus. Doch die Reformen der Großen Koalition könnten Wachstum bremsen.
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Branchenreport - Wachstum mit Verschnaufpause
00/05/2010
Das Gedächtnis der Borsianer ist kurz: Ein schmerzhafter Crash sei schon bald wieder möglich, warnt eine deutsche Aktionärsvereinigung. Der Kursanstieg an Technologiebörsen wie dem amerikanische Nasdaq oder dem Nachfolger des neuen Marktes, dem Tec-Dax, geben nach Einschätzung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) Anlass zur Sorge. Internettitel wie ebay, yahoo oder auch Amazon hätten jetzt ein Bewertungsniveau, das von dem der Boomzeit im Jahr 2000 nicht mehr weit entfernt sei, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker. In den vergangenen Monaten habe sich gezeigt, dass einige Anleger die schlechte Entwicklung der vergangenen Jahre schnell vergessen hätten. Eine Watchlist soll helfen Die Schutzvereinigung hat erneut eine "Watchlist" der 50 größten Kapitalvernichter an der Börse unter deutschen Aktiengesellschaften erstellt. Dabei wurde die Kursentwicklung über die Zeiträume von fünf, drei und einem Jahr untersucht. In der Liste sind sechs Dax-Unternehmen aufgeführt, die am meisten an der Börse im Wert gesunken sind, im Vergleich zu drei im Vorjahr. Der Versicherer Allianz nehme Platz 28 ein und führe damit im Dax. Es folge die Münchener Rück (Rang 29), die HypoVereinsbank (32), TUI (38) sowie Deutsche Telekom (41) und Bayer (50). Die Commerzbank, im vergangenen Jahr schlechtester Dax-Wert in der Liste, werde nicht mehr aufgeführt. Zudem sind zwei Tec-Dax-Werte (Aixtron und Jenoptik) genannt. Über die Höhe des vernichteten Kapitals konnte die DSW keine Angaben machen. Enorme Wertvernichtung 2003 hatte die DSW vorgerechnet, dass die Marktkapitalisierung der 30 größten Unternehmen zwischen Ende 2000 und Ende 2002 von 890 Milliarden auf 315 Milliarden Euro sank. Die DSW sieht in der Liste eine Hilfe für Aktionäre und auf keinem Falle eine Kauf- oder Verkaufsanleitung für Anleger. Bei einigen aufgeführten Werten zum Beispiel zeigte sich im vergangenen Jahr ein positiver Trend. Die DSW wurde 1947 gegründet und ist nach eigenen Angaben mit 28 000 Mitgliedern größte deutschen Aktionärsvereinigung.
Das Gedächtnis der Borsianer ist kurz: Ein schmerzhafter Crash sei schon bald wieder möglich, warnt eine deutsche Aktionärsvereinigung.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/boerse-warnung-vor-der-ueberhitzung-1.903731
Börse - Warnung vor der Überhitzung
00/05/2010
Alexander Falk verkaufte den Kartografie-Verlag seines Vaters und stieg groß ins Geschäft mit Internet und Banken ein - es bleibt eine Schneise der Verwüstung. (SZ vom 21.06.03) - Alexander Falk scheint ein Mann zu sein, den man leicht unterschätzt. Der blond gelockte Hamburger, der auf Fotos einen so smarten und wohlerzogenen Eindruck macht, bekommt in den Erzählungen jener, die sich als seine Opfer sehen, immer ein zweites Gesicht. Detailansicht öffnen Alexander Falk, als er noch Präsident der Distefora-Holding war. Inzwischen gilt das Schweizer Unternehmen als ausgeplündert. (Foto: AP) Das erste ist richtig nett. Das zweite ziemlich übel. Da erinnert sich einer, der heute "etliche Prozesse" gegen Falk laufen hat, an den sympathischen jungen Mann, immer lächelnd, immer freundlich, der kurze Zeit später eiskalt Verträge bricht. Geld nie gesehen Ein anderer - auch er prozessiert und will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen - hatte sich vor drei Jahren von der Internet-Euphorie des Jungdynamikers anstecken lassen und ihm seine kleine Firma verkauft. Jedenfalls auf dem Papier. Das Geld dafür hat er nie gesehen. Einem dritten Manager, diesmal aus der Bankenszene, scheint es richtig peinlich zu sein, dass er auf einen wie Falk reingefallen ist. Der junge Investor mit der prall gefüllten Geldbörse hatte sich als Retter einer strauchelnden Privatbank angedient. Sehr verlockend, aber am Ende hatte Falk ihn ausgebootet. Die Liste der Falk-Geschädigten ist lang, denn der 33 Jahre alte Hamburger, der unter Betrugsverdacht steht und seit zwei Wochen in Untersuchungshaft sitzt, hat in seinem unternehmerischen Wirken bei Distefora, Ision und Hornblower Fischer eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Phantastische Visionen und juristische Winkelzüge Das "System Falk" scheint ein Muster zu haben: Phantastischen Visionen und Versprechungen folgen juristische Winkelzüge. "Da taten sich plötzlich Hintertürchen auf, die sein Anwalt trickreich eingebaut hatte", erzählt einer, der nach seiner Falk-Begegnung um eine Firma ärmer war. Dass "der Sascha", wie seine Freunde Falk nennen, ziemlich clever ist, hatte er schon in jungen Jahren bewiesen. Nach dem Abitur musste der begeisterte Segler und Surfer, der im noblen Hamburger Elbvorort Blankenese aufgewachsen war, noch ein paar Monate bis zum Wehrdienst überbrücken. Zusammen mit einem Freund wollte er "eine richtig schöne Surfreise" nach Südafrika machen. Und um den Aufenthalt zu legalisieren, so erzählte er einmal einer Zeitung, schrieb er sich kurzerhand an der Universität von Kapstadt als Student ein. Keine Begeisterung für den Kartografie-Verlag Für den 1945 gegründeten väterlichen Betrieb, den international bekannten Kartografie-Verlag, konnte sich Falk nie so recht begeistern. "Ich bin ohnehin jemand, der gern nach dem Weg fragt", frotzelte er und verkaufte sein Erbe 1995 - damals war er gerade 26 Jahre alt - für 50 Millionen DM an Bertelsmann. Unternehmerische Ziele hatte der BWL-Student aber nicht - jedenfalls nicht solche, die in der Hansestadt Anerkennung finden würden. Mit dem geerbten Geld wurstelte Falk und sein Freundeskreis eine Zeit lang eher planlos und relativ unbeachtet von der Öffentlichkeit vor sich hin. In der Schweiz kaufte er einen leeren Börsenmantel, der in Distefora Holding umfirmiert wurde, und brachte dort einige kleinere Firmen unter, die später im weitesten Sinne als Internet-Geschäft gelten konnten. Gang an den Neuen Markt In Deutschland erwarb Falk von ThyssenKrupp eine, später Ision Internet genannte, kleine Firma, und mit der ging er im März 2000 an den Neuen Markt. Dort herrschte damals noch immer Goldgräberstimmung, und so wundert es auch nicht, dass ein Wirtschaftsprüfer Ision mit ihren vielen kleinen, defizitären Tochterfirmen mit 138 Millionen DM bewertete. Man erinnere sich: Internet-Firmen, die in jenen Jahren Gewinne erwirtschafteten, galten als hoffnungslos fehlgeleitet. Schließlich ging es ausschließlich um Wachstumsfinanzierung und das Sichern von vermeintlich vielversprechenden Märkten. 200 Millionen Euro Mit dem Börsengang kassierte Ision rund 200 Millionen Euro, und natürlich sollte das Geld in das Marketing und für Akquisitionen, vor allem im Ausland, fließen. Aber Ision schwächelte von Geburt an. Nur die Kleinaktionäre bekamen davon nichts mit. Und die Falk-Connection war längst damit beschäftigt, den Ausstieg zu inszenieren. Vieles, was damals geschah, ist heute nur noch mit dem Taumel zu erklären, in dem sich die New Economy befand. Kleine "IT-Buden" waren plötzlich Millionen wert, und mancher Gründer einer solchen Bude ist heute ein wohlhabender Mann, weil er seine Firma an ein junges Börsenunternehmen verkaufen konnte, das mit dem am Neuen Markt eingesammelten Spielgeld auf großzügige Einkaufstour ging. Geld, das niemals ankam Nur jenen, die damals an Falks Ision gerieten, ging es gelegentlich schlecht, weil das Geld niemals ankam. Im Moment interessiert sich die Hamburger Staatsanwaltschaft nur für einen kleinen Teil der Geschäfte, die Falk und seine Mitstreiter im Jahr 2000 bei Ision betrieben haben. Mit Scheingeschäften sollen sie damals die Umsätze bei Ision in die Höhe getrieben haben, so dass der Aktienkurs sich gegen den - im Jahr 2000 nach unten zeigenden - Börsentrend ganz ordentlich entwickelte und Ision zum Jahresende für 812 Millionen Euro verkauft werden konnte. Bezug zur Realität verloren Heute scheint es so, als hätten die Beteiligten damals schon lang den Bezug zur Realität verloren, als hätten sie ihre dubiose Art, Geschäfte zu machen, bereits als ganz normales Gebaren verinnerlicht. Denn warum sonst wurde offenbar ein Protokoll von jenem "Kick-off Meeting" am 19. September 2000 geschrieben, in dem die Geschäftsfreunde ziemlich genau durchsprachen, wie die Scheingeschäfte nachträglich in die Buchhaltung einzuarbeiten seien und wie Distefora die nötige Liquidität für den Deal herbeischaffen würde. Mit Falk in U-Haft Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft zielt auf alle sieben Beteiligten, darunter ein Anwalt und ein Wirtschaftsprüfer, und einige von ihnen sitzen jetzt mit Falk in Untersuchungshaft. Es ist Johann-Christoph Rudin zu verdanken, dass die Behörde sich jetzt mit so brisanten Unterlagen wie jenem Protokoll beschäftigt. Der 38-Jährige Anwalt betreibt in Zürich eine florierende Kanzlei und ist - eigentlich im Nebenjob - Aktionärsschützer. Doch seit einigen Monaten ist der gründliche Schweizer vollauf damit beschäftigt, das System Falk aufzuspüren und zu dokumentieren. "Ein ausgeplünderter New Technologie-Wert" Durch Zufall wurde Rudin einziger Verwaltungsrat der Schweizer Distefora, die Falk im Chaos hinterlassen hatte und die laut Rudin heute "ein ausgeplünderter New Technologie-Wert" ist. Schon beim Studium der ersten Akte war dem Schweizer nach eigenen Worten klar, dass Falk bei Distefora "üppig abkassiert hat". Im März gab er Informationen an die deutsche Bankenaufsicht, die daraufhin Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattete. Bei Bedarf Unbedarft Rudin ist auch so einer, den man wohl leicht unterschätzen kann. Das weiß er selbst, und wenn es der Sache dient, spielt er auch schon mal den Unbedarften. Zum Beispiel, als er im Februar dieses Jahres in Hamburg versuchte, an jene 800 Distefora-Akten zu kommen, die die Falk-Connection sich unter den Nagel gerissen und bei einem Spediteur gelagert hatte, damit der Aktionärsschützer dort nicht herumschnüffeln konnte. Keiner bekam mit, dass Rudin einen Hochsee-Container für 2.200 Euro gekauft und im Hamburger Zollhafen - einem "ziemlich sicheren Ort" - deponiert hatte. "Ganze Horden von Detektiven" waren in Marsch gesetzt worden, um ihn unter Kontrolle zu behalten, erzählt Rudin. Doch er schaffte es trotzdem, die Akten bei dem Spediteur herauszuholen, in einer eigens angemieteten Wohnung mit Hilfe von fünf Afrikanern - garantiert nicht deutsch sprechend - zu kopieren und im Container per Bahn in die Schweiz zu transportieren. "Völlig neutral" Rudin hat Alexander Falk niemals persönlich kennen gelernt, und er hegt nach eigenen Worten auch keine Gefühle für oder gegen ihn. Da sei er "völlig neutral". Seine Motivation für den Großeinsatz erklärt er so: "Ich wollte verhindern, dass die Kleinaktionäre weiter unter den dubiosen Interessen dieser Leute leiden." Von den Ermittlungen des Hamburger Staatsanwalts erhofft Rudin sich die Grundlage für spätere Aktionärsklagen. Auch das soll gründlich erledigt werden: Der Schweizer Aktionärsschützer will auch für die Ision-Geschädigten einstehen und empfiehlt dafür seine E-Mail-Adresse: info@investorenschutz.ch. Prominenten-Strafverteidiger Falk hat sich den Beistand des Hamburger Prominenten-Strafverteidigers Gerhard Strate gesichert. Doch der konnte seinen Mandanten bisher noch nicht aus seiner neun Quadratmeter kleinen Zelle herausholen. In der nächsten Woche gibt es den ersten Haftprüfungstermin. Möglicherweise drängt Falk noch etwas heftiger als andere auf eine sofortige Entlassung; immerhin hat er bei einer früheren Gelegenheit gesagt: "Für mich wäre es die schlimmste Strafe, untätig auf Mallorca zu sitzen." Bei der Privatbank Hornblower Fischer muss unterdessen Falks Schwiegervater, der Hamburger Kaufmann Axel Schroeder, nach dem Rechten sehen. Neues Betätigungsfeld Falk hatte sich nach seinem glorreichen Ausflug in die Internet-Welt im Bankbereich ein neues Betätigungsfeld gesucht. Er ist Großaktionär und Aufsichtsratschef der Frankfurt Investmentbank. Schon möglich, dass er in der Bankenwelt nach dem Reichtum nun auch Anerkennung ernten wollte. Denn was gibt es in der Geschäftswelt wohl Ehrenwerteres, als eine Bank sein eigen zu nennen? Auch dort ist der Schaden jetzt groß. Denn was gibt es Schlimmeres für eine Bank als einen des Betrugs verdächtigten Großaktionär?
Alexander Falk verkaufte den Kartografie-Verlag seines Vaters und stieg groß ins Geschäft mit Internet und Banken ein - es bleibt eine Schneise der Verwüstung.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/millionenerbe-in-untersuchungshaft-ein-eiskaltes-laecheln-1.916190
Millionenerbe in Untersuchungshaft - Ein eiskaltes Lächeln
00/05/2010
Mit einer Startauflage von 700.000 Exemplaren ist "Fakt", die erste Tageszeitung des Axel Springer Verlages in Polen, am Mittwoch erschienen. Der Start des Blattes war in Warschau von Problemen begleitet. Ausgerechnet die 70.000 in Berlin gedruckten Zeitungsexemplare, die ab 05.00 Uhr morgens im Zentrum der polnischen Hauptstadt an die Zeitungskioske verteilt werden sollten, fehlten zunächst. Flieger aus Berlin kam zu spät Das Flugzeug aus Berlin landete mit mehrstündiger Verspätung erst kurz nach sieben auf dem Warschauer Flughafen. In den übrigen Landesteilen gab es nach Angaben des Verlages keine Lieferprobleme - 90 Prozent der Auflage wurden in der Druckerei einer polnischen Zeitung produziert. Die ersten Signale zum Kaufinteresse seien positiv, hieß es beim Springer-Verlag. Allerdings lasse sich von den "Neugierkäufern" des ersten Erscheinungstages noch kein Trend ableiten. Startauflage von 200.000 Exemplaren Abhängig von der Nachfrage soll Fakt zunächst wohl mit einer Auflage von 200 000 Exemplaren erscheinen, mittelfristig ist eine Auflage von 300 000 nach drei bis fünf Jahren angepeilt. Am ersten Erscheinungstag lockte auf der Titelseite ein Bild des entthronten polnisch-deutschen Box-Weltmeisters Dariusz Michalczewski samt barbusiger Freundin. Die Zeitung, die nach Angaben von Chefredakteur Gregorz Jankowski Boulevard und seriösen Journalismus verbinden will, brachte in ihrer ersten Ausgabe vor allem viel "Menschelndes", Verbraucherthemen und Sport.
Mit einer Startauflage von 700.000 Exemplaren ist "Fakt", die erste Tageszeitung des Axel Springer Verlages in Polen, am Mittwoch erschienen. Der Start des Blattes war in Warschau von Problemen begleitet.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/axel-springer-verlag-schwieriger-fakt-start-in-polen-1.906406
"Axel-Springer Verlag - Schwieriger ""Fakt""-Start in Polen"
00/05/2010
Er galt als einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und war ein Verfechter der freien Marktwirtschaft: Milton Friedman ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Mit 16 Jahren fing er ein Mathematik- und Wirtschaftswissenschaftsstudium an der Rutgers Universität im US-Bundesstaat New Jersey an, wenige Jahre später war er Professor und prägte die in der Ökonomie bekannte "Chicagoer Schule": Milton Friedman war stets ein Vordenker, der sich mit eingefahrenen Lehrmeinungen nicht zufrieden gab. Und bis zuletzt meldete er sich zu Wort, wenn ihm etwas gegen den Strich ging und er der Meinung war, dass die Freiheitsrechte des Einzelnen verletzt seien. Detailansicht öffnen Milton Friedman (Foto: Foto: AP) So forderte er im vergangenen Jahr von der US-Regierung nicht nur eine weitere Senkung der Steuern, sondern setzte sich auch in einem offenen Brief mit 500 Unterzeichnern für die Legalisierung von Marihuana ein. Verfechter liberaler Wirtschaftspolitik Am Donnerstag ist Milton Friedman im Alter von 94 Jahren in einer Klinik in San Francisco an Herzversagen gestorben. Die Ökonomie hat damit einen ihrer einflussreichsten Vertreter des 20.Jahrhunderts und einen der eifrigsten Verfechter liberaler Wirtschaftspolitik verloren. Friedmans Vorstellungen vom freien Markt ohne große staatliche Eingriffe prägten die Wirtschaftspolitik des amerikanischen Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren, als dessen Berater er arbeitete, und die der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Er galt als einer Wortführer der Monetaristen, die für die Kontrolle der Inflation über die Geldmenge und nicht über den Zinssatz eintraten. Aus armen Verhältnissen Friedman wurde am 31. Juli 1912 in New York geboren. Seine Eltern waren aus Bessarabien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, in die USA eingewandert. Als der Vater starb, musste der hoch begabte Schüler im Alter von 15 Jahren arbeiten, um der Familie zu helfen. Mit einem Stipendium studierte er später Wirtschaftswissenschaften. Schon als junger Wissenschaftler beschäftigte sich Friedman in den 1950er Jahren mit der Lehre John Maynard Keynes, der die Wirtschaftspolitik bis dahin wesentlich beeinflusst hatte. Für Friedman war es logisch, dass Keynes Empfehlungen über eine aktive Steuerung der Nachfragepolitik ein Irrweg waren. Gegen Gängelung durch den Staat Die staatlichen Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft blähten die Geldmenge auf, heizten die Inflation an und schadeten dadurch den Arbeitnehmern, indem die Kaufkraft geschmälert werde. Doch es ging dem Ökonomen auch immer um etwas Grundsätzliches: Die Bürger dürften vom Staat nicht gegängelt werden. Nur so kann sich unternehmerisches Handeln zum Wohle der Gesellschaft entwickeln, lautete das Plädoyer Miltons. Während seiner Zeit in Chicago, wo er von 1946 bis 1983 an der Universität lehrte, veröffentlichte er 1962 sein Hauptwerk "Kapitalismus und Freiheit". 1976 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. In Dutzenden Büchern, in wissenschaftlichen Aufsätzen, aber auch in Artikeln für populäre Magazinen wie Newsweek forderte der ungeduldige Mahner freie Marktwirtschaft und ein mäßiges und stetiges Geldmengenwachstum, um ein dauerhaftes, inflationsarmes Wirtschaftswachstum zu erreichen. Unbeliebt bei den Linken Vor allem bei den Linken war Friedman deshalb unbeliebt. Sie kritisierten unter anderem, dass seine Lehren die Armen in den Entwicklungsländern ignorierten, wo Regime streng monetaristische Wirtschaftspolitik betrieben. Auch mancher kontinentaleuropäische Politiker stand ihm kritisch gegenüber, allerdings aus anderen Gründen: Friedman hat stets engagiert gegen die Einführung des Euro gewettert.
Er galt als einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und war ein Verfechter der freien Marktwirtschaft: Milton Friedman ist im Alter von 94 Jahren gestorben.
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Milton Friedman - Verlust eines Freiheitskämpfers
00/05/2010
Das Wachstum der deutschen Wirtschaft wird sich nach Meinung von Experten im nächsten Jahr deutlich weniger abschwächen als noch im Herbst befürchtet - trotz der Mehrwertsteuererhöhung. Detailansicht öffnen Immer mehr Unternehmen freuen sich über volle Auftragsbücher. (Foto: Foto: ddp) Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel verdoppelte seine Konjunkturprognose für 2007 am Dienstag von 1,0 auf 2,1 Prozent: eine ungewöhnlich starke Korrektur. In ihrem Gemeinschaftsgutachten im Oktober hatten die führenden Forschungsinstitute, zu denen das IfW gehört, eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um lediglich 1,4 Prozent vorhergesehen. Für das laufende Jahr gehen die Kieler von 2,6 Prozent Wachstum aus. Die Zahl der Arbeitslosen werde 2007 im Schnitt 4,14Millionen betragen, 360000 weniger als 2006. Der Aufschwung könne über 2007 hinaus andauern, schreiben die Experten. Positive Daten auch vom ZEW Auch das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) veröffentlichte erfreuliche Daten. Der ZEW-Indikator verbesserte sich im Dezember um 9,5 Punkte auf minus 19 Punkte und übertraf damit die meisten Prognosen. In den zehn Vormonaten war das Stimmungsbarometer gefallen. Der Frühindikator ist Ergebnis einer Umfrage, wie Analysten die Konjunktur in den nächsten sechs Monaten einschätzen. Der Mittelwert der Vergangenheit liegt bei 33,7 Punkten, also deutlich über dem Dezemberergebnis. Doch wichtiger als die Höhe des Index ist die Richtung. Die Wendepunkte wiesen recht verlässlich auf spätere Hoch- und Tiefpunkte der Konjunktur hin, sagte etwa Alexander Koch von der HypoVereinsbank. Deshalb gehe er davon aus, dass sich die Wirtschaft in einem halben Jahr erholt haben werde von der Mehrwertsteuererhöhung. ZEW-Präsident Wolfgang Franz schätzt, dass der Indikator weiter zulegt: "Die Erwartungen haben wohl die Talsohle durchschritten und befinden sich dank robuster Konjunkturperspektiven im Aufwind", sagte er. Ifo-Index zeigt ebenfalls nach oben Der Aufschwung gewinne an Breite und sei eine stabile Grundlage für 2007. Zu der ZEW-Wende passt das Ergebnis einer anderen wichtigen Zeitreihe: Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts, eine Firmenumfrage, steigt seit September wieder an und erreichte im November einen Wert, der letztmals beim Boom nach der Wiedervereinigung übertroffen wurde. Die Kieler IfW-Forscher schreiben in ihrer neuen Prognose, dass sich die Produktion im letzten Quartal 2006 stark ausdehnen werde. Die Verdoppelung ihrer Vorhersage für 2007 begründen die Ökonomen damit, dass sich Frühindikatoren für die Konjunktur - wie eben der ZEW- oder Ifo-Index - viel günstiger entwickelt hätten, als die Forscher im August bei ihrer letzten Prognose geschätzt hatten. Die Mehrwertsteuererhöhung, kletternde Zinsen und das nachlassende Wachstum der Weltwirtschaft belasteten zwar die Konjunktur. Die Exporte würden langsamer zulegen. Doch die Binnennachfrage - bisher meist Schwachpunkt der Wirtschaft - werde genug steigen, um das auszugleichen. Die Auftragsbücher der Betriebe seien gut gefüllt. Die Ursache stelle vor allem die Nachfrage heimischer Firmen nach Maschinen dar. "Dies deutet darauf hin, dass die Unternehmen mit der Fortsetzung des Aufschwungs rechnen", meinen die Experten. Mehr Arbeitsplätze Dass die Zahl der Arbeitsplätze schneller wächst, sei ebenfalls ein erfreuliches Zeichen und Folge der niedrigen Lohnerhöhungen der vergangenen drei Jahre, schreibt das IfW. Blieben die Gehaltssteigerungen "sehr maßvoll", bestünden über 2007 hinaus gute Chancen auf einen langen Aufschwung und den nachhaltigen Abbau der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote werde dann von 10,7 auf 9,8 Prozent 2007 und 9,3 Prozent 2008 sinken. Das Bruttoinlandsprodukt werde 2008 um 1,8 Prozent zulegen. Das Hamburger Wirtschaftsinstitut HWWI kündigte ebenfalls an, seine Wachstumsprognose zu erhöhen. "Das werden alle anderen auch tun", sagte HWWI-Experte Jörg Hinze.
Grob verschätzt: Ausgerechnet das besonnene Kieler Institut für Weltwirtschaft revidiert seine Wachstums-Prognose für 2007 massiv.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/forscher-erwarten-starkes-wachstum-wenn-sich-prognosen-verdoppeln-1.901748
Forscher erwarten starkes Wachstum - Wenn sich Prognosen verdoppeln
00/05/2010
Die wachsende Nachfrage aus China lässt die Kupfervorräte schrumpfen. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, wie sich die Lage am Kupfermarkt zukünftig entwickeln wird. Kupfer ist, gemessen am Handelsvolumen, das wichtigste Industriemetall. Im vergangenen Jahr wurden weltweit rund 16,5 Millionen Tonnen Kupfer verbraucht. Detailansicht öffnen Ein Arbeiter legt Kupferrollen ab. (Foto: Foto: dpa) Davon entfielen 37 Prozent auf den Bausektor, 26 Prozent auf die Elektronik, wo Kupfer als Leitmetall eingesetzt wird, 15 Prozent auf Industriemaschinen, elf Prozent auf Konsumgüter und ebenfalls elf Prozent auf den Transportbereich. Chile ist weltweit die Nummer eins unter den Kupferproduzenten, gefolgt von den USA, Kanada, Zaire, Sambia und Polen. Auf der Verbraucherseite stellt China derzeit die größte Nachfrage nach Kupfer, was in den vergangenen Monaten zu enormen Preisschüben führte. Vergangene Woche erreichte Kupfer, das sowohl in Einheiten von Tonnen (London) als auch Pfund (New York) an den Börsen gehandelt wird, in London ein Allzeithoch bei 3540 Dollar je Tonne (SZ vom 1.8.). Engpässe in der Produktion An der Comex in New York stieg die Notierung auf 1,64 Dollar je Pfund. Im vergangenen Jahr lag die weltweite Kupferproduktion mit rund 700.000 Tonnen unter der Nachfrage. Diese Lücke wurde durch Lagerbestände gedeckt. Manche Marktbeobachter gehen davon aus, dass es künftig wegen neuer Minen oder reaktivierter alter Minen ein deutlich höheres Angebot geben dürfte. Die Meinungen der Experten gehen allerdings auseinander, wie die Zukunft von Kupfer aussieht. Er halte den Kupfermarkt für überhitzt, erklärte Juan Villarzu, der Konzernleiter des weltgrößten Kupferproduzenten Codelco aus Chile, bei einem Treffen der Minenkonzerne im Juni in New York. Villarzu rechnet damit, dass der Preis bis zum Jahr 2007 auf rund einen US-Dollar pro Pfund fallen wird, wenn die Produktion wieder steigen sollte. Ab 2009 sieht er aber bereits wieder eine deutliche Verknappung des Angebots.
Die wachsende Nachfrage aus China lässt die Kupfervorräte schrumpfen. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, wie sich die Lage am Kupfermarkt zukünftig entwickeln wird.
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SZ-Serie: Rohstoffe (V) - Kupfer als wichtiges Industriemetall
00/05/2010
In Moskau ist der erste ranghohe Yukos-Mitarbeiter wegen angeblichen Mordes zu zwanzig Jahren Haft verurteilt worden. Die russische Justiz hat in einem ersten Urteil gegen ehemalige ranghohe Mitarbeiter des Ölkonzerns Yukos den Leiter des Sicherheitsdienstes, Alexej Pitschugin, zu 20 Jahren Haft verurteilt. Detailansicht öffnen Das Yukos-Logo flattert im Wind - hinter Stacheldraht. (Foto: Foto: Reuters) Pitschugin habe im Jahr 2002 ein Ehepaar in der südrussischen Stadt Tambow ermorden lassen, nachdem er von diesem erpresst worden sei, urteilte ein Moskauer Stadtgericht am Mittwoch in einem nichtöffentlichen Verfahren. Außerdem habe Pitschugin ein Attentat auf eine Beraterin des früheren Yukos-Vorstandsvorsitzenden Michail Chodorkowski verübt, das die Frau überlebte. Leichen nie gefunden Die Verteidigung Pitschugins kündigte Berufung gegen das Urteil an. "Es gibt keine Beweise für die Schuld", sagte der Anwalt Georgi Kaganer. Bis heute sind die Leichen des mutmaßlich ermordeten Ehepaares nicht aufgefunden worden. Regierungskritiker sehen die Verfahren gegen die erweiterte Yukos-Führung als Versuch des Kremls, Chodorkowski zu entmachten und die Erdölindustrie dem Kreml zu unterstellen. Vor der Parlamentswahl 2003 hatte der Unternehmer Oppositionsparteien finanziell unterstützt und sich offen gegen die Politik von Präsident Wladimir Putin gestellt. Zehn Jahre für Chodorkowski gefordert Nach einer Zwangsversteigerung im Dezember war die größte Produktionstochter von Yukos an das Staatsunternehmen Rosneft gefallen. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag zehn Jahre Haft für Chodorkowski und dessen Geschäftspartner Platon Lebedew gefordert. Beiden werden unter anderem Steuerhinterziehung und schwerer Betrug zur Last gelegt. Mit einem Urteil wird ab Mitte April gerechnet.
In Moskau ist der erste ranghohe Yukos-Mitarbeiter wegen angeblichen Mordes zu zwanzig Jahren Haft verurteilt worden.
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Erstes Urteil im Yukos-Prozess - Zwanzig Jahre Haft für Sicherheitschef
00/05/2010
Billiganbieter oder Mobilitätsdienstleister mit Speed-Supermarkt - jede Tankstellenkette geht eigene Wege. Ihr Ziel aber ist dasselbe: überleben trotz sinkendem Benzinverbrauch und hoher Steuern. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Partnerschaft sein. Nach zäher Suche kann das Bonuskarten-Programm Payback den ersehnten Partner in der Mineralölbranche präsentieren: Aral. Ab Mai können die Kunden von Deutschlands größter Tankstellenkette Punkte des größten deutschen Rabattsystems tanken. Detailansicht öffnen Die Auswahl in manchen Tankstellen-Shops stellt jeden Tante-Emma-Laden in den Schatten. (Foto: Foto: dpa) Die neue Kooperation ist nicht die einzige Neuerung bei der Traditionsmarke Aral. Die Bochumer rütteln derzeit ihr Geschäftsmodell durch - etwa bei der Kommunikation. Mit einem Soft-Relaunch werden die Werbemittel modernisiert und der berühmte Aral-Diamant in dreidimensionaler Anmutung gestaltet. Zudem wird das mit eigener Farbwelt ausgestattete Gastro-Konzept Petit Bistro ausgeweitet und soll mittelfristig an 1.600 Tanken Reisende mit Snacks versorgen. "Insgesamt wird sich Aral stärker in Richtung einer Destination für verschiedenste Kundenbedürfnisse entwickeln", erklärt Dirk Sauer, oberster Brand-Manager des Unternehmens. Mit dieser Strategie setzt sich Aral an die Spitze einer Branche, die sich im Umbruch befindet. Alle Markenanbieter überarbeiten derzeit ihre Shop- und Snack-Angebote: Shell ersetzt sein Ladenkonzept Shell Select durch den Shell Shop; Total relauncht sein Gastro-Modul Bonjour; Jet rollt gemeinsam mit der Edeka-Marke Spar die Kette Spar Express Shop aus, und Esso experimentiert mit dem Store-Format On the Run. 20 Prozent weniger Benzinverbrauch bis 2020 Mehr Convenience, mehr Service, mehr Gastronomie, neue Sortimente - die Multis bauen ihr Zusatz-Business abseits des Kerngeschäfts aus. Denn das schwächelt. Ausgerechnet an der Zapfsäule ist die Rendite der Ölmultis, die ansonsten Rekordgewinne einfahren, dünn. "In Deutschland sind die Margen mit am niedrigsten in Europa", so Heino Elfert vom Energieinformationsdienst (EID). 1,2 Cent verbleiben nach Berechnung des Verbands des Tankstellengewerbes nach Abzug von Kosten und Steuern den Pächtern als Provision - rund 70 Prozent des Verkaufspreises für einen Liter Kraftstoff kassiert allein der Bund. Doch nicht nur die Marge, auch das Absatzvolumen sinkt. Seit Jahren geht der Kraftstoffverbrauch aufgrund des Tanktourismus, immer effizienterer Motoren und der neuen Sparsamkeit der mobilen Kundschaft zurück. Allein 2005 reduzierte sich nach Angaben von Esso in Deutschland der Verbrauch von Otto-Kraftstoff um sechs Prozent, der des sonst wachsenden Dieselsegments stagnierte bei einem Minus von 0,3 Prozent. "Der Kraftstoffverbrauch ist rückläufig und wird es bleiben", meint Jürgen Ziegner, Chef des Verbands des Tankstellengewerbes. Der Verband für Mineralölwirtschaft prognostiziert bis 2020 ein Absinken des Kraftstoffverbrauchs um 20 Prozent.
Billiganbieter oder Mobilitätsdienstleister mit Speed-Supermarkt - jede Tankstellenkette geht eigene Wege. Ihr Ziel aber ist dasselbe: überleben trotz sinkendem Benzinverbrauch und hoher Steuern.
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"Marketing - ""Der Krieg wird an der Zapfsäule entschieden"""
00/05/2010
Obwohl als ernsthaftes Problem empfunden, zeigen zu wenige Unternehmen Wirtschaftskriminelle an - aus Sorge um ihre Reputation. Die Mehrheit der befragten Unternehmen (71 Prozent) empfinden Wirtschaftskriminalität als ernsthaftes Problem. Das geht aus einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG unter 420 Top-Managern hervor. Über 60 Prozent befürchten einen weiteren Anstieg in den kommenden drei Jahren. Detailansicht öffnen Empfindliche Daten: Hohe Schäden durch Fälschung von Finanzinformationen (Foto: Foto: ddp) Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) stieg die Zahl der Strafanzeigen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2004 um 9,9 Prozent auf 89224. Zwar machten Wirtschaftsdelikte nur 1,4 Prozent an den Straftaten insgesamt aus, trotzdem verursachte Wirtschaftskriminalität einen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von 4,2 Milliarden Euro. Das sind 1,4 Milliarden weniger als im Vorjahr, doch sagt dieser Rückgang qualitativ wenig aus. Wirtschaftsdelikte sind verantwortlich für die Hälfte aller durch Kriminelle verursachten Schäden. Laut KPMG-Studie ist die Dunkelziffer in der Wirtschaftskriminalität besonders hoch. Auf jeden entdeckten kommen schätzungsweise fünf unentdeckte Fälle. Ungeachtet der Tatsache, dass die große Mehrzahl der Manager in der Wirtschaftskriminalität eine Gefahr für die Volkswirtschaft sieht, stuft eine Mehrheit der Befragten das Risiko für das eigene Unternehmen als gering ein. "Absoluten Schutz gibt es nicht" Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt nach Ansicht von KPMG-Partner Dieter John eine weitere alarmierende Beobachtung. So ermittelte die Umfrage, dass lediglich 18 Prozent der Unternehmen ihre Kenntnisse über wirtschaftskriminelle Taten als gut einstuften. Eine "besondere Brisanz" maß der Experte bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Düsseldorf der deutlich gestiegenen Zahl zufällig entdeckter Delikte bei. Immerhin hätten mehr als 60 Prozent der befragten Unternehmen angegeben, dass sie erste Anzeichen für wirtschaftskriminelle Handlungen nicht erkannt hätten. 77 Prozent der Befragten halten die in ihren Unternehmen bestehenden Präventionsmaßnahmen für ausreichend. Als Ursache für Zunahme von Wirtschaftskriminalität werden hauptsächlich das zunehmende Einkommensgefälle in der Gesellschaft, die Internationalisierung und unterschiedliche Werte auf internationalen Märkten genannt, aber auch die sinkende Loyalität zwischen Mitarbeitern und Unternehmen. "Einen absoluten Schutz gegen Wirtschaftskriminalität gibt es nicht", sagte John. Aber es gebe "Ansatzpunkte" zur Minderung des Risikos. "Früherkennung und systematische Prävention müssen Chefsache werden." Als ein Beispiel für eine wirksame Vorbeugung bezeichnete der KPMG-Manager effektivere Einstellungskontrollen. So seien die Täter in rund 14 Prozent der Fälle bereits zuvor in ihrem jetzigen oder einem anderen Unternehmen auffällig geworden. Zwar gäben die Firmen erhebliche Summen für Rekrutierung und Ausbildung ihrer Mitarbeiter aus. In weitergehende Recherchen bei der Einstellung von Mitarbeitern werde jedoch vergleichsweise wenig investiert. Mehr Entschiedenheit Am häufigsten sind der Umfrage zufolge klassische Vermögensschäden. Dazu gehören Diebstahl beziehungsweise Unterschlagung (82 Prozent), Untreue (51 Prozent) und Betrug (41 Prozent). Weniger oft, dafür jedoch meist mit höheren Schäden verbunden, seien die Fälschung von Finanzinformationen, Korruption und Kartellrechtsverstöße. Solche Delikte setzten eine bestimmte Stellung in der Unternehmenshierarchie voraus. Das Top-Management sei in der Vergangenheit nur an zwei Prozent der Diebstähle, aber an jeder zweiten Fälschung von Jahresabschlüssen beteiligt gewesen. Hauptbereich war der Vertrieb. Nur in 56 Prozent der Fälle zeigten die Unternehmen die Täter der Staatsanwaltschaft an. In 82 Prozent beließen es die betroffenen Unternehmen bei arbeitsrechtlichen Schritten. John forderte die Unternehmen auf, entschiedener gegen Straftäter vorzugehen. Es sei das falsche Signal, wenn aus Furcht, das Ansehen des Unternehmens könnte beschädigt werden, nicht jeder Fall den Ermittlungsbehörden angezeigt werde. Auch der Vizepräsident der deutschen Sektion von Transparency International Peter von Blomberg hält alle Versuche, die Vorfälle unter den Teppich zu kehren, für falsch. Insgesamt bescheinigte Blomberg den Unternehmen, in den vergangenen Jahren einiges getan zu haben, um sich vor Wirtschaftskriminalität zu schützen. Allerdings reichten die Maßnahmen nicht aus, sagte der Experte der Süddeutschen Zeitung. So bemängelte von Blomberg, dass die Konvention der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gegen Bestechung ausländischer Amtsträger in Deutschland nur unzureichend umgesetzt wurde. Nachholbedarf gebe es bei der Verfolgung internationaler Korruption und dem Schutz von Hinweisgebern. Auch fehle ein Unternehmensstrafrecht.
Obwohl als ernsthaftes Problem empfunden, zeigen zu wenige Unternehmen Wirtschaftskriminelle an - aus Sorge um ihre Reputation.
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Wirtschaftskriminalität - Jede zweite Firma Opfer von Straftaten
00/05/2010
Nachdem sich Bayerns Ministerpräsident Stoiber in die festgefahrenen Verhandlungen um das abzuwickelnde AEG-Werk Nürnberg eingeschaltet hat, ist der Mutterkonzern Electrolux womöglich zu neuen Zugeständnissen bereit. Der schwedische Electrolux-Konzern hält an seiner Absicht fest, das Nürnberger AEG-Hausgerätewerk zu schließen. Bei den neuerlichen Verhandlungen mit der IG Metall, die voraussichtlich am Donnerstag nach dreiwöchiger Pause wieder aufgenommen werden, gehe es ausschließlich um eine soziale Abfederung der Schließung für die betroffenen 1700 Beschäftigten, sagte der für die europäischen Electrolux-Produktionsstandorte zuständige Horst Winkler. Detailansicht öffnen Electrolux-Manager Horst Winkler. (Foto: Foto: dpa) Dass Electrolux auch nach dem angekündigten Schließungstermin 31. Dezember 2007 in Nürnberg Waschmaschinen, Geschirrspüler und Wäschetrockner produzieren lässt, schloss Winkler kategorisch aus. Das Werk sei in seiner Kostenstruktur international nicht konkurrenzfähig. Es sei daher im Interesse des Gesamtkonzerns, die Fertigung nach Polen und Italien zu verlagern, wo vor allem die Lohnkosten deutlich niedriger seien. Kein Gesinnungswandel Damit machte Winkler Hoffnungen auf einen Gesinnungswandel bei Electrolux zunichte, die nach einem Spitzengespräch von Konzernchef Hans Straberg mit Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer und Ministerpräsident Edmund Stoiber aufgekommen waren. Winkler forderte die Gewerkschaft auf, umgehend wieder in die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag einzusteigen. "Das Industrieschauspiel muss endlich aufhören und wir müssen nach vorne schauen", sagte der Manager mit Blick auf den nunmehr seit zwölf Tagen andauernden Streik in dem Werk. Winkler warf der IG Metall erneut vor, sich bislang einer konstruktiven Lösung zu verweigern. Für die anstehende neue Verhandlungsrunde kündigte er "ein substanzielles und detailliertes Angebot" für einen Sozialtarifvertrag an. Zu Inhalten und Ausgabevolumen äußerte er sich aber nicht.
Nachdem sich Bayerns Ministerpräsident Stoiber in die festgefahrenen Verhandlungen um das abzuwickelnde AEG-Werk Nürnberg eingeschaltet hat, ist der Mutterkonzern Electrolux womöglich zu neuen Zugeständnissen bereit.
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AEG-Werk Nürnberg - Electrolux kündigt Angebot an
00/05/2010
Bei einer Umfrage unter Dreijährigen erkannten 70 Prozent das Logo einer amerikanischen Fastfoodkette - aber nur die Hälfte kannte den eigenen Nachnamen. Hell erleuchtete Schaufenster mit sich drehenden Figuren lassen in der Vorweihnachtszeit Kinderherzen höher schlagen. Die Weihnachtswünsche sorgen für gestresste Eltern und klingelnde Kassen. Das Geschäft mit den Kids boomt. Detailansicht öffnen Das Logo einer amerikanischen Fastfood-Kette: Bei Dreijährigen bekannter als der eigene Nachname. (Foto: Foto: ddp) Noch nie waren Kinder so umworben wie heute. Dabei geht es nicht um Schaufensterwerbung - Product Placement in TV-Serien, Peer Group Marketing und Klingeltonwerbung heißen die Zauberwörter, um den Kids das Ersparte aus den Taschen zu ziehen. Es ist Werbung, die ankommt, wie eine Studie des britischen National Consumer Council zeigt: Acht von zehn Teenagern gaben an, sie würden Shopping lieben. Und das Interesse an Markenkleidung ist bei keiner Altersgruppe so groß wie bei den 13- bis 15-Jährigen. McDonald's bekannter als der Nachname Kinder lernen schnell: Der durchschnittliche Zehnjährige erkennt heutzutage zwischen 300 und 400 Marken - doch nur 15 Vogelarten. Schon die Kleinsten nehmen die Werbebotschaften auf. Der britische Guardian zitiert eine Studie unter Dreijährigen, wonach 70 Prozent der Kinder die Marke McDonald's kannte. Doch nur jedes zweite Kind wusste den eigenen Nachnamen. Deutsche Kids investierten 2006 über vier Milliarden Euro in Bekleidung, drei Milliarden in außerhäusliche Aktivitäten und 2,7 Milliarden kassierten die Mobilfunkbetreiber. Insgesamt summierten sich die Ausgaben der 6- bis 19-Jährigen auf 22,5 Milliarden Euro, so eine Studie der auf Jugendliche spezialisierten Münchner Marktforschungsagentur IconKids. Das bedeutet eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 1,3 Milliarden - ein neuer Rekord. "Ich will ein rotes Auto" Doch der Markt dürfte sogar weit größer sein: Immer mehr Kinder spielen bei den langfristigen Investitionen eine wichtige Rolle. Egal ob Auto, neuer PC oder Wohnzimmercouch - oftmals haben die jungen Konsumenten ein Wörtchen mitzureden bei den großen Ausgaben von Mama und Papa. Und so laufen immer öfter glückliche Kinder durch die Fernsehspots der großen Automarken und hüpfen fröhlich auf den Sofas großer Einrichtungshäuser herum. Doch nicht alle Jugendlichen empfinden uneingeschränkte Begeisterung für die neue Aufmerksamkeit der Werbeindustrie. Der Druck, immer das Neueste besitzen zu müssen, lastet oft schwer auf den Umworbenen. Der Vergleich der neuesten Handymodelle am Schulhof enttarnt oft die Schüler aus ärmeren Verhältnissen - was dazu führt, dass sie sich am meisten für Konsumgüter interessieren. Langfristiger Trend Das dürfte sich sobald auch nicht ändern. Denise Ulrich von IconKids sieht in den steigenden Ausgaben der Kids einen langfristigen Trend: "Die Zahl der deutschen Kinder nimmt Jahr für Jahr um ein Prozent ab - doch das Geld, über das sie verfügen können, steigt jährlich um drei Prozent." Wenn auch 2006 in der Vorweihnachtszeit glitzernde Kinderaugen die neuesten Spielsachen bestaunen, werden die meisten Wünsche wieder in Erfüllung gehen, denn, so Ulrich: "Auch wenn bei den Familien einmal das Geld knapp wird - bei den Kindern wird zuletzt gespart."
Bei einer Umfrage unter Dreijährigen erkannten 70 Prozent das Logo einer amerikanischen Fastfoodkette - aber nur die Hälfte kannte den eigenen Nachnamen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/von-der-werbung-umgarnt-kids-im-kaufrausch-1.904323
Von der Werbung umgarnt - Kids im Kaufrausch
00/05/2010
Für die Verbraucher nicht erkennbar, kassiert Vater Staat bei jeder Tasse Kaffee, bei jedem Gläschen Sekt, beim Heizen, beim Gassi gehen und Lotto spielen verdeckt mit. Und das nicht zu knapp. Der Eindruck vieler Bundesbürger, immer weniger Geld in der Tasche zu haben, kommt nicht von ungefähr: Neben höheren Sozialversicherungsbeiträgen haben in diesem Jahr auch die "heimlichen Steuern" zusätzliche Löcher in Lohntüte und Haushaltskasse gerissen. Einige der so genannten Bagatellsteuern wurden zu Jahresbeginn kräftig erhöht. Detailansicht öffnen Regelmäßiges Kaffeetrinken ist gut für die deutsche Staatskasse. (Foto: Foto: dpa) Schock beim Blick aufs Konto Der Schock stellt sich aber erst nach einer Weile beim Blick aufs Konto ein. Während sich die Belastung durch dicke Steuerbrocken wie Lohn- und Einkommenssteuer oder Sozialabgaben sofort bemerkbar macht, weil vom verdienten Euro im Schnitt gerade noch mal 50 Cent netto übrig bleiben, ist das Loch durch die meisten Verbrauchsteuern nicht direkt zu spüren. Wer weiß schon, dass er pro Kilogramm Röstkaffee 2,19 Euro an Steuern berappen muss? Beim löslichen Kaffee ist der Fiskus gar mit 4,78 Euro pro Kilo dabei. Auf Verpackung oder Kassenbon wird das allerdings nicht ausgewiesen. Doppeltes Abkassieren Und dann wird noch die 16-prozentige Umsatzsteuer auf die Kaffeesteuer draufgepackt. Ein passionierter Kaffeetrinker muss so gut und gerne Extra-Steuern von schätzungsweise bis zu 40 Euro im Jahr berappen. Steuer auf die Steuer, wie Hans-Joachim Vanscheidt vom Bund der Steuerzahler in Wiesbaden das Prinzip des doppelten Abkassierens kritisiert. Das passiert so auch bei anderen versteckten Steuerarten wie der Schaumwein-, der Mineralöl- und der Stromsteuer. Aber keiner merkt es, kaum einer weiß es. "Bei einem billigen Sekt kann die Steuer höher ausfallen als der reine Warenwert", merkt Hans-Ulrich Liebern vom Bund der Steuerzahler in Nordrhein-Westfalen an. Rückläufige Steuereinnahmen "Bis zu zehn Prozent des Bruttolohns gehen nochmal für indirekte Steuern drauf", rechnet Steuerexperte Vanscheidt weiter vor. Die Einnahmen aus den Verbrauchsteuern kletterten in den letzten Jahren permanent in die Höhe, allein von 2000 bis 2002 um 3,3 Prozent. Und das trotz allgemein rückläufiger Steuereinnahmen, wie Liebern betont. Wer sich's gut gehen lässt, gerät besonders schnell in die heimliche Steuerfalle. Beim gemütlichen Bier am Abend wird die verdeckte Zwangsabgabe von 9,44 Cents pro Liter fällig, pro Flasche Sekt gehen 1,02 Euro an den Staatssäckel. Bei Hochprozentigem langt der Fiskus mit 2,28 Euro bis 3,83 Euro je 0,7-Liter-Flasche zu, je nach Alkoholgehalt. Erhöhung der Tabaksteuer Wer dann auch noch eine Zigarette raucht, wird wieder indirekt zur Kasse gebeten und zwar mit 9,5 Cents pro Glimmstängel. Im nächsten Jahr soll es noch mehr werden, dann wird die Tabaksteuer erhöht. Und wer gern zockt, dem zieht der Fiskus ebenfalls "unsichtbare" Extra-Steuern aus der Tasche. Beim Tippen werden nämlich 20 Prozent Lotteriesteuer auf den Einsatz fällig, bei Sport- und Pferdewetten über 16 Prozent. Selbst beim Glücksspiel in der Spielbank weicht das Finanzamt seinen Bürgern nicht von der Seite. Eine weitere Unbekannte ist die Feuerschutzsteuer. Das ist eine Extra-Abgabe, die mit der Hausratversicherung fällig wird, die aber kein Mensch kennt. 40 verschiedene Steuerarten Dagegen wissen die meisten Verbraucher: Hundebesitzer zahlen Hundesteuern, wer eine Versicherung hat zahlt bis auf Ausnahmen Versicherungssteuer. "Wir haben insgesamt bis zu 40 Steuerarten, das ist viel zu viel", kritisiert Vandscheidt und betont: "Die meisten gehörten im Zuge einer echten Steuerreform abgeschafft. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. Zehn Steuern wären genug." Bund, Länder und Kommunen, denen die heimlichen Steuern zufließen, können sich bei all den versteckten Zahlungen die Hände reiben. Zu Jahresbeginn ist allein die Erdgassteuer um etwa 60 Prozent aufgeschlagen. Die Mineralölsteuer, eine der größten Verbrauchssteuern, ist für den Bundesfinanzminister ohnehin eine der ertragreichsten Quellen. Des Autofahrers Leid, Hans Eichels Freud: Pro Liter Benzin fließen seit Januar 67 Cents in die Staatskasse, 3,07 Prozent mehr als zuvor. Trinken, qualmen und zocken für Vater Staat 2002 kamen insgesamt 42,19 Milliarden Euro zusammen, 2003 werden es wohl noch etwas mehr werden. Trinken, qualmen, tanken und zocken für Vater Staat - auf diese Weise sponserten ihn seine Bürger im vergangenen Jahr mit der stolzen Gesamtsumme von 214,875 Milliarden Euro, ohne es recht zu wissen. Wie viel in diesem Jahr zusammenkommt, ist noch ungewiss. Nach den Erwartungen von Steuerexperten wird es sicher nicht weniger, eher mehr werden.
Für die Verbraucher nicht erkennbar, kassiert Vater Staat bei jeder Tasse Kaffee, bei jedem Gläschen Sekt, beim Heizen, beim Gassi gehen und Lotto spielen verdeckt mit. Und das nicht zu knapp.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verdeckte-steuern-zocken-fuer-deutschland-1.900347
Verdeckte Steuern - Zocken für Deutschland
00/05/2010
Die großen Stromkonzerne drehen zwar dreist an der Preisschraube, doch nur wenige Kunden wechseln den Anbieter. Aber auch wer seine Trägheit überwindet, muss aufpassen: Oft unterschreibt er nur bei der Billig-Marke eines Großkonzerns - Werbung wirkt. Nur fünf Minuten, dann hat man seinen Stromanbieter gewechselt. Trotzdem zögern die Verbraucher. Sie klagen über hohe Preise, suchen sich aber keinen anderen Versorger. Detailansicht öffnen Strom wird teurer: Versorger, die ihre Preise erhöht haben. (Foto: Tabelle: SZ) Doch jetzt kommt Bewegung in den Markt. Seit dem 1. Juli dieses Jahres müssen sich die Stromanbieter ihre Grundtarife nicht mehr behördlich genehmigen lassen, die Regierung hat deshalb in der Folge mit Preissenkungen gerechnet. Doch das Gegenteil trat ein: Während die Verbraucherpreise im Juni durchschnittlich um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen, kletterten die Strompreise um 6,2 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt). "Jetzt reicht's", sagen offenbar viele Kunden. Die Bundesnetzagentur registriert eine "signifikante" Anzahl von Kündigungen. Auf die Wechselwelle eingestellt Doch die Konzerne haben sich bereits auf die ja zu erwartende Wechselwelle eingestellt. Genervt verlassen Verbraucher ihren Stromanbieter und kehren - oft ohne es zu merken - über die Hintertür zurück zu der Adresse, die sie verlassen wollten. Der Trick: Ableger, die ihre Familienzugehörigkeit nicht eben vor sich hertragen, sollen wechselwillige Bundesbürger innerhalb des Konzerns umschichten oder der Konkurrenz abspenstig machen. Bestes Beispiel: E wie Einfach aus München, der auch E wie e.on heißen könnte. Im Februar gestartet, pumpte die 100-prozentige des größten deutschen Energieversorgers Eon bis Juli über neun Millionen Euro in Werbemaßnahmen, fast ein Drittel des gesamten Branchen-Budgets. Werblicher Starkstrom Radio-Spots, Anzeigen, beleuchtete Citylights, dazu ein Kinospot - werblicher Starkstrom, der kleine Wettbewerber mit Macht in die Schranken verweisen will. Ähnlich wie Yello, 100-prozentige Tochter der Karlsruher EnBW - Nummer vier im deutschen Strommarkt. Nachdem Yello seinen letztjährigen Markenbotschafter Franz Beckenbauer der Mutter überlassen hat, fordert das Kölner Unternehmen Verbraucher nun auf, den "inneren Schweinehund" zu überwinden, ein Geschöpf, das in TV und Print als Sinnbild dient, Energie für den Wechsel aufzubringen. Aber bitte für den Wechsel zur EnBW-Marke. Der Strommarkt ist gehörig in Bewegung. Momentan profitiert davon allerdings weniger die Kundschaft als vielmehr die Werbeträger, das heißt: Fernsehen, Print- und Onlinemedien. Denn gegenüber 2006 stiegen die Werbeausgaben im ersten Halbjahr 2007 um fast 20 Prozent. Zurückhaltung der Großen Dabei überrascht: Die Werbe-Budgets für die vier großen Konzernmarken fallen bisher bescheiden aus. Mit 2,48 Millionen Euro gab das Quartett aus EnBW, Eon, RWE und Vattenfall im ersten Halbjahr 2007 zusammen kaum mehr aus als Newcomer Nuon Deutschland (2,34 Millionen laut Nielsen Media Research). Stattdessen ermöglichen die großen Vier ihren Töchtern groß angelegte Werbefeldzüge. Außenseiter Nuon, Ableger des gleichnamigen niederländischen Konzerns, umgarnt mit "Lekker Strom" zurzeit verstärkt Endverbraucher in Berlin, Hamburg und Stuttgart.
Die großen Stromkonzerne drehen zwar dreist an der Preisschraube, doch nur wenige Kunden wechseln den Anbieter. Aber auch wer seine Trägheit überwindet, muss aufpassen: Oft unterschreibt er nur bei der Billig-Marke eines Großkonzerns - Werbung wirkt.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/werbemacht-der-energieriesen-umleitung-zu-den-billigen-toechtern-1.900564
Werbemacht der Energieriesen - Umleitung zu den billigen Töchtern
00/05/2010
Ein fehlerhaft übersetzter Artikel sorgt für Aufregung: Wird Chinas Währung nun doch aufgewertet? Wilde Spekulationen um eine Aufwertung der chinesischen Währung verunsichern weltweit die Devisenmärkte. Detailansicht öffnen Chinesische Geldscheine mit dem Bild von Mao Zedong. Sie könnten bald mehr wert sein. (Foto: Foto: AP) Die Erwartungen sind so gespannt, dass ein fehlerhaft übersetzter, vager Artikel der auf den Internetauftritt des Parteiorgans Volkszeitung geriet, Chaos auslösen konnte. Die falsche Nachricht über eine angeblich bevorstehende Aufwertung bewegte Milliarden US-Dollar, bevor der Fehler erkannt und der Artikel von der Website genommen wurde. Die Finanzmärkte sind nervös, seit die USA wegen ihres 162 Milliarden US-Dollar großen Handelsdefizits mit China den Druck auf Peking erhöht haben, den Yuan aufzuwerten oder ihn gleich ganz frei handeln zu lassen. Vorwürfe aus den USA Bislang ist Chinas Währung mit einer minimalen Handelsspanne von 0,3 Prozent bei 8,277 Yuan fest an den US-Dollar gebunden. Erwies sich der Yuan mit dieser Bindung in der Finanzkrise in Asien 1997/98 als wichtiger und viel gepriesener Stabilitätsfaktor, geben die USA ihm jetzt die Schuld für ihre wirtschaftlichen Probleme. Die amerikanische Industrie leidet unter der Konkurrenz aus China und wirft Peking vor, den Kurs künstlich niedrig zu halten, um billiger exportieren zu können. Drei Millionen Jobs seien verloren gegangen, weil der Yuan um 25 oder gar 40 Prozent unterbewertet sei. Unabhängige Experten schätzen die Unterbewertung dagegen auf fünf bis sieben Prozent. "Die USA haben einige wirtschaftliche Probleme, mit denen sie nur schwer fertig werden, so dass sie das Problem übertreiben", sagt auch Zhong Wei vom Finanzforschungsinstitut der Beijing Normal University. Den innnenpolitischen Druck gibt die US-Regierung an Peking weiter, doch könnten die Geister, die Washington ruft, nur schwer zu kontrollieren sein.
Ein fehlerhaft übersetzter Artikel sorgt für Aufregung: Wird Chinas Währung nun doch aufgewertet?
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/devisenmarkt-wilde-spekulationen-um-den-yuan-1.902964
Devisenmarkt - Wilde Spekulationen um den Yuan
00/05/2010
In der heilenden Höhenluft von Davos fällt ein Sanatorium nach dem anderen ins finanzielle Siechtum. Das Interview mit Dr. Rainer Disch ist kurz. Noch bevor er die erste Frage hört, sagt er: "Ich dementiere alles." Sein Gesicht ist weiß wie sein Hemd, der Kuli rotiert zwischen den Fingern, die Stimme zittert. Detailansicht öffnen Die Alexanderhaus-Klinik in Davos-Platz, die rund 100 Arbeitsstellen bietet, steht zum Verkauf. (Foto: Foto: Thomas Kirchner) Nach drei Sätzen ist Schluss. "Ich mag nicht mehr reden, gehen Sie." 13 Jahre lang war der deutsche Dermatologe ärztlicher Leiter der Alexanderhausklinik zu Davos. Ende November hat die renommierte Höhenklinik Konkurs angemeldet. Zwei Tage blieben den rund 100 Angestellten, die Patienten auszuquartieren und das weiße Gebäude mit dem Türmchen auf dem Dach zu räumen. Es liegt an der Promenade, der teuersten Straße des Schweizer Kurortes. "Fassungslos auf der Straße" Während seine Mitarbeiter nun arbeitslos sind, darf Dr. Disch in seiner Praxis noch behandeln. Aber jeden Moment könnte der Konkursverwalter kommen und ihn hinauswerfen. "Ich geh' dann mal", ruft Frau Ertl, seine blonde Sprechstundenhilfe, ins Zimmer hinein. "Du kommst doch wieder, ja?" fragt Disch. Seine Wut richtet sich gegen den Eigentümer der Klinik, den Nürnberger Fritz Mayer, dessen Europäische Klinik-Treuhand und Management AG mit Beteiligungen an deutschen und schweizerischen Privatkliniken in Schwierigkeiten geraten ist. "Unethisch und menschenverachtend" sei das Vorgehen der Klinikleitung, schimpft der Davoser Ärzteverein, die Entlassenen stünden "fassungslos auf der Straße". Die Auslastung des Hauses sei im vergangenen Jahr dramatisch gesunken, hält Andrea von Rechenberg, Mayers Rechtsvertreter, dagegen. "Wir fanden keinen Käufer, also blieb nur die schnelle Schließung, sonst wäre der Schaden noch größer geworden." Die Alexanderhausklinik war nicht die einzige, die zum Verkauf stand. In Davos, bekannt für sein gesundes Klima, siechen die Sanatorien dahin. In den Fünfzigerjahren gab es 24, vor ein paar Wochen noch sechs. Dann schlossen die Höhenklinik Valbella, die dem deutschen Staat gehört, die Alexanderhausklinik, und im März macht die Thurgauer Schaffhauser Höhenklinik dicht. Auf der Kippe steht auch die Alpine Kinderklinik. Sie hat zu wenig Patienten. Übrig bleiben die ebenfalls Deutschen gehörende Hochgebirgsklinik in Davos-Wolfgang sowie die Zürcher Höhenklinik. Sie hat keine Sorgen, weil der Kanton Zürich sie mit jährlich 17 Millionen Franken subventioniert. Das plötzliche Kliniksterben hat die Davoser aufgerüttelt. 300 Arbeitsplätze sind weg, und das Image bröckelt, denn das Geschäft mit der Gesundheit war so etwas wie die raison d'être von Davos, der Grund für den Aufstieg des Bergdorfes zu einem der bekanntesten Kurorte der Welt. Von Deutschen geprägt Seit bald 140 Jahren werden Kranke dort hinauf geschickt, um in 1600 Metern Höhe feuchte Flecken auf der Lunge oder schuppige Stellen an den Beinen auszukurieren. Die größte Gruppe bildeten stets die Deutschen, überhaupt ist das Landwassertal geprägt von deutschem Wesen und Wirken. Es war der badische Arzt Alexander Spengler, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Heilwirkung des Davoser Klimas für die weit verbreitete Tuberkulose erkannte. Sein 1882 gegründetes "Alexanderhaus", die erste "Volksheilstätte", stand an der Stelle der jetzt geschlossenen Klinik. Sein Landsmann Karl Turban, der Davoser "Tuberkulose-Tyrann", führte die Liegekur ein, verbunden mit der Überzeugung, dass der Arzt kraft seiner Autorität die Lebensführung der Patienten beherrschen müsse. Das Sprechzimmer solle "zum Beichtstuhle werden". Thomas Mann machte diese todesnahe, so abstoßende wie faszinierende Welt mit seinem 1924 erschienenen "Zauberberg"-Roman berühmt. Das Sanatorium "Berghof", in dem sein Hamburger Held Hans Castorp nicht wie geplant drei Wochen, sondern sieben Jahre verbringt, ist in der Hand des despotischen deutschen Hofrats Behrens.
In der heilenden Höhenluft von Davos fällt ein Sanatorium nach dem anderen ins finanzielle Siechtum.
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Schweiz - Der kranke Zauberberg
00/05/2010
Mit einer Amnestie für Steuersünder wollte Finanzminister Eichel ursprünglich bis zu fünf Milliarden Euro zusätzlich einnehmen. Noch im November sah es allerdings so aus, als ob kaum ein Zehntel der erhofften Summe fließen werde. Nun wird es doch mehr. Kurz bevor sie unwiederbringlich abgerissen wird, wird die "Brücke zur Steuerehrlichkeit" doch noch stark frequentiert. Detailansicht öffnen Mit seiner Bitte um Nachversteuerung erreichte Finanzminister Eichel nur einen Teil der Steuersünder. (Foto: Foto: AP) Was Finanzexperten von Anfang an vermutet hatten, trat ein. Wenn überhaupt, dürfte die Amnestie für reuige Steuersünder erst zum Ende des Jahres 2004 Wirkung zeigen. Denn bis dahin ließen sie ihr Schwarzgeld auf dem Konto, um die Zinsen mitzunehmen. Jubel im Finanzministerium Tatsächlich stieg die Zahl der Offenbarungen im Dezember sprunghaft an. Von einem "Flop" könne nicht die Rede sein, jubelte das Bundesfinanzministerium am Mittwoch. In den ersten elf Monaten des Vorjahres hatte der Staat lediglich 556 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen aus der Aktion verbuchen können. Bis Ende Dezember wuchs der Betrag auf eine Summe zwischen 900 Millionen und einer Milliarde Euro. Letzte Gelegenheit Vielen Bürgern dürften kurz vor Ablauf des Gnadenaktes klar geworden sein: Die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. "Am 31. März 2005 ist Schluss. Absolut und unwiderruflich", hatte die parlamentarische Finanz-Staatssekretärin Barbara Hendricks (SPD) vor einiger Zeit unmissverständlich erklärt. Obwohl die Aktion noch knapp drei Monate läuft zeichnet sich schon ab: Die "größte Steueramnestie in der Geschichte der Bundesrepublik", als die sie von der Regierung angekündigt worden war, wird längst nicht die Einnahmen bringen, auf die Finanzminister Hans Eichel (SPD) einst hoffte. Er hatte mit fünf Milliarden Euro gerechnet, die sich Bund, Länder und Kommunen teilen sollten. Anhalten des Runs unwahrscheinlich Wer "die Brücke zur Steuerehrlichkeit" 2004 betrat, musste 25 Prozent Steuern zahlen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind es 35 Prozent. Es gilt als unwahrscheinlich, dass der Run nun anhält.
Mit einer Amnestie für Steuersünder wollte Finanzminister Eichel ursprünglich bis zu fünf Milliarden Euro zusätzlich einnehmen. Noch im November sah es allerdings so aus, als ob kaum ein Zehntel der erhofften Summe fließen werde. Nun wird es doch mehr.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bedingte-ehrlichkeit-steueramnestie-bringt-900-millionen-euro-1.920289
Bedingte Ehrlichkeit - Steueramnestie bringt 900 Millionen Euro
00/05/2010
Dank der WM hat die Brauerei Krombacher 2006 im fünften Jahr in Folge Ausstoß und Umsatz gesteigert. Die Krombacher Brauerei hat 2006 zum fünften Mal in Folge Ausstoß und Umsatz gesteigert. Detailansicht öffnen 5,7 Millionen Hektoliter Bier verließen 2006 die Brauerei in Kreuztal-Krombach. (Foto: Foto: dpa) Mittlerweile komme fast jedes zehnte Markenbier aus dem siegerländischen Kreuztal-Krombach, teilte die Privatbrauerei in Düsseldorf mit. Der Marktanteil bei Markenbier sei um 0,3 Prozentpunkte auf 9,7 Prozent weiter gewachsen. Der Ausstoß der Brauerei stieg um 2,7 Prozent auf 5,7 Millionen Hektoliter und der Umsatz um 2,8 Prozent auf 540 Millionen Euro. In das Jahr 2007 geht Krombacher mit verhaltenen Erwartungen. Preiserhöhung möglich Außerdem denkt die Brauerei über eine Preiserhöhung nach. Diese sei wegen dramatisch gestiegener Kosten nach ihrer Einschätzung in der ganzen Branche erforderlich. Die Krombacher-Gruppe, zu der auch die 2006 übernommene Schweppes Deutschland gehört, machte bei einem Ausstoß von 6,05 Millionen Hektoliter 573 Millionen Euro Umsatz. Mit dem Ertrag sei das Familienunternehmen "sehr zufrieden", sagte Marketing-Geschäftsführer Hans-Jürgen Grabias, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Rekordausstoß vor der WM Nach einem "müden Beginn" hatte Krombacher im Frühjahr 2006 die drei Ausstoß-stärksten Monate der Unternehmensgeschichte. Auch in der zweiten Jahreshälfte habe sich der positive Trend fortgesetzt. "Das Wetter ist unser bester Promoter", so Grabias. "Außerdem tat die Welle der Fußball-Begeisterung dem Bierkonsum gut." Nach Einschätzung von Grabias und Krombacher-Technik-Geschäftsführer Helmut Schaller müssten sich die Kostensteigerungen bei Rohstoffen und Energie in einer Preisrunde niederschlagen. "Wir prüfen, ob wir die Preise erhöhen. Eine Entscheidung ist aber noch nicht getroffen", sagte Grabias. Neben zweistelligen Kostensteigerungen beispielsweise beim Glas und im Energiebereich verteuere auch das für die Ernte ungünstige Wetter des vergangenen Jahres die Produktion. "Auf Grund des warmen Sommers und des verregneten Augusts fehlen eine Million Tonnen Braugerste", schätzte Schaller. Der Pilsausstoß von Krombacher stieg 2006 um 1,5 Prozent auf 4,85 Millionen Hektoliter, Radler und Alkoholfrei legten um 17,8 und 16,6 Prozent zu. Von den Biermix-Getränken der Marke CAB verkaufte Krombacher etwa ein Drittel mehr. Kein Mild-Bier-Markt? Lediglich das "Extra Mild" erfüllte die Erwartungen nicht. Trotz eines Ausstoß-Rückganges um fast 50 Prozent auf 51.000 Hektoliter habe man aber den zweiten Platz bei den Mild-Bieren gehalten, sagte Grabias. "Wir haben das Segment falsch eingeschätzt, vielleicht gibt es keinen Mild-Bier-Markt." In das Jahr 2007 geht die Brauerei verhalten. "Wenn wir beim Pils 20.000 bis 30.000 Hektoliter mehr machen, sind unsere Erwartungen erfüllt", sagte Grabias. 2006 sei wegen des Wetters und der WM "eine Sonderkonjunktur" gewesen. Wer sich an den Zuwächsen auch für 2007 orientiere, habe vermutlich ein böses Erwachen. Nach der Übernahme der Brauerei Rolinck zum Jahresbeginn schloss Grabias weitere Zukäufe nicht aus. "Wenn etwas zu verkaufen ist, spitzen wir die Ohren." Es gebe aber keine Planungen. Krombacher solle zuerst weiter "aus dem Innersten organisch wachsen" und nicht durch Zukäufe. Außerdem will Krombacher im Frühjahr ein Weizenbier auf den Markt bringen. "Damit wollen wir nördlich des Weißwurst-Äquators eine entscheidende Rolle spielen." Die Mehrwertsteuer-Erhöhung sei konsequent weitergegeben worden. Der Handel habe dies zum Teil schon im Herbst umgesetzt, sodass zum 1. Januar keine Preissteigerung für den Verbraucher spürbar gewesen sei.
Dank der WM hat die Brauerei Krombacher 2006 im fünften Jahr in Folge Ausstoß und Umsatz gesteigert.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/trockene-kehlen-im-wm-sommer-ueberschaeumender-rekord-fuer-krombacher-1.900609
Trockene Kehlen im WM-Sommer - Überschäumender Rekord für Krombacher
00/05/2010
Millionen Deutsche starten ihre Suche im Internet üblicherweise bei google.de. Doch Montagabend war die Suchmaske plötzlich verschwunden. Die deutsche Domain der Internet-Suchmaschine Google ist in der Nacht zum Dienstag kurzfristig gekapert worden. Detailansicht öffnen Montag abend nicht erreichbar: Die deutsche Ausgabe der beliebten Suchmaschine Google. (Foto: Foto: dpa) Laut deutscher Tagesschau öffnete sich bei Aufruf von www.google.de nicht die gewohnte Suchmaske, sondern eine Standardmeldung eines deutschen Domainhosters. Denic bestätigt Verkauf Bei der Tagesschau-Anfrage an die Datenbank für deutsche Internetadressen (Denic) wurde bestätigt, dass ein Wiesbadener Händler für Internetadressen seit 23. Januar 2007 Besitzer der Domain google.de sei. Am frühen Morgen bestätigte Google Deutschland, dass die Homepage für einige Internetnutzer in Deutschland vorübergehend nicht erreichbar war. Das Problem sei jedoch "innerhalb kurzer Zeit behoben" worden. Wie es zu der Übertragung der Domain google.de an die Wiesbadener Internetfirma kam, war zunächst nicht bekannt. Normalerweise ist dies nur mit der Einwilligung des Domain-Inhabers möglich - oder aber, wenn die gebührenpflichtige Registrierung der Domain durch den Inhaber nicht verlängert wird. Eine Domain ist der Name, unter dem ein Internetangebot zu erreichen ist. Funktionalität wieder hergestellt Die unfreiwillige Übertragung von beliebten Adressen an andere Inhaber wird in der Fachsprache als "Domain-Grabbing bezeichnet. Ein Google-Sprecher verneinte jedoch, dass es sich um einen Hacker-Angriff gehandelt habe. Auf Grund der Zwischenspeicher-Funktion des Internet könne es vereinzelt weiter zu Problemen beim Zugang zur Google-Seite kommen. Man erwarte aber, "dass für alle Nutzer die volle Funktionalität in Kürze wieder hergestellt ist." Am Vormittag erschien nach Aufruf von www.google.de wieder die gewohnte Suchmaske. )
Millionen Deutsche starten ihre Suche im Internet üblicherweise bei google.de. Doch Montagabend war die Suchmaske plötzlich verschwunden.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-website-nicht-erreichbar-google-kurzfristig-offline-1.907537
Deutsche Website nicht erreichbar - Google kurzfristig offline
00/05/2010
In den Chefetagen amerikanischer Unternehmen wächst die Angst, die Alte Welt könnte aus Frust über Bushs Außenpolitk den Konsum verweigern: Jeder fünfte Europäer wäre bereit, keine US-Produkte mehr zu kaufen. Der amerikanische Aktionskünstler Jed Ela ist ein begnadeter Selbstdarsteller. Detailansicht öffnen Ob sich die Abneigung gegen Bush auch auf die transatlantischen Handelbeziehungen niederschlägt? (Foto: Foto: AP) Ela vertreibt das Toilettenpapier Shit-Begone und hat jetzt auf seiner Firmen-Homepage angekündigt, sein Produkt nicht mehr in den Bundesstaaten zu verkaufen, in denen der Republikaner George W. Bush bei der Präsidentenwahl gewonnen hat. Wirtschaftliche Nachteile dürfte der Boykott für Ela allerdings kaum haben. Die Juxmarke wird überwiegend im New Yorker Szeneviertel Williamsburg vertrieben und dort dürfen sich die vielen Bush-Hasser weiter an dem politisch korrekten Produkt erfreuen. Ernsthaft Sorgen machen sich dagegen viele Marketingexperten wegen des möglichen Boykotts amerikanischer Produkte. Jeder fünfte Europäer ist nach einer Umfrage des Instituts Global Market Inside (GMI) bereit, aus Protest gegen die Außenpolitik der Regierung Bush auf den Kauf von US-Waren zu verzichten. Frust auf US-Produkte übertragen Mit Nachteilen müssen demnach die Ikonen der amerikanischen Konsumwelt wie Marlboro, Coca-Cola und McDonald's rechnen. GMI befragte nach eigenen Angaben etwa 8000 europäische Verbraucher nach der Wahl am 2. November. Dabei sei die "Frustration über die Wiederwahl Bushs und die einseitige US-Außenpolitik" deutlich geworden. Einen ähnlichen Trend hat die Werbeagentur DDB Worldwide festgestellt. Konsumenten würden ihre starken Vorbehalte gegen die amerikanische Außenpolitik auf Produkte aus den Vereinigten Staaten übertragen, erklärte DDB-Chef Keith Reinhard. Droht den transatlantischen Handelsbeziehungen eine schwere Belastungsprobe? Müssen US-Firmen in Europa mit einem Bush-Malus rechnen? Noch geben sich zumindest die Handelsstatistiker gelassener als die Werbestrategen.
In den Chefetagen amerikanischer Unternehmen wächst die Angst, die Alte Welt könnte aus Frust über Bushs Außenpolitk den Konsum verweigern: Jeder fünfte Europäer wäre bereit, keine US-Produkte mehr zu kaufen.
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https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/folgen-der-wiederwahl-bammel-vorm-bush-boykott-1.905429
Folgen der Wiederwahl - Bammel vorm Bush-Boykott
00/05/2010
An den Finanzmärkten wächst wegen des gigantischen Handelsdefizits der Amerikaner die Nervosität. Wertet der Dollar weiter ab, kommt die deutsche Exportwirtschaft unter Druck. Wer dem Aufschwung misstraut, findet in diesen Tagen gute Argumente. Zum Beispiel bei den Konjunkturforschern: Der Stimmungsindikator des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ist in diesem Monat überraschend eingebrochen. Detailansicht öffnen Der Euro hat seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar um neun Prozent aufgewertet. (Foto: Foto: AP) Oder an der Börse: Am Montag hat der Deutsche Aktienindex ein Prozent seines Wertes verloren; das ist nicht schlimm, aber die Börsen-Euphorie der vergangenen Monate ist eindeutig verflogen. Das Öl bleibt teuer, der Dollar verliert an Wert, was die deutschen Exporte aus dem Euroland heraus verteuert. Und auf der ganzen Welt wächst die Nervosität an den Finanzmärkten. An Börsen wird nicht mit Fakten gehandelt, sondern mit Meinungen über Fakten. Natürlich versuchen die Börsianer, den Unterschied zwischen beidem möglichst klein zu halten, aber inwieweit dies gelingt, ist immer offen, sonst wäre das Spiel an den Märkten ja auch nicht so spannend. Meinungsumschwung Wenn sich Kurse wenden, dann steht dahinter stets ein Meinungsumschwung, Chancen werden geringer, Risiken höher bewertet. Vor allem ein Risiko ist es, das in diesen Tagen neu gewichtet wird: die Lage der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten. Die Tatsache, dass die Amerikaner sieben Prozent mehr Waren verbrauchen, als sie produzieren, beunruhigt Ökonomen schon lange. Das Ausmaß des Handelsdefizits ist nach internationalen und historischen Maßstäben gigantisch. Kein Problem, hatten Börsenhändler und Politiker in Washington bis vor kurzem gesagt: Die Ausländer tragen ja ausreichend Geld nach Amerika, um das Defizit zu finanzieren. Was passiert bei einer Meinungsänderung? Das stimmte auch. Bisher. Aber was, wenn die Ausländer ihre Meinung ändern? Wenn sie mit sinkenden Renditen und höheren Währungsrisiken rechnen und ihre Dollars verkaufen? Seit Jahresbeginn hat der Euro gegenüber der amerikanischen Währung schon knapp neun Prozent an Wert gewonnen.
An den Finanzmärkten wächst wegen des gigantischen Handelsdefizits der Amerikaner die Nervosität. Wertet der Dollar weiter ab, kommt die deutsche Exportwirtschaft unter Druck.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/weltwirtschaft-dollar-unter-druck-1.906799
Weltwirtschaft - Dollar unter Druck
00/05/2010
Porsche-Chef Wendelin Wiedeking belebt das Modell der inländischen Unternehmenskooperation wieder. Welche Folgen hat das für Arbeitnehmer und Aktionäre? Manche glaubten bereits, der rheinische Kapitalismus habe ausgedient. Jene bundesrepublikanische Ausprägung der Marktwirtschaft also, in der die Beziehungen zwischen vielen Firmen weniger durch Wettbewerb als durch Kooperation und gegenseitige Kapitalverflechtung gekennzeichnet waren. Detailansicht öffnen Wendelin Wiedeking öffnet wieder die Tür zur Deutschland AG. (Foto: Foto: ddp) Alle gehörten sich irgendwie gegenseitig, man traf sich in Vorständen und Aufsichtsräten und ging relativ nett miteinander um. Unter dem Druck der Globalisierung, der hohen Kosten am Heimatmarkt und der stürmischen Entwicklung auf den Kapitalmärkten zerfiel diese so genannte Deutschland AG zusehends. Die großen Konzerne, besonders Banken und Versicherungen, verkauften ihre Beteiligungen und wurden dabei noch von der rot-grünen Bundesregierung begünstigt: Veräußerungsgewinne sind heute steuerfrei. Deutschland näherte sich einer kapitalmarktgesteuerten Volkswirtschaft nach angelsächsischem Vorbild. Die Debatte um Finanzinvestoren ("Heuschrecken") während des Wahlkampfs zeigte, welche Sorgen dieser Wandel auslöst. Die Deutschland AG kehrt zurück Doch nun scheint es, als kehre die Deutschland AG zurück. Porsche will mit 20 Prozent bei Volkswagen einsteigen, ein Schritt, der auch die Spezialisten völlig überraschte. Erklärtes Ziel dabei ist es, eine feindliche Übernahme, also den Einstieg von mächtigen Anlegern gegen den Willen des Managements, bei VW zu verhindern. Weil das Land Niedersachsen weiterhin 18 Prozent an dem Autobauer hält, ist Volkswagen durch die geballte Macht dieser beiden Großaktionäre praktisch uneinnehmbar - selbst wenn der Europäische Gerichtshof eines Tages das VW-Gesetz außer Kraft setzen sollte, das bisher dafür sorgte, dass kein Aktionär mächtiger sein kann als Niedersachsen. Porsche will sich auf diese Weise seinen Partner in der Zulieferung und in der Entwicklung neuer Autos sichern - so jedenfalls die offizielle Begründung. Aber ist der Schritt nun gut - für VW, für Porsche, für Aktionäre und Arbeitnehmer? Zweifellos sorgt der Einstieg von Porsche zunächst einmal für Stabilität in Wolfsburg. Der Vorstand um Bernd Pischetsrieder und Wolfgang Bernhard wird bei seiner Sanierungsarbeit von den Kapitalmärkten in den nächsten Monaten eher in Ruhe gelassen werden. VW und Porsche können Projekte mit langfristiger Perspektive entwickeln. Grundsätzliches steht zur Debatte Doch bei dem Einstieg geht es nicht nur um praktische Fragen der Zusammenarbeit zweier Unternehmen, so wichtig diese im Einzelnen auch sein mögen. Zur Debatte steht Grundsätzliches: Ist denn Ruhe genau das, was ein Management in schwieriger Zeit braucht? Oder ist der Druck des Kapitalmarktes nicht gerade heilsam, um unbequeme Entscheidungen zu beschleunigen?
Porsche-Chef Wendelin Wiedeking belebt das Modell der inländischen Unternehmenskooperation wieder. Welche Folgen hat das für Arbeitnehmer und Aktionäre?
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-die-neue-deutschland-ag-1.901972
Kommentar - Die neue Deutschland AG
00/05/2010
Seit Monaten wird Deutschland mit Kampagnen rund um die Fußball-WM bombardiert. Doch nicht nur in kreativer Hinsicht fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Auch die Konsumenten sind schlicht genervt. Die Süddeutsche Klassenlotterie ruft mit einer Sonderziehung zum WM-Start die "Geldmeisterschaft" aus. Der WM-Sponsor EnBW kürt sich selbst zum "Umweltmeister". Und der Holzabsatzfonds erklärt Deutschland kurzerhand zum "Waldmeister". Detailansicht öffnen Typische Bescheidenheit: Media-Markt organisiert mal wieder eine laute Kampagne. (Foto: Foto: w&v) Das ist zwar alles besser als gar kein Titel, doch leider auch Beleg für eines: Zum Ereignis des Jahres droht dem WM-Gastgeberland der werbliche Overkill. Begonnen hat das kommunikative Dauerfeuer bereits im vergangenen Herbst. Laut Nielsen Media Research stieg die Anzahl der monatlich neu geschalteten Werbemotive mit WM-Bezug von September 2005 bis März 2006 von 45 auf 397. In der Natur der Sache Dass dabei die Mehrheit der Werbungtreibenden in der Masse untergeht, dürfte zu einem guten Teil in der Natur der Sache liegen. Umso wichtiger wären allerdings neue kreative Konzepte, die den konventionellen Rahmen sprengen. Doch diese fehlen leider fast völlig - jedenfalls, wenn es nach dem Urteil führender deutscher Werbeköpfe geht. "Von den offiziellen WM-Sponsoren kommuniziert bisher keiner wirklich outstanding. Die meisten sind zu konservativ an die Sache herangegangen", findet etwa André Kemper von der Hamburger Agentur Kempertrautmann. Ganz ähnlich sieht es Arno Lindemann, Geschäftsführer Kreation bei Jung von Matt/Fleet: "Die Großen haben ihre kreative Chance nicht genutzt, und die Kleinen gehen erst recht in der Masse unter." Identische Schlüsselbilder Ein wesentliches Problem sind die überwiegend identischen Schlüsselbilder: Bälle, Rasen, Torgehäuse, volle Stadien. "All diese Icons sind zigfach besetzt und überhaupt nicht mehr zuordenbar", weiß Kemper, der aus diesem Grund in der Media-Markt-Kampagne ("Wir holen den Titel") darauf verzichtet hat. Allerdings scheint sich diese Erkenntnis noch nicht herumgesprochen zu haben. Denn schaut man sich die Flut von Werbemotiven an, die uns derzeit überschwemmt, so sehen wir wenig anderes als genau diese Bilder. Dazu jede Menge jubelnder Fans und vor allem viele prominente Testimonials. Die wiederum treten überwiegend für mehrere Auftraggeber gleichzeitig auf.
Seit Monaten wird Deutschland mit Kampagnen rund um die Fußball-WM bombardiert. Doch nicht nur in kreativer Hinsicht fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Auch die Konsumenten sind schlicht genervt.
wirtschaft
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wm-2006-werbe-overkill-1.901200
WM 2006 - Werbe-Overkill
00/05/2010
Börsianer sind verschwiegen. Das glaubt man eigentlich gar nicht, denn sie reden ja viel und sind damit Durchlauferhitzer für Meinungen und Gerüchte. Das Börsengeflüster ist allerdings selten selbstlos. Wenn ein Profi im vertraulichen Ton eine Aktie empfiehlt, dann kann man fast sicher sein, dass er sie schon gekauft hat. Folgt die Masse der Anleger dann seinem Rat, steigt der Kurs. Detailansicht öffnen Sich an Börsenweisheiten zu orientieren, ist keine Gewinn-Garantie. Foto: AP Dem Anleger immer eine Nase voraus Und genau in der Phase, in der die vermutlich letzten Privatanleger die Aktie gekauft haben, steigt der Profi wieder aus. So lassen sich hohe Gewinne an der Börse erzielen. Es geht um die Kunst, der Mehrheit der Anleger immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Deshalb sind eingängige Börsenweisheiten, die Privatanlegern ans Herz gelegt werden, eine zwiespältige Sache. Es kann geradezu gefährlich sein, das zu tun, was alle tun, nur um sich "regelkonform" zu verhalten. Der Griff ins Messer Ein bekanntes Bonmot lautet zum Beispiel: "Greife nie in ein fallendes Messer." Gemeint ist dabei: "Kaufe keine Aktie, deren Kurs rapide gefallen ist, denn du wirst niemals den Moment erwischen, in dem die Kurswende beginnt." Das kann stimmen, aber wer etwa auf den März 2003 zurückschaut, stellt fest: Hätte man damals, in der Zeit größtmöglicher Verunsicherung und fallender Kurse, Aktien gekauft, hätte sich das bis heute bei vielen Papieren ausgezahlt. Der gefährliche Griff ins Messer kann sich also doch lohnen. Auf das Timing kommt es an Andererseits gibt es den Spruch "Kaufe, wenn alle verkaufen". Auch damit ist in der Praxis nicht viel zu gewinnen: Es kommt auf die Situation, das richtige Timing und die Auswahl des Papiers an. Wer daneben greift, wird so immer verlieren. "Buy on rumors, sell on news", lautet eine weitere Börsenweisheit. Wer bei Gerüchten kaufen und bei Nachrichten verkaufen will, wird sich aber schwer tun, das eine vom anderen zu unterscheiden. So geht es selbst professionellen Investoren. Nachträglich kann sich außerdem oft herausstellen, dass an dem Gerücht absolut nichts dran ist. Bis Privatanleger davon etwas mitbekommen, ist es allerdings meist zu spät: Der Aktienkurs ist dann schon abgesackt.
Börsianer sind verschwiegen. Das glaubt man eigentlich gar nicht, denn sie reden ja viel und sind damit Durchlauferhitzer für Meinungen und Gerüchte. Das Börsengeflüster ist allerdings selten selbstlos.
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Gefährliche Gerüchte - Die begrenzte Aussagekraft von Börsenweisheiten
00/05/2010
Wenn der TÜV Süd ein fehlerhaftes Produkt anprangert, kommt es jedes zweite Mal aus China. Die größte Gefahr lauert bei Kinderspielzeug. Jedes zweite fehlerhafte Produkt, das in Deutschland bei Qualitätsprüfungen beanstandet wird, kommt aus China. Darauf hat am Wochenende Joachim Birnthaler, Geschäftsführer der zuständigen Abteilung beim TÜV Süd hingewiesen. Die Mängel bei importierten Spielwaren, Elektrogeräten und Werkzeugen hätten 2006 stark zugenommen, sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Ein hoher Anteil der gefährlichen Produkte stammt aus Nicht-EU-Ländern, besonders aus China.'' Damit habe sich der Trend der vergangenen Jahre fortgesetzt. Weitere 21 Prozent der beanstandeten Produkte stammten demnach aus dem europäischen Raum. Bei 17 Prozent war die Herkunft nicht eindeutig zu klären; aber auch hier vermuten die Experten in den meisten Fällen China als Ursprungsland. Der TÜV Süd ist eine der größten deutschen Prüfstellen für Waren. Produkte, die die Qualitätskriterien erfüllen, erhalten ein Prüfsiegel. "Hauptrisiko ist das Ersticken" Ganz oben auf der Mängelliste der Prüfer standen 2006 erstmals Spielzeuge für Kinder, noch vor elektrischen Geräten, die noch in den Jahren davor am häufigsten beanstandet wurden. "Das Hauptrisiko beim Spielen mit unsicheren Spielwaren ist das Ersticken'', ergänzte der TÜV-Experte. Ursache dafür seien meist kleine Bauteile, die von Kleinkindern leicht verschluckt werden können. Gesundheitsschädliche Spielwaren aus China waren in den vergangenen Wochen in Deutschland in die Kritik geraten. Für negative Schlagzeilen sorgten beispielsweise Spielzeugautos mit Bleifarbe. Birnthaler wies darauf hin, dass es sich bei den meisten Beanstandungen nicht nur um Bagatellfälle gehandelt habe. Dies gelte für alle Produktgruppen. Von 25 Prozent aller Gegenstände sei ein Verletzungsrisiko ausgegangen. Gefahr eines Stromschlages Bei 24 Prozent der aus dem Verkehr gezogenen Waren habe die Gefahr eines Stromschlages bestanden, weil Schutzvorrichtungen nicht vorhanden oder fehlerhaft waren. Bei 18 Prozent sei ein erhöhtes Brandrisiko festgestellt worden. "In manchen Fällen musste zehn Mal nachgebessert werden, bis die Fehler beseitigt waren'', ergänzte er. Besonders problematisch ist nach seinen Angaben, dass viele Billighersteller auch nach der Ersteinführung eines Produkts noch Veränderungen im Produktionsprozess vornehmen. Dabei werden bestimmte Materialien durch andere, billigere ersetzt oder es werden sogar ganze Bauteile weggelassen. Die Folge seien enorme Qualitätsschwankungen. Diese Risiken seien nur durch ständige Kontrollen beherrschbar. Die Qualitätsprobleme werden nach Einschätzung des TÜV Süd in den nächsten Jahren noch zunehmen. Grund dafür seien die weiter steigenden Importquoten von Billigprodukten. Inzwischen stammen zwei Drittel der in Deutschland verkauften Artikel, außer Lebensmitteln, aus Asien. Größter Lieferant ist hier mit Abstand China, gefolgt von Indien, Vietnam und Bangladesh.
Wenn der TÜV Süd ein fehlerhaftes Produkt anprangert, kommt es jedes zweite Mal aus China. Die größte Gefahr lauert bei Kinderspielzeug.
wirtschaft
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TÜV schlägt Alarm - Jedes zweite mangelhafte Produkt aus China
00/05/2010