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Mehr Passagiere, mehr Umsatz und mehr Gewinn - der irische Billigflieger Ryanair bleibt trotz Luftfahrtflaute weiter auf Erfolgskurs. Wie das Unternehmen mitteilte, stieg der Gewinn nach Steuern im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2003/2004 um 16 Prozent auf 175,5 Millionen Euro. Dies war mehr als erwartet. Die Zahl der Passagiere stieg um 45 Prozent auf 11,3 Millionen. Die höhere Passagierzahlen musste Europas größter Billigflieger allerdings durch nochmals niedrigere Ticketpreise erkaufen. Das Erfolgsmodell Die Zahlen zeigten den Erfolg von Ryanairs Billigmodell, das trotz gegenläufiger Marktentwicklung ein profitables Wachstum erlaube, sagte Airline-Chef Michael O'Leary. Trotz der Folgen des Irak-Krieges für die Luftfahrtbranche, hohen Öl-Preisen und Konjunkturkrise habe Ryanair 18 neue Maschinen des Flugzeugbauers Boeing gekauft, den niederländischen Konkurrenten Buzz übernommen und umstrukturiert, zwei neue Standorte in Mailand und Stockholm sowie 50 neue Routen eröffnet. Der Umsatz im Zeitraum von April bis September erhöhte sich damit um 28,2 Prozent auf 596,4 Millionen Euro, wie Ryanair mit Sitz in Dublin weiter mitteilte. Mit Blick auf den Rest des Geschäftsjahres erklärte sich O'Leary zuversichtlich, "dass das Verkehrswachstum weiter stark sein wird". Beim Gewinn erwarte das Unternehmen eine deutliche Steigerung. Vorsichtiger Optimismus O'Leary zeigte sich allerdings "vorsichtig", was die Marge und die Entwicklung der Ticketpreise angeht. Im ersten Halbjahr sanken letztere um nochmals zwölf Prozent. Ziel von Ryanair bleibe es, in jedem europäischen Markt die Gesellschaft mit den niedrigsten Preisen zu sein, betonte der Ryanair-Chef. Die Betriebskosten bei der Gesellschaft stiegen gleichzeitig um 32 Prozent. Zudem musste Ryanair außerordentliche Kosten von 5,4 Millionen Euro verbuchen. Darüber hinaus wurden Abschreibungen in Höhe von 1,2 Millionen Euro vorgenommen. Beide Posten tauchen aus Gründen der Vergleichbarkeit zum Vorjahreszeitraum nicht im Ergebnis auf. | Mehr Passagiere, mehr Umsatz und mehr Gewinn - der irische Billigflieger Ryanair bleibt trotz Luftfahrtflaute weiter auf Erfolgskurs. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/billigflieger-ryanair-trotz-flaute-im-steigflug-1.901016 | Billigflieger Ryanair - Trotz Flaute im Steigflug | 00/05/2010 |
Schon lange hatten Kritiker die fehlende Transparenz bei offenen Immobilienfonds bemängelt. Nach dem Deka-Debakel ziehen die ersten Anbieter nun allmählich Konsequenzen und veröffentlichen mehr Daten. Für die Anbieter von offenen Immobilienfonds ist ein turbulentes Jahr zu Ende gegangen. Es gab einen Bestechungsskandal in der Frankfurter Immobilienszene. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen rund 60 Verdächtige. Angeblich sind bei der Auftragsvergabe von mehreren Gewerbeimmobilien in Deutschland Bestechungsgelder geflossen. Extreme Mittelabflüsse bei einzelnen Fonds und öffentliche Auseinandersetzungen über die Transparenz dieses Anlagesegments sorgten zusätzlich für Schlagzeilen. Das war das interessanteste Jahr, das es bei diesen Fonds je gegeben hat", fasst der Fondsexperte Stefan Loipfinger die vergangenen zwölf Monate zusammen. In Deutschland gibt es 30 offene Immobilienfonds, knapp 90 Milliarden Euro haben Anleger dort investiert. Seit Gründung des ersten Fonds im Jahr 1959 hat keiner ein Jahr mit Verlusten beendet. Das war wohl der Grund dafür, dass das Anlagesegment nach dem Kursverfall an den Börsen so beliebt wurde. 2003 steckten Investoren 13,7 Milliarden Euro in offene Immobilienfonds, 2002 sogar 15 Milliarden Euro. Absolute Ausnahmejahre, heißt es in der Branche. Sinkende Zuflüsse Die Beliebtheit hat nachgelassen. 2004 beliefen sich die Zuflüsse bis Anfang Dezember auf etwa 3,5 Milliarden Euro. Die Krise am deutschen Büroimmobilienmarkt hat sich auf die Renditen einiger Fonds ausgewirkt - Anlass für Eigner, ihre Anteile zu verkaufen. Aus dem Deutschland-Fonds der Deka zogen die Anleger derartig viel Geld ab, dass die Gesellschaft ihre Eigner - die Landesbanken und Sparkassen - um Hilfe bitten musste. Das führte zu einer öffentlichen Diskussion. | Schon lange hatten Kritiker die fehlende Transparenz bei offenen Immobilienfonds bemängelt. Nach dem Deka-Debakel ziehen die ersten Anbieter nun allmählich Konsequenzen und veröffentlichen mehr Daten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/offene-immobilienfonds-transparenz-nach-dem-krisenjahr-1.914329 | Offene Immobilienfonds - Transparenz nach dem Krisenjahr | 00/05/2010 |
In dem Kreditinstitut wächst der Widerstand gegen die Kündigung der Betriebsrenten für die 24.000 Beschäftigten. Mehr als 500 Mitarbeiter der Bank nahmen am Montag in Essen an der ersten Protestveranstaltung gegen die Pläne des Vorstandes teil. Die Commerzbank-Filialen in Essen, Duisburg, Bochum, Gelsenkirchen,Mülheim, Oberhausen und Recklinghausen blieben nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft ver.Di am Nachmittag geschlossen. Zugleich hieß es in Branchenkreisen, die Folgen für das Image der Bank bei den Kunden seien verheerend. Hans Hermann Altenschmidt, Betriebsrat und Aufsichtsratsmitglied der Commerzbank, sagte am Rande der Betriebsversammlung, weitere, bundesweite Protestaktionen seien ab dem kommenden Freitag geplant. Klares Signal Der Gesamtbetriebsratsausschuss werde darüber am Dienstag und am Mittwoch in Frankfurt beraten. Der Protest sei ein "klares Signal an den Vorstand, ein Verhandlungsangebot zu machen" und den Weg für eine Nachfolgeregelung in Sachen Betriebsrente zu ebnen. Der Essener Betriebsratsvorsitzende Dirk Mumot betonte: "Die Stimmung ist explosiv." Die Mitarbeiter fühlten sich brüskiert. Er hoffe, dass die Proteste in Essen eine Signalwirkung für das restliche Bundesgebiet haben. Fehler eingeräumt Die Geschäftsleitung der Commerzbank Essen räumte unterdessen Fehler bei der Bekanntgabe der Sparmaßnahmen ein. Die Kündigung der Betriebsrenten trage jedoch Einsparzwängen Rechnung, hieß es in einer in Essen veröffentlichten Erklärung der Geschäftsleitung. Gleichzeitig betonte die Essener Commerzbank-Geschäftsleitung in einer ausdrücklich als "persönliche Meinung", nicht als offizielle Stellungnahme der Bank gekennzeichneten Äußerung: "Wir können uns vorstellen, dass nach der Kündigung der Betriebsvereinbarung durch die Bank konstruktiv miteinander geredet wird. ... Wir sind davon überzeugt, dass der Vorstand der Commerzbank sich seiner sozialen Verantwortung stellen wird und man zu einem Ergebnis kommen kann, das allen Belangen Rechnung trägt." | In dem Kreditinstitut wächst der Widerstand gegen die Kündigung der Betriebsrenten für die 24.000 Beschäftigten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/commerzbank-die-stimmung-ist-explosiv-1.899947 | "Commerzbank - ""Die Stimmung ist explosiv""" | 00/05/2010 |
Nach dem Beschluss, 8500 Stellen zu streichen, wagt sich der neue Mercedes-Chef vor die Mitarbeiter. Und erntet noch nicht einmal Pfiffe. Der Mann mit dem Schnauzbart ist müde. Gerade erst ist Dieter Zetsche aus dem Firmenflieger gestiegen, der ihn über Nacht von Detroit nach Stuttgart gebracht hat. Aber er wollte an diesem Donnerstagmorgen den Mitarbeitern selbst erklären, was der Aufsichtsrat von DaimlerChrysler am Tag zuvor in Amerika beschlossen hat - auch wenn die Gefahr besteht, dass sie ihn auspfeifen. Detailansicht öffnen Dieter Zetsche war Chrysler-Chef, steht nun Mercedes vor und wird bald der neue Konzernlenker. (Foto: Foto: dpa) Zetsche, bisher Chef von Chrysler in Detroit, hat im Stammwerk Sindelfingen seinen ersten schweren Auftritt als neuer Mercedes-Chef. Nie zuvor war hier ein Unternehmens-Vorstand erschienen. "Ich bin erst drei Wochen im Amt und hätte mir einen anderen Start gewünscht", sagt der Mann, der eigentlich am 1. Januar Vorstandsvorsitzender des DaimlerChrysler-Konzerns werden sollte, der aber zusätzlich bei der Tochter Mercedes-Benz einspringen musste, deren Vorstandsvorsitzender Eckhard Cordes zurückgetreten war. Das Auto erfunden "Unsere Kosten liegen in allen Bereichen wesentlich über denen anderer Hersteller", erklärt er zur Lage der traditionsreichen Marke. Jetzt sei es notwendig, das Personal zu reduzieren. 8500 Mitarbeiter müssten gehen. Da will auch er Gefühle zeigen. "Das tut weh", ruft er in die überfüllte Halle. "Aber es ist unumgänglich". Auch bei ihm, das sollen die da unten glauben, seien jetzt Emotionen im Spiel. Am Schluss gibt der 52-Jährige noch mal alles, um für Verständnis zu werben. Er macht das so, wie er es auch bei Chrysler in Amerika getan hat, wenn es brenzlig wurde und er Arbeitern erklären musste, dass es für sie keinen Platz mehr gibt. Dann hilft es, Gefühle zu bemühen und die Zukunft zu beschwören: "Wir haben das Automobil erfunden", ruft er den Mercedes-Arbeitern zu. "Am Ende werden wir wieder ganz oben stehen." Es gibt nicht einmal Pfiffe von den 13.000 Versammelten. Erfolg in Amerika Mancher wird sich damit trösten, dass Zetsche in Amerika einige Erfolge hatte. Konzernchef Jürgen Schrempp, der 1998 den US-Autohersteller Chrysler übernommen hatte, schickte seine Geheimwaffe Ende 2000 nach Detroit, um den Verlustbringer zu sanieren. Zetsche hatte schon viele Jobs in dem Konzern. Aber meist nur für ein paar Jahre. So lange wie in der Chrysler-Zentrale von Auburn Hills bei Detroit war er selten irgendwo. | Nach dem Beschluss, 8500 Stellen zu streichen, wagt sich der neue Mercedes-Chef vor die Mitarbeiter. Und erntet noch nicht einmal Pfiffe. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/dieter-zetsche-ein-mann-fuer-schwere-aufgaben-1.897783 | Dieter Zetsche - Ein Mann für schwere Aufgaben | 00/05/2010 |
Die Selbstauflösung des Verbandes der Cigarettenindustrie ist von Gesundheits- und Verbraucherpolitikern mit großer Genugtuung aufgenommen worden. Die Selbstauflösung sei das Eingeständnis einer gescheiterten Strategie. "Wir sind damit einen nervigen Lobbyisten losgeworden", sagte die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Bundestages, Martina Bunge (Linke), der Süddeutschen Zeitung (Samstagsausgabe). "Die Zigarettenindustrie wird deshalb aber nicht zu Grunde gehen." Auch die Vorsitzende des Verbraucherausschusses, Ulrike Höfken (Grüne), zeigte sich zufrieden. Höfken sagte der SZ, der Verband der Cigarettenindustrie (VdC) have "mit seinen Kampagnen und seiner massiven Einflussnahme dafür gesorgt, dass Millionen von Menschen in eine Drogenabhängigkeit geraten sind". "An den Argumenten der Vernunft gescheitert" Jetzt sei der "Lobbyverband an den Argumenten der Vernunft gescheitert". Damit würden "die Chancen für die Durchsetzung von Verbraucher- und Gesundheitsinteressen in Deutschland steigen". Die stellvertretende Fraktionschefin der Grünen und langjährige Verbraucherministerin von Nordrhein-Westfalen, Bärbel Höhn, sagte der SZ, die Auflösung sei "für die Gesundheitspolitik in Deutschland ein gutes Zeichen". Der VdC habe "lange die Fäden gegen einen umfassenden Nichtraucherschutz gezogen und mit fadenscheinigen Argumenten die Raucher der Berliner Regierungskoalition in Stellung gebracht". Die Selbstauflösung sei deshalb "auch das Eingeständnis einer gescheiterten Strategie". "Den Geist der Zeit verkannt" Der VdC habe "den Geist der Zeit verkannt und weiter auf eine Totalopposition gegen einen umfassenden Nichtraucherschutz gesetzt". Letztendlich sei er "so unter öffentlichen Beschuss gekommen, dass er komplett isoliert war". Kein Politiker habe noch etwas mit dem VdC zu tun haben wollen. Für einen Lobbyverband sei das tödlich. Höhn war in der Debatte um Rauchverbote die verhementeste Kritikerin des VdC. Der VdC hatte am Freitag vormittag seine Selbstauflösung bekanntgegeben. Auslöser für den in der deutschen Industrie ungewöhnlichen Vorgang war der Austritt des Branchenführers Philip Morris aus dem VdC. Heftige Turbulenzen Der Schritt des Marlboro-Herstellers hatte zu heftigen Turbulenzen in der Branche geführt. Der VdC galt bisher als einer der einflussreichsten Lobbyverbände. Der Verband vertrat bisher die Interessen einer Branche mit knapp 9000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von zusammen rund 20 Milliarden Euro (2006). Die deutsche Philip-Morris-Tochter in München hatte Mitte Mai überraschend den Austritt aus dem Verband zum Jahresende mitgeteilt. Zuvor hatte es Differenzen über die weitere Ausrichtung insbesondere im Zusammenhang mit der Gesundheitspolitik und einem Tabakwerbeverbot gegeben. "Scheinheilige Argumente" Philip Morris fordert einen Schutz vor allem von Kindern und Jugendlichen und lehnt eine Ausdehnung des Tabakwerbeverbots nicht ab. Der VdC hatte dem Unternehmen daraufhin "scheinheilige Argumente" vorgeworfen. Ohne den größten deutschen Hersteller vertritt der VdC sechs Unternehmen mit einem Marktanteil von zusammen 60 Prozent. Dem VdC gehören noch die British American Tobacco (Germany) GmbH an, die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH (beide Hamburg), die Gallaher Deutschland GmbH (Unterschleißheim), JT International Germany GmbH (Köln), Tabak- und Cigarettenfabrik Heitz van Landewyck GmbH (Trier) sowie die Joh. Wilh. von Eicken GmbH in Lübeck. Philip Morris ist mit einem Anteil von knapp 37 Prozent der Marktführer auf dem deutschen Zigarettenmarkt. Das Unternehmen erwirtschaftet mit rund 2900 Mitarbeitern einen Umsatz von mehr als sechs Milliarden Euro. Der VdC, der unter anderem die Interessen der deutschen Tabakindustrie in Berlin und Brüssel vertritt, hatte zuletzt betont, auch ohne Philip Morris schlagkräftig zu sein. | Die Selbstauflösung des Verbandes der Cigarettenindustrie ist von Gesundheits- und Verbraucherpolitikern mit großer Genugtuung aufgenommen worden. Die Selbstauflösung sei das Eingeständnis einer gescheiterten Strategie. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zigarettenverband-loest-sich-auf-wir-sind-einen-nervigen-lobbyisten-losgeworden-1.903496 | "Zigarettenverband löst sich auf - ""Wir sind einen nervigen Lobbyisten losgeworden""" | 00/05/2010 |
Um die Arbeitsplätze der deutschen Handy-Produktion bei BenQ ist schon gekämpft worden, als der der Bereich noch zu Siemens gehörte. Nun hat alles nichts geholfen: Der taiwanesische Konzern will für seine deutsche Sparte Insolvenz anmelden. Exakt ein Jahr nach der offiziellen Übernahme der Handysparte von Siemens hat der taiwanische Konzern BenQ der Produktion in Deutschland den Todesstoß versetzt. Detailansicht öffnen Handys der Marke BenQ-Siemens (Foto: Foto:) Unmittelbar vor Ablauf der Beschäftigungsgarantie für die rund 3.000 Mitarbeiter erklärte die Konzernmutter am Donnerstag überraschend, keinerlei Finanzhilfen mehr an die defizitäre Tochter zu überweisen. "Wir werden schon in den nächsten Tagen beim Amtsgericht München einen Insolvenzantrag stellen", erklärte BenQ-Mobile-Sprecher Stefan Müller auf einer kurzfristig in München einberufenen Pressekonferenz. Produktion künftig ausschließlich in Asien Die Produktion und Entwicklung von Handys der Marke BenQ-Siemens soll künftig ausschließlich in Asien erfolgen, erklärte die Konzernmutter in Taiwan. Ein Grund dafür sei vor allem die in Deutschland enttäuschende Umsatz- und Margenentwicklung des von Siemens übernommenen Handygeschäfts. "Wir sind deutlich hinter den uns ursprünglich uns selbst gesetzten Zahlen", räumte auch der Strategiechef von BenQ-Deutschland, Marco Stülpner, ein. Besonders der Auftragseingang für die kommenden Monate sei enttäuschend. "Die Entwicklungen im Weihnachtsgeschäft waren wohl mit ein entscheidender Auslöser für die Entscheidung." BenQ hatte hier zu Lande seit der Siemens-Übernahme laufend an Marktanteilen verloren. 3000 Stellen vor dem möglichen Aus Am Unternehmenssitz in München stehen nun bis zu 1.400 Arbeitsplätze vor dem möglichen Aus, in den Werken Kamp-Lintfort und Bocholt in Nordrhein-Westfalen weitere 1.600 Stellen. Siemens hatte bei der Übernahme des Milliardenverlust schreibenden Handy-Geschäft von BenQ noch zusätzlich eine Mitgift von 250 Millionen Euro gezahlt. Die im Juni 2005 bekannt gegebene Abspaltung der verlustträchtigen Handysparte war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Siemenschefs Klaus Kleinfeld. Bei der Übernahme hatte BenQ zugesichert, die rund 3.000 Arbeitsplätze in Deutschland vorerst zu erhalten, und auch die von Siemens gegebene Standortgarantie für das nordrhein-westfälische Werk Kamp-Lintfort bis 2006 übernommen. Versprechen erfüllt sich nicht "Wir werden auch noch in fünf Jahren in Deutschland Handys herstellen", hatte BenQ-Vizepräsident Jerry Wang sogar vor einem Jahr zum offiziellen Start den Mitarbeitern des neuen Tochterunternehmens versprochen. Was nun aus den deutschen Beschäftigten werden soll, weiß die deutsche Unternehmensleitung noch nicht. "Es ist wichtig, dass wir versuchen werden, dass laufende Geschäft aufrecht zu erhalten", sagte Stülpner. "Ich glaube, dass sind wir unseren Mitarbeitern schuldig." Die IG Metall reagierte empört auf das drohende Aus für die deutschen Arbeitsplätze: "Die bevorstehende Insolvenz von BenQ ist Folge des eklatanten Versagens des Managements", erklärte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer. Der Gewerkschafter übte harte Kritik am Siemens-Management um Konzernchef Kleinfeld: "Damit ist zum wiederholten Mal traurig bewiesen, dass die Probleme in einzelnen Teilen von Siemens nicht an den angeblich zu hohen Gehältern der Beschäftigten, sondern an der Unfähigkeit des Managements liegen." "Siemens in der moralischen Verantwortung" Neugebauer forderte den Konzern zum Eingreifen auf: "Siemens ist und bleibt jetzt in der moralischen Verantwortung!" Der Gewerkschafter erklärte, der Vorgang bestätige Kritiker von damals, dass sich Siemens nach eigenem Missmanagement nicht nur der Sparte entledigt habe, sondern vor allem auch der Verantwortung für seine Beschäftigten. Siemens selbst äußerte sich nur in knappen Worten zu dem überraschenden Aus seiner Ex-Sparte: "Wir bedauern das sehr", teilte eine Sprecherin mit. In Taipeh erklärte BenQ-Chef K.Y. Lee, sein Konzern habe mit dem Schritt, der deutschen Tochter den Geldhahn abzudrehen, unaufhörliche Verluste eindämmen müssen. Eine "Unmenge Kapital und Ressourcen" Seit der Übernahme sei eine "Unmenge Kapital und Ressourcen" in die deutsche Tochter gesteckt worden. "Trotz der Fortschritte bei Kostensenkungen und auf der Ausgabenseite haben ausweitende Verluste diese schmerzhafte Entscheidung unausweichlich gemacht", betonte Lee. BenQ werde die Produktion und Entwicklung seiner Handys künftig auf Asien beschränken. Der taiwanische Konzern hat das Recht, den Markennamen Siemens noch fünf Jahre lang benutzen zu dürfen. Allerdings begannen das Unternehmen schon vor einem Jahr den deutschen Namen schrittweise durch das eigene Logo zu ersetzen. Aus Acer ausgegliedert BenQ wurde 1984 gegründet und 2001 aus dem Computerkonzern Acer ausgegliedert. Nachdem der Konzern zunächst im Auftrag anderer Unternehmen als Zulieferer Handys, Scanner, Digitalkameras oder Laptops herstellte, setzt BenQ seit jüngerer Zeit verstärkt auf eigene Markenprodukte. Das weltweit rund 18.000 Mitarbeiter zählende Unternehmen produziert dabei hauptsächlich in China, Taiwan, Malaysia und Mexiko. | Um die Arbeitsplätze der deutschen Handy-Produktion bei BenQ ist schon gekämpft worden, als der der Bereich noch zu Siemens gehörte. Nun hat alles nichts geholfen: Der taiwanesische Konzern will für seine deutsche Sparte Insolvenz anmelden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/todesstoss-benq-schickt-ex-siemens-handysparte-in-die-insolvenz-1.904814 | Todesstoß - BenQ schickt Ex-Siemens-Handysparte in die Insolvenz | 00/05/2010 |
Von der überraschend positiven Konjunktur sollen durch höhere Löhne auch die Beschäftigten profitieren. Man müsse für Branchen, in denen das Geschäft gut läuft, darüber nachdenken, so ein Merkel-Sprecher. In den vergangenen Jahren hielten sich führende Politiker aus der Diskussion über Tarifabschlüsse weitgehend heraus. Angesichts der guten Wirtschaftsdaten hatten sich jedoch in den vergangenen Tagen der SPD-Vorsitzende Kurt Beck und Vizekanzler Franz Müntefering für höhere Löhne starkgemacht. Detailansicht öffnen Hier geht's lang: Auch Arbeitnehmer sollen von der guten Konjunkturlage profitieren, so die Kanzlerin. (Foto: Foto: dpa) Am Montag erklärte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg zur Position der Kanzlerin: "Wenn es Branchen gibt, die einen richtigen Boom erleben, Betriebe gibt, die gesund und stark sind, dann muss man auch darüber nachdenken." Es sei selbstverständlich, dass Arbeitnehmer an der Entwicklung teilhaben sollen, wenn es die ökonomische Substanz von Branchen und Betrieben hergebe. Bei allen Lösungen müsse aber Rücksicht auf schwache Firmen oder Wirtschaftszweige genommen werden. Steg verwies darauf, dass die Verantwortung für Lohnabschlüsse bei den Tarifpartnern liege. "Da sollte sich die Politik mit Empfehlungen zurückhalten", sagte er. "Sache der Tarifparteien" Merkel sei schon immer für mehr Flexibilität und Differenzierung nach Betrieben und Branchen eingetreten. Daher müsse man auch bei Tarifabschlüssen sehr genau prüfen, "wer kann so etwas verkraften und wer kann so etwas nicht verkraften." SPD-Chef Beck betonte, dass er mit seinen Äußerungen nicht in die Tarifautonomie habe eingreifen wollen. Er habe nur auf eine volkswirtschaftlich vernünftige Lösung hingewiesen. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte, er glaube nicht, dass der Aufschwung durch höhere Löhne abgewürgt werde. "Die Leute müssen was in der Tasche haben, um auch die Wirtschaft ankurbeln zu können", betonte Heil. Kritik an der Lohndebatte kam von Unionspolitikern und Arbeitgebervertretern. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) mahnte Zurückhaltung für die neuen Länder an. "Im Osten geht der Abbau von Arbeitslosigkeit vor Lohnsteigerungen", sagte Milbradt der Süddeutschen Zeitung. CSU-Generalsekretär Markus Söder warnte: "Übertriebene Lohnforderungen nützen der Wirtschaft nichts." Eine angemessene Beteiligung der Mitarbeiter am Aufschwung sei gerecht, aber keine überzogene Forderung. "Deswegen rate ich zur Mäßigung", sagte Söder. "Das ist Sache der Tarifparteien" Gerald Weiß, Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe der Union im Bundestag, forderte die Politiker zur Zurückhaltung auf. "Die Politik soll sich gefälligst raushalten", sagte Weiß. "Das ist Sache der Tarifparteien." Auch der Präsident des Bundesverbands der Arbeitgeber, Dieter Hundt, warnte vor "überzogenen Lohnforderungen". Es sei eine zentrale Aufgabe der Tarifparteien, den wirtschaftlichen Aufschwung zu unterstützen und Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. "Die aktuell bessere konjunkturelle Entwicklung in Deutschland darf jetzt nicht durch überzogene Lohnerhöhungen gefährdet oder gar beendet werden", sagte Hundt. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, warnte vor großen Lohnzuwächsen. Er sprach sich für die Zahlung von Gewinnprämien in erfolgreichen Betrieben aus. "Es ist richtig, Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen angemessen durch einmalige Gewinnprämien zu beteiligen", sagte er. "So halte ich es auch in meinem Unternehmen." Prämien, die nur gezahlt würden, wenn wirklich Gewinne angefallen seien, würden die Firmen in Jahren mit schwächerer Auftragslage nicht unnötig belasten. Rasche Entwicklung von Investivlohn-Modellen Union und SPD wollen nun möglichst rasch Modelle für einen Investivlohn und eine stärkere Beteiligung der Mitarbeiter an Unternehmen ausloten. Ein Treffen der Kanzlerin mit Beck noch in diesem Jahr sei vorstellbar, sagte Regierungssprecher Steg. In Union und SPD werden allerdings sehr unterschiedliche Ansätze für eine stärkere Arbeitnehmer-Beteiligung an Gewinn oder Kapital ihres Unternehmens debattiert. Zudem zeigen sich Wirtschaft, Ökonomen sowie Gewerkschaften skeptisch. IG-Metall-Chef Jürgen Peters nannte den Investivlohn einen "alten Ladenhüter". Arbeitnehmer müssten ein doppeltes Risiko tragen. "Neben dem Risiko des Arbeitsplatzverlustes käme jetzt auch ein Kapitalrisiko hinzu." | Von der überraschend positiven Konjunktur sollen durch höhere Löhne auch die Beschäftigten profitieren. Man müsse für Branchen, in denen das Geschäft gut läuft, darüber nachdenken, so ein Merkel-Sprecher. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-vorschlag-der-spd-auch-merkel-fuer-hoehere-loehne-1.902393 | Nach Vorschlag der SPD - Auch Merkel für höhere Löhne | 00/05/2010 |
Die Aktienexperten sind mit ihren Prognosen bescheiden geworden. Und das obwohl der Dax erstmals seit knapp fünf Jahren wieder bei 6000 Punkten notiert. Die Verantwortlichen in den Analyse-Abteilungen der Banken sind teilweise noch dieselben wie vor sechs Jahren. Aber ihre Urteile orientieren sich viel stärker am Altbewährten als damals. "Höher oder niedriger als der langjährige Schnitt" lautet die bevorzugte Kommentierung vieler Kennzahlen nach drei Jahren Aktienhausse. Detailansicht öffnen Die Entwicklung des Dax in den vergangenen zehn Jahren. Für die Detailansicht auf die Lupe klicken. (Foto: Grafik: SZ) Ein Beispiel ist dafür das so genannte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Setzt man das aktuelle Kursniveau im Dax ins Verhältnis zu den Gewinnen, so liegt diese viel beachtete Kennzahl am Aktienmarkt bei 14 (auf Basis der Gewinne 2005) beziehungsweise rund 15 (Gewinnerwartungen 2006). Für das Geschäftsjahr 1999 hatte das KGV bei 27 gelegen und damit weit über dem langjährigen Mittelwert für den Dax von etwa 16. "Solange die Kurse wie derzeit weiter im Rahmen der wachsenden Unternehmensgewinne steigen, sind die Chancen für eine Blasenbildung gering", sagt zum Beispiel Frank Schallenberger, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Zurückhaltende Vorhersage Diese Meinung teilen die meisten der von der Süddeutschen Zeitung befragten Marktstrategen. Entsprechend zurückhaltend fällt auch deren Kursprognose für die nächsten zwölf bis 18 Monate aus. Zwischen 6000 und 7000 Zählern liegen die Schätzungen der Experten, das wäre also ein Plus von maximal 16 Prozent bis Herbst 2007. Einen ähnlich rasanten Anstieg wie 1999, als der Dax nach den 6000 Punkten Anfang Dezember im Zuge einer Jahresendrally noch die 7000er und bis zum Crash im März 2000 auch die 8000er Marke übersprang, hält niemand für möglich. "Es gibt heute keine überschäumende Euphorie mehr, wie sie damals von einer Sparte, dem Internetsektor, auf den gesamten Aktienmarkt übersprang", sagt Achim Matzke, Leiter des Index-Researchs bei der Commerzbank. Ansätze phantasievoller Bewertungen sehen die Fachleute laut SZ-Umfrage lediglich bei der Solar-Industrie, die allerdings zu klein sei, um auf den Gesamtmarkt durchzuschlagen. Tatsächlich liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der großen heimischen Solartitel wie Solarworld oder Q-Cells bei über 45 und damit weit über dem Marktschnitt. Steigende Leitzinsen Ähnlich wie 1999 sehen sich die Aktienbörsen heute ebenfalls konfrontiert mit einem Zyklus steigender Leitzinsen. "Die Zinsentwicklung wird heute nicht so stark gegen den Aktienmarkt arbeiten wie 1999", meint Bernd Meyer, leitender Aktienstratege der Deutschen Bank. Seine Begründung: "Die Anleihenrenditen steigen erst seit sechs Monaten von einem deutlichen Tiefpunkt im Herbst 2005", so Meyer, während sie in den letzten Monaten vor dem Kurssturz im März 2000 binnen kurzer Zeit einen Sprung von drei auf mehr als fünf Prozent gemacht hatten. Diesen schnellen Anstieg konnte der Aktienmarkt damals nicht verkraften. 2006 sieht dies nach Ansicht der Experten anders aus. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz und der Dresdner Bank, hält heute ein Leitzinsniveau von bis zu 5,0 oder 5,25 Prozent für "ein Niveau, mit dem die Aktienmärkte derzeit gut leben können". "Gesunde Bewertung" Commerzbank-Mann Matzke sieht die Unternehmen im Vergleich zu 1999 als "grundsolide" an, weil sie größtenteils "auf Basis ihrer tatsächlichen Gewinne bewertet sind". Auch Philipp Vorndran, Chefstratege und Geschäftsführer der Credit Suisse Asset Management in Deutschland, hält die derzeitige Bewertung am Aktienmarkt für "gesund". | Die Aktienexperten sind mit ihren Prognosen bescheiden geworden. Und das obwohl der Dax erstmals seit knapp fünf Jahren wieder bei 6000 Punkten notiert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-dax-anstieg-eine-aktienblase-ist-nicht-in-sicht-1.900503 | Nach Dax-Anstieg - Eine Aktienblase ist nicht in Sicht | 00/05/2010 |
Angela Merkel beruft sich auf Ludwig Erhard, aber als Wirtschaftspolitikerin gibt die Bundeskanzlerin bisher vor allem Rätsel auf. Es war einer dieser Abende, an denen große Visionen gefragt sind. Ein deutscher Konzern hatte zu einem Werkstattgespräch geladen. Vor dem Kamin eines großen Hotels saß nun Angela Merkel, es war noch weit vor der Bundestagswahl 2005, inmitten des gesamten Konzernvorstandes und einiger handverlesener Journalisten, und sollte Auskunft geben über ihr wirtschaftspolitisches Leitbild. Feines Essen und guter Rotwein, offene Diskussion und zu später Stunde Schnaps und Zigarren - ein Abend eigentlich wie geschaffen für dröhnende Mannsbilder wie Gerhard Schröder, den Genossen der Bosse. Stattdessen nun eine dezent-charmante CDU-Vorsitzende, die die Herren in den schwarzen Anzügen im Nu um den Finger wickelte. Jene lobten hinterher die präzise Argumentation der Spitzenpolitikerin, ihre Detailkenntnisse, die Ernsthaftigkeit ihrer Argumentation, gepaart übrigens mit einem unerwarteten Witz. Mit den Augen der Physikerin Als überzeugte Marktwirtschaftlerin präsentierte sich Angela Merkel damals, und als eine, die als Neuzugang aus der ehemaligen DDR noch nicht in den in Jahrzehnten gewachsenen Parteischützengräben der alten Bundesrepublik festsitzt. Kein Kumpeltyp, sondern eine Pragmatikerin der Macht. Kein "Lasst mal, das bring' ich für Euch schon in Ordnung" an die Adresse der Manager, sondern ein "Sie haben Ihren Job, und ich habe meinen, und wenn jeder gut arbeitet, kommen wir gemeinsam voran". Das war die Zeit, als sie beim Leipziger Parteitag der CDU ein Wirtschaftsprogramm durchgepaukt hatte, das der eher besinnlichen Schwesterpartei CSU den Angstschweiß auf die Stirn trieb und von dem sich führende Unionisten heute hinter vorgehaltener Hand mit den Worten "neoliberale Verirrung" distanzieren. Das ganze Arsenal angeblich wirtschaftsliberaler Grausamkeiten war dort aufgefahren worden, von einer großen Steuerreform à la Paul Kirchhof über die Kopfpauschale im Gesundheitswesen bis zu einer grundlegenden Liberalisierung auf dem Arbeitsmarkt. Eine wirtschaftliche "Ordnung zur Freiheit" beschwor sie damals und wollte Ordnungspolitik als Befreiungspolitik verstanden wissen - Befreiung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aus den Fängen des Sozialstaates, von der Bevormundung durch das Arbeitsrecht, von bürokratischen Verrenkungen. Angela Merkel, damals. Dann kam die vorgezogene Bundestagswahl, eingeleitet durch einen chaotischen Wahlkampf und abgeschlossen mit einem miserablen Ergebnis für CDU/CSU. Heute ist Angela Merkel Bundeskanzlerin einer großen Koalition zweier gleich großer und selbstbewusster Volksparteien und beinahe 24 Stunden am Tag unter Beobachtung. Dennoch (oder deswegen?) wachsen die Zweifel, wohin die junge Regierungschefin wirtschaftspolitisch eigentlich will. Zu Beginn des Jahres 2006 ist eine andere Angela Merkel zu lesen und zu hören als noch vor Jahresfrist. Eine, die die SPD links überholt, die Kombilohn und Mindestlohn auf die Tagesordnung setzt, die nichts bringen, aber den Staat endgültig ruinieren würden. "Wir haben das doch alles längst durchdacht", sagt ein führender CDU-Mann. "Sie weiß doch, dass das nicht hilft, sondern nur schadet." Warum dann spielt sie dieses Spiel? Neue Einsichten? Taktik? Oder Orientierungslosigkeit? Selbst enge Weggefährten sind ratlos. Wohin Merkel wolle? "Das würde ich auch gerne wissen." Klar, dass die vorbereiteten Sätze stimmig komponiert sind. Natürlich will sie in der Tradition des Wirtschaftswunder-Kanzlers Ludwig Erhard gesehen werden, dessen Bestseller "Wohlstand für alle" sie nach 1989 als Neuankömmling in der bundesrepublikanischen Marktwirtschaft und junge Ministerin im Kabinett Kohl studiert hat. Die soziale Marktwirtschaft will sie stärken, Unternehmen helfen, Jobs zu schaffen, die sozialen Sicherungssysteme zukunftstauglich machen - aber geht es nicht auch ein bisschen konkreter? "Unglaublich präzise" sei diese Frau, schwärmen Gesprächspartner, tief in den Details zuhause, mit einem klaren Blick für das, was geht. Ganz offensichtlich habe sie ein viel tieferes Verständnis für die inneren Prozesse als ihr Vorgänger Schröder und erst recht als der Generalist Helmut Kohl. Ungeheuer fleißig sei sie, sitze des Nachts noch im Kanzleramt und durchdenke Themen, Professoren nehmen sie ernst. "Freiheit wagen" will sie, das hat sie in die im Abstimmungsprozess mit der SPD weichgespülten Regierungserklärung vom 30. November 2005 hineingeschmuggelt. Das sei, sagt sie jetzt, "in der SPD durchaus nicht bejubelt worden." Mag sein, aber heißt das, dass sich hinter diesem Satz eine Vision verbirgt, eine Kampfansage an den alles überwölbenden Staat, der doch vielen Sozialdemokraten unvermeidlich zu sein scheint? Klare Positionen sind gefordert Womöglich, vermutet mancher, verbirgt sich hinter der Unbestimmtheit dieser Tage die Taktik einer Politikerin, die sich in die besonderen Umstände einer großen Koalition fügen will. Warum die Genossen mit Themen reizen, bei denen diese sich ohnehin nicht bewegen werden? Taktik dieses Kalibers freilich hätte seine Risiken. Denn Politik kann nicht beliebig Hebel umlegen. Stimmungen und Strömungen sind schwer zu beeinflussen. Was jetzt falsch läuft, wird so schnell nicht mehr richtig. Vielleicht ist das Merkel ganz egal. Womöglich auch tickt sie längst wie ihre Vorgänger, nämlich rein machtpolitisch. Als Physikerin hat Merkel die Mechanik der Parteien- und Mediendemokratie wahrscheinlich schneller und besser verstanden als der Jurist Schröder und der Historiker Kohl. Allein mit Taktik aber kann man in politischen Zirkeln lange überleben, nicht aber in der Wirklichkeit. Schon gar nicht in der ökonomischen Wirklichkeit der Globalisierung. "Wirtschaft ist unser Schicksal", das bekannte Wort von Walther Rathenau aus dem Jahr 1921 gilt auch für Merkel. Je bedrängter eine Volkswirtschaft, eine Gesellschaft ist, desto wichtiger sind auch klare Positionen. Verhängnisvoll ist die Ziellosigkeit, die mangelnde Nachhaltigkeit des eigenen politischen Tuns. Daran ist Helmut Kohl gescheitert, erst nach 16 Jahren zwar, aber ohne Umstände wie den Fall der Mauer wäre das wohl früher geschehen. Schröder musste bereits nach sieben Jahren aufgeben. Die Halbwertzeit einer Politik des Augenblicks nimmt offensichtlich ab. Angela Merkel hat allen Grund, gewarnt zu sein. | Angela Merkel beruft sich auf Ludwig Erhard, aber als Wirtschaftspolitikerin gibt die Bundeskanzlerin bisher vor allem Rätsel auf. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/merkel-und-die-wirtschaft-politik-der-nuechternen-worte-1.907242 | Merkel und die Wirtschaft - Politik der nüchternen Worte | 00/05/2010 |
Das Erfolgsmodell von Prepaid-Discountern wie Tchibo ist immer gleich: keine monatliche Grundgebühr, kein Mindestumsatz und günstige Minutentarife. Vor allem Wenigtelefonierer profitieren. Die meisten Discounter vertreiben ihre SIM-Karten für das Handy, mit der sich die Kunden in das Netz des jeweiligen Netzbetreibers einwählen können, nur telefonisch oder per Internet. Nur so lassen sich günstige Minutenpreise anbieten. Detailansicht öffnen Vor knapp zwei Jahren führte Tchibo als erster einen Billig-Tarif für das mobile Telefonieren mit Guthaben-Karte ein. (Foto: Foto: ddp) Bezahlt wird per Kreditkarte, Lastschrift oder Überweisung. Nur Tchibo, Aldi, Penny und Debitel, die auf ein bereits bestehendes, großes Filial- und Händlernetz zurückgreifen können, bieten ihre Prepaid-Karten auch dort an. Es kann sofort telefoniert werden Die neue Karte wird gegen die alte im Handy ausgetauscht und es kann sofort telefoniert werden. Per Telefon, Internet oder Filiale lässt sich das Guthaben wieder aufladen. Alternativ bieten die nur online erreichbaren Discounter inzwischen die Möglichkeit, das Guthaben jeden Monat oder bei Erreichen eines Limits automatisch mit einer bestimmten Summe wieder aufzufüllen. Viele Discounter beschränken jedoch die Gültigkeit des aufgeladenen Guthabens auf sechs oder 12 Monate. Wird in diesem Zeitraum nicht mindestens einmal für zehn oder 15 Euro aufgeladen, verfällt das Guthaben und die SIM-Karte wird deaktiviert. Über diesen Umweg wollen die Anbieter den Kunden zu einem Mindestumsatz zwingen. Doch dies ist nicht rechtens. Das entschieden im Juni das Oberlandesgericht München im Falle der Prepaid-Angebote von O2 und im August das Düsseldorfer Landgericht bei Vodafone. EasyMobile und Simply haben bereits auf Urteil reagiert Bei den Discountern haben EasyMobile und Simply bereits auf die Urteile reagiert. Bei den anderen Anbietern wird dies noch erwartet. Bei den Gesprächspreisen haben sich die Discounter inzwischen angenähert. Einzig Tchibo ist der Ausreißer nach oben: 25 Cent kostet hier die Gesprächsminute. Abgerechnet wird im Takt 60/1, das heißt: Die erste Minute wird in jedem Fall voll abgerechnet, danach immer sekundengenau. Auch Simyo, Debitel-light und Blau.de rechnen im Takt 60/1 ab, verlangen aber nur 16 Cent, dafür muss der Kunde zumindest derzeit noch mindestens einmal alle sechs Monate die SIM-Karte aufladen. Aldi und Penny sind noch einen Cent günstiger. Unterschiede beim SMS-Versand Bei allen diesen Anbietern ist der Abruf der Mailbox kostenlos. Nur beim Versenden von SMS gibt es Unterschiede. SMS-Fans sollten sich daher eher an Simyo, Debitel-Light oder Blau.de orientieren. Billiger kann es nur noch Aldi mit fünf Cent, allerdings nur, wenn der Empfänger der SMS ebenso ein Aldi-Kunde ist. | Das Erfolgsmodell von Prepaid-Discountern wie Tchibo ist immer gleich: keine monatliche Grundgebühr, kein Mindestumsatz und günstige Minutentarife. Vor allem Wenigtelefonierer profitieren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/prepaid-discounter-guenstiger-mit-guthaben-telefonieren-1.900554 | Prepaid-Discounter - Günstiger mit Guthaben telefonieren | 00/05/2010 |
Das einstige Vorzeige-Unternehmen Hoechst fusionierte mehrmals, um in die Weltspitze vorzustoßen. Mit der beabsichtigten Übernahme des Nachfolgeunternehmens Aventis durch Sanofi droht jetzt die Bedeutungslosigkeit. Lange wurde dementiert. Nein, es gebe keine Pläne, Verhandlungen seien nicht im Gange. Am Montag kam die Bestätigung: Der französische Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo will den größeren Konkurrenten Aventis für 47,8 Milliarden Euro kaufen. Die Summe soll zu achtzig Prozent in Aktien und zu einem Fünftel bar bezahlt werden. Detailansicht öffnen Die Konsolidierung der Pharmabranche dauert seit Jahren an. (Foto: Foto: sueddeutsche.de) Durch den Zusammenschluss der beiden größten französischen Arzneimittelhersteller entstünde die Nummer drei auf dem Welt-Pharma-Markt - ein Riese mit einem Börsenwert von rund 90 Milliarden Euro. Wie in solchen Fällen üblich, sind die Hoffnungen groß: In jedem Jahr, so heißt es, ließen sich durch diese Übernahme 1,6 Milliarden Euro sparen. Abwehrplan Nur das Management von Aventis ist von dem Plan nicht begeistert. Es lehnt den Übernahmeplan als "feindlich" ab. Eifrig arbeitet Aventis mit Hilfe von Investment-Bankern an einem Plan zur Abwehr der lästigen Aufkäufer. Europa steht möglicherweise vor einem längeren Übernahmekampf, der den Kurs von Aventis deutlich beflügeln könnte, wenn die Kauf-Interessenten ihr Angebot nachbessern müssen. Und: Noch am Montag sprach die Börse in Paris ein erstes abfälliges Urteil über den ehrgeizigen Sanofi-Plan. Die Aktie des Unternehmens sackte um zeitweilig knapp sechs Prozent ab. Aventis dagegen konnte sich über einen Kurssprung von mehr als fünf Prozent freuen. In der Pharma-Branche gab es immer wieder spektakuläre Zusammenschlüsse. Die Spitzenunternehmen der Branche sind Ergebnisse dieser Schulterschlüsse. Der jetzt vorliegende Übernahmeplan jedoch zeichnet sich dadurch aus, das der Kleinere den Größeren zu schlucken versucht; der Erfolgreiche will also den kaufen, der von der großen Zukunft noch träumt. Sanofi, der erfolgreichste Vertreter der französischen Arzneimittelindustrie, machte im Jahr 2002 einen Umsatz von 7,4 Milliarden und hat etwa 30.000 Mitarbeiter. Drei mal so groß Der deutsch-französische Konkurrent Aventis, der im Jahr 1999 aus der Pharma- sowie Pflanzenschutz-Sparte der Hoechst AG und der französischen Rhone Poulenc zusammengefügt wurde, machte 2002 über 20,6 Milliarden Umsatz mit fast 80.000 Mitarbeitern. Aber das lange unscheinbare Unternehmen Sanofi ist ungleich erfolgreicher. Es ist vor allem viel rentabler: Sanofi hat drei hochprofitable Arznei-Bestseller im Programm, während die ebenfalls drei Bestseller von Aventis immer stärker unter den Druck der Konkurrenz geraten. Die Börse ist schon lange der Meinung, dem deutsch-französischen Unternehmen fehle es an vielversprechenden Medikamenten für die Zukunft. "Wir werden unter die ersten zehn größten Pharmahersteller kommen", hatte der langjährige Sanofi-Chef Jean-François Dehecq bereits vor zehn Jahren prophezeit. Die Übernahme von Aventis soll Sanofi nun große Vorteile auf dem wichtigen US-Markt bringen und den neuen Konzern in eine Größenordnung befördern, die in der aggressiven Pharma-Industrie als besonders zukunftsträchtig gilt. Ironie der Pharma-Geschichte Es gehört zur Ironie der Pharma-Geschichte, dass mit Aventis jetzt ein Unternehmen gefressen werden könnte, das sich selbst eine Reihe von Übernahmen und Fusionen zugemutet hat, um genau diesem Schicksal zu entgehen. Vertreter dieser aggressiven Fusionspolitik war der langjährige Vorstandsvorsitzende Jürgen Dormann. Dieser hatte als Hoechst-Chef im Frühjahr 1995 für mehr als zehn Milliarden DM den US-Pharma-Hersteller Marion Merrell Dow gekauft und damit hohes Aufsehen erregt. Dieser Schritt, so Dormann damals, sei wichtig auf dem Weg zur Weltspitze. Die US-Firma entpuppte sich aber als weniger zukunftsträchtig, als der Hoechst-Chef erwartet hatte. 1998 begann Dormann - wieder um Weltspitze zu werden - mit der Auflösung des Traditionsunternehmens Hoechst und leitete das Ende einer ersten Adresse der deutschen Industrie ein. Dormann stieß die Chemie ab und führte den Rest von Hoechst mit dem französischen Unternehmen Rhone Poulenc zusammen. Das neue Unternehmen mit dem Kunstnamen Aventis sollte sich nur noch mit zukunftsträchtigen Geschäften befassen. Kulturkämpfe Statt dessen aber beschäftigte sich die Aventis Belegschaft in Kulturkämpfen mit sich selbst. Franzosen und Deutsche stritten um die Führungspositionen und die Macht in dem Konzern, der seine Zentrale nach Strasbourg legte. Und nachdem es in den USA zu einer teuren Panne mit genmanipuliertem Mais gekommen war, wurde der Bereich Pflanzenschutz im Jahr 2002 auch noch verkauft, um sich ganz auf das Pharma-Geschäft zu konzentrieren. Doch der Anschluss an die Pharma-Weltspitze misslang. Während der Wettbewerber Sanofi um dreißig Prozent pro Jahr beim Umsatz wuchs und seine dicken Gewinne in neue Medikamente investierte, gingen bei Aventis die Sparkommissare um und wurden Umsatzprognosen nach unten korrigiert. | Das einstige Vorzeige-Unternehmen Hoechst fusionierte mehrmals, um in die Weltspitze vorzustoßen. Mit der beabsichtigten Übernahme des Nachfolgeunternehmens Aventis durch Sanofi droht jetzt die Bedeutungslosigkeit. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ex-konzern-hoechst-opfer-der-eigenen-strategie-1.903999 | Ex-Konzern Hoechst - Opfer der eigenen Strategie | 00/05/2010 |
Unternehmerlegende Oetker hat sich gern auf sein Gefühl verlassen. Und eines wusste er ganz genau: Seine Firma soll noch lange im Besitz der Familie bleiben. "Geschäfte muss man aus dem Bauch heraus entwickeln - und dann seinen Kopf gebrauchen", sagte er einmal. Detailansicht öffnen Rudolf August Oetker (Foto: Foto: dpa) Mit der ihm eigenen Mischung aus Gespür, Mut, Fleiß und ostwestfälischer Sparsamkeit hatte der einstige "Pudding-Papst" aus dem Bielefelder Backmittelhersteller Oetker eine weltweit operierende Unternehmensgruppe mit einem Konzernumsatz von heute mehr als sieben Milliarden Euro gemacht. Dabei blieb er seinem vielleicht wichtigsten Grundsatz immer treu: "Solange ich lebe, bleibt Oetker ein Familienunternehmen." Am Dienstag starb Oetker im Alter von 90 Jahren in einer Hamburger Klinik. Mann der ersten Stunde Oetker galt als einer der größten deutschen Familienunternehmer der Nachkriegszeit. Er zählte zu den "Männern der ersten Stunde" im deutschen Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute kennen rund 98 Prozent aller Deutschen den Namen Oetker und denken dabei zuerst an Pudding. Doch das Bielefelder Unternehmen produziert nicht nur Puddingpulver, Backmischungen und Pizzen. Oetker herrscht über Schiffsflotten, Brauereien, Sektkellereien sowie über eine Bank. Mit großer Beharrlichkeit habe Oetker seine Ziele verfolgt, heißt es im Unternehmen. Der Enkel des Firmengründers und Apothekers August Oetker trat 1941, mit 25 Jahren, als Gründererbe in das Backmittelgeschäft seines Großvaters ein, das damals von Rudolf Augusts Stiefvater Richard Kaselowsky geleitet wurde. Als dieser mit einem Teil der Familie 1944 bei einem Bombenangriff starb, fiel die Alleinverantwortung gewissermaßen über Nacht an den gelernten Bankkaufmann Rudolf August. Getreu seiner Devise "Man soll nicht alle Eier in einen Korb legen" ging der passionierte Antiquitätensammler und Kunstliebhaber daran, die Nährmittelfabrik in einen der bekanntesten Konzerne Deutschlands zu verwandeln. Mann der Kunst Oetker, der aus drei Ehen acht Kinder hat, diversifizierte das Unternehmen, stieg in das Geschäft mit Tiefgekühltem und Eiscrème ein, wandelte stille Beteiligungen in Mehrheiten um und gab dem Nahrungsmittel- und Schifffahrtsimperium seine heutige Gestalt. 1981 zog sich der "Pudding-Papst", der zu den reichsten Männern Deutschland gehörte, mit 65 Jahren aus dem Tagesgeschäft zurück, während sein ältester Sohn August als persönlich haftender Gesellschafter die Leitung der Gruppe übernahm. Doch ganz konnte er von seinem Lebenswerk nicht lassen: Bis zuletzt begleitete er als Beiratsvorsitzender die Entwicklung des Unternehmens. Mit der Übertragung seines Vermögens auf die nächste und übernächste Generation sicherte er 2002 das gesellschaftsrechtliche Fundament der Oetker-Gruppe als Familienunternehmen. Oetker setzte sich immer gerne für die Kunst ein. Seiner Geburtsstadt Bielefeld schenkte er die Kunsthalle, nach der Wiedervereinigung Deutschlands setzte er sich zudem für den Erhalt der Kulturdenkmäler in den neuen Bundesländern ein. Fortgesetzt wird dies nach Unternehmensangaben von der Ende 1999 ins Leben gerufenen Rudolf-August-Oetker-Stiftung, deren Zweck die Förderung von Kunst, Kultur, Denkmalschutz und Wissenschaft sei. "Bescheiden, feinsinnig und wohltuend normal" sei Oetker, schrieb eine Zeitung einmal über ihn. Das passte zu ihm: Zu seinem 90. Geburtstag, den er erst am 20. September 2006 feierte, hatte er gebeten, von Reden und Geschenken abzusehen. | Unternehmerlegende Oetker hat sich gern auf sein Gefühl verlassen. Und eines wusste er ganz genau: Seine Firma soll noch lange im Besitz der Familie bleiben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/rudolf-august-oetker-ist-tot-der-familienmann-1.906607 | Rudolf August Oetker ist tot - Der Familienmann | 00/05/2010 |
VW steht nicht allein unter den gefährdeten Symbolen der deutschen Wirtschaft. Karstadt ist nur noch durch tiefe Einschnitte zu retten, Opel ringt ums Überleben. Schuld ist oft Missmanagement in den Unternehmen. Bei Volkswagen werden die Deutschen hellhörig. Nichts symbolisierte den wachsenden Wohlstand der Bundesbürger nach 1949 so wie der gute, alte VW Käfer; Krisen in Wolfsburg waren immer auch deutsche Krisen. Detailansicht öffnen Die Marke VW hat Probleme. (Foto: Foto: ddp) Seit Wochen nun macht der Konzern Negativschlagzeilen: Probleme mit der Marke, mit den Preisen, mit den Personalkosten. Und jetzt klagt auch noch die EU-Kommission gegen das VW-Gesetz, das faktisch den Einfluss Niedersachsens - und auch der IG Metall - auf die Geschäftspolitik in Wolfsburg festschreibt. Sollte die Klage Erfolg haben, woran in Brüssel nur wenige zweifeln, dann ist künftig die feindliche Übernahme von VW durch einen Konkurrenten möglich. Der Bundeskanzler als Niedersachse hat den Kampf für das Gesetz zu seiner Sache gemacht, was vor dem Europäischen Gerichtshof aber nicht viel helfen dürfte. Volkswagen steht nicht allein unter den gefährdeten Symbolen der deutschen Wirtschaft: Der Warenhauskonzern Karstadt-Quelle ist, wenn überhaupt, nur noch durch brutale Sanierungsschritte zu retten; Gewerkschaften und Management suchen derzeit nach sozialverträglichen Lösungen. Opel ringt ums Überleben Opel, die traditionsreiche Automarke, hat innerhalb des Mutterkonzerns General Motors den Rückhalt verloren und ringt ums Überleben. Der Chemie- und Pharmakonzern Hoechst ist mehrheitlich Teil eines französischen Unternehmens geworden, der Name selbst verschwunden. Der einstmals führende Bayer-Konzern musste seine Chemiesparte abtrennen, der Rest ist nur noch ein mittleres Pharmaunternehmen. Die Reihe lässt sich fortsetzen: Mannesmann - aufgespalten und verschwunden, Grundig - nicht mehr der Rede wert, die Landesbanken - unter extremem Anpassungsdruck. Und, auch dies von großem Symbolgehalt: Die Deutsche Bank - in einer Identitätskrise, aus der sie wahrscheinlich nicht als selbstständiges Unternehmen herauskommt. Globalisierung als Sündenbock Wenn Unternehmen Probleme haben, findet sich heutzutage immer schnell ein Schuldiger: die Globalisierung. Aber dieser Begriff ist, so wie er gebraucht wird, inhaltsleer. Die Frage ist ja, wieso einige Firmen im globalen Wettbewerb bestehen, andere nicht. Oft geht es dabei ganz einfach um Missmanagement. Das beste Beispiel dafür ist Karstadt-Quelle. Seit gut zehn Jahren gab es ernsthafte Warnungen, dass der Konzern auf das veränderte Kaufverhalten der Konsumenten keine Antworten hatte und in ernste Gefahr geraten würde. Das Management hat sich während der ganzen Jahre als bemerkenswert beratungsresistent erwiesen. Und es wurde in dieser Haltung, nach allem was man weiß, von den Arbeitnehmer-Vertretern im Aufsichtsrat auch noch bestärkt. Arbeitnehmer sind die Leidtragenden Jetzt fällt die Anpassung viel härter aus als ursprünglich notwendig gewesen wäre; Leidtragende sind die Arbeitnehmer. Managementfehler sind etwas Normales in der Wirtschaft: Schlecht geführte Firmen müssen sich vom Markt zurückziehen und werden durch neue, bessere ersetzt. Firmenfusionen, auch über Grenzen hinweg, können sehr sinnvoll sein. Was in Deutschland beunruhigt, sind zwei Dinge: Dass, erstens, so viele Firmen in so kurzer Zeit in die Krise geraten. Und dass, zweitens, so wenig neue Großunternehmen entstehen. Der Verdacht liegt nahe, dass es hier gemeinsame Ursachen gibt. So ist es bis vor kurzem in vielen Unternehmen noch als quasi selbstverständlich hingenommen worden, dass die Produktionskosten eben höher liegen als in anderen Industrieländern. Viele Firmen werden unzureichend kontrolliert. Erstaunlich ist ja nicht, dass ein Vorstand stur in die falsche Richtung geht, sondern dass der Aufsichtsrat dies zulässt. Amerikanische Gehälter Und dann scheinen sich in Deutschlands Chefetagen amerikanische Gehälter schneller durchgesetzt zu haben als amerikanischer Unternehmergeist und amerikanische Risikobereitschaft. Die meisten der amerikanischen Firmen, die heute die Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse beherrschen, sind sehr jung: Microsoft, Intel, Citigroup. In der Bundesrepublik gibt es eigentlich nur eine vergleichbare Erfolgsgeschichte: die des 1972 gegründeten Software-Konzerns SAP. Alle anderen großen deutschen Namen sind alt, viele von ihnen müssen sich auf Märkten mit ausgereiften Produkten behaupten. Die Häufung von Unternehmenskrisen unterstreicht, wie notwendig die Reformen sind, die die Bundesregierung jetzt endlich begonnen hat. Mischung aus Überheblichkeit und Verzagtheit Es geht aber nicht nur um Politik, es geht auch um einen Mentalitätswandel: weg von jener eigentümlichen Mischung aus Überheblichkeit und Verzagtheit, aus Realitätsferne und Risikoscheu, die vielen Ausländern in Deutschland auffällt. Aufsichtsräte müssen zum Konflikt mit ihrem Vorstand bereit sein, unternehmerisches Denken und Handeln muss einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Und vor allem muss die Bereitschaft zunehmen, sich vorbehaltlos dem globalen Wettbewerb zu stellen. So gesehen ist die Klage der EU gegen das VW-Gesetz eine gute Nachricht. Sie bietet die Chance, von einem veralteten Instrument der Machtsicherung Abschied zu nehmen und dafür zu sorgen, dass Volkswagen künftig nicht mehr deutsche Besitzstände, sondern deutsche Erfolge symbolisiert. | VW steht nicht allein unter den gefährdeten Symbolen der deutschen Wirtschaft. Karstadt ist nur noch durch tiefe Einschnitte zu retten, Opel ringt ums Überleben. Schuld ist oft Missmanagement in den Unternehmen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-deutsche-symbole-1.917148 | Kommentar - Deutsche Symbole | 00/05/2010 |
Trotz des Desasters bei der Einführung der geplanten Einführung der Lkw-Maut hält Verkehrsminister Stolpe an dem Betreiberkonsortium Toll Collect vorerst fest. Das ursprünglich für August 2003 vorgesehene System soll nach dem neuesten Vorschlag erst mit über zweijähriger Verspätung bis Ende Dezember 2005 realisiert werden. Der SPD-Politiker bestätigte am Mittwoch in Berlin, dass Toll Collect fristgerecht einen Terminplan eingereicht habe. Dieser sehe die vereinfachte, aber "voll Maut-wirksame" Einführung der Autobahngebühr zum 31. Dezember dieses Jahres vor. Das komplette - ursprünglich für August 2003 vorgesehene - System solle dann ein Jahr später eingeführt werden. Detailansicht öffnen Verkehrsminister Manfred Stolpe bemüht sich, seine Treue zu Toll Collect zu erklären. (Foto: Foto: AP) Damit sei eine der drei Kernforderungen der Bundesregierung an das Maut-Konsortium erfüllt, erklärte Stolpe. Auch auf die beiden anderen - erhöhte Strafzahlungen und ein eindeutiges Bekenntnis zur Regelung der noch offenen Forderungen - habe sich das Konsortium eingelassen. Die vorgeschlagenen Strafzahlungen beliefen sich auf 40 Millionen Euro pro Monat für das erste Jahr und gingen bis zu 70 Millionen Euro pro Monat bei Ausfall der Mautstufe 2 ab 31. Dezember 2005. Weitere Details Stolpe sagte, abgesehen von den Kernforderungen gebe es weitere Details, die nachverhandelt werden müssten. Dafür veranschlagte er "einige Wochen". Die ausstehenden Forderungen würden weiter vertreten. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestages, Eduard Oswald, sagte, wichtig für das Parlament sei, dass jetzt geklärt werden müsse, wie die Ausfälle kompensiert würden. Die Verkehrsinfrastruktur müsse Investitionsmittel bekommen. Das neue Mautangebot von Toll Collect wurde vom verkehrspolitischen Sprecher der Grünen, Albert Schmidt, allerdings sehr zurückhaltend bewertet. "Enttäuschend" Insbesondere den neuen Starttermin nannte Schmidt am Mittwoch im InfoRadio Berlin-Brandenburg enttäuschend. Seinen Angaben zufolge ist der Beginn des automatischen Erhebungssystems für die Lkw-Maut nun eher für Anfang 2005 als Ende 2004 vorgesehen, und das auch nur in einer reduzierten Variante. Die komplexere Version - die ursprünglich im August 2003 gestartet werden sollte - würde erst 2006 Realität. "Es wird sehr, sehr kritisch zu bewerten sein, ob man dieses Angebot annehmen kann", sagte Schmidt. Fehlbetrag in Milliardenhöhe Finanziell rechnet der Grünen-Politiker durch die Mautausfälle mit einem Fehlbetrag von 2,8 Milliarden Euro für den Verkehrsetat allein in den Jahren 2003 und 2004. Stolpe hat bislang 1,3 Milliarden Euro dem Konsortium in Rechnung gestellt. Die Ausfälle für dieses Jahr werden auf weitere 2,2 Milliarden geschätzt. | Trotz des Desasters bei der Einführung der geplanten Einführung der Lkw-Maut hält Verkehrsminister Stolpe an dem Betreiberkonsortium Toll Collect vorerst fest. Das ursprünglich für August 2003 vorgesehene System soll nach dem neuesten Vorschlag erst mit über zweijähriger Verspätung bis Ende Dezember 2005 realisiert werden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/maut-debakel-stolpe-haelt-stoisch-an-toll-collect-fest-1.901147 | Maut-Debakel - Stolpe hält stoisch an Toll Collect fest | 00/05/2010 |
Keine Bange: Deutschland wird nicht zum Entwicklungsland, nur weil Teile des Landes eine halbe Stunde im Dunkeln liegen. Im weltweiten Vergleich fließt der Strom in kaum einem Land so verlässlich wie in unserem. Dass in einem komplexen System wie dem Stromnetz einmal etwas schiefläuft, ist kein Anlass zur Panik - aber ein deutliches Warnsignal. Das eigentliche Problem liegt in der Reichweite des Stromausfalls. Die Panne legte nicht nur deutsche Verbraucher lahm, sondern setzte sich kaskadenartig bis nach Spanien und Portugal fort. Was wäre eigentlich geschehen, wenn der Strom nicht mehr oder weniger kontrolliert für ein Kreuzfahrtschiff unterbrochen worden wäre - sondern völlig unkontrolliert wie im vergangenen Winter? Damals schnitt Eisregen (ein "extremes Wetterereignis") überraschend Teile des Münsterlandes tagelang von der Versorgung ab? Die Botschaft vom Wochenende heißt: Ein großer Blackout ist in Europa näher, als die meisten bisher dachten. Die Ursache liegt in der jüngeren Geschichte. Umleitung bei Stau Das deutsche Stromnetz ist in Jahrzehnten gewachsen, und es war eben immer ein Stromnetz für Deutschland, nicht für den europäischen Markt. Eine Karte der deutschen Stromleitungen ähnelt einer Straßenkarte: mit gut ausgebauten Autobahnen, Bundesstraßen und Landstraßen. Sind Stromleitungen überlastet, findet sich wie beim Stau auf der Autobahn meist auch eine Umleitung für Elektrizität. In die Nachbarländer dagegen sind die Verbindungen oft mager. Das liegt leider in der Natur der Sache: Für den Ausbau sind die Stromkonzerne selbst zuständig. Ihr Interesse daran hält sich in Grenzen, denn je mehr Leitungen Deutschland mit dem Ausland verbinden, desto schwieriger lässt sich auch der deutsche Markt kontrollieren. In dem aber wollen die vier großen deutschen Stromerzeuger, Handel hin, Handel her, gern das Sagen behalten. Das Heft halten sie in der Hand, schließlich betreiben die Konzerne auch alle großen Stromautobahnen. EU ist gefordert Der wachsende europäische Strommarkt muss bei solchen Strukturen ganz zwangsläufig an Grenzen stoßen. Das europäische Verbundsystem kann nur verlässlich funktionieren, wenn es dicht verwoben ist. Wenn aber die Unternehmen selbst zu wenig Anreiz verspüren, das europäische Netz auszubauen, müssen notfalls die einzelnen Mitgliedstaaten sie drängen, "Grenzübergänge" zu stärken. Die dafür zuständigen Behörden, in Deutschland ist das die Bundesnetzagentur, haben sie bereits. Der Stromausfall zeigt, dass die nationalen Instanzen alleine das Problem nicht in den Griff bekommen. Stärker als bislang muss die EU die Stromnetze und deren Ausbau koordinieren, notfalls mit einer eigenen Behörde. Vor allem aber braucht Europa eine Art neues Schengen-Abkommen - offene Grenzen nicht nur für Reisende, sondern auch für die Elektrizität. | Der Stromausfall vom Wochenende ist keine Katastrophe - aber ein Warnsignal. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-die-angst-vor-grossen-blackout-1.898693 | Kommentar - Die Angst vor großen Blackout | 00/05/2010 |
CDU-Chefin Merkel hat in der Haushaltsdebatte des Bundestages weitere Veränderungen am Arbeitsmarkt gefordert. Der Kanzler hielt der Opposition entgegen, sich bereits bei der anstehenden Hartz-IV-Reform vor dem Unmut der Bevölkerung weggeduckt zu haben. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel forderte für Deutschland eine Regierung mit einer einfachen und unbürokratischen "Politik aus einem Guss". "Das ist die neue Union des 21. Jahrhunderts", sagte Merkel am Mittwoch im Bundestag in der Generaldebatte über den Haushaltsentwurf 2005. Die rot-grüne Bundesregierung sei zu sehr in altem Denken und alten Feindbildern verhaftet. Detailansicht öffnen Bundeskanzler Schröder beobachtet seine Widersacherin Angela Merkel während der Haushaltsdebatte des Bundestages aufmerksam. (Foto: Foto: ddp) Keine Einzelheiten Die CDU-Chefin forderte für den Arbeitsmarkt zusätzliche Reformen über die Hartz-Gesetze hinaus. "Wir dürfen auf keinen Fall bei Hartz IV stehenbleiben", sagte Merkel. Einzelheiten dazu nannte sie allerdings nicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder richtete hingegen scharfe Angriffe an die Adresse der Union. Die Opposition habe sich "in die Büsche geworfen", als die notwendigen Reformen wie die Einführung der Praxisgebühr zu Jahresbeginn zu massivem Unmut in der Bevölkerung geführt hatte. Für mehr Schärfe gesorgt Wenn jetzt CDU-Ministerpräsidenten die Freigrenzen für das Vermögen als zu niedrig kritisierten, werde das der Lage nicht gerecht: "Die gleichen Ministerpräsidenten haben dafür gesorgt, dass nicht weniger, sondern mehr Schärfe ins System gekommen ist", sagte Schröder mit Blick auf von der Union durchgesetzte Forderungen im Vermittlungsverfahren zu Hartz IV. Genauso sei es bei den Zuverdienstmöglichkeiten. "Diejenigen, die weniger gefordert haben, laufen jetzt herum und sagen, wir hätten mehr an Zuverdienst schaffen sollen", beklagte sich der Kanzler. "Job Floater" ein Flop Die Oppositionsführerin Merkel äußerte sich hingegen skeptisch zum Erfolg der bislang eingeleiteten Reformen. So sei der groß angekündigte "Job-Floater" ein Flop geworden und für die Ich-AGs gebe es ebenfalls nach dem ersten Jahr "katastrophale Prognosen". Der Regierung warf Merkel vor, durch gebrochene Wahlversprechen und eine verfehlte Informationspolitik etwa zu Hartz IV das "Vertrauen in die Gestaltungskraft der Politik insgesamt zerstört" zu haben. "Das ist die Halbzeitbilanz und die Bilanz nach sechs Jahren Rot-Grün." Das Dilemma der Koalition sei ihr Mangel an Glaubwürdigkeit. | CDU-Chefin Merkel hat in der Haushaltsdebatte des Bundestages weitere Veränderungen am Arbeitsmarkt gefordert. Der Kanzler hielt der Opposition entgegen, sich bereits bei der anstehenden Hartz-IV-Reform vor dem Unmut der Bevölkerung weggeduckt zu haben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/haushaltsdebatte-wir-duerfen-auf-keinen-fall-bei-hartz-iv-stehenbleiben-1.899090 | "Haushaltsdebatte - ""Wir dürfen auf keinen Fall bei Hartz IV stehenbleiben""" | 00/05/2010 |
In ersten Reaktionen sind sich die deutschen Politiker weitgehend einig - die Einigung mit Toll Collect sei eine gute Sache. Nur der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle kann sich nicht darüber freuen. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber hat die Einigung im Streit um die Lkw-Maut begrüßt. Er halte es für "gut und richtig", dass die Vorstände der beteiligten Unternehmen das Problem jetzt selbst in die Hand genommen hätten, sagte Stoiber. Der Druck, den die Union mit der Androhung eines Untersuchungsausschuss ausgeübt habe, habe offenbar Wirkung gezeigt. Falls das Betreiberkonsortium Toll Collect jetzt ein modernes Maut-System schaffe, "dann wäre das für das Ansehen Deutschlands von erheblicher Bedeutung". Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sieht in dem neuerlichen Anlauf zwischen Bundesregierung und beteiligten Unternehmen zur Einführung einer Lkw-Maut eine Fortsetzung des bisherigen Pannenspektakels. "Das Chaos geht weiter. Die deutsche Öffentlichkeit wird wieder vertröstet." Offene Frage Einnahmeausfälle Der Grünen-Verkehrspolitiker Albert Schmidt hat sich zufrieden mit der Einigung gezeigt. Der Bund habe sich praktisch zu hundert Prozent mit seinen Forderungen durchgesetzt, sagte Schmidt. Über die offene Frage der Einnahmeausfälle von mehr als zwei Milliarden Euro in diesem Jahr werde nun ein Schiedsgericht entscheiden. Dabei würden sich beide Seiten "aufeinander zubewegen müssen". Schmidt kritisierte, dass es erst der Kündigungsdrohung bedurft habe, um Toll Collect zum Einlenken zu bewegen. Offenbar hätten die Partner Deutsche Telekom und DaimlerChrysler die Bundesregierung nicht ernst genug genommen. Der "Schreckschuss" der Kündigung habe nun Wirkung gezeigt. Einen Untersuchungsausschuss lehnte Schmidt ab. Dies werde nur dazu führen, dass "das Konsortium nochmal die Hosen runterlassen müsste", sagte der Grünen-Politiker. "Wir sollten jetzt nach vorne schauen." VDI zufrieden Positive Impulse für den Innovationsstandort Deutschland erwartet der Verband Deutscher Ingenieure von der Einigung im Streit um die Maut-Technik. Es sei aus Sicht der Ingenieure erfreulich, dass die Durchsetzung dieses High-Tech-Projekts politische Priorität genieße, hieß es in einer Erklärung des VDI. Nachdem das Transrapid-Projekt mehr und mehr im Sand verlaufe, sei es erforderlich, sich mit einem High-Tech-Produkt dieser Dimension international zurückzumelden. | In ersten Reaktionen sind sich die deutschen Politiker weitgehend einig - die Einigung mit Toll Collect sei eine gute Sache. Nur der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle kann sich nicht darüber freuen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/reaktionen-auf-toll-collect-einigung-stoiber-gut-und-richtig-westerwelle-weiter-chaos-1.917934 | "Reaktionen auf Toll Collect Einigung - Stoiber: ""Gut und richtig"" Westerwelle: ""Weiter Chaos""" | 00/05/2010 |
Mit viel Geschick hat Werner Müller den Ausstieg aus der teuersten Dauersubvention der deutschen Wirtschaftsgeschichte eingefädelt - dem Steinkohlebergbau. Doch nun ist dem früheren Bundeswirtschaftsminister offenbar ein haarsträubender Fehler unterlaufen. Die Großaktionäre des RAG-Konzerns, RWE und Thyssen-Krupp, arbeiten offenbar an der Demontage von Vorstandschef Werner Müller. Vor allem RWE werfe Müller im Zusammenhang mit dem geplanten Verkauf der RAG-Tochter Saar Ferngas "Pflichtverletzungen" vor, schrieben Handelsblatt und Financial Times Deutschland unter Berufung auf einen Brief der RWE-Vorstände und RAG-Aufsichtsräte Berthold Bonekamp und Jan Zilius an Eon-Chef Wulf Bernotat, der dem RAG-Aufsichtsgremium vorsitzt. Eigenmächtiges Handeln Die Großaktionäre werfen dem Vorstandschef den Berichten zufolge vor, eigenmächtig eine Vereinbarung mit dem Stahlkonzern Arcelor Mittal zum Verkauf der Mehrheit am Versorger Saar Ferngas getroffen zu haben. Thyssen-Krupp unterstütze die Vorwürfe von RWE gegen Müller. Die Absprache mit dem RAG-Anteilseigner Arcelor Mittal, die Saar Ferngas teilweise oder ganz übernehmen, ist möglicherweise rechtlich angreifbar, weil sie unter Umständen als Versuch einer unerlaubten Nebenabsprache betrachtet werden kann. Der Verkauf der Saar Ferngas könnte nämlich womöglich in Zusammenhang mit dem geplanten Börsengang der RAG stehen. Mit der beabsichtigten Emission von RAG-Aktien sollen die Folgekosten des abzuwickelnden Kohlebergbaus finanziert werden. Wenn etwa die Zustimmung zum Börsengang der RAG durch Arcelor nur deshalb erfolgte, weil Arcelor dafür im Gegenzug den Zuschlag bei der Saar Ferngas bekam, dann könnte der Vorwurf einer versuchten unerlaubten Nebenabsprache unter Umständen geltend gemacht werden. Abmachungen mit der RAG Sollte sich dieser Vorwurf erhärten, wäre die größten RAG-Aktionär Eon und Thyssen-Krupp fast schon gezwungen, die bisherigen Abmachungen mit der RAG wieder in Frage zu stellen. Diese sehen unter anderem vor, die Erlöse aus dem Börsengang der profitablen RAG-Bereiche in eine Stiftung einzubringen, die in Zukunft die sogenannten Ewigkeitskosten tragen soll, die aus der Abwicklung des Kohlebergbaus entstehen. Stattdessen könnten Eon und Thyssen-Krupp alleine schon aus rechtlichen Gründen gezwungen sein, Nachforderungen zu stellen, um Ermittlungen an den strengen US-Börsen zu vermeiden. Denn die US-Börsenaufsicht verbietet Geschäfte zum Nachteil der eigenen Aktionäre. Sollten RWE und Thyssen-Krupp aber neue Forderungen stellen, könnte das die Zerschlagung des RAG-Konzerns zur Folge haben. Sollte der Aufsichtsrat die Vorwürfe formell bestätigen, wäre Müller zum Rücktritt gezwungen. Müller habe die Vorwürfe schriftlich zurückgewiesen. | Mit viel Geschick hat Werner Müller den Ausstieg aus der teuersten Dauersubvention der deutschen Wirtschaftsgeschichte eingefädelt - dem Steinkohlebergbau. Doch nun ist dem früheren Bundeswirtschaftsminister offenbar ein haarsträubender Fehler unterlaufen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/rag-chef-mueller-soll-abgeloest-werden-demontage-eines-gewieften-taktikers-1.916968 | RAG-Chef Müller soll abgelöst werden - Demontage eines gewieften Taktikers | 00/05/2010 |
Es ist eine Sache, für einen zentralistisch organisierten Weltkonzern als Deutschland-Statthalter mit begrenztem Gestaltungsrahmen den Exekutor zu geben. Und es ist eine andere Sache, in einem vergleichsweise jungen deutschen Telekommunikationskonzern mit Geschäftsfeldverantwortung den Umbau voranzutreiben. Detailansicht öffnen Walter Raizner. (Foto: Foto: ddp) Keine Frage also, warum sich Walter Raizner nach 20 Jahren bei "Big Blue" IBM und nur knapp zwei Jahren an der Spitze der Stuttgarter Deutschland-Zentrale zur Telekom abwerben ließ. Mitarbeiter berichten gar, dass sie ihren Chef bei einer internen Tagung Ende Juli gelöst und locker wie nie in diesen letzten beiden Jahren erlebt hätten. Da wusste Raizner wohl schon, dass er die längste Zeit auf dem deutschen Chefsessel des amerikanischen Computerriesen gesessen hatte. Feudaler Vorstandsflur Seinen spartanischen Schreibtisch im IBM-Großraumbüro wird er am 1.November gegen einen ganzen, feudalen Vorstandsflur in der Bonner Telekom-Zentrale eintauschen. Als Chef der Sparte Breitband/Festnetze wird Raizner zwar mit dem Massenkundengeschäft Neuland betreten, aber eben auch operative Verantwortung übernehmen. Die hatte er, zwar formal für 26.000 Mitarbeiter zuständig, bei der vorwiegend im Großkundengeschäft tätigen IBM Deutschland nicht. Immerhin hat Raizner eine für einen Deutschen ungewöhnlich steile Karriere im amerikanischen Mutterkonzern hingelegt. 1984 heuerte der Betriebswirt bei IBM Deutschland an, 1995 startet er dann seine internationale Karriere in der Konzernzentrale in Armonk im Stab von Ned Lautenbach, der weltweit den Vertrieb leitet. Internationale Positionen Ein Jahr später übernimmt er für kurze Zeit den Hardware-Vertrieb in Deutschland, um dann aber wieder in internationale Positionen in London und Armonk zu wechseln, wo er bis zum General Manager für das weltweite Speichergeschäft aufsteigt. Vom Vertrieb über Marketing und Produktion bis zur weltweiten Verantwortung für die Strategie im Geschäft mit elektronischen Datenspeichern lernte Raizner alle Facetten des IT-Geschäfts kennen. "Wer den Sprung nach Armonk schafft, muss clever und gut sein", heißt es in IBM-Kreisen. Immerhin war Raizner bisher der ranghöchste Manager deutscher Nationalität im gesamten Unternehmen. Kein Wunder also, dass der gebürtige Schwabe, der am 15.August seinen 50.Geburtstag feierte, intern auch schon mal als "der smarte Amerikaner" bezeichnet wird. Erinnert entfernt an Bill Clinton Nicht nur erinnert er mit seinem grauen Schopf und seinen blauen Augen entfernt an Bill Clinton, er trat auch bei seinem Start in Deutschland Anfang 2003 sehr amerikanisch auf: "Wir sind hier kein Debattierclub", habe er auf einem ersten Führungskräftetreffen unmissverständlich zu verstehen gegeben, und: "Die Vorgaben aus der amerikanischen Konzernzentrale in Armonk sind richtig und werden umgesetzt." Aber umsetzen allein ist für einen leidenschaftlichen Ärmelaufkrempler wie Raizner auf Dauer nur von begrenztem Reiz. Zumal dann, wenn die Ergebnisse der Anstrengungen in Deutschland - wie bei IBM üblich - gar nicht eigens ausgewiesen werden. | Was den bisherigen IBM-Manager Walter Raizner an der Telekom reizt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/portrait-ein-amerikanischer-schwabe-1.906035 | Portrait - Ein amerikanischer Schwabe | 00/05/2010 |
Am Tag vor Nikolaus sind die Hersteller von Lebkuchen und Weihnachtsgebäck erneut wegen zum Teil deutlich gestiegener Acrylamid-Werte in die Kritik geraten. Bei einem der neu untersuchten Bio-Lebkuchen wurde eine Rekordbelastung durch das Gift entdeckt, das sich in Tierversuchen als Krebs erregend erwies, wie die Verbraucherorganisation foodwatch in Berlin mitteilte. Eine Packung des Gebäcks enthalte so viel Acrylamid wie 42 Lebkuchen-Packungen mit dem geringsten Wert im Test. Weil die meisten Anbieter sich weiter weigerten, die Acrylamid-Werte auf den Packungen anzugeben, forderte foodwatch eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht. Hohe Werte Bei einem der drei getesteten Bio-Lebkuchen seien 792 Mikrogramm pro Kilo festgestellt worden, sagte Matthias Wolfschmidt von foodwatch. Ein so hoher Wert sei bei keinem der 25 anderen getesteten Produkte aufgetaucht. Dagegen habe gegenüber einem Vergleichtest aus dem vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der Anbieter die Belastung zum Teil deutlich gesenkt. "Das beweist, dass das Know-how vorhanden ist", sagte Wolfschmidt. Offenbar setzten viele Hersteller aber darauf, dass "das Thema aus den Schlagzeilen verschwunden ist". Viele unternähmen deshalb keine Anstrengungen, den Acrylamid-Wert dauerhaft zu drücken. Anfragen der Verbraucher würden oft nicht beantwortet. Rühmliche Ausnahme Als rühmliche Ausnahmen nannte Wolfschmidt etwa die Bio-Marke Allos und die Firma Lebkuchen-Schmidt, die ausführliche Verbraucherinformationen über Acrylamid und die Belastung ihrer Produkte bereithielten. Allos reduzierte den Wert in seinen Bio-Lebkuchen binnen Jahresfrist um mehr als ein Drittel auf 273 Mikrogramm. Die zur Lebkuchen-Schmidt-Gruppe gehörende Marke Wicklein, die vom Discounter Lidl vertrieben wird, drückte ihren Wert als Testsieger sogar um 80 Prozent auf nur noch 19 Mikrogramm. Vollkornmehl und Rohrzucker, wie ihn Bio-Marken verwenden, begünstigen allerdings die Entstehung von Acrylamid. Zudem können Messwerte in unterschiedlichen Chargen stark schwanken. Kennzeichnung gefordert Als Konsequenz aus den zum Teil noch immer hohen Acrylamid-Werten forderte foodwatch eine Pflicht zur Kennzeichnung der Lebensmittel. Die Firmen sollten gezwungen werden, den Wert etwa mit mehrstufigen Skalen auf den Packungen anzugeben, schlug Wolfschmidt vor. Acrylamid war vergangenes Jahr zum ersten Mal in die Schlagzeilen geraten. Es entsteht vor allem dort, wo stärkehaltige Nahrungsmittel wie Kartoffel- und Getreideprodukte mit wenig Wasser unter hohen Temperaturen zubereitet werden und zusätzlich Zucker im Spiel ist. | Am Tag vor Nikolaus sind die Hersteller von Lebkuchen und Weihnachtsgebäck erneut wegen zum Teil deutlich gestiegener Acrylamid-Werte in die Kritik geraten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/warnung-bio-lebkuchen-stark-mit-acrylamid-belastet-1.905885 | Warnung - Bio-Lebkuchen stark mit Acrylamid belastet | 00/05/2010 |
Mit dem Hedge-Fonds Amaranth Advisors soll auf Versorgungsengpässe im Energiebereich gewettet worden sein. Doch das ging offenbar gründlich schief. Der amerikanische Hedge-Fonds Amaranth Advisors hat mit seinen Erdgas-Investments Milliardenverluste verbucht. Der Energiehandelsbereich von Amaranth verlor innerhalb einer Woche fünf Milliarden Dollar (3,9 Mrd. Euro), berichtete das Wall Street Journal. Gegenüber Jahresbeginn könnten die realisierten Einbußen damit bei über 35 Prozent liegen. Detailansicht öffnen Erdgaspreise schwanken stärker als sonstige Energiepreise, zum Beispiel weil der Transport von Erdgas weitaus schwieriger ist als der von Öl oder von anderen Treibstoffen. (Foto: Foto: dpa) Die unter Verwaltung stehenden Vermögenswerte seien von neun Milliarden Dollar Anfang September auf 4,5 Milliarden Dollar gefallen. Amaranth teilte nach Angaben der Zeitung seinen Investoren mit, dass der Fonds seine Erdgas-Wetten "aggressiv reduziere". Es wird spekuliert, dass Amaranth sich mit Wetten auf Versorgungsengpässe in den USA gewaltig verschätzt hat. Die Verluste von Amaranth sind vergleichbar mit denen des Fonds Long-Term Capital Management (LTCM), dem die US-Notenbank 1998 mit einem Rettungspaket von 4 Milliarden Dollar zu Hilfe kommen musste, um eine internationale Finanzkrise zu verhindern. Die Finanzmärkte ließen sich durch den Schiffbruch von Amaranth allerdings nicht einschüchtern - ein Zeichen, dass das Finanzsystem widerstandsfähiger geworden ist. Die unverfrorensten Wetten Der Amaranth-Energiebereich sei von einem Kanadier von Calgary aus geleitet worden. Der 32-Jährige habe unter allen Energiehändlern mit die unverfrorensten Wetten und das schnellste Geld gemacht. Er hatte nach Darstellung des Wall Street Journal in diesem Jahr bis Ende August mit dem Erdgashandel um zwei Milliarden Dollar höher gelegen und habe dann innerhalb einer Woche fünf Milliarden Dollar verloren. Die Zeitung verwies auf die stark gefallenen Erdgaspreise, die je nach Wetter- und Hurrikanlage oder wegen anderer externen Faktoren stärker schwankten als sonstige Energiepreise. So sei der Transport von Erdgas, beispielsweise um örtliche Verknappungen oder Überschüsse auszugleichen, weitaus schwieriger als der von Öl und anderer Treibstoffe. Erdgaspreise um zwei Drittel eingebrochen Hedge-Fonds haben sich in den letzten Jahren in großem Stil an Erdgas- und Energiespekulationen beteiligt. Die Erdgaspreise waren an der New Yorker Warenterminbörse Nymex seit Dezember letzten Jahres um rund zwei Drittel eingebrochen. Die Aramanth-Probleme dürften nach Meinung der New York Times die Debatte darüber anheizen, ob mehr Aufsicht über die Hedge-Fonds benötigt wird. Sie üben in den Märkten einen immer größeren Einfluss aus. Es gibt nach Angaben der Zeitung fast 9000 Hedge-Fonds mit 1,2 Billionen Dollar an Vermögenswerten. 1990 hätten die Hedge-Fonds nur 38,9 Milliarden Dollar gemanagt. | Mit dem Hedge-Fonds Amaranth Advisors soll auf Versorgungsengpässe im Energiebereich gewettet worden sein. Doch das ging offenbar gründlich schief. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fonds-debakel-ein-wette-die-verloren-ging-1.899140 | Fonds-Debakel - Ein Wette, die verloren ging | 00/05/2010 |
Die Regulierungsbehörde für Telekommunikation belässt es nicht mehr beim Kläffen: Angesichts einer wachsenden Zahl von Beschwerden über heimlich installierte Internet-Anwahldienste, die Telefonrechnungen in vier- oder gar fünfstelliger Höhe verursachen, beißen die Aufseher jetzt zu. Künftig sollen Höchstpreise gelten. Der Präsident der Behörde, Matthias Kurth, kündigte am Montag in Bonn ein hartes Durchgreifen gegen den Rufnummern-Missbrauch an. Grundlage ist das am vergangenen Freitag in Kraft getretene Gesetz zur Bekämpfung des Missbrauchs von 0190er und 0900er-Rufnummern, das die Rechtsposition des Verbrauchers und die Durchgriffsmöglichkeiten der Regulierungsbehörde (RegTP) deutlich stärkt. Die Telefon-Mehrwertdienste stellen in Deutschland inzwischen einen Millionenmarkt da. Die Bandbreite reicht vom Pornoangebot über technische Hotlines etwa zur Hilfe bei Computerproblemen bis zu den Publikumsabstimmungen zum Beispiel bei "Deutschland sucht den Superstar". Auch die seriöse Stiftung Warentest verbreitet ihre Testergebnisse über einen Dialer. Maximal zwei Euro pro Minute Das Gesetz setzt ab sofort Höchstpreise für die 0190er und 0900er-Nummern fest. Maximal dürfen künftig zwei Euro pro Minute oder - bei zeitunabhängigen Diensten - 30 Euro pro Anwahl in Rechnung gestellt werden. Die Höhe der Kosten muss außerdem zu Beginn des Gesprächs mitgeteilt werden. Erst drei Sekunden später beginnt der Zähler zu laufen. Höhere Preise sind nur möglich, wenn der Anrufer beim Dienstanbieter schriftlich eine PIN-Zahl beantragt und sich damit - wie bei der Nutzung der EC-Karte - bei jedem Anruf persönlich legitimiert. Tipps für Betroffene Besonders strikt sind die Reglungen bei den Internet-Anwahlprogrammen, den so genannten Dialern, mit denen die Internetverbindung von den normalen, preisgünstigen Einwahlpunkten auf teurere Anschlüsse umgeleitet werden. Immer wieder Beschwerden In der Vergangenheit hatte es immer wieder Beschwerden gegeben, dass Dialer beim Internet-Surfen heimlich ohne Kenntnis des Nutzers installiert worden waren. Das neue Gesetz sieht deshalb eine Registrierungspflicht für alle Dialer vor. Außerdem muss der Nutzer explizit der Installation des Dialers und/oder dessen Aktivierung und der Herstellung einer teuren Verbindung zu einer Mehrwertdienste-Rufnummer zustimmen. Ist ein Dialer nicht registriert, oder entspricht er nicht den gesetzlichen Vorgaben, die bis in Details wie die Schriftgröße gehen, hat der Kunde seit dem 15. August keine Zahlungsverpflichtung mehr, wie Kurth betonte. "Wenn der Kunde sicher ist, dass der Dialer rechtswidrig ist, sollte er nicht zahlen", riet Kurth. Denn selbst wenn der Anbieter auf den Bermudas sitze und rechtlich schwer zu fassen sei, sein Geld müsse er immer noch in Deutschland einklagen. Die Regulierungsbehörde selbst kann dem schwarzen Schaf die Rufnummer entziehen und ihn auffordern, keine Rechnungen mehr zu verschicken. Wermutstropfen Einige Wermutstropfen hat die Neuregelung allerdings für viele Betroffene doch: sie gilt nicht für Altfälle vor In-Kraft-Treten des Gesetzes - also derzeit wohl für die meisten Fälle. Außerdem muss jeder Betroffene seinen Rechtstreit nach wie vor selbst durchfechten. Weitere Informationen gibt auf der Web-Seite der Regulierungsbehörde (siehe unten) oder per Telefon unter der Rufnummer 0208/45070. | Die Regulierungsbehörde für Telekommunikation belässt es nicht mehr beim Kläffen: Angesichts einer wachsenden Zahl von Beschwerden über heimlich installierte Internet-Anwahldienste, die Telefonrechnungen in vier- oder gar fünfstelliger Höhe verursachen, beißen die Aufseher jetzt zu. Künftig sollen Höchstpreise gelten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/0190er-missbrauch-der-wachhund-packt-zu-1.915066 | 0190er-Missbrauch - Der Wachhund packt zu | 00/05/2010 |
Was Welteke tatsächlich an Ruhegeldern erhält, will eine Zeitung aufgedeckt haben: 180.000 Euro jährlich. Derweil favorisieren Bankexperten den bisherigen Vize der Bundesbank, Jürgen Stark, als neuen Chef. Der zurückgetretene Bundesbankpräsident Ernst Welteke hat laut einem Zeitungsbericht Anspruch auf ein Ruhegehalt von mindestens 15.000 Euro monatlich. Das berichtet die Bild-Zeitung (Dienstagausgabe) unter Berufung auf Finanzkreise. Hinzu komme eine so genannte Bundesbank-Zulage, die aber geheim sei. Grundlage der Berechnungen sei der so genannte "ruhegehaltsfähige Teil" von Weltekes Bundesbankbezügen in Höhe von rund 250.000 Euro jährlich, berichtet das Blatt. Detailansicht öffnen Ernst Welteke - die Pensionen sind sicher. (Foto: Foto: dpa) 180.000 plus besondere Vergütung Nicht berücksichtigt werde eine "besondere Vergütung" von rund 75.000 Euro, die Teil der Welteke-Bezüge sei. Im Jahr erhalte Welteke nun mindestens 180.000 Euro, berichtet das Blatt. Der Grünen-Finanzpolitiker Hubert Ulrich wie auch Steuerzahlerbund-Präsident Karl-Heinz Däke verlangten der Zeitung zufolge die Offenlegung der Vertragsklauseln zu Vergütung und Ruhegehalt. "Die Steuerzahler haben ein Recht, zu wissen, wofür ihr Geld ausgegeben wird", zitiert das Blatt Däke. Die Bundesbank hatte erst am Montag Meldungen dementiert, nach denen Welteke sein volles Gehalt von 350.000 Euro jährlich bis zum regulären Ende seines Vertrages 2007 weiter beziehen soll. Welteke werde ein Ruhegehalt auf Basis der gesetzlichen und vertraglichen Bestimmungen erhalten, das deutlich niedriger sei, hieß es. Experten favorisieren Stark Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, hat derweil den Vizepräsidenten der Bundesbank, Jürgen Stark, als geeigneten Nachfolger für den zurückgetretenen Bundesbankpräsidenten Ernst Welteke bezeichnet. "Wenn die Bundesregierung es bei der Verfahrensweise belässt, die sich bewährt hat, führt an Jürgen Stark eigentlich kein Weg vorbei", sagte Müller der Berliner Zeitung. Die Qualifikation Starks für diese Aufgabe sei national und international unstrittig. Die Bundesregierung will am Mittwoch über Weltekes Nachfolge entscheiden, der am Freitag wegen der Hotel-Affäre zurückgetreten war. Als Nachfolger im Gespräch sind neben Stark Finanzstaatssekretär Cajo Koch-Weser und Wirtschaftsstaatssekretär Alfred Tacke. Auch die Staatssekretäre Alfred Tacke und Caio Koch-Weser seien für die Aufgabe hoch qualifiziert, sagte Müller. Sie hätten aber das Manko, bisher noch keine Erfahrung innerhalb der Bundesbank gesammelt zu haben. "Wichtig ist, dass die Regierung jetzt schnell entscheidet." Weltekes Rücktritt sei richtig und konsequent gewesen. Die Diskussion über die Hotel-Affäre sei bedauerlich, der Ruf der Bundesbank aber nicht gefährdet. Viele Fürsprecher Auch Thorsten Polleit, Volkswirt bei der Barclays Bank, erwartete, die Regierung würde nach sorgfältiger Abwägung Stark zum Präsidenten und Tacke zum Vize machen. In zwei Jahren könne Stark als Nachfolger für Otmar Issing ins Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) nachrücken und Tacke Bundesbank-Präsident werden. Thomas Mayer, Volkswirt bei der Deutschen Bank, forderte als Bundesbank-Präsident eine fachlich qualifizierte Person mit Ansehen und eigenen Positionen. Sonst würde Deutschland an Einfluss in der europäischen Geldpolitik verlieren, so Mayer. Der künftige Präsident müsse sich an der Statur von Amtsvorgängern wie Tietmeyer, Pöhl oder Helmut Schlesinger messen lassen. Die Bundesbank brauche als Institution wieder Selbstvertrauen. Nach der Aufgabe von Kompetenzen im Zuge der Währungsunion und der Debatte um ihren Präsidenten dürfe die Person an der Spitze keinen weiteren Anlass zu Tadel geben. Michael Heise, Volkswirt der Allianz-Gruppe, empfahl einen Kandidaten, der die Reputation der Bundesbank überzeugend festige. Er müsse in internationalen Verhandlungen mit der nötigen Autorität auftreten. Auch im geldpolitischen Rat der EZB sei die deutsche Stimme von Gewicht. Interne Regelung Normalfall Für Peter Pietsch, Volkswirt bei der Commerzbank, spricht einiges für eine interne Regelung. Es sei ein ganz normaler Vorgang, wenn eine Institution genügend qualifiziertes Führungspersonal hat, dieses dann auch einzusetzen. Damit könne die Regierung dem Parteienstreit aus dem Wege gehen. Außerdem werde die Kontinuität in der Bundesbankpolitik gewahrt. An den Finanzmärkten spielt die Nachfolge-Regelung für Welteke keine große Rolle. Dort dürfte der nächste Bundesbank-Präsident vor allem danach benotet werden, ob er bei Zinsentscheidungen eher eine harte oder eine weiche Linie fährt. Diese Einschätzung kann sich im Laufe einer Amtszeit allerdings ändern. | Was Welteke tatsächlich an Ruhegeldern erhält, will eine Zeitung aufgedeckt haben: 180.000 Euro jährlich. Derweil favorisieren Bankexperten den bisherigen Vize der Bundesbank, Jürgen Stark, als neuen Chef. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/welteke-und-die-bundesbank-suesser-ruhestand-1.902102 | Welteke und die Bundesbank - Süßer Ruhestand | 00/05/2010 |
In Spanien sollen 2000 Landwirte beweisen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen keinen Nachteil haben - das könnte sich rächen, warnen Umweltschützer. (SZ vom 25.10.03) — Frisch aufgeschlitzt liegen die Maispflanzen am Feldrand in der Herbstsonne. Die weißen Raupen darin lassen sich vom Licht nicht stören und bohren weiter durch den Maisstängel. Sorgfältig putzen sie ihn leer, bis er aussieht wie ein Blasrohr. Detailansicht öffnen Frankreichs Globalisierungskritik-Idol José Bové (l.) mag keinen Genmais. (Foto: Foto: dpa) Millionen Raupen "Maiszünsler" sagt Alberto Ojembarrena, spanischer Direktor der Saatgutfirma Pioneer Hi-Bred, "schrecklich, was die hier anrichten." Jetzt, kurz vor der Ernte, haben Millionen von Raupen das ganze Feld im spanischen Lleida verwüstet, wie viele andere Äcker auch. Den ganzen Sommer über haben drei Generationen von Maiszünslern in den Feldern genagt, im Oktober nun halten sich nur noch wenige Pflanzen aufrecht. Die meisten Blasrohr-Stängel hat der Wind längst umgeknickt, in den schwachen Kolben machen sich Pilze breit, die Körner verschrumpeln. Wer diesen Herbst durch Lleida, eine Gegend westlich von Barcelona fährt, begreift die Angst der Bauern vor den Raupen. Fast jedes Jahr fallen sie über die Felder her und reduzieren mit ihrer Gefräßigkeit die Ernteerträge mal um 5, mal um 25 Prozent. Maiszünsler sind in Katalonien seit ewig eine Plage. Genmais ist prall und hoch Doch bei der Fahrt über die Ackerwege von Lleida kommt man auch an Feldern vorbei, die auffällig anders sind. Dort steht der Mais ganz prächtig, lückenlos, zweieinhalb Meter hoch, mit prallen Kolben und gesunden Körnern: gentechnisch veränderter BT-Mais. Und der ist für den Maiszünsler ungenießbar. Seit sechs Jahren ist der Gen-Mais vom Saatgutkonzern Syngenta in Spanien auf dem Markt, dieses Jahr nun bieten auch Konkurrenten wie Pioneer und Monsanto gentechnisch veränderte Sorten an. Die spanischen Bauern greifen zu. 2003 haben über 2000 Landwirte auf 32000 Hektar gentechnisch veränderten Mais ausgesät, 32000 Hektar raupenfreie Zone - einzigartig in Europa. Aufruhr von Umweltschützern Spanien ist bislang das einzige Land in der EU, in dem gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell angebaut werden dürfen. 1997 hatte die EU-Kommission zwar die europaweite Vermarktung der neuen Maissaaten genehmigt. Doch der Aufruhr von Umweltschützern und Verbrauchern war groß. Die meisten EU-Staaten ließen deshalb nur kleine Testfelder zu oder verboten den Anbau total. Die EU-Kommission beugte sich dem Widerstand und stoppte 1998 die Zulassung weiterer Sorten. Fünf Jahre lang diskutierten die Europäer über den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) - ohne, dass sich viel tat. Jetzt aber geht es weiter. Zulassungsstopp aufgehoben Am 7. November werden in der EU zwei Verordnungen über Zulassung und Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebens- und Futtermittel rechtskräftig. Mit Inkrafttreten der neuen Regeln ist auch das Moratorium beendet, der Zulassungsstopp aufgehoben. Dann werden Europas Bauern eine ganze Reihe neuer Gen-Pflanzen kaufen können - neue Maissorten, neuen Raps, neue Rüben. Doch viele Europäer sind skeptisch. Die PR-Leute der Saatgutfirmen arbeiten auf Hochtouren. Mit den Sonderfall Spanien machen sie europaweit Reklame: mit Bilderbuchfeldern in Lleida und glücklichen Bauern davor. Gonzalo Niubo ist einer davon. Seit 40 Jahren baut er in Lleida Mais an, in diesem Frühjahr hat er auf 125 Hektar erstmals Gen-Sorten gepflanzt. Hohe, grüne Pflanzen Selbstbewusst steht er nun in der Mittagssonne vor hohen grünen Maispflanzen, und während der Pioneer-Vertreter Ojemberra neben ihm mit dem Taschenmesser immer wieder durch saftige Mais-Stängel fährt und pralle, gelbe Kolben aufschält, erzählt Niubo stolz von seinen Erfolgen. Seine BT-Mais-Felder bringen ihm zehn Prozent mehr Ertrag, sagt er, außerdem zahlten die Futtermittelhersteller für die gentechnisch veränderte Ernte auch noch 10 bis 15 Prozent mehr. Schließlich wird er ihnen damit keine schwarzen, schrumpligen Körner ins Lager kippen. "Das rentiert sich für uns Bauern", sagt er, "da muss ich nicht lange überlegen." Versuchsfeld Spanien Nächstes Jahr will Niubo nur noch Genmais pflanzen. Das treibt Juan-Felipe Carrasco die Zornesröte ins Gesicht. "Spanien ist ein riesiges Versuchsfeld geworden", schimpft der Gentechnik-Experte von Greenpeace in Barcelona, "und die Folgen sind unkalkulierbar". Die Regierung sei auf der Seite der Industrie und habe ein unkontrolliertes Experiment erlaubt, bei dem es nun seit sechs Jahren zu skandalösen Schlampereien komme. Die Experten sind sich einig, dass es für den Anbau von gentechnisch veränderten Sorten bestimmte Vorsichtsregeln geben muss, damit auch in Zukunft Bio-Bauern, konventionelle Landwirte und Gen-Anbauer zusammenleben. Wie genau diese Regeln aussehen sollen, weiß aber zur Zeit noch niemand so genau. Strenge Regeln Politiker und Wissenschaftler streiten in ganz Europa über die sogenannte "Koexistenz". EU-Kommissar Franz Fischler veröffentlichte im Juli in Brüssel erste Leitlinien dazu, überließ es aber den einzelnen Mitgliedsstaaten, die genauen Vorschriften zu entwickeln. Die deutsche Landwirtschaftsministerin Renate Künast will im neuen Gentechnik-Gesetz, das diesen November im Kabinett beraten werden soll, strenge Regeln für das Zusammenleben festschreiben. Zusammen mit einer Kollegin vom Umweltbündnis Friends of the Earth hat Carrasco im August einen Bericht über den neuen Mais in Spanien veröffentlicht, mit Graphiken, Bildern und Hintergrundinformationen zu den ökologischen Risiken. Geringer Widerstand bei den Bauern Doch die Resonanz bei den Bauern ist eher gering. Aktiven Widerstand leisten nur ganz wenige. Ein paar Gen-Felder wurden diesen Sommer von Umweltaktivisten zerstört. Und wenn zum Beispiel die Lobbyisten der Saatgutfirmen im verdunkelten Festsaal des Landguts El Castell del Remei in Lleida Dia-Vorträge über Gen-Mais halten, dann entrollen fünf, sechs Jungbauern feuerrote Transparente, auf die sie mit schwarzer Farbe "Gentechnik-freie Zone Katalonien" gemalt haben, und rufen: "Die Saatgut-Leute lügen uns alle an." Die Lobbyisten aber lassen sich davon nur kurz unterbrechen und berichten ungerührt weiter von den neuen Saaten. "Man kennt sich", sagt Alberto Ojembarrena, "das sind doch nur ein paar Verrückte." Die Risiken sind Theorie. Die meisten Bauern sehen zurzeit auf den Feldern nur die Vorteile des Gentech-Saaten. "Null GVO" Ihre Ernten liefern die meisten an Futtermittelhersteller, und die mischen die spanischen Körner mit den zwei Millionen Tonnen Futtermais zusammen, die sie jährlich in den USA und Argentinien einkaufen, und die enthalten längst GVOs. Die Lebensmittelhersteller allerdings sind streng geworden. "Null GVO" ist auch in Spanien das Motto der meisten Nahrungsmittelfirmen. Große europäische Handelsketten wie Carrefour, Auchan oder die Schweizer Migros verlangen von ihnen 100 Prozent genfreie Ware. Strenge Kontrollen Bei kleinsten Spuren von gentechnisch veränderten Organismen schicken sie Popcorn, Tortillas und Gemüsemais nach Spanien zurück. Firmen wie der Snackhersteller Liven aus Barcelona haben Lehrgeld gezahlt und inzwischen strenge Kontrollen eingeführt. Von den Lieferanten fordert er garantiert saubere Ware, doch die werden viele Landwirte bald nicht mehr versprechen können. Die spanische Regierung hat dieses Jahr zum ersten Mal Wissenschaftler damit beauftragt, das Zusammenleben von konventionellem und gentechnisch verändertem Mais zu studieren. Bei Ivrs d'Urgell in Lleida untersuchen Forscher nun den Gentransfer. Auf sieben Hektar haben sie konventionelle Sorten ausgesät, nur mittendrin steht ein Karo Gen-Mais, 50 mal 50 Meter raupenresistente Pflanzen. "Morgens kommt der Wind aus dem Westen, am Nachmittag vom Mittelmeer", sagt Enric Melé Grau, Biologe an der Universität Barcelona, "ob er die Gene zwei Meter weit trägt oder hundert, das wissen wir erst im Dezember". Die Spanier aber sind noch lange nicht soweit. Bislang machte die Regierung in Madrid den Bauern keinerlei Auflagen und überließ es den Saatgutfirmen, die Bauern in Packungsbeilagen über Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären. Syngenta, Pioneer und Co empfehlen den Bauern darin dringend, beim Anbau von Gen-Mais extra Vorsichtsmaßnahmen zu befolgen. Ein Viertel für den Maiszünsler In den bunten Broschüren zum Saatgut steht zum Beispiel, die Landwirte sollen ein GVO-Feld immer zu einem Viertel mit konventionellem Mais bepflanzen, damit sich die Maiszünsler daran sattfressen können, statt sich womöglich an den neuen BT-Mais zu gewöhnen. Außerdem sollen die Bauern auf die Nachbarn Rücksicht nehmen und Sicherheitsabstände zu konventionellen Feldern einplanen. Und das könnte ganz neue Probleme verursachen: Wenn bald durch Pollenflug in jedem Maisfeld Gen-Mais landet - ob erwünscht oder nicht. Gonzalo Niubo bereitet das Thema Koexistenz keine Sorgen. Die Vorsichtsmaßnahmen habe er als guter Bauer beachtet, sagt er, aber das mit dem Schutz vor Maiszünsler-Resistenz sei doch eine recht umständliche Sache. Große Skepsis "Zwei verschiedene Sorten auf einem Feld, das ist kompliziert beim Säen und beim Ernten ist es nochmal kompliziert. Da habe ich als Bauer doch kein Interesse dran." Die Saatguthersteller rechnen damit, dass sich zur Zeit nur 80 Prozent der spanischen Bauern an die Vorgaben halten. Agustin Mariné, Präsident des spanischen Maisbauernverbands AGPME, ist noch skeptischer. "Ich habe noch keinen Bauern gesehen, der sich viel um GVOs kümmert", räumt er am Feldrand neben Bauer Niubo ein. "Die behandeln das eine Saatgut wie das andere. Die passen doch da nicht auf." Niubo schweigt. "Das ist hier richtig schlimm", sagt Greenpeace-Mann Carrasco. "Aber die Regierung kümmert sich nicht weiter darum. Sie macht keine Kontrollen, gibt keine Informationen heraus. Eine Katastrophe." Unfälle in Navarra 2001 habe es in der Region Navarra zwei Unfälle gegeben. "Zwei Bio-Bauern haben ihren Mais nicht mehr als ökologische Ware verkaufen können, weil er von GVOs verunreinigt war. Aber niemand wollte schuld sein, niemand hat ihnen die Einbußen ersetzt." | In Spanien sollen 2000 Landwirte beweisen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen keinen Nachteil haben - das könnte sich rächen, warnen Umweltschützer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-um-gen-mais-die-versuchskaninchen-europas-1.903697 | Streit um Gen-Mais - Die Versuchskaninchen Europas | 00/05/2010 |
Bilanz zweier Politiker: Angela Merkel ist angesehen, wirtschaftspolitisch aber eher leistungsschwach - Edmund Stoiber dagegen brachte viel, wird aber bei seinem Abgang kritisch bewertet. Zwei deutsche Politiker haben in dieser Woche Rechenschaft über ihr Handeln abgelegt, das unterschiedlicher nicht sein könnte. In Berlin verabschiedete sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in die Sommerpause, was knapp zwei Jahre nach dem Start der Großen Koalition auch als Halbzeitbilanz gewertet werden konnte. In Bayern gab Landesregent Edmund Stoiber (CSU) nach 14 Jahren seine letzte Regierungserklärung ab. Seltsam genug: Die eine glänzt in Unverbindlichkeit und erntet Traumnoten, der andere hat eine pralle Bilanz vorzuweisen und wird doch heftig beschimpft - wie kann das sein? Ein Grund für die unterschiedliche Wahrnehmung liegt in der jeweiligen persönlichen Ausstrahlung. Nahezu sein ganzes politisches Leben kam der bayerische Karriere-Jurist Stoiber knochentrocken daher, zahlenbesessen und beckmesserisch. Erst im Ausklang seiner langen Regierungszeit, und auch dann nur gelegentlich und in besonders entspannter Atmosphäre, wurde der Administrator Stoiber auch zum Menschen. Dagegen hat sich die ostdeutsche Physikerin als unprätentiöse Moderatorin im politischen Diskurs profiliert und sticht aus dem Kreis ihrer eifernden männlichen Konkurrenten mit augenzwinkernder Souveränität heraus. Merkel versteht das politische Geschäft so gut wie Stoiber, kommt aber einfach authentischer rüber. Weil Wirtschaftspolitik nach dem viel zitierten Wort von Ludwig Erhard zu mindestens 50 Prozent Psychologie ist, sind Präsentation und Aura durchaus ein Pluspunkt in der wirtschaftspolitischen Bilanz der Kanzlerin. Vergnüglicher Aufschwung Weniger positiv zu Buche schlägt Merkel für den, der auf Inhalte achtet. Vom Glück begünstigt, die Kanzlerschaft zeitgleich mit dem Beginn eines kräftigen Aufschwungs antreten zu können, hat sie zielsicher nahezu jede Gelegenheit ausgelassen, den Bürgern weh zu tun; kein Wunder, dass ihre Umfragewerte jedes Maß sprengen. Merke: Wer nur bis zur nächsten Koalitionsrunde denkt, kommt in wirtschaftlich starken Zeiten angenehm entspannt über die Runden. Die meisten unangenehmen Dinge - Sozialkürzungen, Beitragserhöhungen, Hartz IV - hatte noch Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) durchdrücken müssen. Oder eben Edmund Stoiber. Der hat daheim in Bayern, weitsichtiger als viele andere Ministerpräsidenten, seit Jahren und gegen allen Protest auf einen ausgeglichenen Haushalt hinregiert und damit dem Freistaat Gestaltungsspielraum geschaffen. Dagegen Merkel: Auf ihrer wirtschaftspolitischen Habenseite stehen mit uneingeschränkt positiven Vorzeichen wenig mehr als die angesichts der Alterung der Gesellschaft sinnvolle Verschiebung des Renteneintrittsalters auf 67 sowie einige Maßnahmen zur Vereinbarung von Familie und Beruf. Schon die Mehrwertsteuererhöhung ist extrem ärgerlich, weil sie in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen nicht gebraucht wird. Die Unternehmensteuerreform bringt den Firmen zwar international wettbewerbsfähige Steuersätze, ist aber zum steuersystematischen Monster geraten; das unübersichtliche, ungerechte und ineffiziente Steuerrecht insgesamt bleibt eine schwärende Wunde. Die Gesundheitsreform, bei der die Kanzlerin als Ober-Sachbearbeiterin selbst Hand angelegt hatte, entpuppte sich rasch als Torso; im Herbst 2008 muss die Regierung erstmals einen einheitlichen Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung festlegen, für Millionen Bürger wird es dann ein teures Erwachen geben. Blick nach vorne Neue Projekte der Kanzlerin versprechen wenig Gutes: Dieselbe Angela Merkel, die vor der Bundestagswahl für große Reformen eintrat und noch in ihrer Regierungserklärung "mehr Freiheit wagen" wollte, entpuppt sich heute als begnadete Interventionistin: Staatliche Vorgaben bei der Mitarbeiterbeteiligung, ein Mindestlohn für alle Branchen, die sich nicht entziehen, Maßnahmen gegen staatlich beeinflusste Fonds aus dem Ausland - all das sind Maßnahmen, die die Rolle des Staates stärken und die Selbstgestaltungskräfte der Wirtschaft schwächen. Und Stoiber? Auch der CSU-Politiker hat den Staat als Wirtschaftssteuerer benutzt; Landespolitiker, die immer auch Standortförderer sein müssen, können nicht anders. Stoiber hat aber auch in die Zukunft investiert, hat um die Universitäten herum Firmenansiedlungen organisiert, sogenannte Cluster, zu den Zukunftsbranchen Luft- und Raumfahrt, Biotech oder Ernährung. Als er von der eigenen Partei gestürzt wurde, war er bereits dabei, bis 2020 weiterzuplanen. Kinderbetreuung, Bildung, Forschung, Klimaschutz und Infrastruktur - eine sehr ernsthafte Kommission unter dem Unternehmensberater Herbert Henzler hat sich in Stoibers Auftrag über Monate Gedanken gemacht über jene Maßnahmen, die auf Landesebene organisiert werden können. Merkels Beratergremien dagegen erschöpfen sich häufig im Unverbindlichen. Stoibers Agenda 2020 bekommt eine schlechte Presse, die sie nicht verdient hat. Der Mann solle doch endlich mit dem Regieren aufhören, heißt es, nun presse er seinen Nachfolger auch noch in ein Korsett, was ungehörig sei. Politisch-stilistisch mag das stimmen, in der Sache kann Bayern froh sein, dass Stoiber das Korsett schon hat schnüren lassen. Ähnlich müsste sich in Berlin Angela Merkel Gedanken über die Veränderung der großen Rahmenbedingungen machen, über das Steuersystem und die Sozialversicherungen, über Gentechnik und Energie, über Bildung und Forschung. Große Reformen müssen, wenn nicht jetzt, wann dann, konzipiert werden. Zieht der Aufschwung von dannen, ist es zu spät. | Bilanz zweier Politiker: Angela Merkel ist angesehen, wirtschaftspolitisch aber eher leistungsschwach - Edmund Stoiber dagegen brachte viel, wird aber bei seinem Abgang kritisch bewertet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bilanz-der-kanzlerin-was-angela-merkel-von-bayern-lernen-kann-1.917947 | Bilanz der Kanzlerin - Was Angela Merkel von Bayern lernen kann | 00/05/2010 |
Es ist 643 Gramm schwer und dunkel eingehüllt. Es hat 372 Seiten und zeigt auf dem Titel zwei lachende ältere Menschen. Es ist ein Buch über Europas größten Medienkonzern Bertelsmann und über den Eigentümer Reinhard Mohn und seine Frau Liz. Mehr ist es nicht. Dabei hat Die Mohns von Thomas Schuler im Vorfeld viele in dem ostwestfälischen Unternehmen bewegt, als sei eine jener Übernahmen zu befürchten, die andere - amerikanische - Medienriesen sonst so beschäftigt. Aber der Gütersloher Familienbetrieb ist nicht zu kaufen und musste sich lediglich einer journalistischen Fremd-Inspektion stellen. Bertelsmann glaubte an die Welt, wie man sie dort sah. Kosmos nach Maß Reinhard Mohn, 82, hat ein kompliziertes System geschaffen und darin die countervailing powers unentwegt definiert und positioniert: Seine sechs Kinder, die anderen Familienmitglieder, die Manager, die Mitarbeiter, die Aufsichtsräte. Ein Kosmos nach seinem Maß. Immer aber waren Verschiebungen möglich: "Das Tausendjährige Reich wollte ich damit nicht gründen", sagte er einmal. Im Ergebnis arbeiteten sie bei Bertelsmann noch etwas produktiver als anderswo. Und es wuchsen Mythen, wie sie um Patriarchen entstehen. "Es sieht ganz so aus, als sei Bertelsmann auf dem Weg, ein ganz normales Unternehmen in der Hand einer ganz normalen Familie zu werden", bilanziert die jetzt erschienene Mohn-Biografie - und lässt doch keine Schnurre aus um zu belegen, dass die Mohns eben keine ganz normale Familie sind. Als ein Grund dafür wird der unbändige Aufstiegswillen von Liz Mohn, 62, präsentiert, die mit 17 auf einem Betriebsfest den verheirateten Chef kennen lernte und später Kinder mit ihm bekam, die offiziell jedoch lange Zeit zu ihrer Ehe mit einem Bertelsmann-Mitarbeiter gehörten. Andreas Mohn, der jüngste Sohn, hat die Camouflage im Wall Street Journal publik gemacht; im Buch erfährt man, dass der Vater dem damals 20-Jährigen die Konzernspitze in Aussicht gestellt habe. Es bleibt beim Vagen; ausführlich wird die psychische Erkrankung des Filius referiert. Solche Fern-Analysen werden Reinhard Mohn, den verdienten Unternehmer und Sozialingenieur, nicht von den Beinen auf den Kopf stellen. Wer hätte gedacht, dass er zum Objekt von Klatschjournalismus taugt? Seine Frau Liz, die die Macht übernommen hat, lud am Dienstag Lokaljournalisten zum Hintergrundgespräch ins Privathaus; sie tat ihren Ärger über das Buch kund und kündigte zugleich an, nicht zu klagen. Sie selbst hat die private Vergangenheit in der Autobiografie Liebe öffnet die Herzen etwas verkürzt dargestellt - vermutlich im Konzerninteresse. Die Macht war geliehen Zum Aufstieg von Bertelsmann gehörten Legenden. Sie lauteten: Das Unternehmen gehört einer Stiftung, kein Einzelner hat Macht. Das Unternehmen leistet gesellschaftliche Beiträge. Es ist sozialer als andere. Die Eigentümerfamilie bleibt im Hintergrund, fremde Manager sind für die Führung besser geeignet. Mit 60 treten Vorstände ab. Was zählt, ist Kontinuität. Im Zweiten Weltkrieg hat Bertelsmann den Nazis widerstanden. In Wahrheit ist in Gütersloh schon immer nichts ohne Reinhard Mohn gelaufen, jenen Mann, der das 1835 gegründete Unternehmen nach dem Krieg wieder aufbaute und aggressiv die Idee vom Buchclub in die Wohnzimmerregale drückte. Mohn behielt immer die Kontrolle über die Stimmrechte ("Die Hauptversammlung bin ich"). Zwar durften sich die Manager wie Unternehmer fühlen, Anteile aber - die wirkliche Währung - erhielten sie wohlweislich nicht. Manfred Köhnlechner, Manfred Fischer, Mark Wössner, Thomas Middelhoff, Gerd Schulte-Hillen: Die Liste jener Firmenchefs, die sich in den Stricken des Mohn'schen Systems verfingen, ist lang. Ihre Macht war bloß geliehen. Mit den Legenden des Hauses lebte Reinhard Mohn besser als sie; es gehört zu den dunkleren Seiten des Konzerns, dass in seinem Auftrag eine unabhängige Historikerkommission erforschte, wie sehr die Firma im Dritten Reich mit den Nazis - geschäftsfördernd - gekungelt hat. Es war auch hier: kalte Liebe zum Wachstum. Öffentlich wurde Bertelsmann geliebt. "Unternehmenskultur positiv abgestrahlt", notierte die Pressestelle 1998 nach der Feier zum 75. Geburtstag Mohns in einem Memo. Der Konzern profitierte vom Dunkelmann-Image des Rivalen Leo Kirch, der eifrig für Kultur-Institutionen spendete, darüber aber nie sprach. Der TV-Eroberer war unsichtbar wie der Unternehmer Mohn, fiel aber mit Tricks auf. Vorstandschef Wössner redete gern über Leo Kirch. Nachfolger Middelhoff redete lieber über Bill Clinton. Und heute reden sie in der Carl-Bertelsmann-Straße am liebsten über Cashflow. Der Konzern verlegt Zeitschriften (Stern), betreibt Fernsehen (RTL), macht Bücher (Random House), bietet Musik (BMG), hat Servicebetriebe (Arvato). Der 2002 geschasste Middelhoff wollte mit Börsengeld die US-Multis überholen und hatte insofern Erfolg, als dass der im Zuge von RTL-Transaktionen gewonnene Bertelsmann-Miteigner Albert Frère seinen Anteil von 25 Prozent im nächsten Jahr an der Börse platzieren kann, was noch für Aufregung sorgen wird. Und Reinhard Mohn? Er geht noch immer mittags in die Konzernkantine. Seine 60er Altersregel ist mit dem amtierenden Vorstandschef Gunter Thielen, 61, aufgehoben. Der Manager sorgt für gute Geschäftszahlen - wie ehedem öffnet in Gütersloh auch eine gute Rendite die Herzen. Und dann ist da also noch ein Buch erschienen. "Szenen aus einem Privatleben", titelt das Westfalen-Blatt: "Man kann es glauben - oder auch nicht." Die Glocke begreift nicht, warum derart in die Privatsphäre eingedrungen wird: "Autor lässt nur eine Frage offen." Die Neue Westfälische schlagzeilt: "Liz Mohn hat es nicht gelesen." Wenigstens dabei wird es bleiben. | Reinhard Mohn schuf das System Bertelsmann — und wurde dahinter unsichtbar. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bertelsmann-last-der-legende-1.899817 | Bertelsmann - Last der Legende | 00/05/2010 |
Die Ideen der Dohnanyi-Kommission helfen Ostdeutschland nicht — das Problem ist der Westen. Ein Kommentar von Ulrich Schäfer. Es gehört zu den Lebenslügen dieser Republik, dass mit dem Fall der Mauer auch die ostdeutsche Planwirtschaft völlig zusammengebrochen sei. In Wahrheit lebt die Planwirtschaft, wenn auch in abgeschwächter Form, noch fort. Der Glaube an Planbarkeit ist das Problem Die volkseigenen Betriebe sind verschwunden — doch an ihre Stelle sind volkseigene Subventionen getreten. Die Fünf-Jahres-Pläne, mit denen Honecker und Co. die DDR auf Weltniveau heben wollten, wurden abgeschafft — stattdessen reicht der Solidarpakt II nun sogar bis ins Jahr 2019. Und die Kombinate? Sie wurden durch von der Politik festgelegte Wachstums- und Industriekerne ersetzt. Korruptionsfälle statt "blühender Landschaften" Gewiss: Man kann diese Sicht des Aufbaus Ost als überspitzt oder gar zynisch bezeichnen. Doch tatsächlich ist der Glaube an einen planbaren Aufschwung Ost das eigentliche Problem. Schon Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, hat den Menschen an Elbe und Oder "blühende Landschaften" versprochen — heraus kamen Korruptionsfälle wie Leuna oder Pleiten wie bei der Vulkan-Werft. Gerhard Schröder erklärte dann 1998 den Aufbau Ost in seiner Regierungserklärung zur "Chefsache", die Regierung werde Kompetenzen bündeln, Lösungen entwickeln und diese zügig umsetzen. Keine Hilfe vom "Gesprächskreis Ost" Doch seither hat sich die Kluft zum Westen und auch die Zahl der staatlich geförderten Konkurse weiter vergrößert. Insofern helfen die Vorschläge, die der von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement eingesetzte "Gesprächskreis Ost" vorgelegt hat, nicht weiter. Die Expertengruppe unter Führung von Klaus von Dohnanyi rät dazu, die Subventionen auf die Wachstumskerne zu konzentrieren — also letztlich einigen noch mehr zu geben. Aufbau Deutschland statt Aufbau Ost Sie will auch Geringverdienern staatliche Zuschüsse zum Lohn geben, damit deren Arbeit sich wieder lohnt. Und ein Sonderbeauftragter, eine Art Planungsminister Ost, soll darüber wachen, wie all das Geld verteilt wird. Tatsächlich ist die Zeit, in der sich die Probleme der neuen Länder isoliert lösen ließen, vorbei. An die Stelle des Aufbaus Ost müsste nach drei Jahren der Stagnation der Aufbau Deutschland treten. Denn warum sollen allein die neuen Länder zum Experimentierfeld für weniger Bürokratie werden, wenn die alten Länder genauso darunter leiden? Warum soll nur das Arbeitsrecht Ost flexibler werden, wenn dies auch im Westen das Entstehen von Jobs hemmt? Last des Westens Und zudem: Wer nur auf die 1250 Milliarden Euro aus dem Westen starrt, die der Osten seit 1990 verschlungen hat, macht es sich zu einfach, denn nur ein Siebtel floss in die Wirtschaft. Der größte Teil hat hingegen damit zu tun, dass dem Osten vor 14 Jahren ohne Zögern die westdeutschen Sozialsysteme übergestülpt wurden. Der Osten, hieß es immer, sei zur Last des Westens geworden. Man kann es aber auch so sehen: Nur wenn der Westen wieder wächst, kann er sich den Osten leisten und ihn stützen. Der Chefsache-Ost-Kanzler sollte daher fragen: Welche Reformen bringen Deutschland voran? Und nicht: Was bringt den Osten voran? | Die Ideen der Dohnanyi-Kommission helfen Ostdeutschland nicht — das Problem ist der Westen. Ein Kommentar von Ulrich Schäfer. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aufschwung-ost-die-planwirtschaft-lebt-1.906147 | Aufschwung Ost - Die Planwirtschaft lebt | 00/05/2010 |
Die Verhandlungen der Bahn mit Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust über ein verstärktes Engagement des Staatsunternehmens in der Hansestadt sind weiter gediehen als bislang bekannt. Kanzlerin Merkel und Verkehrsminister Tiefensee sollen bereits seit Wochen informiert sein. Wie unternehmensnahe Kreise gegenüber der Berliner Zeitung bestätigten, bot Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) der Bahn für den Fall der vollständigen Verlagerung ihrer Zentrale von Berlin nach Hamburg an, stufenweise Mehrheitsbeteiligungen sowohl an der landeseigenen Hafen- und Logistik AG (HHLA) als auch an der Hamburger Hochbahn AG (HHA) zu übernehmen. Detailansicht öffnen Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust sitzt in Hamburg in einem Zug der Bahn. (Foto: Foto: dpa) Unterdessen regt sich Kritik an der Vorgehensweise der Beteiligten. Experten monieren die direkte Vergabe der Unternehmen. Bevor die Hansestadt mit der Bahn einig werde, müsste sie sowohl HHLA als auch HHA öffentlich ausschreiben. "Die öffentliche Hand ist gezwungen, bestimmte Verfahrensregeln einzuhalten. Dazu gehören Transparenz und die Nichtdiskriminierung möglicher anderer Interessenten", sagte Jan Endler, Partner der Kanzlei Linklaters gegenüber der Financial Times Deutschland. Ausnahmen von diesem Grundsatz müssten "ausführlich begründet werden". Wettbewerber gibt es bereits: Der Bahn-Konkurrent Connex käme als weiterer Interessent in Frage. Kritik an Wowereit Von Beust und der Hamburger Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) übten Kritik an der Haltung des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit im Standortstreit um die Bahn-Zentrale. Peiner sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Senat und Bahn hätten die Eckdaten für den Kauf schon verabredet. "Wir stehen kurz vor einem 'Letter of Intent'", betonte er. Es seien nur noch die für eine langfristige Zusammenarbeit wichtigen Bedingungen auszuarbeiten. Wowereits Aufforderung an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), sich die Pläne von Bahnchef Hartmut Mehdorn nicht gefallen zu lassen und gegen die Verlagerung des bundeseigenen Unternehmens von der Hauptstadt nach Hamburg einzuschreiten, nannte der Finanzsenator Ausdruck des Denkens von SPD und PDS in Berlin, "ausschließlich auf politische Beziehungen und Mitleid zu setzen". Das dürfe nicht "Parameter der Wirtschaftspolitik in Deutschland werden", meinte Peiner. Es gehe "um nichts weniger als die Privatisierungsfähigkeit der Bahn. Unauffälliger Personalabbau Der verkehrspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag und Landeschef der Hamburger CDU, Dirk Fischer, sagte der "Berliner Zeitung", wo die Bahn ihre Zentrale habe und ihre Mitarbeiter einsetze, sei "allein Sache des Unternehmens." Von Beust riet seinem Kollegen Wowerweit im "Hamburger Abendblatt" zur "Mäßigung". Hamburg sei "auch nicht Amok gelaufen, als der HEW-Eigner Vattenfall mit seiner Zentrale nach Berlin ging und als uns Berlin Universal abgezogen hat. Im Gegenteil: Hamburg hat sich da ausgesprochen fair verhalten, und ich denke, das können wir auch erwarten". Nach Informationen des Abendblattes waren Merkel und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bereits seit Wochen in die Pläne eingeweiht. Der Bahnvorstand habe Mehdorns Vorhaben ohne Gegenstimmen gebilligt. Bahn-Aufsichtsratschef Werner Müller sei ebenfalls informiert worden, berichtet die Zeitung weiter. Hochbahn-Chef soll in Bahn-Vorstand aufrücken Sollte das Geschäft zu Stande kommen, wird laut Berliner Zeitung der Vorstandschef der Hamburger Hochbahn, Günter Elste, in den Bahn-Vorstand aufrücken. Elste zählt zu den einflussreichsten SPD-Politikern der Hansestadt und hat sich als Präsident des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen in der Vergangenheit wiederholt für eine verbesserte Finanzausstattung der Nahverkehrsunternehmen wie auch der Bahn stark gemacht. Der Bahn-Vorstand muss demnächst ohnehin ein Umzugskonzept beschließen, weil der Mietvertrag für den bisherigen Sitz im Bahn-Tower am Potsdamer Platz in Berlin im Jahr 2010 ausläuft. Weil hier die Mieten extrem hoch sind, favorisierte die Bahn bislang einen Umzug an den neuen Lehrter Bahnhof. Bei einer Verlagerung des Konzerns nach Hamburg könnte der von Mehdorn angestrebte Personalabbau in der Zentrale um knapp 400 der bislang 850 Stellen halbwegs geräuschlos abzgewickelt werden. Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums hatte am Sonntag mitgeteilt, das Bundeskabinett werde sich am Dienstag mit einem möglichen Umzug der Deutsche-Bahn Zentrale von Berlin nach Hamburg befassen. Davor werde es noch Gespräche zwischen der Bundesregierung und der Bahn geben. | Die Verhandlungen der Bahn mit Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust über ein verstärktes Engagement des Staatsunternehmens in der Hansestadt sind weiter gediehen als bislang bekannt. Kanzlerin Merkel und Verkehrsminister Tiefensee sollen bereits seit Wochen informiert sein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/von-berlin-nach-hamburg-umzug-der-bahn-zentrale-von-langer-hand-geplant-1.907777 | Von Berlin nach Hamburg - Umzug der Bahn-Zentrale von langer Hand geplant | 00/05/2010 |
Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" treiben mehrere Länder eine tief greifende Reform des Europäischen Patentamtes voran. Ziel der Initiative: Die Behörde soll Aufgaben an nationale Ämter abgeben. Während EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy in Brüssel die Harmonisierung des Patentrechts vorantreibt, droht dem EPA, dem Exekutivorgan der Europäischen Patentorganisation (EPO), eine entscheidende Schwächung: Unter der Führung von Finnland, Österreich, Schweden, Ungarn, Dänemark und Spanien forcieren mehrere EPO-Mitglieder ein brisantes Reformvorhaben. Detailansicht öffnen Europäisches Patentamt in München (Foto: Foto: AP) Wie aus internen Protokollen des Verwaltungsrates des Europäischen Patentamtes und aus Strategiepapieren von Länderdelegationen hervorgeht, fordern sie die Rückverlagerung von Aufgaben an nationale Patentämter. Damit könnte das zentralisierte System in seine nationalen Bestandteile zerfallen. Im Europäischen Patentamt selbst löst die bislang hinter verschlossenen Türen ausgetragene Diskussion heftigen Wirbel aus. Mitverdienen an den Einnahmen "Wenn sich die Nationalisierer durchsetzen, droht eine Entmachtung bis hin zum Ende des Europäischen Patentamtes in seiner jetzigen Form", warnt eine Führungskraft. "Das Patentwesen würde in die Zeiten der Kleinstaaterei zurückfallen. Dem Gedanken der Vereinfachung widerspricht das entschieden." Um die Zukunft des Europäischen Patentamtes sei im EPA-Verwaltungsrat eine Strategiedebatte entbrannt, bestätigt dessen Präsident, Roland Grossenbacher, der SZ. Längst geht es dabei nicht mehr um eine Minderheit von Aufrührern. Die Hälfte der 31 Delegationen von Mitgliedsstaaten der Europäischen Patentorganisation strebten eine gewichtigere Rolle ihrer nationalen Behörden an, so Grossenbacher, der auch Chef des Schweizer Patentamtes ist. Bereits im Dezember bekam die Amtsführung per Mehrheitsbeschluss auf einer dramatischen Verwaltungsratssitzung den Auftrag zu prüfen, wie eine Verlagerung von Arbeiten an nationale Patentämter realisiert werden könne - und muss seither die eigene Demontage ausloten. Begleitet von Protesten der Beschäftigten, konnten sich die zerstrittenen Lager auf einer außerordentlichen Sitzung im März jedoch nicht auf eine Linie einigen. Nun wird die Zukunft der europäischen Patentbehörde Thema der nächsten Sitzung im Juni sein. Die Bundesregierung missbilligt den Vorstoß. "Deutschland gehört zu den Staaten, die das Kerngeschäft der Patentprüfung und -erteilung vollumfänglich beim EPA belassen wollen. Dafür sprechen sowohl rechtliche, als auch wirschafts- und forschungspolitische Erwägungen", heißt es in einer Stellungnahme der Regierung. Sie trage mit dieser Position auch den Befürchtungen der europäischen Wirtschaft Rechnung, dass eine Dezentralisierung zu Qualitätseinbußen für die Patentanmelder führen könnte. Europa brauche im internationalen Wettbewerb eine starke zentrale Patentinstanz. Unterstützt wird diese Haltung unter anderem von Frankreich, Italien und Belgien. Die Bundesregierung will sich im Verwaltungsrat nun "mit allem Nachdruck für den Erhalt des EPA als starke europäische Zentralinstanz im Patentbereich einsetzen". Nur eine diplomatische Konferenz könne überhaupt über Auslagerungen entscheiden, heißt es aus der italienischen Delegation verärgert. Ein rasches Ende des Streits ist nicht in Sicht. Zu groß sind nationale Begehrlichkeiten. 2004 nahm das Europäische Patentamt aus der Erteilung von 60.000 Patenten und den Jahresgebühren eine Milliarde Euro ein, Tendenz steigend. Manche Regierung hätte gerne ein größeres Stück vom Kuchen. Zudem gelten Patentämter als Bestandteil der Technologieförderung. "Alle wollen ihre nationale Expertise aufrecht erhalten", sagt der Chef einer nationalen Behörde. Die große Zahl europäischer Patentanmeldungen sorge jedoch dafür, dass nationale Ämter kaum ausgelastet seien. Aufgaben des EPA kämen da wie gerufen. "Da drohen große Probleme" Der Vorstoß könnte in Europa zu einem Wettbewerb um Auslastung und Patentanmeldungen führen, warnen Experten - mit Folgen für die Qualität. Europäische Standards dürften nationalen Zielen nicht geopfert werden, fordert die Patent Documentation Group, ein Zusammenschluss von 39 forschungslastigen Unternehmen, in einem Brandbrief an den Verwaltungsrat. Auch der europäische Industrieverband Unice, dem der Bundesverband der Deutschen Industrie angehört, teilt die Sorge und warnt vor einem Qualitätsverlust. "Wie sollen winzige nationale Ämter in die Prüfung hochspezialisierter Patente einbezogen werden?", fragt der Leiter einer Ratsdelegation. "Da drohen große Probleme." Kritiker hinterfragen inzwischen gar, ob Patente bei der Verlagerung wesentlicher Prüfschritte juristisch überhaupt haltbar seien. "Die juristische Machbarkeit ist umstritten", sagt Ratsvorsitzender Grossenbacher. "Mit dem Beitritt zur EPO haben die Vertragsstaaten Souveränitätsrechte an diese, und nur an diese abgetreten. Deshalb darf jeder von ihnen auch erwarten, dass alle wesentlichen Verfahrensschritte der Patentprüfung vom EPA durchgeführt werden." | Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" treiben mehrere Länder eine tief greifende Reform des Europäischen Patentamtes voran. Ziel der Initiative: Die Behörde soll Aufgaben an nationale Ämter abgeben. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-um-die-behoerde-dem-europaeischen-patentamt-droht-entmachtung-1.907715 | Streit um die Behörde - Dem Europäischen Patentamt droht Entmachtung | 00/05/2010 |
Im stagnierenden Markt für Lebensmitteldiscounter setzen sich die Branchenführer Aldi und Lidl immer mehr von der Konkurrenz ab. Plus will mit einem neuen Partner nun dagegen halten. Bis Weihnachten will die Tengelmann-Gruppe eine Lösung für ihre Discount-Tochter Plus gefunden haben. Der Billiganbieter ist mit 2900 Filialen in Deutschland die Nummer drei hinter Aldi und Lidl. Europaweit umfasst das Ladennetz knapp 4200 Standorte. Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub will vor allem das deutsche Geschäft von Plus in einer Partnerschaft mit einem anderen Lebensmittelhändler einbringen, "weil der Markt nicht mehr wächst und der Abstand zu den beiden führenden Unternehmen immer größer wird". Bereit, die Mehrheit abzugeben Dabei ist das Familienunternehmen, das mit den Supermärkten von Kaiser's/Tengelmann, der Baumarktkette Obi und dem Textildiscounter Kik weitere Standbeine im Einzelhandel besitzt, bereit, die Mehrheit an Plus abzugeben. Nicht geplant sei dagegen, die Kette Plus komplett zu verkaufen, betonte Haub am Mittwoch bei der Vorlage der Bilanz für das Geschäftsjahr 2006/07 (30.4.). Als Favoriten für ein Bündnis mit dem Billiganbieter gelten in der Branche Rewe und Edeka, die mit ihren Töchtern Penny beziehungsweise Netto ebenfalls im Discountgeschäft aktiv sind. "Viel Gesprächsbedarf" Über eine Partnerschaft mit Plus böte sich beiden Unternehmen die Chance, dem Branchenzweiten Lidl näher zu rücken. Mit wem Tengelmann verhandelt, wollte Haub nicht sagen. "Es gibt noch sehr viel Gesprächsbedarf. Entschieden ist noch nichts", betonte er jedoch. Nicht ausgeschlossen sei, dass die Gespräche scheitern. Dann werde Tengelmann Plus allein weiterführen und lediglich im Ausland "einige Bereinigungen" vornehmen. Ein Kernpunkt in den Verhandlungen ist offensichtlich die Vereinbarung einer Einkaufskooperation, die Tengelmann für seine mit 703 Märkten und 2,5 Milliarden Euro Umsatz vergleichsweise kleine Supermarktsparte sucht. Im Verbund mit Rewe oder Edeka könnte das Familienunternehmen für seine Kaiser's- und Tengelmann-Märkte bei den Lieferanten sehr viel günstigere Preise aushandeln. "Da haben wir Nachholbedarf. Denn wir haben nicht die besten Einkaufskonditionen", so Haub. Mögliche Filialschließungen Auch die Frage, wie viele Filialen im Falle einer Partnerschaft beispielsweise mit Rewe oder Edeka geschlossen werden müssten, spielt in den Verhandlungen eine Rolle. Haub: "Ein Abbau von Mitarbeitern im großen Stil kommt für uns nicht in Frage." Auch die in den vergangenen Jahren mit hohem Aufwand aufpolierte Marke Plus soll nach seinen Vorstellungen nicht untergehen. Erste Gespräche mit dem Kartellamt habe es bereits gegeben. Die Wettbewerbshüter hätten grundsätzlich keine Bedenken gegen ein Bündnis von Plus mit einem anderen Lebensmittelhändler geäußert. "Keine Not", sich von Plus zu trennen Der Tengelmann-Chef betonte, dass es "keine Not" gebe, sich von Plus zu trennen. Der Discounter werde 2007/08 wieder einen Überschuss erwirtschaften. Im vorigen Jahr hatte der Billiganbieter mit einem nicht bezifferten Verlust abgeschlossen. Der Grund war Haub zufolge ein Umsatzeinbruch im Geschäft mit Nicht-Lebensmitteln von etwa 20 Prozent. Die Probleme bei Plus waren jedoch nicht der einzige Grund, weshalb das 140. Geschäftsjahr in der Mülheimer Firmenzentrale keinen Jubel auslöste. Zwar zog der Umsatz in der gesamten Gruppe - begünstigt durch zahlreiche neu eröffnete Geschäfte - um 1,7 Prozent auf 24,5 Milliarden Euro an. Im Zuge der Sanierung der US-Tochter A&P gab das Unternehmen aber zahlreiche Märkte auf. Das führte zu hohen Wertberichtigungen und einem Verlust bei A & P. Rückgang im Europageschäft Im Europageschäft musste Tengelmann einen Rückgang des Betriebsergebnisses um 15 Prozent auf 393 Millionen Euro hinnehmen. Neben Plus waren dafür die Supermärkte von Kaiser's Tengelmann verantwortlich, die mit einem "geringen Verlust" abschlossen. Die Baumarkt-Tochter Obi setzte sich im vergangenen Jahr mit einem Umsatzplus von 9,3 Prozent zwar deutlich von den Mitbewerbern ab. Zurzeit kann sich der Branchenführer der schwierigen Situation im Geschäft mit Heimwerkerartikeln aber nicht entziehen. Haub berichtet von bis zu zweistelligen Umsatzeinbrüchen in den deutschen Märkten. Den Grund dafür sieht er in der schwachen Wohnungsbaukonjunktur: Seit Jahresbeginn seien die Genehmigungen im Ein- und Zweifamilienhausbau um 50 Prozent zurückgegangen; im Wohnungsbau betrage das Minus 20 Prozent. Textildiscounter Kik auf Wachstumskurs Ungebremst auf Wachstumskurs befindet sich dagegen der Textildiscounter Kik. Das Unternehmen hat sein deutsches Filialnetz im vergangenen Jahr um mehr als 200 auf 2039 Läden erweitert und sucht weitere Standorte. Haub sieht ein Potential für mehr als 3000 Geschäfte. Zudem treibt Kik die Expansion im Ausland voran. Nach Österreich ist das Unternehmen seit kurzem auch in Tschechien und Slowenien vertreten. | Im stagnierenden Markt für Lebensmitteldiscounter setzen sich die Branchenführer Aldi und Lidl immer mehr von der Konkurrenz ab. Plus will mit einem neuen Partner nun dagegen halten. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lebensmittelhandel-plus-will-zum-discount-riesen-aufsteigen-1.890558 | Lebensmittelhandel - Plus will zum Discount-Riesen aufsteigen | 00/05/2010 |
Der Haushalt 2006 bricht erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik das Grundgesetz, weil die Neuverschuldung höher als die Investitionen sind. Die Opposition will daher vor dem Bundesverfassungsgericht klagen und stößt damit bei Steinbrück auf wenig Verständnis. Dass der Haushalt 2006 mit seiner geplanten Neuverschuldung gegen die Regelgrenzen aus dem Grundgesetz verstößt, sei "kein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik", sagte Peer Steinbrück der Berliner Zeitung. Detailansicht öffnen Sieht sich einer desolaten Haushaltslage gegenüber - Finanzminister Peer Steinbrück. (Foto: Foto: dpa) "Wir werden das begründen mit dem, was die Verfassung vorsieht: Der Abwehr eines gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichts." Die Kritik von FDP und Grünen wies er zurück. "Wenn Herr Solms statt meiner Finanzminister wäre, unterläge er genau denselben Zwängen wie ich", sagte Steinbrück. "Deswegen ist in der Kritik viel Unaufrichtiges dabei." SPD und Union hatten nach der Einigung auf ein gemeinsames Regierungsbündnis am Wochenende angekündigt, bewusst eine zu hohe Neuverschuldung einzugehen und damit keinen verfassungskonformen Bundesetat für 2006 vorlegen zu wollen. Sie wollen so die Konjunktur ankurbeln. Die neue Bundesregierung will 2006 einen Haushalt vorlegen, der 41 Milliarden Euro Neuverschuldung und nur 23 Milliarden Investitionen vorsieht. Laut Grundgesetz dürfen die Kredite jedoch die Summe der Investitionen nicht übersteigen. Nur im Ausnahmefall einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts ist eine höhere Neuverschuldung zulässig, aber auch das nur unter bestimmten Bedingungen. Die drei kleinen Oppositionsparteien FDP, Grüne und Linkspartei erwägen daher eine Verfassungsklage gegen den Haushaltsentwurf. Die Voraussetzungen dafür sind zahlenmäßig jedoch nicht gegeben: Die Klage muss von mindestens einem Drittel der Mitglieder des Bundestages gestellt werden. Die drei Oppositionsparteien kommen zusammen auf 166 von 614 Abgeordneten, für eine Klage notwendig wären 205 Parlamentarier. "Arroganz der Macht" FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sagte der Nachrichtenagentur dpa, die FDP prüfe auch individuelle Verfassungsbeschwerden. Die FDP spreche zudem mit den anderen Fraktionen, um die rechtlichen Voraussetzungen für Klagen von Oppositionsfraktionen auch bei einer Zwei-Drittel-Mehrheit der Regierung zu verbessern. FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt sieht rechtliche Schritte allenfalls nach Verabschiedung des Etats 2006. Dies wird wahrscheinlich frühestens im Mai sein. Auch die Vorsitzenden der Linkspartei-Fraktion, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, erklärten, die Finanzpolitik von Union und SPD sei nicht hinnehmbar. Grünen-Chef Reinhard Bütikofer warnte vor einem "sehr laxen Umgang mit der Verfassung", den man nicht akzeptieren könne. Bütikofer sprach von "Arroganz der Macht" bei Union und SPD. Die designierte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte bei Vorstellung des Koalitionsvertrages erklärt: "Wir sagen ganz ehrlich, und das hat es so noch nicht gegeben in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, dass wir 2006 keinen verfassungskonformen Haushalt vorlegen können." "Einmaliger Haushalt" Die Koalition habe sich entschieden, die Veräußerung restlicher Vermögenswerte und entsprechende Erlöse daraus auf die Folgejahre zu verteilen und nicht komplett 2006 zu veräußern. Auch sollten 2006 keinesfalls Sparmaßnahmen ergriffen werden, die erkennbar einen Wirtschaftsaufschwung behindern würden. "Hätten wir einfach die Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts angenommen, hätten wir ganz andere Maßnahmen treffen müssen, die nach unserer Überzeugung nicht zu einem wirtschaftlichen Aufschwung geführt hätten", hatte Merkel gesagt. Nach den Worten von CSU-Chef Edmund Stoiber war lange darüber diskutiert worden, ob der Haushalt mit der Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts begründet werde. "Wir haben das nicht getan, weil wir deutlich machen wollen - auch mit diesem einmaligen Haushalt - in welcher Situation wir uns befinden." Der künftige Vizekanzler Franz Müntefering hatte auf die Frage, ob das Vorgehen mit der Störung des Gleichgewichts begründet werde, geantwortet: "Wir begründen das nicht damit." | Der Haushalt 2006 bricht erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik das Grundgesetz, weil die Neuverschuldung höher als die Investitionen sind. Die Opposition will daher vor dem Bundesverfassungsgericht klagen und stößt damit bei Steinbrück auf wenig Verständnis. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/drohende-verfassungsklage-steinbrueck-verteidigt-haushaltsplaene-der-koalition-1.901777 | Drohende Verfassungsklage - Steinbrück verteidigt Haushaltspläne der Koalition | 00/05/2010 |
Noch kurz vor seinem Amtsantritt fing der neue kanadische Premierminister Paul Martin das Kompliment eines Rockstars ein. Bono, Sänger der berühmten Rockgruppe U2, erklärte, Martin sei "ganz schön cool". Der Grund: Der 65 Jahre alte Politiker hatte künftig mehr Finanzhilfe für die Notleidenden in Afrika versprochen. Der global engagierte Rockstar zeigte sich beeindruckt. Für die Kanadier allerdings sind solche Versprechen ungewohnt: Sie kennen Paul Martin bislang als unerbittlichen, aber erfolgreichen Finanzminister der liberalen Regierung. In wenigen Jahren baute er ein Staatsdefizit von umgerechnet 27 Milliarden Euro ab. Jetzt, da der gläubige Katholik mit irischen Vorfahren die Nachfolge von Premierminister Jean Chrétien antritt, fragen sich viele: Wer ist Paul Martin wirklich? Reicher Mann Vor seinem Eintritt in die Politik im Jahre 1988 hatte er als Geschäftsmann Karriere gemacht und war dabei zum mehrfachen Millionär geworden. Beim kanadischen Konzern Power Corp. fungierte er als Vizepräsident und knüpfte dort Kontakte zu den mächtigsten Managern des Landes. Als der Konzern 1981 ein großes Schiffsunternehmen loswerden wollte, erwarb Martin die Firma und sanierte sie. Insgesamt 22 Jahre lang war er ein stahlharter Manager. Doch er nimmt für sich in Anspruch, auch eine soziale Ader zu besitzen. Und womöglich steckt ihm das in den Genen: Den größten Einfluss auf das Leben des neuen Regierungschefs hatte nämlich sein Vater, Paul Martin Senior, der 23 Jahre lang Minister in drei Regierungen gewesen war. Ihm haben die Kanadier wichtige soziale Reformen zu verdanken. Zunächst vergeblicher Kampf Der Senior hatte zu Lebzeiten mehrere Male vergeblich um das Amt des Parteichefs der Liberalen gekämpft. Sein Sohn erreichte dieses Ziel im November 2003. Vater und Sohn teilen nicht nur den Namen: Beide haben auch zuerst Philosophie studiert, sind dann aber Juristen geworden. Sie standen sich sehr nahe und demonstrierten ihre herzliche Beziehung auch öffentlich. Verbunden haben mag sie auch eine schwere Krankheit, die Paul Martin als Achtjähriger überlebte. Das politische Engagement seines Sohnes in der Jugend war allerdings nicht immer zum Wohlgefallen des Vaters - so zum Beispiel, als er einmal Steine gegen die sowjetische Botschaft in Ottawa schleuderte. Nach dem Studium wollte er sich zunächst in internationalen Hilfsorganisationen für die Dritte Welt einsetzen. Ende mit Schrecken Doch ein väterlicher Freund riet ihm zum Einstieg in die Privatwirtschaft, von der Martin viel später nur ungern Abschied nahm. Erst im August 2003, als er Premierminister werden wollte, übergab er die Firma an seine drei Söhne. Martins Ära als Finanzminister von 1993 bis 2002 hatte mit einem Eklat geendet: Der impulsive Minister zerstritt sich mit Chrétien und schied aus der Regierung aus. Jetzt will Paul Martin sein Land fundamental verändern und sich um ein besseres Verhältnis zu den USA bemühen. Die Kanadier aber wissen noch nicht, wer sie regieren wird: der soziale Reformer oder der konservative Geschäftsmann. | Noch kurz vor seinem Amtsantritt fing der neue kanadische Premierminister Paul Martin das Kompliment eines Rockstars ein. Bono, Sänger der berühmten Rockgruppe U2, erklärte, Martin sei "ganz schön cool". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/im-profil-paul-martin-kanadischer-premier-mit-management-erfahrung-1.902521 | Im Profil: Paul Martin - Kanadischer Premier mit Management-Erfahrung | 00/05/2010 |
Nur acht Prozent der etwa 26 Millionen sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer sind in irgendeiner Form an ihrem Unternehmen beteiligt. In Deutschland gibt es nur 3750 Betriebe, die ihren Mitarbeitern entsprechende Angebote machen - das ist ein Promille der drei Millionen deutschen Unternehmen, heißt es in einer Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP) und der Unternehmensberatung A.T. Kearney, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. "In Großbritannien und Frankreich liegen die Anteile deutlich darüber", sagte Heinrich Beyer, Geschäftsführer der AGP. Die AGP bemüht sich seit Jahren um die Förderung der betrieblichen Partnerschaft und um die stärkere Beteiligung von Arbeitnehmern am Unternehmenserfolg. Davon unabhängig zeigt auch eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dass gesetzliche Verpflichtungen und steuerliche Anreize für Betriebe, die ihre Mitarbeiter am Erfolg beteiligen, in vielen Ländern zu einer größeren Verbreitung der Beteiligungsmodelle geführt haben als in Deutschland. Engagement treibt Umsatz Dabei profitieren die Firmen durch steigende Umsätze und Gewinne, wenn sie ihre Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen, lautet ein Ergebnis von AGP und A.T. Kearney, die überwiegend mittelständische Firmen befragt haben. Bei der Befragung, die von 2004 bis 2006 lief, kam heraus, dass das durchschnittliche Umsatzwachstum über den entsprechenden Vergleichswerten lag. "Während das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland im Befragungszeitraum um fünf Prozent gestiegen ist, legte der Umsatz bei den befragten Firmen durchschnittlich um 27 Prozent zu", sagte Ekhard Popp, Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung bei A.T. Kearney. Auch die Zahl der Beschäftigten sei in dem Befragungszeitraum um zwei Prozent gestiegen, während der deutsche Durchschnitt einen Belegschaftsabbau von einem Prozent meldete, sagte Popp, der die Untersuchung geleitet hat. Ziel war es, Motive für die Einführung von Beteiligungsmodellen herauszufinden. Mehr Identifikation der Beschäftigten mit der Firma und eine höhere Arbeitsmotivation waren der Befragung zufolge in erster Linie ausschlaggebend dafür. Die Verringerung des Krankenstandes und die Beschaffung von Eigenkapital wurde von den Firmen außerdem genannt. Stille Beteiligung liegt vorn Als Beteiligungsform wählten die Unternehmen am häufigsten stille Beteiligungen (28 Prozent) oder Belegschaftsaktien (24 Prozent). Im ersten Fall übernehmen Mitarbeiter stille Anteile am Unternehmen und werden am Gewinn beteiligt. Auch eine Verlustbeteiligung ist möglich. Die Zinsen sind für die Arbeitnehmer Einkommen aus Kapitalvermögen, für die Unternehmen ist das Kapital je nach Ausgestaltung Eigenkapital. Bei Belegschaftsaktien übernehmen die Beschäftigten Stammaktien oder stimmrechtslose Vorzugsaktien. Sie sind direkt am Erfolg oder Misserfolg beteiligt; die Ausschüttungen sind ebenfalls Einkommen aus Kapitalvermögen. Da die Unternehmensgewinne in den vergangenen Jahren stärker gestiegen sind als die Reallöhne der Beschäftigten, wird die Mitarbeiterbeteiligung schon seit einiger Zeit wieder auf politischer Ebene diskutiert. Viele Firmen erwarten vom Gesetzgeber Regelungen zur nachgelagerten Besteuerung des im Unternehmen verbleibenden Lohns. Das bedeutet, dass Steuern und Sozialabgaben erst dann fällig sind, wenn die Kapitalbeteiligung endet, also die Anteile verkauft oder ausgezahlt werden. Dahinter steckt der Gedanke, dass Mitarbeiter ihre Anteile bis zur Rente halten, weil sie dann niedrigere Steuersätze haben. Die von AGP und A.T. Kearney befragten Unternehmen befürworten neue Gesetzesregeln zur steuerlichen Begünstigung von Mitarbeiterbeteiligungen, zu der nachgelagerten Besteuerung und zur Vermögensbildung. | Bei der Beteiligung ihrer Mitarbeiter am Erfolg der Firma hinken deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich deutlich hinterher. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mitarbeiter-beteiligung-deutschland-mit-massivem-nachholbedarf-1.891704 | Mitarbeiter-Beteiligung - Deutschland mit massivem Nachholbedarf | 00/05/2010 |
Ein Gericht verordnet den Lokführern eine Pause - und wagt sich damit auf gefährliches Terrain. Es geht um nichts geringeres als die Grundlagen der deutschen Wirtschaftsordnung. Der Streik der Lokführer hat noch gar nicht begonnen, da zählt er schon zu den skurrilsten Arbeitskämpfen der Nachkriegsgeschichte. Eine winzig kleine Zahl von Beschäftigten spaltet für die wahnwitzige Forderung von 31 Prozent mehr Lohn eine ganze Belegschaft. Wirtschaftsforscher ermitteln schon vorab Schäden in dreistelliger Millionenhöhe, die Bundesregierung appelliert an die Tarifparteien. Die aber verhandeln gar nicht - mangels Erfolgsaussichten. Stattdessen jagt die Bahn der Gewerkschaft ihre Konzernjuristen auf den Hals. In Nürnberg ist das Unternehmen nach zahllosen Anträgen quer durch die Republik erfolgreich gewesen. Vielleicht Zeit gewonnen Die Richter verhängten eine einstweilige Verfügung gegen die Streiks. Wird diese nicht am Freitag wieder gekippt, haben Lokführer und Bahn zumindest Zeit gewonnen, Deutschland bleibt vom Stillstand vorerst verschont. Inhaltlich allerdings hat sich an der Lage nichts geändert. Die Bahn kann auf die Gewerkschaft kaum mehr zugehen, will sie nicht vollends ihr Gehaltsgefüge sprengen. Jedes Zugeständnis an die Lokführer, jedes Sonderrecht werden die beiden anderen Bahn-Gewerkschaften auch für sich reklamieren. Der Frieden mit den Lokführern könnte für das Unternehmen den Kampf mit allen anderen Beschäftigten bedeuten. Getöse der vorigen Wochen Die Lokführer-Gewerkschaft GDL ist nicht weniger Geisel ihrer eigenen Positionen. Nach allem Getöse der vorigen Wochen droht ihr nicht nur die Lächerlichkeit, sollte sie sich auf die Angebote der Bahn einlassen. Sie versänke schlicht in der Bedeutungslosigkeit. Die Richter haben für eine Pause gesorgt, für mehr nicht. Findet sich in dieser Zwischenzeit kein Kompromiss, läuft alles auf einen langwierigen Rechtsstreit hinaus. Der aber ist mehr als heikel. Im Kern geht es darum, welche Rechte eine Gewerkschaft in Deutschland eigentlich hat, wie viel das Grundrecht der Koalitionsfreiheit wert ist. Das Arbeitsgericht Nürnberg setzte das Recht von gut 8000 Lokführern, ihre Interessen gemeinsam zu wahren, in ein Verhältnis zu den wirtschaftlichen Schäden und vielen verdorbenen Urlaubsreisen. Die Grundlagen der deutschen Wirtschaftsordnung Damit geht es nicht mehr allein um die Sache Bahn gegen GDL. Es geht um Grundlagen der deutschen Wirtschaftsordnung. Wenn die Koalitionsfreiheit kein unbedingtes Grundrecht mehr wäre, ab wann gälte sie dann? Was dürfen Arbeitnehmer fordern, welcher Mittel dürfen sie sich bedienen, wie viele müssen sie sein, um in Deutschland noch streiken zu dürfen? Kleine, aber wirkmächtige Berufsgruppen werden dieses Recht vermutlich in den nächsten Jahren noch öfters strapazieren, ermutigt durch Ärzte, Piloten, womöglich auch Lokführer. Eine Grundsatzentscheidung über mögliche Grenzen der Koalitionsfreiheit wäre insofern hilfreich. Sie ist aber äußerst schwierig, gerade weil sich die Grenzen der Arbeitnehmermacht so schwer bestimmen lassen - ohne am Fundament der Gewerkschaften zu graben. Das allerdings bedeutet auch: im Zweifel für die Lokführer. | Ein Gericht verordnet den Lokführern eine Pause - und wagt sich damit auf gefährliches Terrain. Es geht um nichts geringeres als die Grundlagen der deutschen Wirtschaftsordnung. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-truegerischer-frieden-1.903059 | Kommentar - Trügerischer Frieden | 00/05/2010 |
Verständnisschwierigkeiten und Datenklau - die große Zeit der Callcenter in Indien scheint vorüber zu sein. Indien dreht den Spieß um: Seit Jahren verlagern europäische und amerikanische Unternehmen Arbeitsplätze nach Indien. IBM etwa hat dort bereits 43.000 Angestellte auf der Lohnliste, und für das deutsche Software-Unternehmen SAP werden bis zum Jahresende 3500 Angestellte auf dem Subkontinent arbeiten. Detailansicht öffnen Call Center in Europa. In Indien kann nicht in jedem Fall die Kundenzufriedenheit gewährleistet werden. (Foto: Foto: ddp) Die britische Wirtschaft, so eine Schätzung, hat wegen des Lohngefälles bereits vier Prozent ihrer Stellen an Indien verloren. Als gefährdet gelten vor allem die vergleichsweise anspruchslosen Arbeitsplätze in Callcentern: Engländer, die eine Fahrplanauskunft wollen oder ihren Kontostand abfragen, landen mit ihrem Anruf inzwischen nicht selten in Bombay oder Bangalore. Entgegengesetzter Weg Doch tiefe Löhne garantieren nicht immer hohen Gewinn. Deshalb geht die indische Firma Icici One Source, die sich auf Dienstleistungen für westliche Konzerne spezialisiert hat, ein Stück weit genau den entgegengesetzten Weg: Sie will zwar auch in Indien weiter expandieren. Gleichzeitig aber hat sie jetzt in der nordirischen Hauptstadt Belfast ein Callcenter eröffnet. Ein zweites soll noch vor Jahresende seinen Betrieb aufnehmen, und bis zum Jahr 2008 will Icici in Nordirland mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigen. Zwar liegen in Nordirland die Löhne weit niedriger als in London, aber zugleich meilenweit höher als in Indien. ,,Unsere Kunden möchten, dass wir weltweit präsent sind'', begründet eine Firmensprecherin das Engagement auf der Insel. Tausend Arbeitsplätze zurückverlagert Deutlicher wird Powergen, einer der führenden Elektrizitätsanbieter in England und Tochtergesellschaft der deutschen Eon. Fünf Jahre lang hatte das Unternehmen viele Kundenanrufe von Indien aus beantworten lassen, im laufenden Jahr aber wieder beinahe tausend Arbeitsplätze von Indien nach Großbritannien zurückverlagert. | Verständnisschwierigkeiten und Datenklau - die große Zeit der Callcenter in Indien scheint vorüber zu sein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/globalisierung-zurueck-nach-europa-1.920022 | Globalisierung - Zurück nach Europa | 00/05/2010 |
Der Immobilien-Tycoon traut sich zum dritten Mal. Und er weiß natürlich, wie er die Hochzeit mit dem slowenischen Modell Melania Knauss seinen Milliarden angemessen inszenieren kann. Die Verkäuferin beim New Yorker Juwelier Tiffany an der Fifth Avenue schüttelt energisch mit dem Kopf. Detailansicht öffnen Der Milliardär und seine Zukünftige - das slowenische Modell Melania Knauss. (Foto: Foto: AP) "Nein, die Geschenkliste von Herrn Trump können Sie nicht einsehen", sagt sie und setzt schnippisch hinzu: "Das ist ohnehin nur etwas für Leute, die sich das leisten können." Zweiter Versuch beim Nobelkaufhaus Bergdorf Goodman. Aber auch dort gibt man sich zugeknöpft. "Die Trump-Wunschliste? Bedaure, die ist nur für geladene Gäste", erklärt eine grauhaarige Dame, die hinter einem eleganten Mahagoni-Schreibtisch sitzt. Über Preise wird nur geflüstert Unmittelbar neben einer Glasvitrine mit teurem Porzellan residiert sie wie eine Königin in einem kleinen Raum, über dem ein Schild mit der Aufschrift "Geschenk-Registrierung" hängt. Alles geht hier, im siebten Stockwerk von Bergdorf Goodman, diskret zu. Dicke Teppiche schlucken die Schritte. Über Preise wird nur geflüstert. Man weiß, was die Manhattaner Promi-Kundschaft mit den noblen Postleitzahlen 10021 und 10022 (Upper East Side) schätzt, zumal wenn ein gesellschaftliches Ereignis erster Güte ansteht. An diesem Samstag zum Beispiel: Der Immobilien-Tycoon Donald Trump heiratet das slowenische Fotomodell Melania Knauss. Ort des Geschehens: Trumps acht Hektar großes Anwesen "Mar-a-Lago" in Florida. Von Muhammad Ali bis Catherine Zeta-Jones 500 illustre Gäste sind geladen, darunter Prince Charles, Michael Douglas, Catherine Zeta-Jones, Clint Eastwood, Arnold Schwarzenegger und Maria Shriver, Henry Kissinger, Liza Minelli und Muhammad Ali. Der 58-Jährige, der zum dritten Mal heiratet, hat es wieder einmal mit sicherem Blick fürs Geschäftliche verstanden, auch diese Feier zum Gesprächsthema zu machen. "Muss man denn unbedingt als Milliardär wie Trump noch eine Wunschliste auslegen wie jeder popelige Normalbürger?", nörgelte ein Leser des Boulevardblatts Daily News. Man muss offenbar. Die New Yorker Klatschszene zerreißt sich den Mund darüber, welche Luxusgeschenke den Trumpschen Haushalt künftig zieren sollen - ebenso wie über das brisante Thema, welche Art von Ehevertrag die neue Frau Trump zu unterschreiben hat. | Der Immobilien-Tycoon traut sich zum dritten Mal. Und er weiß natürlich, wie er die Hochzeit mit dem slowenischen Modell Melania Knauss seinen Milliarden angemessen inszenieren kann. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/new-york-ich-heirate-einen-milliardaer-1.901501 | New York - Ich heirate einen Milliardär | 00/05/2010 |
Nur in wenigen EU-Ländern ist die Arbeitslosigkeit so niedrig wie in Österreich - das Land zieht Gastarbeiter förmlich an. An erster Stelle stehen dabei Arbeitskräfte aus Ex-Jugoslawien. An zweiter Stelle: Deutsche. An die oft zackige und nicht landestypisch weich klingende Sprache haben sich die meisten Gäste von Skihütten in Österreich schon gewöhnt. Kellner aus Nord- und Ostdeutschland geben in der alpinen Gastronomie des Nachbarn inzwischen häufig den Ton an. Denn im Tourismus, wo für wenig Geld viel gearbeitet werden darf, mangelt es traditionell an Österreichern. Detailansicht öffnen Land der Arbeitssuchenden: Österreich bietet vielen Deutschen Arbeitsplätze. (Foto: Foto: dpa) Stattdessen kommen Kellner, Küchenhilfen oder Zimmermädchen häufig aus Deutschland. Sie werden von lokalen Arbeitgebern mit offenen Armen empfangen, weil sie als höflich und fleißig gelten. Ende Januar waren in Österreich 61 447 Deutsche überwiegend in der Tourismusbranche beschäftigt. 20 000 Stellen mit Ausländern zu besetzen Deutschland stellt inzwischen - das hat sich in Österreich nicht ohne Häme herumgesprochen - noch vor den 52 416 Beschäftigten aus der Türkei das zweitgrößte Gastarbeiter-Kontigent. Die meisten Gastarbeiter kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Zahl der Deutschen dürfte weiter wachsen. Denn auch in Österreich klagen Industrie und Gewerbe über einen Mangel an Facharbeitern. In den nächsten zwei Jahren dürften 50 000 gut ausgebildete Personen fehlen. "Wir müssen etwas tun, bevor dies zur Wachstumsbremse wird", sagte der Chef des staatlichen Arbeitsmarktservice (AMS), Herbert Buchinger, der Süddeutschen Zeitung. Gut 20 000 qualifizierte Leute sollen aus dem Ausland, vornehmlich aus Deutschland, geholt werden. Österreich erwartet für 2007 eine Arbeitslosenrate von 4,5 Prozent und zählt damit zu den fünf EU-Staaten mit den geringsten Jobsorgen. Gemeinsam mit den Arbeitgebern wollen Wiens staatliche Arbeitsvermittler, unterstützt von Eures, dem europäischen Kooperationsnetz für Beschäftigung, und der deutschen Bundesagentur für Arbeit nach mobilen Fachkräften in Deutschland suchen. Vielversprechend seien Bayerns Metallbearbeiter, Schweißer oder Schlosser. Die Ausbildung sei jener in Österreicher ähnlich, auch kulturell und sprachlich gäbe es im Unterschied zu anderen Nationen keine großen Barrieren, meint Buchinger. Neue Wege für Salzburg Die größten einschlägigen Erfahrungen hat der Arbeitsmarktservice Oberösterreich in Linz gemacht. Dessen Chef Roman Obrovski organisierte schon vor fünf Jahren erste Jobbörsen für industrielle Facharbeiter in Deutschland. Dabei sei er auf der Suche nach gut ausgebildeten Metall- und Bauarbeitern etwa in Passau nicht nur auf Begeisterung bei deutschen Arbeitsvermittlern gestoßen, sagt er. Mittlerweile seien solche Bemühungen aber "zum Selbstläufer geworden". Völlig neu sind solche Wege für Salzburg. Dort wurde das Projekt "Arbeit ohne Grenzen" gestartet. Es zielt auf Werkzeugmacher, Dreher und Metall-Techniker aus der ostdeutschen Region Wernigerode bei Magdeburg. Solche Facharbeiter sind in Österreich seit Jahren kaum noch zu haben. Etwa 70 Interessenten seien in Wernigerode bereits ausfindig gemacht worden. Aus diesen sollen binnen zwei Wochen etwa 30 ausgesiebt werden. "Sie werden bei uns sicher mehr verdienen als in Ostdeutschland", behauptet der Chef des AMS Bischofshofen. Für Hilfskräfte werden Tariflöhne von bis zu zehn, für Facharbeiter bis zu 13 Euro pro Stunde geboten. Manche Firmen seien zudem bereit, Tariflöhne um bis zu 30 Prozent zu überbieten oder Prämien zu bezahlen. | Nur in wenigen EU-Ländern ist die Arbeitslosigkeit so niedrig wie in Österreich - das Land zieht Gastarbeiter förmlich an. An erster Stelle stehen dabei Arbeitskräfte aus Ex-Jugoslawien. An zweiter Stelle: Deutsche. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/paradies-fuer-arbeitssuchende-auf-nach-oesterreich-1.902397 | Paradies für Arbeitssuchende - Auf nach Österreich | 00/05/2010 |
Das Scheitern der Gespräche von Arbeitgebern und Gewerkschaften über eine Öffnung der Tarifverträge erschwert einen Kompromiss über die anstehenden Reformen im Vermittlungsausschuss. (SZ vom 4.12.03) — Die Union fordert einen gesetzlichen Eingriff in die Tarifautonomie, den SPD und Grüne aber strikt ablehnen. Auch im Streit über das Vorziehen der Steuerreform sind sich Regierung und Opposition noch nicht näher gekommen. Umstritten bleibt zudem, ob sich die Städte oder der Bund um die Langzeitarbeitslosen kümmern sollen. Die Finanzierung der Sozial- und Steuerreform ist weiter ungeklärt. In der Bundesregierung herrscht inzwischen große Sorge, dass das Vermittlungsverfahren über die Reformgesetze scheitern könnte. "Die Union zeigt sich nach außen kompromissbereit, blockt aber in den Gesprächen alles ab", hieß es in Regierungskreisen. Gestärkte Opposition Das Scheitern der Gespräche zwischen Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und Michael Sommer, dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), über einen flexibleren Umgang mit den Flächentarifverträgen hat die Opposition gestärkt. Zwar gilt es auf beiden Seiten als unwahrscheinlich, dass es zu gesetzlichen Eingriffen in die Tarifautonomie kommt. Die Union will das Thema aber nutzen, um die Regierungsseite in anderen strittigen Punkten unter stärkeren Druck zu setzen. Fraktionsvize Friedrich Merz sagte, im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat müsse "ein gesetzlicher Weg" gefunden werden, wie einzelne Betriebe von "den Kernbestandteilen der Tarifverträge" abweichen können. "Hektik nicht nachvollziehbar" Auch Regierungsvertreter reagierten enttäuscht auf das Scheitern der Gespräche, die monatelang geheim geblieben waren. "Ich erwarte, dass damit nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist", sagte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement in Berlin. Die Hektik, in der das Scheitern erklärt werde, sei "nicht nachvollziehbar". Auf seiner Chinareise sagte auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), eine freiwillige Vereinbarung sei die "beste Lösung". Parallel zum Vermittlungsverfahren sollten die Tarifparteien sich doch verständigen. Es sei ihre Sache, die "richtige Balance" zu finden. Sommer und Hundt hatten seit dem Sommer über eine gemeinsame Erklärung verhandelt und waren dabei sehr weit gekommen. In einem letzten Treffen am Dienstag gaben sie aber wegen des Widerstands in den eigenen Reihen auf. Im Arbeitgeberlager hatte der radikalere Flügel um Industrieverbandschef Michael Rogowski interveniert, auf der anderen Seite wollte nach Informationen aus Verbandskreisen vor allem Verdi-Chef Frank Bsirske eine freiwillige Lösung verhindern. Unverständliche Verweigerungshandlung Sommer und Hundt verständigten sich daraufhin, den Blockierern im jeweils anderen Lager öffentlich die Schuld am Abbruch zuzuweisen. "Wir waren einer gemeinsamen Erklärung schon sehr nahe", sagte Sommer. Die Gewerkschaften könnten aber keinen generellen Eingriff in Tarifverträge hinnehmen. Diese Verweigerungshaltung sei "unverständlich", sagte Hundt. Jetzt solle die Ankündigung des Bundeskanzlers und der Opposition umgesetzt werden, dass dann der Gesetzgeber handle. Auch bei den anderen Streitpunkten liegen Regierung und Opposition weit auseinander. Zwar scheint beispielsweise beim Kündigungsschutz eine Annäherung möglich zu sein. "Das ist kein Tabuthema", sagte SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner. Als entscheidend gilt aber auf beiden Seiten, ob eine Lösung dafür gefunden wird, wer die Langzeitarbeitslosen künftig betreut und finanziert. Ungelöste Fragen In der entsprechenden Arbeitsgruppe bleiben Wirtschaftsminister Clement und Hessens Ministerpräsident Roland Koch bei ihren Vorschlägen: Clement will die Verantwortung beim Bund und den Arbeitsämtern ansiedeln, Koch bei den Kommunen. "Alles hängt davon ab, wie die Kosten verteilt werden, und diese Frage ist ungelöst", sagte der CSU-Politiker Johannes Singhammer. Die Union will einem Vorziehen der Steuerreform nur dann zustimmen, wenn es zu grundlegenden Reformen auf dem Arbeitsmarkt kommt. Finanzminister Hans Eichel (SPD) sagte, er habe den Eindruck, dass die Union auf diese Weise ein "vernünftiges Ergebnis im Vermittlungsausschuss" verhindern wolle. Ein Verzicht auf das Vorziehen wäre aber ein "herber Schlag" für das Wachstum. Auch die Arbeitsgruppe zu den Steuerthemen kommt nicht voran. | Das Scheitern der Gespräche von Arbeitgebern und Gewerkschaften über eine Öffnung der Tarifverträge erschwert einen Kompromiss über die anstehenden Reformen im Vermittlungsausschuss. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tarifgespraeche-der-streit-geht-weiter-1.903863 | Tarifgespräche - Der Streit geht weiter | 00/05/2010 |
Seit österreichische Plus-Filialen mit der Antifaltenkur zum Schnäppchenpreis locken, fragen alle entsetzt, was es wohl nächste Woche geben könnte. Dabei wollte der Arzt mit seiner Werbeaktion eigentlich eine ganz andere Diskussion anstoßen. "Wer schön sein will, muss laufen!" heißt es im Werbeprospekt der österreichischen Plus-Filialen. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Aufforderung zu sportlicher Betätigung und gesunder Lebensweise. Detailansicht öffnen Das Topmodel Joanna Krupa hat sicherlich keine Probleme mit Falten im Gesicht. (Foto: Foto: Reuters) Gemeint ist: Die Kunden sollen sich beeilen, um einen Non-Food-Artikel der ausgefallen Art zu ergattern — eine Behandlung mit Botox, jenes zum Schönheitselixier stilisierte Nervengift, das bestimmte Gesichtsmuskeln teilweise lähmt und so für einige Monate die Falten im Gesicht glättet. Nur die ersten hundert Interessenten bekamen die Antifaltenspritze für 149 (statt wie üblich 250) Euro, und innerhalb von zwei Tagen waren alle Termine vergeben. Die Nachricht vom Supermarkt, der Nervengift offeriert, hat weltweit Wellen geschlagen: Auch in australischen und amerikanischen Online-Medien war vom Botox-Dicounter und der "Bread, milk,... and Botox"-Shopping-Tour zu lesen. Dabei ist Plus weder "Vertragspartner noch Vermittler", sondern nur Werbeplattform. "Mit Blick auf den Stephansdom" Denn es gibt die Botox-Ampulle nicht in den Einkaufwagen oder zum Selberspritzen. Und auch, wenn es nur zehn Minuten dauert — die Behandlung findet nicht in den Supermarkt-Filialen, sondern in einer Arztpraxis statt. Und zwar "mit Blick auf den Stephansdom in Wien", wie das Prospekt verheißt. Dort, in rundherum ästhetischer Lage, bietet Dr. Dr. Wolfgang Pirker die Anti-Falten-Kur zum Schnäppchenpreis an. Doch was jene freut, die weder Mittel noch Wege in den Billig-Markt scheuen, um Krähenfüße und Lachfalten los zu werden, hat weitreichende Folgen: Zum einen wird jetzt heiß diskutiert, ob ein Discounter der rechte Platz für den Vertrieb von Antifaltenspritzen sei, und was dann wohl noch alles kommen könnte. Zum anderen stieß sich die Österreichische Ärztekammer an der Werbemethode Pirkers: Er habe gegen die Richtlinie "Arzt und Öffentlichkeit" verstoßen. Disziplinaranwalt eingeschaltet Der Richtlinie nach ist Ärzten jede "unsachliche, unwahre und das Ansehen der Ärzteschaft beeinträchtigende Information verboten", und dazu gehöre eben auch Pirkers "aufdringliche und marktschreierische" Werbung im Plus-Prospekt. Die Kammer hat den Disziplinaranwalt eingeschaltet, der den Fall nun prüfen wird. Werben dürfen Ärzte also, nur wie, ist die Frage. "Andere 'Ärzte' laden zum Prosecco-Empfang oder locken mit Gratisbehandlungen, Gewinnspielen oder Geschenkgutscheinen. Da regt sich keiner drüber auf. Mit diesen Werbemethoden stehen alle seriös arbeitenden Ärzte in Konkurrenz", verteidigt sich Pirker. Es sei höchste Zeit, dass der Gesetzgeber endlich klare Werberichtlinien erlasse, sowohl die Basismedizin als auch die Luxus- oder Wellness-Medizin betreffend — und zwar EU-weit. Darüber wolle er mit seiner provokanten Aktion zur Diskussion anregen. | Seit österreichische Plus-Filialen mit der Antifaltenkur zum Schnäppchenpreis locken, fragen alle entsetzt, was es wohl nächste Woche geben könnte. Dabei wollte der Arzt mit seiner Werbeaktion eigentlich eine ganz andere Diskussion anstoßen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einkaufserlebnis-in-oesterreich-brot-milch-und-botox-1.900247 | Einkaufserlebnis in Österreich - Brot, Milch... und Botox | 00/05/2010 |
Entgegen allen Prognosen ist die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal 2005 so stark gewachsen wie seit vier Jahren nicht mehr. Vor allem der Export lieferte einen kräftigen Schub. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland ist im ersten Quartal doppelt so stark gewachsen wie von Volkswirten erwartet. Die Wirtschaftsleistung sei bereinigt um 1,0 Prozent zum Vorquartal gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden in einer Schnellschätzung mit. Details zur Wirtschaftsentwicklung werden am 24. Mai veröffentlicht. Seit dem ersten Quartal 2001 ist die deutsche Wirtschaft nicht mehr so stark gewachsen. Volkswirte hatten im Schnitt lediglich ein Wachstum von 0,5 Prozent erwartet. Im vierten Quartal 2004 war die Wirtschaft noch um 0,1 Prozent geschrumpft. Volkswirte warnten jedoch einhellig vor einer Fortschreibung des hohen Wachstumstempos. Das unerwartet starke Wirtschaftswachstum im ersten Quartal in Deutschland ist nach Einschätzung von Barclays Capital ein Ausreißer. "Eine Trendumkehr der Stagnation in Deutschland ist weiter nicht auszumachen", sagte Deutschland-Chefvolkswirt Thorsten Polleit. Binnennachfrage weiter schwach Die wirtschaftliche Belebung wurde laut statistischem Bundesamt ausschließlich vom Export getragen. Während die Ausfuhren deutlich geklettert seien, gingen die Importe zurück. Haupttriebkraft des Wachstums bleibe der Export, während die heimische Nachfrage keine Anzeichen eines Trendwechsels erkennen lasse, sagte Barclays-Experte Polleit. In den kommenden Quartalen dürfte sich das Wachstumstempo wieder deutlich abschwächen. Die DekaBank wird hingegen ihre Wachstumsprognose für das Gesamtjahr anheben. "Der gute Start darf nicht einfach auf die kommenden Quartale fortgeschrieben werden", dämpfte aber auch Volkswirt Andreas Scheuerle zu hohe Erwartungen. Rein rechnerisch ergebe sich nach dem starken Jahresstart nun aber eine Wachstumsrate von 0,8 bis 1,0 Prozent. Bisher war das Bankhaus lediglich von 0,6 Prozent ausgegangen. Stimmung schlechter als Lage Nach Einschätzung der Commerzbank überzeichneten die Daten die tatsächliche Dynamik deutlich. Die tatsächliche Lage sei gleichwohl immer noch deutlich besser als die Stimmung. Allerdings sei die Erholung nach wie vor nicht selbsttragend. Die deutsche Wirtschaft bleibe stark von der Entwicklung der Weltkonjunktur abhängig. "Die Wachstumsaussichten sind immer noch sehr labil", sagte ein Analyst. "Mir wäre es lieber gewesen, wenn nicht der Export, sondern der Konsum für das Wachstum verantwortlich gewesen wäre." Das Bundeswirtschaftsministerium sieht hingegen erste Anzeichen für eine Belebung der Binnennachfrage. Nach der Veröffentlichung der Daten geriet der Euro-Bund-Future stark unter Druck und sank bis 9.50 Uhr um 0,16 Prozent auf 121,32 Punkte. "Das deutlich stärker als erwartet ausgefallene Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal hat die Festverzinslichen belastet", sagte Lothar Hessler vom Bankhaus HSBC Trinkaus & Burkhardt. | Entgegen allen Prognosen ist die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal 2005 so stark gewachsen wie seit vier Jahren nicht mehr. Vor allem der Export lieferte einen kräftigen Schub. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konjunktur-und-ploetzlich-brummt-es-1.899767 | Konjunktur - Und plötzlich brummt es | 00/05/2010 |
Fast ein Jahr lang war der ehemalige Telekom-Chef von der Bildfläche verschwunden — in Moskau ist er wieder aufgetaucht. Fast ein Jahr lang war der ehemalige Telekom-Chef von der Bildfläche verschwunden. Bis auf ein Aufsichtsratsmandat beim Versicherer Münchener Rück hatte er nach seinem spektakulären Rauswurf bei der Deutschen Telekom alle wichtigen Ämter niedergelegt. Vor zwei Monaten tauchte Sommer wieder auf: In Moskau als Chefberater beim russischen Mischkonzern AFK Sistema. Fluglizenz reicht nicht Als Sommer am 16. Juli 2002 zurücktrat, tat er dies nicht aus der Einsicht, Fehler gemacht zu haben, sondern "um weiteren Schaden vom Unternehmen abzuwenden". Bis zuletzt hatte er um seinen Posten gekämpft. Nachdem ihn der Großaktionär Bund wenige Monate vor der Bundestagswahl fallen ließ und im Aufsichtsrat unverhohlen über mögliche Nachfolger diskutiert wurde, gab er auf. Enttäuscht zog er sich ins Privatleben zurück und erfüllte sich zunächst einen lange gehegten Traum: Er machte eine Fluglizenz. Doch das reichte nicht. Gerade 53 Jahre alt, schaute der promovierte Mathematiker sich nach neuen Aufgaben um. Dass Sommer dabei nicht etwa wie der ehemalige Mannesmann-Chef Klaus Esser als Berater in Deutschland blieb, wundert kaum. Vor der Telekom hatte der in Haifa geborene und in Wien aufgewachsene Sommer schon für den Computerbauer Nixdorf in Paris und für den japanischen Sony-Konzern in New York gearbeitet. Dass er ausgerechnet in Moskau landete, dürfte verschiedene Gründe haben. Ganz unbekannt war Sommer AFK Sistema nicht. An deren Mobilfunktochter Mobile TeleSystems (MTS) ist die Telekom seit Jahren beteiligt. Russlands Firmen werden international Der an der New Yorker Börse notierte Handynetzbetreiber hat mehr als zehn Millionen Kunden. Mit einem Marktanteil von 36 Prozent ist das Unternehmen die Nummer eins auf dem russischen Markt. Daneben ist MTS auch in Weißrussland und der Ukraine ein Schwergewicht. AFK Sistema holte den Visionär Sommer offenbar mit Blick auf weitere Zukäufe im Ausland. "Der Kapitalismus entwickelt sich, und Firmen russischen Ursprungs werden international", sagte ein AFK-Sistema-Manager der International Herald Tribune, nachdem Sommer Mitte Mai zum Chef-Berater berufen wurde. "Wir brauchen erfahrene Leute, die uns den Weg in den Weltmarkt ebnen." Unmittelbares Ziel des Unternehmens sind laut Mittelfristplanung bis 2006 nach den ehemaligen GUS-Staaten zunächst die EU-Kandidaten in Mittel- und Osteuropa. Dort will AFK Sistema "einer der Schlüsselakteure" werden. Sommer kennt das Terrain. Unter seiner Führung hatte sich die Telekom dort vor allem groß in Polen, Tschechien und Ungarn eingekauft. Der Telekomsektor ist allerdings nur ein Arbeitsgebiet für Sommer. AFK Sistema hat in vielen wichtigen Branchen ein Standbein: Zu dem Konglomerat gehören der Versicherer Rosno, das Reiseunternehmen Intourist, mehrere Chiphersteller und Technologiefirmen, ein Anbieter von Kinderspielzeug und -kleidung sowie einige Medienunternehmen und eine Immobiliensparte. Sommers Gehalt dürfte dem dafür nötigen Zeitaufwand entsprechen. Alleine muss er die Aufgabe allerdings nicht bewältigen. In dem von ihm geleiteten Beraterstab sitzen unter anderem auch der Ex-RWE-Chef Dietmar Kuhnt, Coca-Cola-Chef Douglas Daft und der ehemalige russische Zentralbankpräsident Viktor Geraschtschenko. (sueddeutsche.de/AFP) | Fast ein Jahr lang war der ehemalige Telekom-Chef von der Bildfläche verschwunden — in Moskau ist er wieder aufgetaucht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wo-steckt-ron-sommer-von-bonn-nach-moskau-1.906739 | Wo steckt Ron Sommer? - Von Bonn nach Moskau | 00/05/2010 |
Die Folgen der Maut-Krise reichen weit: Die Milliarden-Löcher gefährden wichtige Umbauten und Renovierungen für die Fußball-WM 2006. Die Städte und Gemeinden ächzen unter der finanziellen Last, das Baugewerbe bangt um bis zu 70.000 Arbeitsplätze. (SZ vom 18.2.2004) Erst hat Franz Beckenbauer einen Brief an die Bahn geschrieben, dann suchte er die Konzernzentrale in Berlin persönlich auf. Der Präsident des Organisationskomitees der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland befürchtet, dass die Stationen an den Stadien und die Hauptbahnhöfe in den WM-Städten nicht mehr rechtzeitig modernisiert werden, bevor das Turnier beginnt. Doch Hartmut Mehdorn, der Vorstandschef der Deutschen Bahn (DB), fasste sich kurz und knapp: "Wir haben kein Geld." Wegen des Desasters bei der Lkw-Maut fehlen überall im Lande die Mittel für Neubau oder Erhalt von Straßen und Schienenwegen. WM-Verkehrschaos befürchtet Bei vielen Baufirmen und Planungsbüros sind Arbeitsplätze in Gefahr, der Hauptverband der Bauindustrie und der Zentralverband des Baugewerbes bangen um 35000 bis 70000 Arbeitsplätze. Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe beziffert den Schaden auf 6,5 Milliarden Euro. Warum sich also aufregen über 9,8 Millionen Euro, die bei den Bahn-Projekten für die Weltmeisterschaft offen sind? Aber selbst derart kleine Finanzlöcher können große Folgen haben. Ein von Bund und Ländern eingerichteter WM-Arbeitskreis Verkehr hat zusammengestellt, welche Vorhaben konkret auf der Kippe stehen. Kommunen und Länder überlastet Falls Anfang März die nötigen Mittel nicht freigegeben werden, wird es wohl in zehn der zwölf Austragungsstädte keine neuen Linien und Haltestellen oder sonstige Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr geben, die später auch für den Bundesliga-Alltag von Nutzen sind. Die Bau- und Zeitpläne wären dann kaum noch einzuhalten, jammern Kommunen und Länder, die ohnehin den größten Teil dieser WM-Investitionen tragen. Nach wie vor ist ungewiss, ob die Deutsche Bahn bis März erfährt, wie viel Geld sie vom Bund in diesem Jahr für die Schiene erhält. Gut vier Milliarden Euro sollten es ursprünglich sein, fast eine Milliarde ist nun ungesichert - mindestens. Kurzarbeit bei den Bautrupps Bei der Bahn und im Verkehrsministerium liegen die Streichlisten längst in den Schubladen. Zwar verspricht die Bundesregierung jetzt, alle geplanten Investitionen auch auszuführen - notfalls mit weiteren Schulden. Doch erste Schäden zeichnen sich schon ab. Die DB hat für die eigenen Büros und Bautrupps bereits Kurzarbeit erwogen; der deutsche Ingenieurs-Verband warnt, seine Mitgliedsfirmen müssten ein Drittel ihrer Angestellten entlassen; und mittelständische Baufirmen fürchten die Insolvenz. Bayern braucht 83 Millionen Nicht nur die Bahn handelt, auch die Straßenbauämter stornieren Aufträge. Und für die Wasserstraßen hatte das Verkehrsministerium schon vor drei Monaten einen "sofortigen Vergabestopp" für fast alle vorgesehenen Sanierungs- und Ausbaumaßnahmen verfügt. Erledigt wird nur noch, was für die Sicherheit der Schiffe unbedingt nötig ist. Am Dienstag, nachdem Stolpe den Maut-Vertrag mit Toll Collect gekündigt hatte, meldeten sich der Reihe nach die Länder und bezifferten ihre Ausfälle. In Bayern geht es laut Innenministerium um 83 Millionen Euro bei der Straße. Mit dem Ausbau der A8 von München über Augsburg nach Ulm und mit weiteren Vorhaben könne nicht begonnen werden. Bei den Bahnlinien sind betroffen der Neubau Nürnberg-Erfurt und der Ausbau von München über Mühldorf bis Freilassing (Salzburg). In 10 Jahren neue ICE-Strecken Niedersachsen rechnet laut Verkehrsminister Walter Hirche mit 113 Millionen Euro weniger beim Straßenbau, laut ADAC entfallen 80 Projekte. Am Aschermittwoch beraten die Länder über einen Ausweg. Rheinland-Pfalz und das Saarland wollen eine höhere Staatsverschuldung in Kauf nehmen, damit die Verkehrs-Investitionen nicht gekürzt werden müssen; Bayern verlangt, Bundesfinanzminister Hans Eichel müsse nun umschichten. Vor einem halben Jahr glaubte DB-Chef Mehdorn übrigens noch, er könne ab 2006 wieder neue ICE-Strecken bauen. Vor Ende des Jahrzehnts werde das nichts mehr, korrigierte ihn jetzt Bayerns Verkehrsminister Otto Wiesheu. | Die Folgen der Maut-Krise reichen weit: Die Milliarden-Löcher gefährden wichtige Umbauten und Renovierungen für die Fußball-WM 2006. Die Städte und Gemeinden ächzen unter der finanziellen Last, das Baugewerbe bangt um bis zu 70.000 Arbeitsplätze. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fussball-wm-ohne-maut-kein-bus-ins-stadion-1.904992 | Fußball-WM - Ohne Maut kein Bus ins Stadion | 00/05/2010 |
Die Rock-Legende gründet eine Gewerkschaft für Musiker. Denn im Zeitalter der digitalen Raubkopie brechen die Einnahmen der Berufskollegen weg. Und bei den neuen Erlösmodellen im Internet sollten die Musiker nach Auffassung Gabriels ein gehöriges Wörtchen mitreden. Die neue Gewerkschaft wird auf "Mudda" getauft, was für "Magnificient Union of digitally downloading artists" stehen soll. Detailansicht öffnen Peter Gabriel (Foto: Foto: AP) "Das digitale Umfeld wird die Produktion von Musik verändern, und die Künstler brauchen hier einen Interessenvertreter", sagte Gabriel der BBC Online am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Schon seit längerem versucht die Musikindustrie ein Erlösmodell für digital aus dem Internet herunterladbare Musikdateien zu finden. Keine Kampfansage "Einige Leute vermuten, dass wir den Plattenlabels Anteile ihres Geschäftes streitig machen wollen, das ist aber nicht der Fall", versicherte Gabriel gegenüber BBC Online. Denn die Musiker seien auf die Plattenindustrie angewiesen, weil sie Musik in der Regel zwar gut produzieren, nicht unbedingt aber vermarkten könnten", sagte Gabriel. Allerdings sollten die Musiker auch nicht zu Sklaven der Musikindustrie degradiert werden, betonte der Rock-Star laut BBC Online. "Wir brauchen eine beispielhafte Partnerschaft, bei der jeder Künstler seinen Einfluss während des gesamten Produktionsprozesses geltend machen kann, wenn er will", meinte Gabriel. Steigender Einfluss der Musiker Die Musiker hätten sich inzwischen schon mehr Einfluss erarbeitet, sagte Gabriel der BBC. So hätten sie in den 70-er Jahren noch nicht einmal das Cover ihrer Alben bestimmen können. Doch der Einfluss der Künstler müsse noch größer werden. Gabriel äußerte Unverständnis über Musiker, die sich zwar für das kostenfreie Herunterladen von Musikdateien einsetzten, gleichzeitig aber gerne die Honorare der Plattenfirmen einstrichen. Denn noch immer hingen die Einkommen der meisten Musiker zu 60 Prozent von den Plattenumsätzen ab. Nur die absoluten Superstars mit ihren zahlreichen Einnahmequellen könnten es sich erlauben, ihre Musik gratis abzugeben, sagte Gabriel. Die Verwaltung digitaler Rechte werde wohl gewisse Verschlüsselungstechniken erfordern, damit die Künstler zu ihren Geldern kämen. Schließlich werde sich der Kunde aber gegenüber der Plattenindustrie mit seinen Wünschen durchsetzen, betonte Gabriel. Copyright-Schutz großes Thema in Davos Der Schutz geistigen Eigentums und das Herunterladen digitaler Daten aus dem Internet nehmen auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum breiten Raum ein. Gabriel engagiert sich seit einiger Zeit mit den Möglichkeiten digitaler Downloads. Er gehört zu den Gründern der Download-Plattform OD2, die 300.000 Musikstücke in den Formaten MP3 und WMA unter anderem bei Online-Portalen wie Freeserve, Tiscali, Wanadoo und Virgin anbietet. Als erfolgreicher Musiker betreibt Gabriel daneben noch ein Plattenstudio sowie das Plattenlabel Real World. | Die Rock-Legende gründet eine Gewerkschaft für Musiker. Denn im Zeitalter der digitalen Raubkopie brechen die Einnahmen der Berufskollegen weg. Und bei den neuen Erlösmodellen im Internet sollten die Musiker nach Auffassung Gabriels ein gehöriges Wörtchen mitreden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/musiker-und-mitbestimmung-peter-gabriel-wird-gewerkschafter-1.901461 | Musiker und Mitbestimmung - Peter Gabriel wird Gewerkschafter | 00/05/2010 |
Die neue Siemens-Spitze macht ernst. Wer nach Erkenntnissen der internen Ermittler in den Korruptionsskandal verwickelt sein soll, bekommt Probleme. Jetzt verlässt der Finanzchef der Landesgesellschaft in Österreich den Konzern. Am 1. Juli übernahm Peter Löscher, vormals unter anderem beim US-Unternehmen General Electric (GE) tätig, den Vorstandsvorsitz bei Siemens. Fünf Wochen später kündigte der Konzern dem früheren Antikorruptionsbeauftragten Albrecht Schäfer, weil der den Gesamtvorstand und den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats nicht ausreichend über Hinweise auf schwarze Kassen und Schmiergeldzahlungen unterrichtet habe. Schäfer bestreitet den Vorwurf, er klagt beim Arbeitsgericht München gegen seinen Rauswurf. Am 1. Oktober kam der bisherige GE-Manager Peter Solmssen als Vorstand für Recht und Compliance in die Münchner Siemens-Zentrale. Der Posten wurde neu geschaffen; seine Aufgabe ist es, Gesetzesverstöße zu verhindern beziehungsweise aufzuklären. Künftig selbständig Keine drei Wochen später scheidet der Finanzchef der Landesgesellschaft in Österreich, Harald Wasserburger, aus dem Konzern aus. Offiziell erklärte Siemens in einer Pressemitteilung, Wasserburger wolle sich selbständig machen. Aus Konzernkreisen verlautet allerdings, die intern eingesetzten Ermittler hätten Hinweise auf eine Verstrickung von Wasserburger in der Korruptionsskandal gefunden. Im Auftrag des Aufsichtsrats geht die US-Kanzlei Debevoise & Plimpton den Spuren nach, die zu schwarzen Kassen und Schmiergeldzahlungen führen. Debevoise hatte schon im Frühjahr Vorwürfe gegen Schäfer erhoben (die Schäfer seitdem freilich strikt zurückweist). Signal der neuen Spitze Inzwischen hat Debevoise auch wegen Wasserburger ermittelt. Die laut Pressemitteilung einvernehmlich erfolgte Trennung zwischen Siemens und dem österreichischen Finanzchef wird in Unternehmenskreisen als Signal der neuen Konzernspitze betrachtet. Wenn es Hinweise auf Fehlverhalten gebe, habe das Konsequenzen, heißt es aus Konzernkreisen. In den vergangenen Monaten hatten führende Aufsichtsräte wiederholt kritisiert, es gebe noch alte Seilschaften im Konzern, die versuchten, die Aufklärung des Skandals zu hintertreiben. Debevoise-Anwälte hatten Ende Juli dem Aufsichtsrat berichtet, Führungskräfte zahlreicher Landesgesellschaften blockierten die Ermittlungen. Debevoise nannte zahlreiche Beispiele aus der ganzen Welt sowie drei aus Europa: Belgien, Griechenland und Österreich. In der Alpenrepublik gab es offenbar besonders viel zu verbergen. Bei den Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft hat ein Beschuldigter zu Protokoll gegeben, über Österreich seien vom Konzernbereich Telekommunikation (Com) sogenannte Provisionszahlungen abgewickelt worden. Zentrum des Skandals Mit diesem Begriff wurden nach Erkenntnissen der Ermittler intern oftmals Schmiergeldzahlungen umschrieben. Siemens-Com ist das Zentrum des Korruptionsskandals. Der Beschuldigte erklärte weiter, das Geld sei über eine Wiener Anwaltskanzlei an eine Briefkastenfirma in Zypern geflossen, die ihren Sitz in der Hauptstadt Nikosia habe. In diesen Prozess sei mit Sicherheit auch der Wiener Siemens-Manager Wasserburger involviert. Die SZ versuchte vergeblich, Wasserburger zu diesem Verdacht zu befragen. | Die neue Siemens-Spitze macht ernst. Wer nach Erkenntnissen der internen Ermittler in den Korruptionsskandal verwickelt sein soll, bekommt Probleme. Jetzt verlässt der Finanzchef der Landesgesellschaft in Österreich den Konzern. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-loescher-greift-durch-1.891374 | Siemens - Löscher greift durch | 00/05/2010 |
Noch immer wird über die berufliche Zukunft von Telekom-Chef Ricke spekuliert. Sein Vertrag solle nach 2007 um drei statt fünf Jahre verlängert werden, heißt es nun. Einen entsprechenden Vorschlag wolle Klaus Zumwinkel als Vorsitzender des Telekom-Aufsichtsrats bei der nächsten Sitzung des Gremiums am 5.Dezember unterbreiten, berichtet die Wirtschaftswoche in ihrer neuesten Ausgabe. Detailansicht öffnen Seine Zukunft an der Spitze der Telekom wird immer noch als unsicher eingeschätzt: Kai-Uwe Ricke. (Foto: Foto: ddp) Zumwinkel wolle auf diese Weise den Spekulationen über die Zukunft Rickes, die nach der Gewinnwarnung des Konzerns Anfang August eingesetzt hatten, ein Ende bereiten. Rickes Vertrag läuft im November 2007 aus. Sofern sich der Telekom-Chef mit einer solchen Lösung einverstanden erkläre und er bis Ende 2010 seine Umsatz- und Renditeziele erreiche, habe er die Option, seinen Vertrag um weitere zwei Jahre auf die normale Laufzeit zu verlängern. Sollte er dieses Angebot aber ablehnen, gebe es bereits einen ,,Top-Favoriten'' für seine Nachfolge, nämlich Thomas Geitner, noch bis zum Jahresende im Vodafone-Vorstand für Innovationen verantwortlich. "Aufgewärmter Vorschlag" Von Seiten der Telekom wurde der Bericht als ,,lupenreine Spekulation'' bezeichnet, zu der das Unternehmen keine Stellung nehme. Inoffiziell hieß es dazu, dass es sich dabei um einen ,,aufgewärmten Vorschlag'' handele, der in den Medien bereits vor Wochen kursiert habe. Was Geitner betreffe, so sei es zumindest merkwürdig, warum sich Vodafone ausgerechnet von dem angeblichen Top-Mann trenne. Nicht bestätigt wurde die Meldung auch in Berlin. Wie die Süddeutsche Zeitung am Sonntag aus Regierungskreisen erfuhr, hat das Thema einer möglichen Ricke-Nachfolge bisher noch keine Rolle auf der Agenda von CDU-Kanzlerin Angela Merkel gespielt. Der Bund hält 30 Prozent der Telekom-Anteile. Parlamentarier Die einzige Personalie in der Telekommunikation, über die in jüngster Zeit gesprochen worden sei, betreffe die Nachfolge von Regulierer Mathias Kurth, sofern dieser in der nächsten Woche zum neuen Präsidenten der Internationalen Fernmeldeunion gewählt werden sollte. Dem Vernehmen nach ist dafür ein Parlamentarier im Gespräch, über den bisher noch nicht öffentlich spekuliert wurde. Die Auseinandersetzung zwischen der Telekom und der Bundesregierung, in die sich am Wochenende auch SPD-Fraktionschef Peter Struck mit Kritik an den Personalabbauplänen des Konzerns einschaltete, spielt sich unterdessen weiterhin vor allem auf dem Feld der Regulierungspolitik ab. | Noch immer wird über die berufliche Zukunft von Telekom-Chef Ricke spekuliert. Sein Vertrag solle nach 2007 um drei statt fünf Jahre verlängert werden, heißt es nun. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vertragsverlaengerung-neue-spekulationen-um-telekom-chef-ricke-1.898807 | Vertragsverlängerung - Neue Spekulationen um Telekom-Chef Ricke | 00/05/2010 |
Die Gangart zwischen dem Westen und Russland wird rauer: Weil der Kreml westliche Investoren aus dem Energieprojekt auf der Pazifikinsel Sachalin teilweise herausgedrängt hat, friert die Osteuropabank jetzt Kredite ein. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) kassierte ihre Finanzierungspläne für das Öl- und Gasförder-Projekt Sachalin-2 vorläufig ein. Detailansicht öffnen Die Ölbohrinsel Molipak vor der Pazifikinsel Sachalin im fernen Osten Russlands. (Foto: Foto: AFP) Ursprünglich wollte das Institut, das auch als Osteuropabank bezeichnet wird, das größte Flüssiggasprojekt Russlands mit einem Darlehen im Gesamtwert von 300 Millionen Dollar alimentieren. Der Präsident der Bank, Jean Lemierre, begründete die Absage mit dem Einstieg des halbstaatlichen russischen Energieriesen Gazprom. "Wir können das Projekt nicht mehr vom früheren Standpunkt aus betrachten, nachdem sich die Aktionärsstruktur so grundlegend gewandelt hat", sagte Lemierre vor Journalisten in London. Der Franzose schloss allerdings nicht aus, dass sich neue Varianten der Zusammenarbeit ergeben könnten. Astochskoje und Lunskoje Das Projekt Sachalin-2 sieht die Erschließung der Lagerstätten Piltun-Astochskoje und Lunskoje vor der russischen Fernostinsel Sachalin vor. Bis vor kurzem bestand das Betreiberkonsortium allein aus den Konzernen Royal Dutch Shell, Mitsui und Mitsubishi. Nach massivem Druck durch die russischen Behörden gelang es jedoch dem Gasmonopolisten Gazprom, im Dezember letzten Jahres in das Projekt einzusteigen und sogar die Führungsrolle zu übernehmen. 50 Prozent plus eine Aktie Hierzu erwarb Gazprom von Royal Dutch Shell sowie von Mitsui und Mitsubishi insgesamt einen Anteil von 50 Prozent plus eine Aktie an dem Projekt. Ziel der Osteuropabank ist es, die Entwicklung der russischen Privatwirtschaft zu fördern. Dadurch gerät das Institut nahezu automatisch in Gegensatz zu Russland, das zuletzt wichtige Bereiche seiner Wirtschaft de facto renationalisiert hat. Auch deswegen setzt der Kreml, der zu den 60 Anteilshabern der 1991 gegründeten Osteuropabank zählt, mehr auf die Unterstützung staatlicher Infrastrukturprojekte. Verstaatlichungspolitik Bliebe die Osteuropabank bei ihrer Finanzierungzusage für das Sachalin-Projekt, würde sie die teilweise Nationalisierung und die zunehmende Verstaatlichungspolitik des Kreml unterstützen. "Die EBRD finanziert keine Projekte, die gerade verstaatlicht wurden", heißt es dazu aus der Bank. | Die Gangart zwischen dem Westen und Russland wird rauer: Weil der Kreml westliche Investoren aus dem Energieprojekt auf der Pazifikinsel Sachalin teilweise herausgedrängt hat, friert die Osteuropabank jetzt Kredite ein. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kreditzusage-zurueckgezogen-sachalin-skandal-verprellt-osteuropabank-1.902998 | Kreditzusage zurückgezogen - Sachalin-Skandal verprellt Osteuropabank | 00/05/2010 |
Das Geschäft mit den Telefondaten ist immer noch lukrativ - aber der Markt ist heftig umkämpft. Wer in der Ära Kohl den Außenminister anrufen wollte, musste nur zum Telefonbuch greifen. Hans-Dietrich Genscher stand drin, mit Büro- und Privatnummer - übrigens als einziges Regierungsmitglied. Detailansicht öffnen Auflage: 30 Millionen (Foto: Foto: dpa) Inzwischen ist Genscher nicht mehr im Dienst und das deutsche Telefonbuch so etwas wie ein Klassiker. Am 14. Juni feiert es 125. Geburtstag. Die Telekom-Tochter DeTe Medien lud aber schon mal vorab zur offiziellen Geburtstagsparty nach Frankfurt ein, mit viel Pomp und Prominenz und der feierlichen Versicherung, dass dies nicht der letzte runde Geburtstag des altehrwürdigen Telefonbuchs gewesen sei. Die Marge - ein Geheimnis Inzwischen kommen jährlich 125 Einzelausgaben des Telefonbuchs auf den deutschen Markt. Auflage: rund 30 Millionen Exemplare. Etwa eine Milliarde Euro Umsatz generiert der Werbemarkt für Telefon- und Branchenbücher jährlich in Deutschland. Bislang unangefochtener Marktführer ist die Telekom-Tochter DeTe Medien, mit der 38 mittelständische Verlage assoziiert sind. 10.000 Arbeitsplätze hängen unmittelbar von dem Produkt ab, indirekt sind es weitere 30.000. Wenn es um die Gewinnmargen geht, werden die Beteiligten sehr schmallippig. "Das ist sehr unterschiedlich", heißt es dann. Oder: "Das kann man schwer beziffern." Aber wer eine Geburtstagsparty im renommierten Frankfurter "Cocoon Club" des Techno-Pioniers Sven Väth feiert, einen Vier-Sterne-Koch zum Show-Cooking bestellt, eigens einen Telefonbuch-Geburtstagssong komponieren lässt und sich einen ehemaligen Außenminister Genscher als Festredner leistet, kann so knapp bei Kasse nicht sein. Bislang war die große DeTeMedien mitsamt ihrem Satellitensystem mittelständischer Verlage beinahe so etwas wie ein Monopolist im Telefonbuch-Gewerbe. Doch vor kurzem hat die Regulierungsbehörde den Kleinen den Einstieg in das gewinnträchtige Geschäft erleichtert: Statt wie früher für 49 Millionen Euro sind die Standarddaten der Telekom zu den deutschen Telefonanschlüssen inzwischen für vergleichsweise günstige 770.000 Euro zu haben. Nun drängen die Konkurrenten auf den Markt. "Wir nehmen jeden Mitbewerber sehr sehr ernst", sagt Gunther Oschmann, Gesellschafter bei Müller Media. Müller Media ist einer der größten Telefonbuchverlage in Deutschland und mischt auch im österreichischen und Schweizer Markt mit. Aber Oschmann weiß: Wer in dieser Branche nicht ständig am Ball bleibt, der kann schnell den Anschluss verlieren. Denn das Produkt Telefonbuch verändert sich seit Jahren dramatisch: Längst ist das Telefonbuch, das als "Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Beteiligten" seinen Anfang nahm, nicht mehr nur ein gedrucktes amtliches Nummernverzeichnis. Profane Herausforderungen Es ist eine multimediale Plattform: für Internet, für PDA und inzwischen auch immer öfter für Mobiltelefone. Um die Kunden bei der Stange zu halten, werden immer neue Service-Angebote implementiert sowie Suchfunktionen, etwa nach dem nächsten italienischen Lokal oder Damenfriseur. Während diese Extras sich immer mehr verbessern, hat die Branche mit der schwindenden Qualität der Basisdaten zu kämpfen. Im Jahr ändern sich durchschnittlich 30 Prozent der Datensätze. Eine Zahl, die bei der gestiegenen Mobilität in der Gesellschaft eher zu- als abnehmen dürfte. Inzwischen halten es außerdem rund sechs Prozent der Kunden für schick, nicht im Telefonbuch aufgeführt zu werden. Ein Phänomen, für das Trendforscher den Begriff des "Cocooning" geprägt haben, das Einigeln. Zudem hat die Liberalisierung des Telefonmarktes dazu geführt, dass viele Nummern im Telefonbuch fehlen. Statt wie früher zentral bei der Telekom zusammenzulaufen, verteilen sie sich heute auf eine Vielzahl von Anbietern. Von dort müssen die Daten erst wieder zusammengeführt werden. Das hat DeTeMedien in den vergangenen Jahren etwas schleifen lassen. Nun schreckt sie die Konkurrenz auf. Noch ist das Telefonbuch der DeTe Medien unangefochtener Marktführer. Einer Studie zufolge besitzen 77 Prozent aller deutschen Haushalte die aktuelle Ausgabe von "Das Telefonbuch". Die Marke hat einen Bekanntheitsgrad von 96 Prozent, eine Quote, die den Verleger Florian Langenscheidt zu der Aussage hinriss, "Das Telefonbuch" sei "Teil unserer Alltagsmythologie". Doch auch das derart weihevoll gefeierte Telefonbuch muss sich mit profanen Herausforderungen herumschlagen: Der Werbemarkt ist in den vergangenen Jahren geschrumpft. Konjunkturbarometer Von einer "Delle" spricht der Verleger Gunther Oschmann; von Einbußen in Höhe von zehn bis 15 Prozent in den vergangenen vier Jahren Klaus Mapara von der Telefonbuch-Servicegesellschaft. Die Telefonbücher sind ein sensibles Sensorium für die Konjunktur. "Wir merken sofort, wie es dem Mittelstand geht", sagt Mapara. In einigen Gegenden Ostdeutschlands ist die Lage noch so desolat, dass die Werbung die Herstellungskosten von sechs bis sieben Euro pro Telefonbuch nicht erwirtschaftet. Hier müssen die Verlage das Defizit mit dem Gewinn von Ausgaben wirtschaftlich stärkerer Regionen ausgleichen. Wenn das Telefonbuch nicht irrt, so springt die Konjunktur langsam wieder an. Verleger Oschmann verzeichnet jedenfalls für Nordbayern wieder mehr Werbung, vor allem "im konsumnahen Bereich". Obwohl der Online-Bereich beim Telefonbuch weiter wächst, schreibt die Branche das gedruckte Telefonbuch auch auf lange Sicht nicht ab. Einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos zufolge bevorzugen 36 Prozent der Deutschen immer noch das gedruckte Buch. 41 Prozent nutzen die Internet-Version, greifen aber auch immer wieder zum Print zurück. "Innovation heißt nicht gleich Substitution, sondern Diversifikation", sagte der ehemalige Außenminister Genscher bei der Feier in Frankfurt. Und dabei mag der heute 80-Jährige an sein erstes Erlebnis mit dem Telefonbuch gedacht haben: Um besser den Mädchen aus dem Fenster zusehen zu können, war der kleine Hans-Dietrich auf einen Stapel Telefonbücher gestiegen. Eine CD-Rom hätte ihm da wenig geholfen. | Das Geschäft mit den Telefondaten ist immer noch lukrativ - aber der Markt ist heftig umkämpft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/125-jahre-telefonbuch-die-ganz-grosse-nummer-1.904561 | 125 Jahre Telefonbuch - Die ganz große Nummer | 00/05/2010 |
In einer eilig zusammengestellten Mitteilung bestätigte Karstadt-Quelle am Mittwochnachmittag, was nach einer Meldung des Manager-Magazins bekannt geworden war: Finanzchef Harald Pinger verlässt überraschend den Handelskonzern. Detailansicht öffnen Der Finanzvorstand der KarstadtQuelle AG, Harald Pinger, verlässt überraschend das Unternehmen. (Foto: Foto: ddp) Nach Angaben des Unternehmens hatte sich der 46-Jährige bei der Verlängerung seines Vertrages im Oktober die Zusicherung erbeten, "eine operative Verantwortung außerhalb des Konzerns" zu suchen. Im Umfeld des Unternehmens heißt es, er habe nicht länger als Finanzvorstand tätig sein wollen, sondern habe Verantwortung für einen Geschäftsbereich übernehmen wollen. Weil dies bei Karstadt-Quelle nicht möglich sei, habe er sich für einen Wechsel entschieden. Er werde jedoch solange an Bord bleiben, bis ein Nachfolger gefunden sei. Zwist im Vorstandsbüro In Kreisen, die dem Unternehmen nahestehen, wird diese Version stark bezweifelt. Vielmehr ist die Rede davon, dass es zwischen Middelhoff und Pinger in den vergangenen Monaten wiederholt gekracht haben soll. Das Manager Magazin berichtet, dass der Finanzvorstand Gegenwart und Zukunft des Unternehmens weit weniger optimistisch einschätzt als Middelhoff. Der Vorstandschef betrachte die Sanierung des Unternehmens als weitgehend abgeschlossen. Das lange Zeit kriselnde Warenhausgeschäft hat nach seiner Überzeugung die Wende geschafft; auch in der Touristik gehe es deutlich bergauf. Die einzige Schwachstelle, die Middelhoff einräumt, ist der Versand. Fortsetzung des Konzernumbaus Um dieses Geschäftsfeld wieder auf Kurs zu bringen, hatte der Konzern vor zwei Wochen eine unerwartete Wende vollzogen: Neckermann soll an die Börse gebracht werden, und für Serviceaktivitäten rund um den Versand wird ein neuer Eigentümer gesucht. Auch einige Spezialversender stehen zum Verkauf. Im Versand will der Konzern in Zukunft sämtliche Kräfte auf Quelle konzentrieren und plant zudem einen Einstieg in den Bereich Teleshopping. Middelhoff wehrt sich seit Monaten dagegen, dass Karstadt-Quelle von einigen Seiten immer noch als "angeschlagener Handelskonzern" bezeichnet wird. Nach dem Verkauf von nahezu sämtlichen Immobilien im Wert von 5,1 Milliarden Euro sieht er das Unternehmen in der Lage, Akquisitionen für mehrere hundert Millionen Euro zu stemmen. So bemüht er sich derzeit, den Anteil der Lufthansa an der gemeinsamen Touristik-Tochter Thomas Cook zu erwerben. Für diesen Kauf müsste Karstadt-Quelle nach Schätzungen aus der Branche zwischen 500 und 800 Millionen Euro bezahlen. Spekulationen zurückgewiesen Karstadt-Quelle hat am Mittwoch sämtliche Spekulationen über ein Zerwürfnis im Vorstand zurückgewiesen. Es gebe weder gegensätzliche Auffassungen noch Meinungsverschiedenheiten im Führungsgremium, wird betont. Der Handelskonzern sucht nach eigenen Angaben bereits seit Oktober nach einem Nachfolger für Pinger. Trotzdem wurde der erst im Herbst 2007 auslaufende Vertrag Pingers bereits vor acht Wochen um drei Jahre verlängert. Ein Firmensprecher sah darin keinen Widerspruch. Mit der Vertragsverlängerung wolle man die Zeit überbrücken, bis ein Nachfolger gefunden sei, hieß es. Nach Angaben von Karstadt-Quelle werden derzeit "aussichtsreiche Gespräche" mit mehreren Kandidaten geführt. Als Favorit gilt Peter Diesch, der bei Linde zum Jahresende als Finanzchef ausscheidet. Pinger, der "Koordinator" Pinger war im Herbst 2004 von Messer Griesheim zu Karstadt-Quelle gewechselt. Das Unternehmen war damals stark insolvenzgefährdet. Pinger erwarb sich rasch große Anerkennung für sein Geschick in den Verhandlungen mit Kreditinstituten und Investmentbanken, die damals bei dem Unternehmen stark mitbestimmten. Nach dem plötzlichen Abgang des damaligen Vorstandschefs Christoph Achenbach im April 2005 übernahm Pinger im Vorstand bei Karstadt-Quelle für kurze Zeit die Rolle des "Koordinators", ehe Thomas Middelhoff auf den Chefposten rückte. Später übertrug ihm Middelhoff zusätzlich zu den Finanzen die Verantwortung für das Versandgeschäft. Dort war er Platzhalter für Marc Sommer, der zu Beginn dieses Jahres zu Karstadt-Quelle wechselte. Nach dem Abgang von Pinger ist Middelhoff gezwungen, die Führungsmannschaft zum wiederholten Mal neu zusammenzustellen. | Der Handelskonzern muss seinen Vorstand erneut umbauen: Finanzvorstand Harald Pinger verlässt überraschend das Unternehmen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ueberraschender-abgang-finanzchef-verlaesst-karstadt-quelle-1.906317 | Überraschender Abgang - Finanzchef verlässt Karstadt-Quelle | 00/05/2010 |
Die Werkstatt-Kette will noch vor der Postbank an die Börse gehen. Der ursprünglich für das dritte Quartal geplante Börsengang wird nun auf Mitte Juni vorverlegt. Die Werkstatt-Kette Auto-Teile Unger (ATU) will bereits Mitte Juni an die Börse gehen und könnte damit die Postbank überholen. Ursprünglich hatte das Unternehmen angekündigt, bis zum dritten Quartal an die Börse zu gehen. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: dpa) Nach derzeitiger Planung starte die Angebotsfrist Ende Mai oder Anfang Juni, teilte das Unternehmen mit. Ein substanzieller Anteil der Aktien soll aus einer Kapitalerhöhung stammen, sagte ATU-Chef Werner Aichinger. Mittelfristig Aufnahme in den MDax In Deutschland sollen die Aktien in einem öffentlichen Angebot an Kleinanleger verkauft werden, erklärte ATU. Außerhalb Deutschlands sei eine Privatplatzierung bei institutionellen Anlegern geplant. Zunächst soll die Aktie an der Frankfurter Börse im "Prime Standard" notiert werden. Mittelfristig sei die Aufnahme in den MDAX geplant. "Wir sehen da gute Chancen, weil wir einen hohen Streubesitz haben werden", sagte ein Sprecher. Möglicherweise sei dieses Ziel bereits im kommenden Jahr zu erreichen. Über den Umfang des Emissionsvolumens machte der Sprecher keine Angaben. Medienberichten zufolge könnte es bei rund einer Milliarde Euro liegen. ATU will nach eigenen Angaben mit dem Emissionserlös Gesellschafterdarlehen in Höhe von rund 275 Millionen Euro ablösen. Zudem sollen die Bankkredite von derzeit 491 Millionen Euro reduziert werden. Firmengründer Unger will Anteil reduzieren Die britische Beteiligungsgesellschaft Doughty Hanson will nach Auskunft des Sprechers ihren Anteil von derzeit 72 Prozent zum größten Teil oder ganz abgeben. Auch Firmengründer Peter Unger, der zur Zeit noch 19 Prozent an dem Unternehmen hält, wolle seinen Anteil reduzieren. ATU hatte sich seit der Gründung 1985 zur größten freien Werkstattkette Deutschlands entwickelt. Derzeit hat das Unternehmen 461 Filialen und will bis Jahresende weitere 26 Werkstätten in Deutschland eröffnen. ATU hatte 2003 einen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 125,4 Millionen Euro bei einem Umsatz von 1,1 Milliarden Euro erwirtschaftet und beschäftigte Ende März rund 12 300 Mitarbeiter. | Die Werkstatt-Kette will noch vor der Postbank an die Börse gehen. Der ursprünglich für das dritte Quartal geplante Börsengang wird nun auf Mitte Juni vorverlegt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/atu-schneller-als-postbank-ueberholmanoever-1.902873 | ATU schneller als Postbank - Überholmanöver | 00/05/2010 |
Schröder macht Werbung für die Ostsee-Pipeline und nebenbei auch für Russland - das Land sei ein zuverlässiger Energielieferant. Anrainerstaaten kritisieren das Projekt, und die deutsche Opposition Schröders Job als Ganzes. Für Gerhard Schröder ist Russland ein zuverlässiger Partner. Der ehemalige Bundeskanzler hat auf der Hannover Messe Werbung für die Ostsee-Pipeline gemacht, und sich zugleich auch für eine intensivere Partnerschaft mit Russland ausgesprochen. Der Zugang zu russischem Gas sei aufgrund der geographischen Lage gerade für Deutschland von besonderer Bedeutung, sagte Schröder. Russische Energielieferungen seien eine Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg in Deutschland. "Gut beraten" Zugleich hob Schröder die Zuverlässigkeit Russlands als Energielieferant hervor. Andere Gasanbieter wie etwa Katar am persischen Golf seien "nicht zuverlässiger", sagte er. "Wir wären gut beraten, diese Energiepartnerschaft auszuweiten", so Schröder weiter. Der Altkanzler Schröder ist als Aufsitzsratsvorsitzender für die russisch-deutsche Projetkfirma Nord Stream tätig. Die in der Schweiz registrierte Tochterfirma des russischen Gaskonzerns Gazprom gehört diesem zu 51 Prozent, mit je 24,5 Prozent sind die deutschen Firmen Eon Ruhrgas und Wintershall beteiligt. Der ehemalige russische Monopolist Gazprom ist heute der weltweit größte Erdgaskonzern, der russische Staat hält an dem Unternehmen die Mehrheit. Chemische Waffen in der Nähe Die Leitung der Pipeline soll wie geplant 2010 in Betrieb gehen, sagte Nord-Stream-Chef Matthias Warning bei der Präsentation auf der Messe. Schon im Sommer 2007 sollen Umweltuntersuchungen abgeschlossen sein, die jüngste Einwendungen der Ostsee-Anrainerstaaten berücksichtigen. In der Ostsee verläuft die Pipeline auf dem Meeresboden in der Nähe von Bereichen, in denen chemische Waffen und Minen gelagert wurden. Etliche Ostsee-Anrainerstaaten haben deshalb Bedenken gegen das Projekt vorgebracht. Bis Ende des Sommers will Gazprom deshalb ein Umweltgutachten vorlegen. "Indirekte Regime-Unterstützung" Unterdessen forderte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn den Altkanzler erneut auf, seinen Aufsichtsratsvorsitz bei der staatstreuen Gazprom-Tochter niederzulegen. Es gehe nicht an, dass ein ehemaliger Bundeskanzler ein Regime wie das in Russland indirekt unterstütze, argumentierte Kuhn. Hintergrund ist das erneute gewaltsame Vorgehen russischer Sicherheitskräfte gegen oppositionelle Demonstranten am Wochenende. In Moskau und St. Petersburg war es bei Demonstrationen des Oppositionsbündnisses "Ein anderes Russland" zu gewaltsamen Einschreitungen gekommen. Die russische Polizei knüppelte Hunderte Menschen nieder und nahm rund 250 Demonstranten fest, darunter den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow und Journalisten der öffentlich-rechtlichen deutschen Sendeanstalten ARD und ZDF. | Schröder macht Werbung für die Ostsee-Pipeline und nebenbei auch für Russland - das Land sei ein zuverlässiger Energielieferant. Anrainerstaaten kritisieren das Projekt, und die deutsche Opposition Schröders Job als Ganzes. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/energielieferant-russland-schroeder-ein-zuverlaessiger-partner-1.900633 | "Energielieferant Russland - Schröder: ""Ein zuverlässiger Partner""" | 00/05/2010 |
Schon seit Jahren kämpft der Ex-Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof für die Vereinfachung des Steuerrechts - jetzt hat er beste Chancen. (SZ vom 11.11.2003) — Die Drucker, neulich in Frankfurt, waren seine bisher härteste Herausforderung. Da war er nicht überzeugt, formuliert er drastisch, ob er "lebend aus der Versammlung kommen" würde. Der Steuerreformer Paul Kirchhof will die Steuerfreiheit für Sonn-, Feiertags- und Nachtzuschläge abschaffen - ein Zusatzbrot, das manche Reihenhaus-Finanzierung nährt. Bessere Welt auf Umwegen Anderswo sind die Zuhörer vornehmer, vergangenen Freitag zum Beispiel in der mit Steuerberatern und Finanzbeamten gut gefüllten Straubinger Stadthalle, aber die Dramaturgie ist ähnlich: Es herrscht eine gespannte bis angespannte Atmosphäre. Neugier auf einen, der das System ändern will. Sorge, es könne dabei an die eigene Geldbörse gehen. Und dann der Auftritt eines deutschen Staatsrechtslehrers, der mit rhetorischer Eleganz und großer Eindringlichkeit den Egoismus bekämpfen will, indem er jedem Egoisten eine bessere Welt auf Umwegen verspricht: Abgeben, um mehr zu haben, lautet die Losung im Herbst 2003. Deutschland vor der Steuerrevolution. Mindestens 150 Auftritte hat Kirchhof in diesem Jahr bereits absolviert, vor großem und kleinem Publikum, wahlweise besetzt mit Steuerprofis, Wissenschaftskollegen und mittelständischen Unternehmern. Der Hochschullehrer aus Heidelberg hat es für einen auch unter Kollegen hoch angesehenen Professor weit gebracht, nämlich zu allgemeiner Bekanntheit. Und das vor allem damit, dass er das deutsche Steuerrecht vom Kopf auf die Füße stellen will. Die Chancen dafür stehen gut. An diesem Donnerstag wird er sein Modell in Berlin vor der Bundespressekonferenz präsentieren. Während das Land unter der Massenarbeitslosigkeit ächzt, das Sozialsystem aus den finanziellen Angeln fliegt und die Konjunktur daniederliegt, öffnet sich bei den Steuern unversehens ein Reformfenster: Der Paragraphendschungel soll gelichtet werden, in dem sich niemand mehr zurecht findet, auch kein Finanzbeamter, und in dem nur noch die Ehrlichen und die Dummen Steuern zahlen. Es wäre die größte Steuerreform seit Jahrzehnten, ein Riesenwurf. Die ganz große Nummer Das Thema beginnt, eine Eigendynamik zu entwickeln, der sich - jedenfalls verbal - kein Politiker mehr zu entziehen wagt. Für die CDU hat ihr Fraktionsvize Friedrich Merz das erste Konzept auf Kirchhof-Basis vorgelegt, über das nun sogar Bundesfinanzminister Eichel reden will, der kürzlich noch gesagt hat: "Eine komplexe Gesellschaft braucht ein komplexes Steuerrecht." Die FDP ist eh dafür und die Grünen sind es wohl auch, nur der bemüht volksnahen CSU des Edmund Stoiber gehen die Vorschläge zu weit, weshalb sie sich, natürlich, eigene Gedanken macht. Nicht um die endlose Debatte um ein Vorziehen des Eichel'schen Einkommensteuer-Reförmchens geht es hier, sondern um die ganz große Nummer: um eine radikale Vereinfachung des Steuerrechts, Ende der Schonzeit für die großen und kleinen Steuerbetrüger im Land. Alle Ausnahmen sollen weg, bis auf die Abzugsfähigkeit bestimmter Spenden. Ausnahmen weg - das heißt auch: keine Entfernungspauschale und keine steuerfreien Zuschläge mehr. Jede Ausnahme hat ihre Anhänger. Bei den Zuschlägen zum Beispiel sind es nicht nur die streitbaren Drucker, sondern Kirchhof wird in Versammlungen gerne die schwer arbeitende und schlecht bezahlte Krankenschwester entgegen gehalten mit der Frage: "Herr Professor, haben Sie denn gar kein Herz mehr?" 25 Prozent — höchstens Hat er doch, sagt Kirchhof, eben gerade. Und dann beschwört er die sensationell niedrigen Steuersätze seines Systems von null bis höchstens 25 Prozent (zum Vergleich: heute liegt der Spitzensteuersatz bei 48,5 Prozent, und nach Abschluss der Eichel-Reform werden es immer noch 42 Prozent sein). 25 Prozent, das heißt: Niemand mehr in Deutschland soll mehr als ein Viertel Steuern zahlen, die meisten deutlich weniger. "Wenn ich den Leute das erkläre", sagt Kirchhof, "erkennen sie den Vorteil meines Systems und werden zugänglich." Sogar die Drucker. Wahrscheinlich redet sich Kirchhof die Welt ein bisschen schön, wenn er eine Grundstimmung durchs Land gehen fühlt, die auf Veränderung aus sei. Oder wenn er sich der Zustimmung der Politik sicher ist, nur weil fünf Bundesländer seine Forschungen finanzieren und die Minister Solidaritätsbekundungen abgeben. "Sie zerstören mein Lebenswerk" Hinter vorgehaltener Hand ist selbst bei den Geldgebern die Reserviertheit deutlich zu spüren, ob ein Systemwechsel wirklich realistisch ist. "Schon toll, was der Kirchhof auf die Beine stellt", heißt es dann, "aber ziemlich akademisch." Andere werden persönlich. "Sie zerstören mein Lebenswerk", hat ihm ein langjähriger Ministerialer gesagt, dessen Ausnahmeparagraph zur Disposition steht. Und ein Lehrbuchautor fragte ungläubig: "Braucht man dann meine ganze Kommentierung nicht mehr?" Da hat Kirchhof, der selbst Herausgeber eines respektablen Werks ist, einfach nur genickt. Und was die Steuerzahler selbst angeht: Die Steuererklärung per Chipkarte und in zehn Minuten, die Kirchhof verspricht, gibt einerseits wieder viele Sonntage frei, die bisher der Suche von Belegen und dem Stöbern in Steuerratgebern dienten, aber sie zerstört auch einen Volkssport: das Herumtüfteln des vielfach gepiesackten Staatsbürgers, ob man den Fiskus nicht zum Ausgleich ordentlich melken kann. Kann man eben nicht, sagt Kirchhof, nicht mit den kleinen Schummeleien bei den Kilometern zur Arbeit und nicht mit der einen oder anderen Krimi-Rechnung, die als Bürobedarf getarnt wird. Wovon überwiegend der Vielverdiener mit den cleveren Steuertricks profitiert. Dies zu begreifen ist wichtig. Denn Kirchhof braucht für seine Fundamentalreform die Unterstützung von unten: den Steuer-Ruck im Volk, der die Politiker treibt. Der Widerstand von oben ist ohnehin groß genug, er kommt von denen, denen Kirchhof ans Portemonnaie will. Ein echtes Viertel Weshalb er sich heftig dagegen wehrt, dass sein Modell nicht sozial sei, obwohl doch auch die Reichen nur noch 25 Prozent zahlen müssen. Dieses Viertel, sagt er, werde dann aber wirklich fällig; während heute der Steuersatz doch nur auf dem Papier stehe. Unerträglich findet er, dass Konzerne, die Dividende ausschütten können, sich gleichzeitig brüsten, keine Steuern zu zahlen. Ihnen will er ans Leder, und aus dieser Richtung kommt auch der härteste Widerstand. Wer Kirchhof in der Rolle des naiven Professors sieht, irrt. In Wirklichkeit ist der Mann sehr machtbewusst. 60 Jahre ist er alt, und er war stets von großer Zielstrebigkeit. Der Elite-Jurist aus einer Juristen-Dynastie, einer der jüngsten Professoren der Republik, war erst 44 Jahre alt, als er 1987 Bundesverfassungsrichter wurde. Die zwölfjährige Amtszeit nutzte er wie kaum ein Richter vor und nach ihm. Den Gesetzgeber trieb er vor sich her, indem er aus der Fülle der zufällig beim höchsten deutschen Gericht eingehenden Fälle geschickt jene heraussuchte, die sich zu Grundsatzentscheidungen eigneten. Seine Kritiker sehnten damals das Ende seiner Amtszeit herbei, zu dem er wieder auf die ehrenhafte, aber unverbindliche Position des deutschen Hochschullehrers zurückkehren würde. Angst vor der Vereinnahmung In der Tat: Der Professor lehrt ordentlich in Heidelberg, ist aber ansonsten unermüdlich unterwegs in Sachen Steuerreform. Denn in Karlsruhe hat der große Gestalter Kirchhof in Wirklichkeit hart gelitten: "Immer nur das Auto reparieren zu können, statt ein neues zu bauen", das war ihm zu wenig. Die neue Karosse - ein einheitliches Recht für Bürger und Unternehmen, kurz und gerecht - entstand über drei Jahre in enger Zusammenarbeit mit etwa 30 Experten aus Theorie und Praxis. "Wir kommen damit durch. Nicht in Jahren, sondern bis zum nächsten Sommer", sagt Kirchhof, weiß aber auch um eine Gefahr: "Wenn mein Konzept von einer Partei vereinnahmt wird, ist es tot." Deshalb setzt der parteilose Experte, der der Union nahe steht, auf die Bundesländer und dort vor allem auf den nordrhein-westfälischen SPD-Ministerpräsidenten Peer Steinbrück, den er in langen Gesprächen überzeugt hat. Mit Steinbrück hat er nun auch Zugang nach Berlin. Bald wird Eichel ihn empfangen, dann womöglich Schröder - dem er mit der großen Steuerreform das rettende Thema für den nächsten Bundestagswahlkampf liefern könnte. Kirchhofs Weg muss damit noch nicht zu Ende sein. Die Union hat angefragt, ob er im Frühjahr als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung stünde, wenn das Parteiengekungel das zulässt. Das wäre dann schon ein besonders feine Fußnote der Geschichte, wenn ein neuer Bundespräsident Paul Kirchhof als erste Amtshandlung das neue Steuerrecht gegenzeichnen könnte. | Schon seit Jahren kämpft der Ex-Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof für die Vereinfachung des Steuerrechts - jetzt hat er beste Chancen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/steuerreform-seiltanz-mit-der-ganz-grossen-nummer-1.899603 | Steuerreform - Seiltanz mit der ganz großen Nummer | 00/05/2010 |
Der einstigen DDR-Brause Vita Cola fiel es lange schwer, sich gegen Coca-Cola zu behaupten. Inzwischen greift sie den Weltmarktführer aber in Ostdeutschland erfolgreich an. Der Erfolg kam mit dem Retrodesign. Bequemer hätte es für Ralf Sippel, Marketingleiter von Vita Cola, gar nicht kommen können. Just zu dem Zeitpunkt, als Sippels Firma - der hessische Getränkekonzern Hassia - die Ost-Cola aufkaufte, war die Marktforschung des Vorbesitzers Brau und Brunnen fertig geworden. Detailansicht öffnen Keine eigene Flasche, keine eigene Kiste - das war lange ein Manko der Vita-Markenkommunikation. Im Bild der neue Retrolook, der einschlug. (Foto: Foto: dpa) Das war im August 2005, und der Vermarkter konnte sofort mit der Arbeit loslegen. Dazu gab es auch allen Grund. Denn die Marktforschung hatte gezeigt, dass die einstige DDR-Brause in der Bevölkerung zwar uneingeschränkt Sympathie genoss, die Werbung zum Kultgetränk von den Ostdeutschen aber als "aufgesetzt", und die dargestellten Motive als "unrealistisch" empfunden wurden. "Die Kommunikation zahlte überhaupt nicht auf den Markenkern ein", beschreibt Sippel das Problem. "Wann, wenn nicht jetzt?" hatte die damalige Agentur Tequila gefragt, nackte Männer in einen Brunnen springen und Menschen bäuchlings auf einem Einkaufswagen durch den Supermarkt segeln lassen. Der Slogan dazu versprach: "Vita Cola. Das kickt". Die Flasche kickte nicht Es blieb bei der Behauptung, denn die Flasche kickte beispielsweise überhaupt nicht. Anders als im Cola-Markt üblich, kam sie in der 08/15-Variante daher, in die sonst auch Mineralwässer oder Schorlen abgefüllt werden. Keine eigene Flasche, keine eigene Kiste - ein Manko der Vita-Markenkommunikation. "Ohne Individualgebinde kann eine Cola nicht zur Entfaltung kommen", diagnostiziert Sippel. Die Marktanteile der Brause mit dem zitronigen Geschmack schienen wie zementiert. Das war umso schlimmer, als der Absatz von Vita Cola zuvor wegen der Einführung des Dosenpfands von 80 auf 60 Millionen Liter im Jahr zweistellig abgestürzt war. Der Sturz betraf alle Anbieter. Gleichzeitig verschoben sich große Marktmengen zu den Discountern. Dort ist Vita Cola, anders als Coca-Cola, aber bisher nicht präsent. 2006 begann Sippel zu wirbeln, es wurde das Jahr der Reorganisation für die Cola mit der Ost-Historie. Im März war mit Ogilvy & Mather, Düsseldorf, zunächst eine neue Werbeagentur gefunden. In der Endausscheidung gegen die dahin engagierte WerbeagenturTequila und die Ost-Spezialisten Fritzsch + Mackat setzte sich Ogilvy mit einer Kampagne durch, die dem Markenkern der Vita Cola Ausdruck verleihen sollte. Bodenhaftung und Wir-Gefühl Statt Lifestyle, Flippigkeit und Individualität in den Vordergrund zu rücken, zeigen die Düsseldorfer junge, vitale Menschen mit Bodenhaftung und Wir-Gefühl. Der Slogan "Wild erfrischend. Mit dem Spritzer Zitrone" holte auch den extravaganten Zitronengeschmack wieder aus der kommunikativen Versenkung. Gleichzeitig bekam die braune Brause eine standesgemäße Verpackung: Seit einem halben Jahr präsentiert sich die Vita-Cola-Flasche im kultigen Retrodesign. | Der einstigen DDR-Brause Vita Cola fiel es lange schwer, sich gegen Coca-Cola zu behaupten. Inzwischen greift sie den Weltmarktführer aber in Ostdeutschland erfolgreich an. Der Erfolg kam mit dem Retrodesign. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vita-cola-reuessiert-auf-der-retrowelle-zum-erfolg-1.901653 | Vita Cola reüssiert - Auf der Retrowelle zum Erfolg | 00/05/2010 |
Seit etwa 30 Jahren berechnet die Münchener Rück den Ablauf künftiger Naturkatastrophen, das klappte bislang ganz gut - bis der Wirbelsturm "Katrina" kam. München - Das noble Hotel Le Meridien Beach Plaza liegt am westlichen Ende des Kleinstaates Monaco, in einer weit geschwungenen Bucht. Aus der obersten Etage bietet sich eine Szenerie, die aus einem exklusiven Reiseprospekt stammen könnte: strahlender Sonnenschein, makelloser Sandstrand, mächtige Palmen, tiefblaues Meer, weiße Segelschiffe. Detailansicht öffnen Münchner Rück Gebäude in München-Schwabing (Foto: Foto: dpa) Passender wäre allerdings, es zögen gewaltige Wolken auf, Sturm peitschte die Bäume, mächtige Wellen rollten heran und würfen die Boote weit ins Land hinein. Denn drinnen im Salon Zephyr, bei einer Pressekonferenz des Rückversicherers Hannover Rück, geht es um die Zerstörungen, die der Hurrikan Katrina entlang der Küste des amerikanischen Bundesstaats Louisiana angerichtet hat. Die Manager des Unternehmens hatten sich ihren Auftritt an der Cote d'Azur sicherlich anders vorgestellt. Branchenvertreter aus der ganzen Welt treffen sich dort traditionell Mitte September, um Verträge für das kommende Jahr auszuhandeln und sich selbst im besten Licht erscheinen zu lassen. Vor oder nach "Katrina" Und so verteilen die Pressedamen der Hannover Rück Manuskripte, die vor Optimismus nur so sprühen. Allerdings gesteht Vorstandschef Wilhelm Zeller in seiner Rede ein, dass die meisten Papiere mittlerweile Makulatur sind. "Jeder zweite Satz in Monaco beginnt mit 'vor Katrina' oder 'nach Katrina'", sagt er mit einem Lächeln, das leicht gequält wirkt. Zeller tritt in gehobener Freizeitkleidung auf - Polo-Shirt und helle Bundfaltenhose, weder Jackett noch Krawatte. Das ist so üblich bei dem Branchentreffen, das vor Jahrzehnten entstanden ist, als britische und französische Versicherungsmanager ihren Urlaub an der Cote d'Azur nutzten, um Geschäfte zu machen. Doch trotz des legeren Auftretens wirkt der 61-Jährige angespannt. Er weist einige skeptische Journalisten zurecht, sie sollten nicht so tun, als würde der angepeilte Jahresüberschuss des Unternehmens durch den Wirbelsturm gänzlich "ausgelöscht". Allerdings muss der Vorstandschef einräumen, dass das Unternehmen seine Gewinnvorstellungen für 2005 möglicherweise erneut reduzieren muss. Kostspieligstes Ereignis ihrer Geschichte Der Grund für die schlechte Laune: Einerseits ist klar, dass die Katastrophe sehr teuer wird. Manche Experten rechnen für die gesamte Versicherungswirtschaft bereits mit Forderungen in Höhe von 40 bis 60 Milliarden Dollar. Damit würde der Hurrikan das kostspieligste Ereignis ihrer Geschichte. An Nummer eins standen bislang die Attentate des 11. September 2001. Andererseits ist auch Wochen nach dem Wirbelsturm nicht klar, was Katrina genau kosten wird. Diese Unwissenheit ist peinlich für Unternehmen, zu deren obersten Zielen es gehört, die Gefahren dieser Welt möglichst exakt zu erfassen. Denn nur dann lassen sich diese Risiken auch professionell versichern. Großschäden durch Menschen, beispielsweise durch Terroristen, gelten dabei als weitgehend unkalkulierbar; Naturkatastrophen glaubt man jedoch relativ gut vorwegnehmen zu können. | Seit etwa 30 Jahren berechnet die Münchener Rück den Ablauf künftiger Naturkatastrophen, das klappte bislang ganz gut - bis der Wirbelsturm "Katrina" kam. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wie-rueckversicherer-risiken-aufspueren-kalkulatoren-des-untergangs-1.919447 | Wie Rückversicherer Risiken aufspüren - Kalkulatoren des Untergangs | 00/05/2010 |
2002 meldete die Cargolifter AG Insolvenz an. Nun will ihr Gründer Carl von Gablenz seinen Traum vom Fliegen doch noch wahr machen. Erst ein Riesenluftschiff, dann nur noch ein Transportballon und zum Schluss eine zerplatzte Luftblase - der Traum des selbst ernannten Luftfahrtpioniers Carl von Gablenz und seiner 72.000 begeisterten Aktionäre endete 2002 mit der Insolvenz der mit viel Brimborium gestarteten Cargolifter AG. Detailansicht öffnen Carl von Gablenz will seinen Cargolifter fliegen sehen. (Foto: Foto: AFP) Im "Luftschloss" von Brand (Brandenburg) hüpfen jetzt Sambatänzerinnen um die Wette. Doch es ist längst noch nicht ausgemacht, ob das Ferienresort Tropical Island unter dem Dach der weltweit größten freitragenden Halle dem Schicksal von Cargolifter entgehen kann. Die "Leichter-als-Luft-Technologie" Von Gablenz selbst verschwendet keinen Gedanken daran. Fast drei Jahre hat der gelernte Landwirt und studierte Jurist im Stillen am Comeback seiner Vision gearbeitet. Nun scheint es soweit zu sein. Gablenz machte öffentlich, dass er einen zweiten Versuch starten will, die "Leichter-als-Luft-Technologie" für schwere Frachttransporte praktikabel zu machen. In Berlin habe er zusammen mit einer "kleinen Kerntruppe" die CL Cargolifter GmbH & Co KgaA mit 250.000 Euro Startkapital gegründet. Das Unternehmen solle als "Cargolifter neu" die Nachfolge der Pleite gegangenen Cargolifter AG antreten, erklärte der frisch gekürte Aufsichtsratsvorsitzende. Grundkonzept in den USA entwickelt Gablenz startete seine berufliche Karriere am Boden. Beim Werkzeugmaschinenbauer Maho stieg er bis in den Vorstand auf. Nach dem Mauerfall war Gablenz für kurze Zeit Geschäftsführer eines Uhrenwerkes im thüringischen Ruhla, danach übernahm er eine Gastprofessur an der Universität in North Carolina. In den USA entwickelte er auch das logistische Grundkonzept für den Cargolifter, das das PR-Talent Gablenz dann in Deutschland mit großem Erfolg an den Markt brachte. Über 320 Millionen Euro steckten vornehmlich Kleinanleger in die Gablenzsche Vision vom Fliegen. Noch einmal 38 Millionen Euro steuerte das Land Brandenburg bei. Viel Geld, aber bei weitem nicht genug, um den Zeppelin der Neuzeit zum Fliegen zu bringen. Fliegen nur auf dem Bildschirm Mindestens noch einmal so viel Geld wäre dafür nötig gewesen. Doch Großanleger aus der Industrie zeigten Gablenz die kalte Schulter. Auch Luftfahrt-Experten warnten, dass die Technologie nie zur Produktionsreife geführt werden könne. So hob das 260 Meter lange Luftschiff statt vom Flugplatz Brand nur in den Computern seiner Konstrukteure ab. Das Menetekel hängt der Technologie und seinem ersten Protagonisten noch heute an. Dass Gablenz nun dennoch eine "zweite Luft" für den Neuanlauf verspürt, liegt nicht zuletzt an dem anhaltend großen Interesse am Cargolifter. Auf dem Flugplatz Neuhardenberg, nicht einmal 100 Kilometer von Brand entfernt, soll nach dem Willen von Lobbyisten und Bundespolitikern ein Zentrum für die Entwicklung und den Bau von Luftschiffen entstehen. Als im Mai dieses Jahres Vertreter der Branche in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin dafür warben, war der Saal brechend voll. Carl von Gablenz meldete sich damals noch nicht zu Wort. Das aber hat er jetzt nachgeholt. | 2002 meldete die Cargolifter AG Insolvenz an. Nun will ihr Gründer Carl von Gablenz seinen Traum vom Fliegen doch noch wahr machen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neuanfang-cargolifter-gruender-will-es-noch-einmal-wissen-1.905157 | Neuanfang - Cargolifter-Gründer will es noch einmal wissen | 00/05/2010 |
Die ökonomische Bilanz von Präsident Bush ist bislang gar nicht so schlecht, doch sein politischer Kurs birgt Risiken. Vor der Wahl in Amerika hatten Ökonomen eine simple Formel entwickelt: Bush ist gut für den Welthandel, Kerry für den Staatshaushalt. Der Präsident, so die Überlegung, steht in der freihändlerischen Tradition der Republikaner und wird daher am ehesten größeren protektionistischen Versuchungen widerstehen - Voraussetzung für den Erfolg der laufenden Welthandelsrunde. Sein Herausforderer würde im Falle eines Wahlsieges versuchen, an Bill Clinton und dessen Finanzminister Robert Rubin anzuknüpfen, die in den neunziger Jahren erfolgreich den Boom der New Economy für die Sanierung des Budgets genutzt hatten. Die Schablone hat zwar nie ganz gestimmt, aber sie trifft doch so weit zu, dass sich an ihr die Perspektive einer zweiten Amtszeit von George Bush für die Weltwirtschaft abschätzen lässt. Verstoß gegen alte republikanische Werte Zunächst sollte man sich vom Wahlkampfgetöse nicht täuschen lassen. Die ökonomische Bilanz der ersten Amtszeit des Präsidenten ist gar nicht so schlecht. Zwar hat Amerika in den vier Jahren netto Jobs verloren, aber das war kaum zu vermeiden nach dem Zusammenbruch der Aktienkurse und den Terroranschlägen von 2001. Eher muss man Bush und Notenbankpräsident Alan Greenspan zugute halten, dass sie nach dem 11. September eine Panik verhindert und so viel Geld in die Wirtschaft gepumpt haben, dass ein neuer Aufschwung mit zeitweise spektakulären Wachstumsraten möglich wurde. Der Preis für diesen Aufschwung ist eine exorbitante Steigerung der Verschuldung und der Ausgaben des Staates; damit verstieß der Präsident massiv gegen alte republikanische Werte. Eine Korrektur ist unabweisbar, die Frage ist nur, ob Bush sie mit der nötigen Konsequenz verfolgen kann angesichts des Kriegs im Irak und der im Wahlkampf versprochenen Steuersenkungen. Unklar ist auch noch, in welchem Umfang sich in der amerikanischen Wirtschaft Inflationspotenzial aufgebaut hat. Alles zusammen bedeutet jedenfalls Risiken für den Dollar und damit besonders für die europäische Exportwirtschaft. Auch in Sachen Welthandel sind die Perspektiven einer zweiten Amtszeit Bushs gemischt. Der Präsident hat sich zwar schon einige Sündenfälle zuschulden kommen lassen - neue Agrarsubventionen und Stahlzölle -, insgesamt hat seine Regierung den Freihandel aber gestützt. Bushs Handelsbeauftragter Robert Zoelleck ist, anders als viele Neokonservative, ein Anhänger bindender, multilateraler Regeln im Welthandel. Er ist auch in Europa als verlässlicher Partner hoch angesehen. Ob die Europäer unter einem Präsidenten Kerry einen ähnlichen Partner bekommen hätten, ist zumindest fraglich. Schäden beseitigen Die Sorgen vieler Unternehmer und Ökonomen haben daher kaum mit der eigentlichen Handelspolitik Amerikas zu tun, sondern mit der Außenpolitik. Diese hat seit der Auseinandersetzung um den Irak-Krieg schon große Kollateralschäden besonders im transatlantischen Geschäftsklima hinterlassen, auch wenn sich dies nicht in Zahlen ausdrücken lässt. Wie will man auch Misstrauen messen? Die Frage ist, ob es während einer zweiten Amtszeit Bushs gelingt, diese Schäden zu beseitigen und neue Schäden gar nicht erst entstehen zu lassen. Einen Hinweis gaben am Tag nach der Wahl die steigenden Ölpreise. Die Spekulanten wetteten offenbar darauf, dass es Bush bis auf weiteres nicht gelingen wird, den Irak zu befrieden und/oder dass seine Politik den Nahen Osten weiter destabilisieren könnte. Allgemeiner ausgedrückt: Wenn Außenpolitik in ihren Zielen unklar ist und wenn man nicht weiß, zu welchen Mitteln sie greift, wird sie auch ökonomisch schwer kalkulierbar. Auch für die Weltwirtschaft hängt es daher entscheidend davon ab, wie stark die Ideologen im nächsten Kabinett Bush sein werden - und wie ernsthaft man in Washington, Paris und Berlin an einer Verbesserung des transatlantischen Verhältnisses arbeitet. | Die ökonomische Bilanz von Präsident Bush ist bislang gar nicht so schlecht, doch sein politischer Kurs birgt Risiken. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/us-wirtschaft-eine-frage-des-vertrauens-1.905223 | US-Wirtschaft - Eine Frage des Vertrauens | 00/05/2010 |
Nach dem Crash am Neuen Markt machte die Karriere des Fondsmanagers Nebenwerte-Gurus einen Knick. Doch nun ist er wieder da: Er kauft Aktien für eine Beteiligungs-AG. Als die Kurse der Internet-Aktien noch hochschnellten, war der Fondsmanager Kurt Ochner einer der großen Stars am Neuen Markt. Manche nannten ihn "Großmeister des Geldes" oder "König der Nebenwerte", weil er mit Vorliebe auf marktenge, wenig gehandelte Papiere setzte. Detailansicht öffnen Der frühere "Pate des Neuen Marktes": Kurt Ochner. (Foto: Foto: KST Beteiligungs AG) Sein steiler Aufstieg endete jäh: Nach dem Crash am Neuen Markt kollabierte das Anlagesystem von Ochner. Bei fallenden Kursen musste er seine Titel zu Schleuderpreisen verhökern. Seine Fonds verzeichneten Verluste von 70 bis 80 Prozent. Und sein Arbeitgeber Julius Bär setzte ihn im April 2001 vor die Tür. Danach verschwand der frühere Fallschirmspringer der Bundeswehr in der Versenkung. Doch jetzt ist Ochner wieder da - und der 51-Jährige sprüht vor Optimismus. Großes Rad gedreht In der Boomzeit des Neuen Marktes verwaltete der Fondsmanager allein bei dem von ihm betreuten Julius Bär Special German Stock Fund knapp eine Milliarde Euro. Seit Ochner als Vorstandsmitglied die Engagements der Stuttgarter KST Beteiligungs AG verantwortet, muss er sich mit weniger begnügen: "Früher habe ich 20 Millionen in zwei Stunden ausgegeben, jetzt lassen wir uns 20 Tage Zeit, um zwei Millionen zu investieren", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Einer seiner ersten größeren Deals: Die Beteiligungsgesellschaft KST, bei der er seit 1. April 2004 im Vorstand ist, kaufte einen Anteil von 2,5 Prozent an der Sektkellerei Wachenheim. Auch ein paar andere Aktien habe die KST bereits erworben. "Unentdeckte Perlen am Markt" Weitere Namen nennt Ochner nicht. Nur so viel lässt er sich herauslocken: "Wir haben in einem Monat einen Wertzuwachs von etwas mehr als zehn Prozent erzielt." Seiner Ansicht gibt es noch viele "unentdeckte Perlen am Markt". Das liege auch daran, dass die Banken Firmen unterhalb eines Börsenwerts von etwa 50 Millionen Euro häufig gar nicht mehr regelmäßig analysieren ließen. Ochner gibt sich im Gespräch eher zurückhaltend: "Ich will hier nicht den großen Ankündigungsweltmeister spielen." Natürlich habe er in der Blütezeit des Neuen Marktes Fehler gemacht. "Wir waren zu vertrauenswürdig und zu gutgläubig, und das wurde oft ausgenutzt", sagt der Betriebswirt. Er werde jetzt jedes finanzielle Engagement genau prüfen und nach einem Einstieg die Unternehmen weiter begleiten. "Es reicht nicht, einfach nur in die Bücher zu schauen." Kurs verdoppelt Die Vorschusslorbeeren, die einige Anleger Ochner geben, sind gewaltig: Zunächst sollte die Maklerfirma KST Wertpapierhandels AG aufgelöst werden. Als Mitte Februar aber bekannt wurde, dass Ochner mit seiner Frankfurter Finanzfirma Starbitrage bei der KST einsteigen und sie zur KST Beteiligungs AG umwandeln wird, verdoppelte sich der Kurs des Papiers zeitweise. Derzeit läuft eine Kapitalerhöhung. Danach dürfte nach Angaben des zweiten Vorstandsmitglieds Wolfgang Rück keiner der Aktionäre - auch nicht Ochners Starbitrage - mehr als 25 Prozent der Anteile halten. Das Unternehmen wird über 13 Millionen Euro an liquiden Mitteln verfügen können. Vier Millionen sind schon angelegt. Mit 7,6 Prozent ist KST bereits an der SM Wirtschaftsberatung beteiligt. Rück kann sich gut vorstellen, mit Hilfe weiterer Kapitalmaßnahmen das Geschäft auszubauen. Nach Belieben investieren Ochner jedenfalls freut sich, wieder mitmischen zu können. Im Vergleich zu seiner Tätigkeit als Fondsmanager sieht er einen Vorteil: Fonds sind streng reguliert, mit einer Beteiligungs-AG kann er dagegen nach Belieben investieren oder es einfach sein lassen - ungestört von Mittelab- und zuflüssen wie bei Fonds. "Meine beste Zeit", sagt er deshalb, "liegt noch vor mir." Mancher Anleger, der mit ihm viel Geld verlor, könnte dies allerdings auch als Drohung auffassen. | Nach dem Crash am Neuen Markt machte die Karriere des Fondsmanagers Nebenwerte-Gurus einen Knick. Doch nun ist er wieder da: Er kauft Aktien für eine Beteiligungs-AG. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/das-comeback-des-kurt-ochner-meine-beste-zeit-liegt-noch-vor-mir-1.898086 | "Das Comeback des Kurt Ochner - ""Meine beste Zeit liegt noch vor mir""" | 00/05/2010 |
Bei seinem ersten Auftritt als Gazprom-Manager kann Gerhard Schröder sich an ein paar fast echten Kanzlermomenten erfreuen. Der größte Gaskonzern der Welt hat natürlich auch einen Saal für Pressekonferenzen. In angemessenem Abstand zum imposanten Moskauer Gazprom-Turm aus hellem Stein und dunklem Glas befindet er sich im dritten Stock eines Nebengebäudes. Es ist ein schmuckloser, nicht eben geräumiger Saal, in dem Wirtschaftsreporter normalerweise Förderziffern notieren und unübersichtliche Schaubilder betrachten. Gerhard Schröder, der den Raum mit ziemlicher Sicherheit zum ersten Mal betritt, schaut sich um. Langsam wandert sein Kopf von einer Seite zur anderen, und was er sieht, scheint ihm zu gefallen. Ganz vorn kauern die Fotografen, die ihn soeben standesgemäß mit Blitzlichtgewitter empfangen haben. In Diensten des Kremls Dahinter steht die gewohnte Mauer aus Kameras. Es sind zehn. Der Altbundeskanzler lächelt. Und er wartet. Wartet auf die Fragen der hinter der Kameramauer lauernden Reporter. Es ist Schröders erste Pressekonferenz nach dem Ausscheiden aus dem Amt. Es ist eine Heimkehr. "Ich begrüße sehr, dass Sie nachfragen", entgegnet er einem Journalisten mit englischem Akzent, der wissen will, ob Herr Schröder sich nun weniger freue über die neue Aufgabe angesichts der vielen Kritik daran. Seit wenigen Minuten ist Gerhard Schröder, der deutscher Bundeskanzler und SPD-Vorsitzender war, ganz offiziell so etwas wie ein Top-Manager. Der Aktionärsausschuss der "North European Gas Pipeline Company" hat ihn eben einstimmig zum Vorsitzenden gewählt, was Schröders Stimmung zumindest nicht trübt. "Es gibt überhaupt gar keinen Grund, über diese Aufgabe nicht erfreut zu sein", erläutert der Vorsitzende des Aktionärsausschusses, den man in Deutschland Aufsichtsrat nennen würde. Mit Kritik habe er zu leben, "gar keine Frage", sagt Schröder und spricht über "den wachsenden Bedarf an Gas und die sinkende Eigenversorgung Westeuropas", weswegen es wichtig sei, die Pipeline zu bauen. Er erklärt das alles sehr laut und sehr deutlich. Zu Schröders Linken sitzt ein blässlicher Herr namens Alexej Miller, der auf Fragen betont leise und unverständlich antwortet. Sein Auftreten sagt: Es gibt Leute, denen ich Rechenschaft schulde, aber von denen sitzt garantiert keiner hier. Er blickt gelangweilt, verzieht keine Miene, als der Altkanzler doziert, die Pipeline sei ein Projekt "dreier privater unabhängiger Gesellschaften". Miller ist Chef von Gazprom, einem Konzern, der mehrheitlich dem russischen Staat gehört und insofern Anweisungen des Kreml unbedingt Folge zu leisten hat. Es ist kein Geheimnis, dass eine Anweisung den Mann betrifft, der neben ihm sitzt und mit dem Putin so gerne Schlitten fuhr. "Meine Zusage datiert exakt vom 9.12.2005, und ich habe sie gegenüber dem russischen Präsidenten gemacht", sagt Schröder. Er will klar machen, dass er sich nicht aus dem Kanzleramt um einen neuen Job gekümmert hat und bestätigt eigentlich nur, dass er in die Dienste des Kreml getreten ist. Drei Partner bauen die Pipeline, die ab 2010 jährlich 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Deutschland pumpen soll. Je 24,5 Prozent gehören den deutschen Energieunternehmen Eon und BASF, 51 Prozent dem russischen Gazprom-Konzern. Im Aufsichtsrat vertritt Schröder aber keine der deutschen Firmen, sondern die russische Gazprom. Es sitzen, vor der Kulisse vieler blauer Gazprom-Logos, Männer neben Schröder, denen er einst wohlwollend über die Schulter blickte. Im September etwa, als Schröders Freund Putin so zufällig in den deutschen Wahlkampf platzte und den blassen Herrn Miller mit nach Berlin brachte, damit die Bosse von Gazprom, Eon und BASF den Pipeline-Deal perfekt machen. Schröder sprach damals von einem "wichtigen Beitrag zur Energieversorgung und zur Stabilität ganz Europas". Damals war er Kanzler. Heute sagt er, "dass wir nicht nur in Deutschland, sondern in Westeuropa einen wachsenden Bedarf an Gas haben und eine sinkende Eigenversorgung". An seinen Positionen habe sich nichts geändert, versichert er. Verändert hat sich nur seine Position. Schröder ist kein Politiker mehr, sondern Geschäftsmann. Die Liga der Kollegen "Die Kritik kann ich nicht nachvollziehen", antwortet er auf die Frage, ob der Politiker dem Geschäftsmann nicht ein wenig auf die Beine geholfen habe. Fest steht, dass der Geschäftsmann nun von der rhetorischen Routine des Politikers profitiert. "Dass ich allgemeiner Auffassung bin, dass die Energiepartnerschaft zwischen Russland und Deutschland für die Versorgungssicherheit in Deutschland von enormer Bedeutung ist, daraus mache ich überhaupt keinen Hehl", erläutert er. "Ich war immer dieser Auffassung. Ich bin es auch jetzt, aber das heißt nicht, dass ich an irgendwelchen Unternehmensentscheidungen in irgendeiner Form beteiligt war. Das war ich nicht." Es musste natürlich auch die Frage nach dem Geld fallen, auch wenn sie Schröder beim ersten Mal überhört. "Das hat die Gesellschafterversammlung heute beschlossen", sagt er schließlich trocken, "die Mitglieder des Shareholder-Gremiums erhalten eine Aufwandsentschädigung von 200.000 Euro, und der Vorsitzende erhält 250.000 Euro." Schröder weiß, dass er für diese Summe etwas bieten muss, dass er ein wenig wie die Manager werden muss, die neben ihm sitzen. Er sagt Sätze wie: "Wir wollen das Momentum, das wir geschaffen haben, nutzen, um die Planungen so weit wie möglich voran zu treiben." Was nicht wirklich klingt, als hätte er auf dieses Momentum sein ganzes Leben gewartet. Er spielt eben nicht nur in einer anderen Liga als die Herren neben ihm, er spielt eine andere Disziplin. Das wird klar, als sich eine BBC-Reporterin nach den ethischen Problemen seines Rollenwechsels erkundigt. Burckhard Bergmann, Vorstandschef der Eon Ruhrgas AG, springt dem neuen Kollegen ungebeten zur Seite. "Ich verstehe die Logik hinter ihrer Frage nicht", blafft er die Reporterin an, worauf Schröder gut gelaunt verkündet: "Die verstehe ich schon." Der Altkanzler hat die Lacher auf der Seite, der Ruhrgas-Mann blickt verdrossen, die Fotografen drücken ab. Das sind die Kanzlermomente im Leben des frisch gewählten Aktionärsausschuss-Vorsitzenden, und Schröder genießt sie. Natürlich nimmt der Altbundeskanzler den neuen Job trotzdem ernst. Gerade hat er sich zum Polarkreis fliegen lassen, wo er sah, wie das viele Gas eigentlich gefördert wird. Man präsentierte dem Gast den Ort Nowyj Uregnoj, eine Gazprom-Mustersiedlung im hohen Norden Westsibiriens, führte ihn in hübsche Kindergärten und Schulen. Im Deutschunterricht durften Gymnasiastinnen Schröder fragen, was er nun, da er nicht mehr Kanzler sei, eigentlich mache. "Jede freie Minute verbringe ich im Kreise der Familie", habe der geantwortet, vermeldete eine russische Agentur. Schröder, der auch als Berater für den Ringier-Verlag wirkt und bei einer New Yorker Redneragentur unter Vertrag steht, will keinesfalls, dass man ihn für gelangweilt hält. Er sei mit seiner neuen Tätigkeit "wirklich ausgelastet", entgegnet er in Moskau einem Journalisten, der nach seinen weiteren Plänen fragt. Für eine gute halbe Stunde ist er es wohl wirklich. Ungefähr so lange dauert die Pressekonferenz. | Bei seinem ersten Auftritt als Gazprom-Manager kann Gerhard Schröder sich an ein paar fast echten Kanzlermomenten erfreuen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ein-hauch-von-kanzlerschaft-unter-bossen-wird-genossen-1.905346 | Ein Hauch von Kanzlerschaft - Unter Bossen wird genossen | 00/05/2010 |
In feinem Sprühstrich, farbig auf grauem Grund, haben Unbekannte eine Hauswand im brandenburgischen Luckenwalde beschriftet: "Ihr geht mit der Welt um, als hättet Ihr eine zweite." Erinnerungen werden wach. (SZ vom 04.10.03) — In den Achtzigerjahren hatte die Sprayflaschen-Didaktik Konjunktur. Die Sprayer forderten Abrüstung, die Zusammenlegung von Häftlingen und Umweltschutz. Dann fiel die Mauer. Die Ruhe vertrieb kalte Krieger, Friedens- und Umweltaktivisten. Auf globalen Konferenzen einigten sich die Staaten auf alles mögliche: Klima- und Artenschutz, Menschen- und Frauenrechte. Die Wirtschaft verpflichtete sich selbst zu diesem und jenem, die Menschen trennten den Müll. Die Welt schien heil und in Ordnung. Kluge Strategien In Ordnung ist gar nichts. Die Menschen gehen mit der Erde nicht besser um, sie wollen es nur. Gäbe es eine zweite Welt, müssten künftige Generationen dorthin umziehen. Schon jetzt ist sicher, dass unsere Nachkommen es einmal schlechter haben werden. Die Umweltprobleme sind zwar mittlerweile erkannt und Gegenstand kluger Strategien. Doch über dieses Stadium ist die Welt nicht hinausgekommen: Die Probleme sind nur punktuell gemildert und intellektuell erfasst. Immerhin, die Strategie unserer Zeit klingt gut. Sie heißt nun "Nachhaltigkeit". Will heißen: "Verlasse die Welt so, wie du sie vorgefunden hast." Doch eine Strategie ist nur so viel wert wie die Bereitschaft, sie umzusetzen. Da hakt es. Zielkonflikte Nachhaltigkeit verträgt sich schlecht mit Bequemlichkeit und Strebsamkeit. Es gibt häufig Zielkonflikte zwischen Umweltschutz und Wachstum, zwischen Mobilität und Ökologie, zwischen Sehnsucht nach technischem Fortschritt und dem Bestreben, Ressourcen zu schützen. Wirtschaftliches Tun verändert die (Um-)Welt. Es schafft neue Produkte, neue Konsum-Möglichkeiten, auch höhere Effizienz. Der globale Wettbewerb zwingt uns dazu, dieses Tun noch zu beschleunigen. Gleichzeitig wachsen die Probleme: Die Alpengletscher haben die Hälfte ihrer Masse schon verloren, weil es wärmer wird. Doch die Atmosphäre leidet weiter. Rund jedes vierte Säugetier, schätzt das Umweltnetzwerk IUCN, ist vom Aussterben bedroht. Schlimm. Zwiespältige Gefühle Einerseits. Andererseits freuen wir uns, zum Beispiel, wenn es den Luftverkehrsunternehmen gut geht. Sie beschäftigen viele Menschen, diese Menschen verdienen Geld, das sie für Güter und Dienste ausgeben, so dass wieder andere Menschen Arbeit finden. Wir wollen deshalb nicht, dass eine weltweite Kerosinsteuer die Flüge verteuert. Wir genießen die grenzenlose Beweglichkeit- einsteigen, anschnallen, abheben. Atmosphäre? Klimaschutz? Ach was: Wir leben ja jetzt! Schön auch, dass Lebensmittel immer billiger werden. Das Kilo Schweinebraten für 4,44 Euro, der Salat ohne Geschmack, aber günstig. Überdüngung? Mastbeschleuniger? Antibiotika-Resistenzen? Ja, schon - aber so bleibt mehr Geld fürs neue Auto oder den Urlaub: Wir leben ja jetzt. Irgendwer wird das alles schon ausbaden, ein andermal. Gerecht ist das nicht. Lebens-Egoismus Nachhaltigkeit verträgt sich nicht mit dem Lebens-Egoismus. Natürlich soll ein jeder seine Lebenspläne individuell verfolgen können. Aber er übernimmt damit Verantwortung für andere und anderes. Schlimmer noch: Mit dem Drang zum Schnellergrößerbesser, der uns antreibt, ist Nachhaltigkeit nur schwer vereinbar. Sie fordert ein Leben, dessen Spuren die Natur mühelos verdauen kann, dessen Bedarf sie jederzeit wieder erzeugen kann. Bei einer wachsenden Zahl von Menschen mit ihrerseits steigenden Bedürfnissen ist das nahezu unmöglich. Geld bestimmt die Welt. Wir zahlen Steuern für Infrastruktur, Eintritt fürs Kino und den Badesee. Die "Benutzung" der Umwelt aber soll kostenlos sein? Die Menschen werden nicht aus plötzlicher Öko-Erkenntnis umdenken, sondern angesichts steigender Preise. Es geht nicht anders: Das teure Gut Natur muss teurer werden. Standortbonus Ihr Preis muss Ausdruck der Belastung sein. Das aber geht nur, wenn zumindest die Industrienationen an einem Strick ziehen - sonst wäre Umweltverschmutzung ein Wettbewerbsvorteil und eine laxe Vorschrift ein Standortbonus. Sozialreformen, Arbeitslosigkeit, Terrorismus mögen wichtige Fragen sein. Aber sie überlagern andere Probleme, die kaum weniger Aufschub dulden. Daran kann auch die Weltmacht USA nichts ändern, die den Klimaschutz leichtfertig gegen Wirtschaftswachstum tauschte. Solcherlei Kalkül mag für uns aufgehen. Nicht aber für unsere Nachfahren. Eine zweite Welt gibt es für sie nicht. | In feinem Sprühstrich, farbig auf grauem Grund, haben Unbekannte eine Hauswand im brandenburgischen Luckenwalde beschriftet: "Ihr geht mit der Welt um, als hättet Ihr eine zweite." Erinnerungen werden wach. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-zur-gerechtigkeit-folge-14-wir-leben-ja-jetzt-1.905638 | SZ-Serie zur Gerechtigkeit, Folge 14 - Wir leben ja jetzt | 00/05/2010 |
Die unerwartete Rückkehr von Premiere in den Kreis jener TV-Stationen, die die Fußball-Bundesliga in der kommenden Saison live übertragen dürfen, hat der Aktie des Bezahlsenders mächtig Schub verliehen. Um 12.00 Uhr notierte das Papier des Münchner Unternehmens mit einem Plus von 22 Prozent bei 10,08 Euro. Zuvor war der Kurs zeitweilig bis auf 10,78 Euro angestiegen. Detailansicht öffnen Sitzt nun bei der Bundesliga doch in der ersten Reihe: Premiere-Chef Georg Kofler. (Foto: Foto: dpa) Grund für die Euphorie rund um die Aktie war die überraschende Einigung zwischen Premiere und dem bisherigen Konkurrenten und Rechte-Inhaber Arena, die Bundesligaspiele der kommenden Saison im Bezahlfernsehen (Pay-TV) gemeinsam zu verbreiten. Premiere hatte im Dezember die Liverechte für die neue Bundesliga-Saison an Arena verloren, was die Aktie daraufhin abgestürzen ließ. Baustelle beseitigt Arena sah sich zuletzt allerdings dem erheblichen Druck der Deutschen Fußball Liga (DFL) ausgesetzt. Denn vor der Einigung mit Premiere hatte der neue DFL-Partner keine flächendeckende Berichterstattung in Deutschland gewährleisten können. Einen Monat vor Beginn der Bundesliga gelang es nun der DFL, die Baustelle Pay TV-Rechte zu beseitigen und bei den verunsicherten Fußball-Fans für mehr Klarheit zu sorgen. "Im Sinne der Fans ist dies eine hervorragende Lösung", sagte Liga-Präsident Werner Hackmann. Vor allem die rund 9,6 Millionen Kabel-Haushalte, die Arena bislang nicht nutzen konnten, profitieren von der Einigung. Sie können nun technisch das Angebot des neuen Bundesliga-Senders empfangen. Bisher war das nur in Nordrhein-Westfalen, Hessen und in Baden-Württemberg möglich. Bundesliga-Versorgung garantiert Jetzt ist aber laut DFL eine "flächendeckende und kostengünstige" Bundesliga-Versorgung in Deutschland über Kabel oder Satellit garantiert. "Wir haben immer darauf gedrängt, dass die Spiele der Bundesliga und der 2. Liga überall in Deutschland live zu sehen sind. Das ist nun sichergestellt", lobte Hackmann ausdrücklich die Vertriebskooperation der beiden Pay TV-Anbieter. Premiere wird die Bundesligaspiele im Netz von Kabel Deutschland (KDG) vermarkten und das Bundesliga-Programm von Arena unverändert ausstrahlen. Einzel- Abos kosten - wie bei direkter Buchung über Arena in anderen Regionen - zunächst 14,90 Euro. Bisherige Premiere-Kunden können ihren Decoder weiter benutzen. | Die unerwartete Rückkehr von Premiere in den Kreis jener TV-Stationen, die die Fußball-Bundesliga in der kommenden Saison live übertragen dürfen, hat der Aktie des Bezahlsenders mächtig Schub verliehen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bundesliga-coup-premiere-aktie-schiesst-um-20-prozent-in-die-hoehe-1.906788 | Bundesliga-Coup - Premiere-Aktie schießt um 20 Prozent in die Höhe | 00/05/2010 |
Vor genau fünf Jahren begann die Übernahmeschlacht um den Traditionskonzern Mannesmann. Es war ziemlich genau fünf Uhr, als der Brite am Nachmittag des 14. November in der 21. Etage des Düsseldorfer Hochhauses eintraf. Wie in diesem Jahr auch fiel der 14. November damals auf einen Sonntag. Detailansicht öffnen Das Dach der deutschen Vodafone-Zentrale am Düsseldorfer Mannesmann-Ufer im Jahr 2004 (unten) und im Jahr 1999 (oben). (Foto: Foto: dpa) Sollte der Mann mit der markanten Hornbrille auf einen Fünf-Uhr-Tee gehofft haben, wurde er enttäuscht. Es gab Kaffee und Mineralwasser. Und willkommen war er auch nicht. Das aber wenigstens dürfte ihm schon klar gewesen sein, als er in London seinen Lear-Jet bestiegen hatte. Zur Not auch ohne Konsens An diesem Sonntag ist es genau fünf Jahre her, dass Chris Gent nach Düsseldorf reiste, um seinem Konkurrenten Klaus Esser mitzuteilen, was er mit ihm vorhat: Er, der Chef des gerade mal 15 Jahre alten britischen Mobilfunkunternehmens Vodafone, kündigte an, dass er den mehr als hundert Jahre alten deutschen Traditionskonzern Mannesmann übernehmen wolle. Und zwar zur Not auch gegen den Willen von Konzernlenker Esser. Gent bot 43,7 Vodafone-Aktien für eine Mannesmann-Aktie an, was bei den damaligen Börsenkursen der Rekordsumme von mehr als 100 Milliarden Euro entsprach. Essers Antwort fiel so knapp wie eindeutig aus: Das Angebot sei völlig "unangemessen". Es sollte nicht das letzte sein, was im Kapitel Mannesmann/Vodafone "unangemessen" wirkte. Denn erledigt war die Sache damit nicht. Im Gegenteil. Erste feindliche Übernahme eines deutschen Unternehmens Was in den folgenden Wochen geschah, schrieb Wirtschaftsgeschichte. Von der "spektakulärsten Abwehrschlacht der deutschen Nachkriegszeit" war die Rede - ein Superlativ, der nicht weiter verwundert, denn es war die erste feindliche Übernahme eines deutschen Unternehmens überhaupt. Nach mehr als zwei Monaten heftiger Gegenwehr (die Abwehrmaßnahmen sollen Mannesmann gut 200 Millionen Euro gekostet haben) lenkte Esser Anfang Februar 2000 schließlich ein. Vodafone hatte das Angebot mehrfach nachgebessert und zahlte letztlich im Wege des Aktientauschs umgerechnet mehr als 180 Milliarden Euro. Der Mannesmann-Deal ist damit noch vor dem Zusammenschluss von Time Warner und AOL (150 Milliarden Euro) die bislang teuerste Firmenübernahme der Welt. Zwei Anlässe brachten die Geschehnisse von damals in diesem Jahr wieder in die Schlagzeilen. Einer davon war der Strafprozess, der von Januar bis Juli vor dem Düsseldorfer Landgericht stattfand. | Vor genau fünf Jahren begann die Übernahmeschlacht um den Traditionskonzern Mannesmann. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zerschlagung-ein-verhaengnisvoller-nachmittag-1.906111 | Zerschlagung - Ein verhängnisvoller Nachmittag | 00/05/2010 |
Der in die Kritik geratene Finanzexperte Paul Kirchhof hat beim Thema Steuern eine Tandem-Lösung mit Friedrich Merz vorgeschlagen. Ein Tandem macht nur Sinn, wenn beide strampeln, in die gleiche Richtung wollen und sich einig sind, wer lenkt. Ist dies bei der Einkommensteuer der Fall? Eine Analyse der beiden Steuermodelle. Im Einkommensteuerrecht ist viel von unterschiedlichen Tarifmodellen die Rede. Der Steuertarif gibt an, wie hoch die Steuerschuld unter Berücksichtigung der geltenden Steuersätze sowie der Bemessungsgrundlagen ist. Die zentralen Stellhebel sind somit die Bemessungsgrundlage und der Steuersatz. Detailansicht öffnen Angela Merkel hatte vor Kirchhof lange Zeit auf Merz gesetzt (Foto: Foto: DDP) Grund- und Arbeitnehmerfreibetrag Die Bemessungsgrundlage legt fest, auf welchen Betrag der Steuersatz angewendet wird. Derzeit gibt es für alle Steuerzahler einen Grundfreibetrag von 7664 Euro und einen Arbeitnehmerfreibetrag von 920 Euro pro Jahr. Das heißt, ein Single zahlt derzeit erst ab einem Einkommen von über 8584 Euro Steuern, eine Familie mit zwei Kindern, in der beide Elternteile arbeiten, ab 17.168 Euro. Neben Grundfreibetrag und Arbeitnehmerfreibetrag sind jedoch zur Ermittlung der Bemessungsgrundlage weitere Steuersubventionen zu berücksichtigen. Wie viele es davon gibt, ist umstritten und hängt letztlich von der Zählweise ab. Paul Kirchhof hat in diesem Zusammenhang der Zahl 418 zu Berühmtheit verholfen. Entscheidend ist nicht, wie viele Steuersubventionen es gibt. Vielmehr zählen zwei Aspekte: Zum einen gibt es mit Pendlerpauschale, Eigenheimzulage, Film- und Schifffonds zu viele Steuersubventionen, was zum Missbrauch des Systems führt. Zum anderen dienen viele Steuersubventionen insbesondere Gutverdienern. Das liegt daran, dass die meisten Abschreibungsmodelle nur bei hohen Steuersätzen attraktiv sind. So zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die zehn Prozent Top-Verdiener im Schnitt nur 23 Prozent Einkommensteuer zahlen. Status quo: Missbrauchsanfällig und ungerecht Missbrauchsanfällig ist das System, da jeder Steuerzahler versucht, möglichst von den Steuersubventionen zu profitieren - Übervorteilung nicht ausgeschlossen. Das fängt damit an, den Fahrtweg zur Arbeit sehr großzügig zu bemessen und hört damit auf, die Wohnung im Haus der Eltern als doppelte Haushaltsführung zu deklarieren. Ungerecht ist das System, da die Ausnutzungsmöglichkeiten des oft zitierten kleinen Mannes eher gering sind. Selbst wenn er eifrig Belege sammelt, kommt er in der Regel nicht über den Pauschalbetrag von 920 Euro. Sowohl Merz als auch Kirchhof wollen die Bemessungsgrundlage durch die vollständige Streichung von Steuersubventionen verbreitern. Das umfasst die Steuerbefreiung von Nacht-, Sonn- und Feiertagszuschlägen ebenso wie die Pendlerpauschale. Den derzeitigen Grundfreibetrag, bis zu dem keine Steuern zu zahlen sind, wollen sie von 7664 Euro auf 8000 Euro erhöhen. Der wesentliche Unterschied zum Status quo besteht vor allem darin, dass der Grundfreibetrag nicht nur dem Steuerzahler zusteht, sondern jedem Familienmitglied - also auch dem Baby, Kind und Jugendlichen. Die beiden Steuer-Reformer wollen außerdem den Arbeitnehmerfreibetrag erhöhen: Merz auf 1000 Euro, Kirchhof auf 2000 Euro. Mit anderen Worten: Der Single würde erst ab 9000 bzw. 10.000 Euro (8000 Euro Grundfreibetrag plus 1000 bzw. 2000 Euro Arbeitnehmerfreibetrag) und die Familie mit zwei Kindern und zwei erwerbstätigen Eltern ab 34.000 bzw. 38.000 Euro (32.000 Euro Grundfreibetrag plus 2000 bzw. 4000 Euro Arbeitnehmerfreibetrag) Steuern zahlen. Das wären monatlich über 2800 Euro bzw. 3100 Euro netto. | Der in die Kritik geratene Finanzexperte Paul Kirchhof hat beim Thema Steuern eine Tandem-Lösung mit Friedrich Merz vorgeschlagen. Ein Tandem macht nur Sinn, wenn beide strampeln, in die gleiche Richtung wollen und sich einig sind, wer lenkt. Ist dies bei der Einkommensteuer der Fall? Eine Analyse der beiden Steuermodelle. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/steuerpolitik-friedrich-kirchhof-oder-paul-merz-1.899027 | Steuerpolitik - Friedrich Kirchhof oder Paul Merz? | 00/05/2010 |
Moskau hat Michail Chodorkowskij ins Niemandsland verbannt. Doch in der sibirischen Strafkolonie JaG 14/10 dürfte der einstige Oligarch Ausnahmehäftling bleiben. Und zwar nicht nur, weil ihn jeder kennt. In allen Farben leuchten die Zeugnisse der Zivilisation. Wie Blumen auf einer Wiese beherrschen die Tüten und Folien aus Plastik ein gewaltiges Feld, vom Wind weit über die beabsichtigten Grenzen der Müllkippe hinausgetragen. Detailansicht öffnen Tristesse: Das Straflager JaG 14/10 in Krasnokamensk. (Foto: Foto: AP) Nach sieben Stunden der Fahrt über eine holprige Asphaltstrecke und fast zwei weiteren über eine Schotterpiste durch die gelbe Steppe ist es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Einer aber drängt sich auf und stimmt fröhlich: Der Dreck ist ein Vorbote der Stadt und als solcher hoch willkommen. Wenig später taucht ein Schild auf, fast wie selbst gemalt. Krasnokamensk steht darauf, was so viel heißt wie Roter Stein. Das klingt schön. Zur Linken tauchen Gräber auf, jedes Einzelne auf russische Art eingezäunt wie ein Schrebergarten. Es ist ein großer Friedhof, der sich weit in die triste Landschaft schiebt. Am Rande von Krasnokamensk erhebt sich schließlich harmlos das Uran-Bergwerk. Zwei Fördertürme sind es, die sich hinter Betonklötzen in Hellblau und Schweinchenrosa verstecken. In der Stadt selbst ist dann von Farbe nicht mehr viel zu sehen. Krasnokamensk ist eine graue Plattenbausiedlung im Nichts. Die Straßen haben hier keine Namen, jeder Block hat dafür eine Nummer. Das muss reichen. Immerhin, ein paar aufmunternde Schilder gibt es. Wie jenes, das mahnt: "Schutz der Umwelt - Schutz des Vaterlandes". Am Rande von Krasnokamensk liegt das Straflager JaG 14/10. Gefügig schmiegt es sich ins Ambiente der umliegenden Industrieruinen, an der Schranke herrscht träge Gelassenheit. Ein paar Häftlinge vom "Dorf", dem offenen Vollzug außerhalb des eigentlichen Lagers, zünden sich Selbstgedrehte an. Unter geschorenen Köpfen Pawel, dessen geschorener Kopf unter einer dunklen Wollmütze hervorlugt, zeigt mit der Hand ins Ungefähre zu den Plattenbauten, die so ähnlich aussehen wie in der Stadt, nur niedriger. "Dahinten ist er", sagt er. Er - das ist Michail Chodorkowskij, einst reichster Mann Russlands, nun Neuzugang in der Strafkolonie von Krasnokamensk. Für Chodorkowskij, den nach einem merkwürdigen Prozess wegen Betrugs und Steuerhinterziehung zu acht Jahren Lager Verurteilten, hatte die Reise am Jaroslawler Bahnhof von Moskau begonnen. Das war schon ein schlechtes Zeichen gewesen. Der im neo-altrussischen Märchenstil gehaltene Bahnhof ist Ausgangspunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Durchsagen geben Orientierung Wohin die Fahrt führen würde, hatten seine Bewacher Michail Chodorkowskij zwar nicht verraten, doch er hörte im Spezialwaggon der russischen Justizverwaltung ja die krächzenden Durchsagen an den Stationen: Perm. Da wusste der Häftling, dass der Ural naht. Nowosibirsk. Hier würde der Zug den gewaltigen Strom Ob überqueren. Irkutsk. Zum Baikalsee war es nicht mehr weit. Ulan-Ude. Angekommen im Land der Burjaten. Tschita. Fast schon China. Und dann noch weiter bis Krasnokamensk. Erst als sich die Schranke der Strafkolonie JaG 14/10 öffnete, war das Ziel für Chodorkowskij nach sechs Tagen Zugfahrt erreicht, 6500 Kilometer entfernt von Moskau, seiner Familie und seinen Anwälten. Angekommen in einer Ödnis, in der die Temperaturen im Winter unter minus 30 Grad fallen. Hierher hatten schon die Zaren ihre Gegner gejagt. Als bei Natalija Terechowa das Telefon klingelte, hatte die Anwältin gerüchteweise schon von der Ankunft des einstigen Oligarchen gehört. Chodorkowskij wolle sie sehen, sagte der Mann von der Lagerverwaltung. "Bei unserem ersten Treffen erkundigte Chodorkowskij sich nach seinen Rechten. Beklagt hat er sich nicht", berichtet Terechowa. "Intelligent und gebildet" Die rothaarige Juristin sitzt in ihrem kleinen Plattenbaubüro und blickt ein wenig ungeduldig hinter ihrem silberfarbenen Laptop hervor; der Job ist hektisch geworden in letzter Zeit. Schließlich plaudert sie aber doch über ihren neuen Mandanten, lobt ihn als "intelligent und gebildet", was ja bei der Klientel in JaG 14/10 doch eher die Ausnahme sei. | Moskau hat Michail Chodorkowskij ins Niemandsland verbannt. Doch in der sibirischen Strafkolonie JaG 14/10 dürfte der einstige Oligarch Ausnahmehäftling bleiben. Und zwar nicht nur, weil ihn jeder kennt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/chodorkowskij-in-sibirien-ein-zaungast-in-gewisser-weise-1.905125 | Chodorkowskij in Sibirien - Ein Zaungast, in gewisser Weise | 00/05/2010 |
Bald ist er da, der fünfte Band. Schwerer, dicker und wortreicher als seine Vorgänger kommt er daher und wird so manchen Postmann auf der britischen Insel zur Auslieferung am Samstag ins Schwitzen bringen - Harry Potter and the Order of the Phoenix. (SZ vom 18.6.2003) — Was muss die Frau auch immer so verdammt viel schreiben? Kann sie sich nicht kürzer fassen und zur Abwechslung mal auf das Wesentliche beschränken? Nein, kann sie offenbar nicht, und ausbaden müssen die Schreibwut der Dame J.K. Rowling nun die Postler von der Royal Mail. Maximal 16 Kilo darf so ein Zusteller von Amts wegen tragen, aber wenn ein Buch ein Kilogramm wiegt und eine halbe Million davon am kommenden Samstag auszuliefern sind, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es auf die herkömmliche Weise nicht gehen wird. Also denn: Für den fünften Harry-Potter-Band "Harry Potter und der Orden des Phönix" werden am Samstag zusätzliche Lieferwagen auf die Straße kommen, aber auch dann bleibt immer noch ein Problem. Das Buch nämlich ist nicht nur schwer, sondern auch so dick, dass es nicht durch die britischen Briefkastenschlitze passt. Da muss dann einer, wenn er unbedingt gleich am Samstag anfangen will zu lesen, aufs Shopping verzichten und daheim bleiben — damit er das Buch persönlich in Empfang nehmen kann. Drei Jahre Wartezeit So ist das, wenn Frau Rowling ein Buch schreibt, und weil sie sich diesmal länger Zeit gelassen hat, ist das Werk mit 255.000 Worten ein gutes Stück umfangreicher ausgefallen als das letzte. So viel hat selbst das Neue Testament nicht zu bieten, und dass die Abenteuer des mittlerweile nicht mehr ganz so kleinen Zauberlehrlings noch ein bisschen spannender sind als die Wasser-Nummer eines gewissen Jesus auf dem See Genezareth versteht sich von selber. Ein Phänomen wird man das schon nennen dürfen: Ein von der Stütze lebendes allein erziehendes Aschenputtel hat eine Buchidee, setzt sie um und ist bald darauf reicher als die Queen. Die bisher erschienenen vier Harry-Potter-Bücher sind weltweit fast 200 Millionen Mal verkauft worden, die Verfilmung der beiden ersten war ein Riesenerfolg. Nur "Titanic" haben noch mehr gesehen als "Harry Potter und der Stein der Weisen". Dazu die gnadenlose Kommerzialisierung, und schon wird Frau Rowling auf fast 400 Millionen Euro taxiert. Das Schreiben ist durch den märchenhaften Reichtum aber offenbar nicht leichter geworden. Früher hat die Autorin die begierige Potter-Gemeinde pünktlich jedes Jahr mit einem Buch bedient — diesmal dauerte es drei Jahre. Schreibblockade? Millionärsblues? Egal, der fünfte Band ist lieferfertig, 768 Seiten sind bereit, sich verschlingen zu lassen. Mitternachts-Treffen in der Buchhandlung In der Nacht zum Samstag wird der Verlag "Bloomsbury" die Tore seiner angeblich schwer bewachten Druckereien öffnen, über zwei Millionen Bücher werden landesweit in die Buchhandlungen gefahren werden, und viele von denen werden schon um Mitternacht öffnen. Es könnte der beste Bestseller aller Zeiten werden. Eigentlich sehr schön, dass es das noch gibt: So viel Aufregung um ein Kinderbuch, und was die Post beschweren mag, kann den kleinen und großen Lesern gar nicht umfangreich genug sein. Fast ein Wunder, dass es gelungen ist, den Inhalt bis zum Schluss geheim zu... doch welche Meldung kommt da? Tausende Exemplare des neuen Harry-Potter-Buches aus einem Lager in Nordengland gestohlen. Die Täter, nehmen wir an, haben es vor Spannung nicht mehr ausgehalten — und werden, so man sie fasst, wohl mit mildernden Umständen rechnen können. | Bald ist er da, der fünfte Band. Schwerer, dicker und wortreicher als seine Vorgänger kommt er daher und wird so manchen Postmann auf der britischen Insel zur Auslieferung am Samstag ins Schwitzen bringen - Harry Potter and the Order of the Phoenix. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/harry-potter-die-last-eines-zauberlehrlings-1.903158 | Harry Potter - Die Last eines Zauberlehrlings | 00/05/2010 |
Umsatz gleich Ertrag: So lautete bisher mehr oder weniger die Gleichung der Mobilfunkunternehmen bei Auslandsgesprächen ihrer Kunden. Da die EU diese Praxis aber nicht mehr dulden will, müssen die Anbieter jetzt ihre Kosten senken. Die Ankündigung von Vodafone, die Tarife für Handy-Telefonate im Ausland zu senken, verhindert nach Ansicht von Experten nicht eine bevorstehende branchenweite Regulierung solcher Gebühren durch die EU-Kommission. Detailansicht öffnen Wer am Mittelmeerstrand telefoniert, muss bald weniger dafür berappen. (Foto: Foto: ddp) Einig sind sich die Fachleute, dass der Kunde in Zukunft in jedem Fall durch günstigere Gebühren bei seinen Gesprächen im Ausland profitiert. In der Branche steigt aufgrund der geringeren Einnahmen im Ausland der Druck, Kosten zu senken. Der britische Mobilfunkanbieter Vodafone hatte Anfang der Woche angekündigt, seine Minutenpreise für Gespräche mit dem Handy drastisch zu senken. Bis spätestens April 2007 sollen die Preise für Mobiltelefonate im Ausland um im Durschnitt 40 Prozent verglichen mit dem vergangenen Sommer sinken. Reiseversprechen ausgeweitet Vodafone weitet mit seiner Ankündigung ein Angebot namens Reiseversprechen aus. Mit dieser Vertragsoption können Kunden bereits seit vergangenem Jahr Telefonate in bestimmten Ländern zu Inlandspreisen zuzüglich einer einmaligen Gebühr von 0,75 Euro führen. So genannte Roaming-Vereinbarungen zwischen den Betreibern von Mobilfunknetzen sorgen dafür, dass der eigene Kunde auch im Ausland über fremde Handy-Netze telefonieren kann. Wer mit seinem Telefon außerhalb seiner Heimat unterwegs ist, zahlt im Moment jedoch relativ hohe Gebühren für seine Mobilgespräche. So kostet beispielsweise ein vierminütiges Telefonat in Frankreich mit einem deutschen Handy-Laufzeitvertrag bei den hiesigen Betreibern Vodafone, T-Mobile, E-Plus und O2 in der Regel fünf Euro oder mehr. Ein Achtel des Preises Ein vergleichbares Telefongespräch lässt sich innerhalb von Deutschland derzeit schon für ein Achtel dieses Preises führen. Außerdem zahlen Telefonierer im Ausland auch bei eingehenden Gesprächen. Das sollte ursprünglich die Rechnung des Anrufers schonen, der nicht wissen kann, wo sich sein Gesprächspartner gerade aufhält. Viviane Reding sind die hohen Preise für Handy-Gespräche seit längerem ein Dorn im Auge. Die für Telekommunikation zuständige EU-Kommissarin will die Gebühren auf das Niveau von Inlandsgesprächen senken. Sie hat der Branche für diesen Sommer eine Preisverordnung angedroht, sollten die Tarife nicht in Bewegung geraten. An diesem Freitag endet die Konsultationsfrist, in der Vorschläge zum Thema unterbreitet werden können. | Umsatz gleich Ertrag: So lautete bisher mehr oder weniger die Gleichung der Mobilfunkunternehmen bei Auslandsgesprächen ihrer Kunden. Da die EU diese Praxis aber nicht mehr dulden will, müssen die Anbieter jetzt ihre Kosten senken. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/roaming-wird-billiger-ohne-goldgrube-erhoeht-sich-der-kostendruck-1.905769 | Roaming wird billiger - Ohne Goldgrube erhöht sich der Kostendruck | 00/05/2010 |
Leuchtendes Vorbild für die von der Koalition beschlossenen Vätermonate ist Schweden. Doch die Erfahrungen dort zeigen: Väter nehmen sich gerne dann frei, wann es ihnen selbst in den Kram passt. Etwa zur Fußball-Weltmeisterschaft. Schweden war das erste Land, das ein Elterngeld eingeführt hat - und die Väter durch finanzielle Anreize motivierte, sich mehr um ihre Kleinen zu kümmern. Detailansicht öffnen Auch so kann Elternurlaub aussehen: Mit Papa zu Hause vor der Glotze. (Foto: Montage: dpa/photodisc/thiessat) Nach der Geburt des Kindes kann Mutti oder Vati eine Auszeit von bis zu 16 Monaten nehmen. Wer zu Hause bleibt, bekommt großzügige 80 Prozent seines Bruottgehalts. Zum Vergleich: In Deutschland sollen es 67 Prozent des Nettolohns sein. Um die volle Unterstützung zu erhalten, muss in Schweden auch der jeweils andere Elternteil zwei Monate zu Hause bleiben. Auch diese Regelung hat Schwarz-Rot übernommen. Glaubt man derzeitigen Medienberichten, haben diese "Vätermonate" dazu geführt, dass schwedische Männer mittlerweile ebenso fleißig Kinderwägen schieben und Windeln wickeln wie die Frauen. Das "Land der weiblichen Männer" - so nannte die Zeit Schweden. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Zwar bleiben inzwischen über 80 Prozent der schwedischen Väter zumindest für einige Zeit zu Hause. Trotzdem - und entgegen anders lautender Gerüchte - ist Kindererziehung auch in Schweden vor allem Frauensache: Insgesamt entfallen lediglich 19 Prozent der freien Tage auf die Väter. "Väter gehen nur kurz an die Erziehungsfront" Ein Team aus schwedischen und deutschen Forschern hat die Auswirkungen der 1995 eingeführten "Vätermonate" für das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) untersucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd. "Die Väter gehen nur kurz an die Erziehungsfront", sagt Guido Friebel, einer der Autoren der Studie. "Und sie kümmern sich nur unwesentlich besser um ihre Kinder als vor der Reform." Denn wenn es hart auf hart kommt, müssten die Frauen ran: Sind die Kinder krank, bleiben nach wie vor in den meisten Fällen die Mütter zu Hause, nicht die Väter. Ein weiteres Problem: Die schwedische Regelung erlaubt es den Eltern, ihre Auszeiten tageweise, sogar stundenweise, zu nehmen. Und das bis zum achten Lebensjahr des Kindes. Die Folge dieser Flexibilität: Viele Väter nehmen sich nicht etwa frei, wenn es dem Wohl des Kindes dient - sondern wenn es ihnen selbst am besten in den Kram passt: zu Weihnachten und Ostern, zur Verlängerung des Sommerurlaubs oder an Brückentagen. "Das hatten die Politiker so natürlich nicht gewollt", sagt Friebel. Mit einem Auge beim Kind Im Juni 2002 blieben auffällig viele Väter zu Hause - dem Monat der Fußballweltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Auch bei anderen Sportereignissen wie der in Schweden sehr beliebten Winterolympiade stellten die Forscher diese Auffälligkeit fest. Auch die schwedischen Medien greifen das Problem immer wieder auf. "Es sind aber wohl nur einige Hunderte Männer, die das Elterngeld auf diese Weise zweckentfremden", beruhigt Friebel. | Leuchtendes Vorbild für die von der Koalition beschlossenen Vätermonate ist Schweden. Doch die Erfahrungen dort zeigen: Väter nehmen sich gerne dann frei, wann es ihnen selbst in den Kram passt. Etwa zur Fußball-Weltmeisterschaft. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/elterngeld-sei-still-papa-schaut-fussball-1.903315 | "Elterngeld - ""Sei still, Papa schaut Fußball""" | 00/05/2010 |
Da immer mehr Textilien in China gefertigt werden, steigt dort die Nachfrage nach Baumwolle. In Europa und den USA nimmt der Verbrauch allerdings ab. Der Baumwollmarkt wird von zwei Entwicklungen geprägt: Auf der einen Seite wächst der Importbedarf Chinas rasant, andererseits melden Indien und Pakistan Rekordernten, die Vorräte sind groß. Dagegen hatte der Hurrikan Katrina nur geringe Auswirkungen. Detailansicht öffnen Ein Erntehelfer in Afrika trägt einen großen Berg an Baumwolle. (Foto: Foto: AFP) Das amerikanische Agrarministerium (USDA) vermochte nur einen "geringfügigen Anstieg" der US-Baumwollpreise im Gefolge des Wirbelsturms festzustellen. Zwar seien die Ernteschäden in den von Katrina unmittelbar betroffenen Feldern zum Teil beträchtlich, doch die Hauptanbaugebiete in Georgia und anderen Regionen blieben verschont. Experten beurteilen das Baumwollangebot der USA für den Weltmarkt nach wie vor als reichlich. Welche Schäden der Hurrikan Rita nach sich ziehen könnte, war am Wochenende noch nicht erkennbar. Das Hauptaugenmerk der Spekulanten und Verbraucher gilt denn auch weiterhin den Ernten Chinas, Indiens, Pakistans und Australiens sowie dem Eigenverbrauch dieser Länder und deren Exportpolitik. Gentechnik sorgt für Rekordernten Indien steht eine Rekordernte ins Haus. Eine erweiterte Anbaufläche und höhere Erträge durch den wachsenden Einsatz genmanipulierten Saatguts werden das Ernteaufkommen in dem jetzt endenden Erntejahr 2004/05 um etwa 30 Prozent auf fast vier Millionen Tonnen in die Höhe treiben. Da der drittgrößte Produzent von Baumwolle der Welt in der Regel den weitaus größten Teil seiner Ernte für den eigenen Verbrauch beziehungsweise den Export von Baumwollgarnen und Textilien benötigt, blieb bisher nur ein kleiner Teil für den Export übrig. Das könnte sich jedoch mit dem rasch wachsenden Ernteertrag durch den Einsatz genmanipulierten Saatguts jedoch schon bald ändern. Im letzten Erntejahr steuerte der Subkontinent mit seiner Produktion zwar 15 Prozent zum weltweiten Baumwollaufkommen bei, beanspruchte aber etwa 14 Prozent dessen für den eigenen Verbrauch. Dagegen liefern die USA etwa 20 Prozent der Weltproduktion und verbrauchen nur sechs Prozent davon für sich selbst. Dagegen klaffen Produktion und Eigenbedarf in China, dem größten Baumwollproduzenten der Welt, in entgegengesetzter Richtung auseinander. Das Land produziert ein Viertel des weltweiten Baumwollangebots, verbraucht aber mittlerweile 35 Prozent der globalen Nachfrage. Chinas Importe steigen noch lange Diese Entwicklung könnte die Fantasie der Spekulanten beflügeln, wenn die derzeit hohen weltweiten Vorräte erst einmal abgebaut sind. Für 2005/06 geht das Handelsministerium in Peking von mehr als einer Verdoppelung des Einfuhrbedarfs auf mindestens drei Millionen Tonnen aus. Die eigene Ernte werde zugleich wahrscheinlich um mehr als zehn Prozent einbrechen. Chinas Baumwollimporte werden damit wohl noch auf Jahre steigen, vermuten Rohstoffanalysten. | Da immer mehr Textilien in China gefertigt werden, steigt dort die Nachfrage nach Baumwolle. In Europa und den USA nimmt der Verbrauch allerdings ab. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-serie-rohstoffe-xv-ueberangebot-drueckt-den-preis-1.920369 | SZ-Serie: Rohstoffe (XV) - Überangebot drückt den Preis | 00/05/2010 |
Googles Börsengang steht unmittelbar bevor. Die Aktien der weltweit bekannten Suchmaschine werden voraussichtlich bereits am Mittwoch erstmals unter dem Symbol GOOG an der Nasdaq gehandelt. Google hatte die US-Börsenaufsicht SEC gebeten, seine Registrierung am Dienstagnachmittag amerikanischer Zeit für wirksam zu erklären. Erst damit war die formale Voraussetzung für die größte Aktienversteigerung aller Zeiten geschaffen. De facto lief sie aber schon seit der vergangenen Woche, als die Registrierung der Bieter endete. Detailansicht öffnen Die US-Technologiebörse Nasdaq am New Yorker Times Square. (Foto: Foto: dpa) Deshalb erwarteten Beobachter am Dienstag auch ein schnelles Ende: Der Börsenkandidat warnte Interessenten, dass ihnen nach der Wirksamkeitserklärung möglicherweise nur noch eine Stunde bleibe, um ihr Gebot zu ändern. Danach müssten sie jederzeit mit einer E-mail rechnen, in der Google es akzeptiere. Neuland Üblicherweise geben Unternehmen innerhalb einer Stunde nach der Wirksamkeitserklärung ihren Aktien-Ausgabepreis bekannt. Google betrat mit seiner Versteigerung allerdings Neuland, was die Abwicklung schwieriger machte als bei einem herkömmlichen IPO. Bei der Versteigerung durften nur Amerikaner mitmachen. Sobald die Suchmaschine an der Nasdaq notiert ist, können auch Deutsche ihre Aktien kaufen. Das Unternehmen bringt insgesamt 25,7 Millionen Aktien an die Börse. 14,1 Millionen Papiere stammen aus einer Kapitalerhöhung, von den restlichen trennen sich Alteigentümer. Milliardenzuflüsse Der Ausgabepreis ergibt sich aus den Geboten während der Versteigerung; als Richtschnur hatte das Unternehmen eine Spanne von 108 bis 135 Dollar angegeben. Damit würden der Firma und den Alteigentümern bis zu 3,5 Milliarden Dollar zufließen; insgesamt wäre sie zwischen 29 und 36 Milliarden Dollar wert. Der etwas größere Konkurrent Yahoo hat derzeit eine Marktkapitalisierung von rund 38 Milliarden Dollar. In den vergangenen Tagen haben sich allerdings die skeptischen Stimmen gemehrt, die Google einen Ausgabepreis am unteren Rand der Spanne oder sogar darunter prognostizierten. | Googles Börsengang steht unmittelbar bevor. Die Aktien der weltweit bekannten Suchmaschine werden voraussichtlich bereits am Mittwoch erstmals unter dem Symbol GOOG an der Nasdaq gehandelt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/groesste-aktienversteigerung-aller-zeiten-google-vor-dem-start-an-der-boerse-1.907078 | Größte Aktienversteigerung aller Zeiten - Google vor dem Start an der Börse | 00/05/2010 |
Die Vergütung urheberrechtlich geschützter Werke soll neu geregelt werden: Die hierzu bislang vorliegenden Pläne des Justizministeriums verärgern die Künstler und erfreuen die Industrie. Wenn Frau Bundesjustizministerin nicht Bundesjustizministerin wäre, sondern die freie Autorin, Kabarettistin oder Komponistin, Werbetexterin, Schriftstellerin, Journalistin oder Übersetzerin Brigitte Zypries - wäre sie auch dann mit ihrem neuen Urheberrecht zufrieden? Wäre sie es, wenn sie von den Einnahmen leben müsste, die ihr das Gesetz zuweist, das heute im Bundesrat beraten wird? Die Ministerin stutzt und schmunzelt dann: "Vielleicht wäre ich ja berühmt ..." Berühmte Urheber mit hohen Gagen oder stolzen Honoraren freilich müssen sich keine Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen; für sie ist das Urheberrecht die Bekräftigung ihrer Bedeutung auf dem Markt. Im Kaufpreis bereits enthalten Die weniger berühmten "Kreativen" aber müssen mit den Bröseln zurechtkommen, die finanziell beim Kopieren und Speichern von urheberrechtlich geschützten Werken abfallen. Das funktioniert in der Praxis so, dass beim Kauf von Geräten, mit denen zulässige Kopien hergestellt werden (elektronische, magnetische oder optische Speicher) eine Abgabe bezahlt werden muss, die im Kaufpreis enthalten ist. Der Nutzer erwirbt also beim Kauf nicht nur das Gerät, sondern gleichzeitig auch eine gesetzliche Lizenz zum privaten Vervielfältigen. Die Lizenzgebühren werden dann von den Verwertungsgesellschaften (zum Beispiel Gema oder VG Wort) nach einem bestimmten Schlüssel verteilt. Erbitterter Streit über Details So weit das Prinzip. Über die Details und Modalitäten wird nun seit Jahren erbittert gestritten. Die einstige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin lag darüber in Fehde auch mit Kanzler Gerhard Schröder und der Industrie; sie galt als sehr urheberfreundlich. Justizministerin Brigitte Zypries hat diesen Ruf nicht. Ihr Gesetzentwurf sieht vor, dass Abgaben nicht mehr auf die Geräte entrichtet werden müssen, die zum Kopieren "bestimmt" sind. Ob Geräteabgaben bezahlt werden müssen, soll vielmehr künftig davon abhängen, ob das Gerät tatsächlich und "in nennenswertem Umfang" zum Kopieren auch benutzt wird. Führt das nicht zu endlosen Streitigkeiten, während derer dann gar kein Geld fließt? Nein, meint Ministerin Zypries. Der generelle Umfang der Nutzung der Geräte könne ja "durch Marktforschung schnell festgestellt werden". Vertrauen in die Vernunft Über die grundsätzliche Abgabepflicht und die Höhe der Abgabe müssen sich dann Verwertungsgesellschaft und Geräteindustrie einigen - oder die Sache vor Gericht und durch alle Instanzen ausfechten. Kompliziert? Nein, meint die Ministerin wieder und setzt auf die "Vernunft" der Beteiligten, sich schnell zu einigen. | Die Vergütung urheberrechtlich geschützter Werke soll neu geregelt werden: Die hierzu bislang vorliegenden Pläne des Justizministeriums verärgern die Künstler und erfreuen die Industrie. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/urheberrecht-brosamen-fuer-die-kreativen-1.903484 | Urheberrecht - Brosamen für die Kreativen | 00/05/2010 |
Kein Tag vergeht zur Zeit ohne Warnungen an den Unicredit-Chef Alessandro Profumo wegen der geplanten HypoVereinsbank-Übernahme: Schon mehrfach verbrannten sich Italienische Unternehmer in Deutschland die Finger. "So nicht, Herr Pirelli". Nach 15-monatiger Übernahmeschlacht trieb Conti-Chef Horst Urban den Angreifer aus Mailand über die Alpen zurück. Detailansicht öffnen Die Großbäckerei Kamps wurde vor drei Jahren vom weltgrößten Pastaproduzenten Kamps übernommen. (Foto: Foto: AP) Seit Leopoldo Pirelli 1991 mit der fehlgeschlagenen Attacke auf den hannoverschen Reifenhersteller Continental um ein Haar sein Konzernerbe verspielte, steht Deutschland im Ruf, für Italiener eine uneinnehmbare Festung zu sein. Gescheitert war der Dynastiepatriarch an einer geschlossen formierten Abwehrfront, die von den Aktionären über die Gewerkschaften und Politiker bis in die deutsche Finanzwelt reichte. Schwerer Schaden durch Übernahmeschlacht Pirelli zog eine bittere Lehre aus dem Debakel: "Kein Ausländer sieht in den Italienern heute den idealen Partner", so der gedemütigte Industrielle, den das Conti-Abenteuer an den Rand des Konkurses geführt hatte. Die Erinnerung an die Schmach ist in Italien noch lebendig. Fast 14 Jahre später wurde Unicredit-Chef Alessandro Profumo während seiner Übernahmeverhandlungen mit der HypoVereinsbank von seinen Landsleuten täglich an das Pirelli-Fiasko und die Gefahr lauernder "anti-italienischer Vorurteile" erinnert. In der Zwischenzeit hat eine ganze Reihe expandierender Unternehmen einen Fuß über die Alpen gesetzt. Doch Deutschland erweist sich nach wie vor als schwieriges Terrain für Investoren aus dem Süden: Im Sommer 2000 übernahm das venezianische Handelsunternehmen Coin von Metro den maroden Kölner Vollsortimenter Kaufhalle. Die 99 Billigkaufhäuser, so versicherte Vittorio Coin vor fünf Jahren noch forsch, seien "gewiss nicht das Ende der Expansion ins Ausland". An Kaufhalle die Finger verbrannt Die Kaufhalle bedeutete jedoch das Ende des 1916 gegründeten italienischen Familienkonzerns. Das missglückte Deutschland-Abenteuer kostete die zerstrittenen Brüder aus Venedig die Kontrolle über ihr Unternehmen. Vor einem Monat übernahm die Fondsgesellschaft Pai die Aktienmehrheit bei Coin. Dabei hatte auch die Mailänder Börse den Kölner Coup gefeiert. An der von Silvio Berlusconi übernommenen Kaufhauskette Standa hatte Coin gerade vorexerziert, wie man verlustreiche Warenhäuser fix auf Vordermann bringt. Doch die Annahme, die Therapie einfach bei der Kaufhalle kopieren zu können, erwies sich als fataler Trugschluss. In Deutschland kamen die Italiener mit der Schließung unrentabler Filialen nicht auf den grünen Zweig, weil sie aus bestehenden Verpflichtungen lange nicht herauskamen. Auch Mailands Prada-Konzern bereut seinen Einstieg beim Hamburger Modelabel Jil Sander. Die Sanierungsanstrengungen von Prada-Chef Patrizio Bertelli zeigen keine Wirkung. Lieber heute als morgen würde sich der Italiener von Jil Sander trennen, um den Weg für den mehrfach verschobenen Börsengang zu ebnen. Doch Käufer machen sich nach dem Platzen der Spekulationsblase auf dem Luxusmarkt rar. | Kein Tag vergeht zur Zeit ohne Warnungen an den Unicredit-Chef Alessandro Profumo wegen der geplanten HypoVereinsbank-Übernahme: Schon mehrfach verbrannten sich Italienische Unternehmer in Deutschland die Finger. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/grenzueberschreitende-fusionen-hartes-pflaster-deutschland-1.904273 | Grenzüberschreitende Fusionen - Hartes Pflaster Deutschland | 00/05/2010 |
Für die Landwirte war der diesjährige Sauna-Sommer eine Katastrophe. Doch es gibt Schutz: Wer sich mit "Wetter-Derivaten" absichert, kann abkassieren, wenn ein bestimmtes Wetter-Ereignis eintritt. (SZ vom 2.9.2003)Es war ein schlechter Sommer - das sagen zumindest die Landwirte, denn die sengende Hitze zerstörte die Ernte. Für die Eiscremehersteller dagegen war es ein guter Sommer. Die Laufkundschaft war dankbar für jede Kugel Pistazie oder Vanille. Auch die Tourismusbranche lebt vom Wetter: Schnee in den Bergen, Hitze am Strand, Regen am besten überhaupt nicht. Genauso wetteranfällig sind Brauereien, die Modebranche oder Sportartikelhersteller. Die Witterung lässt sich aber oft nur wenige Tage im Voraus erkennen - keine gute Grundlage für eine verlässliche Kalkulation. Doch die Unternehmen können sich gegen solche Unwägbarkeiten schützen: mit Wetterderivaten. Sie dienen der Absicherung gegen wetterbedingt ausbleibende Umsätze. Derivate, lateinisch: derivare - ableiten, kann man als gekaufte Gutscheine verstehen. Sie lösen Zahlungen aus, wenn ein bestimmtes Wetterereignis eintritt: etwa eine bestimmte Regenmenge, eine definierte Schneehöhe, eine konkrete Windstärke, ein Erdbeben bestimmter Stärke. Bebt die Erde in Tokio mit 5,6 Punkten auf der Richterskala, dann erhält der Derivatbesitzer die ausgehandelte Zahlung. Dabei ist egal, ob er einen materiellen Schaden erlitten hat oder nicht. Ein Markt in den Anfängen Ein Wetterderivat schützt primär gegen den Eintritt eines Ereignisses. Das ist der entscheidende Unterschied zur klassischen Versicherungspolice. "Zudem werden Derivate steuerlich und bilanztechnisch anders behandelt als Versicherungen", sagt Jürg Trüb, Wetterderivat-Experte bei Swiss Re. Interessant sind diese Finanzinstrumente im Prinzip für jeden Unternehmer, der Wetterrisiken ausgesetzt ist. "Aufgrund des Analyseaufwands lohnt sich ein Wetterderivat allerdings erst ab Risiken in Höhe von 100000 Euro", so Trüb. In den USA waren es Stromversorger, die 1997 den Handel mit Wetterderivaten starteten. Der Grund: Die Umsatzmengen der Versorger, so zeigte die Statistik, hängen von der durchschnittlichen Tagestemperatur ab. Bei 16 Grad Celsius heizen die Haushalte mehr als bei 20 Grad - und umgekehrt. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) hat bereits im Herbst 1999 die ersten börsengehandelten Wetter-Terminkontrakte (Futures auf HDD und CDD) in zehn amerikanischen Städten eingeführt. HDD steht für "Heating Degree Days", CDD für "Cooling Degree Days". Hier handelt es sich um Mess-Einheiten für Temperaturen über und unter der festgelegten Vergleichstemperatur von 18 Grad. Versorger sichern sich auf dieser Basis gegen Umsatzschwankungen durch Wetterextreme ab. Der Markt für Wetterderivate steckt dennoch erst in den Anfängen. Das Volumen der Transaktionen ist gering. "Es gibt noch keine standardisierten Produkte und es ist enorm schwierig, sich ein Preisbild zu machen, weil viel zu wenig Angebote im Markt sind", sagt Stefan Golder, Managing Consultant bei Horvath & Partner. Intransparente Preise "Zudem sind die Produkte sehr komplex; es fehlt oft die Fachkompetenz bei potenziellen Kunden." Führende Versicherungskonzerne und Großbanken sind die Hauptanbieter der Wetterderivate. Verhandelt wird meist individuell und damit außerbörslich. Die Preise werden nicht kommuniziert, der Markt ist damit sehr intransparent. Eine besondere Facette der Wetterderivate sind die so genannten Katastrophen-Bonds: Potenzielle Schäden durch Hurrikans und Erdbeben in den USA und Japan gelten unter Versicherern als Großrisiken, weil solche Katastrophen nur äußerst selten vorkommen, aber erhebliche Schäden verursachen können. Gerne verkauft die Versicherungswirtschaft die Risiken als Anleihen weiter. Diese Katastrophen-Bonds können über Fonds auch von Privatanlegern gezeichnet werden. "Eine gute Methode, um die Risiken im Portfolio noch besser zu streuen", sagt Trüb, "denn das Wetter schert sich weder um die Konjunktur noch um den Aktienmarkt." | Für die Landwirte war der diesjährige Sauna-Sommer eine Katastrophe. Doch es gibt Schutz: Wer sich mit "Wetter-Derivaten" absichert, kann abkassieren, wenn ein bestimmtes Wetter-Ereignis eintritt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/rekordhitze-schutz-gegen-wetterbedingte-umsatzausfaelle-1.903754 | Rekordhitze - Schutz gegen wetterbedingte Umsatzausfälle | 00/05/2010 |
Die internationale Wirtschaft erlebt eine Übernahmewelle wie zuletzt vor fünf Jahren, kurz bevor die New Economy im Rausch zusammenbrach. Vieles spricht dafür, dass mit dieser neuen Übernahmewelle auch die Unvernunft aus jenen Tagen zurückkehrt. In der deutschen Wirtschaft grassiert wieder das Übernahmefieber. Das Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck will den Berliner Schering-Konzern übernehmen. Linde kauft einen britischen Gashersteller, die BASF aus Ludwigshafen greift nach einem Produzenten von Katalysatoren aus Amerika, Eon will einen spanischen Stromerzeuger erwerben. Und im Ausland sieht es nicht viel anders aus. Die internationale Wirtschaft erlebt eine Übernahmewelle wie zuletzt vor fünf Jahren, kurz bevor die New Economy im Rausch zusammenbrach und die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise stürzte. Vieles spricht dafür, dass mit dieser neuen Übernahmewelle auch die Unvernunft aus jenen Tagen zurückkehrt. 70 Prozent aller Zusammenschlüsse schlagen fehl Längst ist bekannt, dass etwa 70 Prozent aller Firmenzusammenschlüsse fehlschlagen: Entweder bringen sie den Aktionären keinen Vorteil oder sie bescheren den Investoren sogar Verluste. Oft kosten sie Arbeitsplätze. Gern wird der Zusammenschluss von Daimler und Chrysler im Jahr 1998 als Beispiel für eine besonders schlechte Bilanz genannt. Der Schritt war für die Aktionäre bisher eine einzige Enttäuschung. Auch die Fusionsbilanz des Sportartikelherstellers Adidas ist mäßig. Im September 1997 übernahm er den französischen Hersteller Salomon. Die Sache ging schief und wird jetzt durch Verkauf beendet. Nun kommt ein neuer Versuch - diesmal soll es der amerikanische Konkurrent Reebok sein. Auch dieser Schritt war möglicherweise übereilt: Reebok ist ein Sanierungsfall. Gesundgeschrumpft Es gibt ein paar offensichtliche Gründe für die neue Fusionswelle: Die großen Unternehmen haben sich in der zurückliegenden Krise gesundgeschrumpft. Sie haben ihre Belegschaften verkleinert und die Schulden abgebaut; jetzt schwimmen einige von ihnen im Geld. Zudem sind die Zinsen niedrig. So lässt sich Wachstum günstig finanzieren, außerdem dürfte in einigen Fällen, zum Beispiel bei den europäischen Energiekonzernen, der Wunsch eine Rolle spielen, den Wettbewerb zu beschränken. Doch wie rational ist das alles? Oft steht hinter den Entscheidungen weniger betriebswirtschaftliche Vernunft als vielmehr allzu Menschliches: Das Ego der handelnden Konzernlenker spielt eine Rolle, ebenso häufig lassen sich Aufsichtsräte von der Begeisterung eines Strategen mitreißen, der sich selbst ein Denkmal setzen will. | Die internationale Wirtschaft erlebt eine Übernahmewelle wie zuletzt vor fünf Jahren, kurz bevor die New Economy im Rausch zusammenbrach. Vieles spricht dafür, dass mit dieser neuen Übernahmewelle auch die Unvernunft aus jenen Tagen zurückkehrt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fusionitis-rueckkehr-der-unvernunft-1.903855 | Fusionitis - Rückkehr der Unvernunft | 00/05/2010 |
Immer mehr europäische Länder wollen eine Maut - und heizen damit den Wettlauf der unterschiedlichen Erfassungs-Systeme kräftig an. Bayerns Innenminister Günther Beckstein hat ein Problem: Wegen der Autobahnmaut, so kritisiert er, rollen viel zu viele schwere Lastwagen über Bundesstraßen. Detailansicht öffnen Das steigende Verkehrsaufkommen verspricht hohe Mauteinnahmen. (Foto: Foto: dpa) Und auch Milan Simonovsky, der tschechische Verkehrsminister, kennt solche Sorgen. Weil seit Jahresbeginn in Deutschland die Spediteure zahlen müssen, schwillt in Tschechien der Transitverkehr an. Bis zu 150 Prozent, so registrierten Verkehrszähler in den Grenzgebieten, legte das Verkehrsaufkommen zu. Das aber soll sich ändern. Punkt 10 Uhr an diesem Freitag legt das Land die Konditionen offen, zu denen es den Auftrag über ein Mautsystem vergibt - um dem Zusatztransit ein Ende zu setzen und dabei noch Geld zu verdienen. Deutschland und Österreich in der Vorreiterrolle Es ist ein Pilotfall: Seit die Pioniersysteme in Österreich und Deutschland laufen, hat noch kein anderes mitteleuropäisches Land sich auf die Suche nach einem Mautsystem gemacht. "Da kommt unheimlich Bewegung rein", sagt ein Sprecher des österreichischen Mauteintreibers Asfinag. "Ein Dominoeffekt." Für die Betreiber geht es, auch wenn sie das selbst herunterspielen, um viel. Zwei grundverschiedene Systeme stehen zur Wahl: das deutsche, bei dem die Kilometer per Satellit abgerechnet werden, und das österreichische, das mit Brücken entlang der Autobahn per Mikrowelle Kilometer sammelt. Wer in Prag das Rennen macht, könnte bei künftigen Maut-Entscheidungen bessere Karten haben. Davon, so viel steht schon fest, wird es schon bald einige geben. Noch im Herbst will die Slowakei ein Mautsystem ausschreiben, kurz darauf soll Ungarn folgen. Auch in den Niederlanden konkretisieren sich die Pläne für eine Maut. Warmer Geldregen für leere Staatskassen Milliardenmeldungen aus Deutschland forcieren die Planungen noch: Nach neuesten Schätzungen des Finanzministeriums soll die Maut hier im kommenden Jahr 3,3 Milliarden Euro einspielen, 300 Millionen Euro mehr als in diesem Jahr. Jeder Monat, um den eine Maut früher eingeführt wird, bringt richtig Geld. Nur zu 60 Prozent wollen die Tschechen die Auftragsvergabe deshalb vom Preis abhängig machen. Die anderen 40 Prozent sollen sich maßgeblich danach richten, wie schnell sich das System installieren lässt. Was wiederum Betreiber wie Toll Collect hoffen lässt: Im Unterschied zum Mikrowellen-System braucht es hier im Wesentlichen die Geräte an Bord der Fahrzeuge - die Satelliten gibt es schon, das System steht schnell. Werbeversprechen der Mautbetreiber "Wir sind sicher, dass wir ein konkurrenzfähiges Angebot machen können", sagt Toll-Collect-Chef Christoph Bellmer. Das freilich glauben auch die Österreicher: "In neun Monaten hat der Auftraggeber seine Investition wieder verdient", wirbt die Wiener Kapsch AG, die für Österreichs Maut die Technik liefert. Derweil steigert Großbritannien die Phantasie der Mautkonsortien ins Unermessliche. Dort hat Verkehrsminister Alistair Darling vorige Woche die Pläne für eine Lkw-Maut gekippt. "Unsere Vorstellung von einer Maut haben sich geändert", sagte er knapp. Die Briten wollen nun eine umfassende Maut: für alle Autos -- und für alle Straßen. | Immer mehr europäische Länder wollen eine Maut - und heizen damit den Wettlauf der unterschiedlichen Erfassungs-Systeme kräftig an. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/strassenverkehr-das-sammeln-geht-weiter-1.919531 | Straßenverkehr - Das Sammeln geht weiter | 00/05/2010 |
Bei der krisengeschüttelten Karstadt-Quelle AG kommt es erneut zu einem Wechsel an der Vorstandsspitze. Konzernchef Christoph Achenbach wird durch den bisherigen Finanzvorstand Harald Pinger ersetzt. An diesem Mittwoch trifft sich der Ständige Ausschuss des Aufsichtsrats von Karstadt-Quelle in Frankfurt, um über eine Vertragsverlängerung Achenbachs zu beraten. Detailansicht öffnen Zuletzt allein: Der bisherige Karstadt-Quelle-Chef Christoph Achenbach (Foto: Foto: dpa) Wie die Süddeutsche Zeitung aus informierten Kreisen erfuhr, wird sich die Mehrheit des Gremiums gegen einen Verbleib des 46-Jährigen an der Konzernspitze aussprechen. Nachfolger soll Harald Pinger werden, der erst im Herbst 2004 vom Industriegase-Hersteller Messer Griesheim zu Karstadt-Quelle gewechselt war und dort das Finanzressort übernommen hatte. Ein Sprecher des Unternehmens wollte die Information nicht kommentieren. Geschickte Verhandlungsführung Beobachter bescheinigen dem 45-jährigen Pinger eine geschickte Verhandlungsführung mit Kreditinstituten und Investmentbanken, die bei dem angeschlagenen Handelskonzern inzwischen entscheidend mitreden. Als Kandidat für den Vorstandsvorsitz bei Karstadt-Quelle war in verschiedenen Medien zuletzt immer auch wieder der Name von Klaus Eierhoff, dem Chef des Logistikunternehmens Thiel, gefallen. Er ist ein enger Vertrauter von Thomas Middelhoff, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Karstadt-Quelle. "Ein Ablenkungsmanöver - die Würfel für Harald Pinger sind längst gefallen", heißt es in informierten Kreisen. Achenbach hatte im Juni 2004 die Nachfolge des vorzeitig ausgeschiedenen Konzernchefs Wolfgang Urban angetreten. Zuvor war er für das Versandgeschäft von Karstadt-Quelle verantwortlich gewesen. Sanierung stockt Schon kurz nach seiner Berufung tauchten erste Gerüchte über eine baldige Ablösung auf. Kritiker bemängeln, dass der Vorstand Umsatz- und Ergebnisprognosen innerhalb kurzer Zeit mehrfach nach unten korrigierte. Auch das Tempo der Sanierung ist vielen Beteiligten nicht hoch genug. | Bei der krisengeschüttelten Karstadt-Quelle AG kommt es erneut zu einem Wechsel an der Vorstandsspitze. Konzernchef Christoph Achenbach wird durch den bisherigen Finanzvorstand Harald Pinger ersetzt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kein-rueckhalt-mehr-karstadt-chef-achenbach-muss-gehen-1.906225 | Kein Rückhalt mehr - Karstadt-Chef Achenbach muss gehen | 00/05/2010 |
"Wie kann man nur so blöd sein und so etwas machen" Ein Aufenthalt im Luxushotel, drei anonyme Briefe und die Folgen: Warum dem bestbezahlten deutschen Beamten kein Politiker zu Hilfe kommt. Kein Tag wie jeder andere für ihn, dieser Dienstag. Ernst Welteke hat viel telefoniert an diesem Tag, hat Mitarbeiter empfangen, hat mit Kollegen gesprochen, hat Texte geprüft und immer wieder abgewogen, was wohl zu tun sei in der misslichen Lage, in die er da geraten ist. Detailansicht öffnen Folgenreiche Sylvester-Party (v.r.n.l.): Hans Eichel, Welteke und Bernd Fahrholz bei der Euroeinführung Sylvester 2001. (Foto: Foto: ddp) Kein schöner Tag für Welteke Der 61-Jährige hat sein geräumiges Büro im obersten Stock des Bundesbankgebäudes, hoch über dem Frankfurter Stadtteil Ginnheim. Auf seinem Schreibtisch steht ein Monitor, in dem die Meldungen der Nachrichtenagentur Reuters über das Welt- und Börsengeschehen auflaufen. Vermutlich brauchte er nicht erst auf den Schirm zu schauen, um zu wissen, dass er selber an diesem Dienstag einer der Protagonisten der Nachrichtenwelt war. Reuters meldete um 13.26 Uhr, der Vorstand der Bundesbank habe am Vormittag getagt und bereite für den Nachmittag eine neue Stellungnahme vor. Und Reuters hat an diesem Dienstag Ernst Welteke ans Telefon bekommen, und der hat erklärt: "Ich schließe einen Rücktritt nicht aus." Dass sich der Präsident der Deutschen Bundesbank überhaupt mit solch düsteren Erwägungen tragen muss, verdankt sich einer fröhlichen Silvesterfeier, der glanzvollen Nacht vom 31. Dezember 2001 auf den 1. Januar 2002. In jener Nacht wurde in Europa der Euro eingeführt, und Bernd Fahrholz, der Chef der Dresdner Bank, hatte zu diesem Anlass eine illustre Runde aus der Finanzwelt, zudem Politiker, Diplomaten und Journalisten zu einem Festchen nach Berlin geladen, und viele kamen. Unter ihnen Ernst Welteke sowie Hans Eichel, der Bundesminister der Finanzen. Karriere eines Mechanikers Die Sause wäre längst vergessen, hätte nicht am Wochenende der Spiegel berichtet, dass Welteke sich damals aus Anlass jener Feier von der Dresdner Bank ins Berliner Luxushotel Adlon einladen ließ, für vier Übernachtungen mit Ehefrau, kleinem Sohn und größerem Sohn nebst Freundin - Gesamtkosten 7661,20 Euro. Darf er das als Sachwalter des öffentlichen Wohls? Und wenn ihm schon juristisch nichts anzukreiden ist, hat er dann nicht doch politisch-moralisch einen grässlichen Fehltritt begangen - gerade er als Sozialdemokrat, als gelernter Landmaschinenmechaniker aus dem nordhessischen Korbach, der durch eine SPD-Karriere aufstieg zum hessischen Wirtschafts- und Finanzminister, zum Landesbank-Präsidenten und schließlich zum Bundesbank-Chef mit einem Jahreseinkommen von 350000 Euro? Der allmähliche Skandal Ein Skandal braute sich zusammen, Welteke erfuhr davon am Donnerstag. Der Spiegel schickte ihm Fragen zu, die er beantwortete. Am Freitag informierte ihn das Bundesfinanzministerium über das Auftauchen dreier anonymer Briefe, die sich mit den Informationen des Nachrichtenmagazins deckten. Die Couverts, aufgegeben in Frankfurt, eingetroffen am 1. April und gerichtet an Finanzminister Hans Eichel, Staatssekretär Caio Koch-Weser sowie Abteilungsleiter Jörg Asmussen, enthielten nichts als jene Rechnung des Hotels Adlon, versehen mit dem Eingangsstempel der Dresdner Bank. "Wie kann man nur so blöd sein und so etwas machen," meinte einer von Eichels Beamten. Am Samstag nahm Ernst Welteke in Punchestown bei Dublin in Irland am Treffen der EU-Finanzminister teil. Journalisten sprachen ihn dort auf die Vorwürfe an, und dann kamen ihm die verhängnisvollen Sätze über die Lippen, die er heute vielleicht gerne zurücknehmen würde. "Wenn ich an der Veranstaltung eines Dritten teilnehme und der mich dazu einlädt, dann gehe ich auch davon aus, dass die Kosten übernommen werden", sagte er und fügte provozierend hinzu: "Soll ich das selber bezahlen?" Ernst Welteke wollte weiter in die Offensive gehen und am Montag in Frankfurt eine Pressekonferenz abhalten, davon rieten ihm seine Helfer jedoch dringend ab. Statt dessen prüfte der Bundesbankvorstand den Fall, das Ergebnis war eine Erklärung von 16 Zeilen. Darin sprach Welteke von Missverständnissen und erklärte, er und die Bundesbank würden nun doch je zur Hälfte nachträglich die Kosten für seinen Berlin-Aufenthalt übernehmen. Von einer Entschuldigung oder gar von Fehlern war nichts zu lesen. Tagung am Dienstag Am Dienstag tagte der Vorstand erneut. Er besteht aus acht Männern, die alle ihre Büros auf derselben Etage haben. Vizepräsident Jürgen Stark und Chefvolkswirt Hermann Remsperger waren freilich unterwegs und deshalb per Telefon zugeschaltet. Der Vorstand ist das einzige Gremium, das den Chef kontrollieren kann, denn die Bundesbank ist politisch unabhängig. Die parteipolitische Zuordnung der Vorstandsmitglieder ist ausgewogen, jeweils drei kommen aus dem Regierungslager und der Opposition, die zwei restlichen werden als neutral eingestuft. Das Führungsgremium hält zu Welteke, ebenso die Vertretung der Belegschaft. Bernd Palsbröker, der Vorsitzende des Hauptpersonalrats, fürchtet gar "ein Kesseltreiben" und "eine Hexenjagd" gegen den Präsidenten. "Es wäre schade um ihn", meint er. Palsbröker hält dem stets umgänglichen Welteke zugute, den durch die Euro-Einführung nötigen Umbau der Bundesbank "menschlich in Ordnung" durchgeführt zu haben. Schieres Entsetzen bei den Politiker Hingegen hat die Affäre im politischen Berlin das schiere Entsetzen hervorgerufen, insbesondere da Welteke die Sache anfangs so offenkundig auf die leichte Schulter nahm. Anders als noch bei Florian Gerster, dem ebenfalls nicht sonderlich schuldbewussten Chef der Bundesagentur für Arbeit, sprang niemand dem Bundesbank-Präsidenten bei — kein Minister, kein Kanzler, kein Regierungssprecher. Gerhard Schröder sei, so war zu hören, "nicht amüsiert" und lasse sich auch in Italien, wo er seinen 60. Geburtstag feiert, detailliert über den Stand der Affäre informieren. Welteke, der bestdotierte Beamte der Republik, der mit seinem Einkommen noch weit über dem des Kanzlers liegt, habe "kein Gespür dafür, was in diesem Land los ist", ärgerte man sich im Finanzministerium. Schließlich waren die Skandal-Meldungen just an jenem Tag über die Nachrichtenagenturen getickert, als in Köln, Stuttgart und Berlin - übrigens direkt vor dem Hotel Adlon - eine halbe Million Menschen gegen die Reformen der Regierung und den "Sozialkahlschlag" demonstrierten. Eichel wird deutlich Und so rückte Hans Eichel, sonst ein Mann der vorsichtigen Worte, am Montag in aller Öffentlichkeit von Welteke ab, den er einst als dessen politischer Vormann 1991 zum Landesminister und 1999 zum Bundesbank-Chef gemacht hatte: "Was die Bundesregierung betrifft, so sind nach den Verhaltensregeln, die wir haben, solche Vorgänge nicht möglich." Soll heißen: Hätte er, Eichel, selber im Adlon genächtigt, dann müsste er jetzt als Minister zurücktreten. Dass die Regierung derart kühl reagierte, hat offenkundig aber auch mit dem angespannten Verhältnis zu tun, das - unabhängig von der Adlon-Affäre - zwischen Berlin und Frankfurt herrscht: Es geht um Kompetenzen und Macht, um die Reformpolitik der Regierung und die Zukunft einer Institution, die einst für die D-Mark stand und die im Euro-Zeitalter immer noch nach Halt und Orientierung sucht. Nordhessen unter sich Immer noch haben es Welteke und seine Vorstandskollegen nicht verwunden, dass die Regierung der Bundesbank den Personalbestand gestutzt und einen bedeutenden Teil der Bankenaufsicht entwunden hat. Eichel ärgert sich unterdessen darüber, dass der SPD-Mann Welteke, wie Eichel ein Nordhesse, immer häufiger die Politik der Regierung kritisiert und sich sogar offen einmischt, selber aber statt eines Gewinns von 3,5 Milliarden Euro, so wie im Haushalt eingeplant, nicht einmal ein Zehntel dessen nach Berlin überweist. Seltsam ist an diesem Fall, dass Weltekes Adlon-Nächte ausgerechnet jetzt publik wurden. Wer, so fragt man sich in Frankfurt wie in Berlin, hat ein Interesse daran, Welteke zu schaden, sei es aus politischen oder persönlichen Interessen heraus? Welteke selber verdächtigte zunächst das hessische Finanzministerium, das er von 1991 bis 1995 selbst geleitet hatte und das nun einem CDU-Minister untersteht — doch von dort kam ein scharfes Dementi. Dann fiel sein Verdacht auf das Bundesfinanzministerium, doch auch Eichels Büchsenspanner wehren sich heftig. Quasi als Beleg wird darauf verwiesen, der Spiegel habe Welteke bereits vor eineinhalb Wochen erstmals mit dem Fall konfrontiert, also ehe die anonymen Briefe in Berlin eintrafen - was wiederum - seltsam, seltsam - bei der Bundesbank bestritten wird. Stammt der Absender etwa aus der Bundesbank selber? Oder hat jemand bei der Dresdner Bank Welteke düpieren wollen? Auch dafür gibt es allenfalls Vermutungen. Welteke ringt mit sich Welteke ist tief getroffen durch all diese Umstände, zumal auch seine Familie so tief involviert ist. Er hält sich für einen rechtschaffenen Menschen und rätselt, wer ihm da schaden möchte. Am Dienstag rang er, wie aus seiner Umgebung verlautete, mit sich um seinen Rücktritt. Der Nachmittag brachte eine neue Schreckensmeldung: die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Egal, wie lange Welteke sich noch hält: in Berlin hat bereits die Suche nach einem potenziellen Nachfolger begonnen. Jürgen Stark wird genannt, der derzeitige Vize: fachlich der Beste, doch ein CDU-Mann. Auch der Name Hans Eichel taucht auf. Macht der Finanzminister, der im Kabinett keinen guten Stand mehr hat, sich Hoffnungen? "Das ist totaler Quatsch", heißt es im Ministerium. Vor zwei Wochen wurde Ernst Welteke in Frankfurt bei der Vorlage der Bundesbank-Bilanz nach seinem Verhältnis zu Hans Eichel gefragt. Er grinste kurz und sagte nur: "Wir kennen uns seit 40 Jahren." | Ein Aufenthalt im Luxushotel, drei anonyme Briefe und die Folgen: Warum dem bestbezahlten deutschen Beamten kein Politiker zu Hilfe kommt. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wie-kann-man-nur-so-bloed-sein-und-so-etwas-machen-spaete-quittung-fuer-vier-berliner-naechte-1.903909 | """Wie kann man nur so blöd sein und so etwas machen"" - Späte Quittung für vier Berliner Nächte" | 00/05/2010 |
Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr mit einer deutlich niedrigeren Neuverschuldung als bisher bekannt. Die Nettokreditaufnahme wird laut Regierungskreisen aus heutiger Sicht eine Größenordnung von 15 Milliarden Euro erreichen. Laut Haushaltsplan will der Bund im laufenden Jahr neue Darlehen im Volumen von 19,6 Milliarden Euro aufnehmen. Selbst Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hatte allerdings bereits eingeräumt, dass diese Zahl wohl zu hoch gegriffen sei. Er sprach zuletzt von "unter 18 Milliarden Euro". Grund für die positive Entwicklung sind unter anderem die unerwartet kräftig sprudelnden Steuereinnahmen. Allein im Februar verbuchten Bund, Länder und Gemeinden im Vergleich zum Vorjahresmonat ein Plus von 16,7 Prozent. Die Lohnsteuer legte um 6,1 Prozent, die Mehrwertsteuer gar um 22,8 Prozent zu. Am stärksten profitierte der Bund, dessen Einnahmen um fast 25 Prozent auf 15,4 Milliarden Euro stiegen. Die Länder kamen auf 15,6 Milliarden Euro und erhielten damit zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Zuwächse beruhten allerdings zum Teil auf Umsätzen aus dem Weihnachtsgeschäft. Hinzu kamen höhere Steuervorauszahlungen der Unternehmen für 2007. "Der Februar lief gut, die Entwicklung ist allerdings durch Sonderfaktoren spürbar überzeichnet", hieß es in Koalitionskreisen. Auch ein Sprecher Steinbrücks warnte, es sei noch "zu früh, um die Einnahmeentwicklung auf das Gesamtjahr hochzurechnen". Genaueren Aufschluss werde erst die nächste offizielle Steuerschätzung im Mai geben. Für den Finanzminister kommen die guten Zahlen zur Unzeit, was auch seine öffentliche Zurückhaltung erklärt: Er fürchtet mit Blick auf die laufenden Verhandlungen über den Haushalt 2008, dass der Rückgang der Neuverschuldung die Bundesministerien und die Fachpolitiker der Koalition zu vermehrten Ausgabenwünschen ermuntern wird. Das Innen-, das Verteidigungs- und das Entwicklungshilfeministerium haben intern bereits mehr Geld verlangt. Steinbrück dürfte es schwerhaben, alle Zusatzwünsche abzuwehren. Das gilt umso mehr, als derzeit immer mehr Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen für 2007 und 2008 anheben. Mehr Einnahmen, weniger Ausgaben Für Bund und Länder bedeutet das noch einmal zusätzliche Einnahmen bei gleichzeitig sinkenden Ausgaben für die Arbeitslosigkeit. Steinbrück will sich am Freitag bei einem Haushaltsgipfel der Koalition von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Rückendeckung für seinen Konsolidierungskurs holen. Steuerschätzer halten indes selbst die regierungsintern gehandelte Kreditsumme von 15 Milliarden Euro noch für zu hoch. "Ich gehe angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung für 2007 eher von zwölf Milliarden Euro aus", sagte Dieter Vesper vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Er erwartet zudem, dass Bund, Länder und Gemeinden das gesamtstaatliche Haushaltsdefizit auf weniger als ein Prozent der Wirtschaftsleistung werden drücken können. "0,9 oder 0,8 Prozent sind durchaus realistisch", so Vesper. 2006 hatte das Defizit bei 1,7 Prozent gelegen, nachdem Deutschland zuvor viermal in Folge die Drei-Prozent-Grenze des europäischen Stabilitätspakts verletzt hatte. Ursprünglich nicht berücksichtigte Ausgaben Allerdings bestehen auch für 2007 und 2008 noch beträchtliche Haushaltsrisiken, die bisher in keinem Finanztableau auftauchen: So muss sich der Bund weiter in ursprünglich nicht vorgesehener Höhe an den Kosten für die Unterkunft Langzeitarbeitsloser beteiligen. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für die gesetzliche Krankenversicherung und die Entwicklungshilfe, während die Zahlungen der Bundesanstalt für Arbeit an den Bund sinken. Das Gesamtrisiko beziffern Haushälter der Koalition derzeit mit zehn bis zwölf Milliarden Euro. Noch unübersichtlicher wird es in den Jahren 2009 bis 2011, für die Steinbrück mit dem Haushaltsentwurf 2008 eine Grobplanung vorlegen muss. "2009 wird aus der Schlechtwetterperiode für die Finanzpolitik ein richtiger Sturm", sagte der haushaltspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Steffen Kampeter (CDU) der Süddeutschen Zeitung. Deshalb müsse Steinbrück bereits heute zusätzlich sparen und zudem das Bekenntnis abgeben, die Neuverschuldung des Bundes bis 2011 möglichst auf null herunterzufahren. "Je eher wir den Haushaltsausgleich schaffen, desto besser sind wir für den Sturm gerüstet", so Kampeter. Ähnlich äußerte sich sein SPD-Kollege Carsten Schneider. "Wir sollten 2011 nahe null sein", sagte er. Mit Blick auf die auch von Kampeter genannten Haushaltsrisiken äußerte er allerdings Zweifel, dass dieses Ziel allein über Steuermehreinnahmen zu erreichen sei. | Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr mit einer deutlich niedrigeren Neuverschuldung als bisher bekannt. Die Nettokreditaufnahme wird laut Regierungskreisen aus heutiger Sicht eine Größenordnung von 15 Milliarden Euro erreichen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gute-haushaltslage-bund-braucht-deutlich-weniger-kredite-1.902640 | Gute Haushaltslage - Bund braucht deutlich weniger Kredite | 00/05/2010 |
Nach den führenden Wirtschaftsinstituten senkt jetzt auch das Ministerium für Wirtschaft seine Konjunkturprognose für 2004 auf 1,5 Prozent. Die Bundesregierung hat ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 1,7 auf 1,5 Prozent gesenkt. Dennoch befinde sich Deutschland am Beginn eines Aufschwungs, sagte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement bei der Vorstellung der neuen Vorausschätzung. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: ddp) Der Einstieg in den Aufschwung? Die Zahl der Arbeitslosen werde jedoch nur um 20.000 zurückgehen, die Erwerbstätigkeit noch um etwa 80.000 Personen unter Vorjahresniveau liegen. "Es ist noch nicht genug, aber es ist ein Einstieg", sagte Clement zur wirtschaftlichen Entwicklung. Für das kommende Jahr gehe die Regierung von einer Wachstumsrate von 1,8 Prozent aus. Damit ist sie optimistischer als die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, die in ihrem Frühjahrsgutachten für 2004 und 2005 jeweils 1,5 Prozent Wachstum erwarten. "Die Voraussetzungen sind jetzt günstig, die Weltwirtschaft brummt, die Situation hellt sich auf", sagte der Minister. EU-Stabilitätspakt wird in 2005 eingehalten Anders als die Forschungsinstitute erwarte die Regierung auch, dass Deutschland im nächsten Jahr wieder den EU-Stabilitätspakt einhält. "Jawohl, wir gehen davon aus, dass wir das Ziel erreichen", sagte Clement. Er rechne damit, dass die Defizitquote 2005 auf 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gedrückt werden können und damit wieder unter die Drei-Prozent-Marke des Stabilitätspaktes. Über Maßnahmen dafür könne erst nach der Steuerschätzung im Mai gesprochen werden. Es werde alles getan, um das Defizitkriterium einzuhalten. Er halte das von den Instituten hierfür geforderte 12-Milliarden Sparpakt für nicht notwendig und zur Zeit auch nicht für richtig. Ebenfalls falsch und unnötig sei es zudem, jetzt, "wo die Konjunktur anspringt", über Konjunkturprogramme zu reden. Wachsen durch Export Das Wachstum werde zunächst zwar vor allem durch die Außenwirtschaft getragen. Durch die steuerlichen Entlastungen und eine günstigere Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt werde aber auch der private Konsum zunehmend gestärkt. Außerdem werde die EU-Osterweiterung sich fast wie ein Konjunkturprogramm auswirken. Keinen Bedarf sieht Clement ferner für weitere Zinsschritte der Europäischen Zentralbank (EZB). Auf die Frage, ob er sich eine Unterstützung des Wachstums durch die Geldpolitik der EZB wünsche, sagte er: "Keine Wünsche — jetzt nicht". Der Arbeitsmarkt braucht Zeit Auf dem Arbeitsmarkt rechnet die Regierung nur mit einer langsamen Besserung. "Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich die Umsetzung des Hartz-Konzeptes in Verbindung mit der konjunkturellen Belebung in einer höheren Beschäftigung bemerkbar macht", sagte Clement. Das erwartete Minus von 20.000 bei den Arbeitslosen ist noch pessimistischer als die Vorausschätzung der Institute, die 2004 einen Rückgang um 44.000 auf 4,33 Millionen Arbeitslose erwarten. | Nach den führenden Wirtschaftsinstituten senkt jetzt auch das Ministerium für Wirtschaft seine Konjunkturprognose für 2004 auf 1,5 Prozent. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konjunktur-die-regierung-folgt-den-instituten-1.905411 | Konjunktur - Die Regierung folgt den Instituten | 00/05/2010 |
Das neue iPhone von Apple hat den Verkaufsstart noch vor sich, das neue Handy von HTC ist schon da. Ums iPhone ist eine wahre Hysterie ausgebrochen, das HTC-Handy kennt eigentlich kein Mensch. Dabei sehen die beiden Mobiltelefone fast gleich aus. Peter Chou weiß um die Bedeutung seiner Rede. Der Taiwanese steht im Anzug mit offenem Hemd auf der Bühne eines schummrig beleuchteten Nachtclubs am Leicester Square in London. Vor Journalisten zeigt der Chef des asiatischen Auftragsfertigers HTC hier das neueste Produkt. Eigentlich kein besonderer Anlass. Doch das neue Handy ähnelt von Gestaltung und Bedienerfreundlichkeit verblüffend dem iPhone von Apple, also jenem Gerät, um das in den Vereinigten Staaten kurz vor dem Verkaufsstart am Freitag eine regelrechte Hysterie ausgebrochen ist. Für das Gerät hat HTC einen starken Partner: Microsoft, den weltweit größten Softwarehersteller und Gegenspieler von Apple. Den Augenblick der Produktvorstellung hat Chou daher mit Bedacht gewählt: Das HTC-Handy wird vor dem iPhone in Europa zu haben sein. Vor dem iPhone zu haben HTC gehört zu den unbekannten Auftragsproduzenten aus Südostasien. Bis zum vergangenen Jahr stellte das Unternehmen seine Mobiltelefone ausschließlich unter fremden Markennamen her. So stammen beispielsweise die populären XDA- oder MDA-Kleincomputer, mit denen sich auch telefonieren lässt, aus der Schmiede von HTC - auf dem Produkt prangt jedoch lediglich das Logo der Mobilfunkanbieter O2 oder T-Mobile. Das Gros aller Telefone weltweit, auf denen das Microsoft-Betriebssystem läuft, liefert HTC. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die Taiwanesen so einen Umsatz von 3,2 Milliarden Dollar bei einem Gewinn von 774 Millionen Dollar. Mit einer Umsatzrendite von 25 Prozent arbeitet HTC hochprofitabel. "Das ist unsere Idee" Wie einst Acer oder BenQ sucht HTC nun den Weg in die Öffentlichkeit. Mit dem neuen Handy namens Touch tritt das Unternehmen aus der Nische. Das Handy wird zwar weiterhin unter dem Namen von Mobilfunkgesellschaften zu kaufen sein, aber auch unter dem Namen HTC. Vor zehn Jahren gründete Chou das Unternehmen High Tech Computer, das nur noch unter der Abkürzung bekannt ist, mit Cher Wang, Tochter eines der reichsten taiwanesischen Unternehmer. Chou war davor bereits in der Technologiebranche tätig. Seit sich der Auftragsfertiger auf Geräte spezialisiert hat, die mit dem Betriebssystem Windows Mobile von Microsoft laufen, wächst sein Unternehmen jährlich im zwei- bis dreistelligen Bereich. Wegen der erreichten Größe von HTC werde das Wachstum in Zukunft aber abflachen, sagt Chou. Obschon sich Gespräche in der Branche dieser Tage nur um das iPhone drehen, wischt der 50-jährige Chou alle Ähnlichkeiten mit dem Gerät des Rivalen vom Tisch. "Ich weiß nicht, was das iPhone ist", sagt er. "Ich habe noch keines gesehen. Das HTC Touch ist unsere Idee." "Manchmal funktionieren die Ideen nicht" Ihm ist die Verärgerung anzumerken. Er möchte nicht auf sich sitzen lassen, dass HTC von Apple die Idee kopiert hat, ein über ein berührungsempfindliches Display bedienbares Handy zu entwickeln. Chou berichtet vom Magic Lab bei HTC. Das Konzept für das Touch käme aus diesem Entwicklungslabor, sagt er. Regelmäßig 50 bis 100 Ingenieure würden dort an neuen Ideen arbeiten - ohne jegliche Vorgaben. Ein- bis zweimal im Quartal berichtet die Mannschaft ihre Ergebnisse an Chou. "Manchmal funktionieren die Ideen nicht. Dann sind meine Leute frustriert", sagt er. "Manchmal klappt es, und dann sage ich: Lasst es uns so machen." So sei es auch beim Touch gewesen, dass er vor zwei Jahren in Auftrag gegeben habe. Dabei habe er ein Ziel vor Augen gehabt: "Wir wollen Technologie unsichtbar machen." | Das neue iPhone von Apple hat den Verkaufsstart noch vor sich, das neue Handy von HTC ist schon da. Ums iPhone ist eine wahre Hysterie ausgebrochen, das HTC-Handy kennt eigentlich kein Mensch. Dabei sehen die beiden Mobiltelefone fast gleich aus. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/peter-chou-und-sein-htc-touch-der-unsichtbare-iphone-konkurrent-1.904079 | Peter Chou und sein HTC Touch - Der unsichtbare iPhone-Konkurrent | 00/05/2010 |
Ungleiche Schere: Während die Vorstandsbezüge in die Höhe gehen, sinkt die Ausschüttungsquote. Von der Offenlegung der Bezüge profitieren vor allem die schlechter bezahlten Manager. Die Veröffentlichung einzelner Gehälter hat nach Ansicht der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) vor allem den Vorständen genutzt: ihre Bezüge steigen. Detailansicht öffnen Josef Ackermann hat gut lachen: Mit 11,9 Millionen Euro führt er die Liste der Managergehälter mit Abstand an. (Foto: Foto: AP) Zwar legen immer mehr Firmen die Vergütung ihrer Vorstände und Aufsichtsräte offen. Zu unterschiedlich seien die Angaben in den Geschäftsberichten der 30 Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) über die einzelnen Bestandteile der Vergütungen, monierte SdK-Vorstandsmitglied Reinhild Keitel am Dienstag in Frankfurt. Appell an Aufsichtsräte Das Ergebnis der Untersuchung: Die Vorstände der Dax-Konzerne haben für 2005 zusammen fast eine halbe Milliarde Euro eingestrichen. Seit 2003 ist damit die Vergütungssumme um 21 Prozent auf 486 Millionen Euro gestiegen. Noch nicht enthalten seien in diesem Betrag die Zuführungen zu Pensionsrückstellungen sowie Sachbezüge. Mit Blick auf die deutlichen Zuwächse binnen drei Jahren appelliert Keitel an die Aufsichtsräte der Unternehmen, diese müssten mehr Einfluss nehmen und die Vergütungen der Vorstände "individueller festlegen". Laut SdK war 2005 Deutsche-Bank Chef Josef Ackermann mit 11,9 Millionen Euro der Spitzenreiter vor dem ehemaligen DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp mit 7,6 Millionen Euro. Den stärksten Anstieg gab es bei der Commerzbank, wo der Vorsitzende Klaus-Peter Müller mit 3,2 Millionen Euro fast drei Mal soviel wie im Vorjahr erhielt. Auch die Kontrolleure verdienen deutlich mehr. Ihre Bezüge kletterten von 2003 bis 2005 um fast 31 Prozent auf 51 Millionen Euro. Spitzenreiter bei der Vergütung des Aufsichtsratsvorsitzenden (ohne Pensionsbezüge) sind nach Angaben der Aktionärsschützer der Eon-Konzern mit 383.000 Euro vor BASF mit 357.000 Euro und der Deutschen Bank mit 327.000 Euro. Begründet werden die Zuwächse mit gestiegenen Anforderungen an die Räte. Keitel sagt dazu: "Dies ist von außen schwer zu kontrollieren." Ausschüttungsquote sinkt Während die Manager mehr Geld erhalten, sinkt die Ausschüttungsquote, also jener Gewinnanteil, der an die Aktionäre verteilt wird. Er beträgt für 2005 im Schnitt lediglich 37 Prozent. Zum Vergleich: 2002 belief sich die Quote noch auf 60 Prozent, allerdings bei seinerzeit erheblich niedrigeren Gewinnen. Die vermehrte Offenlegung der Managerbezüge, deren Höhe seit Jahren öffentlich kritisiert wird, hat eine Eigendynamik mit steigender Tendenz entwickelt. "Es findet eine Angleichung nach oben statt", sagt Reinhild Keitel. Diese Entwicklung gebe "Anlass zur Sorge und kann nicht so weitergehen". Ihr SdK-Vorstandskollege Harald Petersen pflichtet bei: Wenn die Angleichung nach oben bei den Bezügen der Vorstandsmitglieder eine Auswirkung der Offenlegung sei, dann laufe etwas falsch. Gigantische Stundensätze Wenn ein Manager eines im Deutschen Aktienindex aufgeführten Konzerns im Durchschnitt pro Jahr drei Millionen Euro kassiere, führe dies zu Stunden- und Tagessätzen, die "schon gigantisch" seien, sagt Petersen. Er gibt zu bedenken, dass das durchschnittliche jährliche Arbeitnehmereinkommen in Deutschland bei etwa 40.000 Euro liege und schon seit Jahren stagniere. Und wenn einer wie Josef Ackermann 11,9 Millionen Euro erhalte, müsse man schon fragen, ob dies angemessen sei. "Ist das einer wert? Da habe ich so meine Zweifel", äußert Petersen. Und seine Kollegin Keitel verweist darauf, dass "selbst der Dauerverluste" schreibende Infineon-Konzern Vorstandschef Wolfgang Ziebart für das vergangene Geschäftsjahr 2,5 Millionen Euro überwiesen habe. | Ungleiche Schere: Während die Vorstandsbezüge in die Höhe gehen, sinkt die Ausschüttungsquote. Von der Offenlegung der Bezüge profitieren vor allem die schlechter bezahlten Manager. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-manager-transparenz-erhoeht-gehaelter-auch-1.916111 | Deutsche Manager - Transparenz erhöht - Gehälter auch | 00/05/2010 |
Diese blonde Frau ist für manchen in Europa ein rotes Tuch. Für den Bundeskanzler zum Beispiel. Der nennt Margot Wallström auch schon mal abfällig "eine Umweltkommissarin, die aus Schweden kommt" und leider nicht zu den Leuten gehöre, die noch "etwas mit Industrieproduktion am Hut haben". (SZ vom 30.03.03) - Was Gerhard Schröder und mit ihm auch viele europäische Industriebosse an der 48-Jährigen stört: Margot Wallström hat in Brüssel am Mittwoch den Entwurf für ein neues Chemikalienrecht auf den Weg gebracht. Das treibt die Unternehmensverbände auf die Barrikaden, weil angeblich eine Kostenlawine droht und bürokratische Überregulierung. Detailansicht öffnen Auf ihre Art pragmatisch: Margot Wallström (Foto: Foto: dpa) "Was ist das Problem?", fragt Margot Wallström auf ihre pragmatische Art zurück. Alle 30000 chemischen Substanzen, die sich seit Jahrzehnten in unserem Alltag angereichert haben, sollen erstmals umfassend registriert, getestet und notfalls einzeln aussortiert werden. "Eine moderne Gesellschaft braucht Chemikalien, aber die sollen nicht dort auftauchen, wo sie nicht hingehören" - zum Beispiel in der Muttermilch, so lautet das Credo der Schwedin. Alarmierender Befund Wenn die Industrie um ihre "Wettbewerbsfähigkeit" fürchtet, setzt sie dagegen den alarmierenden Befund, dass europaweit die Zahl der Allergien, Krebserkrankungen und Hormonstörungen ansteige. "Das betrifft jeden", sagt sie. Zwei Jahre lang hat Margot Wallström mit ihrem Kollegen Erkki Liikanen, dem Industriekommissar aus Finnland, in der Kommission um den Chemie-Entwurf gerauft. "Margot hat die Umweltidee vertreten, ich musste mich um die Kosten kümmern", so kommentiert Liikanen die Arbeitsteilung. Wallström selbst hat zu Beginn ihrer Amtszeit im Europaparlament erklärt, so wie Herkules die Ställe des sagenhaften Königs Augias, so wolle sie die Lager und Labors der Chemie-Industrie "ausmisten". Das war starker Tobak von einer zierlichen Person, die bei allem Einsatz für die Umwelt nie schrill auftritt, sondern immer wie die Verkörperung des gesunden Menschenverstands wirkt. "Weichgespült" Diese Haltung hat sie auch auf Distanz zu den Umweltverbänden gebracht. Denen geht der Chemie-Entwurf nicht weit genug. Sie halten ihn für "weichgespült". Tatsächlich sieht sich Margot Wallström nicht als Feindin, sondern als Verbündete der Unternehmen. Auch die Industrie müsse doch daran interessiert sein, "dass die Menschen den Chemikalien, die sie gebrauchen, vertrauen". So spricht keine Fachfrau, sondern die "tüchtige und erfahrene Allroundpolitikerin", die Schwedens Premier Göran Persson ankündigte, als er seine langjährige Ministerin für Kultur, fürVerbraucherschutz und für Soziales 1999 mit ihrem Ehemann und zwei Kindern nach Brüssel verabschiedete. Im Europaparlament und vor dem Ministerrat will Margot Wallström jetzt weiter für die Umsetzung ihres Chemie-Konzepts kämpfen - auch mit ganz praktischen Mitteln, die sie am besten beherrscht. Gerade hat sie in einem britischen Labor ihr Blut testen lassen. Bald wird sie mitteilen, welcher Chemie-Cocktail auch im Körper einer Umweltkommissarin schlummert. | Diese blonde Frau ist für manchen in Europa ein rotes Tuch. Für den Bundeskanzler zum Beispiel. Der nennt Margot Wallström auch schon mal abfällig "eine Umweltkommissarin, die aus Schweden kommt" und leider nicht zu den Leuten gehöre, die noch "etwas mit Industrieproduktion am Hut haben". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/im-profil-margot-wallstroem-eu-umweltkommissarin-1.914624 | Im Profil - Margot Wallström - EU-Umweltkommissarin | 00/05/2010 |
Zu Beginn des Prozesses gegen zwei Schlüsselfiguren im VW-Skandal hat der ehemalige Betriebsratschef Klaus Volkert den Hauptvorwurf bestritten: Er habe Ex-Personalvorstand Peter Hartz nicht zur Untreue angestiftet. Zum Auftakt des Prozesses gegen die Schlüsselfiguren der VW-Affäre, Volkert und Gebauer, hat der ehemalige Betriebsratschef Klaus Volkert vor Gericht zwar Fehler eingeräumt, aber den Hauptvorwurf bestritten. Volkert wies bei seiner Aussage vor dem Landgericht Braunschweig von sich, den damaligen VW-Personalvorstand Peter Hartz zur Untreue angestiftet zu haben. "Ich habe Herrn Hartz nicht dazu angestiftet, Sonderboni an mich zu zahlen", sagte Volkert am Donnerstag. Das Verfahren ist bereits der dritte Prozess der VW-Affäre um Schmiergelder und Lustreisen auf Firmenkosten. Volkert und der frühere Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, müssen sich wegen Anstiftung zur Untreue beziehungsweise wegen Untreue verantworten. Den Erhalt der Sonderboni erklärte Volkert damit, dass der Betriebsrat im Laufe der Jahre zunehmend Managementaufgaben übernommen habe. Daher sei die Mehrheit der Betriebsräte der Auffassung gewesen, sie werde nicht angemessen entlohnt. Er selbst habe Mitte der 90er Jahre den heutigen Aufsichtsratschef Ferdinand Piech daraufhin angesprochen. "Herr Piech sagte, ich solle mir keine Gedanken machen. Ich würde behandelt wie ein Markenvorstand, Herr Hartz werde auf mich zukommen", sagte Volkert. Hartz sei dann auf die Idee mit Sonderboni gekommen. Eine Anstiftung zur Untreue konnte er darin aber nicht erkennen. Volkert gab aber auch Verfehlungen in der Affäre zu. "Ich habe große Fehler gemacht, die ich sehr bedaure", sagte Volkert zu Beginn seiner Aussage. So habe er sich für seine damalige Geliebte um einen Vertrag bei VW bemüht. Dabei geht es um knapp 400.000 Euro, die die Brasilianerin laut Staatsanwaltschaft auf der Grundlage eines Scheinvertrages erhalten hat. Vertrag für die Geliebte Gebauer, über dessen Tisch zwar nicht die Sonderboni, wohl aber die Spesen-Abrechungen für Bordellbesuche von Betriebsräten liefen, bezeichnete sich in seiner Aussage selbst als Opfer und nicht als Täter. Er sei sich darüber im Klaren, an einer Begünstigung des Betriebsrates mitgewirkt zu haben. "Aber ich habe die Weisungen des für mich zuständigen Vorstandes befolgt. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, eine strafbare Handlung zu begehen, da dieses Verfahren nur möglich war, wenn es vom Vorstand genehmigt wurde", sagte Gebauer. Volkert droht nach Justizangaben maximal eine Strafe von bis zu zehn Jahren. Gebauer, der die Vergünstigungen für Betriebsräte organisierte, muss mit einer Strafe von bis zu fünf Jahren rechnen. Bisher sind neun Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil soll nach den derzeitigen Planungen am 24. Januar 2008 gefällt werden. Die VW- Affäre war im Sommer 2005 ins Rollen gekommen. Ein Schöffe ist befangen Die Vorsitzende Richterin erklärte am ersten Verhandlungstag auf Antrag der Verteidigung einen Schöffen für befangen, weil er bei VW arbeitet und nicht auszuschließen sei, dass er parteilich und voreingenommen sein könnte. Befangenheitsanträge gegen zwei Ersatzschöffen wurden dagegen abgelehnt. Der eine ist Vize-Betriebsratschef beim Sozialverband AWO Braunschweig, der andere Betriebsratschef bei einer Baufirma. Die Schöffen wurden vor knapp einem Jahr ausgelost - damals stand noch nicht fest, dass sie im Prozess gegen Volkert und Gebauer eingesetzt werden. Noch nicht entschieden wurde über einen Antrag des Volkert- Verteidigers, die Korrespondenz der Staatsanwaltschaft mit Medienvertretern vorzulegen. Die Kritik lautet vor allem, dass Volkert vorverurteilt worden sei. Volkert ist in dem Prozess wegen Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen angeklagt. Davon sieht die Staatsanwaltschaft in 25 Fällen auch eine Anstiftung zu einem Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz. Hartz hatte im ersten Prozess der VW-Affäre im Januar gestanden, den einflussreichen Volkert über Jahre hinweg heimlich mit Sonderboni in Höhe von fast zwei Millionen Euro gekauft zu haben. Hartz war nach einem umstrittenen Justiz-Deal zu zwei Jahren Haft auf Bewährung sowie rund 576.000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Er war im Herbst 2006 wegen Verdunkelungsgefahr drei Wochen lang in Untersuchungshaft gesessen. Hartz soll als Zeuge aussagen Gebauer, der einst auf Anweisung von Hartz für die Betreuung des Betriebsrats zuständig war, ist wegen Untreue in 40 Fällen angeklagt. Davon soll er in 19 Fällen ein Betriebsratsmitglied begünstigt haben. Der Schaden der angeklagten Fälle bei Gebauer liegt laut Staatsanwaltschaft bei rund 1,26 Millionen Euro. Gebauer wird zudem Betrug vorgeworfen, den er zusammen mit Ex-Skoda-Personalchef Helmuth Schuster begangen haben soll. Sie sollen der damaligen Lebensgefährtin Gebauers einen Job bei Skoda verschafft haben - eine Gegenleistung aber sei nicht erfolgt. Insgesamt 18 Zeugen sollen gehört werden, darunter auch Hartz und der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Uhl. Der ehemalige VW- Betriebsrat war im Juni im zweiten Prozess der VW-Affäre zu einer Geldstrafe von 39.200 Euro verurteilt worden. Er hatte gestanden, an Sexpartys auf Firmenkosten teilgenommen zu haben. | Zu Beginn des Prozesses gegen zwei Schlüsselfiguren im VW-Skandal hat der ehemalige Betriebsratschef Klaus Volkert den Hauptvorwurf bestritten: Er habe Ex-Personalvorstand Peter Hartz nicht zur Untreue angestiftet. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vw-prozess-volkert-weist-hauptvorwurf-zurueck-1.891380 | VW-Prozess - Volkert weist Hauptvorwurf zurück | 00/05/2010 |
Wo sich junge und erwachsene Besucher gerne vergnügen, haben Mitarbeiter oft nichts zu lachen - im Freizeitpark Disneyland in Paris. Mit neuen Verhaltensregeln will nun der US-Konzern die Mitarbeiter seiner französischen Tochter überwachen. Disneyland Paris feiert in diesen Tagen seinen 15. Geburtstag. Trotzdem haben die Mitarbeiter nicht viel zu lachen. Die Arbeitsbedingungen im Freizeitpark waren nie berauschend. Jetzt sollen sich Micky, Donald und Goofy auch noch gegenseitig denunzieren dürfen. Detailansicht öffnen Die größten Freizeitparks in Europa und Deutschland. (Foto: Grafik: sueddeutsche.de) Selbst wenn einer der verkleideten Mitarbeiter nur den Verdacht hegt, ein Kollege könnte sich dem Unternehmen gegenüber illoyal verhalten, darf er ihn anschwärzen. Das sehen die neuen Regeln für die 12000 Beschäftigten des Vergnügungsparks im Osten von Paris vor, die Disney in Kürze einführen will. Auf Seite 20 des Katalogs für "professionelle Verhaltensregeln" heißt es: Jedem Beschäftigten obliegt es, etwaige unzulässige Praktiken oder Verstöße gegen die Ethik des Hauses anzuzeigen. Es folgen Telefonnummern, die Anonymität des Denunzianten bleibt gewahrt. Die Gewerkschaften sind konsterniert, aber machtlos. Sie haben ein Anhörungs-, aber kein Mitspracherecht, und schon gar nicht die Möglichkeit, ein Veto einzulegen. Erst im vergangenen Monat lehnte der Betriebsrat den Vorschlag der Direktion ab, Überwachungskameras im Hauptverwaltungsgebäude zu installieren, erzählt David Charpentier von der CFDT. Machtlose Gewerkschaften Die Geschäftsführung beteuert, alle Maßnahmen stimmten mit dem französischen Arbeitsrecht überein. Sie seien wegen des Sarbanes-Oxley-Gesetzes in den USA erforderlich geworden, so ein Sprecher. Das Gesetz regele nicht nur die Bilanzierung von Unternehmen, sondern auch deren interne Führung. Euro Disney, die Tochter der Walt Disney Company, stehe nicht allein. Die Öl-Konzerne Shell und Total würden ähnliche Verhaltensregeln einführen. Schon 2004 wollte das US-Unternehmen bei seiner französischen Tochter strengere Regeln anordnen und Denunziationen ermöglichen. Die Leitung der pastellfarbenen Bilderbuchlandschaft in Marne-la-Vallée setzte sie aber nicht um, weshalb sie als zu nachgiebig galt und bald ausgewechselt wurde. Streitlustige französische Miniröcke Inzwischen hat die Direktion Sicherheitsagenten eingestellt, die die Beschäftigten beschatten. Die "Füchse" überwachen Kassen, Geldgeschäfte und Buchhaltung. Als verdeckte Ermittler beobachten sie aber auch das Verhalten der Mitarbeiter, vorgeblich mit dem Ziel, Diebstählen zuvorzukommen. Seit Gründung des Freizeitparks sind die Arbeitsgerichte schwer beschäftigt. Hohe Absätze, Miniröcke, lange Haare, lange Fingernägel und Schnauzbärte wollte Euro Disney verbieten - vergeblich. Schneewittchen und die Sieben Zwerge erwiesen sich über die Jahre hinweg als ausgesprochen streitlustig. | Wo sich junge und erwachsene Besucher gerne vergnügen, haben Mitarbeiter oft nichts zu lachen - im Freizeitpark Disneyland in Paris. Mit neuen Verhaltensregeln will nun der US-Konzern die Mitarbeiter seiner französischen Tochter überwachen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zum-jubilaeum-von-disneyland-donald-der-denunziant-1.900909 | Zum Jubiläum von Disneyland - Donald, der Denunziant | 00/05/2010 |
Selten kamen sich bei einem Prozess Journalisten, Verteidigung und Staatsanwaltschaft so nahe wie bei dem Verfahren vor dem Düsseldorfer Landgericht. Zu den Merkwürdigkeiten des Mannesmann-Prozesses gehört, dass sich Verteidiger und Staatsanwälte gegenseitig vorwerfen, das Verfahren zu einem "Schauprozess" gemacht und die Medien instrumentalisiert zu haben. Detailansicht öffnen Klaus Esser und sein Anwalt. Der Ex-Mannesmann-Vorstandsvorsitzende beklagte bisweilen ein Spießrutenlaufen. Foto: dpa Auffällig ist, dass sich beide Seiten darüber aufregen — und beide haben Recht. Den Verteidigern stießen vor allem zwei Dinge auf: Vorwurf der Käuflichkeit Der Düsseldorfer Generalstaatsanwalt Lothar Sent verriet dem Spiegel im Frühjahr 2001, dass gegen den ehemaligen Mannesmann-Chef Klaus Esser ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, noch bevor dieser selbst davon erfuhr. Und der Leitende Oberstaatsanwalt Hans-Reinhard Henke berief im Frühjahr 2003 eine Pressekonferenz ein, auf der er von der Käuflichkeit Essers sprach. Das machte Schlagzeilen, denn im bevorstehenden Prozess sollte es "nur" um Untreue gehen. Schmerzensgeld für Esser Beide Vorfälle führten dazu, dass dem Angeklagten Esser wegen der Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte Schmerzensgeld gezahlt werden musste. Die Staatsanwaltschaft erlegte sich während des Verfahrens ein Schweigegelübde auf — jedenfalls innerhalb des Landgerichts. An keinem einzigen der 36 Verhandlungstage saß ein Pressesprecher der Ankläger im Gerichtssaal und kommentierte in den Pausen das Geschehen, wie es die Verteidiger taten. Am Telefon hingegen war die Behörde auskunftsfreudiger. Nachdem das Gericht Ende März angedeutet hatte, die Angeklagten freisprechen zu wollen, sah sich die Staatsanwaltschaft gezwungen, in die Offensive zu gehen und Journalisten von der Richtigkeit ihrer Version zu überzeugen. | Selten kamen sich bei einem Prozess Journalisten, Verteidigung und Staatsanwaltschaft so nahe wie bei dem Verfahren vor dem Düsseldorfer Landgericht. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-schauprozess-ein-jour-fixe-fuer-die-kontaktpflege-1.906829 | "Der ""Schauprozess"" - Ein Jour fixe für die Kontaktpflege" | 00/05/2010 |
Rund 60 Billigflieger gibt es in Europa. Die Branche boomt. Doch kleine Flugpreise können die Kosten für die Sicherheit nicht decken. Für viele war es nur eine Frage der Zeit. Jetzt ist soweit: Es gibt die ersten Billigflüge über den Atlantik. Detailansicht öffnen (Foto: Foto: dpa) 99 Euro kostet ein Flug mit Condor nach Amerika, in die Karibik, nach Afrika und nach Asien. Der Preis ist ein Novum. So billig kommt kaum einer von Deutschland in die USA. Bei der Condor-Mutter Lufthansa kostet der Flug beispielsweise nach Florida gut dreimal so viel. Wie kommt es, dass der Ferienanbieter mit einem Mal so preiswert fliegt? Es ist der Konkurrenzdruck, das Bestreben, mit einer Sache Erster auf dem Markt zu sein. Es sind auch hausgemachte Probleme, der Zwang, verlorene Kunden wieder an Bord zu holen. Es ist aber vor allem die Tatsache, dass immer mehr Menschen möglichst vieles am liebsten zum Nulltarif haben wollen. Was zählt, ist der Preis. Die Passagiere wollen günstig von A nach B kommen — aus diesem anfangs als "einmalig" abgetanen Begehren ist ein Markt entstanden. Austauschbare Ware Auf der Kurzstrecke ist der Flug längst zur austauschbaren Ware geworden. So wie durch Massenfertigung Produktionskosten und Preise etwa von Autos gesunken sind, so nutzen auch die Billiganbieter den technischen Fortschritt. Sie profitieren vom Internet und verkaufen ihre Tickets online. Sie haben kein Essen an Bord, keine Zeitungen, keine Fracht, bieten keine Vielfliegerprogramme, keine Lounges, keine Sitzplatzreservierung. Sie fliegen nur mit einem Flugzeugtyp und sparen daher Kosten für Wartung und Training. Kurz: Billigflieger profitieren von der Schlichtheit ihrer Produkte und Prozesse. Im Weglassen liegt ihr Geheimnis. Pendelverkehr spart Geld Sie haben gezeigt: mit dem reinen Pendelverkehr zwischen zwei Städten lässt sich enorm viel Geld sparen. Die Flugzeuge können schnell wieder umdrehen, weil sie nicht auf Anschlussgäste warten oder Fracht verladen müssen. Auf Langstrecken kann zwar nicht all das eingespart werden, wie auf kurzen Flügen, etwa das Essen für die Gäste an Bord. Dennoch gibt es genügend Potenzial, etwa durch die einheitliche Flotte oder indem auf Überflüssiges verzichtet wird. | Rund 60 Billigflieger gibt es in Europa. Die Branche boomt. Doch kleine Flugpreise können die Kosten für die Sicherheit nicht decken. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geiz-ist-geil-billig-um-die-welt-1.903624 | Geiz-ist-geil - Billig um die Welt | 00/05/2010 |
Der Einkommenskuchen ist in den vergangenen zehn Jahren zwar deutlich größer geworden, doch die abhängig Beschäftigten bekommen immer weniger ab. Ihre Einkommen seien real sogar gesunken, beklagen die Gewerkschaften. (SZ vom 23.12.03) - Als obszön hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die jüngsten Gehaltssteigerungen deutscher Topmanager um 7,4 Prozent bezeichnet. Wenn die Wirtschaft gesunden wolle, so die vorweihnachtliche Botschaft des SPD-Politikers, dürften die "Bosse" von ihren Angestellten keinen Lohnverzicht fordern, während sie sich die eigenen Gehälter erhöhten. Detailansicht öffnen Einkommenskuchen: Der Schnitt erfolgt immer mehr zu Lasten der abhängig Beschäftigten. (Foto: Foto: AP) Die Kritik die Bundestagspräsidenten, der selbst gut 180.000 Euro im Jahr erhält, mag unangemessen sein. Dennoch trifft sie den Kern einstiger sozialdemokratischer Politik: Die Forderung nach einer gerechteren Verteilung der Einkommen. Die sind aber, glaubt man dem Verteilungsbericht 2003 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), in den vergangenen Jahren nicht gerechter verteilt worden, sondern ungerechter. So hatte ein Arbeiter oder Angestellter 2002 durchschnittlich real "weniger in der Tasche" als vor zehn Jahren, kritisiert Referatsleiter Dierk Hirschel. Um 1,5 Prozent seien die Nettolöhne zwischen 1991 und 2002 abzüglich der Inflation geschrumpft. Gewinne und Vermögen kräftig gestiegen Parallel zu den sinkenden Löhnen, so lautet die Kritik des DGB, sind die realen Gewinne und Vermögen kräftig gestiegen, um 23,2 Prozent. Hirschels Fazit: Es gab eine starke Umverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer. Der Einkommenskuchen ist größer geworden, doch abhängig Beschäftigte bekommen immer weniger ab. Der DGB führt die ungerechtere Verteilung auf die steigende Massenarbeitslosigkeit zurück. Sie habe die Macht der Gewerkschaften geschwächt, in den Tarifverhandlungen höhere Gehälter auszuhandeln. Selbst die beschlossenen Löhne würden von vielen Unternehmen untergraben, klagt Hirschel. So kürzten die Firmen übertarifliche Leistungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld - und damit das, was den Leuten netto übrig bleibt. Der Studie zufolge sind die tatsächlichen Gehälter in den vergangenen zehn Jahren nur um durchschnittlich je 2,7 Prozent gestiegen, obwohl Arbeitnehmer und Arbeitgeber per Tarifvertrag 3,7 Prozent vereinbart hätten. Noch bis Mitte der 90er positiv Die "negative Lohndrift" von einem Prozentpunkt beträgt damit knapp ein Viertel der vereinbarten Lohnsteigerung. Noch bis Mitte der 90er Jahre sei diese Differenz positiv gewesen, sagt Hirschel. Die Arbeitgeber zahlten über Tarif. Schuld an der schwindenden Verhandlungsmacht dürfte aber auch sein, dass sich immer weniger Firmen durch die Arbeitgeberverbände vertreten fühlen und sich von der Tarifbindung lossagen. Gerade im Osten sind viele kleinere Betriebe nicht mehr an die Tariflöhne gebunden. Von der SPD-Regierung fühlen sich die DGBler bei der Verteilungsdebatte im Stich gelassen. Die staatliche Umverteilung bringe kaum Gerechtigkeit, lautet der Vorwurf. Die Transfers des Fiskus privilegierten die Gewinn- und Vermögenseinkommen sogar, so der DGB. Machterhalt Doch nicht nur die gerechte Einkommensstreuung, sondern auch der Machterhalt dürfte der Gewerkschaft am Herzen liegen. Der DGB warnt daher davor, künftig die Tarifautonomie einzuschränken und statt dessen mehr tarifliche Bündnisse zuzulassen; das wäre der faktische Tod der Flächentarife. Genau dies fordert nicht nur die Opposition, sondern auch der Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums. Die 35 renommierten Wissenschaftler hatten sich in ihren jüngsten Guthaben dafür ausgesprochen, die Tarifautonomie aufzubrechen. Den Gewerkschaften würde damit eines ihrer mächtigsten Instrumente entzogen. | Der Einkommenskuchen ist in den vergangenen zehn Jahren zwar deutlich größer geworden, doch die abhängig Beschäftigten bekommen immer weniger ab. Ihre Einkommen seien real sogar gesunken, beklagen die Gewerkschaften. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einkommensverteilung-ungleiche-kuchenstuecke-1.919659 | Einkommensverteilung - Ungleiche Kuchenstücke | 00/05/2010 |
Offiziell gibt Autobauer General Motors erst später Details über den Sanierungsplan für seine Tochter Opel bekannt. Doch inzwischen melden schon einige Medien, dass die Konzermutter sich entschieden hat, sanft zu sparen: ohne betriebsbedingten Kündigungen und Werkschließungen. Die GM-Zentrale muss einem Vorschlag zustimmen, nach dem Mitarbeiter in Beschäftigungsgesellschaften wechseln oder Abfindungen erhalten sollen. Zugleich wird das Management auf einer Betriebsversammlung in Rüsselsheim die Beschäftigten über die Schritte informieren. Detailansicht öffnen Grünes Licht für die sanfte Sanierung von Opel (Foto: Foto: ddp) Nach Angaben des ZDF sollen die Amerikaner bereits ihr "Go" gegeben haben. Einem Pressebericht zufolge wird GM keine rechtsverbindlichen Standortgarantien für seine Opel-Werke geben. Wie die Financial Times Deutschland berichtete, werde es nur "Absichtserklärungen geben, die Standorte möglichst zu erhalten." Das gelte auch für betriebsbedingte Kündigungen. Bereits am Mittwoch zeichnete sich ab, dass GM sein verlustreiches Europageschäft mit Opel im Zentrum zunächst ohne betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen sanieren will. Auf diese Rahmenvereinbarung einigten sich das Management von GM Europe und Arbeitnehmervertreter, teilte der Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz am Mittwoch in Rüsselsheim mit. Zeitung: 8.500 Jobs sollen gestrichen werden Wie die konkrete Umsetzung für die deutschen Opel-Standorte in Rüsselsheim, Bochum, Kaiserslautern und Eisenach aussieht, will GM am Donnerstag präzisieren. Dann wird die Belegschaft über das Sparprogramm informiert. Unternehmenskreise gehen aber davon aus, dass die Vereinbarung wegweisend ist und GM auch bei Opel auf Kündigungen verzichten wird. Der Betriebsratschef von Opel in Kaiserslautern, Alfred Klingel, sieht dagegen die Arbeitsplätze am Standort weiter gefährdet. "Das ist bislang nur eine Absichtserklärung." Nach Informationen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung werden bei Opel in den kommenden beiden Jahren 8500 Arbeitsplätze gestrichen. Das angestrebte Einsparziel von 500 Millionen Euro werde ohne betriebsbedingte Kündigungen erreicht, berichtet das Blatt unter Berufung auf informierte Kreise. Neue Streiks bei GM-Weigerung? Teilnehmer der Verhandlungen gingen davon aus, dass GM rund eine Milliarde Euro bereitstellen wird, um den Personalabbau sozial abzufedern und Massenentlassungen zu verhindern. Diese bereits zuvor in den Medien erwähnte Summe wird auch von der Berliner Zeitung unter Berufung auf den Gesamtbetriebsrat genannt. Der erreichte Kompromiss stellt allerdings nur eine Teillösung dar. "Jetzt stehen weitere Fragen an. Wir fordern eine Standortsicherung für die Opel-Werke und eine Bestandsgarantie für die Arbeitsplätze bis 2010", sagte Franz. Offen ist weiterhin, an welchem Standort die neue Mittelklasse (Opel Vectra und Saab 9-3) gebaut wird. Im Bochumer Opelwerk wollen die Betriebsräte am Donnerstag während der Frühschicht die Vertrauensleute und die 9600 Mitarbeiter informieren. Die Stimmung in Bochum ist gespannt. Ob es bei einer Weigerung von GM wieder zum Streik kommt, ist ungewiss. "Das wird aus dem Bauch heraus kommen", sagte ein Vertrauensmann. "Einige werden dann wohl spontan den Hammer fallen lassen." Mitte Oktober hatten die Mitarbeiter des Opel-Werkes in Bochum aus Protest gegen die GM- Sparpläne sieben Tage lang in einem wilden Streik die Arbeit niedergelegt. | Offiziell gibt Autobauer General Motors erst später Details über den Sanierungsplan für seine Tochter Opel bekannt. Doch inzwischen melden schon einige Medien, dass die Konzermutter sich entschieden hat, sanft zu sparen: ohne betriebsbedingten Kündigungen und Werkschließungen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/opel-sanierung-warten-auf-das-go-1.899227 | "Opel-Sanierung - Warten auf das ""Go""" | 00/05/2010 |
Wie kommt jemand dazu, einen exorbitant gut dotierten Job aufzugeben und gegen einen geringer bezahlten einzutauschen? Diese Frage hat John Thain noch nicht beantwortet, und er wird dies wahrscheinlich auch nicht in der Öffentlichkeit tun. Jedenfalls muss der neue Chef der New Yorker Börse (Nyse) mit einigen Millionen Dollar weniger auskommen als in seiner vorherigen Position als Topmanager bei der Investmentbank Goldman Sachs. Die Nyse wird ihm ein Jahresgehalt von "nur" vier Millionen Dollar zahlen. Detailansicht öffnen John Thain: der Mann nach Grasso. (Foto: Foto: dpa) Reformzwang Aber offenbar hat Thain viel stärker die Aufgabe als das Gehalt gereizt. Der 48-jährige Banker muss nicht nur das angeschlagene Image der Nyse reparieren, sondern auch schwierige Reformen durchsetzen, die immer wieder verschleppt worden sind. Der Rücktritt des ehemaligen Börsenchefs Dick Grasso im September 2003, der sich wegen einer astronomischen Gehaltszahlung in Höhe von knapp 140 Millionen Dollar den zweifelhaften Ruf eines Raffzahns erworben hatte, setzte das Börsenmanagement unter Druck, einen neuen Chef zu finden. Nyse-Interimsvorstand John Reed, ehemaliger Chef der Citibank, nutzte seine guten Kontakte in der Wall-Street-Szene und wurde bei Goldman Sachs fündig. Wie zu hören ist, reagierte Goldman-Sachs-CEO Henry Paulson nicht gerade begeistert über die Abwahl seines Troubleshooters, der durchaus eines Tages Chancen auf den Chefposten der Bank gehabt hätte. Seit 25 Jahren arbeitete Thain für Goldman. Er hat unter anderem die Informationstechnik-Abteilung mit aufgebaut und stieg dann zum Finanzchef auf. Schleuderstuhl Nyse Doch der Top-Banker wollte offenbar unbedingt auf den Schleuderstuhl der Nyse. Die New Yorker Börse war in den vergangenen Wochen wegen eines Insiderskandals von Brokern ins Gerede gekommen. Das soll Thain heilen. Das sei eine einmalige Herausforderung für ihn, meinte der neue Nyse-Chef in einem Interview. Thain sieht sich selber als Pragmatiker, der es vorzieht, im Hintergrund zu arbeiten. Er meidet das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Bei der Nyse muss er sich um das Getriebe eines gewaltigen, bürokratischen Apparats kümmern. Bisher hat die weltgrößte Börse an einem geradezu anachronistischen Parketthandel festgehalten, der betrugsanfällig ist. Thain hat bereits angedeutet, dass er auf modernere, elektronische Handelssysteme setzt. Dies könnte die Konkurrenz mit der Technologiebörse Nasdaq verschärfen, welche ihrerseits versucht, die Nyse in die Enge zu treiben. Fusionsgerüchte Kurz vor Weihnachten wurde aus Nasdaq-Kreisen das Gerücht einer Fusion mit der Nyse lanciert. Dann teilte die Nasdaq kürzlich mit, dass Nyse-Aktien von sechs Firmen künftig auch an der Nasdaq gehandelt würden. Bisher waren die Papiere der Unternehmen - darunter der Computerriese Hewlett-Packard und die Investmentbank Charles Schwab - nur an der Nyse notiert. Gespannte Branche Die weiteren vier Firmen sind die größte amerikanische Drogeriekette Walgreens, der Finanzdienstleister Countrywide Financial, die Energiefirma Apache und die Software-Firma Cadence Design Systems. Der Gesamtwert der Aktien der sechs Unternehmen liegt bei 156 Milliarden Dollar. Die Finanzbranche ist gespannt, wie John Thain als neuer Nyse-Chef auf die Doppelnotierungen reagiert. Er müsse sich etwas einfallen lassen, um der aggressiven Kampagne der Nasdaq zu begegnen, heißt es unter Börsianern an der Wall Street. | Wie kommt jemand dazu, einen exorbitant gut dotierten Job aufzugeben und gegen einen geringer bezahlten einzutauschen? Diese Frage hat John Thain noch nicht beantwortet, und er wird dies wahrscheinlich auch nicht in der Öffentlichkeit tun. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/new-yorker-boerse-john-thain-ist-der-neue-mann-an-der-spitze-1.899991 | New Yorker Börse - John Thain ist der neue Mann an der Spitze | 00/05/2010 |
Mit immer neuen Zusatzfunktionen kämpfen die Handyhersteller um Kunden. Schließlich gilt es, an das phänomenale Jahr 2004 anzuknüpfen. Siemens hat diesen Boom allerdings komplett verschlafen. Sie sind mit zwei Kameras, Blitz und Musikspieler ausgestattet; sie ermöglichen Videokonferenzen, schnelles Surfen im Internet, den Versand von E-Mails und vieles mehr. Demnächst übertragen sie sogar Fernsehprogramme: Bei den neuen Handys, die die Mobilfunkbranche in dieser Woche auf der Messe 3GSM in Cannes vorstellt, ist von Sprache kaum die Rede. Detailansicht öffnen Auf dem 3GSM World Congress gesehen: Digitaler Fernsehempfang per Handy. (Foto: Foto: AP) Zwar nutzen die 1,7 Milliarden Teilnehmer weltweit ihre Handys immer noch ganz überwiegend zum Telefonieren, doch beim Erwerb eines neuen Geräts schauen die Käufer ganz genau auf die Zusatzfunktionen. Im vergangenen Jahr war es oft die eingebaute Kamera, die über den Erfolg eines Modells entschied; 2005 setzt die Branche vor allem auf Musik: Allenthalben kündigen Hersteller mit großem Trara an, dass sie demnächst verstärkt Handys ausliefern, die Songs aus dem Internet herunterladen und abspielen. Sony Ericsson wird dafür sogar die ehrwürdige Marke Walkman wiederbeleben. Anknüpfen an ein phänomenales Jahr Die Branche müht sich, an ein phänomenales Jahr anzuknüpfen: 2004 hat sie weltweit gut ein Viertel mehr Telefone ausgeliefert als 2003. Das wird sie 2005 kaum wiederholen können, doch Luft nach oben gibt es immer noch. In Europa tauschen derzeit viele Nutzer ihr altes Gerät gegen ein neues aus, in den Schwellenländern werden sich viele Menschen ihr erstes Handy leisten. Die Marktforscher von Idate prognostizieren der Branche deshalb ein Plus von zehn Prozent auf 710 Millionen verkaufte Mobiltelefone. Preise kommen unter Druck Allerdings sollen sie mit 91,5 Milliarden Dollar nur drei Prozent mehr als 2004 einbringen. Der Konkurrenzkampf wird nach Ansicht der Experten noch einmal härter, die Preise kommen unter Druck. Billigangebote alleine werden den Produzenten allerdings nichts nützen; wichtig sind vor allem attraktive neue Modelle. Das hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, als Nokia die Trends verkannt hatte und vorübergehend heftig einbrach; profitiert haben Samsung, LG, Sony Ericsson und Motorola, das nach langer Flaute Ende 2004 mit einem schlagkräftigen Portfolio angriff und nun wieder unangefochtener Branchenzweiter ist. Neue Hoffnung durch UMTS-Telefone Nun setzen die Amerikaner massiv auf Telefone für UMTS, den schnellen Mobilfunk der dritten Generation - in der Hoffnung, damit die Verhältnisse umzudrehen. "Das ist eine Gelegenheit, die Landschaft bei den Marktanteilen zu verändern", sagt Vizepräsident Ron Garriques und beansprucht die UMTS-Führerschaft für sich. | Mit immer neuen Zusatzfunktionen kämpfen die Handyhersteller um Kunden. Schließlich gilt es, an das phänomenale Jahr 2004 anzuknüpfen. Siemens hat diesen Boom allerdings komplett verschlafen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/handys-telefonieren-ist-nebensache-1.897901 | Handys - Telefonieren ist Nebensache | 00/05/2010 |
Kunden suchten eine sichere Geldanlage und wurden in den Ruin getrieben — wie die Opfer und ihre Anwälte um eine Entschädigung kämpfen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Heimgard Schüller das Beileidsschreiben der Bausparkasse jetzt nicht gleich findet. "Ich habe das einmal gelesen und nie wieder angerührt", sagt sie und legt den Stapel mit den Kondolenzbriefen zurück auf den Wohnzimmerschrank, gleich neben das große Portrait-Foto ihrer Tochter. Detailansicht öffnen Aufgebrachte Anleger protestieren gegen die Badenia-Bausparkasse. (Foto: Foto: dpa) Anja Schüller ist nur 28 Jahre alt geworden. Am 17. September 2004 nahm sie sich das Leben. Die angehende Fachschwester für Anästhesie legte sich einen venösen Zugang und ließ langsam einen tödlichen Medikamentencocktail in ihre Adern fließen. "Hallo Ihr Zwei, mal gewinnt man, mal verliert man. Ich habe nicht mehr die Kraft zu kämpfen, um irgendwann einmal zu gewinnen", schrieb Anja im Abschiedsbrief an ihre Eltern, die im thüringischen Meiningen leben. Warum sich die Tochter, die in Würzburg ihre Ausbildung machte, als Verliererin sah, steht in dem Schlussbericht der dortigen Polizeikriminalinspektion. "Als Grund für den Suizid", heißt es darin, "dürfte der Eingang eines Pfändungsbeschlusses über 70046,99 , resultierend aus einem Immobilienerwerb in Chemnitz, der über die Deutsche Bausparkasse Badenia AG finanziert worden war, zu sehen sein." Inzwischen ist Anja Schüller eine öffentliche Person geworden. Nach ihrem Tod ist ein für die deutsche Wirtschaft wohl einmaliger, bizarrer Streit entbrannt: Ein Selbstmord wird instrumentalisiert. Gerhart Baum, früher Bundesinnenminister, jetzt Rechtsanwalt, und ein großes Finanzinstitut streiten öffentlich über Schuld und Unschuld am Suizid eines Kunden. Und die Eltern des Opfers, das Ehepaar Schüller, klagt in den Medien die viertgrößte deutsche Bausparkasse wegen ihrer Machenschaften bei der Finanzierung viel zu teuer verkaufter Eigentumswohnungen an. Bei Report Mainz und Pastor Fliege, bei Mona Lisa und Ein Fall für Escher, im Stern und in der Bild am Sonntag. "Kriminell und sittenwidrig" "Anja soll nicht sang- und klanglos gestorben sein. Wir machen das für unser Kind", sagt Heimgard Schüller, "und für die anderen", fällt ihr Mann ihr ins Wort. "Wir wollen zeigen, dass es bei der Badenia noch mehr Verlierer wie Anja gibt." Klaus Schüller hat die ganze Zeit um die richtigen Worte gekämpft. Immer wieder schaut er, mit den Tränen ringend, von seinem Wohnzimmersessel hinüber auf das Portrait seiner Tochter. Aber jetzt, wo es um die Rolle der Badenia geht, bricht die ganze Wut aus diesem Mann heraus, der seine Tochter verloren hat. "Wenn ich ein Medikament kaufe, sind doch auch auf jedem Beipackzettel die Nebenwirkungen beschrieben", sagt er, "aber Anja haben sie über die Risiken eines Immobilienkaufs nie aufgeklärt." Schüller hält das für "kriminell und sittenwidrig". Bei so etwas könne doch eine Bausparkasse nicht mitmachen. Im Badenia-Skandal ermittelt inzwischen in Mannheim die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität wegen Betrugs auf Kosten von Bausparern. Für die Staatsanwälte ist der Fall eindeutig: In den Neunzigerjahren verkauften die Vermittlerfirmen Heinen & Biege (H & B) und die "Köllner Gruppe" mehr als 8000 Eigentumswohnungen als Kapitalanlage überwiegend an Kleinanleger. | Kunden suchten eine sichere Geldanlage und wurden in den Ruin getrieben — wie die Opfer und ihre Anwälte um eine Entschädigung kämpfen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-skandal-um-die-bausparkasse-badenia-unterm-strich-bleibt-nur-verzweiflung-1.899928 | Der Skandal um die Bausparkasse Badenia - Unterm Strich bleibt nur Verzweiflung | 00/05/2010 |
Noni-Saft schmeckt faulig, ist teuer und seine Heilkraft nicht belegt. Trotzdem macht ein US-Konzern damit gute Geschäfte - auch dank seltsamer Verkaufsmethoden. Jürgen Richter wusste, wie es um ihn stand. In seinem Körper wucherte ein Prostata-Karzinom, die Ärzte fanden bereits Metastasen an der Wirbelsäule. In dieser Situation suchte der Kranke Hilfe bei einer Heilpraktikerin, und die empfahl Noni-Saft. Nach Bezugsquellen für den exotischen Trunk aus Polynesien musste Richter in der kleinen Stadt im Sauerland nicht lange suchen: Der Ehemann der Heilpraktikerin handelte mit Tahitian Noni, dem eine wundersame Wirkung nachgesagt wird. Detailansicht öffnen Mit diesem Bild wird "Tahitian Noni" weltweit beworben (Foto: Foto: Tahitian Noni) Der Patient trank davon - wie von der Heilpraktikerin verordnet - fast einen Liter pro Tag. Drei Monate lang. Geholfen hat ihm das nicht. Jürgen Richter starb mit 59. Seine Tochter Natalie erinnert sich ungern an die letzten Tage ihres Vaters: "Noni-Saft war der Strohhalm, an den er sich klammerte." Jede Woche schluckte der Todkranke sechs Flaschen Saft. Der Preis: 56 Euro pro Literflasche. Noni-Saft gilt als Verkaufsschlager in der Naturheilbranche, er wird bereits in vielen Bioläden angeboten - zu deutlich niedrigeren Preisen als das angebliche Original. Und das ist nach Aussage des Marktführers Tahitian Noni International (TNI) das "Mehrfruchtsaftgetränk" mit dem Muschelmann auf dem Etikett. Tahitian Noni wird in 70 Ländern verkauft. Mehr als 100 Millionen Flaschen will die Firma in den vergangenen zehn Jahren abgesetzt haben. Allerdings nicht über den klassischen Handel: 1,5 Millionen Vertriebspartner bringen die teuren Flaschen direkt in die Wohnzimmer der Kunden. Auch in Deutschland sind Tausende Noni-Verkäufer unterwegs. Ziel: Black Pearl-Status Erik Niklas* ist einer der Erfolgreichsten. Der 48-jährige Kölner hat in den achtziger Jahren ein Investmentgeschäft aufgebaut. Jetzt macht er in Wellness. In der Mitarbeiterzeitschrift Tahiti Tradewinds wird Niklas als Top-Führungskraft vorgestellt. Seit September 2006 trägt er den Titel "Diamond Pearl Elite". Mittel- bis langfristig will Niklas sogar "Black Pearl" werden. Dann verdient er richtig viel Geld. Noni-Manager mit diesem Bonus, so munkeln Insider, kassieren bis zu 100.000 Euro pro Quartal. Solche Hierarchiestufen sind typisch in Unternehmen wie Tahitian Noni. Der Konzern betreibt sogenanntes Multi-Level-Marketing (MLM). Kritiker vergleichen das mit einem Schneeballsystem: Wer früh genug einsteigt und möglichst viele Vertriebspartner anwirbt, kann eine Lawine in Gang setzen. In der Branche heißt das "Downline". Niklas ist nach einem komplizierten Bonussystem an den Umsätzen seiner untergeordneten Vertriebspartner beteiligt. Jeder Neueinsteiger vergrößert den Schneeball und damit den Umsatz des gesamten Unternehmens. Weltweit gebe es "nur fünf Unternehmen in der neueren Geschichte, die mit dem Hyperwachstum von Tahitian Noni mithalten können", jubelt TNI. Selbst Unternehmen wie Nike, IBM, Pepsi oder Coca-Cola hätten in den ersten Jahren "nicht ansatzweise unsere Umsätze" erzielen können. Den beziffert die Zentrale in Provo im US-Bundesstaat Utah derzeit mit 500 Millionen Dollar. Niklas nimmt das Wort Schneeballsystem natürlich nicht in den Mund. Für ihn ist sein Job Network-Marketing. Ein Geschäft, das auf Empfehlungen aufgebaut ist. Und weil die nicht von selbst kommen, gehen manche Noni-Networker mit vollmundigen Sprüchen auf Mitarbeiterfang. "Wir machen Millionäre!" locken etwa Kleinanzeigen im Stellenteil. Diamond-Pearl-Träger Niklas ist ein gefragter Referent bei Tahitian Noni. Er kann Menschen mit flotten Sprüchen begeistern. "Auf dem Weg zum Gipfel gibt es keinen Lift, du musst immer noch die Treppe nehmen", sagt er. Etwa 20 Interessenten sind zu seiner Geschäftspräsentation in die Europazentrale von TNI nach München gekommen. Hausfrauen, Arbeitslose, einige Jungdynamiker mit Designertasche. "Eigentlich viel zu wenig", sagt Niklas. Denn hier in bester City-Lage, nur wenige Schritte entfernt vom Stachus, hat die Firma repräsentative Geschäftsräume angemietet. Im Erdgeschoss lockt ein polynesisches Cafe, in der schicken Boutique nebenan gibt es Noni-Produkte und oben im Tagungsraum ein wenig Südseeflair - auf der Leinwand. Jahrhunderte altes Wellness-Geheimnis Mit stimmungsvollen Bildern erzählt ein Werbestreifen die wundersame Geschichte von der Entdeckung der Morinda citrifolia, einer hühnereigroßen, grünen Frucht des indischen Maulbeerbaumes. Die Noni berge ein Jahrhunderte altes "Wellness-Geheimnis des polynesischen Volkes", sagt der Sprecher. Auf dieses Geheimnis musste die Welt lange warten: Anfang der neunziger Jahre reiste der Amerikaner John Wadsworth in die Südsee. In seinem Gepäck ein paar vergilbte Zeitungsausschnitte. Die berichten von einem Biochemiker, der Jahre zuvor auf Hawaii im Dienste des amerikanischen Fruchtmultis Dole Pineapples neben Ananas auch die Noni-Frucht erforschte. Leider war diese Frucht kaum genießbar, für Dole daher uninteressant. Doch der Forscher entdeckte einen Wirkstoff namens "Xeronin". Der Stoff ist in der biochemischen und medizinischen Literatur bis heute noch völlig unbekannt. Das aber verschweigt der Werbefilm, und es hat auch den geschäftstüchtigen Wadsworth, heute Präsident der TNI-Muttergesellschaft Morinda und Missionar der Mormonen-Kirche, nicht daran gehindert, die Menschheit mit dem pasteurisierten Fruchtsaft zu beglücken. Eine Kostprobe des rotbraunen Saftes gibt es für die Teilnehmer der Werbeveranstaltung gratis. Der erste Schluck ist allerdings eine Herausforderung für den Gaumen. "Sehr gewöhnungsbedürftig", sagt eine junge Frau und kippt schnell ein Glas Wasser hinterher. Mit solchen Kommentaren hat Niklas anscheinend gerechnet: Der Geschmack der reifen Früchte wird in der Fachliteratur als unangenehm beschrieben. Noni schmecke "faulig" oder nach "ranzigem Käse". Keine guten Voraussetzungen für eine Karriere auf dem Weltmarkt, gäbe es nicht Menschen wie Niklas. "Würden Sie einen solchen Saft trinken, wenn er nicht wirken würde?" fragt das Verkaufstalent. Und gibt auch gleich die Antwort: "Der Saft wirkt." Zur Bestätigung wedelt Niklas mit einer Broschüre. Eine "unabhängige Noni-Studie" von einem "Dr. Solomon". Zehntausend Noni-Anwender habe der Arzt in den USA befragt, und die Ergebnisse seien verblüffend. 84 Prozent hätten zum Beispiel weniger Allergien, 89 Prozent eine verbesserte Verdauung und 88 Prozent weniger Kopfschmerzen - wegen des Xeronin. Laut Broschüre präventiv gegen Krebs Hätte Niklas gewusst, dass sich unter seinen Zuhörern der Reporter befindet, wäre die Broschüre wohl in seiner Aktentasche verblieben. So aber sagt er: "Dieses Heft können Sie bei mir käuflich erwerben." Ein Euro kostet das Druckwerk "Noni-Juice - Die tropische Frucht mit 101 medizinischen Anwendungen". Auf 32 Seiten ist zu lesen, wie Noni "durch eine Vielfalt therapeutischer Wirkungen dem Körper helfen kann, sich selbst zu heilen". Noni verhindere "die Entstehung der Vorstufe von Krebs und das Wachstum von Krebsgeschwüren". Solche Aussagen sind nicht nur medizinisch höchst fragwürdig, sondern schlichtweg verboten. Noni-Saft ist seit 2003 von der Europäischen Kommission als "neuartiges Lebensmittel" zugelassen. Anbieter dürfen dafür aber nicht mit irreführenden Aussagen werben. So sind Aussagen verboten, die einem Lebensmittel "Eigenschaften der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung von Krankheiten zuschreiben". Hinzu kommt: Der Lebensmittelausschuss der Europäischen Kommission stellte fest, dass eine besondere gesundheitliche Wirkung von Noni-Saft "wissenschaftlich nicht belegt" sei. | Noni-Saft schmeckt faulig, ist teuer und seine Heilkraft nicht belegt. Trotzdem macht ein US-Konzern damit gute Geschäfte - auch dank seltsamer Verkaufsmethoden. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/weltweiter-verkaufserfolg-wundertrank-aus-polynesien-1.901809 | Weltweiter Verkaufserfolg - Wundertrank aus Polynesien | 00/05/2010 |
Die vom Münchner Konzern geplante Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland sei unmoralisch. Deshalb haben tausende Siemens-Mitarbeiter auf Kundgebungen und Demonstrationen gegen den Stellenabbau protestiert. Im Streit um die geplante Verlagerung von rund 5000 Siemens-Arbeitsplätzen ins Ausland hat die IG Metall am Freitag ihre Gangart verschärft. Detailansicht öffnen Mitarbeiter des Siemens-Handy-Werkes im niederrheinischen Kamp-Lintfort protestieren gegen den drohenden Arbeitsplatzverlust. (Foto: Foto: dpa) Bei einem bundesweiten Aktionstag der Gewerkschaft forderten mehrere tausend Mitarbeiter den Erhalt der bedrohten deutschen Siemens-Jobs. "Das Gebaren des Konzerns erinnert an Raubrittertum", kritisierte der baden-württembergische IG-Metall Bezirksleiter Jörg Hoffmann in Karlsruhe vor rund 1000 Beschäftigten. Aktionen an über 50 Standorten "Die Zeiten der geruhsamen Siemens-Familie sind vorbei", betonte der Nürnberger IG-Metall-Chef Gerd Lobodda. Insgesamt rief die IG Metall nach Angaben einer Sprecherin an mehr als 50 Standorten zu Aktionen auf. Wegen des teilweise nur geringen Organisationsgrades der IG Metall bei Siemens fielen die Aktionen allerdings unterschiedlich kämpferisch aus: Während sich die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten in einigen Siemens-Standorten darauf beschränkten, Flugblätter zu verteilen, kam es in anderen Städten zu Großkundgebungen mit mehreren tausend Teilnehmern. Unmoralisches Verhalten Der IG Metall-Vertreter im Siemens-Aufsichtsrat und Leiter des bundesweiten Siemens-Teams der IG Metall, Wolfgang Müller, forderte bei einer Kundgebung in Erlangen das Konzern-Management zu klaren und verlässlichen Zahlen auf. Er betonte, Siemens sei kein kränkelnder Konzern. "Auch mit den Arbeitsplätzen in Deutschland hat Siemens in den vergangenen Jahren einen Rekordgewinn nach dem anderen eingefahren". Sich jetzt mit den Gewinnen ins Ausland zu verabschieden, sei unmoralisch, sagte Müller. Ein Schwerpunkt des Aktionstages lag in Berlin, wo allein 16.000 der bundesweit rund 74.000 Siemens-Mitarbeiter beschäftigt sind. Bei Kundgebungen und Sternmärschen in Berlin-Spandau und Siemensstadt nahmen rund 2.500 Männer und Frauen teil. Mit Reispfannen und Gulasch In Anspielung auf die geplante Verlagerung von Siemens-Arbeitsplätzen nach China und Ungarn trugen viele Demonstranten Reispfannen; an einigen Stellen wurde ungarisches Gulasch ausgeschenkt. Am westfälischen Siemens-Standort Kamp-Lintfort und Bocholt, wo die Verlagerung von Teilen der Handy-Produktion nach Ungarn befürchtet wird, erinnerten Beschäftigte mit der Aktion "Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht" die Firmenmanager an ihre Verantwortung für die Betroffenen. Der Protestmarsch im Kamp-Lintfort endete vor dem örtlichen Arbeitsamt. An den Siemens-Standorten Erlangen und Nürnberg verließen mehr als 1.000 Beschäftigte zeitweise die Werkshallen und Büros und beteiligten sich an Kundgebungen vor den Werkstoren. Vor der Zentrale des Geschäftsbereich Medizintechnik demonstrierten rund 400, vor einem Gerätewerk der Automatisierungstechnik rund 200 Mitarbeiter. 5.000 Arbeitsplätze in Gefahr Bei einer Kundgebung in Nürnberg mit rund 300 Teilnehmern kündigten Redner weiteren Widerstand gegen die Abbau-Pläne des Siemens-Vorstands an. Die Siemens-Führung hatte in den vergangenen Wochen wiederholt damit gedroht, 5.000 Arbeitsplätze zu streichen oder ins Ausland zu verlagern. In Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern werden derzeit Lösungen zur Kostensenkung in deutschen Werken gesucht. Bei Gesprächen Anfang Juni näherten sich die Parteien an. Siemens will längere Arbeitszeiten bei gleicher Entlohnung. Betroffen seien hauptsächlich die Handy-Sparte, die Trafo-Herstellung und die Automatisierungstechnik. Service- und Vertriebs-Mitarbeiter protestierten zugleich gegen die geplanten Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen im Zuge der angestrebten Zusammenfassung dieser Bereiche unter einer einheitlichen deutschlandweiten Führung. | Die vom Münchner Konzern geplante Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland sei unmoralisch. Deshalb haben tausende Siemens-Mitarbeiter auf Kundgebungen und Demonstrationen gegen den Stellenabbau protestiert. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/demos-bei-siemens-das-gebaren-erinnert-an-raubrittertum-1.900686 | "Demos bei Siemens - ""Das Gebaren erinnert an Raubrittertum""" | 00/05/2010 |
Mittlerweile sind in Deutschland zwölf Regionalwährungen im Umlauf. Sie nutzen vor allem einer Gruppe: den Initiatoren. Chiemgauer sind bei der Bäckereikette Miedl ziemlich beliebt, und das gleich in zweifacher Hinsicht: Die Verkäuferinnen freuen sich nicht nur, wenn Kunden aus der Region rund um den Chiemsee bei ihnen einkaufen, sondern auch, wenn diese mit der Regionalwährung, dem Chiemgauer, bezahlen. Detailansicht öffnen Ersatzdevisen wie der Chiemgauer sind auch in Bremen, Berlin, Wolfratshausen, Gießen oder Kiel im Umlauf. (Foto: Foto: AP) Das bunt bedruckte Zahlungsmittel ist nur eine von mittlerweile zwölf deutschen Regionalwährungen, so genannten Regios, die in Deutschland inzwischen im Umlauf sind. Herausgeber der Regionalwährungen sind meist Bürgerinitiativen. Klaus Starke vom Regionetzwerk, dem Dachverband der Bürgerinitiativen, erklärt die Idee hinter den Projekten so: "Wir wollen geschlossene Wirtschaftskreisläufe etablieren und die Wirtschaft vor Ort fördern". So würden auch Arbeitsplätze erhalten. Stattliche Gebühren Experten stellen jedoch in Frage, dass Lokalwährungen bei der Förderung von Regionen tatsächlich von großem Nutzen sind. Gerhard Rösl von der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bundesbank bezweifelt, dass Firmen, die daran teilnehmen, langfristig profitieren können. Kurzfristig könnten sie zwar von einem Umsatzschub profitieren, weil die Regios als Werbung genutzt würden und zunächst die Kundenbindung stärkten. Die positive Wirkung lasse aber bald nach. Außerdem dürfte es einem Geschäftsinhaber ziemlich egal sein, ob seine Waren mit Chiemgauern oder mit Euro bezahlt werden -- seine Existenz ist nur gesichert, wenn Kunden bei ihm einkaufen. Überdies sind Regionalwährungen laut Rösl ziemlich teuer und nutzten vor allem den Initiatoren: Diese kassieren in der Regel stattliche Gebühren, sowohl bei der Ausgabe der Scheine als auch beim Rücktausch in Euro. Doch das ist nicht der einzige Nachteil. Das bisher in Deutschland im Umlauf befindliche Regionalgeld ist als "Schwundgeld" konzipiert. Das bedeutet: Eine Inflation von bis zu zwölf Prozent wird automatisch eingerechnet -- im Vergleich dazu verlor der Euro zuletzt pro Jahr weniger als zwei Prozent an Kaufkraft. Der Wertverlust soll nach Auskunft von Initiator Starke Nutzer dazu anhalten, das Geld schnellstmöglich auszugeben, um den Wertverlust gering zu halten. "Den letzten beißen die Hunde", hält Rösl dem entgegen. Er mahnt zur Vorsicht. "Zumindest ein Teil der Geldhalter dürfte nicht darüber aufgeklärt sein, wie teuer und instabil ein solches System letztlich ist." Mehr Gutschein als Geld In der Konzeption bedienen sich die Initiatoren der Regionalwährungen bei dem belgisch-argentinischen Ökonomen Silvio Gesell (1862 - 1930), der als Grundübel der Wirtschaft das Horten von Geld ansah, ein Effekt der durch die Verzinsung der Guthaben bei der Bank noch verstärkt werde. "Die Theorie hat sich überlebt, weil es das Horten wie vor hundert Jahren nicht mehr gibt", sagt Mathias Binswanger von der Fachhochschule Solothurn in der Schweiz. Eine stärkere Konkurrenz zum Euro sei nach Rösls Ansicht Regionalgeld ohne Schwundeffekt. Solche Vorhaben sollen in Saarbrücken und in Delitzsch-Eilenburg (Sachsen) verwirklicht werden. Noch ist die Summe des ausgegebenen Regionalgelds mit rund 100.000 Euro in Deutschland eher gering. Die Bundesbank sieht derzeit keine Gefahr für den Euro und geht nach Auskunft eines Sprechers nicht gegen die Regio-Initiativen vor. | Mittlerweile sind in Deutschland zwölf Regionalwährungen im Umlauf. Sie nutzen vor allem einer Gruppe: den Initiatoren. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/regiogeld-konkurrenz-fuer-den-euro-1.914816 | Regiogeld - Konkurrenz für den Euro | 00/05/2010 |
Der traditionell zurückhaltende Betriebsrat der Deutschen Bank macht sich wegen der öffentlichen Empörung über Vorstandschef Ackermann langsam Sorgen. In einer internen E-Mail an die Mitarbeiter versucht sich Ackermann unterdessen zu verteidigen. Ackermann bekräftigte in seiner E-mail an die Mitarbeiter seine Strategie: "Die Deutsche Bank konzentriert sich auf ihre Rentabilität und den kontinuierlichen Ausbau ihrer Marktposition, auch durch einen starken Aktienkurs. Daran halten wir fest, dazu gibt es für uns keine Alternative", heißt es in dem Schreiben, das noch an diesem Donnerstagabend an alle Mitarbeiter in Deutschland versandt werden soll und der in Berlin erscheinenden Tageszeitung Die Welt vorliegt. Detailansicht öffnen Die gute Laune lässt sich der Deutsche-Bank-Chef trotz aller Kritik noch nicht verderben: Hier am vergangenen Samstag auf dem Ball des Sports in Frankfurt am Main. (Foto: Foto: ddp) Es gehe aber nicht darum, an einem bestimmten Renditeziel starr festzuhalten. "Vielmehr haben wir die unternehmerische Verantwortung, aus Deutschland heraus eine Bank zu führen, die im Weltkonzert vorne mitspielt. Aber dazu muss auch unsere Rendite weltweit konkurrenzfähig sein." "Vielfach unangemessen" Die Diskussion um den Arbeitsplatzabbau in Deutschland bezeichnet Ackermann in dem Schreiben als "vielfach auch unangemessen." Der Arbeitsplatzabbau sei ihm nicht leicht gefallen. Der Deutsche-Bank-Chef sicherte aber zu, dass mit den betroffenen 6.400 Mitarbeitern weltweit eine "faire" und "sozial verträgliche" Lösung gefunden werde. In Deutschland bleibe es beim Abbau von netto 1.920 Stellen, der bereits im Dezember verkündet worden war. "An dieser Zahl hat sich seitdem nichts verändert." Wirtschaftsprofessor rät Ackermann zu Klage Schützenhilfe erhielt Ackermann durch das Börsenratsmitglied Wolfgang Gerke. Der Nürnberger Wirtschaftswissenschaftler empfahl der Bank, Politiker wegen Ruf- und Geschäftsschädigung zu verklagen. "Die Politiker sollten dafür in Haftung genommen werden", sagte Gerke der Tageszeitung News. | Der traditionell zurückhaltende Betriebsrat der Deutschen Bank macht sich wegen der öffentlichen Empörung über Vorstandschef Ackermann langsam Sorgen. In einer internen E-Mail an die Mitarbeiter versucht sich Ackermann unterdessen zu verteidigen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/in-der-deutschen-bank-brodelt-s-ackermann-im-eigenen-haus-unter-druck-1.904347 | In der Deutschen Bank brodelt's - Ackermann im eigenen Haus unter Druck | 00/05/2010 |
Kopulierende Puppen, verwesende Zombies oder Jesus mit Fernbedienung: Manche Unternehmen reizen in ihren Werbekampagnen die Geschmacksgrenzen gezielt aus. Denn Rügen des Werberats sind wunderbar PR-wirksam. Die Rucksackmarke Eastpak setzt ihre Produkte mit verwesenden Zombies in Szene, um die Unverwüstbarkeit ihrer Produkte zu kommunizieren. Coca-Cola fordert für seine neue Brause "Zero" Männer zum zwanglosen Starren auf dralle Dekolletees auf. Und in den Niederlanden handelte sich Sony PlayStation den Vorwurf des Rassismus ein: Das Plakat für die "PlayStation White" zeigt eine Blonde, die einer Schwarzen aggressiv ins Gesicht greift. Detailansicht öffnen axe-Botschaft mittels kompliziert verknoteter Puppen: "Macht Dich locker für die Ladies." (Foto: Foto: w&v) Es scheint, als reizten Werbungtreibende zunehmend Geschmacksgrenzen aus, um ihre Produkte ins Gespräch zu bringen. Dabei schrecken selbst als konservativ geltende Unternehmen nicht vor Schockwerbung zurück - mit dem Ziel, Aufmerksamkeit und PR zu generieren. Schon so manches Motiv landete im ersten Halbjahr vor dem Deutschen Werberat. Männerduschgel "Thai Massage" Erst kürzlich erhitzte etwa die Stellung Nr. 62 - der Bambusspalter - die Gemüter: Das Motiv der aktuellen Kampagne für Axe, eine Unilever-Marke, zeigt kompliziert ineinander verknotete Puppen, die für ein neues Männerduschgel namens "Thai Massage" werben. "Macht dich locker für die Ladies" versprechen die Werber von Bartle, Bogle, Hegarty, London. Es hagelte Beschwerden beim Werberat, die Verkehrsbetriebe in Hamburg und Frankfurt weigerten sich, das Motiv auf S-Bahnen zu kleben. Die Stadt Essen zeigte zwar die Werbung, legte aber schwarze Balken über die Puppen, die eigentlich nur Bein zeigen. "Konsequente Produktbotschaft" Was für die einen Aufforderung zum Sextourismus, ist für Tobias Collée, Brandmanager bei Axe Deutschland, die konsequente Umsetzung der Produktbotschaft von Axe. Die suggeriert der halbstarken männlichen Zielgruppe zwischen 14 und 24 Jahren in immer neuen Variationen, wer nach Axe-Produkten rieche, könne sich Vorteile bei der Balz verschaffen. "Das ist natürlich mit einem ironischen Augenzwinkern verbunden", sagt Tobias Collée. "Humorverständnis treffen" Es sei nicht das Ziel zu provozieren, sondern das Humorverständnis der jungen männlichen Zielgruppe zu treffen. "Das kann auch mal polarisieren", so der Axe-Markenverantwortliche. | Kopulierende Puppen, verwesende Zombies oder Jesus mit Fernbedienung: Manche Unternehmen reizen in ihren Werbekampagnen die Geschmacksgrenzen gezielt aus. Denn Rügen des Werberats sind wunderbar PR-wirksam. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/werbekampagnen-eine-lizenz-zum-schocken-1.905440 | Werbekampagnen - Eine Lizenz zum Schocken | 00/05/2010 |
Seit mehr als zwölf Monaten kämpft der deutsche Energiekonzern um die Übernahme des Konkurrenten. Doch nicht nur Eon hat Interesse an Endesa - ein Bieterkampf steigert den Preis ins Unermessliche. Jetzt wird es schwierig. In spanischen Zeitungen gibt es erste Spekulationen, Eon sei bei seinem Vorstoß in Spanien wohl gescheitert. Der Düsseldorfer Energiekonzern werde das Angebot zur Übernahme des Madrider Energiekonzerns Endesa möglicherweise zurückziehen. Davon ist bei Eon noch lange nicht die Rede. Doch in der Düsseldorfer Unternehmenszentrale geht der Frust um: "Die wollen uns nicht", sagt ein Eon-Manager über die massive Ablehnung des deutschen Unternehmens in Spanien. Eon hatte im Februar 2006 ein Angebot für Endesa gemacht. Das Unternehmen war in den Fokus gerückt, nachdem Gas Natural, der viel kleinere Gas-Versorger aus Barcelona, ein Übernahmeangebot für Endesa gemacht hatte. Ziel: Größter privater Energiekonzern weltweit Eon, ohnehin einer der größten privaten Energiekonzerne der Welt, wollte mit seinem Einkauf in Spanien zum größten privaten Versorger der Welt aufsteigen. Jetzt sieht es so aus, als könnte Eon bald zum größten Verlierer einer der größten europäischen Übernahmeschlachten werden. Eon verdient mit Strom und Gas klotzig Geld. Der Konzern hat eine prall gefüllte Kasse und ist seit langem auf der Suche nach ausländischen Unternehmen. Da kam den Düsseldorfern das spanische Ziel recht. Endesa ist auf der iberischen Halbinsel stark vertreten und sogar in Lateinamerika aktiv. Mehr als 29 Milliarden Euro bot Bernotat für das spanische Unternehmen. Ein Wahnsinnspreis, darüber waren sich Fachleute einig. Doch Bernotat hatte seinen Plan: "Endesa ist für uns ein stabiles Standbein in Märkten, wo wir bisher noch nicht oder kaum vertreten sind." Er will eine große Marktmacht erreichen, damit er im Kampf um die begehrten Brennstoffe nicht ins Hintertreffen gerät. Anruf von Angela Merkel ist fehlgeschlagen Alles schien gut vorbereitet. Am Abend bevor Eon-Chef Wulf Bernotat den Übernahmeplan ankündigte, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Madrid bei Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero angerufen, um ihn über Bernotats Plan zu informieren. So sollte der grenzübergreifende Deal erleichtert werden. Doch Merkels Anruf kam gar nicht gut an. Er rief in Madrid Empörung hervor. Weniger über Merkel als über Bernotat, der die Regierungschefin vorgeschickt hatte. In diesem Vorgehen machten Spaniens Politiker eine gehörige Portion Arroganz aus. So nicht, war die Antwort. Auch Endesa-Chef Manuel Pizarro reagierte beleidigt. Für die gebotenen 27 Euro pro Endesa-Aktie wollte er das Unternehmen auf keinen Fall hergeben. Der Unternehmenswert liege eher bei 45 Euro, meinte Pizarro damals. Zähes Ringen Nach mehr als einjähriger Zermürbungsschlacht ist Eon ordentlich weichgekocht. Mehrfach hat der Düsseldorfer Konzern sein Angebot erhöht. Zuletzt bot er 42,3 Milliarden Euro für Endesa, 40 Euro pro Aktie - und damit 38 Prozent mehr als am Anfang des Kampfes. Doch es reicht noch immer nicht. Der Grund für die Preissteigerung ist ein zähes Ringen, in das sich im Laufe der Zeit noch Nebenbuhler einreihten. Fünf Monate nach der Eon-Ankündigung stieg der spanische Mischkonzern Acciona mit zehn Prozent bei Endesa ein. Der tat sich später mit dem italienischen Stromkonzern Enel zusammen, um Eon gemeinsam aus dem Feld zu schlagen. Beide halten inzwischen 46 Prozent an Endesa. Politiker schalteten sich ein. Auf beiden Seiten verdienen sich inzwischen Anwälte mit Schriftsätzen, die den Gegnern Prozesse androhen, goldene Nasen. Unterstützung der Regierung Bernotat hat kaum noch Chancen, bei Endesa die gewünschte Mehrheit der Aktien und damit das Sagen zu bekommen. Der Eon-Chef muss sich vorhalten lassen, von Anfang an ungeschickt taktiert zu haben. Seine Gegner haben die Unterstützung der spanischen Regierung. Auch wenn der Endesa-Verwaltungsrat seinen Aktionären die Annahme des Eon-Angebots empfiehlt, für das die Frist am Dienstag abläuft, dringt er mit seiner Meinung nicht durch. Die vereinten Konkurrenten haben längst ein Angebot von 41 Euro angekündigt. Manches deutet darauf hin, dass sich Eon wie der Elefant im Porzellanladen verhalten hat. Einerseits ist Spanien für deutsche Unternehmen empfänglich. Es gibt im Land bereits 1100 deutsche Firmen, die für etwa acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes Spaniens verantwortlich sind. Nationaler Marktführer geplant Andererseits wird arrogantes Gebaren dem gelegentlich etwas schroff auftretenden Eon-Chef nicht zum ersten Mal unterstellt. Aber die spanische Regierung hatte andere Pläne, bevor Bernotat aufkreuzte. Zapatero hatte einst Gefallen gefunden an dem Plan von Gas Natural zur Endesa-Übernahme. So ließe sich ein nationaler Marktführer bilden, den sich die Regierung im Grunde wünschte. Das war Bernotat offenbar nicht klar. Dass Eon diesen Plan zu durchkreuzen versuchte, war der sozialistischen Regierung sauer aufgestoßen. Zumal Endesa-Chef Pizarro als ein enger Vertrauter des früheren Regierungschefs José María Aznar gilt, dem Guru der konservativen Volkspartei. Strategisch überlegen Doch in Madrid fragen sich selbst Kreise, die der Eon-Offerte wohlwollend gegenüberstehen, ob sich Bernotat wirklich gut beraten ließ. Auch wenn die Regierung den Düsseldorfern einen Stein nach dem anderen in den Weg gerollt hat, auch wenn spanische Analysten darüber klagen, dass manche Beteiligte des Spiels in den vergangenen Monaten mit offenen oder versteckten Fouls gearbeitet haben. Strategisch waren ihm die Rivalen Acciona und Enel überlegen. Während Eon mit keiner einzigen Endesa-Aktie in die Schlacht zog, sicherten sich Enel und Acciona heimlich, still und leise beträchtliche Aktienpakete, ehe sie ihre Intentionen offenlegten. Der Kampf geht weiter. Inzwischen warnte die Bundesregierung den EU-Partner Spanien vor unfairen Maßnahmen. Die deutsche Regierung werde sich in den Fall einschalten, wenn der Eindruck entstehe, dass durch staatliche Maßnahmen die Fairness des Wettbewerbs beeinträchtigt werde. Das Wirtschaftsministerium beobachte die Vorgänge "mit großem Interesse und werde alles unternehmen, um einen fairen Wettbewerb zu garantieren". Im Gegenzug kündigten Enel und Acciona am Freitag eine Klage vor dem nationalen Gerichtshof an, um die eigenen Übernahmechancen zu verbessern. | Seit mehr als zwölf Monaten kämpft der deutsche Energiekonzern um die Übernahme des Konkurrenten. Doch nicht nur Eon hat Interesse an Endesa - ein Bieterkampf steigert den Preis ins Unermessliche. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/uebernahmekampf-um-endesa-der-spanische-krieg-1.917968 | Übernahmekampf um Endesa - Der spanische Krieg | 00/05/2010 |
Die EU-Kommission hat ihre Pläne zur Reform der Strommärkte vorgelegt - und sie fallen radikal aus: Am liebsten würde die Behörde die Energiemultis zerschlagen. Die EU-Kommission will die Macht der Energiekonzerne brechen und ihnen die Kontrolle über ihre Netze entreißen. Dazu sollen die Unternehmen zerschlagen werden oder die Verwaltung ihrer Leitungen einem unabhängigen Treuhänder überlassen, wie die Kommission am Mittwoch in Brüssel erklärte. Eine Aufspaltung der Unternehmen wäre "der effizienteste Ansatz" für mehr Wettbewerb auf dem Strom- und Gasmarkt, sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Mittwoch in Brüssel. Angesichts des Widerstands aus Deutschland und anderen Mitgliedstaaten schlug die Kommission aber zusätzlich eine Alternative vor: Danach könnten die Konzerne ihre Leitungen behalten, müssten ihre Verwaltung aber an einen unabhängigen Betreiber abgeben. "Ein bisschen wie ein Supermarkt" Wo Energie-Erzeugung und Leitungen in einer Hand lägen, habe der Besitzer "jedes Interesse, dass seine Konkurrenten keinen fairen Zugang zum Netz erhalten", argumentierte Barroso. "Das ist ein bisschen wie ein Supermarkt mit Hausmarken, der in seinen Regalen keinen Platz für andere Marken machen will und erst recht keine neuen Regale bauen wird." EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes bezeichnete den Energiemarkt in Deutschland, "der von wenigen integrierten Konzernen dominiert wird", als Paradebeispiel für die aktuellen Probleme. Deutsche Haushalte zahlten bis zu 30 Prozent höhere Energiepreise als die Verbraucher in Großbritannien, wo der Markt bereits entflochten sei, sagte Kroes. Geteiltes Echo In Deutschland stießen die Vorschläge der EU-Kommission zur Entflechtung der Energiekonzerne auf ein geteiltes Echo. Union und FDP begrüßten zwar grundsätzlich, dass die Kommission den Wettbewerb auf dem Energiemarkt befördern wolle, kritisierten die erwogenen Maßnahmen aber als zu weitgehend. Verbraucherschützer stellten sich hinter den Vorschlag einer Entflechtung. Der energiepolitische Koordinator der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer, sagte im SWR, die Stromkonzerne zur Aufgabe ihrer Netze zu zwingen, sei ein "völlig falscher Weg". "Trennung kontraproduktiv" Außerdem sei Deutschland gerade dabei, das zweite Liberalisierungspaket umzusetzen. In dieser Phase sei der EU-Vorschlag einer eigentumsrechtlichen Trennung zwischen Energieerzeugung und Stromnetz kontraproduktiv. Die energiepolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Gudrun Kopp, sagte: "Für die FDP bleibt die eigentumsrechtliche Entflechtung der Netze das letzte Mittel, das erst zur Anwendung kommen sollte, wenn alles andere gescheitert ist." Sie befürchtete lange Rechtsstreitigkeiten, die den Liberalisierungsprozess auf Jahre zum Stillstand bringen würde. Aufforderung an die Adresse der Bundesregierung Der Bund der Energieverbraucher nannte die Entflechtung im Sinne des Wettbewerbs und der Verbraucher "zwingend". Im Deutschlandradio Kultur sagte der Präsident des Verbandes, Aribert Peters, die hohen Nutzungspreise für das Netz wirke wie eine Strafgebühr für Stromerzeuger, die neu an den Markt wollten, aber über kein eigenes Netz verfügten. Peters forderte die Bundesregierung auf, ihren Widerstand gegen die "vernünftigen Lösungsvorschläge, die aus Brüssel kommen", aufzugeben. | Die EU-Kommission hat ihre Pläne zur Reform der Strommärkte vorgelegt - und sie fallen radikal aus: Am liebsten würde die Behörde die Energiemultis zerschlagen. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/strompreise-eu-provoziert-energiekonzerne-1.889111 | Strompreise - EU provoziert Energiekonzerne | 00/05/2010 |
Der größte Autokonzern der Welt leidet unter hohen Kosten und sinkender Nachfrage - jetzt rächt sich, dass GM die Bedeutung von Marken unterschätzt hat. Der Mann hat einen Sinn für Inszenierungen. Deshalb hat Bob Lutz das Opernhaus von Detroit für seinen Auftritt gewählt. Mit röhrendem Motorgeräusch steuert der Technik-Chef von General Motors (GM) ein silbergraues Coupé auf die Bühne. Das über 80 Jahre alte Theater im Renaissance Stil erbebt, die mächtigen Kristalllüster vibrieren, als 16 Zylinder die 1000 PS aufheulen lassen. Lutz lässt die Tür zufallen, tänzelt um das Luxusgefährt und schwärmt vor den geladenen Journalisten über den neuen Cadillac "Sixteen": "Dieses Auto ist die moderne Übersetzung von allem, was Cadillac einst zum Weltstandard machte und wieder machen kann." Dieses Auto sei "eine Erinnerung an unsere glorreiche Vergangenheit und zugleich eine Darstellung des Fortschritts". GM werde sich "von niemandem auf die hinteren Plätze verweisen lassen". Die Bühnenshow vom Januar 2003 sollte den Wiederaufstieg von GM, des größten Autokonzerns der Welt, einleiten. Aber nur zwei Jahre später sind die schönen Pläne verflogen. Durch Detroit geistern Gerüchte über die drohende Pleite von GM. Wie vor vierzig Jahren Der Autohersteller, der 320.000 Beschäftigte in 32 Ländern hat und im vergangenen Jahr weltweit neun Millionen Autos verkaufte, machte im ersten Quartel mehr als eine Milliarde Dollar Verlust. Der Konzern, zu dem die US-Marken Cadillac, Buick, Pontiac, Oldsmobile, Saturn, GMC und Hummer gehören, der in Europa die Fabrikate Opel, Vauxhall und Saab besitzt und dessen Autos in Australien den Namen Holden tragen, steckt tief in der Krise. Schwache Nachfrage, hohe Rabatte und erdrückende Ausgaben für die Gesundheitskosten der Mitarbeiter und Pensionäre drohen GM zu strangulieren. Richard Wagoner, 52, der Chef, winkt ab. Eine Pleite stehe nicht an, sagt der groß gewachsene Mann. "Das ist Unsinn". Doch auch er kann den Eindruck nicht wegwischen, dass es ernst steht um GM. Donnerstag vor einer Woche war wieder so ein Tag der Aufregung. Im Hyatt-Hotel von Dearborn, etwa 20 Meilen außerhalb von Detroit gelegen, hatte Wagoner vor 500 Gewerkschaftern den Ernst der Lage dargestellt. Die hohen Kosten von 5,6 Milliarden Dollar pro Jahr für die Krankenversorgung der Mitarbeiter und Pensionäre, hätten ein Ausmaß angenommen, dass das Unternehmen bedroht sei. "Die Gesundheitslasten wachsen schneller, als wir unsere Kosten senken können." Danach ging der Aktienkurs von GM, der schon seit fünf Jahren fällt, mal wieder auf Sturzflug. Inzwischen ist die Aktie wieder dort angelangt, wo sie schon vor 40 Jahren stand. GM ist an der Börse nur noch elf Milliarden Dollar wert. Kein Unternehmen im amerikanischen Leitindex Dow Jones ist so niedrig bewertet. Das war anders, als Wagoner, im Jahr 2000 den Spitzenjob im 38. Stock der Firmenzentrale bezog. Damals herrschte echte Aufbruchstimmung in dem verstaubten Konzern, wo traditionell nur das Geld im Vordergrund stand und die Größe. GM war nicht viel mehr als ein Sammelsurium verschiedener Marken, die das Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte in der ganzen Welt zusammengekauft hatte. Jetzt sollte wieder die Technik in den Vordergrund gestellt werden, wie bei den erfolgreichen deutschen Autobauern oder bei den Japanern. Ein Zeichen für den Kulturwandel sollte auch sein, dass der Konzern kurz vorher seine düstere Sandsteinzentrale aus dem Jahr 1922 verlassen und das 40-stöckige Renaissance Center aus Glas und Stahl am Detroit-Fluss bezogen hatte. Der zum Himmel strebende Komplex sollte die verblichene Legende vom kraftvollen GM-Konzern wieder beleben. Zugleich sollte die glitzernde Firmenzentrale mit ihren 6000 Mitarbeitern der trostlos verfallenen City der Autostadt wieder neues Leben einhauchen, die mit dem schleichenden Niedergang der heimischen Autoindustrie zum Slum wurde. Spaß mit der Mig Der Neue an der Spitze erkannte seine größte Schwäche: Er war selbst nur gelernter Finanzer, der nichts von Autos verstand. Also machte er einen unerwarteten Schritt - und holte Jahr 2001 den damals 69jährigen Bob Lutz ins Haus, einen alten Haudegen der Autobranche, der längst Rentner war. Das sorgte für gute Schlagzeilen. Denn der Schweizer ist in der US-Autoindustrie ein Superstar. Der 1,90-Hüne hatte in den sechziger Jahren schon bei GM in Detroit angefangen, war bei Opel in Rüsselsheim und verbrachte einige Jahre im BMW-Vorstand. Später war er bei Ford und Chrysler, wo er es bis zum zweiten Mann brachte. Lutz gilt als so genannter Car Guy, als Mann mit Benzin im Blut, und das Image eines Haudegens hat er auch. Lutz, der als junger Mensch in die USA kam, war für die Amerikaner mehrere Jahre Kampfflieger im Koreakrieg. Noch heute erinnert sein kurzer Haarschnitt und seine gerade Haltung an diese Vergangenheit - und natürlich sein Militärflugzeug. Lutz hat sich einen gebrauchten Mig-Jet aus tschechischen Rest-Beständen gekauft. Damit donnert er gelegentlich über den Erie-See oder den Staat Michigan. Ins Büro fliegt Lutz, der eine Autostunde von Detroit entfernt ein Haus im Schweizer Chalet-Stil bewohnt, im eigenen Hubschrauber. Und am Wochenende wienert er an den vielen Oldtimer herum, die in seiner Garage stehen - alle fahrbereit und stets sorgfältig an ein Batterieladegerät angeschlossen. Lutz sorgte bei GM dafür, dass in der obersten Etage wieder über Design und PS gesprochen wurde und nicht nur über den Cash Flow. Doch inzwischen ist der Elan verpufft. Die Nachfrage nach GM-Autos geht weiter zurück. Wagoner und Lutz müssen Krisenmanagement treiben. Wenn sie die Talfahrt nicht stoppen, könnte ihre Zeit bald abgelaufen sein. Bis in die sechziger Jahren war GM ein echter Ami-Mythos. Jedes zweite Auto, das in den Vereinigten Staaten auf die Straßen rollte, stammte von dem 1908 gegründeten Riesen, und es galt als Volksregel, dass gut für Amerika war, was General Motors nützte. Die Qualität weggespart Sportwagen wie die Corvette waren Kultflitzer. Spritsaufende Blechschlitten mit Heckflossen und Weißwandreifen standen für die Nachkriegs-Wundermacht. Das amerikanische Luxusauto schlechthin hieß Cadillac. Die Konkurrenten aus Europa oder Japan waren noch keine Bedrohung. Im Jahr 1978 hatte der Konzern noch 680.000 Beschäftigte. Heute ist GM hat nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Marktanteil in den USA hat sich auf 25 Prozent halbiert und auch die Belegschaft ist nur noch halb so groß wie vor 30 Jahren. Vor allem die Japaner setzen den amerikanischen Spritsäufern seit 20 Jahren erfolgreich Autos entgegen, die nicht einmal billiger sind, aber viel weniger Sprit verbrauchen und zuverlässiger sind. Jetzt rächen sich die Fehler der Vergangenheit. Die GM-Manager haben es nie verstanden, ihre Marken attraktiv zu halten. Bis die Kunden merkten, dass die Autos im GM-Haus einander immer ähnlicher wurden - und immer langweiliger. Oldsmobile war bald so heruntergewirtschaftet, dass GM die Marke einstellte. Jetzt muss Wagoner dementieren, dass er auch noch Buick dicht machen will. Ähnlich trostlos ist die Entwicklung in Europa, wo GM 1928 Opel gekauft hatte. In den neunziger Jahren stürzte die Marke, die einst für Zuverlässigkeit stand, in der Kundengunst so ab, dass horrende Verluste entstanden. | Der größte Autokonzern der Welt leidet unter hohen Kosten und sinkender Nachfrage - jetzt rächt sich, dass GM die Bedeutung von Marken unterschätzt hat. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/general-motors-es-steht-ernst-um-den-behaebigen-riesen-1.902673 | General Motors - Es steht ernst um den behäbigen Riesen | 00/05/2010 |
Gehasst, missverstanden, belächelt: Am Mittwoch kommender Woche treffen sich die Mächtigen und die Wichtigen aus Wirtschaft, Politik und Medien wieder in Davos. Das Weltwirtschaftsforum ist eine durch und durch erstaunliche Einrichtung. Gehasst, belächelt und für tot erklärt, ist das Treffen der Wirtschaftselite im Graubündner Luftkurort Davos so vital wie eh und je. Detailansicht öffnen Vom 24 bis 28 Januar ist Davos wieder der Nabel der Welt. (Foto: Foto: AFP) Mehr als 2000 Manager, Politiker, Wissenschaftler und Journalisten kommen zusammen, um sich kluge Referate anzuhören, an Diskussionen teilzunehmen, vor allem aber, um andere wichtige Menschen zu treffen. Getragen und finanziert wird das Forum von den Mitgliedern, insgesamt 1000 Spitzenunternehmen aus aller Welt. Deren Manager zahlen viel Geld für die Mitgliedschaft, und daher schimpfen sie auch ausgiebig über Davos, über die wolkigen Debattenthemen ebenso wie über den schlechten Service in überteuerten Hotels. Der Geist von Davos Und trotzdem kommen sie alle jedes Jahr. Die Erklärung für den Erfolg des Phänomens Davos ist im Grunde ganz einfach: Es gibt ihn tatsächlich, den viel beschworenen "Geist von Davos" - jene besondere Atmosphäre der elitären Toleranz, eine Mischung aus Neugier, Eitelkeit, Geschwätzigkeit und ernsthafter Sorge um die Belange der Welt -, der die Menschen ins Konferenzzentrum zieht. Man findet eben wenig Gelegenheiten, bei denen die Antreiber und die Getriebenen der Globalisierung in den Chefetagen auf distinguierte Weise mit deren Kritikern zusammenkommen können. Die Chefs der großen Weltkonzerne setzen sich vermutlich nur in Davos mit Leitfiguren des Anti-Globalisierungs-Protests wie dem Nobelpreisträger Josef Stiglitz oder Literaturkritikerin Viviane Forrester auf ein Podium. Gehobenes Gutmenschentum Der Geist von Davos spielt eine große Rolle in der Selbstvermarktung des Weltwirtschaftsforums; dessen Motto ist es ja auch, "den Zustand der Welt zu verbessern". Manch ein Davos-Besucher kritisiert dies als gehobenes Gutmenschentum. Und der eine oder andere zitiert dann den im vorigen Jahr verstorbenen Nobelpreisträger Milton Friedman mit seinem berühmten Satz: "Die soziale Verantwortung der Wirtschaft liegt darin, die Gewinne zu erhöhen." Aber selbst wenn das so sein sollte, dann haben die Chefs doch das Bedürfnis, über den Tag und über das eigene Geschäft hinauszudenken. Und genau dafür ist Davos da. Das Weltwirtschaftsforum unterstützt junge Führungskräfte in aller Welt, es hilft im Kampf gegen die Korruption, es sorgt sich um das Gesundheitswesen armer Länder und fördert den Dialog zwischen dem Islam und dem Westen. | Gehasst, missverstanden, belächelt: Am Mittwoch kommender Woche treffen sich die Mächtigen und die Wichtigen aus Wirtschaft, Politik und Medien wieder in Davos. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/weltwirtschaftsforum-davos-die-nabelschau-der-weltverbesserer-1.917129 | Weltwirtschaftsforum Davos - Die Nabelschau der Weltverbesserer | 00/05/2010 |
GM-Chef Wagoner hat Fehler in der Europa-Strategie des Konzerns eingeräumt: "Wir waren bei einigen Schlüsselmodellen zu konservativ. Wir müssen beim Design progressiver und innovativer sein." In den letzten beiden Monaten des Jahres 2004 habe GM in Europa mit den Marken Opel, Vauxhall und Saab "wieder Fahrt aufgenommen", sagte Wagoner am Rande der Detroiter Autoschau. Detailansicht öffnen Ein Mann betritt das Opel-Werk in Bochum. (Foto: Foto: ddp) Der Marktanteil sei erstmals seit 1999 wieder gestiegen. "Wir haben die richtige Strategie", meinte der GM-Chef. Wagoner sagte aber nicht, wo in Zukunft die europäischen GM-Mittelklasseautos vom Typ Opel Vectra oder Saab 9-3 gebaut werden sollen. Zur Wahl stehen das Opel-Werk in Rüsselsheim und die Saab-Fabrik im schwedischen Trollhättan. Eine Entscheidung soll, so Wagoner, "im ersten Quartal dieses Jahres fallen". Hartes Sanierungsprogramm GM hatte Anfang Oktober ein hartes Sanierungsprogramm für das verlustreiche europäische Geschäft angekündigt. In diesem und im nächsten Jahr sollen etwa 10.000 der 32.000 deutschen Opel-Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verlieren. Wagoner, der sich bisher zur Opel-Krise nicht selbst geäußert hatte, räumte ein, GM habe in der Vergangenheit in Europa Fehler gemacht. "Wir waren bei einigen Schlüsselmodellen zu konservativ. Wir müssen beim Design progressiver und innovativer sein". GM sei in Europa "in die Zange genommen worden". Die deutschen Premiumhersteller hätten sich nach unten bewegt und sich "in unser Marktsegment eingeschlichen". Von unten hätten andere Wettbewerber den Druck gesteigert. Dadurch seien die Kostenprobleme von Opel besonders zum Vorschein gekommen. "Wir wurden in der Mitte erwischt und wir haben zu langsam gehandelt." "Nicht ausreichend" Das vor dreieinhalb Jahren vom damaligen Opel-Chef Carl-Peter Forster aufgelegte Sanierungsprogramm Olympia, das die Streichung von 2500 Arbeitsplätzen vorsah, sei "nicht ausreichend gewesen." Alle Entscheidungen über die Sanierung des Europa-Geschäfts würden auf höchster Konzernebene in Detroit getroffen. In der Vergangenheit habe Opel steigende Kosten leichter auf die Kunden abwälzen können als heute. "Diese Zeiten sind vorbei", sagte Wagoner. | GM-Chef Wagoner hat Fehler in der Europa-Strategie des Konzerns eingeräumt: "Wir waren bei einigen Schlüsselmodellen zu konservativ. Wir müssen beim Design progressiver und innovativer sein." | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/probleme-unterschaetzt-general-motors-gibt-fehler-bei-opel-zu-1.900983 | Probleme unterschätzt - General Motors gibt Fehler bei Opel zu | 00/05/2010 |
Mit ihrer Leidenschaft für das Motorradfahren macht CSU-Rebellin Gabriele Pauli hierzulande geschickte Eigen-PR. Dabei entdecken die Motorrad-Schmieden derzeit Frauen ganz allgemein als Zielgruppe. Und ausgerechnet Harley Davidson ist auf der Überholspur. Frauen sind die am schnellsten wachsende Kundengruppe der Motorradhersteller. In Amerika sorgen sie bereits für einen Absatz von über 100.000 Maschinen pro Jahr.. Auch wenn die männlichen Baby-Boomer langsam in die Jahre kommen und sich endlich das langersehnte Freiheitsgefühl auf zwei Rädern leisten können und wollen - Frauen sind auf der Überholspur: "50 Prozent der Bevölkerung ist weiblich. Und sie haben einen Nachholbedarf", sagte Harley-Davidson-Chef James L. Ziemer zur New York Times. "Als Unternehmen müssen wir eingefahrene Bahnen verlassen." Um sich dem "schwachen" Geschlecht anzudienen, baut das Unternehmen seine Motorräder niedriger, schmäler und leichter. Zudem wird die Form des Lenkers angepasst, und das Kuppeln soll deutlich leichter von der Hand gehen. Der Look muss stimmen Natürlich muss auch der Look stimmen: Helle Monturen mit Strass-Steinchen statt schwerer, schwarzer Lederjacken sind gefragt. Sogar das omnipräsente Totenkopfmotiv wurde aufgehübscht, mit Flügelchen und Blümchen. Doch ist diese Idee nicht ganz neu. Schon im vergangen Jahr mischte der japanische Hersteller Suzuki die düstere Motorradmode mit Suzuki Girl auf: Bonbonfarben, babyblau und mit schlankem Schnitt. Und hierzulande hat der neue Trend sogar eine prominente Vertreterin: CSU-Rebellin Gabriele Pauli hat ihre Motorrad-Kluft mit weiblicher Geschmackssicherheit auf ihre rot-schwarze Ducati abgestimmt. Kaffeekränzchen mit Benzingeruch Doch kaum ein Motorradhersteller buhlt laut New York Times stärker um weibliches Klientel als ausgerechnet die Rockermarke Harley Davidson. In den Werkstätten der Händler werden regelmäßige Garage Parties geschmissen, zu denen Männer keinen Zutritt haben. Hier soll sich das neue Klientel von Frau zu Frau unbeobachtet und ungezwungen austauschen und sich auf ihr zukünftiges Dasein als Queen of the Road vorbereiten können. Den Interesentinnen wird auch beigebracht, wie man eine umgekippte Maschine - mit rund 330 Kilogramm kein Leichtgewicht - wieder in die Senkrechte stemmt. Diese Anstrengungen zahlen sich für Harley Davidson aus, wenn auch langsam. Etwa zwölf Prozent des Umsatzes verdanke der Hersteller Frauen, schreibt die New York Times Und ihr Anteil wächst: Von vier Prozent im Jahr 1990, auf neun Prozent acht Jahre später und gut zehn Prozent im Jahr 2003. Im vergangenen Jahr gingen 32.000 Maschinen in weiblichen Besitz über, und in diesem Jahr rechnet die Motorrad-Schmiede mit einem Umsatz von 300 Millionen Dollar in den Vereinigten Staaten - ohne Zubehör, Klamotten und Accessoires. "Zwölf Prozent sind erst der Anfang", sagt Jerry G. Wilke, Viezepräsident des Motorrradbauers. "Die Möglichkeiten, Bedürfnissen von Frauen gerecht zu werden, kennen keine Grenzen." Klingt nach freier Fahrt auf einer endlosen Erfolgsgeraden. | Mit ihrer Leidenschaft für das Motorradfahren macht CSU-Rebellin Gabriele Pauli hierzulande geschickte Eigen-PR. Dabei entdecken die Motorrad-Schmieden derzeit Frauen ganz allgemein als Zielgruppe. Und ausgerechnet Harley Davidson ist auf der Überholspur. | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/neue-harley-davidson-kampagne-frauen-an-die-oefen-1.916616 | Neue Harley-Davidson-Kampagne - Frauen an die Öfen! | 00/05/2010 |
Bei Airbus sickern Details des Sanierungsplanes "Power8" durch: Am Standort Toulouse sollen offenbar 3300 und im Werk Hamburg 2317 Stellen gestrichen werden. Unterdessen verschärfte sich wieder der Streit um "Power8". Der Flugzeugbauer Airbus plant einem Pressebericht zufolge den Abbau von rund 3.300 Stellen in Toulouse. Betroffen seien 2.305 Stellen in Werken der Umgebung und weitere 964 in der Zentrale, berichtet die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf ein Dokument, das dem Betriebsrat vorgelegt worden sein soll. Außerdem sollen dem Papier zufolge im Rahmen des Sanierungsplans "Power8", der insgesamt den Abbau von 10.000 Stellen vorsieht, 2.317 Stellen in Hamburg, 1.095 im britischen Filton 334 im spanischen Getafe und 865 an anderen französischen Standorten wegfallen. Airbus nimmt keine Stellung zu Zahlen Ein Airbus-Sprecher wollte die konkreten Zahlen auf Anfrage nicht kommentieren. Klar sei lediglich, dass in Toulouse vor allem in der Verwaltung eingespart werden soll. Nach Wochen der Ruhe verschärfte sich unterdessen wieder der Streit um die Umsetzung des Sanierungsprogramms "Power8". Aus Protest gegen die unklare Zukunft ihrer Werke legten die Beschäftigen an den deutschen drei Airbus-Standorten Varel, Nordenham und Laupheim am Mittwoch die Arbeit nieder. Spontane Aktionen Die deutschen Arbeitnehmer äußerten mit den spontanen Aktionen ihren Unmut über die nach ihrer Ansicht unzureichende Informationspolitik und fehlende Beweglichkeit des Konzerns. In Varel und Nordenham kehrten die Beschäftigten am Donnerstag wieder an ihre Arbeitsplätze zurück, sagte der Sprecher der IG Metall Küste, Daniel Friedrich. Im baden-württembergischen Laupheim wollen die Beschäftigten nach Gewerkschaftsangaben von Montag an wieder arbeiten. Ob und in welchem Ausmaßen die Arbeitsniederlegungen zu Produktionsausfällen führten, war zunächst nicht abzusehen, sagte ein Airbus-Sprecher. Neuorganisation soll bis September stehen Der Flugzeughersteller will die Werke mit insgesamt 4700 Beschäftigten im Rahmen seines Sparprogramms verkaufen. "Power8" sieht Kostensenkungen von 2,1 Milliarden Euro jährlich von 2010 an vor. Die Neuorganisation des Konzerns soll bis Ende September stehen. Zuvor will die EADS-Tochter die Partner für die Werke benennen. Inzwischen sollen mehr als ein Dutzend Unternehmen Interesse an den zur Disposition stehenden Werken angemeldet haben, darunter das Bremer Unternehmen Kaefer. | Bei Airbus sickern Details des Sanierungsplanes "Power8" durch: Am Standort Toulouse sollen offenbar 3300 und im Werk Hamburg 2317 Stellen gestrichen werden. Unterdessen verschärfte sich wieder der Streit um "Power8". | wirtschaft | https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/power8-airbus-sanierungsplan-konkretisiert-sich-1.919845 | """Power8"" - Airbus-Sanierungsplan konkretisiert sich" | 00/05/2010 |
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