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JJT_20190924_OGH0002_0040OB00144_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126626 | 4Ob144/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20190924_OGH0002_0040OB00144_19H0000_000/JJT_20190924_OGH0002_0040OB00144_19H0000_000.html | 1,569,283,200,000 | 1,952 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsrekursgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Vogel als Vorsitzenden und die Hofräte Dr. Schwarzenbacher, Hon.-Prof. Dr. Brenn, Priv.-Doz. Dr. Rassi und MMag. Matzka als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj K* N*, geboren am *, wohnhaft bei seinen Eltern N* H* und S* N*, wegen teilweisem Entzug der Obsorge, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Eltern, vertreten durch Lansky, Ganzger & Partner Rechtsanwälte GmbH in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 24. Juni 2019, GZ 43 R 278/19d-140, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Obsorge über das nunmehr 13-jährige Kind K* steht aufgrund einer Vereinbarung bisher beiden Eltern zu.
Am 13. 10. 2013 wurde das Kind im Alter von sieben Jahren bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt; dadurch ist es in seiner Lebensführung schwer beeinträchtigt.
Mit Klage vom 8. 6. 2016 begehrte das durch die Eltern vertretene Kind zunächst vom Krankenhausträger die Abgabe eines Verjährungsverzichts. Die pflegschaftsgerichtliche Genehmigung dieser Klage wurde rechtskräftig abgelehnt. Später brachte das Kind eine Klage gegen den Krankenhausträger auf Zahlung (232.000 EUR) und Feststellung wegen diverser Behandlungsfehler ein.
Am 4. 10. 2016 erhob das Kind durch seinen Verfahrenshelfer (RA Dr. S*), der von RA Dr. Ha* vertreten wurde, eine Klage gegen den Haftpflichtversicherer der Unfalllenkerin auf Zahlung von Schmerzengeld (750.000 EUR) und Verunstaltungsentschädigung (50.000 EUR) sowie auf Feststellung der Haftung für zukünftige Schäden. In der Folge gab RA Mag. J* bekannt, als neuer Substitut für den Verfahrenshelfer einzuschreiten. Mit Schriftsatz vom 28. 6. 2018 gab RA Mag. K* ihre direkte Bevollmächtigung durch die Eltern als Vertreterin des Kindes bekannt. Daraufhin widerrief die zuständige Rechtsanwaltskammer die Bestellung des Verfahrenshelfers. Mit Bescheid vom 30. 1. 2019 wurde RA Dr. Ho* zum neuen Verfahrenshelfer für das Kind bestellt. Im Zuge dieses Haftpflichtprozesses leistete der Haftpflichtversicherer der Unfalllenkerin Teilzahlungen in Höhe von rund 261.000 EUR, die auf zwei Sparbüchern des Kindes erliegen und pflegschaftsgerichtlich gesperrt sind. RA Dr. J* begehrte die Freigabe von 48.479,43 EUR und Auszahlung an die Eltern, weil dieser Betrag den Eltern und nicht dem Kind zustehe. Dem Auftrag des Pflegschaftsgerichts, diesen Betrag auf ein gesondertes Konto zu legen, kamen die Eltern nicht nach. Auch dem Auftrag, dem Pflegschaftsgericht binnen drei Monaten Veranlagungsvorschläge für die auf den Sparbüchern erliegenden Beträge zu unterbreiten, entsprachen sie nicht. In der Folge beantragten die Eltern, 6.713,96 EUR als Honorar für RA Dr. J* beheben zu dürfen. Dieser Rechtsanwalt sei von ihnen im Pflegschaftsverfahren namens des Kindes bevollmächtigt worden; sie hätten die Vollmacht im Dezember 2017 widerrufen. Vom Verfahrenshelfer verlangten sie die Freigabe von 15.000 EUR für anwaltliche Leistungen der ehemaligen Ehegattin des Vaters.
Im Zuge des Haftpflichtprozesses schlossen die Eltern namens des Kindes einen Teilvergleich mit dem Haftpflichtversicherer, wonach die Eltern ab 1. 1. 2017 bis auf Widerruf eine Pflegeentschädigung für das Kind in Höhe von monatlich 10.000 EUR inklusive Pflegegeld erhalten. Derzeit ist unklar, wer diesen Vergleich für das Kind unterfertigen soll; die pflegschaftsgerichtliche Genehmigung steht daher noch aus.
Die Eltern, insbesondere der Vater, sind gegenüber Gerichten, Anwälten, Ärzten und Sachverständigen überaus skeptisch eingestellt und bringen diesen Instanzen kein Vertrauen entgegen. Sie setzen sich über Empfehlungen und gerichtlichen Anordnungen hinweg; teilweise ließen sie Gerichtsverhandlungen bewusst unbesucht. Der Vater zeigt ein mitunter aggressives Kommunikationsverhalten. Den Gang einer Gerichtsverhandlung zeichneten die Eltern ohne Offenlegung und Genehmigung auf einem Datenträger auf. Außerdem übermittelten sie diverse Aktenbestandteile und verfahrensbezogene Informationen an offizielle Stellen und darüber hinaus an Printmedien.
Das Erstgericht entzog den Eltern die Obsorge im Bereich der Durchsetzung der Ansprüche des Kindes aus dem Verkehrsunfall vom 13. 10. 2013 und aus allfälligen Behandlungsfehlern im Anschluss daran sowie im Bereich der Verwaltung der daraus erzielten Zahlungen und übertrug die Obsorge in diesem Umfang auf einen Rechtsanwalt. Die Eltern beanspruchten Zahlungen des Haftpflichtversicherers teilweise für sich selbst. Mit den häufigen Vollmachtswechseln seien nicht nur Verzögerungen in der Anspruchsverfolgung, sondern auch zusätzliche Kostenbelastungen verbunden. Durch die Übermittlung von verfahrensbezogenen Informationen an außenstehende Dritte seien die durch § 141 AußStrG geschützten Interessen des Kindes massiv beeinträchtigt worden. Dies gelte insbesondere für die Weiterleitung der Informationen an Medien, die keinen Verschwiegenheitspflichten unterlägen.
Das Rekursgericht bestätigte diese Entscheidung. Die Bevollmächtigung von Rechtsanwälten trotz der Bestellung eines Verfahrenshelfers habe zu zusätzlichen Kostenbelastungen geführt und eine zügige Verfahrensführung durch den Verfahrenshelfer behindert. Durch die Weiterleitung von das Kind betreffenden Informationen an Medien seien die durch § 141 AußStrG geschützten Interessen des Kindes verletzt worden. Zudem liege eine Interessenkollision im Sinn des § 271 ABGB vor. Bei einer Gesamtschau des Verhaltens der Eltern zeige sich, dass die Verfolgung der Interessen des Kindes bei der Durchsetzung seiner Ansprüche aus dem in Rede stehenden Verkehrsunfall sowie bei der Verwaltung der daraus resultierenden Zahlungen gefährdet sei.
Rechtliche Beurteilung
Mit dem gegen diese Entscheidung erhobenen außerordentlichen Revisionsrekurs zeigen die Eltern keine erhebliche Rechtsfrage auf:
1. Die geltend gemachten Verfahrensmängel und die behauptete Aktenwidrigkeit liegen – wie der Oberste Gerichtshof geprüft hat – nicht vor.
Nach der Begründungserleichterung des § 60 Abs 2 AußStrG kann sich das Rekursgericht, wenn es die Rechtsmittelausführungen für nicht stichhaltig, die damit bekämpften Entscheidungsgründe des angefochtenen Beschlusses hingegen für zutreffend erachtet, unter Hinweis auf deren Richtigkeit mit einer kurzen Begründung seiner Beurteilung begnügen. Ob den Anforderungen dieser Begründungserleichterung genügt wurde, ist eine Frage des Einzelfalls, die vom Obersten Gerichtshof im Allgemeinen nicht aufgegriffen werden kann (vgl 4 Ob 80/18w). Das Rekursgericht hat ausdrücklich auf die Begründungserleichterung des § 60 Abs 2 AußStrG Bezug genommen und zudem zu den wesentlichen Punkten im Rekurs Stellung genommen. Das Erstgericht hat auch seine Entscheidung betreffend die Verwaltung der Entschädigungsbeträge näher begründet.
Naheliegende Schlussfolgerungen, die das Rechtsmittelgericht aus den erstgerichtlichen Feststellungen zieht, begründen keine Aktenwidrigkeit. Im Übrigen kommt den in diesem Zusammenhang kritisierten Ausführungen des Rekursgerichts keine Entscheidungsrelevanz zu.
2. Die Entscheidung der Vorinstanzen betrifft den teilweisen Entzug der Obsorge in Bezug auf die Verfahrensführung in zwei Gerichtsverfahren (Haftpflichtprozess nach einem Verkehrsunfall und Schadenersatzprozess wegen angeblichen Behandlungsfehlern) sowie in Bezug auf die Verwaltung der daraus erzielten Zahlungen. Als Rechtsgrundlage dient § 181 Abs 1 ABGB.
Entgegen den Überlegungen im außerordentlichen Revisionsrekurs hat das Erstgericht keinen Kollisionskurator für das Kind im Sinn des § 271 ABGB bestellt. Die Ausführungen, die sich auf einen Interessenkonflikt zwischen dem Pflegebefohlenen und seinem gesetzlichen Vertreter beziehen (vgl dazu 4 Ob 72/18v), sind für den vorliegenden Beschluss damit nicht einschlägig.
3.1 Nach § 181 Abs 1 ABGB kann das Gericht, wenn die Eltern durch ihr Verhalten das Kindeswohl gefährden, die Obsorge dem bisherigen Berechtigten ganz oder teilweise entziehen und an den Kinder- und Jugendhilfeträger übertragen (§ 211 ABGB) oder sonst zur Sicherung des Kindeswohls geeignete sichernde oder unterstützende Maßnahmen treffen. Bei der Anordnung von solchen Maßnahmen ist der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und der Familienautonomie zu berücksichtigen. Durch eine solche Verfügung darf das Gericht die Obsorge nur insoweit beschränken, als dies zur Sicherung des Wohles des Kindes erforderlich ist. Eine Verfügung, mit der die Obsorge entzogen wird, kommt nur als ultima ratio in Betracht. Eine Gefährdung des Kindeswohls ist dann gegeben, wenn die Obsorgeberechtigten ihre Pflichten objektiv nicht erfüllen oder diese subjektiv gröblich vernachlässigen und durch ihr Verhalten schutzwürdige Interessen des Kindes konkret gefährden (4 Ob 83/18m; 2 Ob 136/18s mwN).
3.2 Gemäß § 158 Abs 1 ABGB umfassen die Pflege und Erziehung sowie die Vermögensverwaltung auch die gesetzliche Vertretung in diesen Bereichen. Dementsprechend schließt gemäß § 181 Abs 3 ABGB die gänzliche oder teilweise Entziehung der Obsorge die Entziehung der gesetzlichen Vertretung im jeweiligen Bereich grundsätzlich mit ein (vgl RIS-Justiz RS0112740). Die gesetzliche Vertretung kann sich somit speziell auf die Pflege, die Erziehung oder auf die Vermögensverwaltung beziehen. Daneben gibt es auch eine gesetzliche Vertretung außerhalb dieser Bereiche („bloße gesetzliche Vertretung“), so etwa bei der Wahrnehmung von Persönlichkeitsrechten des Kindes (vgl 8 Ob 99/12k; 2 Ob 136/18s).
Der zugrunde liegende Beschluss betrifft demnach zwei unterschiedliche Teilbereiche der Obsorge, nämlich die Verfahrensführung als Fall der bloßen gesetzlichen Vertretung und die Vermögensverwaltung betreffend die aus diesen Verfahren resultierenden Zahlungen an den Minderjährigen.
4.1 Für den Entzug der Obsorge im Teilbereich der Vermögensverwaltung ist erforderlich, dass die Eltern eine Pflichtverletzung begangen haben oder eine solche aktuell droht und daraus ein konkreter Vermögensnachteil für das Kind zu befürchten ist. Vorausgesetzt ist weiters, dass der zu befürchtende Nachteil nicht durch gelindere (pflegschaftsgerichtliche) Maßnahmen zur Kontrolle der Eltern als gesetzliche Vertreter abgewendet werden kann.
Ob und inwieweit ausgehend von diesen Grundsätzen einem Elternteil die Obsorge zu entziehen ist oder nicht, hängt von den konkreten Umständen des Einzelfalls ab und bildet in der Regel keine erhebliche Rechtsfrage (RS0115719; RS0007101).
4.2 Die Vorinstanzen haben ihrer Beurteilung die dargelegten Grundsätze zugrunde gelegt. Ihre Beurteilung, dass die Gefährdungsmomente für einen teilweisen Entzug der Obsorge im hier eingeschränkten Bereich der Vermögensverwaltung (Zahlungen an das Kind aus den von diesem geführten Rechtsstreiten) ausreichten, hält sich im Rahmen der Rechtsprechung.
Aus den Feststellungen ergibt sich, dass die Eltern Vermögen des Kindes in einem nicht unbeträchtlichen Teil für sich selbst und für von ihnen beauftragte Rechtsanwaltsleistungen in Anspruch nehmen wollen. Damit ist die Gefahr der missbräuchlichen Verwendung von Zahlungen an das Kind und dadurch bedingter weiterer Auseinandersetzungen mit dem Haftpflichtversicherer verbunden. Unter gewöhnlichen Umständen kann eine solche missbräuchliche Mittelverwendung durch eine angemessene pflegschaftsgerichtliche Kontrolle (Sperre von Konten und Rechnungslegung) sowie das Erfordernis der pflegschaftsgerichtlichen Genehmigung etwa bei Aufwendungen, die außerhalb des ordentlichen Wirtschaftsbetriebs des Pflegebefohlenen gelegen sind, verhindert werden (vgl dazu 5 Ob 113/18f). Im Anlassfall ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Eltern gerichtlichen Anordnungen zur Sicherung der in Rede stehenden Mittel des Kindes nicht nachkommen. So haben sie sich etwa geweigert, den Betrag von 48.479,43 EUR auf ein gesondertes Konto zu legen und dem Pflegschaftsgericht Veranlagungsvorschläge für die auf den Sparbüchern des Kindes erliegenden Beträge zu unterbreiten. Unter diesen Voraussetzungen besteht die naheliegende Gefahr, dass Zahlungen zugunsten des Minderjährigen ohne gerichtliche Kontrolle für Zwecke verwendet werden, die nicht dem primären Interesse des Kindes entsprechen. Eine nachträgliche Rechnungslegung käme in einem solchen Fall zu spät.
5. Für die Beurteilung der Befugnisse der Eltern zur gesetzlichen Vertretung des Kindes im Bereich der Verfahrensführung gelten dieselben Grundsätze. Auch in dieser Hinsicht ist die Entscheidung der Vorinstanzen nicht korrekturbedürftig.
Aus den Feststellungen folgt, dass die Eltern
– aufgrund ihres Misstrauens gegenüber den einschreitenden Rechtsanwälten und den befassten Gerichten – unnötige Prozesskostenbelastungen verursachen, die die wirtschaftlichen Interessen des Kindes erheblich beeinträchtigen. Die Begründung solcher Zahlungspflichten kann nicht durch gerichtliche Kontrolle vermieden werden, weshalb gelindere Mittel nicht in Betracht kommen.
Auch der Hinweis im außerordentlichen Revisionsrekurs, dass „Litigation-PR“ nicht verboten sei, ist nicht zielführend. In der Entscheidung 4 Ob 38/13m wurde aus § 141 AußStrG (als gegenüber den Bestimmungen zur Akteneinsicht speziellerer Norm) ein ausnahmsloses Weitergabeverbot personenbezogener Daten bzw von Aktenbestandteilen gegenüber Dritten abgeleitet, und zwar nicht nur in Bezug auf die Einkommens- und Vermögensverhältnisse eines Pflegebefohlenen, sondern (aufgrund eines Größenschlusses) auch in Bezug auf die sensibleren persönlichen Verhältnisse, wie etwa den Geisteszustand, aber auch das persönliche Leid einer schutzbedürftigen Person. Dazu wurde festgehalten, dass das Pflegschaftsverfahren ausschließlich dem Schutz der Interessen des Pflegebefohlenen dient. Daraus folgt, dass Informationen aus gerichtlichen Verfahren, an denen minderjährige Kinder beteiligt sind, als vertrauliche Informationen anzusehen sind, für die eine besondere Verschwiegenheitspflicht besteht. Richtig ist an sich, dass sich die in Rede stehende Norm an das Gericht wendet. Ihr ist allerdings das allgemeine Prinzip zu entnehmen, dass die Lebens- und Vermögensverhältnisse eines Pflegebefohlenen in seinem Interesse geschützt sein sollen und nicht der Öffentlichkeit etwa zur Befriedigung der Neugierde oder Sensationslust preisgegeben werden dürfen. Nach dieser Wertung richtet sich das Weitergabeverbot insbesondere auch an den am Verfahren beteiligten gesetzlichen Vertreter des Kindes, der dessen Geheimhaltungsinteresse nicht verletzen und die personenbezogenen Daten nicht missbräuchlich verwenden darf. Wenn die Vorinstanzen auch davon ausgehend eine Gefährdung des Kindeswohls bei der Weitergabe von Informationen aus Gerichtsakten zu einem bei einem Verkehrsunfall schwer verletzten Kind an Medien bejahen, stellt dies keine korrekturbedürftige Fehlbeurteilung dar.
6. Mit dem Hinweis auf den Schutz der Familie nach Art 8 EMRK zeigen die Eltern ebenfalls keine erhebliche Rechtsfrage auf. Bei Gefährdung der Interessen des Kindes ist ein Eingriff in die Obsorge durch geeignete sichernde oder unterstützende Maßnahmen grundsätzlich gerechtfertigt. Werden bei einer im Interesse des Kindes gebotenen Beschränkung der Obsorge die jeweils geeigneten gelindesten Mittel angewandt, so ist auch der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz gewahrt.
7. Insgesamt gelingt es den Eltern mit ihren Ausführungen nicht, eine erhebliche Rechtsfrage aufzuzeigen. Der außerordentliche Revisionsrekurs war daher zurückzuweisen. |
JJT_20190925_OGH0002_0010OB00124_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126641 | 1Ob124/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20190925_OGH0002_0010OB00124_19W0000_000/JJT_20190925_OGH0002_0010OB00124_19W0000_000.html | 1,569,369,600,000 | 841 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Pflegschaftssache mj L*, geboren am * 2006, wegen Obsorge und Kontaktrecht, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Mutter Mag. V*, vertreten durch Dr. Irmgard Mairinger, Rechtsanwältin in Salzburg, gegen den Beschluss des Landesgerichts Salzburg vom 29. Mai 2019, GZ 21 R 40/19g-103, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Neumarkt bei Salzburg vom 21. Dezember 2018, GZ 1 Ps 220/17y-95, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Seit dem KindNamRÄG 2013 soll die Obsorge beider Elternteile (eher) der Regelfall sein (RIS-Justiz RS0128811). Diese setzt ein gewisses Mindestmaß an Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit voraus, weil es bei der gemeinsamen Obsorge erforderlich ist, in entsprechend sachlicher Form Informationen auszutauschen und Entschlüsse zu fassen. Es ist daher vom Gericht eine Beurteilung dahin vorzunehmen, ob eine entsprechende Gesprächsbasis zwischen den Eltern vorhanden oder in absehbarer Zeit mit einer solchen zu rechnen ist (RS0128812). Diese Beurteilung kann nur nach den Umständen des Einzelfalls erfolgen und begründet im Allgemeinen keine Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung iSd § 62 Abs 1 AußStrG (RS0128812 [T5, T15, T19]). Eine solche vermag die Revisionsrekurswerberin auch nicht aufzuzeigen.
2. Bei der Beurteilung, ob zwischen den Eltern eine ausreichende Kommunikationsbasis für die Ausübung der gemeinsamen Obsorge besteht, kommt es nämlich in erster Linie auf die jeweilige Bereitschaft zum Informationsaustausch und nicht auf die Art der Nachrichtenübermittlung an (8 Ob 152/17m = RS0132055; RS0128812 [T21, T22]). Die Argumentation, dass die Kommunikation „derzeit nur mehr schriftlich funktioniert“, kann daher keine aufzugreifende Fehlbeurteilung offenlegen.
Das Rekursgericht legte auf Basis des vom Erstgericht festgestellten Sachverhalts zugrunde, dass die Eltern nicht bloß per E-Mail, sondern auch telefonisch und bei den Besuchskontakten persönlich kommunizierten und es wiederholt Situationen gegeben habe, bei denen die Eltern sachlich miteinander kommuniziert und Lösungen erarbeitet hätten. Wenn es die Verschlechterung im Zuge des Streits um die Obsorge als „Momentaufnahme“, bei der aber die Entwicklungen in der Vergangenheit eine positive Prognose erlaube, beurteilte, ist dies nicht bedenklich. Schwierigkeiten im gegenseitigen Umgang und Probleme in der Kommunikation sind für einen Obsorgestreit mehr oder weniger typisch (10 Ob 8/19b).
Die Revisionsrekurswerberin versucht im Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof vom Rekursgericht verneinte Verfahrensmängel aufzugreifen und die von den Vorinstanzen getroffene Beweiswürdigung in unzulässiger Weise anzugreifen (RS0050037; RS0030748; RS0043414 [T15]). Gelangten die Vorinstanzen im vorliegenden Fall zum Ergebnis, dass die jüngsten Einvernahmen der Eltern und nun erstmals im Verfahren auch des fast zwölf Jahre alten Kindes im Zusammenhalt mit dem Clearingbericht und anderen Urkunden eine ausreichende Entscheidungsgrundlage bilden, so ist die Frage, ob in diesem Einzelfall zusätzlich ein (aktuelles) Sachverständigengutachten oder die Einvernahme weiterer Zeugen erforderlich ist, vom Obersten Gerichtshof nicht überprüfbar (RS0108449 [T4]; RS0115719 [T10]). Ein genereller Grundsatz dahin, dass das Pflegschaftsgericht im Obsorgeverfahren einen Sachverständigen beizuziehen hätte, besteht im Übrigen nicht (vgl RS0006319 [T7, T11]). Eine – aus Gründen des Kindeswohls (RS0050037 [T4]; RS0030748 [T18]) in der Rechtsprechung angenommene – ausnahmsweise Durchbrechung des Grundsatzes, dass ein vom Gericht zweiter Instanz verneinter erstinstanzlicher Mangel in dritter Instanz nicht erfolgreich zum Gegenstand einer Verfahrensrüge gemacht werden kann, ist im vorliegenden Fall nicht geboten.
Darin, dass die Revisionsrekurswerberin pauschal behauptet, es wären weitere Erhebungen und Feststellungen über die Anforderungen an das Lebensumfeld des Kindes, insbesondere auch im Bezug auf seine Dyskalkulie zu treffen gewesen („Einbindung in den Familienverband, seine soziale Absicherung und Anforderungen, Freizeitbeschäftigungen und dgl.“), ohne aber darlegen zu können, welche konkreten und der nun getroffenen Entscheidung über eine gemeinsame Obsorge widersprechenden Tatsachen sich daraus ergeben hätten, liegt keine erhebliche Rechtsfrage. Bereits das Rekursgericht legte zugrunde, dass beim Kind eine Dyskalkulie besteht, aber eben auch, dass beide Elternteile damit vertraut sind und dies bei ihrer Betreuung berücksichtigen.
„Entsprechender“ Feststellungen im Zusammenhang mit dem zusätzlichen Wochenkontakt „in Bezug auf Busverbindungen, Umsteigebedarf, Fahrtintervalle und Fahrtzeiten“ zum Wohnort des Vaters, bedarf es nicht, wenn dieser ohnedies den Auftrag erhielt, sein Kind langsam und seinem Wohl entsprechend auf die Bewältigung der Fahrt mit dem Bus (am Mittwoch) vorzubereiten und bis zu dem Zeitpunkt, an dem es sich das zutraut und sich sicher fühlt, dafür Sorge zu tragen, dass es abgeholt und entsprechend betreut wird.
3. Der Vorhalt, dass es seinem Wohl besser entspräche, wenn das Kind (statt am Mittwoch) am Montag vom Vater betreut würde, „weil er an diesem Tag bisher von der Urgroßmutter betreut wurde, zu der er nicht eine so innige Beziehung hat wie zu seiner Großmutter oder seinem Vater“, findet zum einen keine Deckung im festgestellten Sachverhalt. Zum anderen befasst sich die Mutter nicht ansatzweise mit der Argumentation des Rekursgerichts, wonach es nicht um die Verlängerung der Besuchskontakte (am Wochenende), sondern um die Einräumung einer weiteren zusätzlichen Einheit zwischen Vater und Kind geht. Dass es der Mutter offenbar nicht gelingt, das Kind am Montag anders als von der Urgroßmutter betreuen zu lassen, kann darauf nicht von Einfluss sein.
4. Mit dem erstgerichtlichen Auftrag über die Inanspruchnahme einer Eltern- und Erziehungsberatung hat sich die Mutter in ihrem Rekurs inhaltlich in keiner Weise befasst; da dieser Punkt somit erledigt ist, hat eine weitere Auseinandersetzung damit zu unterbleiben.
5. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191023_OGH0002_0010OB00186_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126651 | 1Ob186/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191023_OGH0002_0010OB00186_19P0000_000/JJT_20191023_OGH0002_0010OB00186_19P0000_000.html | 1,571,788,800,000 | 1,066 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Familienrechtssache der Antragstellerin A*, vertreten durch Dr. Daniel Rose, Rechtsanwalt in Neulengbach, gegen den Antragsgegner A*, vertreten durch Dr. Michael Pallauf und andere, Rechtsanwälte in Zell am See, wegen Aufteilung des ehelichen Gebrauchsvermögens und der ehelichen Ersparnisse, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragstellerin gegen den Beschluss des Landesgerichts Salzburg als Rekursgericht vom 29. August 2019, GZ 21 R 93/19a-63, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Zell am See vom 25. Februar 2019, GZ 25 Fam 29/17f-59, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1. Eine versäumte Rechtsrüge kann auch im Außerstreitverfahren nicht nachgeholt werden (RIS-Justiz RS0043480 [T12]). Dies auch dann nicht, wenn das Gericht zweiter Instanz – obwohl es ausgeführt hat, dass das Rechtsmittel keine dem Gesetz gemäß ausgeführte Rechtsrüge enthält – die erstinstinstanzliche Rechtsansicht ohne nähere Begründung (RS0043480 [T13]) oder mit einer kurzen Begründung (RS0043231 [T5]) billigt oder sonst „der Vollständigkeit halber“ Rechtsausführungen macht (RS0043231 [T2]).
1.2. Das Rekursgericht erachtete die Rechtsrüge der Frau als nicht gesetzmäßig ausgeführt, bestätigte aber die Überlassung des Hauses mit der Ehewohnung an den Mann mit einer inhaltlichen Begründung und ging (bei der Beurteilung der Verfahrensrüge) davon aus, dass § 91 Abs 2 EheG nicht anzuwenden sei, weil die Investitionen „in die Unternehmen“ des Mannes (gemeint: in Gesellschaften, an denen er beteiligt ist) „gänzlich fremdfinanziert“ (also nicht aus ehelichem Gebrauchsvermögen oder ehelichen Ersparnissen) erfolgten. Dass sich das Rekursgericht darüber hinaus nicht mit der Rechtsrüge befasste, hätte in dritter Instanz als Mangelhaftigkeit bekämpft werden müssen (RS0043231). Eine derartige (begründete) Mängelrüge kann dem Rechtsmittel der Frau aber nicht entnommen werden. Dass sie im Rekurs behauptet habe, „dass das gesamte Verfahren unter unrichtigen rechtlichen Beurteilungen geführt worden sei“ und es dem Rekursgericht „freigestanden wäre diese Ausführungen als Rechtsrüge zu behandeln“, genügt den Anforderungen an die konkrete Rüge eines zweitinstanzlichen Verfahrensfehlers nicht.
2. Der Revisionsrekurs ist auch davon geprägt, dass weiterhin – ohne nähere Begründung – die bereits vom Rekursgericht als unrichtig aufgezeigte Rechtsansicht vertreten wird, auch das unternehmerische Vermögen des Mannes („sämtliche Vermögenszuwächse im Vermögen der Gesellschaften“) unterliege der Aufteilung, wobei auch die vom Erstgericht getroffenen Feststellungen zur ehelichen Errungenschaft negiert werden. Ein aus ehelichen Mitteln angeschafftes Unternehmen und Anteile an einem solchen (ausgenommen bloße Wertanlagen) unterliegen aber ebensowenig der Aufteilung (§ 82 Abs 1 Z 3 und 4 EheG; RS0057567), wie deren Werterhöhung (vgl RS0057626 [T2]; auch nicht im Umweg über eine Ausgleichszahlung; vgl RS0057626 [T4]). Es begründet daher keinen sekundären Feststellungsmangel, dass das Erstgericht keine Feststellungen zum Wert des Unternehmens (der Unternehmensbeteiligungen) des Mannes „für den Zeitpunkt der Eheschließung und der Scheidung“ traf. Auch auf das Revisionsrekursvorbringen, wonach die eidliche Angabe des Vermögens des Mannes mangels Bezugnahme auf das Gesellschaftsvermögen unvollständig geblieben sei, muss nicht näher eingegangen werden. Dazu wird auch nicht behauptet, dass die Frau ihre Ansprüche ohne ergänzte Vermögensangabe nicht beziffern könne; sie legt auch nicht ansatzweise dar, welche Vermögenswerte der Mann verschweige oder verheimliche (vgl 1 Ob 181/16y).
3. Auch zu den „Einkommensverhältnissen“ bzw zum „Lebensstandard“ des Mannes zeigt der Revisionsrekurs keinen sekundären Feststellungsmangel auf, weil das Erstgericht sowohl Feststellungen zum laufenden Einkommen des Mannes als auch zum Lebensstil der Ehegatten („gutbürgerliches Leben“) traf. Soweit die Revisionsrekurswerberin in diesem Zusammenhang die erstinstanzliche Beweiswürdigung kritisiert, übersieht sie weiters, dass der Oberste Gerichtshof auch im Außerstreitverfahren keine Tatsacheninstanz ist (RS0007236), wie mit der Behauptung, das Erstgericht hätte – aufgrund eines in erster Instanz vorgelegten Privatgutachtens – weitere vom Mann während der Ehe „geschaffene“ Vermögenswerte (also eine weitergehende eheliche Errungenschaft) feststellen müssen.
4. Soweit die Revisionsrekurswerberin erkennbar auch in dritter Instanz davon ausgeht, dass die Vorinstanzen § 91 Abs 2 EheG anwenden hätten müssen, negiert sie, dass keine Investitionen aus dem ehelichen Gebrauchsvermögen oder den ehelichen Ersparnissen in ein Unternehmen des Mannes (an dem dieser Anteile hält) flossen. Gegenteiliges legt die Frau auch in ihrem Rechtsmittel nicht konkret dar.
5. Soweit im Revisionsrekurs unter Hinweis auf den Rechtssatz zu RS0057693 argumentiert wird, dass der Frau „aus dem Titel der enttäuschten Erwartung auf die dauernde, durch die eheliche Gemeinschaft vermittelte Teilnahme am Einkommen und Lebensstandard des Mannes und auf die Erfüllung in ihrem Beruf als Mutter und Hausfrau“ ein Ausgleichsanspruch zustehe, wird einerseits übersehen, dass die Vorinstanzen der Frau ohnehin eine Ausgleichszahlung zusprachen; inwieweit diese zu gering bemessen worden wäre, zeigt die Revisionsrekurswerberin
– die nur eine Aufhebung der angefochtenen Entscheidung beantragt – nicht auf. Vor allem widerspricht die ersichtlich vereinzelt gebliebene Entscheidung zu 5 Ob 669/81 nicht nur der ständigen Judikatur des Fachsenats, sondern auch der Bestimmung des § 83 EheG, die eine enttäuschte Erwartung im dargelegten Sinn als Aufteilungskriterium nicht vorsieht; vielmehr gewährt das Unterhaltsrecht dem schuldlos Geschiedenen in gewissem Rahmen die Möglichkeit am Lebensstandard des anderen weiterhin teilzunehmen. Nur der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass die Streitteile gar keine gemeinsamen Kinder haben und die Frau ihre Berufstätigkeit wegen des wirtschaftlichen Misserfolgs ihrer Boutique beendete und dann ihre kranken Eltern pflegte.
6. Mit ihrer Kritik, das Rekursgericht habe (Verfahrens-)Ergebnisse aus dem Unterhaltsverfahren verwertet (und dabei gegen Verfahrensgesetze verstoßen), bezieht sich die Revisionsrekurswerberin auf einen bereits im Rekurs behaupteten erstinstanzlichen Verfahrensmangel, der in zweiter Instanz verneint wurde und daher nicht mehr aufgegriffen werden kann (RS0042963 [T48]). Ebenso zielt der Vorwurf, das (Erst-)Gericht habe die Aufnahme eines (Buch-)Sachverständigengutachtens „verweigert“, sowie die in dritter Instanz neuerlich gerügte Unterlassung der Einvernahme von zwei Zeugen, auf einen solchen vom Rekursgericht verneinten Verfahrensmangel ab. Davon, dass das Rekursgericht auf die Verfahrensrüge der Frau nicht eingegangen wäre, kann entgegen deren Ansicht keine Rede sein.
7. Zur auch in dritter Instanz strittigen Frage, wem das Haus mit der Ehewohnung zu überlassen sei, setzt sich die Frau nicht mit den Ausführungen des Rekursgerichts auseinander, wonach derjenige, dem die Ehewohnung zugewiesen wird, auch die damit zusammenhängenden Schulden von mehr als einer halben Million Euro übernehmen muss, was sich die Frau (im Unterschied zum gut verdienenden Mann) nicht leisten könne. Da es für die Frage der Überlassung der Ehewohnung bei – wie hier – grundsätzlich gleich gewichtigen ehelichen Beiträgen nicht nur darauf ankommt, wer auf diese mehr angewiesen ist (RS0057733; im vorliegenden Fall deutet nichts darauf hin, dass die Frau eher auf das Haus angewiesen ist, als der Mann; dies wird im Revisionsrekurs auch gar nicht ausreichend konkret behauptet), sondern auch zu berücksichtigen ist, welcher Ehegatte in der Lage wäre, eine bei Zuweisung der Ehewohnung allenfalls zu leistende Ausgleichszahlung aufzubringen (vgl RS0057610), zeigt die Frau auch in diesem Zusammenhang – und daher insgesamt – keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG auf. |
JJT_20191022_OGH0002_0050OB00155_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126671 | 5Ob155/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00155_19H0000_000/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00155_19H0000_000.html | 1,571,702,400,000 | 751 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragstellerin D*, vertreten durch Eberl Hubner Krivanec Ramsauer & Partner Rechtsanwälte in Salzburg, gegen die Antragsgegnerin G*, vertreten durch Mag. Gernot Strobl, Rechtsanwalt in Salzburg, wegen § 37 Abs 1 Z 8 iVm § 16 Abs 1 MRG über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragsgegnerin gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts Salzburg als Rekursgericht vom 12. Juni 2019, GZ 22 R 155/19a-22, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 37 Abs 3 Z 16 MRG iVm § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Gegenstand des Verfahrens ist die Überprüfung des Hauptmietzinses für die von der Antragstellerin im Haus der Antragsgegnerin gemieteten Ordinationsräume. Im Revisionsrekursverfahren ist nur mehr die Frage strittig, ob die Antragstellerin im Sinn des § 16 Abs 1 Z 1 MRG rügepflichtig gewesen wäre oder die Anmietung der Ordination noch ein Gründungsgeschäft im Sinn des § 1 Abs 3 KSchG war.
Das Erstgericht verneinte eine Rügepflicht, stellte die Unwirksamkeit des vereinbarten monatlichen Hauptmietzinses von 770 EUR sowie einen gesetzlich zulässigen Hauptmietzins von 616,31 EUR, jeweils netto fest und verpflichtete die Antragsgegnerin zur Rückzahlung der überhöht geleisteten Beträge.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs der Antragsgegnerin nicht Folge, sprach aus, dass der Wert des Entscheidungsgegenstands 10.000 EUR übersteige, und ließ den Revisionsrekurs nicht zu.
Rechtliche Beurteilung
Der außerordentliche Revisionsrekurs der Antragsgegnerin zeigt keine erhebliche Rechtsfrage auf.
1.1. Nach gesicherter Rechtsprechung (RS0109568) sind die Unternehmerbegriffe in § 1 KSchG und § 16 Abs 1 Z 1 letzter Satz MRG gleichzusetzen, sodass ein Mietvertragsabschluss, der Gründungsgeschäft eines angehenden Unternehmers ist, eine Mietzinsüberprüfung nach Maßgabe des § 16 Abs 1 Z 1 MRG iVm § 37 Abs 1 Z 8 MRG auch ohne unverzügliche Rüge des (künftigen) Unternehmers erlaubt.
1.2. Unternehmen ist gemäß § 1 Abs 2 KSchG jede auf Dauer angelegte Organisation selbständiger wirtschaftlicher Tätigkeit, auch wenn sie nicht auf Gewinn gerichtet ist. Der Unternehmerbegriff des KSchG ist daher weiter als derjenige des UGB, weil auch nicht kaufmännische Unternehmer – wie etwa die Angehörigen der freien Berufe – erfasst sind (Kathrein/Schoditsch in KBB5 § 1 KSchG Rz 5; RS0061157 [T5]). Eine Analogie des Unternehmerbegriffs in § 16 Abs 1 Z 1 MRG zum Unternehmerbegriff des Umsatzsteuergesetzes wird wegen des andersartigen Regelungszwecks dieses Gesetzes abgelehnt (RS0109569); auch die Judikatur des VwGH zu § 23 EStG ist für den Unternehmerbegriff nach § 1 Abs 2 UGB und § 1 Abs 2 KSchG irrelevant (6 Ob 203/11p).
1.3. Als Gründungsgeschäft iSd § 1 Abs 3 KSchG sind Geschäfte anzusehen, die eine natürliche Person vor Aufnahme des Betriebs ihres Unternehmens zur Schaffung der Voraussetzungen dafür tätigt. Diese zählen nach § 1 Abs 1 Z 1 KSchG noch nicht zu diesem Betrieb (RS0065176 [T3]), wobei diese Ausnahmeregelung nicht nur das erste Gründungsgeschäft des zukünftigen Unternehmers, sondern alle zur Aufnahme des Betriebs erforderlichen Geschäfte (RS0117660 [T1]) und auch Dauerschuldverhältnisse erfasst (RS0065176 [T7]; jüngst 5 Ob 47/19a). Inhaltlich ist ein Gründungsgeschäft ein solches, das der Ingangsetzung des Unternehmens dient. In zeitlicher Hinsicht kann ein Gründungsgeschäft dann nicht mehr geschlossen werden, wenn der Unternehmer die eigentlichen Unternehmensgeschäfte zu schließen und abzuwickeln beginnt (RS0065176 [T8, T9, T10, T11]). Demgemäß wurde etwa die Anmietung eines Geschäftslokals samt Kauf der Fitnessgeräte durch ein Fitnesscenter (3 Ob 180/02w) oder aber zum Zweck der (erstmaligen) Aufnahme des Betriebs einer Bar (5 Ob 47/19a) jeweils als Gründungsgeschäft gewertet. Es sind jeweils die Umstände des Einzelfalls im Rahmen einer Gesamtbetrachtung maßgeblich (vgl RS0065317 [T3]; 5 Ob 155/10w; 2 Ob 154/12d [jeweils zur Unternehmereigenschaft eines Vermieters]).
2.1. Die Entscheidungen der Vorinstanzen orientieren sich an diesem von der Rechtsprechung vorgegebenen Rahmen und bedürfen daher keiner Korrektur durch den Obersten Gerichtshof. Nach den Feststellungen war die Antragstellerin bei Abschluss des Mietvertrags zwar bereits Ärztin für Allgemeinmedizin, sie mietete das Objekt allerdings nach (erstmaligem) Erhalt eines Kassenvertrags und der Genehmigung des Standorts zum Zweck der Ausübung der selbständigen Tätigkeit an. Zuvor war sie als Schulärztin und Arbeitsmedizinerin in einem Angestelltenverhältnis tätig, ihre „selbständige“ Tätigkeit beschränkte sich auf tageweise Aushilfsarbeiten in einer anderen Ordination.
2.2. Das Argument der Antragsgegnerin, derjenige, der Einkünfte aus selbständiger Arbeit beziehe, sei zwingend Unternehmer im Sinn des § 1 KSchG, widerspricht der ständigen Rechtsprechung, die eine Analogie des Unternehmensbegriffs in § 16 Abs 1 Z 1 MRG zu demjenigen in Steuergesetzen ablehnt (RS0109569). Wenn die Vorinstanzen die Vertretungstätigkeit der Antragstellerin in einer einzigen Ordination als (fallweise) Aushilfe nicht als unternehmerische Tätigkeit werteten, ist dies keine im Einzelfall aufzugreifende Fehlbeurteilung. Dass die Antragstellerin vor der Anmietung der Ordinationsräumlichkeiten ein Unternehmen im Sinn einer organisierten Erwerbsgelegenheit als selbständige Vertretungsärztin geführt hätte, ergibt sich aus dem festgestellten Sachverhalt gerade nicht. Die (steuerrechtliche) Beurteilung ihrer Honorareinnahmen als solche aus selbständiger Tätigkeit hiefür als nicht ausschlaggebend zu werten, hält sich im Rahmen bisheriger Rechtsprechung.
3. Damit war der außerordentliche Revisionsrekurs zurückzuweisen. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191022_OGH0002_0050OB00156_19F0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126672 | 5Ob156/19f | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00156_19F0000_000/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00156_19F0000_000.html | 1,571,702,400,000 | 842 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann, die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragsteller 1. M*, 2. A*, beide vertreten durch die Winkler Reich-Rohrwig Illedits Wieger Rechtsanwälte-Partnerschaft OG, Wien, gegen die Antragsgegnerin Gemeinnützige * Genossenschaft mit beschränkter Haftung, Hietzinger Hauptstraße 119, 1130 Wien, vertreten durch Dr. Michael Brunner, Rechtsanwalt in Wien, wegen § 22 Abs 1 Z 7 und 10 WGG, über den Revisionsrekurs der Antragsteller gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 17. April 2019, GZ 7 R 46/19y-21, mit dem der Sachbeschluss des Bezirksgerichts Tulln vom 29. Jänner 2019, GZ 2 Msch 5/18b-14, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Die Antragsteller sind schuldig, der Antragsgegnerin deren mit 460,40Â EUR (darin enthalten 76,73Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsrekursbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Antragsgegnerin, eine gemeinnützige Bauvereinigung, ist Eigentümerin und Verwalterin einer Liegenschaft. Die Antragsteller sind Nutzungsberechtigte einer Wohnung und eines Garagenplatzes in der auf dieser Liegenschaft errichteten Wohnhausanlage. Sie beantragten mit ihrem verfahrenseinleitenden Schriftsatz die Festsetzung des korrekten Verteilungsschlüssels für die Jahresabrechnung 2014, die Überprüfung im Einzelnen bezeichneter Positionen dieser Jahresabrechnung und der Antragsgegnerin aufzutragen, eine ordnungsgemäße Abrechnung für das Jahr 2014 zu legen.
Das Erstgericht wies die Anträge ab. Das Schreiben vom 14. 12. 2015, mit dem die Antragsteller die Jahresabrechnung 2014 beeinsprucht hätten, sei zwar innerhalb der Frist des § 19 Abs 1 WGG der Antragsgegnerin zugegangen; soweit darin einzelne Betriebskostenpositionen ausreichend konkretisiert bemängelt worden seien, sei die Abrechnung jedoch ordnungsgemäß. Im Übrigen sei der „Verweis“ auf den Einspruch zur Abrechnung für das Jahr 2013 keine ausreichend konkrete Bemängelung von Betriebskostenpositionen der Abrechnung für das Jahr 2014, sodass weder der Verteilungsschlüssel noch die übrigen Positionen im verfahrenseinleitenden Schriftsatz fristgerecht beeinsprucht worden seien.
Das Rekursgericht bestätigte diese Entscheidung und erklärte den Revisionsrekurs über Antrag gemäß § 63 Abs 1 AußStrG iVm § 37 Abs 3 Z 16 MRG, § 22 Abs 4 WGG nachträglich für zulässig, weil sich der Oberste Gerichtshof mit der Rechtsfrage, ob ein Verweis auf Einwendungen des Vorjahres den Anforderungen einer konkretisierten Einwendung nach § 19 Abs 1 letzter Satz WGG genüge, noch nicht befasst habe.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist entgegen dem den Obersten Gerichtshof nicht bindenden Ausspruch des Rekursgerichts (§ 71 Abs 1 AußStrG) nicht zulässig, was kurz zu begründen ist (§ 71 Abs 3 AußStrG).
1.1 Das Fehlen einer ausdrücklichen Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zu einer konkreten Fallgestaltung, begründet für sich genommen noch keine erhebliche Rechtsfrage (RIS-Justiz RS0102181). Das gilt insbesondere dann, wenn das Gesetz selbst eine klare und eindeutige Regelung trifft (RS0042656).
1.2 Soweit gegen die gelegten Abrechnungen über die Betriebskosten, die Kosten von Gemeinschaftsanlagen und die öffentlichen Abgaben nach § 14 Abs 1 Z 7 WGG nicht binnen sechs Monaten ab Auflage begründete Einwendungen erhoben werden, gelten sie als endgültig geprüft und anerkannt (§ 19 Abs 1 letzter Satz WGG). Diese Bestimmung ordnet eine Präklusivfrist (Würth/Zingher/Kovanyi, Miet- und Wohnrecht23 § 19 WGG Rz 4) an, sodass der Nutzungsberechtigte, will er sich die Möglichkeit auch gerichtlicher Überprüfung der Betriebskostenabrechnung wahren, innerhalb von sechs Monaten tätig werden muss (Rudnigger in Illedits/Reich-Rohrwig, Wohnrecht³ § 19 WGG Rz 5).
2.1 Die im Gesetz verwendete Formulierung „begründete Einwendungen“ lässt keinen Zweifel offen, dass die Erklärung, für die keine besondere Form vorgesehen ist (dazu Würth/Zingher/Kovanyi aaO Rz 4), die Gründe, aus welchen eine Abrechnung beeinsprucht wird, deutlich machen muss. So hat der Fachsenat bereits in seiner Entscheidung zu 5 Ob 112/92 klar gelegt, dass „begründete Einwendungen“ im Sinn des § 19 Abs 1 WGG jedenfalls die Nennung von konkreten Abrechnungspositionen erfordern.
2.2 Dessen ungeachtet vertreten die Antragsteller auch noch im Revisionsrekursverfahren den Standpunkt, dass die in ihrem Schreiben vom 14. 12. 2015 enthaltene Formulierung, „im Übrigen [wird] auf den Einspruch zur Abrechnung 2013 [verwiesen]“, jedenfalls insoweit den Anforderungen eines begründeten Einspruchs genügt, als in dem vom Verweis erfassten Einspruch auch der Verteilungsschlüssel bemängelt worden sei, weil
– zusammengefasst – der Antragsgegnerin als Erklärungsempfängerin klar sein habe müssen, was gemeint gewesen sei. In diesem Zusammenhang thematisieren die Antragsteller allenfalls Auslegungsfragen über ihre Erklärungsabsicht, denen aber keine Bedeutung über den Einzelfall hinaus zukommen (RS0044298). Ausgehend davon, dass die aus einer Erklärung abzuleitenden Rechtsfolgen nicht danach zu beurteilen sind, was der Erklärende sagen wollte oder was der Erklärungsempfänger darunter verstanden hat, sondern danach, wie die Erklärung bei objektiver Beurteilung der Sachlage durch einen redlichen, verständigen Menschen zu verstehen war (RS0014205; RS0113932), können die Revisionsrekurswerber nicht schlüssig darlegen, inwieweit der von ihnen angesprochene Verweis auf ein Schreiben zu einer vorangegangenen Abrechnungsperiode dem vom Gesetz geforderten Erfordernis eines begründeten Einspruchs entsprechen soll. Die von ihnen gebrauchte Wendung lässt nämlich offen, ob und welche Einwendungen gegen die Abrechnung des vorangegangenen Jahres über die ohnedies konkret genannten Positionen der Jahresabrechnung 2014 hinaus aufrecht gehalten werden sollten, um sie auch der Abrechnung für das Jahr 2014 entgegenzuhalten. Ein auf wesentlicher Verkennung der Rechtslage beruhendes Auslegungsergebnis und damit eine im Einzelfall aufzugreifende Fehlbeurteilung (dazu RS0042776 [T1; T3]) können die Revisionsrekurswerber daher nicht aufzeigen.
2.3 Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG iVm § 37 Abs 3 MRG, § 22 Abs 4 WGG).
3. Die Kostenentscheidung beruht auf § 37 Abs 3 Z 17 MRG iVm § 22 Abs 4 WGG. Die danach geforderten Billigkeitserwägungen rechtfertigen einen Kostenzuspruch an die Antragsgegnerin, weil sie in ihrer Revisionsrekursbeantwortung auf die Unzulässigkeit des Rechtsmittels der Antragsteller hingewiesen hat (vgl RS0112296). Zu berücksichtigen war jedoch, dass die Bewertung des Streitgegenstands gemäß § 10 Z 3a lit aa RATG zu erfolgen hat. |
JJT_20191022_OGH0002_0050OB00170_19I0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126673 | 5Ob170/19i | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00170_19I0000_000/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00170_19I0000_000.html | 1,571,702,400,000 | 871 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann, die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragsteller 1. A*, 2. C*, beide vertreten durch Dr. Daniela Altendorfer-Eberl, Rechtsanwältin in Wien, gegen die Antragsgegner 1. W* Gesellschaft mit beschränkter Haftung, *, vertreten durch die Salzborn Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Wien, 2. A* GmbH, *, vertreten durch Dr. Johann Gelbmann, Rechtsanwalt in Wien, wegen § 2 Abs 3 iVm § 37 Abs 1 Z 1 MRG, § 20 Abs 1 Z 1 lit b WGG, über den Revisionsrekurs der Antragsteller gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 5. Juni 2019, GZ 39 R 313/18w-26, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG iVm § 37 Abs 3 Z 16 MRG und § 22 Abs 4 WGG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1 Besteht bei Überlegung aller Umstände kein vernünftiger Grund daran zu zweifeln, dass ein Hauptmietvertrag nur zur Untervermietung durch den Hauptmieter und zur Umgehung der einem Hauptmieter nach dem Mietrechtsgesetz zustehenden Rechte geschlossen wurde, so kann der Mieter, mit dem der Untermietvertrag geschlossen wurde, begehren, als Hauptmieter des Mietgegenstands mit den sich aus dem Mietrechtsgesetz ergebenden Rechten und Pflichten anerkannt zu werden (§ 2 Abs 3 MRG). Diese Bestimmung des MRG gilt auch für den Anwendungsbereich des WGG (§ 20 Abs 1 Z 1 lit b WGG).
1.2 Gestützt darauf begehrten die Antragsteller die Feststellung, dass sie aufgrund des mit der Zweitantragsgegnerin geschlossenen Bestandvertrags vom 6. 8. 2007 samt Zusatzvereinbarungen bis zum 31. 12. 2016 Hauptmieter bzw Nutzungsberechtigte von Geschäftsflächen gewesen seien. Der zwischen der Erstantragsgegnerin, einer gemeinnützigen Bauvereinigung, und der Zweitantragsgegnerin abgeschlossene „Generalmietvertrag“ habe nur der Umgehung der Mietzinsbildungsvorschriften des WGG und dem Zweck einer gewinnbringenden Weitervermietung der in einem Nahversorgungszentrum gelegenen Objekte und damit der Umgehung der Förderungsbestimmungen gedient. Das Rekursgericht verneinte ein Zusammenwirken der Antragsgegner zur Umgehung von mietrechtlichen Bestimmungen und bestätigte den diesen Antrag abweisenden Sachbeschluss des Erstgerichts.
2. Materiell-rechtliche Voraussetzung für die Anerkennung als Hauptmieter nach § 2 Abs 3 MRG ist das Vorliegen eines Umgehungsgeschäfts (RIS-Justiz RS0069660, RS0069854), wobei die von der zitierten Bestimmung erfasste Umgehungsabsicht in der Regel darauf gerichtet ist, durch die Untervermietung ein den sonst zulässigen Mietzins übersteigendes Bestandentgelt zu erzielen und/oder den Kündigungsschutz dadurch auszuschalten, dass das Untermietverhältnis faktisch mit dem Hauptmietverhältnis endet oder aber weitergehende Befristungsmöglichkeiten als beim Hauptmietvertrag zulässig sind (RS0113178).
3.1 Die Revisionsrekurswerber stellen diese Grundsätze nicht in Frage, behaupten aber, dem Rekursgericht sei eine Fehlbeurteilung unterlaufen, weil es die Beweislastverteilung verkannt habe. Liegen genügend Anhaltspunkte für eine Umgehungsabsicht vor oder ist sie offenkundig, ist es Sache der Vermieter, den Anschein dadurch zu widerlegen, dass sie Tatsachen behaupten und beweisen, wonach eine Umgehungsabsicht nicht bestanden hat (RS0069630). Ob es dem Antragsgegner gelungen ist, vorhandene Indizien für eine Umgehungsabsicht zu entkräften, kann immer nur aufgrund der Umstände des Einzelfalls beurteilt werden (RS0069728 [T2]).
3.2 Bereits das Rekursgericht hat unter Berufung auf die Entscheidung zu 5 Ob 128/15g festgehalten, dass die Mietzinsbildungsvorschriften der §§ 62 ff WWFSG keine Anwendung finden, wenn es sich um Wohnungen oder – wie hier – Geschäftsräume handelt, die von einer Gemeinnützigen Bauvereinigung gegen Entgelt überlassen werden. Die Behauptung der Antragsteller, der Generalmietvertrag habe dazu gedient, die nach den Förderbestimmungen geltenden Zinsbeschränkungen zu umgehen, trifft damit nicht zu. Der Umgehung welcher anderer förderrechtlichen Bestimmungen der Abschluss des Hauptmietvertrags mit der Zweitantragsgegnerin gedient haben soll, legen die Rekurswerber auch nicht ansatzweise dar, wenn sie eine erhebliche Rechtsfrage darin zu erblicken vermeinen, ob bereits die Umgehung von Förderbestimmungen „zur Bejahung des Umgehungstatbestands“ führe.
3.3 Demgegenüber steht fest, dass auf Seiten der Erstantragsgegnerin der Hauptgrund für den Abschluss des Generalmietvertrags mit der Zweitantragsgegnerin war, dass ein allfälliges Leerstehungsrisiko, verbunden mit Mietzinsausfällen, auf die Zweitantragsgegnerin überwälzt werden sollte. Die Anwendbarkeit des § 2 Abs 3 MRG ist aber schon dann ausgeschlossen, wenn der Hauptmietvertrag nicht nur (ausschließlich) zu dem nach den Vorstellungen des Gesetzgebers verpönten Umgehungsziel geschlossen wurde, sondern einen anderen Vertragszweck hatte (5 Ob 216/02d, vgl RS0069820 [T4]). Wenn die Antragsteller dem entgegenhalten, dass ein solches Risiko in Wahrheit auf sie als Untermieter überwälzt worden sei, bleiben sie jede Erklärung dafür schuldig, auf welcher Rechtsgrundlage ein solcher Mietzinsausfall durch sie als Untermieter anderer Geschäftsräumlichkeiten kompensiert werden hätte müssen oder – in Anbetracht der festgestellten Leerstehungen und der damit für die Zweitantragsgegnerin verbundenen Mietzinsausfälle – tatsächlich kompensiert wurde. Vielmehr ist mit den Vorinstanzen davon auszugehen, dass das primäre Augenmerk der Zweitantragsgegnerin auf die Vermeidung eines solchen Leerstehungsrisikos gerichtet sein musste, sodass deren Annahme, die Antragsgegner hätten mit dem Hauptmietvertrag auch nicht die Umgehung von Kündigungsvorschriften beabsichtigt, nicht korrekturbedürftig ist. Die Antragsteller behaupten auch gar nicht, dass der Kündigungsschutz zu ihren Lasten beschränkt worden wäre, sondern mutmaßen, dass nach Fristablauf eine Verlängerung des Bestandverhältnisses – bei besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als den tatsächlich gegebenen – möglicherweise von einer (übermäßigen) Erhöhung des Bestandzinses abhängig gemacht werden hätte können. Damit ergehen sie sich aber in reinen Spekulationen, die von vornherein nicht geeignet sind, eine allenfalls auch im Einzelfall aufzugreifende Fehlbeurteilung des Rekursgerichts aufzuzeigen.
4. Von im vorliegenden Verfahren nicht in Betracht kommenden Ausnahmen (dazu RS0030748 [T6; T14]) abgesehen, können auch im Außerstreitverfahren vom Rekursgericht verneinte Verfahrensmängel erster Instanz im Revisionsrekurs nicht nochmals geltend gemacht werden (RS0050037; RS0030748). Das Rekursgericht hat den behaupteten Verfahrensmangel erster Instanz, weil Akten nicht beigeschafft worden sind, nach inhaltlicher Prüfung verneint. Dieser Umstand kann daher unter dem Revisionsrekursgrund des § 66 Abs 1 Z 2 AußStrG nicht mehr releviert werden.
5. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG iVm § 37 Abs 3 Z 16 MRG). |
JJT_20191024_OGH0002_0060OB00197_19T0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126680 | 6Ob197/19t | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191024_OGH0002_0060OB00197_19T0000_000/JJT_20191024_OGH0002_0060OB00197_19T0000_000.html | 1,571,875,200,000 | 433 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Schramm als Vorsitzenden sowie die Hofräte Dr. Gitschthaler, Univ.-Prof. Dr. Kodek und Dr. Nowotny und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Erwachsenenschutzsache der Betroffenen R*, geboren am *, vertreten durch ihren Ehemann M* als gesetzlichen Erwachsenenvertreter, dieser vertreten durch Dr. Farhad Paya Rechtsanwalt GmbH in Klagenfurt am Wörthersee, wegen Genehmigung einer Klage über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Betroffenen gegen den Beschluss des Landesgerichts Klagenfurt als Rekursgericht vom 5. September 2019, GZ 4 R 258/19m-55, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen (§ 71 Abs 3 AußStrG).
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Ob eine Prozessführung im Interesse des Pflegebefohlenen liegt, ist eine Ermessensentscheidung des Pflegschaftsgerichts (RS0048207), die sich am konkreten Einzelfall zu orientieren hat (RS0048142).
2.1. Entgegen der im Revisionsrekurs vertretenen Auffassung entfaltet der Beschluss über die Bewilligung der Verfahrenshilfe keine Bindungswirkung für das Verfahren zur pflegschaftsbehördlichen Genehmigung der Klagsführung. Die Kriterien für die Bewilligung der Verfahrenshilfe dienen vor allem der Wahrung fiskalischer Interessen. Demgegenüber dient die pflegschaftsbehördliche Genehmigung der Wahrung der Interessen des Pflegebefohlenen. Dies rechtfertigt die Anlegung eines tendenziell strengeren Maßstabs an die Prüfung der Erfolgsaussichten.
2.2. Nach ständiger Rechtsprechung ist bei Prüfung der Genehmigungsfähigkeit einer Klage nicht unter Vorwegnahme des Zivilprozesses zu untersuchen, ob der Anspruch besteht, sondern vielmehr unter Einbeziehung aller Eventualitäten (lediglich) das Prozessrisiko abzuwägen (RS0108029). Im Vordergrund steht die Feststellung der Erfolgsaussichten, also des Risikos des angestrebten Prozesses und vor allem die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Vermögensnachteils (RS0048156, RS0108029 [T3, T9]).
2.3. Die Bewilligung der Verfahrenshilfe bedeutet nicht, dass der Betroffenen kein Vermögensnachteil droht, ist doch mit der Bewilligung der Verfahrenshilfe lediglich eine Befreiung von eigenen Gerichts- und Sachverständigenkosten sowie die Beigabe eines Rechtsanwalts verbunden. Das Risiko, bei Unterliegen im Prozess gegenüber der beklagten Partei kostenersatzpflichtig zu werden, wird durch die Verfahrenshilfe jedoch nicht beseitigt.
3. Zutreffend verweisen die Vorinstanzen auf den Umstand, dass der behauptete Behandlungsfehler im Zeitraum 1. Jänner 2001 bis 31. Dezember 2008 stattgefunden hat, sodass die dreijährige Verjährungsfrist des § 1489 ABGB längst abgelaufen ist. Die 30-jährige Verjährungsfrist nach dieser Gesetzesstelle würde eine Schadensentstehung aus einer gerichtlich strafbaren Handlung voraussetzen, die nur vorsätzlich begangen werden kann und mit mehr als einjähriger Freiheitsstrafe bedroht ist. Damit müsste die Betroffene den Nachweis der Erfüllung des Tatbestands des § 84 StGB erbringen; der behandelnde Arzt müsste daher damals den Vorsatz gehabt haben, durch die von ihm angeordnete Medikation die Betroffene am Körper schwer zu verletzen. Die Auffassung der Vorinstanzen, ein solches Verhalten widerspräche jeglicher Lebenserfahrung, zumal nach den aktenkundigen Gutachten die Behandlung lege artis erfolgt ist, bedarf keiner Korrektur.
4. Zusammenfassend bringt der Revisionsrekurs daher keine Rechtsfrage der von § 62 Abs 1 AußStrG geforderten Qualität zur Darstellung, sodass er spruchgemäß zurückzuweisen war. |
JJT_20191023_OGH0002_0010OB00116_19V0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126684 | 1Ob116/19v | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191023_OGH0002_0010OB00116_19V0000_000/JJT_20191023_OGH0002_0010OB00116_19V0000_000.html | 1,571,788,800,000 | 2,343 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache des Antragstellers Land Niederösterreich, St. Pölten, Landhausplatz 1, vertreten durch Mag. Thomas Reisch, Rechtsanwalt in Wien, gegen den Antragsgegner R* K*, vertreten durch die Scheer Rechtsanwalt GmbH, Wien, wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Antragsgegners gegen den Beschluss des Landesgerichts Korneuburg als Rekursgericht vom 14. März 2019, GZ 20 R 142/18z-44, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Bruck an der Leitha vom 17. Mai 2018, GZ 3 Fam 60/17i-21, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die Entscheidungen der Vorinstanzen werden aufgehoben. Dem Erstgericht wird die neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufgetragen.
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Die am * 1976 geborene Tochter des Antragsgegners befindet sich seit 22. 7. 2015 aufgrund ihrer Pflegebedürftigkeit in einem Pflegeheim. Ihr wird Sozialhilfe nach den Bestimmungen des Niederösterreichischen Sozialhilfegesetzes 2000 (NÖ SHG) durch Übernahme der Aufenthalts- und Pflegekosten im Heim gewährt. Die Kosten der Sozialhilfe trägt das Land Niederösterreich. Der von der Tochter des Antragsgegners aus ihrem Einkommen und Pflegegeld geleistete Beitrag deckt die Aufenthalts- und Pflegekosten nicht zur Gänze.
Der Antragsteller – ursprünglich fälschlich als „Bezirkshauptmannschaft *“ bezeichnet – begehrte, den Antragsgegner zu einer monatlichen Unterhaltsleistung von 700 EUR für seine Tochter und Zahlung an ihn zu verpflichten. Mit Schreiben vom 28. 4. 2017 sei der Antragsgegner davon verständigt worden, dass der ihm gegenüber bestehende Rechtsanspruch seiner Tochter gemäß § 42 NÖ SHG auf ihn übergegangen sei.
Das Erstgericht verpflichtete den Antragsgegner beginnend ab 1. 7. 2017 zur Leistung eines monatlichen Unterhaltsbeitrags von 700 EUR an den Antragsteller. Gemäß § 42 NÖ SHG gingen Rechtsansprüche des Hilfeempfängers gegen einen Dritten für die Dauer der Hilfegewährung auf den Träger der Sozialhilfe über. § 330a ASVG beziehe sich ausschließlich auf das Vermögen von Pflegebedürftigen, erfasse jedoch nicht wiederkehrende Leistungen, wie Pensionen oder Unterhaltsansprüche.
Das Rekursgericht berichtigte die Bezeichnung des Antragstellers auf „Land Niederösterreich“ und bestätigte die Entscheidung des Erstgerichts. Das Verbot des Pflegeregresses nach § 330a ASVG befreie Elternteile bei im Rahmen der Sozialhilfe gedeckten Pflegekosten nicht von ihrer Unterhaltspflicht nach § 231 ABGB, was auch im Fall von nicht durch (Eigen-)Einkommen und Pflegegeld gedeckten, vom Sozialhilfeträger getragenen Aufenthalts- und Pflegekosten gelte. Mit den maßgeblichen Bestimmungen des NÖ SHG habe sich der Verfassungsgerichtshof über Antrag des Antragsgegners auseinandergesetzt und eine inhaltliche Entscheidung mit der Begründung abgelehnt, dass § 330a ASVG den Zugriff auf das Vermögen von Angehörigen von Personen in staatlichen Pflegeeinrichtungen, nicht jedoch den Zugriff auf deren Einkommen, verbiete (24. 9. 2018, G 148/2018-6). Die Kostentragungsregelungen des NÖ SHG bewirkten, dass der volle Unterhaltsanspruch der Tochter trotz primärer Vollversorgung durch das Land als Sozialhilfeträger bestehen bleibe; der Antragsteller mache daher einen auf ihn gemäß § 42 NÖ SHG unabhängig von der Volljährigkeit der Tochter übergegangenen Anspruch geltend. Demgegenüber regle § 35 NÖ SHG die Geltendmachung eines Kostenbeitrags und begründe entgegen der Ansicht des Rekurswerbers keine Begrenzung seiner Zahlungspflicht.
Den Revisionsrekurs erklärte das Rekursgericht für zulässig, weil sich der Oberste Gerichtshof mit der konkreten Konstellation des § 42 NÖ SHG im Hinblick auf § 330a ASVG noch nicht auseinandergesetzt habe.
Der vom Antragsteller beantwortete Revisionsrekurs des Antragsgegners ist zur Klarstellung der Rechtslage zulässig; er ist im Sinn des auf Aufhebung gerichteten Eventualantrags auch berechtigt.
Rechtliche Beurteilung
1. Der Bezirkshauptmannschaft kommt als Behörde weder Rechtspersönlichkeit noch Parteifähigkeit zu (RIS-Justiz RS0035394). Der Antragsgegner verweist selbst darauf, dass nach den Vorschriften des NÖ SHG nur das Land als Anspruchsberechtigter in Betracht kommt. Die Existenz nur eines Rechtssubjekts spricht aber für eine bloße Berichtigung der Parteibezeichnung und gegen einen (unzulässigen) Parteiwechsel (RS0039297), sodass die vom Rekursgericht vorgenommene Richtigstellung der Parteienbezeichnung auf das Land völlig unbedenklich ist. Auf dessen ausführliche Begründung kann daher verwiesen werden (§ 71 Abs 3 AußStrG).
2. Mit dem vom Antragsgegner vorgetragenen Argument, § 330a ASVG stehe seiner Inanspruchnahme als Unterhaltspflichtiger entgegen, hat sich der Oberste Gerichtshof bereits in der Entscheidung zu 6 Ob 126/19a, in der der vom Antragsteller behauptete Übergang des Unterhaltsanspruchs seiner Tochter gegenüber ihrer Mutter zu beurteilen war, ausführlich auseinandergesetzt und unter Verweis auf Vorjudikatur und unter Bezugnahme auf das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs zu G 148/2018-6 dargelegt, dass sich das in der Verfassungsbestimmung des § 330a ASVG normierte Verbot des „Pflegeregresses“ ausschließlich auf das Vermögen, nicht aber das Einkommen bezieht und damit in Bezug auf die Verpflichtung der Eltern, dem Land als Sozialhilfeträger Kosten zu ersetzen, soweit durch dessen Leistungen dem Kind der Unterhalt tatsächlich gewährt wurde, nicht zum Tragen kommt. Auf diese Entscheidung ist zur Vermeidung von Wiederholungen zu verweisen.
3. Im Übrigen gilt:
3.1 Die Tochter des Antragsgegners nimmt aufgrund ihrer besonderen Bedürfnisse Hilfen nach dem NÖ SHG in einer stationären Einrichtung in Anspruch (§ 12 NÖ SHG). Die Kosten derartiger Leistungen trägt zunächst das Land (§ 55 Abs 1 NÖ SHG). Nach dem Subsidiaritätsprinzip (§ 2 NÖ SHG) sind dabei das Eigeneinkommen und die pflegebezogenen Geldleistungen, insoweit diese vom Anspruchsübergang nach den bundesgesetzlichen Pflegegeldregelungen erfasst sind, zu berücksichtigen (§ 15 Abs 1 NÖ SHG).
3.2 Grundsätzlich gilt, dass eine Person, deren Unterhaltsbedürfnisse aufgrund einer öffentlichen Verpflichtung zur Gänze von einem Dritten gedeckt werden, schon deswegen keine Unterhaltsansprüche gegen einen zivilrechtlich Unterhaltspflichtigen stellen kann, weil ihr kein Anspruch auf Doppelversorgung zusteht (RS0080395). Dieser Grundsatz kommt nur dann nicht zum Tragen, wenn der Gesetzgeber durch Anordnung einer (aufgeschobenen) Legalzession ausdrücklich das Weiterbestehen des Anspruchs des Unterhaltsberechtigten vorausgesetzt hat (RS0063121), es sei denn, der Gesetzgeber hätte die Heranziehung des Unterhaltspflichtigen zum Ersatz der Sozialhilfeaufwendungen ausdrücklich ausgeschlossen (vgl 8 Ob 6/16i; 9 Ob 33/16t jeweils zum Oö ChG; 5 Ob 112/19k zum K-ChG).
3.3 Das NÖ SHG regelt in seinem 5. Abschnitt (§§ 37 ff NÖ SHG) den Kostenersatz und die Anspruchsübertragung und normiert in § 42 leg cit (Übergang von „Rechtsansprüchen/Ersatzansprüchen“) eine Legalzession zugunsten des Sozialhilfeträgers. Der erste Absatz dieser Bestimmung lautet:
„(1) Rechtsansprüche des Hilfeempfängers gegen einen Dritten, die der Deckung jenes Bedarfes dienen, der die Leistung der Sozialhilfe, auf die ein Rechtsanspruch besteht, erforderlich gemacht hat, gehen für den Zeitraum, in dem die Sozialhilfe geleistet wurde, bis zur Höhe der aufgewendeten Kosten auf den Träger der Sozialhilfe über, sobald dieser dem Dritten hievon schriftlich Anzeige erstattet hat.“
3.4 Der Unterhaltsverpflichtete soll durch die Gewährung der Sozialhilfe grundsätzlich nicht entlastet werden (8 Ob 126/03t). Um dieses Ziel zu erreichen, eröffnet das Gesetz verschiedene Wege. Einerseits sieht § 42 NÖ SHG – wie dargelegt – bei sachlicher und zeitlicher Kongruenz den Übergang von „Rechtsansprüchen“ des Hilfeempfängers im Wege der Legalzession vor. Andererseits statuiert das Gesetz einen „sozialhilferechtlichen“ Ersatzanspruch des Sozialhilfeträgers gegen den Hilfeempfänger selbst und gegen bestimmte Dritte, der im Verwaltungsweg durchzusetzen ist (§ 67 Abs 2 NÖ SHG). Als Dritte kostenersatzpflichtig sind danach unter anderem die unterhaltspflichtigen Angehörigen des Hilfeempfängers (§ 37 Abs 1 Z 3 NÖ SHG). Den Ersatz durch Dritte regelt § 39 NÖ SHG, der folgenden Wortlaut hat:
„Ersatz durch Dritte
(1) Personen, die gesetzlich oder vertraglich zum Unterhalt des Empfängers der Sozialhilfe verpflichtet sind, haben im Rahmen ihrer Unterhaltspflicht Kostenersatz zu leisten. Eine Verpflichtung zum Kostenersatz besteht nicht, wenn dieser wegen des Verhaltens des Hilfeempfängers gegenüber dem Ersatzpflichtigen sittlich nicht gerechtfertigt wäre.
(2) Ehegatten, eingetragene Partner, Großeltern, Kinder und Enkel und weiter entfernte Verwandte dürfen, soferne sie eine gesetzliche Unterhaltspflicht trifft, aus diesem Rechtstitel nicht zur Ersatzleistung herangezogen werden.
(3) Unterhaltspflichtige Angehörige dürfen durch die Heranziehung zum Kostenersatz in ihrer wirtschaftlichen Existenz nicht gefährdet sein.“
3.5 Nach dem Motivenbericht (GS 5-A-2300/8-99, 24 f) zählt § 37 NÖ SHG die grundsätzlich für den Ersatz in Betracht kommenden Personen auf, begründet aber keine Reihung der Ersatzpflichtigen. Anhaltspunkt dafür, dass der Landesgesetzgeber die Möglichkeit der Legalzession nach § 42 leg cit nicht auch auf die unterhaltspflichtigen Angehörigen erstrecken wollte, lassen sich den Gesetzesmaterialien nicht entnehmen. Zwar sind die unterhaltspflichtigen Angehörigen in § 42 Abs 1 NÖ SHG nicht ausdrücklich genannt, die darin angeordnete Legalzession ist jedoch nicht auf bestimmte Rechtsgründe für eine Leistungspflicht gegenüber dem Hilfeempfänger beschränkt. Darüber hinaus bringt die Systematik dieses Gesetzesabschnitts deutlich zum Ausdruck, dass von dem Begriff „Dritte“ generell alle potentiell in Betracht kommenden Personen, ausgenommen der Hilfeempfänger selbst, daher auch die unterhaltspflichtigen Angehörigen, erfasst sind. Aus den Materialien zur Vorgängerbestimmung (§ 43 NÖ SHG 1974) geht zudem hervor, dass durch die Legalzession für den Sozialhilfeträger die Möglichkeit eröffnet werden sollte, an Stelle des ursprünglich anspruchsberechtigten Hilfeempfängers den „kostenersatzpflichtigen Dritten“ direkt heranzuziehen (Ltg.-428-1973 [Antrag], 20). Mit § 42 NÖ SHG hat der Landesgesetzgeber die bis dahin geltende Bestimmung des § 43 NÖ SHG 1974 übernommen (GS 5-A-2300/8-99, 26 f [Motivenbericht]). Bezogen auf die hier interessierende Frage wird damit deutlich, dass durch die Bezugnahme auf Dritte in § 42 NÖ SHG auch Ansprüche des Hilfeempfängers nach § 231 ABGB erfasst sind, sodass insoweit eine von der schriftlichen Anzeige an den unterhaltspflichtigen Angehörigen abhängige (und damit aufgeschobene) Legalzession auch für Unterhaltsansprüche angeordnet ist.
3.6 Als Zwischenergebnis ist festzuhalten: Die (ausdrückliche) Nennung unterhaltspflichtiger Angehöriger als kostenersatzpflichtige Dritte in § 39 Abs 1 NÖ SHG steht einer – von der schriftlichen Anzeige abhängigen – Legalzession von Unterhaltsansprüchen gemäß § 42 leg cit nicht entgegen, weil der Gesetzgeber dem Sozialhilfeträger diese Möglichkeit alternativ zur bescheidmäßigen Vorschreibung der Kostenersatzpflicht in die Hand gegeben hat, um Ersatz für die von ihm nach dem Subsidiaritätsprinzip getragenen Kosten für Sozialleistungen zu erhalten. Der Antragsteller macht den auf ihn nach dieser Bestimmung übergegangenen Anspruch der Tochter gegenüber ihrem Vater auf Unterhalt geltend. Dazu entspricht es der ständigen Rechtsprechung, dass die durch Legalzession geänderte Rechtszuständigkeit grundsätzlich nichts an der Rechtsnatur der übertragenen Forderung ändert (RS0072888). Die materielle Beurteilung des von der Antragstellerin geltend gemachten Anspruchs erfolgt ausschließlich nach § 231 ABGB.
4. Zum Einwand der Betragsbegrenzung durch § 35 NÖ SHG:
4.1 Nach dem Motivenbericht zum NÖ SHG 2000 (GS 5-A-2300/8-99, 24 f) soll ein Ersatz nach den §§ 37 ff NÖ SHG entfallen, wenn bereits Kostenbeiträge geleistet wurden bzw die Hilfen überhaupt beitragsfrei sind.
4.2 Einen solchen Kostenbeitrag regelt der im vierten Abschnitt des Gesetzes (§§ 24 bis 36 NÖ SHG [„Hilfen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen“]) angesiedelte § 35 NÖ SHG. Diese Bestimmung hat folgenden Wortlaut:
„(1) Die Gewährung der Hilfen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen hat unter Berücksichtigung ihres Einkommens, bei teilstationären und stationären Diensten auch unter Berücksichtigung der pflegebezogenen Geldleistungen, insoweit diese vom Anspruchsübergang nach den bundesgesetzlichen Pflegegeldregelungen erfasst sind, zu erfolgen. Bei teilstationären Diensten erfolgt die Bemessung des Kostenbeitrags im Verhältnis zum zeitlichen Ausmaß der Maßnahme. [...]
(2) Die gesetzlich zum Unterhalt des Hilfeempfängers verpflichteten Angehörigen haben im Rahmen ihrer Unterhaltspflicht einen Kostenbeitrag zu leisten. Ehegatten, eingetragene Partner, Großeltern, Kinder und Enkel dürfen jedoch nicht zum Kostenbeitrag herangezogen werden.
(3) Eltern haben für die ihren Kindern gewährten stationären Dienste zumindest eine Kostenbeitragsleistung in der Höhe des Werts der Sachbezüge gemäß § 1 Abs 1 der Verordnung des Bundesministers für Finanzen über die bundeseinheitliche Bewertung bestimmter Sachbezüge, BGBl. Nr. 642/1992, zuletzt geändert durch BGBl. II Nr. 423/1998, zu leisten. Jedenfalls haben sie einen Kostenbeitrag in dem Ausmaß zu leisten, als sie für dieses Kind aufgrund gesetzlicher, vertraglicher oder statuarischer Bestimmungen Anspruch auf eine Leistung haben. Für volljährige Hilfeempfänger sind von den Eltern darüber hinaus keine Kostenbeiträge aus deren Einkommen zu erbringen. [...]“.
4.3 Diese Regelung wurde mit dem NÖ SHG 2000 eingeführt und ersetzte § 15 Abs 5 NÖ SHG 1974, nach dem bei internen Unterbringungen jedenfalls Kostenbeiträge in der Höhe der Familienbeihilfe und des Erhöhungsbetrags gemäß Familienlastenausgleichsgesetz zu leisten waren. Die Wendung „im Rahmen ihrer Unterhaltspflicht“ im ersten Satz des § 35 Abs 2 NÖ SHG verweist nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofs auf die Vorschriften des bürgerlichen Rechts über die gesetzliche Unterhaltspflicht (VwGH 2007/10/0019; 2007/10/0084 ua). Zur Leistung dieses Kostenbeitrags nach § 35 Abs 2 NÖ SHG sind die Eltern des Hilfeempfängers unter Bedachtnahme auf Abs 3 dieser Bestimmung daher nur insoweit verpflichtet, als ein Unterhaltsanspruch nach § 231 ABGB der Höhe nach tatsächlich besteht.
4.4 § 35 Abs 3 NÖ SHG regelt die Beitragspflicht der Eltern gesondert und begrenzt die Kostenbeitragsleistung, die Eltern volljähriger Hilfeempfänger aus ihrem Einkommen zu leisten haben, mit dem Wert des Sachbezugs der vollen freien Station nach oben hin (Motivenbericht GS 5-A-2300/8-99, 24). Zum selben Ergebnis gelangte der 6. Senat des Obersten Gerichtshofs unter Hinweis darauf, dass diese Begrenzung den Schutz der Eltern volljähriger Hilfeempfänger bezweckt, die schon dadurch überdurchschnittlich belastet sind, dass sie über den normalen Zeitraum der Unterhaltsleistung hinaus in Anspruch genommen werden können (6 Ob 126/19a). Somit trägt der Gesetzgeber der Situation der Eltern von Menschen mit besonderen Bedürfnissen dadurch Rechnung, dass die in diesem Abschnitt angesiedelte spezielle Norm die allgemeinen Bestimmungen über die Kostenersatzpflicht nach § 39 NÖ SHG verdrängt und die Ersatzpflicht von Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen abschließend regelt. Im Fall volljähriger Kinder besteht demnach keine Kostenersatzpflicht der Eltern nach den Bestimmungen des fünften Abschnitts des NÖ SHG, soweit ein solcher Kostenbeitrag nach § 1 Abs 1 der Sachbezugswerteverordnung (derzeit 196,20 EUR monatlich) für die (teil-)stationäre Pflege geleistet wird. Ihre Heranziehung zum Ersatz der Sozialhilfeaufwendungen im Wege der Legalzession scheidet aus, weil dann mangels Pflicht zum Kostenersatz auch ein darüberhinausgehender Unterhaltsanspruch schon mangels Bedarfs des Kindes nicht besteht.
4.5 Macht der Sozialhilfeträger von der ihm eingeräumten Möglichkeit der Vorschreibung des Kostenbeitrags gemäß § 35 Abs 3 NÖ SHG im Verwaltungsweg keinen Gebrauch und begehrt er – wie hier – vom unterhaltspflichtigen Elternteil aufgrund des auf ihn im Wege der Legalzession übergegangenen Unterhaltsanspruchs des hilfebedürftigen volljährigen Kindes Ersatz für die von ihm getragene Sozialleistungen, kann zur Vermeidung eines sonst nicht lösbaren Widerspruchs nichts Anderes gelten. Dem Gesetzgeber kann nicht unterstellt werden, er hätte die Ersatzpflicht unterhaltspflichtiger Eltern volljähriger Kinder anders regeln wollen, je nachdem, auf welchem Weg der Sozialhilfeträger diese Ersatzpflicht anspricht. Auch der im Weg der Legalzession übergegangene Unterhaltsanspruch ist somit gegenüber Eltern volljähriger Kinder der Höhe nach mit dem sich aus § 1 Abs 1 der Sachbezugswerteverordnung ergebenden Betrag beschränkt.
4.6 Der Motivenbericht (GS 5-A-2300/8-99, 24) lässt keinen Zweifel, dass die Kostenbeitragsleistung beider Elternteile eines volljährigen Hilfeempfängers mit dem Betrag nach § 1 Abs 1 der Sachbezugswerteverordnung begrenzt ist. Wird daher in einem Fall des § 35 NÖ SHG der im Weg der Legalzession übergegangene Unterhaltsanspruch gegenüber beiden Eltern (siehe dazu 6 Ob 126/19a) geltend gemacht, haben sie nach Ansicht des erkennenden Senats diesen Betrag im Rahmen ihrer Pflicht nach § 231 ABGB im Verhältnis ihrer Leistungsfähigkeit zu tragen (Arg: „im Rahmen ihrer Unterhaltspflicht“).
5. Daraus folgt:
5.1 Mit dem gesondert in § 35 NÖ SHG geregelten Kostenbeitrag für (teil-)stationäre Dienste für Menschen mit besonderen Bedürfnissen hat das NÖ SHG auch die Ersatzpflicht von unterhaltspflichtigen Eltern volljähriger Kinder mit besonderen Bedürfnissen abschließend geregelt und der Höhe nach begrenzt, sodass sie auch unter Berufung auf die Legalzessionsnorm des § 42 NÖ SHG darüber hinaus nicht zum Ersatz von Sozialhilfeaufwendungen herangezogen werden können, weswegen der auf den Sozialhilfeträger übergegangene Unterhaltsanspruch der Höhe nach ebenfalls mit dem Betrag nach § 1 Abs 1 der Sachbezugswerteverordnung zu begrenzen ist.
5.2 Nach § 35 Abs 3 letzter Satz NÖ SHG ist bei teilstationären Diensten die Höhe des Kostenbeitrags im Verhältnis zum zeitlichen Ausmaß der Maßnahme zu setzen. Da Feststellungen zu den Betreuungsleistungen (stationär/teilstationär [bzw dessen Ausmaß]) fehlen (vgl 6 Ob 126/19a), sind die Entscheidungen der Vorinstanzen aufzuheben. Dem Erstgericht ist die neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufzutragen.
6. Der Kostenvorbehalt beruht auf § 78 AußStrG. |
JJT_20191015_OGH0002_0100OB00058_19F0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126696 | 10Ob58/19f | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191015_OGH0002_0100OB00058_19F0000_000/JJT_20191015_OGH0002_0100OB00058_19F0000_000.html | 1,571,097,600,000 | 553 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache des Antragstellers J*, vertreten durch Achammer & Mennel Rechtsanwälte OG in Feldkirch, gegen die Antragsgegner 1. R* und 2. J*, beide *, beide vertreten durch Mag. Martin Künz und Dr. Karoline Rümmele, Rechtsanwälte in Dornbirn und 3. E*, vertreten durch Dr. Stefan Hämmerle, Rechtsanwalt in Dornbirn, wegen Einräumung eines Notwegs, infolge außerordentlichen Revisionsrekurses des Antragstellers gegen den Beschluss des Landesgerichts Feldkirch als Rekursgericht vom 12. Juni 2019, GZ 3 R 131/19s-26, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Der Antragsteller hat ein Grundstück mit einem
– neben anderen Einfamilienhäusern gelegenen – Einfamilienhaus samt Garten geerbt und verfolgt das Projekt, durch einen Bauträger eine Wohnhausanlage mit 14 Wohneinheiten errichten zu lassen. Er beantragt die Einräumung eines Notwegerechts im Sinn eines uneingeschränkten Geh- und Fahrrechts durch Verbreiterung und Ausbau der vorhandenen Privatstraße, die bisher nur der Zufahrt zu den bestehenden Einfamilienhäusern gedient hat.
Die Vorinstanzen wiesen den Antrag ab.
Rechtliche Beurteilung
Der außerordentliche Revisionsrekurs des Antragstellers ist mangels einer Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung iSd § 62 Abs 1 AußStrG nicht zulässig.
1.1 Nach § 4 Abs 3 NWG ist die Einräumung eines Notwegs ua durch Gebäude, geschlossene Hofräume und durch bei Wohnhäusern befindliche, zur Verhinderung des Zutritts fremder Personen eingefriedete Gärten ausgeschlossen.
1.2 Zweck dieser Schutzbestimmung ist es, die Wahrung des Hausfriedens bzw der Privatsphäre sicherzustellen und die ungestörte Benützung der Liegenschaft zu ermöglichen (RS0071235 [T2]). Auf diesen Zweck ist bei der Beurteilung der Voraussetzungen für die Einräumung eines Notwegs abzustellen.
1.3 Für die in § 4 Abs 3 NWG erwähnten eingefriedeten Hausgärten ist nach der Rechtsprechung jede Einfriedung ausreichend, die die Absicht des Grundeigentümers oder Nutzungsberechtigten erkennen lässt, Fremde vom Zutritt auf das Grundstück auszuschließen. Dass sich die Einfriedung tatsächlich als Hindernis für das Betreten des Grundstücks darstellt, ist nicht maßgeblich (RS0071202 [T3]).
2. Ob die Voraussetzungen für die Einräumung oder die Versagung eines Notwegs vorliegen, kann nur nach den Umständen des Einzelfalls beurteilt werden (3 Ob 115/98b). Wenngleich das Bedürfnis der notleidenden Liegenschaft maßgebend ist, ist zugleich immer darauf Rücksicht zu nehmen, dass die fremde Liegenschaft möglichst wenig belastet und deren Eigentümer möglichst wenig belästigt wird (§ 4 Abs 1 NWG; RS0070966 [T3]). Die Bestimmungen des NWG zur Einräumung eines Notwegs müssen daher nach ständiger Rechtsprechung einschränkend ausgelegt werden (RS0070966). Zu Gunsten der geschützten Grundfläche ist kein kleinlicher Maßstab anzulegen (RS0071235 [T2], RS0070966 [T5], RS0071202 [T4]).
3. Eine mit diesen Grundsätzen der Rechtsprechung unvereinbare Auslegung der Vorinstanzen wird vom Revisionsrekurswerber nicht aufgezeigt:
Dass auch eine etwa 1 m hohe Stützmauer zur Straße hin die Absicht des Grundeigentümers auf Begründung von Privatsphäre und die Ermöglichung der Benützung des Grundstücks als an das Einfamilienwohnhaus unmittelbar anschließender Hausgarten (bestehend aus einer gepflasterten Terrasse und einer mit Sträuchern und Blumen bepflanzten Rasenfläche) erkennen lässt, hält sich innerhalb des den Gerichten offen stehenden Beurteilungsspielraums. Die Tatsache, dass die Höhe der Stützmauer infolge des Ansteigens des Geländes stetig abnimmt und an einer Stelle gegen Null verläuft, ändert im Hinblick auf die vorhandenen Gegebenheiten nichts an der Erkennbarkeit der Abgrenzungsabsicht. Auch dass der Notweg nicht mitten durch den eingefriedeten Hausgarten führen soll, sondern nur durch einen Randbereich, schließt nach den örtlichen Gegebenheiten die Anwendung des § 4 Abs 3 NWG nicht aus.
Mangels einer erheblichen Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG ist der Revisionsrekurs daher als nicht zulässig zurückzuweisen. |
JJT_20191022_OGH0002_0050OB00141_19Z0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126724 | 5Ob141/19z | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00141_19Z0000_000/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00141_19Z0000_000.html | 1,571,702,400,000 | 1,364 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj A*, geboren am *, und des mj N*, geboren am *, beide vertreten durch die Mutter V*, diese vertreten durch Dr. Gabriele Vana-Kowarzik, Rechtsanwältin in Wien, wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Vaters A*, vertreten durch Mag. Florian Kucera, Rechtsanwalt in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 14. Mai 2019, GZ 44 R 171/19a-99, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Donaustadt vom 25. Februar 2019, GZ 38 Pu 4/18f-89, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Gegenstand des Revisionsrekursverfahrens ist nur mehr die Frage, ob im konkreten Fall das „betreuungsrechtliche Unterhaltsmodell“ anzuwenden ist.
Das Erstgericht verneinte dies mit der Begründung, die Betreuung der beiden Kinder sei zwar seit Anfang Juni 2016 gleichteilig, der Vater habe sich aber in den Jahren 2015 bis 2018 nicht bzw nur unzureichend an den laufenden Naturalleistungen beteiligt. Ausgehend von der weit überdurchschnittlichen Betreuung gab es dem Herabsetzungsantrag des Vaters – auch für die Vergangenheit – teilweise statt und kürzte den ermittelten Prozentunterhalt um (bis 31. 5. 2016) 35 % bzw (ab diesem Zeitraum) 50 %.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Vaters nicht Folge. Ob Zahlungen, die aufgrund eines rechtskräftigen und vollstreckbaren Unterhaltstitels als Unterhalt geschuldet waren, eine Überzahlung waren, stehe erst nachträglich nach rechtskräftiger Entscheidung über einen Herabsetzungsantrag fest. Etwaige Überzahlungen des Vaters seien daher nicht als bedarfsdeckende Naturalleistungen zu werten. Den Revisionsrekurs ließ das Rekursgericht mit der Begründung zu, es fehle höchstgerichtliche Rechtsprechung zur „Übergangsproblematik von einer Unterhaltsbemessung nach der Prozentsatzmethode zum betreuungsrechtlichen Unterhaltsmodell“, insbesondere dazu, ob im Zeitpunkt der Leistung aufgrund eines Titels geschuldete Unterhaltsleistungen nachträglich als Überzahlungen und damit gleichwertiger Beitrag zu bedarfsdeckenden Naturalleistungen gewertet werden könnten.
Rechtliche Beurteilung
Der – von den Antragstellern beantwortete – Revisionsrekurs ist ungeachtet des den Obersten Gerichtshof nicht bindenden (§ 71 Abs 1 AußStrG) Ausspruchs des Rekursgerichts nicht zulässig und vermag auch keine erhebliche Rechtsfrage im Sinn des § 62 Abs 1 AußStrG aufzuzeigen.
1.1. Die Anwendung des „betreuungsrechtlichen Unterhaltsmodells“, das zu einem Entfall des Geldunterhaltsanspruchs des Kindes führt, setzt nach der mittlerweile als gefestigt anzusehenden Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs voraus, dass die Betreuungs- und Naturalleistungen in etwa gleichwertig sowie die Einkommen der Eltern etwa gleich hoch sind oder jeweils einen über der „Luxusgrenze“ liegenden Unterhaltsanspruch zulassen. Ins Gewicht fallende Einkommensunterschiede führen zu einem Restgeldunterhaltsanspruch gegen den besser verdienenden Elternteil (RIS-Justiz RS0131331; 8 Ob 89/17x mwN; zuletzt 1 Ob 13/19x).
1.2. Der Oberste Gerichtshof hat anhand festgestellter Betreuungstage ein Betreuungsverhältnis von 4:3 (4 Ob 206/15w), von 43 zu 57 % (4 Ob 16/13a) oder 55 zu 45 % (6 Ob 55/16f) als annähernd gleichwertig beurteilt. Zuletzt hat der erkennende Senat zu 5 Ob 189/18g – den Entscheidungen 8 Ob 89/17x und 10 Ob 58/18d folgend – die Auffassung abgelehnt, eine Betreuung sei bereits dann gleichwertig, wenn kein Elternteil mindestens zwei Drittel der Betreuungsleistung erbringe (RS0130654 [T1]).
1.3. Für den Zeitraum bis 31. 5. 2016 muss das vom Vater reklamierte betreuungsrechtliche Unterhaltsmodell hier bereits daran scheitern, dass er nach den festgestellten Betreuungszeiten bis zu diesem Zeitpunkt seine Söhne nur zu 35 % betreute, was nach der dargestellten Judikatur nicht als annähernd gleichwertig zu beurteilen ist.
2.1. Ab 1. 6. 2016 sind die Betreuungszeiten völlig gleichwertig. An laufenden „langlebigen“ Kosten für die Minderjährigen beteiligte sich der Vater allerdings nicht, er übernahm nur Kosten für einen Gitarrenkurs, Schwimmkurse, ein Pfingst- und ein Sommercamp und Sportveranstaltungen. Außerdem schaffte er Lernhilfen in Form von Übungsbüchern an. Kindergarten, Kleidung, Netzkarte der Wiener Linien, Schulsachen, Schuhe, Elternvereinsbeiträge und weitere derartige Aufwendungen trug allein die Mutter.
2.2. Der Vater argumentiert in seinem Revisionsrekurs damit, es sei grotesk, das Geld, das er aufgrund des Unterhaltstitels bezahlt habe, nicht nur ihm nicht gutzuschreiben, sondern im Gegenteil die aus seinen Unterhaltsbeiträgen stammenden Zahlungen zugunsten der Mutter zu veranschlagen. Damit verkennt er aber das Wesen der Leistung von Geldunterhalt einerseits und Naturalunterhalt andererseits:
2.3. Naturalunterhalt ist nach gesicherter Rechtsprechung (RS0116145) die unmittelbare Befriedigung angemessener Kindesbedürfnisse durch Sachleistungen oder Dienstleistungen, die der Unterhaltspflichtige selbst erbringt oder deren Erbringung durch Dritte er bezahlt. Die Bezahlung von Wohnungsbenützungskosten kann etwa dem Naturalunterhalt der Unterkunftsgewährung an das Kind entsprechen, auch die Übergabe von Wirtschaftsgeld an die haushaltsführende Person könnte als Naturalunterhalt für das Kind gewertet werden. Zum Naturalunterhalt gehört auch ein dem Kindesalter und den elterlichen Vermögensverhältnissen angemessenes Taschengeld. Grundsätzlich erfüllt derjenige Elternteil, der den Haushalt führt, in dem er das Kind betreut, gemäß § 231 Abs 2 erster Satz ABGB seine Unterhaltspflicht, während der andere Elternteil geldunterhaltspflichtig wird. Der nicht geldunterhaltspflichtige Elternteil hat vom Unterhalt alle über die tägliche Versorgung des Kindes hinausgehenden Kosten bis hin zur Grenze des Sonderbedarfs zu tragen. Die Betreuung und Versorgung des Kindes durch den geldunterhaltspflichtigen Elternteil im Rahmen des üblichen Kontaktrechts in seinem Haushalt hat keine Auswirkungen auf seine Unterhaltspflicht, sie vermögen den Geldunterhalt nicht zu schmälern (1 Ob 151/16m). Der zu leistende Geldunterhalt ist dann zu reduzieren, wenn der Unterhaltspflichtige auch – über das übliche Kontaktrecht hinaus – Naturalunterhalt leistet (RS0047452 [T6]). Dabei ist aber nicht von den Aufwendungen des Unterhaltspflichtigen, sondern ausschließlich von den ersparten Aufwendungen des anderen Elternteils auszugehen (RS0047452 [T1, T9]; jüngst 5 Ob 189/18g mwN).
3.1. Hier ist nicht strittig, dass der Revisionsrekurswerber geldunterhaltspflichtig war und
– jedenfalls in dem von ihm zugestandenen Ausmaß eines Restgeldunterhaltsanspruchs aufgrund des deutlichen Einkommensunterschieds der Eltern (er verdient gut viermal so viel wie die Mutter) – auch nach wie vor ist. Dass die Mutter von dem von ihm geleisteten titelgemäßen Unterhaltszahlungen von 450 EUR pro Kind in der Vergangenheit sämtliche laufenden Kosten im Wesentlichen alleine bezahlt hat, entspricht dem gesetzlichen Modell und der Aufgabenteilung zwischen dem betreuenden und dem geldunterhaltspflichtigen Elternteil. Durch seine Zahlungen hat der Vater – wie er selbst zugesteht – nichts anderes getan, als seine titelmäßig festgesetzte Geldunterhaltspflicht zu erfüllen; für die von ihm offenbar angestrebte Umwidmung dieser Zahlung auf – teilweisen – Beitrag zu Naturalunterhalt besteht angesichts dessen keine Grundlage.
3.2. Die vom Rekursgericht angesprochene „Übergangsproblematik“ ist hier nicht zu erörtern. Auch im außerstreitigen Unterhaltsverfahren hat jede Partei die für ihren Rechtsstandpunkt günstigen Tatsachen, somit der Unterhaltspflichtigte seine geminderte oder fehlende Leistungsfähigkeit, die Bedürfnisminderung des Unterhaltsberechtigten oder das Bestehen weiterer gesetzlicher Sorgepflichten zu behaupten und zu beweisen (6 Ob 187/15s mwN; RS0006261 [T2, T6, T8, T14], RS0111084, RS0047536). Es war daher Sache des Revisionsrekurswerbers, der zu seinen Gunsten die Umstellung auf das betreuungsrechtliche Unterhaltsmodell fordert, zu behaupten und zu beweisen, dass er – in dem dafür in Betracht kommenden Zeitraum ab 31. 5. 2016 – in etwa gleichem Ausmaß Naturalleistungen tatsächlich erbracht hat. Dieser Beweis ist ihm nicht gelungen, konnte das Erstgericht eine Beteiligung an „langlebigen“ Naturalleistungen wie Kleidung, Schuhe, Aufwendungen für Kindergarten und Schule doch nicht feststellen. Ob eine von ihm abgegebene (unwiderrufliche) Erklärung, auf die Rückforderung von sich allenfalls aus dem Unterhaltsherabsetzungsverfahren ergebenden Überzahlungen gegenüber den Minderjährigen zu verzichten, überhaupt – wie vom Rekursgericht offenbar angedacht – im Sinn der eingangs zitierten Rechtsprechung als unmittelbarer Beitrag zur Bedürfnisbefriedigung im Weg der Naturalleistung (vgl RS0116145) gewertet werden könnte, kann dahinstehen. Eine derartige Erklärung gab der Vater im Verfahren nie ab, sodass ihm aufgrund der – insoweit bereits mangels Rekurs der Minderjährigen in Rechtskraft erwachsenen – rückwirkenden Herabsetzung seiner Geldunterhaltspflicht an sich bereits ein Rückforderungsanspruch gegenüber den Minderjährigen erwachsen ist. Die vom Rekursgericht als erheblich angesehene Rechtsfrage stellt sich aus diesem Grund daher nicht. Eine erhebliche Rechtsfrage im Sinn des § 62 Abs 1 AußStrG liegt aber dann nicht vor, wenn Fragen bloß theoretischer Natur gelöst werden sollen (RS0111271).
3.3. Der vom Revisionsrekurswerber vermissten Erweiterung der Judikatur bedarf es nicht. Die Vorinstanzen haben von ihm nicht etwa gefordert, zusätzlich zur Erfüllung seiner Geldunterhaltspflicht gleichwertige Naturalleistungen zu erbringen, sondern nur die Voraussetzungen für die Anwendbarkeit des betreuungsrechtlichen Unterhaltsmodells im konkreten Fall verneint. Dies hält sich im Rahmen bereits vorliegender höchstgerichtlicher Rechtsprechung. Dem Revisionsrekurswerber wäre es freigestanden – mangels einer grundsätzlich bei einer beabsichtigten Umstellung auf das betreuungsrechtliche Unterhaltsmodell wohl zu suchenden Einigung mit der Mutter –, in etwa gleichwertige Naturalleistungen für die Kinder etwa für Kleidung oder Schulgeld zu erbringen und die von ihm zu leistenden Geldunterhaltsbeiträge entsprechend zu reduzieren. Einer dessen ungeachtet eingeleiteten Exekution hätte er einen Oppositionsantrag mit dem Argument entgegenhalten können, der Unterhaltsanspruch laut Titel sei aufgrund geänderter Verhältnisse und des Umstiegs auf das betreuungsrechtliche Unterhaltsmodell (zumindest teilweise) erloschen. Dass der Vater gezwungen gewesen wäre, den vollen Geldunterhalt laut Exekutionstitel zu zahlen und zusätzlich gleichwertige Naturalleistungen zu erbringen, ist in dieser Allgemeinheit daher nicht richtig.
4. Damit war der Revisionsrekurs zurückzuweisen, ohne dass dieser Beschluss einer weiteren Begründung bedürfte (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20190924_OGH0002_0050OB00151_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126727 | 5Ob151/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20190924_OGH0002_0050OB00151_19W0000_000/JJT_20190924_OGH0002_0050OB00151_19W0000_000.html | 1,569,283,200,000 | 499 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Grundbuchsache der Antragstellerin S*, geboren am *, vertreten durch Dr. Christian Radetic, öffentlicher Notar in Linz, wegen Einverleibung des Eigentumsrechts und weiterer Grundbuchseintragungen ob der EZ * KG *, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragstellerin gegen den Beschluss des Landesgerichts Linz als Rekursgericht vom 16. Juli 2019, AZ 32 R 64/19s, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 126 Abs 2 GBG iVm § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Das Rekursgericht bestätigte den das Grundbuchsgesuch abweisenden Beschluss des Erstgerichts, weil die Antragstellerin als Eintragungsgrundlage eine teilweise geschwärzte Vergleichsausfertigung vorgelegt hatte, die nicht als Originalurkunde im Sinn des § 87 GBG zu werten sei.
Rechtliche Beurteilung
Die Antragstellerin zeigt in ihrem dagegen erhobenen außerordentlichen Revisionsrekurs keine erhebliche Rechtsfrage auf.
1. § 87 Abs 1 GBG verlangt, die Urkunden, aufgrund derer eine Eintragung erfolgen soll, im Original beizulegen. Bei öffentlichen Urkunden wird dem Erfordernis der Vorlage des Originals durch Vorlage einer Ausfertigung entsprochen (RIS-Justiz RS0061077 [T3]; Kodek in Kodek, Grundbuchsrecht2 § 87 GBG Rz 8 mwN). Ob eine Vergleichsausfertigung, auf der nachträglich Schwärzungen erfolgten, mit dem Erstgericht als „nicht dem Original entsprechend“ oder mit dem Rekursgericht gar nicht als Original im Sinn des § 87 GBG anzusehen ist, kann dahinstehen. Jedenfalls handelt es sich dabei nicht um die vom Gericht erstellte Ausfertigung der öffentlichen Urkunde.
2. Die Eigentumseinverleibung aufgrund einer Teilausfertigung eines Scheidungsfolgenvergleichs hat der erkennende Fachsenat bereits mit der Begründung abgelehnt, dass in formeller Hinsicht eine derartige Teilausfertigung oder ein Auszug eines Scheidungsfolgenvergleichs keine dem § 87 Abs 1 GBG entsprechende Originalurkunde sei (vgl RS0130874; 5 Ob 250/15y = NZ 2016/117 [zust Hoyer]).
3. Die im Revisionsrekurs zitierte Entscheidung 5 Ob 182/98w ist nicht einschlägig, weil Bewilligungsurkunde dort ein Kaufvertrag – und nicht etwa die Ausfertigung einer öffentlichen Urkunde – war. Die dort inhaltlich nach wie vor lesbare und für den Inhalt des Kaufvertrags nicht wesentliche gestrichene Vertragsbestimmung prüfte der Fachsenat nur unter dem Gesichtspunkt des § 27 Abs 1 GBG (sichtbare Mängel, die die Glaubwürdigkeit schwächen); die Frage der Originaleigenschaft im Sinn des § 87 GBG beurteilte er nicht.
4. Es entspricht ständiger Rechtsprechung, dass es dem Grundbuchsgericht verwehrt ist, eine undeutliche und zu begründeten Zweifeln Anlass gebende Urkunde auszulegen, und dass durch den Inhalt der Urkunde erweckte und nicht restlos beseitigte Zweifel zur Abweisung eines Grundbuchsgesuchs zu führen haben (RS0060573). Ob die Urkunden zu Zweifeln Anlass geben, ist eine Frage des Einzelfalls, die nur dann eine erhebliche Rechtsfrage begründen könnte, wenn dem Rekursgericht eine grobe Fehlbeurteilung unterlaufen ist (RS0060573 [T18]). Davon kann hier keine Rede sein, ist doch nach der Judikatur (vgl RS0010950) die Grundbuchsurkunde in ihrer Gesamtheit zu beurteilen. Die Auffassung der Vorinstanzen, dies sei aufgrund der in einigen Bereichen geschwärzten und daher nicht als Originalurkunde im Sinn des § 87 Abs 1 GBG anzusehenden Vergleichsausfertigung nicht ausreichend möglich gewesen, hält sich im Rahmen der Rechtsprechung und bedarf daher keiner Korrektur durch den Obersten Gerichtshof.
5. Der außerordentliche Revisionsrekurs war daher zurückzuweisen, ohne dass dies einer weiteren Begründung bedürfte (§ 71 Abs 3 AußStrG iVm § 126 Abs 3 GBG). |
JJT_20191022_OGH0002_0050OB00167_19Y0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126731 | 5Ob167/19y | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00167_19Y0000_000/JJT_20191022_OGH0002_0050OB00167_19Y0000_000.html | 1,571,702,400,000 | 1,860 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Grundbuchsache der Antragstellerin B* Gesellschaft mbH & Co KG, *, vertreten durch Weiskopf Kappacher Kössler Rechtsanwälte GesbR in Landeck, wegen Einverleibung einer Dienstbarkeit in der EZ * KG *, über den Revisionsrekurs der Antragstellerin gegen den Beschluss des Landesgerichts Innsbruck als Rekursgericht vom 28. Juni 2019, AZ 52 R 27/19f, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Reutte vom 28. Jänner 2019, TZ 103/2019, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Antragstellerin ist Alleineigentümerin einer Liegenschaft und beabsichtigt diese mit einem Haus zur Unterbringung von Personal zu bebauen. Sie schloss mit der Marktgemeinde am 19. Dezember 2018 einen privatrechtlichen Vertrag, der vorsah, dass eine bestimmungsgemäße Verwendung des Grundstücks nur dann vorliegt, wenn es im Rahmen der bestehenden Widmung als allgemeines Mischgebiet gemäß § 40. 2 des Tiroler Raumordnungsgesetzes (TROG) 2016 und eines gemäß Beilage ./1 noch zu erlassenden Bebauungsplans gemäß § 54 TROG 2016 mit einem Personalhaus bebaut und während der gesamten Vereinbarungsdauer zur Unterbringung von Personal verwendet wird. Der Verwendungszweck soll danach insbesondere dann nicht erfüllt sein, wenn die Baulichkeiten als Freizeitwohnsitz verwendet werden. Punkt 3 des Vertrags sieht vor, dass sich die Antragstellerin auch mit Wirkung für ihre Rechtsnachfolger im Eigentum des Grundstücks für die Dauer der Vereinbarung, jedenfalls aber für 15 Jahre gerechnet ab Beginn der Nutzung der Baulichkeiten auf dem Grundstück, gegenüber der Gemeinde dazu verpflichtet
3.1.1. das Grundstück und das darauf errichtete Projekt (Personalhaus) ausschließlich für die Unterbringung von Personal entsprechend der Widmung allgemeines Mischgebiet gemäß § 40. 2 TROG 2016 und eines gemäß Beilage ./1 noch zu erlassenden Bebauungsplans gemäß § 54 TROG 2016 zu verwenden.
3.1.2. Auf Basis der Widmung (allgemeines Mischgebiet gemäß § 40. 2 TROG 2016) und eines gemäß Beilage ./1 noch zu erlassenden Bebauungsplans gemäß § 54 TROG 2016 weder durch Neubau oder Umbau im Innen- und/oder Außenbereich die Baulichkeiten abzuändern, soweit dadurch der Verwendungszweck vereitelt würde, wobei dies auch Nutzungsänderungen ohne bauliche Veränderungen umfasst.
3.1.3. Nach Errichtung der Baulichkeiten diese dem Verwendungszweck zur Unterbringung von Personal zuzuführen und jede Handlung zu unterlassen, die dem Verwendungszweck dieser Vereinbarung zuwiderläuft und/oder zu vereiteln geeignet ist.
Punkt 4. sieht die Verpflichtung zur ausschließlichen Nutzung zur Unterbringung von Personal wie folgt vor:
4.1. Die Gesellschaft verpflichtet sich das ganze Grundstück während der in Punkt 5. vereinbarten Vereinbarungsdauer entsprechend der Widmung (allgemeines Mischgebiet gemäß § 40. 2 TROG 2016) und eines gemäß Beilage ./1 noch zu erlassenden Bebauungsplans gemäß § 54 TROG 2016 Mischgebiet) zur Unterbringung von Personal zu nutzen und insbesondere keine Freizeitwohnsitze zu schaffen.
4.2. Die Vereinbarungsparteien vereinbaren, dass für den Fall des Verdachts einer vereinbarungswidrigen Nutzung, insbesondere als Freizeitwohnsitz, eine Beweislastumkehr eintritt. Die Gesellschaft hat daher in einem solchen Fall der Gemeinde schlüssig und nachvollziehbar nachzuweisen, dass sie der Pflicht zur Nichtbegründung eines Freizeitwohnsitzes nachgekommen ist. Die Definition des Freizeitwohnsitzes richtet sich nach der Legaldefinition des § 13 TROG 2016.
4.3. Zur Absicherung dieser Unterlassungsverpflichtung räumt die Gesellschaft als Eigentümer des Grundstücks auch mit Wirkung für ihre jeweiligen Rechtsnachfolger, der Gemeinde E* die Dienstbarkeit der Unterlassung der Nutzung sämtlicher Baulichkeiten auf dem Grundstück als Freizeitwohnsitz und die Unterlassung der Nutzung des gesamten Grundstücks außerhalb der Widmung allgemeines Mischgebiet gemäß § 40. 2 TROG 2016 und des gemäß Beilage ./1 noch zu erlassenden Bebauungsplans gemäß § 54 TROG ein. Die Vereinbarungsparteien vereinbaren die grundbücherliche Sicherstellung dieser Dienstbarkeit ob dem Grundstück für die Gemeinde E*.
4.4. Die Gesellschaft verpflichtet sich binnen 14 Tagen nach Vorlage eine grundbuchsfähige Aufsandungserklärung für die in Punkt 4.3. eingeräumten Rechte/Pflichten zu unterfertigen, sobald dies die Gemeinde fordert.
Punkt 12. des Vertrags sieht eine Aufsandungserklärung wie folgt vor:
12.1. Aufgrund dieser Urkunde erteilen die Vereinbarungsparteien ihre ausdrückliche Einwilligung, dass auch nur über einseitiges Begehren einer Vereinbarungspartei nachstehende Eintragungen im GB *, BG R*, vorgenommen werden können:
In EZÂ *:
Die Einverleibung der Dienstbarkeit der Unterlassung der Nutzung der gesamten Liegenschaft außerhalb der Widmung allgemeines Mischgebiet zu anderen Zwecken als zur Unterbringung von Personal und die Unterlassung der Nutzung als Freizeitwohnsitz gemäß Punkt 4 dieses Vertrags für die Gemeinde E*.
Das Erstgericht wies den Antrag auf Einverleibung der Dienstbarkeit der Unterlassung der Nutzung der gesamten Liegenschaft außerhalb der Widmung allgemeines Mischgebiet zu anderen Zwecken als zur Unterbringung von Personal und die Unterlassung der Nutzung als Freizeitwohnsitz gemäß Punkt 4. dieser Vereinbarung für die Gemeinde ab. Die Verpflichtung des Eigentümers, auf der belasteten Liegenschaft ein bestimmtes Gewerbe nicht auszuüben, könne nicht Inhalt einer Grunddienstbarkeit sein. Aufgrund des Hinweises auf den gemäß Beilage ./1 noch zu erlassenden Bebauungsplan sei die Vereinbarung nicht schlüssig nachvollziehbar. Eine grundbücherliche Sicherstellung dieser Verpflichtung als Dienstbarkeit sei nicht möglich.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs der Antragstellerin nicht Folge. Die begehrte Unterlassung ziele nicht auf die als zulässig zu erachtende Unterlassung eines schädlichen Gewerbes ab noch seien daraus Vorteile für ein auf dem berechtigten Grundstück betriebenes Gewerbe zu erkennen. Es handle sich um die Beschränkung einer wirtschaftlichen Tätigkeit, die keine besondere Liegenschaftsnutzung mit sich bringe und daher nicht als Dienstbarkeit eintragungsfähig sei. Die begehrte unregelmäßige Dienstbarkeit setze überdies voraus, dass der berechtigten Gemeinde aus der Duldung oder Unterlassung ein Vorteil erwachse, der hier – abgesehen von öffentlich-rechtlichen Zwecken der örtlichen Raumordnung – nicht zu erkennen sei. Der Punkt 4.1. der Vereinbarung nehme auf einen noch zu erlassenden Bebauungsplan Bezug, womit dem Bestimmtheitsgebot der §§ 12 und 85 GBG nicht entsprochen werde. Letztlich erwähne die Aufsandungserklärung nur allgemein Punkt 4 der Vereinbarung, unter dem sich aber in Unterpunkten jeweils unterschiedliche Formulierungen der Dienstbarkeit fänden; damit bleibe unklar, in welchem konkreten Umfang die Dienstbarkeit begründet werden solle.
Den Revisionsrekurs ließ das Rekursgericht mit der Begründung zu, es fehle höchstgerichtliche Rechtsprechung zur Frage, ob der Inhalt des hier konkret vereinbarten Rechts einen hinreichenden Bezug zur dienenden Liegenschaft habe und daher als Dienstbarkeit verbücherbar sei und ob die örtliche Raumordnung dem Utilitätserfordernis bereits genüge.
In ihrem Revisionsrekurs begehrt die Antragstellerin die Abänderung der Entscheidung der Vorinstanzen im Sinn einer Bewilligung der beantragten Einverleibung.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist entgegen dem den Obersten Gerichtshof nicht bindenden (§ 126 GBG iVm § 71 Abs 1 AußStrG) Ausspruch des Rekursgerichts nicht zulässig.
1.1. In einem Grundbuchsbeschluss sind zwar gemäß § 95 Abs 3 GBG alle Gründe anzugeben, die der Bewilligung entgegenstehen, weshalb eine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG bei einem von mehreren Abweisungsgründen auch dann vorliegen kann, wenn das Gesuch wegen anderer Abweisungsgründe, bei denen keine erhebliche Rechtsfrage zu lösen ist, abgewiesen werden muss (RIS-Justiz RS0029353; RS0042767). Die Prüfung allfälliger weiterer Abweisungsgründe kann aber dann unterbleiben, wenn eine Wiederholung des Grundbuchsgesuchs nicht in Betracht kommt (RS0060544), so etwa mangels Eignung der vorgelegten Urkunden als Eintragungsgrundlagen (RS0060544 [T5, T8]).
1.2. Dass eine (Grund-)Dienstbarkeit nur dann besteht, wenn sich die Duldung oder Unterlassung, zu der sich der Eigentümer der belasteten Liegenschaft verpflichtet, auf die Nutzung des Grundstücks selbst bezieht, und die Verpflichtung des Eigentümers, auf der belasteten Liegenschaft ein bestimmtes Gewerbe nicht auszuüben, nicht Inhalt einer Grunddienstbarkeit sein kann, entspricht gesicherter Rechtsprechung (RS0011510), die auch die Revisionsrekurswerberin nicht in Zweifel zieht. Ob der Inhalt eines konkret vereinbarten Rechts ausreichenden Bezug zur dienenden Liegenschaft hat, ist als Frage der Auslegung des konkreten Vertrags eine Einzelfallbeurteilung (vgl RS0112106; RS0044358; RS0042936; 5 Ob 62/10v) und könnte nur im Fall einer groben Fehlbeurteilung an den Obersten Gerichtshof herangetragen werden.
1.3. Vorauszuschicken ist, dass sich der Inhalt der hier vereinbarten Unterlassungspflicht aus dem vorgelegten Vertrag nicht eindeutig ergibt – wie das Rekursgericht erkannte und im Weiteren noch zu erörtern ist –, sodass sich die Frage des ausreichenden Bezugs des konkret vereinbarten Rechts zur dienenden Liegenschaft nicht stellt. Im Übrigen soll sich die Unterlassungspflicht offenbar nicht auf das Grundstück selbst, sondern auf dessen Nutzung in bestimmter Form beziehen, und es soll eine persönliche Dienstbarkeit für die Gemeinde begründet werden, was in der Judikatur bereits als Indiz für die Vereinbarung des – unzulässigen – Verbots einer bestimmten wirtschaftlichen Tätigkeit gewertet wurde (5 Ob 62/10v). Auch die Absicherung der Pflichten der Antragstellerin durch entsprechende Vertragsstrafen (Punkt 6. der Vereinbarung) weist in diese Richtung.
1.4. Auch die weitere in der Zulassungsbegründung genannte Frage, ob öffentlich-rechtliche Interessen einer Gemeinde an der Gestaltung der Raumordnung entsprechend örtlichen Zielsetzungen dem Utilitätserfordernis im Grundbuchsrecht (vgl zur unregelmäßigen Dienstbarkeit RS0011620) entsprechen, bedarf hier keiner näheren Erörterung, weil hinsichtlich der übrigen, aus der Vertragsurkunde selbst abgeleiteten Abweisungsgründe die Beurteilung der Vorinstanzen nicht zu beanstanden ist, sodass es schon aufgrund dessen bei der Abweisung des – aufgrund der vorgelegten Urkunden nicht wiederholbaren – Grundbuchsgesuchs zu verbleiben hat.
2.1. Dass es dem Grundbuchsgericht verwehrt ist, eine undeutliche und zu begründeten Zweifeln Anlass gebende Urkunde auszulegen, sodass durch den Inhalt der Urkunden erweckte, nicht restlos beseitigte Zweifel zur Abweisung des Grundbuchsgesuchs zu führen haben, entspricht der ständigen Rechtsprechung des Fachsenats (RS0060573). Eine ergänzende oder vom Wortsinn der Grundbuchsurkunde abweichende Interpretation hat der Grundbuchsrichter nicht vorzunehmen (RS0060573 [T3]; 5 Ob 66/17t = EvBl 2018/2 [Jelinek]).
2.2. Die Auffassung der Vorinstanzen, bei Dienstbarkeiten müsse der Inhalt und der Umfang des einzutragenden Rechts möglichst bestimmt angegeben werden und eine mangelnde Bestimmtheit des Umfangs stehe der Eintragung im Grundbuch entgegen, entspricht ständiger Rechtsprechung (RS0119604; Rassi in Kodek, Grundbuchsrecht2 § 12 GBG Rz 54 mwN). Demgemäß muss die Eintragung einer Servitut bereits dann scheitern, wenn die geschuldete Leistung (konkrete Unterlassungsverpflichtung) in den vorgelegten Urkunden nicht oder nicht ausreichend angeführt ist (vgl 5 Ob 189/05p = NZ 2006/648 [GBSlg] [Hoyer]; Rassi aaO Rz 55). Ob ein Gesuch auf Einverleibung einer Dienstbarkeit dem sich aus § 85 Abs 2 GBG und § 12 Abs 2 GBG ergebenden Bestimmheitsgebot entspricht, ist regelmäßig eine Frage des Einzelfalls (RS0119604 [T8]), die – von Fällen der auffallenden Fehlbeurteilung abgesehen – nicht an den Obersten Gerichtshof herangetragen werden kann.
2.3. Eine auch im Einzelfall aufzugreifende Fehlbeurteilung ist hier nicht zu erkennen, zumal sich die Argumentation der Revisionsrekurswerberin zu diesem Abweisungsgrund darin erschöpft, zu behaupten, entgegen den Ausführungen des Rekursgerichts seien Inhalt und Umfang der Dienstbarkeit hier ausreichend bestimmt angegeben. Selbst wenn man darin bereits eine gesetzmäßige Ausführung der Rechtsrüge erkennen wollte (vgl RS0043605), wird damit jedenfalls keine grobe Fehlbeurteilung aufgezeigt. Die Frage nach dem Zweck der Dienstbarkeit und ob dieser aus der Vereinbarung ausreichend hervorleuchtet, hat mit derjenigen nach der ausreichenden Bestimmtheit der Dienstbarkeit nichts zu tun. Die Auslegung des Inhalts und Umfangs des Rechts anhand des aus dem Vertrag allenfalls hervorleuchtenden Zwecks der Dienstbarkeit ist eben gerade nicht Aufgabe der Grundbuchsgerichte. Unklarheiten betreffend Inhalt und Umfang der Dienstbarkeit ergeben sich hier insbesondere – wie schon die Vorinstanzen zutreffend hervorgehoben haben – daraus, dass die Vereinbarung mehrfach ausdrücklich die von der Antragstellerin übernommenen Verpflichtungen nicht nur an die Widmung allgemeines Mischgebiet gemäß § 40. 2 TROG 2016, sondern auch an den Inhalt des erst zu erlassenden Bebauungsplans der Gemeinde knüpfte. Der konkrete Inhalt des hier vereinbarten dinglichen Rechts würde sich nach dem Wortlaut der Urkunde daher letzlich erst unter Berücksichtigung eines noch gar nicht existenten Bebauungsplans erschließen. In einem solchen Fall von einer mangelnden Bestimmtheit iSd §§ 12, 85 GBG auszugehen, ist jedenfalls nicht korrekturbedürftig.
2.4. Dass die Aufsandungserklärung auf den noch zu erlassenden Bebauungsplan laut Beilage ./1 nicht mehr Bezug nimmt, ändert nichts daran, dass ihre Formulierung mit dem nicht näher präzisierten Hinweis auf Punkt 4 des Vertrags nach der unbedenklichen Auffassung des Rekursgerichts nicht ausreichend klar ist; dessen Auffassung, in Punkt 4.1. habe sich die Revisionsrekurswerberin zu aktivem Tun, nämlich zur Nutzung des gesamten Grundstücks zur Unterbringung von Personal entsprechend der Widmung allgemeines Mischgebiet und des gemäß Punkt 1. zu erlassenden Bebauungsplans verpflichtet, entspricht dem Wortlaut dieses Vertragspunktes, der nur in einem Nebensatz die Unterlassung der Schaffung von Freizeitwohnsitzen anspricht. Die insoweit geäußerten Bedenken gegen die ausreichend deutliche Beschreibung des Einzuverleibenden sind daher ebensowenig zu beanstanden und werfen keine erhebliche Rechtsfrage auf.
3. Damit war der Revisionsrekurs zurückzuweisen. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191023_OGH0002_0010OB00184_19V0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126743 | 1Ob184/19v | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191023_OGH0002_0010OB00184_19V0000_000/JJT_20191023_OGH0002_0010OB00184_19V0000_000.html | 1,571,788,800,000 | 686 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Bydlinski als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätin Mag. Wurzer, Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Familienrechtssache der Antragstellerin M* H*, vertreten durch Dr. Georg Lehner, Rechtsanwalt in Wels, gegen den Antragsgegner S* H*, vertreten durch Mag. Thomas Deuschl, Rechtsanwalt in Linz, wegen Aufteilung des ehelichen Gebrauchsvermögens und der ehelichen Ersparnisse, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragstellerin gegen den Beschluß des Landesgerichts Linz als Rekursgericht vom 21. August 2019, GZ 15 R 225/19t-60, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Freistadt vom 24. April 2019, GZ 1 Fam 3/17a-56, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1. Die Mitwirkung im Erwerb des anderen (und damit die Arbeitsleistung für das Unternehmen des anderen) ist – soweit sie nicht anders abgegolten wurde (vgl § 98 ABGB) – ebenso wie „mittelbare Beitragsleistungen“ durch Haushaltsführung, Kindererziehung und Pflegeleistung bei der Festlegung des Aufteilungsschlüssels nach § 83 EheG zu berücksichtigen (RIS-Justiz RS0131859). Die nicht anders abgegoltene Mitwirkung im Erwerb des Mannes (hier: in seinem landwirtschaftlichen Betrieb) ist gemäß § 83 Abs 2 EheG als Beitrag der Frau zu werten.
Die Ermittlung des Aufteilungsschlüssels ist eine Frage des Einzelfalls, die die Zulässigkeit des Revisionsrekurses nur im Fall einer aufzugreifenden – hier nicht vorliegenden – Fehlbeurteilung rechtfertigen könnte (RS0108756). Eine Ausgleichszahlung ist nicht mit (scheinbar) mathematischer Genauigkeit festzusetzen (RS0113732 [T4]). In welcher Höhe sich dieser Ausgleich im Rahmen der Aufteilung zu bewegen hat, ist nach den Umständen des konkreten Einzelfalls zu entscheiden.
1.2. Eine Verquickung der Ansprüche nach § 98 ABGB und §§ 81 ff EheG, um einen Wertausgleichsanspruch zu konstruieren, scheitert an den unterschiedlichen gesetzlichen Anspruchsvoraussetzungen (RS0009597). Allfällige Abgeltungsansprüche aus dem Titel der Mitwirkung im Erwerb des anderen beruhen auf einer eigenen Rechtsgrundlage (§ 98 ABGB) und können daher den Ausgleichsanspruch des durch die Vermögensaufteilung „benachteiligten Ehegatten“ nicht unmittelbar (rechnerisch) erhöhen (vgl 8 Ob 695, 696/87). Feststellungen zur Bemessung des Anspruchs der Frau nach § 98 ABGB (oder gar eines Entgelts wie das einer Dienstnehmerin in der Landwirtschaft) sind daher – worauf bereits das Rekursgericht ohne Fehlbeurteilung hinwies – für das Aufteilungsverfahren nicht maßgeblich. In diesem kann nicht mehr verteilt werden als die zum Trennungszeitpunkt vorhandene eheliche Errungenschaft.
1.3. Beide Parteien arbeiteten in der im Eigentum des Mannes stehenden Landwirtschaft mit, wobei der Mann daneben immer 40 Stunden (pro Woche) berufstätig war. Er half in der Landwirtschaft während seines Urlaubs und teilweise am Abend mit. Jedenfalls wurde mehr als die Hälfte der Arbeitstätigkeit von der Frau geleistet. Nachdem 2005 auch das jüngste Kind die Schule besucht hatte, begann sie neben der Hofführung auswärts zu arbeiten und war rund 15 bis 20 Stunden wöchentlich als Putzkraft tätig.
Die Beurteilung der Vorinstanzen, dass ihre umfangreichen Beiträge im Sinn des § 83 EheG, nämlich ihre intensive Mitarbeit im Betrieb des Mannes (mehr als er), die Führung des gemeinsamen Haushalts und die Kindererziehung, dadurch bei der Ermittlung der Aufteilungsquote zu berücksichtigen sind, dass zu ihren Gunsten von einem Aufteilungsschlüssel von 2:1 auszugehen ist, ist nicht korrekturbedürftig. Die Vorinstanzen wiesen daher der Frau unter dem maßgeblichen Gesichtspunkt der Billigkeit nach § 83 Abs 1 EheG zwei Drittel des Werts der ehelichen Ersparnisse und des während der ehelichen Lebensgemeinschaft geschaffenen ehelichen Gebrauchsvermögens als Ausgleichszahlung zu. Entgegen ihrer Ansicht ist eine nach § 98 ABGB bemessene Vergütung ihrer Arbeiten in der Landwirtschaft nicht Gegenstand des Aufteilungsverfahrens, sondern nur die Berücksichtigung ihrer Mitwirkung im Erwerb des anderen im Rahmen der Billigkeit. Da der Mann durch seine Berufstätigkeit auch einen entsprechenden Anteil zum (während aufrechter ehelicher Lebensgemeinschaft) erwirtschafteten Vermögen beitrug, kommt es nicht in Betracht, ihr – wie offenbar angestrebt – den gesamten Wert der Aufteilungsmasse zuzuteilen.
2. Prozesskosten des Scheidungsverfahrens, die ihr der Mann schuldete, haben grundsätzlich keinen Bezug zur nachehelichen Vermögensaufteilung (vgl 1 Ob 19/12v). Die Revisionsrekurswerberin übersieht offenbar, dass der Ermittlung der ihr gebührenden Ausgleichszahlung die zum Zeitpunkt der Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft vorhandenen Vermögenswerte zugrundezulegen waren. Eine nachträgliche Verwendung ehelicher Ersparnisse durch den Mann zur Abdeckung später entstandener Schulden – die im Übrigen gar nicht besteht – könnte an den maßgeblichen Parametern (und damit am Ergebnis der Aufteilung) gar nichts mehr ändern.
3. Einer weiteren Begründung – insbesondere zur relevierten Mangelhaftigkeit des rekursgerichtlichen Verfahrens und einer zwar behaupteten, aber nicht näher ausgeführten Aktenwidrigkeit – bedarf es nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00077_19Z0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126761 | 10Ob77/19z | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00077_19Z0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00077_19Z0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 978 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Unterhaltssache des * 2001 geborenen J*, vertreten durch Mag. Hermann Fröschl, Rechtsanwalt in Wien, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der unterhaltspflichtigen Mutter Ing. Mag. M*, vertreten durch Mag. Gernot Steier, Rechtsanwalt in Neulengbach, gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 17. September 2019, GZ 23 R 347/19f-202, mit dem der Rekurs der Mutter gegen den Beschluss des Bezirksgerichts Purkersdorf vom 5. August 2019, GZ 1 Pu 27/17s-186, zurückgewiesen wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Die Revisionsrekursbeantwortung des Kindes wird zurückgewiesen.
II. Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Der angefochtene Beschluss wird aufgehoben. Dem Rekursgericht wird die Entscheidung über den Rekurs unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund aufgetragen.
Die Kosten des Revisionsrekurses sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Das Erstgericht verpflichtete die Mutter mit Beschluss vom 23. 8. 2018 (ON 125), dem (damals noch minderjährigen, seit 9. 6. 2019 volljährigen) Kind vom 1. 6. bis 31. 12. 2015 540 EUR, vom 1. 1. bis 30. 6. 2016 560 EUR und ab 1. 7. 2016 620 EUR an monatlichem Unterhalt zu zahlen.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs der Mutter mit Beschluss vom 10. 10. 2018 (ON 139) teilweise Folge. Es reduzierte die monatlichen Unterhaltsbeträge auf 370 EUR, 430 EUR sowie laufend ab 1. 7. 2016 auf 470 EUR. Der Revisionsrekurs wurde nicht zugelassen.
Die Mutter erhob fristgerecht eine (als außerordentlicher Revisionsrekurs bezeichnete) Zulassungsvorstellung (§ 63 Abs 1 und 2 AußStrG), die das Rekursgericht mit unanfechtbarem (§ 68 Abs 4 Satz 2 AußStrG) Beschluss vom 6. 3. 2019 (ON 157) einschließlich des Revisionsrekurses zurückwies. Dieser Beschluss wurde der Mutter erst am 6. 8. 2019 zugestellt. Bereits am 5. 4. 2019 hatte das Erstgericht die Vollstreckbarkeit des Beschlusses vom 10. 10. 2018 bestätigt.
Am 2. 8. 2019 (ON 185) beantragte die Mutter beim Erstgericht die Aufhebung dieser Vollstreckbarkeitsbestätigung und die Einstellung des zu * eingeleiteten Exekutionsverfahrens.
Das Erstgericht wies den Antrag auf Aufhebung der Vollstreckbarkeitsbestätigung zurück (ON 186). Der unanfechtbare Beschluss des Rekursgerichts vom 6. 3. 2019 (ON 157) sei einschließlich des zugrundeliegenden Unterhaltstitels vom 10. 10. 2018 (ON 139) unabhängig von der irrtümlich noch nicht erfolgten Zustellung iSd § 43 AußStrG rechtswirksam und vollstreckbar.
Das Rekursgericht wies den Rekurs der Mutter mangels Beschwer zurück und ließ den Revisionsrekurs nicht zu. Die Festsetzung der Geldunterhaltsverpflichtung sei zwar zum Zeitpunkt der Bestätigung der Vollstreckbarkeit mangels Zustellung der Entscheidung über die Zulassungsvorstellung formell noch nicht rechtskräftig gewesen. Mittlerweile sei die formelle Rechtskraft jedoch eingetreten und damit die Beschwer weggefallen.
Rechtliche Beurteilung
Der – vom Kind beantwortete – außerordentliche Revisionsrekurs der Mutter ist zulässig und berechtigt.
1. Für dieses Verfahren über die Aufhebung der Vollstreckbarkeitsbestätigung nach § 7 Abs 3 EO gelten die Grundsätze des außerstreitigen Unterhaltsverfahrens als Titelverfahren (RIS-Justiz RS0001596).
2. Der Beschluss des Rekursgerichts über die Zurückweisung des Rekurses mangels Beschwer ist nur unter den Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG anfechtbar (RS0120565 [T4]). Die Entscheidung muss daher von der Lösung einer Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung abhängen. Eine solche zeigt der Revisionsrekurs der Mutter auf.
3. Das Revisionsrekursverfahren gegen die Zurückweisung eines Rekurses durch das Rekursgericht ist nach der Rechtsprechung zu § 68 AußStrG regelmäßig einseitig (RS0120614; RS0132250). Die Rechtsprechung zur Zweiseitigkeit des Rechtsmittelverfahrens bei Anträgen nach § 7 Abs 3 EO analog der im streitigen Titelverfahren anzuwendenden Bestimmung des § 521a ZPO (3 Ob 168/07p; RS0121467) ist hier nicht relevant.
4. Den Parteien muss trotz Einseitigkeit des Revisionsrekursverfahrens nach § 52 Abs 1 Satz 2 AußStrG, der im Revisionsrekursverfahren sinngemäß anzuwenden ist (§ 71 Abs 4 AußStrG), Gelegenheit zur Äußerung gegeben werden, wenn sie nur so ihren Anspruch auf rechtliches Gehör wahren können. Das ist unter anderem der Fall, wenn das Rechtsmittel zulässige Neuerungen enthält (Klicka in Rechberger, AußStrG² § 68 Rz 4; Schramm in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG § 68 Rz 12), wie zum Beispiel die Darlegung von Tatsachen, die gegen eine Verspätung des zurückgewiesenen Rechtsmittels sprechen (1 Ob 126/19i). Vergleichbares liegt hier nicht vor, weil eine Rechtsfrage im Zusammenhang mit dem nachträglichen Eintritt der Vollstreckbarkeit des Exekutionstitels zu klären ist. Die Revisionsrekursbeantwortung des Kindes ist deshalb als unzulässig zurückzuweisen.
5. Im Verfahren nach § 7 Abs 3 EO ist nur zu prüfen, ob die Vollstreckbarkeitsbestätigung gesetzwidrig oder irrtümlich erteilt wurde (RS0001566 [T1]). Diese Bestätigung darf nur erteilt werden, wenn der Exekutionstitel keinem die Exekution hemmenden Rechtszug unterliegt und die Leistungsfrist abgelaufen ist (1 Ob 22/14p mwN). Wie das Rekursgericht erkannt hat, waren diese Voraussetzungen zum maßgeblichen Zeitpunkt der Erteilung der Bestätigung am 5. 4. 2019 nicht erfüllt.
6. Die fristgerechte Einbringung der Zulassungsbeschwerde samt Revisionsrekurs gegen den Unterhaltsfestsetzungsbeschluss vom 10. 10. 2018 (Titel) hemmte den Eintritt von Rechtskraft und Vollstreckbarkeit (Schramm in Gitschthaler/Höllwerth, § 63 AußStrG Rz 9). Der Unterhaltsfestsetzungsbeschluss wurde erst mit der am 6. 8. 2019 erfolgten Zustellung der unanfechtbaren (§ 68 Abs 4 AußStrG) Entscheidung des Rekursgerichts vom 6. 3. 2019 formell rechtskräftig. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte die Leistungsfrist zu laufen beginnen.
7. Die am 5. 8. 2019 (nach diesen Kriterien zu Unrecht ausgesprochene) Zurück-(Ab-)weisung ihres Antrags auf Aufhebung der Vollstreckbarkeitsbestätigung beschwerte die Mutter formell. Ihrem Rechtsschutzantrag wurde nicht entsprochen. Ihre (materielle) Beschwer kann nicht mit dem Argument verneint werden, dass zum Zeitpunkt der Entscheidung des Rekursgerichts am 17. 9. 2019 die Voraussetzungen für die Erteilung einer Vollstreckbarkeitsbestätigung verwirklicht waren. Der Antrag auf Aufhebung dieser Bestätigung soll die Exekution des Titels verhindern oder – wie in diesem Fall – die Einstellung einer gegen den kostenersatzpflichtigen (§ 74 EO) Schuldner bewilligten Exekution gemäß § 39 Abs 1 Z 9 EO bewirken (RS0058309). Die Bewilligung und der Vollzug einer Exekution auf Basis eines Titels, der zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Exekutionsantrag in Wahrheit noch nicht vollstreckbar war, beeinträchtigt rechtlich geschützte Interessen des Schuldners. Eine nachträgliche Aufhebung der Vollstreckbarkeit kann als unzulässige Neuerung nicht im Rekurs gegen die Exekutionsbewilligung geltend gemacht werden (3 Ob 258/01i mwN). Dem Schuldner stehen nur das Verfahren nach § 7 Abs 3 EO und die Einstellung des Exekutionsverfahrens nach § 39 Abs 1 Z 9 EO offen. Diese Möglichkeit nimmt das Rekursgericht der Mutter, indem es ihren Rekurs mangels Beschwer zurückweist.
8. Das Rekursgericht wird deshalb über den Rekurs inhaltlich zu entscheiden haben.
9. Der Kostenvorbehalt gründet sich auf § 78 Abs 1 Satz 2 AußStrG. Das Verfahren nach § 7 Abs 3 EO ist ein selbständiger Zwischenstreit (1 Ob 22/14p; RS0001596 [T11]), in dem die Kostenentscheidung dem außerstreitigem Verfahren unterliegt. Zum Zeitpunkt der Antragstellung am 2. 8. 2019 war das unterhaltsberechtigte Kind bereits volljährig. § 101 Abs 2 AußStrG schließt einen Kostenersatzanspruch nur in minderjährige Kinder betreffenden Unterhaltsverfahren aus und ist daher auf dieses Verfahren über die Aufhebung der Vollstreckbarkeitsbestätigung nicht anzuwenden. |
JJT_20191025_OGH0002_0080OB00109_19S0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126765 | 8Ob109/19s | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191025_OGH0002_0080OB00109_19S0000_000/JJT_20191025_OGH0002_0080OB00109_19S0000_000.html | 1,571,961,600,000 | 482 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Hon.-Prof. Dr. Kuras als Vorsitzenden, die Hofrätinnen Dr. Tarmann-Prentner und Mag. Korn, den Hofrat Dr. Stefula und die Hofrätin Mag. Wessely-Kristöfel als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei G* eGenmbH *, vertreten durch Nusterer & Mayer Rechtsanwälte OG in St. Pölten, gegen die beklagte Partei K*, vertreten durch Dr. Wolfgang Krempl, Rechtsanwalt in St. Pölten, als Verfahrenshelfer, wegen Räumung, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts St. Pölten als Berufungsgericht vom 10. Juli 2019, GZ 7 R 90/19v-31, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Nach § 1118 erster Fall ABGB kann der Vermieter das Bestandverhältnis (auch im Anwendungsbereich des MRG und WGG; vgl auch § 29 Abs 3 Z 5 MRG) ua wegen „erheblich nachteiligen Gebrauchs“ vorzeitig zur Auflösung bringen. Ein „unleidliches Verhalten“ des Mieters im Sinn des Kündigungsgrundes nach § 30 Abs 2 Z 3 zweiter Fall MRG kann unter den Tatbestand des § 1118 erster Fall ABGB subsumiert werden (RIS-Justiz RS0020956 [T1]). Ob das Gesamtverhalten (vgl RS0070321) des Mieters unleidlich im Sinn des § 30 Abs 2 Z 3 zweiter Fall MRG ist, ist eine Frage der Abwägung im Einzelfall, die nur im Fall einer erheblichen Fehlbeurteilung durch die zweite Instanz die Zulässigkeit der Revision rechtfertigt (RS0042984). Das gilt auch hier. Bereits in der Entscheidung 3 Ob 186/17z hat der Oberste Gerichtshof ausgesprochen, dass eine gefährliche Drohung nach § 107 Abs 1 StGB gegen einen Mitbewohner einen schwerwiegenden Vorfall darstellt, der (auch) den Kündigungsgrund des unleidlichen Verhaltens nach § 30 Abs 2 Z 3 MRG verwirklicht und nach Rechtskraft der strafgerichtlichen Verurteilung für den Zivilrichter bindend feststeht.
2. Die Beurteilung der Vorinstanzen, dass sich die Klägerin hier mit Erfolg auf den Auflösungsgrund des „erheblich nachteiligen Gebrauchs“ im Sinn des § 1118 erster Fall ABGB berufen kann, ist vor diesem Hintergrund nicht zu beanstanden, zumal der Beklagte außer wegen gefährlicher Drohung nach § 107 Abs 1 und 2 StGB auch noch wegen beharrlicher Verfolgung nach § 107a Abs 1 und Abs 2 Z 1 StGB und dauernder Sachentziehung nach § 135 Abs 1 StGB jeweils zu Lasten (ehemaliger) Mitbewohner strafgerichtlich verurteilt wurde.
3. Es kommt daher auf die Frage, ob diese strafbaren Handlungen (auch) unter den Kündigungsgrund des § 30 Abs 2 Z 3 dritter Fall MRG fallen, was der Beklagte in seiner Revision bezweifelt, gar nicht an.
4. Entgegen der Meinung des Beklagten gilt im Räumungsverfahren nach § 1118 ABGB keine Eventualmaxime (3 Ob 65/99a; 2 Ob 182/14z). Nachträglich entstandene Auflösungsgründe können auch in einem bereits anhängigen Verfahren im Weg einer Klageänderung geltend gemacht werden (3 Ob 65/99a; Lovrek in Rummel/Lukas, ABGB4 § 1118 Rz 33). Die Klägerin hat sich mit Schriftsatz vom 1. 3. 2018 auf die am 25. 1. 2018 erfolgte strafgerichtliche Verurteilung des Beklagten wegen sich teils vor, teils nach Klagseinbringung zugetragener Vorfälle gestützt, um den bereits in der Klage geltend gemachten Auflösungsgrund „unleidliches Verhalten“ (§ 1118 erster Fall ABGB iVm § 30 Abs 2 Z 3 zweiter Fall MRG) zu untermauern, und dabei erneut auf die Unzumutbarkeit der Fortsetzung des Bestandverhältnisses verwiesen.
5. Mangels einer Rechtsfrage von der Qualität des § 502 Abs 1 ZPO war die außerordentliche Revision zurückzuweisen. |
JJT_20190725_OGH0002_0020OB00015_19Y0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126795 | 2Ob15/19y | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20190725_OGH0002_0020OB00015_19Y0000_000/JJT_20190725_OGH0002_0020OB00015_19Y0000_000.html | 1,564,012,800,000 | 3,890 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Veith als Vorsitzenden, den Hofrat Dr. Musger, die Hofrätin Dr. Solé sowie die Hofräte Dr. Nowotny und Mag. Pertmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei M* S*, vertreten durch Dr. Heimo Jilek und Dr. Martin Sommer, Rechtsanwälte in Leoben, gegen die beklagten Parteien 1. DI J* P*, und 2. S* T*, beide vertreten durch MMag. Johannes Pfeifer, Rechtsanwalt in Liezen, wegen Feststellung (Streitwert: 12.891,93 EUR), über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Leoben als Berufungsgericht vom 25. September 2018, GZ 1 R 93/18w-20, womit infolge Berufung der beklagten Parteien das Urteil des Bezirksgerichts Liezen vom 8. März 2018, GZ 18 C 76/16g-16, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revision wird Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil wird aufgehoben und dem Berufungsgericht wird eine neuerliche Entscheidung über die Berufung der beklagten Parteien aufgetragen.
Die Kosten des Revisionsverfahrens bilden weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Die am * 1967 verstorbene B* P* (Erblasserin) hinterließ ihren Sohn J* P* und ihre Tochter, die am 2. 3. 1938 geborene Klägerin. Die Beklagten sind die Adoptivkinder und Rechtsnachfolger des Sohnes.
Mit Übergabsvertrag vom 28. 10. 1958, abgeschlossen vor einem Rechtsanwalt, übergab die Erblasserin der Klägerin Miteigentumsanteile an zwei Liegenschaften als Abfindung auf das allenfalls zu erwartende mütterliche Erbteil.
Am 4. 4. 1967 verfasste die Erblasserin ein Testament mit (auszugsweise) folgendem Inhalt:
„[...]
2. Zu meinem Erben setze ich meinen Sohn Herrn J* P*, Bäckermeister und Konditor in * ein.
3. Für den Fall, dass mein Erbe ohne Hinterlassung leiblicher ehelicher Nachkommen versterben sollte, bestimme ich meine Tochter Frau M* S*, Hausfrau in *, als Nacherbin [ein], wobei ich ausdrücklich bestimme, dass diese Nacherbschaft für den Fall ihres Vortodes auf ihre Erben übergeht.“
Im Verlassenschaftsverfahren nach der Erblasserin schlossen die Klägerin und ihr Bruder ein Erbübereinkommen, das inhaltlich einer zuvor am 28. 6. 1968 abgeschlossenen Vereinbarung entsprach. Sie kamen darin überein, dass die zugunsten der Klägerin verfügte Nacherbschaft auf bestimmte Liegenschaftsanteile der Erblasserin beschränkt wurde. Da diese jedoch wertmäßig die für den Erben zulässige Belastungsgrenze (gemeint: Freibleiben des Pflichtteils) nicht erreichte und aus wirtschaftlichen Gründen im Interesse beider erblasserischen Kinder möglichst nur ganze Grundstücke substitutionsbelastet werden sollten, stellte der Sohn aus seinem eigenen Liegenschaftsvermögen ideelle Liegenschaftsanteile zur Belastung mit der Nacherbschaft zur Verfügung. Vereinbart wurde, dass sich die Nacherbschaft insgesamt auf die nunmehr klagsgegenständlichen Liegenschaften bzw Liegenschaftsanteile erstreckte. Die Klägerin erklärte überdies, dass sie nach Ausfolgung der restlichen, ihr als Legat angefallenen Vermögenswerte (Spareinlagen), keine wie immer gearteten Ansprüche an den Nachlass stelle und diesbezüglich ihren Bruder vollkommen schad- und klaglos halte.
Mit Einantwortungsurkunde vom 19. 5. 1970 wurde dem Sohn aufgrund des Testaments vom 4. 4. 1967 der gesamte Nachlass mit der Rechtswohltat des Inventars, jedoch mit der Beschränkung der von der Erblasserin in diesem Testament zugunsten der Klägerin angeordneten Nacherbschaft unter Hinweis auf das abgeschlossene Erbübereinkommen eingeantwortet.
Der Sohn adoptierte gemeinsam mit seiner Ehefrau in den Jahren 1973 und 1975 die Beklagten jeweils kurz nach deren Geburt. Er verstarb am * 2015 ohne Hinterlassung leiblicher Nachkommen.
Die auf Antrag der Klägerin im Verlassenschaftsverfahren nach der Erblasserin am 28. 9. 2015 ausgestellte Amtsbestätigung, dass auf den klagsgegenständlichen Liegenschaften bzw Liegenschaftsanteilen ihr Eigentumsrecht einverleibt werden könne, wurde über Rekurs der Beklagten vom Rekursgericht mit Beschluss vom 7. 10. 2016 aufgehoben. Der Antrag wurde abgewiesen und die Klägerin wurde mit ihrem Begehren auf den Rechtsweg verwiesen.
Die Klägerin begehrte die Feststellung, dass ob der Liegenschaft EZ * GB * sowie ob einem 3/4-Anteil an der Liegenschaft EZ * GB *, die Nacherbschaft zugunsten der Klägerin eingetreten sei. Da der Vorerbe keine leiblichen ehelichen Kinder hinterlassen habe, sei der Nacherbfall zu ihren Gunsten eingetreten, was von den Beklagten bestritten werde. Die Erblasserin habe in ihrem Testament vom 4. 4. 1967 unmissverständlich ihren damaligen Willen zum Ausdruck gebracht, ausschließlich leibliche Nachkommen ihres Sohnes sollten die Nacherbschaft zugunsten der Klägerin ausschließen. Ihr eindeutiger Wille sei es gewesen, Wahl- und Adoptivkinder ihres Sohnes von der Nacherbschaft auszuschließen.
Die Beklagten wendeten ein, die Möglichkeit einer Adoption sei anlässlich der Errichtung des Testaments von der Erblasserin in keiner Weise in Betracht gezogen worden, ansonsten hätte sie eine entsprechende Klausel in ihr Testament aufgenommen. Aus den Umständen der Testamentserrichtung ergebe sich zweifelsfrei, dass nach dem hypothetischen Willen der Erblasserin die gegenständlichen Grundstücke nach dem Ableben ihres Sohnes auf die beiden Beklagten übergehen sollten, zumal diese Grundstücke mit dem von den Beklagten weiter betriebenen, bisher im Familienbesitz befindlichen Kaffeehaus eine wirtschaftliche Einheit bildeten. Die Erblasserin sei auch einem Motivirrtum unterlegen, weil sie in Kenntnis der zukünftigen Entwicklungen dem Übergang der klagsgegenständlichen Grundstücke auf die Beklagten zugestimmt hätte, anstelle diese Grundstücke an ihre Tochter zu vererben, die sich am Betrieb des Kaffeehauses in keiner Weise beteiligt habe. Aus § 617 ABGB ergebe sich überdies, dass die Nacherbschaft erloschen sei. Unabhängig davon sei eine Differenzierung zwischen adoptierten und leiblichen Kindern diskriminierend, verletze den Gleichheitsgrundsatz und die Art 8 und 14 EMRK. Die Klägerin habe in dem 1958 abgeschlossenen Übergabsvertrag auf ihren „mütterlichen Erbteil“ verzichtet. Zumindest der Wert der damals übergebenen Grundstücke sei in den nunmehr begehrten Erbteil einzurechnen. Der Klägerin stünde allenfalls ein schuldrechtlicher Herausgabeanspruch gegenüber den Beklagten zu, ein Feststellungsinteresse bestehe daher nicht. Sie habe sämtliche gegenständlichen Grundstücke bereits vor Klagseinbringung an ihre Söhne übergeben und sei daher nicht klagslegitimiert.
Das Erstgericht gab dem Klagebegehren statt. Es traf über den eingangs wiedergegebenen Sachverhalt hinaus noch folgende (großteils bekämpfte) Feststellungen:
Als die Erblasserin vor einem Notar in Leoben dieses Testament errichtete, war es ihr damaliger ausdrücklicher Wille, dass die Nacherbschaft für den Fall des Todes ihres Sohnes ohne Hinterlassung leiblicher ehelicher Nachkommen zur Anwendung kommt. Aufgrund einer Erkrankung ihres Sohnes in jungen Jahren war die Erblasserin nicht sicher, ob dieser tatsächlich zeugungsfähig war. Die Erblasserin fürchtete überdies aufgrund des vorangegangenen Verlassenschaftsverfahrens nach ihrem verstorbenen Vater, dass „familienfremde“ Personen (ungerechtfertigt) zu Vermögen aus ihrer Verlassenschaft kommen.
Mit letztwilliger Verfügung vom 23. 11. 1967 ordnete die Erblasserin den Entfall von in ihrem Testament vom 4. 4. 1967 zugedachten Vermächtnissen an. Sie verfügte jedoch, dass alle übrigen Bestimmungen dieses Testaments, insbesondere die Erbeinsetzung ihres Sohnes und die Nacherbschaftseinsetzung ihrer Tochter für den Fall des Todes ihres Erben ohne Hinterlassung leiblicher ehelicher Nachkommen, vollinhaltlich aufrecht bleibe. Auch bei Erstellung dieses Kodizills war es ausdrücklicher Wunsch und Wille der Erblasserin, dass die Nacherbschaft für den Fall des Todes ihres Sohnes ohne Hinterlassung leiblicher ehelicher Nachkommenschaft zur Anwendung kommt.
Rechtlich erörterte das Erstgericht, die Zweifelsregel des § 617 ABGB greife aufgrund des klaren Willens der Erblasserin nicht. Ein rechtliches Interesse der Klägerin an der Feststellung liege vor, da sie mit ihrem im Verlassenschaftsverfahren gestellten Antrag auf Ausstellung einer Amtsbestätigung auf den Rechtsweg verwiesen worden sei. Der Übergabsvertrag aus dem Jahr 1958 sei nicht zu berücksichtigen, weil die Klägerin zum damaligen Zeitpunkt noch nicht volljährig gewesen und der Vertrag nicht in Notariatsaktsform abgeschlossen worden sei.
Das Berufungsgericht änderte das erstinstanzliche Urteil im klagsabweisenden Sinn ab. Es sprach aus, dass der Wert des Entscheidungsgegenstands 30.000 EUR übersteige und die ordentliche Revision zulässig sei.
Eine letztwillige Differenzierung von Wahl- und Adoptivkindern widerspreche dem Gleichheitsgrundsatz und Art 14 EMRK. Die strittige Testamentsklausel diskriminiere die Beklagten und sei daher rechtsunwirksam. Das Berufungsgericht ließ die ordentliche Revision zu, weil dieser Rechtsfrage über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung zukomme und Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs dazu fehle.
In ihrer Revision beantragt die Klägerin die Wiederherstellung des erstinstanzlichen Urteils; hilfsweise begehrt sie die Aufhebung und Zurückverweisung der Rechtssache an das Berufungs- oder das Erstgericht.
Die Beklagten beantragen in ihrer Revisionsbeantwortung, die Revision zurückzuweisen, hilfsweise ihr nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist aus den vom Berufungsgericht angeführten Gründen zulässig. Sie ist im Sinne des Aufhebungsantrags auch berechtigt.
Die Klägerin macht geltend, der Gleichheitsgrundsatz entfalte im vorliegenden Fall keine Drittwirkung, weil im Verhältnis zwischen der Erblasserin und den Beklagten kein Verwandtschaftsverhältnis und somit nicht einmal ein gesetzliches Erbrecht bestehe. Die Erblasserin könne aufgrund des verfassungsrechtlich geschützten Grundsatzes der Privatautonomie für die Zeit nach ihrem Ableben frei über das Schicksal ihres Vermögens verfügen. Angesichts des festgestellten eindeutigen Willens der Erblasserin sei die Zweifelsregel des § 617 ABGB entkräftet. Die Nacherbschaft in der zuletzt gültigen Form gehe auf die Vereinbarung (Erbübereinkommen) zwischen der Klägerin und ihrem Bruder zurück, die der Privatautonomie unterliege. Eine Anfechtung dieser Vereinbarung ebenso wie des Testaments sei wegen Verjährung nicht mehr möglich.
Hiezu wurde erwogen:
1. Zulässigkeit der Feststellungsklage:
1.1 Vorerbe und Nacherbe zusammen haben die Rechte eines freien Eigentümers. Nach ständiger Rechtsprechung können sie daher gemeinsam die Substitutionsbindung aufheben, einschränken oder auf eine andere Sache übertragen (9 Ob 80/14a mwN; 5 Ob 99/90). Das Erbübereinkommen zwischen der Klägerin und ihrem Bruder beinhaltet eine derartige Verfügung über die Substitutionsbindung, wobei die Substitutionsanordnung als solche samt der beigefügten Bedingung unverändert blieb. Für deren Auslegung ist daher weiterhin der Wille der Erblasserin maßgeblich. Das Erbübereinkommen wurde vom Verlassenschaftsgericht der Einantwortung zugrunde gelegt.
1.2 Im Verlassenschaftsverfahren nach der Erblasserin sind – abgesehen von den Bestimmungen über das Rechtsmittelverfahren (§ 203 Abs 7 AußStrG) – gemäß § 205 AußStrG noch die entsprechenden Vorschriften des AußStrG 1854 anzuwenden (2 Ob 68/15m; 2 Ob 58/11k; RS0121471). Nach ständiger Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zur hier maßgeblichen Rechtslage kommt die Entscheidung, ob eine Nacherbschaft erloschen ist, dem Abhandlungsgericht als Substitutionsbehörde zu. Strittige Auslegungsfragen, die – wie im vorliegenden Fall – auch von strittigen Tatsachen abhängen, sind aber im streitigen Verfahren zu klären (2 Ob 68/15m; 2 Ob 58/11k; 5 Ob 49/81; RS0005997).
1.3 Aus dem in der mündlichen Streitverhandlung erörterten Verlassenschaftsakt nach der Erblasserin, (nunmehr) AZ * des Bezirksgerichts Liezen, ergibt sich, dass die beiden Söhne der Klägerin ob den streitgegenständlichen Liegenschaften bzw Liegenschaftsanteilen aufgrund der vom Verlassenschaftsgericht zugunsten der Klägerin ausgestellten Amtsbestätigungen vom 28. 9. 2015 sowie eines Schenkungsvertrags (mit der Klägerin) vom 13. 12. 2015 bereits vor Klagseinbringung im Grundbuch als Eigentümer eingetragen wurden. Die Eintragungen wurden durch die spätere Aufhebung der Amtsbestätigung durch das Rekursgericht nicht beseitigt. Dies entspricht auch dem insoweit unstrittigen Vorbringen der Beklagten. Die Klägerin, deren Rechte an den Liegenschaften von den Beklagten bestritten werden, kann daher im vorliegenden Fall nicht auf eine Leistungsklage auf Einwilligung der Beklagten in die Einverleibung des Eigentumsrechts der Klägerin an den streitgegenständlichen Liegenschaften verwiesen werden. Da die Klägerin Schadenersatz- oder Bereicherungsansprüchen der Beklagten ausgesetzt sein könnte und somit Anlass für eine vorbeugende Klärung der Rechtslage besteht, kann ihr auch ein Feststellungsinteresse nicht abgesprochen werden (vgl RS0039071).
2. Zum Einwand der Sittenwidrigkeit der testamentarischen Regelung des Nacherbfalls:
2.1 Gemäß § 698 ABGB in der aufgrund des Todeszeitpunkts der Erblasserin hier anzuwendenden Fassung vor dem ErbRÄG 2015, BGBl 2015/87, ist die Anordnung, wodurch jemandem unter einer aufschiebenden unmöglichen Bedingung ein Recht erteilt wird, ungültig. Eine auflösende unmögliche Bedingung wird als nicht beigesetzt angesehen. Alles dies gilt auch bei unerlaubten Bedingungen.
2.2 Im vorliegenden Fall ist der Eintritt des Nacherbfalls daran geknüpft, dass der Vorerbe ohne Hinterlassung leiblicher ehelicher Nachkommen versterben sollte, und somit aufschiebend und nicht – wie die Beklagten meinen – auflösend bedingt (vgl 2 Ob 58/11k mwN). Eine unmögliche Bedingung läge darin aber selbst dann nicht, wenn die Zeugungsunfähigkeit des Sohnes festgestellt worden wäre. Denn dann wäre – abgesehen von dem noch zu erörternden Fall der Adoption – die Bedingung, unter der der Klägerin die Nacherbschaft zukommen soll, jedenfalls eingetreten, sodass für den Standpunkt der Beklagten nichts gewonnen wäre.
2.3 Unerlaubt iSd § 698 ABGB aF ist eine Bedingung auch dann, wenn sie sittenwidrig ist (vgl RS0015341; Welser in Rummel/Lukas, ABGB4 § 698 Rz 4; Eccher in Schwimann/Kodek, ABGB4 § 698 Rz 4; vgl nunmehr ausdrücklich: § 697 ABGB idgF). Bei teilweiser Sittenwidrigkeit ist nach dem Zweck der Sittenwidrigkeit zu beurteilen, ob die Bedingung teilweise gültig oder zur Gänze ungültig ist (vgl Krejci in Rummel/Lukas, ABGB4 § 879 Rz 514; vgl Riedler in Schwimann/Kodek, ABGB4 § 879 Rz 51 [gesetzliches Verbot]). Wäre daher in der hier zu beurteilenden Bedingung eine unerlaubte Ungleichbehandlung von Wahlkindern und leiblichen Kindern des Sohnes durch die Erblasserin zu erblicken, würden daher die Rechtsfolgen des § 698 ABGB aF eintreten.
2.4 Die Wertentscheidungen und Grundprinzipien der Rechtsordnung sind für die Beurteilung der Sittenwidrigkeit maßgeblich (RS0022866 [T3]). Sittenwidrigkeit kann nur dann angenommen werden, wenn eine Interessenabwägung eine grobe Verletzung rechtlich geschützter Interessen oder bei Interessenkollision ein grobes Missverhältnis zwischen den durch die Handlung verletzten und den durch sie geförderten Interessen ergibt (RS0045886). Dabei sind die Umstände des einzelnen Falls umfassend zu berücksichtigen (RS0045886 [T9, T10]; vgl RS0113653 [T3]). Die Sittenwidrigkeitsklausel ist ein restriktiv einzusetzendes Regulativ, das nur in krassen Fällen zur Anwendung gelangen soll (vgl RS0113654).
2.5 Die (gegen den Staat gerichteten) Grundrechte wirken nach heute anerkannter Auffassung mittelbar auf das Verhältnis Privater zueinander ein. Auch die allgemeinen Wertvorstellungen der Grundrechte sind bei der Konkretisierung der Generalklausel der „guten Sitten“ in § 879 Abs 1 ABGB zu berücksichtigen (6 Ob 55/18h mwN; 3 Ob 2440/96m; vgl RS0119477; RS0110237; Riedler in Schwimann/Kodek, ABGB4 § 879 Rz 8). Dass auch im Zusammenhang mit letztwilligen Verfügungen grundrechtliche Wertungen bei der Auslegung des § 879 ABGB zu berücksichtigen sein können (vgl 6 Ob 55/18h; 7 Ob 193/04i; vgl Klampfl, JEV 2016, 178 [180 f]), wird in der Revision nicht bezweifelt.
2.6 Im vorliegenden Fall ergeben sich Wertungsgesichtspunkte der Rechtsordnung aus den gesetzlichen Bestimmungen über die erbrechtliche Wirkung der Adoption:
2.6.1 An grundrechtlichen Wertungen kommt einerseits der in Art 7 B-VG normierte Gleichheitsgrundsatz in Betracht, der dem Gesetzgeber verbietet, ohne sachliche Rechtfertigung Gleiches ungleich zu behandeln (RS0109606 [T1]; RS0053981). Ein Gleichbehandlungsgebot ergibt sich in Bezug auf die Garantien der EMRK ebenso aus Art 14 EMRK, wonach insofern eine diskriminierende unterschiedliche Behandlung – wenn also Rechtssubjekte in einer ähnlichen Situation ohne objektive vernünftige Rechtfertigung ungleich behandelt werden – zu unterbleiben hat (RS0124747). Andererseits ist auch die aus der Eigentumsgarantie (Art 5 StGG; Art 1 1. ZP EMRK) abgeleitete Testierfreiheit grundrechtlich positiviert und geschützt (vgl 6 Ob 55/18h; Korinek in Korinek/Holubek, Bundesverfassungsrecht [2002] Art 5 StGG Rz 19; Klampfl, JEV 2016, 178 [179] mwN). Das Erbrecht zwischen nahen Verwandten ist – sowohl aus Sicht des Erblassers als auch aus Sicht des Erben – Teil des durch Art 8 EMRK geschützten Familienlebens (EGMR 13. 6. 1979 Nr 6833/74 [Marckx/Belgien], EuGRZ 1979, 454; vgl ferner EGMR 13. 7. 2004, Nr 69498/01 [Pla und Puncernau/Andorra]; RS0125207; A. Th. Müller, Zum Testieren, Vererben und Erben als Grund- und Menschenrecht – und deren Implikationen für die österreichische Rechtsordnung, in FS Eccher [2017], 723 [742]).
2.6.2 In dem der Entscheidung 7 Ob 193/04i zugrunde liegenden Sachverhalt war die Einsetzung eines Nacherben davon abhängig gemacht worden, dass dieser einer „standesgemäßen“ Ehe entstamme, worunter die Zugehörigkeit zu einer ehemals adeligen Familie zu verstehen war. Der Oberste Gerichtshof billigte darin die Rechtsansicht des Berufungsgerichts, eine in einem Testament vorgenommene Differenzierung in adelige und nicht adelige Abstammung bzw der Ausschluss nicht adeliger Personen als Nacherben sei unbeachtlich, weil damit gegen Art 7 Abs 1 B-VG verstoßen werde. Er verwies außerdem auf die Entscheidung SZ 8/251 (2 Ob 585/26), nach der die einem Legatar gestellte Bedingung, im Fall der Verehelichung den Ehegatten nur aus einer bestimmten Kategorie von Personen (Konfession, Nation, uä) zu wählen, sittenwidrig und damit als nicht beigesetzt anzusehen sei.
2.6.3 In der Entscheidung 6 Ob 55/18h kam der Oberste Gerichtshof unter ausführlicher Darlegung des Meinungsstands auch zur Frage der Testierfreiheit jüngst zum Ergebnis, dass eine im Gesellschaftsvertrag einer Kommanditgesellschaft nach dem Geschlecht differenzierende generell-abstrakte Nachfolgeregelung dem Gleichheitsgrundsatz widersprach. Ausschlaggebend für diese Beurteilung war dort ua die Wertung der die Richtlinie 2010/41/EU umsetzenden Bestimmungen des GlBG, die eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts bei der Gründung, Einrichtung oder Erweiterung eines Unternehmens bzw der Aufnahme oder Ausweitung jeglicher anderer Art von selbständiger Tätigkeit verbieten.
2.6.4 Im vorliegenden Fall ist hingegen die behauptete sittenwidrige Ungleichbehandlung adoptierter Kinder gegenüber leiblichen Kindern durch die Mutter des Wahlvaters zu beurteilen. Fragen der Ungleichbehandlung aufgrund des Standes, des Geschlechts oder jener ehelicher und unehelicher Kinder stellen sich nicht.
2.6.5 In der Entscheidung Nr 69498/01 (Pla und Puncernau/Andorra; vgl dazu krit Rebhahn, Zivilrecht und Europäische Menschenrechtskonvention, AcP [2010], 489 [512 f]; vgl auch A. Th. Müller in FS Eccher, 723 [731 und krit 748]) befasste sich der EGMR mit einem Testament aus dem Jahr 1938, in dem die Erblasserin ihren Sohn unter der Auflage als Erben einsetzte, dass dieser sein Eigentum einem Sohn oder Enkel, hervorgegangen aus einer rechtmäßigen und kanonischen Ehe, vermache; sonst falle das Vermögen an die Nachkommen der Töchter der Erblasserin. Der Erbe hinterließ ausschließlich einen (ehelichen) Adoptivsohn und diesem das von seiner Mutter geerbte Vermögen. Der Oberste Gerichtshof Andorras hatte den letzten Willen der Erblasserin so ausgelegt, dass Adoptivkinder ihres Sohnes nicht bedacht werden sollten. Der EGMR führte aus, es lasse sich durch nichts belegen, dass die Erblasserin beabsichtigt habe, adoptierte Enkelkinder nicht zu bedenken. Sie hätte dies freilich machen können, die Tatsache jedoch, dass sie es nicht getan habe, lasse nur den einzig möglichen Schluss zu, dass dies nicht in ihrer Absicht gelegen sei. Da das Testament der Erblasserin seinem Wortlaut nach keinen Unterschied zwischen leiblichen und adoptierten Kindern mache, komme die besagte Auslegung einem gerichtlich angeordneten Entzug des Erbrechts eines adoptierten Kindes gleich, der sachlich nicht gerechtfertigt sei. Ein adoptiertes Kind befinde sich gegenüber seinen Eltern auf allen Rechtsgebieten in derselben Lage wie ein leibliches Kind. Der EGMR erachtete daher durch die Vorgangsweise des Obersten Gerichtshofs Andorras Art 14 EMRK iVm Art 8 EMRK verletzt. Er betonte allerdings selbst, ausschließlich Fragen zur Auslegung der letztwilligen Verfügung geprüft zu haben, nicht jedoch solche der Testierfreiheit der Erblasserin oder der das Erbrecht adoptierter Kinder regelnden Gesetzesbestimmungen Andorras.
2.6.6 Die Ausführungen des EGMR, auf die sich die Beklagten stützen, beziehen sich lediglich auf die Auslegung der im dortigen Fall nicht eindeutigen letztwilligen Verfügung. Einen Beleg, dass die Erblasserin beabsichtigt hätte, adoptierte Kinder ihres Sohnes nicht zu bedenken, konnte der EGMR nicht erkennen. Bei der hier zu beurteilenden letztwilligen Verfügung wurde jedoch die eindeutige Formulierung „leibliche eheliche Nachkommen“ verwendet. Im Zusammenhang mit der vom Erstgericht getroffenen (jedoch bekämpften) Feststellung, es sei ausdrücklicher Wunsch und Wille der Erblasserin gewesen, dass die Nacherbschaft für den Fall des Todes ihres Sohnes ohne Hinterlassung leiblicher ehelicher Nachkommenschaft zur Anwendung komme, bliebe für eine Auslegung der letztwilligen Verfügung, wie sie der EGMR für sachgerecht hielt, kein Raum (zur diesbezüglich vom Berufungsgericht nicht behandelten Beweisrüge siehe Punkt 5.1 f).
Dass bei eindeutiger Regelung in einer letztwilligen Verfügung die unterschiedliche Behandlung von leiblichen und Adoptivkindern ihres Sohnes durch die Erblasserin nicht zulässig gewesen wäre, lässt sich der Entscheidung des EGMR jedenfalls nicht entnehmen.
2.6.7 Nach der Rechtslage auf einfachgesetzlicher Ebene im Zeitpunkt der Testamentserrichtung durch die Erblasserin (§§ 179 ff ABGB idF AdoptionsG BGBl 1960/58) kam die Annahme an Kindes statt durch schriftlichen Vertrag zwischen dem Annehmenden und dem Wahlkind und durch gerichtliche Bewilligung auf Antrag eines Vertragsteils zustande (§ 179a ABGB aF). Zwischen dem Annehmenden und dessen Nachkommen einerseits und dem Wahlkind und dessen im Zeitpunkt des Wirksamwerdens der Annahme minderjährigen Nachkommen andererseits entstanden mit diesem Zeitpunkt die gleichen Rechte, wie sie durch Abstammung begründet werden (§ 182 Abs 1 ABGB aF). Das Adoptionsverhältnis erfasste aber nicht auch die Eltern des Annehmenden und deren Verwandte in der Seitenlinie oder in der aufsteigenden Linie. Nach der gesetzlichen Konzeption sollten die Vorfahren und Seitenverwandten des Annehmenden durch den Willensentschluss des Annehmenden nicht in unbilliger Weise gebunden werden (ErläutRV 107 BlgNR IX. GP 20). Zwischen ihnen und dem Wahlkind entstanden keine familienrechtlichen Beziehungen. Ein Wahlkind hatte daher auch kein gesetzliches Erbrecht nach den Aszendenten und Seitenverwandten des Annehmenden (2 Ob 556/93; Höllwerth/Stormann in Schwimann/Kodek, ABGB4 § 182b Rz 1). Umgekehrt bestand auch kein gesetzliches Erbrecht jener nach dem Wahlkind. Vielmehr blieben gemäß § 182b Abs 1 ABGB aF die im Erbrecht begründeten Rechte zwischen den leiblichen Eltern und deren Verwandten einerseits und dem Wahlkind und dessen im Zeitpunkt des Wirksamwerdens der Annahme minderjährigen Nachkommen andererseits aufrecht (Höllwerth/Stormann in Schwimann/Kodek, ABGB4 § 182b Rz 2 und Rz 5).
Diese Rechtslage wurde in der Folge mit dem KindNamRÄG 2013 BGBl I 2013/15 inhaltlich beibehalten (§§ 192, 197 und 199 ABGB idgF; Höllwerth in Schwimann/Kodek, ABGB5 § 199 Rz 1 und Rz 5) und ist nach wie vor gültig. Der Oberste Gerichtshof hat in der Entscheidung 2 Ob 556/93 zum gesetzlichen Erbrecht bereits ausgesprochen, dass gegen diese Rechtslage im Hinblick auf den Gleichheitsgrundsatz keine verfassungsrechtlichen Bedenken bestünden, weil der ungleichen Behandlung auch ungleiche Tatbestände zugrunde lägen; während in einem Fall die Beziehung des Kindes zu den Eltern durch die Geburt (bzw Zeugung) begründet werde, werde im anderen Fall die Beziehung zu den Wahleltern durch Vertrag begründet (2 Ob 556/93). Auch der Verfassungsgerichtshof sah zu § 182b Abs 1 ABGB aF die Beibehaltung des Abstammungsprinzips auch nach der Annahme an Kindes statt nicht als unsachlich an, weil das gesetzliche Erbrecht in erster Linie an die Abstammung anknüpfe (VfGH 2. 12. 1993 G 175/92; G 176/92 [VfSlg 13.629]). Den seit 1960 unveränderten Bestimmungen über die Rechtsfolgen der Adoption ist daher keine Grundwertung zu entnehmen, leibliche Kinder und Wahlkinder hinsichtlich der Erbfolge nach den Eltern des Annehmenden gleich zu behandeln.
2.6.8 Im vorliegenden Fall ordnete die Erblasserin keine unmittelbare Zuwendung an Kinder ihres Sohnes an, wären sie nun leibliche Kinder oder nicht. Sie machte – soweit hier von Relevanz – lediglich eine Zuwendung an ihre Tochter oder deren Erben in Form einer Nacherbschaft davon abhängig, dass der Erbe keine leiblichen (ehelichen) Nachkommen hinterlässt.
Weder nach den grundrechtlichen Wertungen noch nach jenen der Bestimmungen über die Adoption kann aber aus einer solchen Differenzierung in einer letztwilligen Verfügung eines Elternteils des Annehmenden eine Ungleichbehandlung abgeleitet werden, die die Ausübung der Testierfreiheit in diesem Umfang als sittenwidrig im Sinne des § 879 Abs 1 ABGB erscheinen ließe.
2.6.9 Durch die Anordnung der Erblasserin wurde auch keine den (Vor-)Erben in sittenwidrigem Ausmaß beeinträchtigende Drucksituation hinsichtlich seiner eigenen Lebensgestaltung erzeugt. Im Gegensatz zur Entscheidung 7 Ob 193/04i und den dort zitierten Nachweisen wurde weder die Zuwendung an den Erben unter bestimmte Bedingungen gestellt noch eine solche an dessen Nachkommen, weil letztere gar nicht bedacht wurden. Auch wäre eine vorzeitige „Ausschaltung“ der Nacherbschaft durch die Geburt ehelicher Nachkommen, wie die Beklagten in ihrer Revisionsbeantwortung meinen, noch nicht eingetreten. Ausgehend vom Wortlaut der Verfügung und den erstgerichtlichen Feststellungen zum Willen der Erblasserin, wäre die Nacherbschaft zugunsten der Klägerin erst dann weggefallen, wenn der Sohn bei seinem Ableben leibliche (eheliche) Kinder hinterlassen hätte, diese den Sohn somit überlebt hätten. Ob diese aufschiebende Bedingung eingetreten war, wäre daher erst mit dem Tod des Sohnes festgestanden.
3. Auf Grundlage der erstgerichtlichen Feststellungen ist auch aus § 617 ABGB weder in der geltenden Fassung noch in der Fassung vor Inkrafttreten des ErbRÄG 2015 etwas zu gewinnen. Denn die Auslegungsregel, dass eine vom Erblasser seinem Kind angeordnete Nacherbschaft in Zweifel erlischt, wenn das Kind zwar im Zeitpunkt der Anordnung noch keine eigenen Kinder hatte, es später aber doch erbfähige Kinder hinterlässt, hat zurückzutreten, wenn ein anderer erkennbarer Wille des Erblassers anzunehmen ist (RS0012570). Einen solchen, Adoptivkinder ausschließenden Willen der Erblasserin hat das Erstgericht im vorliegenden Fall jedoch festgestellt (zur diesbezüglich vom Berufungsgericht nicht behandelten Beweisrüge siehe Punkt 5.1 f).
4. Die Entscheidungsgründe des Berufungsgerichts tragen die Abänderung der erstinstanzlichen Entscheidung somit nicht.
5. Zutreffend weisen die Beklagten in ihrer Revisionsbeantwortung jedoch darauf hin, dass das Berufungsgericht aufgrund seiner vom Obersten Gerichtshof nicht geteilten Rechtsansicht auf die übrigen in der Berufung geltend gemachten Rechtsmittelgründe nicht eingegangen ist.
5.1 Insbesondere hat das Berufungsgericht die Tatsachenrüge nicht behandelt, mit der die Beklagten die entscheidungswesentlichen Feststellungen zum Willen der Erblasserin sowie die (disloziert in der Beweiswürdigung getroffenen) Feststellungen zum Motiv der Erblasserin für die von ihr verfügte Nacherbschaft bekämpft haben.
5.2 Soweit die Beklagten rügen, die Vorinstanzen hätten bei der Auslegung der letztwilligen Verfügung den hypothetischen Willen der Erblasserin nicht berücksichtigt, ist allerdings festzuhalten, dass die hypothetische Auslegung nur dann Platz greift, wenn ein wirklicher Wille des Erblassers nicht zu ermitteln ist, weil der eingetretene Fall von ihm nicht bedacht wurde. Dies darf aber nicht dazu führen, dass sein ausdrücklich erklärter Testamentswille durch einen damit im Widerspruch stehenden hypothetischen Willen ersetzt wird (2 Ob 41/11k; 6 Ob 189/98g; vgl RS0012346). Ob derartige Erwägungen anzustellen und die von den Beklagten dazu vermissten Feststellungen zu treffen sind, hängt daher vom Erfolg ihrer Beweisrüge gegen den festgestellten Willen der Erblasserin ab.
5.3 Auf die von der Klägerin in der Revision geltend gemachte Verjährung einer Anfechtung des Testaments oder des Erbübereinkommens durch die Beklagten ist schon deshalb nicht einzugehen, weil ein solcher Einwand im erstinstanzlichen Verfahren nicht erhoben wurde (vgl RS0034726).
5.4 Eine Anrechnung auf den Erbteil kommt bei Alleinerben nicht in Betracht. Die diesbezüglichen Einwendungen der Beklagten gehen daher ins Leere. Einer Feststellung des Werts der 1958 an die Klägerin übergebenen Liegenschaftsanteile bedarf es nicht.
6. Die Aufhebung des angefochtenen Urteils und die Zurückverweisung an das Berufungsgericht erweisen sich somit als unumgänglich. Im fortgesetzten Verfahren wird sich das Berufungsgericht entsprechend den obigen Ausführungen mit den von den Beklagten geltend gemachten weiteren Berufungsgründen auseinanderzusetzen haben.
7. Der Kostenvorbehalt beruht auf § 52 ZPO. |
JJT_20191104_OGH0002_0030OB00111_19Y0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126812 | 3Ob111/19y | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191104_OGH0002_0030OB00111_19Y0000_000/JJT_20191104_OGH0002_0030OB00111_19Y0000_000.html | 1,572,825,600,000 | 630 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Exekutionssache der betreibenden Partei B* GmbH, *, vertreten durch Schuppich Sporn & Winischhofer, Rechtsanwälte Partnerschaft in Wien, gegen die verpflichtete Partei C* GmbH, *, vertreten durch Schopf Zens Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen (hier) Exekution zur Erwirkung einer unvertretbaren Handlung gemäß § 354 EO, über den Revisionsrekurs der betreibenden Partei gegen den Beschluss des Landesgerichts Krems an der Donau als Rekursgericht vom 29. März 2019, GZ 1 R 3/19z-139, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Krems an der Donau vom 25. Oktober 2018, GZ 4 E 2793/14y-123, teilweise abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Das Erstgericht bewilligte der Betreibenden gegen die verpflichtete GmbH ua die Exekution gemäß § 354 EO (Beantwortung näher genannter Fragen zu bestimmten Vorgängen in der GmbH). Nach Aufhebung des während des Exekutionsverfahrens über das Vermögen der Verpflichten eröffneten Konkurses nach Schlussverteilung erfolgte am 6. Oktober 2018 die amtswegige Löschung der Verpflichteten im Firmenbuch gemäß § 40 FBG.
Das Erstgericht wies danach den mit einem weiteren Strafantrag durch die Betreibende zuletzt gestellten Antrag, der Verpflichteten (neuerlich) die Beantwortung der (nach Teileinschränkung verbliebenen, näher formulierten) Fragen bei sonstiger Verhängung der Haft in der Dauer von 14 Tagen über den namentlich genannten, seit dem Jahr 2006 im Firmenbuch eingetragenen Geschäftsführer der Verpflichteten aufzutragen, ab, weil eine Vertretung der amtswegig gelöschten Verpflichteten durch den (früheren) Geschäftsführer nicht mehr möglich sei.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs dagegen teilweise dahin Folge, dass es der verpflichteten GmbH die Beantwortung der Fragen „bei sonstiger Verhängung der Haft in der Dauer von 14 Tagen“ auftrug, während es den Antrag, dies bei sonstiger Verhängung der Haft über den früheren Geschäftsführer aufzutragen, abwies. Eine Androhung oder Verhängung einer Beugestrafe über den Geschäftsführer der Verpflichteten komme nach dem mit der Löschung verbundenen Wegfall seiner organschaftlichen Vertretung der GmbH nicht mehr in Betracht. Der Revisionsrekurs sei ua zulässig, weil zu dieser Frage höchstgerichtliche Rechtsprechung fehle.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs der Betreibenden, der nur die erwähnte erhebliche Rechtsfrage aufgreift, ist ungeachtet des nicht bindenden Ausspruchs des Rekursgerichts nicht zulässig, weil diese Rechtsfrage zwanglos anhand der Gesetzeslage und der bereits vorhandenen Leitlinien höchstgerichtlicher Rechtsprechung gelöst werden kann (RS0042656 [T48]). Das ist wie folgt kurz zu begründen (§ 78 EO iVm §§ 528a und 510 Abs 3 ZPO):
1. Die Rechtsansicht des Rekursgerichts entspricht der völlig herrschenden Lehre (Haberer/Zehetner in Straube/Ratka/Rauter WK GmbHG [2016] § 93 Rz 28; Gelter in Gruber/Harrer GmbHG [2014] § 84 Rz 33 und § 93 Rz 17; Burgstaller/Pilgerstorfer in Jabornegg/Artmann, UGB² [2010] § 40 FBG Rz 22; Zib in Zib/Dellinger UGB [2010] § 40 FBG Rz 23; Koppensteiner/Rüffler GmbHG³ [2007] § 84 Rz 13 und § 93 Rz 10; G. Nowotny in Kodek/Nowotny/Umfahrer, FBG [2005] § 40 Rz 24) und Rechtsprechung (6 Ob 149/10w mwN; 6 Ob 330/98t; 3 Ob 113/07z; 6 Ob 178/14s; vgl RS0050186 [T5]; RS0006937 [T2]), dass die Löschung einer Gesellschaft nach § 40 FBG mit konstitutiver Wirkung auch zum Wegfall der organschaftlichen Vertretung der bisherigen Geschäftsführer oder Liquidatoren führt, selbst wenn die Gesellschaft trotz Löschung noch fortbesteht, weil etwa noch Aktivvermögen vorhanden ist.
2. Mit der Verhängung der Haft über den Organwalter einer juristischen Person soll gegen ihn ein Zwangsmittel vollzogen werden, damit die Gesellschaft als verpflichtete Partei durch ein Handeln jener Person, die allein für sie handeln kann, erfüllt (Repräsentationsgedanke; 3 Ob 48/11x = SZ 2011/62). Allerdings haben gemäß § 354 EO zu vollziehende Geldstrafen und Haftstrafen keinen repressiven, sondern nur einen auf die künftige Willensbeugung des Verpflichteten abzielenden Zweck (RS0010057 [T1]). Dieser Zweck kann nicht mehr erreicht werden, wenn der Organwalter, der für die Verpflichtete künftig handeln soll, nicht mehr vertretungsbefugt ist, er also gar nicht mehr (wie der Revisionsrekurs meint) „namens der Gesellschaft titelmäßig […] leisten“ kann.
Die Verweigerung der Androhung einer Beugehaft nach § 354 EO über den früheren Geschäftsführer durch die Vorinstanzen widerspricht dieser Judikatur nicht, sondern ist vielmehr die logische Konsequenz daraus.
3. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht. |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00157_19B0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126830 | 5Ob157/19b | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00157_19B0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00157_19B0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,974 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann, die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache des Antragstellers Ing. M*, vertreten durch die Urbanek Lind Schmied Reisch Rechtsanwälte OG, St. Pölten, gegen die Antragsgegner 1. E*, 2. M*, vertreten durch Dr. Anton Hintermeier, Mag. Michael Pfleger ua Rechtsanwälte in St. Pölten, wegen §§ 37 Abs 1 Z 8, 16 MRG, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Antragstellers gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 28. Mai 2019, GZ 7 R 55/19x-118, mit dem der Sachbeschluss des Bezirksgerichts St. Pölten vom 25. März 2019, GZ 9 Msch 3/16y-110, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem außerordentlichen Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die Entscheidungen der Vorinstanzen werden aufgehoben. Die Rechtssache wird zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Die Kosten des Revisionsrekursverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Der Antragsteller war vom 21. 11. 2012 bis 31. 5. 2017 Hauptmieter der im (Hoch-)Parterre des Hauses der Antragsgegner gelegenen Wohnung. Diese Wohnung besteht aus 6 Zimmern, einem Kabinett, Wohnküche, Bad, Vorraum, WC, Abstellraum und Veranda und hat ein Ausmaß von rund 190 m². Der vereinbarte Mietzins betrug monatlich 750 EUR zuzüglich Betriebskosten. Die im ersten Stock des Hauses gelegene Wohnung wird von der Erstantragsgegnerin genutzt und ist etwa gleich groß. Zwischen den Parteien ist unstrittig, dass sich der nicht ausgebaute Dachboden weder als Wohnung noch als Geschäftsräumlichkeit eignet.
Die Baubewilligung für das Haus wurde am 30. 7. 1900 erteilt. Es hat ein villengemäßes Erscheinungsbild und besteht aus einem Souterrain, dem Parterre und einem Obergeschoß. Nach der mit Bescheid vom 30. 4. 1901 erteilten Benützungsbewilligung waren in diesem Objekt fünf Wohnungen. Die Wohnungen wurden teils von der Eigentümerfamilie genutzt, teils (ausschließlich zu Wohnzwecken) vermietet. Im Jahr 1961 waren in dem Gebäude sieben Wohnungen, drei im Souterrain, eine im Parterre, eine im ersten Obergeschoß und eine weitere in einem 1963 abgetragenen Obergeschoß der Garage vermietet. Die Lage der siebenten Wohnung im Gebäude kann nicht mehr festgestellt werden.
Das Souterrain besteht aus drei Raumgruppen, von denen die östliche aus drei Räumen besteht, die über eine an der Nordfront des Hauses gelegene Nebenraumtür zugänglich sind. Das Niveau des Fußbodens dieser Räume liegt 50 cm tiefer als das angrenzende Terrain im Garten. Zum Zeitpunkt des Mietvertragsabschlusses wurden zwei dieser Räume zur Lagerung alter Möbel verwendet. Einen dieser Räume benützte der Antragsteller allein und einen anderen gemeinsam mit der Erstantragsgegnerin (jeweils prekaristisch). Die übrigen Teile des Souterrains erreicht man über eine zweiflügelige Holztür, die in einen Vorraum öffnet, von dem eine Stiege in das Souterrain hinab und eine in das Parterre führt. Die südliche Raumgruppe im Souterrain besteht ebenfalls aus mehreren Räumen. Sämtliche Räume dieser Raumgruppe verfügen über funktionierende Stromanschlüsse und Lichtquellen. In allen Räumen sind Heizkörper und Versorgungsleitungen vorhanden. Eine Wasserentnahmestelle oder einen Abfluss gibt es jedoch nicht. Im Zeitpunkt des Mietvertragsabschlusses lagerten auch in dieser Raumgruppe gebrauchte Möbel. Die nördliche Raumgruppe besteht aus zwei größeren Zimmern, die ausschließlich zu Kellerzwecken genutzt werden, und Nebenräumlichkeiten. Insgesamt sind die Räume im Souterrain 135 m² groß.
Die Räume im Souterrain weisen eine erhebliche Mauerfeuchte auf. Gegen die aufsteigende Grundfeuchtigkeit wurde 1986 über dem Bodenniveau eine horizontale Feuchtigkeitssperre eingezogen. Der Bauzustand der drei Raumgruppen im Souterrain war zum Zeitpunkt des Mietvertragsabschlusses schlecht. Um die Mauerfeuchte zu beseitigen und diese Räume adäquat bewohnbar zu machen, wäre ein Betrag von insgesamt rund 100.000 Euro erforderlich.
Der Antragsteller begehrt die Feststellung des gesetzlich zulässigen Hauptmietzinses sowie das Ausmaß von dessen Überschreitung durch die tatsächlichen Vorschreibungen. Das Mietverhältnis falle in den Vollanwendungsbereich des MRG, weil zum Zeitpunkt des Abschlusses des Mietvertrags auf der Liegenschaft sechs vermietbare Objekte vorhanden gewesen seien. In den von ihm gemieteten Räumlichkeiten im Parterre und den von der Erstantragsgegnerin im ersten Stock genutzten Räumlichkeiten seien jeweils zwei Wohnungen enthalten. Im Souterrain würden sich ebenfalls zwei Wohnungen befinden. Diese Objekte könnten nicht nur als Wohnungen, sondern auch als Geschäftsräumlichkeiten vermietet werden.
Die Antragsgegner wendeten ein, es seien bei Abschluss des Mietvertrags lediglich zwei selbständig vermietbare Wohneinheiten vorhanden gewesen, weswegen der Ausnahmetatbestand des § 1 Abs 2 Z 5 MRG zum Tragen komme. Selbst bei Anwendbarkeit des MRG sei der vereinbarte Mietzins gesetzlich zulässig.
Das Erstgericht wies im zweiten Rechtsgang die Anträge zurück. Strittig sei, ob neben den Wohnungen im Parterre und Obergeschoß weitere selbständige Wohnungen oder Geschäftsräumlichkeiten vorhanden seien, wofür die Verkehrsauffassung im Zeitpunkt des Mietvertragsabschlusses entscheidend sei. Seine im ersten Rechtsgang geäußerte Ansicht, dass aufgrund des Gesamterscheinungsbildes des Gebäudes die Räumlichkeiten im Souterrain keinesfalls als Nebenräume eines Ein- und Zweifamilienhauses qualifiziert werden könnten, habe im Wesentlichen auf Anzahl und Größe der im Souterrain befindlichen Räume bzw Raumgruppen beruht und sei zu korrigieren. Dabei sei nämlich der Charakter des Hauses als „Villenbauwerk“ sowie die Größe der Wohnungen im Parterre und ersten Stock von nahezu je 190 m² unberücksichtigt geblieben, was sich auch auf die Größe und Anzahl der Nebenräume niederschlagen müsse. Die Größe und Anzahl der im Souterrain vorhandenen Räumlichkeiten könnten angesichts der Stockwerks-Wohnungen und des Gesamterscheinungsbildes des Hauses nicht rechtfertigen, dass sie nach der Verkehrsauffassung als selbständige Räumlichkeiten und nicht als bloße Nebenräume zu qualifizieren seien. Natürlich könnte ein besonderer Zustand der Räume im Souterrain erlauben, die Räume als selbständig in diesem Sinn zu beurteilen. Anhaltspunkte dafür ließen sich den Feststellungen aber nicht entnehmen.
Das Rekursgericht bestätigte diese Entscheidung. Für die Annahme zusätzlicher Räume gemäß § 1 Abs 2 Z 5 MRG komme es in der Regel auf deren selbständige Vermietbarkeit an. Eine Ausnahme davon sei nur für Räume zu machen, die – obwohl sie abgesondert vermietbar wären – üblicherweise zu einem Ein- oder Zweifamilienhaus gehörten, wie Abstellräume und Garagen, oder Bestandteil eines Wohnungsverbands seien, weil auch dadurch der Charakter eines Ein- oder Zweifamilienhauses nicht verloren gehe. Ausschlaggebend sei die Verkehrsauffassung. Sei im maßgeblichen Zeitpunkt ein selbständig vermietbarer Raum tatsächlich genutzt oder vermietet, gehe die Verkehrsauffassung dahin, dass damit die Zugehörigkeit dieser Räume zu einer anderen Wohnung oder einem anderen Geschäftslokal aufgehoben sei. Ausgehend von den Feststellungen seien alle Räume im Erd- und Obergeschoß als Bestandteil der jeweiligen Wohnungsverbände anzusehen. Dem Rekursvorbringen sei zu entnehmen, dass der Antragsteller hinsichtlich der im Souterrain gelegenen Räumlichkeiten lediglich von einer Vermietbarkeit der südlichen und östlichen Raumgruppen ausgehe. Das gesamte Souterrain weise ein erhebliches Feuchtigkeitsproblem auf, wobei die zur östlichen Raumgruppe gehörenden zwei Räume dem Antragsteller (allein bzw gemeinsam mit der Erstantragsgegnerin) als Kellerräume prekaristisch überlassen worden seien. Maßgebend sei die tatsächliche Nutzung im Zeitpunkt des Mietvertragsabschlusses, sodass insoweit von Nebenräumen/Kellerräumen auszugehen sei, die unabhängig von einer allfälligen Sanierungsmöglichkeit nicht selbständig vermietbar seien. Die südliche Raumgruppe verfüge weder über eine Wasserentnahmestelle noch einen Abfluss. Zum Zeitpunkt des Mietvertragsabschlusses sei dem Antragsteller bekannt gewesen, dass die Souterrainräumlichkeiten als Kellerräumlichkeiten und Abstellräume verwendet würden. Hinzu komme, dass die beiden Wohnungen eine Größe von je rund 190 m² hätten, sodass es sich bei den vorhandenen rund 135 m² (somit pro Wohnung etwa 70 m2) großen Keller- bzw Abstellflächen um Räume handle, die üblicherweise zu einem Zweifamilienhaus dazugehörten. Daher könne auch offen bleiben, ob ein möglicher Umbau von Souterrainräumen, um Kategorie D-Wohnungen zu schaffen, bei der Anzahl der Wohneinheiten im Sinn des § 1 Abs 4 Z 2 MRG (richtig: § 1 Abs 2 Z 5 MRG) berücksichtigt werden müsse, oder eine Vermietung als Lagerfläche/Geschäftsräumlichkeit möglich wäre.
Rechtliche Beurteilung
Der von den Antragsgegnern beantwortete Revisionsrekurs des Antragstellers ist zulässig, weil dem Rekursgericht eine Fehlbeurteilung unterlaufen ist; er ist im Sinn des auf Aufhebung gerichteten Eventualantrags auch berechtigt:
1.1 Gemäß § 1 Abs 2 Z 5 MRG sind vom Anwendungsbereich des Mietrechtsgesetzes Mietgegenstände in einem Gebäude mit nicht mehr als zwei selbständigen Wohnungen oder Geschäftsräumlichkeiten ausgenommen, wobei Räume, die nachträglich durch einen Ausbau des Dachbodens neu geschaffen wurden oder werden, nicht zählen (Ein- und Zweifamilienhäuser). Die Beurteilungskriterien für Ein- und Zweifamilienhäuser sind in der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs geklärt:
1.2 Unter selbständiger Wohnung ist jeder selbständige und in sich baulich abgeschlossene Teil eines Gebäudes zu verstehen, der geeignet ist, der Befriedigung eines individuellen Wohnbedürfnisses von Menschen zu dienen (RIS-Justiz RS0069338). Die Annahme von Wohnräumen ist dabei nur dann gerechtfertigt, wenn diese aufgrund ihrer bautechnischen und rechtlichen Gegebenheiten für die Verwendung zur Unterkunft und Haushaltsführung geeignet sind (RS0069440). Die Beurteilung hat nach der Verkehrsauffassung zu erfolgen (RS0079853). Entscheidend ist dabei der tatsächliche Zustand im Zeitpunkt des Abschlusses des Mietvertrags (RS0112564).
1.3 Im vorliegenden Verfahren ist unstrittig, dass in dem Gebäude jedenfalls zwei selbständige Wohnungen vorhanden sind.
2.1 Eine unbrauchbare dritte Wohnung schadet dann nicht, wenn sie nicht nur vorübergehend (dh durch Sanierungsmaßnahmen behebbar), sondern endgültig unvermietbar ist (RS0069338 [T2]; RS0112565; Würth/Zingher/Kovanyi, Miet- und Wohnrecht23 MRG § 1 Rz 66; Böhm/Prader in GeKo Wohnrecht I § 1 MRG Rz 223 FN 628: vorübergehende Unvermietbarkeit ist zu wenig).
2.2 Der Umstand, dass „nicht mehr als zwei selbständige Wohnungen oder Geschäftsräumlichkeiten“ vorhanden sein dürfen, bedeutet nicht, dass erst das Vorhandensein von drei Wohnungen (oder Geschäftsräumlichkeiten) schädlich ist. Nach allgemeiner Auffassung dürfen neben den zwei selbständigen Wohnungen (oder Geschäftsräumlichkeiten) überhaupt keine der Vermietung zugängliche – oder sogar tatsächlich vermietete – Räume im Haus vorhanden sein (RS0069389; Würth in Rummel, ABGB3 § 1 MRG Rz 16b mwN; Würth/Zingher/Kovanyi aaO § 1 MRG Rz 52 mwN; T. Hausmann in Hausmann/Vonkilch, Österreichisches Wohnrecht³ § 1 MRG Rz 78; Böhm/Prader aaO § 1 MRG Rz 223). Maßgeblich ist die selbständige Vermietbarkeit getrennt zugänglicher Räume, soweit es sich dabei nicht um üblicherweise vorhandene Nebenräume handelt (vgl 2 Ob 169/10g mwN = RS0069389 [T14]).
3.1 Wendet man diese Grundsätze auf den vorliegenden Fall an, kommt der Ausnahmetatbestand des § 1 Abs 2 Z 5 MRG schon bei Vorhandensein bloß eines weiteren Raumes, der einer selbständigen Vermietbarkeit zugänglich ist, nicht mehr zum Tragen. Abzustellen ist dabei auf den objektiven baulichen Zustand im Zeitpunkt der Vermietung nach Maßgabe der Verkehrsauffassung. Auf die tatsächliche Benützung bzw Widmung durch den Vermieter kommt es hingegen nicht an. Soweit von „tatsächlichem Zustand“ die Rede ist, ist nicht die tatsächliche Verwendung gemeint, sondern der objektive bauliche Zustand, also die objektive Verwendbarkeit nach den tatsächlichen baulichen Gegebenheiten (3 Ob 247/18x).
3.2 Das Mietrechtsgesetz erfasst nach seinem § 1 Abs 1 Geschäftsräumlichkeiten aller Art, wie insbesondere Geschäftsräume, Magazine, Werkstätten, Arbeitsräume, Amts- oder Kanzleiräume. Bereits das Vorhandensein eines weiteren zu solchen Zwecken verwendbaren Raumes hindert damit den Ausnahmetatbestand nach § 1 Abs 2 Z 5 MRG, wenn er selbständig vermietbar ist.
3.3 Nach den Feststellungen befinden sich im Souterrain drei Raumgruppen, deren Gliederung unzweifelhaft auf die bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu Wohnzwecken erfolgte Nutzung (Vermietung von drei Wohnungen) zurückgeht. Die östliche Raumgruppe besteht aus drei Räumen, die über eine an der Nordfront des Hauses gelegene Nebenraumtür (separat) zugänglich sind. Zum Zeitpunkt des Mietvertragsabschlusses wurden zwei dieser Räume zur Lagerung alter Möbel verwendet. Bereits daraus folgt aber die grundsätzliche Eignung dieser Räume zu Lagerzwecken (als Magazin), sodass aus der festgestellten Mauerfeuchtigkeit keineswegs auf eine endgültige Unvermietbarkeit zu solchen Zwecken geschlossen werden kann. Da die Widmung bzw tatsächliche Verwendung von Räumlichkeiten durch den Vermieter entgegen der Ansicht des Rekursgerichts unerheblich ist, sondern auf die objektive Verwendungsmöglichkeit nach den tatsächlichen baulichen Gegebenheiten abzustellen ist, kommt es für die hier zu beurteilende Frage weder darauf an, ob Räumlichkeiten durch die Erstantragsgegnerin (mit-)genutzt oder dem Antragsteller prekaristisch zu Lagerzwecken überlassen wurden.
3.4 Unbeachtlich ist in diesem Zusammenhang auch die Größe der im Parterre und Obergeschoß des Hauses gelegenen Wohnungen. Ein Grundsatz, aus dem sich ein bestimmtes Größenverhältnis von üblichen Nebenräumen zu Wohnungen in einem Ein- oder Zweifamilienwohnhaus ableiten ließe, ist dem Mietrechtsgesetz fremd. Auch besteht entgegen der Ansicht des Rekursgerichts keine Verkehrsauffassung, nach der allein aus der Großzügigkeit der zu Wohnzwecken genutzten Raumverbände die Qualifikation des gesamten Souterrains als bloßer Nebenraum ableitbar wäre.
4. Zusammengefasst folgt daher, dass nach den tatsächlichen baulichen Gegebenheiten jedenfalls die Räume der östlichen Raumgruppe im Souterrain bei der gebotenen objektiven Betrachtung einer selbständigen Vermietbarkeit (jedenfalls) zu Lagerzwecken (als Magazin) zugänglich sind. Bereits dieser Umstand steht der Anwendbarkeit des Ausnahmetatbestands nach § 1 Abs 2 Z 5 MRG entgegen, sodass nicht mehr geprüft werden muss, ob diese und/oder auch die anderen Raumgruppen des Souterrains nicht nur vorübergehend, sondern endgültig nicht mehr zu Wohnzwecken vermietet werden können. Dem Rekursgericht ist daher zuzustimmen, soweit es die Prüfung eines möglichen Umbaus von Souterrainräumen zu Wohnungen der Kategorie D für unerheblich erachtete.
5. Das führt zur Aufhebung der Entscheidungen der Vorinstanzen. Das Erstgericht wird im fortgesetzten Verfahren die für eine inhaltliche Beurteilung des Antrags erforderlichen Sachverhaltsgrundlagen zu schaffen haben.
6. Der Kostenvorbehalt beruht auf § 37 Abs 3 Z 17 MRG. Erst mit der endgültigen Sachentscheidung sind die gebotenen Billigkeitserwägungen möglich (vgl 5 Ob 129/19k mwN). |
JJT_20191118_OGH0002_0080OB00093_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126831 | 8Ob93/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00093_19P0000_000/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00093_19P0000_000.html | 1,574,035,200,000 | 1,045 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Hon.-Prof. Dr. Kuras als Vorsitzenden, die Hofrätinnen Dr. Tarmann-Prentner und Mag. Korn, den Hofrat Dr. Stefula und die Hofrätin Mag. Wessely-Kristöfel als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei H*, vertreten durch Dr. Walter Reichholf, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei R*, vertreten durch Dr. Herbert Gartner, Rechtsanwalt in Wien, wegen Räumung und Unterlassung, über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 26. Juni 2019, GZ 11 R 69/19a-26, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Projektentwicklerin ist Wohnungseigentumsorganisatorin und nach wie vor (schlichte) Miteigentümerin einer rund 15.000 m² großen Liegenschaft, auf der seit 2009 ein „Loft-Stadtteil“ errichtet wird und von der sie sukzessive Miteigentumsanteile mit dem Ziel der Begründung von Wohnungseigentum verkaufte. Bislang gibt es nur einen Entwurf des Wohnungseigentumsvertrags vom 27. 7. 2009 und eine vorläufige Nutzwertberechnung vom 16. 6. 2009, weil noch nicht alle Umbauarbeiten abgeschlossen sind.
Der Beklagte erwarb seine Liegenschaftsanteile, verbunden mit der Zusage von Wohnungseigentum gemäß § 40 Abs 2 WEG an zwei Lofts sowie an den drei KFZ-Abstellplätzen Nr 44, 45 und 46, mit Kaufvertrag vom 1. 3. 2012 von der Wohnungseigentumsorganisatorin. Mit Nachtrag vom 16. 3. 2012 zu diesem Kaufvertrag wurde dem Beklagten statt an den genannten KFZ-Abstellplätzen die Einräumung von Wohnungseigentum gemäß § 40 Abs 2 WEG an den KFZ-Abstellplätzen Nr 139, 140 und 141 zugesagt und im Grundbuch zu seinen Gunsten angemerkt (B-LNr 1 bm 1467/2012). Zu Gunsten des Klägers ist ebenfalls die Zusage der Einräumung von Wohnungseigentum gemäß § 40 Abs 2 WEG angemerkt. Er hat seine Miteigentumsanteile mit Kaufvertrag vom 6. 8. 2015 von den Voreigentümern erworben, die diese ihrerseits im Jahr 2010 von der Wohnungseigentumsorganisatorin gekauft hatten.
Um der für das in Entwicklung befindliche Projekt notwendigen Flexibilität Rechnung tragen zu können, behielt sich die Wohnungseigentumsorganisatorin in den von ihr abgeschlossenen Kaufverträgen die Verwendung und Verwertung sämtlicher nicht als Zugangs- oder Zufahrtswege gewidmeter, unbebauter Flächen der Liegenschaft vor und ließ sich die Berechtigung einräumen, Zu-, Um- und Ausbauten an den auf der Liegenschaft befindlichen Gebäuden vorzunehmen, Einheiten zusammenzulegen oder abzuändern, allenfalls unter Einbeziehung von allgemeinen Teilen des Gebäudes und der übrigen Freiflächen.
Der Kläger begehrte vom Beklagten wegen titelloser Benützung die Räumung der KFZ-Abstellplätze Nr 139, 140 und 141 insbesondere von den dort aufgestellten zwei Betonabweisern und die zukünftige Unterlassung der Nutzung dieser Flächen als KFZ-Abstellplätze. Dabei stützte er sich auf den Entwurf zum Wohnungseigentumsvertrag und die vorläufige Nutzwertberechnung, in der die KFZ-Abstellplätze Nr 139, 140 und 141 nicht angeführt sind.
Rechtliche Beurteilung
Das Berufungsgericht bestätigte die die Klagebegehren abweisende Entscheidung des Erstgerichts. Die dagegen erhobene außerordentliche Revision des Klägers ist zurückzuweisen:
1. Eine Eigentumsfreiheitsklage kann nur gegen einen unberechtigten Eingriff (auch eines anderen Miteigentümers) in das gemeinsame Eigentumsrecht erhoben werden (zB RIS-Justiz RS0012040; RS0012113) und setzt damit verbotene bzw unerlaubte Eigenmacht des Störers voraus (RS0012112).
2. Der Kläger argumentiert im Wesentlichen damit, dass der „Nutzungs- und Verfügungsvorbehalt“, den sich die Wohnungseigentumsorganisatorin in den jeweiligen Kaufverträgen mit den Wohnungseigentumsbewerbern ausbedungen habe, nach § 38 Abs 1 Z 1 WEG nichtig sei. Sollte dieser Auffassung nicht gefolgt werden, wäre im Hinblick auf die Verbrauchereigenschaft des Klägers von Amts wegen aufzugreifen gewesen, dass dieser Vorbehalt gegen § 879 Abs 3 ABGB und § 6 Abs 3 KSchG verstoße.
3.1 Auf die Frage der Gültigkeit dieses Vorbehalts kommt es aber im vorliegenden Fall nicht an, weil der Kläger unabhängig davon keine Benützung allgemeiner Teile der Liegenschaft durch den Beklagten, also einen Eingriff des Beklagten in das gemeinsame Miteigentum, aufzuzeigen vermag:
Der Rechtstitel für die einem Wohnungseigentümer zustehenden Nutzungsbefugnisse liegt nicht in der Nutzwertfestsetzung bzw der Nutzwertbestimmung, sondern in der Widmung (die wiederum Grundlage des Wohnungseigentumsvertrags ist). Die rechtswirksame Widmung gibt den Ausschlag dafür, was zu einem bestimmten Wohnungseigentumsobjekt gehört und dementsprechend vom jeweiligen Wohnungseigentümer ausschließlich genutzt werden darf (RS0118149).
Ob ein Wohnungseigentumsobjekt (§ 2 Abs 2 WEG), ein Wohnungseigentums-Zubehörobjekt (§ 2 Abs 3 WEG) oder Allgemeinteile (§ 2 Abs 4 WEG) vorliegen, entscheidet sich daher im Regelfall nach der privatrechtlichen Einigung (der Widmung) der Wohnungseigentümer, die im Allgemeinen im Wohnungseigentumsvertrag erfolgt (RS0120725).
Für den Rechtsakt der Widmung bestehen im Gegensatz zum Vertrag über die Begründung von Wohnungseigentum keine Formvorschriften (RS0082712). Er kann im Stadium der Vorbereitung einer Wohnungseigentumsbegründung auch vom Wohnungseigentumsorganisator gesetzt werden (RS0120725 [T2]; 5 Ob 18/19m), was bei der Errichtung einer größeren Anlage, deren Wohnungen sukzessive abverkauft werden sollen, sogar dem Regelfall entspricht (5 Ob 157/03d). Spätere Widmungsänderungen können konkludent die Zustimmung aller Mit- und Wohnungseigentümer finden (5 Ob 290/07v; 5 Ob 210/13p).
3.2 Das rechtswirksame Zustandekommen und der Inhalt einer Widmung von Teilen einer im Wohnungseigentum stehenden Liegenschaft hängen vielfach von den konkreten Umständen des gerade zu beurteilenden Falls ab (RS0114928 [T7]).
3.3 Hier sollte mit der vom Kläger herangezogenen Fassung des Wohnungseigentumsvertragsentwurfs – wie schon die Bezeichnung als Entwurf deutlich macht – kein Rechtstitel für eine rechtswirksame Widmung aller zum damaligen Zeitpunkt noch nicht von einer Verwertung betroffenen Teile der Liegenschaft als Allgemeinflächen geschaffen werden (zur selben Liegenschaft bereits klarstellend: 5 Ob 18/19m).
Daraus folgt, dass der Kläger die nach § 523 ABGB geltend gemachten Ansprüche weder auf die vorläufige Nutzwertberechnung noch den Entwurf des Wohnungseigentumsvertrags stützen kann. Woraus sich die Widmung der dem Beklagten zugeordneten KFZ-Abstellflächen als allgemeinen Teil der Liegenschaft ergeben soll, bringt der Kläger damit nicht schlüssig zur Darstellung.
Die Auffassung der Vorinstanzen, auch jene Flächen, die in den Kaufverträgen über Miteigentumsanteile nicht einzelnen Vertragsparteien zur ausschließlichen Nutzung zugeordnet worden seien, seien nicht zur gemeinsamen Nutzung und Verfügung aller Miteigentümer verblieben, begegnet vor diesem Hintergrund – jedenfalls bezogen auf die strittigen Flächen – keinen Bedenken.
3.4 Selbst wenn man anderer Ansicht wäre, wäre dem Kläger nicht geholfen. Er übergeht, dass der Beklagte nach den Feststellungen seit 2012 die KFZ-Abstellflächen Nr 139, 140 und 141 nutzt, nachdem ihm diese Flächen mit Nachtrag zum Kaufvertrag ersatzweise zugeordnet worden waren, weil an der ursprünglich vorgesehenen Stelle wegen baupolizeilicher Auflagen zu wenig Platz war, ohne dass es je Probleme gab oder sich jemand dadurch behindert fühlte. Der Kläger fand daher bei Abschluss seines Kaufvertrags 2015 bestimmte (im Einklang mit der grundbücherlichen Anmerkung stehende) Benützungsverhältnisse vor, aus denen sich die Widmung der KFZ-Abstellflächen als (zugesagtes) Wohnungseigentumsobjekt des Beklagten ergab. Bei der gegebenen Sachlage muss aber davon ausgegangen werden, dass alle Miteigentümer und Wohnungseigentumsbewerber einschließlich der Voreigentümer des Klägers konkludent in diese Widmung eingewilligt haben (vgl zu Fällen einer konkludenten Widmung 5 Ob 290/07v). Bereits das Erstgericht hat darauf verwiesen, dass der Kläger in diese „rechtsgeschäftlichen Verhältnisse“ eingetreten ist. Von einem Eingriff des Beklagten in „Allgemeinflächen“ kann daher keine Rede sein.
4. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 510 Abs 3 ZPO). |
JJT_20191024_OGH0002_0060OB00071_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126850 | 6Ob71/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191024_OGH0002_0060OB00071_19P0000_000/JJT_20191024_OGH0002_0060OB00071_19P0000_000.html | 1,571,875,200,000 | 1,530 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Schramm als Vorsitzenden und durch die Hofräte Dr. Gitschthaler, Univ.-Prof. Dr. Kodek, Dr. Nowotny sowie die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Außerstreitsache der im Firmenbuch des Handelsgerichts Wien zu FN * eingetragenen
S* GmbH, *, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Gesellschafterin A* GmbH, *, vertreten durch Gewessler RechtsanwaltsgesmbH in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 28. Februar 2019, GZ 48 R 15/19i-28, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Innere Stadt Wien vom 19. November 2018, GZ 59 P 71/16z-13, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem außerordentlichen Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Die A* GmbH ist schuldig, der P* GmbH die mit 501,91Â EUR (darin enthalten 83,65Â EUR Umsatzsteuer) bestimmten Kosten der Revisionsrekursbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die P* GmbH (in der Folge: Antragstellerin), deren Geschäftsführer Dipl.-Ing. J* ist, und die Revisionsrekurswerberin, deren Geschäftsführer Dr. R* ist, sind zu je 50 % Gesellschafter der eingetragenen S* GmbH. Kollektiv vertretungsbefugte Geschäftsführer dieser Gesellschaft sind Dipl.-Ing. J* und Dr. R*; die Gesellschaft verfügt weder über einen Aufsichtsrat noch über einen Prokuristen. Dipl.-Ing. J* und Dr. R* sind Mehrheits- bzw Alleingesellschafter der Antragstellerin bzw der Revisionsrekurswerberin.
Nach Auffassung der Antragstellerin stehen der Gesellschaft Forderungen gegenüber der Revisionsrekurswerberin in Höhe von 950.000 EUR und gegenüber der Revisionsrekurswerberin sowie deren Geschäftsführer in Höhe von 16.667 EUR sowie von 4.313 EUR aus dem Titel der Einlagenrückgewähr, der Bereicherung und der Geschäftsführerhaftung zu. In der außerordentlichen Generalversammlung vom 26. 9. 2018, in der sich die Gesellschafterinnen auf keinen Vorsitzenden einigen konnten, beantragte die Antragstellerin deshalb die Fassung des Beschlusses auf Rückforderung von 950.000 EUR von der Revisionsrekurswerberin und von 17.500 EUR sowie 4.550 EUR von der Revisionsrekurswerberin und deren Geschäftsführer; aufgrund dessen offensichtlichen Interessenkonflikts möge Dipl.-Ing. J* allein mit der Durchführung beauftragt werden. Die Antragstellerin stimmte für diesen Antrag, die Revisionsrekurswerberin dagegen; außerdem erhoben beide Gesellschafterinnen Widerspruch mit der Begründung, die jeweils andere sei von der Beschlussfassung ausgeschlossen.
Über Antrag der Antragstellerin (dieser spricht zwar formell vom „Prozesskurator“, meint aber erkennbar einen Kollisionskurator) bestellten die Vorinstanzen für die Gesellschaft einen Kollisionskurator zur Führung von Gerichtsverfahren zur klageweisen Einbringung von Forderungen gegenüber der Revisionsrekurswerberin in Höhe von 950.000 EUR und gegenüber der Revisionsrekurswerberin sowie deren Geschäftsführer in Höhe von 16.667 EUR sowie von 4.313 EUR. In Kollisionsfällen sei nach ständiger Rechtsprechung sowohl die Bestellung eines Notgeschäftsführers nach § 15a GmbHG als auch die Bestellung eines Kollisionskurators analog § 271 ABGB idF vor dem 2. Erwachsenenschutzgesetz zulässig, woran sich durch die Neuformulierung der Kollisionskuratel durch das 2. Erwachsenenschutzgesetz (§ 277 Abs 2 ABGB nF) nichts geändert habe. Ein Interessenwiderstreit bestehe hinsichtlich Dr. R*, sollen doch Klagen gegen ihn persönlich und gegen die in seinem Alleineigentum stehende Revisionsrekurswerberin von der Gesellschaft eingebracht werden, was die Bestellung eines Kollisionskurators notwendig mache. Durch diese Bestellung werde nicht ein gesellschaftsinterner Machtkampf durch das Gericht geschlichtet, die Antragstellerin könne auch nicht auf ihre Minderheitsrechte nach § 48 GmbHG verwiesen werden, bestehe doch zwischen diesen und einer Kuratorbestellung Anspruchskonkurrenz.
Rechtliche Beurteilung
Der außerordentliche Revisionsrekurs ist zur Klarstellung der Rechtslage zulässig; er ist aber nicht berechtigt.
1. Im Verfahren zur Bestellung eines Notgeschäftsführers nach § 15a GmbHG genießen die Gesellschafter und der bestellte Notgeschäftsführer Parteistellung (6 Ob 53/06x); nichts Anderes kann in einem Verfahren gelten, in dem für die Gesellschaft ein Kollisionskurator bestellt wird bzw werden soll. Die Revisionsrekurswerberin ist Gesellschafterin der Gesellschaft.
2. Nach herrschender Auffassung kommt die Bestellung eines Notgeschäftsführers nach § 15a GmbHG auch dann in Betracht, wenn ein Geschäftsführer zwar vorhanden ist, aber eine Interessenkollision vorliegt (6 Ob 36/85; 6 Ob 53/06x; Pöltner, Der Notgeschäftsführer in der GmbH [2002] 40 ff; Koppensteiner/Rüffler, GmbHG³ [2007] § 15a Rz 2; Rohregger/Kudma in FAH [2017] § 15a GmbHG Rz 57; N. Arnold/Pampel in Gruber/Harrer, GmbHG² [2018] § 15a Rz 17 mit zahlreichen weiteren Nachweisen in FN 48). Die gerichtliche Bestellung eines Notgeschäftsführers setzt voraus, dass entweder überhaupt keine Geschäftsführer vorhanden sind oder vorhandene Geschäftsführer ganz allgemein oder im Einzelfall nicht handeln können (RS0059994; Koppensteiner/Rüffler aaO § 15a Rz 3). Ein Geschäftsführer ist auch dann nicht handlungsfähig, wenn er einem Interessenkonflikt unterliegt (6 Ob 53/06x; 6 Ob 67/18y). Allerdings soll die Bestellung eines Notgeschäftsführers nur ein Vertretungsdefizit beseitigen, nicht aber dazu dienen, Rechtshandlungen der Gesellschaft zu erzwingen (vgl 6 Ob 53/06x; 6 Ob 67/18y; 6 Ob 26/19w). Dies steht im Einklang mit der ständigen Rechtsprechung, wonach die gerichtliche Bestellung eines Notgeschäftsführers unzulässig ist, wenn ein Geschäftsführer bloß einzelne Geschäftsführungsakte ablehnt; in einem solchen Fall liegt es an der Gesellschafterversammlung, die ihr notwendig erscheinenden Maßnahmen zu ergreifen (RS0059994).
3. Nach ebenfalls herrschender Auffassung kann statt oder vor der Bestellung eines Notgeschäftsführers (unter anderem) analog § 271 ABGB idF vor dem 2. Erwachsenenschutzgesetz ein Kollisionskurator für die Gesellschaft bestellt werden (RS0049011; RS0059923; Ratka in Straube, WK GmbHG [2013] § 15a Rz 2 mit weiteren Nachweisen aus der Literatur; Koppensteiner/Rüffler aaO § 15a Rz 2; Rohregger/Kudma aaO Rz 57). Da der Gesetzgeber des 2. Erwachsenenschutzgesetzes im hier interessierenden Zusammenhang in § 277 Abs 2 ABGB nF lediglich Umformulierungen der §§ 271 ff ABGB aF vornahm (vgl Erläut zu § 277 ABGB, zitiert bei Gitschthaler/Schweighofer, Erwachsenenschutzrecht [2017] 135), hat sich mit Inkrafttreten des 2. Erwachsenenschutzgesetzes – entgegen der im außerordentlichen Revisionsrekurs vertretenen Auffassung – keine Änderung der Rechtslage ergeben. Diese Option kommt seit Einfügung des § 15a GmbHG durch die GmbHG-Nov 1980 insbesondere dann in Betracht, wenn keine weiteren dringenden Vertretungshandlungen als jene der konkreten Prozessführung anstehen (Duursma/Duursma-Kepplinger/M. Roth, Handbuch zum Gesellschaftsrecht
[2007] Rz 2809; Ratka aaO Rz 2); nach Zib (Der Notgeschäftsführer – Geschäftsführer oder Supersheriff? in FS Aicher [2012] 895) erscheint es sogar vorzugswürdig, bei einer Interessenkollision des Gesellschafter-Geschäftsführers keinen Notgeschäftsführer, sondern einen Kollisionskurator zu bestellen, der den Gesellschaftern nicht weisungsgebunden ist. Der Kollisionskurator dient dabei (lediglich) der Umsetzung von Gesellschafterbeschlüssen; seine Bestellung setzt das Anfallen einer – kollisionsbehafteten – bestimmten Angelegenheit voraus (Stabentheiner in Rummel/Lukas, ABGB4 [2015] §§ 271, 272 Rz 4).
4. Geht man im Sinn dieser herrschenden Auffassung (3.) von einer Konkurrenz hinsichtlich der Bestellung von Notgeschäftsführern und Kollisionskuratoren bei Handlungsunfähigkeit des Vertretungsorgans infolge Kollision (vgl 6 Ob 53/06x; 6 Ob 67/18y) aus, dann erschiene es systemwidrig, in ersterem Fall darauf zu achten, dass nur ein Vertretungsdefizit beseitigt wird, nicht aber Rechtshandlungen der Gesellschaft erzwungen werden sollen, in zweiterem Fall aber die Entscheidung über eine (allfällige) Klagsführung von der Generalversammlung der Gesellschaft auf das Gericht bzw den Kollisionskurator zu verlagern. Für diese Auffassung spricht auch die Entscheidung 5 Ob 521/84, wonach „für eine ordnungsmäßige Vertretung der Gesellschaft erforderlichenfalls durch die Bestellung eines Kollisionskurators, wenn es lediglich um die Durchsetzung der Anmeldung geht, oder durch die Bestellung eines Notgeschäftsführers nach § 15a GmbHG gesorgt werden“ kann. Sowohl die Bestellung eines Notgeschäftsführers (6 Ob 53/06x) als auch jene eines Kollisionskurators haben gegenüber gesellschaftsrechtlichen Maßnahmen lediglich subsidiären Charakter (vgl auch Pöltner aaO 68).
5. Da die Bestellung eines Kollisionskurators (lediglich) das Anfallen einer – kollisionsbehafteten – bestimmten Angelegenheit voraussetzt, ist zu prüfen, ob entsprechende Gesellschafterbeschlüsse bereits vorliegen bzw ob solche für eine Prozessführung gar nicht notwendig sind. In einem solchen Fall wäre – jedenfalls im vorliegenden
Fall – von der Notwendigkeit der Bestellung eines Kollisionskurators auszugehen: Die Gesellschaft wird kollektiv von ihren Geschäftsführern Dipl.-Ing. J* und Dr. R* vertreten, bedarf somit auch im Fall einer Prozessführung der Gesellschaft gegen die Revisionsrekurswerberin, deren Alleingesellschafter Dr. R* ist, und/oder gegen diesen persönlich eines weiteren Vertreters neben Dipl.-Ing. J*. In solchen Verfahren würde Dr. R* aber einer Kollision unterliegen (dazu ausführlich 6 Ob 169/09k GeS 2010, 77 [Fantur] = AnwBl 2010, 399 [Saurer]).
6. Der erkennende Fachsenat hat bereits klargestellt, dass es für die Geltendmachung der Rückforderungsansprüche nach § 83 GmbHG – anders als in den Fällen des § 35 Abs 1 Z 6 GmbHG – keines vorausgehenden Gesellschafterbeschlusses bedarf (6 Ob 72/16f GesRZ 2016, 343 [Ettmayer/Arnold]; Koppensteiner/Rüffler, GmbHG³ [2007] § 83 Rz 13; Aburumieh/Gruber in FAH [2017] § 35 GmbHG Rz 88); vielmehr wären Gesellschafterbeschlüsse, die sich gegen die Geltendmachung des Rückforderungsanspruchs gesetzwidrig geleisteter Zahlungen richten, gemäß § 83 Abs 4 GmbHG nichtig (6 Ob 72/16f).
6.1. Nach den Antragsbehauptungen soll sich die Geltendmachung von 950.000 EUR ausschließlich gegen die Revisionsrekurswerberin und aus dem Titel der „Einlagenrückgewähr“ richten.
6.2. Die Geltendmachung von Ansprüchen in Höhe von 16.667 EUR und 4.313 EUR sowohl gegen die Revisionsrekurswerberin als auch gegen Dr. R* stützt sich auf die Behauptung der Antragstellerin, dieser habe von der Gesellschaft errichtete Wohnungen sich selbst bzw dem Sohn seiner Lebensgefährtin unentgeltlich zur Benützung überlassen; auch dabei habe es sich um eine unzulässige Einlagenrückgewähr gehandelt.
Nun richten sich zwar Ansprüche der Gesellschaft aus dem Titel der unzulässigen Einlagenrückgewähr grundsätzlich gegen den Gesellschafter (hier: die Revisionsrekurswerberin). Allerdings hat der erkennende Senat in der Entscheidung 6 Ob 38/18h (NZ 2018/103 [Wimmer, 401] = GesRZ 2018, 303 [Zimmermann]) im Zusammenhang mit Beschlussanfechtungen nach §§ 41 ff GmbHG bereits klargestellt, dass eine Ansprüche gegen eine Gesellschaft sichernde einstweilige Verfügung „zur Verstärkung des Unterlassungsgebots“ auch gegen deren Geschäftsführer gerichtet werden kann (ErwGr 6.2.), selbst wenn dem Antragsteller gegen den Geschäftsführer ein eigener Anspruch nicht zusteht (ErwGr 6.3.); die Gesellschaft handle ja ohnehin durch ihre Organe. Diesen Schutzgedanken hat der Senat (unter Hinweis auf 7 Ob 2350/96f und 7 Ob 59/03g zur Sicherung von Ansprüchen aus Syndikatsverträgen nicht nur gegenüber Vertragspartnern, sondern auch gegenüber deren Töchterunternehmen) auch dann für anwendbar erklärt, wenn der zu sichernde (Unterlassungs-)Anspruch zwar gegenüber der Gesellschaft besteht, das Unterlassungsgebot aber dadurch unterlaufen würde, dass (100%ige) Tochter- bzw Enkelunternehmen der Gesellschaft die verbotenen Handlungen und Maßnahmen setzen (6 Ob 142/19d [ErwGr 3.3.]). Dieser Gedanke lässt sich auch im Zusammenhang mit Ansprüchen aufgrund verbotener Einlagenrückgewähr jedenfalls dann nutzbar machen, wenn
– wie hier – der Geschäftsführer der Gesellschafterin sich selbst oder nahen Angehörigen (6 Ob 195/18x NZ 2019/21 [Dejaco, 81] = ZfS 2019, 8 [Karollus] = GesRZ 2019, 193 [Kalss] = JEV 2019, 38 [Hügel, 77]) in Vertretung der Gesellschafterin Leistungen zukommen lässt, die dem Verbot der Einlagenrückgewähr unterliegen.
7. Mit der in § 48 GmbHG eröffneten Klagsführung durch Gesellschafter wird die Klagemöglichkeit der Gesellschaft nicht verdrängt (erg „auch von Gesellschaftern“ in § 48 Abs 1 GmbHG).
8. Damit war aber dem außerordentlichen Revisionsrekurs ein Erfolg zu versagen.
Die Entscheidung über die Kosten des Revisionsrekursverfahrens gründet sich auf § 78 Abs 2 AußStrG. |
JJT_20191119_OGH0002_0030OB00201_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126859 | 3Ob201/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00201_19H0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00201_19H0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 2,108 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Exekutionssache der betreibenden Partei M*, vertreten durch Korn & Gärtner Rechtsanwälte OG in Salzburg, gegen die verpflichtete Partei J*, vertreten durch Dr. Wolfgang Lang, Rechtsanwalt in Salzburg, wegen 7.711,58 EUR sA, über den Revisionsrekurs der betreibenden Partei gegen den Beschluss des Landesgerichts Salzburg als Rekursgericht vom 3. Juli 2019, GZ 22 R 171/19d-26, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Salzburg vom 1. Februar 2019, GZ 5 E 2444/18x-7, abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Der angefochtene Beschluss wird dahin abgeändert, dass der erstgerichtliche Beschluss einschließlich der Kostenentscheidung wiederhergestellt wird.
Die Kosten der Rekursbeantwortung und des Revisionsrekurses werden mit insgesamt 1.837,52Â EUR (hierin enthalten 254,92Â EUR USt und 308Â EUR Barauslagen) als weitere Exekutionskosten bestimmt.
Die Revisionsrekursbeantwortung wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Das Erstgericht bewilligte der Betreibenden gegen den Verpflichteten mit Beschluss vom 28. Dezember 2018 zur Hereinbringung einer vollstreckbaren Kostenforderung von 7.711,58 (rechnerisch richtig: 7.538,57) EUR sA die Fahrnisexekution.
Der Verpflichtete brachte daraufhin ein Oppositionsgesuch ein, mit dem er (ua) einen Einstellungsantrag verband. Die betriebene Kostenforderung resultiere aus dem Scheidungsverfahren der Parteien. In diesem habe sich der Verpflichtete gegenüber der Betreibenden mit Vergleich vom 6. Juli 2017 zur Zahlung eines Prozesskostenvorschusses in Höhe von 10.000 EUR verpflichtet, den er längst geleistet habe. Der im Scheidungsverfahren dann erfolgte Kostenzuspruch in Höhe von insgesamt 7.538,57 EUR sei durch diesen gerade für das Scheidungsverfahren gewidmeten und erhaltenen Prozesskostenvorschuss bereits längst, sogar schon im Voraus befriedigt worden, der Verpflichtete habe sogar einen Rückforderungsanspruch in Höhe der Differenz von 2.461,40 EUR. Die Betreibende stehe zu Unrecht auf dem Standpunkt, sie habe Anspruch auf weitere Zahlungen, weil sie mit ihrem Rechtsvertreter im Innenverhältnis ein Zeithonorar vereinbart habe, das den gesetzlichen Rechtsanwaltstarif weit übersteige. Tatsächlich habe die Verrechnung mit dem Prozessgegner zwingend nach dem RATG zu erfolgen.
Die Betreibende äußerte sich dahin, dass das Oppositionsgesuch abzuweisen sei. Der Verpflichtete behaupte gar keine nach Schluss der Verhandlung erster Instanz im Titelverfahren eingetretene Befriedigung, sondern verweise nur darauf, dass er sich in einem Vergleich lange vor Entstehen des Exekutionstitels zur Leistung eines Prozesskostenvorschusses verpflichtet und diesen ebenfalls lange vor dem für ein Oppositionsgesuch relevanten Zeitpunkt gezahlt habe. Es möge zutreffen, dass der Prozesskostenvorschuss verrechnungspflichtig sei. Keinesfalls sei er jedoch ausschließlich für die tarifmäßigen Kosten des Scheidungsverfahrens geleistet worden. Tatsächlich habe es im Zusammenhang mit dem Scheidungsverfahren zahlreiche weitere Verfahren gegeben, so etwa ein Strafverfahren, laufende Exekutionsanträge aufgrund einer einstweiligen Verfügung; weiters insbesondere auch die Abklärung der Ansprüche der Betreibenden und Verhandlungen mit dem Verpflichteten über einen möglichen Scheidungsfolgenvergleich. Dadurch sei der 2017 geleistete Prozesskostenvorschuss längst zur Gänze verbraucht, zumal die Bemessungsgrundlage für die nacheheliche Auseinandersetzung in einer Größenordnung jenseits von 500.000 EUR bestehe. Außerdem habe sie mit ihrem Rechtsanwalt ein Stundenhonorar als Mindesthonorar vereinbart, weil er sich nur unter dieser Voraussetzung mit dem erforderlichen zeitlichen Einsatz allen anhängigen Angelegenheiten widmen könne. Aus diesem Grund sei der tatsächliche Aufwand für das Scheidungsverfahren durch den Kostenzuspruch nur zu einem kleinen Teil abgegolten.
Das Erstgericht verwies den Verpflichteten mit seinem Oppositionsgesuch auf den Rechtsweg, weil die Entscheidung über das Oppositionsgesuch von der Ermittlung und Feststellung streitiger Tatumstände abhängig sei.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Verpflichteten Folge, stellte die Fahrnisexekution gemäß § 40 EO ein, hob alle schon vollzogenen Exekutionsakte, die zugunsten der betriebenen Forderung vorgenommen wurden, auf und aberkannte der Betreibenden gemäß § 75 EO die gesamten Kosten dieses Exekutionsverfahrens. Mit ihrer Auffassung, dass der Oppositionsgrund nicht erst nach Entstehung des Exekutionstitels eingetreten sei, übersehe die Betreibende, dass dann, wenn der Titel, wie hier, eine gerichtliche Entscheidung sei, jener Zeitpunkt maßgeblich sei, bis zu dem der Verpflichtete die entsprechenden Tatsachen im vorangegangenen gerichtlichen Verfahren wirksam einwenden habe können. Dementsprechend bestehe in der Rechtsprechung kein Zweifel daran, dass in einer Oppositionsklage Gegenforderungen erhoben werden könnten, wenn deren Geltendmachung im Titelverfahren nicht möglich gewesen sei. Dies sei insbesondere dann der Fall, wenn im Zivilprozess Kosten zugesprochen worden seien, weil dann im Titelverfahren keine Aufrechnung möglich gewesen sei. In diesem Fall könne daher auch mit früher fällig gewordenen Gegenforderungen aufgerechnet werden. Der Verpflichtete habe in seinem Oppositionsgesuch deutlich gemacht, dass in Relation der beiden betriebenen Kostenforderungen zu dem von ihm unstrittig geleisteten Prozesskostenvorschuss sogar noch eine rechnerische Differenz zu seinen Gunsten bestehe. Damit sei eine Aufrechnungserklärung hinreichend dokumentiert und die im Oppositionsgesuch geltend gemachten Gründe seien in unbedenklicher Weise dargetan.
Das Rekursgericht ließ den ordentlichen Revisionsrekurs nachträglich zu, weil die Argumentation der Betreibenden, sie habe zum Zeitpunkt des Entstehens der Kostenforderung keine Gegenforderung anerkannt und es sei der geleistete Prozesskostenvorschuss durch weitergehende Vertretungskosten (Strafverfahren; Verfahren auf Erlassung einer einstweiligen Verfügung zum Schutz gegen die Gewalttätigkeit des Verpflichteten; Verhandlungen über eine mögliche Scheidungsfolgenvereinbarung) verbraucht worden, soweit ersichtlich noch nicht Gegenstand einer höchstgerichtlichen Entscheidung geworden sei.
In ihrem Revisionsrekurs macht die Betreibende zusammengefasst geltend, nach ständiger Rechtsprechung könne die Aufrechnung nur dann als Befriedigung iSd § 40 Abs 1 EO angesehen werden, wenn die Gegenforderung vom Betreibenden anerkannt oder wenn sie rechtskräftig festgestellt worden sei; dies sei durch eine unbedenkliche Urkunde darzutun. Diese Voraussetzungen seien hier nicht erfüllt.
Die vom Verpflichteten erst vier Wochen nach der Verständigung von der nachträglichen Zulassung des Revisionsrekurses und damit außerhalb der Frist des § 521 Abs 1 iVm § 508 Abs 5, § 528 Abs 2a ZPO und § 78 EO erstattete Revisionsrekursbeantwortung ist verspätet und daher zurückzuweisen.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist wegen einer vom Obersten Gerichtshof aufzugreifenden Fehlbeurteilung des Rekursgerichts zulässig und berechtigt.
1. Gemäß § 40 Abs 1 EO kann der Verpflichtete insbesondere dann, wenn der Betreibende nach Entstehung des Titels bzw bei gerichtlichen Entscheidungen nach dem Zeitpunkt, bis zu dem der Verpflichtete von den entsprechenden Tatsachen im vorausgegangenen gerichtlichen Verfahren wirksam Gebrauch machen konnte, befriedigt wurde, die Einstellung der Exekution beantragen, ohne vorläufig Klage gemäß § 35 EO zu erheben. Ein solches Oppositionsgesuch ermöglicht dem Verpflichteten also unter bestimmten Umständen den einfacheren Weg der Antragstellung im Exekutionsverfahren. Die Verweisung solcher Anträge ins Exekutionsverfahren ist allerdings nur eine vorläufige. Stellt sich nämlich bei Erledigung des Antrags heraus, dass die Entscheidung von der Klärung eines streitigen Sachverhalts abhängt, wird der Verpflichtete mit seinem Antrag auf den Rechtsweg verwiesen, dh er muss nun doch Klage nach § 35 EO erheben (Jakusch in Angst/Oberhammer3 § 40 EO Rz 1).
2. In seinem Oppositionsgesuch hat der Verpflichtete entgegen der Ansicht des Rekursgerichts
– zutreffend, weil ein Vorschuss von der Forderung abgerechnet und nicht gegen sie aufgerechnet wird (RS0019454 [T1]) – nicht Aufrechnung mit einer ihm zustehenden Gegenforderung, sondern vielmehr das Erlöschen der beiden betriebenen Kostenforderungen unmittelbar durch den von ihm geleisteten Prozesskostenvorschuss geltend gemacht. Es kommt hier deshalb gar nicht darauf an, unter welchen Voraussetzungen die Aufrechnung einen Oppositionsgrund bilden kann.
3. Wie das Rekursgericht richtig erkannt hat, steht der Umstand, dass der Verpflichtete den Prozesskostenvorschuss während des anhängigen Scheidungsverfahrens und damit bereits vor Schaffung der Kostentitel geleistet hat, der Geltendmachung eines Oppositionsgrundes in diesem Zusammenhang nicht entgegen:
3.1. Der – im vorliegenden Fall im Vergleichsweg begründete – Anspruch auf Leistung eines Prozesskostenvorschusses iSd § 382 Abs 1 Z 8 lit a EO stellt einen Ausfluss der Pflicht zur Leistung des gesetzlichen Unterhalts dar (RS0005627). Die Deckung notwendiger Prozess- und Anwaltskosten zählt zum Unterhalt, wenn sich aus der Prozessgefahr oder Prozessführung ein besonderer Unterhaltsbedarf ergibt, den der Unterhaltsberechtigte aus den laufenden Unterhaltsbeiträgen nicht decken kann (RS0047386 [T1]; RS0013486).
3.2. Es entspricht dem Wesen eines Kostenvorschusses, dass der Empfänger diesen mit den von ihm in der Folge tatsächlich aufgewendeten (Prozess-)Kosten verrechnen, also einen allfälligen Überschuss zurückzahlen muss (in diesem Sinn schon 4 Ob 114/06b). Auch der Prozesskostenvorschuss ist daher als zweckgebundener und verrechenbarer, bei Zweckverfehlung auch rückforderbarer Vorschuss zu behandeln (vgl RS0108906 [T6] zu den Kosten einer künftigen Heilbehandlung).
3.3. Der Verpflichtete macht hier eine Verrechnung des Vorschusses geltend, indem er die Tilgung der beiden betriebenen, aus dem Scheidungsverfahren stammenden Kostentitel durch seine Vorausleistung, dh die Verwertung des Prozesskostenvorschusses im Sinn seiner Zweckwidmung, reklamiert, um eine unzulässige Doppelbelastung mit identen Kosten zu vermeiden. Das bedeutet eine nachträgliche Widmung einer schon im Voraus geleisteten Zahlung entsprechend § 1415 ABGB.
3.4. Da eine unzulässige Doppelbelastung erst dann in Betracht kommt, wenn nicht nur ein Vorschuss für bestimmte Kosten der Unterhaltsberechtigten erlegt wurde, sondern der Erleger darüber hinaus auch vom Gericht zum Ersatz dieser Kosten an die Unterhaltsberechtigte verpflichtet wurde, scheidet eine Geltendmachung vor Rechtskraft der Kostenentscheidung und daher vor Schluss der Verhandlung im Titelprozess aus. Bis zur Rechtskraft der Kostenentscheidung steht ja gar nicht fest, ob und allenfalls in welcher Höhe der Erleger Kosten zu ersetzen hat (vgl auch RS0000786 [T1] zur Unmöglichkeit einer Aufrechnung gegen einen Kostentitel bereits im zugrunde liegenden Titelverfahren).
3.5. Der Oppositionsgrund besteht daher im Erlöschen der betriebenen Kostenforderung, das durch eine nachträgliche Widmung des schon früher geleisteten Prozesskostenvorschusses durch den Verpflichteten auf eine vom Zweck des Prozesskostenvorschusses erfasste, erst später titulierte Kostenschuld eintritt.
4. Die Beurteilung des Rekursgerichts, die Exekution sei schon deshalb einzustellen, weil der vom Verpflichteten unstrittig erlegte Prozesskostenvorschuss die der Betreibenden im Scheidungsverfahren zugesprochenen Prozesskosten übersteige, greift zu kurz. Mit dieser Auffassung ignoriert das Rekursgericht nämlich das Vorbringen der Betreibenden in ihrer Äußerung zum Einstellungsantrag, wonach ihr über die titulierten Kosten hinaus umfangreiche weitere Kosten im Zusammenhang mit dem Scheidungsverfahren entstanden seien und sie den nicht nur dafür gewidmeten Prozesskostenvorschuss bereits zur Begleichung dieser Kosten verbraucht habe. Der Verpflichtete hält dem die Widmung des Prozesskostenvorschusses nur für die Kosten des Scheidungsverfahrens und die Überhöhung der von der Betreibenden aufgewendeten Kosten entgegen.
5. Zwar sind hier sowohl die Leistung des Prozesskostenvorschusses als auch die betriebenen Forderungen sowie die nachträgliche Widmung durch den Verpflichteten unstrittig, nicht aber die beachtlichen Einwendungen der Betreibenden.
5.1. Das Verfahren, für das ein Prozesskostenvorschuss gewährt werden soll, muss den Unterhaltsberechtigten betreffen. Es ist aber ohne Belang, ob es sich gegen den Unterhaltspflichtigen oder gegen einen Dritten richtet und um welche Art von Verfahren es sich handelt. Es muss also nicht zwingend ein Scheidungs- oder Unterhaltsverfahren sein; vielmehr kommen etwa auch die Kosten eines Strafverfahrens in Betracht (Gitschthaler in Gitschthaler/Höllwerth, Ehe- und Partnerschaftsrecht [2011] § 382 Abs 1 Z 8 lit a EO Rz 55 mwN). Ziel des Prozesskostenvorschusses ist ua die Möglichkeit, Streitfragen unter angemessenen Rahmenbedingungen klären zu können, also auch eine Waffengleichheit zwischen den prozessierenden Ehegatten herzustellen (König, Einstweilige Verfügungen im Zivilverfahren5 [2017] Rz 4/17). Der unterhaltsberechtigte Ehegatte muss die Möglichkeit haben, dem Standpunkt des Gegners mit einem vergleichbaren juristischen Aufwand entgegen zu treten; insoweit sind Unbilligkeiten zu vermeiden (3 Ob 152/16y; 4 Ob 106/19w).
5.2. Dem zwischen den Streitteilen geschlossenen Vergleich über die Leistung eines Prozesskostenvorschusses durch den (jetzt) Verpflichteten ist eine ausdrückliche Zweckwidmung nicht zu entnehmen, weshalb die Behauptung des Verpflichteten, er sei ausschließlich für die Kosten des Scheidungsverfahrens gewidmet, urkundlich nicht belegt ist. Der Umstand allein, dass die Übernahme der Vorschusspflicht in einem im Scheidungsverfahren geschlossenen Vergleich erfolgte, lässt nicht den Schluss zu, dass damit nur die Kosten des Scheidungsprozesses abgedeckt werden sollten, weil damit typischerweise weitere Verfahren und Verhandlungen für eine einvernehmliche Lösung einhergehen.
5.3. Der Rechtssatz, wonach der Schuldner (bereits) mit Leistung des Vorschusses einen entsprechenden Teil seiner Schuld im Voraus tilgt (RS0019458), gilt nur für den hier gerade nicht vorliegenden (Regel-)Fall eines (ausdrücklich oder schlüssig) nur für eine konkrete Verbindlichkeit geleisteten Vorschusses. Hier bedurfte es hingegen der vom Verpflichteten nachträglich erklärten Widmung. Diese Zweckwidmung ist auch deshalb wesentlich, weil nur daran gemessen werden kann, ob der von der Betreibenden behauptete, bereits erfolgte Verbrauch des Vorschusses dem Wunsch des Verpflichteten erfolgreich entgegen gehalten werden kann. Sofern nämlich die Betreibende den Prozesskostenvorschuss im Sinn seiner Zweckwidmung schon für andere Kosten verbraucht haben sollte, als sie der titulierten Kostenersatzpflicht des Verpflichteten zugrunde liegen, wäre eine unzulässige Doppelbelastung des Verpflichteten zu verneinen.
5.4. Auf den Verbrauch des Vorschusses kann sich die Betreibende nur dann erfolgreich berufen, wenn sie damit bereits vor der Widmungserklärung des Verpflichteten fällige (und mit den betriebenen nicht deckungsgleiche) Kosten bezahlt hat. Denn nur in diesem Fall steht ihr der Vorschuss nicht mehr zur Verfügung, sodass eine Doppelbelastung des Verpflichteten für ein und dieselben Kosten ausgeschlossen ist.
5.5. Zur Höhe der Kosten ist zu bedenken, dass die Notwendigkeit der einzelnen Maßnahmen im Einzelfall zu prüfen und vor allem darauf Bedacht zu nehmen ist, ob auch der Gegner anwaltlich vertreten ist; maßgeblich ist, ob auch andere vernünftige und sorgfältige Personen in der Lage der Unterhaltsberechtigten ein ähnliches kostenverursachendes Verhalten gesetzt hätten, dieses also als vernünftige und zweckentsprechende Rechtsverfolgungsmaßnahme iSd § 41 ZPO anzusehen ist (1 Ob 67/05t SZ 2005/55; 9 Ob 121/06v; 3 Ob 152/16y; 4 Ob 106/19w; Gitschthaler, Unterhaltsrecht4 Rz 1708). Eine zwingende Beschränkung auf eine Berechnung der Kosten nach dem RATG ist daher wegen der erforderlichen Einzelfallbeurteilung nicht generell vorgegeben (vgl 3 Ob 152/16y).
6. Somit hängt die Entscheidung über das Oppositionsgesuch von der Ermittlung und Feststellung streitiger Tatumstände ab, weshalb der Verpflichtete mit seinen Einwendungen auf den Rechtsweg zu verweisen ist.
Aufgrund einer von ihm einzubringenden Oppositionsklage wäre insbesondere im Sinn der dargestellten Grundsätze zu klären, wofür der von ihm geleistete Prozesskostenvorschuss gewidmet wurde, für die Begleichung welcher konkreten Verfahrens- und Anwaltskosten die Klägerin den Prozesskostenvorschuss wann verwendete und ob (bzw inwieweit) diese Kosten zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendig und der Höhe nach angemessen waren.
7. Die Kostenentscheidung beruht auf § 74 EO. |
JJT_20191104_OGH0002_0030OB00191_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126909 | 3Ob191/19p (3Ob192/19k, 3Ob193/19g) | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191104_OGH0002_0030OB00191_19P0000_000/JJT_20191104_OGH0002_0030OB00191_19P0000_000.html | 1,572,825,600,000 | 2,009 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Rechtssache der betreibenden Partei R * GmbH, *, vertreten durch Dr. Bernd Roßkothen, Rechtsanwalt in Salzburg, gegen die verpflichtete Partei R * GmbH, *, vertreten durch König & Kliemstein Rechtsanwälte OG in Salzburg, wegen Unterlassung, über die Revisionsrekurse der betreibenden Partei gegen die Beschlüsse des Landesgerichts Salzburg als Rekursgericht vom 7. August 2019, GZ 53 R 159/19t-62, 53 R 160/19i-63 und 53 R 161/19m-64, womit die Beschlüsse des Bezirksgerichts Salzburg vom 17. Juni 2019, GZ 6 E 2252/19t-2, vom 19. Juni 2019, GZ 6 E 2252/19t-4 und vom 24. Juni 2019, GZ 6 E 2252/19t-7, abgeändert wurden, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Den Revisionsrekursen wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Die Verpflichtete hat es aufgrund einer einstweiligen Verfügung zu unterlassen, der Betreibenden bzw deren Mitarbeitern den Zugang zu der auf dem Server der Verpflichteten liegenden (im Titel näher angeführten) Software und Zugriff auf näher beschriebene – die Betreibende betreffende – Daten zu verweigern. In dieser Entscheidung wurde das Mehrbegehren, die nunmehr Verpflichtete auch zu verpflichten, „die Forti-Client-Verbindung (über Internetkabel) und den Terminalserver für das Einwählen von außen in Betrieb zu halten und alle angelegten und gespeicherten Nutzer der [nunmehr] betreibenden Partei frei zu halten“ abgewiesen. Letzteres wurde damit begründet, dass dazu keine Verpflichtung vorliege.
Die Betreibende beantragte am 14. Juni 2019 ua die Bewilligung der Exekution gemäß § 355 EO und die Verhängung einer Geldstrafe mit der Behauptung, die Verpflichtete verweigere trotz Erlasses der einstweiligen Verfügung beharrlich den Zugang zum Server weiterhin „bis heute“ (ON 1). Diesem Exekutionsantrag war auch die Kopie eines Fotos von einem Computerbildschirm angeschlossen, auf dem (neben dem Schriftzug des Serverbetriebssystems „WindowsServer2000R2 Standard“ nur) zu lesen ist: „Das Konto wurde deaktiviert. Wenden Sie sich an den Systemadministrator“.
Mit seinem Beschluss vom 17. Juni 2019 bewilligte das Erstgericht aufgrund des behaupteten Verstoßes am 14. Juni 2019 der Betreibenden gegen die Verpflichtete die Exekution nach § 355 EO und verhängte über die Verpflichtete eine Geldstrafe von 7.500 EUR (ON 2). Die Betreibende habe einen Titelverstoß am 14. Juni 2019 konkret und schlüssig behauptet. Das Erstgericht ging davon aus, dass der Titel teilweise nicht dem Bestimmtheitserfordernis des § 7 EO entspreche, weil er sich auch auf nicht näher konkretisierte Serverdaten beziehe. Insoweit der Exekutionsantrag auch auf diesen Teil des Titels gestützt wurde, wies es das diesbezügliche Mehrbegehren erkennbar ab, was ebenso unbekämpft blieb wie die Abweisung des weiteren Antrags der Betreibenden, der Verpflichteten eine Beugehaft von drei Monaten anzudrohen.
In der Folge stellte die Betreibende am 18. Juni 2019 (ON 3), am 21. Juni 2019 (ON 5) und am 24. Juni 2019 (ON 6) Anträge auf neuerliche Verhängung einer Geldstrafe. Sie brachte darin jeweils vor, dass die Verpflichtete nach Eintritt der Vollstreckbarkeit des Exekutionstitels neuerlich „nämlich durchgehend bis heute 18. 6. 2019“ (ON 3), „nämlich durchgehend bis heute 21. 6. 2019“ (ON 5) bzw „nämlich durchgehend bis heute 24. 6. 2019“ (ON 6) gegen die einstweilige Verfügung verstoßen habe, indem ihr nach wie vor der Zugang zum Server verweigert werde. Den Strafanträgen waren jeweils Screenshots angeschlossen, auf denen wiederum „Das Konto wurde deaktiviert. Wenden Sie sich an den Systemadministrator“ (allerdings kein Hinweis auf das Serverbetriebssystem) zu lesen war. Weiters ist auf den Screenshots jeweils in der linken oberen Ecke aber auch Folgendes zu lesen „Terminal Server – 192.168.100.240 – Remotedesktopverbindung“.
Mit seinen Beschlüssen vom 19. Juni 2019 (ON 4) und vom 24. Juni 2019 (ON 7) verhängte das Erstgericht aufgrund der weiteren Strafanträge für die behaupteten Verstöße weitere Geldstrafen pro Antrag von jeweils 7.500 EUR.
Das Rekursgericht gab mit den angefochtenen Beschlüssen den Rekursen der Verpflichteten gegen erstgerichtlichen Beschlüsse ON 2, ON 4 und ON 7 jeweils im antragsabweisenden Sinn statt (ON 62 bis 64). Es ging dabei jeweils davon aus, dass die Betreibende keine konkrete Weigerungshandlung der Verpflichteten behauptet habe. Der Exekutionstitel gebe nicht eindeutig und bestimmt an, was die verpflichtete Partei zu unterlassen habe. Damit sei eine Bewilligung der Exekution auf Basis der Angaben im Exekutionsantrag nicht möglich. Das Rekursgericht ließ den ordentlichen Revisionsrekurs jeweils zur Bestimmtheit der Formulierung des Unterlassungsgebots für jene Fallkonstellation zu, die davon geprägt ist, dass jener Teil der beantragten einstweiligen Verfügung abgewiesen wird, den der Antragsteller zur Gewährleistung der Unterlassungsverpflichtung im Sinne eines Leistungsbegehrens formuliert hat.
Gegen die referierten Entscheidungen des Rekursgerichts richten sich die Revisionsrekurse der betreibenden Partei jeweils mit dem Antrag auf Abänderung im stattgebenden Sinn.
Rechtliche Beurteilung
Die Revisionsrekurse sind zur Klarstellung zulässig, aber nicht berechtigt.
1. Die im Exekutionstitel als Verbot bestehende Dauerpflichten sind grundsätzlich auch dann im Wege des § 355 EO durchzusetzen, wenn sie im Titel als unvertretbares Handeln formuliert sind (Höllwerth in Burgstaller/Deixler-Hübner § 355 EO Rz 2 mwN).
2. Eine Exekution nach § 355 EO darf allerdings nur dann bewilligt werden, wenn das behauptete konkrete Verhalten des Verpflichteten titelwidrig ist (RS0004808; Klicka in Angst/Oberhammer3 § 355 EO Rz 9).
2.1 Ein Verstoß gegen eine Unterlassungsverpflichtung wird am Inhalt des Exekutionstitels gemessen. Im Rahmen der Bewilligung zur Erwirkung von Unterlassungen ist daher nur zu prüfen, ob das im Exekutionsantrag behauptete Verhalten titelwidrig ist, nicht hingegen, ob das Vorbringen auch den Tatsachen entspricht (RS0113988 [T7]). Nur ein Verhalten des Verpflichteten, welches eindeutig gegen das im Exekutionstitel ausgesprochene Unterlassungsgebot verstößt, rechtfertigt Exekutionsschritte gemäß § 355 EO (RS0000595).
2.2Â Dabei darf die Exekution nur aufgrund eines Exekutionstitels bewilligt werden, dem nebst der Person des Berechtigten und des Verpflichteten auch Gegenstand, Art, Umfang und Zeit der geschuldeten Unterlassung eindeutig und bestimmt zu entnehmen sind (RS0000771 [T5]). Eine generelle Verpflichtung zur Unterlassung bildet keinen ausreichend bestimmten Exekutionstitel (RS0000771).
2.3.1 Der Begriff der Bestimmtheit eines Unterlassungsbegehrens darf allerdings nicht allzu eng ausgelegt werden, weil es praktisch unmöglich ist, alle nur denkbaren Eingriffshandlungen zu beschreiben (RS0000845). Eine gewisse allgemeine Fassung des Unterlassungsgebots ist – allerdings im Verein mit konkreten Einzelverboten – meist schon deshalb notwendig, um Umgehungen nicht allzu leicht zu machen (RS0000845 [T14]; RS0002023 [T6]; RS0037607).
2.3.2 Bei einer Unterlassungsklage muss die Unterlassungspflicht so deutlich gekennzeichnet sein, dass ihre Verletzung gemäß § 355 EO exekutiv getroffen werden kann; eine Anführung aller Möglichkeiten des Zuwiderhandelns ist aber nicht nur unmöglich, sondern auch überflüssig, weil es allenfalls dem Exekutions-bewilligungsrichter obliegen wird zu beurteilen, ob bei einer Exekutionsführung die von der betreibenden Partei behauptete Zuwiderhandlung als Verstoß gegen den Exekutionstitel gewertet werden kann (RS0000878). Das Unterlassungsbegehren ist jedoch zu konkretisieren; allgemeine Umschreibungen genügen nicht; die Abgrenzungskriterien müssen derart bestimmt angegeben sein, dass es zu keiner Verlagerung des Rechtsstreits in das Exekutionsverfahren kommt (RS0000878 [T7]).
2.3.3 Allgemein gilt, dass ein Unterlassungsgebot das verbotene Verhalten so deutlich umschreiben muss, dass es dem Beklagten als Richtschnur für sein künftiges Verhalten dienen kann; diesem Erfordernis genügen näher konkretisierte, allgemeine Begriffe nicht, sondern es muss in einer für das Gericht und die Parteien unverwechselbaren Weise feststehen, was geschuldet wird (RS0119807). Daher ist es etwa auch nicht möglich, pauschal „Handlungen zu Zwecken des Wettbewerbs, die gegen die guten Sitten verstoßen,“ zu verbieten (RS0119807 [T2]). Auch ein Begehren, der Beklagte habe alle Maßnahmen zu unterlassen, die die Beeinträchtigung näher bezeichneter Wasserbenützungsrechte der klagenden Partei herbeiführen, ist nach der Rechtsprechung zu unbestimmt (1 Ob 27/91), weil sich daraus nicht ableiten lässt, welche Maßnahmen dem Beklagten verboten werden sollen. Das Begehren, der Beklagte habe „alle Handlungen zu unterlassen, mit welchen Geschäftspartner der gefährdeten Partei zur Kündigung von Lieferverträgen mit dieser bewogen werden sollen“ (4 Ob 303/64 = RS0037653) oder das Gebot, ungehindert die Ausübung der Gesellschaftsrechte nach einem mündlichen Vertrag zu gestatten (3 Ob 58/54 = RS0000543), wurden von der Judikatur ebenfalls als ungenügend konkretisiert beurteilt. Zuletzt hat der Senat eine Verpflichtung als unbestimmt und damit nicht als exekutionstauglich qualifiziert, bei dem der Verpflichteten untersagt wurde, die Ausübung des Stimmrechts der Betreibenden in Generalversammlungen einer GmbH bei der Beschlussfassung über Budget, Investitionsplan und/oder Budget inclusive Investitionsplan zu beeinträchtigen (3 Ob 135/19b).
2.4 Im Titel, der dem gegenständlichen Antrag zugrundeliegt, bleiben die zu unterlassenden Handlungen offen. Dabei ist vor allem zu berücksichtigen, dass der Verpflichteten nach dem Titel nur ganz allgemein verboten wurde, der Betreibenden den Zugang zu bestimmten (auf dem Server der Verpflichteten liegenden) Programmen bzw Daten zu verweigern. Daraus lässt sich schwer ableiten, wie die Verpflichtete der Betreibenden den Zugang konkret gewähren soll, zumal dies auf mannigfaltige Weise geschehen könnte. Die Programme und Daten könnten beispielsweise auf externen Datenträgern gespeichert werden, die von der Betreibenden abgeholt oder aber auch ihr übermittelt werden. Ebenso ist es möglich, dass die Betreibende direkt beim Server(-raum) der Verpflichteten auf die Programme und Daten zugreift oder lokal im Netzwerk der Verpflichteten einsteigt. Technisch denkbar (aber aufgrund des Titels rechtlich ausgeschlossen, dazu unten) ist auch ein Zugriff über das Internet.
Die Argumentation der Betreibenden, dass mit dem Wort „Serverzugang“ stets ein Zugang von „außen“ über das Internet gemeint sei, verfängt im Anlassfall nicht. Abgesehen davon, dass der Verpflichtete nur verboten wurde, den Zugang zu näher beschriebenen auf dem Server liegenden Daten und Programmen (nicht aber den „Serverzugang“ per se) zu verweigern, ist die Verpflichtete nach dem Titel aufgrund der Abweisung des Mehrbegehrens nicht verpflichtet, den Zugriff von außen über das Internet zu dulden. Der (hier zwei unterschiedliche Teile umfassende) Spruch des Exekutionstitels ist bei der Erledigung des Exekutionsantrags für die Auslegung des Titels maßgeblich (RS0000296). Wegen der im Spruch erfolgten Teilabweisung stellt der stattgebende Teil des Spruchs gegenüber dem Rechtsschutzbegehren nur ein Minus dar. Damit ist für die Auslegung des stattgebenden Teils des Titels klar, dass dieser das abgewiesene Begehren nicht umfassen kann. Der Zuspruch erfolgte nur im durch die Teilabweisung reduzierten Ausmaß. Entgegen den Ausführungen im Rechtsmittel folgt aus dieser (im Verfügungsverfahren auf eine fehlende Verpflichtung gestützten) Teilabweisung, dass der Zugang zu den auf dem Server liegenden Daten und Programmen gerade nicht über das Internet gewährt werden muss.
2.5 Der Titel ist daher zu unbestimmt und kann keine Grundlage für eine Exekutionsbewilligung nach § 355 EO bilden.
3. Auch der Hinweis der Betreibenden auf die Judikatur von Erfolgsverboten kann nicht zum Erfolg ihres Rechtsmittels führen. Die Betreibende argumentiert hier damit, dass es sich bei der titelmäßigen Verpflichtung um ein Erfolgsverbot handle, bei dem die Verpflichtete zu einer Handlung gezwungen werde, die der Art nach ihr zu überlassen sei.
3.1 Verbreitete Anwendungsbereiche des nach § 355 EO zu vollstreckenden Erfolgsverbots, das ein der Art nach dem Verpflichteten überlassenes Verhalten zur Abwehr des verbotenen Erfolgs erfordert, sind vor allem der Eigentums- und Besitzschutz (RS0010566), aber auch Dauerverpflichtungen im IT-Bereich (4 Ob 71/14s: Unterlassung des Vermittelns des Zugangs zu einer Website mit rechtswidrigen Inhalten).
3.2 Die Vollstreckung derartiger Erfolgsverbote steht schon deshalb nicht mit dem Bestimmtheitsgebot im Spannungsfeld, weil für den Verpflichteten klar ist, dass er den Eintritt eines bestimmten Erfolgs zu verhindern hat, etwa bestimmte Emission, ein verbotenes Eindringen, eine bestimmte Besitzstörung, einen Zugang zu einer Website mit rechtswidrigen Inhalten, etc (RS0010566). Als „Erfolg“ ist daher der Eintritt eines bestimmten Ereignisses zu verstehen (vgl auch die im Rechtsmittel zutreffend angeführten Beispiele: Hundegebell, Eindringen von Tennisbällen). In solchen Fällen bleibt es dem Titelschuldner überlassen, auf welche Art er den Erfolg verhindert.
3.3 Im hier zu beurteilenden Fall geht aus dem Titel gerade nicht hervor, welchen verbotenen Erfolg die Verpflichtete zu verhindern hat. Die Betreibende qualifiziert die Zugriffsverweigerung als „Erfolgsunterlassung“. Darin liegt aber kein Erfolgsereignis im Sinne der oben referierten Judikatur. Schließt man sich dem Standpunkt der Betreibenden an, bliebe es der Verpflichteten gerade nicht überlassen, auf welche Art sie diesen „Erfolg“ abwendet. Eine Zugriffsverweigerung setzt nämlich einen Zugriffsversuch der Betreibenden voraus. Oben wurde bereits darauf hingewiesen, dass ein Zugriff(-sversuch) auf Programme und Daten auf verschiedene Arten erfolgen kann. Dadurch könnte der Titelschuldner aber nicht mehr wählen, auf welche Art er den „Erfolg“ verhindert. Nach der Argumentation der Betreibenden müsste die Verpflichtete aber jegliche von der Gegenseite gewählte Variante eines Zugriffs auf die auf ihren Server liegenden Daten und Programme dulden. Damit steht es ihr aber gerade nicht frei, wie sie den Zugang zu den Daten und Programmen auf ihren Server bewirkt (vgl 3 Ob 44/02w). Auch das zeigt, dass sich die Betreibende hier nicht auf die Judikatur zu Erfolgsverboten berufen kann.
4. Die weiteren Strafanträge ON 3, ON 5 und ON 6 wurden vom Rekursgericht auch deshalb zutreffend abgewiesen, weil dazu Bescheinigungsmittel vorliegen, die die behaupteten Verstöße widerlegen (RS0113988; RS0004808 [T1]). Nach dem abweisenden Teil des Titels besteht – wie ausgeführt – gerade keine Verpflichtung der Verpflichteten, den Zugriff auf die am Server liegenden Programme und Daten von außen via Internet zu dulden. Aufgrund der in den weiteren Strafanträgen vorliegenden Urkunden ist (im Gegensatz zum Antrag ON 1) klar, dass die Betreibende den gescheiterten Zugriff von außen über das Internet versucht hat (vgl den Screenshot, auf dem „Remotedesktopverbindung“ und „Terminal Server“ ersichtlich ist).
5. Damit erweist sich die Abweisung des Exekutionsantrags und der weiteren Strafanträge als zutreffend. Der Revisionsrekurs muss deshalb erfolglos bleiben. |
JJT_20191216_OGH0002_0070OB00203_19G0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126911 | 7Ob203/19g | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00203_19G0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00203_19G0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 570 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Dr. Höllwerth, Dr. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Rechtssache der gefährdeten Partei K* S*, vertreten durch Mag. Silvia Fahrenberger, Rechtsanwältin in Scheibbs, gegen den Gegner der gefährdeten Partei M* S*, vertreten durch Dr. Martin Mahrer, Rechtsanwalt in Wien, wegen einstweiliger Verfügung gemäß § 382e EO, über den Revisionsrekurs des Gegners der gefährdeten Partei gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 30. Oktober 2019, GZ 23 R 436/19v-12, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts St. Pölten vom 23. September 2019, GZ 2 C 59/19k-7, aufgehoben wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Der Antrag auf Zuspruch der Revisionsrekurskosten wird abgewiesen.
Der Antrag auf Zuspruch der Kosten des Verfahrens erster und zweiter Instanz wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die gefährdete Partei (fortan: Antragstellerin) begehrte die Erlassung einer einstweiligen Verfügung nach gemäß § 382e EO.
Das Erstgericht wies den Sicherungsantrag
– ohne Anhörung des Gegners der gefährdeten Partei (fortan: Antragsgegner) – ab.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs der Antragstellerin dahin Folge, dass es den Beschluss des Erstgerichts aufhob und diesem die neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung auftrug. Es sprach aus, dass der „ordentliche Revisionsrekurs“ zulässig sei, weil aus näher angeführten Erwägungen eine erhebliche Rechtsfrage zu klären sei.
Gegen diesen Beschluss des Rekursgerichts richtet sich der Revisionsrekurs des Antragsgegners mit dem Antrag, den Beschluss des Rekursgerichts aufzuheben und den Beschluss des Erstgerichts wiederherzustellen.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist unzulässig.
1. Gemäß § 402 Abs 1 Satz 1 EO ist § 521a ZPO sinngemäß anzuwenden, wenn das Verfahren einen Rekurs gegen einen Beschluss über einen Antrag auf Erlassung einer einstweiligen Verfügung, über einen Widerspruch nach § 397 EO oder über einen Antrag auf Einschränkung oder Aufhebung einer einstweiligen Verfügung zum Gegenstand hat. Dies gilt jedoch nach § 402 Abs 2 EO nicht für einen Rekurs des Antragstellers gegen die Abweisung eines Antrags auf Erlassung einer einstweiligen Verfügung, wenn der Antragsgegner zum Antrag noch nicht einvernommen worden ist.
2. Mit dieser Einschränkung wollte der Gesetzgeber klarstellen, dass der Rekurs bei Erlassung einer einstweiligen Verfügung nur dann zweiseitig sein soll, wenn auch das Verfahren erster Instanz bereits zweiseitig geworden war, wie dies der rezipierten Regelung des § 521a ZPO entspricht. Damit soll berücksichtigt werden, dass dem Antragsgegner, der mangels Anhörung vor der Beschlussfassung des Erstgerichts noch nicht in das verfahrensrechtliche Rechtsverhältnis einbezogen wurde, auch im Verfahren über den Rekurs gegen die Abweisung des Sicherungsantrags keine Parteistellung zukommt.
3. Der Antragsgegner wird am Verfahren aber auch nicht dadurch beteiligt, dass das Rekursgericht die Auffassung des Erstgerichts nicht teilt und diesem eine neuerliche Entscheidung aufträgt. Daran ändert sich auch dadurch nichts, dass das Rekursgericht seinem Aufhebungsbeschluss einen Rechtskraftvorbehalt beisetzte. Auch in dieser Konstellation wird der Antragsgegner durch den Rechtsmittelausschluss in seinen Rechten nicht verkürzt, weil er sich im erneuerten Verfahren äußern und, sollte er wiederum nicht gehört werden, gegen die vom Erstgericht gegebenenfalls erlassene einstweilige Verfügung Widerspruch (§ 397 EO) erheben kann. Auch die Bindung des Erstgerichts und des Gerichts zweiter Instanz an die im Aufhebungsbeschluss geäußerte Rechtsansicht beschränkt nicht die Rechtsmittelmöglichkeiten des Antragsgegners im zweiten Rechtsgang (1 Ob 659/88; RS0005666; G. Kodek in Burgstaller/Deixler-Hübner, § 402 EO Rz 13).
4. Der Umstand, dass das Erstgericht dem Antragsgegner den erst- und zweitinstanzlichen Beschluss
– ohne Notwendigkeit – zugestellt hat, begründet dessen Parteistellung für das Rechtsmittelverfahren ebenfalls nicht (RS0006882).
5. Der Revisionsrekurs des Antragsgegners ist somit unzulässig und zurückzuweisen.
6. Der Antragstellerin gebühren keine Kosten für die Revisionsrekursbeantwortung, weil sie nicht auf den Zurückweisungsgrund hingewiesen hat. Für die Entscheidung über die Kosten des Verfahrens erster und zweiter Instanz ist der Oberste Gerichtshof funktionell nicht zuständig. |
JJT_20191118_OGH0002_0080OB00098_19Y0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126913 | 8Ob98/19y | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00098_19Y0000_000/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00098_19Y0000_000.html | 1,574,035,200,000 | 1,777 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof. Dr. Kuras als Vorsitzenden, die Hofrätinnen und Hofräte Dr. Tarmann-Prentner, Mag. Korn, Dr. Stefula und Mag. Wessely-Kristöfel als weitere Richter in der Familienrechtssache des Antragstellers Ing. J*, vertreten durch Dr. Hans Kaska, Rechtsanwalt in St. Pölten, gegen die Antragsgegnerin M*, wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs des Antragstellers gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 17. Juli 2019, GZ 23 R 266/19v-10, mit dem dem Rekurs des Antragstellers gegen den Beschluss des Bezirksgerichts Tulln vom 5. Juni 2019, GZ 1 Fam 41/19b-4, nicht Folge gegeben wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Der Antragsteller ist schuldig, der Antragsgegnerin die mit 833,88Â EUR (darin enthalten 138,98Â EUR USt) bestimmten Kosten des Revisionsrekursverfahrens binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Der Antragsteller ist der Vater der (volljährigen) Antragsgegnerin. Aufgrund eines gerichtlichen Vergleichs ist er zu einer monatlichen Unterhaltsleistung von 780 EUR verpflichtet.
Der Antragsteller begehrt
1. festzustellen, dass durch die von ihm im Zeitraum Dezember 2017 bis einschließlich April 2019 geleisteten Zahlungen für Unterhalt an die Antragsgegnerin eine Überzahlung des Unterhalts im Umfang von 780 EUR gegenüber der Unterhaltsverpflichtung für die Zeiträume Jänner 2018 bis einschließlich Mai 2019 erfolgt ist und diese Überzahlung für Juni 2019 anzurechnen sei, sowie
2. die Antragsgegnerin zu verpflichten, Auskunft über ihre Einkünfte ab einschließlich Juli 2016 bis laufend zu erteilen; weiters Auskunft über Tätigkeiten oder Umstände, die sie an der Erzielung von Einkünften hindern, zu erteilen, insbesondere über einen allfälligen Schul- und Studienverlauf unter Angabe der besuchten Schulen und Universitäten, und die Bestätigungen über den Besuch der Schule, die Schulzeugnisse, Inskriptionsbestätigungen und Prüfungszeugnisse sowie Bestätigungen über die jeweils erreichten ECTS-Punkte vorzulegen.
Dazu brachte er vor, dass sich das rechtliche Interesse an der Feststellung laut Punkt 1 daraus ergebe, dass er ein Unterhaltsguthaben aufgrund Überzahlungen habe, ihm für den Fall einer Aufrechnungserklärung jedoch die Einleitung eines Exekutionsverfahrens in Aussicht gestellt worden sei.
Die Antragsgegnerin habe sich weiters geweigert, ihm Nachweise über ein Ausbildungsverhältnis bzw Studium vorzulegen. Nur auf Basis einer solchen Auskunft sei er aber in der Lage, gegebenenfalls einen Antrag in Richtung eines Erlöschens oder Einschränkung der Unterhaltspflicht zu stellen.
Das Erstgericht wies den Feststellungsantrag (Punkt 1) ab und den Antrag auf Erteilung von Auskünften und Vorlage von Urkunden (Punkt 2) zurück.
Das Rekursgericht gab dem dagegen vom Antragsteller erhobenen Rekurs nicht Folge und bestätigte den erstinstanzlichen Beschluss mit der Maßgabe, dass der Antrag laut Punkt 1 ebenfalls zurückgewiesen wird.
Zuviel bezahlte Unterhaltsbeiträge könnten nicht gegen laufenden Unterhalt aufgerechnet werden. Zudem sei im Außerstreitverfahren die einredeweise Geltendmachung von (nicht in diesem Verfahren zu entscheidenden) Gegenforderungen unzulässig, eine solche Aufrechnungseinrede sei mit Beschluss zurückzuweisen.
Zu Punkt 2 stelle der Unterhaltsverpflichtete ausschließlich einen Beweisantrag, jedoch ohne Sachantrag. Ein solches Vorgehen sei nur in Ausnahmen wie etwa im Rahmen einer Stufenklage zulässig. Im konkreten Fall behaupte der Rekurswerber jedoch gar nicht, dass die Unterhaltspflichtige über ein Eigeneinkommen verfügt, sondern wolle lediglich Nachweise. Dafür bestehe keine gesetzliche Grundlage.
Zum mit einem Unterhaltsenthebungsantrag verbundenen Kostenrisiko verwies das Rekursgericht auf die Abmilderung des Erfolgsprinzips in § 78 Abs 2 zweiter Satz AußStrG aus Gründen der Billigkeit.
Den Revisionsrekurs ließ das Rekursgericht nachträglich mit der Begründung zu, es sei nicht geklärt, ob die unzulässige Aufrechenbarkeit gegen laufenden Unterhalt einem Antrag auf Feststellung einer Überzahlung entgegenstehe. Außerdem komme der Frage erhebliche Bedeutung zu, ob dem Unterhaltspflichtigen zur Vermeidung des mit einem Enthebungsantrag verbundenen Kostenrisikos ein Auskunfts- und Rechnungslegungsanspruch zuzubilligen sei.
Gegen diesen Beschluss richtet sich der Revisionrekurs des Antragstellers mit dem Antrag, „die verfahrensgegenständlichen Anträge zuzulassen, über diese das Verfahren einzuleiten und zu entscheiden“.
Die Antragsgegnerin beantragte, den Revisionsrekurs zurück-, in eventu abzuweisen.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist aus den vom Rekursgericht genannten Gründen zulässig, aber nicht berechtigt.
1. Ein Begehren auf Rückzahlung zuviel gezahlter Unterhaltsbeiträge ist nicht im Außerstreitverfahren, sondern im streitigen Verfahren geltend zu machen (RIS-Justiz RS0114452). Unterhaltsbeträge, die vom Unterhaltspflichtigen irrtümlicherweise zuviel bezahlt und vom Berechtigten redlich verbraucht wurden, können nicht zurückgefordert und daher auch nicht gegen weitere Unterhaltsforderungen aufgerechnet werden (RS0047200). Auch eine Aufrechnung im Falle einer rückwirkenden Unterhaltsherabsetzung mit laufendem Unterhalt ist mangels rechtlichem Zusammenhang unzulässig (RS0003952 [T4]). Die Entscheidung 8 Ob 32/06y betraf die hier nicht vorliegende Sonderkonstellation, dass nach Ende der Unterhaltspflicht noch Unterhalt rechtswidrig im Exekutionsweg hereingebracht wurde. Lediglich für diesen Fall wurde die Aufrechnung gegen für die Vergangenheit rückwirkend erhöhten Unterhalt für zulässig erachtet.
Wenn der Antragsteller darauf verweist, es gehe nicht um die Frage der Aufrechnung, sondern um die Feststellung, dass Überzahlungen des Unterhalts in der Vergangenheit auf künftig fälligen Unterhalt gewidmet werden sollen, verkennt er, dass es sich bei der begehrten „Widmung“ um nichts anderes als um eine Aufrechnung handelt. Die „Widmung“ erfolgte selbst nach dem Vorbringen des Antragstellers nicht zum Zeitpunkt der Zahlung. Somit versucht er lediglich, die nicht zulässige Aufrechnung dadurch „zu umgehen“, in dem er die Aufrechnung seines allfälligen bereicherungsrechtlichen Rückforderungsanspruchs gegen die laufende Unterhaltsverpflichtung als Widmung und nicht als Aufrechnung tituliert.
2. Während nach älterer Rechtsprechung die Unterhaltsleistungsverpflichtung keine Rechnungslegungspflicht oder Eidespflicht begründete (RS0035020), wird von der jüngeren Judikatur eine solche zur Durchsetzung von Unterhaltsansprüchen im streitigen Verfahren als zulässig erachtet (RS0035020 [T1]; RS0119467). Begründet wird dies im Wesentlichen damit, dass im streitigen Unterhaltsverfahren keine Verpflichtung des Beklagten besteht, aktiv an der Feststellung seiner Einkommensverhältnisse mitzuwirken, während es im außerstreitigen Unterhaltsfestsetzungsverfahren der ständigen Rechtsprechung entspreche, dass der Unterhaltspflichtige bei der Feststellung seiner Einkommensverhältnisse mitzuwirken hat, widrigenfalls sein Einkommen nach freier Würdigung geschätzt werden könne (2 Ob 217/04g; 7 Ob 123/13h). Gemäß § 16 Abs 2 AußStrG ist die Partei eines Unterhaltsverfahrens verpflichtet, dem Gericht vollständig und wahrheitsgemäß alle ihr bekannten, für die Entscheidung des Gerichts maßgebenden Tatsachen und Beweise vorzubringen und anzubieten und alle darauf gerichteten Fragen des Gerichts zu beantworten. Gemäß § 102 Abs 1 AußStrG haben Personen, deren Einkommen oder Vermögen für die Entscheidung über den gesetzlichen Unterhalt zwischen in gerader Linie verwandten Personen von Belang ist, dem Gericht hierüber Auskunft zu geben und die Überprüfung von deren Richtigkeit zu ermöglichen.
Der Rechnungslegungsanspruch wurde zunächst im Fall von Unterhaltsansprüchen volljähriger Kinder, über die zu diesem Zeitpunkt noch im streitigen Verfahren zu entscheiden war, bejaht. Dies wurde damit begründet, dass es einen Wertungswiderspruch darstellen würde, wenn nur bei minderjährigen Kindern eine Mitwirkungspflicht des Unterhaltspflichtigen an der Feststellung seiner Einkommensverhältnisse bestünde, nicht aber bei großjährigen. Dieser könne nur dadurch beseitigt werden, dass man den großjährigen Kindern die Möglichkeit einräumt, eine Stufenklage nach Art XLII Abs 1 erster Fall EGZPO einzubringen (2 Ob 217/04g). In weiterer Folge wurde die Stufenklage auch im Bereich des Ehegattenunterhalts bejaht (10 Ob 47/07w; 7 Ob 123/13h).
Da es sich im gegenständlichen Fall um eine Unterhaltsleistungsverpflichtung handelt, die im Außerstreitverfahren geltend zu machen ist, besteht kein Rechnungslegungsanspruch vergleichbar einer Stufenklage nach Art XLII EGZPO. Ein solcher ist zur Geltendmachung von Ansprüchen auch nicht erforderlich. Im außerstreitigen Verfahren muss ein Antrag grundsätzlich kein bestimmtes Begehren enthalten, jedoch hinreichend erkennen lassen, welche Entscheidung oder sonstige gerichtliche Tätigkeit der Antragsteller anstrebt und aus welchem Sachverhalt er dies ableitet. Wird ausschließlich eine Geldleistung begehrt, ihre Höhe aber nicht bestimmt angegeben, so hat das Gericht die Partei unter Setzung einer angemessenen Frist zur ziffernmäßig bestimmten Angabe des Begehrens aufzufordern, sobald die Verfahrensergebnisse eine derartige Angabe zulassen (vgl § 9 AußStrG). Damit hat der Unterhaltsverpflichtete ebenso wie der Berechtigte die Möglichkeit, sich die Konkretisierung seines Antrags vorzubehalten bis ihm dies aufgrund der Verfahrensergebnisse möglich ist.
Die Verpflichtung zur Vorlage von entsprechenden Unterlagen bildet in diesem Konnex die Beweisgrundlage sowohl für die Konkretisierung des Antrags als auch die Entscheidung des Gerichts. Ein eigenständiger Anspruch auf Rechnungslegung ergibt sich aus dieser Bestimmung dagegen nicht.
Ein Herabsetzungsantrag wurde vom Antragsteller nicht gestellt.
3. Dem vom Rekursgericht in seinem Zulassungsausspruch betonten Kostenrisiko, mit dem ein ohne entsprechende Informationen gestellter Enthebungsantrag verbunden sei, ist entgegenzuhalten, dass § 78 Abs 2 AußStrG aus Gründen der Billigkeit ein Abweichen vom Erfolgsprinzip ermöglicht.
Nach dem zu EFSlg 133.139 veröffentlichten Leitsatz können tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten ein Abweichen vom Erfolgsprinzip erfordern (so auch EFSlg 137.174). Nach den Entscheidungen des Landesgerichts Salzburg und des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien EFSlg 133.140 könne die Aussage von EFSlg 133.139 etwa dann gelten, wenn der Antragsteller von Tatsachen ausgegangen ist, die letztlich nicht zutreffen, aber von denen er mangels Aufklärung durch die Gegenseite ausgehen durfte (so auch EFSlg 125.795 und EFSlg 137.175).
3.4. Nach der Entscheidung des Landesgerichts Wels, EFSlg 137.176, werde ein Anwendungsfall der „tatsächlichen Schwierigkeiten“ zudem regelmäßig auch dann gegeben sein, wenn diese sich außerhalb der Sphäre beider Parteien abspielen, wenn der Antragsteller also etwa von Tatsachen ausgegangen ist, die letztlich nicht zutrafen, deren Unrichtigkeit er allerdings auch aufgrund zumutbarer Nachforschungen nicht feststellen konnte.
Eine nahezu idente Konstellation wie im vorliegenden Fall lag einer Entscheidung des Landesgerichts Linz (15 R 55/14k EFSlg 144.387) zugrunde: Dort hatte der Antragsteller die Antragsgegnerin zweimal außergerichtlich (erfolglos) zur Vorlage einer Bestätigung über den erfolgreichen Abschluss eines Schuljahres aufgefordert. Der Antrag auf Unterhaltsbefreiung wurde in der Folge (offenbar nach Vorlage der Unterlagen im Gerichtsverfahren) zurückgezogen. Nach Auffassung des Landesgerichts Linz sei das Legen der Kostennote unmittelbar nach Antragszurückziehung nur als Einschränkung auf Kosten zu werten. Ein Abweichen vom Erfolgsprinzip sei gerechtfertigt, sofern eine Partei alleine einen ihr zuzurechnenden Verfahrensaufwand verursacht habe. Voraussetzung sei, dass ein wenngleich nicht verbotenes, der Risikosphäre einer bestimmten Partei eindeutig zurechenbares Verhalten zu Störungen oder Verzögerungen bzw Handlungen führt, die beim Gegner (Mehr-)Kosten verursachen (EFSlg 144.387).
Demgegenüber vertrat das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien (45 R 428/14w vom 19. 1. 2015; EFSlg 148.039) die Auffassung, das Kostenseparationssystem in § 78 Abs 2 Satz 2 AußStrG sei für das Verhalten einer Partei im Prozess und einem dadurch dem Gegner allenfalls verursachten Mehrkostenaufwand, nicht jedoch für das Verhalten außerhalb eines Gerichtsverfahrens konzipiert. Zur Kostenseparation habe seit jeher das Nichtbefolgen derjenigen Obliegenheiten zu führen, die eine Partei im ordentlichen Gang des Verfahrens wider die andere erfüllen muss, damit das Gericht die kontradiktorische Grundlage für den Prozessstoff gewinnen könne; der Mehraufwand, der durch schikanöse, grundlose oder auch nur überflüssige Prozesshandlungen dem Gegner erwächst, sei unabhängig vom Erfolg stets aus Gründen der Billigkeit zu ersetzen.
Nach Obermaier (in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG § 78 Rz 103) sei der Billigkeitsgrund der tatsächlichen Schwierigkeiten nur dann ein Grund, vom Erfolgsprinzip abzuweichen, wenn er zumindest deutlich überwiegend nur auf eine Seite zutrifft. Verschleiere oder verheimliche zB ein Unterhaltspflichtiger seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse, so würden die tatsächlichen Schwierigkeiten nur auf Seiten des Unterhaltsberechtigten vorliegen, sodass gegen seine kostenmäßige Begünstigung keine Bedenken bestehen.
Auch nach Gitschthaler ist im Sinne der Billigkeitsklausel des § 78 Abs 2 AußStrG etwa zu berücksichtigen, dass der Antragsteller von Tatsachen ausgegangen ist, die letztlich nicht zutrafen, aber von denen er mangels Aufklärung durch die Gegenseite ausgehen durfte (Gitschthaler in Gitschthaler/Höllwerth, Ehe- und Partnerschaft, § 78 AußStrG, Rz 20; so auch Klicka in Rechberger, Außerstreitgesetz2 § 78 Rz 2; Fucik/Kloiber, Außerstreitgesetz, § 78 Rz 29).
Zusammenfassend vertreten somit die veröffentlichten zweitinstanzlichen Entscheidungen ganz überwiegend die Ansicht, in einem Fall wie dem gegenständlichen wäre das Billigkeitsprinzip des § 78 Abs 2 AußStrG aufgrund der tatsächlichen Schwierigkeiten anzuwenden. Dies entspricht auch der Ansicht in der Literatur. Damit ist das vermeintliche mit einem Enthebungsantrag verbundene Kostenrisiko kein Grund, von den unter 2. dargelegten Grundsätzen abzuweichen.
4. Damit erweist sich die Entscheidung des Rekursgerichts als frei von Rechtsirrtum, sodass dem unbegründeten Revisionsrekurs ein Erfolg zu versagen war.
Die Kostenentscheidung gründet sich auf § 78 AußStrG. |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00067_19D0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126915 | 10Ob67/19d | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00067_19D0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00067_19D0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 692 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei M*, vertreten durch Dr. Roland Garstenauer, Rechtsanwalt in Salzburg, gegen die beklagte Partei E*, vertreten durch Dr. Andreas Hochwimmer und Dr. Remy Horcicka, Rechtsanwälte in Salzburg, wegen 14.801,45 EUR sA, über die Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Salzburg als Berufungsgericht vom 6. August 2019, GZ 53 R 116/19v-44, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Salzburg vom 14. März 2019, GZ 12 C 882/17g-39, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision wird zurückgewiesen.
Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei binnen 14Â Tagen die mit 1.096,56Â EUR (darin enthalten 182,76Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsbeantwortung zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Liegenschaft der Beklagten ist mit einem (testamentarisch eingeräumten) Wohnungsgebrauchsrecht zugunsten der Klägerin belastet. Die Beklagte bewohnt den ersten Stock, die Klägerin das Erdgeschoß des auf der Liegenschaft vor mehr als 100 Jahren errichteten Hauses. Anlässlich der Errichtung des Zubaus vor etwa 35 Jahren wurde das Badezimmer im Erdgeschoß saniert. Die vorhandenen, in die Bodenplatte integrierten Bleirohre wurden nicht ausgetauscht. 2016 trat im Badezimmer ein Wasserschaden auf. Ein Bleirohr war leck. Bleirohre dürfen seit 1. 12. 2013 nicht mehr in einer Hausinstallation für Trinkwasserleitungen vorhanden sein. Sie entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik, dürfen nicht mehr neu verbaut werden und sind weder im Handel noch in der Industrie erhältlich. Die Kosten der Wiederherstellung des Bades in einem Zustand, der jenem bei der Einräumung des Wohnungsgebrauchsrechts im Jahr 2009 entspricht, würden 18.872,93 EUR betragen.
Die Vorinstanzen verpflichteten die beklagte Liegenschaftseigentümerin zur Zahlung des eingeklagten Betrags von 14.801,45 EUR sA. Sie müsse nach § 508 ABGB die Sache auf ihre Kosten in gutem Stand erhalten.
Das Berufungsgericht ließ die Revision zur Klärung der Frage zu, ob die in § 508 ABGB enthaltene Instandhaltungspflicht bei einem zu Versorgungszwecken eingeräumten Wohnrecht eine Sanierung bei einem Wasserschaden umfasse, bei dem auch bereits vorhandene Bleirohre getauscht und dadurch umfangreiche Sanierungsarbeiten erforderlich wurden.
Rechtliche Beurteilung
Die beantwortete Revision der Beklagten ist entgegen dem nicht bindenden (§ 508a Abs 1 ZPO) Ausspruch des Berufungsgerichts nicht zulässig.
1. § 508 Satz 2 ABGB verpflichtet den Eigentümer, die mit dem Gebrauchsrecht belastete Sache auf seine Kosten in gutem Zustand zu erhalten. Im Fall eines (hier) zu Versorgungszwecken eingeräumten Wohnungsgebrauchsrechts muss er die Kosten der Instandhaltung ohne Einschränkung tragen, soweit dies zur Erreichung des Zwecks der Dienstbarkeit erforderlich ist. Er muss die Sache nicht verbessern, sondern grundsätzlich in dem brauchbaren Zustand erhalten, in dem sie sich zur Zeit der Einräumung der Dienstbarkeit befunden hat (RIS-Justiz RS0011777). Die Verpflichtung des Eigentümers steht auch bei einem zu Versorgungszwecken eingeräumten Wohnungsgebrauchsrecht unter dem Vorbehalt der Zumutbarkeit (8 Ob 140/09k, RS0011777 [T6]).
2. Die Beklagte bezweifelt nicht die Notwendigkeit der Wiederherstellung an sich, meint aber, nur die Kosten der provisorischen Sanierung (Leckortung, Aufstemmen etc) tragen zu müssen, nicht hingegen den Austausch von Bleirohren. Ihrer Ansicht nach hat die Gebrauchsberechtigte den zum Zeitpunkt der Einräumung des Wohnungsgebrauchsrechts vorhandenen Zustand (inklusive der Bleileitungen) als vertragsmäßig akzeptiert.
3. Diese gewünschte Versteinerung des Ausstattungszustands eines Badezimmers steht mit der Rechtsprechung nicht in Einklang. Danach müssen Ausstattungsteile nicht im Abnützungsgrad aufrechterhalten bleiben, den sie zum Zeitpunkt der Dienstbarkeitsbegründung aufwiesen. Müssen einzelne Ausstattungsstücke ausgewechselt werden, können sie durch solche aus einem anderen Material ersetzt werden. Aufgrund des Versorgungscharakters sind der besondere Ausstattungsbedarf und in Grenzen auch die geänderte allgemeine Auffassung über den durchschnittlichen Wohnkomfort in vergleichbaren Wohnungen zu berücksichtigen (6 Ob 716/83, RS0011809).
4. Ein Bad, das zur notwendigen provisorischen Sanierung einer im Fußboden verlaufenden Leitung aufgestemmt wurde, hat zweifellos nicht den Wohnstandard, den es der Gebrauchsberechtigten vorher geboten hat. Nach den Feststellungen der Vorinstanzen kostete die Wiederherstellung des Bades in einem Zustand, der jenem bei Einräumung des Wohnungsgebrauchsrechts entspricht, 18.872,93 EUR, was den zugesprochenen Betrag übersteigt. Dass der gesamte zugesprochene Wiederherstellungsaufwand ausschließlich dem Austausch alter Bleileitungen zuzuordnen ist, behauptete die Beklagte in der Revision nicht. Auf eine wirtschaftliche Unzumutbarkeit der Kostentragung beruft sie sich ebenfalls nicht.
5. Die – auf den konkreten Fall bezogene – Rechtsfrage zum Ausmaß der Instandhaltungspflicht im Sinn des § 508 ABGB nach Sanierung eines Wasserschadens in den vom Wohnungsgebrauchsrecht erfassten Räumlichkeiten muss aus diesen Erwägungen nicht beantwortet werden.
6. Die Kostenentscheidung gründet sich auf die §§ 41, 50 ZPO. Die Klägerin hat in der Revisionsbeantwortung auf die Unzulässigkeit des Rechtsmittels hingewiesen. |
JJT_20191030_OGH0002_0090OB00053_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126918 | 9Ob53/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191030_OGH0002_0090OB00053_19P0000_000/JJT_20191030_OGH0002_0090OB00053_19P0000_000.html | 1,572,393,600,000 | 1,314 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsrekursgericht durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Dr. Hopf als Vorsitzenden, die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Dehn, Dr. Hargassner, Mag. Korn und Dr. Stefula als weitere Richter in der Pflegschaftssache der mj K*, geboren * 2006, wegen Unterhalts, infolge Revisionsrekurses der Minderjährigen, vertreten durch die Wiener Kinder- und Jugendhilfe, Bezirke 2, 20, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 29. Mai 2019, AZ 45 R 272/19m, mit dem der Rekurs der Minderjährigen, vertreten durch die Wiener Kinder- und Jugendhilfe, Bezirke 2, 20, gegen den Beschluss des Bezirksgerichts Leopoldstadt vom 21. März 2019, GZ 5 Pu 169/09a-98, zurückgewiesen wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Der angefochtene Beschluss wird ersatzlos behoben und dem Rekursgericht die neuerliche Entscheidung unter Abstandnahme vom herangezogenen Zurückweisungsgrund aufgetragen.
Text
Begründung:
Die Minderjährige ist die Tochter von M* und H*. Mit Beschluss des Bezirksgerichts Leopoldstadt vom 3. 8. 2016 wurde für die Mutter unter anderem für die Vertretung vor Gerichten ein Sachwalter bestellt.
Mit Beschluss des Bezirksgerichts Leopoldstadt vom 21. 8. 2017 wurde ausgesprochen, dass die Obsorge für die Minderjährige in den Teilbereichen der Vermögensverwaltung und der gesetzlichen Vertretung dem Kinder- und Jugendhilfeträger zusteht.
Am 30. 1. 2019 stellte der Vater den Antrag, seine Unterhaltsverpflichtung von zuletzt 375 EUR monatlich ab Dezember 2018 herabzusetzen. Der Antrag wurde der nunmehrigen Erwachsenenvertreterin der Mutter zur Äußerung zugestellt. Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe wurde dem Verfahren nicht beigezogen.
Mit Beschluss des Erstgerichts vom 21. 3. 2019 wurde die Unterhaltsverpflichtung des Vaters ab 1. 12. 2018 bis auf weiteres, längstens jedoch bis zur Selbsterhaltungsfähigkeit des Kindes, auf 368 EUR monatlich herabgesetzt und der darüber hinausgehende Antrag des Vaters, seine Unterhaltsverpflichtung für den Monat März 2019 auf 347 EUR herabzusetzen, abgewiesen.
Dieser Beschluss wurde zunächst nur dem Erwachsenenvertreter der Mutter und dem Vater zugestellt, erst auf ausdrücklichen Antrag auch der Wiener Kinder- und Jugendhilfe.
Den gegen diesen Beschluss von der Minderjährigen, vertreten durch die Wiener Kinder- und Jugendhilfe, erhobenen Rekurs wies das Rekursgericht zurück. Gemäß § 1503 Abs 9 Z 5 ABGB sei § 158 ABGB in der Fassung des 2. Erwachsenenschutz-Gesetzes, BGBl I /2017/59 (2. ErwSchG) auf die Ausübung und Betrauung mit der Obsorge nach dem 30. 6. 2018, sohin auch auf den vorliegenden Fall, anzuwenden. Nach der Neuregelung sei ein nicht voll geschäftsfähiger Elternteil nicht mehr ex lege von der gesetzlichen Vertretung für sein Kind ausgeschlossen. Vielmehr habe das Gericht bei Vorliegen der Voraussetzungen des § 181 Abs 1 ABGB die zur Sicherung des Wohles des Kindes nötigen Verfügungen zu treffen. Solche Verfügungen seien im konkreten Fall nach Inkrafttreten des 2. ErwSchG aber nicht erfolgt. Daher sei seit 1. 7. 2018 die Wiener Kinder- und Jugendhilfe nicht mehr zur Vertretung der Minderjährigen befugt. Sie sei daher auch nicht rekurslegitimiert.
Den Revisionsrekurs erachtete das Rekursgericht für zulässig, weil noch keine oberstgerichtliche Rechtsprechung zur Frage bestehe, ob durch Inkrafttreten des 2. ErwSchG ein Elternteil, der durch einen Erwachsenenvertreter vertreten sei, zur Gänze obsorgeberechtigt sei, obwohl vor Inkrafttreten des 2. ErwSchG der Kinder- und Jugendhilfeträger gemäß § 158 Abs 2 ABGB aF beschlussmäßig mit der Obsorge in den Teilbereichen Vermögensverwaltung und gesetzliche Vertretung betraut worden sei.
Gegen diesen Beschluss wendet sich der Revisionsrekurs der Minderjährigen, vertreten durch die Wiener Kinder- und Jugendhilfe, mit dem Antrag den Beschluss des Rekursgerichts aufzuheben und dem Rekursgericht die inhaltliche Entscheidung über den Rekurs unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund aufzutragen.
Der Vater beteiligte sich nicht am Revisionsrekursverfahren.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist aus den vom Rekursgericht genannten Gründen zulässig. Er ist auch berechtigt.
Nach § 158 Abs 2 ABGB idF vor dem 2. ErwSchG hatte ein Elternteil, solange er nicht voll geschäftsfähig war, nicht das Recht und die Pflicht, das Vermögen des Kindes zu verwalten und das Kind zu vertreten. Dies galt unabhängig davon, für welchen Bereich der Sachwalter bestellt war (Deixler-Hübner/Schauer, Erwachsenenschutzrecht Handbuch 219). Dieser Ausschluss trat kraft Gesetzes ein und war amtswegig zu berücksichtigen (vgl 7 Ob 185/02k).
Durch das 2. ErwSchG wurde die Regelung dahingehend novelliert, dass grundsätzlich nur mehr ein minderjähriger Elternteil von der Vermögensverwaltung und Vertretung des Kindes ausgeschlossen ist. Ein volljähriger Elternteil muss, um sein Kind vertreten und dessen Vermögen verwalten zu können, über jene Entscheidungsfähigkeit verfügen, die ein Handeln in eigenen Angelegenheiten erfordert; § 181 ABGB ist sinngemäß anzuwenden (§ 158 Abs 2 ABGB nF).
In der Regierungsvorlage (ErläutRV 1461 der BlgNr 25. GP 11) heißt es dazu: „Die gesetzliche Beschränkung der Obsorge in Abs. 2 soll nur noch für minderjährige Eltern gelten. Ein volljähriger Elternteil muss dagegen jene Entscheidungsfähigkeit aufweisen, die er für ein Handeln in eigenen Angelegenheiten benötigen würde. Fehlt einem Elternteil etwa die Entscheidungsfähigkeit für Entscheidungen in medizinischen Angelegenheiten, so kann er in diesem Bereich auch nicht sein Kind vertreten. Fehlt ihm dagegen lediglich in Vermögensangelegenheiten die Geschäftsfähigkeit, so kann er in medizinischen Angelegenheiten wirksam für das Kind auftreten. Diese Vorschrift des Abs. 2 zweiter Satz führt jedoch nicht 'ex lege' zur Beschränkung der Obsorge des betroffenen Elternteils, es bedarf vielmehr der gerichtlichen Entscheidung nach § 181 ABGB. Festzuhalten ist, dass der Umstand allein, dass eine Vorsorgevollmacht oder Erwachsenenvertretung wirksam ist, bei dieser Entscheidung keine Rolle spielen kann. (...) Fehlt einem volljährigen Elternteil in bestimmten Angelegenheiten die Entscheidungsfähigkeit, soll – der UN-Behindertenrechtskonvention Rechnung tragend – an die Stelle eines automatischen Ausschlusses von der Obsorge eine Einzelfallentscheidung treten: Ist durch dessen mangelnde Vertretungs- und Vermögensverwaltungsbefugnis das Kindeswohl gefährdet, so hat ihm das Pflegschaftsgericht – von wem immer es angerufen wird – insoweit die Obsorge zu entziehen und diese entweder nach § 178 Abs. 1 ABGB dem anderen Elternteil, einem Großelternteil oder einem Pflegeelternteil oder nach § 209 dem Kinder- und Jugendhilfeträger zu übertragen.“
Die §§ 158 und 207 ABGB in der Fassung nach dem 2. ErwSchG sind nach § 1503 Abs 9 Z 5 ABGB auf die Ausübung und Betrauung mit der Obsorge nach dem 30. 6. 2018 anzuwenden.
Das bedeutet nach der Regierungsvorlage (ErläutRV 1461 der BlgNr 25. GP 58), „dass ein Elternteil, der unter Sachwalterschaft oder Erwachsenenvertretung steht, ab 1. Juli 2018 sein Kind vertreten kann, soweit er in eigenen Angelegenheiten für sich rechtswirksam handeln kann. Da ab dem 1. Juli 2018 § 207 in der neuen (reduzierten) Fassung anzuwenden ist, ist der Kinder- und Jugendhilfeträger in Fällen, in denen einem volljährigen Elternteil die Entscheidungsfähigkeit fehlt, nicht mehr kraft Gesetzes mit der Obsorge im Bereich der Vermögensverwaltung und der Vertretung betraut, sondern – unmittelbar aufgrund des Gesetzes – dieser Elternteil. Bis zum 1. Juli 2018 wäre daher das Pflegschaftsgericht anzurufen, das – im Fall einer durch die mangelnde Entscheidungsfähigkeit des Elternteils resultierenden Kindeswohlgefährdung – diesem die Obsorge zu entziehen und damit entweder nach § 178 Abs. 1 den anderen (unverheirateten) Elternteil, einen Großelternteil oder einen Pflegeelternteil oder nach § 209 den Kinder- und Jugendhilfeträger zu betrauen hat.“
Grundsätzlich ist daher dem Rekursgericht darin zuzustimmen, dass die nach § 158 Abs 2 ABGB idF vor dem 2. ErwSchG ex lege gegebene Beschränkung der Vertretungsbefugnis des unter Sachwalterschaft stehenden Elternteils mit Inkrafttreten der Novelle (1. 7. 2018) ex lege wegfällt. Die dadurch bestehende (volle) Vertretungsbefugnis kann dann nur durch gerichtliche Entscheidung im Fall einer durch die mangelnde Entscheidungsfähigkeit des Elternteils resultierenden Kindeswohlgefährdung beschränkt werden (vgl dazu auch Gitschthaler in Schwimann/Kodek, Praxiskommentar5 § 158 ABGB Rz 11; Zierl/Schweighofer, Wimberger, Erwachsenenschutzrecht2 Rz 697; Barth/Ganner, Handbuch Erwachsenenschutzrecht3 361).
Der vorliegende Fall ist jedoch dadurch gekennzeichnet, dass die Vermögensverwaltung und gesetzliche Vertretung mit Beschluss der Wiener Kinder- und Jugendhilfe ausdrücklich eingeräumt wurde. Dass ein solcher Beschluss nach der Intention des Gesetzgebers nicht allein durch das Inkrafttreten des 2. ErwSchG an Wirksamkeit verlieren sollte, kann schon daraus abgeleitet werden, dass in der Regierungsvorlage ausdrücklich auf die Notwendigkeit verwiesen wird, im Fall der mangelnden Entscheidungsfähigkeit des besachwalteten Elternteils vor dem 1. 7. 2018 eine Beschlussfassung über die Entziehung der Obsorge und Übertragung auf eine geeignete Person herbeizuführen, damit es nicht durch Inkrafttreten des Gesetzes zu einer vollen Vertretungsbefugnis kommt.
Damit ergibt sich aber, dass in den Fällen, in denen nach der Rechtslage vor Inkrafttreten des 2. ErwSchG die Vertretungsbefugnis für das Kind einer besachwalteten Person mit Beschluss einer dritten Person eingeräumt wurde, deren Vertretungsbefugnis auch nach Inkrafttreten des 2. ErwSchG aufrecht bleibt, solange diese Befugnis nicht durch gerichtliche Verfügung aufgehoben wurde.
Inwieweit daneben aufgrund der Gesetzesänderung auch eine Vertretungsbefugnis der Mutter besteht, muss im vorliegenden Fall, in dem es nur um die Berechtigung der Wiener Kinder- und Jugendhilfe zur Vertretung der Minderjährigen im Unterhaltsverfahren geht, nicht geklärt werden.
Dem Revisionsrekurs war daher Folge zu geben, die Entscheidung des Rekursgerichts ersatzlos zu beheben und ihm die Entscheidung über den Rekurs unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund aufzutragen. |
JJT_20191015_OGH0002_0100OB00061_19X0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126920 | 10Ob61/19x | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191015_OGH0002_0100OB00061_19X0000_000/JJT_20191015_OGH0002_0100OB00061_19X0000_000.html | 1,571,097,600,000 | 2,069 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie durch die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Pflegschaftssache der mj R*, geboren * 2013, *, vertreten durch das Land Niederösterreich als Kinder- und Jugendhilfeträger (Bezirkshauptmannschaft Melk, Fachgebiet Rechtsvertretung Minderjähriger, Abt-Karl-Straße 25a, 3390 Melk) über den Revisionsrekurs des Bundes, vertreten durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 5. Juni 2019, GZ 23 R 208/19i-41, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Melk vom 10. April 2019, GZ 22 Pu 290/18g-30, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Der Vater der Minderjährigen ist aufgrund des Beschlusses des Bezirksgerichts St. Pölten vom 18. 9. 2018, GZ 3 Pu 86/18t-3, zu monatlichen Unterhaltsbeiträgen von 230 EUR verpflichtet.
I. Zum bisherigen Verfahrensgang:
Am 28. 12. 2018 langte beim Erstgericht ein – auf diesen Unterhaltstitel gestützter – Antrag auf Gewährung von Unterhaltsvorschüssen gemäß § 3 UVG mit dem Vorbringen ein, der Unterhaltsschuldner habe den laufenden Unterhalt nach Eintritt der Vollstreckbarkeit nicht zur Gänze geleistet. Dem Unterhaltsvorschussantrag war ein vom Kinder- und Jugendhilfeträger als Vertreter des Kindes am 27. 12. 2018 beim Bezirksgericht Horn eingebrachter Exekutionsantrag gegen den Vater (Forderungsexekution nach § 294a EO) beigelegt, in dem eine im Sprengel des Bezirksgerichts Horn gelegene Wohnadresse des Vaters angegeben war.
Das Erstgericht gewährte mit Beschluss vom 2. 1. 2019, GZ 2 Pu 290/18g-12, Unterhaltsvorschüsse gemäß den §§ 3, 4 Z 1 UVG von 1. 12. 2018 bis 30. 11. 2023 in Höhe von 230 EUR monatlich.
Das Rekursgericht gab mit seiner Entscheidung vom 12. 3. 2019, GZ 23 R 71/19t-26, dem Rekurs des Bundes Folge und änderte den Beschluss des Erstgerichts dahin ab, dass der Antrag auf Gewährung von Unterhaltsvorschüssen abgewiesen wurde. Wie sich herausgestellt habe, sei der Vater schon seit 22. 8. 2018 nicht mehr im Sprengel des Bezirksgerichts Horn, sondern im Sprengel des Bezirksgerichts St. Pölten wohnhaft. Für die Beurteilung, ob die allgemeinen Voraussetzungen für die Vorschussgewährung vorliegen, sei der Zeitpunkt der Beschlussfassung erster Instanz maßgeblich (somit der 2. 1. 2019). Zufolge Unzuständigkeit des Bezirksgerichts Horn sei (ex ante gesehen) keine taugliche Exekutionsführung vorgelegen.
Dieser Beschluss erwuchs in Rechtskraft.
II. Zum nunmehrigen Verfahren:
Am 10. 4. 2019 (ON 28) beantragte das Kind neuerlich Unterhaltsvorschüsse gemäß §§ 3, 4 Z 1 UVG unter Hinweis auf den beim Bezirksgericht Horn bereits im Dezember 2018 eingebrachten Exekutionsantrag und das dort bewilligte und (weiter) geführte Exekutionsverfahren.
Wie sich aus dem VJ-Register ergibt, war die vom Bezirksgericht Horn nach Erteilung der Exekutionsbewilligung am 3. 1. 2019 versuchte Zustellung an den Verpflichteten an der im Exekutionsantrag angegebenen Adresse im Sprengel des Bezirksgerichts Horn erfolglos geblieben, weil der Verpflichtete bereits seit 22. 8. 2018 an eine im Sprengel des Bezirksgerichts St. Pölten gelegene Adresse verzogen war. Nach der am 7. 3. 2019 an der geänderten Adresse bewirkten Zustellung an den Vater (durch persönliche Übernahme) erwuchs die Exekutionsbewilligung in Rechtskraft. Schon zuvor (am 6. 2. 2019) hatte der Drittschuldner seine Drittschuldnererklärung erstattet. Eine Überweisung der Exekutionssache an das zuständige Bezirksgericht St. Pölten nach § 44 JN ist nicht erfolgt.
Das Erstgericht bewilligte die Unterhaltsvorschüsse ab 1. 4. 2019 (ON 30).
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Bundes nicht Folge. Rechtlich ging es davon aus, im Vergleich zum Verfahren aufgrund des Unterhaltsvorschussantrags vom Dezember 2018 liege nunmehr eine geänderte Situation vor. Zum Zeitpunkt der Einbringung des neuerlichen Unterhaltsvorschussantrags am 8. 4. 2019 sei der Beschluss auf Exekutionsbewilligung (nach Zustellung an der aktuellen Wohnadresse in St. Pölten) rechtskräftig und das Exekutionsverfahren bereits „im Laufen“ gewesen. Die vorzunehmende „Ex ante-Betrachtung“ könne nicht so weit gehen, dass selbst in einer derartigen Situation – bloß aufgrund des Umstands, dass der Exekutionsantrag ursprünglich beim unzuständigen Gericht eingebracht worden war – keine Unterhaltsvorschüsse bewilligt werden könnten. Eine derartige Sichtweise würde zu einer Verschlechterung gegenüber der Rechtslage vor dem FamRÄG 2009 führen, dessen Ziel es aber gerade gewesen sei, dem Kind rascher und unbürokratischer als zuvor zu Unterhaltsvorschüssen zu verhelfen. Dass die Exekutionsbewilligung vom unzuständigen Gericht erteilt worden sei, werde – wie andere Gesetzwidrigkeiten – durch die Rechtskraft geheilt. Ungeachtet der Unzuständigkeit des angerufenen Exekutionsgerichts blieben der Bewilligungsbeschluss und bereits vollzogene Exekutionsakte aufrecht. Der Unterhaltsberechtigte hätte außerdem wegen des Grundsatzes „ne bis in idem“ gar keine Möglichkeit gehabt, einen neuerlichen Exekutionsantrag einzubringen.
Das Rekursgericht ließ den Revisionsrekurs infolge einer Zulassungsvorstellung des Bundes nachträglich zu. Der Revisionsrekurs sei insbesondere im Hinblick auf jene Rechtsprechung zulässig, nach der die Einbringung eines Exekutionsantrags bei „irgendeinem“ Gericht kein tauglicher Antrag sein könne, auch wenn das unzuständige Gericht den Antrag gemäß § 44 JN an das zuständige Gericht überweisen müsse.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist im Hinblick auf die besonderen Gegebenheiten des vorliegenden Falls zur Klarstellung der Rechtslage zulässig, er ist aber nicht berechtigt.
Der Bund (vertreten durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Wien) führt im Revisionsrekurs zusammengefasst aus, zur Bewilligung der Exekution wäre ausschließlich das in den §§ 18 und 19 EO bezeichnete Exekutionsgericht zuständig gewesen. Habe dennoch das unzuständige Bezirksgericht Horn die Exekutionsbewilligung erteilt, hätte es (ungeachtet des Umstands, dass dieser Mangel durch die Rechtskraft des Exekutionsbewilligungsbeschlusses geheilt werde) die Exekutionssache bei Hervorkommen der Unzuständigkeit gemäß § 44 Abs 1 JN an das zuständige Exekutionsgericht (das Bezirksgericht St. Pölten) überweisen müssen. Da das Exekutionsverfahren aber weiterhin nicht beim dafür (ausschließlich) zuständigen Bezirksgericht St. Pölten geführt werde, lägen die Voraussetzungen für die Vorschussgewährung mangels tauglichen Exekutionsantrags weiterhin nicht vor. Nach der Rechtsprechung erfülle auch die nachträgliche, vom unzuständigen Exekutionsgericht erteilte Exekutionsbewilligung nicht die Voraussetzungen des § 3 Z 2 UVG, solange der Exekutionsantrag nicht beim zuständigen Exekutionsgericht eingelangt sei.
Dazu ist auszuführen:
1.1 Die Vorschussgewährung nach § 3 UVG setzt nach Neufassung durch das FamRÄG 2009 (BGBl I 2009/75) nur mehr voraus, dass das Kind zuvor gegen den Unterhaltsschuldner exekutive Schritte beantragt oder dem Exekutionsantrag gleichgestellte Schritte gesetzt hat, wie sie in § 3 Z 2 UVG angeführt sind. Danach sind Vorschüsse insbesondere dann zu gewähren, wenn für den gesetzlichen Unterhaltsanspruch ein im Inland vollstreckbarer Exekutionstitel besteht (Z 1) und der Unterhaltsschuldner nach Eintritt der Vollstreckbarkeit den laufenden Unterhaltsbetrag nicht zur Gänze leistet sowie das Kind glaubhaft macht (§ 11 Abs 2), einen Exekutionsantrag nach § 294a EO oder, sofern der Unterhaltsschuldner offenbar keine Gehaltsforderung oder keine in fortlaufenden Bezügen bestehende Forderung hat, einen Exekutionsantrag auf bewegliche körperliche Sachen unter Berücksichtigung von § 372 EO eingebracht zu haben.
1.2 Nach der Neufassung des § 3 Z 2 UVG kommt es nicht mehr auf eine erfolglose Exekutionsführung an; vielmehr genügt es, dass das Kind „taugliche“ Exekutionsmaßnahmen eingeleitet hat (vgl IA 673/A BlgNR 24. GP 39). Mit dieser Vereinfachung der Voraussetzungen für eine Vorschussgewährung nach § 3 Z 2 UVG wollte der Gesetzgeber des FamRÄG 2009 erreichen, dass Vorschüsse zu einem früheren Zeitpunkt ausgezahlt werden können (Neumayr in Schwimann/Kodek4 § 3 UVG Rz 19).
2.1 Da Unterhaltsvorschüsse gegenüber der zwangsweisen Hereinbringung der Geldunterhaltsleistungen weiterhin nur subsidiär zu erbringen sind, muss der Unterhaltsgläubiger aber in jedem Fall die Vollstreckung seines Unterhaltsanspruchs ernsthaft verfolgen (IA 673/A 24. GP 39). Vor einem Vorschussantrag muss bei der Exekutionsführung der „richtige Schritt“ gesetzt werden. Der Exekutionsantrag muss grundsätzlich erfolgversprechend (zielführend) in dem Sinn sein, dass damit die Möglichkeit besteht, den Geldunterhaltsanspruch auch zu lukrieren (RS0126246; 10 Ob 7/17b). An den Exekutionsantrag sind inhaltliche Anforderungen zu stellen, die ihn – ex ante aus Sicht des Antragstellers – zur sofortigen Geschäftsbehandlung geeignet erscheinen lassen.
2.2 Die bloße Tatsache einer Exekutionsführung für sich allein führt daher nicht zu einer dauerhaften Möglichkeit, in Zukunft Vorschüsse auf der Grundlage von § 3 Z 2 UVG zu beantragen. Um der Subsidiarität der Vorschussgewährung zum Durchbruch zu verhelfen, muss die von § 3 Z 2 UVG geforderte Exekutionsführung bis zur Vorschussantragstellung grundsätzlich zielführend bleiben (10 Ob 47/10z; 10 Ob 35/10k). Weiters muss auch noch im maßgeblichen Zeitpunkt der Entscheidung erster Instanz eine „taugliche“ Exekutionsführung vorliegen (10 Ob 62/14m). Liegen die Voraussetzungen für die Gewährung eines Unterhaltsvorschusses zu diesem Zeitpunkt nicht vor, ist der Antrag zur Gänze abzuweisen, selbst wenn absehbar ist, dass die Voraussetzungen zum nächstfolgenden Monatsersten erfüllt sein könnten (10 Ob 37/14k mwN).
2.3. Erhält der Unterhaltsschuldner – wie im vorliegenden Fall – laufende Bezüge im Sinn des § 290a EO, sind Unterhaltsvorschüsse dann zu gewähren, wenn das Kind vorher geeignete Schritte initiiert hat, um den gesamten laufenden Unterhalt durch eine – ex ante gesehen – zielführende Exekution auf die künftig fällig werdenden laufenden Bezüge des Unterhaltsschuldners hereinzubringen (10 Ob 7/15z ua).
3. Zur – hier maßgeblichen – Frage, ob eine taugliche Exekutionsführung auch dann vorliegen kann, wenn der Exekutionsantrag beim unzuständigen Gericht eingebracht, aber die Exekution von diesem rechtskräftig bewilligt wurde, lässt sich aus der bisherigen Rechtsprechung folgende Anhaltspunkte gewinnen:
3.1 Sind an den Exekutionsantrag inhaltliche Anforderungen zu stellen, die ihn – ex ante aus Sicht des Antragstellers betrachtet – zur sofortigen Geschäftsbehandlung geeignet erscheinen lassen, ist ua das Einlangen bei dem (ex ante betrachtet) zuständigen Gericht notwendig. Auch wenn das unzuständige Gericht den Antrag gemäß § 44 JN an das zuständige Gericht überweisen muss, kann die Einbringung eines Exekutionsantrags bei „irgendeinem“ Gericht kein tauglicher Antrag (im Sinne einer „Wahrung“ des Einbringungsmonats im Sinn des § 8 UVG) sein. Maßgeblich ist vielmehr das Einlangen des Exekutionsantrags beim zuständigen Gericht, soweit dieses auch ex ante als zuständig erkennbar war (RS0129828; Neumayr in Schwimann, ABGB4 § 3 UVG Rz 20 f und 29 mwN; Neuhauser in Deixler-Hübner, Handbuch Familienrecht [2015] 411).
3.2 War etwa mangels einer (der Sphäre des Kinder- und Jungendhilfeträgers und daher des von ihm vertretenen Kindes zuzurechnenden) Einholung einer Meldeauskunft unbekannt geblieben, dass der Verpflichtete seinen Wohnsitz in einen anderen Gerichtssprengel verlegt hatte, ist die Antragstellung beim unzuständigen Exekutionsgericht – ex ante betrachtet – nicht zielführend (10 Ob 62/14m; 10 Ob 37/14k). Dies wurde im wesentlichen damit begründet, dass zur Bewilligung der Exekution (ausschließlich) das in den §§ 18 und 19 EO bezeichnete Exekutionsgericht zuständig ist (§ 4 EO). Bei der Exekution auf Forderungen hat das Gericht als Exekutionsgericht einzuschreiten, bei dem der Verpflichtete seinen allgemeinen Gerichtsstand hat (§ 18 Z 4 EO). Im Fall einer Wohnsitzverlegung in den Sprengel eines anderen Bezirksgerichts wäre daher dieses Bezirksgericht zur Bewilligung der Forderungsexekution ausschließlich zuständig gewesen (§ 51 EO). Kann dieses Bezirksgericht ermittelt werden, so ist das Exekutionsverfahren an dieses nach § 44 JN in jeder Lage des Verfahrens zu überweisen.
3.3 Diese Rechtsprechung wurde auch in der Entscheidung 10 Ob 7/15z fortgeschrieben. Dieser Entscheidung lag zugrunde, dass zum Zeitpunkt der Entscheidung erster Instanz über die Vorschussgewährung bereits die Exekutionsbewilligung vom unzuständigen Gericht erteilt worden war, die aber – anders als im vorliegend zu beurteilenden Fall – noch nicht in Rechtskraft erwachsen war. Die Begründung dieser Entscheidung lässt sich dahin zusammenfassen, auch die Bewilligung der Exekution durch das unzuständige Exekutionsgericht führe nicht zur Herstellung der Vorschussvoraussetzungen. Sie ändere nichts daran, dass für den Kinder- und Jugendhilfeträger ohne besonderen Aufwand (lediglich durch eine Meldeanfrage) die neuerliche Wohnsitzänderung des Verpflichteten erkennbar gewesen wäre. Die Aussage, der Exekutionsantrag sei – ex ante betrachtet – nicht zielführend gewesen, treffe auch auf diesen Fall zu. Diese Aussagen wurden in der einen ähnlichen Sachverhalt betreffenden Entscheidung 10 Ob 7/17b wiederholt.
4.1 Demgegenüber war im hier zu beurteilenden Fall der Beschluss auf Exekutionsbewilligung zum Zeitpunkt der Einbringung des Vorschussantrags bereits in Rechtskraft erwachsen. Die Rechtskraft bewirkte die Heilung jenes Mangels, der darin lag, dass der Beschluss vom unzuständigen Gericht erlassen wurde. Die vom unzuständigen Exekutionsgericht erteilte, aber in Rechtskraft erwachsene Exekutionsbewilligung bildet die Grundlage für weitere Exekutionsschritte (3 Nd 1/66 SZ 39/78; RS0000644); bereits rechtskräftige Beschlüsse und die vorgenommenen Vollzugshandlungen bleiben aufrecht (RS0001900); demgegenüber müsste ein noch nicht rechtskräftiger, vom unzuständigen Exekutionsgericht gefasster Exekutions-bewilligungbeschluss über ein entsprechendes Rechtsmittel als nichtig aufgehoben werden (vgl RS0046381 [T1]; 3 Ob 2366/96d).
4.2 Der Exekutionsantrag war demnach zum Zeitpunkt des Unterhaltsvorschussantrags am 8. 4. 2019 – ex ante betrachtet – eindeutig zielführend, weil zu diesem Zeitpunkt bereits eine rechtskräftige Exekutionsbewilligung vorlag, die als Grundlage für weitere Exekutionsschritte die Lukrierung des Geldunterhaltsanspruchs im Rahmen dieses Exekutionsverfahrens ermöglichte; auch bezogen auf den maßgeblichen Zeitpunkt der Entscheidung erster Instanz lag eine „taugliche“ Exekutionsführung auf die künftig fällig werdenden Bezüge des Unterhaltsschuldners vor, die geeignet ist, den gesamten laufenden Unterhalt hereinzubringen (siehe oben 2.1).
4.3 Dass das Bezirksgericht Horn keinen Beschluss auf Überweisung der Exekutionssache gemäß § 44 Abs 1 JN an das zuständige Bezirksgericht St. Pölten gefasst hat, kann zu keiner anderen Beurteilung führen. Besteht – wie im vorliegenden Fall – zum Zeitpunkt der Antragstellung auf Unterhaltsvorschüsse bereits eine rechtskräftige Exekutionsbewilligung, die eine Grundlage für weitere Exekutionsschritte abgibt, ist der Geldunterhaltsanspruch als einbringlich anzusehen, ohne dass als weitere Voraussetzung der „Tauglichkeit“ der Exekutionsführung auch noch darauf abzustellen wäre, ob das zuständige Gericht die Exekution bewilligt hatte. Wie bereits das Rekursgericht ausgeführt hat, wäre andernfalls der Intention des Gesetzgebers des FamRÄG 2009, eine frühere Auszahlung im Sinn einer Vereinfachung der Voraussetzungen für eine Vorschussgewährung nach § 3 Z 2 UVG zu erreichen, nicht Rechnung getragen.
4.4 Auch der von der Rechtsprechung (RS0126246) geforderte zeitliche Zusammenhang zwischen dem Exekutionsantrag vom 27. 12. 2018 und dem verfahrensgegenständlichen Unterhaltsvorschussantrag vom 8. 4. 2019 ist – ungeachtet des Abstands von etwas mehr als drei Monaten – zu bejahen. Wenngleich sich in einem derart langen Zeitraum die Erfolgsaussichten der eingeleiteten Gehaltsexekution möglicherweise wesentlich ändern und sich auch ergeben könnte, dass die Gehaltsexekution nicht mehr zielführend ist (siehe etwa in dem der Entscheidung 10 Ob 52/17w zugrunde liegenden Fall), haben sich im vorliegenden Fall diese Voraussetzungen im hier zu beurteilenden Fall in positiver Weise dahin geändert, dass die Exekutionsbewilligung rechtskräftig geworden ist.
Dem Revisionsrekurs ist daher nicht Folge zu geben. |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00031_19K0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126932 | 10Ob31/19k | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00031_19K0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00031_19K0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 829 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei N* GmbH & Co OG, *, vertreten durch Dr. Wilhelm Schlein Rechtsanwalt GmbH in Wien, gegen die beklagte Partei Verlassenschaft nach der am * verstorbenen KRin M*, zuletzt: *, vertreten durch Dr. Erich Kafka, Dr. Manfred Palkovits, Rechtsanwälte in Wien, wegen Aufkündigung, über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 30. Jänner 2019, GZ 38 R 217/18w-14, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1 Beim vertraglichen Weitergaberecht räumt der Bestandgeber im Bestandvertrag dem Mieter das Recht ein, durch bloße Erklärung alle Rechte und Pflichten aus dem Bestandverhältnis auf einen Dritten mit der Wirkung zu übertragen, dass dieser an seiner Stelle Bestandnehmer wird, ohne dass es einer weiteren Erklärung des Bestandnehmers bedarf (RS0032700; RS0032747). Die Vereinbarung eines „Weitergaberechtes“ schlechthin bedeutet demnach das unbeschränkte Recht des Mieters, nicht nur einen Nachmieter vorzuschlagen, sondern diesem das Mietrecht zu übertragen (RS0105786).
1.2 Die Klägerin hat sich selbst auf den Mietvertrag der verstorbenen ursprünglichen Mieterin (in weiterer Folge nur mehr: Mieterin) mit der damaligen Vermieterin über ein Geschäftslokal vom 11. 3. 1991 berufen. In Punkt III dieses Vertrags wurde vereinbart: „Die Vermieterin räumt der Mieterin das Recht ein, die Mietrechte zu den gleichen Bedingungen an Kinder und Enkelkinder weiterzugeben. Eine Weitergabe der Mietrechte an andere Personen ist nur dann möglich, wenn der neue Mieter den dann ortsüblichen Mietzins akzeptiert. Sollte es zu keiner Einigung über den ortsüblichen Mietzins kommen, so wird dieser durch einen Sachverständigen aus dem Immobiliengewerbe festgestellt.“
1.3 Ob ein Vertrag im Einzelfall richtig ausgelegt wurde, stellt nur dann eine erhebliche Rechtsfrage dar, wenn infolge einer wesentlichen Verkennung der Rechtslage ein unvertretbares Auslegungsergebnis erzielt wurde (RS0042936). Die Vorinstanzen legten diesen Vertrag als Vereinbarung eines vertraglichen Weitergaberechts aus. Gegen diese Auslegung bestehen auf Grundlage der erstgerichtlichen Feststellungen keine Bedenken, sie steht mit den Auslegungsgrundsätzen der Rechtsprechung im Einklang. Ob auch eine andere Auslegung denkbar wäre – in der Revision macht die Klägerin geltend, es sei bloß ein schlichtes Präsentationsrecht vereinbart worden – begründet keine erhebliche Rechtsfrage im Sinn des § 502 Abs 1 ZPO.
1.4 Ein im Mietvertrag vom Vermieter zugesichertes Weitergaberecht geht im Zweifel nicht auf den Nachmieter über, sondern wird durch einmalige Ausnützung konsumiert (RS0111168). Richtig ist, dass der Vormieterin im Mietvertrag vom 12. 4. 1988 ein vertragliches Weitergaberecht eingeräumt war und dass die Vormieterin gegenüber der Mieterin aufgrund der Vereinbarung vom 25. 2. 1991 (Blg ./F) mit Wirkung zum 28. 2. 1991 unter der Bedingung auf die Ausübung der Hauptmietrechte verzichtete, dass der Hauseigentümer beginnend mit 1. 3. 1991 mit der (neuen) Mieterin einen Hauptmietvertrag abschließe, der inhaltlich vollkommen dem Hauptmietvertrag (der Vormieterin) vom 12. 4. 1988 entsprechen sollte. Die Weitergabe der Mietrechte an die Mieterin im Jahr 1991 erfolgte aber nicht durch bloße Erklärung der Vormieterin gegenüber der Vermieterin. Vielmehr schloss die damalige Vermieterin mit der Mieterin einen neuen Mietvertrag, mag dieser auch inhaltsgleich mit dem Vertrag der Vormieterin sein. Dass die Vermieterin aufgrund der nur zwischen der Vor- und der Nachmieterin getroffenen Vereinbarung vom 25. 2. 1991, auf die sich die Klägerin für ihre Argumentation beruft, verpflichtet gewesen wäre, einen neuen Mietvertrag mit der Mieterin abzuschließen, behauptet die Klägerin gar nicht. Vor diesem Hintergrund zeigt die Klägerin mit ihrem Wunsch nach der Auslegung der am 11. 3. 1991 getroffenen Vereinbarung als „Konsumation“ des vertraglich vereinbarten Weitergaberechts keine Korrekturbedürftigkeit der Rechtsansicht der Vorinstanzen auf.
2. Auch mit dem Vorbringen, dass redliche Parteien in Kenntnis des Umstands, dass erst im Jahr 1993 die Bestimmungen der §§ 12a und 46a MRG in Kraft traten, kein umfassendes Weitergaberecht vereinbart hätten und die Parteien des Mietvertrags, wie sich aus dessen Punkt III ergebe, offenbar davon ausgegangen seien, dass Änderungen der Sachlage Auswirkungen haben sollten, wünscht die Klägerin eine andere Auslegung des Mietvertrags im Einzelfall, womit sie aus den bereits dargelegten Gründen keine erhebliche Rechtsfrage aufzeigt. Für die Annahme einer in der Revision behaupteten „Vertragslücke“ fehlt schon deshalb eine Grundlage, weil § 12 Abs 3 MRG bereits in der Fassung vor dem 3. WÄG, BGBl 1993/800, die Möglichkeit der Erhöhung des Hauptmietzinses auf den angemessenen Hauptmietzins im Fall der Unternehmensveräußerung durch den Hauptmieter einer Geschäftsräumlichkeit kannte.
3. Nach ständiger Rechtsprechung ist das Institut des Wegfalls der Geschäftsgrundlage nur als letztes Mittel heranzuziehen (RS0017454). Bereits das Berufungsgericht hat zutreffend ausgeführt, dass ein Rechtssatz, wonach jeder Vertrag unter der clausula rebus sic stantibus abgeschlossen gilt, nicht besteht (RS0018849). Es liegt wie schon dargestellt im Wesen eines vertraglich vereinbarten Weitergaberechts, dass es – anders als im Fall der Vereinbarung eines Präsentationsrechts – gerade keinen Neuabschluss eines Mietvertrags erfordert, sondern zu einem Eintritt in den bestehenden Vertrag führt (3 Ob 104/15p). Eine Korrekturbedürftigkeit der Rechtsansicht des Berufungsgerichts, dass bei Vereinbarung eines Weitergaberechts daher auch nicht die von der Klägerin ins Treffen geführten exorbitanten Veränderungen des nunmehr ortsüblichen Mietzinses zu einem Wegfall der Geschäftsgrundlage führen, zeigt die Revisionswerberin im konkreten Einzelfall daher nicht auf.
Mangels einer Rechtsfrage von der Qualität des § 502 Abs 1 ZPO war die Revision daher zurückzuweisen. |
JJT_20191119_OGH0002_0010OB00168_19S0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126935 | 1Ob168/19s | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00168_19S0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00168_19S0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 544 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Mag. Korn und Dr. Parzmayer in der Rechtssache der klagenden Partei Dr. H*, vertreten durch die Sauerzopf & Partner Rechtsanwälte OG, Wien, gegen die beklagte Partei Dr. K*, vertreten durch die Dr. Helene Klaar Dr. Norbert Marschall Rechtsanwälte OG, wegen Ehescheidung, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 26. Juli 2019, GZ 43 R 292/19p-45, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Josefstadt vom 29. März 2019, GZ 26 C 1/17x-34, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die zwischen den Parteien am 22. 10. 2004 geschlossene Ehe wurde vom Erstgericht unter Ausspruch des überwiegenden Verschuldens des Klägers an der Zerrüttung der Ehe gemäß § 55 Abs 1 EheG geschieden.
Das Berufungsgericht bestätigte dieses Urteil und befasste sich in seiner Entscheidungsbegründung ausführlich mit der sogenannten „Härteklausel“ im Sinne des § 55 Abs 2 EheG. Es führte aus, in dem durch die Scheidung bewirkten Ergebnis einer Verschlechterung der Stellung der Frau in Bezug auf ihre Anwartschaft auf eine Witwenpension liege angesichts der konkreten Lebensumstände der Streitteile – deren Ehe überdies schon seit dem Jahr 2013 zerrüttet gewesen sei – kein so schwerwiegender Umstand, der die Verweigerung des Scheidungsbegehrens rechtfertigen könnte. Die der Scheidung widersprechende Beklagte beziehe nicht nur seit Jahren eine Eigenpension in Höhe von zuletzt 2.100 EUR netto monatlich, sondern verfüge auch über Vermögen, sei also durch die einvernehmliche eheliche Lebensgestaltung nicht gehindert gewesen, eine entsprechende Vorsorge für ihre Altersversorgung zu treffen.
Die gegen diese Entscheidung erhobene außerordentliche Revision ist nicht zulässig.
Rechtliche Beurteilung
1. Nach ständiger Rechtsprechung setzt jedes Rechtsmittel eine Beschwer – ein Anfechtungsinteresse – voraus (RIS-Justiz RS0006880 [bes T24, T26]). Neben der formellen Beschwer, die dann vorliegt, wenn die Entscheidung von dem ihr zugrundeliegenden Antrag des Rechtsmittelwerbers zu dessen Nachteil abweicht, muss auch materielle Beschwer vorliegen (RS0041868 [bes T14, T16]), es müssen also rechtlich geschützte Interessen des Rechtsmittelwerbers durch die Entscheidung beeinträchtigt werden (RS0041746; RS0043815 [T17]; RS0041868).
Die Beschwer als Zulässigkeitsvoraussetzung jeden Rechtsmittels (RS0043815) muss nicht nur zur Zeit der Einlegung gegeben sein, sondern auch noch bis zur Entscheidung darüber fortbestehen (RS0041770; RS0041868 [T24]; RS0006880 [T8, T23]; RS0043815 [T26, T27]).
2. Die Beklagte stützt sich in ihrer Revision, mit der sie die Abweisung des Scheidungsbegehrens des Klägers anstrebt, allein darauf, dass ihr der „volle“ Anspruch auf Hinterbliebenenpension erst nach mindestens 15 Jahre dauernder Ehe zustehe, sodass die vom Kläger begehrte Ehescheidung sie „aus (witwen-)pensionsrechtlichen Gründen weitaus härter träfe, als den Kläger die Abweisung der Scheidungsklage und ein Zuwarten bis zum 22. Oktober 2019“. Die von ihr angestrebte Dauer hat ihre Ehe aber mittlerweile jedenfalls – und unabhängig von der Art der Erledigung des Rechtsmittels – erreicht. Gemäß der gesetzlichen Anordnung in § 46 EheG wird die Ehe mit der Rechtskraft des Scheidungsurteils aufgelöst. Eine Scheidung wirkt also (erst) ex nunc ab materieller Rechtskraft der Entscheidung (10 ObS 60/90; Koch in KBB5 § 46 EheG Rz 1), die im vorliegenden Fall aufgrund der Einbringung der außerordentlichen Revision binnen offener Rechtsmittelfrist bis dato noch nicht eingetreten ist. Ist aber der – auch nach ihrer eigenen Auffassung – einzige der Ehescheidung entgegenstehende Umstand (der Auflösung der Ehe, bevor sie 15 Jahre angedauert hat) während des Rechtsmittelverfahrens weggefallen, ist das Rechtsmittel, das im Übrigen auch keine über den Einzelfall hinausgehende Rechtsfragen anspricht (RS0057346 [T6]), mangels materieller Beschwer als unzulässig zurückzuweisen (RS0041770; RS0006880). |
JJT_20191119_OGH0002_0010OB00198_19B0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126936 | 1Ob198/19b | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00198_19B0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00198_19B0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 1,377 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Mag. Korn und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei C*, vertreten durch Mag. Franz Müller, Rechtsanwalt in Kirchberg am Wagram, gegen die beklagten Parteien 1. R* und 2. A*, beide *, vertreten durch Dr. Frank Riel und andere, Rechtsanwälte in Krems an der Donau, wegen Unterlassung (Streitwert 6.000 EUR), über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Krems an der Donau als Berufungsgericht vom 17. Mai 2019, GZ 1 R 216/18x-34, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Krems an der Donau vom 26. September 2018, GZ 3 C 871/15i-30, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision und die Revisionsbeantwortung werden zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Klägerin begehrt die Unterlassung von vom Grundstück der Beklagten ausgehenden „Geruchsemissionen“, insbesondere jenen, die von der Küchenabluftanlage des gastgewerblichen Betriebs der Beklagten herrühren, soweit diese das nach den örtlichen Verhältnissen gewöhnliche Maß überschreiten und dadurch die ortsübliche Benutzung des Grundstücks der Klägerin beeinträchtigen.
Das Erstgericht wies die Klage ab. Es ging – was in dritter Instanz nicht mehr strittig ist – davon aus, dass die Geruchsimmissionen von keiner behördlich genehmigten Anlage iSd § 364a ABGB ausgehen. Das auf § 364 Abs 2 ABGB gestützte Unterlassungsbegehren sei jedoch nicht berechtigt, weil das nach den örtlichen Verhältnissen gewöhnliche Maß der zu beurteilenden Immission durch Küchendunst nicht überschritten war.
Das Berufungsgericht bestätigte diese Entscheidung mit der Begründung, dass die Nutzung des von Weingärten umgebenen Grundstücks der Klägerin durch den Heurigenbetrieb der Beklagten – aufgrund der festgestellten Art und des Umfangs der Einwirkungen – unabhängig davon nicht wesentlich beeinträchtigt werde, ob man von einer ortsüblichen Nutzung als Weingarten oder (entsprechend der tatsächlichen Nutzung) zu Wohnzwecken ausgehe. Die ordentliche Revision sei zulässig, weil in der bisherigen Rechtsprechung ungeklärt sei, ob eine Geruchsbelastung (auch) unter Heranziehung der „Geruchsstundenhäufigkeit pro Jahr“ beurteilt werden könne, und „nach welchen Kriterien sich Immissionsabwehransprüche zwischen Streitteilen richten, von deren Grundstücken nicht ortsübliche Immissionen aufeinander einwirken, die aber die ortsübliche Nutzung der umliegenden Grundstücke (hier Weingärten) nicht wesentlich beeinträchtigen“.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision der Klägerin ist entgegen diesem
– für den Obersten Gerichtshof nicht bindenden (§ 508a Abs 1 ZPO) – Ausspruch des Berufungsgerichts nicht zulässig, weil keine iSd § 502 Abs 1 ZPO erhebliche Rechtsfrage aufgezeigt wird.
1. Nach § 364 Abs 2 ABGB kann der Eigentümer eines Grundstücks dem Nachbarn die von dessen Grund ausgehenden Einwirkungen durch Abwässer, Rauch, Gase, Wärme, Geruch, Geräusch, Erschütterung und ähnliche insoweit untersagen, als sie das nach den örtlichen Verhältnissen gewöhnliche Maß überschreiten und die ortsübliche Benutzung des Grundstücks wesentlich beeinträchtigen. Beide Kriterien müssen kumulativ vorliegen, weshalb auch übermäßige Immissionen zu dulden sind, wenn sie die ortsübliche Nutzung nicht wesentlich beeinträchtigen, aber auch, wenn sie das ortsübliche Maß nicht übersteigen, obwohl die ortsübliche Nutzung des Grundstücks dadurch wesentlich beeinträchtigt wird (vgl RS0010587 [T4]).
2. Für die – sowohl hinsichtlich des Ausmaßes der Immissionen als auch der Beeinträchtigung des dadurch betroffenen Grundstücks – zu berücksichtigenden örtlichen Verhältnisse kommt es neben Dauer und Intensität unter anderem auch auf die Art der Einwirkung, den Grad ihrer Störungseignung sowie auf den „Charakter der Gegend“ an (vgl RS0010678 [„zB Betrieb von Buschenschanken“]). Die Ortsüblichkeit ist nach den tatsächlichen Verhältnissen in der maßgebenden Umgebung zu beurteilen (RS0010653 [T22]), die sich im Regelfall nicht auf das emittierende und das beeinträchtigte Grundstück reduzieren lässt, sondern Gebietsteile mit annähernd gleichen Lebens- und Umweltbedingungen umfasst (RS0010653 [T14]). Erforderlich ist ein Vergleich der Benützung des störenden (nicht des betroffenen) Grundstücks mit anderen Grundstücken des betreffenden Gebiets, wobei die Ortsüblichkeit einer Immission im zu betrachtenden Raum in der Regel davon abhängt, ob schon eine größere Anzahl von dort gelegenen Grundstücken so genutzt wird, dass von ihnen den zu beurteilenden Immissionen entsprechende Einwirkungen ausgehen (vgl RS0010653 [T17]).
3. Ob eine Einwirkung das nach den örtlichen Verhältnissen gewöhnliche Maß übersteigt und die ortsübliche Benutzung der Liegenschaft wesentlich beeinträchtigt, hängt von den jeweiligen Umständen des Einzelfalls ab (vgl RS0014685; RS0010558). Die Beurteilung dieser Frage würde nur dann eine Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung iSd § 502 Abs 1 ZPO begründen, wenn das Berufungsgericht von einem unrichtigen Verständnis der bisherigen Rechtsprechung ausgegangen wäre oder seinen der Natur der Sache nach bestehenden Ermessensspielraum überschritten hätte (RS0010558 [T4]).
4. Im vorliegenden Fall wurden – was die Revisionswerberin übergeht – in dem auf dem Grundstück der Beklagten geführten Betrieb bereits seit 1996 warme Speisen angeboten und zubereitet (also auch – täglich – gebraten), wobei die Art der angebotenen Speisen seitdem nicht verändert wurde. Die Grundstücke der Parteien sind – was die Revision ebenfalls unberücksichtigt lässt – umgeben von Weingärten und liegen in einem Weinanbaugebiet mit den dafür typischen Heurigenbetrieben, von denen sich sechs „in der Umgebung“ befinden, wobei auch bei diesen Heurigen
– auch wenn sie bloß kalte Speisen verabreichen – bestimmte Gerichte im Vorhinein gebraten werden müssen. Hinzu kommt, dass die von der Klägerin beanstandete Geruchsbeeinträchtigung auf ihrem Grundstück im Schnitt nur weniger als eine Stunde pro Tag auftritt und es sich dabei (nur) um „typischen Küchendunst, als hätte die Klägerin selbst gekocht“ handelt. Damit erscheint es bei einer auch anhand normativer Wertungen (vgl RS0010577 [T7]) vorzunehmenden Gesamtbetrachtung (vgl dazu 1 Ob 47/15s; 1 Ob 62/07k) – unabhängig davon, ob eine Benutzung des Grundstücks der Klägerin zu Wohnzwecken oder nur als Weingarten ortsüblich iSd § 364 Abs 2 ABGB ist – nicht korrekturbedürftig, wenn die Vorinstanzen eine das gewöhnliche Maß überschreitende bzw die ortsübliche Nutzung wesentlich beeinträchtigende Geruchsbelästigung verneinten.
5. Dass die Vorinstanzen den ihnen bei dieser Beurteilung zustehenden Ermessensspielraum überschritten hätten, zeigt die Revisionswerberin nicht auf. Soweit sie auf ihr subjektives Empfinden der Gerüche (sowie das Empfinden ihres Ehemanns) abstellt, ist ihr zu entgegnen, dass der Maßstab der Wesentlichkeit der Einwirkung ein objektiver ist und es auf das Empfinden eines Durchschnittsmenschen ankommt, der sich in der Lage des Gestörten befindet (vgl RS0010607). Soweit die Revisionswerberin ins Treffen führt, dass es nach der Rechtsprechung bei Lärmemissionen nicht bloß auf die messbare Lautstärke, sondern auch auf die durch Tonhöhe, Dauer und Eigenart der Geräusche charakterisierte „subjektive Lästigkeit“ ankomme (dazu RS0110281 [T6]), ist – wollte man diesen Grundsatz auch auf Geruchsimmissionen anwenden – darauf hinzuweisen, dass auch dabei auf das Empfinden eines „Durschnittsmenschen“ abzustellen ist (vgl RS0010557).
Soweit die Revisionswerberin meint, dass sich die Feststellung der Gerüche als „typischer Küchendunst, als hätte die Klägerin selbst gekocht“ nur auf die Wahrnehmung des Geruchs im Inneren ihres Hauses beziehe, sodass im Garten zwingend eine höhere „Geruchsintensität“ bestehe, ist dem entgegenzuhalten, dass das Erstgericht damit nicht eine (allenfalls messbare) „Geruchsintensität“, sondern bloß die „Art“ des Geruchs, der im Übrigen als „weder ekelerregend noch extrem unangenehm“ bezeichnet wird, beschreiben wollte.
Dass sich der Küchengeruch (auch) durch geöffnete Fenster der Küche der Beklagten ausbreite, wurde in erster Instanz – wo nur auf Immissionen durch die Abluftanlage abgestellt wurde – nicht behauptet, weshalb das diesbezügliche Revisionsvorbringen gegen das Neuerungsverbot verstößt.
Auf die vom Berufungsgericht als erheblich angesehene Rechtsfrage, ob die Geruchsbelastung auch unter Heranziehung der „Geruchsstundenhäufigkeit pro Jahr“ beurteilt werden kann, geht die Revisionswerberin – soweit erkennbar – nur insoweit ein, als sie behauptet, die Besucherzahl des auf dem Grundstück der Beklagten betriebenen Heurigen würde sich im Sommer jeweils verdoppeln. Dies findet im Sachverhalt, wo nur ganz allgemein von einem nicht näher quantifizierten „stärkeren Besuch“ die Rede ist, aber keine Deckung.
Ob eine wesentliche Beeinträchtigung der ortsüblichen Benutzung des Grundstücks der Klägerin bereits deshalb ausgeschlossen werden kann, weil – was die Revisionswerberin bestreitet – dessen (Sonder-)Nutzung zu Wohnzwecken in der von Weingärten geprägten Umgebung ortsunüblich sei, wohingegen die ortsübliche Nutzung als Weingarten durch Küchengerüche nicht tangiert werde, muss nicht näher beurteilt werden, weil das Berufungsgericht eine wesentliche Beeinträchtigung der Benutzung des Grundstücks der Klägerin auch für den Fall verneinte, dass dessen Nutzung zu Wohnzwecken als ortsüblich anzusehen sei, was – wie dargestellt – keiner Korrektur durch den Obersten Gerichtshof bedarf.
6. Die Revisionsbeantwortung ist nach § 507a Abs 3 Z 1 ZPO beim Berufungsgericht einzubringen, wenn dieses (wie hier) den Revisionsgegnern nach § 508 Abs 5 ZPO freigestellt hat, eine solche einzubringen. Die Mitteilung des Berufungsgerichts, dass die Beantwortung der Revision freigestellt werde (§ 508 Abs 5 ZPO), wurde den Beklagtenvertretern am 25. 9. 2019 zugestellt. Damit wurde die Frist zur Rechtsmittelbeantwortung ausgelöst (§ 507a Abs 2 Z 2 ZPO). Die am letzten Tag der Rechtsmittelfrist (23. 10. 2019) beim Erstgericht eingebrachte Revisionsbeantwortung langte beim Berufungsgericht erst nach Fristablauf ein. Wenn eine Rechtsmittelschrift beim unzuständigen Gericht eingebracht und erst von diesem dem zuständigen Gericht übersendet wird, ist die Zeit dieser Übersendung in die Rechtsmittelfrist einzurechnen (RS0041584). Die erst nach Fristende beim Berufungsgericht eingelangte Revisionsbeantwortung ist somit als verspätet zurückzuweisen. |
JJT_20191119_OGH0002_0030OB00205_19X0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126939 | 3Ob205/19x | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00205_19X0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00205_19X0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 311 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Erwachsenenschutzsache der Betroffenen Mag. S*, geboren am * 1935, *, vertreten durch den gerichtlichen Erwachsenenvertreter Mag. Stephan Vas, Rechtsanwalt in Wien, hier wegen pflegschaftsgerichtlicher Genehmigung, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Einschreiters D*, vertreten durch Dr. Tassilo Wallentin, Rechtsanwalt in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 17. September 2019, GZ 44 R 337/19p-161, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Nach ständiger Rechtsprechung kommt im Sachwalterschaftsverfahren (jetzt: Erwachsenenschutz-verfahren) dritten Personen kein Antragsrecht zu; sie haben keinen Anspruch auf eine Entscheidung des Gerichts, selbst wenn ihre Interessen tangiert werden (RIS-Justiz RS0006610 [T13]). Schutzzweck der Bestimmungen über die Fürsorgepflicht des Pflegschaftsgerichts ist die Sicherung des Pflegebefohlenen (Betroffenen) vor Nachteilen für seine Person und sein Vermögen. Daher ist nur dieser – und nicht auch ein Dritter – geschützt (RS0050064 [T1]). Nach der erklärten Absicht des Gesetzgebers zum AußStrG 2005 dient das Pflegschaftsverfahren nur dazu, die Interessen des Pflegebefohlenen, nicht aber, diejenigen seiner Vertragspartner und sonstiger Dritter zu schützen (6 Ob 286/05k mwN). Die Parteistellung im Verfahren über eine pflegschaftsgerichtliche Genehmigung ist auf den Pflegebefohlenen beschränkt (RS0006212 [T8, T9]; RS0006225 [T13, T15]; RS0123647 [T6]; RS0006210 [T8]; RS0006157 [T4]). Die rechtlich geschützte Stellung Dritter wird durch die gerichtliche Tätigkeit in einem Erwachsenenschutzverfahren nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar beeinflusst (RS0006610 [T14]).
2. Von dieser Rechtsprechung sind die Vorinstanzen nicht abgewichen, indem sie die Antragslegitimation (materielle Parteistellung) des Einschreiters, der als Eigentümer einer ihm von der Betroffenen (seiner Großmutter) geschenkten, von dieser nach wie vor bewohnten Eigentumswohnung die pflegschaftsgerichtliche Genehmigung der Löschung des von ihm der Betroffenen (neben einem lebenslangen unentgeltlichen Fruchtgenussrecht) mittels Vergleichs eingeräumten Belastungs- und Veräußerungsverbots anstrebt, verneinten.
3. Im Hinblick darauf kommt es auf die weiteren vom Revisionsrekurswerber aufgeworfenen Rechtsfragen gar nicht mehr an. |
JJT_20191127_OGH0002_0060OB00181_19I0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126945 | 6Ob181/19i | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00181_19I0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00181_19I0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,988 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Schramm als Vorsitzenden sowie die Hofräte Dr. Gitschthaler, Univ.-Prof. Dr. Kodek und Dr. Nowotny und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Familienrechtssache des Antragstellers Ing. J*, vertreten durch Dr. Hans Kaska, Rechtsanwalt in St. Pölten, gegen die Antragsgegnerin T*, vertreten durch Dr. Peter Vögel, Rechtsanwalt in Wien, wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Antragstellers gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 17. Juli 2019, GZ 23 R 267/19s-10, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Tulln vom 5. Juni 2019, GZ 1 FAM 40/19f-4, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Der Antragsteller ist schuldig, der Antragsgegnerin binnen 14Â Tagen die mit 860,58Â EUR (darin 143,43Â EUR USt) bestimmten Kosten des Revisionsrekursverfahrens zu ersetzen.
Text
Begründung:
Mit Antrag vom 29. 5. 2019 begehrte der Antragsteller
1. festzustellen, dass durch die von ihm im Zeitraum Dezember 2017 bis einschließlich April 2019 geleisteten Zahlungen an Unterhalt für die Antragsgegnerin eine Überzahlung des Unterhalts im Umfang von 2.340 EUR gegenüber der Unterhaltsverpflichtung für die Zeiträume Jänner 2018 bis einschließlich Mai 2019 erfolgt ist und diese Überzahlung für Juni bis August 2019 anzurechnen sei, sowie
2. die Antragsgegnerin zu verpflichten, Auskunft über ihre Einkünfte ab einschließlich Juli 2016 bis laufend zu erteilen; weiters Auskunft über Tätigkeiten oder Umstände, die sie an der Erzielung von Einkünften hindern, zu erteilen, insbesondere über einen allfälligen Schul- und Studienverlauf unter Angabe der besuchten Schulen und Universitäten, und die Bestätigungen über den Besuch der Schule, die Schulzeugnisse, Inskriptionsbestätigungen und Prüfungszeugnisse sowie Bestätigungen über die jeweils erreichten ECTS-Punkte vorzulegen.
Dazu brachte der Antragsteller zusammengefasst vor, es sei infolge für ihn nicht vorhersehbarer Widmungen seiner Unterhaltszahlungen zu mehreren Unterhaltsexekutionen gekommen. Als Angestellter einer Bank übe er eine Vertrauensstellung aus und müsse eine neuerliche Exekution vermeiden.
Nach seinen Berechnungen habe er bei beiden Töchtern Unterhaltsguthaben. Der Rechtsvertreter der Töchter habe erklärt, im Falle einer Aufrechnungserklärung statt einer Unterhaltszahlung Exekutionsverfahren einzuleiten. Er habe daher ein rechtliches Interesse an der begehrten Feststellung.
Zu Punkt 2. brachte der Antragsteller vor, er habe keinen Kontakt zu seinen Töchtern. Er habe diese daher aufgefordert, Nachweise über das Ausbildungsverhältnis bzw Studium vorzulegen sowie auch darüber, ob sie dieses ernsthaft und zielstrebig betreiben. Dies sei jedoch vom Rechtsvertreter der Töchter abgelehnt worden. Im Unterhaltsverfahren würden Mitwirkungspflichten des Unterhaltsberechtigten bestehen. Erst nach dieser Auskunftserteilung sei er in der Lage, seinen Antrag gegebenenfalls in Richtung des Erlöschens der Unterhaltspflicht, deren Einschränkung für die Zukunft bzw Feststellung des Nichtbestehens der Unterhaltspflicht für vergangene Zeiten oder Rückforderung geltend zu machen. Es sei nicht zumutbar, „ins Blaue hinein“ Anträge mit eventuellen Kostenfolgen zu stellen.
Das Erstgericht wies den ersten Antrag ab und den zweiten zurück.
Das Rekursgericht gab dem dagegen vom Antragsteller erhobenen Rekurs nicht Folge und bestätigte den erstinstanzlichen Beschluss mit der Maßgabe, dass in Punkt 1. der darin angeführte Antrag zurückgewiesen wurde.
Zuviel bezahlte Unterhaltsbeiträge könnten nicht gegen laufenden Unterhalt aufgerechnet werden. Zudem sei im Außerstreitverfahren die einredeweise Geltendmachung von (nicht in diesem Verfahren zu entscheidenden) Gegenforderungen unzulässig, eine solche Aufrechnungseinrede sei mit Beschluss zurückzuweisen.
Die Bestätigung der Zurückweisung des 2. Antrags wurde damit begründet, dass der Unterhaltsverpflichtete ausschließlich einen Beweisantrag, jedoch ohne Sachantrag stelle. Ein solches Vorgehen sei nur in Ausnahmen, wie etwa Art XLII EGZPO zulässig. Diese Bestimmung setze jedoch eine im materiellen Recht begründete Rechnungslegungspflicht voraus. Im konkreten Fall behaupte der Rekurswerber jedoch gar nicht, dass die Unterhaltsberechtigte über ein Eigeneinkommen verfügt, sondern wolle lediglich Nachweise haben. Dafür bestehe keine gesetzliche Grundlage. Zum mit einem Unterhaltsenthebungsantrag verbundenen Kostenrisiko verwies das Rekursgericht auf die Abmilderung des Erfolgsprinzips in § 78 Abs 2 zweiter Satz AußStrG aus Gründen der Billigkeit.
Das Rekursgericht ließ den ordentlichen Revisionsrekurs nachträglich mit der Begründung zu, ob einer Antragstellung auf Feststellung im Unterhaltsverfahren die unzulässige Aufrechenbarkeit gegen laufenden Unterhalt entgegensteht, sei nicht ausreichend geklärt. Außerdem komme der Frage erhebliche Bedeutung zu, ob dem Unterhaltspflichtigen zur Vermeidung des mit einem Enthebungsantrag verbundenen Kostenrisikos ein Auskunfts- und Rechnungslegungsanspruch zuzubilligen sei.
Hierzu hat der Oberste Gerichtshof erwogen:
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist aus dem vom Rekursgericht angeführten Grund zulässig; er ist aber nicht berechtigt.
1.1. Ein Begehren auf Rückzahlung zuviel gezahlter Unterhaltsbeiträge ist nicht im Außerstreitverfahren, sondern im streitigen Verfahren geltend zu machen (RS0114452). Unterhaltsbeträge, die vom Unterhaltspflichtigen irrtümlicherweise zuviel bezahlt und vom Berechtigten redlich verbraucht wurden, können nicht zurückgefordert und daher auch nicht gegen weitere Unterhaltsforderungen aufgerechnet werden (RS0047200). Auch eine Aufrechnung im Falle einer rückwirkenden Unterhaltsherabsetzung mit laufendem Unterhalt ist mangels rechtlichem Zusammenhang unzulässig (RS0003952 [T4] = 8 Ob 32/06y; vgl 1 Ob 262/70). Die Entscheidung 8 Ob 32/06y betrifft die hier nicht vorliegende Sonderkonstellation, dass nach Ende der Unterhaltspflicht noch Unterhalt rechtswidrig im Exekutionsweg hereingebracht wurde. Lediglich für diesen Fall wurde die Aufrechnung gegen rückwirkend erhöhten Unterhalt für zulässig erachtet.
1.2. Der Revisionsrekurswerber bringt vor, es gehe nicht um die Frage der Aufrechnung, sondern um die Feststellung, dass Unterhaltsbeträge für mehr Monate geleistet, als bereits geschuldet worden seien, und um die Anrechenbarkeit dieser Zahlung auf einen künftig fälligen Unterhalt im Unterhaltsverfahren nach Widmung durch den Unterhaltspflichtigen. Es sei die Aufrechnung mit einem bereits fälligen Unterhaltsanspruch anders zu betrachten als die Widmung einer Überzahlung für künftigen Unterhalt.
Dabei verkennt der Revisionsrekurs jedoch, dass es sich bei der begehrten „Widmung“ um nichts anderes als um eine Aufrechnung handelt. Die „Widmung“ erfolgte selbst nach dem Vorbringen des Antragstellers nicht zum Zeitpunkt der Zahlung. Somit versucht er lediglich, die nicht zulässige Aufrechnung dadurch „herbeizuführen“, indem er die Aufrechnung seines allfälligen bereicherungsrechtlichen Rückforderungsanspruchs gegen die laufende Unterhaltsverpflichtung als Widmung und nicht als Aufrechnung bezeichnet.
1.3. Zudem fehlt dem Antragsteller das rechtliche Interesse an der begehrten Feststellung. Vor Einleitung der Exekution kann die Feststellung begehrt werden, dass die rechtskräftig festgestellte Forderung wegen eines der in § 35 EO genannten Gründe erloschen sei (vgl RS0001931). Außerdem besteht die Möglichkeit, die behauptete Überzahlung im streitigen Verfahren geltend zu machen. Die Möglichkeit dieser Leistungsklage verdrängt bei gleichem Rechtsschutzeffekt die Feststellungsklage (RS0038849; RS0039021; RS0038817).
2.1. Während nach älterer Rechtsprechung die Unterhaltsleistungsverpflichtung keine Rechnungslegungspflicht oder Eidespflicht begründete (RS0035020), wird von der jüngeren Judikatur eine solche zur Durchsetzung von Unterhaltsansprüchen im streitigen Verfahren als zulässig erachtet (RS0035020 [T1]; RS0119467).
2.2. Begründet wird dies im Wesentlichen damit, dass im streitigen Unterhaltsverfahren keine Verpflichtung des Unterhaltspflichtigen besteht, aktiv an der Feststellung seiner Einkommensverhältnisse mitzuwirken, während es im außerstreitigen Unterhaltsfestsetzungsverfahren der ständigen Rechtsprechung entspricht, dass der Unterhaltspflichtige bei der Feststellung seiner Einkommensverhältnisse mitzuwirken hat, widrigens sein Einkommen nach freier Würdigung geschätzt werden kann (2 Ob 217/04g; 7 Ob 123/13g). Gemäß § 16 Abs 2 AußStrG ist die Partei eines Unterhaltsverfahrens verpflichtet, dem Gericht vollständig und wahrheitsgemäß alle ihr bekannten, für die Entscheidung des Gerichts maßgebenden Tatsachen und Beweise vorzubringen und anzubieten und alle darauf gerichteten Fragen des Gerichts zu beantworten. Gemäß § 102 Abs 1 AußStrG haben Personen, deren Einkommen oder Vermögen für die Entscheidung über den gesetzlichen Unterhalt zwischen in gerader Linie verwandten Personen von Belang ist, dem Gericht hierüber Auskunft zu geben und die Überprüfung von deren Richtigkeit zu ermöglichen.
2.3. In Hinblick darauf wurde zunächst im Fall von Unterhaltsansprüchen volljähriger Kinder (über welchen zu diesem Zeitpunkt im streitigen Verfahren zu entscheiden war) entschieden, dass es einen Wertungswiderspruch darstellen würde, wenn nur bei minderjährigen Kindern eine Mitwirkungspflicht des Unterhaltspflichtigen an der Feststellung seiner Einkommensverhältnisse bestünde, nicht aber bei volljährigen. Dieser könne nur dadurch beseitigt werden, dass man den volljährigen Kindern die Möglichkeit einräumt, eine Stufenklage nach Art XLII Abs 1 erster Fall EGZPO einzubringen (2 Ob 217/04g). In weiterer Folge wurde die Stufenklage auch im Bereich des Ehegattenunterhalts bejaht (10 Ob 47/07w; 7 Ob 123/13h; vgl zu materiell-rechtlichen Auskunftspflichten auch Rassi, Umgang mit Beweisschwierigkeiten im Unterhaltsverfahren [Teil II] – Aufklärungspflicht und materielle Auskunftspflichten, EF-Z 2011, 14).
2.4. Da in streitigen Unterhaltsverfahren keine Verpflichtung des Beklagten besteht, aktiv an der Feststellung seiner Einkommensverhältnisse mitzuwirken, anerkennt die Rechtsprechung unter diesem Gesichtspunkt auch zwischen geschiedenen Ehegatten einen Anspruch auf Auskunft und Rechnungslegung betreffend die für die Unterhaltsbemessung maßgebenden Umstände (RS0122058). Der Rechnungslegungsanspruch nach Art XLII EGZPO setzt neben dem Nachweis, dass der Klageanspruch auf Unterhalt dem Grunde nach zu Recht besteht, weiters voraus, dass der nach materiellem Recht aufgrund einer Sonderbeziehung Auskunftsberechtigte gegen den Auskunftsverpflichteten ein bestimmtes Klagebegehren auf Leistung nur mit erheblichen Schwierigkeiten, die durch eine solche Abrechnung vermieden werden können, zu erheben vermag, und dass die Auskunftserteilung dem Verpflichteten zumutbar ist. Es muss also die Interessenabwägung zugunsten des Klägers ausfallen. Existiert bereits ein Unterhaltstitel, ist der Unterhaltsberechtigte im Allgemeinen dazu verpflichtet, dem Unterhaltspflichtigen wesentliche Änderungen, die den Unterhaltsanspruch dem Grunde oder der Höhe nach betreffen, aus Eigenem mitzuteilen (RS0122058 [T3]).
2.5. Da es sich im gegenständlichen Fall um eine Unterhaltsleistungsverpflichtung handelt, welche im Außerstreitverfahren geltend zu machen ist, besteht somit keine Möglichkeit eine Stufenklage nach Art XLII EGZPO einzubringen; dafür besteht nach dem Gesagten auch kein Bedarf.
3.1. Dem vom Rekursgericht in seinem Zulassungsausspruch betonten Kostenrisiko, mit dem ein ohne entsprechende Informationen gestellter Enthebungsantrag verbunden sei, ist entgegenzuhalten, dass § 78 Abs 2 AußStrG aus Gründen der Billigkeit ein Abweichen vom Erfolgsprinzip rechtfertigt.
3.2. Nach dem zu EFSlg 133.139 veröffentlichten Leitsatz können tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten ein Abweichen vom Erfolgsprinzip erfordern (so auch EFSlg 137.174). Dort wird auf 1 Ob 117/11d verwiesen, wo jedoch lediglich allgemein ausgeführt wurde, dass im konkreten Fall besondere rechtliche Schwierigkeiten bei Beurteilung der Rechtsfrage, die ein Abweichen vom Erfolgsprinzip im Sinn einer Billigkeitsentscheidung nach § 78 Abs 2 Satz 2 AußStrG rechtfertigen würden, nicht vorliegen.
3.3. Nach den Entscheidungen des Landesgerichts Salzburg und des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien EFSlg 133.140 kann die Aussage von EFSlg 133.139 etwa dann gelten, wenn der Antragsteller von Tatsachen ausgegangen ist, die letztlich nicht zutreffen, aber von denen er mangels Aufklärung durch die Gegenseite ausgehen durfte (so auch EFSlg 125.795 und EFSlg 137.175).
3.4. Nach der Entscheidung des Landesgerichts Wels EFSlg 137.176 wird ein Anwendungsfall der „tatsächlichen Schwierigkeiten“ zudem regelmäßig auch dann gegeben sein, wenn diese sich außerhalb der Sphäre beider Parteien abspielen, wenn der Antragsteller also etwa von Tatsachen ausgegangen ist, die letztlich nicht zutrafen, deren Unrichtigkeit er allerdings auch aufgrund zumutbarer Nachforschungen nicht feststellen konnte.
3.5. Eine nahezu idente Konstellation wie im vorliegenden Fall lag einer Entscheidung des Landesgerichts Linz (15 R 55/14k) zugrunde: Dort hatte der Antragsteller die Antragsgegnerin zweimal außergerichtlich (erfolglos) zur Vorlage einer Bestätigung über den erfolgreichen Abschluss eines Schuljahres aufgefordert. Der Antrag auf Unterhaltsbefreiung wurde in der Folge (offenbar nach Vorlage der Unterlagen im Gerichtsverfahren) zurückgezogen. Nach Auffassung des Landesgerichts Linz ist das Legen der Kostennote unmittelbar nach Antragszurückziehung nur als Einschränkung auf Kosten zu werten. Ein Abweichen vom Erfolgsprinzip sei gerechtfertigt, sofern eine Partei alleine einen ihr zuzurechnenden Verfahrensaufwand verursacht hat. Voraussetzung sei, dass ein wenngleich nicht verbotenes, der Risikosphäre einer bestimmten Partei eindeutig zurechenbares Verhalten zu Störungen oder Verzögerungen bzw Handlungen führt, die beim Gegner (Mehr-)Kosten verursachen (EFSlg 144.387).
3.6. Demgegenüber vertrat das Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien (45 R 428/14w; EFSlg 148.039) die Auffassung, das Kostenseparationssystem in § 78 Abs 2 Satz 2 AußStrG sei für das Verhalten einer Partei im Prozess und einem dadurch dem Gegner allenfalls verursachten Mehrkostenaufwand, nicht jedoch für das Verhalten außerhalb eines Gerichtsverfahrens konzipiert. Zur Kostenseparation habe seit jeher das Nichtbefolgen derjenigen Obliegenheiten zu führen, die eine Partei im ordentlichen Gang des Verfahrens wider die andere erfüllen muss, damit das Gericht die kontradiktorische Grundlage für den Prozessstoff gewinnen kann; der Mehraufwand, der durch schikanöse, grundlose oder auch nur überflüssige Prozesshandlungen dem Gegner erwächst, sei unabhängig vom Erfolg stets aus Gründen der Billigkeit zu ersetzen.
3.7. Nach Obermaier (in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG § 78 Rz 86) ist der Billigkeitsgrund der tatsächlichen Schwierigkeiten nur dann ein Grund, vom Erfolgsprinzip abzuweichen, wenn er zumindest deutlich überwiegend nur auf eine Seite zutrifft. Verschleiere oder verheimliche zB ein Unterhaltspflichtiger seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse, so würden die tatsächlichen Schwierigkeiten nur auf Seite des Unterhaltsberechtigten vorliegen, sodass gegen seine kostenmäßige Begünstigung keine Bedenken bestehen (Obermaier aaO Rz 193).
3.8. Auch nach Gitschthaler ist im Sinne der Billigkeitskausel des § 78 Abs 2 AußStrG etwa zu berücksichtigen, dass der Antragsteller von Tatsachen ausgegangen ist, die letztlich nicht zutrafen, aber von denen er mangels Aufklärung durch die Gegenseite ausgehen durfte (Gitschthaler in Gitschthaler/Höllwerth, Ehe- und Partnerschaft, § 78 AußStrG, Rz 20; ebenso Klicka in Rechberger, Außerstreitgesetz2 § 78 Rz 2; Fucik/Kloiber, Außerstreitgesetz, § 78 Rz 29).
3.9. Zusammenfassend vertreten somit die veröffentlichten zweitinstanzlichen Entscheidungen ganz überwiegend die Ansicht, dass in einem Fall wie dem gegenständlichen das Billigkeitsprinzip des § 78 Abs 2 AußStrG aufgrund der tatsächlichen Schwierigkeiten anzuwenden ist. Dies entspricht auch der Ansicht in der Literatur. Damit ist das vermeintliche mit einem Enthebungsantrag verbundene Kostenrisiko kein Grund, von den unter 2. dargelegten Grundsätzen abzuweichen.
4. Damit erweist sich die Entscheidung des Rekursgerichts als frei von Rechtsirrtum, sodass dem unbegründeten Revisionsrekurs ein Erfolg zu versagen war. |
JJT_20191120_OGH0002_0170OB00018_19Z0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126946 | 17Ob18/19z | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191120_OGH0002_0170OB00018_19Z0000_000/JJT_20191120_OGH0002_0170OB00018_19Z0000_000.html | 1,574,208,000,000 | 1,660 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Präsidentin Hon.-Prof. Dr. Lovrek als Vorsitzende und die Hofräte Dr. Musger und Priv.-Doz. Dr. Rassi, die Hofrätin Dr. Kodek und den Hofrat Dr. Stefula als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei E*, vertreten durch Dr. Johann Kuzmich, Rechtsanwalt in Nebersdorf, gegen die beklagte Partei Mag. B*, Rechtsanwältin, *, wegen 279.197 EUR sA, über den Rekurs der beklagten Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 24. April 2019, GZ 3 R 70/18p-24, womit das Urteil des Landesgerichts Eisenstadt vom 18. Oktober 2018, GZ 2 Cg 11/18d-18, aufgehoben wurde, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Dem Rekurs wird Folge gegeben.
Der angefochtene Beschluss wird, soweit er nicht hinsichtlich der Teilforderungen von insgesamt 3.480,52 EUR in Rechtskraft erwachsen ist, im Übrigen aufgehoben und in der Sache selbst dahin zu Recht erkannt, dass das klageabweisende Urteil des Erstgerichts im Ausmaß von 279.197 EUR sA einschließlich der Kostenentscheidung wiederhergestellt wird.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 12.113,26Â EUR (hierin enthalten 1.064,71Â EUR USt und 5.725Â EUR Barauslagen) bestimmten Kosten des Berufungs- und des Rekursverfahrens binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Entscheidungsgründe:
Mit Beschluss des Bezirksgerichts Güssing vom 3. Juni 2013 wurde über das Vermögen der Klägerin das Schuldenregulierungsverfahren eröffnet und die Beklagte zur Insolvenzverwalterin bestellt. Am selben Tag eröffnete das Bezirksgericht Güssing über das Vermögen des Gatten der Klägerin ebenfalls das Schuldenregulierungsverfahren; Insolvenzverwalterin war auch dort die Beklagte. Die beiden Insolvenzverfahren wurden in der Folge verbunden.
Bei Eröffnung der Insolvenzverfahren waren die Klägerin und ihr Gatte jeweils zur Hälfte Eigentümer einer Liegenschaft, die mit einem Pfandrecht der * (im Folgenden: Bank) bis zum Höchstbetrag von 1.400.000 EUR belastet war. Die Bank meldete im Insolvenzverfahren der Klägerin – als dort einzige Insolvenzgläubigerin – eine Forderung von (zuletzt) 549.675,26 EUR an, die die Insolvenzverwalterin letztlich zur Gänze anerkannte.
Die Liegenschaft wurde im Jahr 2014 von der Insolvenzverwalterin um 177.600 EUR (inklusive USt) veräußert; das Inventar wurde um 16.800 EUR (inklusive USt) mitveräußert. Mit Beschluss vom 12. August 2015 wurde der absonderungsberechtigten Bank der Veräußerungserlös nach Abzug der Sondermassekosten von insgesamt 51.702,31 EUR, daher 142.697,69 EUR zugewiesen.
Nach Aufhebung des Insolvenzverfahrens erklärte die Bank gegenüber der Klägerin, auf die Geltendmachung ihrer restlichen fälligen und titulierten Forderung zu verzichten, wenn die Klägerin im Gegenzug bestätige, dass damit sämtliche ihr gegenüber geltend gemachten Ansprüche als endgültig erledigt angesehen werden könnten. Die Klägerin stimmte diesem Vorgehen grundsätzlich zu, verlangte aber den Verzicht der Bank auf sämtliche Forderungen gegen sie. Diesem Vorschlag stimmte die Bank am 31. Oktober 2016 zu.
Die Klägerin begehrt nach Klageausdehnung und rechtskräftiger Zurückweisung eines Teilbetrags von 3.480,52 EUR sA durch das Berufungsgericht Schadenersatz in Höhe von 279.197 EUR sA. Die Beklagte habe die von der einzigen Insolvenzgläubigerin angemeldete Forderung nicht sorgfältig geprüft. Hätte sie das getan, hätte sie erkannt, dass diese Forderung bereits getilgt gewesen sei. Die Liegenschaftshälfte der Klägerin hätte folglich gar nicht verkauft werden dürfen. Durch die Veräußerung sei der Klägerin daher ein Schaden in Höhe des halben Liegenschaftswerts (262.997 EUR) entstanden. Die Beklagte habe außerdem die Abwicklung zweier Wasserschäden auf der von ihr verwalteten Liegenschaft unterlassen. Aufgrund der dadurch entstandenen Wertminderung der Liegenschaft sei der Klägerin ein Schaden von insgesamt 100.000 EUR entstanden. Außerdem habe die Beklagte die Liegenschaftshälfte der Klägerin inklusive USt verkauft, obwohl die Klägerin als Verbraucherin dazu nicht berechtigt gewesen sei. Bei richtiger Vorgangsweise hätte die Beklagte die USt von 16.200 EUR nicht abführen müssen, sodass der Masse bzw der Klägerin ein um 16.200 EUR höherer Betrag zur Verfügung gestanden wäre.
Die Beklagte wendete insbesondere ein, der Klägerin fehle die Aktivlegitimation, weil einen allenfalls höheren Kaufpreis nicht sie lukriert hätte, sondern die Bank im Rahmen der Sondermasseverteilung.
Das Erstgericht wies das Klagebegehren zur Gänze ab. Da die Klägerin die angemeldete, von der Beklagten letztlich anerkannte Insolvenzforderung nicht bestritten habe, könne sie im nunmehrigen Verfahren nicht mehr einwenden, sie habe der Bank diesen Betrag nicht geschuldet. Selbst wenn man davon ausgehe, dass der Klägerin durch die beiden Wasserschäden ein Schaden von insgesamt 100.000 EUR entstanden sei und sich der aus dem Verkauf der Liegenschaft lukrierte Betrag durch Nichtabführung der USt um 16.200 EUR erhöht hätte, wäre der sich daraus ergebende Mehrbetrag von insgesamt 116.200 EUR nicht ausreichend gewesen, um den jedenfalls bestehenden Restforderungsbetrag der Bank vollständig abzudecken. Es wäre daher keinesfalls zu einer Auszahlung an die Klägerin gekommen, bestenfalls hätte sich die an die Bank zu zahlende Restschuld entsprechend vermindert. Dadurch, dass die Bank nach dem Insolvenzverfahren auf sämtliche weitere Forderungen verzichtet habe, sei insofern kein Schaden im Vermögen der Klägerin eingetreten, sodass bereits nach ihrem eigenen Vorbringen die Forderung nicht zu Recht bestehen könne.
Das Berufungsgericht wies das Klagebegehren im Umfang von 3.480,52 EUR sA (unbekämpft) zurück. Im Übrigen, also im Umfang von restlichen 279.197 EUR sA, hob es das erstgerichtliche Urteil auf und verwies die Rechtssache insoweit zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung an das Erstgericht zurück. Das Klagebegehren sei unschlüssig geblieben, weil die Klägerin 100.000 EUR weniger einklage als die Summe der von ihr im Einzelnen angeführten Forderungen. Es könne auch nicht von einem offenkundigen Schreibfehler ausgegangen werden, weil die Klägerin an anderer Stelle die einzelnen Schadenspositionen unter Außerachtlassung der Wasserschäden darstelle. Diese Unschlüssigkeit werde das Erstgericht im fortgesetzten Verfahren mit der Klägerin zu erörtern haben.
Durch die ohne Bestreitung durch den Schuldner erfolgte Feststellung einer Forderung im Konkurs werde ein Entscheidungssurrogat geschaffen, weshalb die Klägerin im vorliegenden Verfahren nicht erfolgreich behaupten könne, die angemeldete Forderung sei (im hier relevanten Umfang) zu Unrecht festgestellt worden.
Bei auf § 81 Abs 3 IO gestützten Schadenersatzansprüchen müsse zur Beurteilung der Aktivlegitimation unterschieden werden, ob Einzel- oder Gemeinschaftsschäden vorlägen. Gemeinschaftsschäden entstünden ua durch die Beschädigung von Massegegenständen oder die unterpreisige Veräußerung von Massevermögen. Davon zu unterscheiden seien Einzelschäden, die nur einen einzelnen Geschädigten beträfen. Ein solcher Einzelschaden liege beim Schuldner einerseits dann vor, wenn die Insolvenzmasse nach Hinzurechnung des Entgangs durch die pflichtwidrige Handlung zur Abdeckung aller Schulden und der Kosten des Verfahrens ausreichte und damit noch ein dem Schuldner zuzuweisender Rest bliebe, und andererseits bei Verfügung des Insolvenzverwalters über insolvenzfreies Vermögen. Daraus folge, dass die Klägerin grundsätzlich Gemeinschaftsschäden geltend mache. Unter umfassender Auseinandersetzung mit Lehre und Judikatur ging das Berufungsgericht davon aus, dass der Schuldner nach Beendigung des Insolvenzverfahrens grundsätzlich nicht berechtigt sei, einen Gemeinschaftsschaden gegen den Insolvenzverwalter zu verfolgen. Der Ersatz solcher Schäden sei über eine Nachtragsverteilung gemäß § 138 IO zu lösen. Eine solche Durchsetzung scheide hier jedoch aus, weil das Insolvenzverfahren nach § 123a IO aufgehoben worden sei, weshalb die Schuldnerin die behaupteten Gemeinschaftsschäden sehr wohl im Klageweg geltend machen könne.
Das Berufungsgericht ließ den Rekurs zur Frage der Geltendmachung von Gemeinschaftsschäden durch den früheren Insolvenzschuldner nach Aufhebung des Insolvenzverfahrens zu.
Gegen den Aufhebungsbeschluss richtet sich der Rekurs der Beklagten mit dem erkennbaren Antrag auf Wiederherstellung des erstgerichtlichen Urteils im Umfang der Abweisung des (restlichen) Begehrens von 279.197Â EURÂ sA.
Die Klägerin beantragt in ihrer Rekursbeantwortung, dem Rekurs nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Der Rekurs ist wegen einer vom Obersten Gerichtshof aufzugreifenden Fehlbeurteilung des Berufungsgerichts zulässig und berechtigt.
1. Das Berufungsgericht hat zutreffend dargelegt, dass das Klagebegehren unschlüssig (unbestimmt) ist, weil die einzelnen von der Klägerin dargelegten Einzelpositionen in Summe den (letztlich) eingeklagten Betrag deutlich übersteigen. Nach ständiger Rechtsprechung ist aber ein Pauschalbetrag entsprechend aufzugliedern, um den Bestimmtheitserfordernissen des § 226 ZPO gerecht zu werden. Es geht nämlich nicht an, die Aufteilung des Pauschalbetrags auf einzelne Rechtsverhältnisse dem Gericht zu überlassen. Ohne eine solche Aufschlüsselung wäre es nicht möglich, den Umfang der Rechtskraft einer Teilabweisung des Zahlungsbegehrens zu bestimmen und damit die Frage zu beantworten, über welche der eingeklagten Forderungen ganz oder teilweise endgültig abgesprochen wurde. Nur wenn eine solche Aufgliederung erfolgt, kann in einem Folgeprozess die der Zulässigkeit einer weiteren Sachentscheidung allenfalls entgegenstehende materielle Rechtskraft der früheren Entscheidung beurteilt werden (RS0031014 [T15, T17, T20, T22, T23, T31, T35]).
2. Eine solche von Amts wegen wahrzunehmende Unschlüssigkeit des Klagebegehrens darf grundsätzlich nicht zu dessen sofortiger Abweisung ohne vorherigen Verbesserungsversuch führen (RS0037166, RS0000263). Eine Erörterung dieser Unschlüssigkeit ist allerdings dann entbehrlich, wenn jede einzelne (mögliche) Teilforderung materiell unberechtigt ist und das Klagebegehren unabhängig davon, aus welchen Teilbeträgen es sich tatsächlich zusammensetzt, jedenfalls zur Gänze abzuweisen ist. Das ist hier der Fall:
2.1. Die Vorinstanzen haben zutreffend ausgeführt, dass die Klägerin, die die letztlich festgestellte Insolvenzforderung nicht bestritten hat, im nunmehrigen Prozess nicht mehr erfolgversprechend behaupten kann, die Beklagte habe die Forderung nicht ausreichend sorgfältig geprüft und diese sei daher zu Unrecht festgestellt worden.
2.2. Soweit die Klägerin einen Vermögensschaden von insgesamt 116.200 EUR durch die beiden Wasserschäden und die Abführung von USt aus dem Kaufpreis geltend macht, behauptet sie, wie der erkennende Senat bereits jüngst in der – das Parallelverfahren des Ehemannes der Klägerin gegen die Beklagte betreffenden – Entscheidung 17 Ob 16/19f ausgesprochen hat, in Wahrheit einen Einzelschaden, den allerdings nicht sie erlitten hat, sondern die Bank. Damit wäre aber auch nur die Bank legitimiert gewesen, allfällige Schadenersatzansprüche gegen die Insolvenzverwalterin geltend zu machen, sofern diese einen Mindererlös der Sondermasse schuldhaft verursacht haben sollte (vgl 8 Ob 37/03d, 8 Ob 48/05z ua; Hierzenberger/Riel in Konecny/Schubert §§ 81, 81a KO Rz 30). Allein der Umstand, dass die Bank nach Beendigung des Insolvenzverfahrens
– somit nach umfassender Verwertung der klägerischen Vermögenswerte – auf die (weitere) Geltendmachung ihrer Restforderung gegenüber der Klägerin verzichtet hat, begründet nicht deren Aktivlegitimation zur Geltendmachung des Einzelschadens der Bank. Weder aus dem klägerischen Vorbringen noch aus dem Inhalt der nach RS0121557 heranzuziehenden Urkunden ist nämlich auch nur ansatzweise ableitbar, dass eine allfällige von der Beklagten schuldhaft verursachte Wertminderung der Sondermasse, die zu einem Forderungsausfall der Bank geführt haben könnte, Thema der Einigung war. Der Verzicht der Bank umfasste nur die weitere (wirtschaftlich offensichtlich aussichtslose) Geltendmachung der Restforderung gegenüber der nun vermögenslosen Klägerin. Aus dieser Einigung ergibt sich aber nicht, dass die Bank zugunsten der Klägerin (auch) auf die Geltendmachung allfälliger Schadenersatzansprüche gegen die Beklagte wegen einer von ihr verschuldeten Minderung des Erlöses aus der Sondermasse verzichtet oder der Klägerin gar entsprechende Schadenersatzansprüche gegenüber der Beklagten abgetreten hätte.
3. Da also das (nach Zurückweisung eines Teilbetrags von 3.480,52 EUR sA durch das Berufungsgericht) verbleibende Klagebegehren von 279.197 EUR sA infolge Unschlüssigkeit abweisungsreif ist, ist dem Rekurs Folge zu geben und in der Sache selbst im Sinn der Wiederherstellung des erstgerichtlichen Urteils in diesem Umfang als Teilurteil zu erkennen.
4. Da das gesamte Klagebegehren (einschließlich des vom Berufungsgericht zurückgewiesenen Teils) unberechtigt war, hat es im Ergebnis bei der Kostenentscheidung des Erstgerichts zu bleiben. Hinsichtlich der Rechtsmittelverfahren beruht die Kostenentscheidung auf §§ 41, 50 ZPO. |
JJT_20191128_OGH0002_0020OB00054_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126947 | 2Ob54/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00054_19H0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00054_19H0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 483 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Veith als Vorsitzenden und den Hofrat Dr. Musger, die Hofrätin Dr. Solé sowie die Hofräte Dr. Nowotny und Mag. Pertmayr als weitere Richter in der Verlassenschaftssache nach dem am * 2015 verstorbenen J* M*, zuletzt *, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Ing. F* M*, vertreten durch Dr. Jürgen Nowotny, Rechtsanwalt in Linz, gegen den Beschluss des Landesgerichts Linz als Rekursgericht vom 22. Jänner 2019, GZ 15 R 484/18d-135, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Gegenstand des Revisionsrekursverfahrens ist die Feststellung der Erbhofeigenschaft zweier Höfe in der Umgebung von Linz nach dem Anerbengesetz.
Das Rekursgericht änderte die erstinstanzliche Entscheidung, mit der die Erbhofeigenschaft lediglich eines Hofs ausgesprochen wurde, ab und stellte die gemeinsame Erbhofeigenschaft beider Höfe fest.
Der Revisionsrekurswerber, der die Feststellung anstrebt, die beiden Höfe stellten weder einzeln noch gemeinsam einen Erbhof dar, zeigt in seinem Rechtsmittel keine Rechtsfrage der in § 62 Abs 1 AußStrG genannten Qualität auf:
Rechtliche Beurteilung
1. Die gerügte Mangelhaftigkeit des Rekursverfahrens wurde geprüft, sie liegt nicht vor (§ 71 Abs 3 AußStrG).
2. Nach der Rechtsprechung bestimmt sich die Frage, ob eine Liegenschaft ein Erbhof im Sinne des Anerbengesetzes ist, danach, ob es sich objektiv um einen landwirtschaftlichen Betrieb handelt, der die Kriterien des § 1 AnerbenG erfüllt (RS0050260). Wesentlich ist nicht, ob eine Liegenschaft tatsächlich von der Hofstelle aus genutzt wird, sondern nur, ob dies objektiv (mit wirtschaftlichen Mitteln) möglich ist. Auch die Verpachtung von Flächen hat auf die Qualifikation als Erbhof keinen Einfluss, weil es auf die objektiven Nutzungsmöglichkeiten ankommt (2 Ob 235/17y mwN). Daher sind die subjektiven Vorstellungen des Erblassers – etwa ob er die Liegenschaft als Wertanlage erworben hat – nicht entscheidend.
3. Zur Frage, ob eine von der Hofstelle entfernte landwirtschaftliche Liegenschaft objektiv, also mit wirtschaftlichen Mitteln, von der Stammliegenschaft aus genutzt werden kann, wurde bereits ausgesprochen, dass der Anerbe weder persönlich Hand anlegen noch ununterbrochen anwesend sein muss, sondern es ausreicht, wenn er den Betrieb leitet (2 Ob 235/17y; 6 Ob 224/09y). Daher wurde selbst eine von der Hofstelle ca 120 km entfernt liegende landwirtschaftliche Liegenschaft, auf der ein Wirtschaftsgebäude vorhanden war, als erbhofzugehörig beurteilt (2 Ob 235/17y).
Wie der Revisionsrekurswerber in seinem Rechtsmittel richtig erkennt, handelt es sich bei der Frage, ob landwirtschaftlich genutzte Liegenschaften eine wirtschaftliche Einheit iSd § 2 Abs 1 AnerbenG bilden, um eine Rechtsfrage. Die Ansicht des Rekursgerichts, die Bewirtschaftung der von der Stammliegenschaft ca 55 km auf der (Bundes-)Straße entfernt liegenden weiteren Liegenschaften sei von der Stammliegenschaft aus objektiv möglich, sodass eine wirtschaftliche Einheit bejaht werden könne, hält sich im Rahmen der erörterten Rechtsprechung.
4. Der angemessene Erhaltungsbedarf iSd § 1 Abs 1 AnerbenG ist immer nach den örtlichen Verhältnissen zu ermitteln (RS0114347). Seine Ermittlung betrifft somit grundsätzlich den Einzelfall und begründet im Allgemeinen keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG (6 Ob 272/07d; 6 Ob 195/06d). Die Beurteilung des Rekursgerichts, der aus beiden Höfen (jedenfalls) zu erwirtschaftende Durchschnittsertrag von insgesamt rund 49.000 EUR jährlich reiche zu einer angemessenen Erhaltung von zwei erwachsenen Personen nach den örtlichen Verhältnissen aus, bedarf keiner Korrektur. |
JJT_20191128_OGH0002_0020OB00197_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126948 | 2Ob197/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00197_19P0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00197_19P0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 538 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Veith als Vorsitzenden und den Hofrat Dr. Musger, die Hofrätin Dr. Solé und die Hofräte Dr. Nowotny und Mag. Pertmayr als weitere Richter in der Erwachsenenschutzsache des P* W*, verstorben am * 2019, zuletzt *, über den Revisionsrekurs des Antragstellers P* W*, vertreten durch Mag. Alexander Todor-Kostic, LL.M., und Mag. Silke Todor-Kostic, Rechtsanwälte in Velden am Wörthersee, gegen den Beschluss des Landesgerichts Klagenfurt als Rekursgericht vom 9. Oktober 2019, GZ 1 R 143/19b-48, mit welchem der Beschluss des Bezirksgerichts St. Veit an der Glan vom 29. August 2019, GZ 2 P 38/16a-45, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Der Antragsteller ist das einzige Kind des am * 2019 verstorbenen Betroffenen. Dieser hatte mit einem Testament aus dem Jahr 2016 eine Dritte als Erbin eingesetzt und den Antragsteller enterbt. Der Antragsteller beantragt unter Hinweis auf seine Stellung als „gesetzlicher Erbe“ Einsicht in den Pflegschaftsakt, insbesondere in das dort eingeholte Gutachten zur Gesundheit des Betroffenen, um im Verlassverfahren seine Interessen in Bezug auf eine mögliche Testierunfähigkeit des Betroffenen wahrnehmen zu können und „durch Testamentsanfechtung“ dem wahren Willen des Betroffenen zum Durchbruch zu verhelfen.
Die Vorinstanzen wiesen den Antrag nach § 141 Abs 1 AußStrG ab, weil der Antragsteller noch keine Erbantrittserklärung abgegeben habe. Das Rekursgericht ließ den Revisionsrekurs zu, weil Rechtsprechung zum Recht auf Akteneinsicht eines gesetzlichen, aber nicht erbantrittserklärten Erben fehle.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist entgegen diesem den Obersten Gerichtshof nicht bindenden Ausspruch nicht zulässig.
1. Trotz Fehlens einer ausdrücklichen Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs liegt dann keine erhebliche Rechtsfrage vor, wenn das Gesetz selbst eine klare, das heißt eindeutige Regelung trifft (RS0042656), sodass über die Auslegung keine ernstlichen Zweifel bestehen können (RS0042656 [T8]).
2. Ein solcher Fall liegt hier vor:
2.1. Die Möglichkeit der Akteneinsicht für Erben und erbantrittserklärte Personen wurde mit dem 2. Erwachsenenschutz-Gesetz in § 141 Abs 1 AußStrG eingefügt. In Bezug auf die hier strittigen Informationen über den Gesundheitszustand beruht die Bestimmung nach den EB zur RV des 2. ErwSchG (1461 BlgNR 25. GP 76 f) auf der zu 2 Ob 194/14i ergangenen Entscheidung zum Recht erbantrittserklärter Erben auf Einsicht in den Pflegschaftsakt. Dort hatte der Senat ausgeführt, dass eine solche Einsicht zur Durchsetzung des wahren Willens des Erblassers möglich sei, wenn aufgrund widerstreitender Erklärungen ein Verfahren über das Erbrecht eingeleitet wurde. Eine Einsicht vor Abgabe einer Erbantrittserklärung war damit ausgeschlossen.
2.2. Dass in der Neufassung von § 141 Abs 1 ABGB neben erbantrittserklärten Personen auch Erben genannt wurden, beruht nach den Materialien (EB 76) allein darauf, dass Erben als Rechtsnachfolger des Betroffenen schon nach alter Rechtslage ein Recht auf Akteneinsicht in Bezug auf dessen Einkommens- und Vermögensangelegenheiten hatten (RS0125886). Auch hier soll es nun nach den Materialien genügen, dass der Einsichtswerber bereits eine Erbantrittserklärung abgegeben hat (EB 76). Aus diesen Ausführungen folgt zwingend, dass der Gesetzgeber den Begriff „Erbe“ im Sinn von „Rechtsnachfolger aufgrund Einantwortung“ verstanden hat.
2.3. Auch Schoditsch (EF-Z 2019, 52 [53 f]; ders in Schneider/Verweijen, AußStrG § 141 Rz 12) versteht Erben und erbantrittserklärte Personen „als (potentielle) Gesamtrechtsnachfolger“, wobei er den Begriff „potentiell“
– wie schon die Materialien (EB 76) – offenkundig auf die erbantrittserklärten Personen bezieht. „Erbe“ ist daher auch nach seiner Auffassung der nicht bloß potentielle, sondern tatsächliche Gesamtrechtsnachfolger des Betroffenen.
3. Auf dieser Grundlage kann eine Auslegung von § 141 Abs 1 AußStrG, die entgegen der Rechtsprechung zum alten Recht eine Akteneinsicht vor Abgabe einer Erbantrittserklärung ermöglichen soll, nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden. Der Revisionsrekurs ist daher zurückzuweisen. |
JJT_20191119_OGH0002_0010OB00195_19M0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126958 | 1Ob195/19m | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00195_19M0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00195_19M0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 593 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Mag. Korn und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Erwachsenenschutzsache betreffend P*, vertreten durch Mag. Wolfgang Rafaseder, Rechtsanwalt in Wien, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der betroffenen Person gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 6. Juni 2019, GZ 44 R 244/19m-25, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Liesing vom 15. Jänner 2019, GZ 20 P 33/19d-2, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Das Rekursgericht bestätigte den Beschluss des Erstgerichts auf Einleitung eines Verfahrens zur Prüfung der Notwendigkeit der Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters für die betroffene Person.
Der dagegen von der betroffenen Person erhobene außerordentliche Revisionsrekurs ist nicht zulässig:
Rechtliche Beurteilung
1. Es ist richtig, dass bei Einleitung eines solchen Verfahrens begründete und konkrete Anhaltspunkte für die Notwendigkeit der Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters zur Wahrung der Belange des Betroffenen vorliegen müssen. Dies traf schon nach § 117 Abs 1 AußStrG aF zu (vgl RIS-Justiz RS0013479 [T2, T3], RS0008526) und gilt (umso mehr) auch nach neuem Recht (RS0013479 [T4]), dessen erklärte Absicht es ist, dafür Sorge zu tragen, dass auch Personen mit eingeschränkter Entscheidungsfähigkeit möglichst selbständig ihre Angelegenheiten selbst besorgen können (vgl § 239 Abs 1 ABGB idF 2. ErwSchG). Vor Verfahrenseinleitung ist daher in jedem Einzelfall zu prüfen, ob begründete und sich sowohl auf die psychische Krankheit oder eine vergleichbare Beeinträchtigung als auch auf die Notwendigkeit der Bestellung eines Erwachsenenvertreters zum Schutz der betreffenden Person beziehende Anhaltspunkte vorliegen. Ansonsten darf das Verfahren nicht eingeleitet werden; eine bloß potenzielle künftige Gefährdung reicht ebenso wenig, wie das Interesse Dritter an einer Bestellung. Dabei ist aber auch beachtlich, von wem der Hinweis (die „Mitteilung“ nach § 117 Abs 1 AußStrG) kommt (4 Ob 215/18y mwN).
2. Im vorliegenden Verfahren ging die Anregung – anders als in dem zu 4 Ob 215/18y zu beurteilenden Fall – nicht von der gegnerischen Verfahrenspartei aus, sondern von der Gerichtsvorsteherin jenes Bezirksgerichts, bei dem aktuell ein gegen die betroffene Person (auf unleidliches Verhalten gestütztes) Kündigungsverfahren geführt wird. Der von der betroffenen Person erhobene Vorwurf, es liege eine „grobe Fehlbeurteilung“ vor, weil konkrete Feststellungen dazu fehlten, in welchem Zusammenhang sie sich in der Vergangenheit in einer ihren eigenen Interessen objektiv zuwiderlaufenden Weise verhalten habe und/oder aufgrund welcher konkreten Umstände die Befürchtung nahe liege, sie werde sich (auch) in Hinkunft selbst Schaden zufügen, ist nicht berechtigt:
Das Rekursgericht hat auf der Sachverhaltsebene zugrunde gelegt, wie sich die betroffene Person in einem (bei einem anderen Bezirksgericht anhängig gewesenen) Aufkündigungsverfahren (konkret) verhalten hatte. Der Umstand, dass sie in der Vergangenheit (ua) selbst Klopfgeräusche erzeugt hatte, die anderen Mieter aber der Erzeugung von Lärm bezichtigte, den sonst keiner wahrgenommen hatte, in Verbindung damit, dass nun (im Kündigungsprozess) im Kern gleichlautende Vorwürfe wiederholt werden, legt jedenfalls den Verdacht des Vorliegens einer psychischen Krankheit oder einer vergleichbaren Beeinträchtigung nahe, der durch den (ebenso im Beschluss des Rekursgerichts) geschilderten Eindruck der Gerichtsvorsteherin zu Verwechslungen, Verwirrtheit und Widersprüchen untermauert wird. In dem gegen die betroffene Person aktuell geführten Bestandverfahren geht es (wiederum) um das gewichtige Lebensinteresse der Wohnmöglichkeit der zu schützenden Person, der erneut deren Verlust droht. Dass das Rekursgericht angesichts dieser – auch festgehaltenen Hinweislage – die Einleitung des Verfahrens aus Fürsorge für und zum Schutz der betroffenen Person als notwendig beurteilte, bedarf keiner Korrektur.
3. Auf einen nach Beschlussfassung durch das Rekursgericht erstellten psychiatrischen Befund ist schon wegen des Neuerungsverbots nicht einzugehen (RS0119918). Überdies ist die Beurteilung, ob Anhaltspunkte für die Verfahrenseinleitung vorlagen (oder nicht), allein auf Basis der im Zeitpunkt der Beschlussfassung gegebenen Beweislage vorzunehmen.
Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191119_OGH0002_0030OB00208_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126960 | 3Ob208/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00208_19P0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00208_19P0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 569 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Präsidentin Hon.-Prof. Dr. Lovrek als Vorsitzende sowie die Hofräte Dr. Roch und Priv.-Doz. Dr. Rassi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in den verbundenen Rechtssachen der klagenden Partei I*, vertreten durch Mag. Gerhard Walzl, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei M*, vertreten durch Dr. Alexandra Sedelmayer-Pammesberger, Rechtsanwältin in Wien, wegen Unterhaltsherabsetzung (AZ 8 C 22/16k) und Einwendungen gegen den Anspruch nach § 35 EO (AZ 8 C 4/18s), über die „außerordentliche“ Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 20. August 2019, GZ 44 R 338/19k-67, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Hernals vom 23. Mai 2019, GZ 8 C 22/16k-60, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Akten werden dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Die Streitteile sind geschiedene Ehegatten. Mit der zu (nunmehr) 8 C 22/16k des Erstgerichts eingebrachten Klage begehrt der Kläger die Feststellung, dass der von ihm der Beklagten geschuldete monatliche Unterhaltsbeitrag ab Jänner 2014 bis auf weiteres nur noch 175 EUR (statt 570 EUR) betrage. Mit Beschluss des Erstgerichts vom 25. Jänner 2018 wurde der Beklagten als betreibende Partei die Gehaltsexekution gegen den hier Kläger als verpflichtete Partei zur Hereinbringung eines Unterhaltsrückstands von 3.309,20 EUR sowie des laufenden Unterhalts von 570 EUR monatlich ab dem 1. Jänner 2018 bewilligt. Mit der zu (nunmehr) 8 C 4/18s des Erstgerichts eingebrachten Oppositionsklage begehrt der Kläger, die Exekution (uneingeschränkt) für unzulässig zu erklären. Der letzte Unterhaltstitel sei ab dem 1. Jänner 2014 hinsichtlich eines 175 EUR monatlich übersteigenden Betrags erloschen. Ein Unterhaltsrückstand bestehe nicht, vielmehr habe er für Jänner 2014 bis April 2017 eine Überzahlung von 15.800 EUR geleistet, die er der Unterhaltsforderung der Beklagten compensando entgegen halte.
Das Erstgericht verband die beiden Verfahren zur gemeinsamen Verhandlung und Entscheidung und wies beide Klagebegehren ab. Das Berufungsgericht gab der Berufung des Klägers nicht Folge und ließ die ordentliche Revision nicht zu.
Die vom Kläger erhobene „außerordentliche“ Revision wurde unmittelbar dem Obersten Gerichtshof vorgelegt. Dies widerspricht dem Gesetz:
Rechtliche Beurteilung
1. Nach § 502 Abs 4 ZPO ist die Revision – außer im Fall des § 508 Abs 3 ZPO – jedenfalls unzulässig, wenn in einem Verfahren über den aus dem Gesetz gebührenden Unterhalt der Entscheidungsgegenstand an Geld oder Geldeswert nicht insgesamt 30.000 EUR übersteigt und das Berufungsgericht die ordentliche Revision nach § 500 Abs 2 Z 3 ZPO für nicht zulässig erklärt hat.
2. Trotz des sachlichen Zusammenhangs der beiden Verfahren hat ihre Verbindung zur gemeinsamen Verhandlung und Entscheidung nicht zur Folge, dass die Streitwerte zusammenzurechnen wären (RIS-Justiz RS0037271 [T7]).
3. Gemäß § 58 Abs 1 JN sind Unterhaltsansprüche zwingend mit der dreifachen Jahresleistung zu bewerten. Bei der Ermittlung des Entscheidungsgegenstands des Berufungsgerichts in Unterhaltsverfahren kommt es, wenn (auch) laufende Ansprüche zu beurteilen sind, grundsätzlich auf den 36-fachen Betrag jenes monatlichen Unterhaltsbeitrags an, der zum Zeitpunkt der Entscheidung der zweiten Instanz zwischen den Parteien noch strittig war (RS0042366 [T9] ua). Für die Unterhaltsherabsetzungsklage beträgt der Wert des berufungsgerichtlichen Entscheidungsgegenstands daher ([570 - 175 =] 395 EUR x 36 =) 14.220 EUR.
4. Der Streitwert einer Oppositionsklage betreffend einen Unterhaltsexekutionstitel ist gleich dem nach § 58 Abs 1 JN zu berechnen (vgl RS0001624); eine Hinzurechnung des betriebenen Unterhaltsrückstands hat nicht (mehr) zu erfolgen (3 Ob 207/19s). Damit übersteigt auch der Wert des Entscheidungsgegenstands des Berufungsgerichts im Oppositionsverfahren 30.000 EUR nicht (570 EUR x 36 = 20.520 EUR).
5. Mangels eines 30.000 EUR übersteigenden Werts des Entscheidungsgegenstands in zweiter Instanz in beiden verbundenen Verfahren wäre das Rechtsmittel daher – auch wenn es als „außerordentliches“ bezeichnet wird – dem Berufungsgericht (allenfalls nach Verbesserung) vorzulegen gewesen. Ob die im Schriftsatz enthaltenen Ausführungen, wonach die Revision zulässig sei, den Erfordernissen des § 508 Abs 1 ZPO entsprechen, bleibt der Beurteilung der Vorinstanzen vorbehalten (RS0109623 [insbesondere T5, T8]; RS0109501 [insbesondere T12]). Es ist daher die aus dem Spruch ersichtliche Rückleitungsanordnung zu treffen. |
JJT_20191120_OGH0002_0170OB00015_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126976 | 17Ob15/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191120_OGH0002_0170OB00015_19H0000_000/JJT_20191120_OGH0002_0170OB00015_19H0000_000.html | 1,574,208,000,000 | 689 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch die Präsidentin Hon.-Prof. Dr. Lovrek als Vorsitzende und die Hofräte Dr. Musger und Priv.-Doz. Dr. Rassi, die Hofrätin Dr. Kodek und den Hofrat Dr. Stefula als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Mag. R* R* als Insolvenzverwalter im Konkursverfahren über das Vermögen des Vereins K*, vertreten durch Kosch & Partner Rechtsanwälte GmbH in Wien, gegen die beklagte Partei Stadt *, vertreten durch Pitzal/Cerny/Partner Rechtsanwälte OG in Wien, wegen Anfechtung (Streitwert 20.011,05 EUR sA), über die Revision der klagenden Partei (Revisionsinteresse 17.833,53 EUR) gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 26. Februar 2019, GZ 3 R 55/18g-15, mit dem das Urteil des Handelsgerichts Wien vom 2. August 2018, GZ 26 Cg 76/17z-11, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Die Revision wird zurückgewiesen.
II. Die Revisionsbeantwortung wird als verspätet zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Zu I.:
1. Gegenstand des Revisionsverfahrens ist eine auf § 31 Abs 1 Z 2 IO gestützte und vom Berufungsgericht abgewiesene Anfechtungsklage. Die Abänderung seines Unzulässigkeitsausspruchs begründete das Berufungsgericht damit, dass einzige Einkommensquelle der späteren Insolvenzschuldnerin die von der Beklagten gewährten Fördermittel gewesen seien. Es fehle höchstgerichtliche Rechtsprechung, ob unter diesen Umständen ein erhöhter Sorgfaltsmaßstab an die Beklagte anzulegen sei, die mit dem Schuldner eine Ratenvereinbarung über die Rückzahlung zu Unrecht vereinnahmter Förderungen geschlossen hatte.
Entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts in seinem – den Obersten Gerichtshof nicht bindenden (Zechner in Fasching/Konecny, Zivilprozessgesetze2 § 508 ZPO Rz 10 mwN) – Beschluss auf nachträgliche Zulassung der Revision nach § 508 ZPO steht gerade nicht fest, dass die Beklagte die einzige Gläubigerin des Schuldners war und ihre Subventionen seine einzige Einnahmequelle bildeten. Die Frage, ob angesichts dessen an die Beklagte ein erhöhter Sorgfaltsmaßstab anzulegen ist, stellt sich demnach nicht.
2. Weil der ein Kindertagesheim betreibende Schuldner mehr Kinder betreute als von der Beklagten bewilligt war, forderte diese an Förderungen für den Zeitraum Jänner 2014 bis März 2015 42.398,22 EUR zurück. Da der Schuldner diesen Betrag nicht bezahlen konnte, stellte er ein Ratenzahlungsansuchen. Mitursache hierfür war, dass dem Schuldner im Jahr 2015 bis zur Ratenvereinbarung durch Barabhebungen und Überweisungen insgesamt 39.512,92 EUR – teils für nicht ausbezahlte Gehälter, teils für von der Obfrau geleistete Mietzahlungen, teils für private Zwecke – entzogen worden waren. Nach der hierauf geschlossenen Ratenzahlungsvereinbarung sollte die Tilgung durch Einbehaltung eines Teils der zukünftig zustehenden Förderbeiträge erfolgen.
Der Schuldner hing nach den Feststellungen zwar wirtschaftlich von den Subventionen der Beklagten ab, ihm war nach den Förderbedingungen aber gestattet, bestimmte Leistungen seinen Kunden gegen Entgelt anzubieten. Die Beklagte musste daher nicht davon ausgehen, seine einzige Einnahmequelle zu sein. Aus diesem Grunde und zumal die Subventionen monatlich zwischen 17.000 und 19.000 EUR betrugen und auch weiter gewährt werden sollten, ist die Ansicht des Berufungsgerichts im angefochtenen Urteil, die Beklagte habe bloß wegen des Ratenzahlungsansuchens noch nicht die Zahlungsunfähigkeit des Schuldners annehmen oder weitere Nachforschungen vornehmen müssen, nicht korrekturbedürftig. Ob dem Anfechtungsgegner im Sinne des § 31 Abs 1 Z 2 IO Fahrlässigkeit zur Last fällt, hängt stets von den Umständen des Einzelfalls ab und begründet – vom Fall einer (hier nicht vorliegenden) korrekturbedürftigen Fehlbeurteilung abgesehen – regelmäßig keine Rechtsfrage erheblicher Bedeutung im Sinne des § 502 Abs 1 ZPO (vgl RS0042837).
Zu II.:
Der Beschluss des Berufungsgerichts auf nachträgliche Zulassung der Revision samt Ausspruch, dass es der Beklagten freisteht, die Revision zu beantworten, wurde der Beklagten gemeinsam mit einer Gleichschrift der Revision am 31. 5. 2019 zugestellt. Die Beklagte brachte die Revisionsbeantwortung im ERV am 26. 6. 2019 beim Erstgericht ein, das die Revisionsbeantwortung sodann dem Berufungsgericht physisch weiterleitete, wo sie am 1. 7. 2019 einlangte.
Gemäß § 507a Abs 3 Z 2 ZPO ist die Revisionsbeantwortung beim Berufungsgericht einzubringen, wenn dieses dem Revisionsgegner nach § 508 Abs 5 ZPO freigestellt hat, eine Revisionsbeantwortung einzubringen.
Ein im Wege des ERV übermitteltes Schriftstück kann – unter Nichteinrechnung des Postenlaufs – nur dann als rechtzeitig eingebracht angesehen werden, wenn es durch Angabe des jeweils zutreffenden „Dienststellenkürzels“ an das richtige Gericht adressiert war. Wurde hingegen die Dienststellenkennzeichnung des Adressatgerichts anlässlich der Eingabe des Rechtsmittels unrichtig angegeben, und langte der Schriftsatz deshalb beim falschen Gericht ein, das ihn (mit Zeitverzögerung) an das zuständige Gericht übermitteln musste, so ist die Eingabe nur dann als rechtzeitig anzusehen, wenn sie noch innerhalb der Rechtsmittelfrist (bzw Rechtsmittelbeantwortungsfrist) beim zuständigen Gericht einlangt (RS0124533; Danzl, Geo8 § 37 Anm 6b mwH). Die außerhalb der am 31. 5. 2019 in Gang gesetzten vierwöchigen Frist beim Berufungsgericht eingelangte Revisionsbeantwortung ist daher als verspätet zurückzuweisen. |
JJT_20191118_OGH0002_0080OB00092_19S0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E126996 | 8Ob92/19s | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00092_19S0000_000/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00092_19S0000_000.html | 1,574,035,200,000 | 1,063 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Hon.-Prof. Dr. Kuras als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Tarmann-Prentner und Mag. Korn, den Hofrat Dr. Stefula und die Hofrätin Mag. Wessely-Kristöfel als weitere Richter in der Erwachsenenschutzsache betreffend C* S*, vertreten durch Dr. Oliver Kühnl, Rechtsanwalt in Innsbruck, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der betroffenen Person gegen den Beschluss des Landesgerichts Innsbruck als Rekursgericht vom 21. Februar 2019, GZ 54 R 5/19k-119, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Betroffene befand sich in den letzten Jahren wiederholt in – auch stationärer – psychiatrischer Behandlung. Erstmals regte die Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie im Jänner 2004 die Bestellung eines Sachwalters an. Dieses Bestellungsverfahren wurde nach Durchführung der Erstanhörung am 14. 6. 2005 mit in Rechtskraft erwachsenem Beschluss des Erstgerichts vom selben Tag mit der wesentlichen Begründung eingestellt, die Betroffene scheine in der Lage, die wesentlichen Angelegenheiten ihres Lebens ohne die Gefahr eines Nachteils für sich selbst zu besorgen und selbst zu erkennen, wann sie Hilfe durch eine dritte Person benötige, in welchem Fall sie sich an ihre Mutter oder ihre Schwester wende; zudem mangle es an von einem Sachwalter zu besorgenden Angelegenheiten.
Im August 2007 regte die Stadt Innsbruck die Bestellung eines Sachwalters an. Dieses Verfahren wurde nach Bestellung einer psychiatrischen Sachverständigen und eines Verfahrenssachwalters mit in Rechtskraft erwachsenem Beschluss des Erstgerichts vom 10. 8. 2010 im Wesentlichen mit der selben Begründung wie im Jahr 2005 eingestellt.
Am 14. 12. 2018 regte nunmehr die Universitätsklinik für Psychiatrie abermals die Bestellung eines – nach der nunmehrigen Terminologie des 2. ErwSchG – gerichtlichen Erwachsenenvertreters an. Dabei wurde mitgeteilt, dass die Betroffene an einer schizoaffektiven Störung leide, zahlreiche stationäre Aufenthalte gehabt habe und aktuell wieder stationär aufgenommen worden sei. Als Angelegenheiten, die die Betroffene selbst nicht erledigen könne, wurde „Wohnungsangelegenheit, Wohnortklärung und -bestimmung, Finanzen, Vertretung bei Behörden, Ämtern, Gerichten“ angegeben.
Das Erstgericht beauftragte mit Beschluss vom 17. 12. 2018 den Erwachsenenschutzverein VertretungsNetz mit der – im Beschluss näher umschriebenen – Abklärung im Sinne des § 4a ErwSchVG.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs der Betroffenen hiergegen keine Folge und begründete dies im Wesentlichen damit, dass auf Grund der Anregung der Universitätsklinik für Psychiatrie, der Eigeninteressen nicht zu unterstellen seien, und unter Bedachtnahme auf den sonstigen Akteninhalt, aus dem sich schon mehrfach eingeleitete Sachwalterschaftsverfahren in der Vergangenheit ergäben, konkrete und begründete Anhaltspunkte im Sinne des § 117a AußStrG vorlägen, die Notwendigkeit der Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters durch weitere Verfahrensschritte abzuklären. Das Rekursgericht ließ den ordentlichen Revisionsrekurs nicht zu.
Rechtliche Beurteilung
Die Betroffene zeigt in ihrem außerordentlichen Revisionsrekurs keine Rechtsfrage von der Qualität des § 62 Abs 1 AußStrG auf.
1. Auch nach der Rechtslage nach dem mit 1. 7. 2018 in Kraft getretenen 2. Erwachsenenschutz-Gesetz, BGBl I 2017/59 (2. ErwSchG), ist kein formeller Beschluss auf Einleitung des Verfahrens nach den §§ 116a ff AußStrG vorgesehen. Das Verfahren ist ab dem Moment eingeleitet, in dem das Gericht irgendeine Handlung vornimmt. Wie bisher ist der erste „Beschluss“ des Gerichts, der seinen Willen unzweifelhaft erkennen lässt, die Voraussetzungen der Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters für eine Person im in §§ 116a ff AußStrG geregelten Verfahren zu prüfen, als Beschluss auf Verfahrenseinleitung anzusehen. Ein solcher Beschluss kann auch ein solcher sein, mit dem das Gericht – wie hier – gemäß § 117a Abs 1 AußStrG zur Prüfung der Notwendigkeit der Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters für den Betroffenen den örtlich zuständigen Erwachsenenschutzverein beauftragt, eine Abklärung im Sinne des § 4a ErwSchVG durchzuführen (4 Ob 215/18y = EF-Z 2019/75 [Schweighofer] mwN).
2. Der Beschluss auf Einleitung eines Verfahrens über die Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters ist vom Rekursgericht aufgrund der Sach- und Rechtslage zum Zeitpunkt seiner Erlassung zu überprüfen (RS0006801 [T6, T8]). Daraus, dass sie vor dem erstinstanzlichen Einleitungsbeschluss noch kein rechtliches Gehör hatte oder dass ihr die Verständigung nach § 117a Abs 2 AußStrG von der Befassung des Erwachsenenschutzvereins nicht zukam, kann die Betroffene gegen den Einleitungsbeschluss nichts ableiten. Ebenso kann die Betroffene gegen den Einleitungsbeschluss nicht einwenden, sie habe „zwei selbstständig gewählte Vertreter“. Solches war dem Erstgericht zur Zeit der Beauftragung des Erwachsenenschutzvereins mit der Abklärung im Sinne des § 4a ErwSchVG nicht bekannt. Der Akteninhalt enthielt zwar Hinweise auf familiäre Unterstützung, die aber nur bis zum Jahr 2010 reichten, weshalb eine Abklärung jedenfalls nicht unnötig war.
3. Es würde dem Zweck des eingeleiteten oder fortgesetzten Überprüfungsverfahrens widersprechen, wenn schon zu Beginn konkrete Feststellungen über die – nunmehr in § 271 ABGB statuierten – Voraussetzungen für die Bestellung eines – nach der nunmehrigen Terminologie – gerichtlichen Erwachsenenvertreters verlangt würden. Allerdings bedarf es – wie auch bisher (3 Ob 55/13d [Pkt 3.3] mwH) – wenigstens eines Mindestmaßes an nachvollziehbarem Tatsachensubstrat, aus dem sich das Vorliegen entsprechender Anhaltspunkte ableiten lässt. Auch nach dem neuen Recht müssen also schon für die Einleitung des Verfahrens begründete und konkrete Anhaltspunkte für die Notwendigkeit der Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters zur Wahrung der Belange des Betroffenen vorliegen. Die Anhaltspunkte müssen konkret und begründet sein und haben sich sowohl auf die psychische Krankheit oder eine vergleichbare Beeinträchtigung als auch auf die Notwendigkeit der Bestellung eines Erwachsenenvertreters zum Schutz der betreffenden Person zu beziehen (9 Ob 89/18f mwN [Pkt 5]). Das Gericht hat auch weiterhin zu beachten, von wem der Hinweis kommt (RS0008526 [T3]). So ist etwa Vorsicht angebracht, wenn ein Prozessgegner die gerichtliche Erwachsenenvertretung beantragt (vgl 4 Ob 215/18y: Erbrechtsstreit). Die Frage des Vorliegens konkreter und begründeter Anhaltspunkte ist eine typische Einzelfallbeurteilung, die nur bei einer groben Fehlbeurteilung des Rekursgerichts eine erhebliche Rechtsfrage begründen kann (7 Ob 192/18p [Pkt 3] mwN; 2 Ob 135/18v [Pkt 2]).
Im vorliegenden Fall stammt die Anregung von einer Universitätsklinik für Psychiatrie, also einer – wie bereits vom Rekursgericht zutreffend erkannt – mangels Eigeninteressen unbefangenen und zur Beurteilung von psychischen Krankheiten oder vergleichbaren Beeinträchtigungen qualifizierten Einrichtung. Dass die Anregung von einer Sozialarbeiterin namens der Universitätsklinik gefertigt wurde, ändert hieran nichts; es ist davon auszugehen, dass die Diagnose „schizoaffektive Störung“ in der Krankengeschichte der Universitätsklinik Deckung findet. Den in der Anregung als regelungsbedürftig angegebenen Angelegenheiten kann ein Mindestmaß an nachvollziehbarem Tatsachensubstrat auch angesichts dessen, dass die Betroffene nach der Mitteilung (neuerlich) stationär aufgenommen wurde, nicht abgesprochen werden. Die Bejahung des Vorliegens konkreter und begründeter Anhaltspunkte für die Notwendigkeit der Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters im Sinne des § 117a Abs 1 Satz 1 AußStrG durch die Vorinstanzen hält sich jedenfalls im Rahmen des Beurteilungsspielraums. Die Betroffene ist im Übrigen wie bereits in der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom 16. 7. 2004, 8 Ob 68/04i, ON 21, welche in dem aufgrund der Anregung vom Jänner 2004 eingeleiteten Verfahren zur Überprüfung der Notwendigkeit einer Sachwalterbestellung erging, darauf hinzuweisen, dass allgemein gültige Ausführungen, unter welchen Umständen Anhaltspunkte im Sinne des (nunmehr) § 117a Abs 1 Satz 1 AußStrG gegeben sind, nicht möglich sind.
4. Ein allfälliger Begründungsmangel erster Instanz ist jedenfalls geheilt, weil das Rekursgericht die Begründung – im Sinn ihrer Überprüfbarkeit – ausreichend ergänzte (6 Ob 115/16d [Pkt 2] mwH). |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00048_19K0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127003 | 10Ob48/19k | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00048_19K0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00048_19K0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 4,092 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. T* und 2. B*, beide vertreten durch Mag. Paula Stecher und MMag. Dr. Georg Janovsky Rechtsanwälte in Schwaz, gegen die beklagten Parteien 1. H* KG, *, und 2. M*, beide vertreten durch Ing. Dr. Stefan Krall und Dr. Oliver Kühnl, Rechtsanwälte in Innsbruck, wegen 35.892 EUR sA, über die außerordentliche Revision der beklagten Parteien gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Innsbruck als Berufungsgericht vom 11. April 2019, GZ 2 R 37/19m-183, mit dem das Endurteil des Landesgerichts Innsbruck vom 21. Dezember 2018, GZ 12 Cg 130/13t-162 (in der Fassung des Berichtigungsbeschlusses vom 17. Jänner 2019, GZ 12 Cg 130/13t-167) teilweise abgeändert wurde, und über die mit der außerordentlichen Revision verbundenen außerordentlichen Revisionsrekurse der beklagten Parteien gegen den im Berufungsurteil enthaltenen Beschluss des Berufungsgerichts, mit dem den Rekursen gegen die Beschlüsse des Erstgerichts vom 24. Juli 2018, GZ 12 Cg 130/13t-132, vom 22. August 2018, GZ 12 Cg 130/13t-140 und vom 21. Dezember 2018, GZ 12 Cg 130/13t-163 (letzterer in der Fassung des Berichtigungsbeschlusses vom 8. Jänner 2019, GZ 12 Cg 130/13t-165) nicht Folge gegeben wurde, in nichtöffentlicher Sitzung I. den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentlichen Revisionsrekurse werden zurückgewiesen.
II. zu Recht erkannt:
Der Revision wird teilweise Folge gegeben.
Die Entscheidungen der Vorinstanzen werden dahin abgeändert, dass sie – unter Einschluss der bereits in Rechtskraft erwachsenen Teile – zu lauten haben wie folgt:
„Die beklagten Parteien sind zur ungeteilten Hand schuldig, den klagenden Parteien binnen 14 Tagen 20.652 EUR samt 4 % Zinsen aus 19.200 EUR von 6. 11. 2013 bis 24. 7. 2013 und aus 20.652 EUR seit 25. 7. 2017 zu zahlen.
Das Mehrbegehren, die beklagten Parteien seien zur ungeteilten Hand schuldig, den klagenden Parteien binnen 14 Tagen weitere 15.240 EUR samt 4 % Zinsen aus 30.000 EUR von 20. 6. 2013 bis 5. 11. 2018 und 4 % Zinsen aus 15.240 EUR seit 15. 11. 2018 zu zahlen, wird abgewiesen.“
Die Kostenentscheidung bleibt vorbehalten.
Text
Entscheidungsgründe:
Die erstbeklagte Kommanditgesellschaft, deren unbeschränkt haftender Gesellschafter der Zweitbeklagte ist, verpflichtete sich in einem 2008 abgeschlossenen Werkvertrag zur Planung, Lieferung und Montage der Fenster für das neuerrichtete Haus der Kläger. Die Einbauarbeiten wurden in der zweiten Jahreshälfte 2008 von Mitarbeitern der Erstbeklagten verrichtet. Im Dezember 2010 bemerkten die Kläger erste Wassereintritte im Bereich der Fenster. Der Einbau der vertikalen Fensterelemente unter den Dachflächenfenstern ist nicht sach- und fachgerecht erfolgt und entspricht weder den Einbauempfehlungen des Fensterherstellers noch den für den Einbau gültigen Ö-Normen. Die Einbauhöhe der Dachflächenfenster steht sowohl auf der West- als auch auf der Ostseite im Widerspruch zu der damals gültigen Ö-Norm. Der Einbau wäre nur dann sach- und fachgerecht, wenn die Dachflächenfenster höher gesetzt worden wären. Die Prüfung der notwendigen Einbauhöhe liegt im Verantwortungsbereich der erstbeklagten Partei. Im Außenbereich ist keine Bauanschlussfuge gegeben, es wurde keine Bauanschlussfolie verwendet, eine vollständige Fugenfüllung mit Dämmstoff zwischen Säule und dem vertikalen Fensterelement fehlt. Infolge dieser und weiterer Einbaufehler rinnt bei geschlossenem Fensterflügel Niederschlagswasser in die Fuge und gelangt in das darunter liegende Stockwerk. Bei den Dachflächenfenstern ist der gesamte Fensterrahmen und ein Teilbereich unterhalb des Fensterrahmens nicht gedämmt, was bei einem fachgerechten Einbau gewährleistet sein müsste. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass durch die anhaltenden Wassereintritte Folgeschäden am Haus (einem Holzbau) entstanden sind. Der Bauleiter und auch der Zweitbeklagte besichtigten die schadhaften Fenster, ohne die Ursache für die Wassereintritte zu finden und eine Mängelbehebung zu versuchen.
Mit ihrer im Oktober 2013 erhobenen Klage (der Gegenseite zugestellt am 5. 11. 2013) begehrten die Kläger von den beiden Beklagten zur ungeteilten Hand vorerst 30.000 EUR samt 4 % Zinsen seit 20. 6. 2013 an Sanierungskosten aus dem Titel des Schadenersatzes und erhoben ein Feststellungsbegehren auf Feststellung der künftigen Haftung der beklagten Partei für etwaige Spät- und Folgeschäden.
Mit Schriftsatz vom 25. 7. 2017 (ON 104) wurde das Leistungsbegehren auf 31.452 EUR samt 4 % Zinsen aus 30.000 EUR vom 20. 6. 2013 bis 24. 7. 2017 sowie 4 % Zinsen aus 31.452 EUR seit 25. 7. 2017 ausgedehnt.
Zum bisherigen Verfahrensgang:
Zum ersten Rechtsgang:
Das Erstgericht gab dem Klagebegehren im Umfang von 16.746 EUR sA zur ungeteilten Hand statt und wies das Mehrbegehren im Umfang von 14.706 EUR sA ab. Weiters gab das Erstgericht dem Begehren auf Feststellung der Haftung der Beklagten zur ungeteilten Hand für sämtliche Schäden und Nachteile statt, die aus der mangelhaften Herstellung des Werks (Dach- und Vertikalfenster) herrührten.
Das Berufungsgericht verwarf die Berufung wegen Nichtigkeit; im Übrigen gab es der Berufung der Kläger gänzlich und der Berufung der Beklagten teilweise dahin Folge, dass es die Entscheidung des Erstgerichts über das Leistungsbegehren als Zwischenurteil (hinsichtlich des Grundes des Leistungsbegehrens) und als Teilurteil (hinsichtlich des Feststellungsbegehrens) bestätigte und im Übrigen (hinsichtlich der Höhe des Leistungsbegehrens) aufgehoben hat.
Der Oberste Gerichtshof wies die dagegen gerichtete außerordentliche Revision der Beklagten mangels einer Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung zurück (10 Ob 77/18y). Das Teilurteil hinsichtlich des Feststellungsbegehrens ist in Rechtskraft erwachsen.
Im fortgesetzten Verfahren dehnten die Kläger mit Schriftsatz vom 15. 11. 2018 ihr Zahlungsbegehren neuerlich, nunmehr auf 35.892 EUR samt 4 % Zinsen aus 30.000 EUR von 20. 6. 2013 bis 24. 7. 2017, 4 % Zinsen aus 31.452 EUR von 25. 7. 2017 bis 14. 11. 2018 und 4 % Zinsen aus 35.892 EUR seit 15. 11. 2018 aus. Sie brachten vor, die Sanierungskosten würden laut dem nunmehr vorliegenden Gutachten des gerichtlichen Sachverständigen 35.892 EUR ausmachen.
Soweit für das Revisionsverfahren noch wesentlich bringen die Kläger zur Anspruchshöhe zusammengefasst vor, sie hätten Anspruch auf die Sanierungskosten in jenem Umfang, der auch das Höhersetzen der Dachflächenfenster („Stockaufdoppelung“) umfasse. Jede andere Sanierungsvariante bliebe mangelhaft. Weiters müssten die zu bevorschussenden Sanierungskosten auch die Kosten für den allenfalls notwendig werdenden Austausch bzw die Neuanschaffung der Fenster beinhalten. Für sie wäre ein massiver Nachteil darin gelegen, wenn sie zunächst selbst das volle Kostenrisiko zu tragen hätten, falls sich im Zuge der Sanierungsarbeiten herausstellen sollte, dass sich die Fenster nicht ohne Beschädigung ausbauen ließen. Sollte sich der Austausch der Fenster als nicht notwendig erweisen, stehe es den Beklagten ohnedies frei, den nicht verbrauchten Deckungsfonds zurückzufordern.
Die Beklagten sprachen sich gegen die Klageausdehnung aus. Die ausgedehnte Klageforderung sei verjährt. Da die Kläger zunächst keine konkreten Sanierungskosten vorgebracht hätten, sei ihr Vorbringen zu den Sanierungskosten im fortgesetzten Verfahren auch wegen Verstoßes gegen das Neuerungsverbot unbeachtlich. Zudem hätten die Kläger gegen die Schadensminderungspflicht verstoßen. Sie hätten nach Abschluss der Fenstereinbauarbeiten einen (nicht ausgebildeten) Spengler beigezogen, von dem sie vom überstehenden Lagerholz bei den Dachflächenkombinationsfenstern erfahren hätten. Seit dieser Warnung hätten sie nicht mehr weiterbauen dürfen. Da zum damaligen Zeitpunkt die Fassade noch nicht angebracht gewesen sei, wäre der Schaden bei Null gelegen. Weiters hätte der Spengler die Kläger auch hinsichtlich der Dachflächenfenster warnen müssen. Auch diese (nicht erfolgte) Warnung müssten sich die Kläger zurechnen lassen. Sie hätten außerdem nur Anspruch auf jene Kosten, die den Beklagten entstanden wären, wenn diese die Sanierung selbst vorgenommen hätte („Eigenkosten“). Keinesfalls bestehe ein Anspruch auf Ersatz der Sowieso-Kosten.
Das Erstgericht erklärte die Klageausdehnung für zulässig, verpflichtete die Beklagten zur ungeteilten Hand zur Zahlung von 35.892 EUR und wies das Zinsenbegehren zur Gänze ab. Die Kostenentscheidung wurde vorbehalten (§ 52 Abs 2 ZPO).
Das Erstgericht traf zur Höhe der Klageforderung weitere Feststellungen, aus denen folgende
– für das Revisionsverfahren noch wesentliche
Feststellungen – hervorzuheben sind:
Sämtliche Fenster sind mangelhaft eingebaut. Die Mängel sind behebbar. Allerdings hängt die Höhe der Sanierungskosten davon ab, ob sich die Fenster problemlos demontieren lassen. Sollten die Fenster oder der Fensterstock bei der Demontage beschädigt werden, müssen die Fenster möglicherweise ausgetauscht werden. Sollten im Zuge des Ausbaus und der Höhersetzung der Vertikalfensterelemente Beschädigungen im Anschlussbereich bzw im Koppelungsbereich auftreten, betragen die geschätzten Kosten für den Neukauf der Fenster 10.800 EUR („Alternativkosten“). Die Gesamtkosten der Sanierungsarbeiten inklusive dieser Alternativposition betragen 35.892 EUR; die Gesamtkosten ohne Alternativposition betragen 25.092 EUR. Die Kläger beabsichtigen zu sanieren, sobald die erforderlichen Kosten zur Verfügung stehen.
In rechtlicher Hinsicht führte das Erstgericht aus, die Klageausdehnung sei gemäß § 235 ZPO zulässig. Der Geschäftsführer der Erstbeklagten habe sich die beanstandeten Fenster zweimal angesehen, ohne die Ursache der Wassereintritte gefunden und eine Mängelbehebung versucht zu haben, weswegen die Erstbeklagte mit der Verbesserung in Verzug sei. Sie habe nach schadenersatzrechtlichen Grundsätzen für den Nichterfüllungsschaden (das Erfüllungsinteresse) einzustehen. Den Klägern stehe das Deckungskapital für die Sanierung der Mängel als zweckgebundener und verrechenbarer – bei Übermaß auch rückforderbarer – Vorschuss in Höhe von 35.892 EUR zu. Da die Beklagten bisher nicht saniert hätten, sei der Vorschuss fällig. Selbst bei Annahme des Bestehens einer Warnpflicht des Spenglers würde dessen Fehlleistung die Beklagten nicht entlasten. Für das Zinsenbegehren bleibe kein Raum, weil die Kläger für die Sanierungskosten nicht in Vorlage getreten seien.
Das Berufungsgericht gab den Rekursen der beklagten Parteien gegen die Beschlüsse ON 132 und ON 140 (Bestellung des DI H* und des Ing. J* zu Sachverständigen), gegen den Beschluss ON 163 (Abweisung des Antrags auf Ablehnung dieser Sachverständigen) sowie gegen den Beschluss ON 162 (mit dem die Klageänderung für zulässig erklärt wurde) jeweils nicht Folge und sprach aus, dass die Revisionsrekurse jedenfalls unzulässig seien (§ 528 Abs 2 Z 2 ZPO). Es verwarf die Berufung der Beklagten wegen Nichtigkeit, gab jedoch den von beiden Streitteilen erhobenen Berufungen teilweise Folge und änderte die Entscheidung des Erstgerichts dahin ab, dass die Beklagten zur ungeteilten Hand verpflichtet wurden, den Klägern 31.452 EUR samt 4 % Zinsen aus 30.000 EUR von 6. 11. 2013 bis 24. 7. 2017 und aus 31.452 EUR seit 25. 7. 2017 zu zahlen. Das Mehrbegehren von 4.400 EUR samt 4 % Zinsen aus 30.000 EUR von 20. 6. 2013 bis 5. 11. 2013 und aus 4.440 EUR seit 15. 11. 2018 wurde abgewiesen. Die Kostenentscheidung wurde vorbehalten (§ 52 Abs 3 ZPO).
Rechtlich ging das Berufungsgericht davon aus, dass die Rekurse jeweils zulässig, aber nicht berechtigt seien. Zu den beiden Sachverständigenbestellungsbeschlüssen (ON 132 und ON 140) sei auszuführen, dass die im Verfahren zum Grund des Anspruchs bestellten Sachverständigen zulässigerweise auch im fortgesetzten Verfahren zur Anspruchshöhe für eine Gutachtensergänzung herangezogen werden könnten. Sowohl DI H* als auch Ing. J* würden über ausreichende Sachkenntnis verfügen. Sie seien in die Liste der allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen eingetragen. Das von ihnen erstattete schriftliche Gutachten sei schlüssig; die im Rahmen der Gutachtenserörterung gestellten ergänzenden Fragen seien nachvollziehbar beantwortet worden.
Zu dem Beschluss über die Ablehnung der Sachverständigen DI H* und Ing. J* (ON 163, berichtigt mit Beschluss ON 165) sei auszuführen, dass Einwände gegen die Qualität des Gutachtens und auch die Behauptung mangelnder Sachkenntnis oder einer unrichtigen Begutachtung keine Ablehnungsgründe darstellten.
Die Klageausdehnung (Beschluss ON 162) sei zulässig. Eine unbillige Erschwerung oder Verzögerung sei zu verneinen, weil die Klageausdehnung nach Vorliegen des schriftlichen Ergänzungsgutachtens zur Höhe der Sanierungskosten erfolgt sei, und die mündliche Gutachtenserörterung im gleichen Umfang auch ohne die Klageausdehnung durchgeführt hätte werden müssen. Das Neuerungsverbot stehe der Klageausdehnung nicht entgegen.
Die geltend gemachte Nichtigkeit und geltend gemachten Mangelhaftigkeiten des erstinstanzlichen Verfahrens lägen nicht vor. Die Tatsachenrüge sei nicht berechtigt (S 28 bis 46 des Berufungsurteils, Punkt 4.1 bis 14). Der Rechtsrüge sei aber insofern zu folgen, als ein Teilbetrag der Klageforderung im Umfang der Ausdehnung von 4.440 EUR verjährt sei, weil die Klageausdehnung nicht auf (erst) im Lauf des Prozesses eingetretene Schäden gestützt worden sei, sondern auf die Ergebnisse des gerichtlichen Sachverständigengutachtens. In diesem Umfang sei das Klagebegehren daher abzuweisen. Die Verbesserungskosten seien auf Basis der von den gerichtlichen Sachverständigen ermittelten Variante mit Stockverlängerung zuzusprechen, weil feststehe, dass die Dachflächenfenster bei sach- und fachgerechtem Einbau höher eingebaut hätten werden müssen. Auch die Kosten für die vertikalen Fensterelemente in Höhe von 10.800 EUR brutto („Alternativposition“) seien als Teil des Vorschusses zuzusprechen. Diese Kosten würden zwar nach den Feststellungen nur dann anfallen, falls im Zuge der Sanierung (Austausch und Höhersetzung der Fenster) Beschädigungen im Anschlussbereich bzw im Koppelungsbereich eintreten sollten. Ließen sich die Fensterelemente beschädigungsfrei aus- und einbauen, entstünden diese Kosten nicht, was sich aber erst im Zuge der Verbesserung herausstellen werde. Sollten diese Kosten den Klägern nicht zugesprochen werden, wären die Kläger nicht so gestellt, wie sie stünden, wenn ordnungsgemäß erfüllt worden wäre. Sie hätten keine Sicherheit, das notwendige Deckungskapital in Händen zu halten, um damit ohne jede weitere Verzögerung die Sanierung zu einem Ende zu bringen. Demgegenüber stehe es den Beklagten frei, ihre Leistung zu kondizieren, sollte der Vorschuss vom Geschädigten nur teilweise verwendet worden sein. Ein Abzug von „Sowieso-Kosten“ scheide aus, weil die Erstbeklagte mangelhaft erfüllt habe. Nur wenn das Werk schon in seiner vereinbarten Beschaffenheit für die Erreichung des Vertragszwecks untauglich gewesen und der Erstbeklagten die Verletzung der in § 1168a ABGB begründeten Warnpflicht vorzuwerfen wäre, stellte sich das Problem von „Sowieso-Kosten“. Da der Übernehmer die Verbesserung nicht voreilig selbst vorgenommen habe, sei die Frage eines Abzugs für Eigenkosten nicht zu beantworten. Bei einem auf § 933a ABGB gestützten Anspruch sei der Einwand der Verletzung der Obliegenheit zur Schadensminderung grundsätzlich zulässig, weil es sich um einen verschuldensabhängigen Schadenersatzanspruch handle. Die Kläger hätten aber nicht gegen ihre Obliegenheit zur Schadensminderung verstoßen. Nach den Behauptungen der Beklagten habe der von den Klägern herangezogene Spengler schon im Jahr 2009 gewarnt, dass bei den vertikalen Fensterkombinationen die Bauanschlussfuge falsch ausgeführt worden sei. Wie die Beklagten weiter behaupten, wären zu diesem Zeitpunkt die Fensterkombinationen noch ohne weitere Kosten wieder herausnehmbar und deren richtige Anbindung problemlos herstellbar gewesen. Diesem Einwand sei aber nicht zu folgen, weil es schon aufgrund des Vorbringens der Beklagten und deren Prozessstandpunkts erfolglos geblieben wäre, wenn sich die Kläger zwecks Sanierung an sie gewandt hätten. Auch dem Standpunkt, eine weitere Verletzung der Obliegenheit zur Schadensminderung liege darin, dass der von den Klägern beigezogene Spengler diese hinsichtlich der Dachflächenfenster warnen hätte müssen (wodurch sich der Schaden auf Null reduziert hätte), sei nicht zu folgen. Den Klägern wäre ein Gehilfenverhalten nur dann als Mitverschulden oder als Verletzung der Obliegenheit zur Schadensminderung zuzurechnen, wenn sie sich des Gehilfen dazu bedient hätten, um Verpflichtungen aus ihrer Sonderverbindung zur Erstbeklagten wahrzunehmen. Dies sei aber hier nicht der Fall. Rechtliche Feststellungsmängel lägen nicht vor; auch überschießende Feststellungen seien nicht getroffen worden. Dass von den Verbesserungskosten ein Abzug „Neu für Alt“ vorzunehmen wäre, sei erstmals in der Berufung – somit unter Verstoß gegen das Neuerungsverbot – behauptet worden. Werde Deckungskapital zur Mängelbehebung begehrt, könne Verzinsung ab jenem Zeitpunkt gefordert werden, auf dem die Berechnung der Höhe der Behebungskosten beruhe. Mangels vorheriger Bezifferung stünden den Klägern die gesetzlichen Verzugszinsen nicht schon – wie eingeklagt – nach Zugang ihres Schreibens vom 17. 6. 2013 ab 20. 6. 2013, sondern erst ab dem der Klagszustellung folgenden Tag (6. 11. 2013) zu.
Das Berufungsgericht sprach aus, dass die Revision nicht zulässig sei, weil eine Orientierung an höchstgerichtlicher Rechtsprechung erfolgen habe können und die Entscheidung keine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung habe.
Die Beklagten erhoben gegen die Beschlüsse des Berufungsgerichts mit denen den Rekursen der beklagten Partei gegen die Beschlüsse ON 132 und ON 140 (Bestellung des DI H* und des Ing. J* zu Sachverständigen), gegen den Beschluss ON 163 (Abweisung des Antrags auf Ablehnung dieser Sachverständigen) sowie gegen den Beschluss ON 162 (Zulassung der Klageänderung) nicht Folge gegeben wurde außerordentliche Revisionsrekurse; gegen das Urteil des Berufungsgerichts erhoben sie außerordentliche Revision.
Die Kläger brachten kein Rechtsmittel ein, sodass die Abweisung der 4.440 EUR sA in Rechtskraft erwachsen ist.
Rechtliche Beurteilung
Die außerordentlichen Revisionsrekurse sind jedenfalls unzulässig. Die Revision ist hingegen zulässig und im Umfang von 10.800 EUR im Sinne des Abänderungsantrags berechtigt, weil die Rechtsansicht des Berufungsgerichts, auch für den Ankauf neuer Fenster stehe Deckungskapital zu, mit der bisherigen Rechtsprechung nicht in Einklang steht.
Die Kläger beantragen in der ihnen freigestellten Revisionsbeantwortung, die außerordentliche Revision als unzulässig zurückzuweisen, in eventu ihr nicht Folge zu geben.
I. Zu den außerordentlichen Revisionsrekursen:
Gemäß § 528 Abs 2 Z 2 ZPO ist der Revisionsrekurs jedenfalls unzulässig, wenn der angefochtene erstrichterliche Beschluss zur Gänze bestätigt worden ist. Da das Rekursgericht die erstgerichtlichen Beschlüsse (ON 132 und ON 140 [Bestellung des DI H* und des Ing. J* zu Sachverständigen], ON 163 [Abweisung des Antrags auf Ablehnung dieser Sachverständigen] sowie ON 162 [Zulassung der Klageänderung] jeweils zur Gänze bestätigt hat, indem es sich mit den Argumenten der beklagten Partei auseinandergesetzt und deren Berechtigung verneint hat, sind sämtliche Revisionsrekurse als unzulässig zurückzuweisen. Auf die Ausführungen zu Punkt a der Rechtsmittelschrift (deren Seiten 1 bis 42) ist daher nicht weiter einzugehen.
II. Zur außerordentlichen Revision:
Vorauszuschicken ist, dass die Beklagten in ihrer Revisionsschrift die Anordnung des § 506 Abs 2 ZPO missachten, nach der ohne Weitläufigkeiten darzulegen ist, aus welchen Gründen die rechtliche Beurteilung der Sache unrichtig erscheint. In der über 282 Seiten umfassenden Revisionsschrift, in der die Rechtsmittelgründe nur teilweise getrennt dargestellt werden und die durch zahllose Wiederholungen gekennzeichnet ist, setzen sich die Rechtsmittelwerber auch immer wieder mit dem Inhalt der Sachverständigengutachten, bautechnischen Fragen und der Beweiswürdigung auseinander und legen dar, welche Sachverhaltsfeststellungen ihrer Vorstellung nach zu gewinnen gewesen wären und welche rechtlichen Konsequenzen sich daraus ergeben hätten. Dies ist aber schon deshalb verfehlt, weil der Oberste Gerichtshof keine Tatsacheninstanz ist, sondern von den Feststellungen der Vorinstanzen auszugehen hat. Die Revision kann nur insofern behandelt werden, als die Ausführungen zumindest nachvollziehbar einem zulässigen Rechtsmittelgrund zugeordnet werden können und auf festgestellten Tatsachen beruhen.
II.1.1 Eine Nichtigkeit sehen die Revisionswerber darin, dass das Erstgericht trotz Erhebung der außerordentlichen Revision bzw noch vor Ergehen einer Entscheidung weiter verhandelt und Sachverständige bestellt habe. Diese (angebliche) Nichtigkeit hat aber bereits das Berufungsgericht geprüft und deren Vorliegen verneint. Ist das Berufungsgericht in die Prüfung der Frage einer allfälligen im erstinstanzlichen Verfahren unterlaufenen Nichtigkeit eingegangen und hat eine solche als nicht gegeben erachtet, ist deren Wahrnehmung im Verfahren dritter Instanz nicht mehr möglich (RS0042981). Dies trifft ebenso auf die behauptete Nichtigkeit infolge unrichtiger Zitierung von Urkunden durch das Erstgericht zu. Die behauptete Nichtigkeit des Berufungsurteils nach § 477 Abs 1 Z 9 ZPO (einer gar nicht oder unzureichend begründeten Entscheidung) liegt nicht vor.
II.1.2 Entgegen dem Revisionvorbringen hat sich das Berufungsgericht mit den in der Berufung erhobenen Verfahrensrügen auseinandergesetzt und das Vorliegen der geltend gemachten Verfahrensmängel nachvollziehbar verneint (S 19 bis 28 des Berufungsurteils; Punkt 3.1 bis 3.10). Vom Berufungsgericht bereits verneinte Verfahrensmängel können in dritter Instanz nicht mehr erfolgreich geltend gemacht werden (RS0042963).
II.1.3 Ein Zwischenurteil beantwortet die Frage, ob ein Anspruch dem Grunde nach besteht, abschließend. Daran sind Gericht und Parteien innerhalb des Rechtsstreits gebunden, sodass die Frage des Anspruchsgrundes nicht mehr neu aufgerollt werden darf (RS0040958 [T4]). Demnach begründet es keine Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens, wenn sich das Berufungsgericht im fortgesetzten Verfahren mit dem Berufungsvorbringen der beklagten Parteien zum Grund des Anspruchs nicht mehr auseinandergesetzt hat. Auf das Revisionsvorbringen zum Grund des Anspruchs (ua zur Verjährung jenes Teils der Forderungen, den das Berufungsgericht als nicht verjährt erachtet hat) war nicht mehr einzugehen.
II.2.1 Im Zwischenurteil wurde rechtskräftig entschieden, dass das aus dem Grund des Schadenersatzes erhobene Klagebegehren zu Recht besteht, weil der Einbau der Dachflächenfenster nicht sach- und fachgerecht erfolgte. Nicht erfasst von der Bindungswirkung ist somit die Frage der Höhe der Sanierungskosten, weswegen das nach Vorliegen des Zwischenurteils erstattete Vorbringen der Kläger zur Anspruchshöhe zulässig war und nicht gegen das Neuerungsverbot verstoßen hat. Im fortgesetzten Verfahren besteht hinsichtlich noch nicht abschließend entschiedener Fragen kein Neuerungsverbot (RS0042014).
II.2.2 Die im fortgesetzten Verfahren zur Anspruchshöhe getroffenen Feststellungen wurden von den Beklagten in deren Berufung angefochten, diese Tatsachenrüge blieb jedoch erfolglos. Das Berufungsgericht hat sich mit den von den Beklagten geltend gemachten angeblichen Widersprüchlichkeiten der Aussagen der Sachverständigen zur Anspruchshöhe auseinandergesetzt und das Vorliegen von erstinstanzlichen Verfahrensmängeln verneint. Die in der Revision behauptete Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens liegt daher nicht vor. Soweit die Revisionswerber als Begründungsmangel geltend machen, dass sich weder das Erstgericht noch das Berufungsgericht mit den geltend gemachten Widersprüchlichkeiten ausreichend auseinandergesetzt hätten, wenden sie sich gegen die Beweiswürdigung, die in dritter Instanz nicht mehr angefochten werden kann (RS0042903 [T5]). Auf die in der außerordentlichen Revision enthaltenen weiteren Ausführungen zur Tatsachenebene (Punkt d2.2 bis Punkt d2.21 der Revisionsschrift) war daher nicht mehr einzugehen.
II.3 Zur Behauptung mangelnder Schlüssigkeit der Klage:
Zur Schlüssigkeit einer Klage ist die Präzisierung nach rechtserzeugenden Tatsachen, die den Anspruch begründen, erforderlich. Die Kläger begehren Schadenersatz wegen verschuldeter Schlechterfüllung aufgrund konkret behaupteter Mängel in einer Gesamtsumme. Sie haben ihre Klage auf ein von ihnen eingeholtes Privatgutachten gestützt und ihr Vorbringen zur Schadenshöhe nach Vorliegen der Ergebnisse des gerichtlichen Sachverständigengutachtens aufgeschlüsselt und ergänzt. Das Erstgericht hat – den Ergebnissen des gerichtlichen Sachverständigengutachtens folgend – detaillierte Feststellungen zu den Kosten der erforderlichen Sanierungsmaßnahmen getroffen. Wie bereits das Berufungsgericht zutreffend erkannt hat, ist keine Unschlüssigkeit des zur Höhe erstatteten Klagebegehrens gegeben.
II.4Â Zum Einwand der Verletzung der Schadensminderungspflicht:
Die Beklagten machen auch in ihrer Revision geltend, die Kläger hätten nach dem Einbau der Fenster für die erforderlichen Spenglerarbeiten einen „nicht ausgebildeten“ Spengler beschäftigt, der ihnen mitgeteilt habe, dass er bei den Vertikalfenstern das Blech nicht wie üblich unter die Fenster „hineinziehen könne, weil zu wenig Platz sei“. Der Spengler habe also das Überstehen des Lagerholzes erkannt und die Kläger gewarnt, ohne dass sie auf diese Warnung reagiert hätten. Da zum damaligen Zeitpunkt (im Sommer 2009) die Wärmedämmung noch nicht angebracht war, wäre – wie die Beklagten weiter vorbringen – kein Schaden entstanden; der Schaden wäre auf Null reduziert worden. Zudem hätte der Spengler bei den Dachflächenfenstern ebenfalls eine Warnung aussprechen müssen, was er (mangels Ausbildung) unterlassen habe.
Dazu ist auszuführen, dass der Einwand der Verletzung der Schadensminderungspflicht an sich nicht zum Anspruchsgrund gehört, sondern zur Anspruchshöhe (RS0106185 [T4]). Wird aber
– wie hier – ausdrücklich behauptet, dass durch die Verletzung der Schadensminderungspflicht der Schadenersatz völlig ausgeschlossen wird, berührt der Einwand doch den Grund des Anspruchs (RS0022788 [T1], RS0040880 [T3]). Daraus folgt für das vorliegende Verfahren, dass er ausgehend vom eigenen Vorbringen der Beklagten nicht mehr erfolgreich erhoben werden kann. Im Übrigen wurde der Spengler ausschließlich im Interesse der Kläger tätig; seine Beauftragung hatte nicht den Zweck, die Beklagten zu entlasten. Die dem Spengler zur Last gelegten angeblichen Sorgfaltswidrigkeiten könnten den Klägern nicht nach § 1313a ABGB als Mitverschulden zugerechnet werden (6 Ob 84/16w, 1 Ob 184/13k).
II.5 Zu den „Eigenkosten“:
Die Beklagten legen ihren Revisionsausführungen zugrunde, dass sie den Klägern eine fachgerechte Verbesserung angeboten, diese das Anbot aber grundlos abgelehnt hätten. Den Klägern stehe deshalb nur Anspruch auf Ersatz jener Kosten zu, die die Beklagten selbst für die Verbesserung hätten aufwenden müssen („Eigenkosten“). Mit diesem Standpunkt entfernen sich die Beklagten von den Feststellungen, wonach sich der Zweitbeklagte die Schäden angesehen hat, ohne ihre Ursache zu erkennen und ohne eine Mängelbehebung versucht zu haben. Sind zu einem bestimmten Thema Tatsachenfeststellungen getroffen, mögen diese auch von den Vorstellungen des Rechtsmittelwerbers abweichen, können diesbezüglich auch keine rechtlichen Feststellungsmängel mit Erfolg geltend gemacht werden (RS0053317 [T1]). Ein Anspruch auf Ersatz der Eigenkosten des Übergebers für die Verbesserung bestünde nur dann, wenn der Übernehmer – ohne dem Übergeber eine Verbesserungsmöglichkeit zu geben – durch einen Dritten verbessern lässt oder die Verbesserung voreilig selbst vorgenommen hat (8 Ob 14/08d). Dies ist hier aber nicht der Fall.
II.6 Zum Einwand des Abzugs von „Sowieso-Kosten“:
Das Problem des etwaigen Ersatzes der „Sowieso-Kosten“ stellt sich dort, wo ein Werk einen bestimmten Erfolg aufweisen soll, dieser Erfolg aber nicht erreicht wird, weil mit dem laut Vertrag qualitativ und/oder quantitativ einzusetzenden Mitteln dieser Erfolg nicht erreichbar ist (RS0117792). Die Erstbeklagte übernahm den Einbau von Fenstern in ein neu errichtetes Haus, wobei die sach- und fachgerechte Ausführung Vertragsinhalt war. Hätten die Beklagten die Arbeiten von vornherein fachgerecht ausgeführt, hätten sie vertragsgemäß erfüllt. Von im Zug der Sanierung anfallenden Kosten, die die Kläger bei ordnungsgemäßer Erfüllung des Werkvertrags ebenso („sowieso“) zu tragen gehabt hätten, kann keine Rede sein.
II.7 Zum Abzug „Neu für Alt“:
Auch die Ansicht des Berufungsgerichts, dass erstmals von den Beklagten in deren Berufung erstattete Vorbringen zum Abzug „Neu für Alt“ verstoße gegen das Neuerungsverbot und sei zu unbestimmt, steht im Einklang mit der Rechtslage.
II.8 Zutreffend wenden sich die Revisionswerber aber dagegen, dass den Klägern Deckungskapital auch für den Neukauf der Fenster (in Höhe von 10.800 EUR) zugesprochen wurde, obwohl nicht (zumindest) feststeht, dass die Fenster beim Aus- und Wiedereinbau voraussichtlich beschädigt würden.
II.8.1 Ist der Mangel noch nicht verbessert und fordert der Besteller das Deckungskapital für die Mängelbehebungskosten, ist der Anspruch mit jenen Aufwendungen begrenzt, die entstanden wären, hätte der Verpflichtete den vertragsgemäßen Zustand hergestellt (4 Ob 47/01t). Anspruch auf das Deckungskapital besteht nur im Umfang des Ersatzes der objektiv notwendigen Behebungskosten (RS0115060), deren Höhe nach den allgemeinen Beweislastregeln der Geschädigte zu beweisen hat. Maßgeblich sind die voraussichtlichen Kosten (9 Ob 88/16f).
II.8.2 Der Beweis, dass die objektiv notwendigen Behebungskosten 31.452 EUR betragen (also auch die „Alternativposition“ von 10.800 EUR umfassen) ist den Klägern jedoch nicht gelungen, weil lediglich feststeht, dass die Höhe der Sanierungskosten davon abhängt, ob sich die Fenster problemlos demontieren lassen. Weiters steht fest, dass im Falle der Beschädigung bei der Demontage die Möglichkeit besteht, dass sie gegen neue Fenster ausgetauscht werden müssen, wodurch Kosten von 10.800 EUR anfallen würden („Alternativposition“). Diesen Feststellungen ist gerade nicht zu entnehmen, dass die Anschaffung neuer Fenster voraussichtlich erforderlich ist, weshalb die 10.800 EUR nicht als objektiv notwendige Behebungskosten anzusehen sind. Die von den Klägern ins Treffen geführte Möglichkeit, einen Kondiktionsanspruch nach § 1435 ABGB geltend zu machen, mit dem ein überschießender Vorschuss zurückgefordert werden kann, rechtfertigt nicht den Zuspruch und Deckungskapital für höhere als tatsächlich notwendig festgestellte (voraussichtliche) Sanierungskosten (RS0115060; 4 Ob 47/01t).
Der Revision war daher teilweise im Umfang von 10.800Â EURÂ sA Folge zu geben und das Klagebegehren in diesem Umfang abzuweisen.
II.9 Zum Zinsenzuspruch (Punkt b.8 der Revisionsschrift):
Der Zuspruch von Zinsen ab Klageeinbringung entspricht der ständigen Rechtsprechung, wonach bei einem begehrten Deckungskapital Zinsen ab jenem Zeitpunkt gefordert werden können, auf dem die Berechnung der Höhe der Behebungskosten beruht (6 Ob 616/93, 3 Ob 183/10y). Haben die Kläger erstmals mit der Klage einen konkreten Betrag als Deckungskapital gefordert, ist ihnen der Schaden aus der Zahlungsverzögerung ab diesem Zeitpunkt (zu dem die Gläubiger die Höhe des begehrten Betrags kannten) zu ersetzen. Das ist im vorliegenden Fall der 6. 11. 2013.
Der Revision war daher teilweise Folge zu geben und das Urteil des Berufungsgerichts dahin abzuändern, dass das Klagebegehren im Umfang von weiteren 10.800 EUR sA abzuweisen ist.
Der Kostenvorbehalt beruht auf § 52 Abs 3 ZPO. |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00047_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127004 | 10Ob47/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00047_19P0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00047_19P0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 632 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. T* K* und 2. B* K*, beide *, beide vertreten durch Mag. Dr. Paula Stecher und MMag. Dr. Georg Janovsky Rechtsanwälte GbR in Schwaz, gegen die beklagten Parteien 1. H* KG, * und 2. M*, beide vertreten durch Ing. Dr. Stefan Krall und Dr. Oliver Kühnl, Rechtsanwälte in Innsbruck, wegen 35.892 EUR sA, über die Revisionsrekurse der beklagten Parteien gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Innsbruck vom 11. April 2019, AZ 2 R 38/19h, 2 R 48/19d, 2 R 49/19a, womit die Rekurse gegen 1. den Beschluss des Landesgerichts Innsbruck vom 24. Juli 2018, GZ 12 Cg 130/13t-132, 2. den Beschluss des Landesgerichts Innsbruck vom 22. August 2018, GZ 12 Cg 130/13t-140, und 3. den Beschluss des Landesgerichts Innsbruck vom 21. Dezember 2018, GZ 12 Cg 130/13t-163 (in der Fassung des Berichtigungsbeschlusses vom 8. Jänner 2019, GZ 12 Cg 130/13t-165) zurückgewiesen wurden, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentlichen Revisionsrekurse werden gemäß § 526 Abs 2 Satz 1 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 528 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Mit Zwischen- und Teilurteil vom 4. 7. 2018 des Berufungsgerichts wurde die Entscheidung des Erstgerichts als Zwischenurteil (hinsichtlich des Grundes des Leistungsbegehrens) und als Teilurteil (hinsichtlich des Feststellungsbegehrens) bestätigt und im Übrigen (hinsichtlich der Höhe des Leistungsbegehrens) ein Aufhebungsbeschluss gefasst.
Der Oberste Gerichtshof wies die gegen das Zwischen- und Teilurteil erhobene außerordentliche Revision der beklagten Parteien zurück (10 Ob 77/18y).
Im fortgesetzten Verfahren zur Höhe des Klageanspruchs erließ das Erstgericht folgende Beschlüsse:
1. Mit Beschluss vom 24. 7. 2018 wurde DI H* zum Sachverständigen bestellt und diesem ein Gutachtensauftrag erteilt (ON 132).
2. Mit Beschluss vom 22. 8. 2018 wurde Ing. J* zum (weiteren) Sachverständigen (ON 140) bestellt.
3. Mit Beschluss vom 21. 12. 2018 (berichtigt mit Beschluss vom 8. 1. 2019) wurde der von den beklagten Parteien gestellte Antrag auf Ablehnung der Sachverständigen DI H* und Ing. J* abgewiesen (ON 163 und Berichtigungsbeschluss ON 165).
Das Rekursgericht wies die gegen diese Beschlüsse erhobenen Rekurse jeweils als unzulässig zurück und ließ die Revisionsrekurse mangels einer Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung iSd § 528 Abs 1 ZPO nicht zu. Rechtlich ging das Rekursgericht davon aus, dass nach ständiger Rechtsprechung weder die Auswahl der Person des Sachverständigen noch die Entscheidung, ob überhaupt ein Sachverständiger beigezogen werde, abgesondert anfechtbar seien. Dass der Beschluss, mit dem die Ablehnung des gerichtlichen Sachverständigen verworfen wird, nicht abgesondert anfechtbar sei, ergebe sich aus § 366 Abs 1 ZPO.
Rechtliche Beurteilung
Die gegen die Beschlüsse ON 132, ON 140 und ON 163 eingebrachten außerordentlichen Revisionsrekurse der beklagten Parteien sind nicht zulässig.
I. Ein Beschluss des Rekursgerichts, mit dem ein an dieses gerichteter Rekurs zurückgewiesen wurde, ist nur wegen einer Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung im Sinn des § 528 Abs 1 ZPO und nur dann anfechtbar, wenn der Entscheidungsgegenstand 5.000 EUR übersteigt (RS0044501). Eine Rechtsfrage von der Qualität des § 528 Abs 1 ZPO wird in den Revisionsrekursen aber nicht aufgezeigt.
II.1 Nach ständiger Rechtsprechung steht einer Partei zu der Frage, ob überhaupt ein Sachverständigengutachten benötigt wird, kein gesondertes Rechtsmittel zu (RS0040607 [T20]). Ebenso steht den Parteien gegen die Auswahl des Sachverständigen sowie hinsichtlich des Auftrags, der ihm erteilt wird, kein abgesondertes Rechtsmittel zu (RS0040607 [T1, T2, T5, T12]; RS0040578). Auch gegen den Beschluss, mit dem eine Ablehnung eines Sachverständigen verworfen wird, ist kein abgesondertes Rechtsmittel zulässig (§ 366 Abs 1 ZPO).
II.2 Gemäß § 515 ZPO können die Parteien, in den Fällen, in welchen gegen einen Beschluss ein abgesondertes Rechtsmittel versagt ist, ihre Beschwerden gegen den Beschluss mit dem gegen die nächstfolgende (abgesondert) anfechtbare Entscheidung eingebrachten Rechtsmittel erheben. Im vorliegenden Fall können die Rekurse in Verbindung mit der Berufung gegen das Urteil erhoben werden (RS0041614 [T6]), welche Möglichkeit die Beklagten auch bereits wahrgenommen haben. Ein aufgeschobener Rekurs wäre nur dann selbständig zu erheben, wenn infolge des vorherigen Abschlusses der Hauptsache eine weitere anfechtbare Entscheidung nicht ergehen kann (RS0035518 [T1]; A. Kodek in Rechberger/Klicka5, § 515 ZPO Rz 4). Diese Voraussetzung ist hier aber nicht gegeben.
II.3 Die Zurückweisung sämtlicher Rekurse durch das Rekursgericht entspricht somit der Gesetzeslage sowie der ständigen höchstgerichtlichen Rechtsprechung.
Mangels einer Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung im Sinne des § 528 Abs 1 ZPO waren die außerordentlichen Revisionsrekurse daher zurückzuweisen. |
JJT_20191104_OGH0002_0030OB00183_19M0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127008 | 3Ob183/19m | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191104_OGH0002_0030OB00183_19M0000_000/JJT_20191104_OGH0002_0030OB00183_19M0000_000.html | 1,572,825,600,000 | 479 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei W*, vertreten durch Dr. Klaus Plätzer, Rechtsanwalt in Salzburg, gegen die beklagte Partei I*, wegen Unzulässigkeit einer Exekution (§ 36 EO), über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Salzburg als Berufungsgericht vom 23. Juli 2019, GZ 53 R 94/19h-13, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Bestreitet der Verpflichtete, dass der behauptete Sachverhalt rechtlich ein Zuwiderhandeln gegen das titelmäßige Duldungs- oder Unterlassungsgebot darstellt, steht ihm dafür nur der Rekurs und nicht auch die Impugnationsklage zur Verfügung. Bestreitet er hingegen, den als Zuwiderhandlung behaupteten Sachverhalt verwirklicht zu haben, kann er gegen die Exekutionsbewilligung (und gegen weitere Strafbeschlüsse) Impugnationsklage nach § 36 Abs 1 Z 1 EO erheben (RIS-Justiz RS0123123). Mit Impugnationsklage kann der Verpflichtete auch geltend machen, das Unterlassungsgebot ohne jedes Verschulden verletzt zu haben (RS0107694).
2. Nach den Feststellungen hat der Kläger entgegen seinem Vorbringen in der Impugnationsklage die beiden im Exekutionsantrag als Verstoß gegen das Unterlassungsgebot laut der gegen ihn erlassenen einstweiligen Verfügung gemäß § 382g EO geltend gemachten Handlungen – insbesondere das Anfertigen von Fotos bzw Filmaufnahmen am 12. und am 23. April 2018 – tatsächlich begangen. Seine Klagebehauptung, sein inkriminiertes Verhalten vom 12. April 2018 – das Fotografieren (nur) der geöffneten Eingangstür des Geschäfts der Beklagten (und nicht der Beklagten selbst) – sei gar nicht titelwidrig gewesen, stellte im Sinn des oben Gesagten von vornherein keinen tauglichen Impugnationsgrund dar. Gleiches gilt für seine – erstmals in dritter Instanz aufgestellte – Behauptung, das in der einstweiligen Verfügung enthaltene Verbot des Aufenthalts an einem bestimmten Ort sei nicht präzise genug umschrieben, um es befolgen zu können.
3. Dass die Vorinstanzen keine Interessenabwägung zu Gunsten des Klägers vornahmen, der in jenem Haus wohnt, in dem die Beklagte ihr Unternehmen betreibt, begründet keine erhebliche Rechtsfrage: Selbst wenn es dem Revisionswerber, wie dieser noch dazu erstmals in zweiter Instanz behauptete, tatsächlich nicht möglich sein sollte, sein Wohnhaus zu verlassen, ohne am Geschäftslokal der Beklagten vorbeizugehen, rechtfertigt es dieser Umstand angesichts der einstweiligen Verfügung, die ihm nicht nur den Aufenthalt am Ort des Geschäfts, sondern insbesondere auch die Verfolgung der Beklagten verbietet, jedenfalls nicht, sich dem Geschäft zum alleinigen Zweck, ein Foto von dessen geöffneter Eingangstür anzufertigen, bis auf etwa eineinhalb bis zwei Meter zu nähern.
4. In erster Instanz machte der Kläger als Rechtfertigungsgrund für den inkriminierten Vorfall vom 12. April 2018 lediglich geltend, dass er die Fotos von der geöffneten Tür des Geschäftslokals nur zur Dokumentation eines neuerlichen Verstoßes der Beklagten gegen gewerbebehördliche Auflagen angefertigt habe. Dass das Berufungsgericht das Vorliegen dieses Rechtfertigungsgrundes im Hinblick darauf verneinte, dass die Eingangstür entgegen der Behauptung der Beklagten an diesem Tag ohnehin nicht grundlos über einen längeren Zeitraum geöffnet war, stellt keine vom Obersten Gerichtshof aufzugreifende Fehlbeurteilung dar. |
JJT_20191127_OGH0002_0060OB00193_19D0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127011 | 6Ob193/19d | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00193_19D0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00193_19D0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,353 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Schramm als Vorsitzenden sowie die Hofräte Dr. Gitschthaler, Univ.-Prof. Dr. Kodek und Dr. Nowotny und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Familienrechtssache des Antragstellers Ing. H*, vertreten durch Mag. Thomas Kaumberger, Rechtsanwalt in Pressbaum, gegen den Antragsgegner S*, vertreten durch Mag.a Eva Plaz, Rechtsanwältin in Wien, wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Antragstellers gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 12. Juli 2019, GZ 43 R 339/19z-62, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Favoriten vom 28. Mai 2019, GZ 26 FAM 12/18m-54, in der Hauptsache bestätigt und im Kostenpunkt abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Eingabe vom 4. 11. 2019 wird zurückgewiesen.
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Der angefochtene Beschluss wird aufgehoben. Dem Rekursgericht wird die neuerliche Entscheidung aufgetragen.
Die Kosten des Revisionsrekursverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Der Antragsteller ist als Vater des 1999 geborenen Antragsgegners aufgrund des Beschlusses des Erstgerichts vom 22. 6. 2016 in Verbindung mit dem Beschluss des Rekursgerichts vom 6. 9. 2016 zur Leistung eines monatlichen Unterhalts für den Antragsgegner von 575 EUR verpflichtet.
Der Unterhaltsbemessung wurde ein durchschnittliches Nettoeinkommen des Antragstellers von monatlich 4.650,23 EUR zugrunde gelegt. Zum damaligen Zeitpunkt besuchte der Antragsgegner ein Internat in B* und verbrachte jedes zweite Wochenende und die Ferien bei seiner Mutter in W*. Im Rahmen der Zurückweisung des Revisionsrekurses des Vaters führte der Oberste Gerichtshof aus, die Auffassung der Vorinstanzen, dass der Aufenthalt des Unterhaltsberechtigten bei der Mutter an jedem zweiten Wochenende und in allen Ferien die Annahme einer Betreuung durch die Mutter rechtfertige, sei nicht zu beanstanden (2 Ob 235/16x).
Der Antragsteller beantragte, ihn ab 1. 8. 2017 von seiner Unterhaltspflicht zu entheben, weil der Antragsgegner bereits selbsterhaltungsfähig sei. Dieser sei neben seinen Studien schon seit einiger Zeit als Softwareentwickler und Webdesigner tätig. Die Mutter erbringe keine relevanten Betreuungsleistungen und müsse daher anteilig zum Kindesunterhalt des Antragsgegners beitragen.
Der Antragsgegner beantragte, den Antrag des Antragstellers abzuweisen. Er betreibe sein Studium ernsthaft und zielstrebig und habe keine eigenen Einkünfte. Er lebe aufgrund seines Studiums nunmehr unter der Woche in B*. Am Wochenende und in den Ferien wohne er nach wie vor bei seiner Mutter in W*, die ihn zu diesen Zeiten betreue. Neben den üblichen Betreuungsleistungen wie die Zubereitung von Nahrung, die Versorgung der Wäsche sowie die Pflege im Krankheitsfall überlasse die Mutter dem Antragsgegner die Wohnung zur Mitbenutzung und erbringe vor allem auch geistig-seelische Erziehungsmaßnahmen, die sich nicht in Geld ausdrücken ließen.
Das Erstgericht wies den Antrag des Antragstellers ab und traf im Wesentlichen folgende Feststellungen:
Der Antragsgegner lebt in einer Wohnung in S* und wird an jedem zweiten Wochenende sowie in den Ferien von seiner Mutter betreut. Er studiert seit dem Wintersemester 2017/18 „Computer-Sience“ in B* und befindet sich im zweiten Studienjahr. Für den Aufstieg in das zweite Studienjahr sind 30 ECTS-Punkte notwendig; mit 22. 2. 2019 hat der Antragsgegner bereits 44 ECTS-Punkte erreicht. Der Antragsgegner ging zu keiner Zeit einer geringfügigen Tätigkeit oder Vollzeitbeschäftigung nach.
Dem dagegen vom Antragsteller erhobenen Rekurs gab das Rekursgericht nicht Folge. Eine erhebliche Umstandsänderung liege nicht vor, weil die Mutter nach wie vor umfassende Betreuungsleistungen an jedem zweiten Wochenende und in den Ferien leiste und es dem Antragsteller nicht gelungen sei, einen Beweis für eine Berufstätigkeit des Antragsgegners zu erbringen.
Nachträglich ließ das Rekursgericht den Revisionsrekurs zu.
Rechtliche Beurteilung
Hiezu hat der Oberste Gerichtshof erwogen:
Der Revisionsrekurs ist aus Gründen der Rechtssicherheit zulässig; er ist im Sinne des Aufhebungsantrags auch berechtigt.
1. Nicht berechtigt sind jedoch die Ausführungen zu angeblichen schweren Verstößen gegen Verfahrensgrundsätze nach § 66 Abs 1 Z 1 AußStrG. Dem Antragsteller wurde im Vorverfahren mehrfach – zuletzt unmittelbar vor der erstinstanzlichen Entscheidung – Akteneinsicht gewährt, sodass ihm alle Erhebungsergebnisse bekannt sind (vgl 2 Ob 235/16x ErwGr 2.2b). Dass der Antragsteller nicht erneut Akteneinsicht in den Akt des Vorverfahrens nehmen konnte, weil sich dieser nicht bei Gericht befand, stellt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar.
2. Nicht berechtigt ist auch der Einwand, die geschwärzte Adresse des Antragsgegners bzw die Unkenntnis der Anschrift der Mutter des Antragsgegners habe die Stellung geeigneter Beweisanträge gehindert. Dem Gericht war die Adresse ja bekannt, sodass auch entsprechende Anträge auf Einvernahme des Antragsgegners bzw seiner Mutter hätten gestellt werden können.
3.1. Soweit der Antragsteller eine Mangelhaftigkeit des Verfahrens darin erblickt, dass trotz des nachvollziehbaren und unter Beweis gestellten Vorbringens des Antragstellers zur Erwerbstätigkeit des Antragsgegners ausschließlich dem Vorbringen des Antragsgegners gefolgt worden sei, wendet er sich in Wahrheit lediglich gegen die Beweiswürdigung der Vorinstanzen. Das Rekursgericht hat die Beweisrüge inhaltlich behandelt; die Beweiswürdigung unterliegt aber keiner weiteren Überprüfung durch den Obersten Gerichtshof (RS0007236 [T1, T4]).
3.2. Das Erstgericht hat Erhebungen von Amts wegen durchgeführt und einen Versicherungsdatenauszug aus S* sowie eine schriftliche Erklärung der Schule des Antragsgegners bezüglich der unbezahlten Arbeiten im Rahmen von Projektarbeiten eingeholt und diese im Zuge der Beweiswürdigung berücksichtigt. Der Antragsteller erstattete weder konkretes Vorbringen, bei welchen Arbeitgebern der Antragsgegner gearbeitet haben soll, noch ist dem Revisionsrekurs zu entnehmen, welche zusätzlichen Erhebungen das Erstgericht hätte durchführen sollen. Vielmehr beschränkt sich der Revisionsrekurs im Wesentlichen darauf, es sei notorisch, dass Studenten Nebenjobs nachgingen. Dies trifft in dieser Allgemeinheit jedoch nicht zu.
4.1. Hingegen rügt der Antragsteller zu Recht, dass sich das Rekursgericht mit seinen Ausführungen zu fehlenden Betreuungsleistungen der Mutter nicht ausreichend auseinandergesetzt hat. Im Verfahren erster Instanz war von Anfang an strittig, ob der Antragsgegner weiterhin an Wochenenden und in den Ferien bei seiner Mutter wohnt und diese in diesem Zusammenhang Betreuungsleistungen für ihn erbringt. Ohne Beweisverfahren und ohne nähere Begründung folgte das Erstgericht dem diesbezüglichen Vorbringen des Antragsgegners.
4.2. In seinem Rekurs führte der damals unvertretene Antragsteller aus, seine Ausführungen würden „belegen“, dass in der Betreuungssituation eine wesentliche Änderung eingetreten sei. Weil das Studium neben der Erwerbstätigkeit sehr zeitintensiv sei, sei es „notorisch“, dass der Antragsgegner voll ausgelastet sei und selbst die Wochenenden in S* verbringe. Es sei auch „praktisch ausgeschlossen“, dass der Antragsgegner bei seiner Mutter in W* wohne, weil in der kleinen Mietwohnung bereits die Kindesmutter, ihr Ehegatte sowie deren beide Kinder wohnten. Zudem sei es lebensfremd anzunehmen, dass junge Erwachsene mit fast 20 Jahren es vorzögen, lieber die Mutter alle paar Wochen zu besuchen als sich mit gleichaltrigen Freunden im Heimatort oder mit Studienkollegen auszutauschen. Die weite Entfernung mache einen Besuch des Antragsgegners an einzelnen freien Tagen oder Feiertagen unmöglich. Zudem würden durch häufige Besuche erhebliche Fahrtkosten anfallen.
4.3. Entgegen der Rechtsansicht des Rekursgerichts hat der Antragsteller damit ausreichend deutlich zum Ausdruck gebracht, die Feststellungen des Erstgerichts zu bekämpfen. Dabei ist den diesbezüglichen Rekursausführungen auch deutlich zu entnehmen, welche Feststellungen des Erstgerichts damit bekämpft werden. Weil der Rekurs auch wiederholt die Behauptung enthält, die Mutter des Antragsgegners erbringe keine relevanten Betreuungsleistungen mehr, trifft auch nicht zu, dass der Antragsteller nicht angeführt hätte, welche Ersatzfeststellungen begehrt würden.
4.4. Im Übrigen können im Außerstreitverfahren bei Rekursen nicht anwaltlich vertretener Parteien nicht dieselben Form- und Inhaltserfordernisse verlangt werden wie bei anwaltlich vertretenen Personen (vgl Kodek in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG2 § 47 Rz 9). § 47 Abs 2 AußStrG verweist hinsichtlich Form und Inhalt des Rekurses auf die allgemeinen Erfordernisse eines Anbringens. Als weitere rechtsmittelspezifische Anforderungen verlangt das Gesetz lediglich eine Bezeichnung des angefochtenen Beschlusses und die „hinreichende“ Angabe, aus welchen Gründen sich die Partei beschwert erachtet, und welche andere Entscheidung sie anstrebt (§ 47 Abs 3 AußStrG). Die Anforderungen an Rekurserklärung, Rekursgründe und Rekursantrag sind damit deutlich reduziert (Kodek aaO). Dadurch trägt das Gesetz dem Umstand Rechnung, dass im Rekursverfahren keine Anwaltspflicht besteht. Das Gesetz schreibt damit im Wesentlichen die bisherige Rechtsprechung fort (vgl RS0006674; RS0006991). Dies entspricht der Absicht des historischen Gesetzgebers (ErläutRV 224 BlgNR 22. GP 48). Im fortgesetzten Verfahren wird sich das Rekursgericht daher mit der diesbezüglichen Beweis- und Mängelrüge des Antragstellers zu befassen und eine neuerliche Entscheidung über den Rekurs zu fällen haben. Dabei ist auf den im Außerstreitverfahren geltenden Grundsatz des Vorrangs der Sacherledigung hinzuweisen, sodass das Rekursgericht allfällige erforderliche ergänzende Beweisaufnahmen selbst durchzuführen haben wird.
5. Da somit das Rekursverfahren an einem Mangel leidet, der eine erschöpfende Erörterung und gründliche Beurteilung der Sache zu hindern geeignet war (§ 66 Abs 1 Z 2 AußStrG), war spruchgemäß mit Aufhebung des angefochtenen Beschlusses vorzugehen.
6. Der Kostenvorbehalt gründet sich auf § 78 AußStrG.
7. Nach ständiger Rechtsprechung steht den Parteien im Rechtsmittelverfahren wegen des Grundsatzes der Einmaligkeit des Rechtsmittels im Rechtsmittelverfahren neben dem Rechtsmittelschriftsatz bzw der Rechtsmittelbeantwortung kein weiterer Schriftsatz zu (RS0007007; Kodek in Fasching/Konecny³ §§ 84, 85 ZPO Rz 141 mwN). Die – zudem entgegen § 6 Abs 1 AußStrG nicht anwaltlich unterfertigte – Eingabe des Revisionsrekurswerbers war daher zurückzuweisen. |
JJT_20191127_OGH0002_0070OB00181_19X0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127016 | 7Ob181/19x | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0070OB00181_19X0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0070OB00181_19X0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 564 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. Mag. C* F*, 2. S* B*, 3. Dr. B* L*, 4. Dr. M* L*, 5. R* D*, und 6. Dr. C* H*, alle vertreten durch die Proksch & Partner Rechtsanwälte OG in Wien, gegen die beklagten Parteien 1. Dipl.-Ing. D* P*, 2. Dipl.-Ing. K* P*, beide vertreten durch Mag. Georg E. Thalhammer, Rechtsanwalt in Wien, und 3. S* GmbH, *, vertreten durch Mag. Franz Podovsovnik, Rechtsanwalt in Wien, wegen Nichtigerklärung von Verträgen, Rückabwicklung, Zustimmung zur Einverleibung und Feststellung (hier: wegen Streitanmerkung nach § 61 GBG), über den außerordentlichen Revisionsrekurs der klagenden Parteien gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Wien als Rekursgericht vom 16. September 2019, GZ 15 R 120/19f-11, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 126 Abs 2 GBG iVm § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Wenn jemand, der durch eine Einverleibung in seinem bücherlichen Recht verletzt erscheint, die Einverleibung aus dem Grunde der Ungültigkeit im Prozessweg bestreitet und die Wiederherstellung des vorigen bücherlichen Standes begehrt, kann er nach § 61 Abs 1 GBG die Anmerkung eines solchen Streits im Grundbuch entweder gleichzeitig mit der Klage oder später verlangen. Diese Streitanmerkung hat nach Abs 2 leg cit zur Folge, dass das über die Klage ergehende Urteil auch gegen die Personen, die erst nach dem Zeitpunkt, in dem das Gesuch um die Streitanmerkung an das Grundbuchsgericht gelangt ist, bücherliche Rechte erlangt haben, seine volle Wirksamkeit äußert.
2. Voraussetzung für eine solche Streitanmerkung ist, dass derjenige, der diese Anmerkung anstrebt, in einem bücherlichen Recht verletzt worden ist (RS0060512; vgl RS0060428; G. Kodek in G. Kodek, Grundbuchsrecht² [2016] § 61 GBG Rz 11 mwN aus der Rsp). Demgegenüber ist bei bloß obligatorischen, auf vertraglicher Grundlage beruhenden Ansprüchen eine Streitanmerkung nicht zu bewilligen (RS0060629). Die Streitanmerkung hat nach § 61 Abs 2 GBG zudem zur Voraussetzung, dass die Wiederherstellung des früheren Buchstandes verlangt wird (RS0060511). Eine bloß auf Feststellung der Unwirksamkeit des Erwerbstitels des Beklagten gerichtete Klage reicht hingegen nicht aus (RS0060511 [T2]; vgl RS0060528 [T1]).
Für eine Streitanmerkung ist daher die Behauptung der Verletzung eines im Grundbuch eingetragenen dinglichen Rechts des Klägers erforderlich (RS0126087); die Wiederherstellung des früheren Buchstandes durch Wiedereintragung des Eigentumsrechts Dritter als frühere Liegenschaftseigentümer reicht nicht aus (vgl 5 Ob 24/11g).
3. Die den mit der Klage verbundenen Antrag auf Streitanmerkung abweisende Entscheidung des Rekursgerichts entspricht der ständigen Rechtsprechung, wonach derjenige, der eine solche Anmerkung anstrebt, in einem eigenen bücherlichen Recht verletzt worden sein muss. Dies ist schon nach den Klags- und Antragsbehauptungen nicht gegeben: Die Kläger waren nicht Eigentümer der von der Drittbeklagten erworbenen Anteile und streben nicht die Wiederherstellung eigener bücherlicher Rechte an; ein dingliches Vorkaufsrecht (vgl 4 Ob 506/91) zu ihren Gunsten wurde von den Klägern nicht behauptet und ist auch nicht ersichtlich.
4. In ihrem Rechtsmittel zeigen die Kläger auch sonst keine erheblichen Rechtsfragen auf.
Warum aus einem Verweis auf die sinngemäße Anwendung von Bestimmungen des WEG 1975 über die Ausschließung von Wohnungseigentümern folgen soll, dass die Kläger nunmehr ein zufolge besonderer Bestimmungen einem dinglichen Recht gleichzuhaltendes Recht (vgl RS0060629 [T2]) geltend machen würden, ist nicht ersichtlich; Wohnungseigentum wurde nicht begründet. Auch sonstige Vereinbarungen zwischen den Miteigentümern über wechselseitige Einschränkungen ihrer Miteigentumsrechte wurden schon nach den Behauptungen der Kläger nicht verbüchert. Aus von den Klägern und den anderen Miteigentümern dem seinerzeitigen Projektorganisator eingeräumten Vorkaufsrechten ist für die Frage eigener dinglicher Rechte der Kläger im Verhältnis gegenüber der Drittbeklagten nichts zu gewinnen.
5. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht (§ 126 Abs 3 GBG iVm § 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00070_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127019 | 10Ob70/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00070_19W0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00070_19W0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 2,149 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie durch die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. C* AG, *, 2. S*, beide vertreten durch Dorda Rechtsanwälte GmbH in Wien, gegen die beklagte Partei M*, vertreten durch Rechtsanwälte Dr. Amhof & Dr. Damian GmbH in Wien, wegen Löschung (Streitwert 14.861,48 EUR sA), infolge Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 5. August 2019, GZ 13 R 166/18d-46, womit das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien vom 10. September 2018, GZ 18 Cg 77/16z-40, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision wird zurückgewiesen.
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien zu Handen deren Rechtsvertreter die mit 1.205,96Â EUR (darin enthalten 200,99Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Kläger begehren als Miteigentümer der Liegenschaft EZ * der KG * M* die Löschung eines zugunsten der Beklagten zu C-LNr 6a eingetragenen Pfandrechts in Höhe von (zuletzt) 14.861,41 EUR samt 7 % Zinsen und 12 % Verzugszinsen.
Eigentümerin dieser Liegenschaft war ursprünglich die 1914 geborene Gertrude H*. Diese errichtete im Juni 2002 ein eigenhändiges Testament zugunsten ihrer Enkeltochter. Auf Betreiben ihres Sohnes erteilte Gertrude H* diesem am 17. Juli 2002 schriftlich eine allgemeine unbeschränkte Generalvollmacht. Der Sohn, der seit zumindest Ende 1998 zahlungsunfähig war, verwendete die Vollmacht dazu, im Vollmachtsnamen seiner Mutter die Einwilligung zu erteilen, dass auf der Liegenschaft ein Pfandrecht zur Besicherung seiner offenen Darlehensschuld in Höhe von 750.000 ATS (= 54.504,63 EUR) einverleibt werde. Das Pfandrecht wurde mit Beschluss vom 11. November 2002 zugunsten der Tochter des Darlehensgebers (der nunmehrigen Beklagten) einverleibt, an die der Darlehensgeber die Darlehensforderung abgetreten hatte. Gertrude H* verstarb am 17. Dezember 2002. Wegen ihrer fortgeschrittenen Demenzerkrankung war sie jedenfalls zum Zeitpunkt der Erteilung der Generalvollmacht an ihren Sohn am 17. Juli 2002 nicht mehr in der Lage gewesen, die Tragweite komplexer Rechtshandlungen, wie die Erteilung einer Generalvollmacht zu überblicken, Rechtsbelehrungen zu verstehen oder sich demgemäß zu verhalten. Sie konnte zu diesem Zeitpunkt keinen freien Willen im Zusammenhang mit der Erteilung einer Generalvollmacht bilden und sich diesem Willen gemäß verhalten. Im Verlassenschaftsverfahren nach Gertrude H* gab deren Sohn einen Pflichtteilsverzicht ab. Mit Einantwortungsbeschluss vom 2. Juli 2004 wurde der Nachlass der Gertrude H* ihrer Enkeltochter bedingt eingeantwortet; diese wurde in der Folge als Eigentümerin der Liegenschaft im Grundbuch eingetragen. 2006 verstarb der Sohn der Gertrude H*. Im Verfahren 59 Cg 85/07i des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien wurde mittlerweile die dem Pfandrecht zugrunde liegende Forderung gegen die Verlassenschaft nach dem Sohn mit einem Betrag von 14.861,48 EUR sA rechtskräftig festgestellt und die Verlassenschaft zur Zahlung dieses Betrags verpflichtet. 2010 verkaufte die Enkeltochter die Liegenschaft an die Erstklägerin, 2013 verkaufte diese 5049/10.000 Miteigentumsanteile an der Liegenschaft an den Zweitkläger.
Die beiden Kläger bringen zur Begründung der auf Löschung des Pfandrechts gerichteten Klage – soweit für das Revisionsverfahren noch wesentlich – vor, die Eintragung des Pfandrechts sei mangels wirksamer Bevollmächtigung des Sohns nichtig. Der Löschungsanspruch sei ihnen übertragen worden, weshalb sie zur Erhebung der Löschungsklage aktiv legitimiert seien. Durch den rechtskräftigen Einantwortungsbeschluss sei die Enkeltochter Universalsukzessorin und habe als eingeantwortete Erbin die Vermutung der rechtmäßigen Erbenstellung erworben, die sie befähigt habe, Eigentum an die Erstklägerin zu übertragen. Ein Fall des gutgläubigen Erwerbs des Pfandrechts durch die Beklagte liege nicht vor.
Die Beklagte beantragte die Abweisung des Löschungsbegehrens. Den Klägern fehle mangels ausdrücklicher Abtretung des Löschungsanspruchs die Aktivlegitimation zur Geltendmachung der Löschungsklage. Sollte Gertrude H* im kritischen Zeitraum geschäftsunfähig gewesen sein, wäre nicht nur das Testament zu Gunsten deren Enkeltochter unwirksam, sondern auch die Einantwortung der Enkeltochter in den Nachlass. Die Enkeltochter hätte daher weder das Eigentum an der Liegenschaft an die Erstklägerin übertragen noch dieser den Löschungsanspruch abtreten können. Die Beklagte sei bei Begründung und Einverleibung des Pfandrechts zu ihren Gunsten gutgläubig gewesen. Umstände, die bei Unterfertigung des Schuldscheins oder bei Eintragung des Pfandrechts einen vom Grundbuchsstand abweichenden Sachverhalt erkennen hätten lassen, seien nicht vorgelegen. Sie sei als gutgläubige „Dritte“ im Sinn des § 63 GBG anzusehen, weshalb die Klage im Interesse des Vertrauensschutzes der zeitlichen Beschränkung des § 63 GBG unterliege. Infolge Ablaufs der dreijährigen Frist nach § 64 GBG habe sie eine in jeder Hinsicht unanfechtbare Rechtsposition erworben.
Das Erstgericht gab dem Löschungsbegehren statt.
Es traf – über den eingangs wiedergegebenen Sachverhalt hinaus – noch folgende weitere Feststellungen:
Eine ausdrückliche Zessionvereinbarung, mit der der Anspruch auf Löschung des Pfandrechts ob der Liegenschaft an die nunmehrigen Kläger abgetreten wurde, wurde nicht geschlossen. Beiden Klägern war im Zuge des Kaufs der Liegenschafts(-anteile) aber klar, dass die Käufer der Liegenschaft die Löschungsklage erheben müssten; dies wurde im Zuge der beiden Kaufverträge jeweils mündlich zwischen Verkäuferin und Käufer(in) vereinbart.
Im Kaufvertrag vom 29. Juni 2010 (zwischen der Enkeltochter der Gertrude H* und der Erstklägerin) findet sich unter Pkt V (5) die Formulierung:
Wenn die von der Verkäuferin beabsichtigte Pfandrechtslöschungsklage im Namen der Käuferin als nunmehriger Liegenschaftseigentümerin zu erheben sein sollte, so wird die Käuferin einer derartigen Klagsführung zustimmen und einem von der Verkäuferin namhaft gemachten Rechtsanwalt Vollmacht erteilen … Die Verkäuferin garantiert und steht der Käuferin dafür ein, dass der Käuferin im Zusammenhang mit einer derartigen Klagsführung keinerlei Belastung entsteht … .
Der Kaufvertrag zwischen den beiden Klägern über die 5049/10.000 Miteigentumsanteile an der Liegenschaft lautet auszugsweise:
... II.2. Von der Voreigentümerin der Verkäuferin wird der Bestand der pfandrechtlich sichergestellten Forderung und die Rechtmäßigkeit der Begründung dieses Pfandrechts bestritten. Über den Bestand dieser pfandrechtlich sichergestellten Forderung ist ein Zivilverfahren anhängig. Die Verkäuferin garantiert dem Käufer … und steht dem Käufer ... verschuldensunabhängig dafür ein, dass der Käufer nicht für diese pfandrechtlich sichergestellte Forderung in Anspruch genommen wird bzw werden. Die Verkäuferin verpflichtet sich ferner, dafür Sorge zu tragen, dass das vorerwähnte Pfandrecht längstens binnen fünf Jahre nach Abschluss dieses Kaufvertrags gelöscht wird.
Mit Schreiben vom 7. März 2016 bevollmächtigten die Kläger die Enkeltochter der Gertrude H* (die den Beruf einer Rechtsanwältin ausübt)
„... wunschgemäß ..., eine Pfandrechts-löschungsklage zur Löschung des vorgenannten Pfandrechts zu erheben und uns in diesem Verfahren zu vertreten. Diese von ihnen gewünschte Klagsführung erfolgt zwar in unserem Namen, jedoch auf Ihre Kosten und Ihr Risiko. Jeglicher Aufwand im Zusammenhang mit dieser von Ihnen gewünschten Klagsführung ist daher von Ihnen zu tragen ...“.
Rechtlich schloss sich das Erstgericht im Wesentlichen dem Rechtsstandpunkt der Kläger an. Da die Vollmacht mangels Geschäftsfähigkeit nichtig gewesen sei, sei auch der im Namen der Gertrude H* unterfertigte Pfandbestellungsvertrag nichtig. Sei die Eintragung des Pfandrechts aufgrund eines unwirksamen Titels erfolgt, sei das Löschungsbegehren berechtigt.
Das Berufungsgericht bestätigte das Ersturteil. Die bloße Behauptung der Ungültigkeit des Testaments, ohne gegen den in Rechtskraft erwachsenen Einantwortungsbeschluss vorzugehen, könne die Rechtsvermutung der rechtmäßigen Erbenstellung nicht beseitigen. Der Einwand der Ungültigkeit des Testaments infolge Testierunfähigkeit sei daher nicht entscheidungswesentlich. Klar sei, dass beim Verkauf der Liegenschaft sowohl die Enkeltochter der Gertrude H* als Verkäuferin als auch die beiden Kläger als Käufer jeweils die Löschung der materiell unrichtigen Eintragung des Pfandrechts anstrebten und diesen Willen in den Kaufverträgen dargestellt haben. Dies sei zur Übertragung des Löschungsanspruchs ausreichend. Dass sich aus den in den Kaufverträgen vorhandenen Formulierungen keine ausdrückliche Zustimmung ableiten lasse, stehe der Abtretung des Löschungsanspruchs nicht entgegen. Die Voraussetzungen für einen Gutglaubenserwerb des Pfandrechts im Sinn des § 63 GBG lägen nicht vor. Das in erster Instanz erstattete Tatsachenvorbringen zum Einwand der rechtsmissbräuchlichen Rechtsausübung reiche nicht aus, um eine der von der Rechtsprechung zum Rechtsmissbrauch herausgearbeiteten Fallgruppen darzustellen. Insbesondere sei nicht behauptet worden, dass der Sohn und die Enkeltochter der Gertrude H* bewusst zusammengewirkt hätten, um die Beklagte zu schädigen, dass die Enkeltochter vorsätzlich rechtswidrig gehandelt hätte und dass sie bei Annahme des Pflichtteilsverzichts überwiegend schädigende Motive gehabt hätte.
Das Berufungsgericht bewertete den Entscheidungsgegenstand mit 5.000 EUR, nicht aber 30.000 EUR übersteigend und ließ die Revision zur Frage der aktiven Klagslegitimation der Kläger zu. Es fehle Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zu dem Fall, dass keine ausdrückliche Zession der Löschungsbefugnis erfolgt sei, aber eine Willensübereinstimmung der früheren Eigentümerin und der nunmehrigen Eigentümerin über die Geltendmachung des Löschungsanspruchs vorliege.
Die Beklagte macht in ihrer Revision – neben der mangelnden Aktivlegitimation – geltend, dass ihr die Einrede der Ungültigkeit des Testaments und der fehlenden Erbenstellung der Enkeltochter auch dann offen stehen müsse, wenn ihr mangels Erbrechts die Erhebung der Erbschaftsklage verwehrt sei. Weiters hält sie daran fest, gutgläubige „Dritte“ im Sinn des § 63 GBG zu sein und vertritt den Standpunkt, die Vorinstanzen hätten von einer rechtsmissbräuchlichen Vorgangsweise zu ihren Lasten auszugehen gehabt.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist – entgegen dem Ausspruch des Berufungsgerichts – nicht zulässig. Weder in der Begründung des zweitinstanzlichen Zulassungsausspruchs noch in der Revision wird eine erhebliche Rechtsfrage im Sinn des § 502 Abs 1 ZPO aufgezeigt:
1. Der Revisionsgrund der Aktenwidrigkeit wurde geprüft, er liegt nicht vor (§ 510 Abs 3 ZPO).
2.1 Auch die im außerstreitigen Verfahren ergangenen, nicht mehr anfechtbaren Entscheidungen sind grundsätzlich der Rechtskraft fähig und können nur beseitigt werden, wenn das Gesetz der Partei ein eigenes Klagerecht gibt. Die rechtskräftige Einantwortung schafft die Vermutung, dass der in den Erbschaftsbesitz eingewiesene Erbe der wahre Erbe ist. Diese Rechtsvermutung kann nur durch die gerichtliche Feststellung des Erbrechts eines anderen und durch Erbschaftsklage beseitigt werden (RS0008381 [T5], RS0041429 [T1]; Welser, Erbrechts-Kommentar [2019] §§ 823, 824 Rz 3). Wer selbst kein Erbrecht behauptet, kann dem Eingewiesenen die Erbschaft nicht streitig machen (Welser, Erbrechts-Kommentar [2019] §§ 823, 824 Rz 9 mwN; vgl auch RS0007290).
2.2 Im vorliegenden Fall ist der Einantwortungs-beschluss seit 2004 rechtskräftig. Weder wurde das Erbrecht eines anderen festgestellt noch wurde eine Erbschaftsklage erhoben. Die Ansicht der Vorinstanzen, aufgrund der durch die Einantwortung aufrecht bestehenden Rechtsvermutung sei davon auszugehen, dass die Enkeltochter der Gertrude H* deren rechtmäßige Erbin (und Eigentümerin der Liegenschaft) geworden sei, steht mit dieser Rechtsprechung in Einklang. Die Beklagte, die selbst kein Erbrecht behauptet, kann die Gültigkeit des von Gertrude H* errichteten Testaments nicht erfolgreich in Frage stellen.
3.1 Kläger der Löschungsklage nach § 61 GBG kann nur sein, wer im Grundbuch eingetragen ist oder schon eingetragen war und der durch eine nachfolgende, auf einem materiell unwirksamen Titel beruhende Eintragung aus dem Grundbuch verdrängt oder in seinen bücherlichen Rechten beschränkt (belastet) wurde (RS0060428 [T5]; Kodek, Grundbuchsrecht2 § 61 Rz 3). Der frühere Liegenschaftseigentümer kann die Löschung daher nicht mehr begehren (2 Ob 195/14m).
3.2 Allerdings wird die Möglichkeit einer rechtsgeschäftlichen Abtretung des Löschungsanspruchs bejaht, in welchem Fall die Löschungsklage auch einem Einzelrechtsnachfolger des in seinem bücherlichen Recht Verletzten zustehen kann (RS0060428 [T2]; Kodek, Grundbuchsrecht2 § 61 GBG Rz 12).
3.3 Auf die Abtretung des Löschungsanspruchs kommen die allgemeinen Grundsätze der §§ 1392 ff ABGB zur Anwendung. Der Zessionsvertrag ist im Allgemeinen an keine Form gebunden (RS0032570) und muss daher nicht schriftlich abgefasst werden (RS0017176 [T5]). Die vom Berufungsgericht als erheblich angesehene Rechtsfrage lässt sich aufgrund der bisherigen Rechtsprechung daher dahin beantworten, dass eine „ausdrückliche“ Zession nicht vorliegen muss (2 Ob 123/12w mwN).
3.4 Von diesen Grundsätzen der Rechtsprechung weicht die Rechtsansicht des Berufungsgerichts nicht ab, im vorliegenden Fall sei eine rechtswirksame Abtretung des Löschungsanspruchs zustande gekommen. Nach den Feststellungen wurde im Zuge beider Kaufverträge jeweils zwischen Verkäufer und Käufer eine mündliche Vereinbarung dahin getroffen, dass die Löschungsklage durch die Käufer der Liegenschaft bzw in deren Namen erhoben werde (können). Wenn das Berufungsgericht bei Ermittlung der Absicht der Parteien zum Ergebnis gelangte, dass diese Vereinbarung eine schlüssige Vereinbarung über die Abtretung des Löschungsanspruchs sei, entspricht dies den Grundsätzen der Vertragsauslegung (§ 914 ABGB). Die in den Kaufverträgen enthaltenen Formulierungen in Bezug auf das Pfandrecht und dessen Löschung erscheinen lediglich unter der Voraussetzung sinnvoll, dass die Parteien der Kaufverträge übereinstimmend die Abtretung des Löschungsanspruchs gewollt haben.
3.5 Die Abtretung des Löschungsanspruchs an die beiden Kläger stellt jeweils eine Nebenabrede zum Kaufvertrag dar und steht im Rahmen des Austauschverhältnisses. Nur schenkungsweise Zessionen bedürfen der Form eines Notariatsakts (§ 1 Abs 1 lit d NZwG), es sei denn es hat eine wirkliche Übergabe der Forderung stattgefunden (1 Ob 147/00z).
4. Der grundbücherliche Vertrauensgrundsatz wirkt nur gutgläubigen Dritten gegenüber (RS0011361). Da das Pfandrecht zu Gunsten der Beklagten als der wirklich Berechtigten einverleibt wurde, kann sie nicht Dritte im Sinn des § 63 GBG sein. Die Verpfändung der Liegenschaft zu Gunsten der Beklagten ist somit kein Fall des Vertrauens auf den unrichtigen Grundbuchsstand, mag auch der Pfandbestellungsvertrag mangels wirksam erteilter Vollmacht ungültig sein. Damit steht die Ansicht der Vorinstanzen im Einklang, die Anwendung des Gutglaubenserwerbs gemäß § 63 GBG komme nicht in Betracht, weil die Beklagte nicht „Dritte“ im Sinn des § 63 GBG sei.
5.1 Richtig ist, dass der Schikaneeinwand nicht ausdrücklich erhoben werden muss, sondern dass es genügt, wenn entsprechende Tatsachen vorgebracht werden (RS0026205 [T7]).
5.2 Die Bejahung oder Verneinung der Eindeutigkeit und Evidenz des von der Beklagten zu erbringenden Nachweises über den Rechtsmissbrauch stellt einen Akt der vor dem Obersten Gerichtshof nicht mehr überprüfbaren Beweiswürdigung dar. Der rechtlichen Beurteilung unterliegt die Frage, ob die Tatsachen geeignet sind, den Vorwurf des Rechtsmissbrauchs zu rechtfertigen (RS0018027 [T16]).
5.3 Ob die für die Annahme von Rechtsmissbrauch geforderten Voraussetzungen vorliegen oder nicht, ist letztlich eine Frage des Einzelfalls und entzieht sich schon deshalb einer Beurteilung als erhebliche Rechtsfrage im Sinn des § 502 Abs 1 ZPO (RS0017997 [T5]).
5.4 Die Rechtsansicht des Berufungsgerichts, die gegebenen Tatsachengrundlagen seien nicht derart eindeutig, dass daraus berechtigterweise der Vorwurf des Rechtsmissbrauchs abgeleitet werden könnte, stellt jedenfalls keine zu korrigierende Fehlbeurteilung dar.
Die Kostenentscheidung beruht auf den §§ 41, 50 ZPO. Die Beklagte hat auf die Unzulässigkeit der Revision hingewiesen. Allerdings steht für die Revisionsbeantwortung keine Pauschalgebühr zu (§ 7 Abs 1 Z 1 GGG). |
JJT_20191001_OGH0002_018ONC00002_19T0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127023 | 18ONc2/19t | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191001_OGH0002_018ONC00002_19T0000_000/JJT_20191001_OGH0002_018ONC00002_19T0000_000.html | 1,569,888,000,000 | 3,119 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden, den Senatspräsidenten Dr. Veith und die Hofräte Dr. Höllwerth, Dr. Musger und Mag. Painsi als weitere Richter in der Schiedsrechtssache des Antragstellers (schiedsklagende Partei) Dr. D*, Rechtsanwalt, *, vertreten durch Mag. Stefan Danzinger, Rechtsanwalt in Wiener Neustadt, gegen die Antragsgegner (schiedsbeklagte Parteien) 1. A* GmbH, 2. A* GmbH, 3. J*, alle *, alle vertreten durch Dr. Kurt Hirn, Rechtsanwalt in Klagenfurt, wegen Ablehnung der Schiedsrichterin Dr. S* (§ 589 Abs 3 ZPO), in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
1. Der Antrag auf Anberaumung einer mündlichen Verhandlung wird zurückgewiesen.
2. Die Schiedsrichterin Dr. S* wird für die Fortführung des vom Antragsteller als schiedsklagende Partei gegen die Antragsgegner als schiedsbeklagte Parteien geführten Schiedsverfahrens für befangen erklärt.
3. Die Antragsgegner sind zur ungeteilten Hand schuldig, dem Antragsteller die mit 2.697,14 EUR (darin 79,86 EUR USt und 2.218 EUR Pauschalgebühr) bestimmten Kosten des gerichtlichen Ablehnungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Gegenstand des vor dem Schiedsgericht der Rechtsanwaltskammer für Kärnten geführten Schiedsverfahrens ist eine vom Schiedskläger gegenüber den Schiedsbeklagten geltend gemachte Honorarforderung für anwaltliche Leistungen.
Der Schiedskläger lehnte die Schiedsrichterin Dr. S* unter Berufung auf § 8 der Schiedsordnung der Rechtsanwaltskammer für Kärnten iVm § 19 JN als befangen ab (Antrag vom 3. 1. 2019). Als Ablehnungsgrund machte der Schiedskläger geltend, dass die Schiedsrichterin die Schiedsverhandlung vom 17. 12. 2018 auffallend einseitig zulasten des Schiedsklägers geführt habe. Sie habe zwar aufgrund einer der Verhandlung vorangegangenen Ex-parte-Kommunikation verspätetes Vorbringen der Schiedsbeklagten zugelassen, dem Schiedskläger aber Angriffs- und Verteidigungsmittel abgeschnitten, dessen Parteiengehör auf die Erörterung von Vergleichsmöglichkeiten beschränkt und die Sitzungspolizei parteilich gehandhabt. Die prozessualen Fehlentscheidungen der Schiedsrichterin seien Ausdruck einer grundsätzlich ablehnenden, voreingenommenen und unsachlichen Einstellung der Schiedsrichterin. Die Schiedsrichterin habe ihre abträgliche Meinung gegenüber der Arbeit und Person des Schiedsklägers sowie auch seines Vertreters durch bestimmte Äußerungen und Handlungen unmissverständlich kundgetan.
Das Präsidium des Schiedsgerichts der Rechtsanwaltskammer für Kärnten wies diesen Ablehnungsantrag mangels Beweises von Umständen, die die Unbefangenheit der Schiedsrichterin begründet in Zweifel ziehen könnten, zurück (Beschluss vom 8. 5. 2019).
Der Schiedskläger beantragte, der Oberste Gerichtshof möge gemäß § 589 Abs 3 ZPO über die Ablehnung nach Abhaltung einer mündlichen Verhandlung entscheiden. Die Begründung dieses Antrags ist mit dem an das Schiedsgericht gerichteten Ablehnungsantrag im Wesentlichen wortident (vgl zum Verhältnis des Ablehnungsantrags im Schiedsverfahren zum Antrag an den Obersten Gerichtshof RIS-Justiz RS0129786).
Die Schiedsrichterin bestritt ihre Befangenheit und beantragte die Abweisung des Antrags. Die vom Schiedskläger ihr gegenüber erhobenen Vorwürfe stellte sie pauschal in Abrede. Sie habe sich in der Verhandlung vom 17. 12. 2018 objektiv verhalten und nicht von sachfremden Motiven leiten lassen. Der Verlauf und der Inhalt der Verhandlung vom 17. 12. 2018 seien im Verhandlungsprotokoll festgehalten, dieses liefere gemäß § 215 ZPO vollen Beweis. Der Schiedskläger habe seinen Ablehnungsantrag außerdem entgegen dem als Richtlinie heranzuziehenden § 21 Abs 2 JN nicht bei erster sich bietender Gelegenheit gestellt. Der Schiedskläger habe, ohne die ihm bekannten Ablehnungsgründe geltend zu machen, nicht nur die Verhandlung vom 17. 12. 2018 verrichtet und in dieser Anträge gestellt, sondern am 20. 12. 2018 Einwendungen gegen das Kostenverzeichnis erhoben. Auch die Schiedsordnung der Rechtsanwaltskammer für Kärnten normiere in ihrem § 8 Abs 2, dass die Ablehnung unzulässig sei, wenn sich die ablehnende Partei in das Verfahren eingelassen habe, obwohl ihr der geltend gemachte Ablehnungsgrund schon vorher bekannt gewesen sei oder bekannt sein habe müssen.
Auch die Schiedsbeklagten beantragten die Abweisung des Ablehnungsantrags. Die Schiedsrichterin habe sich in der Schiedsverhandlung am 17. 12. 2018 absolut objektiv verhalten. Die Vorhaltungen des Schiedsklägers, insbesondere dessen Behauptung, die Schiedsrichterin habe Respekt und sachliche Distanz gegenüber dem Schiedskläger und dessen Vertreter vermissen lassen und ihre abträgliche Meinung insbesondere über die Arbeit des Schiedsklägers und dessen Vertreter unmissverständlich kundgetan, entbehrten jeglicher Grundlage. Dies müsse als untauglicher Versuch angesehen werden, die Schiedsrichterin zu diskreditieren und durch haltlose Anschuldigungen „loszuwerden“, da der Schiedskläger offensichtlich die Befürchtung hege, mit seiner Klageforderung nicht in dem von ihm erwarteten Umfang durchzudringen. Der Schiedskläger habe den Antrag auf Ablehnung der Schiedsrichterin außerdem nicht schon in der Verhandlung am 17. 12. 2018 gestellt und sei daher von der späteren Geltendmachung der Ablehnung ausgeschlossen.
Rechtliche Beurteilung
Der erkennende Senat hat erwogen:
I. Zum Antrag auf Anberaumung einer mündlichen Verhandlung
1. Auf das Ablehnungsverfahren nach § 589 Abs 3 ZPO sind die Bestimmungen des Außerstreitgesetzes über das Verfahren erster Instanz anzuwenden. § 18 AußStrG stellt es dem Gericht frei, eine Tagsatzung zur mündlichen Verhandlung anzuordnen, „wenn es dies zur Beschleunigung des Verfahrens, Erhebung des Sachverhalts oder Erörterung von Rechtsfragen für zweckmäßig erachtet“. Anders als im Verfahren über die Ablehnung staatlicher Richter (vgl § 24 Abs 1 JN) ist daher im Verfahren über die Ablehnung eines Schiedsrichters vor dem Obersten Gerichtshof die Durchführung einer mündlichen Verhandlung nicht schlechthin ausgeschlossen. Ihre Anordnung steht jedoch allein im pflichtgebundenen Ermessen des Obersten Gerichtshofs, ein verfahrensrechtlicher Anspruch auf Durchführung einer mündlichen Verhandlung kommt den Parteien nicht zu. Der auf die Anberaumung einer mündlichen Verhandlung gerichtete Antrag des Antragstellers ist deshalb zurückzuweisen (18 ONc 1/17t).
2. Die amtswegige Anordnung einer mündlichen Verhandlung ist hier nicht erforderlich. Insbesondere bedarf es der vom Antragsteller beantragten Beweisaufnahme durch Einvernahme der Parteien und Zeugen nicht. Der die Entscheidung tragende Sachverhalt ergibt sich schon aus den vorgelegten Urkunden und dem wechselseitigen Vorbringen der Parteien (siehe Punkt IV.3.7).
II. Zum Einwand der Verfristung
1. Gemäß § 589 Abs 2 ZPO hat die Partei, die einen Schiedsrichter ablehnt, mangels einer Vereinbarung über das Ablehnungsverfahren binnen vier Wochen, nachdem ihr die Zusammensetzung des Schiedsgerichts oder ein Umstand, der berechtigte Zweifel an der Unparteilichkeit oder Unabhängigkeit weckt (§ 588 Abs 2 ZPO), bekannt geworden ist, dem Schiedsgericht schriftlich die Ablehnungsgründe darzulegen. Ist der Ablehnungsgrund verfristet, ist dies auch noch im Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof wahrzunehmen (18 ONc 3/14g [18 ONc 4/14d]; 18 ONc 1/17t).
2. § 21 Abs 2 JN, wonach Ablehnungsgründe sofort nach ihrem Bekanntwerden vorzubringen sind und jede Einlassung in die Verhandlung oder Antragstellung nach Bekanntwerden des Befangenheitsgrundes den Ausschluss von der Geltendmachung bewirkt (RS0045977; RS0045982; RS0046040; RS0046042), gilt im Ablehnungsverfahren nach § 589 ZPO nicht. Der von der Rechtsprechung entwickelte Grundsatz, dass die Vorschriften der §§ 19 und 20 JN unter spezieller Berücksichtigung der Besonderheiten der Schiedsgerichtsbarkeit als Richtlinien heranzuziehen sind (vgl Punkt III.2), bezieht sich ausschließlich auf die materiellen Ablehnungsgründe.
3. Die in § 589 Abs 2 ZPO geregelte Frist ist zwar bloß dispositiver Natur. Die Voraussetzungen des § 21 Abs 2 JN sind hier aber auch nicht kraft Parteienvereinbarung heranzuziehen. Die vereinbarte Schiedsordnung der Rechtsanwaltskammer für Kärnten (Blg ./L) verweist in ihrem § 8 Abs 1 ausdrücklich (nur) auf die Anfechtungsgründe („Gründe des § 19 JN“). In Bezug auf die zeitlichen Voraussetzungen für deren Geltendmachung normiert deren § 8 Abs 2 hingegen ausdrücklich Anderes: Die Ablehnung ist unzulässig, wenn sich die ablehnende Partei in das Verfahren eingelassen hat, obwohl ihr der von ihr geltend gemachte Ablehnungsgrund schon vorher bekannt war oder bekannt sein musste (Satz 1). Die Ablehnung ist ebenso unzulässig, wenn die ablehnende Partei den Ablehnungsgrund nicht binnen vier Wochen ab Kenntnis des Grundes geltend macht (Satz 2). § 8 Abs 2 Satz 1 der Schiedsordnung bezieht sich schon seinem Wortlaut nach nur auf den Beginn des Verfahrens („... in das Verfahren eingelassen hat, obwohl ihr der von ihr geltend gemachte Ablehnungsgrund schon vorher bekannt war ...“). Für den Fall der Kenntnisnahme (erst) nach Beginn des Verfahrens enthält § 8 Abs 2 Satz 2 Schiedsordnung mit einer 4-wöchigen Frist zur Geltendmachung eine eigene, mit § 589 Abs 2 ZPO korrespondierende Regelung.
4. Der Schiedskläger stützt die Ablehnung auf das Verhalten der Schiedsrichterin in der Verhandlung am 17. 12. 2018. Der Ablehnungsantrag vom 3. 1. 2019 (Blg ./N) wurde daher fristgerecht eingebracht.
III. Allgemeine Grundsätze
1. Ein Schiedsrichter kann nur abgelehnt werden, wenn Umstände vorliegen, die berechtigte Zweifel an seiner Unparteilichkeit oder Unabhängigkeit wecken, oder wenn er die zwischen den Parteien vereinbarten Voraussetzungen nicht erfüllt (§ 588 Abs 2 ZPO).
2. Der Gesetzestext des § 588 ZPO idF des SchiedsRÄG 2006 verweist zwar anders als die Bestimmung des früheren § 586 ZPO nicht mehr auf die Bestimmungen über die Befangenheit und die Ausgeschlossenheit von Richtern (§§ 19 f JN). Ungeachtet dessen sind die Gründe für die Ablehnung staatlicher Richter – unter spezieller Berücksichtigung der Besonderheiten der Schiedsgerichtsbarkeit – weiterhin als Richtlinien heranzuziehen (18 ONc 1/19w mwN; Riegler/Petsche in Liebscher/Oberhammer/Rechberger, Schiedsverfahrensrecht I Rz 5/186 mwN).
3. Nach der Rechtsprechung zur Befangenheit und Ausgeschlossenheit von Richtern (§§ 19 f JN) sollen Ablehnungsregeln den Parteien nicht die Möglichkeit bieten, sich eines ihnen nicht genehmen Richters zu entledigen (RS0046087; RS0109379). Dennoch ist bei der Prüfung der Unbefangenheit eines Richters iSd § 19 JN im Interesse des Ansehens der Justiz ein strenger Maßstab anzulegen (RS0045949; RS0109379; RS0046052 [T12]). Es genügt, dass eine Befangenheit mit Grund befürchtet werden muss, auch wenn der Richter tatsächlich unbefangen sein sollte, oder dass bei objektiver Betrachtungsweise auch nur der Anschein einer Voreingenommenheit entstehen könnte (RS0109379 [T4, T7]; RS0046052 [T10]). Bei der Beurteilung der Fairness eines Verfahrens ist auch der äußere Anschein von Bedeutung. Gerechtigkeit soll nicht nur geübt, sondern auch sichtbar geübt werden (RS0109379 [T4]; RS0046052 [T15]). Daher soll schon der Anschein, der Richter lasse sich bei der Entscheidung von anderen als rein sachlichen Gesichtspunkten leiten, jedenfalls vermieden werden (RS0046052).
4. Dem Ansehen der Justiz, in deren Interesse an die Beurteilung einer allfälligen Befangenheit dieser strenge Maßstab anzulegen ist, ist das Ansehen der Schiedsgerichtsbarkeit gleichzuhalten, setzt doch auch die Akzeptanz der Schiedsgerichtsbarkeit nicht nur Fachkompetenz, sondern auch das Vertrauen der Rechtssuchenden in unabhängige, unparteiische und frei von Interessenkollisionen agierende Schiedsrichter voraus. Die zitierte Rechtsprechung zur Prüfung der Unbefangenheit eines Richters iSd § 19 JN verdient daher auch im Fall der Ablehnung eines Schiedsrichters Beachtung (18 ONc 1/19w; 18 ONc 3/15h).
5. Die Konzeption des Verfahrens vor dem staatlichen Gericht als Kontrollverfahren des schiedsgerichtlichen Verfahrens bedingt, dass der Verfahrensgegenstand auf den Inhalt des (im Schiedsverfahren gestellten) Ablehnungsantrags eingegrenzt ist. Neue Umstände im Antrag an das staatliche Gericht müssen sich daher im inhaltlichen Rahmen des Ablehnungsantrags an das Schiedsgericht halten (RS0129786). Hier ist der verfahrenseinleitende Antrag mit dem Ablehnungsantrag im Schiedsverfahren (Blg ./N) im Wesentlichen wortident.
IV. Berechtigte Zweifel an der Unparteilichkeit der Schiedsrichterin?
1. Der Schiedskläger leitet – aus seiner Sicht berechtigte – Zweifel an der Unparteilichkeit der abgelehnten Schiedsrichterin aus deren Verhalten in der Schiedsverhandlung vom 17. 12. 2018 ab. Die Schiedsrichterin habe die Verhandlung auffallend einseitig zu Lasten des Schiedsklägers geführt, verspätetes Vorbringen der Schiedsbeklagten aufgrund einer Ex-parte-Kommunikation zugelassen, dem Schiedskläger jedoch Angriffs- und Verteidigungsmittel abgeschnitten, dessen Parteiengehör auf die Erörterung von Vergleichsmöglichkeiten beschränkt und die Sitzungspolizei parteilich gehandhabt.
2. Eine unsachgemäße Prozessleitung und prozessuale Fehler begründen für sich alleine nicht den Anschein der Voreingenommenheit (Hausmaninger in Fasching/Konecny3 § 588 ZPO Rz 128, Rz 131/1f mwN; Riegler/Petsche in Liebscher ua, Schiedsverfahrensrecht I Rz 5/197). Selbst wenn die vom Schiedskläger thematisierten prozessualen Entscheidungen oder Anordnungen der Schiedsrichterin tatsächlich als falsch und/oder ihre Prozessleitung als unsachgemäß anzusehen wären, würde dieser Umstand daher (für sich genommen) noch keine Ablehnung rechtfertigen. Anderes könnte nur für schwerwiegende Verfahrensverstöße (18 ONc 3/14g [18 ONc 4/14d]; Hausmaninger in Fasching/Konecny3 § 588 ZPO Rz 131/1; Deixler-Hübner in Czernich/Deixler-Hübner/Schauer, Handbuch Schiedsrecht Rz 9.128) oder eine (dauerhafte und wesentliche) Bevorzugung bzw Benachteiligung gelten (Hausmaninger in Fasching/Konecny3 § 588 ZPO Rz 131/3; Riegler/Petsche Rz 5/196; Deixler-Hübner Rz 9.125). Eine nähere Auseinandersetzung mit den verfahrensrechtlichen Aspekten der einzelnen vom Schiedskläger im Zusammenhang mit der Verfahrensführung erhobenen Vorwürfe und deren abschließende Beurteilung kann hier allerdings unterbleiben. Wie zu zeigen sein wird, ist der Ablehnungsantrag nämlich schon aus anderen Gründen jedenfalls berechtigt.
3.1. Der Schiedskläger leitet die Voreingenommenheit der Schiedsrichterin insbesondere auch daraus ab, dass diese im Laufe der Verhandlung mit bestimmten Äußerungen und Handlungen ihre abträgliche Meinung über die Person und die Arbeit des Schiedsklägers und auch dessen Vertreters unmissverständlich kundgetan habe. So habe sie im Zusammenhang mit der Diskussion über die Zulässigkeit einer schriftlichen Äußerung des Schiedsklagevertreters erklärt, dass dieser die ihrer Meinung nach nicht aufgetragene (und unnötige) Äußerung sicherlich in sein Kostenverzeichnis aufgenommen habe und so eine Vorgehensweise beim Schiedskläger offenbar System habe. Im Zuge der Ausübung der Sitzungspolizei habe die Schiedsrichterin den Schiedskläger aufgefordert, sie anzusehen, weil er „ein Rechtsanwalt und kein Kleinkind“ sei. Schließlich habe die Schiedsrichterin den Schiedskläger zur Belustigung der Gegenseite auch geradezu verhöhnt, indem sie in Reaktion auf eine Urkundenvorlage des Schiedsklagevertreters zunächst wortlos den Raum verlassen und ein Lineal geholt, die Höhe des Urkundenkonvoluts abgemessen, das Ergebnis ihrer „Messung“ zu Protokoll gegeben und verlautbart habe, sie werde diese Urkunden nicht zum Akt nehmen.
3.2. Zum Beweis dieser Äußerungen und Handlungen beantragte der Schiedskläger nicht nur seine Einvernahme und die des Schiedsbeklagtenvertreters und der Schiedsrichterin; er brachte auch Aktenvermerke zur Vorlage (Aktenvermerk des Schiedsklägers vom 18. 12. 2018 [Blg ./J]; Aktenvermerk des Schiedsklagevertreters vom 19. 12. 2018 [Blg ./K]), die dessen Behauptungen decken. Die Schiedsrichterin und die Schiedsbeklagten nahmen zu diesen Tatsachenbehauptungen nicht konkret Stellung, sie bestritten vielmehr nur ganz allgemein die vom Schiedskläger daraus gezogenen Schlussfolgerungen. Vor allem die Schiedsrichterin verweist zudem auf das Verhandlungsprotokoll, das gemäß § 215 ZPO vollen Beweis über den Verlauf und den Inhalt der Verhandlung vom 17. 12. 2018 liefere.
3.3. Die Schiedsordnung der Rechtsanwalts-kammer für Kärnten normiert in ihrem § 10 Abs 1, dass für die Durchführung des Verfahrens die Grundsätze der ZPO gelten. Nicht anzuwenden sind lediglich bestimmt bezeichnete Paragraphen. Die Bestimmungen der §§ 207 bis 217 ZPO über die Protokolle sind in dieser Aufzählung der Ausnahmen nicht genannt. Die Erstellung des Protokolls der Schiedsverhandlung vom 17. 12. 2018 erfolgte dementsprechend iSd § 212a ZPO durch Verwendung eines Schallträgers. Beide Schiedsparteien waren mit der Verwendung des Schallträgers und der nachfolgenden schriftlichen Übertragung einverstanden (Protokoll Blg ./5 bzw Blg ./M). Die vom Schiedskläger behaupteten unsachlichen persönlichen Bemerkungen und ihn verhöhnenden Handlungen gehen aus dem Protokoll so nicht hervor; darin finden sich lediglich neutrale Festhaltungen, zu denen die behaupteten Vorkommnisse „passen“.
3.4. § 215 Abs 1 ZPO ordnet an, dass das (gemäß den Vorschriften der §§ 207 bis 214 ZPO) errichtete Protokoll vollen Beweis über den Verlauf und Inhalt der Verhandlung liefert, soweit nicht ein ausdrücklicher Widerspruch einer Partei vorliegt. Eine Partei kann anregen, das Protokoll richtig zu stellen. Bleibt eine Anregung einer Partei vom Gericht unberücksichtigt, kann sie gegen den von ihr für unrichtig erachteten Teil des Protokolls Widerspruch einlegen (§ 212 Abs 1 letzter Satz ZPO). Ein solcher Widerspruch ist aber auch zulässig, wenn keine derartige Anregung gemacht worden ist, weil § 212 Abs 2 ZPO den Widerspruch nicht nur wegen der Nichtberücksichtigung einer Parteierklärung, sondern auch „aus einem anderen Grunde“ zulässt. Wie sich aus dem Wortlaut des § 212 Abs 1 ZPO (iVm § 212 Abs 5 ZPO) ergibt, muss dieser Widerspruch noch in der Verhandlung erhoben werden (Iby in Fasching/Konecny3 II/3 § 212 ZPO Rz 4). Wird – wie hier – für die Abfassung des Verhandlungsprotokolls ein „Schallträger“ verwendet, ist § 212 ZPO sinngemäß anzuwenden (§ 212a Abs 2 ZPO).
3.5. Der Widerspruch nimmt dem Protokoll die volle Beweiskraft (§ 215 Abs 1 ZPO; § 498 Abs 2 ZPO; Iby § 212 ZPO Rz 4/1). Die Frage, ob die Partei, die es verabsäumt hat, Widerspruch gegen das Protokoll zu erheben, dennoch die Unrichtigkeit der Protokollierung behaupten kann, war lange Zeit strittig (vgl Iby § 212 ZPO Rz 5 ff). Nach nunmehr ständiger Rechtsprechung kann nur bei fristgerechter Erhebung eines Widerspruchs der Gegenbeweis angetreten werden (RS0037315 [T3]; Iby § 212 ZPO Rz 5/4; Gitschthaler in Rechberger/Klicka, ZPO5 § 215 Rz 3; A. Kodek in Rechberger/Klicka, ZPO5 § 498 Rz 6; Fucik/Peer, Die Protokollberichtigung, ÖJZ 2009, 697). § 292 ZPO, der den Gegenbeweis zuließe, kann demnach – entgegen der älteren Lehre und Rechtsprechung (Nachweise bei Fucik/Peer, ÖJZ 2009, 697 FN 3) – auf Verhandlungsprotokolle nicht angewendet werden.
3.6. Der Schiedskläger hat hier keinen (fristgerechten) Widerspruch erhoben. Es stellt sich daher die Frage, ob ihm der Beweis offen steht, dass das Protokoll insofern unvollständig ist, als die (behaupteten) Äußerungen und Handlungen der Schiedsrichterin in der Verhandlung zwar getätigt, aber nicht protokolliert wurden. Der Widerspruch nach § 212 ZPO richtet sich nach dem Gesetzeswortlaut zwar gegen die „Angaben des Protokolls“ (§ 212 Abs 2 ZPO) oder gegen die „Feststellungen“ und „Angaben“ eines Protokolls (§ 498 Abs 2 ZPO) und auch einschlägige Aussagen in der Literatur beziehen sich häufig nur auf die Richtigkeit des positiv Protokollierten. Dennoch entspricht es dem einhelligen Verständnis der Bestimmungen über den Widerspruch, dass die damit aufzuzeigende Unrichtigkeit des Protokolls grundsätzlich nicht nur in Abweichungen vom tatsächlichen Geschehen, sondern auch in seiner Unvollständigkeit liegen kann (vgl Gitschthaler in Rechberger/Klicka5, Vor §§ 207 ff Rz 5; Iby in Fasching/Konecny3 § 208 ZPO Rz 1/1). Der mangels Widerspruchs volle Beweis auch der Vollständigkeit des Protokolls beschränkt sich freilich auf das, was Inhalt des Protokolls zu sein hätte. Notwendiger Protokollinhalt sind vor allem Sachdispositionserklärungen, Rechtsmittelverzichte und bestimmte Anträge der Parteien sowie verkündete Entscheidungen (Urteile) und anfechtbare Anordnungen und Verfügungen (Beschlüsse) des Richters (§ 208 Abs 1 ZPO), Sachverhaltsvorbringen und Beweisanbote der Parteien (§ 209 Abs 1 und 2 ZPO) und die Ergebnisse der Beweisaufnahmen (vgl Gitschthaler in Rechberger/Klicka5 §§ 207–208 Rz 1, § 209 Rz 1). Dieser Inhalt des Verhandlungsprotokolls hat sich dabei an der Aufgabe zu orientieren, alle rechtlich relevanten Handlungen der Parteien und des Gerichts zu dokumentieren, die Grundlage der zu treffenden Entscheidung und ihrer Überprüfung durch die Rechtsmittelinstanzen sein können (Iby in Fasching/Konecny3 § 208 ZPO Rz 1, 9/1, § 209 ZPO Rz 1). Unsachliche persönliche Bemerkungen und abschätzige Äußerungen oder Handlungen des Richters sind jedoch selbst dann nicht als notwendiger Protokollinhalt anzusehen, wenn daraus letztlich die Befangenheit des Richters abgeleitet wird. Derartige Ereignisse bilden dann zwar die Grundlage für die Entscheidung über die Ablehnung, deren rechtliche Bedeutung für das Verfahren ist aber zumindest nicht immer sofort erkennbar. Der Anschein der Voreingenommenheit und Parteilichkeit kann sich ja auch erst in der Zusammenschau mit Äußerungen in späteren Tagsatzungen und/oder außerprozessualem Verhalten ergeben. Die Nichtaufnahme solcher inhaltlich verfahrensfremder Ereignisse bedingt daher grundsätzlich keine Unvollständigkeit des Protokolls, gegen die bei sonstigem Verlust der Möglichkeit des (Gegen-)Beweises Widerspruch erhoben werden müsste. Dem Schiedskläger steht daher der Beweis für die von ihm behaupteten unsachlichen und abschätzigen Äußerungen und Handlungen der Schiedsrichterin offen.
3.7. Die Schiedsbeklagten nahmen (wie die Schiedsrichterin auch) zu den in den vorgelegten Aktenvermerken dokumentierten Tatsachenbehauptungen des Schiedsklägers nicht konkret Stellung; sie bestritten die Vorwürfe und die Wertungen des Schiedsklägers nur pauschal. Ein „unsubstantiiertes Bestreiten“ (eine unterbliebene ausdrückliche Bestreitung) kann dann als Zugeständnis gewertet werden, wenn im Einzelfall gewichtige Indizien für ein „Geständnis“ sprechen (RS0039941 [T3, T4]; RS0039955 [T2]). Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die vom Gegner aufgestellte Behauptung – wie hier – offenbar leicht widerlegbar wäre, dazu aber nie konkret Stellung genommen wurde (RS0039927) oder nur Einwendungen in rechtlicher Hinsicht erhoben wurden (RS0039927 [T14]). Der Senat legt daher die vom Schiedskläger in diesem Zusammenhang behaupteten Äußerungen und Handlungen als schlüssig zugestandene Tatsachen seiner Entscheidung zugrunde.
3.8. Negative Voreingenommenheit, feindschaftliche Gesinnung oder unsachliche persönliche Bemerkungen gegenüber einer Schiedspartei oder ihrem Verfahrensvertreter begründen Zweifel an der Unvoreingenommenheit der Schiedsrichterin (Hausmaninger in Fasching/Konecny3 § 588 ZPO Rz 104 mwN). Die mangels Aufnahme von Beweisen vorweggreifende Unterstellung der Schiedsrichterin, das Verzeichnen der Kosten für zur zweckentsprechender Rechtsverfolgung nicht notwendige Schriftsätze habe im Einflussbereich des Schiedsklägers „System“, erweckt den Anschein einer solchen negativen Voreingenommenheit. Diesem kommt hier schon an sich besonderes Gewicht zu, weil Gegenstand des Schiedsverfahrens gerade ein Streit über die Berechtigung der Honorarforderung des Schiedsklägers für anwaltliche Leistungen ist. Dieser Anschein wird durch die unsachliche persönliche Bemerkung, der Schiedskläger solle die Schiedsrichterin ansehen, weil er „ein Rechtsanwalt und kein Kleinkind“ sei, und die provozierende Art der Zurückweisung der Urkundenbeweise zudem noch erheblich verstärkt. Angesichts des im Interesse des Ansehens und der Akzeptanz der Schiedsgerichtsbarkeit an die Beurteilung einer allfälligen Befangenheit anzulegenden strengen Maßstabs bilden diese Äußerungen und dieses Verhalten der Schiedsrichterin schon für sich genommen einen ausreichenden Grund, deren Unparteilichkeit in Zweifel zu ziehen.
V. Ergebnis und Kostenentscheidung
1. Dem Ablehnungsantrag war daher stattzugeben und Dr. S* für die Fortführung des zwischen den Streitteilen geführten Schiedsverfahrens für befangen zu erklären.
2. Die Entscheidung über die Verpflichtung der Schiedsbeklagten zum Ersatz der Kosten des gerichtlichen Ablehnungsverfahrens beruht auf § 616 Abs 1 ZPO iVm § 78 Abs 1 Satz 1 AußStrG. Die im Ablehnungsverfahren vor dem Schiedsgericht anerlaufenen Kosten können im Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof nicht geltend gemacht werden. |
JJT_20191126_OGH0002_0040OB00145_19F0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127026 | 4Ob145/19f | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191126_OGH0002_0040OB00145_19F0000_000/JJT_20191126_OGH0002_0040OB00145_19F0000_000.html | 1,574,726,400,000 | 567 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Vogel als Vorsitzenden und die Hofräte Dr. Schwarzenbacher, Hon.-Prof. Dr. Brenn, Priv.-Doz. Dr. Rassi und MMag. Matzka als weitere Richter in der Rechtssache der Klägerin U* M*, vertreten durch Dr. Nina Ollinger, Rechtsanwältin in Purkersdorf, gegen die Beklagte D* K*, vertreten durch Mag. Thomas Christl, Rechtsanwalt in Steyr, wegen 12.465,78 EUR sA und Feststellung (Streitwert 1.000 EUR), über die Revision der Klägerin (Revisionsinteresse 7.465,78 EUR) gegen das Urteil des Landesgerichts Steyr als Berufungsgericht vom 20. Mai 2019, GZ 1 R 69/19v-27, womit das Urteil des Bezirksgerichts Steyr vom 30. Jänner 2019, GZ 10 C 7/19d-23, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision wird zurückgewiesen.
Die Klägerin ist schuldig, der Beklagten die mit 833,88 EUR (darin 138,98 EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsbeantwortung binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Streitteile hatten einen Pferdeeinstellungsvertrag für das Pferd der Klägerin geschlossen, in dessen Rahmen die Beklagte unter anderem zur ordnungsgemäßen Fütterung des Pferdes verpflichtet war.
Die Klägerin begehrte Schadenersatz von 12.465,78 EUR sowie die Feststellung, dass die Beklagte für sämtliche weiteren Schäden aus der Kolik ihres Pferdes hafte. Die Kolik sei durch die Verfütterung von Heu mit Schimmelpilzbefall verursacht worden.
Das Erstgericht wies die Klage ab. Es stellte fest, dass die Verwahrung durch die Beklagte dem üblichen Standard entsprach und das Futter einwandfrei war und keine schädlichen Keime oder Schimmelpilze aufwies. Das Pferd litt an einer Verlagerung des Blinddarms. Wie lange dieser Zustand schon bestanden hatte, konnte nicht festgestellt werden.
Das Berufungsgericht bestätigte diese Entscheidung und ließ die Revision nachträglich zu, da die Ansicht der Klägerin nicht von vornherein von der Hand zu weisen sei, dass die Frage, zu wessen Lasten es gehe, wenn nicht festgestellt werden könne, ob die Ursache für den Schaden bereits vor Beginn des Verwahrungsverhältnisses vorgelegen habe, in der Rechtsprechung noch nicht geklärt sei.
Die – von der Beklagten beantwortete – Revision der Klägerin ist ungeachtet des berufungsgerichtlichen Zulassungsausspruchs in Ermangelung von erheblichen Rechtsfragen im Sinn von § 502 Abs 1 ZPO nicht zulässig.
Rechtliche Beurteilung
1. Entgegen den Ausführungen in der Revision und in der Zulassungsbegründung des Berufungsgerichts ist die Frage der Beweislast beim Verwahrungsvertrag für die Übergabe der Sache in unbeschädigtem Zustand in der Entscheidung 9 Ob 47/15z, die ebenfalls einen Pferdeeinstellungsvertrag betraf, bereits geklärt. Danach trifft den Hinterleger die Beweislast, dass er die Sache in unbeschädigtem Zustand übergeben hat (Pkt 2.3). Erst dann muss der Verwahrer beweisen, dass er an der Erfüllung seiner Obsorgepflicht ohne sein Verschulden gehindert war (RS0018994). Auch hat der Verwahrer zu beweisen, dass der Schaden durch Zufall entstanden ist (RS0025726). Er haftet nämlich nicht für Zufall, sondern nur für eine schuldhafte Verletzung der Verwahrerpflicht (RS0130446; RS0130447).
2. Im vorliegenden Fall erlitt das von der Klägerin eingestellte Pferd eine Kolik, weil es zu einer Verlagerung des Blinddarms gekommen war. Damit ist die Ursache eindeutig festgestellt. Ob diese Verlagerung schon bei Einstellung des Pferdes bestand, konnte nicht festgestellt werden. Diese Feststellung fällt nach oben Gesagtem der Klägerin zur Last. Ihr ist der Beweis, das Pferd in „unbeschädigtem“ Zustand übergeben zu haben, nicht gelungen. Im Übrigen handelt es sich bei einer Verlagerung des Blinddarms um eine organische Ursache; die Verfütterung verschimmelten Heus wurde nicht erwiesen. Auch sonst ist dem festgestellten Sachverhalt nichts zu entnehmen, was auf eine Vernachlässigung der Verwahrerpflichten der Beklagten hindeuten würde, vielmehr ist die Verlagerung des Blinddarms in den Bereich des Zufalls einzuordnen; die Pflege und Wartung des Pferdes erfolgten einwandfrei. Damit ist der der Beklagten obliegende Entlastungsbeweis ohnehin auch als erbracht anzusehen.
3. Die Kostenentscheidung gründet sich auf die §§ 41, 50 ZPO. Die Beklagte hat auf die Unzulässigkeit der Revision hingewiesen. |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00192_19Z0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127028 | 5Ob192/19z | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00192_19Z0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00192_19Z0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 381 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Pflegschaftssache der minderjährigen 1. C*, 2. M*, beide geboren * 2014, beide in Obsorge ihrer Mutter A*, diese vertreten durch Mag. Harald Hajek, Rechtsanwalt in Baden, wegen Obsorge und Kontaktrechts, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Vaters Ing. G*, vertreten durch Mag. Martina Hackl, Rechtsanwältin in Mödling, gegen den Beschluss des Landesgerichts Wiener Neustadt als Rekursgericht vom 14. August 2019, GZ 16 R 170/19t-41, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Der Vater begründet die Zulässigkeit seines außerordentlichen Rechtsmittels mit der Notwendigkeit einer höchstgerichtlichen Stellungnahme zur (Un-)Tauglichkeit der vom Erstgericht eingeholten Stellungnahme der Familiengerichtshilfe als einzige fachliche Entscheidungsgrundlage.
2. Ein vom Rekursgericht verneinter Mangel des außerstreitigen Verfahrens erster Instanz bildet keinen Revisionsrekursgrund (RIS-Justiz RS0050037; RS0030748). Dies gilt um so mehr, wenn ein behaupteter Mangel des Verfahrens erster Instanz im Rekurs gar nicht gerügt wurde (RS0050037 [T13]). Dieser Grundsatz kann zwar in Obsorge- und Kontaktrechtsverfahren im Interesse des Kindeswohls durchbrochen werden (RS0050037 [T4, T8]; RS0030748 [T18]). In seiner Rüge des Unterbleibens der Einholung eines Sachverständigengutachtens zeigt der Revisionsrekurswerber aber keine ausreichenden Gründe für eine derartige Ausnahme auf. Mit seinen Ausführungen zu den behaupteten Mängeln der fachlichen Stellungnahme der Familiengerichtshilfe bekämpft er vielmehr in unzulässiger Weise die vom Rekursgericht bestätigte Beweiswürdigung des Erstgerichts. Der Oberste Gerichtshof ist auch im Verfahren außer Streitsachen nicht Tatsacheninstanz (RS0007236 [T1, T2, T3, T4, T6, T7]; RS0069246 [T1, T2, T4]; RS0108449).
3. Ein genereller Grundsatz, dass das Pflegschaftsgericht in einem Obsorge- und/oder Kontaktrechtsverfahren stets einen Sachverständigen beizuziehen hätte, besteht nicht (RS0006319 [T7, T11]). Dem Pflegschaftsrichter kommt insoweit ein Beweisaufnahme-ermessen zu (9 Ob 42/19w; 5 Ob 219/17t). Abhängig von den konkreten Umständen des Einzelfalls kann daher auch eine fachliche Stellungnahme der Familiengerichtshilfe im Zusammenhang mit anderen Beweismitteln eine ausreichende Entscheidungsgrundlage bilden (5 Ob 104/19h; 10 Ob 74/18g).
4. Gelangen die Vorinstanzen zum Ergebnis, dass die Stellungnahme der Familiengerichtshilfe im Zusammenhang mit den anderen Beweismitteln eine ausreichende Entscheidungsgrundlage bildet, so ist die Frage, ob im Einzelfall zusätzlich ein Sachverständigengutachten erforderlich ist, als eine den Tatsacheninstanzen obliegende Frage vom Obersten Gerichtshof nicht überprüfbar (5 Ob 104/19h; 4 Ob 246/18g; 10 Ob 74/18g; RS0007236 [T9]; RS0108449 [T4]; RS0115719 [T10]).
5. Der Vater zeigt damit in seinem außerordentlichen Rechtsmittel keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG auf. Der Revisionsrekurs ist daher unzulässig und zurückzuweisen. |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00191_19B0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127029 | 5Ob191/19b | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00191_19B0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00191_19B0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 641 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragsteller 1. D*, 2. I*, beide vertreten durch Mag. Georg E. Thalhammer, Rechtsanwalt in Wien, gegen die Antragsgegnerin Z* Gesellschaft mbH, *, vertreten durch Mag. Sabine Zambai, Rechtsanwältin in Wien, wegen § 12a Abs 3 iVm § 37 Abs 1 Z 8 MRG, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragsgegnerin gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 21. August 2019, GZ 39 R 217/19d-43, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 37 Abs 3 Z 16 MRG iVm § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Gegenstand des Revisionsrekursverfahrens ist nur die Frage, ob das auf § 12a Abs 3 MRG gestützte Mietzinsanhebungsbegehren der Antragsteller verfristet ist.
Das Erstgericht verneinte dies und stellte den angemessenen Hauptmietzins für das Geschäftslokal der Antragsgegnerin im Haus der Antragsteller zum Stichtag 1. 2. 2008 mit 1.177 EUR netto fest.
Das Rekursgericht bestätigte diese Entscheidung, sprach aus, dass der Wert des Entscheidungsgegenstands 10.000 EUR übersteige, und ließ den ordentlichen Revisionsrekurs nicht zu.
Rechtliche Beurteilung
Der außerordentliche Revisionsrekurs der Antragsgegner zeigt keine erhebliche Rechtsfrage auf.
1. Dass der Erwerb sämtlicher Geschäftsanteile an der Antragsgegnerin durch einen bisher Gesellschaftsfremden, der auch deren Geschäftsführer wurde, den Tatbestand nach § 12a Abs 3 MRG verwirklichte, war im Verfahren nicht strittig. Wie im Licht des Zwecks der Anzeigepflicht nach § 12a Abs 3 Satz 2 MRG der konkrete Wortlaut einer in diesem Zusammenhang abgegebenen Erklärung zu verstehen ist, ist typischerweise eine Frage des Einzelfalls, der keine darüber hinausgehende Bedeutung zukommt (5 Ob 101/07x; 5 Ob 157/17z = immolex 2018/12 [Klein]).
2. Nach gesicherter Rechtsprechung ist die Anzeige zwar an keine bestimmte Form gebunden, der Inhalt muss aber klar sein. Sie muss eine Feststellung von Änderungen der rechtlichen und wirtschaftlichen Einflussmöglichkeiten in der Gesellschaft – etwa durch Kippen der Mehrheitsverhältnisse – zuverlässig und eindeutig ermöglichen. Eine durch gesellschaftsrechtliche Vorgänge ausgelöste Anzeige muss demnach jedenfalls über das rechtliche Instrument des Machtwechsels, die in dieser Hinsicht getroffenen Maßnahmen, die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Zeitpunkt des Rechtsvorgangs Auskunft geben (8 Ob 4/11p; 5 Ob 157/17z). Abzustellen ist auf den objektiven Erklärungswert (allgemein hiezu RIS-Justiz RS0014160).
3. Eine schriftliche Anzeige der Veräußerung sämtlicher Geschäftsanteile gab es hier nicht, nur die anlässlich eines Besuchs des Zweitantragstellers im Geschäftslokal der Antragsgegnerin erteilte Auskunft, nunmehr führe Z* das Geschäft und * ziehe sich wegen der Kinder aus dem Geschäft zurück. Auf Nachfrage des Zweitantragstellers, ob sich an der Firmensituation etwas geändert hätte, wurde ihm mitgeteilt, die Firma sei unverändert aufrecht. Die Beurteilung der Vorinstanzen, aus dieser Mitteilung seien keine gesicherten Schlussfolgerungen auf eine konkrete Änderung der rechtlichen und wirtschaftlichen Einflussmöglichkeiten in der Gesellschaft ableitbar gewesen, hält sich im Rahmen der bisherigen Rechtsprechung und bedarf keiner Korrektur im Einzelfall.
4. Die im Zulassungsantrag erwähnte Äußerung des Übernehmers der Geschäftsanteile „ich bin hier nur Chef, Gesellschaft“ findet sich im vom Erstgericht festgestellten Sachverhalt nicht. Selbst wenn man deren Erwähnung in den Beweiswürdigungsüberlegungen im Sinn einer Feststellung einer Äußerung des Übernehmers der Geschäftsanteile in diese Richtung werten wollte, könnte dies keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG begründen. Zur Frage allfälliger Vermieterpflichten im Zusammenhang mit einer Anzeige gemäß § 12a Abs 3 MRG nahm der Oberste Gerichtshof bereits mehrfach Stellung. § 12a Abs 3 MRG normiert ausdrücklich eine Pflicht der vertretungsbefugten Organe der Mietergesellschaft zur Anzeige, dabei handelt es sich um ein Schutzgesetz zugunsten des Vermieters (RS0124474 [T2]; Würth/Zingher/Kovanyi, Miet- und Wohnrecht I23 § 12a MRG Rz 15). Demgemäß bleibt kein Raum für eine Erkundigungsobliegenheit oder gar Pflicht des Vermieters zur Nachfrage (vgl 5 Ob 101/07z; 5 Ob 157/17z). Davon abgesehen fragte der Zweitantragsteller ohnedies nach, ob sich an der Firmensituation etwas geändert habe. Die Antwort, die Firma sei unverändert aufrecht, war selbst unter Berücksichtigung der mangelnden Deutschkenntnisse des neuen Geschäftsführers nach der sich im Rahmen der Rechtsprechung haltenden Auffassung der Vorinstanzen jedenfalls kein Anlass für den Vermieter, weitere Erkundigungen über allfällige Änderungen in der Gesellschaftsstruktur der Antragsgegnerin einzuholen.
5. Damit war der außerordentliche Revisionsrekurs zurückzuweisen, ohne dass dieser Beschluss einer weiteren Begründung bedürfte (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00200_19A0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127033 | 5Ob200/19a | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00200_19A0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00200_19A0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,476 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragsteller 1. G*, 2. J*, 3. H*, alle *, alle vertreten durch Dr. Christian Adam, Rechtsanwalt in Salzburg, gegen den Antragsgegner I*, vertreten durch Dr. Peter Rosenthal, Rechtsanwalt in Salzburg, wegen § 8 Abs 2 und 3 MRG iVm § 37 Abs 1 Z 5 MRG, infolge des „außerordentlichen Revisionsrekures“ des Antragsgegners gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts Salzburg als Rekursgericht vom 4. September 2019, GZ 22 R 230/19f, 231/19b-23 , den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Akt wird dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Das Erstgericht gab dem Antrag der Antragsteller statt, den Antragsgegner zu verpflichten, das Betreten seines Mietgegenstands durch die Vermieter oder die von diesen beauftragten Personen zur Durchführung von Arbeiten zur Sanierung der Wasser- und Abwasserleitungen im Bereich des im Zimmer 2 befindlichen Waschbeckens sowie der in diesem Bereich befindlichen Mauer und des in diesem Bereich befindlichen Bodens zu dulden.
Nachdem das Erstgericht den innerhalb der Rekursfrist eingebrachten Antrag des Antragsgegners auf Bewilligung der Verfahrenshilfe im vollen Umfang abgewiesen hatte (Beschluss vom 31. 5. 2019, ON 15), trug es ihm mit Beschluss vom 8. 7. 2019 (ON 17) die Verbesserung seines schriftlich eingebrachten Rekurses auf.
Den vom Antragsgegner fristgerecht verbesserten Rekurs (ON 18) wies das Rekursgericht mit Entscheidung vom 4. 9. 2019, GZ 22 R 230/19f, 231/19b-23, in Bezug auf die Abweisung des Verfahrenshilfeantrags als verspätet zurück. Dem Rekurs gegen den Sachbeschluss des Erstgerichts gab es nicht Folge, sprach aus, dass der Wert des Entscheidungsgegenstands 10.000 EUR übersteige und der ordentliche Revisionsrekurs nicht zulässig sei. Die Rekursentscheidung wurde dem Antragsgegner am 16. 9. 2019 zugestellt.
Am 25. 9. 2019 (ON 25) überreichte der Antragsgegner einen von ihm selbst verfassten Schriftsatz beim Erstgericht. Er beantragte dort Verfahrenshilfe im vollen Umfang, weil er kein Anwalt sei. Er habe den Beweis vom gerichtlichen Sachverständigen gefordert, dass im (als Ersatzobjekt vorgesehenen) Zimmer 4 im 1. Stock das elektrische System in Ordnung sei, diesen Beweis habe er nicht bekommen, weshalb große Gefahr in Verzug bestehe. Den Rest möge der Anwalt schreiben. Außerdem legte er ein vollständig ausgefülltes Vermögensbekenntnis vor.
Das Erstgericht wies mit Beschluss vom 26. 9. 2019 (ON 26) den neuerlichen Antrag auf Bewilligung der Verfahrenshilfe in vollem Umfang ab und trug dem Antragsgegner gleichzeitig auf, seinen Revisionsrekurs binnen 14 Tagen durch Beibringung einer Unterschrift eines Rechtsanwalts, Notars oder Interessenvertreters zu verbessern, widrigenfalls er als unzulässig zurückgewiesen werde. Die weitere Rechtsverteidigung sei offenkundig aussichtslos. Die Entscheidung enthält den Hinweis, dass es dem Antragsgegner frei stehe, den Beschluss mit einem frei gewählten Rechtsanwalt zu bekämpfen. Dieser Beschluss wurde dem Antragsgegner am 2. 10. 2019 zugestellt.
Am 15. 10. 2019 (ON 28) brachte der nur für diese Eingabe bevollmächtigte Rechtsfreund des Antragsgegners einerseits Rekurs gegen die Abweisung des Verfahrenshilfeantrags des Antragsgegners ein und erklärte andererseits entsprechend dem Gerichtsauftrag die handschriftliche Eingabe des Antragsgegners vom 25. 9. 2019, die als Rekurs bzw Revisionsrekurs an den Obersten Gerichtshof zu interpretieren sei, durch Beibringung der anwaltlichen Fertigung zu verbessern, wobei er ausdrücklich anmerkte, dass diese Unterfertigung und Vorlage ausschließlich zur Erfüllung des gerichtlichen Auftrags erfolge.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Antragsgegners gegen die Abweisung seines Verfahrenshilfeantrags mit Beschluss vom 6. 11. 2019, GZ 23 R 306/19g-32, nicht Folge und sprach aus, dass der Revisionsrekurs jedenfalls unzulässig sei. Da der Antragsgegner den von ihm beabsichtigten außerordentlichen Revisionsrekurs gegen den Sachbeschluss nur mit – nach dem festgestellten, vom Obersten Gerichtshof nicht überprüfbaren Sachverhalt tatsächlich nicht gegebenen – sicherheitstechnischen Bedenken wegen der Gefährlichkeit der Elektroinstallationen im Ersatzobjekt begründe, erweise sich die beabsichtigte Rechtsverteidigung als offenbar aussichtslos. Eine Zustellung dieser Rekursentscheidung an die Parteien erfolgte nach der Aktenlage nicht, vielmehr verfügte der Erstrichter die Vorlage der Eingabe vom 15. 10. 2019 als außerordentlicher Revisionsrekurs direkt an den Obersten Gerichtshof.
Rechtliche Beurteilung
Die Aktenvorlage erfolgte verfrüht.
1. Gemäß § 7 Abs 1 AußStrG sind die Bestimmungen der Zivilprozessordnung über die Verfahrenshilfe sinngemäß anzuwenden. Gemäß § 7 Abs 2 AußStrG beginnt für die Partei, die innerhalb einer verfahrensrechtlichen Notfrist oder einer für eine solche eingeräumten Verbesserungsfrist die Beigebung eines Rechtsanwalts im Weg der Verfahrenshilfe beantragt, die Frist mit der Zustellung des Bescheids über die Bestellung des Rechtsanwalts und wenn ein Schriftstück fristauslösend war, mit Zustellung auch dieses an den bestellten Rechtsanwalt neu zu laufen. Wird der rechtzeitig gestellte Antrag auf Beigebung eines Rechtsanwalts abgewiesen, so beginnt die Frist mit dem Eintritt der Rechtskraft des abweisenden Beschlusses. Aufgrund der angeordneten sinngemäßen Anwendbarkeit der Bestimmungen der ZPO über die Verfahrenshilfe kann auch auf die dazu ergangene Rechtsprechung zurückgegriffen werden (1 Ob 92/09z). Diese legt § 464 Abs 3 zweiter Satz ZPO iVm § 505 Abs 2 ZPO im Streitverfahren dahin aus, dass die vierwöchige Revisionsfrist am Tag nach Eintritt der Rechtskraft des den Antrag auf Bewilligung der Verfahrenshilfe unter Beigebung eines Rechtsanwalts abweisenden Beschlusses neuerlich zu laufen beginnt; die Frist endet mit dem Tag, der seiner Bezeichnung nach dem Tag des fristauslösenden Ereignisses entspricht (RIS-Justiz RS0117835). Allerdings unterbricht nur ein inhaltlich zu erledigender Verfahrenshilfeantrag, nicht ein prozessual unzulässiger Antrag den Fristenlauf. Ein Verfahrenshilfeantrag, der nach Abweisung eines früheren derartigen Antrags gestellt wird, ist dann nicht zulässig, wenn der Antragsteller lediglich eine von der Vorentscheidung abweichende Neubeurteilung eines unveränderten Sachverhalts anstrebt (RS0041632 [T6]). Als fristauslösend wird die Zustellung des Bestellungsbeschlusses bzw des Beschlusses über die Abweisung der Verfahrenshilfe gewertet (vgl RS0041632 [T2]; RS0117835 [T7, T8]). Durch die Schutzbestimmungen des § 464 Abs 3 ZPO soll die Partei vor denjenigen Nachteilen bewahrt werden, die sich für sie im Anwaltsprozess dadurch ergeben können, dass im Berufungsverfahren die Vertretung durch Rechtsanwälte geboten ist. Diese Nachteile drohen aber der Partei nicht nur dann, wenn sie bisher noch nicht durch einen Rechtsanwalt vertreten war, sondern – selbst im Anwaltsprozess – auch dann, wenn das Vertretungsverhältnis mit ihrem bisherigen Rechtsvertreter durch Kündigung oder Widerruf vor der Urteilszustellung erloschen ist; das Gleiche muss auch dann gelten, wenn der frei gewählte Rechtsanwalt die Vollmacht erst während des Laufs der Rechtsmittelfrist gekündigt hat (RS0041652).
2. Nach dem Gesetzeswortlaut setzt die Unterbrechung der Rechtsmittelfrist daher die rechtzeitige Antragstellung auf Beigebung eines Verfahrenshelfers sowie die meritorische Erledigung des Verfahrenshilfeantrags voraus (1 Ob 92/09z). Selbst wenn die Verfahrenshilfe wegen Aussichtslosigkeit oder Mutwilligkeit der beabsichtigten Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung verweigert werden sollte, tritt die Unterbrechungswirkung ein, ohne dass diese etwa unter Hinweis auf den Missbrauch des Instituts der Verfahrenshilfe verweigert werden könnte (M. Bydlinski in Fasching/Konecny II/13 § 73 ZPO Rz 5). Demgemäß wird judiziert, dass die Unterbrechungswirkung des § 7 Abs 2 AußStrG auch dann eintritt, wenn die Partei zwar ursprünglich innerhalb der offenen Rechtsmittelfrist die Beigebung eines Verfahrenshilfeanwalts beantragt, in der Folge aber ein nicht der Anwaltspflicht unterliegendes Rechtsmittel selbst verfasst und einbringt (1 Ob 92/09z). Auch die Einbringung einer Berufung durch einen frei gewählten Vertreter beseitigt eine bereits eingetretene Unterbrechungswirkung nicht (1 Ob 92/09z unter Hinweis auf RZ 1996/13). Diesen Grundsätzen ist auch für das Außerstreitverfahren zu folgen.
3. Hier hat der Antragsgegner fristgerecht nach Zustellung der rekursgerichtlichen Sachentscheidung einen Verfahrenshilfeantrag im vollen Umfang gestellt, um diese mit außerordentlichem Revisionsrekurs zu bekämpfen. Er hat in dem von ihm selbst verfassten Schreiben zwar laienhaft dargetan, aus welchen Gründen er das Rechtsmittel erheben will, die nähere Ausführung möge aber der zu bestellende Verfahrenshelfer vornehmen. Nach dem Inhalt dieses Schreibens ist nicht daran zu zweifeln, dass der Antragsgegner damit noch nicht das Rechtsmittel an den Obersten Gerichtshof ausführen wollte (vgl 3 Ob 125/03h). Damit unterbrach dieser Antrag auf Verfahrenshilfe nach § 7 Abs 2 AußStrG die Frist für die Einbringung des außerordentlichen Revisionsrekurses. Der Umstand alleine, dass der Antragsgegner bereits zuvor einen Verfahrenshilfeantrag gestellt hatte, der abgewiesen wurde, ändert nichts an der Unterbrechungswirkung, zumal bei der Beurteilung der Aussichtslosigkeit der weiteren Rechtsverteidigung die Entscheidung des Rekursgerichts zu beurteilen war. Sowohl das Erst- als auch das Rekursgericht behandelten den zuletzt gestellten Verfahrenshilfeantrag des Antragsgegners folgerichtig inhaltlich und erachteten ihn als unberechtigt (und nicht etwa unzulässig). Die Rechtskraft des Abweisungsbeschlusses setzt aber dessen Zustellung an die Parteien voraus, die bislang nicht erfolgte und vom Erstgericht nachzuholen sein wird. Erst mit dieser Zustellung wird die unterbrochene vierwöchige Revisionsrekursfrist zu laufen beginnen.
4. Zu prüfen bleibt die Auswirkung der anwaltlichen Unterfertigung des vom Antragsgegner persönlich verfassten Verfahrenshilfeantrags zur Erhebung des außerordentlichen Revisionsrekurses durch seinen nur für diese Eingabe bevollmächtigten rechtsfreundlichen Vertreter. Dass damit bereits vor Entscheidung über die begehrte Verfahrenshilfe ein weder Form- noch Inhaltserfordernissen eines außerordentlichen Revisionsrekurses entsprechendes Rechtsmittel eingebracht werden hätte sollen, ist aus der Anbringung einer Anwaltsstampiglie auf dem vom Antragsgegner selbst verfassten Schreiben nicht abzuleiten; auch dass der Antragsgegnervertreter im Verbesserungsschriftsatz auf die Wertung dieses Schreibens als Revisionsrekurs Bezug nahm, reicht noch nicht aus, um von einer Konsumation des Rechtsmittelrechts durch diesen Verbesserungsschriftsatz ausgehen zu können, zumal er darin ausdrücklich darauf hinwies, dass die anwaltliche Fertigung nur der Erfüllung des – die Unterbrechungswirkung des Verfahrenshilfeantrags offenbar nicht bedenkenden – Verbesserungsauftrags des Erstgerichts dienen sollte.
5. Damit war der Akt an das Erstgericht zurückzustellen, das zunächst die Zustellung der Rekursentscheidung vom 6. 11. 2019, ON 32, an die Parteien zu veranlassen haben wird. Da weder das Schreiben des Antragsgegners persönlich vom 25. 9. 2019 noch das gleichlautende, mit dem Stempel seines Rechtsfreundes versehene Schreiben vom 15. 10. 2019 als außerordentlicher Revisionsrekurs angesehen werden können, wird eine (neuerliche) Vorlage an den Obersten Gerichtshof nur dann zu erfolgen haben, wenn der Antragsgegner nach Eintritt der Rechtskraft des die Verfahrenshilfe abweisenden Beschlusses einen durch einen selbstgewählten Anwalt, Notar oder Interessensvertreter verfassten außerordentlichen Revisionsrekurs einbringt. |
JJT_20191128_OGH0002_0020OB00055_19F0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127043 | 2Ob55/19f | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00055_19F0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00055_19F0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 1,521 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Veith als Vorsitzenden und den Hofrat Dr. Musger, die Hofrätin Dr. Solé und die Hofräte Dr. Nowotny und Mag. Pertmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei M* P*, vertreten durch Dr. Franz Zimmermann, Rechtsanwalt in Klagenfurt, gegen die beklagte Partei B* K*, vertreten durch Dr. Karin Kostan, Rechtsanwältin in Klagenfurt, wegen 41.499,62 EUR sA, über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Graz als Berufungsgericht vom 24. Jänner 2019, GZ 2 R 137/18m-51, womit infolge Berufung der klagenden Partei das Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 18. Juni 2018, GZ 26 Cg 34/15v-44, teilweise abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentlichen Revision wird Folge gegeben.
Die Urteile der Vorinstanzen werden in der Abweisung eines Begehrens von 39.190,90 EUR samt Zinsen und im Kostenpunkt aufgehoben, und die Rechtssache wird insofern zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Die Kosten des Revisionsverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Die Parteien sind zwei von drei Kindern der am *Â 2012 verstorbenen Erblasserin. Der Beklagte ist Alleinerbe, der reine Nachlass betrug nach dem Inventar 248.997,70Â EUR. Der Beklagte hatte in eine Nachlassliegenschaft schon vor dem Tod der Erblasserin 54.200Â EUR investiert (Renovierung, Wintergarten), insofern aber keine Ersatzforderung geltend gemacht.
Die Erblasserin hatte dem Ehemann der Klägerin Ende 1966 35.950 öS für den Ankauf einer Liegenschaft und im Jahr darauf weitere 104.000 öS für die Errichtung eines Rohbaus gegeben. Die Klägerin erlangte nie Rechte an der Liegenschaft, der Ehemann verkaufte sie 1980 um 850.000 öS zur Abdeckung von Schulden. Im Zuge der 1981 erfolgten Scheidung behielten sich die Ehegatten in einem Vergleich die Antragstellung nach den §§ 81 ff EheG vor; ein solcher Antrag wurde nicht gestellt.
Die Klägerin begehrt 41.499,62 EUR samt Zinsen als Pflichtteil nach ihrer verstorbenen Mutter. Der reine Nachlass betrage 248.997,70 EUR, die Pflichtteilsquote ein Sechstel. Sie habe von ihrer Mutter keine anrechnungspflichtigen Zuwendungen erhalten; Leistungen an ihren früheren Ehemann seien nicht ihr zuzurechnen.
Der Beklagte beantragt die Abweisung des Begehrens. Die dem Ehemann der Klägerin übergebenen Beträge seien „für die Tochter gedacht“ gewesen und daher auf den Pflichtteil anzurechnen. Weiters habe die Erblasserin der Klägerin (zumindest) 15.000 EUR geschenkt. Er selbst habe vor dem Tod der Erblasserin in eine Nachlassliegenschaft 54.169,76 EUR investiert, der reine Nachlass verringere sich um diesen Betrag.
Das Erstgericht wies das Begehren im ersten Rechtsgang ab. Es ging offenkundig davon aus, dass die Investitionen des Beklagten die Bemessungsgrundlage minderten. Die Klägerin müsse sich sowohl den ihrem damaligen Ehemann übergebenen Betrag von rund 140.000 öS als auch eine Schenkung von 15.000 EUR auf den Pflichtteil anrechnen lassen.
Das Berufungsgericht hob das Urteil auf und verwies die Rechtssache zur neuerlichen Entscheidung an das Erstgericht zurück. Der Pflichtteil sei vom reinen Nachlass zu berechnen. Es sei nicht hervorgekommen, dass der Beklagte in Bezug auf die Investitionen einen Anspruch gegen die Erblasserin geltend gemacht habe; er habe insofern auch im Verlassenschaftsverfahren keine Forderung angemeldet. Daher seien seine Investitionen „nach der derzeitigen Aktenlage […] nicht in Abzug zu bringen (vgl 8 Ob 518/83)“. Schenkungen seien nach der hier noch maßgebenden Rechtslage vor dem ErbRÄG 2015 nicht auf den Nachlasspflichtteil anzurechnen, wohl aber die als „Ausstattung“ zu qualifizierende Übergabe von Bargeld. Der Zeitpunkt dieser Übergabe sei noch festzustellen, der übergebene Betrag sei dann auf den Erbanfall aufzuwerten, dem reinen Nachlass hinzuzurechnen und vom davon errechneten Pflichtteilsanspruch abzuziehen.
Im fortgesetzten Verfahren erstattete der Beklagte kein weiteres Vorbringen zu seinen Investitionen.
Das Erstgericht wies das Begehren neuerlich ab. Es stellte die Zeitpunkte der Bargeldüberlassung an den Ehemann der Klägerin fest und wertete die Beträge aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf den 1. Juni 2015 auf. Auf dieser Grundlage kam es zum Ergebnis, dass der Klägerin kein weiterer Pflichtteilsanspruch zustehe.
Das Berufungsgericht verpflichtete den Beklagten zur Zahlung von 2.308,72 EUR samt Zinsen und bestätigte die Abweisung des Mehrbegehrens. Die ordentliche Revision ließ es mangels Vorliegens einer erheblichen Rechtsfrage nicht zu.
Nach den Gesamtumständen könne kein Zweifel bestehen, dass die Zuwendungen der Erblasserin an den Ehemann der Klägerin als Heiratsgut für die Tochter gedacht gewesen seien. Dieses sei nach § 788 ABGB aF auf den Nachlasspflichtteil anzurechnen. Dabei schade die Übergabe an den Mann nicht, da nach § 1218 ABGB aF unter Heiratsgut dasjenige Vermögen verstanden worden sei, das von der Ehegattin oder einem Dritten dem Mann zur Erleichterung des ehelichen Aufwands übergeben oder zugesichert wurde. Richtigerweise seien die übergebenen Beträge aber auf den Todestag (* 2012) aufzuwerten, was im Ergebnis zu einem verbleibenden Pflichtteilsanspruch von 2.308,72 EUR führe. Die Investitionen des Beklagten seien nicht zu berücksichtigen, da ihm der Beweis nicht gelungen sei, dass er diese Aufwendungen mit dem Willen getätigt habe, dafür Ersatz zu verlangen.
Der Beklagte ließ den Zuspruch unbekämpft.
In ihrer außerordentlichen Revision beantragt die Klägerin eine zur Gänze stattgebende Entscheidung, hilfsweise stellt sie einen Aufhebungsantrag. Ein Heiratsgut habe nach altem Recht „bestellt“ werden müssen; dem habe sie nicht zugestimmt. Weiters rügt sie angebliche Mängel des Berufungsverfahrens.
Der Beklagte beantragt in der Revisionsbeantwortung, die Revision zurückzuweisen, hilfsweise ihr nicht Folge zu geben. Es genüge die Hingabe als Heiratsgut, eine Zustimmung der Klägerin sei nicht erforderlich gewesen.
Rechtliche Beurteilung
Die außerordentliche Revision ist aus Gründen der Rechtssicherheit zulässig, weil das Berufungsgericht von der (wenngleich älteren) Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zum „Heiratsgut“ iSv § 1218 ABGB aF abgewichen ist. Sie ist im Sinn des Aufhebungsantrags berechtigt.
1. Das Berufungsgericht hat zutreffend dargelegt, dass das Begehren der Klägerin aufgrund des Todes der Erblasserin im Jahr 2012 noch nach der Rechtslage vor dem Inkrafttreten des ErbRÄG 2015 zu beurteilen ist (§ 1503 Abs 7 Z 1 und 2 ABGB). Danach war in den Nachlasspflichtteil einzurechnen, was „der Erblasser bei Lebzeiten seiner Tochter oder Enkelin zum Heiratsgut“ gegeben hatte (§ 788 ABGB aF). Die Ausführungen des Berufungsgerichts zur Vorgangsweise bei einer solchen Einrechnung (JB 114 GlU 9872; RS0107685) und die rechnerische Richtigkeit seiner Entscheidung ziehen die Parteien zutreffend nicht in Zweifel.
2. Zu prüfen ist allerdings, ob die Zahlung tatsächlich in den Pflichtteilsanspruch einzurechnen war.
2.1. § 788 ABGB aF erfasste sowohl das dem Schwiegersohn nach § 1218 ABGB idF vor dem FamRÄG 2009 gegebene Heiratsgut ieS als auch die einem Kind gegebene Ausstattung als Heiratsgut iwS (Zl 12789 GlUNF 729; 2 Ob 186/10g [„Heiratsgut ieS“]; Kralik, Erbrecht [1983] 293; Umlauft, Die Anrechnung von Schenkungen und Vorempfängen im Erb- und Pflichtteilsrecht1 [2001] 21 ff mwN); anderes galt beim Heiratsgut ieS nur dann, wenn der Heimfall des Heiratsguts bei Tod des Mannes (§ 1229 ABGB aF) vertraglich ausgeschlossen war (Umlauft, Anrechnung1 24; Kralik, Erbrecht [1983] 293).
2.2. Unter Heiratsgut ieS verstand § 1218 ABGB aF
„dasjenige Vermögen, welches von der Ehegattin, oder für sie von einem Dritten dem Manne zur Erleichterung des mit der ehelichen Gesellschaft verbundenen Aufwandes übergeben oder zugesichert wird.“
Ein solches Heiratsgut musste vertraglich bestellt werden. Grundsätzlich bestand dafür Notariatsaktpflicht (§ 1 lit a NotAktsG). Allerdings war die tatsächliche Übergabe eines Heiratsguts auch ohne Notariatsakt gültig (2 Ob 309/28 SZ 10/125; Weiß in Klang2 V 723). Dies erforderte jedoch nach der Rechtsprechung Kenntnisnahme und Zustimmung der Ehegattin und eine entsprechende Widmungsabsicht des Bestellers; alle Beteiligten mussten die Bestellung eines Heiratsguts beabsichtigen und sich „der Konsequenzen bewusst“ sein (1 Ob 305/71 SZ 44/173; 1 Ob 519/80 RZ 1981/47; 5 Ob 669/81 SZ 55/45). Die stillschweigende Bestellung eines Heiratsguts (gemeint offenkundig: bloß durch Hingabe eines Vermögenswerts) war jedenfalls ausgeschlossen (1 Ob 305/71; 1 Ob 519/80).
2.3. An dieser Rechtsprechung ist festzuhalten: Wurde das Heiratsgut iwS (also die Ausstattung iSv § 1220 ABGB) dem Kind selbst gegeben, war der Empfänger darüber allein verfügungsberechtigt; die Verwendung, allenfalls auch der Verlust, war (und ist: § 781 Abs 1 Z 1 ABGB idgF) daher allein sein Risiko. Bei als Heiratsgut ieS gegebenem Geld erlangte hingegen der Schwiegersohn Eigentum (§ 1227 S 2 ABGB aF); die Tochter hatte daher keinen (rechtlichen) Einfluss auf die Verwendung. Damit bedurfte sie im Hinblick auf die dennoch vorzunehmende Einrechnung in den Pflichtteil (§ 788 ABGB aF) eines besonderen Schutzes, der im Regelfall durch die Errichtung eines Notariatsakts (§ 1 lit a NotAktsG) und die damit verbundene Rechtsbelehrung (§ 52 NO) gewährleistet war. Ohne solchen Notariatsakt kann die Hingabe von Geld an den Ehemann zur Gewährleistung eines gleichwertigen Schutzes nur dann als Bestellung eines Heiratsguts ieS qualifiziert werden, wenn im Sinn der dargestellten Rechtsprechung feststeht, dass tatsächlich alle Beteiligten die Bestellung eines Heiratsguts beabsichtigten und dass ihnen auch die Rechtsfolgen, insbesondere in Bezug auf den Pflichtteil, bewusst waren.
3. Diese den Parteien offenkundig nicht bekannte Rechtslage wurde bisher nicht erörtert, weswegen dazu Vorbringen und Feststellungen fehlen. Da der Oberste Gerichtshof die Parteien nicht mit einer Rechtsansicht überraschen darf, die sie bisher nicht (ausreichend) beachtet haben (RS0037300 [T9]), führt dies zur Aufhebung in die erste Instanz. Dem Beklagten ist Gelegenheit zu einem entsprechenden Vorbringen zu geben; gegebenenfalls ist darüber ein Beweisverfahren zu führen. Sollte sich erweisen, dass alle Beteiligten im Bewusstsein der Rechtsfolgen die Bestellung eines Heiratsguts ieS gewollt hatten, wäre das noch offene Begehren neuerlich abzuweisen; sonst (also auch im Fall einer Negativfeststellung) wäre der Pflichtteil ohne Berücksichtigung der Zahlungen an den Ehemann der Klägerin zu bemessen. Auf die in der Verfahrensrüge der Revision angesprochenen Fragen in Bezug auf eine Anrechnungsanordnung der Erblasserin und auf das Schicksal des Erlöses des Hausverkaufs kommt es dabei nicht an, weil Grundlage einer Einrechnung nur die Qualifikation der seinerzeitigen Zahlung als Heiratsgut ieS sein könnte. Ein schlüssiges Vorbringen zu weiteren Passiva des Nachlasses hat der insofern behauptungspflichtige (5 Ob 647/81 SZ 54/107) Beklagte trotz des schon im ersten Rechtsgang erfolgten Hinweises durch das Berufungsgericht nicht erstattet; der bloße Umstand, dass er vor dem Tod der Erblasserin Investitionen auf eine ihr gehörende Liegenschaft getätigt hat, kann für sich allein noch keinen Anspruch begründen. Dieser Einwand ist abschließend erledigt.
4. Die Kostenentscheidung gründet sich auf § 52 ZPO. |
JJT_20191128_OGH0002_0020OB00183_19D0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127044 | 2Ob183/19d | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00183_19D0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00183_19D0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 1,234 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Veith als Vorsitzenden, den Hofrat Dr. Musger, die Hofrätin Dr. Solé sowie die Hofräte Dr. Nowotny und Mag. Pertmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei H* I*, vertreten durch Mag. Peter A. Miklautz, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei W*, vertreten durch Dr. Ralph Mayer, Rechtsanwalt in Wien, wegen 11.000 EUR sA und Feststellung (Streitwert 4.000 EUR; Revisionsinteresse Nebengebühren), über die Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 28. Juni 2019, GZ 36 R 319/18f-50, womit infolge Berufung der beklagten Partei das Urteil des Bezirksgerichts Innere Stadt Wien vom 26. September 2018, GZ 24 C 338/16k-46, in der Hauptsache bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Revision wird Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil wird dahingehend abgeändert, dass es einschließlich der rechtskräftigen Teile zu lauten hat:
„1.) Die Klagsforderung besteht mit 8.250 EUR zu Recht.
2.)Â Die Gegenforderung besteht mit 2.922,19Â EUR zu Recht.
3.) Die beklagte Partei ist daher schuldig, der klagenden Partei 5.327,81 EUR samt 4 % Zinsen aus 3.617,81 EUR vom 16. 6. 2016 bis 6. 3. 2018 und aus 5.327,81 EUR ab 7. 3. 2018 binnen 14 Tagen zu bezahlen.
4.) Das Mehrbegehren, die beklagte Partei sei schuldig, der klagenden Partei weitere 5.672,19 EUR samt 4 % Zinsen aus 8.720 EUR vom 24. 5. 2016 bis 15. 6. 2016, aus 5.102,19 EUR vom 16. 6. 2016 bis 6. 3. 2018 sowie aus 5.672,19 EUR ab 7. 3. 2018 zu bezahlen, wird abgewiesen.
5.) Zwischen den Streitteilen wird festgestellt, dass die beklagte Partei bis zur Haftungshöchstsumme nach EKHG der klagenden Partei für sämtliche Spät- und Dauerfolgen aus dem gegenständlichen Unfallgeschehen vom 18. 2. 2016 in einem Ausmaß von 50 % haftet.
6.) Das Mehrbegehren, es möge zwischen den Streitteilen festgestellt werden, dass die beklagte Partei der klagenden Partei bis zur Haftungshöchstsumme nach EKHG für sämtliche Spät- und Dauerfolgen aus dem gegenständlichen Unfallgeschehen vom 18. 2. 2016 in einem weiteren Ausmaß von 16,66 % hafte, wird abgewiesen.
7.)Â Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit 1.036Â EUR (Barauslagen) bestimmten Kosten des Verfahrens erster Instanz binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
8.) Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit 1.194,72 EUR (darin enthalten 199,12 EUR USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.“
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 400,46 EUR (darin enthalten 31,08 EUR USt und 214 EUR Pauschalgebühr) bestimmten Kosten des Revisionsverfahrens binnen 14 Tagen zu ersetzen.
Text
Entscheidungsgründe:
Am 18. 2. 2016 ereignete sich in Wien ein Verkehrsunfall, bei dem die Klägerin als Fußgängerin beim Überqueren der Fahrbahn durch einen Straßenbahnzug der Beklagten verletzt wurde.
Mit Schreiben vom 19. 5. 2016 forderte die Klägerin die Beklagte zum Eintritt in die Regulierung des Schadensfalls dem Grunde nach auf Basis einer Verschuldensteilung von 3 : 1 zu ihren Gunsten auf. Zahlenmäßig bestimmte Forderungen wurden darin nicht gestellt (vgl das in seinem Inhalt unstrittige Anspruchsschreiben Beilage ./A). Der Betriebshaftpflichtversicherer der Beklagten teilte dem Klagevertreter mit Schreiben vom 24. 5. 2016 mit, die Ansprüche der Klägerin würden zur Gänze zurückgewiesen.
Im Revisionsverfahren ist die von den Vorinstanzen vorgenommene Verschuldensteilung von 1Â :Â 1 zwischen den Parteien nicht mehr strittig.
Die Klägerin begehrte mit der der Beklagten am 15. 6. 2016 zugestellten Klage unter Einräumung eines Mitverschuldens von einem Drittel Zahlung von 8.720 EUR (darunter 8.000 EUR Schmerzengeld) samt 4 % Zinsen seit 24. 5. 2016 und stellte ein – in dritter Instanz nicht mehr relevantes – Feststellungsbegehren. Den Beginn des Zinsenlaufs begründete sie damit, die Beklagte habe die Regulierung jeglichen Schadenersatzanspruchs nach außergerichtlicher Aufforderung mit dem Schreiben vom 24. 5. 2016 endgültig abgelehnt.
Nach dem Vorliegen des medizinischen Sachverständigengutachtens dehnte die Klägerin in der mündlichen Streitverhandlung vom 6. 3. 2018 das Leistungsbegehren hinsichtlich des begehrten Schmerzengeldes um 2.280 EUR aus.
Die Beklagte bestritt den ursprünglich geltend gemachten Beginn des Zinsenlaufs mangels „ziffernmäßiger Fälligstellung“ im Anspruchsschreiben der Klägerin. Das ausgedehnte Klagebegehren bestritt sie dem Grunde und der Höhe nach.
Das Erstgericht entschied über das Leistungsbegehren ziffernmäßig wie aus dem Spruch dieses Urteils ersichtlich, ließ jedoch für den zugesprochenen Betrag von 5.327,81 EUR den Zinsenlauf mit 24. 5. 2016 beginnen. Die Klägerin habe Anspruch auf Verzugszinsen ab der Ablehnung der Haftung durch das Schreiben vom selben Tag.
Das Berufungsgericht gab der Berufung der Beklagten in der Hauptsache nicht Folge. Es sprach aus, dass der Wert des Entscheidungsgegenstands 5.000 EUR, nicht jedoch 30.000 EUR übersteige, und die ordentliche Revision nicht zulässig sei.
Zum angefochtenen Zinsenzuspruch führte das Berufungsgericht aus, nach den Feststellungen habe der Haftpflichtversicherer der Beklagten die Ansprüche der Klägerin mit Schreiben vom 24. 5. 2016 zur Gänze zurückgewiesen. Aufgrund dieser gänzlichen Ablehnung dem Grunde nach sei eine ziffernmäßige Fälligstellung nicht mehr notwendig gewesen, weshalb die Fälligkeit mit der Ablehnung eingetreten sei. Verzugszinsen aus der am 6. 3. 2018 erfolgten Klagsausdehnung stünden an sich erst ab 7. 3. 2018 zu. Es seien jedoch nur 5.327,81 EUR (sA) zugesprochen worden. Dieser Betrag finde zur Gänze im ursprünglichen Leistungsbegehren von 8.720 EUR Deckung. Der Zinsenzuspruch sei daher (auch insoweit) zu Recht erfolgt.
Das Berufungsgericht ließ gemäß § 508 Abs 3 ZPO die ordentliche Revision nachträglich mit der Begründung zu, dass keine höchstgerichtliche Rechtsprechung zur Anwendung der in Zusammenhang mit § 12 Abs 2 VersVG entwickelten Judikatur, wonach die Fälligkeit des Geldleistungsanspruchs des Versicherten jedenfalls eintritt, sobald der Versicherer die Leistung ablehnt (RS0114507), auf Fälle wie den gegenständlichen vorliege, wenn der Geschädigte gegenüber dem Schädiger eine Deckungszusage dem Grunde nach verlange, eine solche von dessen Haftpflichtversicherer jedoch abgelehnt werde.
Gegen das Urteil des Berufungsgerichts richtet sich nur hinsichtlich des Zinsenlaufs die Revision der Beklagten mit dem Antrag, das angefochtene Urteil dahingehend abzuändern, dass der Klägerin lediglich 5.327,81 EUR samt 4 % Zinsen aus 3.617,81 EUR ab 16. 6. 2016 und 4 % Zinsen aus 1.710 EUR ab 7. 3. 2018 zugesprochen werden.
Die Klägerin hat keine Revisionsbeantwortung erstattet.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist zulässig, weil das Berufungsgericht von oberstgerichtlicher Rechtsprechung abgewichen ist; sie ist auch berechtigt.
Die Revisionswerberin macht im Wesentlichen geltend, die Fälligkeit einer Schadenersatzforderung trete erst ein, wenn der Schaden feststellbar und zumindest vom Beschädigten zahlenmäßig bestimmt worden sei. Mangels früherer Bezifferung gebührten Zinsen daher erst ab der Zustellung der Klage. Da der Zuspruch auch Positionen enthalte, die erst mit der Klagsausdehnung geltend gemacht worden seien (einen Teil des Schmerzengeldes), liefen insoweit die Zinsen erst ab der Klagsausdehnung.
Hierzu wurde erwogen:
1. Zum Beginn des Zinsenlaufs für das ursprüngliche Klagebegehren:
1.1. Ein Ersatzanspruch wird erst mit der zahlenmäßig bestimmten Geltendmachung durch Mahnung, Klage oder Klagserweiterung fällig, sodass Verzugszinsen auch erst ab diesem Zeitpunkt mit Erfolg gefordert werden können (RS0023392 [T6, T8]; Danzl in KBB5 § 1334 Rz 1).
Dass die Klägerin ihre Schadenersatzansprüche aus dem Unfall schon vor der Klage gegenüber der Beklagten zahlenmäßig bestimmt geltend gemacht hätte, hat sie nicht behauptet. Wie schon ausgeführt, hat sie im Anspruchsschreiben ihre Forderungen nicht beziffert.
Nach der zitierten ständigen Rechtsprechung begann daher der Zinsenlauf für die ursprünglich geltend gemachten Ansprüche erst an dem auf die Zustellung der Klage an die Beklagte folgenden Tag.
1.2. Der Verweis des Berufungsgerichts auf § 12 Abs 2 VersVG und die dazu ergangene Rechtsprechung (RS0114507) ist nicht einschlägig: § 12 VersVG hat nach seinem eindeutigen Wortlaut Ansprüche aus dem Versicherungsvertrag zum Gegenstand (vgl § 12 Abs 1 VersVG). Solche sind hier aber nicht zu beurteilen, weil die Klägerin die Beklagte als deliktisch haftende Betriebsunternehmerin des Straßenbahnzugs in Anspruch nimmt.
2. Zum Beginn des Zinsenlaufs für das ausgedehnte Schmerzengeldbegehren:
Auch dafür gilt die bereits unter Punkt 1.1. dargestellte Rechtsprechung: Der im Zuspruch anteilig enthaltene Ausdehnungsbetrag (der auf ein höheres als das eingeklagte Schmerzengeld rechtfertigende Schmerzperioden im medizinischen Gutachten und nicht etwa auf der Annahme eines geringeren Mitverschuldens der Klägerin beruht) wurde erst in der mündlichen Streitverhandlung vom 6. 3. 2018 beziffert geltend gemacht, weshalb insoweit erst dadurch der Zinsenlauf ausgelöst werden konnte.
3. Zusammengefasst erweist sich die Revision in beiden Punkten als berechtigt, weshalb die angefochtene Entscheidung spruchgemäß abzuändern ist. Abweichend von den Vorinstanzen ist jedoch im ersten Spruchpunkt der Bestand der Klageforderung ohne Zinsenlauf auszusprechen (vgl Danzl, Geo.8 § 545 [Stand 31. 1. 2019, rdb.at] Anm 12 vorletzter Absatz).
4. Die Kostenentscheidung gründet auf den §§ 41, 50 ZPO. |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00135_19T0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127048 | 5Ob135/19t | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00135_19T0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00135_19T0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,894 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann, die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragstellerin L*, vertreten durch die Nitsch Pajor Zöllner Rechtsanwälte OG, Mödling, gegen die Antragsgegnerin Dr. E*, vertreten durch die DDr. Fürst Rechtsanwalts-GmbH, Mödling, wegen § 37 Abs 1 Z 8 iVm § 16 MRG, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragstellerin gegen den Beschluss des Landesgerichts Wiener Neustadt als Rekursgericht vom 28. Juni 2019, GZ 19 R 23/19x-25, mit dem der Sachbeschluss des Bezirksgerichts Mödling vom 26. Februar 2019, GZ 18 MSch 33/18p-19, aufgehoben und das vorangegangene Verfahren für nichtig erklärt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Dem außerordentlichen Revisionsrekurs wird teilweise Folge gegeben.
Die Rekursentscheidung wird dahin abgeändert, dass es lautet:
„Im Umfang der Feststellung, dass die Zinsvereinbarung aus dem Mietvertrag und der Mietzinsanhebung vom 5. 10. 2015 zwischen den Streitteilen (teilweise) unwirksam ist, wird der Sachbeschluss des Erstgerichts ersatzlos aufgehoben und das darauf entfallende Verfahren für nichtig erklärt.“
Im Übrigen, also für den den Zeitraum ab August 2017 betreffenden Teil des Antrags wird die Rekursentscheidung aufgehoben und dem Rekursgericht die neuerliche Entscheidung über den Rekurs der Antragsgegnerin unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund aufgetragen.
Die Kosten des Revisionsrekursverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
II. Die Revisionsrekursbeantwortung der Antragsgegnerin wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Antragsgegnerin ist Eigentümerin eines Geschäftslokals, das sie beginnend mit 1. 10. 2010 auf unbestimmte Zeit an eine GmbH vermietet hatte. Mit Schreiben vom 30. 4. 2015 zeigte ihr die Antragstellerin an, dass sie infolge Unternehmensübergangs in das bestehende Mietverhältnis eingetreten sei, und zahlte in weiterer Folge die bis dahin vorgeschriebenen Mietzinse. Mit Schreiben vom 5. 10. 2015 hob die Antragsgegnerin den Mietzins von bislang 1.669,46 EUR monatlich auf 3.112,76 EUR monatlich (inklusive Betriebskosten und Umsatzsteuer) an. Die Antragstellerin leistete den aus der Anhebung resultierenden Rückstand und ab November 2015 den geforderten Mietzins jeweils mit dem Beisatz „vorbehaltlich der Rückforderung“.
Die Antragstellerin leitete zu 18 MSch 11/15y des Erstgerichts ein Verfahren zur Überprüfung des Mietzinses ein. In diesem Verfahren bestimmte das Rekursgericht mit Sachbeschluss vom 12. 12. 2017 die Höhe des gesetzlich zulässigen Hauptmietzinses für das Geschäftslokal für den Zeitraum März 2015 bis inklusive Juli 2017 mit 1.688,52 EUR brutto, stellte die Überschreitung des gesetzlich zulässigen Zinsausmaßes durch die Vorschreibungen für den genannten Zeitraum fest, verpflichtete die Antragsgegnerin zur Rückzahlung der Überschreitungsbeträge und sprach aus, dass die Zinsvereinbarung aus dem Mietvertrag und der Mietzinsanhebung vom 5. 10. 2015 zwischen den Streitteilen im darüber hinausgehenden Teil unwirksam ist.
Den gegen diese Entscheidung von der Antragsgegnerin erhobenen außerordentlichen Revisionsrekurs wies der Oberste Gerichtshof am 28. 7. 2018 zu 5 Ob 37/18d zurück.
Mit ihrem Antrag vom 19. 11. 2018 begehrte die Antragstellerin die Feststellung des zulässigen Hauptmietzinses für das gegenständliche Geschäftslokal ab August 2017, bzw in welchem Ausmaß der geltend gemachte Mietzins das gesetzlich zulässige Zinsausmaß ab August 2017 überschreitet und somit (teil-)unwirksam ist (a), weiters festzustellen, in welchem Ausmaß die Antragsgegnerin durch die Vorschreibung das gesetzlich zulässige Zinsausmaß ab August 2017 überschritten hat (b) und die Antragsgegnerin zur Rückzahlung der Überschreitungsbeträge samt Umsatzsteuer und Zinsen zu verpflichten (c).
Dazu brachte sie vor, die Antragsgegnerin negiere die Bindungswirkung der rechtskräftigen Vorentscheidung und versende nach wie vor unrichtige Mietzinsvorschreibungen. Da im Verfahren zu 18 MSch 11/15y des Erstgerichts lediglich die Höhe des gesetzlich zulässigen Hauptmietzinses für den Zeitraum März 2015 bis Juli 2017 festgestellt worden sei, werde nunmehr eine entsprechende Feststellung auch für den Zeitraum ab August 2017 begehrt. Um keinen Kündigungsgrund zu verwirklichen, habe sie die Mietzinse in der vorgeschriebenen Höhe unter Vorbehalt der Rückforderung an die Antragsgegnerin bezahlt.
Die Antragsgegnerin wendete zunächst ein, sie habe die von der Antragstellerin überwiesenen Beträge lediglich als Benützungsentgelt angenommen, und erhob mit Schriftsatz vom 13. 2. 2019 die Einrede der rechtskräftig entschiedenen Sache. Aufgrund des zu 18 MSch 11/15y des Erstgerichts rechtskräftig entschiedenen Verfahrens sei das gesamte Verfahren entbehrlich; den Feststellungsbegehren zu Punkt a und b des Antrags fehle das rechtliche Interesse, sodass der außerstreitige Rechtsweg für das Zahlungsbegehren (Punkt c) nicht zur Verfügung stehe.
Das Erstgericht stellte mit Sachbeschluss fest, dass der gesetzlich zulässige Hauptmietzins für das Geschäftslokal ab August 2017 monatlich 1.688,52 EUR brutto betrage und die Zinsvereinbarung aus dem Mietvertrag und der Mietzinsanhebung vom 5. 10. 2015 zwischen den Streitteilen im darüber hinausgehenden Umfang unwirksam sei, stellte die Überschreitung des gesetzlich zulässigen Zinsausmaßes für die Zeit von 1. 8. 2017 bis 1. 2. 2019 fest und verpflichtete die Antragsgegnerin zur Rückzahlung der Überschreitungsbeträge. Es verneinte den Einwand der rechtskräftig entschiedenen Sache, weil der gesetzlich zulässige Hauptmietzins ab August 2017 nicht Gegenstand des Vorverfahrens gewesen sei.
Das Rekursgericht hob den Sachbeschluss des Erstgerichts auf, erklärte das vorangegangene Verfahren für nichtig und wies die Anträge zurück. Ein Begehren auf Feststellung der Unwirksamkeit der Mietzinsvereinbarung weise in die Zukunft, sodass die materielle Rechtskraft des Spruchs eine Bindungswirkung für den Prozess zwischen denselben Parteien über die Höhe des als zulässig erkannten angemessenen Mietzinses auch für die Zukunft entfalte. Die Höhe des gesetzlich zulässigen Hauptmietzinses für das Geschäftslokal für den Zeitraum März 2015 bis Juli 2017 und die Unwirksamkeit der Zinsvereinbarung aus dem Mietvertrag und der Mietzinsanhebung im darüber hinausgehenden Teil sei bereits im Vorverfahren rechtskräftig – mit Wirkung auch für die Zukunft – festgestellt worden, sodass den Feststellungsbegehren des gegenständlichen Verfahrens das Hindernis der rechtskräftig entschiedenen Sache entgegenstehe. Rückforderungsansprüche seien daher im streitigen Verfahren geltend zu machen, sodass für das Zahlungsbegehren die Unzulässigkeit des Rechtswegs im engeren Sinn gegeben sei.
Rechtliche Beurteilung
I. Der von der Antragstellerin gegen diesen Beschluss erhobene außerordentliche Revisionsrekurs ist zur Klarstellung zulässig; er ist teilweise auch berechtigt.
1. Zum Einwand der rechtskräftig entschiedenen Sache:
1.1 Im Verfahren außer Streitsachen ergangene Entscheidungen sind der materiellen Rechtskraft teilhaftig und entfalten daher die aus dieser folgende Einmaligkeits- und Bindungswirkung (RIS-Justiz RS0007171 [T13]). Die materielle Rechtskraft einer Entscheidung ist auch im Verfahren außer Streitsachen in jeder Lage des Verfahrens von Amts wegen zu beachten. Liegt bereits eine rechtskräftige Entscheidung vor, so kann über dieselbe Sache zwischen denselben Parteien nicht mehr entschieden werden (RS0007477 [T3]; für das wohnrechtliche Außerstreitverfahren vgl 5 Ob 47/17y).
1.2 Die materielle Rechtskraft äußert sich als zur Zurückweisung des später gestellten Antrags führende Einmaligkeitswirkung nur dann, wenn und insoweit die Begehren deckungsgleich (ident) sind (RS0007201 [T2]; auch RS0041115 [T6]). Der Verfahrensgegenstand (der Rechtsgrund) wird durch den Entscheidungsantrag (Sachantrag) und die zu seiner Begründung erforderlichen, vorgebrachten Tatsachen (Sachverhalt) bestimmt (RS0039255; RS0039347).
1.3 § 37 Abs 1 Z 8 MRG verweist Angelegenheiten betreffend die Angemessenheit des vereinbarten oder begehrten Hauptmietzinses in das Verfahren außer Streit, ohne die Möglichkeiten einzelner Feststellungsansprüche beispielhaft oder taxativ aufzuzählen. Der Wortlaut dieser Bestimmung gestattet daher eine Vielzahl an Antragsmöglichkeiten (vgl Klicka in Hausmann/Vonkilch, Österreichisches Wohnrecht³ § 37 MRG Rz 35; Kulhanek in GeKo Wohnrecht I § 37 MRG Rz 58). Der Begriff „Angemessenheit“ ist dabei nach der Rechtsprechung als „Zulässigkeit“ des vereinbarten Hauptmietzinses zu verstehen. Der Antragsteller hat die Möglichkeit, die Feststellung der zulässigen Höhe des Hauptmietzinses pro futuro oder aber zu bestimmten Zinsterminen zu begehren; er kann sich aber auch mit der bloßen Feststellung begnügen, dass der Hauptmietzins nach § 16 Abs 1 MRG (Angemessenheit) oder nach § 16 Abs 2 MRG (Kategorie) zu bilden ist (RS0102514). Jedenfalls muss die Unwirksamkeit der Mietzinsvereinbarung geltend gemacht werden, um die Hemmungswirkung des § 27 Abs 3 MRG zu erreichen (RS0115309). Folge der in Rechtskraft erwachsenen Feststellung der Teilunwirksamkeit einer Mietzinsvereinbarung ist auch die Bindungswirkung für künftige Mietzinsüberprüfungsverfahren (RS0115309 [T2]).
1.4 Im Vorverfahren 18 MSch 11/15y des Erstgerichts wurde rechtskräftig ausgesprochen, dass die Zinsvereinbarung aus dem ursprünglichen Mietvertrag und der Mietzinsanhebung vom 5. 10. 2015 zwischen den Streitteilen in dem über den festgestellten zulässigen Mietzins hinausgehenden Teil unwirksam ist und die Überschreitung des gesetzlichen Zinsausmaßes für den Zeitraum März 2015 bis einschließlich Juli 2017 betragsmäßig festgestellt. Mit dem vorliegenden Antrag begehrte die Antragstellerin unter anderem die Feststellung, in welchem Ausmaß der von der Antragsgegnerin vorgeschriebene Mietzins das gesetzlich zulässige Zinsausmaß ab August 2017 (pro futuro) überschreitet und insoweit unzulässig ist. Nach der Rechtsprechung des Fachsenats umfasst ein Begehren auf Feststellung der Überschreitung des zulässigen Mietzinses durch Vorschreibung (Vereinbarung) eines bestimmten Hauptmietzinses, wenn dieses Begehren nicht auf bestimmte Monate eingeschränkt wurde, auch das Begehren auf Feststellung der gesetzlichen (Un-)Zulässigkeit des vereinbarten oder begehrten Hauptmietzinses (5 Ob 148/18b mwN). Nur soweit der verfahrenseinleitende Antrag, festzustellen, dass durch die monatliche Vorschreibung eines bestimmten Hauptmietzinses ab August 2017 das gesetzlich zulässige Zinsausmaß überschritten wurde und diese (die Vorschreibungen) daher (teil-)unwirksam sein sollen, auch das Begehren auf Feststellung der gesetzlichen (Un-)Zulässigkeit des vereinbarten oder begehrten Hauptmietzinses mitumfasst, ist dem Rekursgericht zuzustimmen, dass die vom Erstgericht (ausdrücklich) vorgenommene neuerliche Beschlussfassung über die Teilunwirksamkeit der Mietzinsvereinbarung aufgrund der Einmaligkeitswirkung der Entscheidung im Vorverfahren nicht in Betracht kommt und einen Verstoß gegen die materielle Rechtskraft begründet. In diesem Umfang ist die Entscheidung des Erstgerichts und das darauf entfallende Verfahren nichtig, sodass die Entscheidung des Rekursgerichts insoweit zu bestätigen ist. Eine Zurückweisung des verfahrenseinleitenden Schriftsatzes kommt hingegen mangels ausdrücklicher Antragstellung nicht in Betracht.
1.5 Die Rechtskraft der Feststellung der Teilunwirksamkeit der Mietzinsvereinbarung entfaltet zwar Bindungswirkung auch für das vorliegende Mietzinsüberprüfungsverfahren und bewirkt, dass diesem der Einwand der Präklusion nicht entgegengesetzt werden kann, hindert aber nicht die Überprüfung des zulässigen Mietzinses ab August 2017 (pro futuro), weil unterschiedliche Zinsperioden zu beurteilen sind, sodass keine Identität der Verfahrensgegenstände vorliegt. Damit kann entgegen der Ansicht des Rekursgerichts auch der in den Spruch der erstinstanzlichen Entscheidung aufgenommenen Feststellung der nach einzelnen Monaten aufgegliederten Überschreitungsbeträge die Rechtskraft der Entscheidung im Vorverfahren nicht entgegengehalten werden. Da dem Begehren der Antragstellerin in diesem Umfang die Einmaligkeitswirkung des Beschlusses zu 18 MSch 11/15y nicht entgegensteht, beruht der zweitinstanzliche Beschluss, soweit das Rekursgericht den Sachbeschluss des Erstgerichts und das diesem vorausgegangene Verfahren auch insoweit für nichtig erklärt und den darauf abzielenden Antrag zurückgewiesen hat, auf einer unzutreffenden Rechtsansicht und ist daher zu beheben.
2.1 Auch im Verfahren außer Streitsachen ist ein Feststellungsbegehren grundsätzlich nur zulässig, wenn das – auch noch im Rechtsmittelverfahren (RS0039123) – von Amts wegen zu prüfende Feststellungsinteresse als Voraussetzung für die Begründetheit des Feststellungsanspruchs vorliegt (RS0039123 [T17]). Zwischen der Möglichkeit, in Verbindung mit einem in das Außerstreitverfahren verwiesenen Feststellungsantrag einen Rückforderungstitel nach § 37 Abs 4 MRG zu erhalten, und der Geltendmachung des Anspruchs mit einer selbständigen Klage, besteht aber echte Konkurrenz (5 Ob 143/16i; Würth/Zingher/Kovanyi, Miet- und Wohnrecht²³ § 37 MRG Rz 8; Klicka aaO § 37 MRG Rz 16).
2.2 Im vorliegenden Fall wurde in einem außerstreitigen Wohnrechtsverfahren zwar bereits rechtskräftig festgestellt, dass der gesetzlich zulässige Hauptmietzins für den Zeitraum März 2015 bis inklusive Juli 2017 1.688,52 EUR brutto beträgt, und mit Bindungswirkung für nachfolgende Verfahren ausgesprochen, dass die Zinsvereinbarung aus dem Mietvertrag und der Mietzinsanhebung vom 5. 10. 2015 zwischen den Streitteilen im darüber hinausgehenden Teil unwirksam ist. Das rechtliche Interesse an einer Feststellung in einem außerstreitigen Wohnrechtsverfahren geht aber im Allgemeinen nicht schon mit der Möglichkeit zur Erhebung einer Leistungsklage verloren, weil es grundsätzlich im Belieben des Rückfordernden steht, zunächst einen (Feststellungs-)Antrag im Außerstreitverfahren zu stellen oder diese Voraussetzung als Vorfrage der Beurteilung im Rückforderungsprozess zu überlassen (RS0131113 = 5 Ob 143/16i; Würth/Zingher/Kovanyi aaO § 37 MRG Rz 8). Da der Antragstellerin das rechtliche Interesse an der von ihr begehrten Feststellung nicht abgesprochen werden kann, ist auch die Schaffung eines Rückforderungstitels nach § 37 Abs 4 MRG (dazu allgemein RS0105701; RS0070659 ua) zu prüfen.
3. Ausgehend von seiner, durch den Obersten Gerichtshof nicht geteilten Rechtsansicht hat sich das Rekursgericht mit der Mängel- und Tatsachenrüge im Rekurs der Antragsgegnerin inhaltlich nicht auseinandergesetzt, sodass eine Mangelhaftigkeit des Rechtsmittelverfahrens (§ 66 Abs 1 Z 2 AußStrG) vorliegt. Dem Rekursgericht ist daher die neuerliche Entscheidung über dieses Rechtsmittel aufzutragen.
4. Der Kostenvorbehalt beruht auf § 37 Abs 3 Z 17 MRG. Erst mit der endgültigen Sachentscheidung sind die gebotenen Billigkeitserwägungen möglich (vgl 5 Ob 129/19k mwN).
II. Der Beschluss, mit dem das bisherige Verfahren für nichtig erklärt und der Antrag wegen Unzulässigkeit des außerstreitigen Verfahrens zurückgewiesen wird, ist kein Sachbeschluss. Ein solcher Beschluss des Rekursgerichts fällt daher nicht unter § 37 Abs 3 Z 16 MRG, sodass die Frist für die Revisionsrekursbeantwortung nicht vier Wochen, sondern (gemäß § 68 Abs 1 AußStrG) 14 Tage (RS0070434 [T2]) beträgt. Die Mitteilung nach § 68 Abs 2 Z 3 AußStrG wurde dem Vertreter der Antragsgegnerin am 30. 9. 2019 zugestellt. Die von ihm am 28. 10. 2019 eingebrachte Revisionsrekursbeantwortung ist damit verspätet. |
JJT_20191127_OGH0002_0070OB00152_19G0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127056 | 7Ob152/19g | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0070OB00152_19G0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0070OB00152_19G0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,129 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der zu AZ 39 Cg 1/18y des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz anhängigen Rechtssache der klagenden Partei Z*, vertreten durch Hasberger Seitz & Partner Rechtsanwälte GmbH in Wien, gegen die beklagten Parteien 1. P* KG, 2. * T* KG, *, vertreten durch Mag. Thomas Klein, Rechtsanwalt in Graz, 3. DI Dr. H* L*, vertreten durch Dr. Johannes Eltz, Rechtsanwalt in Wien, 4. L* AG, *, vertreten durch Dr. Michael Drexel, Rechtsanwalt in Graz, 5. V* S*, vertreten durch Mag. Thomas Klein, Rechtsanwalt in Graz, wegen 3.041.628,85 EUR sA, hier wegen Ablehnung, über den Rekurs der drittbeklagten Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Graz vom 8. August 2019, GZ 2 Nc 11/19t-1, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
I. Das Verfahren 7 Ob 152/19g wird fortgesetzt.
II. Dem Rekurs wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Mit der dem Anlassverfahren zugrunde liegenden Klage begehrt die Klägerin von den Beklagten zu ungeteilter Hand die Zahlung von 3 Mio EUR, und von den Erst- bis Drittbeklagten sowie der Fünftbeklagten die Zahlung weiterer 41.628,85 EUR, jeweils samt Anhang. Sie habe als Haftpflichtversicherin des – einen Liegenschaftskaufvertrag abwickelnden – Treuhänders den Käuferinnen den geltend gemachten Betrag ersetzt. Sämtliche gegenüber den Beklagten bestehenden Ansprüche und Forderungen ihres Versicherungsnehmers – aus jedem erdenklichen Rechtsgrund, insbesondere nach §§ 1431 ff ABGB und § 1041 ABGB – seien auf sie gemäß § 67 VersVG übergegangen.
Die Beklagten beantragten jeweils die Klagsabweisung.
Gegen das die Klage abweisende Urteil des Erstgerichts vom 6. 2. 2019 erhob die Klägerin Berufung. Die Beklagten erstatteten Berufungsbeantwortungen.
Mit Schriftsatz vom 4. 6. 2019 lehnte der Drittbeklagte die Mitglieder des Rechtsmittelsenats des Oberlandesgerichts Graz (*) Senatspräsident Dr. *, und die Richterinnen Mag. * und Mag. * als befangen ab.
Mit Beschluss vom 8. 7. 2019 wies der Ablehnungssenat des Oberlandesgerichts Graz (*) diesen Ablehnungsantrag ab.
Dagegen erhob der Drittbeklagte am 24. 7. 2019 Rekurs und lehnte die an der Ablehnungsentscheidung beteiligten Richter des Oberlandesgerichts Graz Senatspräsidentin Dr. *, und die Richterinnen Mag. * und Mag. * ab.
Mit Beschluss vom 8. 8. 2019, GZ 2 Nc 11/19t-1, wies das Oberlandesgericht Graz durch die beteiligten Richter Senatspräsident Dr. *, und die Richter Dr. * und Mag. * auch diesen Ablehnungsantrag ab. Es sei nicht Aufgabe des Ablehnungssenats zu klären, ob das Konkursverfahren gegen die R* OG – die nicht Partei des zugrunde liegenden Zivilprozesses sei – allenfalls zu Unrecht weitergeführt werde. Aus welchem Grund es für die Entscheidung wesentlich sein soll, dass B* L* mehrere (sieben) Kinder mit Gesellschafterinnen der eben genannten OG habe, sei ebensowenig erkennbar, wie die Relevanz des Umstands, dass der Ablehnungswerber der Bruder von B* L* sei. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass „eine Abscheu der abgelehnten Richter gegen B* L*, seinen Lebensstil, etc“ bestehe und schon gar nicht dafür, dass eine solche eine Motivation für die Entscheidung gewesen sei.
Gegen diesen Beschluss wendet sich der Rekurs des Drittbeklagten mit einem Abänderungsantrag.
Rechtliche Beurteilung
I. Der vom Drittbeklagten gleichzeitig mit dem Rekurs erhobene Parteienantrag auf Normenkontrolle, mit dem er die Aufhebung der § 116 Abs 3 GeO erster Satz; § 78 StPO; § 7 Abs 1 JN; § 10 JN; sowie konkret genannter Wortfolgen in den §§ 19 Abs 2 JN; 21 Abs 2 JN; § 22 Abs 3 JN und § 22 Abs 2 JN begehrte, wurde vom Verfassungsgerichtshof mit Erkenntnis vom 24. 9. 2019, (G 200/2019, G 202/2019, V 71/2019) zurückgewiesen.
Das mit Beschluss vom 23. 9. 2019 unterbrochene Verfahren ist fortzusetzen.
II. Zum Rekurs:
1. Der Rekurs ist zulässig (§ 24 Abs 2 JN), aber nicht berechtigt.
2.1 In seinem Rekurs lehnt der Drittbeklagte nunmehr auch die Richter des Oberlandesgerichts Graz, die über seinen Ablehnungsantrag entschieden haben, Senatspräsident Dr. *, und die Richter Dr. * und Mag. * ab.
2.2 Nach ständiger Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs ist eine sofortige Entscheidung über ein Rechtsmittel, wenn darin ein Ablehnungsantrag gestellt wird, dann zulässig, wenn unter anderem kein konkreter Befangenheitsgrund ins Treffen geführt wurde (2 Ob 155/18k mwN). Diese Voraussetzung liegt hier vor, weshalb eine sofortige Entscheidung durch den Obersten Gerichtshof möglich ist.
3. Das Ablehnungsverfahren ist zwar grundsätzlich zweiseitig, sodass dem Gegner des Ablehnungsverfahrens sowohl in erster als auch in zweiter Instanz an sich durch Einräumung einer Äußerungsmöglichkeit Gehör zu gewähren ist (RS0126587). Bei einer offenbaren Unbegründetheit des Ablehnungsantrags – wie sie hier vorliegt – kann von der Einholung einer Rekursbeantwortung allerdings Abstand genommen werden (RS0126587 [T2]).
4.1 Das Wesen der Befangenheit besteht in der Hemmung einer unparteiischen Entscheidung durch unsachliche psychologische Motive (vgl RS0045975). Sie liegt erst dann vor, wenn die Fähigkeit zur sachlichen Beurteilung fehlt oder irgendwie behindert ist oder eine solche Behinderung doch mit Grund befürchtet werden muss (vgl RS0045961). Schon der Anschein einer Voreingenommenheit soll vermieden werden (RS0046052). Allerdings ist bei der Prüfung der Unbefangenheit ein strenger Maßstab anzulegen, die Ablehnung soll nicht die Möglichkeit bieten, dass sich Parteien eines nicht genehmen Richters entledigen können (RS0109379). Eine allfällige Unrichtigkeit einer Gerichtsentscheidung oder deren Begründung bilden grundsätzlich keinen Ablehnungsgrund (vgl RS0111290), zumal es nicht Aufgabe des Ablehnungssenats ist, eine Entscheidung auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen (RS0046047). Grundsätzlich sind Ablehnungsgründe detailliert und konkret anzugeben (RS0045962 [T6, T7]). Ob der abgelehnte Richter befangen ist, ist dabei stets in Bezug auf die Rechtssache zu prüfen, in welcher er wegen Befangenheit abgelehnt worden ist (RS0045966) – hier also in einem Ablehnungsverfahren.
4.2 Der Drittbeklagte wirft dem Rechtsmittelsenat im Hauptverfahren (3 R 59/19z) vor, als Rekurssenat im Konkursverfahren über das Vermögen der
– im vorliegenden Verfahren nicht beteiligten – R* OG in seiner Rekursentscheidung „unter Zugrundelegung erkennbar falscher Bescheinigungen über Vermögenswerte und der Missachtung vermeintlicher Unregelmäßigkeiten im Konkursverfahren“ unrichtig eine Überschuldung angenommen zu haben. Diese Ausführungen laufen darauf hinaus, dass im zu beurteilenden Ablehnungsverfahren nicht beteiligte Richter in einem Konkursverfahren unrichtig entschieden haben sollen, das insoweit einen Zusammenhang mit dem Drittbeklagten aufweisen soll, als dessen Bruder gemeinsame Kinder mit Gesellschafterinnen der Schuldnerin haben soll. Ausreichende Gründe, die bei objektiver Betrachtung die Befürchtung erwecken können, die abgelehnten Richter hätten sich im hier vorliegenden Ablehnungsverfahren von unsachlichen Motiven leiten lassen, legt der Drittbeklagte damit nicht im Ansatz dar.
4.3 Auch der behauptete Umstand, ein Angehöriger der Senatspräsidentin Dr. * vertrete einen – an diesem Zivilverfahren ebenfalls nicht beteiligten – Dritten, gegen den der Bruder des Drittbeklagten Strafanzeige erhoben habe, lässt – selbst wenn dies zutreffen würde – für einen Verfahrensbeteiligten nicht den Eindruck entstehen, dass die abgelehnte Richterin deshalb nicht unvoreingenommen an der Entscheidung über die Ablehnung der Richter des Ablehnungssenats mitwirken habe können.
5. Eine Stellungnahme der ablehnenden Partei zur Äußerung des Richters ist nicht zwingend vorgesehen. Zwar sind alle allenfalls nötig erscheinenden Erhebungen durchzuführen, das besagt aber nicht, dass dem Ablehnungswerber, der ja ohnedies gehalten ist, schon in seinem Ablehnungsantrag Bescheinigungsmittel für den von ihm behaupteten Sachverhalt anzubieten, in jedem Fall die Äußerung des abgelehnten Richters zur Gegenäußerung zugestellt werden muss (RS0045962 [T16]; 6 Ob 223/18i mwN).
Im vorliegenden Fall, in dem der Ablehnungswerber schon keine ausreichenden Gründe aufzeigt, die bei objektiver Betrachtung die Befürchtung erwecken könnten, die abgelehnten Richter hätten sich von unsachlichen Motiven leiten lassen, ist eine Notwendigkeit zur Einholung einer Äußerung des Ablehnungswerbers zur Stellungnahme der abgelehnten Richter nicht ersichtlich; sie werden auch im Rechtsmittel nicht aufgezeigt. Dass die Äußerungen der abgelehnten Richter dem Ablehnungswerber nicht zur (Gegen-)Äußerung zugestellt wurden, begründet demnach keinen Verfahrensmangel. |
JJT_20191119_OGH0002_0030OB00207_19S0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127063 | 3Ob207/19s | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00207_19S0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0030OB00207_19S0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 1,213 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei C*, vertreten durch Dr. Uwe Niernberger, Dr. Angelika Kleewein, Rechtsanwälte in Graz, gegen die beklagte Partei C*, vertreten durch Mag. Silvia Fahrenberger, Rechtsanwältin in Scheibbs, wegen Unzulässigkeit einer Exekution (§ 35 EO), über die „außerordentliche“ Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz als Berufungsgericht vom 8. August 2019, GZ 1 R 160/19k-19, womit das Urteil des Bezirksgerichts Weiz vom 15. Mai 2019, GZ 22 C 29/18k-14, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Akt wird dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Die Ehe der Streitteile wurde gemäß § 55a EheG einvernehmlich geschieden. In der Scheidungsfolgenvereinbarung verpflichtete sich der Kläger zur Leistung eines monatlichen Unterhaltsbeitrags in Höhe von 811,36 EUR an die Beklagte.
Mit Beschluss vom 20. September 2018 bewilligte das Bezirksgericht Graz-Ost aufgrund dieses Titels der Beklagten als Betreibenden gegen den Kläger als Verpflichteten die Exekution zur Hereinbringung der aushaftenden Unterhaltsbeiträge für August und September 2018 in Höhe von 1.622,72 EUR sowie des laufenden Unterhalts von 811,36 EUR monatlich ab Oktober 2018.
Der Kläger macht in seiner Oppositionsklage geltend, der betriebene Unterhaltsanspruch ruhe, weil sich die Beklagte in einer aufrechten Lebensgemeinschaft befinde.
Die Beklagte wendete ein, sie lebe nicht in einer Lebensgemeinschaft, sondern habe lediglich einen Freund, der 230Â km von ihr entfernt wohne.
Das Erstgericht sprach aus, dass die bewilligte Exekution „für unzulässig erklärt“ werde (richtig: dass der betriebene Unterhaltsanspruch gehemmt sei), weil insgesamt vom Vorliegen einer Lebensgemeinschaft auszugehen sei.
Das Berufungsgericht gab der Berufung der Beklagten nicht Folge und ließ die ordentliche Revision mangels erheblicher Rechtsfrage nicht zu.
Gegen dieses Urteil richtet sich die „außerordentliche“ Revision der Beklagten, die das Erstgericht unmittelbar dem Obersten Gerichtshof vorlegte.
Rechtliche Beurteilung
Der Oberste Gerichtshof ist derzeit zur Behandlung dieses Rechtsmittels nicht zuständig:
1. Nach § 502 Abs 4 ZPO ist in den in § 49 Abs 2 Z 1 und 2 JN bezeichneten familienrechtlichen Streitigkeiten die Revision – außer im Fall des § 508 Abs 3 ZPO – jedenfalls unzulässig, wenn der Entscheidungsgegenstand insgesamt 30.000 EUR nicht übersteigt und das Berufungsgericht die ordentliche Revision nach § 500 Abs 2 Z 3 ZPO – wie hier – für nicht zulässig erklärt hat. Unter diesen Voraussetzungen kann jedoch eine Partei nach § 508 Abs 1 und 2 ZPO binnen vier Wochen nach der Zustellung des Berufungsurteils den beim Erstgericht (§ 508 Abs 2 erster Satz ZPO) einzubringenden Antrag an das Berufungsgericht stellen, seinen Ausspruch dahin abzuändern, dass die ordentliche Revision doch für zulässig erklärt werde; ein solcher Antrag, der mit der ordentlichen Revision zu verbinden ist, muss die Gründe dafür anführen, warum entgegen dem Ausspruch des Berufungsgerichts nach § 502 Abs 1 ZPO die ordentliche Revision für zulässig erachtet wird.
2. Eine familienrechtliche Streitigkeit iSd § 49 Abs 2 Z 2 JN liegt insbesondere dann vor, wenn in einem über eine Oppositionsklage eingeleiteten Verfahren – wie hier – der aus dem Gesetz gebührende Unterhalt strittig ist (RS0046467 [T1, T12]), es sei denn, dem betriebenen Anspruch wird mit einem nicht aus dem Familienrecht stammenden Oppositionsgrund (Aufrechnung oder Zahlung) entgegen getreten (RS0042968 [T4]).
3. Der Streitwert der Oppositionsklage richtet sich nach dem Wert des betriebenen Anspruchs, der unter Anwendung der Bestimmungen der §§ 54 und 56 JN zu ermitteln ist. Das gilt auch, wenn nicht Erlöschen, sondern – wie hier – Hemmung des Anspruchs geltend gemacht wird. Ist von der Oppositionsklage nur ein Teil des betriebenen Anspruchs betroffen, ist der Wert dieses Teils maßgebend. Eine Bewertung der Oppositionsklage durch den Kläger ist daher nicht erforderlich, weil der Streitwert durch die dem Exekutionsverfahren zugrunde liegende Bewertung vorgegeben ist; dieser Wert ist von Amts wegen zu ermitteln (Jakusch in Angst/Oberhammer3 § 35 EO Rz 84 mwN).
4. Gemäß § 58 Abs 1 JN sind Unterhaltsansprüche zwingend mit der dreifachen Jahresleistung zu bewerten. Es bedarf daher in Unterhaltssachen keiner Bewertung des Entscheidungsgegenstands durch das Gericht zweiter Instanz (RS0110920 [T1]). Für den Wert des Entscheidungsgegenstands des Gerichts zweiter Instanz ist nach ständiger Rechtsprechung in Unterhaltsbemessungsverfahren grundsätzlich – abgesehen von Fällen, in denen nur einzelne (rückständige) Teilleistungen eingeklagt werden (vgl RS0046547 [T1], RS0111964 [T1, T3]) – auf den 36-fachen Betrag jenes monatlichen Unterhaltsbeitrags abzustellen, der zum Zeitpunkt der Entscheidung zweiter Instanz zwischen den Parteien noch strittig war, während zusätzlich begehrte, bereits fällige Ansprüche (Unterhaltsrückstände) nicht zusätzlich zur dreifachen Jahresleistung in die Bewertung einzubeziehen sind (RS0122735 [T1, T5], RS0114353 [T1], RS0042366 [T1, T7, T9], RS0103147 [T1, T6, T28], RS0046544 [T3]; ablehnend Gitschthaler in Fasching/Konecny3 § 58 JN Rz 8/1).
5. Demgegenüber hat der erkennende Fachsenat bisher in ständiger Rechtsprechung judiziert, dass sich der Wert des Entscheidungsgegenstands dann, wenn sich eine Oppositionsklage auf einen Unterhaltsexekutionstitel bezieht, grundsätzlich nach § 58 JN aus der dreifachen Jahresleistung zuzüglich des betriebenen Unterhaltsrückstands ergibt (RS0001624). Eine Ausnahme von diesem Grundsatz besteht nur, wenn in zweiter Instanz nur noch der laufende Unterhalt strittig war (3 Ob 253/07p = RS0001624 [T3]) oder wenn der betriebene Rückstand gar nicht Gegenstand der Oppositionsklage war (3 Ob 148/12d = RS0001624 [T6]).
6. Ua in den Entscheidungen 3 Ob 148/12d und 3 Ob 236/18d konnte ausdrücklich offen bleiben, ob die soeben referierte Rechtsprechung aufrecht zu halten ist, weil der Wert des Entscheidungsgegenstands in diesen Fällen sowohl unter Einbeziehung als auch unter Außerachtlassung des betriebenen Rückstands 30.000 EUR nicht überstieg. Der hier zu entscheidende Fall ist hingegen dadurch gekennzeichnet, dass der dreifache Jahresbetrag des laufenden Unterhalts (knapp) unter 30.000 EUR liegt (36 x 811,36 EUR = 29.208,96 EUR), während der Wert des Entscheidungsgegenstands unter Einbeziehung des betriebenen Unterhaltsrückstands von 1.622,72 EUR 30.000 EUR überstiege.
7. Der Senat hat erwogen:
7.1. Die bisherige Rechtsprechung hat zur Folge, dass der Wert des Entscheidungsgegenstands in einem Oppositionsverfahren, das sich auf exekutiv betriebenen rückständigen und laufenden Unterhalt bezieht und in dem der Verpflichtete geänderte Verhältnisse geltend macht, die eine Neubemessung des Unterhalts (auch hinsichtlich der Perioden, aus denen ein Unterhaltsrückstand betrieben wird) nach sich ziehen, anders zu berechnen ist, als hätte der Unterhaltsschuldner mangels Exekutionsführung mittels Feststellungsklage (Schwimann/Kolmasch, Unterhaltsrecht9 293) dieselben geänderten Umstände für denselben Zeitraum ins Treffen geführt.
7.2. Ein zwingender Grund für diese Differenzierung ist nicht ersichtlich. Ganz im Gegenteil ist zu berücksichtigen, dass seit Inkrafttreten der EO-Novelle 2014 (BGBl I Nr 69/2014) Einwendungen iSd § 35 EO, die Unterhaltstitel betreffen, nicht mehr beim Exekutionsgericht einzubringen sind, wo meist (sofern nicht die Geschäftsverteilung anderes vorsah) anstelle des Familienrichters der Exekutionsrichter über eine allfällige Neubemessung des Unterhalts zu entscheiden hatte, obwohl in solchen Verfahren familienrechtliche Aspekte weit mehr im Vordergrund stehen als exekutionsrechtliche Gesichtspunkte (vgl ErläutRV 180 BlgNR 25. GP 3 f), sondern bei dem für diese Sache zuständigen (österreichischen) Gericht in der dafür vorgesehenen Verfahrensart geltend zu machen sind. Jedenfalls aufgrund dieser neuen Gesetzeslage ist die dargestellte Ungleichbehandlung nicht mehr zu begründen.
7.3. Der Senat geht daher von seiner unter Punkt 5. zitierten Rechtsprechung ausdrücklich ab. Maßgeblicher Wert des Entscheidungsgegenstands des Gerichts zweiter Instanz ist folglich auch in einem Oppositionsverfahren, das betriebenen rückständigen und laufenden Unterhalt betrifft, nur der 36-fache Betrag des (strittigen) laufenden Unterhalts (hier also 811,36 EUR monatlich), sodass er im vorliegenden Fall den Betrag von 30.000 EUR nicht übersteigt.
8. Erhebt in den im § 508 Abs 1 ZPO angeführten Fällen eine Partei ein Rechtsmittel, so ist dieses gemäß § 507b Abs 2 ZPO dem Gericht zweiter Instanz vorzulegen, und zwar auch dann, wenn es als „außerordentliches“ Rechtsmittel bezeichnet wird (vgl § 84 Abs 2 letzter Satz ZPO) und wenn es an den Obersten Gerichtshof gerichtet ist; dieser darf hierüber nur und erst entscheiden, wenn das Gericht zweiter Instanz gemäß § 508 Abs 3 ZPO ausgesprochen hat, dass ein ordentliches Rechtsmittel doch zulässig sei (RS0109623). Ob der dem Berufungsgericht vorzulegende Schriftsatz den Erfordernissen des § 508 Abs 1 ZPO entspricht oder ob er einer Verbesserung bedarf, bleibt der Beurteilung der Vorinstanzen vorbehalten (RS0109623 [T5, T8]). |
JJT_20191119_OGH0002_0010OB00204_19K0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127068 | 1Ob204/19k | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00204_19K0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0010OB00204_19K0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 582 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Mag. Korn und Dr. Parzmayr als weitere Richter in der Pflegschaftssache der mj F* F*, geboren am * 2003, über den Revisionsrekurs des Vaters DI (FH) R* K*, gegen den Beschluss des Landesgerichts Eisenstadt als Rekursgericht vom 9. August 2019, GZ 20 R 92/19g-100, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Neusiedl am See vom 14. Juni 2019, GZ 1 Pu 179/10v-89, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Akten werden dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Der Vater war zu monatlichen Unterhaltsleistungen von 250 EUR für sein Kind verpflichtet. Über Antrag des Kindes erhöhte das Erstgericht die monatliche Unterhaltsverpflichtung des Vaters ab 1. 9. 2017 um 206 EUR auf monatlich 456 EUR.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Vaters, der nur die Unterhaltserhöhung für den Zeitraum 1. 9. 2017 bis 30. 6. 2019 bekämpfte, nicht Folge und sprach aus, dass der ordentliche Revisionsrekurs nicht zulässig sei.
Gegen diesen Beschluss erhob der Vater erkennbar einen von ihm selbst verfassten Revisionsrekurs, den das Erstgericht dem Obersten Gerichtshof unmittelbar zur Entscheidung vorlegte.
Diese Aktenvorlage entspricht nicht der Rechtslage.
Rechtliche Beurteilung
1. Ein Revisionsrekurs ist (außer im Fall des § 63 Abs 3 AußStrG) jedenfalls unzulässig (§ 62 Abs 3 AußStrG), wenn der Entscheidungsgegenstand an Geld oder Geldeswert insgesamt 30.000 EUR nicht übersteigt und – wie hier – das Rekursgericht nach § 59 Abs 1 Z 2 AußStrG den (ordentlichen) Revisionsrekurs für nicht zulässig erklärt hat.
2. Der Anspruch des Kindes auf Unterhalt ist rein vermögensrechtlicher Natur im Sinn des § 62 Abs 4 AußStrG (RIS-Justiz RS0007110 [T32]). Die Ermittlung des Werts des vom Rekursgericht behandelten Entscheidungsgegenstands richtet sich nach den allgemeinen Bewertungsvorschriften der JN (§ 59 Abs 3 AußStrG). Er bestimmt sich beim Unterhalt grundsätzlich nach § 58 Abs 1 JN mit dem 36-fachen
des monatlichen Unterhalts. Sind aber – wie im vorliegenden Fall – nur Teilbeträge eines in der Vergangenheit liegenden Zeitraums Gegenstand des Rekursverfahrens, bildet deren Summe den Wert des Entscheidungsgegenstands zweiter Instanz (RS0046547 [T1]; RS0111964 [T3]). Gegenstand des Rekursverfahrens war die Erhöhung des monatlichen Unterhaltsbeitrags um 206 EUR im Zeitraum 1. 9. 2017 bis 30. 6. 2019, gegen die sich der Vater zur Wehr gesetzt hatte. Der Wert des Entscheidungsgegenstands des Rekursgerichts beträgt daher 4.532 EUR (22 Monate á 206 EUR) und übersteigt somit 30.000 EUR nicht.
3. Davon ausgehend wäre das Rechtsmittel nicht dem Obersten Gerichtshof vorzulegen gewesen, weil im Streitwertbereich des § 63 Abs 1 AußStrG Rechtsmittel gegen Entscheidungen, gegen die nach dem Ausspruch des § 59 Abs 1 Z 2 AußStrG der ordentliche Revisionsrekurs nicht zulässig ist, dem Gericht zweiter Instanz vorzulegen sind (§ 69 Abs 3 AußStrG). Solange das Rekursgericht nicht auf eine Abänderung des Zulässigkeitsausspruchs entschieden hat, ist der Oberste Gerichtshof sowohl betreffend die Fragen der Zulässigkeit und der Rechtzeitigkeit des Revisionsrekurses als auch dessen inhaltlicher Berechtigung funktionell unzuständig (RS0109623 [T20]). Der Rechtsmittelschriftsatz ist also nach der dargestellten Rechtslage nicht direkt dem Obersten Gerichtshof vorzulegen.
4. Mangels funktioneller Zuständigkeit des Obersten Gerichtshofs, über das Rechtsmittel des Vaters zu entscheiden, kann auch dessen Verspätung nicht wahrgenommen werden (RS0109516 [T11]). Die Entscheidung des Rekursgerichts wurde dem Vater am 27. 8. 2019 zugestellt. Seine an das Rekursgericht adressierte Eingabe langte dort am 10. 9. 2019 ein. Das Rekursgericht verfügte die Weiterleitung an das zuständige Erstgericht (§ 63 Abs 2 AußStrG), wo die Eingabe am 16. 9. 2019 eintraf. Die Tage des Postlaufs sind auch im Außerstreitverfahren nur dann nicht in die Frist einzurechnen, wenn das Rechtsmittel an das zuständige Gericht adressiert ist. Ein Rechtsmittel, das – wie hier – beim falschen Gericht überreicht wird, ist nur dann rechtzeitig, wenn es innerhalb der Rechtsmittelfrist beim zuständigen Gericht einlangt (RS0006096 [T2]). Das war hier nicht der Fall, weil die 14-tägige Rechtsmittelfrist (§ 63 Abs 2, § 65 Abs 1 AußStrG) schon am 10. 9. 2019 geendet hatte. Die Verspätung des Revisionsrekurses kann vom Erstgericht wahrgenommen werden (§ 67 AußStrG; 3 Ob 173/13g). |
JJT_20191128_OGH0002_0020OB00189_19M0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127071 | 2Ob189/19m | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00189_19M0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00189_19M0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 375 | Kopf
der Oberste Gerichtshof in einem Amtshaftungsverfahren bei Beurteilung der Frage der Prüfpflicht des Pflegschaftsgerichts im Verfahren über eine pflegschaftsgerichtliche Genehmigung zu dem Ergebnis, dass bereits der Verdacht eines die Geschäftsfähigkeit ausschließenden Zustands ausreichend sein kann, um weitere Erhebungen erforderlich zu machen. Die Frage, welche Partei in einem Zivilprozess die Geschäftsunfähigkeit zu beweisen hat, war dort nicht zu beurteilen.
5. Weshalb im vorliegenden Fall § 121a Abs 8 BAO, wonach der Abgabenpflichtige, wenn im Zuge von Abgabeverfahren eine Schenkung behauptet wird, die Beweislast für deren Vorliegen trägt, analog anzuwenden sein sollte, begründet die Klägerin nicht.
Auch nach allgemeinen zivilprozessualen Beweislastgrundsätzen (RS0037797) und jenen, die sich speziell auf Schenkungen beziehen (RS0018794), hatte ohnehin die Beklagte das Vorliegen der von ihr behaupteten Schenkung zu beweisen. Die Klägerin lässt nur außer Acht, dass der Beklagten dieser Beweis nach den Feststellungen gelungen ist.
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Nach ständiger Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs hat, wer einen Vertrag wegen Geschäftsunfähigkeit eines der Vertragspartner anficht, diese zu beweisen (3 Ob 201/10w; 7 Ob 74/16y; RS0014620; RS0014645). Nur dann, wenn erwiesen ist, dass eine Person dauernd handlungsunfähig ist, ist es Sache der Gegenseite, zu beweisen, dass zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses ein lichter Moment bestand (RS0014645; vgl auch RS0106637).
Das Berufungsgericht hat seiner Entscheidung diese Beweislastverteilung zugrunde gelegt. Die gegenteilige Rechtsansicht der Klägerin wirft keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 502 Abs 1 ZPO auf.
2. Soweit die Klägerin dazu auf das im Sachwalterbestellungsverfahren eingeholte psychiatrische Sachverständigengutachten verweist, bekämpft sie unzulässig die Beweiswürdigung (RS0043371) und geht nicht vom festgestellten Sachverhalt aus.
3. Bei der Rechtsprechung zu 5 Ob 289/64 ua (= RS0060681) handelt es sich um die Anwendung der grundbuchsrechtlichen Spezialbestimmung des § 94 Abs 1 Z 2 GBG, wonach eine grundbücherliche Eintragung nur dann zu bewilligen ist, wenn keine gegründeten Bedenken gegen die Fähigkeit der Beteiligten zur Verfügung über den Gegenstand der Eintragung vorhanden sind. Diese Bestimmung hat in mehreren Entscheidungen zu der Aussage geführt, dass die Indizwirkung einer notwendig gewordenen Sachwalterbestellung für eine anzunehmende Beschränkung der Handlungsfähigkeit des Betroffenen maximal auf den Zeitraum von einem Jahr vor dem Bestellungsakt auszudehnen ist (5 Ob 78/16f; RS0060681 [T4]). Diese Judikatur beschränkt sich auf das erwähnte Eintragungshindernis, ändert aber nichts an der dargelegten allgemeinen Beweislastverteilung.
4. Letzteres gilt auch für die im Rechtsmittel auszugsweise zitierte Entscheidung 1 Ob 193/03v. Dort kam |
JJT_20191218_OGH0002_0050OB00185_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127074 | 5Ob185/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00185_19W0000_000/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00185_19W0000_000.html | 1,576,627,200,000 | 1,336 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Pflegschaftssache der minderjährigen U*, geboren am * 2011, wohnhaft bei ihrem Vater Dkfm. C*, vertreten durch Dr. Helene Klaar, Dr. Norbert Marschall Rechtsanwälte OG in Wien, wegen Obsorge und Kontaktrechts, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Mutter J*, vertreten durch die Neulinger Mitrofanova Čeović Rechtsanwälte OG in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 10. September 2019, GZ 44 R 249/19x-173, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die Ehe der Eltern der Minderjährigen wurde am 10. 12. 2015 gemäß § 55a EheG geschieden. Im Scheidungsvergleich vereinbarten die Elternteile den Fortbestand der gemeinsamen Obsorge mit hauptsächlichem Aufenthalt des im Jahr 2011 geborenen Kindes bei der Mutter und ein näher geregeltes Kontaktrecht des Vaters.
Über dessen Antrag übertrug das Erstgericht dem Vater mit Beschluss vom 20. 4. 2017 vorläufig die alleinige Obsorge über die Minderjährige. Der Mutter räumte das Erstgericht in der Folge jeweils näher geregelte Kontaktrechte, zuletzt eines alle 14 Tage von Freitag bis Mittwoch ein.
Mit Beschluss vom 11. 4. 2019 übertrug das Erstgericht die Obsorge über die Minderjährige endgültig dem Vater alleine (Punkt 1.). Der Mutter räumte es ein Kontaktrecht alle 14 Tage von Freitag bis Donnerstag ein (Punkt 2.).
Das Rekursgericht wies den Rekurs der Mutter teilweise als unzulässig zurück (keine Beschwer hinsichtlich Punkt 2.) und gab ihm im Übrigen nicht Folge. Dem Rekurs des Vaters gegen Punkt 2. der Entscheidung des Erstgerichts gab das Rekursgericht hingegen Folge und wies den Antrag der Mutter auf Ausdehnung des Kontaktrechts ab.
Gegen diesen Beschluss des Rekursgerichts richtet sich der außerordentliche Revisionsrekurs der Mutter.
Rechtliche Beurteilung
Gemäß § 62 Abs 1 AußStrG ist gegen einen im Rahmen des Rekursverfahrens ergangenen Beschluss der Revisionsrekurs nur zulässig, wenn die Entscheidung von der Lösung einer Rechtsfrage des materiellen Rechts oder des Verfahrensrechts abhängt, der zur Wahrung der Rechtseinheit, Rechtssicherheit oder Rechtsentwicklung erhebliche Bedeutung zukommt. Das gilt auch für die Zurückweisung eines Rekurses mangels Beschwer (RIS-Justiz RS0120974; RS0120565 [T4]). Eine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG zeigt der Revisionsrekurs der Mutter nicht auf.
1. Die behauptete Mangelhaftigkeit des Rekursverfahrens wurde geprüft; sie liegt nicht vor (§ 71 Abs 3 Satz 3 AußStrG).
2.1. Ist die Obsorge endgültig geregelt, so kann nach § 180 Abs 3 ABGB jeder Elternteil, sofern sich die Verhältnisse maßgeblich geändert haben, bei Gericht eine Neuregelung der Obsorge beantragen. § 180 Abs 3 ABGB gilt sowohl für Fälle, in denen die Regelung der Obsorge durch Gerichtsbeschluss als auch für solche, in denen sie mit einer Vereinbarung vor Gericht erfolgte (7 Ob 77/19b mwN; RS0128809 [T3]).
2.2. Die nachträgliche Änderung einer bestehenden Obsorgeregelung setzt zwar anders als eine Sicherungsverfügung nach § 181 ABGB keine Gefährdung des Kindeswohls voraus. Die Änderung der Verhältnisse muss aber derart gewichtig sein, dass das zu berücksichtigende Postulat der Erziehungskontinuität in den Hintergrund tritt (RS0132056; RS0127207 [T4]; RS0128809 [T5]).
2.3. Diese Beurteilung kann nur nach den Umständen des Einzelfalls erfolgen und begründet im Allgemeinen keine Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung iSd § 62 Abs 1 AußStrG, es sei denn, es wurde dabei auf das Kindeswohl nicht ausreichend Bedacht genommen (RS0115719). Eine solche Fehlbeurteilung zeigt die Revisionsrekurswerberin hier nicht auf. Die Rechtsansicht des Rekursgerichts, dass die Diagnose des Diabetes mellitus und die damit verbundenen Auswirkungen auf das Leben und den Alltag des Kindes, aber auch beider Elternteile, die mittlerweile erfolgte Einschulung, die Geburt eines Halbbruders, der fortwährende Konflikt auf Elternebene mit Auswirkungen auf das Kind im Sinn eines Loyalitätskonflikts und der aufgrund einer einstweiligen Verfügung erfolgte Wechsel des Hauptaufenthaltsorts so gewichtige Veränderungen seien, dass sie eine Neubewertung der Obsorge erforderten, ist nicht korrekturbedürftig. Insbesondere liegen die auch in diesem Zusammenhang behaupteten sekundären Feststellungsmängel im Hinblick auf den ausdrücklich festgestellten und/oder nach der Aktenlage unstrittigen Sachverhalt nicht vor.
3.1. Seit dem KindNamRÄG 2013 soll die Obsorge beider Elternteile zwar (eher) der Regelfall sein (RS0128811). Eine sinnvolle Ausübung der Obsorge beider Eltern setzt allerdings ein gewisses Mindestmaß an Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit beider voraus. Um Entscheidungen gemeinsam im Sinn des Kindeswohls treffen zu können, ist es erforderlich, in entsprechend sachlicher Form Informationen auszutauschen und einen Entschluss zu fassen (RS0128812). Es ist notwendig, dass Erziehungs- und Betreuungsmaßnahmen besprochen werden, die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes möglichst übereinstimmend beurteilt werden und sich die darauf beziehenden Entscheidungen der Elternteile nicht regelmäßig widersprechen (7 Ob 9/19b mwN). Es ist also eine Beurteilung dahin vorzunehmen, ob bereits jetzt eine entsprechende Gesprächsbasis zwischen den Eltern vorhanden ist oder ob zumindest in absehbarer Zeit mit einer solchen gerechnet werden kann (RS0128812). Ein Grundsatz, wonach eine Kommunikation der Eltern per SMS und E-Mail für eine sinnvolle Ausübung einer beiderseitigen Obsorge nicht genüge, besteht dabei freilich nicht. Vielmehr kommt es für eine verantwortungsvolle Kommunikation in erster Linie auf die jeweilige Bereitschaft zum Informationsaustausch an und nicht auf die Art der Nachrichtenübermittlung (RS0128812 [T17, T21, T22]).
3.2. Die nach diesen Grundsätzen vorzunehmende Beurteilung, ob eine entsprechende Gesprächsbasis zwischen den Eltern vorhanden oder in absehbarer Zeit zu erwarten ist, kann nur nach den Umständen des Einzelfalls erfolgen und begründet im Allgemeinen keine Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung iSd § 62 Abs 1 AußStrG (RS0128812 [T5, T15, T19]; vgl RS0115719). Eine ausnahmsweise zur Wahrung des Kindeswohls aufzugreifende Fehlbeurteilung des Rekursgerichts zeigt die Revisionsrekurswerberin nicht auf. Das Erstgericht stellte fest, dass die Beziehung zwischen den Eltern sehr konfliktreich ist. Der Austausch über Alltägliches funktioniert (nur) zeitweise und jener über die Vorgehensweise im Hinblick auf das Diabetes-Management (nur), sofern es sich um eine potentiell lebensbedrohliche Situation handelt und die Mutter die Hilfe des Vaters benötigt. Sonst ist die seit Jahren nahezu ausschließlich über WhatsApp erfolgende Kommunikation sehr konfliktbehaftet und laufend von Vorwürfen unterwandert. Mehrere Mediationen wurden nach wenigen Terminen abgebrochen. Im Moment ist das Konfliktniveau so hoch, dass eine Mediation nicht möglich ist. Trotz des Bemühens des Vaters, eine sachliche Kommunikationsbasis herzustellen, reagiert die Mutter bei Uneinigkeit und jeglicher Art von Konflikten emotional und sehr impulsiv. Sie gerät relativ rasch in eine Situation der Überforderung, wenn es zu Problemen kommt. Sie sieht kaum einen eigenen Anteil am Konflikt und versucht ihren eigenen Standpunkt durch Drohungen und Abwertungen ihres Gegenübers durchzusetzen. Damit schürt sie Konflikte und zerstört nachhaltig Beziehungen, nicht nur zum Vater, sondern auch zu für die Minderjährige wichtigen Institutionen. Die Kommunikation zwischen den Eltern wird sich in naher Zukunft auch nicht verbessern. Diese Feststellungen untermauerte das Erstgericht mit zahlreichen Beispielen. Dass das Rekursgericht auf Grundlage dieser Feststellungen und den aktenkundigen gerichtlichen Auseinandersetzungen um einzelne Obsorgemaßnahmen das für die sinnvolle Ausübung der gemeinsamen Obsorge erforderliche Mindestmaß an aktueller oder zukünftiger Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit verneinte, bedarf keiner Korrektur. Insbesondere ist naheliegend, dass das partielle Funktionieren der Kommunikation und Kooperation in Bezug auf das Diabetes-Management hier auf den Sachzwang, den drohenden Gesundheitsgefahren für das Kind zu begegnen, zurückzuführen ist und daraus daher bei lebensnaher Betrachtung nicht auf die Möglichkeit einer entsprechenden Kooperation und Kommunikation in anderen, nicht lebensbedrohlichen Angelegenheiten der Obsorge geschlossen werden kann. Angesichts des bisherigen Elternverhaltens hätte vielmehr auch die Anordnung von Maßnahmen iSd § 107 Abs 3 AußStrG zur Verbesserung der Gesprächssituation und Herstellung einer ausreichenden Kommunikationsbasis keine ausreichende Aussicht auf Erfolg (vgl RS0132054; RS0128812 [T20]). Nach den Feststellungen des Erstgerichts ist es entgegen der Behauptung der Mutter auch nicht der die Alleinobsorge anstrebende Vater, der die Kooperation und Kommunikation schuldhaft verweigert oder erschwert (vgl RS0128812 [T11]).
3.3. Entgegen der Auffassung der Revisionsrekurswerberin reichen die vom Erstgericht zusätzlich zu dem im Verfahren vor dem Erstgericht unstrittigen Sachverhalt getroffenen Feststellungen nicht nur zur abschließenden Beurteilung der Frage der (fehlenden) Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit der Elternteile aus; diese ermöglichen auch die Entscheidung, welchem Elternteil die Obsorge übertragen werden soll. Die Beurteilung des Rekursgerichts, dass die Obsorge durch den Vater hier dem Wohl des Kindes entspricht, bewegt sich auf Basis dieses feststehenden Sachverhalts im Rahmen des bei der Regelung der Obsorge bestehenden Beurteilungsspielraums.
4. Die Entscheidung über das Kontaktrecht ist eine Ermessensentscheidung, für die das Wohl des Kindes ausschlaggebend ist (RS0087024). Sie hängt von den Umständen des Einzelfalls ab, weshalb ihr grundsätzlich keine erhebliche Bedeutung iSd § 62 Abs 1 AußStrG zukommt, sofern nicht leitende Grundsätze der Rechtsprechung verletzt wurden (RS0087024 [T6, T9]). Dass dies der Fall wäre, vermag die Revisionsrekurswerberin nicht aufzuzeigen.
5. Mangels einer erheblichen Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG ist der Revisionsrekurs daher unzulässig und zurückzuweisen. |
JJT_20191127_OGH0002_0060OB00221_19X0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127082 | 6Ob221/19x | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00221_19X0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00221_19X0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,833 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Schramm als Vorsitzenden und durch die Hofräte Dr. Gitschthaler, Univ.-Prof. Dr. Kodek, Dr. Nowotny sowie die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Mag. M*, vertreten durch Saxinger Chalupsky & Partner Rechtsanwälte GmbH in Wels, gegen die beklagte Partei S*, vertreten durch Mag. Sabine E. Schuster, Rechtsanwältin in Lenzing, wegen Ehescheidung, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Wels als Berufungsgericht vom 18. September 2019, GZ 21 R 125/19k-20, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen (§ 510 Abs 3 ZPO).
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Es entspricht ständiger Rechtsprechung (jüngst 3 Ob 48/18g mit zahlreichen Nachweisen aus der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs), dass es beim Ausspruch nach § 61 Abs 3 EheG nicht darauf ankommt, ob der Kläger einen Scheidungstatbestand verwirklicht hat. Entscheidend ist allein, ob ihm eine Schuld an der Zerrüttung der Ehe anzulasten ist und ob, falls beiden Eheleuten ein Verschulden an der Zerrüttung vorzuwerfen ist, seine Schuld deutlich überwiegt, wobei das Gesamtverhalten der Ehegatten während der Ehedauer zu berücksichtigen ist; maßgebend ist, wer den entscheidenden Beitrag für die unheilbare Zerrüttung der Ehe geleistet hat. Welchem Ehegatten Eheverfehlungen zur Last fallen und welchen das überwiegende Verschulden an der Zerrüttung der Ehe trifft, ist eine Frage des konkreten Einzelfalls, die – von Fällen krasser Fehlbeurteilung abgesehen – nicht als erheblich im Sinn des § 502 Abs 1 ZPO zu beurteilen ist.
Eine derartige Fehlbeurteilung ist den Vorinstanzen nicht unterlaufen, die die im Jahr 2004 geschlossene Ehe der Streitteile nach § 55 Abs 1 EheG geschieden (dies ist nicht mehr Gegenstand des Revisionsverfahrens) und den Antrag der beklagten Frau, das alleinige bzw überwiegende Verschulden des klagenden Mannes nach § 61 Abs 3 EheG festzustellen, abgewiesen haben.
2. Nach den maßgeblichen Feststellungen der Vorinstanzen fand der letzte gemeinsame Urlaub der Streitteile im Jahr 2006 statt; auch ein gemeinsames Freizeitprogramm gab es lediglich bis 2007. Während bis dahin ein normales Eheleben möglich war, fing es in den Jahren 2007 bzw 2008 an, dass die Beklagte nicht mehr außer Haus gehen wollte; sie wollte keine Leute mehr treffen oder Besuch empfangen. Die Beklagte gab dem Kläger dazu mehrmals zu verstehen, dass sie ihre Schwierigkeiten bzw Probleme selbst in den Griff bekomme; sie benötige keine Therapie. Ursprünglich nahm der Kläger das so hin, war die Beklagte doch seiner Ansicht nach eine starke Persönlichkeit. Die Beklagte meinte, es zu schaffen, und der Kläger unterstützte sie. In Gesprächen der Streitteile kam immer wieder hervor, dass der Zustand der Beklagten unter anderem auf ihr letztes Arbeitsverhältnis im Zeitraum Oktober 2002 bis Mai 2003 gründete, in dem sie ihrer Arbeitgeberin nie etwas recht machen hatte können. Ab 2007 bzw 2008 gestaltete sich das gemeinsame Leben der Streitteile eher eintönig, auch wenn es dabei bessere und schlechtere Phasen gab. In den besseren Phasen schlug der Kläger der Beklagten kleine Spazierrunden vor, worauf sie erwiderte, er solle sie nicht drängen. Schließlich ging die Beklagte allerdings gar nicht mehr außer Haus und hatte eine Panikattacke, wenn ein Termin für einen Besuch angesetzt war.
Die Situation wurde dadurch über die Jahre für den Kläger immer schlimmer. Von einem Bekannten des Klägers, der selbst unter Panikattacken litt, ließ sich der Kläger die Telefonnummer eines Psychologen geben, mit dem er auch telefonisch Kontakt aufnahm, damit dieser mit der Beklagten telefoniert; zu dem Telefongespräch kam es letztlich jedoch nicht. Auch weitere Versuche des Klägers, die Beklagte zu einer professionellen Behandlung bzw Therapie zu animieren, gingen ins Leere. Eine ärztliche Diagnose hinsichtlich des Zustands der Beklagten gibt es nicht; sie wollte auch nicht, dass ein Arzt ins Haus kommt. Einen ärztlichen Kontakt im Haus gegen den Willen der Beklagten brachte der Kläger nicht übers Herz. Er fürchtete, die Beklagte würde ihm dies nicht verzeihen. Im letzten Jahr des Zusammenlebens wurde über die Erkrankung der Beklagten überhaupt nicht mehr gesprochen, weil die Beklagte, die auch launisch war, das nicht mehr wollte.
Im Laufe der Zeit verlor der Kläger den Glauben daran, dass die Beklagte ihre Probleme selbst lösen könnte; Hoffnung hegte er trotzdem noch, weswegen er sie auch nicht verlassen oder an der Situation etwas ändern wollte. Die Beklagte erkennt die Notwendigkeit der Behandlung nicht; ob sie die Fähigkeit besitzt, nach dieser Einsicht zu handeln, steht nicht fest.
Bis in das Jahr 2014 gab es zwischen den Streitteilen körperliche Nähe und Geschlechtsverkehr, zuletzt jedoch schon etwas distanzierter und nicht mehr so liebevoll. Davor hatten die Streitteile regelmäßig (etwa ein- bis dreimal die Woche) Geschlechtsverkehr. Im Jahr 2014 entzweiten sie sich jedoch immer mehr; Geschlechtsverkehr gab es dann keinen mehr. Ferner wurden die Gespräche zwischen den Streitteilen immer weniger, zeitweise wurde gar nicht miteinander gesprochen. Sie lebten nur mehr nebeneinander. Nach der Arbeit setzte der Kläger sich ins Wohnzimmer und aß dort. Die Beklagte war in einem anderen Raum und beschäftigte sich mit dem Tablet; sie kam erst dann ins Wohnzimmer, wenn der Kläger zu Bett ging.
Der Kläger fühlte sich indirekt miteingesperrt, weil die Beklagte nie das Haus verließ. Alleine auf Urlaub wollte er nicht fahren; er wollte auch nicht fortgehen, um den Freunden bezüglich des Fernbleibens der Beklagten nichts vorlügen zu müssen. Der Freundeskreis wurde so immer spärlicher. Die Beklagte äußerte zwar gegenüber dem Kläger, dass er fortgehen und sich eine Freundin suchen solle; dass die Beklagte tatsächlich wollte, dass der Kläger fortgehe und sich eine Freundin suche, steht jedoch nicht fest. Der Kläger sah keinen Weg mehr in die richtige Richtung. Dass sich die Beklagte nicht in Behandlung begeben hat, war für den Kläger der hauptsächliche Grund der Ehekrise.
Im Jänner 2015 schaute sich der Kläger erstmalig um eine andere Wohnung um. Für ihn war das der Zeitpunkt, wo er so nicht mehr weitermachen wollte. Im Februar bzw März 2015 begann über das Internet die eigentliche Suche nach Wohnungen. Er kommunizierte auch der Beklagten, dass er ausziehen müsse. Im April 2015 wurde dem Kläger eine Wohnung zugesagt, der Mietvertrag war auf drei Jahre befristet. Der Kläger besprach mit der Beklagten, dass es sich um einen endgültigen Auszug handle. Für ihn war zu diesem Zeitpunkt die Ehe zu Ende und unheilbar zerrüttet. Er begann im Mai 2015 mit dem Auszug und war ab Juli grundsätzlich nicht mehr in der Ehewohnung.
3. Unheilbare Ehezerrüttung ist dann anzunehmen, wenn die geistige, seelische und körperliche Gemeinschaft zwischen den Ehegatten und damit die Grundlage der Ehe objektiv und wenigstens bei einem Ehegatten auch subjektiv zu bestehen aufgehört haben, wobei es genügt, dass der Kläger die eheliche Gesinnung verloren hat (RS0056832); auch die Frage, wann die unheilbare Zerrüttung der Ehe eintrat, hängt von den jeweiligen Umständen des Einzelfalls ab (RS0056832 [T5]). Richtig ist dabei zwar – worauf die außerordentliche Revision der Beklagten hinweist –, dass die Frage, ob und wann eine Ehe objektiv zerrüttet ist, eine auf der Grundlage der tatsächlichen Feststellungen nach objektivem Maßstab zu beurteilende Rechtsfrage ist (RS0043423), während die Frage, ob ein Ehegatte die Ehe subjektiv als unheilbar zerrüttet ansieht, zum Tatsachenbereich gehört (4 Ob 193/18p), und dass das Erstgericht lediglich festgestellt hat, dass für den Kläger bei seinem Auszug aus der Ehewohnung die Ehe zu Ende und unheilbar zerrüttet war. Die Auffassung des Berufungsgerichts, dass die Beklagte mit ihrem (durchaus langjährigen) Verhalten den entscheidenden Beitrag für die unheilbare Zerrüttung der Ehe geleistet hat, ist allerdings ebenso wenig zu beanstanden wie seine Ansicht, dass zum Zeitpunkt des Auszugs des Klägers die Ehe auch objektiv zerrüttet war. Den Ausführungen der außerordentlichen Revision, der Kläger habe der Beklagten gegenüber den Anschein erweckt, es handle sich lediglich um eine vorübergehende Trennung, sind die gegenteiligen Feststellungen des Erstgerichts entgegen zu halten.
4. Die Beklagte weist in ihrer außerordentlichen Revision mehrfach auf ihren psychischen Ausnahmezustand hin. Daraus ist für sie allerdings nicht gewonnen: War ein wesentlicher Grund für die Zerrüttung der Ehe das Verhalten des mit einer geistigen Störung (was hier gar nicht feststeht) behafteten Ehegatten, wäre es grob unbillig, dieses Verhalten völlig außer Acht zu lassen und die Ehe auf eine Art zu scheiden, die den auf Scheidung nach § 50 EheG klagenden Ehegatten so stellt, als hätte der andere Ehegatte mit einer auf alleiniges Verschulden des Klägers gestützten Klage Erfolg gehabt. In einem solchen Fall wäre eine einseitige Schuldfestsetzung grob unbillig und hat daher zu unterbleiben (jüngst 4 Ob 193/18p; RS0057224; vgl auch RS0057233). Auch dies ist eine Einzelfallentscheidung (4 Ob 193/18p) und gilt auch im Zusammenhang mit § 61 Abs 3 EheG.
5. Die Beklagte meint in der außerordentlichen Revision ein Fehlverhalten des Klägers darin erblicken zu können, dass dieser bereits ab Jänner 2015 eine sich intensivierende ständige Beziehung zu einer Jugendfreundin gegen ihren Willen unterhalten habe. Richtig ist zwar, dass Ehegatten im Rahmen der Treuepflicht zur Unterlassung jeglichen Verhaltens verpflichtet sind, das den objektiven Anschein ehewidriger Beziehungen zu erwecken geeignet ist (RS0056151). Die Beklagte übersieht allerdings die Feststellungen der Vorinstanzen, wonach sie den Kläger ausdrücklich aufgefordert hatte, fortzugehen und sich eine Freundin zu suchen. Im Übrigen steht fest, dass diese Jugendfreundin in einer Lebensgemeinschaft mit einem anderen Mann lebt(e) und dass sich der Kläger und die Jugendfreundin weder geküsst haben noch eine sexuelle Beziehung unterhielten. Nach ständiger Rechtsprechung stellt aber ein zwar freundschaftlicher, jedoch harmloser Verkehr mit Personen des anderen Geschlechts keine schwere Eheverfehlung dar, wenn er sich im Rahmen der Sitte und des Anstands hält (RS0056600).
6. Nach § 61 Abs 3 EheG kann ein Verschulden des klagenden Ehegatten nur festgestellt werden, wenn dieses zumindest deutlich überwiegt (RS0057256), also der graduelle Unterschied der beiderseitigen Verschuldensanteile augenscheinlich hervortritt (RS0057251); auch für diese Beurteilung sind die Umstände des Einzelfalls maßgeblich. Stellt man nun das festgestellte jahrelange Verhalten der Beklagten dem Umstand gegenüber, dass der Kläger im Jahr 2015 die Ehewohnung verlassen hat, so kann – mit dem Berufungsgericht – ein derartiger gradueller Unterschied zu Lasten des Klägers nicht erkannt werden. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob der Kläger – wie die Beklagte meint – sie tatsächlich grundlos verlassen hat (vgl 9 Ob 29/15b EF-Z 2015/124 [A. Tschugguel] = iFamZ 2015/191 [Deixler-Hübner]: Das Verlassen der Ehewohnung kann trotz der grundsätzlich bestehenden Pflicht zum gemeinsamen Wohnen dann gerechtfertigt sein, wenn es eine entschuldbare Reaktionshandlung auf schwerwiegende Eheverfehlungen des Partners darstellt.).
7. Nach den Feststellungen der Vorinstanzen lernte der Kläger im Zuge seines Auszugs aus der Ehewohnung seine nunmehrige Lebensgefährtin kennen, wobei ein näherer Kontakt allerdings erst ab Herbst 2015 zustande gekommen ist. Der Oberste Gerichtshof hat in vergleichbarem Zusammenhang bereits mehrfach klargestellt, dass nach der jüngeren Rechtsprechung ein Ehebruch, der erst nach Eintritt der unheilbaren Zerrüttung der Ehe begangen wurde, bei der Verschuldensabwägung und insbesondere in der Frage der Zuweisung eines überwiegenden Verschuldens keine entscheidende Rolle spielt (RS0056900). Nur nach Eintreten der (noch nicht gänzlichen und unheilbaren) Zerrüttung gesetzte Eheverfehlungen sind nicht schlechthin unbeachtlich, weil auch eine schon bestehende Zerrüttung noch vertieft werden kann. Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob durch weitere Eheverfehlungen eine solche Vertiefung tatsächlich eingetreten ist, ob also zwischen der Zerrüttung und weiteren Eheverfehlungen ein kausaler Zusammenhang besteht (10 Ob 258/99k; 6 Ob 138/04v) und ob der zunächst schuldtragende Teil das Verhalten seines Ehegatten bei verständiger Würdigung noch als ehezerrüttend empfinden darf (6 Ob 138/04v). Hiefür bieten die Feststellungen
– entgegen der von der Beklagten vertretenen Ansicht – jedoch keine Anhaltspunkte. Auch in diesem Zusammenhang argumentiert die Beklagte lediglich mit der – durch die Feststellungen widerlegten – Behauptung, der Kläger habe sich bei seinem Auszug aus der Ehewohnung lediglich eine „Auszeit“ nehmen wollen. |
JJT_20191128_OGH0002_0090OB00070_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127093 | 9Ob70/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0090OB00070_19P0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0090OB00070_19P0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 1,237 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsrekursgericht durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Dr. Hopf als Vorsitzenden, die Hofrätin und Hofräte des Obersten Gerichtshofs Mag. Ziegelbauer, Dr. Hargassner, Mag. Korn und Dr. Stefula als weitere Richter in der Unterhaltssache der minderjährigen A* R*, geboren am * 2003, *, vertreten durch den Magistrat der Stadt Wien, Wiener Kinder- und Jugendhilfe, Rechtsvertretung Bezirke 1, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 1060 Wien, Amerlingstraße 11, und der Mutter S* Z*, vertreten durch Dr. Frank Riel ua, Rechtsanwälte in Krems an der Donau, wegen Sonderbedarf, über den Revisionsrekurs der Minderjährigen gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 3. Juli 2019, GZ 43 R 317/19i-102, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Josefstadt vom 16. Mai 2019, GZ 25 Pu 128/17x-96, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die Beschlüsse der Vorinstanzen werden aufgehoben und dem Erstgericht die neuerliche Entscheidung nach allfälliger Verfahrensergänzung aufgetragen.
Die Mutter hat die Kosten ihrer Revisionsrekursbeantwortung selbst zu tragen.
Text
Begründung:
Die Minderjährige beantragte, die unterhaltspflichtige Mutter zur Leistung der Hälfte eines Sonderbedarfs von 1.466,26 EUR, daher 733,13 EUR, für die Kosten einer Zahnspange und der notwendigen kieferorthopädischen Behandlung zu verpflichten.
Die Mutter sprach sich dagegen aus, weil eine kieferorthopädische Behandlung im konkreten Fall nicht notwendig sei. Hätte die Minderjährige eine massive Zahnfehlstellung, würde die Gebietskrankenkasse die Kosten im Rahmen der „Gratis-Zahnspange“ übernehmen. Im Hinblick auf ihr Nettoeinkommen und ihre weitere Sorgepflicht wäre ihr nur ein Beitrag von maximal 134,28 EUR zumutbar.
Das Erstgericht wies das Begehren der Minderjährigen im zweiten Rechtsgang ab. Dabei stellte es fest, dass der Vater für die kieferorthopädische Behandlung der Minderjährigen insgesamt 1.466,25 EUR, bestehend aus 1.095,72 EUR für die Zahnspange, 320,53 EUR für die Planung und Therapiekosten sowie 50 EUR für die (erforderliche) Mundhygiene bezahlt hat. Der reguläre Preis der kieferorthopädischen Behandlung beträgt 1.737,62 EUR. Da der Vater in der Krankenanstalt * (dabei handelt es sich um eine *) beschäftigt ist, in der die kieferorthopädische Behandlung der Minderjährigen durchgeführt wurde, erhielt er einen Mitarbeiterrabatt von 641,90 EUR. Dieser Mitarbeitertarif ist höher als ein allfälliger Kostenbeitrag, den die WGKK leisten würde.
Bei der Minderjährigen liegt ein Scherenbiss/Kreuzbiss vor. Der Schweregrad der Zahnfehlstellung bedingt einen geringen Behandlungsbedarf. Ob eine medizinische Notwendigkeit der kieferorthopädischen Behandlung gegeben war, konnte nicht festgestellt werden.
Die Unterhaltspflichtige erzielt ein monatliches durchschnittliches Einkommen von 1.548,89 EUR. Sie ist für eine weitere Tochter, geboren am * 2000, sorgepflichtig.
In seiner rechtlichen Beurteilung führte das Erstgericht aus, dass bei der Minderjährigen eine Zahnfehlstellung vorliege, für die ein zumindest geringer Behandlungsbedarf bestehe. Bei einer intakten Familie würde unter den konkreten Einkommens- und Vermögensverhältnissen die Zahnfehlstellung der Minderjährigen behandelt werden. Da aber die Minderjährige mangels Vorlage entsprechender, ihr (über Auftrag des Rekursgerichts im ersten Rechtsgang) aufgetragener Unterlagen ihrer Beweispflicht für die medizinische Notwendigkeit der kieferorthopädischen Behandlungen nicht nachgekommen sei, sei der Sonderbedarfsantrag abzuweisen gewesen.
Das Rekursgericht gab dem dagegen erhobenen Rekurs der Minderjährigen nicht Folge. Der vom Rekursgericht bereits im ersten Rechtsgang für erforderlich erachtete Nachweis einer medizinischen Notwendigkeit der kieferorthopädischen Behandlung sei von der Minderjährigen nicht erbracht worden.
Der dagegen von der Minderjährigen erhobene Revisionsrekurs wurde vom Rekursgericht nachträglich zugelassen, um im weiteren Rechtszug im Interesse der Rechtssicherheit eine allfällige Korrektur der bekämpften Entscheidung zu ermöglichen.
Rechtliche Beurteilung
Der – von der Mutter beantwortete – Revisionsrekurs der Minderjährigen ist zulässig und im Sinne einer Aufhebung der angefochtenen Entscheidung auch berechtigt.
1.1. Erwächst einem unterhaltsberechtigten Kind ein Mehrbedarf, der über den allgemeinen Durchschnittsbedarf („Regelbedarf“) eines gleichaltrigen Kindes in Österreich ohne Rücksicht auf die konkreten Lebensverhältnisse seiner Eltern hinausgeht, bilden diese Kosten einen Sonderbedarf (RS0109908). Der Sonderbedarf betrifft inhaltlich hauptsächlich die Erhaltung der (gefährdeten) Gesundheit, die Heilung einer Krankheit und die Persönlichkeitsentwicklung (insbesondere Ausbildung, Talentförderung und Erziehung) des Kindes (RS0107180). Der Bedarf muss dabei den Kriterien der Individualität, Außergewöhnlichkeit und Dringlichkeit entsprechen (RS0047539).
1.2. In der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs wurden bereits mehrfach gesundheitsbedingte Aufwendungen, die nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung getragen werden, als Sonderbedarf anerkannt (vgl Gitschthaler, Unterhaltsrecht4 Rz 630 ff). So wurden etwa die Kosten für medizinisch notwendige Kontaktlinsen eines Kindes als Sonderbedarf anerkannt (10 Ob 61/05a Pkt 1.). Nach ständiger Rechtsprechung können auch die Kosten einer kieferorthopädischen Behandlung, die nicht von der Krankenversicherung getragen werden, einen Sonderbedarf begründen (8 Ob 72/17x Pkt 2.; RS0117791 [T5]; Gitschthaler, Unterhaltsrecht4 Rz 631). Dabei wird in der Regel davon ausgegangen, dass diese kieferorthopädische Behandlung auch medizinisch indiziert ist.
2. Ob dies auch hier der Fall ist, lässt sich den
– insoweit widersprüchlichen – Feststellungen des Erstgerichts nicht entnehmen. Zum einen stellte das Erstgericht fest, dass, bei der Minderjährigen eine Zahnfehlstellung vorliegt, deren Schweregrad einen (wenn auch geringen) Behandlungsbedarf erfordert. Zum anderen traf es zur Frage der medizinischen Notwendigkeit der kieferorthopädischen Behandlung eine negative Feststellung. Im ersten Fall läge nach den unter Punkt 1.1. und 1.2. dargelegten Grundsätzen ein medizinischer Sonderbedarf vor, der von der unterhaltspflichtigen Mutter, soweit es ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse zulassen, zu decken ist. Im zweiten Fall träfe die Minderjährige wegen des Ausnahmecharakters von Sonderbedarf hinsichtlich der diesen auch ohne medizinische Notwendigkeit begründenden Umstände die Behauptungs- und Beweispflicht (RS0111406).
3. Ein allfälliger Sonderbedarf ist nur bei einem „Deckungsmangel“ zuzusprechen, wenn er also nicht aus der Differenz zwischen dem bereits festgesetzten, den Allgemeinbedarf deckenden Unterhalt und dem Regelbedarf bestritten werden kann (RS0117791 [T2]). Dies ist hier der Fall, weil der festgesetzte, von der Mutter zu leistende monatliche Unterhalt der Minderjährigen erheblich unter dem Regelbedarf liegt.
4.1. Von der Frage der Qualifikation eines Aufwands als Sonderbedarf ist die Frage zu trennen, ob eine Deckungspflicht des geldunterhaltspflichtigen Elternteils besteht. Das hängt davon ab, ob diesem die Deckung angesichts seiner Einkommens- und Vermögensverhältnisse zumutbar ist (RS0107179). Bei angespannten finanziellen Verhältnissen ist die Rechtfertigung des Sonderbedarfs streng zu prüfen; zumal bereits die „Prozentsatzkomponente“ der Leistungsfähigkeit der Eltern Rechnung trägt (4 Ob 242/16s Pkt 3.1).
4.2. Auch bei Berücksichtigung eines Sonderbedarfs hat sich der Unterhalt im Rahmen der Leistungsfähigkeit des Unterhaltspflichtigen zu halten (RS0047543 [T1]). Dem Unterhaltspflichtigen muss stets ein zur Deckung der seinen Lebensverhältnissen angemessenen Bedürfnisse entsprechender Betrag verbleiben (RS0109907 [T9]).
4.3. Als Richtsatz für die Belastungsgrenze eines Unterhaltspflichtigen orientiert sich die Rechtsprechung am Unterhaltsexistenzminimum des § 291b EO, ohne dass dieses jedoch eine in jedem Fall starre Untergrenze bildete, sondern bei Bedarf in den Grenzen des § 292b EO noch unterschritten werden darf. Demnach ist eine genaue Berechnung der Belastungsgrenze nicht möglich; es ist vielmehr im Einzelfall eine nach den gegebenen Umständen für den Unterhaltsschuldner und den Unterhaltsberechtigten noch am ehesten tragbare Regelung zu treffen (2 Ob 82/12s Pkt 5. mwN).
4.4. Zur besseren Beurteilung der Zumutbarkeit ist darauf abzustellen, ob die Aufwendungen für den begehrten Sonderbedarf auch in einer intakten Familie unter Berücksichtigung der konkreten Einkommens- und Vermögenssituation getätigt worden wären (RS0107182; RS0109907 [T1]); dies auch unter Berücksichtigung der Frage, wodurch der Sonderbedarf verursacht wurde (vgl RS0047560). Je dringender oder existenzieller ein Sonderbedarf ist, desto eher ist der Unterhaltspflichtige zu belasten (RS0107181). Nach der Rechtsprechung ist die Deckung eines existenziellen Sonderbedarfs in der Regel eher zumutbar als sonstige Ausgaben (4 Ob 242/16s Pkt 3.2), zumal die Abgeltung von Sonderbedarf grundsätzlich immer Ausnahmecharakter hat (RS0109908 [T4]). Eine intakte Familie wird wohl auch bei angespannten finanziellen Verhältnissen im Regelfall danach trachten, existenznotwendige Ausgaben oder Aufwendungen zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit zu tätigen (4 Ob 242/16s Pkt 3.2 mwN).
4.5. Sollte das Erstgericht den beantragten Sonderbedarf der Minderjährigen dem Grunde nach bejahen, wird es nach den unter Pkt 4.1. bis 4.4. dargelegten Grundsätzen der Rechtsprechung zu prüfen haben, ob und gegebenenfalls in welcher Höhe es für die unterhaltspflichtige Mutter der Minderjährigen zumutbar ist, einen Kostenbeitrag zu bezahlen.
Aufgrund der vorliegenden widersprüchlichen Feststellungen des Erstgerichts zur medizinischen Notwendigkeit (Behandlungsbedarf) der kieferorthopädischen Aufwendungen, die eine abschließende rechtliche Beurteilung nicht ermöglichen, waren die Entscheidungen der Vorinstanzen daher aufzuheben (vgl RS0042744 [T1]).
Gemäß § 101 Abs 2 AußStrG findet im Verfahren über den Unterhalt eines minderjährigen Kindes kein Kostenersatz statt. |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00119_19I0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127104 | 5Ob119/19i | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00119_19I0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00119_19I0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 3,079 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. R* N*, 2. S* L*, 3. Dipl.-Päd. M* G*, alle vertreten durch die Dr. Ägidius Horvatits Rechtsanwalts GmbH in Salzburg, gegen die beklagte Partei Mag. A* Z*, vertreten durch Dr. Christoph Brandweiner, Dr. Gabriela Brandweiner-Reiter, Rechtsanwälte in Salzburg, wegen Beseitigung (Streitwert 20.000 EUR), über die Revision der klagenden Parteien gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Linz als Berufungsgericht vom 24. Mai 2019, GZ 6 R 64/19b-31, womit das Urteil des Landesgerichts Salzburg vom 16. April 2019, GZ 8 Cg 40/18b-26, abgeändert wurde, zu Recht erkannt:
Spruch
Der Revision wird Folge gegeben.
Die angefochtene Entscheidung wird dahin abgeändert, dass das Urteil des Erstgerichts einschließlich der Kostenentscheidung wiederhergestellt wird.
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien binnen 14Â Tagen die mit 2.127,04Â EUR (darin 354,51Â EUR an USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens und die mit 2.963,05Â EUR (darin 255,34Â EUR USt und 1.431Â EUR Barauslagen) bestimmten Kosten des Revisionsverfahrens zu ersetzen.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Kläger sind die Miteigentümer der Liegenschaft EZ * KG *, bestehend aus dem Grundstück 2007/5. Die Kläger haben diese Liegenschaft mit Vertrag vom 1./5. April 2011 von der Beklagten gekauft. Zu diesem Zeitpunkt stand auch die Nachbarliegenschaft EZ * KG * mit dem Grundstück 2007/8 im Eigentum der Beklagten.
Auf der Grenze zwischen beiden Grundstücken liegen zwei Kanalschächte. Diese ragen in beide Grundstücke hinein, liegen aber zum Großteil auf dem Grundstück 2007/5. Die Schächte weisen einen Abstand von 12 m zueinander auf. Die unterirdische Kanalrohrleitung zwischen den beiden Schächten liegt zur Gänze auf dem Grundstück 2007/5. Über diese Kanalrohrleitung werden Schmutzwässer von dem auf dem Grundstück 2007/8 errichteten Haus abgeleitet.
Bei Abschluss des Kaufvertrags vom 1./5. April 2011 waren die Kanalschächte in der Natur ersichtlich und den Klägern auch bekannt. Zu diesem Zeitpunkt war das den Kaufgegenstand bildende Grundstück 2007/5 noch unbebaut und nicht „ausgepflockt“. Eine Kanalrohrleitung wurde im Zug der Kaufvertragsverhandlungen nicht erwähnt, insbesondere kein vom Haus auf dem Nachbargrundstück weg über die Kaufliegenschaft führender Kanalstrang. Die Beklagte wusste, dass ein Kanalstrang in den südlichen der beiden an der Grundstücksgrenze liegenden Kanalschächte führt. Die Beklagte kannte aber weder die genaue Länge noch die Lage dieses Kanalstrangs und ging davon aus, dass dieser noch auf dem Grundstück 2007/8 liegt.
Der Kaufvertrag vom 1./5. April enthielt unter anderem folgende Vereinbarungen:
„I. Die Verkäuferin verkauft und übergibt an den Käufer und Letzterer kauft und übernimmt von Ersteren laut Vermessungsurkunde [...] das Grundstück 2007/5 vorgetragen in der EZ * (integrierender Bestandteil dieses Vertrages) [...] um den hiermit vereinbarten Kaufpreis von Euro 195.000,00 (in Worten: einhundertfünfundneunzigtausend) samt allen rechtlichen und physischen Zubehör, wie das Grundstück liegt und steht. Die Käufer beabsichtigen auf dem kaufgegenständlichen Grundstück die Errichtung eines Hauses mit Einfamilienhauscharakter, das in drei Wohneinheiten aufgeteilt wird und zum privaten Eigenbedarf der Käufer verwendet wird.
[...]
II. Die Verkäuferin verpflichtet sich, dafür Sorge zu tragen, dass die diesbezügliche oben genannte Liegenschaft vollkommen geldlastenfrei und bestandfrei übergeben wird. Die Verkäuferin hält diesbezüglich die Käufer vollkommen schad- und klaglos. […]
IV. Der Vertragsgegenstand wird mit allen Rechten und Befugnissen verkauft, wie die Verkäuferin diesen besessen und benutzt hat, oder zu besitzen und benützen berechtigt war.
Die Verkäuferseite haftet weiters dafür, dass der Vertragsgegenstand frei von bücherlichen und außerbücherlichen Lasten, ausgenommen der im Grundbuchsauszug ersichtlichen, sowie sonstiger Rechte Dritter frei und unbelastet ist.
Die Käuferseite erklärt, den Vertragsgegenstand besichtigt zu haben und über den Zustand voll informiert zu sein und für ihre Zwecke als geeignet befunden zu haben. ...“
In der in den Kaufvertrag integrierten Vermessungsurkunde samt Mappendarstellung und Aufnahme sind weder Kanalleitungen noch Kanalschächte eingezeichnet.
Nach Abschluss des Kaufvertrags errichteten die Kläger auf dem Grundstück 2007/5 ein Mehrparteienhaus. Vor Beginn der Bauarbeiten ließen die Kläger die Grenzen des Grundstücks 2007/5 auspflocken. Dabei wurde für sie zwar erkennbar, dass die beiden Kanalschächte auf der Grundstücksgrenze zwischen den Grundstücken 2007/5 und 2007/8 liegen. Dass die Kanalrohrleitung zwischen den beiden Kanalschächten als Teil des Kanalstrangs, der vom Wohnhaus auf der Nachbarliegenschaft in den südlichen Kanalschacht führt, auf ihrem Grundstück 2007/5 liegt, erfuhren die Kläger aber erst im Jahr 2017.
Seit dem Einbringungsvertrag vom 18. September 2014 steht das Nachbargrundstück 2007/8 nicht mehr im Eigentum der Beklagten, sondern im Eigentum der A* GmbH. Gesellschafterinnen dieser GmbH sind die Beklagte und deren Tochter, Geschäftsführerin nur die Tochter der Beklagten.
Die Kläger begehrten, die Beklagte (sinngemäß) dazu zu verpflichten, den über das Grundstück 2007/5 verlaufenden Schmutzwasserkanal, der das auf der Nachbarliegenschaft errichtete Wohnhaus mit dem öffentlichen Kanalnetz verbindet, auf ihre Kosten zu entfernen und in dem Bereich, auf dem die für die Entfernung notwendigen Grabungsarbeiten durchgeführt wurden, den früheren Kulturzustand wiederherzustellen. Die Kläger räumten der Beklagten zugleich die Möglichkeit ein, sich von dieser Beseitigungsverpflichtung durch Bezahlung eines Entschädigungsbetrags von 20.000 EUR und die Übernahme der Verpflichtung, die zukünftigen Wartungs- und Instandhaltungskosten zu tragen, zu befreien.
Die Beklagte als Verkäuferin hafte aufgrund der ausdrücklichen vertraglichen Zusage dafür, dass der gekaufte Baugrund frei und unbelastet von bücherlichen und außerbücherlichen Lasten, ausgenommen der im Grundbuchsauszug ersichtlichen, sowie frei von sonstigen Rechten Dritter sei. Die Beklagte habe die Kläger nicht darüber informiert, dass über das Grundstück ein Schmutzwasserkanal für das auf der Nachbarliegenschaft errichtete Wohnhaus verlaufe. Dies sei auch nicht offenkundig gewesen. Erst nach Errichtung des Hauses und Vermessung hätten die Kläger festgestellt, dass sich ein Kanaldeckel zum Teil auf ihrem Grundstück befinde. Daraus ergebe sich aber noch nicht die Lage des Kanalstrangs. Die Kläger seien vielmehr davon ausgegangen, dass es sich dabei um einen Kanalschacht für einen über das Nachbargrundstück führenden Kanalstrang handle. Erst im Zuge der Kollaudierung für das von ihnen fertiggestellte Haus im Frühjahr 2017 seien die Kläger darauf aufmerksam gemacht worden, dass auch der Kanalstrang über ihr Grundstück verlaufe.
Die Beklagte bestritt und beantragte die Abweisung der Klage. Zum Zeitpunkt des Abschlusses des Kaufvertrags sei die (damals in ihrem Eigentum stehende) Nachbarliegenschaft bereits über den nun beanstandeten Kanalstrang an das öffentliche Kanalnetz angeschlossen gewesen. Aufgrund eines Kanaldeckels, der zum überwiegenden Teil auf dem Grundstück der Kläger liege, sei damals klar ersichtlich gewesen, dass ein Teil dieses Abwasserkanals über das von den Klägern erworbene Grundstück führte. Zufolge dieser Offenkundigkeit bestehe zugunsten der Nachbarliegenschaft eine Dienstbarkeit. Im Zusammenhang mit dem Ansuchen um Baubewilligung für den Kanalanschluss des Hauses der Kläger hätten die Streitteile eine entsprechende Dienstbarkeit zudem konkludent vereinbart. Die Beklagte sei daher nicht verpflichtet, den Teil des auf dem Grundstück der Kläger liegenden Kanals zu entfernen. Die Klageführung sei außerdem schikanös, weil die Kläger aufgrund des bestehenden Kanals keinen Nachteil hätten. Das Beseitigungsbegehren der Kläger scheitere schließlich schon daran, dass die Beklagte nicht (mehr) Eigentümerin der Nachbarliegenschaft sei.
Das Erstgericht gab der Klage statt. Es verpflichtete die Beklagte dazu, den über das Grundstück der Kläger verlaufenden Teil des Schmutzwasserkanals auf ihre Kosten zu entfernen und im Bereich, auf dem die für die Entfernung notwendigen Grabungsarbeiten durchgeführt wurden, den früheren Kulturzustand wiederherzustellen. Die der Beklagten eingeräumte Lösungsbefugnis nahm es nicht in seinen Spruch auf.
Die Beklagte habe im Kaufvertrag zugesichert, die Liegenschaft sei lastenfrei. Der Schmutzwasserkanal, der über die Liegenschaft der Kläger führe, sei in der Natur nicht erkennbar gewesen. Aus dem Umstand, dass sich auf der Grundstücksgrenze zwischen den Grundstücken 2007/5 und 2007/8 zwei Kanaldeckel befänden, ergebe sich noch nicht zwingend, dass diese beiden Kanalschächte durch ein Kanalrohr verbunden seien, und auch nicht, dass die Rohrleitung zwischen beiden Schächten zur Gänze auf dem Grundstück 2007/5 liege. Vielmehr hätten die Kläger aufgrund der Zusicherung im Kaufvertrag durch die Beklagte davon ausgehen können, dass das Kaufgrundstück lastenfrei und somit auch nicht durch fremde Kanalstränge belastet sei. Die Kläger hätten daher gemäß § 523 ABGB einen Beseitigungsanspruch gegenüber der Verkäuferin, und zwar unabhängig davon, ob diese von der Kanalleitung gewusst habe oder nicht. Es sei nicht schädlich, dass die Beklagte das Grundstück 2007/8 zwischenzeitig in eine GmbH eingebracht habe. Der Beseitigungsanspruch aus § 523 ABGB richte sich gegen den Störer. Das sei nicht der aktuelle Eigentümer des Nachbargrundstücks, sondern eben die Beklagte als Verkäuferin der Liegenschaft. Aus dem Einreichprojekt für die Bewilligung eines Kanalanschlusses für das Grundstück der Kläger sei keine konkludente Zustimmung der Kläger für eine Kanalführung der Beklagten auf ihrer eigenen Liegenschaft abzuleiten. Auch der von der Beklagten erhobene Schikaneeinwand gehe ins Leere. Die Kläger seien durch einen 12 Meter langen Kanalstrang auf ihrer Liegenschaft sehr wohl beeinträchtigt. Für die Erhaltungsarbeiten seien möglicherweise Grabungsarbeiten erforderlich und bei Undichtheiten der Kanalleitung sei eine Verunreinigung ihres Grundstücks denkbar. Auch die Nutzung der Fläche über dem Kanalstrang sei eingeschränkt. Den Klägern könne daher keine Schädigungsabsicht unterstellt werden, wenn diese auf die vereinbarte Lastenfreiheit der Liegenschaft bestünden.
Das Berufungsgericht gab der Berufung der Beklagten Folge und wies das Klagebegehren ab.
Die Kläger hätten mit ihrer Klage einen vertraglichen Anspruch geltend gemacht. Die actio negatoria gemäß § 523 ABGB sei kein vertraglicher Anspruch. Selbst wenn man die Klage, wie das Erstgericht, (auch) als eine solche Eigentumsfreiheitsklage verstehen wollte, bilde § 523 ABGB hier keine taugliche Anspruchsgrundlage. Schon nach dem Vorbringen der Kläger falle der Beklagten kein unberechtigter Eingriff in das Eigentumsrecht der Kläger zur Last, weil sie vor dem Verkauf an die Kläger Eigentümerin der Kaufliegenschaft gewesen sei und zufolge §§ 354, 362 ABGB auf ihrem eigenen Grund und Boden Kanalstränge nach ihrem Belieben verlegen habe können, ohne in fremdes Eigentum einzugreifen. Da die Beklagte das Nachbargrundstück 2007/8 bereits vor Prozessbeginn in eine GmbH eingebracht habe und nicht mehr Eigentümerin dieses Grundstücks sei, sei sie für eine actio negatoria auch nicht passiv legitimiert.
Die Beklagte als Verkäuferin habe den Klägern als Käufern die Lastenfreiheit der Kaufliegenschaft zugesichert. Daher könnte ein Rechtsmangel in Form einer Dienstbarkeit eines Dritten vorliegen und das Klagebegehren aus dem Rechtsgrund der Gewährleistung berechtigt sein. Ob der Eigentümer des Nachbargrundstücks 2007/8 hier tatsächlich eine Dienstbarkeit auf Führung eines Kanalstrangs unter der Kaufliegenschaft habe, brauche aber nicht entschieden zu werden. Im Fall des Bestehens einer Dienstbarkeit hätte die Beklagte ihre vertragliche Zusicherung der Lastenfreiheit nicht erfüllt. Die damit begründete Vertragshaftung der Beklagten könne für die Lastenfreiheit nicht darin bestehen, dass sie mit Baumaschinen in das Kanal-Leitungsrecht eines Dritten eingreifen müsse, möge sie auch an diesem als Minderheitsgesellschafterin beteiligt sein. Bestünde ein Kanal-Leitungsrecht zugunsten des Dritten, so wäre der Rechtsmangel der Kaufliegenschaft daher unbehebbar. Bei unbehebbaren Mängeln bestehe aber kein Verbesserungsanspruch. Dass die Kläger die Verbesserung eines Sachmangels der Kaufliegenschaft aus dem Titel der Gewährleistung gemäß § 932 ABGB begehrten, gehe aus ihrem erstinstanzlichen Vorbringen nicht hervor. Ein Sachmangel iSd § 922 Abs 1 ABGB liege hier auch nicht vor. Die Freiheit der Kaufliegenschaft von Kanalrohren sei weder im Kaufvertrag bedungen, noch gehöre diese zu den gewöhnlich vorausgesetzten Eigenschaften eines Baugrundstücks im Ortsgebiet, werde doch die Bebaubarkeit des Grundstücks dadurch vor allem dann nicht beeinträchtigt, wenn die Kanalrohre nicht quer unter dem Grundstück, sondern an der Grundgrenze verliefen.
Das Berufungsgericht sprach aus, dass die ordentliche Revision zulässig sei, weil Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zur Frage fehle, ob der Gewährleistungsberechtigte wegen eines Rechtsmangels einer Kaufliegenschaft das Entfernen eines Kanalstrangs und das Zuschütten der Künette verlangen könne.
Gegen die Entscheidung des Berufungsgerichts richtet sich die Revision der Kläger wegen unrichtiger rechtlicher Beurteilung und Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens. Sie beantragen, die angefochtene Entscheidung abzuändern und dem Klagebegehren stattzugeben. Hilfsweise stellen sie einen Aufhebungs- und Zurückverweisungsantrag.
Die Beklagte beantragt in ihrer Revisionsbeantwortung, die Revision der Kläger als unzulässig zurückzuweisen, in eventu dieser nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist zulässig und berechtigt.
1.1. Wer einem anderen eine Sache gegen Entgelt überlässt, leistet Gewähr, dass sie dem Vertrag entspricht. Er haftet also dafür, dass die Sache die bedungenen oder gewöhnlich vorausgesetzten Eigenschaften hat, dass sie seiner Beschreibung, einer Probe oder einem Muster entspricht und dass sie der Natur des Geschäfts oder der getroffenen Verabredung gemäß verwendet werden kann (§ 922 Abs 1 ABGB).
1.2. Eine Leistung ist dann mangelhaft im Sinn des § 922 ABGB, wenn sie qualitativ oder quantitativ hinter dem vertraglich Geschuldeten zurückbleibt. Der geschuldete Vertragsgegenstand wird durch die gewöhnlich vorausgesetzten oder die ausdrücklich oder stillschweigend zugesicherten Eigenschaften bestimmt (RIS-Justiz RS0018547 [T5]). Ob eine Eigenschaft als gewöhnlich vorausgesetzt anzusehen ist, hängt dabei nicht davon ab, was der Erklärende wollte, sondern was der Erklärungsempfänger nach Treu und Glauben aus der Erklärung des Vertragspartners erschließen durfte. Seine berechtigte Erwartung ist an der Verkehrsauffassung zu messen (RS0114333). Die Mangelhaftigkeit eines Leistungsgegenstands ist allerdings nicht abstrakt, sondern immer aufgrund des konkreten Vertrags zu beurteilen (RS0107680, RS0126729). Ein Kaufgegenstand muss demnach der Natur des Geschäfts oder der geschlossenen Verabredung entsprechend benützt und verwendet werden können (RS0114333 [T3]). Die Vertragsparteien können daher eine Sache, die objektiv gesehen mangelhaft ist, durchaus als vertragsgemäß ansehen. Nur wenn eine Vereinbarung über die geschuldeten Eigenschaften des Leistungsgegenstands fehlt, sind die gewöhnlich vorausgesetzten Eigenschaften der veräußerten Sache maßgebend (RS0107681).
1.3. Sach- und Rechtsmängel werden grundsätzlich gleich behandelt (RS0018480). Sachmängel sind Beeinträchtigungen der Sachsubstanz (1 Ob 105/08k). Ein Rechtsmangel liegt vor, wenn der Veräußerer dem Erwerber nicht die Rechtsposition verschafft, die er ihm nach dem Vertrag verschaffen hätte müssen (5 Ob 26/17k mwN). Die Beweislast für im Rahmen der Gewährleistung geltend gemachte Sach- und Rechtsmängel trifft grundsätzlich den Erwerber (RS0018553; RS0018687; RS0124755). Für die Bejahung des Rechtsmangels reicht es allerdings bereits aus, dass die Umstände, aus denen er sich ableitet, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststehen (5 Ob 26/17k mwN). Die Gewährleistungsfrist beginnt bei Rechtsmängeln auch nicht mit dem Tag der Ablieferung der Sache, sondern erst mit dem Tag, an dem der Mangel dem Übernehmer bekannt wird (§ 933 Abs 1 ABGB).
2.1. Das Berufungsgericht zog in Erwägung, dass hier im Hinblick auf die vertragliche Zusicherung der Lastenfreiheit der Kaufliegenschaft ein Rechtsmangel in Form einer Dienstbarkeit eines Dritten vorliegen und das Klagebegehren daher aus dem Titel der Gewährleistung berechtigt sein könnte.
2.2. Nach ständiger Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs entsteht bei Übereignung einer zweier Liegenschaften desselben Eigentümers, von welchen eine offenkundig der anderen dient und weiterhin dienen soll, auch ohne spezifische Vereinbarung und Verbücherung eine Dienstbarkeit (RS0119170 [T1]; RS0011618 [T17]; RS0131628; vgl auch RS0011643; RS0011547; RS0011628). Voraussetzung dafür ist, dass im Zeitpunkt der Übereignung des dienenden Grundstücks Anlagen oder sonstige Einrichtungen vorhanden waren, die den Zweck des Dienens offenkundig machten. Der Erwerber der dienenden Liegenschaft muss somit die bisher faktisch bestehende Dienstbarkeit entweder gekannt haben oder er hätte sie wegen ihrer Offenkundigkeit zumindest kennen müssen (RS0011618 [T8, T19, T25]; RS0011547). Für die Erkennbarkeit genügt, dass „vom dienenden Grundstück aus“ bei einiger Aufmerksamkeit Einrichtungen oder Vorgänge wahrgenommen werden konnten, die das Bestehen einer Dienstbarkeit vermuten lassen (RS0011643 [T13]).
2.3. Ob diese Voraussetzungen im vorliegenden Fall gegeben waren und durch die Übereignung der in diesem Sinn dienenden Liegenschaft eine entsprechende Dienstbarkeit entstand, hat hier dahingestellt zu bleiben. Für den daraus abzuleitenden Rechtsmangel sind die Kläger behauptungs- und beweispflichtig. Die Kläger haben das Bestehen einer Dienstbarkeit aber nicht nur nicht behauptet, sie vertreten vielmehr den gegenteiligen Prozessstandpunkt. Damit ist auch nicht von Relevanz, ob der vom Erstgericht bisher dazu festgestellte Sachverhalt eine abschließende Beurteilung dieser Frage zuließe.
3.1. Nach dem Klagebegehren und dem Tatsachenvorbringen, aus dem dieses abgeleitet wird (vgl RS0037522; RS0039255), machen die Kläger aus dem Titel der Gewährleistung die Verbesserung eines Sachmangels der Kaufliegenschaft gemäß § 932 ABGB geltend.
3.2. Gegenstand des Kaufvertrags war ein unbebautes Grundstück und ausdrücklich erklärter Zweck des Liegenschaftserwerbs war die Errichtung eines Hauses mit Einfamilienhauscharakter mit drei Wohneinheiten für den privaten Eigenbedarf der Käufer. Die Verkäuferin übernahm die Haftung dafür, dass die Liegenschaft frei von bücherlichen und außerbücherlichen Lasten, ausgenommen der im Grundbuchsauszug ersichtlichen, sowie sonstiger Rechte Dritter ist. Vor diesem Hintergrund und angesichts der festgestellten Gegebenheiten vor Ort ist es – entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts – aus der Sicht eines redlichen Erklärungsempfängers nicht zu erwarten, dass über das erworbene Baugrundstück ein Schmutzwasserkanal verläuft. Gemessen an der Verkehrsauffassung konnten die Kläger daher berechtigt davon ausgehen, dass der Baugrund frei von solchen Anlagen ist, die die Nutzbarkeit des Grundstücks im Allgemeinen und dessen Bebaubarkeit im Besonderen – je nach Lage und Verlauf mehr oder weniger – beeinträchtigen.
3.3. Für das Fehlen dieser gewöhnlich vorausgesetzten Eigenschaft eines Baugrundes hat die Beklagte daher gewährleistungsrechtlich einzustehen. Auf die Leistungsfreiheit nach § 928 erster Satz ABGB kann sich die Beklagte – abgesehen von der Frage, welche Bedeutung der Vereinbarung der Lastenfreiheit in diesem Zusammenhang zukommt (vgl RS0018508 [T3]) – schon deshalb nicht berufen, weil dieser Sachmangel nach dem festgestellten Sachverhalt nicht augenfällig war. Auch der Schikaneeinwand der Beklagten ist nicht berechtigt. Rechtsmissbrauch liegt nach ständiger Rechtsprechung vor, wenn das unlautere Motiv einer Rechtsausübung das lautere Motiv eindeutig überwiegt. Der Schädigungszweck muss so augenscheinlich im Vordergrund stehen, dass andere Ziele der Rechtsausübung völlig in den Hintergrund treten (RS0025230; RS0026265). Die Beweislast trifft denjenigen, der sich auf den Rechtsmissbrauch beruft, wobei selbst relativ geringe Zweifel am Rechtsmissbrauch zugunsten des Rechtsausübenden den Ausschlag geben. Demjenigen, der an sich ein Recht hat, soll grundsätzlich zugestanden werden, dass er innerhalb der Schranken dieses Rechts handelt (RS0026205 [T4, T6, T9]). Die Beklagte erhob auch keine anderen rechtsvernichtenden Einwände.
4.1. Gemäß § 932 Abs 2 und 4 ABGB kann der Übernehmer (zunächst nur) die Verbesserung oder den Austausch der Sache verlangen, es sei denn, dass die Verbesserung oder der Austausch unmöglich ist oder für den Übergeber, verglichen mit der anderen Abhilfe, mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand verbunden wäre.
4.2. Es liegt am Übergeber (hier also an der Beklagten), sich auf die Unmöglichkeit der Verbesserung oder die Unverhältnismäßigkeit der Kosten zu berufen, also die Einrede der Unmöglichkeit oder Unverhältnismäßigkeit zu erheben, wenn er den Übernehmer auf die sekundären Gewährleistungsbehelfe verweisen will (6 Ob 151/12t [Unverhältnismäßigkeit] = RS0128891; vgl auch RS0034223; RS0034226).
4.3. Die Beklagte hat die Einrede der Unmöglichkeit oder Unverhältnismäßigkeit in erster Instanz nicht erhoben. Die Beklagte verweist zwar darauf, dass sie nicht mehr Eigentümerin jener Liegenschaft sei, der der Schmutzwasserkanal dient, und will daraus ihre mangelnde Passivlegitimation ableiten. Das Fehlen der Eigentümerstellung ist aber nicht gleichbedeutend mit der (rechtlichen) Unmöglichkeit der Verbesserung des Mangels durch Beseitigung des auf dem Grundstück der Kläger verlaufenden Kanalrohrs (vgl zu §§ 878, 920, 1447 ABGB: RS0016423; RS0109496; RS0016378; RS0018391). Unmöglichkeit bedeutet, dass der Leistung ein dauerhaftes Hindernis entgegensteht. Ein solches ist nur anzunehmen, wenn nach der Verkehrsauffassung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die Leistung auch in Zukunft nicht mehr erbracht werden kann (RS0109496 [T6]). Dass der Beklagte zur Erfüllung des ihm auferlegten Gebots der Mitwirkung eines Dritten bedarf, steht der Schaffung des diesbezüglichen Exekutionstitels nicht entgegen (RS0016423 [T7]). Die bloße Behauptung, der Dritte sei nicht bereit auf seine Rechte zu verzichten, genügt nicht, um die behauptete Unmöglichkeit der Leistung darzutun. Es müsste vielmehr vorgebracht und bewiesen werden, dass alles redlich Zumutbare unternommen wurde, um den Dritten zur Mitwirkung zu bewegen, dies allenfalls durch ein – noch nicht übermäßiges – finanzielles Angebot (RS0016423 [T8]).
5.1. Der geltend gemachte Verbesserungsanspruch nach § 932 Abs 2 ABGB besteht daher zu Recht. Der Revision war daher Folge zu geben und das Ersturteil ist im Ergebnis wiederherzustellen. Dazu ist der Vollständigkeit halber anzumerken, dass das Erstgericht die der Beklagten eingeräumte Lösungsbefugnis nicht in den Spruch aufgenommen und damit deren Beurkundung nach § 410 ZPO implizit abgelehnt hat. Mangels Rekurses der Kläger ist diese Ablehnung ihres Beurkundungsantrags in Rechtskraft erwachsen (vgl 6 Ob 71/99f; RS0087388 [T1]; RS0112038; RS0041477; RS0041484).
5.2. Die Kostenentscheidung gründet auf §§ 41, 50 ZPO. |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00143_19V0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127105 | 5Ob143/19v | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00143_19V0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00143_19V0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 1,956 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj M*, geboren am *, und des mj C*, geboren am *, derzeit in Pflege und Erziehung der Pflegeeltern J* und J*, wegen Obsorge, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Mutter N*, vertreten durch Mag. Dieter Wohlmuth, Rechtsanwalt in Leibnitz, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz vom 22. Juli 2019, GZ 2 R 148/19b-158, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Leibnitz vom 15. Mai 2019, GZ 8 Ps 22/13m-142, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Aus Anlass des Revisionsrekurses werden die Beschlüsse der Vorinstanzen aufgehoben. Die Rechtssache wird zur Ergänzung des Verfahrens und neuerlichen Entscheidung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Text
Begründung:
Die derzeit sieben bzw fünf Jahre alten Minderjährigen entstammen der Anfang 2016 aufgelösten Lebensgemeinschaft ihrer Eltern. Die Obsorge kam der Mutter alleine zu. Der Vater hat keinen regelmäßigen Kontakt zu den Kindern. Bereits im Zusammenhang mit der Geburt des mj C* kam es aufgrund einer psychiatrischen Diagnose der Mutter zur Unterbringung beider Buben auf einem Krisenpflegeplatz bis November 2014. Da nach dem damals eingeholten Gutachten eine Rückführung der Kinder zur Mutter unter der Bedingung ihrer weiteren medikamentösen und fachärztlichen Unterstützung und Einsetzung umfangreicher Hilfsmaßnahmen zu befürworten war, lebten die Kinder ab November 2014 wieder bei den Eltern. Über Ersuchen des Jugendhilfeträgers wurde 2015 neuerlich ein familienpsychologisches Gutachten zur Frage eingeholt, ob der Verbleib der Kinder in der Familie deren Wohl entspricht. Bei der Mutter wurde eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typus festgestellt und ihr mit Beschluss des Pflegschaftsgerichts aufgetragen, in vierteljährlichen Abständen Kopien des Depotpasses vorzulegen, aus dem sich ergibt, dass sie ein bestimmtes Medikament in Depotform vom behandelnden Arzt für Psychiatrie alle 14 Tage erhält. Dem kam die Mutter nach, sodass auch eine neuerliche Überprüfung ihrer Erziehungsfähigkeit nach Beendigung der Beziehung zum Vater der Kinder im Juni 2016 ergab, dass die psychische Gesundheit der Mutter und die Versorgung der Kinder ausreichend stabilisiert war.
Nachdem die Mutter im Herbst 2018 aber ihre Medikamente abgesetzt hatte, erlitt sie in weiterer Folge massive Impulsdurchbrüche im Kontakt mit Kindergartenpädagogen und den Mitarbeitern der Schule, außerdem kam es zu Einschränkungen bei der Sauberkeit der Wohnung und der Körperhygiene. Aufgrund mehrerer beim Kinder- und Jugendhilfeträger eingelangter Gefährdungsmeldungen und des psychischen Gesundheitszustands der Mutter brachte der Kinder- und Jugendhilfeträger am 3. 12. 2018 die beiden Minderjährigen auf einem Krisenpflegeplatz bei den Pflegeeltern unter, die den Kindern bereits bekannt waren. Mit Beschluss vom 22. Jänner 2019 wurde diese Maßnahme vom Erstgericht für zulässig erklärt.
Der Kinder- und Jugendhilfeträger beantragte der Mutter gemäß § 181 ABGB die Obsorge zur Gänze zu entziehen und ihm zu übertragen. Die fehlende Krankheitseinsicht und die damit verbundene Ablehnung der Medikamenteneinnahme habe zu der massiven psychischen Instabilität der Mutter mit einer hohen verbalen Impulskontrollproblematik geführt, die für die Kinder beängstigend sei. Auch die Hygiene der Mutter und der beiden Kinder sei mangelhaft, weshalb die Kinder einen verwahrlosten Eindruck hinterlassen.
Die Mutter sprach sich gegen die Obsorgeentziehung aus, der Vater beteiligte sich am Verfahren nicht.
Das Erstgericht entzog der Mutter die Obsorge im Teilbereich der Pflege und Erziehung und übertrug sie dem Kinder- und Jugendhilfeträger. Über die eingangs wiedergegebenen Feststellungen hinaus ging es aufgrund des kinderpsychologischen Gutachtens davon aus, dass die Mutter derzeit nicht in der Lage sei, den Kindern eine stabile, strukturierte, gedeihliche und liebevoll konsequente Erziehung zu ermöglichen. Diese Einschränkung ihrer Erziehungsfähigkeit hänge mit ihrer psychischen Verfassung zusammen. Sofern diese psychische Erkrankung nicht behandelt und eine gesunde psychische Stabilität nicht erreicht werde, sei das Kindeswohl bei Rückführung der Kinder in den mütterlichen Haushalt gefährdet. Eine Fremdunterbringung kombiniert mit einem kontinuierlichen Kontaktrecht zur Mutter sei daher erforderlich.
Das Rekursgericht gab dem dagegen erhobenen Rekurs der Mutter nicht Folge. Die durch die psychische Erkrankung der Mutter hervorgerufene Instabilität und Impulsivität bewirke ihre mangelnde Erziehungsfähigkeit, sodass deren Rückführung in den mütterlichen Haushalt als kindeswohlgefährdend anzusehen sei. Den ordentlichen Revisionsrekurs ließ das Rekursgericht mangels erheblicher Rechtsfragen nicht zu.
Gegen diese Entscheidung richtet sich der außerordentliche Revisionsrekurs der Mutter, mit dem Antrag, die Entscheidung des Rekursgerichts (allenfalls auch als nichtig) aufzuheben.
Der Kinder- und Jugendhilfeträger beteiligte sich am Revisionsrekursverfahren nicht.
Rechtliche Beurteilung
Den Entscheidungen der Vorinstanzen haftet der Verfahrensmangel der Verletzung des rechtlichen Gehörs gemäß § 66 Abs 1 Z 1 iVm § 58 Abs 1 Z 1 AußStrG an, der in diesem Revisionsrekursverfahren – analog § 55 Abs 3 AußStrG – von Amts wegen wahrzunehmen ist.
1. Gemäß § 181 Abs 1 ABGB hat das Gericht die zur Sicherung des Kindeswohls nötigen Verfügungen zu treffen, sofern die Eltern durch ihr Verhalten das Wohl eines minderjährigen Kindes gefährden. Solche Verfügungen können nach § 181 Abs 2 Satz 1 ABGB – unter anderem – vom Kinder- und Jugendhilfeträger beantragt werden, wie dies hier der Fall war. Diesem kam überdies nach § 211 Abs 1 letzter Satz ABGB im Umfang der getroffenen Sofortmaßnahme auch die vorläufige Obsorge zu.
2. Eine Parteistellung im Obsorgeverfahren kann sich losgelöst von der Antragslegitimation nach § 181 Abs 2 Satz 1 ABGB aber auch daraus ergeben, dass die Entscheidung im Sinn des § 2 Abs 1 Z 3 AußStrG unmittelbar in die rechtlich geschützte Stellung einer Person eingreift. Eine solche Rechtsposition verschafft § 178 ABGB den (bisher nicht obsorgeberechtigten) Elternteilen, den Großeltern und den Pflegeeltern. § 178 ABGB normiert nämlich im Fall der Verhinderung eines allein obsorgeberechtigten Elternteils die Übertragung der Obsorge an den anderen Elternteil, die Großeltern (den Großelternteil) oder die Pflegeeltern (den Pflegeelternteil). Eltern, Großeltern und Pflegeeltern haben nach § 178 ABGB Vorrang vor Dritten (RS0123509 [T1]; jüngst 1 Ob 189/18b mwN). Nur wenn weder Eltern noch Großeltern oder Pflegeeltern mit der Obsorge betraut sind oder betraut werden können, ist eine andere geeignete Person mit der Obsorge zu betrauen (§ 204 ABGB). Die Übertragung der Obsorge an den Kinder- und Jugendhilfeträger kann dabei wiederum nur das letzte Mittel zur Hintanhaltung einer Gefährdung des Kindeswohls sein. Das Gericht hat die Obsorge dem Kinder- und Jugendhilfeträger nur dann zu übertragen, wenn sich dafür Verwandte oder andere nahestehende oder sonst besonders geeignete Personen nicht finden (§ 209 ABGB).
3. Konsequenz der in § 178 ABGB normierten materiellen Rechtsposition der Eltern, Großeltern und Pflegeeltern ist deren Parteistellung im Verfahren. Soll die Obsorge dem bisher alleinobsorgeberechtigten Elternteil entzogen und einer anderen Person übertragen werden, hat der andere Elternteil jedenfalls, also unabhängig von einer Antragstellung, Parteistellung. Stellt sich heraus, dass beide Elternteile nicht imstande sind, die Obsorge zum Wohl des Kindes auszuüben, also eine dritte Person (dann aber vorrangig die Großeltern) damit betraut werden müsse, kommt eine Parteistellung der Großeltern in Betracht (6 Ob 178/06d; 1 Ob 189/18b; G. Kodek in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG § 2 Rz 108). Das materielle Recht schützt die Stellung letzterer also dann, wenn nicht der andere Elternteil betraut wird oder auch dieser verhindert ist (5 Ob 68/15h mwN).
4. Damit kommt dem leiblichen Vater der beiden Minderjährigen hier jedenfalls Parteistellung zu. Das Erstgericht hat dem Rechnung getragen, ihn zu Tagsatzungen geladen und ihm auch das kinderpsychologische Gutachten und die Entscheidung zugestellt. Überwiegend kamen die Sendungen als nicht behoben retour, der Vater beteiligte sich am Verfahren nicht. Gegenüber dem Sachverständigen teilte er am 19. 2. 2019 telefonisch mit (Gutachten ON 115, S 44 f), er könne aufgrund seiner Berufstätigkeit keine Betreuung für seine Kinder übernehmen, sei im Fall einer längerfristigen Unterbringung bei einer Pflegefamilie aber an einem Kontaktrecht etwa einmal im Monat interessiert. Die Vorinstanzen gingen offenbar aufgrund dieser Umstände davon aus, der Vater sei nicht in der Lage bzw auch unwillig die Obsorge für seine beiden Söhne im Bereich der Pflege und Erziehung zu übernehmen.
5. Im Hinblick auf die verneinte Eignung (auch) des Vaters hätten die Vorinstanzen aber die Parteistellung sämtlicher Großeltern der Kinder zu berücksichtigen gehabt. Aktenkundig ist zwar, dass die Eltern der Mutter geschieden sind, sie aber zu beiden Kontakt hielten und die mütterliche Großmutter etwa auch die Kinder fallweise betreute. Ungeachtet dessen wurden die – namentlich nicht bekannten – mütterlichen Großeltern weder zur Verhandlung geladen noch wurden ihnen die Verfahrensergebnisse oder die Beschlüsse der Vorinstanzen zugestellt, worin eine Verletzung des ihnen nach § 15 AußStrG zu gewährenden rechtlichen Gehörs liegt (5 Ob 68/15h; 1 Ob 189/18b). Auszuschließen ist eine derartige Gehörverletzung auch in Bezug auf väterliche Großeltern nicht, zu denen der bisherige Akteninhalt keine Aufschlüsse bietet.
6. Zu berücksichtigen ist weiters, dass gemäß § 184 ABGB auch Pflegeeltern, die die Pflege und Erziehung des Kindes ganz oder teilweise besorgen und zu denen eine dem Verhältnis zwischen leiblichen Eltern und Kindern nahekommende Beziehung besteht oder hergestellt werden soll, in dem die Person des Kindes betreffenden Pflegschaftsverfahren das Antrags- und auch das Rekursrecht zusteht (RS0006506 [T2, T5]; RS0118141), und zwar auch in Verfahren, die nicht über ihren Antrag eingeleitet wurden. Auf die Art des Begründungsakts kommt es dabei nicht an, bei Vorliegen der Tatbestandsmerkmale ist die Pflegeelterneigenschaft kraft Gesetzes gegeben (8 Ob 54/11s mwN). Wenn auch Personen nicht unter den Pflegeelternbegriff fallen, die das Kind von vornherein nur vorübergehend oder ohne Eingliederung in ihren eigenen Lebenszusammenhang betreuen (wie bei der Tagesmutter, der Betreuung während urlaubsbedingter Abwesenheit, im Internat oder Heim – Hopf in KBB5 § 184 ABGB Rz 1), ist bei sogenannten „Krisenpflegeeltern“ zu unterscheiden. Besteht von vornherein die Absicht, die Kinder in einer akut gefährdeten Lebenssituation nur für einen von vornherein begrenzten Zeitraum aufzunehmen, ohne dass der Aufbau einer dauerhaften familienähnlichen Beziehung angestrebt wird, wird man nicht von einer Pflegeelternstellung im Sinn des § 184 ABGB ausgehen können (so auch Hopf aaO; 8 Ob 54/11s). Ein solcher Fall liegt nach den Feststellungen hier nicht vor: Abgesehen davon, dass die Minderjährigen mittlerweile bereits fast ein Jahr lang dauerhaft bei den Pflegeeltern leben, waren ihnen diese schon von vorhergehenden Unterbringungen als Pflegeeltern bekannt. Aus den Sachverständigengutachten ergibt sich, dass zwischen den Pflegeeltern und den Minderjährigen eine dem Verhältnis zwischen leiblichen Eltern und Kindern bereits nahe kommende Beziehung entstanden ist (vgl auch 8 Ob 54/11s, wo in einem vergleichbaren Fall – psychische Erkrankung der Mutter, Unterbringung des Kindes bei Krisenpflegeeltern, bei denen es etwa ein Jahr lang aufhältig war – von einer Parteistellung der Pflegeeltern ausgegangen wurde).
7. Die Nichtgewährung des rechtlichen Gehörs zwingt zur Aufhebung der Entscheidungen der Vorinstanzen. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist im Außerstreitverfahren zwar nur dann von Amts wegen wahrzunehmen, wenn die Gehörverletzung Einfluss auf die Richtigkeit der Entscheidung haben konnte (RS0119971 [T7]). Gemäß § 58 Abs 1 und 3 AußStrG ist vor der Entscheidung auf Aufhebung und Zurückverweisung der Außerstreitsache in eine Vorinstanz also zu überprüfen, ob nicht eine Bestätigung selbst aufgrund der Angaben im Rechtsmittelverfahren oder eine Abänderung ohne weitere Erhebungen möglich ist. Hier waren aber sämtliche Großelternteile und auch die Pflegeeltern zu einem Vorbringen gar nicht in der Lage. Die Verletzung ihres rechtlichen Gehörs muss im Revisionsrekursverfahren zur Aufhebung führen (5 Ob 68/15h mwN; 1 Ob 189/18b). Eine Sanierung durch Zustellung lediglich des rekursgerichtlichen Beschlusses im Sinn des Vorrangs der Sacherledigung (vgl RS0123128) kommt hier nicht in Betracht, weil die Gehörverletzung mit der Notwendigkeit einer Verfahrensergänzung einhergeht (5 Ob 68/15h; 1 Ob 189/18b mwN). Mit der bloßen Rechtsausführung des Erstgerichts, verwandte oder andere nahestehende oder sonst besonders geeignete Personen für die Obsorge im Bereich Pflege und Erziehung ließen sich nicht finden, kann hier nicht das Auslangen gefunden werden.
8. Da die Obsorgeentscheidung zukunftsbezogene Rechtsgestaltung ist, kann sie nur dann sachgerecht sein, wenn sie auf aktueller und ausreichender Sachverhaltsgrundlage beruht (RS0106312). Das gemäß § 66 Abs 2 AußStrG im Revisionsrekursverfahren an sich geltende Neuerungsverbot ist daher im Obsorgeverfahren aus Gründen des Kindeswohls insofern durchbrochen, als der Oberste Gerichtshof aktenkundige Entwicklungen, die die bisherige Tatsachengrundlage wesentlich verändern, auch dann berücksichtigen müsste, wenn sie erst nach der Beschlussfassung einer der Vorinstanzen eingetreten sind (RS0106312 [T1]). Soweit die Mutter im Revisionsrekurs mit ihrer wesentlich verbesserten psychischen Verfassung argumentiert, wird darauf im fortgesetzten Verfahren daher einzugehen sein, zumal die Mutter in den an die Erstrichterin übersendeten Mitteilungen auch behauptet, sich aktuell wieder einer Therapie ihrer psychischen Erkrankung zu unterziehen und zum Beweis dafür auch einen Therapiepass in Kopie vorgelegt hat. Da die mangelnde Krankheitseinsicht der Mutter, die damit zusammenhängende Verweigerung der empfohlenen Medikation und die dadurch bewirkte Impulsivität und Instabilität wesentliche Argumente gegen eine ausreichende Erziehungsfähigkeit der Mutter waren, wird das Erstgericht nicht nur die Großeltern und Pflegeeltern dem Verfahren beizuziehen, sondern auch zu dieser Frage ergänzende Feststellungen zu treffen haben. Erst aufgrund dessen wird eine abschließende Beurteilung der Berechtigung des Obsorgeentziehungsantrags des Kinder- und Jugendhilfeträgers möglich sein. |
JJT_20191128_OGH0002_0020OB00003_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127106 | 2Ob3/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00003_19H0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00003_19H0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 2,432 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Veith als Vorsitzenden und den Hofrat Dr. Musger, die Hofrätin Dr. Solé und die Hofräte Dr. Nowotny und Mag. Pertmayr als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei J* M*, vertreten durch PHH Prochaska Havranek Rechtsanwälte GmbH & Co KG in Wien, gegen die beklagte Partei M* M*, vertreten durch Mag. Patrick Thun-Hohenstein, Rechtsanwalt in Salzburg, wegen 45.669,11 EUR sA und Feststellung (Streitwert 5.000 EUR), über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Linz als Berufungsgericht vom 7. November 2018, GZ 4 R 129/18w-81, mit welchem das Urteil des Landesgerichts Salzburg vom 25. Juli 2018, GZ 8 Cg 21/15d-74, teilweise abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen und zu Recht erkannt:
Spruch
Der außerordentlichen Revision wird teilweise Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil, das im Zuspruch von 4.650,36 EUR samt Zinsen rechtskräftig geworden ist, wird in der Abweisung eines Begehrens von 27.325,41 EUR samt Zinsen als Teilurteil bestätigt.
Die Entscheidung über die auf diesen Teil des Streitgegenstands entfallenden Kosten des Verfahrens aller drei Instanzen bleibt dem Endurteil vorbehalten.
Hingegen werden die Urteile der Vorinstanzen über das weitere Zahlungsbegehren von 13.693,34 EUR samt Zinsen aufgehoben, und die Rechtssache wird insofern zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Die Entscheidung über die auf diesen Teil des Streitgegenstands entfallenden Kosten des Revisionsverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Parteien sind Söhne des 2012 verstorbenen Erblassers. Der Kläger macht gegen den Beklagten als Alleinerben den Nachlasspflichtteil geltend. Im Revisionsverfahren ist unstrittig, dass
-Â die Aktiva des Nachlasses jedenfalls 652.444,24Â EUR betragen, wobei darin der Wert eines Wasserbezugsrechts mit 35.679,84Â EUR enthalten ist,
-Â die Passiva des Nachlasses 37.517,95Â EUR betragen,
- der Pflichtteil des Klägers ein Zwölftel beträgt,
- der Kläger bereits 46.593,50 EUR auf den Pflichtteil erhalten hat.
Strittig sind demgegenüber der Wert des Wasserbezugsrechts und die Nichtberücksichtigung eines (angeblichen) Anspruchs des Beklagten auf Zahlung eines Benutzungsentgelts für einen unter einer Nachlassliegenschaft gegrabenen Stollen. Der Kläger behauptet insofern Barwerte von 200.000 EUR (Wasserbezugsrecht) und 400.000 EUR (Benutzungsentgelt), die die Aktiva entsprechend erhöhten. Dem liegt folgender Sachverhalt zugrunde:
Zum Nachlass gehört eine Liegenschaft mit mehreren Gebäuden, darunter eine „Brathendlstation“, und einer Grundfläche von 56.378 m2. Die Liegenschaft ist nicht an die Ortswasserleitung angeschlossen. Früher erfolgte die Wasserversorgung durch Eigenquellen, die jedoch mit dem Bau eines Salinenstollens versiegten. Daher verpflichtete sich der Betreiber der Saline zur Ersatzlieferung von 24 m³ Wasser pro Tag. Diese Verpflichtung wird laufend erfüllt, wobei das Wasser als Trinkwasser geeignet ist. In der wasserrechtlichen Bewilligung sind als nutzungsberechtigt der Betreiber der Saline und als Mitbenützungsberechtigte die Nachlassliegenschaft und eine „Klostermühle“ genannt.
Der maximale Wasserbedarf für die Liegenschaft beträgt 1.184 m³ pro Jahr. Die nicht verbrauchte Wassermenge wird nicht verwertet und fließt ab. Sie steht „theoretisch als verfügbare Menge zur Disposition, derzeit gibt es dafür aber keine Abnehmer“. Auf Basis der derzeitigen wasserrechtlichen Bewilligung ist eine Nutzung des Wassers durch Dritte nicht zulässig.
Unter der Liegenschaft befinden sich Teile eines Stollens, der im Jahr 1944 im Auftrag und auf Rechnung des Deutschen Reiches errichtet worden war. Der Erblasser hatte 1994 die Republik Österreich auf Zuschütten dieses Stollen geklagt. In einem Aufhebungsbeschluss (6 Ob 2164/96w) qualifizierte der Oberste Gerichtshof den Stollen als sonderrechtsfähiges unterirdisches Bauwerk, an dem das Deutsche Reich durch Bauführung originär Eigentum erworben habe. Dieses Eigentum sei im Weg der Einzelrechtsnachfolge auf die Republik Österreich übergegangen. Mit Beendigung des Krieges und Aufhebung der einschlägigen Rechtsvorschriften sei das Benutzungsrecht an der Liegenschaft erloschen. Da es an weiteren gesetzlichen Regelungen und auch an einer privatrechtlichen Vereinbarung über das weitere Schicksal des Stollens fehle, sei dessen Schicksal nach Privatrecht zu beurteilen. Nach § 863 ABGB sei nach den Grundsätzen von Treu und Glauben zu ermitteln, wie Parteien im redlichen Verkehr die hier unterlassene Regelung für die Zeit nach Ende der Benutzungsberechtigung getroffen hätten. Vernünftige Vertragsparteien hätten angesichts der an wirtschaftliche Unmöglichkeit grenzenden Kosten einer Beseitigung die Belassung des unterirdischen Stollens vereinbart, solange der Grundeigentümer dadurch nicht beeinträchtigt werde. Bis zu einem solchen Zeitpunkt sei ein auf § 523 ABGB gestützter Beseitigungsanspruch rechtsmissbräuchlich.
Das Verfahren ruht seit diesem Aufhebungsbeschluss. Das Eigentum am Stollen ging in weiterer Folge auf die B*gesellschaft mbH über. Diese verweigert die Zahlung eines Benutzungsentgelts. Auswirkungen des Stollens auf die Liegenschaft sind ausgeschlossen. Das Gebirge ist standfest und übernimmt die „Spannungsumlagerungen“, die sich aus dem Bau des Stollens ergeben haben.
Der Kläger macht, soweit für das Revisionsverfahren relevant, einen Pflichtteilsergänzungsanspruch von 45.669,11 EUR geltend. Das Wasserbezugsrecht sei nicht nach der tatsächlichen Nutzung, sondern nach der Berechtigung zu bewerten. Daraus ergebe sich ein Wert von 200.000 EUR. Das Belassen des Stollens sei als Nutzung der Liegenschaft zu qualifizieren, wofür der Eigentümer des Stollens ein Benutzungsentgelt zu leisten habe. Dieses Entgelt habe einen kapitalisierten Wert von 400.000 EUR. Die Aktiva der Verlassenschaft seien entsprechend höher, sodass das Klagebegehren jedenfalls berechtigt sei.
Der Beklagte wendet dazu ein, dass der Wasserbezug nur nach der tatsächlichen Nutzung zu bewerten sei und kein Anspruch auf Leistung eines Benutzungsentgelts bestehe. Daher seien in die Bemessungsgrundlage nicht die vom Kläger angeführten Beträge, sondern lediglich der der tatsächlichen Nutzung entsprechende Wert des Wasserbezugsrechts einzubeziehen.
Das Erstgericht verpflichtete den Beklagten zur Zahlung von 3.900,36 EUR samt Zinsen und wies das Mehrbegehren ab. Das Wasserbezugsrecht sei nach der tatsächlichen Nutzung (nur) mit 35.679,84 EUR zu bewerten. Da die Eigentümerin des Stollens nicht zu dessen Beseitigung verpflichtet sei, bestehe insofern auch kein Anspruch auf Benutzungsentgelt.
Das von beiden Parteien angerufene Berufungsgericht änderte diese Entscheidung dahin ab, dass es dem Kläger 4.650,36 EUR samt Zinsen zusprach und das Mehrbegehren von 41.018,75 EUR abwies. Die ordentliche Revision ließ es nicht zu.
Der über das Ersturteil hinausgehende Zuspruch beruht auf der Einbeziehung eines Servitutsentgelts in die Aktiva der Verlassenschaft und ist im Revisionsverfahren nicht strittig. Zum Wasserbezugsrecht und zum Benutzungsentgelt teilte das Berufungsgericht die Rechtsansicht des Erstgerichts. Bei aufschiebend bedingten oder sonst unsicheren Rechten gebühre der Pflichtteil erst mit Eintritt der Bedingung oder Einbringung oder Sicherstellung der Forderung. Beim Wasserbezugsrecht stehe fest, dass es derzeit keine Abnehmer gebe und die nicht verbrauchte Menge nicht verwertet werde; weiters fehle eine wasserrechtliche Bewilligung für eine weitere Nutzung. Die bloße Verwertungsmöglichkeit – also ein unsicheres Recht – sei nicht zu berücksichtigen. In Bezug auf den Stollen, den dessen Eigentümerin tatsächlich nicht nutze, sei ein Beseitigungsbegehren nach der zitierten Entscheidung des Obersten Gerichtshofs rechtsmissbräuchlich, weil der Stollen nach den Feststellungen keine negativen Auswirkungen auf die Liegenschaft habe. Damit bestehe aber auch kein Anspruch auf Benutzungsentgelt. Die Revision sei wegen der Einzelfallbezogenheit nicht zulässig.
Mit seiner außerordentlichen Revision begehrt der Kläger eine zur Gänze stattgebende Entscheidung über das Zahlungsbegehren, hilfsweise stellt er einen Aufhebungsantrag. Er vertritt weiterhin die Auffassung, dass das Wasserbezugsrecht nach der Berechtigung und nicht nach der tatsächlichen Nutzung zu bewerten sei und dass dem Beklagten für das Belassen des Stollens ein Benutzungsentgelt zustehe, das in kapitalisierter Form in die Bemessungsgrundlage für den Pflichtteil einzubeziehen sei. Dies führe zu einem das Begehren übersteigenden Pflichtteilsergänzungsanspruch.
Der Beklagte verweist in der ihm vom Obersten Gerichtshof freigestellten Revisionsbeantwortung auf die seiner Ansicht nach zutreffende Rechtsansicht des Berufungsgerichts und beantragt, die Revision zurückzuweisen, hilfsweise ihr nicht Folge zu geben.
Die außerordentliche Revision des Klägers ist zulässig, weil die Einbeziehung unsicherer Rechte in die Bemessungsgrundlage für den Pflichtteil einer Klarstellung bedarf. Sie ist teilweise im Sinn des Aufhebungsantrags berechtigt.
Rechtliche Beurteilung
1. Die Auffassung der Vorinstanzen, dass in die Bemessungsgrundlage für den Pflichtteil kein kapitalisiertes Benutzungsentgelt für das Belassen des Stollens aufzunehmen ist, trifft zu.
1.1. Der Oberste Gerichtshof hat in den Entscheidungen 1 Ob 513/93 und 6 Ob 2164/96w die Rechtsverhältnisse am hier strittigen Stollen dargelegt. Es handelt sich dabei um ein sonderrechtsfähiges Bauwerk, das mangels ursprünglicher Belassungsabsicht einem Superädifikat gleichzuhalten ist und zunächst im Eigentum des Deutschen Reiches stand; nach Art 22 des Staatsvertrags von Wien (BGBl 1955/152) und § 3 des 1. Staatsvertragsdurchführungsgesetzes (BGBl 1956/165) ging das Eigentum (zunächst) auf die Republik Österreich über (1 Ob 513/93). Zwar ist das Recht des Stolleneigentümers, die Liegenschaft zu nutzen, mit Außerkrafttreten der diesbezüglichen Regelungen des (reichs)deutschen Rechts erloschen. Angesichts der an wirtschaftliche Unmöglichkeit grenzenden Kosten einer Beseitigung hätten aber vernünftige Parteien für diesen Fall die Weiterbelassung des Stollens vereinbart, solange das Grundeigentum dadurch nicht beeinträchtigt wird. Bis zu einem solchen Zeitpunkt wäre ein auf § 523 ABGB gestützter Beseitigungsanspruch rechtsmissbräuchlich (6 Ob 2164/96w).
1.2. Nach den im vorliegenden Verfahren getroffenen Feststellungen ist eine Beeinträchtigung der Liegenschaft durch den Stollen ausgeschlossen. Es ist auch nicht erkennbar, dass der Beklagte in irgendeiner Weise an der Nutzung seiner Liegenschaft gehindert würde. Damit besteht kein Beseitigungsanspruch des Beklagten.
1.3. Der Beklagte hat auch keinen Anspruch auf das hier strittige Benutzungsentgelt.
(a) Mangels Leistung durch den Beklagten könnte Anspruchsgrundlage für ein Benutzungsentgelt nur § 1041 ABGB sein. Diese bereicherungsrechtliche Bestimmung dient dem Ausgleich einer Vermögensverschiebung durch zuweisungswidrige Nutzung eines Rechtsguts (Apathy in Schwimann/Kodek4 § 1041 Rz 2; Koziol/Spitzer in KBB5 § 1041 Rz 1; Meissel in Rummel/Lukas4 § 1041 Rz 1). Sie setzt zwar weder einen Schaden des Gläubigers noch ein Verschulden des Schuldners voraus (7 Ob 540/92 SZ 65/6; 4 Ob 258/98i SZ 71/169; 4 Ob 106/09f; Apathy und Meissel aaO), wohl aber – da sonst keine zuweisungswidrige Vermögensverschiebung vorliegt – einen zumindest objektiv vorhandenen Nutzen des Schuldners (1 Ob 39/03x; 4 Ob 163/09p; 4 Ob 126/10y; Apathy in Schwimann/Kodek4 § 1041 Rz 4 [Vorteile aus der Sache]; Meissel in Rummel/Lukas4 § 1041 Rz 5 [in Geld schätzbarer Vorteil]; Koziol/Spitzer in KBB5 § 1041 Rz 1 [Vorteile gezogen]).
(b) Im vorliegenden Fall ist kein solcher Nutzen oder Vorteil des Stolleneigentümers erkennbar. Zwar zeigt die Revision richtig auf, dass das bloße Vorhandensein des Stollens als Verwendung der Liegenschaft des Beklagten verstanden werden kann. Der Stollen wird aber von seinem Eigentümer nicht mehr für eigene Zwecke betrieben, sodass er daraus keinen wie immer gearteten Vorteil zieht. Damit fehlt eine Vermögensverschiebung, die nach § 1041 ABGB rückgängig zu machen wäre.
(c) Der in der Revision angestellte Vergleich mit einem nach Ablauf des Benutzungsrechts nicht entfernten Superädifikat im eigentlichen Sinn hilft dem Kläger nicht weiter. Denn in diesem Fall beeinträchtigte das rechtswidrige Belassen des Bauwerks die Nutzung der Liegenschaft, was zu einem Schadenersatzanspruch des Eigentümers führte, der auf den Entgang des Erlöses einer solchen Nutzung gerichtet sein könnte. Ein vergleichbarer Fall liegt hier mangels Beeinträchtigung der Nutzungsmöglichkeiten nicht vor. Auf die Frage, ob die Rechtsmissbräuchlichkeit des Beseitigungsbegehrens einen Ersatzanspruch von vornherein ausschlösse, kommt es daher nicht an.
2. Hingegen ist das Verfahren in Bezug auf den Wert des Wasserbezugsrechts nicht spruchreif.
2.1. Wegen des Erbfalls vor dem 1. Jänner 2017 sind auf den Pflichtteilsanspruch des Klägers noch die erbrechtlichen Vorschriften vor Inkrafttreten des ErbRÄG 2015 anzuwenden. Danach war der Nachlass bis zur „wirklichen Zuteilung“ des Pflichtteils ein gemeinschaftliches Gut von Erben und Pflichtteilsberechtigten (§ 786 S 2 ABGB aF). Daher nahmen die Pflichtteilsberechtigten bis dahin an der wirtschaftlichen Entwicklung des Nachlasses teil. Im Ergebnis bestimmte sich die Höhe des Pflichtteils daher nach dem Wert der Verlassenschaft zu diesem Zeitpunkt (3 Ob 315/05b SZ 2006/45; RS0012933 [T7]). Maßgebend war im Pflichtteilsprozess der Schluss der Verhandlung erster Instanz (3 Ob 315/05b; 2 Ob 208/09s).
2.2. Im vorliegenden Fall haben die Vorinstanzen den Wert des Wasserbezugsrechts nach der Nutzung zu diesem Zeitpunkt ermittelt, wobei sie den vom Sachverständigen ermittelten Bedarf der Liegenschaft (1.184 m³ pro Jahr) zugrunde legten. Dass der Wert des Bezugsrechts zumindest in dieser Höhe in die Bemessungsgrundlage einzufließen hat, ist unstrittig. Das Recht als solches besteht allerdings im Umfang von 8.760 m³ pro Jahr (365 x 24 m³). Den Feststellungen ist nicht zu entnehmen, dass eine weitergehende Nutzung geradezu ausgeschlossen wäre. Es ist daher zu prüfen, ob und unter welchen Voraussetzungen eine bloße Nutzungsmöglichkeit in die Bewertung des Rechts einzufließen hat. Zwar ist das Recht als solches nicht unsicher, wohl aber ist unsicher, ob das Recht tatsächlich im vollen Umfang genutzt werden kann.
2.3. Im Schrifttum werden zur Bewertung eines aufschiebend bedingten oder „unsicheren“ Rechts zwei Ansätze vertreten: Nach einer Ansicht gebührt der Pflichtteil in diesem Fall erst bei Eintritt der Bedingung bzw Einbringung oder Sicherstellung des Rechts (Ehrenzweig, System II/22 Familien- und Erbrecht [1937] 587; Gschnitzer/Faistenberger, Erbrecht2 [1983] 103; Welser in Rummel/Lukas4 § 784 Rz 4; ders, Erbrechtskommentar § 779 Rz 8), nach der anderen ist das Recht nach Wahrscheinlichkeitskriterien zu bewerten (Kralik, Erbrecht [1983] 292; Weiß in Klang III2 903 f [beide für aufschiebend bedingte Rechte]; Nemeth in Schwimann/Kodek4 § 802 Rz 23). Der Oberste Gerichtshof ist in einer älteren Entscheidung (4 Ob 550, 551/73 NZ 1974, 91) für „einfache Fälle“ eines unsicheren Rechts der zweitgenannten Ansicht gefolgt.
2.4. Nach der erstgenannten Ansicht könnten weitere Pflichtteilsansprüche auch noch Jahre nach dem Tod des Erblassers entstehen. Das sprach schon nach altem Recht gegen die Berücksichtigung unsicherer oder aufschiebend bedingter Rechte erst mit Einbringung bzw Eintritt der Bedingung (Weiß, Kralik aaO). Nach dem hier noch nicht anzuwendenden neuen Recht wäre auch die Wertung des § 762 ABGB zu berücksichtigen, wonach einer Zuwendung anhaftende Bedingungen der Eignung zur Pflichtteilsdeckung nicht entgegenstehen, sondern nur – notwendigerweise nach Wahrscheinlichkeitskriterien – bei der Bewertung der Zuwendung zu berücksichtigen sind. Das spricht dafür, aufschiebend bedingte oder unsichere Rechte auch in Bezug auf die Bemessungsgrundlage nicht unberücksichtigt zu lassen, sondern mit einem Schätzwert anzusetzen.
2.5. Diese Überlegungen sind auf den vorliegenden Fall zu übertragen, in dem zwar das Recht als solches sicher ist, seine Ausübung in der Zukunft aber unsicher. Ein bloßes Abstellen auf die aktuelle Nutzung benachteiligte den Pflichtteilsberechtigten, dessen Anspruch vom subjektiven Verhalten des Erben abhinge. Die Maßgeblichkeit allein der rechtlich möglichen Nutzung benachteiligte demgegenüber den Erben, da der Pflichtteilsanspruch dann nicht nur unabhängig von seinen subjektiven Verhältnissen (konkrete Nutzung) zu bemessen wäre, sondern auch losgelöst von den objektiven Nutzungsmöglichkeiten. Den Interessen beider Seiten wird daher nur eine an den objektiven Nutzungsmöglichkeiten orientierte Schätzung des Rechts gerecht.
2.6. Aufgrund dieser Erwägungen ist der Wert des Wasserbezugsrechts nicht allein aufgrund der derzeitigen Nutzung, sondern auch aufgrund objektiver Nutzungsmöglichkeiten durch einen vernünftigen Liegenschaftseigentümer zu ermitteln. Dabei werden insbesondere mögliche Änderungen der wasserrechtlichen Bewilligung, ein durch eine mögliche andere Nutzung der Liegenschaft erhöhter Wasserbedarf und die allfällige Möglichkeit der Verwertung des Wassers zur Versorgung Dritter zu berücksichtigen sein. Wie diese Elemente in die Bewertung einfließen, ist dann eine auf der Tatsachenebene zu lösende Frage. Unter Umständen wäre es auch möglich, den Wert des Rechts aus einer durch die Möglichkeit einer weitergehenden Nutzung bedingten Erhöhung des Verkehrswerts der Liegenschaft abzuleiten. Insofern ist die Sache jedenfalls noch nicht spruchreif.
3. Diese Erwägungen führen zu einer teilweisen Aufhebung des angefochtenen Urteils.
3.1. Der vom Kläger behauptete Wert des Wasserbezugsrecht von 200.000 EUR erhöhte die Aktiva um 164.320,16 EUR auf 816.764,40 EUR, was unter Berücksichtigung der unstrittigen Passiva von 46.593,50 EUR zu einem Pflichtteil von 64.937,20 EUR führte. Abzüglich bereits geleisteter Zahlungen ergäbe sich ein Anspruch von 18.343,70 EUR, wovon dem Kläger bereits ein Teilbetrag von 4.650,36 EUR rechtskräftig zugesprochen wurde. Hätte der Kläger zur Gänze Erfolg, erhöhte sich sein Anspruch daher um 13.693,34 EUR. In diesem Umfang sind die abweisenden Entscheidungen der Vorinstanzen aufzuheben, und dem Erstgericht ist die neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufzutragen. Im Übrigen ist die Abweisung, die insofern auf dem Nichtansetzen eines Benutzungsentgelts für den Stollen beruht, als Teilurteil zu bestätigen.
3.2. Im fortgesetzten Verfahren wird das Erstgericht den Kläger zu einem konkreten Vorbringen zu den objektiven Nutzungsmöglichkeiten des Wasserbezugsrechts (oben 2.6.) aufzufordern haben. Auf der Grundlage des darüber geführten Beweisverfahrens wird der Wert des Rechts gegebenenfalls neu zu ermitteln sein.
4. Die Kostenentscheidung gründet sich für den Aufhebungsbeschluss auf § 52 Abs 1 S 3 ZPO und für das Teilurteil auf § 52 Abs 4 ZPO. |
JJT_20191118_OGH0002_0080OB00099_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127107 | 8Ob99/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00099_19W0000_000/JJT_20191118_OGH0002_0080OB00099_19W0000_000.html | 1,574,035,200,000 | 516 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsrekursgericht durch den Senatspräsidenten Hon.-Prof. Dr. Kuras als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Tarmann-Prentner und Mag. Korn, den Hofrat Dr. Stefula und die Hofrätin Mag. Wessely-Kristöfel als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden und gefährdeten Parteien 1. G* L* und 2. W* B*, beide vertreten durch Dr. Susi Pariasek, Rechtsanwältin in Wien, gegen die beklagte und gefährdende Partei T* P*, vertreten durch Dr. Daniela Altendorfer-Eberl, Rechtsanwältin in Wien, hier wegen einstweiligen Mietzinses gemäß § 382f EO, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der beklagten und gefährdenden Partei gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 24. Juli 2019, GZ 38 R 136/19k-38, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird gemäß § 402 Abs 4, § 78 EO iVm § 526 Abs 2 Satz 1 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 528 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Der Revisionsrekurswerber führte in Punkt 1. seiner Eingabe vom 21. 1. 2019, ON 26, einen Wiedereinsetzungsantrag, in Punkt 2. einen Widerspruch und in Punkt 3. einen Rekurs aus. Anfangs der im Rekurs erhobenen Verfahrensrüge verwies er „um Wiederholungen zu vermeiden“ auf die Punkte 1. und 2. Das Rekursgericht ließ die verwiesenen Ausführungen bei der Behandlung des Rekurses unbeachtet. Entgegen der Zulassungsbeschwerde befindet sich das Rekursgericht damit in Übereinstimmung mit der höchstgerichtlichen Rechtsprechung:
Rechtliche Beurteilung
Jede Rechtsmittelschrift ist nach ständiger Rechtsprechung ein in sich geschlossener selbständiger Schriftsatz und kann nicht durch die Bezugnahme auf den Inhalt anderer in derselben oder einer anderen Sache erstatteter Schriftsätze ersetzt oder ergänzt werden (RIS-Justiz RS0007029; jüngst 8 Ob 53/18d; 1 Ob 156/19a). Eine solche Verweisung ist regelmäßig unzulässig und unbeachtlich (RS0007029 [T1]; RS0043579 [T23]). Es können nur solche Ausführungen berücksichtigt werden, die im Rechtsmittel selbst oder zumindest ausdrücklich gegenüber dem Rechtsmittelgericht geltend gemacht werden (RS0043579 [T12]). Grund für das Verbot der Verweisung in einem Rechtsmittel ist, dass nach den allgemeinen Bestimmungen über Rechtsmittel (vgl 4 Ob 110/34 = AnwZ 1934, 230), konkret nach den – allenfalls analog anzuwendenden – § 467 Z 3 und § 506 Abs 1 Z 2 ZPO, die jeweilige Rechtsmittelschrift nebst den allgemeinen Erfordernissen eines Schriftsatzes die bestimmte Erklärung, inwieweit die Entscheidung angefochten wird, die ebenso bestimmte kurze Bezeichnung der Gründe der Anfechtung und die Erklärung, ob die Aufhebung oder eine Abänderung der Entscheidung und welche beantragt werde, enthalten muss. Ein Verweis auf Ausführungen abseits des Rechtsmittels läuft dem zuwider (1 Ob 117/00p; 2 Ob 218/06g; RS0043616 [T4]; Zechner in Fasching/Konecny, Zivilprozessgesetze2 § 503 Rz 25 mwH).
Die Verfahren über einen Wiedereinsetzungsantrag und einen Widerspruch sind vom Rechtsmittelverfahren verschiedene Verfahren, die Rechtsbehelfe sind zudem nicht an das Rekursgericht adressiert. Daran, dass nach der höchstgerichtlichen Judikatur jede Rechtsmittelschrift ein in sich geschlossener selbständiger Schriftsatz ist, ändert sich nichts dadurch, dass das Rechtsmittel – in Entsprechung der honorarrechtlichen Vorschrift des § 22 RATG – mit anderen Rechtsbehelfen verbunden wird. Damit ist es aber unzulässig, im Rechtsmittel pauschal auf die Ausführungen im Wiedereinsetzungsantrag oder Widerspruch zu verweisen, ungeachtet dessen, ob sich diese in derselben oder in einer anderen Eingabe (Ordnungsnummer) finden.
Mit der bloß allgemein gehaltenen Behauptung, das Rekursgericht hätte sich in Widerspruch zur höchstgerichtlichen Rechtsprechung gesetzt, wird im Übrigen die Zulässigkeit des außerordentlichen Revisionsrekurses nicht dargelegt. Behauptet ein Revisionsrekurswerber, das Rekursgericht sei von höchstgerichtlicher Judikatur abgewichen, hat er zumindest die seines Erachtens für seinen Rechtsstandpunkt sprechenden Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs anzuführen und darzulegen, inwieweit sich das Rekursgericht damit in Widerspruch gesetzt hat (RS0043654 [T5]). |
JJT_20191216_OGH0002_0010OB00164_19B0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127111 | 1Ob164/19b | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00164_19B0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00164_19B0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 2,599 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Dr. Parzmayr und Dr. Faber als weitere Richter in der Familienrechtssache der Antragstellerin S*, vertreten durch Dr. Karl Claus und Mag. Dieter Berthold, Rechtsanwälte in Mistelbach, gegen den Antragsgegner Mag. F*, vertreten durch die Goldsteiner Rechtsanwalt GmbH, Wiener Neustadt, wegen Aufteilung des ehelichen Gebrauchsvermögens und der ehelichen Ersparnisse, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragstellerin gegen den Beschluss des Landesgerichts Korneuburg als Rekursgericht vom 27. Juni 2019, GZ 20 R 62/19m-119, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Hollabrunn vom 15. Februar 2019, GZ 11 Fam 35/15m-113, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die Entscheidungen der Vorinstanzen werden aufgehoben und die Rechtssache wird zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung an das Erstgericht zurückverwiesen.
Die Kosten des Revisionsrekursverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Die im Juni 2002 geschlossene Ehe der Parteien wurde mit dem in Rechtskraft erwachsenen Urteil des Erstgerichts vom 10. 8. 2015 rechtskräftig geschieden. Die Aufhebung der ehelichen Lebensgemeinschaft erfolgte am 31. 3. 2015. Der Ehe entstammt ein im Jahr 2002 geborener Sohn und eine 2007 geborene Tochter. Die Eltern üben die gemeinsame Obsorge aus, wobei das jüngere Kind seinen hauptsächlichen Aufenthalt bei der Mutter und das ältere beim Vater hat. Beide Ehegatten haben zu gleichen Teilen an der Führung des gemeinsamen Haushalts und der Pflege und Erziehung der Kinder mitgewirkt. Der Aufteilungsschlüssel von 1 : 1 ist in dritter Instanz nicht strittig.
Das aufzuteilende Vermögen setzt sich aus einem – während der Ehe erworbenen und im (gleichteiligen) Miteigentum der Parteien stehenden – ehelichen Wohnhaus, aus (darin befindlichen) Fahrnissen, zwei PKW und einem Anhänger sowie aus Guthaben auf verschiedenen Konten, Sparbüchern und Wertpapierdepots zusammen.
Die Frau begehrt – soweit in dritter Instanz noch relevant – die Übertragung des Hälfteanteils des Mannes an der Liegenschaft mit dem ehelichen Wohnhaus (samt darin befindlichem Hausrat) gegen Leistung einer vom Gericht festzusetzenden Ausgleichszahlung. Sie begründet dies damit, dass sie mit ihrem in die Ehe eingebrachten (neben Ersparnissen vor allem der Erlös aus dem Verkauf einer eingebrachten Eigentumswohnung) und von Verwandten geschenkten Vermögen deutlich mehr zur Finanzierung des Hauses beigetragen habe, als der Mann. Soweit sich dieser dafür, dass er (dennoch) Hälfteeigentümer der Liegenschaft geworden sei, zu laufenden Ratenzahlungen an die Frau verpflichtet habe, sei er dieser Verpflichtung nur teilweise nachgekommen, weshalb er daraus keine Ansprüche auf die eheliche Liegenschaft ableiten könne. Die Frau sei auch mehr als der Mann auf das eheliche Haus angewiesen, weil sie ihren Lebensmittelpunkt und Freundeskreis in der Gemeinde habe, in der das Grundstück liege und aus der sie auch ursprünglich stamme. Auch die bei der Frau wohnende Tochter hänge sehr am Haus. Sollte dieses dem Mann überlassen werden, sei jedenfalls das von der Frau in die Ehe eingebrachte sowie das ihr während der Ehe geschenkte Vermögen wertverfolgend zu berücksichtigen und ihr wertmäßig vorab zuzuweisen.
Der Mann begehrt seinerseits die Übertragung des Hälfteanteils der Frau am ehelichen Wohnhaus gegen Leistung einer vom Gericht zu bestimmenden Ausgleichszahlung an ihn. Er habe substantielle Beträge (neben einem aus eingebrachtem Vermögen stammenden Kapitalbetrag auch laufende Raten an die Frau) zu dessen Finanzierung beigetragen. Im Unterschied zur Frau, die mittlerweile in das Einfamilienhaus ihres Lebensgefährten gezogen sei, sei er auf das eheliche Haus angewiesen. Eine Übertragung seines Hälfteanteils an die Frau entspreche nicht dem Wohl der Kinder und insgesamt nicht der Billigkeit. Jedenfalls sei – falls die Liegenschaft mit der Ehewohnung der Frau zugewiesen werden sollte – das vom Mann in die Ehe eingebrachte und von Dritten geschenkte Vermögen bei ihm wertverfolgend zu berücksichtigen.
Das Erstgericht wies die Liegenschaft mit dem ehelichen Wohnhaus (sowie dem darin befindlichen Hausrat), deren Wert es mit 231.000 EUR feststellte, dem Mann zu, weil er (ebenso wie der Sohn) darauf zur dringenden Befriedigung seines Wohnbedürfnisses angewiesen sei. Demgegenüber sei die Frau nicht auf die Ehewohnung angewiesen, weil sie mit ihrem nunmehrigen Partner in dessen neu erbautem Haus wohne und die Ehewohnung zuletzt nicht einmal mehr in der Zeit genutzt habe, in der sie aufgrund einer mit dem Mann getroffenen Vereinbarung (die Partei vereinbarten, dass jeder das Haus für jeweils ein halbes Jahr bewohnen darf) dazu berechtigt gewesen wäre. Durch die Zuweisung des Hauses an den Mann bliebe dieses sowohl der bei der Mutter lebenden Tochter (im Zuge ihrer Besuche beim Vater) erhalten, als auch dem beim Vater lebenden Sohn, der den Kontakt zur Mutter ablehne. Obwohl die Antragstellerin mehr als der Antragsgegner in die Ehe eingebracht und zur Finanzierung des ehelichen Wohnhauses beigetragen habe, entspreche es daher der Billigkeit, dieses dem Mann zuzuweisen.
Im Übrigen wies das Erstgericht jeder Partei einen PKW, der Frau außerdem den Anhänger, ein Bild sowie Sparvermögen in Höhe von rund 113.000 EUR zu. Dem Mann wies es eheliche Ersparnisse von rund 1.600 EUR zu und verpflichtete ihn zu einer Ausgleichszahlung von 114.600 EUR.
Das Erstgericht ging bei der Berechnung der Ausgleichszahlung von einem Wert des aufzuteilenden Vermögens von 392.965,18 EUR aus (eheliches Gebrauchsvermögen im Wert von 247.850 EUR; eheliche Ersparnisse im Wert von 114.615,18 EUR; weiters rechnete das Erstgericht eigenmächtig – kurz vor Beendigung der ehelichen Lebensgemeinschaft – erfolgte Vermögensentnahmen der Frau in Höhe von 30.500 EUR in diesen Betrag ein). Es wies der Frau vorab wertmäßig einen Betrag von 189.995 EUR (123.000 EUR aus dem Erlös durch den Verkauf ihrer in die Ehe eingebrachten Wohnung abzüglich während der Ehe erfolgter Kreditrückzahlungen; weiteres eingebrachtes Vermögen in Höhe von rund 36.995 EUR sowie von Dritten geschenktes Vermögen von 30.000 EUR) und dem Mann einen Betrag von 54.869 EUR (eingebrachtes Vermögen in Höhe von rund 21.999 EUR; geschenktes Vermögen in Höhe von 7.500 EUR; außerdem nach Beendigung der ehelichen Lebensgemeinschaft – aufgrund der im Zusammenhang mit dem Erwerb der ehelichen Liegenschaft getroffenen Vereinbarung – an die Frau geleistete [Raten-]Zahlungen von 25.370 EUR) wertmäßig zu. Nach „Vorwegzuweisung“ dieser Beträge an die Parteien ergebe sich ein der Aufteilung im Verhältnis 1 : 1 unterliegendes Restvermögen von 148.100 EUR, wovon jeder Partei 74.050 EUR zustünden. Da das dem Mann zugewiesene Vermögen (das Haus mit einem Wert von 231.000 EUR; Hausrat im Wert von 3.000 EUR; ein PKW mit einem Wert von 7.900 EUR sowie Sparvermögen in Höhe von rund 1.616 EUR) einen Wert von 243.516 EUR und das der Frau zugewiesene Vermögen (ein PKW mit einem Wert von 3.250 EUR; der Anhänger mit einem Wert von 300 EUR; ein Bild mit einem Wert von 2.400 EUR sowie Sparvermögen von rund 112.998 EUR) einen Wert von 118.948 EUR aufweise, ergebe sich eine Ausgleichszahlung des Mannes von rund 114.600 EUR.
Das Rekursgericht änderte diese Entscheidung insoweit ab, als es die vom Mann zu leistende Ausgleichszahlung mit 121.000 EUR festlegte, weil es davon ausging, dass er nach Aufhebung der ehelichen Lebensgemeinschaft (aufgrund der im Zusammenhang mit dem Erwerb des ehelichen Hauses geschlossenen [Raten-]Vereinbarung) nur 12.980 EUR (und nicht – wie vom Erstgericht angenommen – 25.370 EUR) an die Frau bezahlt hatte.
Im Übrigen bestätigte das Rekursgericht die erstinstanzliche Entscheidung und ging in rechtlicher Hinsicht – ebenso wie das Erstgericht – davon aus, dass die Überlassung der Liegenschaft mit dem als Ehewohnung genutzten Haus an den Mann der Billigkeit entspreche. Zwar habe die Frau zunächst einen größeren finanziellen Beitrag zur Anschaffung der Liegenschaft geleistet. Da die übrigen Beiträge der Parteien gleichwertig gewesen seien, diese (zumindest teilweise) nur eine „Vorfinanzierung“ durch die Frau angestrebt hätten (der Mann habe der Frau laufend monatliche Ratenzahlungen für das Haus geleistet), der Mann auf das Haus eher angewiesen sei als die mittlerweile im Haus ihres Lebensgefährten wohnende Frau und die Zuweisung des Hauses an den Mann auch im Interesse der beiden Kinder liege, weil die bei der Frau wohnende Tochter das Haus im Rahmen ihrer Besuche beim Vater nützen könne, wohingegen der beim Vater wohnende Sohn den Kontakt zur Mutter verweigere, entspreche die Entscheidung des Erstgerichts insgesamt der Billigkeit. Anhaltspunkte dafür, dass sich der Mann die Ausgleichszahlung nicht leisten könne, bestünden nicht. Auch hinsichtlich der wertverfolgenden Berücksichtigung des in die Ehe eingebrachten und den Parteien von Dritten geschenkten Vermögens erachtete das Rekursgericht die erstinstanzliche Entscheidung als fehlerfrei.
Das Rekursgericht sprach aus, dass der ordentliche Revisionsrekurs nicht zulässig sei, weil die Entscheidung von den Umständen des Einzelfalls sowie von Billigkeitserwägungen abhänge.
Der dagegen erhobene außerordentliche Revisionsrekurs der Frau ist zulässig und mit seinem Aufhebungsantrag auch berechtigt.
Rechtliche Beurteilung
1. Vorauszuschicken ist, dass der Revisionsrekurs die angezogenen Rechtsmittelgründe nicht getrennt darstellt, weshalb allfällige Unklarheiten zu Lasten der Rechtsmittelwerberin gehen (RS0041761). Der Revisionsrekurs ist außerdem unübersichtlich und teilweise schwer verständlich und entspricht nicht der Anordnung des § 65 Abs 3 Z 4 AußStrG, wonach ohne Weitläufigkeiten darzulegen ist, aus welchen Gründen die rechtliche Beurteilung der Sache unrichtig erscheint.
2. Die behaupteten Mängel des Verfahrens zweiter Instanz wurden geprüft, sie liegen nicht vor (§ 71 Abs 3 AußStrG). Vom Rekursgericht nicht als solche erkannte Verfahrensmängel erster Instanz können in dritter Instanz nicht mehr aufgegriffen werden (RS0042963). Dies gilt umso mehr für erstinstanzliche Verfahrensmängel, die im Rekurs gar nicht gerügt wurden (RS0074223 [T7]; RS0043111 [T18]).
3. Der Revisionsrekurs beschränkt sich in weiten Teilen auf eine wörtliche Wiedergabe der Rekursausführungen, die ganz offensichtlich in das vorliegende Rechtsmittel „einkopiert“ wurden; dies teilweise unter Ergänzung der Formulierung „das Erstgericht und das Rekursgericht“ anstelle des Wortes „Erstgericht“, teilweise wurde nicht einmal dies geändert. Den Anforderungen an ein gesetzmäßig ausgeführtes Rechtsmittel entspricht dies nicht, weil damit keine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Argumentation des Rekursgerichts stattfindet (vgl RS0043603 [T15]; 1 Ob 102/18h; vgl auch RS0043603 [T13], wonach ein bloß inhaltsleerer Verweis auf das in zweiter Instanz erhobene Rechtsmittel die erforderliche Auseinandersetzung mit der Begründung des Gerichts zweiter Instanz vermissen lässt). Die wortwörtlich in den Revisionsrekurs übernommenen Rekursausführungen richten sich auch großteils gegen die erstinstanzliche Beweiswürdigung, die vom Obersten Gerichtshof, der auch im Außerstreitverfahren keine Tatsacheninstanz ist, nicht überprüft werden kann (vgl RS0006737).
4. Entgegen der Ansicht der Revisionsrekurswerberin herrscht auch im außerstreitigen Revisionsrekursverfahren grundsätzlich ein Neuerungsverbot (RS0119918). Soweit das Wohnbedürfnis des Mannes im Revisionsrekurs mit dem Argument in Abrede gestellt wird, dieser habe nunmehr eine Lebensgefährtin, mit der er zusammen wohne, wird dagegen ebenso verstoßen, wie mit der Behauptung, der (beim Vater wohnende) Sohn schließe nicht aus, in Zukunft bei der Mutter wohnen zu wollen.
5.1. Die Parteien gehen ebenso wie die Vorinstanzen davon aus, dass die während aufrechter ehelicher Lebensgemeinschaft angeschaffte Liegenschaft samt dem als Ehewohnung genutzten Haus der Aufteilung unterliegt. Jede Partei begehrt jedoch die Übertragung des dem anderen Ehegatten gehörenden Hälfteanteils an dieser Liegenschaft an sie.
5.2. Im Allgemeinen entspricht es der Billigkeit, wenn die Ehewohnung bei grundsätzlich gleich gewichteten ehelichen Beiträgen demjenigen überlassen wird, der darauf mehr angewiesen ist (RS0057733). Dabei sind auch die jedem Ehegatten zur Befriedigung seines Wohnbedürfnisses sonst zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu berücksichtigen (RS0057952). Es ist auch zu berücksichtigen, welcher Ehegatte in der Lage wäre, eine bei Zuweisung der Liegenschaft mit der Ehewohnung zu leistende Ausgleichszahlung aufzubringen (vgl RS0057610).
5.3. Die Vorinstanzen gingen – in dritter Instanz unbekämpft – von grundsätzlich gleichwertigen Beiträgen der Ehegatten im Sinn des § 83 EheG aus. Die Frau wohnt zwar mittlerweile (gemeinsam mit der Tochter) im Haus ihres Lebensgefährten, daraus kann aber nicht zwingend geschlossen werden, dass sie (in Zukunft) weniger auf das eheliche Haus angewiesen sein wird, als der Mann (sowie der bei ihm wohnende Sohn), dem eine „Ferienwohnung“ als alternative Wohnmöglichkeit zur Verfügung steht (ob diese dem ehelichen Haus [annähernd] gleichwertig ist, steht jedoch nicht fest). Hinzu kommt, dass eine Überlassung des Hauses an die Frau der bei ihr wohnenden jüngeren Tochter länger zugute kommen würde, als dem beim Mann wohnenden älteren Sohn. Das Kriterium des „Angewiesenseins auf die Ehewohnung“ spricht daher – entgegen der Ansicht der Vorinstanzen – nicht (klar) für eine „Zuweisung“ der Liegenschaft mit dem ehelichen Haus an den Mann.
5.4. Anhaltspunkte dafür, dass der Mann nicht in der Lage wäre, eine bei Überlassung der Liegenschaft mit der Ehewohnung an ihn zu leistende Ausgleichszahlung aufzubringen, bestehen (trotz gegenteiliger Behauptungen im Revisionsrekurs) ebensowenig, wie dafür, dass sich die Frau eine Ausgleichszahlung nicht leisten könnte, zumal keine Partei behauptet hat, dass die andere zur Finanzierung einer Ausgleichszahlung keinen Kredit bekommen würde. Auch dieses Kriterium vermag daher eine Überlassung der Liegenschaft an den einen oder anderen Ehegatten nicht zu rechtfertigen.
5.5. Dem im Revisionsrekurs ins Treffen geführten „Bewahrungsgrundsatz“ kommt hier keine besondere Bedeutung zu, wäre doch auch die von der Frau begehrte Überlassung des ehelichen Hauses an sie mit einer Übertragung von Miteigentumsanteilen verbunden. Zudem tritt dieser „Grundsatz“ hinter dem leitenden Grundgedanken des Aufteilungsrechts, wonach die – häufig eine ständige Quelle für Auseinandersetzungen bildenden – vermögensrechtlichen Bindungen der früheren Ehegatten nach Möglichkeit vollkommen aufgehoben werden sollen, zurück (RS0057552). Bei – wie hier bestehendem – Miteigentum der Ehegatten an der als Ehewohnung dienenden Liegenschaft ist daher in der Regel der Miteigentumsanteil des einen Ehegatten dem anderen zu übertragen (RS0057552 [T5]).
5.6. Bei der Zuweisung der Liegenschaft mit der Ehewohnung an einen Ehegatten ist im Rahmen der Billigkeitserwägungen auch zu berücksichtigen, ob diese überwiegend aus vorehelichen Mitteln einer Partei finanziert wurde (1 Ob 147/18a). Nach den Feststellungen wurde der Ankauf der Liegenschaft mit dem ehelichen Wohnhaus (deren Kaufpreis nicht feststeht) zwar „großteils“ mit eingebrachtem Vermögen der Frau finanziert, allerdings steht nicht fest, welcher Teil des Erlöses der von der Frau in die Ehe eingebrachten Eigentumswohnung tatsächlich für den Erwerb der ehelichen Liegenschaft aufgewendet wurde, wurde damit doch auch ein (der Höhe nach nicht festgestellter) Teil des offenen Kredits (für die eingebrachte Wohnung) getilgt. Es steht auch nicht fest, ob die Frau sonst eingebrachtes (Spar-)Vermögen für den Hauskauf verwendete oder mit von Verwandten geschenktem Vermögen „Arbeiten im Haus“ finanzierte (dass Sparvermögen dafür aufgewendet wurde, ergibt sich aus dem Sachverhalt) sowie inwieweit der Mann mit von ihm eingebrachtem Vermögen zur Finanzierung des Kaufpreises des ehelichen Hauses oder zu „Arbeiten an diesem“ beitrug. Der Vereinbarung, wonach der Mann, da auch er Hälfteeigentümer der ehelichen Liegenschaft wurde, einen bestimmten Betrag in monatlichen Raten an die Frau überweisen soll (der Mann kam dieser Verpflichtung zumindest teilweise nach), kommt für die Frage, wem die Ehewohnung zu überlassen ist, keine entscheidende Bedeutung zu, wurden die Zahlungen des Mannes an die Frau doch ganz offensichtlich zumindest teilweise für die gemeinsame Lebensführung – die neben dem laufenden Einkommen beider Ehegatten auch aus (nicht näher abgegrenzten) „Ersparnissen“ beider Ehegatten finanziert wurde – verbraucht und unterliegt der nicht verbrauchte (der Höhe nach nicht festgestellte) Teil als eheliche Ersparnis ohnehin der Aufteilung.
5.7. Zusammengefasst ergibt sich, dass eine Aufhebung der Entscheidungen der Vorinstanzen und die Zurückverweisung der Rechtssache an die erste Instanz zur neuerlichen Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufgrund der – vor allem zur Frage der Finanzierung der Ehewohnung aus vorehelichen Mitteln – unzureichenden Sachverhaltsgrundlage, die eine abschließende Abwägung der für oder gegen eine Überlassung der ehelichen Liegenschaft an den einen oder anderen Ehepartner sprechenden Umstände derzeit noch nicht zulässt, erforderlich ist.
6.1. Sind voreheliche Beiträge der Streitteile in dem die Aufteilungsmasse bildenden (Einfamilien-)Haus wertbildend aufgegangen, so müssen sie wertverfolgend berücksichtigt werden (RS0057490). Sie sind rechnerisch vor der Aufteilung des Vermögens abzuziehen und dem betreffenden Ehegatten zuzuweisen (vgl RS0057478 [T4]). Es kommt nicht auf den seinerzeitigen Wert des so Eingebrachten an, sondern darauf, inwieweit die betreffende Leistung wertmäßig noch im betreffenden Vermögensgegenstand „fortwirkt“ (RS0057478 [T5]; RS0057490 [T5]). Zu diesem Zweck ist der Wert des geschenkten oder eingebrachten Vermögens zum Verkehrswert der Liegenschaft im Zeitpunkt des Erwerbs ins Verhältnis zu setzen und daraus die wertmäßige Einbringungsquote (in einer Bruchzahl oder einem Prozentsatz) zu ermitteln (1 Ob 64/18w).
6.2. Die Revisionsrekurswerberin zeigt in diesem Zusammenhang zutreffend auf, dass die vom Erstgericht getroffenen Feststellungen (auch) nicht ausreichen, um die wertmäßigen Einbringungsquoten der Ehegatten zu berechnen, weil – wie bereits ausgeführt – weder feststeht, um welchen Kaufpreis die Liegenschaft mit der Ehewohnung ursprünglich angeschafft wurde, noch in welcher genauen Höhe dafür (sowie für Arbeiten am Haus) von der Frau oder vom Mann eingebrachtes oder ihnen während der Ehe von Verwandten geschenktes Vermögen aufgewendet wurde und inwieweit solche Beiträge im Grundstück und/oder dem darauf befindlichen Haus zum Zeitpunkt der Aufteilungsentscheidung (RS0057478 [T8]) noch wertmäßig vorhanden sind. Da sohin auch zur Berechnung der Einbringungsquoten der Parteien noch ergänzende Feststellungen zu treffen sind, sind die Entscheidungen der Vorinstanzen auch aus diesem Grund aufzuheben.
7. Über die Verfahrenskosten ist nach § 78 Abs 1 AußStrG erst in einem die Sache erledigenden Beschluss zu entscheiden. |
JJT_20191217_OGH0002_0030OB00225_19P0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127114 | 3Ob225/19p | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00225_19P0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00225_19P0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 275 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch die Präsidentin Hon.-Prof. Dr. Lovrek als Vorsitzende sowie die Hofräte Dr. Roch und Priv.-Doz. Dr. Rassi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei J*, vertreten durch Mag. Florian Mitterbacher, Rechtsanwalt in Klagenfurt, wider die beklagte Partei I*, vertreten durch Dr. Manfred Opetnik, Rechtsanwalt in Völkermarkt, wegen Ehescheidung, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Klagenfurt als Berufungsgericht vom 14. August 2019, GZ 4 R 237/19y-35, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Die Beklagte zeigt aus folgenden Gründen keine erhebliche Rechtsfrage auf (§ 510 Abs 3 ZPO):
Die Rechtsprechung sieht die Härteklausel des § 55 Abs 2 EheG nur als äußerst selten zum Tragen kommendes Instrument zur Gewährung einer Anpassungsfrist an und lässt demgemäß nur ganz besonders schwerwiegende Umstände als Grund für die Verweigerung des Scheidungsbegehrens gelten. Das Vorliegen eines besonderen Härtefalls ist anhand der gesamten Gegebenheiten des jeweiligen Einzelfalls zu prüfen. Nur eine besondere, über die typischen Scheidungsfolgen hinausgehende Härte ist tatbestandsmäßig (2 Ob 56/10i; 5 Ob 37/07p; RIS-Justiz RS0056971, RS0057346).
Die Behauptung der Beklagten, sie werde ihre derzeitige Wohnmöglichkeit mit Auflösung der Ehe verlieren, ist nach den Feststellungen nicht erwiesen. Es ist daher nicht zu unterstellen, dass sie ihr Zimmer im Haus des Bruders des Klägers mit Rechtskraft der Scheidung verlieren wird. Damit ist aber dem darauf aufbauend behaupteten Szenario, sie könne sich keine andere Wohnmöglichkeit leisten und neben der Ablegung von Prüfungen auch keine Wohnung suchen, die Grundlage entzogen. Deshalb bedarf die Rechtsansicht der Vorinstanzen, der Beklagten sei der Nachweis der von der Rechtsprechung geforderten, gegenüber dem Normalfall besonderen Härte nicht gelungen, keiner Korrektur. |
JJT_20191217_OGH0002_0030OB00229_19A0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127124 | 3Ob229/19a | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00229_19A0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00229_19A0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 306 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Pflegschaftssache der Minderjährigen L*, geboren am * 2007, und D*, geboren am * 2009, Vater Mag. C*, vertreten durch Dr. Johann Etienne Korab, Rechtsanwalt in Wien, Mutter Mag. P*, vertreten durch Mag. Sybille-Maria Lindeis, Rechtsanwältin in Wien, wegen Obsorge, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Vaters gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 7. August 2019, GZ 48 R 186/19m-369, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Ausschlaggebendes Kriterium für die Übertragung der Zuständigkeit nach § 111 JN ist nach ständiger Rechtsprechung immer das Kindeswohl (RIS-Justiz RS0047074 [T1]). In der Regel wird der pflegschaftsgerichtliche Schutz am besten durch jenes Gericht gewährleistet, in dessen Sprengel sich das Kind aufhält (RS0047300 [T1, T23]). Auch offene Anträge (hier: wegen Übertragung der alleinigen Obsorge vom Vater auf die Mutter) sprechen im Allgemeinen nicht gegen eine Zuständigkeitsübertragung, es sei denn, dem übertragenden Gericht käme zur Entscheidung eine besondere Sachkenntnis zu (RS0047032). Ob die Entscheidung über einen offenen Antrag durch das bisherige Gericht zweckmäßiger ist, kann nur nach den Umständen des einzelnen Falls beurteilt werden (RS0047032 [T3]).
In der Beurteilung der Vorinstanzen, die Übertragung der Zuständigkeit zur Führung der Pflegschaftssache an jenes Gericht, in dessen Sprengel die Minderjährigen mittlerweile seit mehr als einem Jahr mit ihrem obsorgeberechtigten Vater leben, entspreche dem Kindeswohl, zumal das Erstgericht bisher keine unmittelbaren Beweise aufgenommen und insbesondere die Minderjährigen nicht iSd § 105 AußStrG angehört habe, ist keine vom Obersten Gerichtshof aufzugreifende Fehlbeurteilung zu erblicken. Abgesehen davon hat die Mutter den von ihr seinerzeit beim Erstgericht (dem übertragenden Gericht) gestellten Antrag auf Übertragung der alleinigen Obsorge in der Zwischenzeit zurückgezogen (und beim Adressatgericht einen inhaltsgleichen Antrag gestellt), sodass gar kein offener Antrag an das Erstgericht mehr vorliegt. |
JJT_20191127_OGH0002_0070OB00174_19T0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127127 | 7Ob174/19t | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0070OB00174_19T0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0070OB00174_19T0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 573 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Heimaufenthaltssache des minderjährigen Bewohners J* C*, geboren am * 2009, *, vertreten durch den Verein VertretungsNetz – Erwachsenenvertretung, Patientenanwaltschaft, Bewohnervertretung, 5020 Salzburg, Petersbrunnstraße 9 (Bewohnervertreter Mag. C* K*), obsorgeberechtigt: Kinder- und Jugendhilfeträger, Magistrat der Stadt Wels, Referat für Jugendwohlfahrt, 4600 Wels, Traungasse 6, Einrichtungsleiter Mag. W* A*, vertreten durch Gehmacher Hüttinger Hessenberger Kommandit-Partnerschaft in Salzburg, wegen freiheitsbeschränkender Maßnahmen, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Einrichtungsleiters gegen den Beschluss des Landesgerichts Salzburg als Rekursgericht vom 5. September 2019, GZ 21 R 210/19g-26, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Neumarkt bei Salzburg vom 7. Juni 2016, GZ 11 Ha 1/19f-15 (19), bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Das Erstgericht qualifizierte das Verabreichen der Dauermedikation Risperidon ab Jänner 2019 in der „angeführten Dosierung“ als Freiheitsbeschränkung (Punkt 1.), erkannte diese Beschränkung der Freiheit des Bewohners bis zur Kenntnisnahme durch die Bewohnervertretung, somit bis 24. April 2019, formal für unzulässig (Punkt 2.), erklärte im Übrigen gemäß § 15 Abs 2 HeimAufG die Verabreichung der Dauermedikation Risperidon im „angeführten Ausmaß“ für materiell zulässig (Punkt 3.), wobei es aussprach, dass gemäß § 15 Abs 2 HeimAufG die Weiterverabreichung dieser Medikation in Hinkunft unter der Auflage von jedenfalls sechswöchigen Kontrollen ärztlich dokumentierter Evaluierung der Wirkung und Notwendigkeit der Weiterverabreichung zu gestalten sei (Punkt 4.) und befristete diese Zulässigkeitserklärung bis 5. Dezember 2019 (Punkt 5.).
Das Rekursgericht bestätigte diesen Beschluss und sprach aus, dass der ordentliche Revisionsrekurs nicht zulässig sei. Der Beschluss des Rekursgerichts wurde dem Vertreter des Einrichtungsleiters am 25. 9. 2019 zugestellt. Am 8. 10. 2019 brachte er im Elektronischen Rechtsverkehr den Revisionsrekurs beim Erstgericht ein.
Der Revisionsrekurs ist verspätet.
Rechtliche Beurteilung
1. § 16 HeimAufG enthält Sonderregeln für den Rekurs, soweit er sich gegen bestimmte erstgerichtliche Beschlüsse richtet, die Rekurslegitimation, die Rekurs- und Rekursbeantwortungsfrist sowie die Einseitig- bzw Zweiseitigkeit des Rekurses betrifft. Die Bestimmung bezieht sich abschließend auf Rekurse gegen Beschlüsse, mit denen eine Freiheitsbeschränkung für zulässig (Abs 1) oder für unzulässig (Abs 2) erklärt wird (Höllwerth in Gitschthaler/Höllwerth, Kommentar zum Außerstreitgesetz II [2017] § 16 HeimAufG Rz 2, 3).
2. § 16 HeimAufG räumt dem Einrichtungsleiter in seinem Absatz 2 die Rekurslegitimation gegen Beschlüsse ein, mit denen die Freiheitsbeschränkung für unzulässig erklärt wird. In § 16 Abs 2 und 3 HeimAufG verkürzte der Gesetzgeber die 14-tägige Rechtsmittelfrist im Sonderfall, dass der Leiter der Einrichtung die ausgesprochene Unzulässigkeit einer noch aktuellen Freiheitsbeschränkung bekämpft, auf sieben Tage; und zwar ausdrücklich sowohl für dessen Rekurs, für die Beantwortung dessen Rekurses und für die Beantwortung dessen Revisionsrekurses. Der Gesetzgeber sah also offensichtlich die Herstellung von Rechtsklarheit speziell in jenem Fall als besonders dringlich an, in dem eine vom Pflegepersonal (vgl § 5 HeimAufG) und vom Leiter der Einrichtung (vgl § 7 HeimAufG) zur Gefahrenabwehr notwendig erachtete freiheitsbeschränkende Maßnahme (die ja von einer ernstlichen Selbst- oder Fremdgefährdung schützen soll; vgl § 4 HeimAufG) gegen den Willen des Leiters der Einrichtung vom Gericht aufgehoben wird (7 Ob 111/14w). Die 7-tägige Rechtsmittelfrist des § 16 Abs 2 HeimAufG gilt – nach ständiger Rechtsprechung – auch im Revisionsrekursverfahren (RS0121356).
2. Wird die Zulässigkeit der Freiheitsbeschränkung an eine Auflage geknüpft, bedeutet dies eine eingeschränkte Zulässigerklärung und gleichzeitig eine Unzulässigerklärung im Umfang der Einschränkung, die § 16 Abs 2 HeimAufG zu unterstellen ist. Dabei besteht, der Intention des Gesetzgebers folgend, die oben dargestellte Dringlichkeit bei der Unzulässigerklärung einer freiheitsbeschränkenden Maßnahme auch in dem Fall, in dem sich das Rechtsmittel – unter anderem – gegen die Anwendung des HeimAufG an sich wendet. Die Frist für den Revisionsrekurs des Leiters der Einrichtung gegen einen Unzulässigkeitsbeschluss bei einer – wie hier – aktuellen Freiheitsbeschränkung beträgt demnach sieben Tage. Sein nach Ablauf dieser Frist eingebrachter Revisionsrekurs ist verspätet. |
JJT_20191216_OGH0002_0010OB00219_19S0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127129 | 1Ob219/19s | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00219_19S0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00219_19S0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 936 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Dr. Parzmayr und Dr. Faber als weitere Richter in der Pflegschaftssache der mj P* B*, geboren * 2008, wegen Kontaktrecht und Obsorge, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Vaters DI R* B*, Schweiz, vertreten durch Dr. Stefan Rieder, Rechtsanwalt in Salzburg, gegen den Beschluss des Landesgerichts Salzburg als Rekursgericht vom 24. Oktober 2019, GZ 21 R 208/19p-190, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Zell am See vom 29. Mai 2019, GZ 41 Ps 49/17z-184, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1. Das Gericht hat auf Antrag oder von Amts wegen auch im Verfahren zur zwangsweisen Durchsetzung einer gerichtlichen oder gerichtlich genehmigten Regelung des Rechts auf persönlichen Kontakt angemessene Zwangsmittel nach § 79 Abs 2 AußStrG anzuordnen (§ 110 Abs 2 AußStrG). Bei diesen Zwangsmitteln handelt es sich nicht um Strafen für die Missachtung einer gerichtlichen Verfügung. Sie sollen lediglich dazu dienen, der Anordnung in Zukunft zum Durchbruch zu verhelfen (RIS-Justiz RS0007310 [T7, T8, T10]; RS0007330 [T2]). Ob es zur Durchsetzung einer Kontaktrechtsregelung notwendig ist, eine Zwangsmaßnahme zu verhängen, ist nach den konkreten Umständen des Einzelfalls zu beurteilen (RS0007310 [T13]; RS0007330 [T6]).
1.2. Gleichzeitig mit der Abweisung der vom Vater beantragten Verhängung eines Zwangsmittels wurde vom Erstgericht das Kontaktrecht – von den Eltern unbekämpft und damit rechtskräftig – neu geregelt. Die Beurteilung des Rekursgerichts, dass Zwangsmittel (als Beugestrafen) zur Durchsetzung eines (früheren) Kontaktrechts ausscheiden, wenn – wie im vorliegenden Fall – aufgrund geänderter Umstände zugleich eine neue Kontaktrechtsregelung rechtskräftig beschlossen wird, ist von der Rechtsprechung gedeckt (9 Ob 98/03g; Beck in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG I2 § 110 Rz 7; vgl 6 Ob 147/17m). Entgegen der rechtlich nicht begründeten Ansicht des Vaters ist die neue Kontaktrechtsregelung (mangels konkret darauf abzielenden Antrags) kein „Nicht-Beschluss“ und der frühere Rechtstitel ist auch nicht mehr „aufrecht“.
2.1. Seit dem KindNamRÄG 2013 soll die Obsorge beider Elternteile (eher) der Regelfall sein (RS0128811 [T1]). Eine sinnvolle Ausübung der Obsorge beider Elternteile setzt dabei ein gewisses Mindestmaß an Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit zwischen ihnen voraus. Um Entscheidungen gemeinsam im Sinn des Kindeswohls treffen zu können, ist es erforderlich, in entsprechend sachlicher Form Informationen auszutauschen und einen Entschluss zu fassen. Es ist daher vom Gericht eine Beurteilung dahin vorzunehmen, ob eine entsprechende Gesprächsbasis zwischen den Eltern vorhanden oder in absehbarer Zeit mit einer solchen zu rechnen ist (RS0128812). Zur Herstellung der erforderlichen Gesprächsbasis ist bei ausreichender Aussicht auf Erfolg auch auf die vom Gesetzgeber zur Verfügung gestellten Mittel des § 107 Abs 3 AußStrG zurückzugreifen (RS0128812 [T10]). Die Beurteilung, ob eine ausreichende Kommunikationsbasis und ein Mindestmaß an Verständnis und Kooperation vorhanden ist, kann nur nach den Umständen des Einzelfalls erfolgen und begründet im Allgemeinen keine Rechtsfrage von erheblicher Bedeutung im Sinn des § 62 Abs 1 AußStrG (RS0128812 [T5, T15, T19]). Eine solche vermag der Revisionsrekurswerber nicht aufzuzeigen.
2.2. Derzeit ist zwischen den Eltern eine entsprechende Gesprächsbasis nicht vorhanden. Sie haben die in ihrer Beziehung stattgefundenen negativen Vorfälle sowie das Ende ihrer Beziehung noch nicht verarbeitet. Aus diesem Grund kommt es zwischen ihnen im Zuge der Ausübung des Kontaktrechts durch den Vater öfter zu Streit, auch in Anwesenheit ihrer Tochter. Beide Elternteile stehen nach wie vor in einer Kollisionsbeziehung, die den Loyalitätskonflikt bei ihrer Tochter verstärkt. Sie sind grundsätzlich nicht in der Lage, sich auf der Elternebene zu begegnen, und leben immer noch ihre gescheiterte Beziehung aus. Ihr Machtspiel macht die Tochter allerdings krank. Die fehlende Gesprächsbasis zwischen den Eltern, die permanente Kampfsituation, wird das Wohl ihrer Tochter noch weiter gefährden.
Entgegen der Ansicht des Vaters fehlen keine Feststellungen zur Beurteilung der künftigen Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit. Die Rechtsansicht des Rekursgerichts, die Kommunikationsschwierigkeiten der Eltern hätten ein Niveau erreicht, das – mangels einer günstigen Prognose für die Zukunft – einer Obsorge beider entgegenstehe, ist nicht korrekturbedürftig. Nach den Feststellungen gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass in absehbarer Zeit mit der – für eine gemeinsame Obsorge – erforderlichen Gesprächsbasis gerechnet oder eine solche hergestellt werden kann. Die vom Erstgericht im Sinn des § 107 Abs 3 Z 1 AußStrG angeordnete Elternberatung dient primär – als weniger schädliche Alternative zu einer Obsorgeentziehung – der Abwehr einer bereits drohenden Kindeswohlgefährdung.
3.1. Die Vorinstanzen wiesen (weiters) den vom Vater gestützt auf § 181 Abs 1 ABGB gestellten Antrag auf Entziehung der Obsorge der Mutter und Übertragung auf den Kinder- und Jugendhilfeträger ab. Ob die Voraussetzungen für eine solche Obsorgeübertragung erfüllt sind und eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab und wirft keine Rechtsfragen von grundsätzlicher Bedeutung im Sinn des § 62 Abs 1 AußStrG auf, wenn dabei ausreichend auf das Kindeswohl Bedacht genommen wurde (RS0007101 [T1, T8, T21]; RS0115719 [T7, T16]). Die Vorinstanzen haben gründlich und sorgfältig begründet, warum die Obsorgeübertragung derzeit nicht dem Wohl der Tochter entspricht.
3.2. Ganz allgemein gelten für Maßnahmen des Gerichts nach § 181 ABGB die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit und der Erforderlichkeit im Sinn des gelindesten Mittels (§ 182 ABGB; RS0047903 [T11]). Die Tochter wird durch das Verhalten beider Elternteile in deren „Erwachsenenstreit“ involviert und zudem durch das Verhalten der Mutter in ihrer Autonomieentwicklung behindert. Zwar wäre die Unterbringung der Minderjährigen bei Dritten möglich, allerdings würde sie dies als Bestrafung erleben und ein Trauma erleiden, weil sie eine überdimensionale Beziehung zu ihrer Mutter hat.
Die Rechtsansicht der Vorinstanzen, dass mit einer Elternberatung als unterstützende Maßnahme die Defizite in der Erziehungsfähigkeit der Mutter kompensierbar seien und beim Abwägen des Kindeswohls unter Berücksichtigung der Risiken die Entscheidung für eine Elternberatung noch als „gelindeste“ unterstützende Maßnahme spreche, ist im konkreten Einzelfall nicht zu beanstanden. Der Vater geht im anderen Zusammenhang selbst davon aus, dass die Elternberatung im Sinn des § 107 Abs 3 Z 1 AußStrG „im Zweifel“ Erfolg zeigt. Sollte dies aber der Fall sein, wäre eine maßgebliche Verbesserung der Situation der Minderjährigen zu erwarten.
4. Einer weiteren Begründung bedarf es nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191128_OGH0002_0090OB00056_19D0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127134 | 9Ob56/19d | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0090OB00056_19D0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0090OB00056_19D0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 1,614 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Dr. Hopf als Vorsitzenden sowie die Hofräte des Obersten Gerichtshofs Mag. Ziegelbauer und Dr. Hargassner, die Hofrätin des Obersten Gerichtshofs Mag. Korn und den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr. Stefula als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. Dr. G* I* und 2. D* I*, beide vertreten durch Böhm Reckenzaun & Partner, Rechtsanwälte in Graz, und der Nebenintervenientin auf Seiten der klagenden Parteien S* Gesellschaft mbH, *, vertreten durch PHH Prochaska Havranek Rechtsanwälte GmbH & Co KG in Wien, gegen die beklagte Partei Sa* GmbH, *, vertreten durch Muhri & Werschitz Partnerschaft von Rechtsanwälten GmbH in Graz, wegen 18.075,04 EUR sA, über die Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Graz als Berufungsgericht vom 21. Juni 2019, GZ 7 R 35/19x-30, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Graz-West vom 21. Jänner 2019, GZ 210 C 118/18k-25, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision wird zurückgewiesen.
Die beklagte Partei ist schuldig, den klagenden Parteien die mit 1.379,02Â EUR und der Nebenintervenientin auf Seiten der klagenden Parteien die mit 1.253,88Â EUR bestimmten Kosten des Revisionsverfahrens binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Beklagte und die Nebenintervenientin sind Gesellschaften, die Putzereien betreiben.
Die Kläger vermieteten am 24. 6. 2014 Geschäftsräumlichkeiten in ihrem Haus A*straße 25, * G*, an die Nebenintervenientin. Das dem Vollanwendungsbereich des MRG unterliegende Mietverhältnis begann am 1. 7. 2014 und wurde auf unbestimmte Zeit abgeschlossen.
Die Nebenintervenientin als Verkäuferin und die Beklagte als Käuferin unterfertigten am 29. 11. 2017 einen Kaufvertrag. In der Präambel wurde festgehalten, dass die Verkäuferin ein gewerbliches Reinigungsunternehmen mit mehreren Niederlassungen in W* und G* betreibt und dass in G* unter anderem an den Adressen A*straße 25, S*gasse 14 und G* Straße 39 Niederlassungen bestehen. Kaufgegenständlich waren nach der Präambel die „Betriebs- und Geschäftsausstattung, bestimmte, in diesem Vertrag genannte Vertragsverhältnisse, die den Betriebsstandorten zugeordneten Dienstnehmer, der 'Good Will' (Unternehmenswert) sowie das Recht, die Marke 'S*' für einen bestimmten Zeitraum nach den Bedingungen des Vertrages zu verwenden“. Dabei bestand von Seiten des Geschäftsführers der Nebenintervenientin die Absicht, dass die Beklagte auch die Filiale A*straße 25 in den streitgegenständlichen Räumlichkeiten weiterbetreibt.
Im Vertrag wurde unter anderem vereinbart, dass die Beklagte (Käuferin) „ab dem 1. 10. 2017 im Kaufgegenstand auf eigene Rechnung, aber im Namen der Verkäuferin unternehmerisch tätig sein wird“ und dass die Nebenintervenientin (Verkäuferin) mit Durchführung des Closing den Kaufgegenstand an die Beklagte überträgt und diese den Kaufgegenstand übernimmt.
Obwohl bei einem Treffen am 2. 2. 2018 in W* zwischen den Geschäftsführern der Nebenintervenientin und der Beklagten betreffend den Unternehmenskaufvertrag Divergenzen, unter anderem betreffend die Filiale A*straße 25 und den streitgegenständlichen Mietvertrag bestanden, dies da der Geschäftsführer der Nebenintervenientin davon ausging, die gesamte Filiale A*straße 25 an die Beklagte zu verkaufen, der Geschäftsführer der Beklagten jedoch im Zuge der Verkaufsverhandlungen entschieden hatte, das Geschäftslokal A*straße 25 nicht übernehmen zu wollen, wurde das Closing mit 31. 1. 2018 festgesetzt und der Vertrag vollzogen. Entsprechend der Vereinbarung im Kaufvertrag übertrug die Nebenintervenientin den Kaufgegenstand an die Beklagte, die den Kaufgegenstand übernahm.
Die Beklagte führte nach Rechtswirksamkeit des Kaufvertrags (Closing) die Filiale A*straße 25 im eigenen Namen und mit eigenen Mitarbeitern bis Ende Februar 2018 in den streitgegenständlichen Räumlichkeiten weiter, um am 1. 3. 2018 mit der Filiale in das Nebenhaus A*straße 27 zu übersiedeln, wo sie ein anderes Geschäftslokal gemietet hatte.
Eine Vereinbarung zwischen den Klägern, der Beklagten und der Nebenintervenientin betreffend das streitgegenständliche Mietverhältnis wurde nicht getroffen.
Die Kläger begehren mit ihrer Klage unter Berufung darauf, dass die Beklagte gemäß § 12a Abs 1 MRG den Mietvertrag übernommen habe, 18.075,04 EUR an aushaftendem Mietzins und Betriebskosten samt Zinsen.
Die Nebenintervenientin trat dem Standpunkt der Klägerin bei.
Die Beklagte erhob – soweit im Revisionsverfahren noch von Relevanz – den Einwand der fehlenden Passivlegitimation. Die Beklagte habe bis zur Rechtswirksamkeit des Unternehmenskaufvertrags lediglich ein fremdes Unternehmen geführt. Der Verkauf sei nicht zum Zwecke des Fortbetriebs der Filiale A*straße 25 erfolgt, die Beklagte bzw deren Geschäftsführer hätten nicht beabsichtigt, den Unternehmensbetrieb im streitgegenständlichen Bestandobjekt fortzuführen. Folglich sei § 12a Abs 1 MRG nicht erfüllt und der Mietvertrag nicht auf die Beklagte übergegangen.
Das Erstgericht gab der Klage statt. Es erachtete ausgehend von den obigen Feststellungen und dem unstrittigen Wortlaut des Vertrags die Voraussetzungen eines Mietvertragsübergangs nach § 12a MRG als erfüllt. Die Veräußerung sei in der Absicht der Fortführung durch die Beklagte erfolgt.
Das Berufungsgericht gab der Berufung der Beklagten nicht Folge. Rechtlich führte es im Wesentlichen aus, die Beklagte habe erstmals am 2. 2. 2018 zu erkennen gegeben, den Betrieb in der A*straße 25 unter dieser Adresse nicht fortführen zu wollen. Dies sei aber nicht relevant, weil die Willensübereinstimmung bereits mit Abschluss des Kaufvertrags erfolgt sei; das „Closing“ sei lediglich der Zeitpunkt, zu dem die tatsächliche Vertragserfüllung stattfinde. Voraussetzung für den ex-lege-Eintritt eines Unternehmenserwerbers in das Mietverhältnis des Unternehmensveräußerers sei gemäß § 12a Abs 1 MRG ein auf die endgültige Änderung der sachenrechtlichen Zuständigkeit gerichtetes obligatorisches Veräußerungsgeschäft verbunden mit der Übergabe des Unternehmens. Die Nebenintervenientin sei jedenfalls bis zum 2. 2. 2018 von der Absicht der Beklagten ausgegangen, den Betrieb unter der Adresse A*straße 25 fortzuführen. Gegenteiliges ergebe sich auch nicht aus dem Kaufvertrag, vielmehr habe der redliche Erklärungsempfänger aufgrund der Formulierung des Kaufvertrags davon ausgehen können, dass die Filiale A*straße 25 fortgeführt werde. Es sei auch ein Mindestmaß an Fortführung des Unternehmens nach Außen in Erscheinung getreten, weil die Beklagte im Februar 2018 die Filiale fortgeführt habe.
Das Berufungsgericht ließ die ordentliche Revision mangels höchstgerichtlicher Rechtsprechung zu der Frage zu, „inwieweit eine Mindestintensität bei der Unternehmensfortführung gegeben und bejahendenfalls in welcher Intensität diese gegeben sein muss“.
Die Beklagte strebt mit ihrer wegen unrichtiger rechtlicher Beurteilung erhobenen Revision die Abweisung der Klage an.
Die Kläger und die Nebenintervenientin beantragen in ihren Revisionsbeantwortungen die Zurückweisung der Revision mangels erheblicher Rechtsfrage, hilfsweise ihr nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist aus dem in den Revisionsbeantwortungen genannten Grund nicht zulässig.
1. Veräußert der Hauptmieter einer Geschäftsräumlichkeit das von ihm im Mietgegenstand betriebene Unternehmen zur Fortführung in diesen Räumen, so tritt gemäß § 12a Abs 1 Satz 1 MRG der Erwerber des Unternehmens anstelle des bisherigen Hauptmieters in das Hauptmietverhältnis ein.
1.1. Von einer Unternehmensveräußerung kann nur dann die Rede sein, wenn nach wie vor Identität des Unternehmens besteht. Dies ist dann der Fall, wenn der Erwerber den Standort beibehält, den Kundenstock übernimmt und den Betrieb mit Waren (im Wesentlichen) gleicher Art fortführt (7 Ob 607/85; 1 Ob 690/88; 8 Ob 2355/96y; 7 Ob 198/17v [Pkt 2.2]; 8 Ob 153/18k [Pkt 2.] = immolex 2019/78 [Kogler] uva).
1.2. Als Unternehmen im Sinne des § 12a Abs 1 Satz 1 MRG anzusehen und damit selbstständig veräußerbar sind auch Filialen (RS0068501 [T1]; Würth/Zingher/Kovanyi, Miet- und Wohnrecht I23 § 12a Rz 10 mwH).
1.3. Liegen die Voraussetzungen des § 12a Abs 1 MRG vor, so erfolgt die Vertragsübernahme ex lege (RS0104322; RS0096990). Voraussetzung für den ex-lege-Eintritt ist ein auf die endgültige Änderung der sachenrechtlichen Zuständigkeit der Gesamtsache Unternehmen gerichtetes obligatorisches Veräußerungsgeschäft, verbunden mit der Übergabe des Unternehmens, somit der Eintritt des Übernehmers in die Betriebsführung (7 Ob 521/89 = WoBl 1989/58 [Würth]; 1 Ob 685/90; 2 Ob 563/94; 5 Ob 2267/96k; 9 Ob 232/01k = RS0070477 [T2]; Vonkilch in Hausmann/Vonkilch, Österreichisches Wohnrecht – MRG3 § 12a Rz 13). Zeitpunkt des Mietvertragsübergangs ist in der Regel der im Unternehmenskaufvertrag festgelegte Übergabe- bzw Stichtag (2 Ob 573/95; Würth/Zingher/Kovanyi, Miet- und Wohnrecht I23 § 12a Rz 13 mwN). Änderungen nach der Verwirklichung der Voraussetzungen des § 12a Abs 1 MRG sind unbeachtlich (vgl 9 Ob 270/00x).
1.4. Ob die Identität des Unternehmens gewahrt bleibt, hängt letztlich von den jeweiligen Umständen des Einzelfalls ab, deren Beurteilung in der Regel keine erhebliche Rechtsfrage nach § 502 Abs 1 ZPO begründet, es sei denn, es läge eine unvertretbare Beurteilung des Berufungsgerichts vor (9 Ob 4/05m = RS0114646 [T1]; 8 Ob 153/18k [Pkt 2.]; Auer/H. Böhm in GeKo Wohnrecht I § 12a MRG Rz 58).
2.1. Von dieser Rechtslage gingen die Vorinstanzen zutreffend aus. Zum vereinbarten Stichtag 31. 1. 2018 (Closing) bestand jedenfalls Unternehmensidentität (jeweils Reinigungsunternehmen).
2.2. Im vorliegenden Fall wurde im Unternehmenskaufvertrag vom 29. 11. 2017 nicht explizit festgehalten, welche Vertragsverhältnisse auf die Beklagte
– sei es ex contractu, sei es ex lege (§ 12a Abs 1 MRG) – übergehen. Dem Kaufvertrag war – wie vom Berufungsgericht zutreffend erkannt – nicht zu entnehmen, dass die Beklagte nicht beabsichtigen würde, auch den Betrieb an der Adresse A*straße 25 fortzuführen. Vielmehr spricht der Vertrag in Punkt 10.1. von einer „Übertragung der Betriebsstandorte“, ohne jenen der A*straße 25 auszunehmen. Weil die Beklagte zudem die Filiale A*straße 25 – nach dem am 29. 11. 2017 abgeschlossenen Vertrag als „Treuhänderin“ (Vertragspunkt 10.3.1.) – bis Ende Jänner 2018 führte und sie diese Filiale sodann nach Rechtswirksamkeit des Kaufvertrags im eigenen Namen und mit eigenen Mitarbeitern im Februar 2018 in den streitgegenständlichen Räumlichkeiten weiterführte, ist es jedenfalls vertretbar, wenn das Berufungsgericht davon ausgeht, dass diese Filiale auch hinsichtlich ihres Betriebsstandorts, also den streitgegenständlichen Räumlichkeiten, auf die Beklagte durch den Kaufvertrag übergehen sollte. Es ist grundsätzlich zulässig, bei der Vertragsauslegung auch das dem Abschluss nachfolgende Verhalten der Vertragspartner bei der Beurteilung der Parteiabsicht heranzuziehen, wenn sich darin die bei Vertragsschluss bestandene Parteiabsicht manifestiert (RS0017815 [T3, T5]; RS0110838). Fragen der Vertragsauslegung kommt in der Regel keine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung zu, sofern keine auffallende Fehlbeurteilung vorliegt, die im Interesse der Rechtssicherheit wahrgenommen werden muss (RS0112106 [T6]). Eine korrekturbedürftige Fehlbeurteilung liegt hier nicht vor.
2.3. Der Unternehmenskaufvertrag wurde durch das von den Parteien am 2. 2. 2018 einvernehmlich zeitlich mit 31. 1. 2018 festgesetzte „Closing“ in Wirksamkeit gesetzt. Dass am 2. 2. 2018 nach den Feststellungen eine Divergenz zwischen der Nebenintervenientin und der Beklagten über die Weiterführung der Filiale A*straße in den Geschäftsräumlichkeiten der Klägerin bestand ändert nichts daran, dass – jedenfalls nach der vertretbaren Auslegung durch das Berufungsgericht – dem Kaufvertrag auch die Übernahme dieser Geschäftsräumlichkeiten durch die Beklagte zugrunde lag. Damit trat aber zu dem von den Kaufvertragsparteien einvernehmlich festgesetzten Stichtag der Mietvertragsübergang nach § 12a Abs 1 MRG ex lege ein. Dass die Beklagte danach (einen Monat später) die Filiale A*straße in das Nebenhaus übersiedelte, kann am bereits eingetreten Mietvertragsübergang nichts mehr ändern (vgl erneut 9 Ob 270/00x). Die vom Berufungsgericht für wesentlich gehaltene Frage, inwieweit eine „Mindestintensität“ bei der Unternehmensfortführung gegeben sein müsse, stellt sich daher nicht. Wie in den Revisionsbeantwortungen zutreffend ausgeführt, hat der Unternehmensveräußerer auch keinerlei Einfluss auf die tatsächliche Dauer der Unternehmensfortführung durch den Käufer nach Veräußerung und Übergabe des Unternehmens.
Die Revision war mangels erheblicher Rechtsfrage im Sinne des § 502 Abs 1 ZPO zurückzuweisen. |
JJT_20191216_OGH0002_0070OB00197_19Z0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127137 | 7Ob197/19z | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00197_19Z0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00197_19Z0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 967 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei B*, e.U., *, vertreten durch die Dr. Philipp Pelz Rechtsanwaltsgesellschaft mbH in Wien, gegen die beklagte Partei Mag. C* C*, vertreten durch Dr. Markus Tesar, Rechtsanwalt in Wien, wegen 11.052 EUR sA, über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Wiener Neustadt als Berufungsgericht vom 20. September 2019, GZ 58 R 61/19x-23, womit das Urteil des Bezirksgerichts Baden vom 3. Mai 2019, GZ 8 C 251/18s-18, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision wird zurückgewiesen.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 860,58Â EUR (darin 143,43Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Das Berufungsgericht erklärte die Revision zur Frage für zulässig, ob eine für den Vertragsabschluss nicht mehr relevante, aber ausdrücklich gewünschte Übermittlung eines Exposés einen Provisionsanspruch des Maklers begründen könne.
Rechtliche Beurteilung
Entgegen diesem – den Obersten Gerichtshof nicht bindenden – Ausspruch des Berufungsgerichts ist die Revision mangels Vorliegens einer erheblichen Rechtsfrage unzulässig. Die Entscheidung kann sich auf die Darlegung der Zurückweisungsgründe beschränken (§ 510 Abs 3 ZPO).
1. Mit dem Provisionsanspruch des Immobilienmaklers hat sich der Oberste Gerichtshof schon vielfach beschäftigt. Die dazu entwickelten Judikaturgrundsätze bedürfen aus Anlass des vorliegenden Falls keiner Verbreiterung:
1.1. Nach § 6 Abs 1 MaklerG ist der Auftraggeber zur Zahlung einer Provision für den Fall verpflichtet, dass das zu vermittelnde Geschäft durch die vertragsgemäße verdienstliche Tätigkeit des Maklers mit einem Dritten zustande kommt.
1.2. Voraussetzung für einen Provisionsanspruch ist daher zunächst ein allenfalls auch nur schlüssig zustande gekommener Maklervertrag. Nach der Rechtsprechung ist für das konkludente Zustandekommen eines Maklervertrags zumindest erforderlich, dass der Interessent die von einem Immobilienmakler für ihn entfaltete Tätigkeit kennt und ihr nicht widerspricht. Selbst das reicht jedoch nicht aus, wenn der Immobilienmakler erkennbar bereits für einen anderen Auftraggeber (den Verkäufer) handelt; in diesem Fall muss der Immobilienmakler deutlich zu erkennen geben, für seine Bemühungen (auch) eine Provision von seinem Gesprächs- bzw Verhandlungspartner zu erwarten (vgl 3 Ob 131/16k mwN).
Die Beurteilung konkludenter Willenserklärungen ist regelmäßig einzelfallbezogen (vgl RS0109021 [T5, T6]; RS0014150 [T8]; RS0014158 [T8]).
1.3. Wie der Senat bereits einmal zusammengefasst hat (7 Ob 76/18d mit zahlreichen Nachweisen), ist weiters der Nachweis einer verdienstlichen, für den Geschäftsabschluss adäquat kausalen Tätigkeit Voraussetzung für einen Provisionsanspruch. Eine verdienstliche Tätigkeit liegt dann vor, wenn sie den Anforderungen des Vermittlungsvertrags entspricht und ihrer Art nach geeignet ist, für den Geschäftsherrn Vertragspartner aufzufinden bzw diese zum Vertragsabschluss zu bewegen. Der Makler hat die Verhandlungen nicht nur durch erstmalige Nennung eines bisher unbekannten Interessenten für den Vertragsabschluss einzuleiten, sondern diesen auch sonst zu fördern. Die verdienstliche Tätigkeit des Immobilienmaklers durch vertragsgemäße, auf den Vertragsabschluss gerichtete Vermittlungstätigkeiten wird daher auch dann anerkannt, wenn zwar dem Auftraggeber die Vertragsgelegenheit schon bekannt war, der Immobilienmakler danach aber durch seine Bemühungen den Abschluss des Geschäfts unterstützte und der Auftraggeber diese Hilfestellung in Anspruch nahm. Inwieweit der Makler dabei beratend und aufklärend tätig sein muss, hängt von vielen Umständen ab. Zur Vermittlung gehört, dass der Vermittler auf den Entschluss des Gegners mindestens einwirkt, dass er ihm das Vertragsanbot schmackhaft zu machen sucht, indem er fördernde Vorstellungen erweckt und bekräftigt und hemmende beseitigt oder entkräftet. Diese Tätigkeit ist es, die den Vermittler vom bloßen Boten unterscheidet.
Die Frage der Verdienstlichkeit beziehungsweise jene nach der Wertigkeit einzelner Handlungen lässt sich nur an Hand der konkreten Umstände des jeweiligen Einzelfalls beurteilen (ua RS0062849 [T6]; RS0062747 [T5]).
2. Die Verneinung des Provisionsanspruchs des Klägers im Einzelfall durch die Vorinstanzen hält sich im Rahmen der zuvor genannten Judikaturgrundsätze. Der gegenteilige Standpunkt des Revisionswerbers beschränkt sich auf die Darlegung, dass die Beurteilung der Vorinstanzen „zu streng“ und unzutreffend sei; er wirft keine erheblichen Rechtsfragen auf.
Die Information über die Kaufgelegenheit und der Erstkontakt wurden nicht durch den Kläger hergestellt und das Anbot sowie die Verhandlungen zwischen den Vertragsparteien darüber fanden direkt und ohne Beiziehung des Klägers statt. Forderte der Beklagte bestimmte Informationen ein, wies der Verkäufer jeweils den Kläger an, dem Beklagten das Gewünschte zukommen zu lassen. Die Mitarbeiter des Klägers haben sich dem Beklagten gegenüber auch ausdrücklich als vom Verkäufer beauftragte Makler bezeichnet, konnten wiederholt keinerlei Informationen über das Kaufobjekt erteilen oder Fragen beantworten und verwiesen hiezu selbst auf die direkte Kontaktaufnahme mit dem Verkäufer. Erst nachdem der Beklagte dem Verkäufer direkt ein Kaufanbot gelegt hatte, reagierte der Kläger mit dem unrichtigen Hinweis, ohne Verwendung eines von ihm erstellten Formblatts sei das Anbot „für den Abgeber bzw für uns als Makler keine gültige Verbindlichkeit“; diesem Mail waren ein solches unausgefülltes Formblatt sowie ein – im Begleitschreiben nicht als solches angesprochenes – Blanko-Provisionsformular angeschlossen, die der Beklagte weder unterfertigte noch verwendte.
Die Beurteilung, dass damit insgesamt nicht hinreichend deutlich zum Ausdruck gebracht worden sei, der Kläger erwarte für seine Bemühungen (auch) eine Provision vom Beklagten, hält sich im Rahmen der Judikatur und bedarf keiner Korrektur im Einzelfall. In der Revision wird auch nicht konkret aufgezeigt, wodurch aus den Feststellungen ein Vermittlungsauftrag des Beklagten ableitbar sein solle. Zweifel, ob eine schlüssige Auftragserteilung erfolgt ist, gehen aber stets zu Lasten des Maklers, der für das Zustandekommen des Vermittlungsauftrags beweispflichtig ist (vgl RS0062658 [T5]). Die Einschätzung, mit Überlegung aller Umstände habe der Beklagte davon ausgehen können, dass der Kläger für den Verkäufer als von diesem – mit der Suche nach einem Käufer – beauftragter Makler aufgetreten sei und seine Tätigkeiten im Rahmen des mit dem Verkäufer bestehenden Rechtsverhältnisses erbracht habe, und dass damit zumindest Zweifel an einer Zustimmung des Beklagten zu einem Vertragsschluss verblieben, ist vertretbar und hält sich im Rahmen der Rechtsprechung.
3. Auf die – auch vom Revisionswerber als wesentlich erachtete – Zulassungsfrage kommt es auch deshalb nicht an, weil das „Exposé“ zu einem Zeitpunkt angefordert und übermittelt wurde, zu dem sich die Vertragsparteien über die wesentlichen Vertragspunkte bereits einig waren.
4. Die Kostenentscheidung gründet sich auf §§ 41, 50 ZPO. Der Beklagte hat in seiner Revisionsbeantwortung auf die Unzulässigkeit des Rechtsmittels hingewiesen. |
JJT_20191216_OGH0002_0010OB00193_19T0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127139 | 1Ob193/19t | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00193_19T0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00193_19T0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 2,511 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und die Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Dr. Parzmayr und Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte, Wien 4, Prinz-Eugen-Straße 20–22, vertreten durch Dr. Walter Reichholf, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei C* Immobilienvermittlung GesmbH, *, vertreten durch Dr. Carl Knittl, Rechtsanwalt in Wien, wegen Unterlassung (Streitwert 30.500 EUR) und Urteilsveröffentlichung (Streitwert 4.400 EUR), über die Revision der klagenden Partei (Revisionsinteresse 18.368 EUR) gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien vom 18. Juni 2019, GZ 129 R 53/19s-12, mit dem das Urteil des Handelsgerichts Wien vom 29. März 2019, GZ 58 Cg 23/18t-8, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Revision wird teilweise Folge gegeben.
Die Entscheidungen der Vorinstanzen, die hinsichtlich ihres klagestattgebenden Teils betreffend die Klauseln 10 und 12 bis 19 (auch hinsichtlich der erteilten Ermächtigung zur Veröffentlichung) in Rechtskraft erwuchsen und hinsichtlich der Abweisung des Klagebegehrens betreffend die Klauseln 1 bis 9 bestätigt werden, werden hinsichtlich der Klausel 11 dahin abgeändert, dass Punkt 2.10 des erstinstanzlichen Urteils ersatzlos entfällt und nach Punkt 1.1 ein zusätzlicher Punkt 1.1.a mit folgendem Wortlaut eingefügt wird:
„Zwischenverkauf, -Vermietung oder -Verpachtung durch den Abgeber vorbehalten.“
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 1.175,47Â EUR (darin 195,91Â EUR USt) bestimmten Kosten ihrer Berufungsbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen. Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit 228,60Â EUR bestimmten anteiligen Barauslagen binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Die klagende Partei ist schuldig, der beklagten Partei die mit 1.003,10Â EUR (darin 167,18Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen. Die beklagte Partei ist schuldig, der klagenden Partei die mit 143,10Â EUR bestimmten anteiligen Barauslagen binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Entscheidungsgründe:
Die Klägerin ist gemäß § 29 Abs 1 KSchG berechtigt, Unterlassungsansprüche nach § 28 KSchG geltend zu machen.
Die Beklagte vermittelt für verschiedene Vermieter Mietwohnungen, die sie auf ihrer Website sowie auf diversen Immobilienplattformen präsentiert. Sie tritt dabei (unstrittig) auch in geschäftlichen Kontakt mit Verbrauchern und schließt mit diesen (Makler-)Verträge, denen sie ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zugrundelegt. Beabsichtigt ein Mietinteressent, ein Mietangebot an den Vermieter zu richten, überlässt ihm die Beklagte dazu ein vorformuliertes Formular. Möchte der Interessent dieses nicht verwenden, kann er sein Mietangebot auch selbst formulieren.
Die Beklagte vermittelt auch Eigentumswohnungen in einem Haus, das von einer Gesellschaft, an der der einzige Gesellschafter der Beklagten sowie ein Dritter beteiligt sind, errichtet wurde. Möchte ein Kaufinteressent ein Kaufangebot abgeben, erhält er von der Beklagten ein vorformuliertes Angebotsformular sowie eine Aufstellung der mit dem Kauf der Wohnung verbundenen Nebenkosten. Der Kaufinteressent kann dieses Formular für sein Angebot verwenden oder ein solches selbst formulieren.
Die Klägerin behauptet die Unzulässigkeit sowohl der (Miet- und Kauf-)Angebotsformblätter als auch bestimmter in den AGB der Beklagten enthaltener Klauseln und stellt ein entsprechendes Unterlassungs- und Urteilsveröffentlichungsbegehren.
Die Beklagte erachtet sowohl die Angebotsformblätter als auch die in ihren AGB enthaltenen Klauseln für gesetzeskonform und das Veröffentlichungsbegehren als zu weitgehend.
Das Erstgericht wies das Unterlassungsbegehren hinsichtlich der den Miet- und Kaufinteressenten von der Beklagten übergebenen Angebotsformulare ab und begründete dies damit, dass die Beklagte diese Formblätter nicht den von ihr mit ihren Kunden abgeschlossenen (Makler-)Verträgen zugrundelege. Sie sei daher nicht deren „Verwenderin“ im Sinn des § 28 Abs 1 KSchG. Hinsichtlich der beanstandeten Klauseln in den AGB der Beklagten gab das Erstgericht dem Unterlassungsbegehren – mit Ausnahme der Klausel 11, die das Erstgericht als zulässig erachtete und zu der es das Unterlassungsbegehren daher abwies – statt. Das Veröffentlichungsbegehren wies das Erstgericht zur Gänze ab.
Das Berufungsgericht gab der nur von der Klägerin erhobenen Berufung (der dem Unterlassungsbegehren stattgebende Teil des Ersturteils erwuchs daher in Rechtskraft) hinsichtlich des (auf die als unzulässig erkannten Klauseln bezogenen) Veröffentlichungsbegehrens Folge, bestätigte jedoch die Abweisung des Klagebegehrens zu den beiden Angebotsformularen sowie zu der in den AGB der Beklagten enthaltenen Klausel 11. Es sprach aus, dass der Wert des Entscheidungsgegenstands zweiter Instanz 5.000 EUR, aber nicht 30.000 EUR übersteige und die ordentliche Revision zulässig sei, weil die beanstandeten Klauseln (einschließlich jener in den Miet- und Kaufangebotsformularen) regelmäßig für eine größere Anzahl von Kunden bestimmt und von Bedeutung seien und außerdem keine höchstgerichtliche Rechtsprechung zur Frage bestehe, wer in einer vergleichbaren Konstellation deren „Verwender“ sei.
Rechtliche Beurteilung
Die Revision der Klägerin ist aus dem letztgenannten Grund zulässig; sie ist teilweise auch berechtigt.
1.1. Gemäß § 28 KSchG kann auf Unterlassung geklagt werden, wer im geschäftlichen Verkehr in Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die er von ihm geschlossenen Verträgen zugrundelegt, oder in hiebei verwendeten Formblättern für Verträge Bedingungen vorsieht, die gegen ein gesetzliches Verbot oder gegen die guten Sitten verstoßen, oder wer solche Bedingungen für den geschäftlichen Verkehr empfiehlt.
1.2. Mit dem Begriff des „Zugrundelegens“ (von AGB) und jenem des „Verwendens“ (von Formblättern) soll keine Unterscheidung getroffen werden, vielmehr geht es in beiden Fällen darum, dass AGB bzw Formblätter im Rahmen des geschäftlichen Verkehrs zur Gestaltung des Vertragsinhalts herangezogen werden (vgl Krejci in Rummel³ §§ 28–30 KSchG Rz 9), wobei bereits eine „drohende“ Verwendung beim Vertragsabschluss die Verbandsklage rechtfertigt (vgl RIS-Justiz RS0065718).
1.3. Nach der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs ist „Verwender“ von AGB oder Formblättern grundsätzlich (nur) derjenige, der Partei des Vertrags ist (RS0124305). Damit ist der Vertrag gemeint, der unter Zugrundelegung der AGB oder Vertragsformblätter geschlossen wurde oder werden soll. Dies entspricht der herrschenden Ansicht in der österreichischen Literatur (vgl etwa Langer in Kosesnik-Wehrle, KSchG4 §§ 28–30 Rz 5a; Binder/Keiler in Keiler/Klauser [Hrsg], Österreichisches und Europäisches Verbraucherrecht [2015] §§ 28–30 KSchG Rz 31 [„potentieller Vertragspartner des Verbrauchers“]; Eccher in Fenyves/Kerschner/Vonkilch, Klang³ § 28 KSchG Rz 4 [„künftige Vertragspartner“]; Donath in Schwimann/Neumayr, ABGB-Taschenkommentar4 § 28 KSchG Rz 4 [„grundsätzlich nur die konkrete Vertragspartei“]; Apathy in Schwimann/Kodek4 §§ 28–30 KSchG Rz 6 [„derjenigen, der Vertragspartei ist oder werden soll“]); ebenso – bei insoweit vergleichbarer Rechtslage (vgl 8 Ob 110/08x) – der in der deutschen Literatur vertretenen Ansicht (vgl etwa Lindacher in Wolf/Lindacher/Pfeiffer, AGB-Recht6 [2013] § 1 UKlaG Rz 8 mwN; Witt in Ulmer/Brandner/Hensen, AGB-Recht12 [2016] § 1 UKlaG Rz 25; Piekenbrock in von Staudingers, BGB [2019] § 1 UKlaG Rz 33). Demgegenüber reicht das bloße „Verfassen“ oder „Auflegen“ von AGB oder Vertragsformblättern für die Passivlegitimation (als „Verwender“) nicht aus (vgl Würth in Krejci, Handbuch zum Konsumentenschutzgesetz [1981] 651; idS auch Eccher aaO).
1.4. In Anlehnung an die zur deutschen Rechtslage vertretene Ansicht nahm der Oberste Gerichtshof in unterschiedlichen Konstellationen eine Erweiterung der Eigenschaft als „Verwender“ von AGB oder Vertragsformblättern nach § 28 Abs 1 KSchG vor. So qualifizierte er etwa eine Hausverwalterin, die Mietverträge zwar im Namen und auf Rechnung ihrer Kunden abschloss, dabei aber von ihr selbst entwickelte Vertrags-Textbausteine verwendete, den Mietern gegenüber wie ein Vermieter auftrat und in fast allen Angelegenheiten selbständig (also ohne Rücksprache mit dem Vermieter) entschied, als „Verwenderin“ der den Mietverträgen zugrunde gelegten Textbausteine (7 Ob 78/06f); ebenso die Muttergesellschaft, der in den von ihrer Tochtergesellschaft geschlossenen (Leasing-)Verträgen (denen die inkriminierten AGB zugrunde lagen) Rechte und Pflichten als Leasinggeberin eingeräumt wurden und die maßgeblich in die Vertragsgestion eingebunden war (8 Ob 110/08x); ein Inkassounternehmen, das formal als Vertreter des Gläubigers handelte, dabei aber (eigene) AGB bzw Formblätter zum Abschluss von Vereinbarungen über die Einbringung offener Forderungen sowie der (vom Inkassobüro) beanspruchten Gebühren, Kosten und Aufwandsersätze verwendete (10 Ob 28/14m); sowie Gesellschafter einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts nach deutschem Recht, die aktiv an Verstößen gegen konsumentenschutzrechtliche Bestimmungen beteiligt waren (9 Ob 66/08h). Hingegen erachtete der Oberste Gerichtshof jüngst ein wirtschaftliches Interesse am Vertrieb von Gutscheinen Dritter als nicht ausreichend, um die (dort) Beklagte in einer Fallkonstellation, in der sie über den Inhalt der beanstandeten Klausel nicht entscheiden konnte, als „Verwender“ dieser Klausel anzusehen (6 Ob 56/19g).
1.5. Das Berufungsgericht berücksichtigte die genannten Entscheidungen, in denen der Oberste Gerichtshof das Tatbestandsmerkmal des „Verwendens“ von AGB oder Vertragsformblättern ausdehnend interpretierte, und erkannte zutreffend, dass diesen jeweils ein besonderes „Zurechnungsmoment“ im Sinn eines erheblichen Eigeninteresses der jeweils beklagten Partei an der Verwendung der AGB oder Formblätter zugrunde lag, weshalb eine Gleichstellung mit der Vertragspartei des Verbrauchers als gerechtfertigt angesehen wurde (vgl RS0129535; für viele etwa auch Kathrein/Schoditsch in KBB5 § 28 KSchG Rz 2; Langer in Kosesnik-Wehrle aaO Rz 5a). Ein bloßes Provisionsinteresse am Vertragsabschluss eines Dritten (dessen Vertrag die AGB oder Formblätter zugrunde gelegt wurden [werden sollen]) reicht hingegen nicht aus, um die grundsätzlich auf den (potentiellen) Vertragspartner des Verbrauchers beschränkte Passivlegitimation als „Verwender“ im Sinn des § 28 Abs 1 KSchG auf den am Vertragsabschluss bloß wirtschaftlich interessierten Vermittler auszudehnen (vgl Piekenbrock aaO Rz 33 mwN; Köhler in Köhler/Bornkamm/Feddersen, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb37 [2019] § 1 UKlaG Rn 8; Grüneberg in Palandt, BGB78 [2019] § 1 UKlaG Rn 8 mwN; auch nach Jelinek in Krejci, Handbuch zum Konsumentenschutzgesetz [1981] 810, umfasst § 28 KSchG den bloßen Abschlussvermittler nicht; ebenso Kühnberg, Die konsumentenschutzrechtliche Verbandsklage [2006] 78).
1.6. Die Beklagte bot den Miet- und Kaufinteressenten die von ihr erstellten Angebotsformblätter bloß zum „fakultativen“ Gebrauch an. Die Konsumenten konnten demnach frei bestimmen, ob sie diese verwenden oder ihr Miet- bzw Kaufangebot selbst formulieren wollten. Damit lag es alleine an ihnen, zu entscheiden, ob der Miet- oder Kaufvertrag auf Basis des von der Beklagten vorformulierten Angebots und der darin enthaltenen (beanstandeten) Klauseln zustande kommt. Von einer „zumindest drohenden Verwendung“ der Formblätter (vgl RS0065718) kann in diesem Fall nicht gesprochen werden, sodass das Berufungsgericht die Beklagte zu Recht nicht als deren „Verwenderin“ qualifizierte, liegt es hier doch gerade nicht am Unternehmer (weder an der Beklagten noch am potentiellen Verkäufer bzw Vermieter; vgl zu diesem Kriterium Kühnberg aaO 74), sondern am Verbraucher, die inkriminierten Klauseln zum Vertragsinhalt zu erheben.
1.7. Mit der Zurverfügungstellung der Formblätter sind für die Beklagte auch keine besonderen Vorteile verbunden, die ein „erhebliches Eigeninteresse“ an deren Verwendung und damit die Passivlegitimation der Beklagten wertungsmäßig rechtfertigen würden. Eine allfällige (keinesfalls sichere) Verwendung der Angebotsformblätter würde die Vertragsverhandlungen zwar wohl vereinfachen, dies liegt aber primär im Interesse der künftigen Vertragspartner der vermittelten Verträge (vor allem im Interesse des jeweiligen Vermieters bzw Verkäufers), nicht hingegen in jenem der Beklagten. Dass mit der Zurverfügungstellung der Formblätter als „Serviceleistung“ allenfalls (nicht fassbare) geschäftliche Vorteile für die Beklagte verbunden sein mögen, lässt ein ihre Passivlegitimation rechtfertigendes „erhebliches“ Eigeninteresse nicht erkennen. Auch der in den Angeboten enthaltene Hinweis auf eine Provision der Beklagten begründet ein solches nicht, vermag sie ihren Provisionsanspruch doch nicht (allein) auf eine solche einem Dritten gegenüber abgegebene (vorformulierte) Wissenserklärung zu stützen. Entgegen der Ansicht der Revisionswerberin ergibt sich das erhebliche Eigeninteresse der Beklagten auch nicht daraus, dass sie durch Übergabe der Formblätter ihre – gegenüber ihren Kunden bestehende – Informationspflicht als Maklerin erfülle, sehen die Formblätter doch eine Erklärung des Kunden an den Vermieter bzw Verkäufer der Wohnung und nicht eine solche der Beklagten an den Kunden vor. Letztlich scheitert die Qualifikation der Beklagten als „Verwenderin“ der Angebotsformblätter auch daran, dass die Klägerin in erster Instanz – trotz Erörterung der Passivlegitimation der Beklagten – gar nicht vorbrachte, aufgrund welcher tatsächlichen Umstände ihr ein erhebliches Eigeninteresse an der Verwendung der Formblätter beim Abschluss der vermittelten Verträge zukommen soll.
1.8. Dass die Beklagte den Konsumenten den Gebrauch der „Musterangebote“ im Sinn der zweiten Variante des § 28 Abs 1 KSchG „empfohlen“ hätte, hat die Klägerin – die sich in erster Instanz nur auf eine „Verwendung“ durch die Beklagte gestützt hatte – nicht behauptet. Auf diesen Tatbestand (für die Passivlegitimation) ist daher nicht weiter einzugehen, zumal der Oberste Gerichtshof jüngst aussprach, dass ein (wie hier) nur auf „Unterlassung der Verwendung“ gerichtetes Begehren für eine auf den zweiten Tatbestand des § 28 Abs 1 KSchG („Empfehlen“) gestützte Verbandsklage nicht ausreicht (6 Ob 56/19g).
2. Die Revisionswerberin erachtet das angefochtene Urteil als nichtig, weil sich das Berufungsgericht mit der Frage der Zulässigkeit der in den AGB der Beklagten enthaltenen Klausel 11 nicht auseinandergesetzt habe. Der Nichtigkeitsgrund der mangelnden Begründung im Sinn des § 477 Abs 1 Z 9 ZPO setzt jedoch voraus, dass die Entscheidung gar nicht oder so unzureichend begründet ist, dass sie sich nicht überprüfen lässt (RS0007484), wohingegen das bloße Fehlen einer rechtlichen Begründung zu einzelnen Fragen noch keine Nichtigkeit begründet (vgl RS0042203). Da hier eine Überprüfung der angefochtenen Entscheidung auch hinsichtlich der inkriminierten Klausel 11 der AGB der Beklagten möglich ist, liegt die behauptete Nichtigkeit nicht vor.
3.1. In ihrer Rechtsrüge wiederholt die Revisionswerberin im Wesentlichen ihr bereits in erster Instanz vorgetragenes Argument, wonach die inkriminierte Klausel intransparent und gröblich benachteiligend sei, weil sie den Verbraucher (zumindest) im Unklaren darüber lasse, inwieweit sich aus der beanstandeten Bestimmung eine Beschränkung seiner Rechte ergebe.
3.2. Das Transparenzgebot soll eine durchschaubare, möglichst klare und verständliche Formulierung von AGB oder Vertragsformblättern sicherstellen, um zu verhindern, dass der für die jeweilige Vertragsart typische Verbraucher von der Durchsetzung seiner Rechte abgehalten oder ihm unberechtigte Pflichten abverlangt werden. Dies setzt die Verwendung von Begriffen voraus, deren Bedeutung dem typischen Verbraucher geläufig sind oder von ihm jedenfalls festgestellt werden können. Begriffe, die so unbestimmt sind, dass sich ihr Inhalt jeder eindeutigen Festlegung entzieht, entsprechen dem Transparenzgebot nicht, weil der dadurch geschaffene weite Beurteilungsspielraum ausschließt, dass der Verbraucher Klarheit über seine Rechte und Pflichten gewinnen kann (vgl RS0115217 [T3]). Neben der formalen (Text-)Verständlichkeit (im Sinn einer Lesbarkeit) einer Vertragsbestimmung verlangt § 6 Abs 3 KSchG auch, dass ihr Inhalt und ihre Tragweite durchschaubar sind (vgl RS0115217 [T7, T23]; RS0122169 [T6]). Maßstab für die Beurteilung der Transparenz ist das Verständnis des jeweiligen „Durchschnittskunden" (RS0115217 [T12, T19]).
3.3. Die bekämpfte Klausel 11 („Zwischenverkauf, -Vermietung oder -Verpachtung durch den Abgeber vorbehalten“) ist unklar, weil die Formulierung „Zwischen“-Verkauf, „Zwischen“-Vermietung bzw „Zwischen“-Verpachtung offen lässt, bis zu welchem Zeitpunkt der „Abgeber“ (also der jeweilige Vermieter oder Verkäufer) mangels vertraglicher Bindung die zu vermittelnde Wohnung sanktionslos an einen Dritten verkaufen, vermieten oder verpachten darf. Ob die inkriminierte Klausel bloß allgemein – wie die Beklagte argumentiert – auf die bestehende Rechtslage hinweist, wonach der Verhandlungspartner vor dem (jeweils im Einzelfall zu prüfenden) wirksamen Zustandekommen des von der Beklagten vermittelten Vertrags nicht gebunden ist, oder ob dadurch eine vom dispositiven Recht abweichende (jedoch gänzlich unklare) Regelung der Bindung des „Abgebers“ an seine im Rahmen der Vertragsverhandlungen abgegebenen Erklärungen getroffen werden soll, ist für den typischen „Durchschnittskunden“ nicht erkennbar. Die bekämpfte Klausel ist sohin geeignet, diesem ein unzutreffendes Bild von seiner Rechtsposition zu vermitteln. Der Revision ist daher in Abänderung der Entscheidungen der Vorinstanzen insoweit Folge zu geben, als dem Unterlassungsbegehren (und daher auch dem Veröffentlichungsbegehren) hinsichtlich der Klausel 11 Berechtigung zukommt. Da sich die vom Berufungsgericht (unbekämpft) erteilte Ermächtigung zur Urteilsveröffentlichung ihrem Wortlaut nach auf sämtliche berechtigten Unterlassungsbegehren bezieht, wovon auch der in dritter Instanz erfolgte Unterlassungsausspruch betreffend die Klausel 11 umfasst ist, bedurfte es hinsichtlich des Veröffentlichungsbegehrens keiner Abänderung des Spruchs der zweitinstanzlichen Entscheidung. Auf die Verfahrensrüge muss aufgrund der insoweit erfolgreichen Rechtsrüge nicht weiter eingegangen werden.
4.1. Da die Klägerin in erster Instanz sowohl mit ihrem Unterlassungsbegehren als auch mit dem Veröffentlichungsbegehren zu zehn von insgesamt 19 beanstandeten Klauseln und sohin rund zur Hälfte obsiegte, kann die auf § 43 Abs 1 ZPO gestützte Kostenentscheidung des Erstgerichts (Kostenaufhebung) unangetastet bleiben.
4.2. Die vom Revisionsgericht neu zu fassende Entscheidung über die Kosten des Berufungsverfahrens beruht auf den §§ 50, 43 Abs 1 ZPO. Im Berufungsverfahren obsiegte die Klägerin mit dem Unterlassungsbegehren hinsichtlich einer von zehn beanstandeten Klauseln und mit dem Veröffentlichungsbegehren hinsichtlich zehn von 19 Klauseln. Auf Basis der Bewertung des Veröffentlichungsbegehrens mit insgesamt 4.400 EUR (rund 232 EUR pro Klausel) und des Unterlassungsbegehrens mit insgesamt 30.500 EUR (rund 1.605 EUR pro Klausel) ergibt sich eine Obsiegensquote der Klägerin im Berufungsverfahren von etwa 20 %. Der Beklagten sind die Kosten nur auf Basis des richtigen Streitwerts des Berufungsverfahrens (20.450 EUR) zu ersetzen.
4.3. Die Kostenentscheidung im Revisionsverfahren beruht auf §§ 50 iVm 43 Abs 1 ZPO. Die Klägerin drang in dritter Instanz mit ihrem (Unterlassungs- und Veröffentlichungs-)Begehren zu einer von insgesamt zehn bekämpften Klauseln durch. Auf Basis der Bewertung des gesamten Klagebegehrens (19 Klauseln) mit insgesamt 34.900 EUR stehen der Beklagten nur Kosten auf Basis eines Revisionsinteresses (10 Klauseln) von 18.368 EUR zu. |
JJT_20191217_OGH0002_0090OB00057_19A0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127151 | 9Ob57/19a | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0090OB00057_19A0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0090OB00057_19A0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 2,004 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsrekursgericht durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Dr. Hopf als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen und Hofräte des Obersten Gerichtshofs Dr. Hargassner, Mag. Korn, Dr. Stefula und Mag. Wessely-Kristöfel als weitere Richter in der Pflegschaftssache des unbekannten Inhabers des Überbringer- bzw Inhabersparbuchs mit Losungswort, Konto-Nr *, und anonymen Mieter des Sparbuchschließfachs, Konto-Nr *, ebenfalls mit Losungswort (Personen-Nr *), über die Revisionsrekurse 1. der Antragstellerin Sparkasse *, Deutschland, vertreten durch Wolf Theiss Rechtsanwälte GmbH & Co KG in Wien, und 2. des Kurators Dr. T*, Rechtsanwalt, *, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 18. Juni 2019, GZ 44 R 216/19v-14, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Innere Stadt Wien vom 26. März 2019, GZ 88 P 138/17t-8, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Den Revisionsrekursen wird Folge gegeben.
Der Beschluss des Erstgerichts wird in seinem Punkt 2. und der Beschluss des Rekursgerichts wird zur Gänze aufgehoben. Dem Rekursgericht wird die neuerliche Entscheidung über den zu Punkt 1. des Beschlusses des Erstgerichts vom Kurator erhobenen Rekurs unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund aufgetragen.
Text
Begründung:
Mit Eingabe vom 16. 5. 2017 beantragte die Antragstellerin – eine in der Rechtsform der Sparkasse nach deutschem Recht errichtete Anstalt des öffentlichen Rechts mit Sitz und Hauptniederlassung in Deutschland – die Bestellung eines Kurators gemäß § 270 ABGB (aF) für die wirksame Zustellung und Entgegennahme von Schriftstücken und rechtsgeschäftlichen Erklärungen für insgesamt 70 Geschäftsbeziehungen mit anonymen Kunden, unter anderem für die am 19. 11. 1986 begründete Geschäftsbeziehung 22 (Personen-Nr *), umfassend ein Sparbuchschließfach und ein Überbringer- bzw Inhabersparbuch. Dazu brachte sie vor, sie habe in R* (in Vorarlberg) über eine Zweigstelle gemäß § 9 BWG bzw Zweigniederlassung im Sinn des § 12 UGB verfügt, deren Geschäftszweig das Betreiben aller banküblichen Geschäfte gewesen sei und deren Schließung ihr Verwaltungsrat und Vorstand im Dezember 2015 beschlossen habe. Der Schalterbetrieb in der Zweigstelle sei mit 1. 7. 2016 eingestellt und das Onlinebanking am 1. 10. 2016 abgeschaltet worden. Das Gebäude sei zwischenzeitig verkauft worden, allerdings habe die Antragstellerin darin Lagerräume angemietet, um die noch in R* befindlichen Vermögensgegenstände der Kunden aufzubewahren. Sie habe sich bemüht, sämtliche bestehenden Geschäftsbeziehungen mit Kunden der ehemaligen Zweigstelle zu beenden, und habe dazu diverse Maßnahmen – etwa Einschaltungen in Zeitungen – vorgenommen. Trotzdem sei zum 31. 12. 2016 ein Kundenstock verblieben, der sich insbesondere aus Kunden von insgesamt 400 Konten zusammensetze, davon 252 anonymen Konten. Die Beendigung dieser Geschäftsbeziehungen erfordere eine rechtswirksame Kündigung, die bei anonymen Kunden nur an einen Kurator erfolgen könne. In einem weiteren Schritt strebe die Antragstellerin eine schuldbefreiende gerichtliche Hinterlegung gemäß § 1425 ABGB an. Ihre Rechte seien gehemmt, weil es ihr wegen unbekannter Identität der Kunden unmöglich sei, auf dem Postweg oder auf andere Weise Zustellungen zu bewirken und damit das Verfahren in Gang zu bringen. Daher sei die Bestellung eines Kurators „für unbekannte Teilnehmer an einem Geschäft“ erforderlich. Die inländische Gerichtsbarkeit sei gemäß § 110 Abs 1 Z 3 JN gegeben, da die Kunden der Antragstellerin Vermögen im Inland hätten und es bei dem Antrag um dieses Vermögen betreffende Maßnahmen gehe.
Mit Beschluss vom 30. 8. 2017 bestellte das Erstgericht „für den anonymen Inhaber des Überbringer- bzw Inhabersparbuchs mit Losungswort, Konto-Nr *, und anonymen Mieter des Sparbuchschließfachs, Konto-Nr *, ebenfalls mit Losungswort … für die Zustellung und Entgegennahme von Schriftstücken und rechtsgeschäftlichen Erklärungen (insbesondere Kündigungserklärungen) der Antragstellerin, welche diese wegen Schließung der inländischen Zweigniederlassung R* … vorzunehmen beabsichtigt, Rechtsanwalt Dr. T* … zum Kurator gemäß § 270 ABGB ..., der die unbekannte Person auf deren Gefahr und Kosten vertritt, bis diese selbst auftritt oder deren Aufenthaltsort dem Gericht bekannt wird“.
Am 29. 8. 2018 berichtete der Abwesenheitskurator über seine bisherige Tätigkeit und beantragte, ihn zu ermächtigen, das im Schließfach Nr 207 von ihm aufgefundene Sparbuch Nr * mit einem Guthaben per 25. 9. 1987 von 102,23 DM aufzulösen und den Erlös auf ein Anderkonto, lautend auf Inhaber *, zu überweisen.
Mit Beschluss vom 26. 3. 2019 wies das Erstgericht diesen Antrag zurück (Punkt 1.), enthob den Abwesenheitskurator seines Amtes und sprach aus, dass das Verfahren mangels internationaler Zuständigkeit beendet werde (Punkt 2.). Entgegen seiner ursprünglichen Annahme, dass sich das Vermögen des unbekannten Inhabers – aufgrund der in Österreich verwahrten Sparbücher – im Inland befinde, könne nunmehr aufgrund der Entscheidung 1 Ob 146/18d festgehalten werden, dass kein inländisches Vermögen und daher kein Anknüpfungspunkt für die inländische Gerichtsbarkeit vorliege. Der Mangel der inländischen Gerichtsbarkeit sei in jeder Lage des Verfahrens von Amts wegen wahrzunehmen. Überdies bedürfe der Antrag des Kurators keiner Genehmigung, da es sich bei der Auflösung eines Sparbuchs mit einem Guthaben von 102,23 DM um eine Vermögensangelegenheit handle, die zum ordentlichen Wirtschaftsbetrieb gehöre.
Das Rekursgericht gab den vom Kurator gegen Punkt 1. und 2. und von der Antragstellerin nur gegen Punkt 2. erhobenen Rekursen nicht Folge.
Nach der auch im außerstreitigen Verfahren anzuwendenden Bestimmung des § 42 Abs 1 JN sei der Mangel der inländischen Gerichtsbarkeit in jeder Lage des Verfahrens vom Gericht wahrzunehmen und führe zur Zurückweisung eines gestellten Antrags unter Aufhebung aller seit Eintritt dieses Hindernisses erfolgten Verfahrensschritte. Dies sei nach § 42 Abs 3 JN dann nicht mehr möglich, wenn dem eine von demselben oder von einem anderen Gericht gefällte, noch bindende Entscheidung entgegenstehe. Ein bindender rechtskräftiger Ausspruch über die inländische Gerichtsbarkeit nach § 42 Abs 3 JN liege hier jedoch nicht vor, weil sich der Beschluss auf die Bestellung des Kurators beschränke, ohne einen Ausspruch (oder auch nur Ausführungen) zur inländischen Gerichtsbarkeit zu enthalten. Nähere Informationen zur Identität des Geschäftspartners der Antragstellerin, insbesondere Geschlecht, Name, Geburtsdatum, zum früheren oder gegenwärtigen Aufenthalt und zur Staatsbürgerschaft, seien nicht vorgebracht worden. Das Erstgericht habe daher auch keine Erhebungen zur Klärung der Tatbestandsvoraussetzungen nach § 110 Abs 1 Z 1 und Z 2 Fall 1 JN durchführen können. Eine Dringlichkeit im Sinn des § 110 Abs 1 Z 2 Fall 2 JN sei nicht behauptet worden. Es bleibe daher zu prüfen, ob ein Vermögensgerichtsstand nach § 110 Abs 1 Z 3 JN im Zusammenhang mit dem Sparguthaben bei einer ausländischen Bank, die in der Vergangenheit eine österreichische Zweigniederlassung betrieben habe, vorliege. Zu 1 Ob 146/18d habe der Oberste Gerichtshof darauf verwiesen, dass gemäß § 99 Abs 2 Satz 1 JN, der auch für die Prüfung der internationalen Zuständigkeit in Pflegschaftssachen nach § 110 Abs 1 Z 3 JN maßgeblich sei, bei Forderungen der Wohnsitz oder der gewöhnliche Aufenthalt des Schuldners als der Ort gelte, an dem sich das Vermögen befinde. Sei der Schuldner eine juristische Person, komme es auf deren Sitz an. Liege dieser im Ausland, sei keine österreichische internationale Zuständigkeit gegeben. § 110 Abs 1 Z 3 JN sei nach der Rechtsprechung zudem teleologisch auf dringende Maßnahmen wegen Fürsorgebedürftigkeit des Ausländers zu reduzieren. Auf eine solche Dringlichkeit im Interesse der Kunden habe sich die Antragstellerin nicht gestützt. Soweit sie sich darauf berufe, es handle sich um ein „österreichisches Sparbuch“ und die Einlagenforderung des Kunden sei eine Holschuld, übersehe sie, dass nach Schließung der österreichischen Filiale eine Auszahlung nur mehr in den (verbliebenen) Geschäftsräumlichkeiten in Deutschland – gegen Vorlage des Sparbuchs – gefordert werden könne. Das Vorbringen, wegen des nach Art 6 der AGB vereinbarten Erfüllungsorts R* bestehe inländisches Vermögen, verstoße gegen das Neuerungsverbot. Ob ein deutsches Gericht die internationale Zuständigkeit ablehnen würde, stehe derzeit nicht fest. Die Frage, ob die Verneinung der inländischen Gerichtsbarkeit gegen EU-Recht verstoße oder der Antragstellerin die Ausübung der durch die Unionsrechtsordnung verliehenen Rechte praktisch unmöglich gemacht oder übermäßig erschweren werde oder ob ihr jedweder Rechtsschutz in Deutschland und Österreich fehle, stelle sich daher derzeit nicht. Auf die vom Kurator zu Punkt 1. erhobene Rüge müsse nicht eingegangen werden, weil Punkt 2. der Entscheidung zu bestätigen gewesen sei, sodass der Ermächtigungsantrag im Ergebnis zutreffend zurückzuweisen gewesen sei.
Das Rekursgericht ließ den ordentlichen Revisionsrekurs zu, weil – soweit überblickbar – zur bindenden Wirkung eines Beschlusses über die Bestellung eines Abwesenheitskurators nach § 42 Abs 3 JN keine oberstgerichtliche Rechtsprechung vorliege und die Entscheidungen 1 Ob 146/18d (ausdrückliche Verneinung der inländischen Gerichtsbarkeit) und 8 Ob 81/18x (implizite Bejahung derselben) miteinander nicht vereinbar seien.
Gegen diese Entscheidung richten sich die ordentlichen Revisionsrekurse sowohl der Antragstellerin als auch des Kurators, die beide auf eine ersatzlose Aufhebung von Punkt 2. des erstgerichtlichen Beschlusses, letzterer auch auf eine Abänderung von dessen Punkt 1. abzielen.
Rechtliche Beurteilung
Die Revisionsrekurse sind zulässig, weil die Verneinung der internationalen Zuständigkeit des Erstgerichts durch die Vorinstanzen einer Korrektur durch den Obersten Gerichtshof bedarf. Dementsprechend sind sie im Sinn einer Aufhebung der Entscheidungen der Vorinstanzen auch berechtigt.
1.1 § 270 ABGB idF SWRÄG 2006 bildete nicht nur die Grundlage für die Abwesenheitskuratel (Fall 1), sondern auch für die Kuratel für unbekannte Teilnehmer an einem Geschäft (Fall 2). Dieser Fall ist seit Inkraftreten des 2. ErwSchG – unter Beibehaltung der Bestellungsvoraussetzungen (Pfurtscheller in Schwimann/Neumayr, ABGB-TaKom4 § 277 nF Rz 6) – in § 277 Abs 1 Z 4 ABGB geregelt. Von unbekannten Teilnehmern spricht man bei namentlich nicht bestimmten, aber existierenden und noch lebenden Personen, die Geschäfte – nicht nur Rechtsgeschäfte, sondern auch Rechtsverhältnisse, wie ua behördliche Verfahren – zu führen hätten, wären sie bekannt, um eine Rechtsgefährdung zu vermeiden (4 Ob 227/97d). Die Bestellung eines Kurators für Unbekannte weist Parallelen zur Bestellung eines Abwesenheitskurators auf (vgl Mondel, Die Kuratoren im österreichischen Recht2 [2013] 5/3 ff), setzt aber – im Gegensatz zum Abwesenheitskurator – gerade die namentliche Unbekanntheit der Person voraus, für die ein Kurator zu bestellen ist.
1.2 Hier hat das Erstgericht mit (nach Zustellung und Einschaltung in die Ediktsdatei) rechtskräftigem Beschluss vom 30. 8. 2017 (vgl RIS-Justiz RS0006052) einen Kurator nach § 270 Fall 2 ABGB aF bestellt. Das ist deshalb hervorzuheben, weil – wie Mondel (aaO Rz 1/3) zutreffend bemerkt – bei dieser Kuratel die Zuständigkeitstatbestände des § 110 Z 1 und 2 JN naturgemäß ausfallen. Mondel plädiert daher für eine extensive Auslegung des § 110 JN, auch wenn kein „Vermögen“ Gegenstand der Kuratel sei. Etwa dann, wenn es um „Rechte“ gehe, die die Grundlage zur Bestellung eines Kurators für unbekannte Teilnehmer an einem Geschäft bildeten, müsse § 110 JN anwendbar sein, um nicht die Kuratel selbst ad absurdum zu führen.
1.3 Anders als in diesem Fall lag der Entscheidung 1 Ob 146/18d der Antrag auf Bestellung eines Abwesenheitskurators für eine namentlich bekannte Kundin mit deutscher Staatsbürgerschaft und zuletzt bekannter Adresse in Deutschland, aber derzeit unbekanntem Aufenthalt zugrunde. Ob die zur internationalen Unzuständigkeit des dort angerufenen Erstgerichts führenden Erwägungen insbesondere angesichts der von Mondel angesprochenen Problematik auch auf den vorliegenden Fall zu übertragen sind, muss nicht abschließend geklärt werden, weil die Vorinstanzen die Zuständigkeitsfrage nach rechtskräftiger Kuratorbestellung gar nicht mehr von Amts wegen hätten aufgreifen dürfen.
2.1 Der Mangel der internationalen Zuständigkeit, der auch durch eine Parteienvereinbarung oder durch rügelose Einlassung nicht beseitigt werden kann, ist nach § 42 Abs 1 JN jederzeit von Amts wegen wahrzunehmen und stellt einen Nichtigkeitsgrund dar. Die unprorogable internationale Unzuständigkeit führt daher zur Nichtigkeit des durchgeführten Verfahrens einschließlich bereits gefällter Entscheidungen und grundsätzlich zur Zurückweisung der Klage bzw des Antrags. Nach Rechtskraft der Entscheidung kann die unprorogable internationale Unzuständigkeit – im Unterschied zum Mangel der inländischen Gerichtsbarkeit aufgrund einer Immunität – allerdings nicht mehr wahrgenommen werden (Garber in Fasching/Konecny3 § 42 JN Rz 4; Mayr in Rechberger/Klicka5 § 42 JN Rz 3; Rechberger/Simotta, Zivilprozessrecht9 Rz 119). § 42 Abs 3 JN schließt die Wahrnehmung eines Prozesshindernisses überdies schon im Laufe des Verfahrens aus, wenn bereits eine bindende Entscheidung über das Vorliegen der Prozessvoraussetzung erfolgt ist (RS0035572).
2.2 Das Rekursgericht hat sich ausschließlich mit der Bestimmung des § 42 Abs 3 JN auseinandergesetzt und das Vorliegen einer in diesem Sinn bindenden Entscheidung über die internationale Zuständigkeit verneint. Dabei hat es aber die Rechtskraft des Bestellungsbeschlusses missachtet. Sowohl der Beschluss über die Bestellung wie auch über die Enthebung eines Kurators ist ein rechtsgestaltender Beschluss (RS0006013 [T1]). Gemäß Beschluss vom 30. 8. 2017 erstreckt sich der Wirkungskreis des Kurators, „der die unbekannte Person auf deren Gefahr und Kosten vertritt, bis diese selbst auftritt oder deren Aufenthaltsort dem Gericht bekannt wird“, auf „die Zustellung und Entgegennahme von Schriftstücken und rechtsgeschäftlichen Erklärungen (insbesondere Kündigungserklärungen) der Antragstellerin, welche diese wegen Schließung der inländischen Zweigniederlassung R* … vorzunehmen beabsichtigt“. Diese Geschäfte sind noch nicht abgeschlossen; Gründe für eine Enthebung des Kurators liegen nicht vor (vgl § 278 Abs 2 ABGB aF, nunmehr § 284 Abs 2 ABGB). Die nach Ansicht der Vorinstanzen bereits zum Zeitpunkt des Bestellungsbeschlusses fehlende internationale Zuständigkeit ist mit dessen Rechtskraft jedenfalls geheilt und darf im Rahmen des vom Bestellungsbeschluss gedeckten Verfahrens nicht mehr von Amts wegen aufgegriffen werden. Daraus folgt, dass ab Heilung der Unzuständigkeit die Sache rechtmäßig beim angerufenen Gericht anhängig ist (vgl Scheuer in Fasching/Konecny3 § 29 JN Rz 2).
3. Die Entscheidungen der Vorinstanzen halten somit einer Überprüfung durch den Obersten Gerichtshof nicht stand. Da die Beendigung der Kuratel wegen internationaler Unzuständigkeit im vorliegenden Verfahrensstadium mit der Rechtslage nicht im Einklang steht, war diese ersatzlos zu beheben. Dementsprechend wird das Rekursgericht über den Rekurs des Kurators gegen Punkt 1. des erstgerichtlichen Beschlusses unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund neuerlich zu entscheiden haben. |
JJT_20200114_OGH0002_0140OS00098_19X0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127152 | 14Os98/19x | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200114_OGH0002_0140OS00098_19X0000_000/JJT_20200114_OGH0002_0140OS00098_19X0000_000.html | 1,578,960,000,000 | 5,779 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 14. Jänner 2020 durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Prof. Dr. Danek als Vorsitzenden, die Hofrätin des Obersten Gerichtshofs Mag. Hetlinger, den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr. Nordmeyer sowie die Hofrätinnen des Obersten Gerichtshofs Dr. Mann und Dr. Setz-Hummel in Gegenwart des Schriftführers Mag. Hauer in der Strafsache gegen Monika U* und andere Angeklagte wegen des Verbrechens des Hochverrats nach §§ 15, 12 zweiter Fall, 242 Abs 1 StGB und weiterer strafbarer Handlungen über die Nichtigkeitsbeschwerden und die Berufungen der Angeklagten Monika U*, Jakob S*, Brigitte V*, Daniela M*, Hannes F* und Erika E* sowie die Berufungen der Staatsanwaltschaft und der Angeklagten DI (FH) Michael W* und Josef We* gegen das Urteil des Landesgerichts für Strafsachen Graz als Geschworenengericht vom 25. Jänner 2019, GZ 14 Hv 39/18w-2287, und weiters die Beschwerden gegen zugleich ergangene Beschlüsse, nämlich des Angeklagten Josef We* gegen einen solchen auf Absehen vom Widerruf einer bedingten Entlassung und Verlängerung der Probezeit sowie der Angeklagten DI (FH) Michael W*, Daniela M* und Hannes F* gegen einen solchen auf Anordnung der Bewährungshilfe nach Anhörung der Generalprokuratur in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
In teilweiser Stattgebung der Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten F* und E* und aus Anlass der Nichtigkeitsbeschwerden werden das angefochtene Urteil, das im Übrigen unberührt bleibt, in den Schuldsprüchen A und B (jeweils zur Gänze) sowie im diesen zugrunde liegenden Wahrspruch (zu den Hauptfragen 1, 2, 35, 36, 45, 47, 65, 68, 74, 80, 96, 106, 117, 119 und 121 samt Zusatzfragen sowie zur Eventualfrage 10 zur Hauptfrage 112 samt Zusatzfrage), demgemäß auch in sämtlichen Strafaussprüchen (einschließlich der Vorhaftanrechnung und des Konfiskationsausspruchs) und im Verfallserkenntnis, weiters der hinsichtlich We* gefasste Beschluss auf Absehen vom Widerruf einer bedingten Entlassung und Verlängerung der Probezeit sowie sämtliche Beschlüsse auf Anordnung der Bewährungshilfe aufgehoben und die Sache in diesem Umfang an das Landesgericht für Strafsachen Graz als Geschworenengericht zur nochmaligen Verhandlung und Entscheidung verwiesen.
Darauf werden die Angeklagten V*, DI (FH) W* und We* sowie die Staatsanwaltschaft mit ihren Rechtsmitteln zur Gänze, der Angeklagte F* mit seiner Berufung und seiner Beschwerde, die Angeklagte E* mit ihrer Berufung sowie die Angeklagten U*, S* und M* mit ihren Rechtsmitteln, soweit sie kassierte Teile des Urteils oder Beschlüsse betreffen, verwiesen.
Die Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten U*, S*, M*, F* und E* im Übrigen werden zurückgewiesen.
Den Angeklagten U*, S*, M*, F* und E* fallen auch die Kosten des Rechtsmittelverfahrens zur Last.
Text
Gründe:
Mit dem angefochtenen, auf dem Wahrspruch der Geschworenen beruhenden, Urteil wurden – soweit hier von Bedeutung – folgendermaßen schuldig erkannt:
- Monika U* (A/I bis III, V und VI) und Jakob S* (A/I und IV) je eines Verbrechens des Hochverrats nach §§ 15, 12 zweiter Fall, 242 Abs 1 StGB,
- U* (B/I und II/1), S* (B/II/2), Brigitte V* (B/I und II/3), DI (FH) Michael W* (B/II/4), Josef We* (B/II/6), Hannes F* (B/II/7), Erika E* (B/II/8), Werner En* (B/II/9), Andreas T* (B/II/10), Christine K* (B/II/11) und Karlheinz Kl* (B/II/12) je eines Verbrechens der staatsfeindlichen Verbindungen nach § 246 Abs (zu ergänzen: 1 und) 2 erster, zweiter und vierter Fall StGB (B/II/4), Daniela M* eines Verbrechens der staatsfeindlichen Verbindungen nach § 246 Abs (zu ergänzen: 1 und) 2 erster und vierter Fall StGB (B/II/5) und Klaus Fa* eines Verbrechens der staatsfeindlichen Verbindungen nach § 246 Abs (zu ergänzen: 1 und) 2 vierter Fall StGB (B/II/13),
- Gerhard R* eines Vergehens der staatsfeindlichen Verbindungen nach § 246 Abs (zu ergänzen: 1 und) 3 erster und zweiter Fall StGB (B/III),
- U* (C/I bis III, V und VI) und S* (C/I und IV) mehrerer Verbrechen der Nötigung eines verfassungsmäßigen Vertretungskörpers, einer Regierung, des Verfassungsgerichtshofs, des Verwaltungsgerichtshofs oder des Obersten Gerichtshofs nach §§ 15, 12 zweiter Fall, 250 StGB,
- U* (D/I, III, IV, VI und VII) und S* (D/II und V) mehrerer Verbrechen der Nötigung von Mitgliedern eines verfassungsmäßigen Vertretungskörpers, einer Regierung, des Verfassungsgerichtshofs, des Verwaltungsgerichtshofs oder des Obersten Gerichtshofs oder des Präsidenten des Rechnungshofs oder des Leiters eines Landesrechnungshofs nach §§ 15, 12 zweiter Fall, 251 erster Fall StGB,
- U* (E/I/1 bis 4, 6 bis 8 und II/1), S* (E/I/1, 2 und 5) und E* (E/II/3) jeweils mehrerer Verbrechen (richtig [RIS-Justiz RS0121981]: eines Verbrechens) des Missbrauchs der Amtsgewalt nach §§ 15, 12 zweiter Fall, 302 Abs 1 StGB,
- U* (F/I) und E* (F/III) jeweils mehrerer Vergehen der Nötigung nach §§ 15, 105 Abs 1 StGB,
- U* eines Vergehens des schweren gewerbsmäßigen Betrugs nach §§ 146, 147 Abs 2, 148 erster Fall StGB (G/I),
- S* (G/II), V* (G/III [iVm § 12 dritter Fall StGB]), M* (G/V [iVm § 12 dritter Fall StGB]), F* (G/VII) und E* (G/VIII) jeweils eines Vergehens des schweren Betrugs nach §§ 146, 147 Abs 2 StGB.
Danach haben in G* und an anderen Orten
A/ U* und S*, Angehörige des Österreichischen Bundesheers zu bestimmen versucht, es zu unternehmen, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt die Verfassung der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer zu ändern, indem
I/ beide am 22. August 2016 „widerrechtliche Haftbefehle“ gegen den (damaligen) Bundespräsidenten und im Urteil bezeichnete (aktive und ehemalige) Mitglieder der Bundesregierung, von Landesregierungen und des Magistrats von W* sowie den Bürgermeister der Stadt G* samt einem an das Österreichische Bundesheer gerichteten Schreiben, in dem sie dazu aufforderten, „eine militärische Übergangsregierung zu bilden und alle Schlüsselpositionen zu besetzen“, einem Angehörigen des Militärkommandos St* in der G*kaserne zur Weiterleitung an den Kompaniekommandanten übergaben;
II/ U* am 10. Dezember 2016 ein an den Generalstabschef und weitere im Urteil näher bezeichnete Offiziere des Österreichischen Bundesheers gerichtetes Schreiben an diese versandte, in welchem sie diese unter Hinweis auf die zu I bezeichnete Aufforderung zur „Installierung einer militärischen Übergangsregierung und die übermittelten Haftbefehle“ aufforderte, das verlangte Verhalten auszuführen;
III/ U* am 21. Jänner 2017 ein an den Generalstabschef des Österreichischen Bundesheers gerichtetes Schreiben verfasste, in welchem neuerlich auf die vom „St*“ (der zu B näher beschriebenen Verbindung) dem Militärkommando St* übergebenen „Haftbefehle“ verwiesen und der Adressat aufgefordert wurde, „für einen reibungslosen Übergang“ zu sorgen, „alle Schlüsselpositionen zu besetzen“ sowie „eine militärische Übergangsregierung“ zu schaffen, und dieses Schreiben am 23. Jänner 2017 an im Urteil näher bezeichnete Offiziere des Österreichischen Bundesheers versandte;
IV/ S* am 21. Jänner 2017 das zu III bezeichnete Schreiben unterfertigte;
V/ U* am 26. Jänner 2017 ein weiteres Schreiben an einen im Urteil näher genannten Offizier des Österreichischen Bundesheers verfasste und versandte, in welchem sie unter Hinweis auf die zu I genannten „Haftbefehle“, die zu I und III bezeichneten Schreiben sowie unter Anschluss weiterer (im Urteil zu E/I/6 genannter) „Haftbefehle“ um sofortige Umsetzung ersuchte;
VI/ U* am 1. März 2017 ein weiteres, von ihr zuvor verfasstes Schreiben an den zu V genannten Offizier des Österreichischen Bundesheers versandte, in welchem sie unter Hinweis auf die zuvor bezeichneten „Haftbefehle“ und Schreiben sowie unter Anschluss weiterer (im Urteil zu E/I/7 genannter) „Haftbefehle“ um sofortige Umsetzung ersuchte;
B/I/ U* und V* am 26. Oktober 2015 im bewussten und gewollten Zusammenwirken mit fünf weiteren im Urteil genannten, abgesondert verfolgten Personen eine Verbindung, deren wenn auch nicht ausschließlicher Zweck es ist, auf gesetzwidrige Weise die Unabhängigkeit, die in der Verfassung festgelegte Staatsform oder eine verfassungsmäßige Einrichtung der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer zu erschüttern, nämlich den „Sta*“, gegründet, indem sie die „Ve*“ ausriefen und eine Urkunde darüber unterzeichneten;
B/II/ U*, S*, V*, DI (FH) W*, We*, F*, E*, En*, T*, K* und Kl* sich in einer Verbindung, deren wenn auch nicht ausschließlicher Zweck es ist, auf gesetzwidrige Weise die Unabhängigkeit, die in der Verfassung festgelegte Staatsform oder eine verfassungsmäßige Einrichtung der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer zu erschüttern, und zwar dem „St*“, führend betätigt, für sie Mitglieder geworben und sie sonst in erheblicher Weise unterstützt sowie M* sich in dieser Verbindung führend betätigt und sie – ebenso wie Fa* – sonst in erheblicher Weise unterstützt, und zwar
1/ U* von 26. Oktober 2015 bis 20. April 2017 als „Präsidentin“ des „Sta*“ sowie ab 11. November 2015 (auch) des „St*“, indem sie diesen und dessen weitere – im Urteil namentlich genannte – Untereinheiten ausrief, sämtliche Entscheidungen in Bezug auf den „St*“, den „Sta*“ und eine Untereinheit traf und bei einer Vielzahl von Stammtischen sowie auf im Urteil näher genannten Webseiten und in sozialen Medien Mitglieder für die genannte Verbindung warb;
2/ S* von 18. Februar 2016 bis 20. April 2017, indem er – im Urteil genannte – Untereinheiten des „St*“, mitbegründete, als „Waisenrat“ und „Vizepräsident des St*“ auftrat und Einfluss auf dessen Entscheidungen nahm, bei Rekrutierungsveranstaltungen und Stammtischen Vorträge hielt und Mitglieder warb, im Namen des „St*“ Urkunden ausstellte, (Droh-)Briefe versandte und sich als „Richter“ des ersten, für den 21. April 2017 geplanten „Prozesses“ eines von der Verbindung ins Leben gerufenen „Gerichts“ zur Verfügung stellte;
3/ V* von 26. Oktober 2015 bis 20. April 2017 als „Finanzverantwortliche“ des „Sta*“ sowie ab 11. November 2015 (auch) des „St*“, indem sie diesen und mehrere Untereinheiten mitbegründete, „Befreiungsbestätigungen“ und andere Urkunden des „St*“ unterfertigte, als dessen Finanzverwalterin und Organisatorin agierte, Rekrutierungsveranstaltungen in ganz Österreich organisierte und mit den Führungspersonen der jeweiligen „Teilstaaten“ koordinierte, eine im Urteil näher bezeichnete Internetseite betreute, auf der sie die Ideologie des „St*“ verbreitete, über Termine von Rekrutierungsveranstaltungen informierte und Mustervorlagen für als „Akzeptanzschreiben“ bezeichnete Drohschreiben zum Download bereitstellte sowie Broschüren zur Ideologie des „St*“ für den Verkauf bei Rekrutierungsveranstaltungen entwarf und herstellte;
4/ DI (FH) W* von 28. Februar 2016 bis 20. April 2017, indem er eine Untereinheit des „St*“ mitbegründete, als dessen „Staatsbeauftragter“ und „Staatssekretär“ auftrat, Einfluss auf dessen Entscheidungen nahm, das so genannte „Landbuch“ betreute, Auszüge aus diesem erstellte und unterzeichnete, an einer Vielzahl von Rekrutierungsveranstaltungen teilnahm und Mitglieder warb sowie „Ladungen“ und „Haftbefehle“ für den zu 2 genannten „Prozess“ verfasste;
5/ M* von 9. September 2016 bis 20. April 2017 als „Staatsbeauftragte“ des „St*“, indem sie Einfluss auf dessen Entscheidungen nahm, dessen „Landbuch“ betreute, der Vorlage an Behörden dienende Auszüge aus diesem erstellte und unterfertigte, an einer Vielzahl von Rekrutierungsveranstaltungen teilnahm, „Ladungen“ und „Haftbefehle“ für zu Punkt 2 genannten „Prozess“ verfasste und sich dafür als „Schriftführerin“ zur Verfügung stellte;
6/ W* von 4. Juli 2016 bis 20. April 2017, indem er eine Untereinheit des „St*“ mitbegründete, als deren „Präsident“ oder „Vorsitzender“ auftrat und Einfluss auf Entscheidungen der Verbindung nahm, regionale Rekrutierungsveranstaltungen organisierte und leitete, Information und Propaganda des „St*“ verbreitete, Mitglieder warb und „Befreiungsbestätigungen“ unterfertigte;
7/ F* von 11. November 2015 bis 20. April 2017, indem er als „Staatsbeauftragter“ des „St*“ Untereinheiten mitbegründete und ausrief, als deren „Präsident“ oder „Vorsitzender“ Einfluss auf Entscheidungen der Verbindung nahm, regionale Rekrutierungsveranstaltungen organisierte und leitete, auf welchen er zumindest 26 neue Mitglieder für diese Verbindung warb, „Befreiungsbestätigungen“ und andere Urkunden unterfertigte und durch mehrere an die Gemeinde D* gerichtete Schreiben versuchte, diese zur „Übergabe“ der Volksschule R* an den „St*“ zu veranlassen;
8/ E* von 8. Oktober 2016 bis 20. April 2017, indem sie Untereinheiten des „St*“ mitbegründete, als „Präsidentin“ oder „Vorsitzende“ einer dieser Untereinheiten Einfluss auf Entscheidungen der Verbindung nahm, regionale Rekrutierungsveranstaltungen organisierte und leitete, auf welchen sie zumindest 31 neue Mitglieder für diese Verbindung warb, „Befreiungsbestätigungen“ und andere Urkunden unterfertigte und eine im Urteil näher bezeichnete Internetseite betreute, auf der sie die Ideologie des „St*“ verbreitete;
9/ E* von 23. Oktober 2016 bis 20. April 2017, indem er als „Präsident“ oder „Vorsitzender“ einer Untereinheit des „St*“ auftrat, Einfluss auf Entscheidungen der Verbindung nahm, regionale Rekrutierungsveranstaltungen organisierte und leitete, „Befreiungsbestätigungen“ und andere Urkunden unterfertigte und 84 neue Mitglieder für die Verbindung warb;
10/ T* von 26. September 2016 bis 20. April 2017, indem er eine Untereinheit des „St*“ mitbegründete, als „Präsident“ oder „Vorsitzender“ einer (anderen) Untereinheit des „St*“ auftrat, Einfluss auf Entscheidungen der Verbindung nahm, regionale Rekrutierungsveranstaltungen organisierte und leitete, „Befreiungsbestätigungen“ und andere Urkunden unterfertigte und 54 neue Mitglieder für die Verbindung warb;
11/ K* von 3. August 2016 bis 20. April 2017, indem sie Ansprechperson des „St*“ in einer seiner Untereinheiten war, Einfluss auf Entscheidungen der Verbindung nahm, regionale Rekrutierungsveranstaltungen organisierte, „Befreiungsbestätigungen“ und andere Urkunden unterfertigte, Zahlungen von Mitgliedern entgegennahm und die Geldbeträge verwaltete, Information und Propaganda des „St*“ verbreitete und das „Landbuch“ mitbegründete;
12/ Kl* von 8. Jänner 2016 bis 20. April 2017, indem er als „Staatssekretär“ und Führungsmitglied des „St*“ zahlreiche „Lebenderklärungen“ und „Beitritts- bzw. Befreiungsbestätigungen“ für neue Mitglieder ausstellte, die Versendung von Drohschreiben organisierte, Anordnungen und „Haftbefehle“ im Zusammenhang mit einer geplanten Verhandlung (im Urteil genannten) Angehörigen des Österreichischen Bundesheers übergab und „Ladungen“ zustellte sowie im Rahmen einer Rekrutierungsveranstaltung den „St*“ bewarb;
13/ Fa* von 6. Februar 2017 bis 29. Mai 2018, indem er an einer Vielzahl von Rekrutierungsveranstaltungen der Verbindung teilnahm, als „Gerichtsdiener“ Anordnungen und „Haftbefehle“ im Zusammenhang mit dem zu Punkt 2 genannten „Prozess“ (im Urteil genannten) Angehörigen des Österreichischen Bundesheers übergab und „Ladungen“ zustellte sowie im Rahmen einer Rekrutierungsveranstaltung den „St*“ bewarb;
III/ R* von 15. September 2016 bis 20. April 2017 an einer Verbindung, deren wenn auch nicht ausschließlicher Zweck es ist, auf gesetzwidrige Weise die Unabhängigkeit, die in der Verfassung festgelegte Staatsform oder eine verfassungsmäßige Einrichtung der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer zu erschüttern, und zwar dem „St*“, sonst teilgenommen und sie auf andere (als die in § 246 Abs 2 StGB bezeichnete) Weise unterstützt, indem er als „Waisenrat“ auftrat und als Führungsperson einer Untereinheit dieser Verbindung Einfluss auf deren Entscheidungen nahm, zahlreiche Rekrutierungsveranstaltungen organisierte und leitete, „Befreiungsbestätigungen“ und andere Urkunden unterfertigte, zahlreiche Mitglieder für die Verbindung warb und sich als „Ersatzschöffe“ für den zu B/II/2 genannten „Prozess“ zur Verfügung stellte;
C/ U* (zu I bis III, V und VI) durch die zu A/I bis III, V und VI und S* (zu I und IV) durch die zu A/I und IV beschriebenen Handlungen, Angehörige des Österreichischen Bundesheers zu bestimmen versucht, es zu unternehmen, die Landesregierungen der Steiermark, des Burgenlands, von Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Tirol, Salzburg und Wien mit Gewalt zu hindern, ihre Befugnisse überhaupt auszuüben;
D/ U* (zu I, III, IV, VI und VII) durch die zu A/I bis III, V und VI und S* (zu II und V) durch die zu A/I und IV beschriebenen Handlungen Angehörige des Österreichischen Bundesheers zu bestimmen versucht, es zu unternehmen, im Urteil genannte Mitglieder der Bundesregierung mit Gewalt zu hindern, ihre Befugnisse überhaupt auszuüben;
E/ U*, S* und E* Beamte wissentlich zu bestimmen versucht, ihre Befugnis, im Namen des Bundes oder eines Landes als dessen Organe in Vollziehung der Gesetze Amtsgeschäfte vorzunehmen, zu missbrauchen, und zwar
I/ U* am 12. August 2016 (zu 1), weiters durch die zu A/I bis III, V und VI beschriebenen Handlungen (zu 2 bis 4, 6 und 7) sowie am 30. März 2017 und am 3. April 2017 (zu 8) und S* am 12. August 2016 (zu 1) sowie durch die zu A/I und IV beschriebenen Handlungen (zu 2 und 5) mit dem Vorsatz, zahlreiche im Urteil genannte Personen an ihrem Recht auf persönliche Freiheit zu schädigen, indem sie im Urteil näher bezeichnete militärische Organe, zur (Veranlassung der gesetzwidrigen) Festnahme (§ 11 MilitärbefugnisG) und Gefangenhaltung dieser Personen aufforderten;
II/ U* und E* durch Übermittlung von Schreiben zu (im Urteil konkret bezeichneten) Verfahren, in welchen die zuständigen Beamten unter Androhung mutwilliger Geltendmachung von Schadenersatzforderungen, der Eintragung eines Pfandrechts in ein internationales Schuldenregister und anschließender Geltendmachung oder der Entziehung der persönlichen Freiheit dazu aufgefordert wurden, diese Verfahren nicht weiterzuführen oder einzustellen, und zwar
1/Â U*
a/ am 28. Jänner 2016 den Bezirkshauptmann und die zuständige Sachbearbeiterin der Bezirkshauptmannschaft H* in einem gegen sie geführten Verfahren wegen Aufhebung der Zulassung eines Kraftfahrzeugs zum Verkehr, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz auf das Recht des Staates „auf Verhinderung von durch nicht versicherte Kraftfahrzeuge verursachten Verkehrsunfällen bzw Gewährleistung des Schutzes dritter Verkehrsteilnehmer iSd öffentlichen Verkehrssicherheit“ bezog;
b/ am 18. April 2016 eine beim Bezirksgericht A* tätige Richterin in einem gegen im Urteil genannte Personen geführten Exekutionsverfahren, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz auf das Recht der betreibenden Gläubigerin „auf Eigentum und staatliche Zwangsvollstreckung ihres Exekutionstitels“ bezog;
c/, d/, f/ und g/ am 13. Juni, 8. Juli und 23. Dezember 2016 sowie am 21. Jänner 2017 den Bezirkshauptmann und die jeweils zuständigen Sachbearbeiter der Bezirkshauptmannschaft H* in gegen sie geführten Verwaltungsstrafverfahren, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz jeweils auf das Recht des Staates auf Strafverfolgung von Verwaltungsübertretungen bezog;
e/ am 5. Oktober 2016 den zuständigen Sachbearbeiter eines Landesschulrats in einem gegen sie geführten Verfahren nach dem SchulpflG, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz auf das Recht der Angelina U* „auf Erhalt einer dem SchulpflG entsprechenden Schulbildung“ bezog;
3/Â E*,
a/ am 16. Februar 2017 die zuständige Sachbearbeiterin der PI Hi* in einem gegen eine im Urteil genannte Person geführten Strafverfahren, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz auf das Recht des Staates auf Strafverfolgung bezog;
b/ und c/ am 1. März 2017 eine Diplomrechtspflegerin und einen Gerichtvollzieher des Bezirksgerichts F* in einem gegen eine im Urteil bezeichnete Person geführten Exekutionsverfahren, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz auf das Recht der betreibenden Gläubigerin „auf Eigentum und staatliche Zwangsvollstreckung ihres Exekutionstitels“ bezog;
d/ am 2. März 2017 die zuständige Sachbearbeiterin der Bezirkshauptmannschaft F* in einem gegen eine im Urteil genannte Person geführten Verwaltungsstrafverfahren, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz auf das Recht des Staates auf Verfolgung von Verwaltungsübertretungen bezog;
e/ am 2. März 2017 die zuständige Sachbearbeiterin der Bezirkshauptmannschaft F* in einem eine im Urteil bezeichnete Person betreffenden Verwaltungsverfahren, wobei sich ihr Schädigungsvorsatz auf das Recht des Landes Vorarlberg auf Beseitigung von rechtswidrig errichteten Bauwerken bezog;
F/ U* zu I/1 bis 7 durch die zu E/II/1/a bis g und E* zu III/1 bis 5 durch die zu E/II/3/a bis e beschriebenen Handlungen die dort genannten Personen jeweils durch gefährliche Drohungen mit einer Verletzung an der Freiheit oder am Vermögen (durch Aufwendung von Verfahrenskosten für die Abwehr unberechtigter Ansprüche) zur Vornahme der dort genannten Handlungen zu nötigen versucht;
G/ mit auf unrechtmäßige Bereicherung gerichtetem Vorsatz eine Vielzahl von (im Urteil namentlich nicht genannten) Mitgliedern und Sympathisanten des „St*“ durch Täuschung über Tatsachen, nämlich durch die Vorgabe,
- eine „Authentitätskarte“ zum Preis von je 35 Euro (ab 16. September 2016: 50 Euro) könne im Rechtsverkehr Personalausweis, Reisepass und Führerschein ersetzen,
- der Erwerb von „Befreiungsbestätigungen“ und (internationalen) „Lebendmeldungen“ zum Preis von „je EUR 10,00 (bzw. EUR 100,00)“ würde für den Erwerber zur Aufhebung der Geltung der österreichischen Rechtsordnung
– insbesondere der Pflicht zur Entrichtung von Steuern und Abgaben – sowie zur Entstehung eines Anspruchs auf ein persönliches „Treuhandkonto“ führen,
- der Erwerb von „Kfz-Kennzeichen“ und „Zulassungsscheinen“ zum Preis von zusammen 100 Euro würde von der Verpflichtung zum Abschluss einer Haftpflichtversicherung in Österreich befreien und etwaige Unfallschäden würde der Finanzminister vom persönlichen „Treuhandkonto“ bezahlen,
- durch den Erwerb eines „Gewerbescheines“ zum Preis von je 20 Euro würden die Pflichtmitgliedschaft in der Wirtschaftskammer, die Pflicht zur Beitragsleistung zur Sozialversicherung und die Steuerpflicht entfallen und
- die Eintragung einer Liegenschaft im „Landbuch“ zum Preis von je 100 Euro würde diese vor Zwangsversteigerung schützen und (nach der behaupteten Löschung des staatlichen Grundbuchs mit 1. Jänner 2017) dem Nachweis des Eigentums an einer Liegenschaft dienen,
zum Ankauf solcher „Urkunden“ des „St*“ in einem Betrag von insgesamt zumindest 135.575 Euro, mithin zu Handlungen verleitet, welche die Opfer in einem 5.000 Euro übersteigenden Betrag am Vermögen schädigten und zwar
I/ U* von 26. Oktober 2015 bis 20. April 2017 in zahlreichen Fällen gewerbsmäßig, indem sie bei Vorträgen und auf über „Youtube“ verbreiteten Videos die angeführten Behauptungen aufstellte und zum Kauf dieser „Urkunden“ aufrief;
II/ S* seit März 2016, indem er bei zahlreichen Vorträgen unter Hinweis auf seine frühere Beschäftigung als Gendarmeriebeamter die von U* aufgestellten Behauptungen bestätigte und zum Kauf dieser Urkunden aufrief;
III/ V* seit 26. Oktober 2015 als Beteiligte nach § 12 dritter Fall StGB, indem sie Urkunden ausstellte und verkaufte sowie betrügerisch herausgelockte Gelder in Höhe von 79.725 Euro in der „Staatskasse“ des „St*“ verwahrte;
V/ M* seit November 2016 als Beteiligte nach § 12 dritter Fall StGB, indem sie das „Landbuch“ betreffende Anträge und 37.000 Euro entgegennahm und verwahrte, eine Vielzahl von „Landbucheinträgen“ herstellte und einen Leitfaden für die Bearbeitung von „Landbuch-Einträgen“ erstellte;
VII/ F* seit 11. November 2015, indem er bei zahlreichen Vorträgen die von U* aufgestellten Behauptungen bestätigte und zum Kauf dieser Urkunden aufrief sowie zwei „Gewerbescheine“ herstellte;
VIII/ E* seit 8. Oktober 2016, indem sie bei zahlreichen Vorträgen die von U* aufgestellten Behauptungen bestätigte und zum Kauf dieser Urkunden aufrief.
Rechtliche Beurteilung
Dagegen richten sich die von den Angeklagten U* aus Z 6, 8, 10a, 11 (lit) a, 12 und 13, S* aus Z 1, 4, 5, 6, 10a und 11 lit a, V* aus Z 6, 12 und 13, M* aus Z 6 und 11 lit a, F* aus Z 6, 8 und 10a sowie E* aus Z 1, 6 und 8 des § 345 Abs 1 StPO ergriffenen Nichtigkeitsbeschwerden.
Vorweg ist klarzustellen, dass der Beschluss der Vorsitzenden des Geschworenengerichts vom 24. April 2019 (ON 2341) über die Berichtigung des Protokolls über die Hauptverhandlung und die Urteilsangleichung nur den Strafausspruch hinsichtlich des Angeklagten Kl* (der kein Rechtsmittel ergriffen hat) betrifft. Die neuerliche Urteilszustellung hatte daher keine Auswirkung auf den Lauf der Rechtsmittelfristen für die übrigen Angeklagten (RIS-Justiz RS0098845; Ratz, WK-StPO § 285 Rz 1). Zufolge des für Nichtigkeitsbeschwerden geltenden Grundsatzes der Einmaligkeit des Rechtsmittels sind die nach dieser (zweiten) Urteilszustellung neuerlich eingebrachten Ausführungen der Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten U* (ON 2361) und E* (ON 2365) unbeachtlich (RIS-Justiz RS0097300; Ratz, WK-StPO § 285 Rz 1 und 6 f).
Zum berechtigten Teil der Nichtigkeitsbeschwerde der Angeklagten E* und F* sowie zu den amtswegigen Maßnahmen:
Im Ergebnis zutreffend zeigen die Fragenrügen (Z 6) dieser beiden Angeklagten auf, dass die (den Schuldsprüchen B/II/7 und 8 wegen des Verbrechens der staatsfeindlichen Verbindungen nach § 246 Abs 2 erster, zweiter und vierter Fall StGB zugrunde liegenden) Hauptfragen 74 und 80 keine konkreten Tatsachen enthalten, deren Bejahung ein ausreichendes Sachverhaltssubstrat für die rechtliche Beurteilung des Tatbestandsmerkmals einer staatsfeindlichen Verbindung im Sinn des § 246 Abs 1 StGB (insbesondere der dort genannten Zweckausrichtung des „St*“ und seiner Untereinheiten) schaffen könnte (vgl dazu Bachner-Foregger in WK2 § 246 Rz 3 und 5; Salimi/Tipold, SbgK § 246 Rz 20 ff). Da die Frage insoweit bloß die verba legalia („auf gesetzwidrige Weise die Unabhängigkeit, die in der Verfassung festgelegte Staatsform oder eine verfassungsmäßige Einrichtung der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer zu erschüttern“) wiedergibt, ist die gebotene (sachverhaltsmäßige) Auflösung dieser vom Tatbestand verwendeten, wertausfüllungsbedürftigen Begriffe unterblieben (RIS-Justiz RS0100686 [insb T10 und T12], RS0100780; Ratz, WK-StPO § 281 Rz 616 sowie § 345 Rz 28 und 40 f; Lässig, WK-StPO § 312 Rz 9, 19 und 21). Dass ansonsten die den Beschwerdeführern nach § 246 Abs 2 StGB angelasteten Tathandlungen sachverhaltsmäßig näher umschrieben und Eigennamen des „St*“ und seiner Untereinheiten angeführt wurden, vermag dieses Defizit nicht zu beseitigen.
Aus Anlass der Nichtigkeitsbeschwerden überzeugte sich der Oberste Gerichtshof, dass der von den Angeklagten F* und E* aufgezeigte Mangel der Fragestellung auch allen übrigen Angeklagten zustatten kommt, weil sich die korrespondierenden Fragen zu den Schuldsprüchen wegen des Verbrechens und (bei R*) des Vergehens der staatsfeindlichen Verbindungen (B/I, II/1 bis 6 und 9 bis 13 sowie III) auf eine gleichlautende Beschreibung der jeweils inkriminierten Verbindungen (ohne sachverhaltsmäßiges Substrat zu deren Zweckausrichtung) beschränken. Es waren daher diese Punkte des Schuldspruchs samt den zugrunde liegenden Teilen des Wahrspruchs (zu den Hauptfragen 2, 36, 45, 47, 65, 68, 96, 106, 117, 119 und 121 sowie der Eventualfrage 10 zur Hauptfrage 112) von Amts wegen aufzuheben (§ 290 Abs 1 zweiter Satz zweiter Fall, § 344 zweiter Satz StPO; 14 Os 116/17s; 12 Os 61/06x; 14 Os 116/99; 13 Os 193/97; Ratz, WK-StPO § 290 Rz 11).
Demgemäß waren auch sämtliche Strafaussprüche (einschließlich der Vorhaftanrechnung und des Konfiskationsausspruchs) aufzuheben. Das Verfallserkenntnis war ebenfalls zu beseitigen, weil es sich – wie der Konfiskationsausspruch – ohne betrags- oder gegenstandsbezogene Zuordnung auch auf die zu B ergangenen Schuldsprüche stützte (US 188 ff und 199 ff; 14 Os 107/16s; vgl auch 14 Os 74/17i; Ratz, WK-StPO § 289 Rz 7).
Der Wegfall des Strafausspruchs bedingt auch die Aufhebung des den Angeklagten We* betreffenden Beschlusses auf Absehen vom Widerruf einer bedingten Entlassung und Verlängerung der Probezeit (vgl RIS-Justiz RS0100194 [T15, T18 und T23] zum im weiteren Verfahren zu beachtenden Verschlechterungsverbot) sowie der – verfehlt in die Urteilsausfertigung aufgenommenen (US 194; RIS-Justiz RS0120887 [T2 und T3]) – Beschlüsse auf Anordnung der Bewährungshilfe (RIS-Justiz RS0092214).
Weiters überzeugte sich der Oberste Gerichtshof – ebenfalls in Übereinstimmung mit der Stellungnahme der Generalprokuratur – von einem nicht geltend gemachten Subsumtionsfehler (Z 12 [vgl die von den Schuldsprüchen C, D und E/I/2 bis 7 erfassten, in Idealkonkurrenz verwirklichten Verbrechen]) zum Nachteil der Angeklagten U* und S*, der von Amts wegen wahrzunehmen war (§ 290 Abs 1 zweiter Satz erster Fall, § 344 zweiter Satz StPO): Zu den Schuldsprüchen wegen des Verbrechens des Hochverrats nach §§ 15, 12 zweiter Fall, 242 Abs 1 StGB (A/I bis III, V und VI zu U* sowie A/I und IV zu S*) enthält der Wahrspruch (zu den Hauptfragen 1 und 35 sowie unter Berücksichtigung der von der Aufhebung unberührt bleibenden Teile [§ 349 Abs 2 StPO]) kein ausreichendes Sachverhaltssubstrat für die rechtliche Annahme, die beiden Angeklagten hätten eine der in diesem Tatbestand angeführten Handlungen unternommen (vgl RIS-Justiz RS0101476; 11 Os 64/19z; 15 Os 26/19s [zum in der Gesamtheit des Wahrspruchs gelegenen Bezugspunkt der Prüfung materieller Nichtigkeit]). Tatbildlich ist (von der hier nicht in Rede stehenden Gebietsabtrennung abgesehen) eine gewaltsame – zumindest faktische – Änderung grundlegender Bestimmungen der Verfassung des Bundes oder eines Bundeslandes. Die bloße (wenn auch gewaltsame) Hinderung der Bundesregierung oder von Landesregierungen oder einzelner ihrer Mitglieder, ihre Befugnisse auszuüben, ist – wenn sie ohne Intention einer Verfassungsänderung erfolgt – von §§ 250 f StGB erfasst (zum Ganzen Bachner-Foregger in WK2 StGB § 242 Rz 8 und 11; Salimi/Tipold, SbgK § 242 Rz 21 bis 24, 26 bis 28 und 40). Demgegenüber beschränken sich die Hauptfragen 1 und 35 einleitend auf die Wiedergabe der verba legalia und führen
– soweit hier relevant – bloß aus, U* und S* hätten durch ihre Bestimmungshandlungen die gewaltsame Festnahme von Mitgliedern der Bundesregierung und von Landesregierungen sowie die Bildung einer „militärischen Übergangsregierung“ herbeiführen wollen (US 3 ff und 37 f). Konkrete Tatsachen für die Ausfüllung der vom Tatbestand verwendeten Begriffe enthält der Wahrspruch weder zu diesen noch zu den übrigen Fragen.
Dieser Subsumtionsfehler erfordert die Aufhebung des gesamten Schuldspruchs wegen des Verbrechens des Hochverrats (A/I bis VI) samt den zugrunde liegenden Teilen des Wahrspruchs.
Auf diese Entscheidung waren die Angeklagten mit ihren Nichtigkeitsbeschwerden, soweit sie sich auf die aufgehobenen Schuldsprüche und Sanktionsaussprüche beziehen, und – ebenso wie die Staatsanwaltschaft – mit ihren Berufungen zu verweisen. Gleiches gilt für die gegen die kassierten Beschlüsse ergriffenen Beschwerden.
Zur Nichtigkeitsbeschwerde der Angeklagten U* im Übrigen:
Die Fragenrüge (Z 6) kritisiert, den Geschworenen sei es im Zusammenhang mit den Schuldsprüchen wegen Verbrechen nach § 250 StGB (Hauptfragen 3 bis 7), nach § 251 StGB (Hauptfragen 8 bis 12) und nach § 302 Abs 1 StGB (Hauptfragen 13 bis 19) nicht möglich gewesen, die Frage nach einem im Sinn des § 15 Abs 3 StGB untauglichen Versuch zu beantworten. Sie unterlässt dabei die konkrete Darlegung, welches Sachverhaltssubstrat zur Beurteilung dieser negativen Tatbestandsvoraussetzung in die Fragestellung aufzunehmen gewesen wäre (RIS-Justiz RS0090470; Lässig, WK-StPO § 312 Rz 14). Zudem unterbleibt die gebotene Angabe von Fundstellen im – hier äußerst umfangreichen – Akt für die nach Ansicht der Beschwerdeführerin eine Ergänzung der Fragestellung indizierenden Verfahrensergebnisse (RIS-Justiz RS0117447 [T10]; Ratz, WK-StPO § 345 Rz 23, 30 und 45).
Weshalb es geboten gewesen wäre, im Zusammenhang mit den Schuldsprüchen C und D (nach §§ 250 f StGB) einen (rechtlichen) „Hinweis auf § 11 MBG“ aufzunehmen, legt das Beschwerdevorbringen ebenso wenig dar wie die Bedeutung dieser Vorschrift für diese Schuldsprüche.
Im Übrigen wird auch nicht erklärt, warum diese Bestimmung den dort genannten militärischen Organen keine – im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Missbrauchs der Amtsgewalt (Punkt E des Schuldspruchs) – abstrakte Befugnis zur Festnahme von Personen einräume. Dass eine solche Festnahme – infolge Verstoßes gegen konkret gezogene Befugnisgrenzen – gesetzwidrig gewesen wäre, begründet gerade den (in der jeweiligen Fragestellung zum Ausdruck gebrachten) tatbildlichen Vorwurf (RIS-Justiz RS0096134; Nordmeyer in WK2 StGB § 302 Rz 23 und 116 [im Druck]; vgl auch RS0132756).
Soweit die Instruktionsrüge (Z 8) die Rechtsbelehrung dahin kritisiert, dass diese im Zusammenhang mit den Schuldsprüchen C und D (nach §§ 250 f StGB) keinen Hinweis auf § 11 MBG unter dem Aspekt der Versuchsuntauglichkeit nach § 15 Abs 3 StGB enthalte, leitet sie – wie bereits oben dargelegt – die Behauptung irreführender Unvollständigkeit nicht methodengerecht aus dem Gesetz ab (Ratz, WK-StPO § 345 Rz 65).
Der Einwand, angesichts der Formulierung im Protokoll über die Hauptverhandlung, „im Beratungszimmer der Geschworenen erteilt die Vorsitzende den Geschworenen die Rechtsbelehrung im Sinne des § 321 StPO“ (ON 2285 S 2), sei „nicht nachvollziehbar, welche Teile der schriftlichen Rechtsbelehrung nun tatsächlich den Geschworenen erläutert worden sind“, übersieht, dass die Belehrungen nach §§ 321, 323 Abs 1 und 327 Abs 1 StPO eine Einheit bilden, die nur als Ganzes betrachtet richtig oder unrichtig sein kann (RIS-Justiz RS0125434). Mit der Kritik, die Vorsitzende habe möglicherweise nicht die gesamte Rechtsbelehrung (§ 321 StPO) im Sinn des § 323 Abs 1 StPO erteilt, wird Unrichtigkeit der Instruktion nicht dargetan (RIS-Justiz RS0117997 [T1]). Im Übrigen sieht § 323 Abs 1 zweiter Satz StPO (dessen Verletzung nicht mit Nichtigkeit bedroht ist) eine Protokollierung nur bei Abweichungen von der Niederschrift (§ 321 Abs 1 StPO) vor.
Dass die Rechtsbelehrung (S 75 und 79 ff) zu den Hauptfragen 13 bis 19 (zum Schuldspruch E wegen des Verbrechens des Missbrauchs der Amtsgewalt) hinsichtlich der von § 11 MBG eingeräumten Kompetenz unrichtig sei, legt die – ein weiteres Mal nicht (wie oben dargelegt) zwischen abstrakter und konkreter Befugnis differenzierende – Instruktionsrüge nicht methodengerecht dar.
Rechtsbelehrung ist nur zu tatsächlich gestellten Fragen zu erteilen (RIS-Justiz RS0101085; Ratz, WK-StPO § 345 Rz 63). Weshalb davon ausgehend eine Belehrung zu § 247a StGB, der im Übrigen zur Tatzeit noch nicht in Geltung stand, geboten gewesen wäre, obwohl keine Frage auf dessen Verwirklichung gerichtet war, wird nicht erklärt.
Die Tatsachenrüge (Z 10a) spricht mit der Kritik an der Nichtannahme untauglichen Versuchs (§ 15 Abs 3 StGB) zunächst bloß eine Rechtsfrage an (vgl RIS-Justiz RS0110511). Soweit sich das Vorbringen gegen den zugrunde liegenden Ausspruch über entscheidende Tatsachen wendet, unterlässt es mit dem pauschalen Hinweis auf „den Akteninhalt“ den gebotenen Hinweis auf konkretes Beweismaterial (RIS-Justiz RS0119424; vgl auch RS0124172).
Soweit auch die Rechtsrüge (Z 11 lit a) mit dem Verweis auf angeblich von § 11 MBG nicht eingeräumte Festnahmebefugnis zu den Schuldsprüchen C und D Untauglichkeit des Versuchs reklamiert, leitet sie diese rechtliche Konsequenz nicht methodengerecht aus den in Rede stehenden Tatbeständen (§§ 250 f StGB) ab. Gleiches gilt für das im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Missbrauchs der Amtsgewalt (E) erstattete, inhaltsgleiche Vorbringen. Im Übrigen wird auf das oben Gesagte (zur Maßgeblichkeit abstrakter Befugnis) verwiesen.
Die zu den Schuldsprüchen F und G ausgeführte Rechtsrüge verfehlt zum einen die Bezugnahme auf die Gesamtheit des im Wahrspruch festgestellten Urteilssachverhalts (RIS-Justiz RS0099810) und legt überdies nicht im Einzelnen dar, weshalb dieser die Schuldsprüche nicht tragen sollte (RIS-Justiz RS0099620).
Die Subsumtionsrüge (Z 12, nominell teils auch Z 11 lit a) legt nicht dar, weshalb die vorgeworfenen Taten auf Basis des festgestellten Sachverhalts dem zur Tatzeit nicht in Geltung stehenden Tatbestand der staatsfeindlichen Bewegung nach § 247a StGB (vgl BGBl I 2017/117) hätten subsumiert werden sollen (vgl im Übrigen § 247a Abs 4 StGB).
Zur Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten S* im Übrigen:
Die Besetzungsrüge (Z 1) macht die Ausgeschlossenheit der Vorsitzenden des Schwurgerichtshofs nach § 43 Abs 1 Z 3 StPO geltend, weil diese „zu Beginn der Hauptverhandlung vom 19. 12. 2018 vor den zahlreich erschienenen Medienvertretern bemerkte, dass offenbar die Namen der Schriftführerinnen und Schriftführer, die die Verhandlungsprotokolle ausgefertigt haben, weitergegeben wurden“. Diese seien „mit den Ideologien des St* zugemüllt“ worden. Die an Verteidiger und Angeklagte gerichtete Frage der Vorsitzenden, wer diese Namen weitergegeben habe, sei unbeantwortet geblieben. Dieser Nichtigkeitsgrund kann nur dann geltend gemacht werden, wenn der Beschwerdeführer den Nichtigkeit begründenden Umstand gleich bei Beginn der Verhandlung oder sogleich, nachdem er ihm zur Kenntnis gekommen war, geltend gemacht hat (§ 345 Abs 2 StPO). Für die Einhaltung dieser Rügeobliegenheit ist es ohne Bedeutung, ob der relevante Sachverhalt dem Angeklagten oder aber seinem Verteidiger zugänglich wurde (RIS-Justiz RS0099191). Was sich – wie hier nach dem Beschwerdevorbringen – eingangs der Hauptverhandlung in Anwesenheit des Verteidigers ereignet, ist diesem zur Kenntnis gelangt. Da der nunmehr relevierte Sachverhalt jedoch (in der Hauptverhandlung) nicht gerügt wurde, bleibt dem Vorbringen schon aus diesem Grund ein Erfolg versagt, ohne dass auf dessen Inhalt näher eingegangen werden müsste (13 Os 46/06y; RIS-Justiz RS0097452; Ratz, WK-StPO § 281 Rz 138 f).
Der Einwand der Verfahrensrüge (Z 4), die Geschworenen seien „2019 entgegen der Bestimmung des § 305 StPO nicht (nochmals) beeidigt“ worden, geht ins Leere, weil die Geschworenen am 15. Oktober 2018 beeidigt wurden (ON 2153 S 11) und die Hauptverhandlung (im folgenden Kalenderjahr) ohne Notwendigkeit einer Wiederholung nach § 276a zweiter Satz StPO zu Ende geführt wurde (RIS-Justiz RS0098270 [T3, T10 und T11]; Danek/Mann, WK-StPO § 240a Rz 1).
Ein Verstoß gegen das Gebot, den Geschworenen die an sie gerichteten Fragen nach einer Änderung nochmals vorzulesen (§ 310 Abs 3 StPO), wird bloß unsubstantiiert behauptet (vgl demgegenüber ON 2282 S 7).
Die aus Z 5 ergriffene Verfahrensrüge beklagt pauschal, „dass das abgeführte Verfahren nicht fair“ im Sinn Art 6 MRK gewesen sei, weil der Beschwerdeführer „durch die Medien massiv vorverurteilt wurde“, bezeichnet jedoch keinen in der Hauptverhandlung gestellten Antrag oder erhobenen Widerspruch, was Voraussetzung für die erfolgreiche Geltendmachung dieses Nichtigkeitsgrundes wäre (RIS-Justiz RS0099250; Ratz, WK-StPO § 281 Rz 302).
Indem die Tatsachenrüge (Z 10a) zu den Schuldsprüchen C, D und E auf Verfahrensergebnisse verweist, aus denen sich ergebe, der Beschwerdeführer habe am 21. Jänner 2017 an einer schweren Erkrankung gelitten, „die mit einem sehr hohen Fieber begleitet war und die eine Bettlägrigkeit bedingt hatte“, weshalb von seiner „Unzurechnungsfähigkeit“ auszugehen sei, weckt sie keine erheblichen Bedenken gegen die Richtigkeit des Ausspruchs über entscheidende Tatsachen im Wahrspruch (zu den Hauptfragen 37 bis 43). Gleiches gilt für den zum Schuldspruch E/I/1 erhobenen Einwand, aus einer Auflistung von „Kontaktaufnahmen“, bei denen der Beschwerdeführer „nachweislich beteiligt war“, ergebe sich „kein Hinweis“ für eine persönliche Übergabe von „Haftbefehlen“ durch den Beschwerdeführer am 12. August 2016.
Zur Nichtigkeitsbeschwerde der Angeklagten M* im Übrigen:
Die Fragenrüge (Z 6) kritisiert zum Schuldspruch G/V, die korrespondierende Hauptfrage 66 umfasse „nicht alle tatbestandsmäßigen Merkmale zur subjektiven Tatseite“. Sie übergeht damit zum einen prozessordnungswidrig den Wortlaut der Frage, die eine Passage zum auf unrechtmäßige Bereicherung gerichteten Vorsatz der Beschwerdeführerin enthält (US 69) und erklärt zum anderen nicht, weshalb es ungeachtet der Vorschrift des § 7 Abs 1 StGB einer ausdrücklichen Aufnahme des (auf Täuschung und Zufügung eines – 5.000 Euro übersteigenden – Vermögensschadens gerichteten) Tatbildvorsatzes in die Frage bedurft hätte (RIS-Justiz RS0113270; Lässig, WK-StPO § 312 Rz 10 und 13).
Die zu diesem Schuldspruch im Wesentlichen inhaltsgleich ausgeführte Rechtsrüge (Z 11 lit a) entfernt sich von den im Wahrspruch getroffenen Feststellungen zum auf unrechtmäßige Bereicherung gerichteten (erweiterten) Vorsatz (RIS-Justiz RS0101148) und leitet die Notwendigkeit der Aufnahme des Tatbildvorsatzes in den Wahrspruch nicht methodengerecht aus dem Gesetz ab (RIS-Justiz RS0116565).
Zur Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten F* im Übrigen:
Die Instruktionsrüge (Z 8) vermisst eine Belehrung zu den Tatbestandsmerkmalen des § 247a StGB, legt aber nicht dar, weshalb die Geschworenen zu einer nicht gestellten Frage (nach Begehung einer solchen strafbaren Handlung) hätten instruiert werden sollen (RIS-Justiz RS0101085).
Die Forderung nach einer Belehrung der Geschworenen über den strafprozessualen Zweifelsgrundsatz (§ 14 StPO) entbehrt einer methodengerechten Ableitung aus dem Gesetz (vgl § 321 Abs 2 StPO; RIS-Justiz RS0098508; Philipp, WK-StPO § 321 Rz 15).
Zur Nichtigkeitsbeschwerde der Angeklagten E* im Übrigen:
Die Besetzungsrüge (Z 1) macht eine Ausgeschlossenheit des Geschworenen Gerald H* geltend, weil dieser „in die Gerichtssachverständigenliste … eingetragen ist“. Durch „die berufliche Nähe des Geschworenen zur Justiz“ sei es „für Außenstehende zweifelhaft, ob die Entscheidung in diesem Verfahren durch ein frei von unsachlichen psychologischen Motiven handelndes Gericht getroffen werden würde“. Die Beschwerdeführerin unterlässt die gebotene Darlegung, wodurch sie an der rechtzeitigen Geltendmachung dieses Umstands gehindert war (RIS-Justiz RS0119225; RS0097452 [insb T15]). Denn die Gerichtssachverständigenliste ist allgemein zugänglich (§ 3b SDG), und in die Dienstliste der Geschworenen und Schöffen (§ 13 Abs 1 GSchG) konnte der Verteidiger der Beschwerdeführerin Einsicht nehmen (§ 170 Geo). Schließlich ist dem Verteidiger der Name des genannten Geschworenen spätestens anlässlich dessen Beeidigung am 15. Oktober 2018 (ON 2153 S 11) zur Kenntnis gekommen (§ 345 Abs 2 StPO). Mangels Einhaltung der Rügeobliegenheit war auf die Behauptung der Ausgeschlossenheit inhaltlich nicht einzugehen.
Die Fragenrüge (Z 6) kritisiert zum Schuldspruch G/VIII, die dazu gestellte Hauptfrage 94 enthalte kein ausreichendes Sachverhaltssubstrat für die (rechtliche) Annahme einer Mittäterschaft (§ 12 erster Fall StGB) der Beschwerdeführerin und damit die Zurechnung des gesamten, durch gemeinschaftlich begangene Betrugshandlungen herbeigeführten Vermögensschadens (vgl RIS-Justiz RS0117320, RS0090006; Fabrizy in WK2 StGB § 12 Rz 18 und 24 ff). Sie orientiert sich dabei nicht an der Formulierung der Frage, welche die Vornahme von tatbestandskonformen Ausführungshandlungen (unter anderem auch die Bestätigung der Behauptungen der Mitangeklagten U* als wahr) durch die Beschwerdeführerin detailliert anführt (US 97 f) und verfehlt damit die prozessordnungsgemäße Darstellung.
Die Nichtigkeitsbeschwerden waren daher – abermals in Übereinstimmung mit der Stellungnahme der Generalprokuratur – im zuvor bezeichneten Ausmaß bei der nichtöffentlichen Beratung sofort zurückzuweisen (§§ 285d Abs 1, 344 StPO).
Bleibt anzumerken, dass sich der verfehlte (vgl RIS-Justiz RS0121981) Schuldspruch jeweils wegen mehrerer Verbrechen des Missbrauchs der Amtsgewalt nach §§ 15, 12 zweiter Fall, 302 Abs 1 StGB (E) in concreto nicht zum Nachteil der Angeklagten U*, S*, DI (FH) W*, E*, En* und Fa* auswirkte und daher nicht von Amts wegen aufzugreifen war. Angesichts dieser Klarstellung durch den Obersten Gerichtshof besteht im weiteren Verfahren keine Bindung an den insoweit fehlerhaften Schuldspruch (RIS-Justiz RS0129614 [T1]; Ratz, WK-StPO § 290 Rz 23 und 27/1).
Der Kostenausspruch beruht auf § 390a Abs 1 StPO. Die Ersatzpflicht erstreckt sich nicht auf die mit dem amtswegigen Vorgehen verbundenen Kosten (RIS-Justiz RS0101558). |
JJT_20191126_OGH0002_0040OB00196_19F0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127162 | 4Ob196/19f | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191126_OGH0002_0040OB00196_19F0000_000/JJT_20191126_OGH0002_0040OB00196_19F0000_000.html | 1,574,726,400,000 | 490 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Vogel als Vorsitzenden und die Hofräte Dr. Schwarzenbacher, Hon.-Prof. Dr. Brenn, Priv.-Doz. Dr. Rassi und MMag. Matzka als weitere Richter in der Pflegschaftssache der mj N* R*, geboren am * 2012, *, vertreten durch das Land Wien als Kinder- und Jugendhilfeträger (Magistrat der Stadt Wien, Wiener Kinder- und Jugendhilfe, Rechtsvertretung Bezirke *), *, wegen Unterhalts, infolge „außerordentlichen Revisionsrekurses“ des Vaters P* S*, vertreten durch Dr. Tassilo Wallentin, Rechtsanwalt in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 17. September 2019, GZ 44 R 325/19y-62, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Meidling vom 28. Mai 2019, GZ 2 Pu 99/14i-51, abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Akten werden dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Der Vater war durch Beschlüsse des Erstgerichts zur Leistung monatlichen Unterhalts von 135 EUR ab 1. April 2014 bis 30. April 2018 und von 330 EUR ab 1. Mai 2018 verpflichtet worden.
Dem Antrag der Minderjährigen, ihren Vater darüber hinaus zu monatlichen Unterhaltszahlungen von 315 EUR von 1. November 2016 bis 31. Dezember 2016 und von 350 EUR ab 1. Jänner 2017 bis 30. April 2018 zu verpflichten, gab das Erstgericht teilweise dahin Folge, dass es den Vater zu monatlichen Unterhaltszahlungen von 285 EUR im gesamten noch gegenständlichen Zeitraum von 1. November 2016 bis 30. April 2018 verpflichtete und das Mehrbegehren abwies.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Vaters gegen die Antragsstattgebung nicht, dem Rekurs der Minderjährigen gegen die teilweise Abweisung jedoch dahin Folge, dass es ihrem Antrag erkennbar zur Gänze stattgab. Den ordentlichen Revisionsrekurs ließ es nicht zu.
Gegen diesen Beschluss richtet sich das an den Obersten Gerichtshof gerichtete, als „außerordentlicher Revisionsrekurs“ bezeichnete Rechtsmittel des Vaters.
Das Erstgericht legte dieses Rechtsmittel unmittelbar dem Obersten Gerichtshof vor.
Rechtliche Beurteilung
Diese Aktenvorlage widerspricht dem Gesetz.
Nach § 62 Abs 3 und 4 AußStrG ist der Revisionsrekurs, soweit der Entscheidungsgegenstand rein vermögensrechtlicher Natur ist (außer im Fall des § 63 Abs 3 AußStrG) jedenfalls unzulässig, wenn der Entscheidungsgegenstand an Geld oder Geldeswert insgesamt 30.000 EUR nicht übersteigt und das Rekursgericht nach § 59 Abs 1 Z 2 AußStrG den außerordentlichen Revisionsrekurs für nicht zulässig erklärt hat. Unter diesen Voraussetzungen kann eine Partei nur einen Antrag an das Rekursgericht (Zulassungsvorstellung gemäß § 63 Abs 1 und 2 AußStrG) stellen, den Zulässigkeitsausspruch dahin abzuändern, dass der Revisionsrekurs doch für zulässig erklärt werde; mit dieser Zulassungsvorstellung ist der ordentliche Revisionsrekurs zu verbinden.
Der Anspruch des Kindes auf Geldunterhalt ist rein vermögensrechtlicher Natur (RS0007110 [T32]). Für die Bewertung des Entscheidungsgegenstands des Rekursgerichts in Unterhaltsbemessungsverfahren ist gemäß § 58 Abs 1 JN zwingend der 36-fache Betrag jenes monatlichen Unterhaltsbeitrags maßgeblich, der zum Zeitpunkt der Entscheidung zweiter Instanz zwischen den Parteien noch strittig war (vgl RS0122735; RS0103147).
Weder nach dieser Bewertung noch bei Addition der hier strittigen Rückstandsbeträge übersteigt der Gegenstand, über den das Rekursgericht entschieden hat, hier den Schwellenwert von 30.000 EUR, sodass dem Obersten Gerichtshof im derzeitigen Verfahrensstadium keine Entscheidungskompetenz zukommt und ihm das Rechtsmittel daher nicht vorzulegen gewesen wäre (§ 69 Abs 3 AußStrG).
Das Erstgericht, dem der Akt daher zurückzustellen ist, wird im Weiteren zu beurteilen haben, ob es die Eingabe des Vaters als eine (mit einem ordentlichen Revisionsrekurs verbundene) an das Rekursgericht gerichtete und diesem bereits vorzulegende Zulassungsvorstellung (RS0109623 [T13]) oder aber als verbesserungsbedürftig ansieht (RS0109505). |
JJT_20191216_OGH0002_0070OB00139_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127164 | 7Ob139/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00139_19W0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00139_19W0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 3,462 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. Solè, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Pflegschaftssache des Minderjährigen *, geboren am * 2012, in Pflege und Erziehung der Mutter *, 3100 St. Pölten, *, vertreten durch das Land Niederösterreich als Kinder- und Jugendhilfeträger (Magistrat der Stadt St. Pölten, *), Vater I* O*, wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs des Minderjährigen gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 26. Juni 2019, GZ 23 R 225/19i-40, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts St. Pölten vom 3. Mai 2019, GZ 1 Pu 49/13d-36, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Der Minderjährige wird im Haushalt der Mutter betreut. Der geldunterhaltpflichtige Vater war bisher aufgrund des Beschlusses vom 22. 5. 2013 zu einer monatlichen Unterhaltsleistung von 130 EUR verpflichtet. Er hat sonst keine Sorgepflichten. In diesem Umfang wurden dem Minderjährigen zuletzt Unterhaltsvorschüsse gewährt.
Am 14. 2. 2019 beantragte der Minderjährige die Erhöhung der Unterhaltsverpflichtung ab 1. 10. 2018 auf monatlich 261 EUR und ab 1. 1. 2019 auf 310 EUR. Der Vater habe als Hilfsarbeiter bis zu seiner Entlassung im Februar 2019 ein Nettoeinkommen von monatlich 1.662,15 EUR erzielt. Nach diesem Zeitpunkt sei er aufgrund der selbst verschuldeten Entlassung auf dieses Einkommen anzuspannen. Der halbe Familienbonus Plus sei in Höhe von monatlich 62,50 EUR hinzuzurechnen, sodass von einer Bemessungsgrundlage von 1.724,65 EUR (netto) auszugehen sei.
Der Vater beteiligte sich weder am erstinstanzlichen Verfahren noch am Rechtsmittelverfahren.
Das Erstgericht verpflichtete den Vater, zusätzlich zu der ihm bisher auferlegten Unterhaltsleistung von monatlich 130 EUR ab 1. 10. 2018 bis auf weiteres, längstens jedoch bis zur Selbsterhaltungsfähigkeit des Kindes, einen weiteren monatlichen Unterhaltsbeitrag von 131 EUR, insgesamt daher monatlich 261 EUR zu leisten; das Mehrbegehren auf eine weitere Unterhaltserhöhung ab 1. 1. 2019 wies es ab. Der Vater könnte das zuletzt bezogene Einkommen auch weiterhin lukrieren. Es habe aber nicht festgestellt werden können, ob der Vater die Voraussetzungen für den Bezug des halben Familienbonus Plus erfülle. Eine Anspannung auch auf den nicht bezogenen Familienbonus Plus komme nicht in Betracht.
Das Rekursgericht änderte diese Entscheidung teilweise dahin ab, dass der Vater vom 1. 10. 2018 bis 31. 12. 2018 weitere 131 EUR monatlich, insgesamt 261 EUR, ab 1. 1. 2019 längstens bis zur Selbsterhaltungsfähigkeit weitere 170 EUR monatlich, insgesamt 300 EUR zu leisten habe. Ausgehend vom Einkommen des Vaters in Höhe von monatlich 1.662 EUR errechne sich der Unterhaltsbeitrag nach der Prozentsatzmethode. Aufgrund des Alterssprungs des Minderjährigen sei der Unterhaltsbetrag ab Jänner 2019 zu erhöhen gewesen. Der Vater erfülle aber die Voraussetzungen dafür, den Familienbonus Plus in Anspruch zu nehmen nicht, sodass auch eine Anspannung auf den halben Familienbonus Plus nicht in Betracht komme.
Der ordentliche Revisionsrekurs sei zulässig, weil zur Frage der Unterhaltsbemessung im Zusammenhang mit dem Familienbonus Plus noch keine gesicherte höchstgerichtliche Rechtsprechung bestehe.
Gegen diese Entscheidung richtet sich der Revisionsrekurs des Kindes, der für die Zeit ab 1. 1. 2019 auf eine Erhöhung des monatlichen Unterhaltsbeitrags um weitere 10 EUR, insgesamt somit auf monatlich 310 EUR abzielt.
Der Vater hat keine Revisionsrekursbeantwortung erstattet.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist zulässig, weil die Berücksichtigung des Familienbonus Plus bei der Unterhaltsberechnung in der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs noch nicht abschließend geklärt ist. Der Revisionsrekurs ist aber nicht berechtigt.
Im Revisionsrekurs stützt sich der Minderjährige darauf, dass der Familienbonus Plus das verfügbare Nettoeinkommen erhöhe. Die ab 1. 1. 2019 begehrte Unterhaltserhöhung sei daher berechtigt.
1. Der Revisionsrekurs betrifft die Frage, wie sich der – durch das Jahressteuergesetz 2018, BGBl I 2018/62, neu eingeführte und erstmals für das Kalenderjahr 2019 zustehende – „Familienbonus Plus“ auf die Bemessung des Kindesunterhalts auswirkt und ob die bisher in der Judikatur des Obersten Gerichtshofs gebräuchliche formelhafte Berechnungsmethode zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen durch die Anrechnung von Transferleistungen dadurch eine Änderung erfährt.
1.1 Beim Familienbonus Plus handelt es sich – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag (§ 33 Abs 3a EStG). Der Familienbonus Plus ist als erster Absetzbetrag von der sich aufgrund des Einkommensteuertarifs errechneten Steuer abzuziehen, ein Steuerbetrag unter null (sogenannte Negativsteuer) kann dadurch aber nicht zustande kommen (RV 190 BlgNR 26. GP 8; Peyerl, Der steuerliche Familienbonus Plus in der Unterhaltsbemessung, iFamZ 2018, 193). Der Familienbonus Plus ersetzt den Kinderfreibetrag nach § 106a EStG aF sowie die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten (vgl 5 Ob 92/19v). Der Familienbonus Plus beträgt, sofern er voll ausschöpfbar ist, bis zum Ablauf des Monats, in dem das Kind das 18. Lebensjahr vollendet hat, für jeden Kalendermonat 125 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit a EStG), ab diesem Zeitpunkt für jeden Kalendermonat 41,68 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit b EStG). Voraussetzung für den Bezug des Familienbonus Plus ist der Bezug der Familienbeihilfe für das Kind nach dem FLAG 1967. Er kann von jedem Elternteil beantragt oder zwischen ihnen auch aufgeteilt werden. Im Regelfall ist davon auszugehen, dass der Familienbonus Plus den Eltern jeweils zur Hälfte zusteht (§ 33 Abs 3a Z 3 lit c EStG). § 33 Abs 3a Z 3 lit b EStG betrifft Kinder, für die ein Unterhaltsabsetzbetrag zusteht, also solche, für die vom nicht im selben Haushalt mit dem Kind lebenden Elternteil Unterhaltsleistungen erbracht werden. In diesem Fall ist der Familienbonus Plus mit dem Unterhaltsabsetzbetrag verknüpft, für den nach § 33 Abs 4 Z 3 EStG zusätzlich vorausgesetzt ist, dass der Steuerpflichtige für dieses Kind den gesetzlichen Unterhalt tatsächlich leistet. Für einen Monat, für den kein Unterhaltsabsetzbetrag zusteht, steht dem Unterhaltsschuldner daher auch kein Familienbonus Plus zu. Der Familienbonus Plus kann entweder im Nachhinein im Rahmen der Arbeitnehmerveranlagung oder bereits im Rahmen der monatlichen Lohnverrechnung durch Antrag beim Dienstgeber geltend gemacht werden (4 Ob 139/19y; siehe dazu auch Bräumann, Umfassende Reformen der steuerlichen Familienförderung, iFamZ 2018, 186 [188]; Tews, Familienbonus Plus – Ende der Familienbeihilfen-Anrechnung? EF-Z 2019/3, 8).
1.2 Zur Zweckbestimmung des Familienbonus Plus wird in den Gesetzesmaterialien (RV 190 BlgNR 26. GP 1) Folgendes ausgeführt:
„In einer alternden Gesellschaft ist die Entscheidung für Kinder und deren Erziehung eine zunehmend wichtige Leistung, die für die Gesellschaft erbracht wird. Gerade jene Eltern, die neben der Erziehung ihrer Kinder gleichzeitig berufstätig sind, sind durch die derzeitige Besteuerung im Vergleich zu Kinderlosen besonders stark belastet. Entgegen der bisherigen Förderungslogik soll nicht eine neue staatliche Geldleistung ausgezahlt werden, sondern eine substanzielle Steuerentlastung erfolgen. […] Das österreichische Einkommensteuersystem ist vom Grundsatz der Leistungsfähigkeit geprägt. Das subjektive Nettoprinzip verlangt die Berücksichtigung zwangsläufiger privater Ausgaben, weil diese die steuerliche Leistungsfähigkeit vermindern; der Familienbonus Plus dient der Berücksichtigung dieses Prinzips, weil er dem Umstand Rechnung trägt, dass erwerbstätige Steuerpflichtige, die Kinder haben, weniger leistungsfähig sind als Kinderlose mit gleichem Einkommen. Dabei stellt der Familienbonus Plus weder einen Beitrag des Staates zum Unterhalt der Kinder dar, noch deckt er die Kinderlasten ab, die von den Eltern weiterhin zur Gänze übernommen werden. Der Steuerabzug bewirkt aber, dass sie diese Lasten zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf lastende Steuer dazu verdienen müssen. Der Beitrag des Staates zum Unterhalt bzw zu den Lebenshaltungskosten der Kinder erfolgt über die Familienbeihilfe und Sachleistungen.“
Die Einführung des Familienbonus Plus ist somit eine (weitere) gesetzliche Maßnahme zur steuerlichen Entlastung der Unterhaltsleistungen. Der Steuerabzug soll zu einer „substanziellen Steuerentlastung“ führen und bewirken, dass die Eltern die Unterhaltslasten „zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf lastende Steuer dazuverdienen müssen“.
2. Ausgangspunkt für die Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen und die damit verbundene Kürzung des Geldunterhalts durch die Anrechnung von Transferleistungen (RS0117015; RS0117023; RS0117084) war die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs.
2.1 Mit Erkenntnis vom 27. Juni 2001, B 1285/00, VfSlg 16.226, hat der Verfassungsgerichtshof die Beschwerde eines Beschwerdeführers gegen die Regelungen über die Nichtabzugsfähigkeit von Unterhaltsleistungen an Kinder bei getrennter Haushaltsführung abgewiesen. Er hat jedoch darauf hingewiesen, dass (zumindest) die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerlich berücksichtigt werden müsse: Der Geldunterhaltspflichtige müsse einerseits durch Kürzung seiner Unterhaltspflicht (in Form einer teilweisen Anrechnung der Transferleistungen) und andererseits durch die Gewährung des Unterhaltsabsetzbetrags insgesamt jene Entlastung erfahren, die erforderlich sei, um die Steuermehrbelastung abzugelten, die im jeweiligen Fall durch die Nichtabzugsfähigkeit der Hälfte des Unterhalts entstehe.
Hintergrund dieser Auffassung ist, dass sich durch die Leistung von Kindesunterhalt aus dem erzielten Einkommen die steuerliche Leistungsfähigkeit der Eltern verringere. Aus diesem Grund seien die Einkommensbestandteile, die vom Steuerpflichtigen an die Unterhaltsberechtigten weitergegeben würden, nicht zur Gänze zu besteuern; die Hälfte des gesetzlich geschuldeten (nach der Prozentsatzmethode ermittelten bzw aus den Regelbedarfsätzen abgeleiteten) Unterhalts müsse im Effekt steuerfrei bleiben (G 168/96, G 285/96 VfSlg 14.992). Bei gemeinsamer Haushaltsführung reichten die Transferleistungen Familienbeihilfe und Kinderabsetzbetrag (nach der ab dem Jahr 2000 geltenden Regelung [Familienpakete 2000]) aus, die Unterhaltslasten abzugelten (B 1340/00 VfSlg 16.026). Anderes gelte für den Fall der getrennten Haushaltsführung, weil der unterhaltspflichtige Elternteil nur den Unterhaltsabsetzbetrag geltend machen könne. Dabei sei zu berücksichtigen, dass der Unterhalt von den höchsten Einkommensteilen gezahlt werde; zur Berechnung sei der Grenzsteuersatz nach § 33 Abs 1 EStG heranzuziehen (B 1340/00 VfSlg 16.026). Es müsse nicht der volle Grenzsteuersatz berücksichtigt werden, weil das Einkommen auch steuerlich begünstigte oder steuerfreie Komponenten aufweise. Bei einem Grenzsteuersatz von 50 % genüge es, die Steuerbelastung des Unterhalts mit 40 % anzunehmen (B 1340/00 VfSlg 16.026). Ausgehend von diesen Überlegungen berechnete der Verfassungsgerichtshof die steuerliche Entlastung bei einem Grenzsteuersatz von 50 % mit 20 % des geschuldeten Unterhalts abzüglich des Unterhaltsabsetzbetrags.
Abschließend wies der Verfassungsgerichtshof darauf hin, dass es dem Steuergesetzgeber freilich freistehe, die gebotene Anrechnung im Rahmen des § 12a FLAG 1967 auch pauschalierend vorzusehen (und damit zu erleichtern) oder den verfassungsgesetzlichen Vorgaben durch andere sachliche Regelungen Rechnung zu tragen.
2.2 Im Hinblick auf den eindeutigen Wortlaut des § 12a FLAG, wonach die Familienbeihilfe nicht als eigenes Einkommen des Kindes gilt und dessen Unterhaltsanspruch nicht mindert, hielt der Oberste Gerichtshof an seiner Rechtsprechung (10 Ob 537/94 JBl 1995, 372 ua) fest, dass die Transferleistung nicht auf den Unterhaltsanspruch anzurechnen ist. Im Hinblick auf die durch das Erkenntnis B 1285/00 entstandenen Bedenken gegen die Verfassungskonformität stellte er aber den Antrag an den Verfassungsgerichtshof, § 12a FLAG als verfassungswidrig aufzuheben (6 Ob 262/01z ua).
2.3 Mit Erkenntnis vom 19. Juni 2002 zu G 7/02 ua, VfSlg 16.562, hob der Verfassungsgerichtshof – vor allem in Anknüpfung an das Erkenntnis zu B 1285/00 (VfSlg 16.226) – den zweiten Halbsatz des damaligen § 12a FLAG („die Familienbeihilfe gilt nicht als eigenes Einkommen des Kindes und mindert nicht dessen Unterhaltsanspruch“) als verfassungswidrig auf, um zu ermöglichen, dass dem verfassungsrechtlichen Gebot der steuerlichen Entlastung von Unterhaltslasten durch Transferleistungen entsprochen werde.
2.4 Die verfassungsrechtlichen Vorgaben lassen sich demnach dahin zusammenfassen, dass das Einkommen, aus dem der Geldunterhalt geleistet wird, nicht zur Gänze besteuert werden soll. Vielmehr soll die Hälfte des gesetzlichen Unterhalts steuerfrei bleiben und dies durch eine steuerliche Entlastung der Unterhaltspflicht in der Größenordnung um 20 % bewirkt werden. Dieses Ziel kann entweder durch eine pauschalierende oder sonst sachliche Regelung des Gesetzgebers oder – solange der Gesetzgeber nicht tätig wird – im Rahmen der gerichtlichen Unterhaltsbemessung erreicht werden (B 1285/00 VfSlg 16.226).
3. Im Anschluss an das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs zu G 7/02 ua hat der Oberste Gerichtshof seine unterhaltsrechtliche Judikatur modifiziert (1 Ob 114/02z; 7 Ob 175/02i uva) und zur steuerlichen Entlastung des Unterhaltspflichtigen eine konkrete Berechnungsmethode entwickelt (vgl 5 Ob 37/02f; 9 Ob 94/03v). Dieser Berechnungsmethode liegt die mathematische Formel „Unterhaltsanspruch = Prozentunterhalt minus (Prozentunterhalt mal Grenzsteuersatz mal 0,004) plus Unterhaltsabsetzbetrag“ zugrunde (vgl RS0117084 [T8]; 6 Ob 44/07z). Diese Formel wurde im Hinblick auf den mit der Steuerreform 2009 eingeführten Kinderfreibetrag (§ 106 EStG) dahin modifiziert, dass neben dem Unterhaltsabsetzbetrag auch der Kinderfreibetrag in Höhe der Steuerersparnis zu berücksichtigen ist und die Formel daher wie folgt lautet: „Unterhaltsanspruch = Prozentunterhalt minus (Prozentunterhalt mal Grenzsteuersatz mal 0,004) plus Unterhaltsabsetzbetrag plus Steuerersparnis durch Kinderfreibetrag“ (vgl 6 Ob 240/17p).
4. Aufgrund der in Rede stehenden neuen steuergesetzlichen Regelung stellt sich nunmehr die Frage, ob mit dem Familienbonus Plus die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltsschuldners erreicht ist.
4.1Â Mit der unterhaltsrechtlichen Behandlung des Familienbonus Plus hat sich die Literatur bereits befasst:
Tews (Familienbonus Plus – Ende der Familienbeihilfen-Anrechnung? EF-Z 2019/3, 8) weist zunächst zutreffend darauf hin, dass für die Berücksichtigung des Familienbonus Plus bei der Bemessung des Kindesunterhalts (im Wesentlichen) folgende drei Varianten in Betracht kommen:
a) Gänzliche Vernachlässigung der Steuerersparnis;
b) Erhöhung der Unterhaltsbemessungsgrundlage;
c) keine Erhöhung der Unterhaltsbemessungsgrundlage, aber Berücksichtigung der steuerlichen Entlastung bei der Anrechnung der Familienbeihilfe.
Zusammenfassend schließt Tews aus dem Schweigen des Gesetzgebers zur unterhaltsrechtlichen Problematik, dass die bisherige Unterhaltsbemessung unbeeinflusst bleiben solle.
Nach Gitschthaler (Familienbonus Plus und Unterhaltsrecht, EF-Z 2019, 116) soll – nach der seines Erachtens klaren Absicht des Gesetzgebers – der Familienbonus Plus nicht dem unterhaltsberechtigten Kind, sondern den arbeitenden Eltern zugute kommen. Dies würde die Überlegungen von Tews tragen, wonach der Familienbonus Plus unterhaltsneutral sei. Da es im Unterhaltsrecht auf das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen ankomme, sei der Familienbonus Plus zwar bei der Ermittlung der Unterhaltsbemessungsgrundlage zu berücksichtigen. Die Verwendung der Berechnungsformel dürfe aber nicht dazu führen, dass in jenen Fällen, in denen die Steuerentlastung durch den Familienbonus Plus den Kürzungsbetrag aufgrund der Familienbeihilfen-Anrechnung übersteige, der Unterhalt über das Ergebnis der Prozentsatzmethode hinaus angehoben werde.
Peyerl (Der steuerrechtliche Familienbonus Plus in der Unterhaltsbemessung, iFamZ 2018, 193) und Neuhauser (Einige Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Bemessung des Kinderunterhalts, iFamZ 2018, 196; ders in Schwimann/Kodek5 § 231 ABGB Rz 205) vertreten die Ansicht, dass der Familienbonus Plus als steuerlicher Absetzbetrag das tatsächliche Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen (soweit dessen berechnete Einkommensteuer nicht null sei) und somit die Unterhaltsbemessungsgrundlage erhöhe. Zudem führe der Familienbonus Plus als steuerliche Entlastung des Unterhaltspflichtigen – so wie der Unterhaltsabsetzbetrag und der bisherige Kinderfreibetrag – zu einer Kürzung der Anrechnung von Transferleistungen. Die Berechnungsformel nach der höchstgerichtlichen Judikatur sei entsprechend zu modifizieren.
Kolmasch (Die Anrechnung der Familienbeihilfe auf den Kindesunterhalt ab 2019, Zak 2018, 324; ders, Familienbonus und Unterhalt – zwischen Zweck und Verteilungsfragen, Zak 2019, 144) geht ebenfalls davon aus, dass in der vom Obersten Gerichtshof entwickelten Formel der Kinderfreibetrag durch den Familienbonus Plus ersetzt werden könne. Die Bemessungsgrundlage sei durch den Familienbonus Plus aber nicht zu erhöhen, weil es nicht gerechtfertigt sei, dass der Unterhaltspflichtige auch vom Entlastungseffekt Unterhalt zahlen müsse.
Ähnlich beziehen sich auch Schwimann/Kolmasch (Unterhaltsrecht9 [2018] 158 ff) auf die Berechnungsformel des Obersten Gerichtshofs und weisen darauf hin, dass der Familienbonus Plus im Vergleich zur bisherigen Berechnung zur einer geringeren Kürzung des Unterhalts durch Anrechnung der Transferleistungen führe. In der Berechnungsformel sei der Kinderfreibetrag durch den Familienbonus Plus zu ersetzen und der Grenzsteuersatz als ganze Zahl einzusetzen. Wenn die Berechnung zu einem höheren als dem zivilrechtlich bemessenen Unterhalt führe, sei der zivilrechtlich bemessene Unterhalt zuzusprechen.
Schließlich vertritt auch Bräumann (Umfassende Reform der steuerlichen Familienförderung, iFamZ 2018, 186) die Ansicht, dass der Familienbonus Plus zu einer Kürzung der Anrechnung von Transferleistungen führe. Die Minderung des Unterhalts aufgrund der Anrechnung von Transferleistungen werde durch die steuerlichen Vorteile des Unterhaltspflichtigen reduziert.
4.2 Soweit die zitierten Literaturstimmen auf die Berechnungsformel des Obersten Gerichtshofs Bezug nehmen, versuchen sie, den Familienbonus Plus in die höchstgerichtliche Judikatur zu integrieren. Weiters finden sich in der Literatur Ansätze, die den Familienbonus Plus als unterhaltsneutral bewerten.
4.3 Der Oberste Gerichtshof hat sich erstmals in der Entscheidung zu 5 Ob 236/18v mit den Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Höhe des Unterhalts beschäftigt. Nach dieser Entscheidung erhöht sich durch die Ausnutzung des Familienbonus Plus das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen, das der Unterhaltsleistung zugrunde zu legen ist. Die Frage, ob der Familienbonus Plus auch die Anrechnung der Transferleistungen kürze, wurde in der Entscheidung offen gelassen.
In der Entscheidung zu 5 Ob 92/19v wurde es gleichermaßen als sachgerecht angesehen, wegen der mit dem Familienbonus Plus verbundenen Erhöhung des Nettoeinkommens die Unterhaltsbemessungsgrundlage entsprechend zu erhöhen. Dies gelte jedenfalls in den Fällen, in denen das Ergebnis der vom Obersten Gerichtshof entwickelten Formel ergebe, dass die ausreichende Entlastung des Unterhaltspflichtigen bereits durch den Unterhaltsabsetzbetrag erreicht werde.
5. Aus Anlass der neuen gesetzlichen Regelungen zum Familienbonus Plus ist eine Neuausrichtung der unterhaltsrechtlichen Rechtsprechung insbesondere aufgrund der dadurch bewirkten steuerlichen Entlastung erforderlich.
5.1 Wie bereits dargelegt, lauten die verfassungsrechtlichen Vorgaben für die steuerliche Entlastung des Unterhaltsschuldners dahin, dass das Einkommen, aus dem der Unterhalt geleistet wird, nicht zur Gänze besteuert werden und die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerfrei bleiben soll. Der Verfassungsgerichtshof hat bereits ausgesprochen, dass das verfassungsrechtliche Gebot der (zureichenden) steuerlichen Entlastung von Unterhaltslasten auch im Weg einer gesetzlichen Pauschalierung erfolgen kann. Dem Gesetzgeber stehe es frei, eine Anrechnung von Transferleistungen (zur steuerlichen Entlastung) auch pauschalierend vorzusehen und damit zu erleichtern oder den verfassungsrechtlichen Vorgaben durch andere sachliche (gesetzliche) Regelungen Rechnung zu tragen (B 1285/00 VfSlg 16.226).
Wenn der Gesetzgeber auf die Vorgaben durch den Verfassungsgerichtshof reagiert und den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt hat, dass die Unterhaltspflichtigen die Unterhaltslasten zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf leistende Steuer dazuverdienen müssen, besteht das Ziel der in Rede stehenden steuergesetzlichen Maßnahme darin, das Einkommen des Geldunterhaltspflichtigen, aus dem der Unterhalt geleistet wird, im Einklang mit den Vorgaben durch den Verfassungsgerichtshof steuerlich zu entlasten. Auch wenn der Gesetzgeber in den Gesetzesmaterialien nicht auf die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs Bezug nimmt, folgt aus der ident formulierten Zielsetzung mit ausreichender Deutlichkeit, dass der Gesetzgeber den verfassungsrechtlichen Vorgaben Rechnung tragen und die gebotene steuerliche Entlastung durch die neue steuergesetzliche Maßnahme im Weg einer pauschalierenden Regelung umsetzen wollte. Nach den Intentionen des Gesetzgebers soll die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Unterhaltsleistungen nunmehr unmittelbar im Weg der steuergesetzlichen Vorschriften durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag herbeigeführt werden.
5.2 Die Fragen nach der steuerlichen Entlastung, die durch den Familienbonus Plus erreicht werden soll, und nach den Auswirkungen auf die Unterhaltsbemessungsgrundlage können nicht getrennt voneinander beurteilt werden. Vielmehr ist zu fragen, welche unterhaltsrechtliche Lösung mit den Zielsetzungen des Gesetzgebers im Einklang steht.
Nach der Zielrichtung des Steuergesetzgebers soll der ausschöpfbare Teil des Familienbonus Plus in generalisierender Betrachtungsweise dazu dienen, das Unterhaltseinkommen nach den Vorgaben des Verfassungsgerichtshofs steuerfrei zu stellen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der entsprechende Betrag dem Unterhaltspflichtigen verbleibt. Eine Einrechnung in die Unterhaltsbemessungsgrundlage scheidet daher aus. Dies gilt auch dann, wenn die Berücksichtigung des Familienbonus Plus beim Dienstgeber beantragt wird; in einem solchen Fall ist der Familienbonus Plus (ebenso wie der Unterhaltsabsetzbetrag) aus dem „Einkommen“ des Geldunterhaltspflichtigen herauszurechnen.
Der Grundsatz, dass es im Unterhaltsrecht auf das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen als die Summe der dem Unterhaltspflichtigen tatsächlich zufließenden verfügbaren Mittel ankomme (vgl RS0013386) und eine Steuerersparnis das Nettoeinkommen erhöhe, gelangt jedenfalls dann nicht zur Anwendung, wenn es sich bei einem Steuerabsetzbetrag um eine zweckbestimmte steuerliche Entlastung und nicht um einen allgemeinen Einkommensbestandteil handelt. Auch die Judikatur, wonach ein dem Unterhaltsschuldner ausgezahlter Kinderzuschuss oder eine solche Kinder- oder Familienzulage die Bemessungsgrundlage (für das jeweilige Kind) erhöht (RS0047467), ist hier nicht einschlägig, weil die genannten Zuschussleistungen an den Unterhaltsschuldner direkt ausgezahlt und für ein bestimmtes Kind gewährt werden und damit für den Unterhalt bzw die Pflege dieses Kindes zu verwenden sind (vgl 1 Ob 76/99d; 4 Ob 139/19y).
5.3 Da nach der Zielsetzung des Gesetzgebers durch den Familienbonus Plus – gemeinsam mit dem Unterhaltsabsetzbetrag – die gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen bewirkt wird, besteht auch kein Anlass mehr, die Unterhaltsleistung durch die Anrechnung von Transferleistungen zu kürzen. Dies bedeutet im Ergebnis, dass sich der Familienbonus Plus und der Unterhaltsabsetzbetrag auf die Unterhaltsleistung nicht auswirken und somit unterhaltsrechtlich neutral bleiben.
5.4 Die substanzielle Steuerentlastung durch den Familienbonus Plus (RV 190 BlgNR 26. GP 1 und 14) führt damit zu einer Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass der Unterhalt nicht mathematisch zu berechnen, sondern vielmehr nach den von Billigkeitsüberlegungen getragenen Rechtsprechungsgrundsätzen im Einzelfall auszumitteln ist (8 Ob 89/17x; 4 Ob 139/19y; 4 Ob 142/19i; vgl auch Schwimann/Kolmasch, Unterhaltsrecht9 151). Es ist systemkonform, wenn die steuerliche Berücksichtigung der Unterhaltslasten zur Gänze in das Steuerrecht verlagert und die zivilrechtliche Unterhaltsbemessung vom „Fremdkörper“ der steuerlichen Entlastung entkoppelt wird (vgl Kolmasch, Glosse zu 6 Ob 240/17p, Zak 2018/198, 111; Neuhauser, Einige Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Bemessung des Kindesunterhalts, iFamZ 2018, 196 [198]).
5.5 Der Einwand, dass bei einem Teil der besserverdienenden Unterhaltspflichtigen durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag (ohne Anrechnung von Transferleistungen) weniger als die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerfrei gestellt werde, ist rechnerisch durchaus richtig, entspricht aber dem vom Gesetzgeber nunmehr verfolgten Konzept einer pauschalierenden steuerlichen Entlastung. Da der Gesetzgeber bis 31. Dezember 2018 weder die vom Verfassungsgerichtshof im Erkenntnis zu B 1285/00 in den Raum gestellte pauschalierende Entlastung noch eine andere sachliche Regelung umgesetzt hat, um den verfassungsrechtlichen Vorgaben zu entsprechen, hat sich der Oberste Gerichtshof in seiner Rechtsprechung an der Ansicht des Verfassungsgerichtshofs orientiert. Die nunmehr vorgenommene pauschalierende gesetzgeberische Maßnahme kann durchaus zu einer Schlechterstellung bestimmter Gruppen von Betroffenen führen. Eine offenkundige Verfassungswidrigkeit der Neuregelung ist jedoch nicht zu erkennen; der Umstand, dass keine Anrechnung der Transferleistung auf die Unterhaltsleistung mehr erfolgt und sich aus diesem Grund der dem Kind zu leistende Unterhalt erhöht, begründet für sich allein keine Unbilligkeit.
5.6 Zu berücksichtigen ist allerdings, dass für Kinder, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, der gesetzlich festgelegte monatliche Betrag an ausschöpfbarem Familienbonus Plus deutlich niedriger ist als für jüngere Kinder. Ob die in dieser Entscheidung entwickelten Grundsätze für die Unterhaltsbemessung von Kindern ab dem 18. Lebensjahr gleichermaßen gelten oder in dieser Hinsicht Modifikationen geboten sind, muss hier nicht geklärt werden.
6. Zusammenfassend ist festzuhalten:
6.1 Beim Familienbonus Plus handelt es sich – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag. Der Gesetzgeber hat den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt, die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Geldunterhaltspflichtigen nunmehr durch die erwähnten steuergesetzlichen Maßnahmen herbeizuführen. Dadurch findet eine Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht statt. Die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen erfolgt nunmehr durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag. Der Familienbonus Plus ist nicht in die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen; eine Anrechnung von Transferleistungen findet nicht mehr statt. Familienbonus Plus und Unterhaltsabsetzbetrag bleiben damit unterhaltsrechtlich neutral (4 Ob 150/19s).
6.2 Diese Grundsätze gelten jedenfalls für die Unterhaltsbemessung von Kindern bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs. Die Frage, wie sich der Familienbonus Plus auf den Unterhaltsanspruch älterer Kinder auswirkt, wird hier unbeantwortet gelassen.
6.3 Demnach haben die Vorinstanzen den Familienbonus Plus bei der Unterhaltsbemessung im Ergebnis zu Recht nicht berücksichtigt. Dem Revisionsrekurs des Kindes war daher der Erfolg zu versagen. |
JJT_20191217_OGH0002_0100OB00075_19F0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127165 | 10Ob75/19f | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0100OB00075_19F0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0100OB00075_19F0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 1,183 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden und die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Pflegschaftssache der minderjährigen Kinder 1. A*, geboren * 2006, und 2. B*, geboren * 2007, beide wohnhaft bei der Mutter S*, vertreten durch das Land Niederösterreich als Kinder- und Jugendhilfeträger (Magistrat der Stadt St. Pölten, 3100 St. Pölten, Rathausplatz 1), wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs der Kinder gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 5. September 2019, GZ 23 R 393/19t-14, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts St. Pölten vom 22. Juli 2019, GZ 1 Pu 51/19g-7, teilweise abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die angefochtene Entscheidung des Rekursgerichts wird dahin abgeändert, dass die Entscheidung des Erstgerichts wiederhergestellt wird.
Text
Begründung:
Die 12- bzw 13-jährigen Kinder leben bei der Mutter und werden von ihr betreut. Der geldunterhaltspflichtige Vater war bisher aufgrund einer einstweiligen Verfügung vom 30. 4. 2019 (ON 2) zu einer vorläufigen monatlichen Unterhaltsleistung von 141,50 EUR je Kind verpflichtet. Außer Streit steht, dass er als unselbstständig Beschäftigter ein durchschnittliches Nettoeinkommen (inklusive anteiliger Sonderzahlungen) von rund 2.250 EUR monatlich bezieht. Er hat sonst keine Sorgepflichten. Die Mutter geht einer Teilzeitbeschäftigung nach.
Die Kinder begehren die Unterhaltsverpflichtung des Vaters ab 1. 2. 2019 mit monatlich 400 EUR festzusetzen. In die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen sei auch der halbe (durch das Jahressteuergesetz 2018, BGBl I 2018/62, neu eingeführte) „Familienbonus Plus“ in Höhe von monatlich 62,50 EUR.
Der Vater sprach sich gegen den Unterhaltserhöhungsantrag aus. Infolge hoher monatlicher Ausgaben für Kfz-Leasingraten, Kreditrückzahlungsraten und Betriebskosten für das Haus sei er nur in der Lage, monatlich 100 EUR je Kind an Unterhalt zu leisten. Den Familienbonus Plus habe er noch nicht beantragt.
Das Erstgericht verpflichtete den Vater, ab 1. 2. 2019 einen monatlichen Unterhaltsbeitrag von 400 EUR je Kind zu leisten.
Rechtlich ging das Erstgericht zusammengefasst davon aus, der vom Unterhaltspflichtigen zu leistende Unterhaltsbeitrag sei ausgehend von der Unterhaltsbemessungsgrundlage von rund 2.250 EUR und einem Unterhaltsprozentsatz von 18 % je Kind (20 % vermindert um 2 % für die jeweilige weitere Sorgepflicht) mit monatlich 400 EUR zu bemessen. Rechtsausführungen zum Familienbonus Plus und dessen Auswirkungen auf die Unterhaltsbemessung enthält der erstgerichtliche Beschluss nicht. Eine „steuerliche Entlastung“ des Unterhaltsschuldners wurde nicht vorgenommen.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Vaters teilweise Folge und änderte den erstgerichtlichen Beschluss dahin ab, dass die monatliche Unterhaltsverpflichtung des Vaters für die beiden Kinder ab 1. 2. 2019 mit monatlich je 360 EUR festgesetzt und das Mehrbegehren von 40 EUR abgewiesen wurde.
Nach umfangreichen Rechtsausführungen zum Familienbonus Plus kam das Rekursgericht zusammengefasst zum Ergebnis, dass der Familienbonus Plus zu einer Erhöhung des Nettoeinkommens führe, die grundsätzlich bei der Ermittlung des Unterhaltsbeitrags zu berücksichtigen sei. Bei mehreren Kindern sei die Summe aller Familienboni zu berücksichtigen. Im vorliegenden Fall habe der unterhaltspflichtige Vater den Familienbonus allerdings nicht im Rahmen der monatlichen Lohnverrechnung durch Antrag beim Dienstgeber geltend gemacht, weswegen zum jetzigen Zeitpunkt seine Anspannung auf den Bezug des Familienbonus Plus (noch) nicht möglich sei. Erhalte der Unterhaltsschuldner tatsächlich den steuerlichen Vorteil erst im Nachhinein im Rahmen der Arbeitnehmerveranlagung, könne ihm nach dem „Zufluss-Abfluss-Prinzip“ nicht jetzt schon die damit verbundene höhere Unterhaltsverpflichtung auferlegt werden. Zudem handle es sich um eine erstmalige Unterhaltsfestsetzung, sodass der Vater nicht in der Lage wäre, seinem Dienstgeber den erforderlichen Nachweis des bisherigen Unterhaltstitels und dessen stabiler Erfüllung über mehrere Monate zu erbringen. Derzeit sei daher die steuerliche Entlastung ohne Berücksichtigung des Familienbonus Plus vorzunehmen, sodass sich ein Unterhaltsbeitrag von nur 360 EUR monatlich je Kind ergebe. Das Rekursvorbringen, das Erstgericht hätte tatsächlich erfolgte Zahlungen in Höhe der einstweiligen Verfügung berücksichtigen müssen, widerspreche dem Neuerungsverbot.
Das Rekursgericht ließ den Revisionsrekurs mit der Begründung zu, dass zur Frage der Unterhaltsbemessung im Zusammenhang mit dem Familienbonus Plus noch keine gesicherte höchstgerichtliche Rechtsprechung bestehe. Darüber hinaus bestehe ein Widerspruch zwischen der Rechtsprechung zur Anrechnung von Zahlungen aufgrund einstweiliger Verfügungen auf den endgültigen Titel (RS0005795) und der Rechtsprechung zur Anrechnung aller Zahlungen auf den Titel (insb 1 Ob 44/17b).
Gegen diese Entscheidung richtet sich der Revisionsrekurs beider Kinder mit dem Antrag, die Entscheidung des Erstgerichts wiederherzustellen.
Der Vater beantragt in seiner Revisionsrekursbeantwortung, dem Revisionrekurs nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist zulässig, weil der Oberste Gerichtshof zur Frage der Berücksichtigung des durch das Jahressteuergesetz 2018, BGBl I 2018/62, neu eingeführten „Familienbonus Plus“ bei der Bemessung des Unterhalts Minderjähriger erst jüngst in der Entscheidung 4 Ob 150/19s vom 11. 12. 2019 umfassend Stellung genommen hat und die (noch zuvor getroffene) Rekursentscheidung mit den in dieser Entscheidung entwickelten Grundsätzen nicht in Einklang steht. Der Revisionsrekurs ist im Sinn der Wiederherstellung der erstgerichtlichen Entscheidung auch berechtigt.
I. Zur Berücksichtigung des „Familienbonus Plus“ im Rahmen der Unterhaltsbemessung
1. Mit 1. 1. 2019 hat der Gesetzgeber in § 33 Abs 3a EStG einen neuen Steuerabsetzbetrag eingeführt. Der sogenannte „Familienbonus Plus“ ersetzt den Kinderfreibetrag nach § 106a EStG aF sowie die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten. Ausdrückliches Ziel war die finanzielle Entlastung von berufstätigen Eltern (ErläutRV 190 BlgNR 26. GP 1). Der Familienbonus Plus beträgt, sofern er voll ausschöpfbar ist, bis zum Ablauf des Monats, in dem das Kind das 18. Lebensjahr vollendet hat, für jeden Kalendermonat 125 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit a EStG), ab diesem Zeitpunkt für jeden Kalendermonat 41,68 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit b EStG).
2. Mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs 4 Ob 150/19s vom 11. 12. 2019 wurde im Hinblick auf die Einführung des Familienbonus Plus und die dadurch bewirkte steuerliche Entlastung die unterhaltsrechtliche Rechtsprechung neu ausgerichtet. Die Kernaussagen dieser – ausführlich begründeten – Entscheidung lassen sich dahin zusammenfassen, dass durch die neue steuergesetzliche Regelung des Familienbonus Plus bei Kindern bis zum Alter von 18 Jahren die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltsschuldners erreicht wird; diese erfolgt nunmehr durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag. Der Familienbonus Plus ist nicht in die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen, sodass kein Anlass mehr besteht, die Unterhaltsleistung im Sinn der bisher in der Judikatur des Obersten Gerichtshofs gebräuchlichen formelhaften Berechnungsmethode zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen durch die Anrechnung von Transferleistungen zu kürzen.
3. Der Senat schließt sich der in der Entscheidung 4 Ob 150/19s zum Ausdruck kommenden Rechtsansicht an.
4. Für den vorliegenden Fall ergibt sich aus der Entscheidung 4 Ob 150/19s, dass der Familienbonus Plus und der Unterhaltsabsetzbetrag auf die Unterhaltsleistung ohne Auswirkung bleiben. Ob der unterhaltspflichtige Vater bisher den (halben) Familienbonus bei seinem Dienstgeber beantragt oder eine Antragstellung bisher unterlassen hat, ist für die Unterhaltsbemessung daher nicht maßgeblich, ebenso wenig die Frage, ob der Vater im Sinn des Anspannungsgrundsatzes dafür Sorge zu tragen hat, zum ehestmöglichen Zeitpunkt sein Einkommen durch Beantragung der Auszahlung des Familienbonus Plus zu erhöhen. Die bisher in der Judikatur des Obersten Gerichtshofs gebräuchliche Berechnungsmethode zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen durch die Anrechnung von Transferleistungen ist zumindest bei Kindern bis zum Alter von 18 Jahren nicht mehr vorzunehmen.
5. Demnach hat das Erstgericht zu Recht den Familienbonus Plus bei der Unterhaltsbemessung nicht berücksichtigt, weshalb seine Entscheidung wiederherzustellen ist.
II. Zur Anrechnung von aufgrund der einstweiligen Verfügung geleisteten Zahlungen
Die vom Rekursgericht weiters als erheblich iSd § 502 Abs 1 ZPO erachtete Rechtsfrage zur Anrechnung von Zahlungen aufgrund einstweiliger Verfügungen auf den endgültigen Titel stellt sich nicht. Das Rekursgericht hat das Rekursvorbringen, die vom Rekurswerber in Höhe der einstweiligen Verfügung tatsächlich geleisteten Zahlungen hätte berücksichtigt werden müssen, als gegen das Neuerungsverbot verstoßend und daher als unbeachtlich angesehen. Auf die vom Rekursgericht dennoch dazu formulierte Zulassungsfrage, der hier nur theoretische Bedeutung zukommt, muss daher nicht eingegangen werden (vgl RS0043338). Die (selbstständige) Rechtsfrage der Anrechnung von aufgrund einer einstweiligen Verfügung geleisteten Zahlungen wird im Revisionsrekursverfahren auch gar nicht thematisiert. |
JJT_20191217_OGH0002_0030OB00163_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127166 | 3Ob163/19w (3Ob164/19t, 3Ob165/19i) | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00163_19W0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00163_19W0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 742 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in den verbundenen Familienrechtssachen des Antragstellers R*, gegen die Antragsgegner 1. minderjährige M*, geboren am * 2008, 2. minderjähriger F*, geboren am * 2010, 3. minderjährige P*, geboren am * 2012, alle wohnhaft im Haushalt ihrer Mutter U*, in Unterhaltssachen alle vertreten durch die Bezirkshauptmannschaft Mödling, Fachgebiet Rechtsvertretung Minderjähriger, Mödling, Bahnstraße 2, wegen Unzulässigkeit einer Exekution (§ 35 EO), über den Revisionsrekurs der Antragsgegner gegen den Beschluss des Landesgerichts Wiener Neustadt als Rekursgericht vom 17. Juni 2019, GZ 16 R 187/19t, 188/19i, 189/19m-15, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Mödling vom 12. April 2019, GZ 2 Fam 18/19k, 19/19g, 20/19d-9, abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Der Antragsteller ist der Vater der Antragsgegner. Mit Beschluss vom 19. Juli 2018 wurde er
– auf Basis eines monatlichen Durchschnittsnettoeinkommens von 2.584 EUR aus selbständiger und unselbständiger Erwerbstätigkeit – zu einer monatlichen Unterhaltsleistung von 460 EUR an die Erstantragsgegnerin und von je 385 EUR an den Zweitantragsgegner und die Drittantragsgegnerin jeweils ab 1. Oktober 2018 verpflichtet.
Aufgrund dieses Titels wurde den Antragsgegnern gegen den Antragsteller zur Hereinbringung rückständigen Unterhalts in Höhe von insgesamt 834,82 EUR und des laufenden Unterhalts die Gehaltsexekution bewilligt.
Die Antragsgegner sind einkommens- und vermögenslos und befinden sich in Pflege und Erziehung der Mutter, die auch die Familienbeihilfe bezieht.
Der Antragsteller, der keine weiteren Sorgepflichten hat, ist seit 1. Februar 2019 nur noch unselbständig erwerbstätig. Sein monatliches Durchschnittsnettoeinkommen beträgt 1.682 EUR ohne Berücksichtigung des Familienbonus Plus.
Der Antragsteller stellte am 21. März 2019 den Antrag, wegen seines nunmehr geringeren Einkommens den Unterhaltsanspruch der Antragsgegner ab 1. Februar 2019 für teilweise erloschen zu erklären, und zwar gegenüber der Erstantragsgegnerin im Umfang von 157 EUR und gegenüber dem Zweitantragsgegner und der Drittantragsgegnerin jeweils im Umfang von 133 EUR, sodass sich also der monatliche Unterhaltsanspruch der Antragsgegner auf 303 EUR bzw 252 EUR reduziere.
Die Antragsgegner gestanden zu, dass ihre laufenden Unterhaltsansprüche wegen des geringeren Einkommens des Antragstellers teilweise erloschen seien, vertraten aber den Standpunkt, dass bei Ermittlung der Bemessungsgrundlage der Familienbonus Plus zu berücksichtigen sei, weshalb die Bemessungsgrundlage ab 1. Februar 2019 1.810 EUR betrage. Sie hätten daher seither einen monatlichen Unterhaltsanspruch von 326 EUR bzw 272 EUR.
Das Erstgericht gab dem Oppositionsantrag zur Gänze statt. Entgegen dem Standpunkt der Antragsgegner sei der (halbe) Familienbonus Plus nicht in die Bemessungsgrundlage einzubeziehen. Es ergebe sich daher ab 1. Februar 2019 ein reduzierter monatlicher Unterhaltsanspruch der Erstantragsgegnerin von 303 EUR (18 % der Bemessungsgrundlage) und des Zweitantragsgegners und der Drittantragsgegnerin von jeweils 252 EUR (15 % der Bemessungsgrundlage). Die von der Rechtsprechung entwickelte (adaptierte) Berechnungsformel zur Anrechnung der Transferleistungen sei hier nicht heranzuziehen, weil ihre Anwendung keine Reduktion, sondern eine Erhöhung der Unterhaltspflicht zur Folge hätte und der Unterhaltsanspruch jedenfalls mit dem Prozentunterhalt gedeckelt sei.
Das Rekursgericht änderte diesen Beschluss in teilweiser Stattgebung des Rekurses der Antragsgegner dahin ab, dass es deren Unterhaltsansprüche nur mit einem Teilbetrag von 147 EUR bzw 125 EUR monatlich für erloschen erklärte. Entgegen der Ansicht des Erstgerichts sei als Bemessungsgrundlage das um den (halben) Familienbonus Plus erhöhte Nettoeinkommen des Antragstellers (1.810 EUR monatlich) heranzuziehen. Durch den Zuspruch des sich daraus ergebenden Prozentunterhalts (326 EUR bzw 272 EUR) würde allerdings das einkommensabhängige Unterhaltsexistenzminimum von 976,20 EUR unterschritten, sodass den Antragsgegnern nur ein monatlicher Unterhaltsbeitrag von 313 EUR bzw 260 EUR zustehe.
Das Rekursgericht ließ den ordentlichen Revisionsrekurs zur Frage der Unterhaltsbemessung im Zusammenhang mit dem Familienbonus Plus zu.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs der Antragsgegner ist entgegen dem – den Obersten Gerichtshof nicht bindenden – Ausspruch des Rekursgerichts nicht zulässig, weil keine erhebliche Rechtsfrage dargestellt wird:
1. Die Revisionsrekurswerber vertreten den Standpunkt, der Familienbonus Plus stelle einen zusätzlichen Absetzbetrag für den Geldunterhaltspflichtigen dar, der mittelbar dem Kind – nämlich durch eine geringere Anrechnung der Transferleistungen – zugute kommen müsse. Damit übersehen sie allerdings, dass die Vorinstanzen ohnehin keinerlei Anrechnung von Transferleistungen vorgenommen haben. Mit der Begründung des Rekursgerichts für die gegenüber dem Prozentunterhalt ohnehin auf Basis einer – auch von den Antragsgegnern unterstellten – Bemessungsgrundlage von 1.810 EUR reduzierte Unterhaltsbemessung setzen sie sich allerdings überhaupt nicht auseinander, weshalb ihr Rechtsmittel nicht den Anforderungen des § 65 Abs 3 Z 4 AußStrG entspricht und eine Überprüfung der in der angefochtenen Entscheidung vertretenen Rechtsansicht nicht stattfinden kann (RS0043654 [T15]).
2. Nur der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass der vierte Senat jüngst in der Entscheidung 4 Ob 150/19s mit ausführlicher Begründung zum Ergebnis gekommen ist, dass – jedenfalls bei der Unterhaltsbemessung für Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres – eine Einrechnung des Familienbonus Plus in die Unterhaltsbemessungsgrundlage ausscheidet und außerdem auch kein Anlass mehr besteht, die Unterhaltsleistung durch die Anrechnung von Transferleistungen zu kürzen. Mangels eines Rechtsmittels des Vaters kommt eine Berücksichtigung dieser Judikatur hier aber nicht in Frage. |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00076_19B0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127179 | 10Ob76/19b | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00076_19B0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00076_19B0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 817 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Erwachsenenschutzsache der G*, geboren am *, vertreten durch Dr. Alfred Boran Rechtsanwalt in Wien, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der betroffenen Person gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 10. September 2019, GZ 44 R 384/19z, 44 R 406/19k-38, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Nach § 271 ABGB in der ab 1. 7. 2018 anzuwendenden (§ 1503 Abs 9 Z 1 ABGB) Fassung des 2. Erwachsenenschutzgesetzes (2. ErwSchG), BGBl I 2017/59, ist ein gerichtlicher Erwachsenenvertreter für eine volljährige Person zu bestellen, wenn diese 1. bestimmte Angelegenheiten aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer vergleichbaren Beeinträchtigung ihrer Entscheidungsfähigkeit nicht ohne Gefahr eines Nachteils für sich selbst besorgen kann, 2. sie dafür keinen Vertreter hat, 3. sie einen solchen nicht wählen kann oder will und 4. eine gesetzliche Erwachsenenvertretung nicht in Betracht kommt.
2. Die betroffene Person bekämpft in ihrem Revisionsrekurs die Beurteilung der Vorinstanzen, dass die Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters notwendig sei. Ihrer Ansicht nach ist sie nach Verletzungen und einem Krankenhausaufenthalt zwar in ihrer Mobilität eingeschränkt, benötigt aber mangels geistiger Beeinträchtigung und aufgrund der Vertretung durch ihren im Jahr 2014 mit Spezialvollmacht (§ 1008 ABGB) ausgestatteten Sohn keinen gerichtlichen Erwachsenenvertreter. In eventu sei ihr Sohn als solcher zu bestellen.
Mit ihren Ausführungen zeigt sie keine erhebliche Rechtsfrage auf.
3. Nach den Feststellungen der Vorinstanzen leidet die 1930 geborene Betroffene an einem cerebralen Abbauprozess von Krankheitswert mit pathologischer Fremdbeeinflussbarkeit. Nach einem verletzungsbedingten Krankenhausaufenthalt wurde sie von ihrem Sohn im September 2017 in einem Pflegeheim untergebracht. Die monatlichen Kosten der Unterbringung (zunächst 2.000 EUR, ab März 2018 1.500 EUR) wurden von Anfang an nicht beglichen, sodass bei Einleitung des Verfahrens im März 2018 bereits ein Rückstand von über 12.000 EUR bestand. Eine Liegenschaft der Betroffenen wurde um 500.000 EUR verkauft, das Geld soll durch eine Fehlinvestition verloren gegangen sein. Der Sohn verwendete die Pension der Betroffenen zur Unterstützung seiner in Thailand lebenden Familie. Einen Antrag auf Pflegegeld stellte er nicht. Er versuchte auch nicht, eine teilweise Übernahme der Kosten des Pflegeheims durch einen Sozialfonds zu erreichen. Die Betroffene ist emotional von ihrem Sohn abhängig (Clearingbericht ON 4).
5. Der Zustand der Betroffenen lässt sich entgegen ihrer Ansicht nicht auf eine rein körperliche Beeinträchtigung reduzieren. Sonstige Argumente gegen die Qualifikation als psychische Krankheit bzw einer solchen vergleichbaren Beeinträchtigung iSd § 271 ABGB idF des 2. ErwSchG bringt sie im Revisionsrekurs nicht vor. Angesichts der bisherigen Vermögensdispositionen und der Notwendigkeit, die finanzielle Lage zu verbessern, haben die Vorinstanzen eine mit der festgestellten Beeinträchtigung verbundene konkrete Gefahr eines Nachteils für die Betroffene selbst im Einklang mit der bisherigen Rechtsprechung – auch zum Sachwalterschaftsrecht (vgl 7 Ob 192/18p) – bejaht.
6. Einen Verstoß gegen das in § 271 Z 2 bis 4 ABGB idF des 2. ErwSchG zum Ausdruck gebrachte, zuvor in § 268 Abs 2 ABGB idF des SWRÄG 2006 geregelte (RIS-Justiz RS0049088 [T7]) und nun verstärkte Subsidiaritätsprinzip zeigt die Betroffene nicht auf, wenn sie auf die bestehende oder mögliche Vertretung durch nahe Angehörige verweist.
7. Der Oberste Gerichtshof stellt bei der Beurteilung der Frage, ob eine (Vorsorge-)Vollmacht die Bestellung eines Sachwalters ausschließt, darauf ab, dass das Handeln des Bevollmächtigten keine Nachteile für die betroffene Person nach sich ziehen und ihr Wohl nicht gefährden darf (RS0124579; RS0123430 [T2]). Die Bestellung eines Sachwalters ist dann unzulässig, wenn sich die betroffene Person der Hilfe anderer in rechtlich einwandfreier Weise bedienen kann (RS0048997 [T1]).
8. Die Beurteilung des Rekursgerichts, dass der im Jahr 2014 („schlicht“ iSd § 284g Satz 2 ABGB aF) bevollmächtigte Sohn der Betroffenen deren Interessen eindeutig zuwiderhandelte und als Vertreter nicht geeignet war, wird im Revisionsrekurs nicht mit konkreten Gegenargumenten in Zweifel gezogen. Der bloße Hinweis auf eine mögliche Vertretung durch nahe Angehörige (als Vorsorgebevollmächtigte, gewählte oder gesetzliche Erwachsenenvertreter) schließt im konkreten Einzelfall die Bestellung eines gerichtlichen Erwachsenenvertreters nicht zwingend aus (vgl RS0048997 [T7]). Die als einzige namentlich erwähnte Tochter des Bevollmächtigten hat nach der Aktenlage wenig Kontakt zu der Betroffenen (ON 4). Kontaktdaten hat ihr Vater nicht bekanntgegeben. Eine Bereitschaft, eine Erwachsenenvertretung zu übernehmen, hat die Enkelin nie kommuniziert. Für die Notwendigkeit einer gerichtlichen Erwachsenenvertretung spricht (neben dem emotionalen Abhängigkeitsverhältnis der Betroffenen zu ihrem Sohn, das eine Vertretung durch die Enkelin nicht beseitigen würde) auch der Umstand, dass das Erstgericht monatelang versuchte, Lösungen für eine alternative Unterbringung, Betreuung und Vertretung zu finden, was letztlich an nicht eingehaltenen Versprechungen des Sohnes und seiner geschiedenen Ehegattin scheiterte.
9. Ein ausdrücklich in das Gesetz aufgenommenes Kriterium für die Auswahl des gerichtlichen Erwachsenenvertreters ist nach § 273 Abs 1 ABGB nF dessen Eignung. Die Betroffene setzt sich im Revisionsrekurs inhaltlich mit den – nach der Aktenlage berechtigten – Zweifeln des Rekursgerichts an der Eignung des Sohnes nicht auseinander. Sie legt damit nicht dar, dass die Vorinstanzen den Ermessensspielraum, den ihnen auch die neue Rechtslage ungeachtet der Verstärkung des Wunsches der volljährigen Person bei der Auswahl des Erwachsenenvertreters einräumt (2 Ob 185/18x; Weitzenböck in Schwimann/Kodek ABGB5 § 273 Rz 1 f; Barth/Ganner, Handbuch des Erwachsenenschutzrechts³ 769) überschritten haben, wenn sie die gewünschte Bestellung des Sohnes als dem Wohl seiner Mutter widersprechend ablehnten. |
JJT_20191119_OGH0002_0100OB00041_19F0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127197 | 10Ob41/19f | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00041_19F0000_000/JJT_20191119_OGH0002_0100OB00041_19F0000_000.html | 1,574,121,600,000 | 1,329 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden, die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer sowie die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Pflegschaftssache des (nunmehr volljährigen) A*, geboren * 2001, *, über den Revisionsrekurs des Bundes, vertreten durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 11. Dezember 2018, GZ 44 R 522/18t, 44 R 523/18i-221, womit die Beschlüsse des Bezirksgerichts Meidling vom 12. Juni 2018, GZ 21 Pu 188/10m-197, 198, teilweise abgeändert wurden, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird teilweise Folge gegeben.
Die Entscheidungen der Vorinstanzen werden im Umfang der Anfechtung der Erhöhung des monatlichen Unterhaltsvorschusses für den Monat November 2017 dahin abgeändert, dass sie für die Zeit von 1. 5. 2017 bis 30. 4. 2019 (Punkt 3. des erstinstanzlichen Beschlusses) unter Einschluss der in Rechtskraft erwachsenen Teile zu lauten hat:
„3. Der dem Kind mit Beschluss des Bezirksgerichts Meidling, 21 PU 188/10m-165 vom 18. 8. 2017 für den Zeitraum von 1. 5. 2017 bis 30. 4. 2019 weitergewährte Unterhaltsvorschuss von 220 EUR wird
a) von 1. 5. 2017 bis 30. 9. 2017 auf monatlich 540 EUR erhöht;
b) von 1. 10. 2017 bis 31. 10. 2017 auf monatlich 260 EUR herabgesetzt;
c) von 1. 11. 2017 bis 30. 11. 2017 auf monatlich 260 EUR herabgesetzt;
d) von 1. 12. 2017 bis 31. 1. 2018 auf monatlich 540 EUR erhöht;
e) ab 1. 2. 2018 auf monatlich 280 EUR herabgesetzt;
Das Mehrbegehren, den Unterhaltsvorschuss von 1. 11. 2017 bis 30. 11. 2017 mit (nur) monatlich 178 EUR festzusetzen, wird abgewiesen.“
Text
Begründung:
Gegenstand des Revisionsrekursverfahrens ist die Höhe des dem Antragsteller für den Monat November 2017 zustehenden Unterhaltsvorschusses (540 EUR laut Standpunkt des Antragstellers oder 178 EUR laut Standpunkt des Bundes).
Unstrittig ist, dass der Antragsteller am 4. September 2017 eine Lehrstelle im Lehrberuf Einzelhandelskaufmann angetreten und die Lehre mit 31. 10. 2017 wieder beendet hat.
Mit Beschluss vom 26. 1. 2018 (ON 190) erhöhte das Titelgericht den von der Mutter zu leistenden Geldunterhalt für den Zeitraum ab 1. 6. 2015, und zwar
– soweit für das Revisionsrekursverfahren wesentlich – von 1. 5. 2017 bis 30. 9. 2017 auf monatlich 540 EUR, von 1. 10. 2017 bis 31. 10. 2017 auf 260 EUR und ab 1. 11. 2017 wiederum auf 540 EUR. Die Festsetzung des Unterhalts für Oktober 2017 mit 260 EUR wurde mit dem Eigeneinkommen des Antragstellers (Lehrlingsentschädigung) begründet.
Aufgrund dieses Titelbeschlusses erhöhte das Erstgericht mit Beschluss vom 12. 6. 2018 (ON 198) – soweit hier noch relevant – den zuvor in Höhe von monatlich 220 EUR gewährten Unterhaltsvorschuss für den Zeitraum von 1. 5. 2017 bis 30. 9. 2017 auf monatlich 540 EUR, für den Zeitraum von 1. 10. 2017 bis 31. 10. 2017 auf 260 EUR und für den Zeitraum von 1. 11. 2017 bis 30. 1. 2018 wiederum auf monatlich 540 EUR.
Gegen diese Entscheidung erhob der Bund (vertreten durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Wien) in Bezug auf die Erhöhung für den Monat November 2017 Rekurs und beantragte, dass für diesen Monat nur ein Unterhaltsvorschuss in Höhe von 178 EUR gewährt werde. Im Rekurs wurde vorgebracht, das Erstgericht sei offenbar von einer letztmaligen Auszahlung der Lehrlingsentschädigung noch im Monat Oktober 2017 ausgegangen. Wann die tatsächliche Auszahlung erfolgt sei, sei aus der Aktenlage nicht ersichtlich. Die vom Rekurswerber durchgeführte Anfrage beim Arbeitgeber habe aber ergeben, dass die letzte Lehrlingsentschädigung für Oktober 2017 (in Höhe von 600,40 EUR) an den Antragsteller erst am 2. 11. 2017 überwiesen worden sei (ON 200). Da im Unterhaltsrecht die tatsächliche Verfügbarkeit der Eigenmittel zur Deckung der Bedürfnisse des Unterhaltsberechtigten im Vordergrund stehe, habe der Antragsteller im November 2017 nicht bereits wieder einen vollen Unterhaltsbedarf gehabt.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Bundes nicht Folge. Im vorliegenden Fall habe der Unterhaltsberechtigte einen Rechtsanspruch gehabt, die Lehrlingsentschädigung bereits Ende Oktober 2017 ausgezahlt zu bekommen. Die allein der Dienstgebersphäre zuzurechnende verspätete Auszahlung könne nicht dazu führen, dass dem Unterhaltsberechtigten erst ab dem auf die verspätete Auszahlung folgenden Monatsersten (somit erst ab 1. Dezember 2017) ein Anspruch auf Erhöhung der Unterhaltsvorschüsse zustehe. Die vom Rekurswerber ins Treffen geführte Rechtsansicht hätte nur eine zeitliche Verschiebung dergestalt zur Konsequenz, dass dem Unterhaltsberechtigten für Oktober 2017 die Unterhaltsvorschüsse zu erhöhen, für November 2017 herabzusetzen und für Dezember 2017 sodann wieder zu erhöhen gewesen wären.
Das Rekursgericht ließ den Revisionsrekurs unter Hinweis auf das Fehlen höchstgerichtlicher Rechtsprechung zu der zu beurteilenden Rechtsfrage zu.
Gegen diese Entscheidung richtet sich der Revisionsrekurs des Bundes (vertreten durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Wien). Der Bund macht zusammengefasst geltend, der am 2. 11. 2017 eingegangene Betrag habe dem Unterhalt des Kindes für November 2017 gedient.
Der mittlerweile volljährige Unterhaltsberechtigte hat sich am Revisionsrekursverfahren nicht beteiligt.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist zulässig; er ist teilweise auch berechtigt.
1. Voranzustellen ist, dass das Rekursvorbringen nicht dem Neuerungsverbot (§ 49 AußStrG) unterliegt. Dem Rekursvorbringen steht auch § 15 Abs 2 UVG nicht entgegen, weil es um die Beurteilung der Tatbestandsmerkmale nach § 7 Abs 1 Z 1 UVG (iVm § 19 Abs 2 UVG) geht (RS0076562).
2.1 Der Anspruch auf Unterhalt mindert sich insoweit, als das Kind eigene Einkünfte hat oder unter Berücksichtigung seiner Lebensverhältnisse selbsterhaltungsfähig ist (§ 231 Abs 3 ABGB). Auch die Lehrlingsentschädigung ist, sofern sie nicht als Ausgleich für berufsbedingten Mehraufwand außer Betracht bleibt, Eigeneinkommen des Kindes (RS0047573 [T2]) und mindert den Unterhaltsanspruch.
2.2 Da Sinn und Zweck des Unterhalts und der in § 1418 ABGB verankerten Vorauszahlungspflicht von Unterhaltsleistungen ist, dass der Unterhaltsberechtigte „keinen Mangel leiden“ solle (10 Ob 30/15g), ist für den Zeitpunkt der Anrechnung maßgeblich, ab wann dem Unterhaltsberechtigten das Eigeneinkommen tatsächlich zur Deckung seiner Bedürfnisse zur Verfügung steht. Für die Reduzierung der Unterhaltspflicht bei Antritt einer Lehrstelle ist daher das Datum der erstmaligen Auszahlung der Lehrlingsentschädigung an den Unterhaltsberechtigten relevant, weil die Lehrlingsentschädigung erst ab diesem Zeitpunkt als anrechenbares Eigeneinkommen tatsächlich zur Verfügung steht (10 Ob 30/15g; RS0111944 [T2]). Tritt ein Unterhaltsberechtigter am Beginn eines Monats eine Lehrstelle an und erhält er die (erste) Lehrlingsentschädigung am Ende dieses Monats ausgezahlt, ist der Eintritt der Selbsterhaltungsfähigkeit erst mit Ablauf des Monats bzw am folgenden Monatsersten anzunehmen.
3. § 7 Abs 1 Z 1 UVG lässt die Prüfung zu, ob Anhaltspunkte gegen den aufrechten materiellen Bestand des Titels bestehen. Im Fall eines Eigeneinkommens des Kindes ist zu prüfen, ob – wenn ja in welcher Höhe – der im Exekutionstitel festgesetzte Unterhaltsanspruch unter Berücksichtigung des Eigeneinkommens noch fortbesteht, weil die Eigeneinkünfte zu einer Verringerung des konkreten Bedarfs führen (RS0076370 [T2]). Auch Unterhaltsvorschüsse sind im Fall eines Eigeneinkommens des Kindes erst mit Ablauf desjenigen Monats herabzusetzen oder einzustellen, in dem die erste Lohnauszahlung zur Verfügung steht (10 Ob 23/14a; 10 Ob 38/17a; RS0129679).
4.1 Der im Revisionsrekurs vertretenen Ansicht, infolge der Auszahlung der Lehrlingsentschädigung für November 2017 (am 2. 11. 2017) seien im Sinn der Rechtsprechung (RS0129679) Anhaltspunkte iSd § 7 Abs 1 Z 1 UVG darin zu sehen, dass auch noch im November 2017 von einem verminderten Bedarf des Unterhaltsberechtigten auszugehen sei, ist zu folgen:
4.2 Bei einer Lehrzeit von zwei Monaten werden zwei Lehrlingsentschädigungen fällig, was auch zu einer Unterhaltsreduktion für zwei Monate führen muss. Im Sinn der Rechtsprechung (10 Ob 23/14a, 10 Ob 38/17m, RS0129679) ist der Unterhalt für Oktober und November zu reduzieren, weil die Lehrlingsentschädigung für September 2017 für den Unterhalt im Oktober 2017 zur Verfügung steht und die Lehrlingsentschädigung für Oktober 2017 für den Unterhalt im November 2017. Dies gilt unabhängig davon, ob die Zahlung am 31. 10. 2017 (oder wohl im Hinblick auf den am 1. 11. gelegenen Feiertag) am 2. 11. 2017 eingegangen ist. Der Unterhaltsberechtigte hat aufgrund der Auszahlung der Lehrlingsentschädigung im November 2017 in diesem Monat über ausreichend Mittel zur Deckung seiner Bedürfnisse verfügt, sodass eine Erhöhung der Unterhaltsvorschüsse auf 540 EUR bereits in diesem Monat nicht in Betracht kommt (§ 7 Abs 1 Z 1 UVG iVm § 19 Abs 2 UVG).
5. Die Höhe des Unterhaltsvorschusses für November 2017 war aber nicht – wie im Revisionsrekurs beantragt – mit 178 EUR festzusetzen, sondern entsprechend der Höhe des Unterhaltstitels für Oktober mit 260 EUR:
Die Berechnungsmethode, die der Bund in seinem Rekurs sowie auch im Revisionsrekurs zur Errechnung des nach Erhalt der Lehrlingsentschädigung verbleibenden Unterhaltsanspruchs für November 2017 verwendet hat (siehe RS0047565), setzt einfache Lebensverhältnisse voraus. Derartige Lebensverhältnisse sind hier jedoch zu verneinen, weil der mit 540 EUR ermittelte monatliche Unterhaltsbetrag über dem Regelbedarf von 454 EUR für das Jahr 2017 liegt (RS0047565 [T2]). Weiters fehlen Feststellungen dazu, ob der damals noch minderjährige Unterhaltsberechtigte vom anderen Elternteil Unterhaltsleistungen (etwa) in Form von Betreuungsleistungen erhalten hat. Im Rahmen der Prüfung des Versagens der Vorschüsse im Sinn des § 7 Abs 1 UVG ist aber kein hypothetisches Unterhaltsfestsetzungsverfahren abzuführen und keine vollständige Nachprüfung des Titels vorzunehmen, um die vom UVG beabsichtigte Soforthilfe nicht zu gefährden (IA 673/A 24. GP 40 f; Neumayr in Schwimann/Kodek, ABGB4 § 7 UVG Rz 7). Die Höhe des Unterhaltsvorschusses für November 2017 war daher entsprechend der Höhe des Unterhaltstitels für Oktober 2017 mit 260 EUR zu bestimmen.
Dem Revisionsrekurs des Bundes war somit teilweise Folge zu geben. Das auf Festsetzung des Unterhaltsvorschusses für November mit (nur) 178 EUR gerichtete Mehrbegehren war abzuweisen. |
JJT_20191218_OGH0002_0050OB00186_19T0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127200 | 5Ob186/19t | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00186_19T0000_000/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00186_19T0000_000.html | 1,576,627,200,000 | 802 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Parteien 1. Ing. K*, 2. F* und 3. C*, alle vertreten durch Dr. Enrik Mandl, Rechtsanwalt in Klagenfurt am Wörthersee, gegen die beklagte Partei W*, vertreten durch Dr. Peter Ouschan, Rechtsanwalt in Völkermarkt, wegen Beseitigung und Unterlassung, über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts Klagenfurt als Berufungsgericht vom 10. Juli 2019, GZ 4 R 69/19t-25, mit dem das Urteil des Bezirksgerichts Völkermarkt vom 10. Dezember 2018, GZ 6 C 198/17a-20, teilweise abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Revision wird zurückgewiesen.
Die klagenden Parteien sind schuldig, der beklagten Partei binnen 14Â Tagen die mit 958,58Â EUR (darin enthalten 159,76Â EUR USt) bestimmten Kosten der Revisionsbeantwortung zu ersetzen.
Text
Begründung:
Die Streitteile sind einige der Mit- und Wohnungseigentümer einer Liegenschaft. Der Beklagte benützt eine vor seinem Wohnungseigentumsobjekt gelegene Gartenfläche, die als allgemeiner Teil der Liegenschaft gewidmet ist.
Das Berufungsgericht wies die Eigentumsfreiheitsklage (§ 523 ABGB) der klagenden Wohnungseigentümer zur Gänze ab und ließ die Revision zur Klärung der Frage zu, ob eine unwirksame Benützungsvereinbarung (§ 17 WEG 2002) nachträglich durch Vorteilszuwendung (Zahlung einer „Ablöse“) iSd § 1016 zweiter Fall ABGB heilen könne.
Rechtliche Beurteilung
Die – beantwortete – Revision der klagenden Parteien ist entgegen dem den Obersten Gerichtshof nicht bindenden (§ 508a Abs 1 ZPO) Ausspruch des Berufungsgerichts nicht zulässig.
1. Jeder Wohnungseigentümer ist berechtigt, eigenmächtige Eingriffe auch eines anderen Wohnungseigentümers in das gemeinsame Eigentum mit Eigentumsfreiheitsklage abzuwehren (stRsp; RIS-Justiz RS0012137; RS0012112). Solche Klagen gehören nach der Rechtsprechung ungeachtet des § 838a ABGB auf den streitigen Rechtsweg (5 Ob 98/19a mwN).
2. Der Wohnungseigentümer ist zu Änderungen seines Wohnungseigentumsobjekts (hier: Einbeziehung einer Gartenfläche als allgemeiner Teil durch Errichtung eines Abgangs vom Wohnungseigentumsobjekt, Gestaltung der Gartenfläche) unter den in § 16 Abs 2 WEG dargestellten Voraussetzungen berechtigt. Schon die Möglichkeit einer Beeinträchtigung schutzwürdiger Interessen der übrigen Wohnungseigentümer (§ 16 Abs 2 Z 1 WEG) verpflichtet den änderungswilligen Wohnungseigentümer, die Zustimmung aller übrigen oder die Genehmigung des Außerstreitgerichts einzuholen. Tut er das nicht oder setzt er sich über den Widerspruch eines anderen Wohnungseigentümers hinweg, handelt er in unerlaubter Eigenmacht und kann im streitigen Rechtsweg mit Eigentumsfreiheitsklage (§ 523 ABGB) in Anspruch genommen werden (stRsp; RS0083156; RS0005944 [T2]). Im Streitverfahren ist nur die Genehmigungsbedürftigkeit der Änderung und die Eigenmacht, nicht aber die Genehmigungsfähigkeit zu prüfen (stRsp; RS0083156 [T5, T14, T20]).
3. Die Mehrheits-(wohnungs-)eigentümerin (Wohnungseigentumsorganisatorin) erteilte bereits anlässlich des Verkaufs des Wohnungseigentumsobjekts dem beklagten Erwerber schriftlich ihr Einverständnis zur Errichtung eines Abgangs vom Wohnungseigentumsobjekt auf die im Westen und Norden vor diesem gelegene Gartenfläche gegen Zahlung der Betriebskosten und des Beitrags zum Reparaturfonds auf Basis des durch die Einbeziehung der Gartenfläche geänderten Verteilungsschlüssels. Die auch als „Bevollmächtigte der übrigen Miteigentümer“ bezeichnete Mehrheitseigentümerin erklärte auch das Einverständnis aller übrigen Miteigentümer zur Änderung der Parifizierung und des Nutzwerts. Die schriftlichen Vereinbarungen wurden den übrigen Wohnungseigentümern zwar erstmals während dieses im Jahr 2017 eingeleiteten Verfahrens übermittelt. Die Einbeziehung und Nutzung der nunmehr umstrittenen Gartenfläche einschließlich der Errichtung eines Gemüsegartens war ihnen aber spätestens seit der vor Ort stattfindenden Eigentümerversammlung im Juli 2013 bekannt. Thema der Besprechung war die Zuweisung des Gartens an das Wohnungseigentumsobjekt des Beklagten gegen eine dem Reparaturfonds gutgebuchte „Ablösezahlung“. 2010 hatten auch die zweit- und drittklagenden Parteien ihr Wohnungseigentumsobjekt durch Einbeziehung eines Abstellraums verändert und in diesem Zusammenhang einen Betrag in den allgemeinen Reparaturfonds eingezahlt. Die Wohnungseigentümer haben diesen (der bestehenden Parifizierung widersprechenden) Veränderungen der Wohnungseigentumsobjekte sowohl des Beklagten als auch der zweit- und drittklagenden Parteien einschließlich der Anpassung des Verteilungsschlüssels vor Einbringung der Eigentumsfreiheitsklage im August 2017 nie widersprochen. Alle Wohnungseigentümer gingen von einer künftigen, jedoch bislang nicht erfolgten Neuparifizierung aus. 2014 errichtete der Beklagte auf der Gartenfläche ein Hochbeet sowie eine aus zwei Seitenpfosten und einer Querstange bestehende Pergola. Kein Wohnungseigentümer hat vor Einleitung des Verfahrens der – allen ersichtlichen und bekannten – Einbeziehung der Gartenfläche oder der (baulichen und gärtnerischen) Gestaltung widersprochen.
4. Gemessen am objektiven Erklärungswert haben somit sämtliche Wohnungseigentümer der Änderung des Wohnungseigentumsobjekts durch Einbeziehung und Gestaltung der Gartenfläche in dem Ausmaß, das sich bei der Eigentümerversammlung der Gesamtheit der Miteigentümer darstellte, zugestimmt. Sie haben zwar damals nicht mit der etwa ein Jahr später erfolgten Errichtung eines Hochbeets und einer Pergola gerechnet. Eine Einschränkung ihrer Zustimmung auf den status quo (Gemüsegarten) ist daraus aber nicht zwingend abzuleiten. Ein Wohnungseigentümer, der die Zustimmung der übrigen Wohnungseigentümer zur Einbeziehung einer Gartenfläche erhält (die bei der geplanten Neuparifizierung berücksichtigt werden soll), darf darauf vertrauen, dass ihm damit auch eine gewisse – hier drei Jahre lang unwidersprochen gebliebene – Änderung der Gartengestaltung gestattet wird (vgl 5 Ob 30/17y zur Gestaltung eines Balkons).
5. Die Eigentumsfreiheitsklage scheitert daher an der fehlenden Eigenmacht. Aus diesem Grund stellt sich die in der Revision gestellte Frage, ob eine nach § 17 WEG unwirksame Benützungsvereinbarung – ungeachtet des Schriftformgebots – durch Vorteilszuwendung iSd § 1016 zweiter Fall ABGB geheilt wird, nicht.
6. Die Kostenentscheidung gründet sich auf §§ 41, 50 ZPO. Der Beklagte hat in der Revisionsbeantwortung auf die Unzulässigkeit der Revision hingewiesen. |
JJT_20191217_OGH0002_0090OB00083_19Z0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127202 | 9Ob83/19z | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0090OB00083_19Z0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0090OB00083_19Z0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 571 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsrekursgericht durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Dr. Hopf als Vorsitzenden, die Hofräte des Obersten Gerichtshofs Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hargassner, Mag. Korn und Dr. Stefula als weitere Richter in der Pflegschaftssache der mj N* C*, geboren am * 2010, wohnhaft bei ihrer Mutter M* C*, vertreten durch das Magistrat der Stadt Wien, Wiener Kinder- und Jugendhilfe, Rechtsvertretung für den Bezirk 21, Vater: K* P*, wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs des Kindes gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 29. August 2019, GZ 48 R 137/19f-85, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Donaustadt vom 20. März 2019, GZ 56 Pu 91/19d-80, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Mit Beschluss vom 20. 3. 2019 erhöhte das Erstgericht die monatliche Unterhaltsverpflichtung des Vaters für seine am * 2010 geborene Tochter N* von bisher 150 EUR ab 1. 3. 2018 auf 220 EUR. Das darüber hinausgehende Unterhaltserhöhungsbegehren des Kindes wies es ab. Im Sinne der Anspannungstheorie sei der halbe Familienbonus Plus bei der Bemessung des Unterhalts zu berücksichtigen. Der für die weiteren Sorgepflichten des Vaters zustehende Familienbonus Plus erhöhe die Unterhaltsbemessungsgrundlage jedoch nicht. Berücksichtige man den halben Familienbonus in Höhe von 62,50 EUR monatlich, dann liege aber keine relevante Umstandsänderung vor, die zu einer Unterhaltserhöhung ab 1. 1. 2019 führen würde. Der festgesetzte monatliche Unterhalt entspreche der finanziellen Leistungsfähigkeit des Vaters und berücksichtige die Belastungsgrenze zufolge der weiteren Sorgepflichten des Vaters.
Das Rekursgericht gab dem gegen die Abweisung des Mehrbegehrens gerichteten Rekurs des Kindes nicht Folge. Sowohl der Familienbonus Plus als auch der Unterhaltsabsetzbetrag erhöhten die Unterhaltsbemessungsgrundlage. Allerdings seien nur der Unterhaltsabsetzbetrag und der Familienbonus Plus für das jeweils Unterhalt fordernde Kind Teil der Bemessungsgrundlage, die für andere Kinder bezogenen Unterhaltsabsetzbeträge und Familienboni seien hingegen auszuscheiden. Nehme der Unterhaltsschuldner den Familienbonus Plus nicht in Anspruch, sei er dennoch im Sinne des Anspannungsgrundsatzes bei der Unterhaltsbemessung zu berücksichtigen. Bis zu einem Unterhaltsbetrag für mj Kinder von rund 600 EUR monatlich führe bereits der halbe Familienbonus Plus zu einer ausreichenden steuerlichen Entlastung des Unterhaltsschuldners. Da der Familienbonus Plus grundsätzlich der steuerlichen Entlastung des Unterhaltspflichtigen diene, führe er im konkreten Fall nicht zu einer Erhöhung des Unterhaltsanspruchs über die Prozentkomponente hinaus.
Den ordentlichen Revisionsrekurs ließ das Rekursgericht zu, weil noch keine oberstgerichtliche Rechtsprechung zur Frage der Berücksichtigung des Familienbonus Plus bei der Unterhaltsbemessung vorliege.
Gegen diese Entscheidung richtet sich der Revisionsrekurs des Kindes, mit dem Abänderungsantrag, den Unterhalt ab 1. 1. 2019 auf 260 EUR monatlich zu erhöhen. Der Familienbonus Plus sei der Unterhaltsbemessungsgrundlage, allenfalls im Wege der Anspannung, hinzuzurechnen, weil er das verfügbare Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen erhöhe.
Der Vater hat keine Revisionsrekursbeantwortung erstattet.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs des Kindes ist zulässig, er ist aber nicht berechtigt.
Zur gegenständlichen Rechtsfrage hat der Oberste Gerichtshof erst jüngst am 10. 12. 2019 zu 4 Ob 150/19s ausführlich wie folgt Stellung genommen und zusammenfassend für die Unterhaltsbemessung von Kindern bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in Punkt 6.1. festgehalten:
„Beim Familienbonus Plus handelt es sich – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag. Der Gesetzgeber hat den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt, die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Geldunterhaltspflichtigen nunmehr durch die erwähnten steuergesetzlichen Maßnahmen herbeizuführen. Dadurch findet eine Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht statt. Die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen erfolgt nunmehr durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag. Der Familienbonus Plus ist nicht in die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen; eine Anrechnung von Transferleistungen findet nicht mehr statt. Familienbonus Plus und Unterhaltsabsetzbetrag bleiben damit unterhaltsrechtlich neutral.“
Dieser Beurteilung schließt sich der erkennende Senat an.
Dem Revisionsrekurs des minderjährigen Kindes war daher der Erfolg zu versagen. |
JJT_20191218_OGH0002_0050OB00137_19M0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127204 | 5Ob137/19m | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00137_19M0000_000/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00137_19M0000_000.html | 1,576,627,200,000 | 1,018 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in den verbundenen außerstreitigen Rechtssachen der Antragstellerin Mag. S*, vertreten durch Dr. Andreas Pistotnig, Rechtsanwalt in Wien, gegen die Antragsgegnerin Stadt W*, vertreten durch Mag. DI Markus Petrowsky, Rechtsanwalt in Wien, wegen § 37 Abs 1 Z 8 und 14 MRG iVm §§ 16 und 27 MRG, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragstellerin gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 26. Juni 2019, GZ 40 R 352/18p-22, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 37 Abs 3 Z 16 MRG iVm § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Die Antragstellerin (Mieterin) errichtete mit Zustimmung der Antragsgegnerin (Vermieterin) auf eigene Kosten einen rund 40 m² großen Zubau zu ihrem Mietobjekt. Mit der diesen Zubau regelnden Ergänzung zum Mietvertrag vereinbarten die Streitteile (ua) auch eine der Nutzflächenvergrößerung entsprechende Erhöhung des Hauptmietzinses.
2. Gegenstand dieses Verfahrens sind die – auf § 27 Abs 1 Z 5 MRG (1.) und § 16 MRG (2.) gestützten – Anträge der Antragstellerin auf 1. Rückzahlung der gemäß § 27 MRG zu viel bezahlten Mietzinsbeträge und 2. Feststellung, um welchen Betrag die Antragsgegnerin durch die Mietzinsvorschreibung das gesetzliche Zinsausmaß überschritten hat.
3.1. § 27 Abs 1 Z 5 MRG verbietet Vereinbarungen, in denen der Vermieter oder der frühere Mieter sich oder einem anderen gegen die guten Sitten Leistungen versprechen lässt, die mit dem Mietvertrag in keinem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Diese Verbotsnorm ist als Generalklausel zu den in Z 1 bis 4 des § 27 Abs 1 MRG erfassten Sonderfällen gesetzlich verpönter Vereinbarungen konzipiert. Ob eine Vereinbarung, in der sich der Vermieter eine mit dem Mietvertrag in keinem unmittelbaren Zusammenhang stehende Leistung versprechen lässt, im Sinn der genannten Verbotsnorm sittenwidrig ist, kann immer nur unter Bedachtnahme auf den mit dem Verbot bestimmter Vereinbarungen insgesamt verfolgten Zweck des § 27 MRG beurteilt werden (RS0079716). Es geht typischerweise etwa darum, dass der Vermieter die Zwangssituation des Mieters zu seinen Gunsten nutzt (vgl 5 Ob 44/19k [Zustimmung zum Mieterwechsel]).
3.2. Ob eine Vereinbarung im Sinn der Verbotsnorm des § 27 Abs 1 Z 5 MRG sittenwidrig ist, richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls. Eine solche Einzelfallentscheidung ist vom Obersten Gerichtshof nur dann überprüfbar, wenn im Interesse der Rechtssicherheit eine auffallende Fehlbeurteilung des Rekursgerichts korrigiert werden müsste (RS0044088; RS0042405).
3.3. Die Rechtsansicht der Vorinstanzen, die zwischen den Parteien getroffene Vereinbarung der Zahlung eines zusätzlichen Mietzinses für den Zubau, den die Antragstellerin mit Zustimmung der Antragsgegnerin auf eigenen Wunsch und auf eigene Kosten errichtet hat, stehe im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Mietvertrag und sei auch nicht sittenwidrig und daher nicht nach § 27 Abs 1 Z 5 MRG verboten, ist keine solche aufzugreifende Fehlbeurteilung (vgl etwa auch 5 Ob 213/15g [gesondertes Entgelt nach § 25 MRG für eine vom Mieter errichtete Terrasse]). Zwar hatte sich die Antragstellerin zu einer umfassenden Schad- und Klagloshaltung der Antragsgegnerin zu verpflichten und auf Ersatzansprüche zu verzichten. Aber weder ist hier von einer Zwangssituation des Mieters auszugehen, noch mangelt es an einer Gegenleistung der Antragsgegnerin. Nicht nur, dass sie die Inanspruchnahme ihrer Liegenschaft und deren bauliche Veränderung gestattete, es treffen sie auch in Bezug auf den Zubau die unabdingbaren Pflichten der Erhaltung nach § 3 MRG und des Investitionsersatzes nach § 10 MRG.
4.1. Den Antrag auf Überprüfung der Angemessenheit des Hauptmietzinses nach § 37 Abs 1 Z 8 MRG iVm § 16 MRG wiesen die Vorinstanzen wegen Verfristung der Anfechtung ab.
4.2. Nach § 16 Abs 8 MRG sind Mietzinsvereinbarungen insoweit unwirksam, als der vereinbarte Hauptmietzins den nach Abs 1 bis 7 zulässigen Höchstbetrag überschreitet. Die Unwirksamkeit ist binnen drei Jahren gerichtlich (bei der Gemeinde, § 39 MRG) geltend zu machen. Schon diesem Wortlaut des § 16 Abs 8 Satz 1 und 2 MRG nach sind nur bestimmte Einwendungen, nämlich Verstöße gegen die gesetzlichen Zinsbildungsvorschriften der Präklusion unterstellt. Die Präklusionsregelung verfolgt demnach nicht das Ziel, zivilrechtlich gänzlich unwirksame Vereinbarungen Wirksamkeit zu verleihen oder dem Grunde nach unberechtigte Mietzinsanhebungsbegehren zu sanieren (Lovrek/Stabentheiner in GeKo Wohnrecht I § 16 MRG Rz 99; Hausmann in Hausmann/Vonkilch, Wohnrecht³ § 16 MRG Rz 84a ff; 5 Ob 166/10p = RS0126754).
4.3. Für die Revisionsrekurswerberin ist mit dieser Beschränkung der inhaltlichen Reichweite der Präklusionsregelung des § 16 Abs 8 MRG aber nichts gewonnen. Gegenstand des Verfahrens nach § 37 Abs 1 Z 8 MRG ist die Frage, ob der vereinbarte oder begehrte Hauptmietzins den gesetzlichen Zinsbildungsvorschriften entspricht (RS0069523 [T7, T9, T11]). In diesem Sinn beantragte die Antragstellerin hier auch die Feststellung, in welchem Ausmaß der vorgeschriebene Mietzins das gesetzlich zulässige Zinsausmaß überschritten habe, und nicht die – dem streitigen Rechtsweg vorbehaltene – Feststellung der Rechtsunwirksamkeit der Mietzinsvereinbarung. Die von der Antragstellerin in ihrem Revisionsrekurs (und nach ihren Angaben auch in einem parallel geführten streitigen Verfahren) geltend gemachte zivilrechtliche Unwirksamkeit des Zustandekommens der Mietzinsvereinbarung ist im vorliegenden Verfahren nach § 37 Abs 1 Z 8 MRG allenfalls als Vorfrage zu prüfen (RS0069523; RS0070694; RS0070552). Die hier zu entscheidende Hauptfrage unterliegt daher der Präklusion nach § 16 Abs 8 MRG.
4.4. Die in § 16 Abs 8 MRG normierte Präklusivfrist für die Geltendmachung der Unwirksamkeit einer Mietzinsvereinbarung beginnt nach ständiger Rechtsprechung mit dem Abschluss der Vereinbarung zu laufen und nicht ab der ersten Mietzinszahlung oder ab Beginn des Mietverhältnisses (RS0112326). Dies gilt auch bei der Vereinbarung eines Staffelmietzinses, bei der im Zeitpunkt der Vereinbarung der zukünftige Mietzins schon der Höhe nach bestimmt festgelegt wird (5 Ob 182/06k). Wenn der Mietzins schon in der Vereinbarung der Höhe nach bestimmt festgelegt wird und nicht erst später festzulegen ist, hindert es den Beginn des Fristenlaufs auch nicht, wenn dieser Mietzins erst zu einem späteren Zeitpunkt zu leisten ist; mag dieser Zeitpunkt auch noch nicht datumsmäßig feststehen, sondern von einer bestimmten aufschiebenden Bedingung abhängig sein. Dies hat insbesondere dann zu gelten, wenn der Bedingungseintritt – wie hier im Falle der Vereinbarung der Fälligkeit mit der Bezugsfertigstellung des Zubaus – vom Willen des betroffenen Mieters abhängig ist.
4.5. Allein das Fehlen höchstgerichtlicher Rechtsprechung zu der hier zu beurteilenden Fallgestaltung begründet für sich noch nicht eine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG (RS0102181, RS0110702, RS0107773). Das gilt insbesondere dann, wenn – wie hier – die für vergleichbare Sachverhalte entwickelten Grundsätze der Rechtsprechung auf den konkreten Sachverhalt anwendbar sind (RS0107773 [T3]), der Streitfall daher bereits mit Hilfe vorhandener Leitlinien höchstgerichtlicher Rechtsprechung gelöst werden kann und gelöst wurde (RS0042656 [T48], RS0042742 [T13]; vgl auch RS0118640).
5. Der Revisionsrekurs war daher mangels Vorliegens einer erheblichen Rechtsfrage im Sinn des § 62 Abs 1 AußStrG zurückzuweisen. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht. |
JJT_20191219_OGH0002_0060OB00161_19Y0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127220 | 6Ob161/19y | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191219_OGH0002_0060OB00161_19Y0000_000/JJT_20191219_OGH0002_0060OB00161_19Y0000_000.html | 1,576,713,600,000 | 440 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Schramm als Vorsitzenden und durch die Hofräte Dr. Gitschthaler, Univ.-Prof. Dr. Kodek, Dr. Nowotny sowie die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei A*, vertreten durch Beck & Dörnhöfer & Partner Rechtsanwälte OG in Eisenstadt, gegen die beklagte Partei I* GmbH, *, wegen Wiederaufnahme des Verfahrens AZ 27 Cg 26/18v des Landesgerichts Eisenstadt (Streitwert 65.918,08 EUR sA), über den außerordentlichen Revisionsrekurs der klagenden Partei gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Wien vom 6. Juni 2019, GZ 3 R 30/19g-5, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird gemäß § 526 Abs 2 Satz 1 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 528 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1. Sinn und Zweck der Wiederaufnahmsklage nach § 530 Abs 1 Z 7 ZPO ist es, eine unrichtige Tatsachengrundlage des mit der Wiederaufnahmsklage angefochtenen Urteils zu beseitigen, nicht aber, Fehler der Partei bei Führung des Vorprozesses zu korrigieren (RS0039991). Daher hat die Partei, die eine prozessuale Diligenzpflicht trifft, den Mangel des Verschuldens zu beweisen (RS0044558 [T6]). Ein Verstoß gegen die prozessuale Diligenzpflicht kann auch darin bestehen, dass eine Partei nicht die ihr zumutbaren Erhebungen pflegt, um die zur Dartuung ihres Prozessstandpunkts erforderlichen Zeugen und Beweismittel auszuforschen (RS0109743 [T3]).
1.2. Ergibt sich das Verschulden des Wiederaufnahmsklägers bereits aus den – als richtig angenommenen – Tatsachenbehauptungen der Klage oder fehlt in der Klage jede Behauptung, dass die Geltendmachung des als Wiederaufnahmsgrund angeführten Beweismittels im Vorprozess ohne Verschulden unmöglich war, ist die Klage als unzulässig zurückzuweisen (RS0044558 [insb T13, T14]).
1.3. Ob im Einzelfall ein Vorbringen zur Darstellung eines Wiederaufnahmsgrundes ausreicht oder nicht (10 ObS 121/15i; 8 Ob 85/12a mwN), insbesondere, ob die Klageangaben geeignet sind, ein mangelndes Verschulden im Sinn des § 530 Abs 2 ZPO darzulegen, ist stets von den besonderen Umständen des Einzelfalls abhängig, sodass sich im Regelfall erhebliche Rechtsfragen im Sinn des § 528 Abs 1 ZPO nicht stellen (RS0111578 [T1]).
1.4. Nach § 530 Abs 1 Z 7 ZPO berechtigen zudem nur solche neuen Tatsachen und Beweismittel zur Wiederaufnahmsklage, deren Vorbringen und Benutzung im früheren Verfahren eine der Partei günstigere Entscheidung herbeigeführt haben würde.
2.1. In der Beurteilung des Rekursgerichts, dass die Klägerin nicht dargetan habe, aus welchen Gründen ihr jene Nachforschungen, die zur Auffindung einer näher bezeichneten E-Mail geführt hätten, nicht schon während des Vorprozesses zumutbar gewesen seien, liegt keine vom Obersten Gerichtshof aufzugreifende Fehlbeurteilung. Ob die Klägerin im Vorprozess mit der Beweisbedürftigkeit ihres Entgeltanspruchs hätte rechnen müssen oder nicht, berührt die – nicht mit Wiederaufnahmeklage, sondern bereits im Rechtsmittelverfahren des Hautprozesses – zu klärende Frage der Erörterungspflichten im Vorprozess.
2.2. Auf die weitere Beurteilung des Rekursgerichts, der Zeuge Dr. C* hätte schon nach dem Vorbringen in der Wiederaufnahmsklage keine Angaben zum behaupteten Entgeltanspruch der Klägerin machen können, geht der Revisionsrekurs nicht ein.
2.3. Damit wird insgesamt keine erhebliche Rechtsfrage im Sinn des § 528 Abs 1 ZPO dargetan. |
JJT_20191127_OGH0002_0060OB00165_19M0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127221 | 6Ob165/19m | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00165_19M0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0060OB00165_19M0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 2,142 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Schramm als Vorsitzenden sowie die Hofräte Dr. Gitschthaler, Univ.-Prof. Dr. Kodek, Dr. Nowotny und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei A*, vertreten durch Dr. Andreas Waldhof, Rechtsanwalt in Wien, gegen die beklagte Partei Dr. V*, vertreten durch Mag. Diana Anna Ryszewska, Rechtsanwältin in Wien, wegen 70.000 EUR sA, über die Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 23. Juli 2019, GZ 11 R 111/19b-18, womit das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien vom 27. Mai 2019, GZ 21 Cg 62/18v-14, abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Der Revision wird Folge gegeben.
Das angefochtene Urteil wird dahin abgeändert, dass die Entscheidung des Erstgerichts wiederhergestellt wird.
Der Beklagte ist schuldig, dem Kläger binnen 14 Tagen die mit 3.177,52 EUR (darin 529,57 EUR USt) bestimmten Kosten des Berufungsverfahrens sowie die mit 5.149,70 EUR (darin 381,45 EUR USt und 2.861 EUR Barauslagen) bestimmten Kosten des Revisionsverfahrens zu ersetzen.
Text
Entscheidungsgründe:
Der Kläger brachte vor, er habe dem Beklagten Darlehen in Gesamthöhe von 440.000 USD gewährt, wobei eine Verzinsung in Höhe von 1 % pro Monat vereinbart worden sei. Der Beklagte habe Rückzahlungen in Gesamthöhe von 382.500 USD geleistet, wovon 142.500 USD auf Zinsen entfallen seien. Darüber hinaus habe der Kläger vom Beklagten einen Pkw erhalten, der einvernehmlich in Höhe von 84.700 USD auf das Darlehen angerechnet worden sei. Anfang 2003 habe der Beklagte anerkannt, dass Kapital in Höhe von 115.300 USD aushafte, und versprochen, diese Summe bis Ende 2003 zu bezahlen. Diese Zusage habe der Beklagte nicht eingehalten. Gestützt auf dieses Vorbringen begehrt der Kläger 70.000 EUR samt 12 % Zinsen seit 15. 9. 2015.
Der Beklagte beantragte die Abweisung des Klagebegehrens. Er bestritt die Klagsforderung dem Grunde und der Höhe nach und wandte die mangelnde Passivlegitimation ein. Das Darlehen sei mittlerweile zur Gänze zurückgezahlt worden. Der Höhe nach sei die Klagsforderung unschlüssig.
Das Erstgericht gab dem Klagebegehren statt.
Dabei ging es im Wesentlichen von folgendem Sachverhalt aus:
Sowohl der Kläger als auch der Beklagte stammen aus Russland. Der Beklagte lebt mit seiner Familie seit 1991 in Österreich, der Kläger mit seiner Familie etwa seit 1993. Der Beklagte hat eine unbefristete Daueraufenthaltsgenehmigung in Österreich, ist aber russischer Staatsbürger, der Kläger hat seit etwa einem Jahr die österreichische Staatsbürgerschaft. Beide leben hauptsächlich in Österreich, halten sich aber auch regelmäßig in Russland auf. Für die Aufrechterhaltung der Daueraufenthaltsgenehmigung muss der Beklagte mehr als die Hälfte der Zeit im Jahr in Österreich verbringen.
Die Streitteile lernten einander etwa 1997 in einem Kaufhaus in Wien kennen. Sie und auch ihre Familien hatten danach ein freundschaftliches Verhältnis und besuchten einander.
Etwa im Jahr 1998 oder 1999 führten die Parteien in Wien ein Gespräch und der Beklagte fragte den Kläger, ob ihm dieser ein Darlehen gewähren könne, was der Kläger bejahte, da er „freies Geld“ hatte. Der Beklagte bot dem Kläger an, dass er ihm 1 % Zinsen pro Monat zahlen könnte, was für den Kläger günstig war. Der Kläger hatte 350.000 USDr zur Verfügung. Der Beklagte sagte ihm, dass es ein Privatdarlehen sei und dass er auch privat dafür bürgen würde, der Kläger sollte dennoch das Geld auf das Firmenkonto der in Österreich ansässigen A* GmbH einzahlen, bei der der Beklagte Geschäftsführer, und mit seiner Frau gemeinsam je zur Hälfte Eigentümer war. Der Beklagte war damals auch Geschäftsführer der R*, einer Gesellschaft russischen Rechts mit Sitz in Moskau, welche damals einen Handel mit KFZ betrieb. Auch diese Gesellschaft gehörte je zur Hälfte dem Beklagten und seiner Frau. Diese Gesellschaft wurde im Jahr 2006 liquidiert.
Da die beiden Parteien einander vertrauten, wurde kein schriftlicher Darlehensvertrag abgeschlossen. Der Kläger überwies 350.000 USD von dem Konto einer Offshore Company, welche ihm gehörte, auf das österreichische Konto der A* GmbH. Kurze Zeit darauf, hatte der Kläger noch weitere 90.000 USD zur Verfügung. Die Parteien vereinbarten, dass das Darlehen um diesen Betrag erhöht wird. Es kann nicht mehr festgestellt werden, ob der Kläger dem Beklagten diesen Betrag in bar übergab oder ob er ihn ebenfalls an die A* GmbH überwies. Auch diesbezüglich wurde kein schriftlicher Darlehensvertrag geschlossen. Es war jedenfalls nicht so, dass die Parteien ursprünglich ein zinsenloses Darlehen vereinbart hätten und erst im Rahmen der zweiten Darlehenszuzählung für den gesamten Betrag eine Zinsenpauschale von 25.000 USD vereinbart worden wäre.
Die Parteien vereinbarten vielmehr von Anfang an, dass monatliche Zinsenzahlungen stattfinden sollten. Der Kläger erhielt vom Beklagten auch tatsächlich 25 Zahlungen in Höhe von 4.500 USD und danach vier Zahlungen in Höhe von 3.750 USD. Diese Teilbeträge wurden etwa einmal im Monat jedoch nicht ganz regelmäßig dem Kläger immer in bar übergeben, dies zum Teil in Wien und zum Teil auch in Moskau. Über diese regelmäßigen Zahlungen existieren keine Zahlungsbelege/Auszahlungsbestätigungen mehr, es kann nicht festgestellt werden, ob damals überhaupt solche ausgestellt wurden.
Darüber hinaus leistete der Beklagte auch größere Darlehensrückzahlungen in folgender Höhe und folgender Reihenfolge (Wert jeweils in USD): 20.000, 50.000, 40.000, 50.000, 30.000, 20.000, 30.000.
Wahrscheinlich erhielt der Kläger in den Monaten, in welchen er größere Zahlungen erhielt, nicht die laufenden kleineren Beträge, dies lässt sich jedoch nicht mehr genau feststellen.
Der erste Betrag von 50.000 USD wurde nicht in Form von Geld zurückgezahlt, sondern der Kläger bekam in Moskau ein Auto (Opel) vom Beklagten und sie setzten einvernehmlich den Wert mit 50.000 USD fest. Dieser Betrag sollte im Sinn einer Rückzahlung vom Darlehen abgezogen werden.
Der zweite Betrag von 50.000 USD wurde am 24. 5. 2000 auf Wunsch des Klägers vom Beklagten über das österreichische Konto der A* GmbH auf ein österreichisches Dollar-Konto der R* GmbH mit Sitz in Wien überwiesen, welche dem Kläger gehörte. Auch die restlichen Zahlungen dieser größeren Beträge erfolgten durch Überweisungen, es kann nicht mehr genau festgestellt werden, wann, von welchem Konto und auf welches Konto die restlichen großen Zahlungen jeweils erfolgten.
Etwa im Jahr 2002 erhielt der Kläger vom Beklagten noch ein weiteres Fahrzeug, nämlich einen Mercedes S 500, wobei sie sich auf einen Wert von 84.700 USD einigten und dieser Betrag im Sinne einer Rückzahlung vom Darlehen abgezogen werden sollte. Dieses Fahrzeug erhielt der Kläger in Moskau, weil der Beklagte zum damaligen Zeitpunkt in Moskau die Vertretung für Mercedes inne hatte.
Nach einiger Zeit hörte der Beklagte auf, dem Kläger die monatlichen Zinsen zu zahlen, möglicherweise hatte er finanzielle Schwierigkeiten. Die Parteien trafen einander daraufhin Anfang 2003 in Moskau und der Beklagte machte eine handschriftliche Aufstellung in welcher in der linken Spalte unter der Überschrift: „AA“ (für den Namen des Klägers) die beiden Darlehensbeträge von 350.000 USD und 90.000 USD aufgelistet waren. Der Beklagte unterschrieb, dass er die Gesamtsumme von 440.000 USD erhalten hatte. In der rechten Spalte unter der Überschrift der beiden russischen Buchstaben für: „VB“ (für den Namen des Beklagten) listete der Beklagte die Zahlungen auf, die er bereits geleistet hatte, wobei zuerst drei große Zahlungen in Höhe von 20.000, 50.000 und 40.000 USD aufscheinen. Zieht man von den 440.000 USD diese drei Teilbeträge ab, ergibt sich ein Restbetrag von 330.000 USD. 1 % von 440.000 USD sind 4.400 USD, 1 % von 330.000 USD sind 3.300 USD. Tatsächlich wurde unter diesen drei großen Beträgen vermerkt: „25 × 4.500 = 127.500“ und darunter: „4 x 3.750 = 15.000“.
Unterhalb dieser kleineren Zahlungen wurden vier weitere große Zahlungen in Höhe von 50.000, 30.000, 20.000 und 30.000 USD und darunter eine Zwischensumme von 382.500 USD vermerkt. Darunter wurde noch der Betrag von 84.700 USD für das zweite KFZ angeführt, was eine Gesamtsumme von 467.200 USD ergab.
Dabei unterlief den Parteien ein Rechenfehler, da 25 × 4.500 richtigerweise 112.500 USD und nicht wie vermerkt 127.500 sind. Da darunter eben vermerkt ist: 4 x 3.750 = 15.000 und die Beträge von 112.500 USD und 15.000 USD zusammen genau 127.500 USD ergeben, wurde der Betrag von 15.000 USD möglicherweise doppelt verrechnet, sodass die Summe am Ende der Rechnung rechnerisch statt 467.200 USD richtig 452.200 USD betragen müsste.
Jedenfalls wurde vermerkt, dass der Kläger inklusive der Anrechnung der beiden KFZ einen Betrag von insgesamt 467.200 USD erhalten habe, was er auch mit seiner Unterschrift bestätigte.
Die größeren Zahlungen (inklusive der jeweiligen Anrechnungen für die zwei KFZ) ergaben insgesamt eine Summe von 324.700 USD, welche der Beklagte bereits an Kapital zurückgezahlt hatte. Zieht man diesen Betrag von den Gesamtdarlehen in Höhe von 440.000 USD ab, verbleibt ein Restbetrag von 115.300 USD.
Der Beklagte bestätigte mit einem weiteren handschriftlichen Schreiben dass er, B*, bis Ende 2003 dem Kläger, A*, 115.000 USD zurückzahlen werde und unterschrieb dies eigenhändig. Diese Beilage wurde nicht schon lange vor der detaillierten Abrechnung erstellt.
War der Kläger in Moskau, konnte er sein Auto beim Beklagten in die Werkstätte geben und erhielt gratis ein Service oder auch eine Reparatur. Es war jedoch nicht vereinbart, dass diese Leistungen als Ersatz für Zinszahlungen zu werten wären.
Der Beklagte zahlte dem Kläger nach der Erstellung der beiden Urkunden keine weiteren Beträge mehr zurück. Der Beklagte war von Ende 2003 bis Mai 2004 in Russland im Gefängnis. Im Rahmen einer wirtschaftlichen Attacke musste er 2006 noch einmal vier Jahre in Russland in ein Gefängnis und verlor dabei sein gesamtes Vermögen. Während dieser Zeit musste seine Familie in Wien auch die Wohnung verkaufen und übersiedeln. Der Kläger wusste von den Problemen des Beklagten und versuchte daher über mehrere Jahre auch gar nicht, die restliche Zahlung vom Beklagten zurückzubekommen.
Anfang 2017 sah der Kläger einen Artikel in einer Zeitung über den Beklagten, wonach dieser in Österreich tätig sei und sich finanziell wieder erfangen hätte. Der Kläger richtete daraufhin über seinen Anwalt am 7. 3. 2017 ein Schreiben an den Beklagten und machte darin den restlichen Darlehensbetrag von 115.000 USD geltend, welchen er „mit Wechselkurs vom selben Tag“ in 108.613,48 EUR umrechnete. Weiters wies er auf die 4 % Verzugszinsen laut ABGB und die 3-jährige Verjährungsfrist von Zinsforderungen hin. Er machte daher 12 % kapitalisierte Verzugszinsen geltend, welche er mit 13.033,62 EUR bezifferte.
Laut Homepage der österreichischen Nationalbank (www.oenb.at) war der Fremdwährungs-Referenzkurs des US-Dollars zum Euro per 7. 3. 2017 (Anspruchsschreiben) 1,0576, per 14. 9. 2018 (Klagseinbringung) 1,1689 und per 14. 2. 2019 (Schluss der mündlichen Verhandlung) 1,1268.
Rechtlich würdigte das Erstgericht diesen Sachverhalt dahingehend, dass die Klagsforderung berechtigt sei.
Das Berufungsgericht änderte dieses Urteil im klagsabweisenden Sinn ab. Nach Verwerfung einer Beweis- und Mängelrüge beurteilte es in rechtlicher Sicht das Klagsvorbringen als unschlüssig, weil nicht nachvollziehbar sei, wie sich der vom Kläger geltend gemachte Saldo von (umgerechnet) 70.000 EUR berechne. Den Behauptungen des Klägers lasse sich nicht einmal entnehmen, zu welchen konkreten Zeitpunkten er dem Beklagten Darlehen in Gesamthöhe von 440.000 USD gewährt habe. Der Kläger bringe auch nicht vor, zu welchen konkreten Terminen die von ihm selbst zugestandenen Tilgungen in Gesamthöhe von 467.200 USD erfolgt seien. Aufgrund dieser vagen Ausführungen könne nicht ausgerechnet werden, wann genau und in welchem präzisen Ausmaß sich die Zinsen- und/oder Kapitalforderung des Klägers durch die Leistungen des Beklagten sukzessive reduziert habe. Angesichts dieser Unschlüssigkeit seien die vom Erstgericht getroffenen Feststellungen zu den Zeitpunkten der Darlehensgewährung und der Rückzahlungen überschießend und müssten bei der rechtlichen Beurteilung unberücksichtigt bleiben.
Hierzu hat der Oberste Gerichtshof erwogen:
Rechtliche Beurteilung
Die Revision ist aus Gründen der Rechtssicherheit zulässig; sie ist auch berechtigt.
1. Nach ständiger Rechtsprechung darf das Gericht die bei seiner Beweisaufnahme hervorkommenden Umstände nur insoweit berücksichtigen, als sie im Parteivorbringen Deckung finden. Solche sogenannten „überschießenden“ Feststellungen dürfen nur dann berücksichtigt werden, wenn sie sich im Rahmen des geltend gemachten Klagsgrundes oder der erhobenen Einwendungen halten (RS0040318). Ob sogenannte „überschießende Feststellungen“ in den Rahmen des geltend gemachten Rechtsgrundes oder der Einwendungen fallen und daher zu berücksichtigen sind, ist regelmäßig eine Frage des Einzelfalls (3 Ob 73/01h), soweit keine krasse Fehlbeurteilung durch die zweite Instanz vorliegt (8 Ob 48/06a).
2. In diesem Sinne hat der erkennende Senat etwa ausgesprochen, es sei nicht zulässig, vom Vorbringen einer Klägerin, wonach die Parteien einen Kaufpreis von 300.000 EUR vereinbart hätten, ohne dabei ausdrücklich auf eine mündliche Vereinbarung zu rekurrieren, darauf zu schließen, dass sich die Klägerin ausdrücklich und ausschließlich auf schriftliche Vereinbarungen gestützt habe (6 Ob 126/16x).
3.1. Die Anforderungen an das Klagsvorbringen dürfen nicht überspannt werden, verlangt doch § 226 Abs 1 ZPO nur, dass die Tatsachen, auf welche sich der Anspruch des Klägers gründet, „im Einzelnen kurz und vollständig“ angegeben werden.
3.2. Die an das Vorbringen zu stellenden Anforderungen dürfen daher nicht zu hoch angesetzt werden; diesbezüglich ist vielmehr kein allzu engherziger Maßstab anzulegen, will man nicht die Anforderungen an das Tatsachenvorbringen unangemessen überziehen (vgl zu Verkehrsunfällen RS0122871).
4.1. Im vorliegenden Fall hat der Kläger Vorbringen zur Gesamthöhe des Darlehens sowie zur monatlichen Verzinsung und zu den geleisteten Rückzahlungen erstattet. Zu dem hat er sich auf ein im Jahr 2003 abgegebenes schriftliches Anerkenntnis über 115.300 USD gestützt, wobei er ohnedies nur 70.000 EUR samt 12 % Zinsen seit 15. 9. 2015 begehrt. Das Erstgericht hat im Rahmen seiner, vom Berufungsgericht unbeanstandet übernommenen Feststellungen detaillierte Feststellungen zu den zwischen den Parteien getroffenen Vereinbarungen und der Höhe der jeweils geleisteten Rückzahlungen getroffen. Bei dieser Sachlage ist aber zwingend davon auszugehen, dass die getroffenen Feststellungen in den Rahmen des geltend gemachten Klagsgrundes (vgl RS0040318) fallen. Hier strengere Anforderungen aufzustellen, würde den besonderen Umständen des Einzelfalls, nämlich einem zwischen Freunden gewährten Privatdarlehen, nicht angemessen Rechnung tragen.
4.2. Ob es sich bei dem vom Beklagten abgegebenen Anerkenntnis um ein konstitutives oder deklaratives Anerkenntnis handelt, kann dahingestellt bleiben, weil der Klagsforderung nach den Feststellungen der Vorinstanzen jedenfalls Berechtigung zukommt.
5. Damit war in Stattgebung der Revision das angefochtene Urteil abzuändern und die zutreffende Entscheidung des Erstgerichts wiederherzustellen.
6. Aufgrund der Abänderung des angefochtenen Urteils war auch die Entscheidung über die Kosten des Berufungsverfahrens neu zu fassen. Diese sowie die Entscheidung über die Kosten des Revisionsverfahrens gründet sich auf §§ 41, 50 ZPO. |
JJT_20200122_OGH0002_0070OB00214_19Z0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127223 | 7Ob214/19z | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20200122_OGH0002_0070OB00214_19Z0000_000/JJT_20200122_OGH0002_0070OB00214_19Z0000_000.html | 1,579,651,200,000 | 316 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Rechtssache der gefährdeten Partei Minderjähriger L* G*, geboren am * 2011, *, vertreten durch das Land Niederösterreich, Bezirkshauptmannschaft Gmünd, Fachgebiet Rechtsvertretung Minderjähriger, 3950 Gmünd, Schremser Straße 8, gegen die Gegnerin der gefährdeten Partei M* G*, vertreten durch Dr. Oswin Hochstöger, Rechtsanwalt in Gmünd, wegen Verlängerung einer einstweiligen Verfügung gemäß § 382e EO, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Gegnerin der gefährdeten Partei gegen den Beschluss des Landesgerichts Krems an der Donau als Rekursgericht vom 27. November 2019, GZ 2 R 132/19b-68, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird gemäß § 78 EO, § 402 Abs 4 EO iVm § 526 Abs 2 Satz 1 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 528 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Ob die Voraussetzungen für die Erlassung der einstweiligen Verfügung zur Zeit ihrer Erlassung vorlagen, ist im Verlängerungsverfahren nicht mehr zu prüfen (RS0005534 [insbesondere T5]). Nur wenn sich aus der Aktenlage ergäbe, dass die Voraussetzungen der Anspruchsbescheinigung und der Gefährdungsbescheinigung nicht mehr vorliegen, wäre der Antrag auf Verlängerung abzuweisen (RS0005613).
2. § 382e Abs 2 EO sieht eine Verlängerung der Geltungsfrist der einstweiligen Verfügung nach Zuwiderhandlung durch den Gegner der gefährdeten Partei für längstens ein Jahr vor (7 Ob 20/19w mwN).
3. Die Gegnerin der gefährdeten Partei hat nach dem als bescheinigt angenommenen Sachverhalt mehrmals gegen das Kontaktverbot verstoßen. Die gefährdete Partei hat damit zweifelsfrei dargetan, dass die Gefahrenlage, der das Kontaktverbot begegnen soll, weiter besteht.
4. Die Kontaktrechtsausübung der Gegnerin der gefährdeten Partei ist ausdrücklich von der einstweiligen Verfügung ausgenommen. Die Frage des Umfangs einer dem Kindeswohl entsprechenden Kontaktausübung und damit auch jene einer Ausdehnung der Kontaktmöglichkeiten sind im Kontaktrechtsverfahren zu prüfen.
5. Die Entscheidung des Rekursgerichts steht im Einklang mit den zu § 382e EO entwickelten Judikaturgrundsätzen. Die Gegnerin der gefährdeten Partei zeigt keine erhebliche Rechtsfrage auf. Der Revisionsrekurs ist daher nicht zulässig und somit zurückzuweisen. Einer weitergehenderen Begründung bedarf dieser Beschluss nicht (§ 528a iVm § 510 Abs 3 ZPO). |
JJT_20191216_OGH0002_0080OB00117_19T0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127226 | 8Ob117/19t | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0080OB00117_19T0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0080OB00117_19T0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 524 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Hon.-Prof. Dr. Kuras als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Tarmann-Prentner und Mag. Korn, den Hofrat Dr. Stefula und die Hofrätin Mag. Wessely-Kristöfel als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei A* M*, vertreten durch Dr. Margit Berger-Schoeller, Rechtsanwältin in Wien, gegen die beklagte Partei N* K*, vertreten durch KWR Karasek Wietrzyk Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen Aufkündigung, über die außerordentliche Revision der beklagten Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 14. August 2019, GZ 39 R 71/19h-30, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen (§ 510 Abs 3 ZPO).
Text
Begründung:
Spätestens Anfang Juli 2018 wurde ein Befall mit Küchenschaben in der aufgekündigten Wohnung sichtbar. Der Beklagte fuhr Ende Juli für vier Tage nach Tirol und meldete erst nach seiner Rückkehr am Freitag, dem 3. 8. 2018, den Schabenbefall der Hausverwaltung. Das von derselben beauftragte Schädlingsbekämpfungsunternehmen fand am Dienstag, dem 7. 8. 2018, die aufgekündigte Wohnung mit Schaben übersät vor. Die Schaben fanden sich sowohl in Kleidern, Lebensmitteln und Kochutensilien als auch den Betten. Bei der Erstbehandlung konnten zwei bis drei kg tote Schaben eingesammelt werden. Es konnte nicht festgestellt werden, dass die Wohnung vom Beklagten bzw seinen Mitbewohnern nicht ausreichend gereinigt (und dadurch der Befall hervorgerufen worden) war. Der Beklagte behauptete im Verfahren nicht, wenngleich erfolglos Schritte gegen die Plage unternommen zu haben.
Das Berufungsgericht erklärte die mit Beschluss vom 18. 8. 2018 bewilligte gerichtliche Aufkündigung für rechtswirksam. Der Beklagte habe den Kündigungsgrund des erheblich nachteiligen Gebrauchs im Sinne des § 30 Abs 2 Z 3 1. Fall MRG verwirklicht. Dass er erst vier Wochen nach der Erkennbarkeit des Befalls die Hausverwaltung verständigt und im Verfahren nicht einmal behauptet habe, an Stelle einer früheren Verständigung selbst Maßnahmen wie das Aufstellen von im Handel erhältlichen Schabenfallen versucht zu haben, zeige seine Ignoranz gegenüber den Interessen des Vermieters und der anderen Mitbewohner und mache ihn vertrauensunwürdig.
Rechtliche Beurteilung
Die Beurteilung des Berufungsgerichts bewegt sich im Rahmen der Grundsätze der Rechtsprechung zum geltend gemachten Kündigungsgrund. Ein erheblich nachteiliger Gebrauch des Mietgegenstands im Sinne des § 30 Abs 2 Z 3 1. Fall MRG liegt vor, wenn durch eine wiederholte, längerwährende vertragswidrige Benützung eines Bestandobjekts oder durch eine längere Reihe von Unterlassungen notwendiger Vorkehrungen wichtige Interessen des Vermieters verletzt werden oder eine erhebliche Verletzung der Substanz des Mietgegenstands erfolgte oder auch nur droht (RIS-Justiz RS0067832; jüngst 7 Ob 111/19b). Eine Verwahrlosung eines Bestandobjekts in Verbindung mit Ungezieferbefall oder auch bloßer Ungeziefergefahr stellt nach der Rechtsprechung einen nachteiligen Gebrauch dar (8 Ob 86/08t mwN). Zumal für den Kündigungstatbestand eine längere Reihe von Unterlassungen notwendiger Vorkehrungen ausreicht, kann er unter Umständen bereits erfüllt sein, wenn bei einem – wenngleich unverschuldeten – Auftreten von Ungeziefer über lange Zeit weder eigene Abhilfemaßnahmen gesetzt werden noch der Hausverwaltung oder dem Vermieter über die Plage Meldung erstattet und damit ein weiteres Ausbreiten des Ungeziefers ermöglicht wird. Dies gilt jedenfalls dann, wenn das Ungeziefer in einer solchen Fülle auftritt, dass mit einem Verschwinden des Problems oder zumindest mit seiner Nichtausbreitung ohne Gegenmaßnahmen nicht mehr gerechnet werden kann. Davon ist im hier vorliegenden Fall, in dem bei der bereits vier Tage nach der Meldung des Ungeziefers erfolgten ersten Schädlingsbekämpfung zwei bis drei kg tote Schaben eingesammelt werden konnten, auszugehen. |
JJT_20191217_OGH0002_0030OB00160_19D0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127239 | 3Ob160/19d | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00160_19D0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00160_19D0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 3,436 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Dr. Roch als Vorsitzenden sowie die Hofräte Priv.-Doz. Dr. Rassi und Mag. Painsi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Pflegschaftssache der Minderjährigen I* F*, geboren am * 2006, wohnhaft bei der Mutter A* F*, und vertreten durch die Bezirkshauptmannschaft Linz-Land als Kinder- und Jugendhilfeträger, Linz, Kärntnerstraße 16, Vater und Unterhaltsschuldner S* R*, vertreten durch Anwaltssocietät Sattlegger, Dorninger, Steiner & Partner OG in Linz, wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs des Kindes gegen den Beschluss des Landesgerichts Linz als Rekursgericht vom 28. Mai 2019, GZ 15 R 194/19h-23, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Traun vom 18. April 2019, GZ 27 PU 65/09k-17, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird teilweise Folge gegeben.
Die Beschlüsse der Vorinstanzen werden dahin abgeändert, dass die monatliche Unterhaltsverpflichtung des Vaters S* R* für seine Tochter I* F* ab 1. März 2019 mit 540 EUR festgesetzt und das weitere Herabsetzungsbegehren des Vaters auf monatlich 503 EUR abgewiesen wird.
Text
Begründung:
Die Minderjährige lebt im Haushalt ihrer Mutter. Aufgrund einer Unterhaltsvereinbarung vor der Bezirkshauptmannschaft Linz-Land vom 10. Jänner 2019 ist der Vater zu einer monatlichen Unterhaltsleistung von 570 EUR für seine Tochter verpflichtet. Dieser Unterhaltsbemessung lag eine weitere Sorgepflicht für ein Kind unter zehn Jahren zugrunde. Der Vater bezieht (ohne Familienbonus Plus) ein monatliches Durchschnittseinkommen von 3.013 EUR netto.
Der Vater beantragt die Herabsetzung seiner Unterhaltsverpflichtung ab 1. März 2019 auf 503 EUR und brachte vor, dass sein Sohn nunmehr das zehnte Lebensjahr vollendet habe, weshalb I* nur noch Anspruch auf 18 % seines Nettoeinkommens habe (anstatt 19 %). Daraus ergebe sich ein Unterhaltsbetrag von 542 EUR, abzüglich der Familienbeihilfenanrechnung sei er nur zu 503 EUR verpflichtet.
Die Minderjährige stimmte einer Herabsetzung auf zuletzt 565 EUR zu und wandte hinsichtlich des Mehrbegehrens ein, dass sich die Unterhaltsbemessungsgrundlage um den vollen Familienbonus Plus erhöhe. Der Vater sei auf den Bezug anzuspannen.
Das Erstgericht reduzierte den Unterhaltsanspruch der Minderjährigen antragsgemäß. Der Familienbonus Plus sei bei der Unterhaltsbemessung nicht zu berücksichtigen, weil dieser vom Vater nicht bezogen werde. Es reduzierte den nach der Prozentwertmethode ermittelten Unterhalt im Sinne der bisherigen Rechtsprechung zur Anrechung der Familienbeihilfe.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs der Minderjährigen nicht Folge. Nach Ansicht des Rekursgerichts komme eine Anspannung auf den Bezug des Familienbonus Plus nicht in Betracht. Das Rekursgericht ließ den ordentlichen Revisionsrekurs mit der Begründung zu, dass es zur Berücksichtigung des Familienbonus Plus noch keine höchstgerichtliche Rechtsprechung gebe.
Mit ihrem dagegen erhobenen Revisionsrekurs strebt die Minderjährige eine Abänderung dahin an, dass die Unterhaltsverpflichtung mit 565 EUR festgesetzt wird. Der Oberste Gerichtshof habe die Anspannung auf den Bezug des Familienbonus Plus bereits bejaht.
Der Vater beantragt, dem Revisionsrekurs nicht Folge zu geben.
Der Revisionsrekurs ist aus dem vom Rekursgericht genannten Grund zulässig. Das Rechtsmittel ist auch teilweise berechtigt.
Der Oberste Gerichtshof hat dazu erwogen:
Rechtliche Beurteilung
1. Der Revisionsrekurs betrifft die Frage, wie sich der – durch das Jahressteuergesetz 2018, BGBl I 2018/62, neu eingeführte und erstmals für das Kalenderjahr 2019 zustehende – „Familienbonus Plus“ auf die Bemessung des Kindesunterhalts auswirkt und ob die bisher in der Judikatur des Obersten Gerichtshofs gebräuchliche formelhafte Berechnungsmethode zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen durch die Anrechnung von Transferleistungen dadurch eine Änderung erfährt.
1.1 Beim Familienbonus Plus handelt es sich – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag (§ 33 Abs 3a EStG). Der Familienbonus Plus ist als erster Absetzbetrag von der sich aufgrund des Einkommensteuertarifs errechneten Steuer abzuziehen, ein Steuerbetrag unter null (sogenannte Negativsteuer) kann dadurch aber nicht zustande kommen (RV 190 BlgNR 26. GP 8; Peyerl, Der steuerliche Familienbonus Plus in der Unterhaltsbemessung, iFamZ 2018, 193). Der Familienbonus Plus ersetzt den Kinderfreibetrag nach § 106a EStG aF sowie die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten (vgl 5 Ob 92/19v). Der Familienbonus Plus beträgt, sofern er voll ausschöpfbar ist, bis zum Ablauf des Monats, in dem das Kind das 18. Lebensjahr vollendet hat, für jeden Kalendermonat 125 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit a EStG), ab diesem Zeitpunkt für jeden Kalendermonat 41,68 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit b EStG). Voraussetzung für den Bezug des Familienbonus Plus ist der Bezug der Familienbeihilfe für das Kind nach dem FLAG 1967. Er kann von jedem Elternteil beantragt oder zwischen ihnen auch aufgeteilt werden. Im Regelfall ist davon auszugehen, dass der Familienbonus Plus den Eltern jeweils zur Hälfte zusteht (§ 33 Abs 3a Z 3 lit c EStG). § 33 Abs 3a Z 3 lit b EStG betrifft Kinder, für die ein Unterhaltsabsetzbetrag zusteht, also solche, für die vom nicht im selben Haushalt mit dem Kind lebenden Elternteil Unterhaltsleistungen erbracht werden. In diesem Fall ist der Familienbonus Plus mit dem Unterhaltsabsetzbetrag verknüpft, für den nach § 33 Abs 4 Z 3 EStG zusätzlich vorausgesetzt ist, dass der Steuerpflichtige für dieses Kind den gesetzlichen Unterhalt tatsächlich leistet. Für einen Monat, für den kein Unterhaltsabsetzbetrag zusteht, steht dem Unterhaltsschuldner daher auch kein Familienbonus Plus zu. Der Familienbonus Plus kann entweder im Nachhinein im Rahmen der Arbeitnehmerveranlagung oder bereits im Rahmen der monatlichen Lohnverrechnung durch Antrag beim Dienstgeber geltend gemacht werden (4 Ob 139/19y; siehe dazu auch Bräumann, Umfassende Reformen der steuerlichen Familienförderung, iFamZ 2018, 186 [188]; Tews, Familienbonus Plus – Ende der Familienbeihilfen-Anrechnung? EF-Z 2019/3, 8).
1.2 Zur Zweckbestimmung des Familienbonus Plus wird in den Gesetzesmaterialien (RV 190 BlgNR 26. GP 1) Folgendes ausgeführt:
„In einer alternden Gesellschaft ist die Entscheidung für Kinder und deren Erziehung eine zunehmend wichtige Leistung, die für die Gesellschaft erbracht wird. Gerade jene Eltern, die neben der Erziehung ihrer Kinder gleichzeitig berufstätig sind, sind durch die derzeitige Besteuerung im Vergleich zu Kinderlosen besonders stark belastet. Entgegen der bisherigen Förderungslogik soll nicht eine neue staatliche Geldleistung ausgezahlt werden, sondern eine substanzielle Steuerentlastung erfolgen. […] Das österreichische Einkommensteuersystem ist vom Grundsatz der Leistungsfähigkeit geprägt. Das subjektive Nettoprinzip verlangt die Berücksichtigung zwangsläufiger privater Ausgaben, weil diese die steuerliche Leistungsfähigkeit vermindern; der Familienbonus Plus dient der Berücksichtigung dieses Prinzips, weil er dem Umstand Rechnung trägt, dass erwerbstätige Steuerpflichtige, die Kinder haben, weniger leistungsfähig sind als Kinderlose mit gleichem Einkommen. Dabei stellt der Familienbonus Plus weder einen Beitrag des Staates zum Unterhalt der Kinder dar, noch deckt er die Kinderlasten ab, die von den Eltern weiterhin zur Gänze übernommen werden. Der Steuerabzug bewirkt aber, dass sie diese Lasten zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf lastende Steuer dazu verdienen müssen. Der Beitrag des Staates zum Unterhalt bzw zu den Lebenshaltungskosten der Kinder erfolgt über die Familienbeihilfe und Sachleistungen.“
Die Einführung des Familienbonus Plus ist somit eine (weitere) gesetzliche Maßnahme zur steuerlichen Entlastung der Unterhaltsleistungen. Der Steuerabzug soll zu einer „substanziellen Steuerentlastung“ führen und bewirken, dass die Eltern die Unterhaltslasten „zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf lastende Steuer dazuverdienen müssen“.
2. Ausgangspunkt für die Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen und die damit verbundene Kürzung des Geldunterhalts durch die Anrechnung von Transferleistungen (RS0117015; RS0117023; RS0117084) war die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs.
2.1 Mit Erkenntnis vom 27. Juni 2001, B 1285/00, VfSlg 16.226, hat der Verfassungsgerichtshof die Beschwerde eines Beschwerdeführers gegen die Regelungen über die Nichtabzugsfähigkeit von Unterhaltsleistungen an Kinder bei getrennter Haushaltsführung abgewiesen. Er hat jedoch darauf hingewiesen, dass (zumindest) die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerlich berücksichtigt werden müsse: Der Geldunterhaltspflichtige müsse einerseits durch Kürzung seiner Unterhaltspflicht (in Form einer teilweisen Anrechnung der Transferleistungen) und andererseits durch die Gewährung des Unterhaltsabsetzbetrags insgesamt jene Entlastung erfahren, die erforderlich sei, um die Steuermehrbelastung abzugelten, die im jeweiligen Fall durch die Nichtabzugsfähigkeit der Hälfte des Unterhalts entstehe.
Hintergrund dieser Auffassung ist, dass sich durch die Leistung von Kindesunterhalt aus dem erzielten Einkommen die steuerliche Leistungsfähigkeit der Eltern verringere. Aus diesem Grund seien die Einkommensbestandteile, die vom Steuerpflichtigen an die Unterhaltsberechtigten weitergegeben würden, nicht zur Gänze zu besteuern; die Hälfte des gesetzlich geschuldeten (nach der Prozentsatzmethode ermittelten bzw aus den Regelbedarfsätzen abgeleiteten) Unterhalts müsse im Effekt steuerfrei bleiben (G 168/96, G 285/96 VfSlg 14.992). Bei gemeinsamer Haushaltsführung reichten die Transferleistungen Familienbeihilfe und Kinderabsetzbetrag (nach der ab dem Jahr 2000 geltenden Regelung [Familienpakete 2000]) aus, die Unterhaltslasten abzugelten (B 1340/00 VfSlg 16.026). Anderes gelte für den Fall der getrennten Haushaltsführung, weil der unterhaltspflichtige Elternteil nur den Unterhaltsabsetzbetrag geltend machen könne. Dabei sei zu berücksichtigen, dass der Unterhalt von den höchsten Einkommensteilen gezahlt werde; zur Berechnung sei der Grenzsteuersatz nach § 33 Abs 1 EStG heranzuziehen (B 1340/00 VfSlg 16.026). Es müsse nicht der volle Grenzsteuersatz berücksichtigt werden, weil das Einkommen auch steuerlich begünstigte oder steuerfreie Komponenten aufweise. Bei einem Grenzsteuersatz von 50 % genüge es, die Steuerbelastung des Unterhalts mit 40 % anzunehmen (B 1340/00 VfSlg 16.026). Ausgehend von diesen Überlegungen berechnete der Verfassungsgerichtshof die steuerliche Entlastung bei einem Grenzsteuersatz von 50 % mit 20 % des geschuldeten Unterhalts abzüglich des Unterhaltsabsetzbetrags.
Abschließend wies der Verfassungsgerichtshof darauf hin, dass es dem Steuergesetzgeber freilich freistehe, die gebotene Anrechnung im Rahmen des § 12a FLAG 1967 auch pauschalierend vorzusehen (und damit zu erleichtern) oder den verfassungsgesetzlichen Vorgaben durch andere sachliche Regelungen Rechnung zu tragen.
2.2 Im Hinblick auf den eindeutigen Wortlaut des § 12a FLAG 1967, wonach die Familienbeihilfe nicht als eigenes Einkommen des Kindes gilt und dessen Unterhaltsanspruch nicht mindert, hielt der Oberste Gerichtshof an seiner Rechtsprechung (10 Ob 537/94 JBl 1995, 372 ua) fest, dass die Transferleistung nicht auf den Unterhaltsanspruch anzurechnen ist. Im Hinblick auf die durch das Erkenntnis B 1285/00 entstandenen Bedenken gegen die Verfassungskonformität stellte er aber den Antrag an den Verfassungsgerichtshof, § 12a FLAG 1967 als verfassungswidrig aufzuheben (6 Ob 262/01z ua).
2.3 Mit Erkenntnis vom 19. Juni 2002 zu G 7/02 ua, VfSlg 16.562, hob der Verfassungsgerichtshof – vor allem in Anknüpfung an das Erkenntnis zu B 1285/00 (VfSlg 16.226) – den zweiten Halbsatz des damaligen § 12a FLAG 1967 („die Familienbeihilfe gilt nicht als eigenes Einkommen des Kindes und mindert nicht dessen Unterhaltsanspruch“) als verfassungswidrig auf, um zu ermöglichen, dass dem verfassungsrechtlichen Gebot der steuerlichen Entlastung von Unterhaltslasten durch Transferleistungen entsprochen werde.
2.4 Die verfassungsrechtlichen Vorgaben lassen sich demnach dahin zusammenfassen, dass das Einkommen, aus dem der Geldunterhalt geleistet wird, nicht zur Gänze besteuert werden soll. Vielmehr soll die Hälfte des gesetzlichen Unterhalts steuerfrei bleiben und dies durch eine steuerliche Entlastung der Unterhaltspflicht in der Größenordnung um 20 % bewirkt werden. Dieses Ziel kann entweder durch eine pauschalierende oder sonst sachliche Regelung des Gesetzgebers oder – solange der Gesetzgeber nicht tätig wird – im Rahmen der gerichtlichen Unterhaltsbemessung erreicht werden (B 1285/00 VfSlg 16.226).
3. Im Anschluss an das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs zu G 7/02 ua hat der Oberste Gerichtshof seine unterhaltsrechtliche Judikatur modifiziert (1 Ob 114/02z; 7 Ob 175/02i uva) und zur steuerlichen Entlastung des Unterhaltspflichtigen eine konkrete Berechnungsmethode entwickelt (vgl 5 Ob 37/02f; 9 Ob 94/03v). Dieser Berechnungsmethode liegt die mathematische Formel „Unterhaltsanspruch = Prozentunterhalt minus (Prozentunterhalt mal Grenzsteuersatz mal 0,004) plus Unterhaltsabsetzbetrag“ zugrunde (vgl RS0117084 [T8]; 6 Ob 44/07z). Diese Formel wurde im Hinblick auf den mit der Steuerreform 2009 eingeführten Kinderfreibetrag (§ 106 EStG) dahin modifiziert, dass neben dem Unterhaltsabsetzbetrag auch der Kinderfreibetrag in Höhe der Steuerersparnis zu berücksichtigen ist und die Formel daher wie folgt lautet: „Unterhaltsanspruch = Prozentunterhalt minus (Prozentunterhalt mal Grenzsteuersatz mal 0,004) plus Unterhaltsabsetzbetrag plus Steuerersparnis durch Kinderfreibetrag“ (vgl 6 Ob 240/17p).
4. Aufgrund der in Rede stehenden neuen steuergesetzlichen Regelung stellt sich nunmehr die Frage, ob mit dem Familienbonus Plus die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltsschuldners erreicht ist.
4.1Â Mit der unterhaltsrechtlichen Behandlung des Familienbonus Plus hat sich die Literatur bereits befasst:
Tews (Familienbonus Plus – Ende der Familienbeihilfen-Anrechnung? EF-Z 2019/3, 8) weist zunächst zutreffend darauf hin, dass für die Berücksichtigung des Familienbonus Plus bei der Bemessung des Kindesunterhalts (im Wesentlichen) folgende drei Varianten in Betracht kommen:
a) Gänzliche Vernachlässigung der Steuerersparnis;
b) Erhöhung der Unterhaltsbemessungsgrundlage;
c) keine Erhöhung der Unterhaltsbemessungsgrundlage, aber Berücksichtigung der steuerlichen Entlastung bei der Anrechnung der Familienbeihilfe.
Zusammenfassend schließt Tews aus dem Schweigen des Gesetzgebers zur unterhaltsrechtlichen Problematik, dass die bisherige Unterhaltsbemessung unbeeinflusst bleiben solle.
Nach Gitschthaler (Familienbonus Plus und Unterhaltsrecht, EF-Z 2019, 116) soll – nach der seines Erachtens klaren Absicht des Gesetzgebers – der Familienbonus Plus nicht dem unterhaltsberechtigten Kind, sondern den arbeitenden Eltern zugute kommen. Dies würde die Überlegungen von Tews tragen, wonach der Familienbonus Plus unterhaltsneutral sei. Da es im Unterhaltsrecht auf das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen ankomme, sei der Familienbonus Plus zwar bei der Ermittlung der Unterhaltsbemessungsgrundlage zu berücksichtigen. Die Verwendung der Berechnungsformel dürfe aber nicht dazu führen, dass in jenen Fällen, in denen die Steuerentlastung durch den Familienbonus Plus den Kürzungsbetrag aufgrund der Familienbeihilfen-Anrechnung übersteige, der Unterhalt über das Ergebnis der Prozentsatzmethode hinaus angehoben werde.
Peyerl (Der steuerrechtliche Familienbonus Plus in der Unterhaltsbemessung, iFamZ 2018, 193) und Neuhauser (Einige Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Bemessung des Kindesunterhalts, iFamZ 2018, 196; ders in Schwimann/Kodek5 § 231 ABGB Rz 205) vertreten die Ansicht, dass der Familienbonus Plus als steuerlicher Absetzbetrag das tatsächliche Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen (soweit dessen berechnete Einkommensteuer nicht null sei) und somit die Unterhaltsbemessungsgrundlage erhöhe. Zudem führe der Familienbonus Plus als steuerliche Entlastung des Unterhaltspflichtigen – so wie der Unterhaltsabsetzbetrag und der bisherige Kinderfreibetrag – zu einer Kürzung der Anrechnung von Transferleistungen. Die Berechnungsformel nach der höchstgerichtlichen Judikatur sei entsprechend zu modifizieren.
Kolmasch (Die Anrechnung der Familienbeihilfe auf den Kindesunterhalt ab 2019, Zak 2018, 324; ders, Familienbonus und Unterhalt – zwischen Zweck und Verteilungsfragen, Zak 2019, 144) geht ebenfalls davon aus, dass in der vom Obersten Gerichtshof entwickelten Formel der Kinderfreibetrag durch den Familienbonus Plus ersetzt werden könne. Die Bemessungsgrundlage sei durch den Familienbonus Plus aber nicht zu erhöhen, weil es nicht gerechtfertigt sei, dass der Unterhaltspflichtige auch vom Entlastungseffekt Unterhalt zahlen müsse.
Ähnlich beziehen sich auch Schwimann/Kolmasch (Unterhaltsrecht9 [2018] 158 ff) auf die Berechnungsformel des Obersten Gerichtshofs und weisen darauf hin, dass der Familienbonus Plus im Vergleich zur bisherigen Berechnung zu einer geringeren Kürzung des Unterhalts durch Anrechnung der Transferleistungen führe. In der Berechnungsformel sei der Kinderfreibetrag durch den Familienbonus Plus zu ersetzen und der Grenzsteuersatz als ganze Zahl einzusetzen. Wenn die Berechnung zu einem höheren als dem zivilrechtlich bemessenen Unterhalt führe, sei der zivilrechtlich bemessene Unterhalt zuzusprechen.
Schließlich vertritt auch Bräumann (Umfassende Reform der steuerlichen Familienförderung, iFamZ 2018, 186) die Ansicht, dass der Familienbonus Plus zu einer Kürzung der Anrechnung von Transferleistungen führe. Die Minderung des Unterhalts aufgrund der Anrechnung von Transferleistungen werde durch die steuerlichen Vorteile des Unterhaltspflichtigen reduziert.
4.2 Soweit die zitierten Literaturstimmen auf die Berechnungsformel des Obersten Gerichtshofs Bezug nehmen, versuchen sie, den Familienbonus Plus in die höchstgerichtliche Judikatur zu integrieren. Weiters finden sich in der Literatur Ansätze, die den Familienbonus Plus als unterhaltsneutral bewerten.
4.3 Der Oberste Gerichtshof hat sich erstmals in der Entscheidung zu 5 Ob 236/18v mit den Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Höhe des Unterhalts beschäftigt. Nach dieser Entscheidung erhöht sich durch die Ausnutzung des Familienbonus Plus das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen, das der Unterhaltsleistung zugrunde zu legen ist. Die Frage, ob der Familienbonus Plus auch die Anrechnung der Transferleistungen kürze, wurde in der Entscheidung offen gelassen.
In der Entscheidung zu 5 Ob 92/19v wurde es gleichermaßen als sachgerecht angesehen, wegen der mit dem Familienbonus Plus verbundenen Erhöhung des Nettoeinkommens die Unterhaltsbemessungsgrundlage entsprechend zu erhöhen. Dies gelte jedenfalls in den Fällen, in denen das Ergebnis der vom Obersten Gerichtshof entwickelten Formel ergebe, dass die ausreichende Entlastung des Unterhaltspflichtigen bereits durch den Unterhaltsabsetzbetrag erreicht werde.
5. Aus Anlass der neuen gesetzlichen Regelungen zum Familienbonus Plus ist eine Neuausrichtung der unterhaltsrechtlichen Rechtsprechung insbesondere aufgrund der dadurch bewirkten steuerlichen Entlastung erforderlich.
5.1 Wie bereits dargelegt, lauten die verfassungsrechtlichen Vorgaben für die steuerliche Entlastung des Unterhaltsschuldners dahin, dass das Einkommen, aus dem der Unterhalt geleistet wird, nicht zur Gänze besteuert werden und die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerfrei bleiben soll. Der Verfassungsgerichtshof hat bereits ausgesprochen, dass das verfassungsrechtliche Gebot der (zureichenden) steuerlichen Entlastung von Unterhaltslasten auch im Weg einer gesetzlichen Pauschalierung erfolgen kann. Dem Gesetzgeber stehe es frei, eine Anrechnung von Transferleistungen (zur steuerlichen Entlastung) auch pauschalierend vorzusehen und damit zu erleichtern oder den verfassungsrechtlichen Vorgaben durch andere sachliche (gesetzliche) Regelungen Rechnung zu tragen (B 1285/00 VfSlg 16.226).
Wenn der Gesetzgeber auf die Vorgaben durch den Verfassungsgerichtshof reagiert und den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt hat, dass die Unterhaltspflichtigen die Unterhaltslasten zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf leistende Steuer dazuverdienen müssen, besteht das Ziel der in Rede stehenden steuergesetzlichen Maßnahme darin, das Einkommen des Geldunterhaltspflichtigen, aus dem der Unterhalt geleistet wird, im Einklang mit den Vorgaben durch den Verfassungsgerichtshof steuerlich zu entlasten. Auch wenn der Gesetzgeber in den Gesetzesmaterialien nicht auf die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs Bezug nimmt, folgt aus der ident formulierten Zielsetzung mit ausreichender Deutlichkeit, dass der Gesetzgeber den verfassungsrechtlichen Vorgaben Rechnung tragen und die gebotene steuerliche Entlastung durch die neue steuergesetzliche Maßnahme im Weg einer pauschalierenden Regelung umsetzen wollte. Nach den Intentionen des Gesetzgebers soll die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Unterhaltsleistungen nunmehr unmittelbar im Weg der steuergesetzlichen Vorschriften durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag herbeigeführt werden.
5.2 Die Fragen nach der steuerlichen Entlastung, die durch den Familienbonus Plus erreicht werden soll, und nach den Auswirkungen auf die Unterhaltsbemessungsgrundlage können nicht getrennt voneinander beurteilt werden. Vielmehr ist zu fragen, welche unterhaltsrechtliche Lösung mit den Zielsetzungen des Gesetzgebers im Einklang steht.
Nach der Zielrichtung des Steuergesetzgebers soll der ausschöpfbare Teil des Familienbonus Plus in generalisierender Betrachtungsweise dazu dienen, das Unterhaltseinkommen nach den Vorgaben des Verfassungsgerichtshofs steuerfrei zu stellen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der entsprechende Betrag dem Unterhaltspflichtigen verbleibt. Eine Einrechnung in die Unterhaltsbemessungsgrundlage scheidet daher aus. Dies gilt auch dann, wenn die Berücksichtigung des Familienbonus Plus beim Dienstgeber beantragt wird; in einem solchen Fall ist der Familienbonus Plus (ebenso wie der Unterhaltsabsetzbetrag) aus dem „Einkommen“ des Geldunterhaltspflichtigen herauszurechnen.
Der Grundsatz, dass es im Unterhaltsrecht auf das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen als die Summe der dem Unterhaltspflichtigen tatsächlich zufließenden verfügbaren Mittel ankomme (vgl RS0013386) und eine Steuerersparnis das Nettoeinkommen erhöhe, gelangt jedenfalls dann nicht zur Anwendung, wenn es sich bei einem Steuerabsetzbetrag um eine zweckbestimmte steuerliche Entlastung und nicht um einen allgemeinen Einkommensbestandteil handelt. Auch die Judikatur, wonach ein dem Unterhaltsschuldner ausgezahlter Kinderzuschuss oder eine solche Kinder- oder Familienzulage die Bemessungsgrundlage (für das jeweilige Kind) erhöht (RS0047467), ist hier nicht einschlägig, weil die genannten Zuschussleistungen an den Unterhaltsschuldner direkt ausgezahlt und für ein bestimmtes Kind gewährt werden und damit für den Unterhalt bzw die Pflege dieses Kindes zu verwenden sind (vgl 1 Ob 76/99d; 4 Ob 139/19y).
5.3 Da nach der Zielsetzung des Gesetzgebers durch den Familienbonus Plus – gemeinsam mit dem Unterhaltsabsetzbetrag – die gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen bewirkt wird, besteht auch kein Anlass mehr, die Unterhaltsleistung durch die Anrechnung von Transferleistungen zu kürzen. Dies bedeutet im Ergebnis, dass sich der Familienbonus Plus und der Unterhaltsabsetzbetrag auf die Unterhaltsleistung nicht auswirken und somit unterhaltsrechtlich neutral bleiben.
5.4 Die substanzielle Steuerentlastung durch den Familienbonus Plus (RV 190 BlgNR 26. GP 1 und 14) führt damit zu einer Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass der Unterhalt nicht mathematisch zu berechnen, sondern vielmehr nach den von Billigkeitsüberlegungen getragenen Rechtsprechungsgrundsätzen im Einzelfall auszumitteln ist (8 Ob 89/17x; 4 Ob 139/19y; 4 Ob 142/19i; vgl auch Schwimann/Kolmasch, Unterhaltsrecht9 151). Es ist systemkonform, wenn die steuerliche Berücksichtigung der Unterhaltslasten zur Gänze in das Steuerrecht verlagert und die zivilrechtliche Unterhaltsbemessung vom „Fremdkörper“ der steuerlichen Entlastung entkoppelt wird (vgl Kolmasch, Glosse zu 6 Ob 240/17p, Zak 2018/198, 111; Neuhauser, Einige Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Bemessung des Kindesunterhalts, iFamZ 2018, 196 [198]).
5.5 Der Einwand, dass bei einem Teil der besserverdienenden Unterhaltspflichtigen durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag (ohne Anrechnung von Transferleistungen) weniger als die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerfrei gestellt werde, ist rechnerisch durchaus richtig, entspricht aber dem vom Gesetzgeber nunmehr verfolgten Konzept einer pauschalierenden steuerlichen Entlastung. Da der Gesetzgeber bis 31. Dezember 2018 weder die vom Verfassungsgerichtshof im Erkenntnis zu B 1285/00 in den Raum gestellte pauschalierende Entlastung noch eine andere sachliche Regelung umgesetzt hat, um den verfassungsrechtlichen Vorgaben zu entsprechen, hat sich der Oberste Gerichtshof in seiner Rechtsprechung an der Ansicht des Verfassungsgerichtshofs orientiert. Die nunmehr vorgenommene pauschalierende gesetzgeberische Maßnahme kann durchaus zu einer Schlechterstellung bestimmter Gruppen von Betroffenen führen. Eine offenkundige Verfassungswidrigkeit der Neuregelung ist jedoch nicht zu erkennen; der Umstand, dass keine Anrechnung der Transferleistung auf die Unterhaltsleistung mehr erfolgt und sich aus diesem Grund der dem Kind zu leistende Unterhalt erhöht, begründet für sich allein keine Unbilligkeit.
5.6 Zu berücksichtigen ist allerdings, dass für Kinder, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, der gesetzlich festgelegte monatliche Betrag an ausschöpfbarem Familienbonus Plus deutlich niedriger ist als für jüngere Kinder. Ob die in dieser Entscheidung entwickelten Grundsätze für die Unterhaltsbemessung von Kindern ab dem 18. Lebensjahr gleichermaßen gelten oder in dieser Hinsicht Modifikationen geboten sind, muss hier nicht geklärt werden.
6. Zusammenfassend ist festzuhalten:
6.1 Beim Familienbonus Plus handelt es sich – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag. Der Gesetzgeber hat den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt, die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Geldunterhaltspflichtigen nunmehr durch die erwähnten steuergesetzlichen Maßnahmen herbeizuführen. Dadurch findet eine Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht statt. Die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen erfolgt nunmehr durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag. Der Familienbonus Plus ist nicht in die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen; eine Anrechnung von Transferleistungen findet nicht mehr statt. Familienbonus Plus und Unterhaltsabsetzbetrag bleiben damit unterhaltsrechtlich neutral.
6.2 Diese Grundsätze gelten jedenfalls für die Unterhaltsbemessung von Kindern bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. Die Frage, wie sich der Familienbonus Plus auf den Unterhaltsanspruch älterer Kinder auswirkt, wird hier unbeantwortet gelassen.
7. Demnach ist das Erstgericht im Ergebnis zu Recht davon ausgegangen, dass der Familienbonus Plus bei der Unterhaltsbemessungsgrundlage nicht zu berücksichtigen ist. In Anwendung der oben dargestellten Rechtslage hat allerdings nunmehr die Anrechnung der Transferleistungen zu entfallen. Die Minderjährige hat daher Anspruch auf 18 % des monatlichen Nettoeinkommens ihres Vaters. Ausgehend von der (vom Familienbonus Plus bereinigten und der Höhe nach unstrittigen) Unterhaltsbemessungsgrundlage von 3.013 EUR ergibt sich damit ein Unterhaltsbetrag von gerundet 540 EUR. Damit war dem Revisionsrekurs teilweise Folge zu geben und die monatliche Unterhaltspflicht ab 1. März 2019 mit 540 EUR festzusetzen. |
JJT_20191217_OGH0002_0030OB00227_19G0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127244 | 3Ob227/19g | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00227_19G0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0030OB00227_19G0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 708 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch die Präsidentin Hon.-Prof. Dr. Lovrek als Vorsitzende sowie die Hofräte Dr. Roch und Priv.-Doz. Dr. Rassi und die Hofrätinnen Dr. Weixelbraun-Mohr und Dr. Kodek als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei G* Gesellschaft mbH, *, vertreten durch Dr. Bertram Broesigke, Rechtsanwalt in Wien, wider die beklagte Partei O*, vertreten durch Dr. Georg Kahlig, Rechtsanwalt in Wien, wegen Aufkündigung, über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 16. Oktober 2019, GZ 40 R 99/19h-22, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Die außerordentliche Revision zeigt keine erheblichen Rechtsfragen auf und ist deshalb als unzulässig zurückzuweisen. Das ist wie folgt kurz zu begründen (§ 510 Abs 3 ZPO):
1. Primär strittig ist die Frage, ob die Mutter des Beklagten, die den streitgegenständlichen Mietvertrag im Jahr 1985 gemeinsam mit ihrem Ehemann (= Vater des Beklagten) als Mitmieter abgeschlossen hat, im Zuge der Scheidung im Jahr 1989 auf ihre Mitmietrechte verzichtet hat. Der Beklagte ist unstrittig nach dem Tod seines Vaters in den Mietvertrag eingetreten.
1.1. Ein Verzicht erfolgt nach herrschender Rechtsprechung durch Vertrag (RIS-Justiz RS0033948 [T2], RS0034122 [T7]) und bedarf daher der Annahme durch den Schuldner, die jedoch auch konkludent erfolgen kann (RS0034122 [T8]; RS0014439). Dafür genügt bereits die widerspruchslose Entgegennahme der Erklärung durch den Schuldner (2 Ob 35/17m; RS0017350; RS0034122 [T2]). Allerdings ist auch die schlüssige Annahme eine zugangsbedürftige Willenserklärung (8 Ob 7/93 SZ 68/21; Bollenberger in KBB5 § 862a ABGB Rz 1). Das Ausscheiden des Mitmieters aus dem Mietverhältnis bedarf einer
– zumindest konkludenten – Dreiparteieneinigung zwischen den Mitmietern einerseits und dem Vermieter andererseits (3 Ob 149/15f mwN).
1.2. Selbst wenn man den Feststellungen den von der Klägerin behaupteten schlüssigen Verzicht der Mitmieterin entnehmen könnte, wäre für die Klägerin nichts gewonnen. Sie unternimmt in der Revision gar nicht den Versuch, den Zugang ihrer angeblichen Annahmeerklärung an die Mitmieterin darzustellen. Ihre schlüssige Annahmeerklärung erblickte die Klägerin in erster Instanz darin, dass ihr Rechtsvorgänger/dessen Hausverwaltung die Mietzinsvorschreibungen nach der Scheidung der Mieter nur gegenüber dem Vater des Beklagten vorgenommen habe und in der Berufung weiters darin, dass von Vermieterseite die Mietzinszahlung durch den Beklagten (gemeint offenbar: und davor durch seinen Vater jeweils allein) akzeptiert worden sei. Da die Revision allerdings selbst davon ausgeht, dass an die Mitmieterin niemals Vorschreibungen adressiert waren und sie nie den Bestandzins bezahlte, ist nicht ersichtlich, wie ihr die behaupteten Annahmehandlungen je zur Kenntnis gelangt, ihr also zugegangen sein sollen; das Vorgehen der Hausverwaltung führte nämlich aus der Sicht der Mitmieterin zu keiner Änderung der Gegebenheiten nach der Scheidung.
1.3. Eine (durchaus naheliegende) Kontaktaufnahme der Hausverwaltung mit der Mitmieterin, um ihr zwecks Klarstellung die Zustimmung der Vermieterseite zum Ausscheiden aus dem Bestandverhältnis und dessen Zeitpunkt zur Kenntnis zu bringen, wird von der Klägerin nicht behauptet und steht auch nicht fest. Schon mangels Zugangs einer (allenfalls schlüssigen) Annahmeerklärung ist somit der Klägerin der ihr obliegende Beweis (vgl RS0039929 [T2]) des wirksamen Zustandekommens eines Verzichtsvertrags mit der Mitmieterin nicht gelungen. Von diesem Ergebnis sind ohnehin auch die Vorinstanzen ausgegangen.
2. Der Klägerin stehen daher nach wie vor zwei Mieter aus dem Bestandverhältnis gegenüber.
2.1. Nach herrschender Ansicht bilden mehrere Mitmieter eine Rechtsgemeinschaft bürgerlichen Rechts nach § 825 ABGB und im Kündigungsprozess eine notwendige Streitgenossenschaft im Sinn des § 14 ZPO, weil sich die Wirkung des zu fällenden Urteils kraft der Beschaffenheit des streitigen Rechtsverhältnisses auf sämtliche Streitgenossen erstreckt (RS0013160 [T10]; RS0013191; Fucik in Rechberger/Klicka5 § 14 ZPO Rz 2; Schneider in Fasching/Konecny³ § 14 ZPO Rz 58). Das Bestandverhältnis von Mitmietern kann daher vom Bestandgeber nur für alle gemeinsam aufgekündigt werden (RS0013416 [T6]; RS0020369 [T4]). Gestaltungsrechte sind unteilbar; eine Teilauflösung, die nur einem Mitmieter gegenüber wirkt, ist unzulässig (1 Ob 616/84 SZ 57/120 RS0067030 [T2]). Mitmieter können nur alle gemeinsam auf Räumung geklagt werden, was sich schon daraus ergibt, dass bei Auflösung des Bestandverhältnisses nur in Ansehung eines der mehreren Mitberechtigten dieser nicht verurteilt werden kann, die Wohnung, an der von einem anderen Mitberechtigten weiterhin das Bestandrecht ausgeübt werden darf, dem Bestandgeber geräumt zu übergeben (4 Ob 336/98k). Die nur gegen einen der Mitmieter erhobene Klage ist daher abzuweisen (5 Ob 142/08f mwN RS0013160 [T15]).
2.2. Mit diesen Grundsätzen steht die Entscheidung des Berufungsgerichts im Einklang, ohne dass die Klägerin eine erhebliche Rechtsfrage aufzuzeigen vermag, weil sie sich nicht mit der (an die – von ihrer konkreten Ausübung unabhängige – materiell-rechtliche Stellung der Mitmieter anknüpfenden) Wirkung des zu fällenden Urteils auseinandersetzt. |
JJT_20191218_OGH0002_0050OB00201_19Y0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127246 | 5Ob201/19y | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00201_19Y0000_000/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00201_19Y0000_000.html | 1,576,627,200,000 | 773 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann, die Hofräte Mag. Wurzer Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei P* e.V., *, vertreten durch Dr. Waltraud Künstl, Rechtsanwältin in Wien, gegen die beklagte Partei Gemeinnützige * Genossenschaft mbH, *, vertreten durch die Mag. Michael Rudnigger Rechtsanwalt-GmbH, Wien, wegen 31.000 EUR sA, über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Landesgerichts für Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Berufungsgericht vom 25. September 2019, GZ 40 R 162/19y-24, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die beklagte Partei ist eine gemeinnützige Bauvereinigung und Baurechtsberechtigte, die mit der verstorbenen Rechtsvorgängerin des klagenden Vereins einen Nutzungsvertrag über eine Baulichkeit samt Garten abgeschlossen hatte. Der klagende Verein strebt den Ersatz von Investitionen für umfangreiche Um- und Ausbauten an, die seine Rechtsvorgängerin vor ca 20 Jahren durchgeführt hatte. Er stützt sich dabei auf § 1097 ABGB; § 20 Abs 5 WGG sei nicht anwendbar, weil die Umbauten ihrem Umfang nach einer Neuerrichtung des Gebäudes geglichen hätten, sodass sein Anspruch nicht unter das WGG subsumiert werden könne.
Das Berufungsgericht bestätigte die das Klagebegehren abweisende Entscheidung des Erstgerichts. Ansprüche des Bestandnehmers bzw Nutzungsberechtigten auf Ersatz des notwendigen oder nützlichen Aufwands gemäß § 1097 ABGB, müssten innerhalb der Präklusivfrist von sechs Monaten nach Zurückstellung des Bestandstücks gerichtlich gefordert werden, sonst sei die Klage verfristet. Da diese erst nach Ablauf dieser Fallfrist erhoben worden sei, sei der Anspruch erloschen. Ein Rückforderungsanspruch nach § 1435 ABGB komme hier nicht zum Tragen.
Rechtliche Beurteilung
Die dagegen vom Kläger erhobene außerordentliche Revision spricht keine Rechtsfragen von erheblicher Bedeutung an:
1. Zur Zulässigkeit des streitigen Rechtswegs liegt eine rechtskräftige Entscheidung vor (Beschluss vom 2. 8. 2018). Unverständlich sind daher die Ausführungen des Revisionswerbers, es könne [Anm: der Beklagten] nicht frei stehen, sich durch „Berufung auf eine formelle Bestimmung im WGG wie der gemäß § 22 Abs 4 WGG iVm § 39 MRG gebotenen Anrufung der Schlichtungsstelle im Außerstreitverfahren der Inanspruchnahme hinsichtlich des dem Grunde nach vom Berufungsgericht ausdrücklich als berechtigt erachteten Aufwandersatzanspruchs zu entziehen“. Die Vorinstanzen haben den vom Kläger behaupteten Anspruch gerade nicht § 20 Abs 5 WGG unterstellt, sondern wie auch in der Revisionsschrift gefordert, nach den Bestimmungen des ABGB geprüft; seine Ausführungen, es sei unbillig, dass die Bestimmungen des WGG der Beklagten als Handhabe dienten, Aufwandersatzansprüche zu vereiteln, können daher nicht nachvollzogen werden.
2. Der Bestandnehmer, der dem Bestandgeber obliegende Instandhaltungsarbeiten vornimmt, hat nach § 1097 ABGB Anspruch auf Ersatz seiner – ex ante betrachtet – notwendigen und zweckmäßigen Aufwendungen, auch wenn sie ohne sein Verschulden fehlschlagen (RIS-Justiz RS0020526; Iro/Rassi in KBB5 § 1097 ABGB Rz 4; Pesek in Schwimann/Kodek4 § 1097 ABGB Rz 21; Höllwerth in GeKo Wohnrecht I § 1097 ABGB Rz 24). Diese Bestimmung erfasst Aufwendungen, die der Mieter während der Dauer des Mietverhältnisses gemacht hat und zu deren Vornahme der Vermieter verpflichtet gewesen wäre oder für diesen einen nützlichen Aufwand (§ 1037 ABGB) darstellen (RS0020492 [T2]). Dazu entspricht es der Rechtsprechung, dass auch auf der Bestandliegenschaft neu errichtete Objekte und Anlagen mit erheblichem Investitionensvolumen im Lichte des § 1097 ABGB zu beurteilen sind (vgl 5 Ob 152/14k und die darin aufgezählten Judikaturbeispiele). Warum die von seiner Rechtsvorgängerin vorgenommenen Investitionen für Um- und Ausbauten, mag mit diesen Investitionen auch die Vergrößerung des Bestandobjekts verbunden gewesen sein, nicht nach § 1097 ABGB beurteilt werden sollten, kann der Kläger nicht schlüssig erklären.
3. Nach ständiger Rechtsprechung schließt die spezielle Regelung der Ansprüche des Mieters auf Ersatz von für das Bestandobjekt gemachten Aufwendungen in § 1097 ABGB die Anwendung anderer bereicherungsrechtlicher Grundsätze aus (RS0020480). Rechtsprechung und Lehre anerkennen dessen ungeachtet einen auf § 1435 ABGB gestützten Rückforderungsanspruch wegen Wegfalls des Leistungsgrundes auch bei Dauerschuldverhältnissen. Voraussetzung ist aber, dass die Leistungen nur in der für den anderen Teil erkennbaren Erwartung einer bestimmten Dauer des Dauerschuldverhältnisses erbracht wurden, die tatsächliche Dauer aber in einem auffallenden Missverhältnis zu der erwarteten Dauer steht und den Mieter daran kein Verschulden trifft (RS0033883 [T6, T11]; Lovrek in Rummel/Lukas, ABGB4 § 1097 Rz 11). Dass das Berufungsgericht die für einen solchen Rückforderungsanspruch geforderten Voraussetzungen verneinte, bedarf entgegen der Ansicht des Revisionswerbers keiner Korrektur. Mit der von ihm zitierten Entscheidung zu 6 Ob 44/15m lässt sich der vorliegende Fall schon deshalb nicht vergleichen, weil keine Rede davon sein kann, dass die vor etwa 20 Jahren getätigten Aufwendungen von einer, der Beklagten erkennbaren Motivenlage getragen gewesen wären, die einer Investition in den Bestandgegenstand wegen der Aussicht auf ein unbefristetes Bestandverhältnis und die vereinbarte Schenkung der Liegenschaft auf den Todesfall vergleichbar wäre. Die von der Klägerin dazu ins Treffen geführte Annahme ihrer Rechtsvorgängerin, sie würde durch die von der Beklagten gestattete Bautätigkeit Eigentum am Gebäude erwerben, begründet aber keinen in diesem Sinn für den Empfänger der Leistung erkennbaren, relevanten Leistungszweck.
4. Einer weiteren Begründung bedarf es daher nicht (§ 510 Abs 3 ZPO). |
JJT_20191218_OGH0002_0050OB00153_19I0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127247 | 5Ob153/19i | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00153_19I0000_000/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00153_19I0000_000.html | 1,576,627,200,000 | 721 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragsteller 1. G* GmbH, *, 2. Mag. T* K*, 3. H* C*, 4. Dr. I* H*, 5. C* V*, 6. A* G*, 7. Dkfm. Dr. K* H*, 8. N* R*, 9. S* R*, 10. Mag. A* L*, alle vertreten durch die Kubes Passeyrer Rechtsanwälte OG in Wien, gegen die Antragsgegner 1. E* K*, 2. Ing. Mag. W* P*, beide vertreten durch die Draxler Rechtsanwälte KG in Wien, wegen § 52 Abs 1 Z 2 WEG iVm § 16 Abs 2 WEG, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragsteller gegen den Sachbeschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 19. Juni 2019, GZ 39 R 12/19g-42, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 52 Abs 2 WEG iVm § 37 Abs 3 Z 16 MRG und § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1. Gemäß § 16 Abs 2 Z 1 WEG darf jegliche Änderung weder eine Schädigung des Hauses noch eine Beeinträchtigung schutzwürdiger Interessen der anderen Wohnungseigentümer, besonders auch keine Beeinträchtigung der äußeren Erscheinung des Hauses und keine Gefahr für die Sicherheit von Personen, des Hauses oder von anderen Sachen zur Folge haben. Wenn für eine Änderung – wie hier – auch allgemeine Teile der Liegenschaft in Anspruch genommen werden, verlangt § 16 Abs 2 Z 2 WEG zusätzlich, dass die Änderung entweder der Übung des Verkehrs entspricht oder einem wichtigen Interesse des Wohnungseigentümers dienen muss (5 Ob 186/18s). Eine Abwägung der Interessen des die Änderung beabsichtigenden Wohnungseigentümers gegen die Interessen der übrigen Wohnungseigentümer an der Unterlassung der Änderung ist aber nicht vorzunehmen (RIS-Justiz RS0083188). Der Umstand, dass die Antragsteller wegen der Inanspruchnahme allgemeiner Teile ein eigenes wichtiges Interesse an der geplanten Änderung darzulegen haben, bedeutet daher nicht, dass gegenläufige Interessen der Antragsgegner zumindest gleiches Gewicht haben müssten. Schon die Beeinträchtigung schutzwürdiger Interessen anderer Miteigentümer allein steht vielmehr nach § 16 Abs 2 Z 1 WEG der geplanten Änderung entgegen (RS0083240).
2. Grundsätzlich steht einer Änderung nicht jede Beeinträchtigung von Interessen der Miteigentümer entgegen, sondern nur eine wesentliche Beeinträchtigung, die die Interessen der anderen Wohnungseigentümer am Unterbleiben der Änderung so schutzwürdig erscheinen lässt, dass ein Anspruch des Wohnungseigentümers auf Änderung zurückzustehen hat (RS0083236).
3. Bei der Beurteilung der Zulässigkeit von Änderungen am Wohnungseigentumsobjekt iSd § 16 Abs 2 WEG ist auf den Einzelfall abzustellen, wobei insbesondere auch im Zusammenhang mit der Frage der Interessenbeeinträchtigung alle in Betracht kommenden Umstände zu berücksichtigen sind (RS0083309). Bei einer solchen Entscheidung besteht ein dem Außerstreitrichter vom Gesetzgeber eingeräumter Ermessensspielraum (RS0083309 [T13; T16]). Solange dieser Ermessensspielraum nicht überschritten wird, liegt keine erhebliche Rechtsfrage vor (RS0083309 [T9]; RS0109643 [T10, T11, T12]). Nur in Fällen einer groben, die Rechtssicherheit in Frage stellenden Fehlbeurteilung hätte der Oberste Gerichtshof korrigierend einzugreifen (5 Ob 186/18s). Ein solcher Fall liegt hier aber nicht vor.
4. Die Erstantragstellerin plant ihr Wohnungseigentumsobjekt, eine ehemalige Tankstelle, baulich zu verschließen und darin drei Wohnungseigentumsobjekte, zwei Wohnungen und ein Büro, zu errichten. Durch die geplanten Umbauarbeiten käme es zu einer Umgestaltung der Außenanlagen. Es ist geplant, eine Grünfläche schräg bis auf das Niveau des Kellers abzugraben und einen an der Hauswand entlang führenden Weg zu schaffen, von dem aus der Eingang in die neuen Objekte erfolgen soll. Der Geländebruch soll durch eine Stützmauer abgefangen werden. Der derzeitige ebenerdige Zugang zum Gebäude soll durch eine Brückenkonstruktion ersetzt werden. Rechts von diesem Hauseingang befindet sich die Erdgeschoßwohnung der Erstantragsgegnerin. Die Umgestaltung der Grünfläche soll unmittelbar vor ihrer Loggia erfolgen.
Nach Auffassung des Rekursgerichts sei das Projekt in dieser Form schon mangels der Voraussetzungen des § 16 Abs 2 Z 1 WEG nicht genehmigungsfähig. Es beeinträchtige die schutzwürdigen Interessen aller anderen Wohnungseigentümer wesentlich, wenn die Gesamtanlage derart geändert, der Außenbereich über nahezu die gesamte Südseite des Wohnhauses um ein ganzes Geschoß abgetragen, eine Grünfläche großflächig zerstört und der bisherige Hauszugang auf Erdniveau durch eine Brückenkonstruktion ersetzt werde. Besonders beeinträchtigt wäre freilich die Wohnung der Erstantragsgegnerin, vor deren Fenstern anstelle einer Grünfläche in Zukunft ein Zugangsweg zu drei Wohnungseigentumsobjekten wäre.
Diese Rechtsansicht des Rekursgerichts hält sich im Rahmen der von der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs entwickelten Grundsätze und des ihm dabei eingeräumten Ermessensspielraums.
5. Gegenüber den Zweit- bis Zehntantragstellern(-innen) begründete das Rekursgericht die Abweisung des Antrags auch damit, dass diesen die Antragslegitimation fehle. Diese Hilfsbegründung (vgl dazu 5 Ob 19/16d) kann nicht zum Gegenstand des außerordentlichen Rechtsmittels gemacht werden, weil sie für den Streitausgang nicht (mehr) erheblich ist (RS0042736 [T2]).
6. Der Revisionsrekurs war daher mangels Vorliegens einer erheblichen Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG zurückzuweisen. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht. |
JJT_20191217_OGH0002_0100OB00051_19A0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127248 | 10Ob51/19a | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0100OB00051_19A0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0100OB00051_19A0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 999 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Rechtssache des Antragstellers I*, vertreten durch die Erwachsenenvertreterin C*, beide *, vertreten durch Dr. Renate Weinberger, Rechtsanwältin in Mödling, gegen den Antragsgegner Dr. A*, vertreten durch Dr. Marco Nademleinsky, Rechtsanwalt in Wien, wegen Unterhalts, infolge des Revisionsrekurses des Antragsgegners gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 25. Februar 2019, GZ 43 R 489/18g-43, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Döbling vom 25. September 2018, GZ 35 Fam 11/18t-38, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Der Antragsgegner ist schuldig, dem Antragsteller die mit 626,52Â EUR (darin enthalten 104,42Â EUR USt) bestimmten Kosten der Rechtsmittelbeantwortung binnen 14Â Tagen zu ersetzen.
Text
Begründung:
Der Antragsteller ist der erwachsene Sohn von C*, in deren Haushalt er lebt, und dem Antragsgegner. Er hat aufgrund einer geistigen Behinderung laufend einen erhöhten Bedarf an Betreuung und Aufsicht.
Er forderte vom Antragsgegner zuletzt Geldunterhalt in Höhe des 3,3-fachen Regelbedarfs ab dem 1. 7. 2016 und bezifferte diesen Anspruch mit 1.841,40 EUR von 1. 7. 2016 bis 30. 6. 2017 und von 1.877,70 EUR monatlich ab 1. 7. 2017, sowie den sich daraus ergebenden Unterhaltsrückstand von insgesamt 6.722,40 EUR für den Zeitraum von 1. 7. 2016 bis 30. 9. 2017.
Das Erstgericht verpflichtete den Antragsgegner zur Leistung eines monatlichen Unterhaltsbetrags von 1.877,70 EUR ab dem 1. 10. 2017 und zur Zahlung des begehrten Unterhaltsrückstands, dies jeweils unter Anrechnung der bereits geleisteten Beträge.
Ausgehend vom Einkommen des geldunterhaltspflichtigen Vaters von 9.000 bis 10.000 EUR ergebe sich nach der Prozentmethode ein monatlicher Unterhaltsbetrag von zumindest 1.980 EUR. Die von der Mutter in Anspruch genommene häusliche Fremdbetreuung des Antragstellers durch eine auch als Haushaltshilfe eingesetzte Dienstnehmerin sei in der Person des Antragstellers begründet. Aufgrund des Umfangs der außerhäuslichen und häuslichen Betreuung des Antragstellers erscheine es angemessen, ein Viertel der Kosten der Haushaltshilfe von insgesamt rund 1.900 EUR monatlich für die Deckung des Betreuungsbedarfs des Antragstellers anzusetzen. Dadurch sei der sich nach der Prozentmethode ergebende Betrag nicht einmal ausgeschöpft.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Antragsgegners, der sich gegen eine den 2,5-fachen Regelbedarf übersteigende Unterhaltspflicht wandte, nicht Folge. Es ließ den Revisionsrekurs nachträglich zu, um eine Korrektur einer allfälligen unvertretbaren Rechtsauffassung zu ermöglichen. Übereinstimmend mit dem Erstgericht bejahte es das Vorliegen eines laufenden Sonderbedarfs an Kosten häuslicher Drittbetreuung sowie die Deckungspflicht des Antragsgegners über die „Luxusgrenze“ hinaus. Die Gefahr der Überalimentierung bestehe aufgrund des konkreten Betreuungsbedarfs nicht.
Rechtliche Beurteilung
Der dagegen erhobene Revisionsrekurs des Antragsgegners ist entgegen dem den Obersten Gerichtshof nicht bindenden Ausspruch des Rekursgerichts (§ 71 Abs 1 AußStrG) nicht zulässig.
1. Sonderbedarf ist jener – auch längerfristige (6 Ob 175/18f) – Mehrbedarf eines unterhaltsberechtigten Kindes, der sich aus der Berücksichtigung der beim Regelbedarf (allgemeiner Durchschnittsbedarf) bewusst außer Acht gelassenen Umstände des Einzelfalls ergibt (RS0117791; RS0047564; vgl RS0109908). Generell kann gesagt werden, dass ein Sonderbedarf durch Momente der Außergewöhnlichkeit, Dringlichkeit und Individualität bestimmt wird (RS0047539), also nicht mit weitgehender Regelmäßigkeit für die Mehrzahl der unterhaltsberechtigten Kinder zusteht (RS0047539 [T3]). Darunter fallen hauptsächlich Aufwendungen für die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit und die Persönlichkeitsentwicklung sowie Ausbildungskosten (RS0107180).
2. Ob ein solcher Sonderbedarf vom Unterhaltspflichtigen zu decken ist, hängt davon ab, wodurch er verursacht wurde (vgl RS0047560 [T4]) und ob er dem Unterhaltspflichtigen angesichts der Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Eltern des Kindes zumutbar ist (RS0107179; vgl RS0047543).
2.1. Erbringt der Unterhaltsschuldner ohnedies Unterhaltsleistungen, die den Regelbedarf beträchtlich übersteigen, ist im Rahmen der Unterhaltsbemessung Sonderbedarf nur dann zu ersetzen, wenn dessen Aufwendungen höher sind als die Differenz zwischen dem Regelbedarf und der laufenden monatlichen Unterhaltsverpflichtung (RS0047525 [T9]).
2.2. Erhält jedoch der Unterhaltsberechtigte lediglich deshalb Unterhaltsbeiträge, die nicht der vollen Leistungsfähigkeit des Unterhaltspflichtigen entsprechen, weil er schon die „Luxusgrenze“ erreicht hat, muss der Sonderbedarf zusätzlich zugesprochen werden, weil bei einer solchen Konstellation das Argument der nicht zu billigenden Überalimentierung des Unterhaltsberechtigten ins Leere ginge (RS0047525 [T8]). Leistungen aus dem Titel des Sonderbedarfs sind nämlich zweckbestimmt und stehen nicht zur freien Verfügung des Unterhaltsberechtigten (RS0047525 [T8]; 6 Ob 175/18f; 8 Ob 3/18a je mwN).
2.3. Maßgeblich für die Beurteilung, ob ein Sonderbedarf vom Unterhaltspflichtigen zu decken ist, sind immer die Umstände des Einzelfalls (RS0047560 [T12]; RS0107179 [T1]).
3.1. Der Revisionsrekurs zieht zunächst die Qualifikation der hier zu beurteilenden Kosten einer teilweisen häuslichen Drittpflege als Sonderbedarf in Zweifel.
3.2. Damit wird keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG dargetan. Nach der Rechtsprechung kommt es darauf an, ob ein bestimmter Bedarf mit weitgehender Regelmäßigkeit für die Mehrzahl der unterhaltsberechtigten Kinder zusteht (8 Ob 3/18a; 6 Ob 175/18f). So wurde etwa der behinderungsbedingte diätische Mehraufwand eines Unterhaltsberechtigten jüngst als Sonderbedarf beurteilt (8 Ob 3/18a). Es liegt auf der Hand, dass die Mehrzahl erwachsener unterhaltsberechtigter Kinder keiner Aufsicht durch eine Betreuungsperson bedarf und die Notwendigkeit der Beaufsichtigung hier der Befriedigung der aus der Behinderung resultierenden Bedürfnisse des Antragstellers entspricht. Die Qualifikation der Kosten der teilweisen häuslichen Drittbetreuung als Sonderbedarf begründet daher keine vom Obersten Gerichtshof aufzugreifende Fehlbeurteilung.
4.1. Das Erstgericht hat – disloziert in seiner rechtlichen Beurteilung – Feststellungen zum Umfang der häuslichen Drittbetreuung des Antragstellers getroffen. Offenkundig unter Anwendung des § 34 AußStrG erachtete es die Berücksichtigung der Kosten der Haushaltshilfe im Umfang eines Viertels als Sonderbedarf für angemessen.
4.2. Die verfahrensrechtliche Entscheidung des Erstgerichts über die Anwendung des § 34 AußStrG wäre im Rekurs zu bekämpfen gewesen (vgl RS0040282 zu § 273 ZPO); dies kann im Revisionsrekurs nicht nachgeholt werden (vgl RS0043111 [T18, T26]).
5.1. Der Revisionsrekurswerber geht zutreffend davon aus, dass Sonderbedarf dann zusätzlich zuzusprechen ist, wenn der Unterhaltsberechtigte lediglich deshalb Unterhaltsbeiträge erhält, die nicht der vollen Leistungsfähigkeit des Unterhaltsschuldners entsprechen, weil er schon die „Luxusgrenze“ erreicht hat (RS0047525 [T8]).
Dem Unterhaltspflichtigen muss aber ein zur Deckung der seinen Lebensverhältnissen angemessenen Bedürfnisse entsprechender Betrag verbleiben (RS0047544 [T3]). Diese Voraussetzung wurde in einem Fall als erfüllt angesehen, in dem dem Unterhaltspflichtigen neben dem begehrten Sonderbedarf und seinen sonstigen Unterhaltspflichten monatlich mehr als 7.000 EUR für seinen eigenen Unterhalt verblieben (3 Ob 144/10p).
5.2. Die Beurteilung der Vorinstanzen, die angesichts des festgestellten Einkommens des Vaters auch im vorliegenden Fall die Tragung des Sonderbedarfs als zumutbar ansahen, hält sich im Rahmen dieser Rechtsprechung. Eine vom Obersten Gerichtshof aufzugreifende Fehlbeurteilung wird auch in diesem Zusammenhang nicht aufgezeigt.
6. Der Revisionsrekurs ist daher mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückzuweisen.
7. Die Kostenentscheidung gründet sich auf § 78 Abs 2 AußStrG. |
JJT_20191217_OGH0002_0090OB00046_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127253 | 9Ob46/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0090OB00046_19H0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0090OB00046_19H0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 3,650 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsrekursgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Hopf als Vorsitzenden, die Hofrätinnen und Hofräte Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hargassner, Mag. Korn und Dr. Stefula als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj S*, geboren am * 2006, und des mj J*, geboren am * 2009, beide vertreten durch das Land Niederösterreich als Kinder- und Jugendhilfeträger (Bezirkshauptmannschaft St. Pölten, Am Bischofteich 1, 3100 St. Pölten), wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs des Vaters C*, vertreten durch Dr. Ingrid Köhler, Rechtsanwältin in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 22. Mai 2019, GZ 23 R 176/19h-81, mit dem dem Rekurs der Minderjährigen und dem Rekurs des Vaters gegen den Beschluss des Bezirksgerichts Tulln vom 19. März 2019, GZ 15 Pu 21/19z-70, nicht Folge gegeben wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Die beiden Minderjährigen sind die ehelichen Kinder von C* und Co*. Seit der Scheidung der Eltern werden sie überwiegend im mütterlichen Haushalt betreut. Die Obsorge kommt beiden Elternteilen zu.
Mit Beschluss vom 26. 1. 2017 wurde der Vater zu einem monatlichen Unterhalt von 635 EUR je Kind verpflichtet, ausgehend von einer Bemessungsgrundlage von monatlich 5.142,76 EUR sowie unter Berücksichtigung zweier weiterer Sorgepflichten.
Der Vater beantragt eine Herabsetzung seiner Unterhaltsverpflichtung ab 1. 1. 2019 auf je 350 EUR monatlich mit der Begründung, sein Einkommen habe sich aufgrund des Wegfalls von Überstunden reduziert. Darüber hinaus sei er durch die Erfüllung der Zahlungsplanquoten aus dem eröffneten Schuldenregulierungsverfahren so stark belastet, dass er ohne Zuwendungen Dritter nicht überleben könne.
Die Minderjährigen sprachen sich gegen den Herabsetzungsantrag aus und beantragten ihrerseits ausgehend von einem monatlichen Nettoeinkommen von 5.813 EUR im Jahr 2018 eine Erhöhung für den mj S* auf 850 EUR und für den mj J* auf 710 EUR jeweils ab 1. 1. 2019.
Das Erstgericht setzte den monatlich zu leistenden Unterhalt ab 1. 1. 2019 für den mj S* mit 790 EUR und für den mj J* mit 650 EUR fest und wies das darüber hinausgehende Erhöhungsbegehren der Kinder und den Herabsetzungsantrag des Vaters ab. Ausgehend von einem festgestellten Einkommen des Vaters von monatlich 5.717 EUR im Jahr 2018 ergebe sich nach der Prozentwertmethode für den mj S* ein prozentueller Unterhaltsanspruch in Höhe von 15 % und für den mj J* von 12 % des Einkommens des Vaters. Unter Berücksichtigung der steuerlichen Entlastung ergäben sich 730 EUR für den mj S* und 590 EUR für den mj J*. Diesen Beträgen sei der halbe Familienbonus Plus mit monatlich 62,50 EUR hinzuzuschlagen, womit sich die neu festgesetzten Unterhaltsverpflichtungen ergäben. Das Schuldenregulierungsverfahren sei kein Grund für eine Herabsetzung der Unterhaltsverpflichtung.
Den Rekursen der Minderjährigen gegen die Abweisung des Antrags auf Erhöhung der Unterhaltspflicht auf 845 EUR bzw 705 EUR und des Vaters gegen die Abweisung des Antrags auf Herabsetzung des Unterhalts gab das Rekursgericht nicht Folge. Schulden des Unterhaltsschuldners seien in der Regel nicht geeignet, die Bemessungsgrundlage zu vermindern. Auf die Deckung in der Differenz zwischen dem Existenzminimum gemäß § 291a EO und dem Unterhaltsexistenzminimum gemäß § 291b EO komme es nicht an.
Der Familienbonus Plus führe entgegen der Ansicht des Erstgerichts zu einer Erhöhung des Nettoeinkommens, die bei der Ermittlung des Unterhalts zu berücksichtigen sei. Die vom Erstgericht vertretene Ansicht, dass nach Errechnung des Prozentunterhalts und steuerlicher Entlastung der halbe Familienbonus Plus jeweils dem Unterhalt zugeschlagen worden sei, werde allerdings von den Rechtsmitteln nicht bekämpft. Der Vater habe nur darauf verwiesen, dass das Ergebnis unbillig sei, was jedoch nicht überzeuge. Damit habe es bei der erstinstanzlichen Entscheidung zu verbleiben.
Gegen diesen Beschluss richtet sich der Revisionsrekurs des Vaters mit dem Antrag, die Beschlüsse der Vorinstanzen dahingehend abzuändern, dass der Familienbonus Plus bei der Unterhaltsbemessung nicht zugeschlagen wird.
Die Minderjährigen beantragen, dem Revisionsrekurs nicht Folge zu geben.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist aus den vom Rekursgericht genannten Gründen zulässig, jedoch im Ergebnis nicht berechtigt.
Der Vater macht geltend, dass der Bezug des Familienbonus Plus voraussetze, dass der Unterhalt auch geleistet werde, dies sei ihm jedoch aufgrund des Schuldenregulierungsverfahrens nicht möglich. Daher könne er auch den Familienbonus Plus nicht in Anspruch nehmen.
1. Der Revisionsrekurs betrifft die Frage, wie sich der – durch das Jahressteuergesetz 2018, BGBl I 2018/62, neu eingeführte und erstmals für das Kalenderjahr 2019 zustehende – „Familienbonus Plus“ auf die Bemessung des Kindesunterhalts auswirkt und ob die bisher in der Judikatur des Obersten Gerichtshofs gebräuchliche formelhafte Berechnungsmethode zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen durch die Anrechnung von Transferleistungen dadurch eine Änderung erfährt.
1.1 Beim Familienbonus Plus handelt es sich – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag (§ 33 Abs 3a EStG). Der Familienbonus Plus ist als erster Absetzbetrag von der sich aufgrund des Einkommensteuertarifs errechneten Steuer abzuziehen, ein Steuerbetrag unter null (sogenannte Negativsteuer) kann dadurch aber nicht zustande kommen (RV 190 BlgNR 26. GP 8; Peyerl, Der steuerliche Familienbonus Plus in der Unterhaltsbemessung, iFamZ 2018, 193). Der Familienbonus Plus ersetzt den Kinderfreibetrag nach § 106a EStG aF sowie die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten (vgl 5 Ob 92/19v). Der Familienbonus Plus beträgt, sofern er voll ausschöpfbar ist, bis zum Ablauf des Monats, in dem das Kind das 18. Lebensjahr vollendet hat, für jeden Kalendermonat 125 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit a EStG), ab diesem Zeitpunkt für jeden Kalendermonat 41,68 EUR (§ 33 Abs 3a Z 1 lit b EStG). Voraussetzung für den Bezug des Familienbonus Plus ist der Bezug der Familienbeihilfe für das Kind nach dem FLAG 1967. Er kann von jedem Elternteil beantragt oder zwischen ihnen auch aufgeteilt werden. Im Regelfall ist davon auszugehen, dass der Familienbonus Plus den Eltern jeweils zur Hälfte zusteht (§ 33 Abs 3a Z 3 lit c EStG). § 33 Abs 3a Z 3 lit b EStG betrifft Kinder, für die ein Unterhaltsabsetzbetrag zusteht, also solche, für die vom nicht im selben Haushalt mit dem Kind lebenden Elternteil Unterhaltsleistungen erbracht werden. In diesem Fall ist der Familienbonus Plus mit dem Unterhaltsabsetzbetrag verknüpft, für den nach § 33 Abs 4 Z 3 EStG zusätzlich vorausgesetzt ist, dass der Steuerpflichtige für dieses Kind den gesetzlichen Unterhalt tatsächlich leistet. Für einen Monat, für den kein Unterhaltsabsetzbetrag zusteht, steht dem Unterhaltsschuldner daher auch kein Familienbonus Plus zu. Der Familienbonus Plus kann entweder im Nachhinein im Rahmen der Arbeitnehmerveranlagung oder bereits im Rahmen der monatlichen Lohnverrechnung durch Antrag beim Dienstgeber geltend gemacht werden (4 Ob 139/19y; siehe dazu auch Bräumann, Umfassende Reformen der steuerlichen Familienförderung, iFamZ 2018, 186 [188]; Tews, Familienbonus Plus – Ende der Familienbeihilfen-Anrechnung? EF-Z 2019/3, 8).
1.2 Zur Zweckbestimmung des Familienbonus Plus wird in den Gesetzesmaterialien (RV 190 BlgNR 26. GP 1) Folgendes ausgeführt:
„In einer alternden Gesellschaft ist die Entscheidung für Kinder und deren Erziehung eine zunehmend wichtige Leistung, die für die Gesellschaft erbracht wird. Gerade jene Eltern, die neben der Erziehung ihrer Kinder gleichzeitig berufstätig sind, sind durch die derzeitige Besteuerung im Vergleich zu Kinderlosen besonders stark belastet. Entgegen der bisherigen Förderungslogik soll nicht eine neue staatliche Geldleistung ausgezahlt werden, sondern eine substanzielle Steuerentlastung erfolgen. […] Das österreichische Einkommensteuersystem ist vom Grundsatz der Leistungsfähigkeit geprägt. Das subjektive Nettoprinzip verlangt die Berücksichtigung zwangsläufiger privater Ausgaben, weil diese die steuerliche Leistungsfähigkeit vermindern; der Familienbonus Plus dient der Berücksichtigung dieses Prinzips, weil er dem Umstand Rechnung trägt, dass erwerbstätige Steuerpflichtige, die Kinder haben, weniger leistungsfähig sind als Kinderlose mit gleichem Einkommen. Dabei stellt der Familienbonus Plus weder einen Beitrag des Staates zum Unterhalt der Kinder dar, noch deckt er die Kinderlasten ab, die von den Eltern weiterhin zur Gänze übernommen werden. Der Steuerabzug bewirkt aber, dass sie diese Lasten zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf lastende Steuer dazu verdienen müssen. Der Beitrag des Staates zum Unterhalt bzw zu den Lebenshaltungskosten der Kinder erfolgt über die Familienbeihilfe und Sachleistungen.“
Die Einführung des Familienbonus Plus ist somit eine (weitere) gesetzliche Maßnahme zur steuerlichen Entlastung der Unterhaltsleistungen. Der Steuerabzug soll zu einer „substanziellen Steuerentlastung“ führen und bewirken, dass die Eltern die Unterhaltslasten „zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf lastende Steuer dazuverdienen müssen“.
2. Ausgangspunkt für die Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zur steuerlichen Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen und die damit verbundene Kürzung des Geldunterhalts durch die Anrechnung von Transferleistungen (RS0117015; RS0117023; RS0117084) war die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs.
2.1 Mit Erkenntnis vom 27. Juni 2001, B 1285/00 VfSlg 16.226, hat der Verfassungsgerichtshof die Beschwerde eines Beschwerdeführers gegen die Regelungen über die Nichtabzugsfähigkeit von Unterhaltsleistungen an Kinder bei getrennter Haushaltsführung abgewiesen. Er hat jedoch darauf hingewiesen, dass (zumindest) die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerlich berücksichtigt werden müsse: Der Geldunterhaltspflichtige müsse einerseits durch Kürzung seiner Unterhaltspflicht (in Form einer teilweisen Anrechnung der Transferleistungen) und andererseits durch die Gewährung des Unterhaltsabsetzbetrags insgesamt jene Entlastung erfahren, die erforderlich sei, um die Steuermehrbelastung abzugelten, die im jeweiligen Fall durch die Nichtabzugsfähigkeit der Hälfte des Unterhalts entstehe.
Hintergrund dieser Auffassung ist, dass sich durch die Leistung von Kindesunterhalt aus dem erzielten Einkommen die steuerliche Leistungsfähigkeit der Eltern verringere. Aus diesem Grund seien die Einkommensbestandteile, die vom Steuerpflichtigen an die Unterhaltsberechtigten weitergegeben würden, nicht zur Gänze zu besteuern; die Hälfte des gesetzlich geschuldeten (nach der Prozentsatzmethode ermittelten bzw aus den Regelbedarfsätzen abgeleiteten) Unterhalts müsse im Effekt steuerfrei bleiben (G 168/96, G 285/96 VfSlg 14.992). Bei gemeinsamer Haushaltsführung reichten die Transferleistungen Familienbeihilfe und Kinderabsetzbetrag (nach der ab dem Jahr 2000 geltenden Regelung [Familienpakete 2000]) aus, die Unterhaltslasten abzugelten (B 1340/00 VfSlg 16.026). Anderes gelte für den Fall der getrennten Haushaltsführung, weil der unterhaltspflichtige Elternteil nur den Unterhaltsabsetzbetrag geltend machen könne. Dabei sei zu berücksichtigen, dass der Unterhalt von den höchsten Einkommensteilen gezahlt werde; zur Berechnung sei der Grenzsteuersatz nach § 33 Abs 1 EStG heranzuziehen (B 1340/00 VfSlg 16.026). Es müsse nicht der volle Grenzsteuersatz berücksichtigt werden, weil das Einkommen auch steuerlich begünstigte oder steuerfreie Komponenten aufweise. Bei einem Grenzsteuersatz von 50 % genüge es, die Steuerbelastung des Unterhalts mit 40 % anzunehmen (B 1340/00 VfSlg 16.026). Ausgehend von diesen Überlegungen berechnete der Verfassungsgerichtshof die steuerliche Entlastung bei einem Grenzsteuersatz von 50 % mit 20 % des geschuldeten Unterhalts abzüglich des Unterhaltsabsetzbetrags.
Abschließend wies der Verfassungsgerichtshof darauf hin, dass es dem Steuergesetzgeber freilich freistehe, die gebotene Anrechnung im Rahmen des § 12a FLAG 1967 auch pauschalierend vorzusehen (und damit zu erleichtern) oder den verfassungsgesetzlichen Vorgaben durch andere sachliche Regelungen Rechnung zu tragen.
2.2 Im Hinblick auf den eindeutigen Wortlaut des § 12a FLAG 1967, wonach die Familienbeihilfe nicht als eigenes Einkommen des Kindes gilt und dessen Unterhaltsanspruch nicht mindert, hielt der Oberste Gerichtshof an seiner Rechtsprechung (10 Ob 537/94 JBl 1995, 372 ua) fest, dass die Transferleistung nicht auf den Unterhaltsanspruch anzurechnen ist. Im Hinblick auf die durch das Erkenntnis B 1285/00 entstandenen Bedenken gegen die Verfassungskonformität stellte er aber den Antrag an den Verfassungsgerichtshof, § 12a FLAG 1967 als verfassungswidrig aufzuheben (6 Ob 262/01z ua).
2.3 Mit Erkenntnis vom 19. Juni 2002 zu G 7/02 ua, VfSlg 16.562, hob der Verfassungsgerichtshof – vor allem in Anknüpfung an das Erkenntnis zu B 1285/00 (VfSlg 16.226) – den zweiten Halbsatz des damaligen § 12a FLAG 1967 („die Familienbeihilfe gilt nicht als eigenes Einkommen des Kindes und mindert nicht dessen Unterhaltsanspruch“) als verfassungswidrig auf, um zu ermöglichen, dass dem verfassungsrechtlichen Gebot der steuerlichen Entlastung von Unterhaltslasten durch Transferleistungen entsprochen werde.
2.4 Die verfassungsrechtlichen Vorgaben lassen sich demnach dahin zusammenfassen, dass das Einkommen, aus dem der Geldunterhalt geleistet wird, nicht zur Gänze besteuert werden soll. Vielmehr soll die Hälfte des gesetzlichen Unterhalts steuerfrei bleiben und dies durch eine steuerliche Entlastung der Unterhaltspflicht in der Größenordnung um 20 % bewirkt werden. Dieses Ziel kann entweder durch eine pauschalierende oder sonst sachliche Regelung des Gesetzgebers oder – solange der Gesetzgeber nicht tätig wird – im Rahmen der gerichtlichen Unterhaltsbemessung erreicht werden (B 1285/00 VfSlg 16.226).
3. Im Anschluss an das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs zu G 7/02 ua hat der Oberste Gerichtshof seine unterhaltsrechtliche Judikatur modifiziert (1 Ob 114/02z; 7 Ob 175/02i uva) und zur steuerlichen Entlastung des Unterhaltspflichtigen eine konkrete Berechnungsmethode entwickelt (vgl 5 Ob 37/02f; 9 Ob 94/03v). Dieser Berechnungsmethode liegt die mathematische Formel „Unterhaltsanspruch = Prozentunterhalt minus (Prozentunterhalt mal Grenzsteuersatz mal 0,004) plus Unterhaltsabsetzbetrag“ zugrunde (vgl RS0117084 [T8]; 6 Ob 44/07z). Diese Formel wurde im Hinblick auf den mit der Steuerreform 2009 eingeführten Kinderfreibetrag (§ 106 EStG) dahin modifiziert, dass neben dem Unterhaltsabsetzbetrag auch der Kinderfreibetrag in Höhe der Steuerersparnis zu berücksichtigen ist und die Formel daher wie folgt lautet: „Unterhaltsanspruch = Prozentunterhalt minus (Prozentunterhalt mal Grenzsteuersatz mal 0,004) plus Unterhaltsabsetzbetrag plus Steuerersparnis durch Kinderfreibetrag“ (vgl 6 Ob 240/17p).
4. Aufgrund der in Rede stehenden neuen steuergesetzlichen Regelung stellt sich nunmehr die Frage, ob mit dem Familienbonus Plus die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltsschuldners erreicht ist.
4.1Â Mit der unterhaltsrechtlichen Behandlung des Familienbonus Plus hat sich die Literatur bereits befasst:
Tews (Familienbonus Plus – Ende der Familienbeihilfen-Anrechnung? EF-Z 2019/3, 8) weist zunächst zutreffend darauf hin, dass für die Berücksichtigung des Familienbonus Plus bei der Bemessung des Kindesunterhalts (im Wesentlichen) folgende drei Varianten in Betracht kommen:
a) Gänzliche Vernachlässigung der Steuerersparnis;
b) Erhöhung der Unterhaltsbemessungsgrundlage;
c) keine Erhöhung der Unterhalts-bemessungsgrundlage, aber Berücksichtigung der steuerlichen Entlastung bei der Anrechnung der Familienbeihilfe.
Zusammenfassend schließt Tews aus dem Schweigen des Gesetzgebers zur unterhaltsrechtlichen Problematik, dass die bisherige Unterhaltsbemessung unbeeinflusst bleiben solle.
Nach Gitschthaler (Familienbonus Plus und Unterhaltsrecht, EF-Z 2019, 116) soll – nach der seines Erachtens klaren Absicht des Gesetzgebers – der Familienbonus Plus nicht dem unterhaltsberechtigten Kind, sondern den arbeitenden Eltern zugute kommen. Dies würde die Überlegungen von Tews tragen, wonach der Familienbonus Plus unterhaltsneutral sei. Da es im Unterhaltsrecht auf das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen ankomme, sei der Familienbonus Plus zwar bei der Ermittlung der Unterhaltsbemessungsgrundlage zu berücksichtigen. Die Verwendung der Berechnungsformel dürfe aber nicht dazu führen, dass in jenen Fällen, in denen die Steuerentlastung durch den Familienbonus Plus den Kürzungsbetrag aufgrund der Familienbeihilfen-Anrechnung übersteige, der Unterhalt über das Ergebnis der Prozentsatzmethode hinaus angehoben werde.
Peyerl (Der steuerrechtliche Familienbonus Plus in der Unterhaltsbemessung, iFamZ 2018, 193) und Neuhauser (Einige Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Bemessung des Kindesunterhalts, iFamZ 2018, 196; ders in Schwimann/Kodek5 § 231 ABGB Rz 205) vertreten die Ansicht, dass der Familienbonus Plus als steuerlicher Absetzbetrag das tatsächliche Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen (soweit dessen berechnete Einkommensteuer nicht null sei) und somit die Unterhaltsbemessungsgrundlage erhöhe. Zudem führe der Familienbonus Plus als steuerliche Entlastung des Unterhaltspflichtigen – so wie der Unterhaltsabsetzbetrag und der bisherige Kinderfreibetrag – zu einer Kürzung der Anrechnung von Transferleistungen. Die Berechnungsformel nach der höchstgerichtlichen Judikatur sei entsprechend zu modifizieren.
Kolmasch (Die Anrechnung der Familienbeihilfe auf den Kindesunterhalt ab 2019, Zak 2018, 324; ders, Familienbonus und Unterhalt – zwischen Zweck und Verteilungsfragen, Zak 2019, 144) geht ebenfalls davon aus, dass in der vom Obersten Gerichtshof entwickelten Formel der Kinderfreibetrag durch den Familienbonus Plus ersetzt werden könne. Die Bemessungsgrundlage sei durch den Familienbonus Plus aber nicht zu erhöhen, weil es nicht gerechtfertigt sei, dass der Unterhaltspflichtige auch vom Entlastungseffekt Unterhalt zahlen müsse.
Ähnlich beziehen sich auch Schwimann/Kolmasch (Unterhaltsrecht9 [2018] 158 ff) auf die Berechnungsformel des Obersten Gerichtshofs und weisen darauf hin, dass der Familienbonus Plus im Vergleich zur bisherigen Berechnung zu einer geringeren Kürzung des Unterhalts durch Anrechnung der Transferleistungen führe. In der Berechnungsformel sei der Kinderfreibetrag durch den Familienbonus Plus zu ersetzen und der Grenzsteuersatz als ganze Zahl einzusetzen. Wenn die Berechnung zu einem höheren als dem zivilrechtlich bemessenen Unterhalt führe, sei der zivilrechtlich bemessene Unterhalt zuzusprechen.
Schließlich vertritt auch Bräumann (Umfassende Reform der steuerlichen Familienförderung, iFamZ 2018, 186) die Ansicht, dass der Familienbonus Plus zu einer Kürzung der Anrechnung von Transferleistungen führe. Die Minderung des Unterhalts aufgrund der Anrechnung von Transferleistungen werde durch die steuerlichen Vorteile des Unterhaltspflichtigen reduziert.
4.2 Soweit die zitierten Literaturstimmen auf die Berechnungsformel des Obersten Gerichtshofs Bezug nehmen, versuchen sie, den Familienbonus Plus in die höchstgerichtliche Judikatur zu integrieren. Weiters finden sich in der Literatur Ansätze, die den Familienbonus Plus als unterhaltsneutral bewerten.
4.3 Der Oberste Gerichtshof hat sich erstmals in der Entscheidung zu 5 Ob 236/18v mit den Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Höhe des Unterhalts beschäftigt. Nach dieser Entscheidung erhöht sich durch die Ausnutzung des Familienbonus Plus das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen, das der Unterhaltsleistung zugrunde zu legen ist. Die Frage, ob der Familienbonus Plus auch die Anrechnung der Transferleistungen kürze, wurde in der Entscheidung offen gelassen.
In der Entscheidung zu 5 Ob 92/19v wurde es gleichermaßen als sachgerecht angesehen, wegen der mit dem Familienbonus Plus verbundenen Erhöhung des Nettoeinkommens die Unterhaltsbemessungsgrundlage entsprechend zu erhöhen. Dies gelte jedenfalls in den Fällen, in denen das Ergebnis der vom Obersten Gerichtshof entwickelten Formel ergebe, dass die ausreichende Entlastung des Unterhaltspflichtigen bereits durch den Unterhaltsabsetzbetrag erreicht werde.
5. Aus Anlass der neuen gesetzlichen Regelungen zum Familienbonus Plus ist eine Neuausrichtung der unterhaltsrechtlichen Rechtsprechung insbesondere aufgrund der dadurch bewirkten steuerlichen Entlastung erforderlich.
5.1 Wie bereits dargelegt, lauten die verfassungsrechtlichen Vorgaben für die steuerliche Entlastung des Unterhaltsschuldners dahin, dass das Einkommen, aus dem der Unterhalt geleistet wird, nicht zur Gänze besteuert werden und die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerfrei bleiben soll. Der Verfassungsgerichtshof hat bereits ausgesprochen, dass das verfassungsrechtliche Gebot der (zureichenden) steuerlichen Entlastung von Unterhaltslasten auch im Weg einer gesetzlichen Pauschalierung erfolgen kann. Dem Gesetzgeber stehe es frei, eine Anrechnung von Transferleistungen (zur steuerlichen Entlastung) auch pauschalierend vorzusehen und damit zu erleichtern oder den verfassungsrechtlichen Vorgaben durch andere sachliche (gesetzliche) Regelungen Rechnung zu tragen (B 1285/00 VfSlg 16.226).
Wenn der Gesetzgeber auf die Vorgaben durch den Verfassungsgerichtshof reagiert und den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt hat, dass die Unterhaltspflichtigen die Unterhaltslasten zukünftig aus ihrem unversteuerten Einkommen leisten können und nicht eine darauf leistende Steuer dazuverdienen müssen, besteht das Ziel der in Rede stehenden steuergesetzlichen Maßnahme darin, das Einkommen des Geldunterhaltspflichtigen, aus dem der Unterhalt geleistet wird, im Einklang mit den Vorgaben durch den Verfassungsgerichtshof steuerlich zu entlasten. Auch wenn der Gesetzgeber in den Gesetzesmaterialien nicht auf die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs Bezug nimmt, folgt aus der ident formulierten Zielsetzung mit ausreichender Deutlichkeit, dass der Gesetzgeber den verfassungsrechtlichen Vorgaben Rechnung tragen und die gebotene steuerliche Entlastung durch die neue steuergesetzliche Maßnahme im Weg einer pauschalierenden Regelung umsetzen wollte. Nach den Intentionen des Gesetzgebers soll die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Unterhaltsleistungen nunmehr unmittelbar im Weg der steuergesetzlichen Vorschriften durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag herbeigeführt werden.
5.2 Die Fragen nach der steuerlichen Entlastung, die durch den Familienbonus Plus erreicht werden soll, und nach den Auswirkungen auf die Unterhaltsbemessungsgrundlage können nicht getrennt voneinander beurteilt werden. Vielmehr ist zu fragen, welche unterhaltsrechtliche Lösung mit den Zielsetzungen des Gesetzgebers im Einklang steht.
Nach der Zielrichtung des Steuergesetzgebers soll der ausschöpfbare Teil des Familienbonus Plus in generalisierender Betrachtungsweise dazu dienen, das Unterhaltseinkommen nach den Vorgaben des Verfassungsgerichtshofs steuerfrei zu stellen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der entsprechende Betrag dem Unterhaltspflichtigen verbleibt. Eine Einrechnung in die Unterhaltsbemessungsgrundlage scheidet daher aus. Dies gilt auch dann, wenn die Berücksichtigung des Familienbonus Plus beim Dienstgeber beantragt wird; in einem solchen Fall ist der Familienbonus Plus (ebenso wie der Unterhaltsabsetzbetrag) aus dem „Einkommen“ des Geldunterhaltspflichtigen herauszurechnen.
Der Grundsatz, dass es im Unterhaltsrecht auf das Nettoeinkommen des Unterhaltspflichtigen als die Summe der dem Unterhaltspflichtigen tatsächlich zufließenden verfügbaren Mittel ankomme (vgl RS0013386) und eine Steuerersparnis das Nettoeinkommen erhöhe, gelangt jedenfalls dann nicht zur Anwendung, wenn es sich bei einem Steuerabsetzbetrag um eine zweckbestimmte steuerliche Entlastung und nicht um einen allgemeinen Einkommensbestandteil handelt. Auch die Judikatur, wonach ein dem Unterhaltsschuldner ausgezahlter Kinderzuschuss oder eine solche Kinder- oder Familienzulage die Bemessungsgrundlage (für das jeweilige Kind) erhöht (RS0047467), ist hier nicht einschlägig, weil die genannten Zuschussleistungen an den Unterhaltsschuldner direkt ausgezahlt und für ein bestimmtes Kind gewährt werden und damit für den Unterhalt bzw die Pflege dieses Kindes zu verwenden sind (vgl 1 Ob 76/99d; 4 Ob 139/19y).
5.3 Da nach der Zielsetzung des Gesetzgebers durch den Familienbonus Plus – gemeinsam mit dem Unterhaltsabsetzbetrag – die gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen bewirkt wird, besteht auch kein Anlass mehr, die Unterhaltsleistung durch die Anrechnung von Transferleistungen zu kürzen. Dies bedeutet im Ergebnis, dass sich der Familienbonus Plus und der Unterhaltsabsetzbetrag auf die Unterhaltsleistung nicht auswirken und somit unterhaltsrechtlich neutral bleiben.
5.4 Die substanzielle Steuerentlastung durch den Familienbonus Plus (RV 190 BlgNR 26. GP 1 und 14) führt damit zu einer Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass der Unterhalt nicht mathematisch zu berechnen, sondern vielmehr nach den von Billigkeitsüberlegungen getragenen Rechtsprechungsgrundsätzen im Einzelfall auszumitteln ist (8 Ob 89/17x; 4 Ob 139/19y; 4 Ob 142/19i; vgl auch Schwimann/Kolmasch, Unterhaltsrecht9 151). Es ist systemkonform, wenn die steuerliche Berücksichtigung der Unterhaltslasten zur Gänze in das Steuerrecht verlagert und die zivilrechtliche Unterhaltsbemessung vom „Fremdkörper“ der steuerlichen Entlastung entkoppelt wird (vgl Kolmasch, Glosse zu 6 Ob 240/17p, Zak 2018/198, 111; Neuhauser, Einige Auswirkungen des Familienbonus Plus auf die Bemessung des Kindesunterhalts, iFamZ 2018, 196 [198]).
5.5 Der Einwand, dass bei einem Teil der besserverdienenden Unterhaltspflichtigen durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag (ohne Anrechnung von Transferleistungen) weniger als die Hälfte des gesetzlich geschuldeten Unterhalts steuerfrei gestellt werde, ist rechnerisch durchaus richtig, entspricht aber dem vom Gesetzgeber nunmehr verfolgten Konzept einer pauschalierenden steuerlichen Entlastung. Da der Gesetzgeber bis 31. Dezember 2018 weder die vom Verfassungsgerichtshof im Erkenntnis zu B 1285/00 in den Raum gestellte pauschalierende Entlastung noch eine andere sachliche Regelung umgesetzt hat, um den verfassungsrechtlichen Vorgaben zu entsprechen, hat sich der Oberste Gerichtshof in seiner Rechtsprechung an der Ansicht des Verfassungsgerichtshofs orientiert. Die nunmehr vorgenommene pauschalierende gesetzgeberische Maßnahme kann durchaus zu einer Schlechterstellung bestimmter Gruppen von Betroffenen führen. Eine offenkundige Verfassungswidrigkeit der Neuregelung ist jedoch nicht zu erkennen; der Umstand, dass keine Anrechnung der Transferleistung auf die Unterhaltsleistung mehr erfolgt und sich aus diesem Grund der dem Kind zu leistende Unterhalt erhöht, begründet für sich allein keine Unbilligkeit.
5.6 Zu berücksichtigen ist allerdings, dass für Kinder, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, der gesetzlich festgelegte monatliche Betrag an ausschöpfbarem Familienbonus Plus deutlich niedriger ist als für jüngere Kinder. Ob die in dieser Entscheidung entwickelten Grundsätze für die Unterhaltsbemessung von Kindern ab dem 18. Lebensjahr gleichermaßen gelten oder in dieser Hinsicht Modifikationen geboten sind, muss hier nicht geklärt werden.
6. Zusammenfassend ist festzuhalten:
6.1 Beim Familienbonus Plus handelt es sich – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag. Der Gesetzgeber hat den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt, die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Geldunterhaltspflichtigen nunmehr durch die erwähnten steuergesetzlichen Maßnahmen herbeizuführen. Dadurch findet eine Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht statt. Die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen erfolgt nunmehr durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag. Der Familienbonus Plus ist nicht in die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen; eine Anrechnung von Transferleistungen findet nicht mehr statt. Familienbonus Plus und Unterhaltsabsetzbetrag bleiben damit unterhaltsrechtlich neutral.
6.2 Diese Grundsätze gelten jedenfalls für die Unterhaltsbemessung von Kindern bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. Die Frage, wie sich der Familienbonus Plus auf den Unterhaltsanspruch älterer Kinder auswirkt, wird hier unbeantwortet gelassen.
7. Für den konkreten Fall bedeutet das:
7.1 Da sich der Vater bereits im Rekurs gegen die erstinstanzliche Entscheidung dagegen gewendet hat, dass der halbe Familienbonus Plus in Höhe von 62,50 EUR dem Unterhalt zugeschlagen wird, kann dies auch im Revisionsrekurs geltend gemacht werden.
7.2 Der Familienbonus Plus ist, wie dargelegt, bei der Unterhaltsbemessung nicht zu berücksichtigen. Er ist daher nicht dem Prozentunterhalt zuzuschlagen. Zugleich hat allerdings auch keine steuerliche Entlastung des Unterhalts mehr zu erfolgen. Da diese aber im konkreten Fall den angerechneten halben Familienbonus Plus übersteigt, von den Kindern jedoch gegen die Abweisung des Unterhaltsmehrbetrags kein Rechtsmittel erhoben wurde, hat es im Ergebnis beim vom Erstgericht zugesprochenen Unterhaltsbetrag zu bleiben. Dem Revisionsrekurs war daher nicht Folge zu geben und die Entscheidung der Vorinstanzen zu bestätigen. |
JJT_20191216_OGH0002_0070OB00190_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127255 | 7Ob190/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00190_19W0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0070OB00190_19W0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 745 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Kalivoda als Vorsitzende und die Hofrätinnen und Hofräte Hon.-Prof. Dr. Höllwerth, Dr. Solé, Mag. Malesich und MMag. Matzka als weitere Richter in der Pflegschaftssache der Minderjährigen L* I*, geboren am * 2013, vertreten durch die Mutter H* I*, diese vertreten durch Dr. Marco Nademleinsky, Rechtsanwalt in Wien, Vater DI S* A*, vertreten durch Mag. Brigitta Hülle, Rechtsanwältin in Wien, wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs des Vaters gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 10. September 2019, GZ 45 R 261/19v-144, womit der Beschluss des Bezirksgerichts Fünfhaus vom 16. April 2019, GZ 15 Pu 252/15m-137, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist entgegen dem – den Obersten Gerichtshof nach § 71 Abs 1 AußStrG – nicht bindenden Zulassungsausspruch des Rekursgerichts nicht zulässig. Die Zurückweisung des Revisionsrekurses kann sich auf die Ausführung der Zurückweisungsgründe beschränken (§ 71 Abs 3 AußStrG).
1.1 Der Unterhaltsschuldner hat alle Kräfte anzuspannen, um seiner Verpflichtung nachkommen zu können; er muss alle persönlichen Fähigkeiten, insbesondere seine Arbeitskraft so gut wie möglich einsetzen. Tut er dies nicht, wird er so behandelt, als bezöge er Einkünfte, die er bei zumutbarer Erwerbstätigkeit hätte erzielen können (RS0047686). Die für die Ausmittlung des konkreten Unterhaltsbedarfs zu bestimmende Leistungsfähigkeit des Unterhaltspflichtigen ist danach zu bemessen, wie ein pflichtbewusster Elternteil in der konkreten Lage des Unterhaltspflichtigen die diesem zur Erzielung von Einkommen zur Verfügung stehenden Mittel an Arbeitskraft und Vermögen vernünftigerweise einsetzen würde (RS0113751). Bei Begründung einer selbständigen Erwerbstätigkeit durch den Unterhaltspflichtigen muss während der von der Art des Betriebs und der Zielstrebigkeit sowie den persönlichen Bemühungen des Unternehmens abhängigen Übergangsfrist vom Unterhaltsberechtigten auch eine vorübergehende Unterhaltsreduktion in Kauf genommen werden. Einkommenseinbußen sind aber nur dann hinzunehmen, wenn es sich um die Begründung einer realistischen Einkommensquelle handelt und in absehbarer Zeit mit einem gegenüber dem bisherigen höheren angemessenen Einkommen gerechnet werden kann (RS0087653). Stellt sich heraus, dass mit solchen Einkünften in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist, so muss der Schuldner entweder eine zumutbare Nebenbeschäftigung annehmen oder wieder unselbständig tätig werden (RS0047686 [T10]; vgl RS0087653 [T3]).
1.2 Ob der Anspannungsgrundsatz anwendbar ist, richtet sich jeweils nach den besonderen Verhältnissen des Einzelfalls (RS0007096) und begründet damit in der Regel keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG.
1.3 Der Vater war von Jänner 2015 bis November 2016 als unselbständiger Architekt tätig. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage seines damaligen Arbeitgebers erfolgte im April 2015 eine Reduzierung der Wochenstunden und im November 2016 seine Kündigung. In diesem Zeitraum brachte er zwischen 869 und 930 EUR monatlich (netto) ins Verdienen. Nachdem er bereits Ende 2015 wegen unsicherer Auftragslage mit einer – zusätzlich ausgeübten – selbständigen Tätigkeit gescheitert war, startete er im Mai 2017 einen neuerlichen Versuch. Im Zeitraum 1. 5. 2017 bis 30. 7. 2018 verdiente er – nach Berücksichtigung eines Gründungszuschusses von 880 bzw 339 EUR – 339 bzw 971,08 EUR (netto) pro Monat. Seit 1. 4. 2019 ist er wiederum – im Ausmaß von 32 Wochenstunden – unselbständig tätig und bezieht ein Monatsbruttogehalt von 2.000 EUR. Er hätte ab 1. 12. 2015 – unter Anspannung seiner Kräfte ab 1. 6. 2015 – eine Vollzeitbeschäftigung als angestellter Architekt mit Spezialkenntnissen der 3D-Visualisierungen ausüben und jedenfalls ein monatliches Nettoeinkommen von 2.184 EUR beziehen können.
1.4 Die Vorinstanzen gingen davon aus, dass ein pflichtgemäßer Familienvater in der gegebenen Situation weder bloß geringfügig bezahlten Teilzeitbeschäftigungen nachgegangen wäre, noch versucht hätte, eine – bereits kurz davor gescheiterte – selbständige Tätigkeit wiederaufzunehmen. Er hätte sich vielmehr bereits nach Reduzierung seiner Wochenstunden um eine unselbständige Vollzeitbeschäftigung bemüht und eine solche auch spätestens mit 1. 12. 2015 gefunden. Vor diesem Hintergrund sei eine Anspannung auf jenes Einkommen vorzunehmen, das er bei einem entsprechend pflichtgemäßen Verhalten erzielt hätte. Diese Beurteilung hält sich im Rahmen der Judikatur und ist im Einzelfall nicht zu beanstanden.
2.1 Die mit der Ausübung des üblichen Besuchsrechts verbundenen Kosten des Unterhaltspflichtigen können die Unterhaltsbemessung grundsätzlich nicht schmälern (RS0047505). Die Rechtsprechung anerkennt aber, dass ein unterhaltspflichtiger Elternteil seiner Besuchspflicht nachkommen können muss, ohne den eigenen Unterhalt zu gefährden (RS0121100). Der Oberste Gerichtshof hat auch bereits dahin Stellung genommen, dass es dem Kindeswohl entspricht, den Geldunterhalt in gewissen Grenzen zu reduzieren, um so den Besuchskontakt zu ermöglichen, wenn der geldunterhaltpflichtige Elternteil auch bei Anspannung seiner Kräfte und unter Reduzierung seiner eigenen Bedürfnisse auf das Existenzminimum nicht in der Lage ist, sowohl den nach der Prozentkomponente ermittelten Geldunterhalt zu leisten als auch die Besuchskosten zu tragen, (3 Ob 10/09f).
2.2 Damit konnten die Vorinstanzen, die vom Vater als erheblich erachtete Frage bereits durch Anwendung der bestehenden Rechtsprechung dahin klären (RS0118640), dass für die Beurteilung einer allfälligen Unterhaltsminderung durch Besuchskosten nicht vom tatsächlichen Einkommen, sondern von jenem auszugehen ist, das unter Anspannung der Kräfte hätte erzielt werden können.
3. Dieser Beschluss bedarf keiner weiteren Begründung (§ 71 Abs 3 ZPO). |
JJT_20191217_OGH0002_0100OB00065_19K0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127258 | 10Ob65/19k | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191217_OGH0002_0100OB00065_19K0000_000/JJT_20191217_OGH0002_0100OB00065_19K0000_000.html | 1,576,540,800,000 | 1,136 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Neumayr als Vorsitzenden sowie die Hofrätinnen Dr. Fichtenau und Dr. Grohmann, den Hofrat Mag. Ziegelbauer und die Hofrätin Dr. Faber als weitere Richter in der Pflegschaftssache des minderjährigen Kindes M*, geboren * 2003, wegen Unterhalt, über den Revisionsrekurs des Kindes, in Unterhaltssachen vertreten durch das Land Vorarlberg als Träger der Kinder- und Jugendhilfe (Bezirkshauptmannschaft Bregenz, Jugendwohlfahrt, 6901 Bregenz, Bahnhofstraße 41), gegen den Beschluss des Landesgerichts Feldkirch als Rekursgericht vom 25. Juli 2019, GZ 1 R 138/19f-30, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Bezau vom 12. April 2019, GZ 2 Pu 44/09g-27, teilweise abgeändert wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Gegenstand des Revisionsrekursverfahrens ist nur mehr die vom Kind beantragte Erhöhung des Geldunterhaltsbeitrags des Vaters ab dem 1. 1. 2019.
Das 16-jährige Kind befindet sich in Pflege und Erziehung der Mutter und hat kein eigenes Einkommen. Der Vater war bisher aufgrund des Beschlusses des Erstgerichts vom 20. 12. 2013 ab 1. 8. 2013 zu einer monatlichen Unterhaltsleistung von 321 EUR an das Kind verpflichtet.
Der geldunterhaltspflichtige Vater bezieht ein monatliches Nettodurchschnittseinkommen von 2.027,11 EUR inklusive anteiliger Sonderzahlungen. Er hat keine weiteren Sorgepflichten zu erfüllen.
Das Kind beantragte, den Vater ab 1. 8. 2018 bis 31. 12. 2018 zu monatlichen Unterhaltsbeiträgen von 437 EUR und ab 1. 1. 2019 zu monatlichen Unterhaltsbeiträgen von 481 EUR zu verpflichten. Der Vater habe unter Berücksichtigung anteiliger Sonderzahlungen und einer Versehrtenrente von August 2018 bis Dezember 2018 ein monatliches Durchschnittseinkommen von 2.063 EUR erzielt, und ab 1. 1. 2019 unter Berücksichtigung des Familienbonus Plus ein monatliches Durchschnittseinkommen von 2.188 EUR.
Der Vater beteiligte sich weder am erstinstanzlichen Verfahren noch am Rechtsmittelverfahren.
Das Erstgericht verpflichtete den Vater, zusätzlich zu der ihm bisher auferlegten Unterhaltsverpflichtung von monatlich 321 EUR für die Zeit vom 1. 8. 2018 bis 31. 12. 2018 einen weiteren monatlichen Unterhaltsbetrag von 99 EUR, gesamt daher monatlich 420 EUR, und ab 1. 1. 2019 einen weiteren monatlichen Betrag von 124 EUR, gesamt daher monatlich 445 EUR zu leisten; das Mehrbegehren von monatlich 17 EUR für den Zeitraum 1. 8. 2018 bis 31. 12. 2018 und von monatlich 36 EUR ab 1. 1. 2019 wies es ab. Der Vater habe einen Geldunterhaltsbeitrag von 22 % seines Nettoeinkommens zu leisten. Ausgehend vom monatlichen Nettoeinkommen von 2.027,11 EUR inklusive anteiliger Sonderzahlungen errechne sich ein monatlicher Unterhaltsbeitrag von 445 EUR für das Kind. Die dem Obsorgeberechtigten zufließenden Transferleistungen seien bei der Unterhaltsbemessung auch ohne Antrag zu berücksichtigen. Dies ergebe für den Zeitraum ab 1. 1. 2019 einen Unterhaltsanspruch von 474,70 EUR (berechnet vom Erstgericht nach der Formel: Unterhalt = 445 - [445 x 35 x 0,004] + 29 + 63). Da der Familienbonus Plus seit 1. 1. 2019 bereits bei der Berechnungsformel der steuerlichen Entlastung berücksichtigt worden sei, sei er der Bemessungsgrundlage nicht noch einmal hinzuzurechnen.
Das Rekursgericht gab dem vom Kind gegen diesen Beschluss im Umfang der Abweisung des Unterhaltsmehrbegehrens für den Zeitraum 1. 8. 2018 bis 31. 12. 2018 Folge und verpflichtete den Vater zur Zahlung eines weiteren Unterhaltsbeitrags für diesen Zeitraum von monatlich 107 EUR, gesamt daher zur Zahlung eines Unterhaltsbeitrags von monatlich 428 EUR. In diesem Umfang erwuchs die Entscheidung des Rekursgerichts mangels Anfechtung in Rechtskraft.
Im Umfang der Abweisung eines Unterhaltsmehrbegehrens von 36 EUR monatlich ab 1. 1. 2019 gab es dem Rekurs des Kindes hingegen nicht Folge. Es sei von einem höheren monatlichen Nettoeinkommen des Vaters, nämlich 2.061 EUR, auszugehen. Der Familienbonus Plus erhöhe das tatsächliche Nettoeinkommen des Unterhaltsverpflichteten. Die Unterhaltsbemessungsgrundlage sei daher ab dem 1. 1. 2019 mit 2.186 EUR monatlich anzunehmen. Ausgehend davon errechne sich der Unterhaltsanspruch des Kindes in Höhe von 22 % mit monatlich 480 EUR seit 1. 1. 2019. Der Familienbonus Plus dürfe allerdings nicht durch zweimalige Berücksichtigung auch bei der Berechnung der steuerlichen Entlastung zu einer Bevorzugung des Kindes führen. Setze man den neu ermittelten Prozentunterhaltswert von 480 EUR und die vom Erstgericht unstrittig angenommenen Werte in die Formel [Unterhalt = Prozentunterhalt – (Prozentunterhalt x Berechnung Steuersatz x 0,004) + Unterhaltsabsetzbetrag] ein, errechne sich der steuerlich entlastete Unterhalt mit 442 EUR monatlich [480 - (480 x 35 x 0,004) + 29]. Wenn das Erstgericht den Unterhaltsbeitrag des Vaters ab 1. 1. 2019 mit monatlich 445 EUR festgesetzt habe, könne sich das Kind dadurch nicht als beschwert erachten.
Den Revisionsrekurs an den Obersten Gerichtshof ließ das Rekursgericht mit der Begründung zu, dass Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs zu allen steuerlichen Auswirkungen des Familienbonus Plus fehle.
Gegen diesen Beschluss richtet sich der vom Vater nicht beantwortete Revisionsrekurs des Kindes, mit dem das Kind die Erhöhung des Unterhalts um weitere 36 EUR monatlich ab 1. 1. 2019 anstrebt.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist zulässig, aber nicht berechtigt.
Das Kind macht im Revisionsrekurs geltend, dass auch der Familienbonus Plus ab 1. 1. 2019 – ebenso wie bis zu diesem Zeitpunkt der Kinderfreibetrag – bei der Berechnung der Steuerersparnis zusätzlich zum Unterhaltsabsetzbetrag in die vom Rekursgericht verwendete Formel für die Berechnung des Unterhalts einzusetzen sei. Da die hier nach zivilrechtlichen Kriterien ermittelte Unterhaltspflicht deutlich unter 600 EUR liege und das Einkommen des unterhaltspflichtigen Vaters nur dem Grenzsteuersatz von 35 % unterliege, bleibe für die Kürzung des Unterhalts aus steuerlichen Gründen kein Raum mehr, sondern habe es bei dem nach zivilrechtlichen Kriterien zu bemessenden Unterhalt zu bleiben.
Dem kommt im Ergebnis keine Berechtigung zu.
1.1 Der Oberste Gerichtshof hat sich in der erst nach der Beschlussfassung des Rekursgerichts ergangenen Entscheidung 4 Ob 150/19s ausführlich mit der Frage der Behandlung des Familienbonus Plus im Unterhaltsrecht auseinandergesetzt. Mit dieser Entscheidung erfolgte aus Anlass der neuen gesetzlichen Regelung zum Familienbonus Plus mit dem Jahressteuergesetz 2018, BGBl I 2018/62, eine Neuausrichtung der unterhaltsrechtlichen Rechtsprechung.
1.2 Nach der Entscheidung 4 Ob 150/19s handelt es sich beim Familienbonus Plus – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag. Der Gesetzgeber hat den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt, die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Geldunterhaltspflichtigen nunmehr durch die in dieser Entscheidung ausführlich dargestellten steuergesetzlichen Maßnahmen herbeizuführen. Dadurch findet eine Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht statt. Die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung des Geldunterhaltspflichtigen erfolgt nunmehr durch den Familienbonus Plus und den Unterhaltsabsetzbetrag. Der Familienbonus Plus ist nicht in die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen. Eine Anrechnung von Transferleistungen findet nicht mehr statt. Familienbonus Plus und Unterhaltsabsetzbetrag bleiben damit unterhaltsrechtlich neutral.
1.3 Diesen ausführlichen Erwägungen schließt sich der erkennende Senat an. Da das Kind das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, bedarf es auch im vorliegenden Fall keiner Auseinandersetzung mit der auch in 4 Ob 150/19s offen gelassenen Frage, wie sich der Familienbonus Plus auf den Unterhaltsanspruch älterer Kinder auswirkt.
2.1 Das Erstgericht ist im Ergebnis daher zu Recht davon ausgegangen, dass der Familienbonus Plus die Unterhaltsbemessungsgrundlage für den hier zu beurteilenden Zeitraum ab 1. 1. 2019 nicht erhöht. Es hat dem Kind ausgehend davon und unter Berücksichtigung eines monatlichen Nettoeinkommens des Vaters von 2.027,11 EUR einen Unterhaltsbeitrag unter Anwendung der als Orientierungshilfe dienenden Prozentsatzmethode (vgl RS0057284) zuerkannt.
2.2 Unterhalt ist nicht mathematisch zu berechnen, sondern vielmehr im Einzelfall nach den von Billigkeitsüberlegungen getragenen Grundsätzen der Rechtsprechung auszumitteln (4 Ob 150/19s mwH; RS0057284 [T14]). Das Rekursgericht ist bei seinen rechtlichen Ausführungen zwar von einem – vom Kind im Rekurs auch mit 2.063 EUR nahezu betragsgleich behaupteten – geringfügig höheren monatlichen Nettoeinkommen des Vaters ausgegangen als das Erstgericht. Es hat aber die vom Erstgericht getroffene Entscheidung für den Zeitraum ab 1. 1. 2019 im Ergebnis bestätigt. Eine unter Berücksichtigung des vom Rekursgericht angenommenen geringfügig höheren Einkommens des Vaters nach Billigkeitsüberlegungen unrichtige Festsetzung des Unterhalts durch die Vorinstanzen macht das Kind auch im Revisionsrekurs nicht geltend, sondern verlangt selbst die Festsetzung des Unterhalts nach zivilrechtlichen Grundsätzen.
Dem Revisionsrekurs war daher im Ergebnis nicht Folge zu geben. |
JJT_20191218_OGH0002_0050OB00181_19G0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127263 | 5Ob181/19g | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00181_19G0000_000/JJT_20191218_OGH0002_0050OB00181_19G0000_000.html | 1,576,627,200,000 | 888 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann, die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Pflegschaftssache des Mag. Dr. A*, wegen Bestellung eines Abwesenheitskurators, über den außerordentlichen Revisionsrekurs der Antragstellerin V* AG, *, vertreten durch die Themmer Toth & Partner Rechtsanwälte GmbH, Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 3. September 2019, GZ 44 R 341/19a-9, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen.
Begründung:
Rechtliche Beurteilung
1.1 Seit dem KindRÄG 2001 (BGBl I 2000/135) ist die Bestellung eines Abwesenheitskurators gegenüber § 116 ZPO und § 5 Abs 2 Z 1 lit b AußStrG subsidiär (vgl dazu 10 Ob 9/15v). Dieser Grundsatz hat durch die Modernisierung des Kuratorenrechts mit dem 2. Erwachsenenschutzgesetz, BGBl I 2017/59, keine Änderung erfahren (RV 1461 BlgNR 25. GP 6 [Pkt 4.9], 47).
1.2 Nach § 277 Abs 1 Z 3 ABGB idF BGBl I 2017/59 ist für eine Person, die ihre Angelegenheiten nicht selbst besorgen kann, weil sie abwesend ist, ein Kurator zu bestellen, wenn diese Angelegenheiten nicht durch einen anderen Vertreter wahrgenommen werden können und hierdurch die Interessen dieser Person gefährdet sind. Damit wird eine allgemeine Subsidiarität der Kuratorenbestellung angeordnet, wobei unter einem anderen Vertreter auch ein Kurator, der nach einer speziellen Rechtsgrundlage (etwa nach den Bestimmungen der ZPO oder des AußStrG) bestellt wird, zu verstehen ist (RV 1461 BlgNR 25. GP 47). Wie nach der Rechtslage vor dem 2. ErwSchG ist die Bestellung eines Abwesenheitskurators nach dieser Gesetzestelle durch das Pflegschaftsgericht daher nicht zulässig, wenn etwa mit einem Zustellkurator nach § 5 Abs 2 Z 1 lit b AußStrG oder nach § 116 ZPO das Auslangen gefunden werden kann. Sie kommt daher nur dann in Betracht, wenn von vornherein feststeht, dass über das konkret zu führende (oder bereits anhängige) Verfahren hinaus weitere Angelegenheiten durch den Kurator zu besorgen sein werden (10 Ob 9/15v mwN).
2. Die zu § 116 ZPO ergangene Rechtsprechung gilt auch für die hier anzuwendende Bestimmung des § 5 Abs 2 Z 2 lit b AußStrG (vgl dazu RIS-Justiz RS0124758), nach der das Gericht für die Bestellung eines Kurators durch das Pflegschaftsgericht zu sorgen hat, wenn eine Partei unbekannten Aufenthalts ist und ohne einen solchen Vertreter die Partei oder ein Dritter in der Verfolgung ihrer Rechte beeinträchtigt werden könnten. Grundsätzlich muss der Antragsteller auch in einem solchen Fall daher vorerst versuchen, den Aufenthalt des anderen Teils zu ermitteln, und die Vergeblichkeit dieses Versuchs, also seine unverschuldete Unkenntnis des Aufenthalts, dem Gericht bescheinigen. Eine Verpflichtung, umfangreiche Erhebungen anzustellen, kommt dabei regelmäßig jedoch nicht in Betracht (RS0036476; RS0049217 [T1]). Liegen aber die Voraussetzungen des § 277 ABGB idF BGBl I 2017/59 tatsächlich nicht vor, dann gilt weiterhin, dass die Kuratorbestellung und das in der Folge mit diesem durchgeführte Verfahren nichtig sind (RS0036484; vgl auch RS0107115).
3.1 Im vorliegenden Fall ist die Anschrift der Person, für die die Revisionsrekurswerberin (ausdrücklich) die Bestellung eines Kurators durch das Pflegschaftsgericht nach § 277 Abs 1 Z 3 ABGB anstrebt, bekannt. Die Antragstellerin verweist selbst auf deren Kenntnis von den gegen sie eingeleiteten Verfahren. Für eine Person bekannten Aufenthalts ist aber grundsätzlich kein Abwesenheitskurator zu bestellen, sofern die Zustellung an der bekannten Anschrift möglich ist (vgl RS0034200). Im Allgemeinen ist auch der Versuch zu unternehmen, an der bekannt gegebenen Adresse eine Zustellung im Rechtshilfeweg durchzuführen (vgl 1 Ob 109/17m). Das ist nach der Aktenlage bislang noch nicht erfolgt.
3.2 Nach § 277 Abs 1 Z 3 iVm Abs 3 ABGB ist im Interesse einer dritten Person ein Kurator zwar auch dann zu bestellen, wenn der Dritte ansonsten an der Durchsetzung seiner Rechte aus dem Rechtsverhältnis mit der abwesenden Person gehindert wäre. Darauf bezieht sich die Antragstellerin erkennbar, wenn sie geltend macht, dass ihrem Rechtsschutzanspruch in einem Exekutionsverfahren bzw in einem Insolvenzverfahren nicht entsprochen werde, vermag damit jedoch keine im Einzelfall (vgl dazu RS0036476 [T4]; RS0044088) aufzugreifende Fehlbeurteilung der Vorinstanzen aufzuzeigen.
3.3 Die Bestimmung des § 277 Abs 1 Z 3 iVm Abs 3 ABGB geht zwar insoweit über § 116 ZPO hinaus, als sie ausdrücklich auf ein „berechtigtes Interesse“ des Dritten an der Durchsetzung seiner Rechte abstellt (vgl zu § 270 ABGB aF: RS0049239 [T1]). Die Kuratorenbestellung zur Wahrung von Interessen dritter Personen soll aber grundsätzlich nur dann möglich sein, wenn dadurch ein gerechtfertigtes Interesse, nämlich die Ermöglichung der Rechtsdurchsetzung, verfolgt wird. Die Bestellung soll nicht dazu führen, dass in einem gerichtlichen Verfahren ein Titel erwirkt wird, dessen Durchsetzung von vornherein aussichtslos ist. Dies würde dem Interesse der dritten Person nicht zum Durchbruch verhelfen (RV 1461 BlgNR 25. GP 49). Inwieweit für die Durchsetzung ihrer Rechte die Einhaltung von Fristen unumgänglich wäre oder sonst mit der erforderlichen Auslandszustellung eine über die mit der Zeitverzögerung, die eine Zustellung im Rechtshilfeweg zwangsläufig mit sich bringt, hinausgehende Beeinträchtigung von berechtigten Interessen verbunden sein könnte, legt die Revisionsrekurswerberin nicht dar und ist auch nicht zu erkennen. Sie stützt sich lediglich darauf, dass ihrem Rechtsschutzanspruch nicht entsprochen werde, weil sich der „Abwesende“ an den Verfahren trotz (der auf informeller Verständigung beruhenden) Kenntnis nicht an diesen beteilige. Damit liegt auch keine im Einzelfall korrekturbedürftige Entscheidung vor, wenn das Rekursgericht die Voraussetzungen für die Bestellung eines Abwesenheitskurators als (derzeit noch) nicht gegeben erachtete. Der Umstand, dass sich eine Partei, deren Anschrift bekannt ist und der Schriftstücke auch zugestellt werden könnten (was formwirksam mangels eines darauf gerichteten Antrags bislang noch nicht versucht wurde), nicht an einem Verfahren beteiligt, bietet nämlich noch keinen Anlass zur Bestellung eines Abwesenheitskurators. Eine sich nach wirksam erfolgter Zustellung passiv verhaltende Partei bedarf keines Kurators zur Wahrung ihrer Rechte; die berechtigten Interessen des Dritten sind in einem solchen Fall im Verfahrensrecht gewahrt (§ 98 ZPO iVm § 252 IO und § 98 ZPO iVm § 78 EO).
4. Einer weiteren Begründung bedarf dieser Beschluss nicht (§ 71 Abs 3 AußStrG). |
JJT_20191216_OGH0002_0010OB00171_19G0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127278 | 1Ob171/19g | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00171_19G0000_000/JJT_20191216_OGH0002_0010OB00171_19G0000_000.html | 1,576,454,400,000 | 1,369 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Hofrat Mag. Wurzer als Vorsitzenden sowie die Hofräte und Hofrätinnen Mag. Dr. Wurdinger, Dr. Hofer-Zeni-Rennhofer, Dr. Parzmayr und Dr. Faber als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj F* V*, geboren am * 2004, vertreten durch das Land Oberösterreich als Kinder- und Jugendhilfeträger (Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen, *), wegen Unterhalts, über den Revisionsrekurs des Minderjährigen gegen den Beschluss des Landesgerichts Wels als Rekursgericht vom 22. Mai 2019, GZ 21 R 56/19p-31, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Grieskirchen vom 28. Jänner 2019, GZ 1 Pu 124/18w-27, teils aufgehoben und teils abgeändert wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird nicht Folge gegeben.
Text
Begründung:
Das 15-jährige Kind steht in Obsorge seiner Mutter und wird von dieser betreut. Der geldunterhaltspflichtige Vater war bisher aufgrund der vor dem Kinder- und Jugendhilfeträger geschlossenen Vereinbarung vom 18. 4. 2016 zu einer monatlichen Unterhaltsleistung von zuletzt 340 EUR verpflichtet.
Der Vater verdient derzeit 1.516 EUR netto im Monatsdurchschnitt. Sein vorheriges Dienstverhältnis wurde durch den Arbeitgeber aus wirtschaftlichen Gründen beendet. Er ist verheiratet und hat noch für einen (im Juni 2016 geborenen) weiteren Sohn zu sorgen. Seine Ehefrau verfügt über ein monatliches Einkommen von 600 EUR.
Das Rechtsmittelverfahren betrifft nur die Unterhaltsbeiträge des Vaters ab 1. 2. 2019.
Der Vater beantragte die Herabsetzung seiner monatlichen Unterhaltsverpflichtung ab 1. 1. 2019 auf 265 EUR. Sein letztes Dienstverhältnis sei vom Arbeitgeber aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt worden. Danach sei er fast acht Monate arbeitslos gewesen. Er habe zwar wieder eine Beschäftigung gefunden, verdiene aber weniger als früher. Außerdem habe er geheiratet und habe für seinen zweieinhalb Jahre alten Sohn zu sorgen. Seine Ehefrau betreue den gemeinsamen Sohn und arbeite nur geringfügig, wobei sie rund 600 EUR verdiene. Er sei daher auch für sie teilweise sorgepflichtig. Sein durchschnittliches monatliches Nettoeinkommen betrage 1.516 EUR, sodass sein Sohn nach teilweiser Anrechnung der Transferleistungen einen Unterhaltsanspruch von 265 EUR habe.
Das Kind trat – vertreten durch den Kinder- und Jugendhilfeträger – dem Herabsetzungsantrag entgegen. Seine Mutter beziehe nur eine Pension von 864 EUR monatlich. Der Vater habe ab 1. 1. 2019 Anspruch auf den Familienbonus Plus, wobei er zumindest die Hälfte des Familienbonus Plus in Anspruch nehmen könne. Dadurch müsste es ihm möglich sein, einen höheren Unterhalt als 265 EUR monatlich zu leisten.
Das Erstgericht setzte den vom Vater zu leistenden monatlichen Unterhalt antragsgemäß ab 1. 1. 2019 auf 265 EUR herab. Seit der letzten Unterhaltsvereinbarung seien zwei Sorgepflichten des Vaters – die für seinen zweieinhalb Jahre alten Sohn und seine Ehefrau – dazugekommen. Für beide sei nach der Prozentmethode vom Prozentsatz für das Kind von 20 % je ein Prozentpunkt abzuziehen. Es habe daher Anspruch auf Unterhalt in Höhe von 18 % der Bemessungsgrundlage von 1.516 EUR, somit rund 273 EUR. Nach Berücksichtigung der Transferleistungen (Familienbeihilfe und Unterhaltsabsetzbetrag) verringere sich der dem Kind zustehende Unterhalt auf 265 EUR. Die Schwelle, ab der wegen des Familienbonus Plus eine Anrechnung überhaupt in Frage komme, liege bei minderjährigen Kindern bei einem Unterhalt von 500 EUR im Monat.
Das Rekursgericht hob aus Anlass des Rekurses des Kindes den erstinstanzlichen Beschluss, soweit er die Unterhaltspflicht des Vaters für Jänner 2019 betreffe, ersatzlos auf und erklärte das Verfahren über den Antrag des Vaters für diesen Zeitraum infolge der am 16. 1. 2019 erfolgten Eröffnung des Schuldenregulierungsverfahrens über dessen Vermögen für unterbrochen. Im Übrigen gab es dem Rekurs des Kindes teilweise Folge, setzte die monatliche Unterhaltsverpflichtung des Vaters ab 1. 2. 2019 auf 273 EUR herab und wies das Mehrbegehren des Vaters ab. Rechtlich führte es – soweit für das Revisionsrekursverfahren von Relevanz – aus, es schließe sich der von Schwimann/Kolmasch, Unterhaltsrecht9, 158 ff vertretenen Auffassung an, wonach der Familienbonus Plus wie der Unterhaltsabsetzbetrag und der Kinderfreibetrag das Ausmaß, in dem der Unterhaltspflichtige die Kürzung des Unterhalts durch Anrechnung der Transferleistungen verlangen könne, vermindere, und dass aufgrund der Anspannungsobliegenheit der Familienbonus Plus bei der Anrechnung zumindest mit dem halben Betrag auch dann zu berücksichtigen sei, wenn der Unterhaltsschuldner diesen Absetzbetrag trotz Vorliegens der Voraussetzungen nicht beantrage. Teile der betreuende Elternteil dem Geldunterhaltspflichtigen mit, seine Hälfte des Familienbonus Plus ihm zu überlassen, oder habe der Geldunterhaltspflichtige sichere Anhaltspunkte dafür, dass der betreuende Elternteil seinen Familienbonus Plus nicht in Anspruch nehmen werde, müsse er den vollen Betrag geltend machen. Tue er dies nicht, sei bei der Anrechnung im Weg der Anspannung der volle Betrag anzusetzen. Da der Vater als unselbständig Erwerbstätiger den Familienbonus Plus ab Jänner 2019 auch laufend im Rahmen der Lohnverrechnung berücksichtigen lassen könne (§ 129 EStG), müsse er aus unterhaltsrechtlicher Sicht den Weg über die Lohnverrechnung wählen, profitiere dann sofort vom Entlastungseffekt und müsse sich diesen Vorteil bei der Unterhaltsberechnung auch anrechnen lassen. Die durch den Familienbonus Plus eintretende Steuerersparnis erhöhe nicht die Unterhaltsbemessungsgrundlage.
Im vorliegenden Fall unterliege der nach der Prozentmethode zu bemessende Unterhalt für das Kind keiner weiteren Kürzung. 10 bis 15 Jahre alte Kinder hätten nach der Prozentmethode Anspruch auf Unterhalt in Höhe von 20 % der Bemessungsgrundlage, wobei dieser Prozentsatz bei einer weiteren Sorgepflicht für ein bis 10 Jahre altes Kind um einen Prozentpunkt und einer Sorgepflicht für eine Ehegattin je nach deren Eigeneinkommen um null bis drei Prozentpunkte zu kürzen sei. Aufgrund der teilweisen Unterhaltspflicht des Vaters für seine Ehefrau sei diese weitere Sorgepflicht mit einem Abzug von einem Prozentpunkt zu berücksichtigen, die weitere Sorgepflicht für seinen (im Juni 2016 geborenen) Sohn führe zu einem Abzug eines Prozentpunkts. Der Unterhaltsanspruch seines Kindes mache daher 18 % der Bemessungsgrundlage von 1.516 EUR aus, das seien 273 EUR. Unter Berücksichtigung des Grenzsteuersatzes von 35 % ergebe sich unter Heranziehung der Formel für die Berechnung des allenfalls durch Anrechnung der Transferleistungen zu kürzenden Unterhalts, dass keine Kürzung des Unterhalts durch Anrechnung von Transferleistungen eintrete (273 EUR – [273 EUR x 35 x 0,004] + 29 EUR + 125 EUR). In die Formel sei der auf das Monat umgelegte volle Familienbonus Plus eingesetzt worden, weil die Mutter nur ein monatliches Einkommen von 846 EUR beziehe und daher den Familienbonus Plus nicht in Anspruch nehmen könne. Dies führe aber nicht zu einer Erhöhung des Unterhalts über die nach der Prozentmethode ermittelten 273 EUR hinaus. Falle nämlich das Ergebnis der Berechnung nach dieser Formel höher aus als der Ausgangswert, werde der Unterhaltspflichtige schon durch die steuerlichen Absetzmöglichkeiten ausreichend entlastet. In diesem Fall sei der zivilrechtlich bemessene Unterhalt zuzusprechen. Der Unterhalt erhöhe sich maximal um jenen Betrag, um den er bisher zur Steuerentlastung gekürzt worden wäre. Selbst wenn der Vater aufgrund der Höhe seines Einkommens den Familienbonus Plus nicht in voller Höhe in Anspruch nehmen könne, komme es aufgrund der geringen Kürzung des Unterhalts nach der bisherigen Formel zu keiner Unterhaltskürzung mehr.
Das Rekursgericht erklärte den ordentlichen Revisionsrekurs für zulässig, weil zur Frage der Unterhaltsbemessung im Zusammenhang mit dem Familienbonus Plus noch keine gesicherte höchstgerichtliche Rechtsprechung existiere und in der Lehre dazu sehr unterschiedliche Ansichten vertreten würden.
Nur gegen den abändernden Teil der Entscheidung des Rekursgerichts richtet sich der Revisionsrekurs des Kindes mit dem Antrag, den monatlichen Unterhaltsbeitrag seines Vaters beginnend ab 1. 2. 2019 lediglich auf 318 EUR herabzusetzen. Nach seiner Ansicht senke der Familienbonus Plus die Steuerlast des Unterhaltspflichtigen und erhöhe damit sein verfügbares Nettoeinkommen. Aus diesem Grund sei der Unterhaltsbemessungsgrundlage der für alle Kinder gewährte Familienbonus Plus hinzuzurechnen. Ausgehend von einer monatlichen Unterhaltsbemessungsgrundlage von 1.766 EUR (1.516 EUR + 125 EUR für das unterhaltsberechtigte Kind + 125 EUR für den weiteren Sohn) und einem Unterhaltsanspruch von 18 % sei nur eine Herabsetzung auf 318 EUR monatlich berechtigt.
Der Vater hat keine Revisionsrekursbeantwortung erstattet.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist zur Klarstellung der Rechtslage zulässig, er ist aber nicht berechtigt.
1. Der Oberste Gerichtshof hat erst jüngst mit ausführlicher Begründung zur Unterhaltsbemessung von Kindern bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres klargestellt (4 Ob 150/19s), dass es sich beim Familienbonus Plus – so wie beim Unterhaltsabsetzbetrag – um einen echten Steuerabsetzbetrag handelt. Der Gesetzgeber habe den Familienbonus Plus mit der Zielsetzung eingeführt, die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Entlastung der Geldunterhaltspflichtigen nunmehr durch die steuergesetzlichen Maßnahmen Familienbonus Plus und Unterhaltsabsetzbetrag herbeizuführen. Dadurch finde eine Entkoppelung von Unterhalts- und Steuerrecht statt, weshalb es der (teilweisen) Anrechnung der Transferleistungen (zB Familienbeihilfe) auf Geldunterhaltsverpflichtungen nicht mehr bedürfe. Der Familienbonus Plus sei nicht in die Unterhaltsbemessungsgrundlage einzubeziehen, solle er doch nach der Zielrichtung des Steuergesetzgebers in generalisierender Betrachtungsweise dazu dienen, das Einkommen des Geldunterhaltspflichtigen, aus dem der Unterhalt geleistet werde, nach den Vorgaben des Verfassungsgerichtshofs steuerfrei zu stellen, welches Ziel nur erreicht werden könne, wenn der entsprechende Betrag dem Unterhaltspflichtigen verbleibe. Familienbonus Plus und Unterhaltsabsetzbetrag blieben damit unterhaltsrechtlich neutral.
Dieser Rechtsansicht schließt sich der erkennende Senat an.
2. Nach den dargelegten Grundsätzen hat das Rekursgericht den Familienbonus Plus (für das Kind und einen weiteren Sohn des unterhaltspflichtigen Vaters) bei der Unterhaltsbemessung im Ergebnis zu Recht nicht berücksichtigt. Dem Revisionsrekurs des Kindes ist daher der Erfolg zu versagen. |
JJT_20191128_OGH0002_0020OB00115_19D0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127282 | 2Ob115/19d | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00115_19D0000_000/JJT_20191128_OGH0002_0020OB00115_19D0000_000.html | 1,574,899,200,000 | 631 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Veith als Vorsitzenden und den Hofrat Dr. Musger, die Hofrätin Dr. Solé sowie die Hofräte Dr. Nowotny und Mag. Pertmayr als weitere Richter in der Verlassenschaftssache nach der am * 2018 verstorbenen J* P*, zuletzt *, über den Revisionsrekurs der Vorsorgebevollmächtigten 1. Mag. E* R*, und 2. DI M* P*, beide vertreten durch Dr. Michl Münzker, Rechtsanwalt in Wien, gegen den Beschluss des Landesgerichts Krems an der Donau vom 25. April 2019, GZ 2 R 25/19t-20, womit infolge Rekurses der Vorsorgebevollmächtigten der Beschluss des Bezirksgerichts Krems an der Donau vom 3. Jänner 2019, GZ 18 A 66/18g-13, bestätigt wurde, in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Revisionsrekurs wird zurückgewiesen.
Text
Begründung:
Die am * verstorbene Erblasserin hinterließ ihren Ehemann und zwei gemeinsame Töchter, die Rechtsmittelwerberinnen.
In einem Ehepakt samt Erbvertrag und wechselseitigem Testament hatten einander die Erblasserin und der Witwer im Jahr 1960 wechselseitig zu Alleinerben eingesetzt.
Mit Notariatsakt vom 15. 9. 2017 hatte der Witwer den Rechtsmittelwerberinnen Vorsorgevollmacht erteilt, deren Wirksamkeit am 28. 8. 2018 im Österreichischen Zentralen Vertretungsverzeichnis eingetragen wurde. Diese Vorsorgevollmacht ermächtigt die beiden Töchter unter anderem, „Erbschaften unbedingt anzunehmen oder auszuschlagen“ und berechtigt die Vollmachtnehmer „zur Doppelvertretung und zum Selbstkontrahieren“ sowie zur Vertretung vor Behörden oder vor Gerichten.
Im Verlassenschaftsverfahren erklärte der Witwer, vertreten durch die vorsorgebevollmächtigten Töchter, gegenüber dem Gerichtskommissär, sich ausdrücklich und unwiderruflich seines erbvertraglichen, testamentarischen und gesetzlichen Erbrechts zu entschlagen und auf seinen Pflichtteil zu verzichten sowie sich am Verlassenschaftsverfahren nicht weiter beteiligen zu wollen. Die Töchter gaben im eigenen Namen je zur Hälfte unbedingte Erbantrittserklärungen aufgrund des Gesetzes ab.
Das Erstgericht bestellte einen Kollisionskurator für den Witwer zur Vertretung im Verlassenschaftsverfahren. Da die Töchter sowohl Erbprätendenten als auch gesetzliche Vertreter des Witwers seien, liege eine Interessenkollision vor.
Das von den Töchtern angerufene Rekursgericht bestätigte diesen Beschluss und ließ den ordentlichen Revisionsrekurs zu. Aufgrund der für den Witwer abgegebenen Erbsentschlagung und der eigenen Erbantrittserklärungen der Töchter liege ein objektiver Konflikt der Interessen des Witwers und der Interessen der Vorsorgebevollmächtigten vor. Auch die Ermächtigung zu Insichgeschäften und zur Doppelvertretung könne eine Kollision nicht grundsätzlich ausschließen. Für die Bestellung eines Kollisionskurators genüge schon die Gefahr einer Interessenskollision, die die Bestellung eines Kollisionskurators notwendig mache. Der ordentliche Revisionsrekurs sei zulässig, weil es denkbar sei, dass sich die Vorsorgebevollmächtigten nach erfolgter Einantwortung die vom Witwer geerbten Vermögenswerte übertragen könnten. Zu einer derartigen Konstellation liege noch keine Rechtsprechung vor.
Rechtliche Beurteilung
Der dagegen erhobene Revisionsrekurs der Töchter ist entgegen dem – den Obersten Gerichtshof gemäß § 71 Abs 1 AußStrG nicht bindenden – Ausspruch des Rekursgerichts nicht zulässig. Weder in der zweitinstanzlichen Zulassungsbegründung noch im Revisionsrekurs werden erhebliche Rechtsfragen iSd § 62 Abs 1 AußStrG aufgezeigt:
1. Ein Kollisionskurator ist nach ständiger Rechtsprechung schon dann zu bestellen, wenn aufgrund eines objektiven Interessenwiderspruchs eine Gefährdung der Interessen einer gesetzlich vertretenen Person (hier des Vorsorgevollmachtgebers nach Eintritt des Vorsorgefalls; § 1034 Abs 1 Z 2 ABGB idF des 2. ErwSchG) möglich ist (2 Ob 94/19s; RS0107600). Ob ausreichend Anhaltspunkte dafür vorliegen, begründet in der Regel keine Rechtsfrage erheblicher Bedeutung iSd § 62 Abs 1 AußStrG (RS0127193). Daran hat sich durch die Neuregelung der Kollisionskuratel in § 277 Abs 2 ABGB idF des 2. ErwSchG nichts geändert (2 Ob 94/19s).
2. Im vorliegenden Fall liegt weder ein Insichgeschäft noch ein Fall einer Doppelvertretung vor. Vielmehr haben die Vorsorgebevollmächtigten namens des Vollmachtgebers erklärt, die Erbschaft auszuschlagen (§ 157 Abs 1 AußStrG; § 805 ABGB; zur grundsätzlichen Zulässigkeit vgl 2 Ob 88/18g), wodurch sie aufgrund ihrer eigenen Erbantrittserklärungen als gesetzliche Erbinnen zum Zuge kämen. Unter diesen Umständen ist die Bestellung des Kollisionskurators für das Verlassenschaftsverfahren durch die Vorinstanzen nicht zu beanstanden. Die Frage, ob und welche rechtsgeschäftlichen Vertretungshandlungen die Vorsorgebevollmächtigten außerhalb des Verlassenschaftsverfahrens wirksam zu setzen berechtigt sind, ist für diese Beurteilung nicht relevant.
3. Die Entscheidung 5 Ob 172/18g erging nicht im Verfahren zur Bestellung eines Kollisionskurators und betraf die Prüfung, ob aufgrund eines Insichgeschäfts eines Vorsorgebevollmächtigen im Zusammenhang mit der Bewilligung einer Grundbucheintragung gegründete Bedenken iSd § 94 Abs 1 Z 2 GBG vorlagen.
4. Der Revisionsrekurs ist daher mangels Vorliegens einer erheblichen Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG zurückzuweisen. |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00202_19W0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127285 | 5Ob202/19w | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00202_19W0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00202_19W0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 402 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der Pflegschaftssache des mj L*, geboren am *, infolge des „außerordentlichen“ Revisionsrekurses des Vaters J*, vertreten durch Mag. Dr. Armin Christian Schwabl, Rechtsanwalt in Wien, dieser vertreten durch Mag. Dr. Günter Harrich, Rechtsanwalt in Wien, (Revisionsrekursinteresse 11.880 EUR) gegen den Beschluss des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien als Rekursgericht vom 27. August 2019, GZ 44 R 173/19w-51, mit dem der Beschluss des Bezirksgerichts Innere Stadt Wien vom 13. Februar 2019, GZ 97 Pu 82/16f-37, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Akt wird dem Erstgericht zurückgestellt.
Text
Begründung:
Das Erstgericht verpflichtete den Vater des Minderjährigen unter Anwendung des Anspannungsgrundsatzes zur Zahlung eines monatlichen Unterhaltsbeitrags von 330 EUR ab 10. 8. 2016.
Das Rekursgericht gab dem Rekurs des Vaters, in dem er die Abweisung des Unterhaltsantrags anstrebte, nicht Folge und sprach aus, dass der ordentliche Revisionsrekurs nicht zulässig sei.
Dagegen richtet sich der als „außerordentlicher“ bezeichnete Revisionsrekurs des Vaters, in dem er die Abänderung dahin beantragt, dass seinem Rekurs gegen die Festsetzung eines Unterhaltsbeitrags stattgegeben werde, hilfsweise stellt er einen Aufhebungsantrag.
Das Erstgericht legte das Rechtsmittel unmittelbar dem Obersten Gerichtshof vor.
Rechtliche Beurteilung
Die Aktenvorlage ist verfrüht.
1. Nach § 62 Abs 3 AußStrG ist der Revisionsrekurs – außer im Fall des § 63 Abs 3 AußStrG – jedenfalls unzulässig, wenn der Entscheidungsgegenstand an Geld oder Geldeswert insgesamt 30.000 EUR nicht übersteigt und das Rekursgericht den Revisionsrekurs für nicht zulässig erklärt hat (§ 59 Abs 1 Z 2 AußStrG). Unter diesen Voraussetzungen kann eine Partei nur einen Antrag an das Rekursgericht (Zulassungsvorstellung gemäß § 63 Abs 1 und 2 AußStrG) stellen, den Zulässigkeitsausspruch dahin abzuändern, dass der Revisionsrekurs doch für zulässig erklärt werde (§ 63 Abs 3 AußStrG); mit dieser Zulassungsvorstellung ist der ordentliche Revisionsrekurs zu verbinden.
2. Für die Berechnung des Entscheidungsgegenstands des Rekursgerichts sind gesetzliche Unterhaltsansprüche gemäß § 58 Abs 1 JN mit dem 36-fachen Betrag jenes monatlichen Unterhaltsbeitrags zu bewerten, der zum Zeitpunkt der Entscheidung zweiter Instanz noch strittig war (RIS-Justiz RS0122735). Dies ergibt hier einen Wert von 11.880 EUR.
3. Wird gegen eine Entscheidung, die nur mehr mit Zulassungsvorstellung angefochten werden kann, ein ordentlicher oder ein außerordentlicher Revisionsrekurs erhoben, so hat das Erstgericht dieses Rechtsmittel – auch wenn es direkt an den Obersten Gerichtshof gerichtet ist – dem Rekursgericht vorzulegen, weil derartige Rechtsmittel als Anträge im Sinn des § 63 AußStrG zu werten sind (RS0109623 [T10, T13]). Ob der dem Rekursgericht vorzulegende Schriftsatz den Erfordernissen des § 63 Abs 1 AußStrG entspricht oder einer Verbesserung bedarf, bleibt der Beurteilung der Vorinstanzen vorbehalten (RS0109623 [T14]). |
JJT_20191127_OGH0002_0050OB00172_19H0000_000 | ECLI:AT:OGH0002:2020:E127286 | 5Ob172/19h | Justiz | OGH | https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00172_19H0000_000/JJT_20191127_OGH0002_0050OB00172_19H0000_000.html | 1,574,812,800,000 | 962 | Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat durch den Senatspräsidenten Dr. Jensik als Vorsitzenden sowie die Hofrätin Dr. Grohmann und die Hofräte Mag. Wurzer, Mag. Painsi und Dr. Steger als weitere Richter in der wohnrechtlichen Außerstreitsache der Antragstellerin B* S*, gegen sämtliche übrigen Mit- und Wohnungseigentümer der Liegenschaft EZ * KG * (Liegenschaftsadresse *) als Antragsgegner, darunter 20. Dr. W* E*, vertreten durch Dr. Hubert F. Kinz, Rechtsanwalt in Bregenz, wegen § 52 Abs 1 Z 9 iVm § 32 Abs 5 WEG, über den Revisionsrekurs des 20. Antragsgegners gegen den [richtig] Sachbeschluss des Landesgerichts Feldkirch als Rekursgericht vom 28. Mai 2019, GZ 2 R 131/19h-13, mit dem der [richtig] Sachbeschluss des Bezirksgerichts Bregenz vom 14. März 2019, GZ 4 Msch 1/18k-7, bestätigt wurde, den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Dem Revisionsrekurs wird Folge gegeben.
Die Sachbeschlüsse der Vorinstanzen werden aufgehoben und dem Erstgericht wird die neuerliche Entscheidung nach Verfahrensergänzung aufgetragen.
Die Kosten des Revisionsrekursverfahrens sind weitere Verfahrenskosten.
Text
Begründung:
Die Antragstellerin und die Antragsgegner sind die Mit- und Wohnungseigentümer einer Liegenschaft.
Die Antragstellerin begehrte die Festsetzung eines abweichenden Aufteilungsschlüssels für die auf den Personenaufzug entfallenden Aufwendungen. Als Eigentümerin (nur) eines Tiefgaragenplatzes habe sie keinen Zugang zum Haus und damit keine objektive Möglichkeit der Nutzung des Personenaufzugs.
Das Erstgericht bestimmte den im Grundbuch erstgenannten Wohnungseigentümer zum Zustellempfänger iSd § 52 Abs 2 Z 4 WEG und verfügte die Zustellung des verfahrenseinleitenden Antrags (sowie des Bestellungsbeschlusses und die Ladung für die Tagsatzung zur mündlichen Verhandlung) an die Antragsgegner durch individuelle Zustellung an den Zustellempfänger und durch Hausanschlag. Die individuelle Zustellung an den Zustellempfänger unterblieb; die Postsendung wurde dem Erstgericht mit dem Vermerk „unbekannt“ rückgemittelt.
Keiner der Antragsgegner beteiligte sich am Verfahren.
Das Erstgericht gab dem Antrag statt und setzte den Aufteilungsschlüssel für die Aufwendungen für den Personenaufzug neu fest. Es nahm die Antragstellerin zur Gänze aus und bestimmte, dass deren Anteil auf die übrigen Miteigentumsanteile verhältnismäßig aufzuteilen sei.
Gegen diesen Sachbeschluss des Erstgerichts richtete sich der Rekurs des 20. Antragsgegners. Das Rekursgericht gab diesem nicht Folge.
Das Rekursgericht erklärte den ordentlichen Revisionsrekurs – nachträglich (§ 63 Abs 1 AußStrG) – für zulässig, weil dem Verfahren ein wesentlicher Mangel iSd § 58 Abs 1 Z 1 AußStrG anhafte. Der verfahrenseinleitende Antrag sei dem vom Erstgericht bestimmten Wohnungseigentümer nicht wirksam zugestellt worden. Es sei somit der Grundsatz des rechtlichen Gehörs verletzt und das Verfahren nichtig.
Gegen die Entscheidung des Rekursgerichts richtet sich der Revisionsrekurs des 20. Antragsgegners mit dem Antrag, die vorinstanzlichen Entscheidungen aufzuheben und dem Erstgericht aufzutragen, den Antrag gesetzesgemäß zuzustellen, ein ordentliches Verfahren mit entsprechender Beweisaufnahme durchzuführen und in der Sache neuerlich zu entscheiden.
Die Antragstellerin beteiligte sich am Revisionsrekursverfahren nicht.
Rechtliche Beurteilung
Der Revisionsrekurs ist aus dem vom Rekursgericht genannten Grund zulässig. Eine erhebliche Rechtsfrage ist zu bejahen, wenn – wie hier – die Verletzung des rechtlichen Gehörs nach § 58 Abs 1 Z 1 AußStrG wahrzunehmen ist (Schramm in Gitschthaler/Höllwerth AußStrG § 62 Rz 39 mwN). Der Revisionsrekurs ist demzufolge auch berechtigt.
1. Nach § 15 AußStrG ist den Parteien Gelegenheit zu geben, von dem Gegenstand, über den das Gericht das Verfahren von Amts wegen eingeleitet hat, den Anträgen und Vorbringen der anderen Parteien und dem Inhalt der Erhebungen Kenntnis zu erhalten und dazu Stellung zu nehmen. Wird einer Partei durch unterbliebene Beiziehung oder durch einen ungesetzlichen Vorgang, insbesondere durch Unterlassung einer gesetzmäßigen Zustellung, die Möglichkeit entzogen, sich am Verfahren zu beteiligen, liegt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor (G. Kodek in Gitschthaler/Höllwerth, AußStrG § 15 Rz 13 mwN). Das rechtliche Gehör im Sinn dieser Bestimmung wird dabei nicht nur dann verletzt, wenn einer Partei die Möglichkeit, sich im Verfahren zu äußern, überhaupt genommen wird, sondern auch dann, wenn einer gerichtlichen Entscheidung Tatsachen und Beweisergebnisse zugrunde gelegt werden, zu denen sich die Beteiligten nicht äußern konnten (RIS-Justiz RS0005915; RS0074920 [T3]; vgl auch RS0119970).
2. Für das wohnungseigentumsrechtliche Außerstreitverfahren sieht § 52 WEG ergänzend zu den allgemeinen Zustellregeln des § 24 AußStrG Sonderregelungen vor. Zustellungen an mehr als sechs Wohnungseigentümer können durch einen Hausanschlag vorgenommen werden. Der verfahrenseinleitende Antrag ist überdies einem vom Gericht zu bestimmenden Wohnungseigentümer mit Zustellnachweis zuzustellen. Die Zustellung an einen Ersatzempfänger ist zulässig (§ 52 Abs 2 Z 4 WEG).
3. Die in § 52 Abs 2 Z 4 WEG angeordnete individuelle Zustellung des verfahrenseinleitenden Antrags an einen vom Gericht bestimmten Wohnungseigentümer unterblieb hier. Mangels einer gesetzmäßigen Zustellung wurde damit den Antragsgegnern die Möglichkeit entzogen, sich am Verfahren zu beteiligen. Diesen Umstand qualifizieren der Rechtsmittelwerber und in seiner Zulassungsbegründung auch das Rekursgericht zu Recht als Verletzung des rechtlichen Gehörs. Nach ständiger Rechtsprechung ist das rechtliche Gehör im Verfahren außer Streitsachen auch dann gewahrt, wenn die Partei ihr Vorbringen im Rekurs darlegen konnte (RS0006048 [T4, T10]). Diese Möglichkeit stand dem 20. Antragsgegner hier zufolge des im wohnrechtlichen Außerstreitverfahrens ausnahmslos geltenden Neuerungsverbots (RS0070485) jedoch nicht offen. Das Rekursgericht hat sich mit seinen Argumenten inhaltlich auch nicht befasst.
4. Die Nichtgewährung des rechtlichen Gehörs zwingt zwar nicht jedenfalls zur Aufhebung der angefochtenen Entscheidung. Gemäß § 5 Abs 1 und 3 AußStrG ist vielmehr vor der Entscheidung auf Aufhebung und Zurückverweisung der Außerstreitsache an eine Vorinstanz zu prüfen, ob nicht eine Bestätigung selbst aufgrund der Angaben im Rechtsmittelverfahren oder eine Abänderung ohne weitere Erhebungen möglich ist. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist im außerstreitigen Verfahren also nur dann wahrzunehmen, wenn die Gehörverletzung Einfluss auf die Richtigkeit der Entscheidung haben konnte (RS0120213 [T11, T16, T17, T20, T22]). Um diese Prüfung vornehmen zu können, muss daher von einem Rechtsmittelwerber, der die Verletzung seines rechtlichen Gehörs geltend macht, gefordert werden, dass er seine Rüge durch Darlegung der Entscheidungserheblichkeit des Verfahrensverstoßes entsprechend konkretisiert (RS0123872; RS0120213 [T15]). Dem hat der Revisionsrekurswerber hier entsprochen, weil er entscheidungserhebliche Umstände geltend macht, die vorzubringen er aufgrund des Verfahrensverstoßes gehindert war.
5. Zusammengefasst haftet den Entscheidungen und dem Verfahren der Vorinstanzen mangels Beteiligung des 20. Antragsgegners ein schwerer Verfahrensmangel iSd § 66 Abs 1 Z 1 iVm § 58 Abs 1 Z 1 AußStrG an, der zu dessen Nachteil ausschlägt. Dies zwingt zur Aufhebung der Entscheidungen der Vorinstanzen und zur Zurückverweisung der Außerstreitsache an das Erstgericht.
6. Der Kostenvorbehalt beruht auf § 37 Abs 3 Z 17 MRG iVm § 52 Abs 2 WEG. Die danach gebotenen Billigkeitserwägungen können erst in dem die Sache erledigenden Sachbeschluss angestellt werden (RS0123011 [T1]). |
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